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Überdruss und Niedertracht

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4.4.2019 18:04
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Das Telefon klingelt. Ich liege bäuchlings auf dem weißen, viel zu weichen Bett, das nicht mein eigenes ist, und kann mich nicht rühren. Es ist, als wäre ich angekettet oder gelähmt, zu Salz erstarrt oder schlicht und ergreifend gestorben. Ich fühle mich wie Jesus Christus, nachdem sie ihn vom Kreuz abgenommen haben. Dabei steht mir meine Kreuzigung erst noch bevor.

Die ganze Nacht habe ich damit verbracht, darauf zu hoffen, dass entweder die Zeit oder mein Herz stehen bleibt. Normalerweise bin ich kein gläubiger Mensch und ich habe auch nicht vor, heute einer zu werden, aber ich erwische mich bei einem kurzen Stoßgebet: „Lass es aufhören!"

Aber wer auf dieser Welt lässt schon etwas sein, wenn es beim ersten Mal nicht funktioniert? Diese Verbissenheit, mit der wir von frühster Kindheit an angefixt werden, ist die Geißel der gesamten Menschheit.

„Gib niemals auf!", sagen sie dir, singen sie dir vor. Comicfiguren, Schauspieler, Liedermacher, Schriftsteller, sie alle haben eine Geschichte zu erzählen, deren Botschaft lautet: „Wer aufgibt, hat schon verloren! Wer aufgibt, wird nie etwas erreichen!" Und jeder ahnt, dass, wer nichts erreicht, sein Leben verschwendet. Diese Blöße will sich niemand geben. Keiner will am Ende vor den göttlichen Richter treten und zugeben müssen, ein Nichtsnutz gewesen zu sein.

Die Verbissenheit ist die neue Nächstenliebe. Sie wird verwechselt mit Interesse, mit Anteilnahme, mit Mitgefühl. Beide Tugenden werden gespeist aus der Angst vor den Konsequenzen einer gesunden Ignoranz. Krankhafte Verbissenheit. Krankmachende Verbissenheit. Lasst mich ich Frieden, ich habe aufgegeben!

Ich habe den Eindruck, das Klingeln wird schriller, lauter, drängender. Das Telefon verliert die Nerven. Es ist einer dieser Borderliner-Typen, die mit Selbstmord drohen, wenn man ihnen nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt.

„Beachte mich! Beachte mich!", schreit es mir ins Ohr, „Es ist sehr wichtig! Es geht um Leben und Tod! Wenn du jetzt nicht rangehst, wird diese niedliche Katze eingeschläfert! Hey, du! Hörst du mich? Sei nicht so unhöflich! Was bist du eigentlich für ein Mensch, der andere einfach warten lässt? Du weißt, worum es geht, warum antwortest du nicht?"

Ich liege da und wünsche mir, eine Katze zu sein, die man einschläfert. Die Fäden der Welt scheinen in diesem Hotelzimmer zusammenzulaufen. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso das Telefon nicht endlich aufgibt. Wenn es kein Atomkrieg ist, ist es nicht wichtig, denke ich.

Aber es ist kein Atomkrieg. Es ist schlimmer. Es ist Amanda, die nicht lockerlässt, weil sie nicht loslassen darf, weil sie irgendjemandem Bericht erstatten muss, der sie zur Sau machen würde, wenn sie ihm erklären müsste, dass Robert Beckmann sich nicht aus dem Bett bewegen wollte. Arme Amanda, zermahlen zwischen den Zahnrädern „Industrie" und „chronische Unlust".

Ich wuchte meinen Arm herüber, taste nach dem Folterinstrument, nehme den Hörer ab, genieße einen Augenblick seliger Stille, führe den Hörer dann an mein Ohr, reiße ihn aber sofort wieder fort. Amanda keift so laut, dass man sie noch im Nebenzimmer hören muss.

Als ich ihr gestehe, dass ich noch im Bett liege, erleidet sie einen Nervenzusammenbruch. Wir sind hinter dem Zeitplan. Wir sind immer hinter dem Zeitplan.

Ich murmele eine Entschuldigung, die ich nicht ernst meine und bleibe liegen.

- Ob ich gestern Abend getrunken habe?

- Gott, nein.

- Ob ich sonst irgendetwas genommen habe? Ihr könne ich es sagen, wenn ich ein Problem hätte.

- Nein, keine Sorge.

-Ob sie mir Kaffee nach oben schicken soll? Ob ich schon Frühstück gehabt habe?

- Nein, ich will schlafen, nicht wach werden.

- Ich sei anstrengend geworden in letzter Zeit.

- Das tut mir leid.

- Sie mache ja auch nur ihren Job.

Ich finde es ungerecht, dass ihr Job daran gekoppelt ist, wie gut ich funktioniere. Das sage ich ihr aber nicht. Ich will mich nicht mit ihr verbünden. Sie betrachtet mich schließlich auch nicht als etwas anderes als eine Maschine, die sie bedienen muss.

Sie hat längst aufgelegt. Ich halte den Telefonhörer immer noch in der Hand wie eine Mordwaffe. Man verwächst mit den Dingen, die einem schicksalshaft werden, denke ich – halb Mensch, halb Telefon.

Es dauert eine Weile, bis ich mich davon überzeugen kann, dass sich da unter mir ein Fußboden befindet, auf dem ich stehen und gehen kann. Leider versinke ich nicht, als ich meine Füße aufsetze und mich aufrichte.

 

Das Telefon klingelt. Es ist Amandas Handy. Sie lässt mich stehen und geht in der Lobby herum, während sie wichtige Daten in das Gerät abfeuert, als wäre sie ein Automat.

Ich blicke mich verlegen um. Es ist zu spät, um hier unerkannt rauszukommen, deshalb kassiere ich vernichtende Blicke. Die Band sitzt auf einer Sitzgruppe und vertreibt sich die Zeit mit Zickereien. Ihr Hass richtet sich gegen alles und deshalb gegen nichts im Speziellen. Sie hassen diese Veranstaltung, aber sie hassen auch mich, weil ich der Grund dafür bin, dass sie zu spät zu ihren Stylisten kommen werden. Sie hassen ihre Stylisten, aber sie hassen es auch, in der Öffentlichkeit nicht perfekt auszusehen. Sie hassen die Öffentlichkeit, aber sie hassen es auch, nicht beachtet zu werden.

Ich wage es nicht, mich zu ihnen zu setzen. Es gibt nicht direkt böses Blut, aber es gibt da dieses Schweigen zwischen uns. In letzter Zeit haben wir uns nichts mehr zu sagen. Wir schämen uns voreinander, können es aber nicht zugeben. Wir sind zu stolz, zu voreingenommen und zu verwundbar.

Diese Freundschaft ist fragil. Ein falsches Wort und etwas könnte explodieren, von dem wir nicht wissen wollten, dass es überhaupt existiert. Wir wollen uns nicht verletzen, aber uns dazu überwinden, uns pfleglich zu behandeln, können wir auch nicht mehr.

Jede Gruppe kommt irgendwann in eine solche Phase, das ist völlig normal. Gruppen funktionieren nicht. Irgendwann entdecken die Mitglieder ihre eigenen Interessen, ihre eigenen Vorstellungen und finden, dass sie mehr verdienen als „das“. Es ist die Katerstimmung nach dem Überschwang. Die Ernüchterung. Die Realisation, dass sie eigentlich mehr gewollt haben, als sie bekommen haben. Wir alle fühlen uns betrogen – voneinander. Gleichzeitig wissen wir, dass das ungerecht ist. Es war einfach nicht genug.

Das Blut, das wir geleckt haben, hat nicht ausgereicht, um uns zu befriedigen. Im Gegenteil: Jetzt sind wir süchtig danach, gönnen uns gegenseitig nicht den Ruhm, die Annehmlichkeiten, die Erfolge. Denn ihr Ruhm hätte auch meiner sein können. Meiner ganz allein!

Mein Versagen hingegen färbt auf sie ab und sie fürchten, ich, ich ganz allein, könnte ihre Karrieren ruinieren.

Das Problem ist der Stil. Damals, als wir angefangen haben, hatte ich tausend Ideen. Ich stolperte von einem kreativen Hoch zum nächsten. Ich schrieb Songs und Texte in allen Rausch- und Bewusstseinszuständen. Nominalstil ironisch durch Füllwörter gebrochen. Manchmal wachte ich morgens am Schreibtisch auf und vor mir lag ein ganzer Stapel vollgeschriebener Blätter. Ich musste sie nur noch einmal durchgehen, den Anteil an Schrott aussortieren und behielt eine Sammlung faszinierender Zeugnisse meines Unterbewusstseins zurück, an deren Aktivität ich mich nicht erinnern konnte.

Damals machten sie Witze darüber, dass ich nachts von Heinzelmännchen besucht, betäubt und ausgebeutet würde. „Die guten Sachen nehmen sie dann mit und verkaufen sie an Lady Gaga.“

Nun konnten wir uns alle drauf einigen, dass wie nicht klingen wollten wie Lady Gaga, das Problem war jedoch, dass wir klangen wie ich. Über Jahre etablierte ich einen Sound, einen Stil, eine Marke, einen Wiedererkennungswert. Das festigte die Rollenverteilung innerhalb der Gruppe: Meinen Ehrgeiz, ihre Bequemlichkeit. Sie verließen sich auf meine Fähigkeiten, spielten, was man ihnen sagte und sahen gut aus, wenn man sie fotografierte.

Dabei wollte ich nie so ein Künstler sein, kein Martin Gore, kein Noel Gallagher, kein Billy Corgan. Ich wollte nicht die Rechte an unser Musik, ich wollte nicht den größten Anteil der Tantiemen. Ich wollte nicht „der Kopf“ sein. Aber es kristallisierte sich heraus, dass ich das Talent hatte und sie die Verbissenheit.

Sie wollten es unbedingt. Sie trieben mich an, motivierten, kritisierten und setzten ihr Vertrauen in mich. Jetzt stehe ich kurz davor, sie enttäuschen zu müssen. Schreibblockade. Da ist nichts mehr, das ich zu sagen habe. Sie ahnen es, denn ich meide auch das informelle Gespräch mit ihnen.

Wir zeigen gute Miene zu bösem Spiel.

Ein Großraumtaxi fährt vor. Wir trotten hinaus, zwängen uns hinein und lassen Amanda alles Weitere regeln.

Wir bekommen die Haare zurecht gelegt und die Hautunreinheiten abgedeckt. Jemand hat uns angemessene Kleidung besorgt. Ich fühle mich wie verkleidet, wie ein Trottel, der versucht, cool auszusehen, indem er einerseits elegant Steifheit und andererseits saloppe Lässigkeit imitiert.

In Wirklichkeit bin ich ein Nervenbündel. Ich bin unzufrieden mit meinen Haaren, ich mag meine Nase nicht. Meine Augenbrauen haben die falsche Form und ich habe das dringende Bedürfnis, mir den Mund auszuspülen.

Trixie sieht wie immer blendend aus. Man hat ihre elfengleiche, bleiche Gestalt in einen weißen Hauch von Stoff gehüllt und ihrem Gesicht ein dramatisches Makeup verpasst. Man nimmt ihr sowohl die Gefahr als auch die Unschuld ab.

Während ich sie ansehe, beneide ich sie um ihre Fähigkeit, eine Person abseits der Bassgitarre zu sein. Während ich das Gefühl habe, verwachsen zu sein mit meiner Rolle, der Gitarre, dem Mikrofon, dem Telefon, schwebt sie. Über den Dingen, über den Problemen, über den Konflikten. Ihre Grazie, ihre Unnahbarkeit lässt sie glänzen wie ein Wesen von einem anderen Stern.

Sie lächelt nicht. Das alles langweilt sie. Es ist ihr zur Gewohnheit geworden, die Ikone spielen zu müssen. So kalt ihr Ausdruck auch ist, sie ist nicht nur das Bild, das sie von sich abgibt, nicht nur eine Statue ihrer selbst. Würde man sie reden lassen, statt sie auf ihr Äußeres zu reduzieren, hätte sie so einiges zu erzählen. Aber sie schweigt, sie kennt ihren Platz.

Wir beide sind so lange befreundet, dass wir uns in- und auswendig kennen und ich sollte nicht so von ihr denken und schon gar nicht reden. Sie versucht nur, sich selbst zu schützen hinter dieser Maskerade. Sie versucht nur, aufzufallen hinter mir.

Ich habe die Eigenheit eines etwas zu starren Blicks, der viele Menschen irritiert und ihnen Unwohlsein verursacht. Deshalb vermeide ich es, Leute zu lange anzusehen. Obwohl Trixie sich nicht vor mir schämt, wende ich den Blick schließlich ab. Ich schäme mich.

Gekauert in meinen Sessel starre ich stattdessen in den übermächtigen Spiegel, den irgendein sadistischer Innenarchitekt mit Glühbirnen umrandet hat, weshalb dem garstigen Ding keine einzige Unebenheit in meinem Gesicht verborgen bleibt.

„Keine Krawatte, nehme ich an?“, werde ich gefragt.

Ich schüttele den Kopf und Amanda trägt das Ding, das mich verdächtig an eine Galgenschlinge erinnert, zurück in den Fundus.

„Aber gegen diese Augenringe müssen wir etwas tun.“

Ich nicke folgsam und lasse die Fachkraft Hand anlegen. Es riecht nach wundersamen Ölen und Tinkturen. Mein Gesicht wird gereinigt, gekühlt, eingecremt und abgerubbelt. Die Augenringe sind verschwunden, die Müdigkeit bleibt.

Es ist ein Wunder, dass sie mich noch alleine atmen lassen, denke ich, als mir jemand die Schuhe zubindet.

Ich starre an die Wand. Um mich herum wuseln die Menschen herum, geben sich gegenseitig Anweisungen, beschimpfen sich, treiben sich an. Das alles ist meine Schuld, weil ich nicht pünktlich sein kann.

Alex liegt auf einem Sofa in der Ecke und blättert gelangweilt in einer Zeitschrift. Sein Gesicht hat man nicht rundsanieren müssen. Für ihn interessiert sich ohnehin niemand. Schlagzeuger stehen selten im Mittelpunkt des Interesses und genießen damit die Vorteile der Anonymität im Privatleben und die des Ruhms, wenn sie in der Öffentlichkeit auftreten. Er weiß gar nicht, wie privilegiert er ist, denke ich. Seine Arroganz ist Ignoranz. So wie es meistens der Fall ist. Man darf den Menschen nicht böse sein, zumeist wissen sie es nicht besser, wenn sie andere mit ihrem Verhalten oder ihren Aussagen verletzen.

„Es ist seltsam, wie konventionell du geworden bist, Robert“, sagt er träge.

Ich weiß nicht, was er damit ausdrücken will und schweige zurück.

„Das ist nicht schlimm“, rudert er schließlich zurück, „Nur seltsam.“

„Alles ist im Fluss“, sage ich, um nicht sagen zu müssen, dass alles den Bach runter geht.

Der graue Anzug kratzt, aber ich traue nicht, mich zu bewegen. Er könnte verknittern und dann sehe ich auf den Fotos später aus wie jemand, der keine Ahnung von solchen Dingen hat.

Das Telefon klingelt. Irgendwo hinter der Absperrung wird ein Journalist von seinem Chef zur Schnecke gemacht. Vielleicht ist er nicht aggressiv genug gewesen, vielleicht hat er sich einen Rest Menschlichkeit bewahrt. Ich ertappe mich dabei, Mitleid mit ihm zu empfinden, wie er da steht, sich abwendet von der Masse, in deren Mitte er steht und nur noch „ja, ja, ja, natürlich…“ sagen kann.

Um ihn und uns herum blitzen die Fotoapparate. Ich starre ins Nichts, in die Blendung und versuche, freundlich und offen auszusehen.

Trixie inszeniert sich und überstrahlt die ganze Gruppe. Ihr Bild wird morgen in den Zeitschriften auftauchen und man wird ihren Mut loben und vielleicht auch ihre Authentizität – als könnte man so etwas an einem Foto ablesen.

Alex und Hendrik stehen stumm herum wie die Fische, ihre Haltung ist dabei aber elegant wie die zweier Pfauen.

Irgendwo im Hintergrund wartet Amanda und schaut verzweifelt auf ihre Uhr. Sie erträgt Verspätungen noch nicht einmal, wenn sie diese nicht zu verantwortet hat. Irgendeine Künstlerin hat den Verkehr mit ihrem extravaganten Kleid aufgehalten. Irgendeine Band hat zu lange Autogramme geschrieben. Irgendwo ist eine Champagnerfalsche zerborsten, weil jemand sie hat fallen lassen. Irgendein Platzanweiser hat seinen Plan verlegt. Irgendein Fotograf hat das Foto seines Lebens geschossen. Irgendein Fan ist im Pulk kollabiert. Jemand hat seine Mutter mit auf den Teppich gebracht, um ihr eine Freude und fünf Minuten Ruhm zu bereiten – und vielleicht auch, um für sich selbst ein bisschen Aufmerksamkeit zu generieren.

Wir stehen länger da als geplant. Ich bin zu ungeduldig für Staus. Ich muss in Bewegung bleiben, wenn ich nicht Gefahr laufen will, auf der Stelle tot umzufallen. Ich beginne zu schwitzen. Mein Herz schlägt im Panikmodus. Ich bin blind vor lauter Licht, taub vor lauter Lärm.

Wenn man stehen bleibt, kommen unweigerlich die Fragen. Irgendwo aus dem Nichts heraus werde ich angebrüllt: „Freuen Sie sich auf den Abend?“

Pflichtbewusst brülle ich zurück: „Ja, natürlich. Das ist für uns Entspannung. Die meisten Künstler gehen zu Preisverleihungen, weil sie gerade arbeitslos sind, aber für uns ist das wie Urlaub.“

„Welcher Gruppe würden Sie eine Auszeichnung am meisten gönnen?“

„Der Putzkolonne, die morgen früh den ganzen Flitter und die Kokainrückstände auf den Toiletten aufwischen muss. Ich denke ich werde bleiben, um ihnen applaudieren zu können und falls wir einen Preis gewinnen sollten, werden wir ihn ihnen überlassen.“

Aber wir wissen bereits, dass wir keinen Preis gewinnen werden. Wir sind nur hier, weil wir gerade arbeitslos sind und uns davon ablenken lassen wollen, dass wir feststecken. Man hat uns zwar eingeladen, aber nicht darum gebeten, aufzutreten. Dafür ist unsere letzte Veröffentlichung zu lange her.

Morgen werden sie sagen, die „typischen Robert-Beckmann-Antworten“ hätten dem aufgesetzten Glamour dieser Veranstaltung den Spiegel vorgehalten, so wie man es von ihm kenne. Seine gelangweilt vorgetragene Ironie sei der Verputz über einer fundamentalen Bitterkeit, mit der er das kulturelle Geschehen der Republik kommentiert.

Und damit heften sie sich dann das Zertifikat „Kulturkritik“ ans Hemd, während sie im nächsten Beitrag darüber fachsimpeln, warum Trixie zu einem solch eleganten Kleid keine hohen Schuhe trägt.

Ich weiß, dass Trixie diese Dinge ärgern, auch wenn sie es nicht zeigt. Und sie weiß, dass sie mich ärgern und es ärgert sie, dass ich nichts dazu sage. Die vielen unausgesprochenen Konflikte drohen uns irgendwann zu zermahlen. Aber nicht heute. Heute steht sie stumm und schmollend da und sieht so aus, als wäre das alles nur Pose.

Ob nun das Schmollen, die gelangweilt vorgetragene Ironie oder das geheuchelte Interesse der Presse und der Damen, die sich deren Berichte beim nächsten Friseurtermin zu Gemüte führen, das alles ist der Inbegriff der Oberflächlichkeit. Um das zu erkennen, muss man kein „Kulturkritiker“ sein. Man muss lediglich das Geschäft mit der Langeweile verstehen, die sie „Unterhaltung“ nennen.

Hendrik flüstert mir etwas ins Ohr. Weiter hinten hat er etwas gesehen und als ich aufblicke und sich meine schmerzenden Augen an das grelle Licht gewöhnt haben, sehe auch ich weiter hinten in der Masse der sogenannten Fans, wie ein paar Leute Schilder hochhalten. Es sind die üblichen Liebesbekundungen für die gerade angesagten Teenieidole, die mit Geld zugeschissen werden, damit sie sich hier blicken lassen. Diese Botschaften sind normalerweise nicht für uns, aber auf einem Schild sehe ich groß und breit den Spruch: „Zionisten boykottieren!“

Nicht schon wieder, denke ich und klopfe Hendrik aufmunternd auf die Schulter.

Dann habe ich auch schon das nächste Mikrofon vor dem Gesicht: „Wann können die Fans mit einem neuen Album rechnen?“

Ein Stich ins Herz, Atemnot, Blackout.

„Äh“, sage ich.

Jemand schreit: „Verräter!“

„Entschuldigung, was haben sie gefragt?“

„Euer nächstes Album?“

„Wir sind gerade dabei, neue Songs zu schreiben“, lüge ich.

„Können Sie uns denn schon etwas verraten? Zum Beispiel in welche Richtung Sie gehen wollen?“

„Nein, das wollen wir noch geheim halten“, sage ich, „Aber eine große Inspiration sind immer die Anfeindungen, denen wir ausgesetzt sind. Ich weiß, dass normalerweise empfohlen wird, so etwas zu ignorieren, aber wenn man Dinge einfach totschweigt, um das eigene Wohlbefinden zu erhalten, breiten sie sich aus.“

„Von welchen Dingen reden Sie?“

„Nun, es dürfte allseits bekannt sein, dass Hendrik Sternheim, unser Gitarrist, des Öfteren dafür angegriffen wird, dass er Jude ist. Und sowas geht einfach gar nicht. Wir reden allenthalben über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, ignorieren dabei aber, dass auch in den selbstbesoffenen Kreisen der Linken in diesem Land der Antisemitismus wenigstens zähneknirschend, wenn nicht sogar hoffierend, toleriert wird. Da heißt es dann: „In unserer Rassismuskritik ist die Antisemitismuskritik bereits enthalten, aber was Israel tut, ist schon schlimm!“ Dabei wird stillschweigend die rechte Idee, dass Menschen wie Hendrik in diesem Land doch noch irgendwie fremd und anders sind, dass ihr Blut anders zusammengesetzt ist, akzeptiert. Es erschreckt uns, dass diese ganze Problematik oft vollkommen ignoriert wird. Hendrik und andere Juden in diesem Land werden mit verantwortlich gemacht für die Politik eines Landes, in dem sie zufällig geboren wurden und in dem sie Familie und Freunde haben. Und wenn uns unterstellt wird, wir seien ignorant, was die politischen Entwicklungen in Israel angeht, dann frage ich mich, ob nicht auffällt, wie unangemessen und unhöflich das gegenüber Hendrik ist.“

Morgen werden sie schreiben: „Robert Beckmann – moralisch überlegene Selbstbesoffenheit“

„Heißt das, Sie fordern dazu auf, Ihnen weitere Hassbotschaften zukommen zu lassen, damit diese Sie inspirieren?“

„Nennen Sie das heute kritischen Journalismus?“, frage ich zurück und wir werden vorwärts geschleust. Bald hat der Spießroutenlauf ein Ende. Weiter hinten sehen wir schon das Eingangstor der Halle. Amanda wartet dort, bleibt im Schatten und tippt etwas in ihr Handy. Sie überprüft wohl, was gerade live in den sozialen Medien geschrieben wird. Die ersten Fotos von uns werden schon hochgeladen sein.

„Sehr gut“, sagt sie, als wir bei ihr angekommen sind, aber sie meint nicht meinen Einsatz für Hendrik oder mein Statement, sondern die Aufmerksamkeit, die ich dadurch generiert habe. Ihr ist es egal, was ich sage, Hauptsache, die Leute reden darüber. In ihrem Geschäft geht es nicht um Inhalte, sondern um Emotionen. Manchmal frage ich mich, ob sie und wir überhaupt am gleichen Strang ziehen und das gleiche Ziel haben.

Das Telefon klingelt. Jemand, der vor uns sitzt, stellt es schnell stumm und tut so, als wäre nichts gewesen.

„Wie unprofessionell!“, kommentiert Amanda leise, aber niemand stimmt ihr zu.

Ich schließe die Augen, als die Show beginnt und habe nicht vor, sie an diesem Abend noch einmal aufzumachen. Ich weiß nicht mehr, warum ich hier bin, warum ich jemals davon geträumt habe, hierher zu kommen.

Amanda hatte es vorgeschlagen: „Damit ihr mal wieder zusammen gesehen werdet. Immerhin seid ihr eine Band und nicht bloß Robert mit Begleitkapelle.“

Aber sind wir das?, frage ich mich. Trixie, die neben mir sitzt, spielt schon länger mit dem Gedanken, in die USA auszuwandern. Dort lebt und arbeitet ihr Freund und wer kann es ihr verübeln, wenn sie ihre Zeit lieber mit ihm als mit mir verbringen will? Alex hat für ein Nebenprojekt programmieren gelernt und legte gelegentlich Minimal-Techno in Undergroundclubs auf. Es sagt, es bereite ihm Spaß, mal was anderes zu machen. Hendrik hat letztes Jahr geheiratet und ich denke, es wird nicht mehr lange dauern, bis er sich lieber um seinen Nachwuchs als um unser Karriere kümmern will. Es sei ihm gegönnt. Recht hat er. Alles ist im Fluss…

Die große Freiheit der Erwachsenenwelt. Die Türen sollten auch mir offen stehen, sie sollten mir sogar besonders offen stehen, denn ich bin der verdammte Kopf, das Gesicht, das Gehirn, der Frontmann, die Stimme, die Person von Interesse. Aber mir sind die Hände gebunden. Ich klebe an meinem Image, besser: Es klebt an mir, ohne dass ich es will. Auf meinen Schultern liegen die Aufgaben und die Verantwortung. Sie lasten so schwer, dass ich schon bis zu den Knien in den Morast eingesunken bin.

Der Morast, das sind einerseits die Erwartungen und andererseits die Errungenschaften. Sechs Alben. So steht es in unserem Vertrag. Sechs Alben, oder wir müssen uns heraus kaufen. Vier reguläre Studioalben habe ich geschrieben, eine Best-Of-Compilation sollte uns etwas Zeit erschleichen. Aber jetzt muss ich es doch zu Ende bringen. Ich fürchte mich davor, zu versagen, aber der anhaltende Erfolg kotzt mich an. Ich will niemanden enttäuschen, würde aber eine diebische Freude empfinden, wenn einmal ein Musikmagazin einen Verriss über eine unserer Platten schriebe.

Die Popkulturpresse, dieser abgehobene Haufen Möchtegern-Hipster, die im Alter um die 40 immer noch ihren Teenager-Träumen vom Rockstartum hinterher trauern, leitet ihre Authentizität vom Urteil über die Werke anderer Leute ab und wer Robert Beckmann, dessen Authentizität zu keinem Zeitpunkt je in Frage gestanden hat, wohlgesonnen ist, der kann darauf hoffen, auch ein wenig von seiner Strahlkraft abzubekommen. Wer Beckmann mag, der kann kein schlechter Mensch sein, so scheint es.

Irgendwann muss ich im Unbewusstsein beschlossen haben, mich selbst nicht mehr zu mögen, weil ich es nicht mehr ertrage, ein guter Mensch zu sein.

Hinter meinen geschlossenen Augen stelle ich mir vor, wie wir gleich einen Preis gewinnen werden. Ich würde da unten stehen und ich wäre halb-betrunken und ich würde ins Mikrofon lallen, für wie unwichtig ich Auszeichnungen für Kunstwerke erachte: „Sich seinen Ausdruck legitimieren zu lassen, kommt einer Selbstaufgabe gleich und ich bedauere jeden einzelnen Menschen, dessen Selbstbewusstsein nicht dazu ausreicht, um hinter seinen Worten, Gedanken, Bildern und Inszenierungen zu stehen, ohne dass diese von irgendeiner hochnäsigen Jury oder einem tumben Publikum anerkannt werden. Wer für andere und deren Anerkennung schreibt, der ist nur einen Schritt von der Vereinnahmung durch die Autoritäten entfernt.“ Und dann würde ich die Trophäe stehen lassen und morgen mein Gesicht in den Zeitungen und den Fernsehnachrichten sehen. „Ist er jetzt zu weit gegangen?“ würden sie fragen. Und Amanda würde sagen: „Gut gemacht!“

Als ich die Augen öffne, starrt mir eine Kamera ins Gesicht. Ich versuche, ein neutrales Gesicht aufzusetzen, nicht zu grinsen, natürlich lächeln konnte ich noch nie.

Applaus brandet auf. Musik schallert durch den Saal. Wir sitzen so weit hinten, dass wir kaum ein Wort vom Geschehen vorne auf den Bühne mitbekommen.

Hier sitzen nur diejenigen, die nicht gewinnen werden, das wissen wir und wenn es eine Chance gegeben hätte, dass wir gewinnen, hätte ich meine Rede mit den anderen abstimmen müssen, aber in Tagträumen darf man egoistisch sein.

Und dann stelle ich mir vor, wie Trixie am Mikrofon steht und sagt: „Die blassesten Menschen arbeiten in der Musikindustrie hinter den Kulissen. Man kann sich gut vorstellen, wie sie auf der Berufsschule für Buchhalter Jahrgangsbeste wurden und als Anerkennung ein Buch mit witzigen Anekdoten zum Beruf des Steuerberaters geschenkt bekommen und wie sie heute noch gerne darin blättern und sich der guten alten Zeiten erinnern. Der alte Pythagoras hatte Recht: Der Urstoff des Universums sind die Zahlen – Nicht Töne oder Musik.“ Das ist etwas, das sie sagen würde, aber niemand fragt sie.

Sie ist einer den klügsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe und gleichzeitig einer der frustriertesten. Ihre Schweigsamkeit gehört zu ihrem Charakter, aber sie deswegen auf attraktives Beiwerk zu reduzieren, ist unfair. Niemand nennt Hendrik einen „Augenschmaus“ oder eine „Gitarrenelfe“ oder „das schöne Gesicht einer garstigen Band“, obwohl auch er sich lieber zurückhält.

„Als Frau in einer Band, musst du dich mit deinem Körper ausdrücken, nicht mit Worten. Sie wollen nicht hören, was du denkst, sondern nur welches Kleid du trägst. Wenn du also etwas zu sagen hast, muss du dich schon nackt ausziehen und es dir auf die Brüste schreiben!“ Ich wünschte, sie hätte das vorhin auf dem Teppich gesagt, aber niemand hat sie gefragt und sie neigt nicht dazu, sich in den Vordergrund zu drängen und Raum einzunehmen.

 

Wir sind in zwei Kategorien nominiert: Als beste alternative Gruppe und für das beste Musikvideo.

Ich finde es absurd, dass unter „alternativer Musik“ hier nur verstanden wird, was elektrische Gitarren beinhaltet, wo die wirkliche Undergroundmusik doch längst vom Hip-Hop dominiert wird. Mir scheint, diese Veranstaltung ist in den 90ern hängen geblieben und unwillig, die Augen der Wirklichkeit zuzuwenden. Rock ist längst nicht mehr „alternativ“, sondern Konvention. Alex hat Recht. Aber nicht nur ich, sondern alles um uns herum ist konventionell geworden. Pop kann man vollständig vergessen. Pop ist tot. Pop ist eine lebende Leiche, die herumkriecht, weil sie das für notwendig hält, um sexy zu wirken, denn sie weiß, ihre Musik wird sich nicht verkaufen, ihr Sex aber schon.

Ich fühle mich nicht wohl in der Gesellschaft von verkleideten Heavy-Metal-Bands, deren Sängerinnen eine klassische Gesangsausbildung genossen haben müssen, um akzeptiert zu werden. Das geht gegen meinen Anspruch des Dilettantismus, den ich an Rockmusik anlegen. Sie muss von unten kommen, von gelangweilten Kids, die nichts mit ihrer Freizeit anzufangen wissen, die ihre Wut und Frustration herausschreien, die nichts anderes können, als mit absurder Lautstärke ihre Misstöne zu kaschieren. Rockmusik kommt nicht von der Akademie oder aus dem Opernhaus. Rockmusik kommt aus der Gosse, zumindest sollte sie so aussehen oder so tun.

Ich fühle mich Punkbands fremd, die auf schrille Farben als Verkaufsargument setzen, die ihre T-Shirts bügeln und ihre Krawatten gar nicht so ironisch tragen, die Makeup auflegen, weil sie das für gewagt halten. Es berührt mich peinlich, wenn sie breitbeinig auf der Bühne stehen und so tun, als würden sie mit ihrer Gitarre onanieren.

Es deprimiert mich, einen Diskjockey als Musiker anerkannt zu sehen und ich bedauere die Hintergrundtänzerinnen, die nur dazu da sind, jemand anderen gut aussehen zu lassen. Niemand sollte sein Gesicht zugunsten eines anderen verstecken müssen, denke ich.

Da ist die neue Lieblingsband der Jugendradiosender, vier schlaksige Strahlemänner, denen ihr schwäbischer Zungenschlag nicht peinlich ist. Die Provinz ist die neue Talentschmiede. Sie tragen betont abgewetzte Jeanshosen und ihr Haar ungekämmt. Einer von ihnen spricht ins Mikrofon und hält dabei den Preis für die beste „alternative Gruppe“ in der Hand: „Es freut uns, dass endlich auch mal eine Band, die deutschen Texten schreibt, diesen Preis gewinnt. Wir finden die deutsche Musikszene muss sich nicht verstecken, sondern sollte ruhig zu sich selbst stehen.“

Mir wird übel.

„Wir wissen, dass, wenn wir nicht englisch singen, die internationale Vermarktung schwerer ist, aber wir haben uns bewusst dazu entschieden…“

„Wenn er jetzt noch erwähnt, dass du seine größte Inspiration bist, bitte versuch, nicht auf meine Schuhe zu kotzen“, flüstert Hendrik mir aufmunternd zu, „Du bist ganz blass.“

„Das hier ist schlimmer, als ich dachte“, sage ich.

„Was hast du denn gedacht?“, fragt Trixie.

„Dass ich vielleicht durchschlafen könnte“, sage ich.

Das stroboskopartige Licht, das den Saal durchflackert, als ein beliebter Partykracher gespielt wird, wäre das Todesurteil für einen Epileptiker, aber die Zeiten von Ian Curtis sind vorbei. Menschen wie er, findet man nicht mehr auf Veranstaltungen wie dieser. Nichts an diesen Künstlern ist mehr gefährlich oder unvorhersehbar. Sie tun, was man ihnen sagt, es ist ihr Geschäft, sie verkaufen, was gekauft wird.

„Die neue Heimatliebe“ könnte das Motto dieser Preisverleihung sein. Es tritt auf: Eine bayrische Boygroup, die zu Discobeats schuhplattelt und zu deren Bühnenbild ein Maibaum gehört, um den herum eine Schar Mädchen in zu kurz geratenen Dirndln herumspringt. Pop nennen sie ihren Stil, der mich eher an Musikantenstadl auf Speed erinnert.

Ein allseits beliebter Komiker betritt die Bühne und reißt einen Witz auf Kosten einer amerikanischen Sängerin, die kein Wort von alldem versteht. Sie lächelt, weil die Kamera auf sie gerichtet ist.

Eine ganz in Goldfolie gehüllte Rapperin legt einen Beinahe-Striptease zu Vollplayback hin.

Dann ist es Zeit für fünf Minuten Ernsthaftigkeit. Ein alternder und gesättigter Campino imitiert Bono und macht auf irgendeine humanitäre Krise am anderen Ende der Welt aufmerksam. Es wird ein Film gezeigt, der dazu bewegen soll, Geld an irgendeine Organisation zu spenden, denn wir gehören zwar zur Generation „Post-Pop“, aber wir haben trotzdem ein (schlechtes) Gewissen. Entsprechend enthusiastisch fällt der Applaus aus. Wer Gutes tut, der fühlt sich gut. Das ist die positive Message des Abends.

Das Video, mit dem wir nominiert sind, ist das zu dem einen neuen Song, der immer auf Best-of-Platten drauf ist, damit auch die Fans, die sonst bereits alles haben, sie kaufen. Weil das natürlich Abzocke ist, haben wir versucht, den Song wenigstens visuell gut umzusetzen – wenn man so etwas überhaupt kann. Ich habe nichts gegen das Konzept von Musikvideos, auch wenn diese Kunstform im Aussterben begriffen zu sein scheint und ehemals gefeierte Musikvideoregisseure in der Bedeutungslosigkeit versinken, wenn sie nicht ganz zum Film wechseln.

Ein gutes Video erzählt eine Geschichte und setzt nicht bloß die Band in das beste Licht. Es ist auch nicht bloß Werbung, wie Thom Yorke behauptet, sondern eine weitere Möglichkeit, ein Statement abzugeben – oder zumindest einem anderen Künstler eine Plattform dafür zu bieten. Ich war immer der Meinung, dass Musik Bilder im Kopf der Hörer entstehen lassen muss, mehr noch als Romane oder Gedichte es tun. Ein richtig gutes Musikstück schickt den Zuhörer auf eine Reise und bringt ihn mit neuen Erfahrungen und Eindrücken zurück. Vielleicht verändern sie ihn, vielleicht inspirieren sie ihn. Ich bin ein Mensch, der in Bildern denkt, nicht in Tönen, Harmonien, Rhythmen oder Melodien. Ich beschreibe Landschaften, wenn ich Musik mache, ich male Portraits von Menschen, wenn ich Texte schreibe. Ich sehe Farben, wenn ich Klänge höre und ich spüre die Ästhetik einer Songstruktur als Gänsehaut auf meiner Haut.

Körperliche Reaktionen auf ein geistiges Erlebnis sind mein Gradmesser für Qualität. Muss ich mich übergeben oder liege ich zitternd und hemmungslos weinend auf dem Boden, so weiß ich, dass die Anstrengung es wert ist, zu Ende gebracht zu werden. Leider liege ich in letzter Zeit nur noch geschwächt und verstummt auf meinem Bett. Ich träume nicht mehr. Ich sehe nicht mehr durch den Nebel um mich.

Unser Video, das eher ein Kurzfilm ist, ist in dunklen Brauntönen gehalten. Er wirkt sehr erdig und klamm. Es zeigt Szenen aus Shakespeares „Hamlet“, denn Hendrik fand, dass nach „Hamlet“ keine originelle Geschichte mehr geschrieben wurde und wir konnten zu dieser Zeit ein wenig Originalität gut gebrauchen.

Trixie schlüpfte in die Rolle des Dänenprinzen, durfte Zweifel, Ironie, Angst und Entschlossenheit darstellen. Sie erstach Alex mit einem Degen und starb schließlich selbst einen theatralischen Tod. Ich hatte einen kurzen Auftritt als Ophelia, die von Blumen bekränzt ins Wasser geht. Man lobte mich dafür, die Rolle einer Frau zu spielen, niemand erwähnte Trixies Leistung in der Hauptrolle. Sie hasst das Video deswegen und ist froh, dass wir dafür nicht ausgezeichnet werden.

Stattdessen gewinnt ein amerikanischer Teenager, dessen Fans im Internet für ihn und sein Werk abgestimmt haben. Der bartlose Knabe kommt auf die Bühne und gibt sich dabei Mühe, einen möglichst coolen und schleppenden Gorillagang zu performen. Er fühlt sich wohl der Hip-Hop-Kultur verbunden, seine Stimme klingt aber eher wie die eines Chorknaben. Er blökt etwas auf Englisch ins Mikro und das Gekreische geht los. Das ist ein einziger Alptraum, denke ich.

Das Telefon klingelt. Man hat vergessen, mich zu fragen, ob und wann ich morgen geweckt werden möchte.

„Nein danke“, sage ich und lege auf.

Ich habe die Aftershowparty sausen lassen und bin allein und zu Fuß ins Hotel zurückgegangen. Mir wurde klar, dass ich von vorne herein zu nüchtern für einen solchen Abend gewesen bin und ich niemandem außer mir selbst deswegen einen Vorwurf machen darf. Ich hoffte, von der kühlen Nachtluft wenigstens ein bisschen betrunken zu werden, um klarer denken zu können. Wäre ich radikaler und aggressiver gewesen, hätte diese Nacht vielleicht das Ende der Band besiegelt, aber ich bin nicht Zack de la Rocha. Ich bin zu zimperlich, zu wenig entscheidungsfreudig. Das Gefühl für richtig und falsch habe ich irgendwann in den letzten Jahren restlos verloren. Ich schaffe es nicht, den Faden abzuschneiden, an dem ich hänge – selbst wenn er mich langsam aber sicher erdrosselt.

Als ich im Hotel ankomme, fühle mich nur noch ausgetrockneter. Also raus aus dem Anzug und unter die Dusche.

Um zu schlafen, bin ich viel zu aufgekratzt, also liege ich jetzt erschöpft aber wach auf dem frisch duftenden Bett und zappe durch die Untiefen des Nachtprogramms. Auf irgendeinem Sender zeigen sie eine Wiederholung der Preisverleihung und ich bleibe beim kafkaesken Bild dieses festlich aufpolierten Saals hängen. Aus der Ferne des Hotelzimmers erreicht das Lichtarrangement seine volle Wirkung. Wie im Märchen leuchten die erwartungsvollen Augen der Gäste vor der Show – nur meine sind geschlossen.

Ich mache mir ein Bier aus der Minibar auf und genieße dieses seltsame Gefühl der Depersonalisation, wenn man sich selbst beobachtet und feststellt, was für ein Trottel man ist.

Eine dünne, blonde Frau nimmt ihre Trophäe entgegen und weint ein paar Krokodilstränen, als sie ihren Fans, ihrem Manager und ihren Eltern dankt. Ich erinnere mich nicht an diese Szene. Habe ich geschlafen? Schlafe ich gerade? Ich bin mir unsicher. Welche Bruchstücke fehlen meiner Erinnerung sonst noch?

Ich schalte den Fernseher aus und starre in das, was die Großstatt „Dunkelheit“ nennt. Die plötzliche Reizarmut schnürt mir den Brustkorb ein. Ich bin sie nicht mehr gewohnt. Die Hintergrundgeräusche des Straßenverkehrs wirken mit einem Mal bedrohlich, viel näher, viel präsenter. Als stünde mein Hotelbett mitten auf der Umgehungsstraße.

Die meisten Sinneswahrnehmungen sind nutzlos, versuche ich mich zu beruhigen. Man kann sich nicht gegen sie wehren, man kann nur versuchen, sie zu kanalisieren oder zu übertönen. Das ist was ich mein Leben lang getan habe: Die Welt um mich herum übertönen, weil sie mir in ihrer nackten Beliebigkeit, in ihrer Unordnung und Gleichzeitigkeit Angst einjagte.

Jetzt, wo ich verstummt bin, kommen die Einflüsse zurück, die Eindrücke, gegen die ich wegen meiner Schwäche nicht mehr ankämpfen kann. Ich bin dem Lärm der anderen ausgesetzt, dem Licht, den Kameras, ihren Pfeilen und Lanzen. Wenn ich nicht rede, reden die anderen. Wenn ich nichts sage, werden sie alles falsch machen.

Wann bin ich so geworden? Oder war ich schon immer so und habe es nur jetzt erst erkannt? Zum ersten Mal überlege ich ernsthaft, was andere wohl von mir halten mögen. Robert Beckmann, der Mann, der immer ein Widerwort parat hat, der nicht nur immer Recht haben muss, sondern seine Gegner auch rhetorisch vernichten will. Robert Beckmann, der Mann, der keine Gnade kennt, den alle fürchten, dessen Zunge so scharf ist, dass die Leute um ihn herum trippeln wie um einen Diktator. Robert Beckmann und seine stalinistische Aura…

Ich stehe auf und schließe das Fenster, das ich geöffnet hatte, weil ich immer bei offenem Fenster schlafe. Sofort entsteht ein Vakuum der Lautlosigkeit. Todesart: Erstickung durch Dreifachverglasung.

 

Das Telefon klingelt. Ich sitze im Auto und das Gebot der Effizienz hat mich so erzogen, dass ich auch bei 140 Stundenkilometern auf der Autobahn noch rangehe. Der moderne Mensch übt sich in Multi Tasking. Er beherrscht keine Tätigkeit mehr vollkommen, aber zumindest kann er alles gleichzeitig machen. Die Aufgaben werden dann vielleicht nicht sehr gründlich erledigt, aber wenigstens schnell. Meinem ungeduldigen Charakter, geformt von Reizüberflutung und den Strategien der Aufmerksamkeitsökonomie, kommt das entgegen.

„Ich habe hier ein paar Interviewanfragen wegen der Israel-Sache“, sagt Amanda.

„Okay“, sage ich.

„Soll ich also zusagen?“

„Wer hat denn angefragt?“

Amanda blättert anscheinend durch eine Sammlung ausgedruckter eMails und nennt mir dann eine Reihe von Journalisten, die ich nicht zuordnen kann.

„Die Blätter, Amanda“, sage ich genervt.

Sie nennt mir alle großen Medienhäuser der Republik. Das hilft mir nicht weiter, also nenne ich aufs Geratewohl drei Zeitungen, mit der sie Termine vereinbaren kann.

Ich fahre schneller. Vielleicht komme ich ja um diese Interviews herum, wenn ich die nächste Kurve nicht kriege…

Was für ein Gedanke. Ich bremse ab, ziehe auf die rechte Spur und fahre angemessen weiter. Das Radio an. Ein Lied mit deutschem Text und schwäbischem Zungenschlag. Das Radio aus. Nur noch ich umgeben vom Rauschen des Fahrtwindes.

 

Zu Hause setze ich mich mit einer Tasse Kaffee an meinen Küchentisch und starre auf ein weißes Blatt Papier und den Stift in meiner Hand. Ich hätte in diesem übermüdeten Zustand niemals fahren dürfen, denke ich, als vor meinen Augen, je mehr ich mich zu konzentrieren versuche, die Konturen der Dinge verschwimmen.

Auf Interviews bereite ich mich immer noch vor, als ginge es um meine mündliche Abiturprüfung in Mathematik. Was würde ich mich an ihrer Stelle fragen? Welche Antworten erwarten sie? Und wie kann ich diese Erwartungen unterlaufen? Verweigerung kann ein Knochenjob sein.

„Wieso fragen Sie mich das?“, stelle ich mir vor, dass ich sage, „Hendrik ist derjenige, der von diesen Demonstranten angegangen wird.“ Aber ich streiche es wieder, denn damit würde ich Hendrik in den Rücken fallen.

„Ich bin solidarisch mit denjenigen, die mir nahe stehen und von denen ich weiß, dass sie niemandem etwas getan haben“, denke ich und vergesse es gleich wieder.

„Ich bin kein Politiker. Ich stehe auf keiner Seite. Ich kann nur Ungerechtigkeit nicht ausstehen.“ Was für ein lächerlicher Allgemeinplatz!

„Ich bin kein Experte, aber…“

„Ich bin dieses Themas einfach müde, weil…“

 

Ich wache auf. Mein Kopf liegt auf dem leeren Blatt Papier. Ich habe darauf gesabbert und jetzt klebt es mir am Gesicht fest. Zwei Stunden Powernapping und ich fühle mich wie gerädert.

Wie jeder anständige Schriftsteller nehme ich das unbefleckte Papier, zerknülle es pathetisch und werfe es neben den Papierkorb. Da ich den Stift immer noch zwischen den Fingern klemmen habe, nutze ich die Gelegenheit und schreibe „Baldrian“ auf meinen Einkaufszettel.

Ich schütte mir den kalten Kaffee in die Kehle, huste ihn fast wieder heraus und schreibe dann auf die Rückseite des Einkaufszettels: „Ich will mich nicht rechtfertigen müssen, wenn ich mich für meine Freunde und gegen die Vereinfachung von Sachverhalten einsetze. Es ist einfach, zu denken, ein Boykott sei ein angemessenes Mittel, um anderen Leuten, deine Meinung aufzuzwingen, weil du derjenige sein willst, auf den sie angewiesen sein sollen, aber ich glaube nicht daran, dass Machtspiele und Protzerei bezüglich des eigenen, eingebildeten Einflusses jemals irgendetwas Gutes bewirkt haben. Ich bin gegen diese Vereinfachung des politischen Diskurses. Ich will eine Verkomplizierung. Ich will, dass die Hohlköpfe, bevor sie ihre Slogans auf ihre Schilder schreiben, ein Buch lesen und mindestens zwei Gedenkstätten besuchen.“

Ich reiße den Zettel ab und schreibe auf dem darunter liegenden Blatt weiter: „Es ist mir egal, wie links jemand zu sein behauptet, wenn er autoritäre Unterdrückungsphantasien hegt, kann ich mich nicht mit ihm solidarisieren. Ich mag diesen Gedanken, dass alles ein Machtkampf ist, nicht. Man kann auch Sachverhalte kritisieren, ohne Menschen qua ihrer Identität oder ihrer Herkunft in Sippenhaft zu nehmen. Was ich an dieser angeblichen „Israelkritik“ wahrnehme, geht ohnehin eher in Richtung Verschwörungstheorie als in Richtung Freiheitskampf. Ein Konzert in Tel Aviv zu geben, wird zum Beispiel nur dann zu einem politischen Statement, wenn man es herbeiredet. Wenn man einen Abend mit Musik und Show im Vorfeld und von außen so sehr auflädt, dass daraus ein Politikum wird, nimmt man der Kunst ihre Freiheit und wenn man der Kunst die Freiheit absprechen oder zumindest einschränken will, nimmt man ihr – und damit allen Menschen – die Macht, unsinnige Grenzen zu sprengen. Zu unseren Konzerten kommen keine Rechten. Nicht in Deutschland und nicht in Israel. Niemand, der Kriege, Vernichtung, Hass und Abschottung propagiert, hört unsere Texte an. Für alle anderen sind wir bereit, zu spielen – egal wo.“

Ich reiße den Zettel ab, drehe ihn um und schreibe weiter: „Wenn man wirklich etwas bewegen will, muss man die Leute mit Argumenten überzeugen, nicht mit Gewalt. Und jemandem den Mund verbieten zu wollen, erachte ich als Gewalt. Kritik kritisiert Inhalte, sie spricht keine Verbote aus.“

Dann fällt mir nichts mehr ein. Ich bin erschöpft, aber zufrieden mit meinem Text. Ich bin kein Mann für Dialektik, ich bin ein Mann der Tiraden. Mein alter Deutschlehrer hat mir eine Karriere als Polemiker vorausgesagt, nachdem er mir eine mittelmäßige Note nach der anderen gegeben hatte. Er glaubte, dass diese Aussicht mich anspornen würde, mich zu mäßigen, er glaubte, dass er mir damit Angst einjagte.

Ich muss über mich selbst lachen. In meinem ganzen Leben habe ich keinen Fuß auf israelischen Boden gesetzt, aber ich werde vielleicht bei einer passenden Gelegenheit den Vorschlag unterbreiten, wirklich ein Konzert in Tel Aviv auf den nächsten Tourplan zu setzen. Wenn es denn jemals wieder eine Tour geben wird…

Das Telefon klingelt. Eine junge Dame vom Kulturressort des Spiegels ist am Apparat. Sie sagt, wir hätten eine Verabredung zu einem Gespräch.

Das stimmt und ich versuche, nicht genervt zu klingen, als sie versucht, mich mit ihrem Smalltalk in eine positive Grundstimmung zu quatschen. Sie ist eine von „diesen“ Journalisten, die sich mit dir verbrüdern wollen, statt kritische Fragen zu stellen und nachzuhaken, die besser beim Boulevard aufgehoben wären, dafür aber zu gebildet oder zu zimperlich sind.

„Wie hat dir die Show vorgestern gefallen?“, fragt sie.

Ich hasse es, wenn Leute mich duzen, es schafft so eine falsche Vertrautheit, die jeder am Ende doch nur für seine eigenen Zwecke nutzt. Es fühlt sich jedesmal so an, als würde mir jemand etwas stehlen: ein Stück Entscheidungsfreiheit vielleicht. Ich will nicht, dass man mir vertraut und ich vertraue niemandem. Aber jetzt muss ich auch sie duzen, um nicht arrogant oder passiv-aggressiv zu wirken.

„Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich solche Anlässe genieße, aber sie gehören eben dazu. Man muss die Öffentlichkeit suchen, wo sie sich einem bietet, auch wenn ich lieber bei einer seriösen Musiksendung im Fernsehen oder Radio auftreten würde, aber sowas gibt es ja seit einiger Zeit in diesem Land nicht mehr. Deshalb muss man seine Statements so kurz und präzise halten, dass man sie in zwei oder drei Sätzen im Vorbeigehen in ein Mikrofon deklamieren kann.“

„Heißt das, du willst etwas von dem, was du gesagt hast, zurück nehmen?“

„Nein, aber erweitern vielleicht. Ich bin mir jedoch bewusst, dass die meisten Leute nach zwei Sätzen aufhören zuzuhören. Darin liegt ja eben der Niedergang seriöser Kulturprogramme begründet. Statt auf Qualität hat man in den Chefetagen der entsprechenden Medienanstalten ab einem bestimmten Zeitpunkt auf die Bespaßung eines Massenpublikums gesetzt, das es nicht gibt und damit kam die Beliebigkeit und die Oberflächlichkeit in die Popkultur, die nun langsam von innen ausgehölt wird. Man ist es heute einfach nicht mehr gewohnt, dass Künstler sich widersetzen und das regt bestimmte Menschen auf, die glauben Künstler müssten nach ihrer Pfeife tanzen und sich vor ihren Karren spannen lassen. Und als Künstler verdient man einfach besser, wenn man ein „guter Kerl“ ist, der Spenden sammelt und Benefizkonzerte gibt. Es geht ums Image und das kreiert man heute über Symbole. Der ganze Zirkus, den es früher um Popmusik gegeben hat, wurde wegrationalisiert. Es gibt kein relevantes Musikfernsehn mehr, Musikzeitschriften fristen nur noch ein Spartendasein. Da muss man anderweitig auf sich aufmerksam machen. Einige tun das über zweifelhaftes politisches Engagement, andere über Nacktheit in der Öffentlichkeit und Campino macht jetzt Charity.“

„Das heißt, du würdest dich für gar nichts engagieren? Bist du von nichts überzeugt?“

„Engagement und Überzeugung sind gerade in dieser Branche zwei völlig verschiedene Dinge, aber ich würde dennoch eine Organisation, die zu Boykotten aufruft, nicht auf eine Stufe mit sozialem Engagement stellen, selbst wenn ich auch das eher ablehne. Zumindest richtet es keinen aktiven Schaden an.“

„Du meinst also, engagierte Künstler sind in Wirklichkeit…“

„Sie machen Eigenwerbung. Immer. Jeder Satz ist Eigenwerbung. Dieses Interview ist Eigenwerbung. Man muss im Gespräch bleiben, um die Aufmerksamkeit der Leute buhlen.“

„Du bist für deine Verweigerungshaltung berüchtigt. Wie kommt es, dass du trotzdem zu allem eine Meinung hast?“

„Nur weil man niemandem hinterher läuft, heißt das nicht, dass man nirgendwo hingeht.“

„Willst du denn, dass die Leute dir hinterher laufen?“

„Gott, nein!“, rufe ich und imitiere ein Geräusch, das später in ihrem Bericht als (lacht) kennzeichnen soll, was für ein humorvoller Typ ich bin – oder viel mehr, was für eine humorvolle Person sie ist, weil sie es schafft, mich zum Lachen zu bringen. Journalisten sind alle gleich. Sie alle sind süchtig nach Möglichkeiten, sich selbst darzustellen.

„Und dennoch stehst du für deinen Bandkollegen ein.“

„Natürlich“, sage ich und leiere herunter, was ich vorbereitet habe. Plötzlich klingt es gar nicht mehr so klug und inspiriert, aber für diese Dame wird es schon reichen. Ich kann ihr Herz durch das Telefon schlagen hören. Man wird ihr gesagt haben, dass sie Robert Beckmann, den Journalistenschreck, als ihre Feuertaufe betrachten soll.

 

Obwohl ich eben der verlorenen Relevanz der Musikpresse hinterher getrauert habe, gebe ich lieber Magazinen Interviews, die nicht vom Fach sind. Bei ihnen habe ich die Hoffnung, dass sie andere, interessantere Fragen stellen. Eine Kulturjournalistin des Spiegels hat keine Zeit, in der Vorbereitung auf ein Gespräch Platten bis zur Unkenntlichkeit zu interpretieren, um dann zu analysieren, wie das Klima im und um das Aufnahmestudio sich auf den Sound auswirkt. Ich bin diese Verwissenschaftlichung von Musik so leid.

Aber meistens werde ich auch von den Kulturjournalisten der Wochenmagazine und Tageszeitungen enttäuscht. Was ihre Kollegen bei der Spartenpresse zu viel an Zeit und Untersuchung von Details investieren, sparen sie sich und wirken im schlimmsten Fall unvorbereitet und verschüchtert.

Am besten sind Schülerzeitungen. Dort bekommt man die ungewöhnlichsten Fragen, auf die man sich nicht vorbereiten kann und die einen wirklich herausfordern. Die Schüler geben sich wirklich Mühe, wenn jemand sich bereit erklärt, ihre kühnen Anfragen zu bestätigen. Ich finde, so etwas muss man belohnen und unterstützen. Leider bekommen wir immer seltener Anfragen von Schülerzeitungen. Die meisten bekannten Künstler dieses Landes scheinen ihnen abzusagen, sodass sie es gar nicht mehr versuchen. Vielleicht haben sie aber auch keine Zeit mehr. Oder keine Zeitungen.

 

Nur wenige Stunden später taucht das Interview im Internet auf. Die junge Journalistin schreibt in ihrer Einleitung: „Robert Beckmann sagt druckreife Sätze, die sich anhören, als hätte er sie vorformuliert und archiviert, um sie bei passender Gelegenheit abzufeuern.“

Darauf ein Feierabendbierchen.

Das Telefon klingelt. Es ist Trixie, die mich fragt, ob es in Ordnung ist, wenn sie für die nächsten sechs Wochen nach Chicago fliegt.

Ich sagte: „Natürlich. Was soll denn da für ein Problem bestehen?“

„Ich dachte, wenn du gerade dabei bist, neue Songs zu schreiben, bräuchtest du mich vielleicht kurzfristig hier.“

„Oh… Ja. Nein. Mach dir keine Sorgen.“

„Wie läuft es denn?“, fragt sie skeptisch.

„Nicht so gut“, es hat keinen Sinn, sie anzulügen.

„Mach dir keinen Stress, ja?“

„Wäre vielleicht besser.“

„Stress ist auch nichts anderes als kontrollierte Panik. Niemand ist kreativ, wenn er seine Panik im Zaum halten soll.“

„Ja“, das Gespräch ist mir unangenehm.

„Aber du sagst Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.“

„Das ist nett, aber flieg du nur zu deinem Freund. Bis du zurückkommst, bin ich vielleicht schon weiter und wie lachen darüber.“

„Worüber?“

„Ach…“

„Wenn du Probleme hast, Rob, musst du es sagen. Dann finden wir gemeinsam eine Lösung. Du darfst nicht glauben, dass du immer alles allein machen musst, weil es immer so war. Wir hängen da alle zusammen drin und wir unterstützen dich. Du redest kaum noch mit uns. Schämst du dich, oder was? Wir sind Freunde, wir verurteilen dich nicht. Aber bitte rede mit uns!“

„Ich weiß nicht, worüber ich reden sollte“, sage ich, „Da ist ja nichts. Ich habe ja nichts vorzuweisen. Ich bin vielleicht einfach nur zu faul gewesen in den letzten Wochen. Ich muss einfach nur mal wieder die Gitarre in die Hand nehmen. Das habe ich lange nicht gemacht. Ich hatte keine Lust auf das blöde Ding. Ich muss mich nur überwinden, dabei kann mir erstmal keiner helfen, das ist mein Problem. Aber es ist nur ein kleines, wirklich. Ein Luxusproblem. Ein lächerliches Luxusproblem.“

„Ruf mich an, wenn du es nicht lösen kannst, ja?“, sagt Trixie nur. Sie weiß immer, wann ich unter- oder übertreibe. Dann legt sie auf.

Sie ist die Mittlerin zwischen mir und den anderen beiden und jetzt ist sie weg. Obwohl sich nichts zur Situation von vor zwei Minuten geändert hat, fühle ich mich plötzlich einsam und verlassen. Sie weiß, dass ich sie nicht anrufen werde und das ärgert sie und ich werde sie nicht anrufen, weil ich Angst habe, ihr auf die Nerven zu gehen.

Dabei ist sie die einzige, mit der ich halbwegs offen über meine Probleme sprechen könnte, wenn ich es denn wollte. Hendrik und Alex sind nicht die Typen, die nach Lösungen suchen, sondern bei denen ich fürchte, dass sie mir Vorwürfe machen würden. Berechtigte Vorwürfe. Schmerzhafte Vorwürfe.

Ich mag die beiden zu sehr, um diesen Konflikt offen auszutragen. Ich will sie nicht erschrecken oder besorgen, also muss ich sie in dem Glauben lassen, dass ich schon irgendwie zurecht kommen. So wie immer, so wie früher.

Hendrik verlässt sich darauf. Er ist kein Problemlöser, sondern harmoniebedürftig, viel zu schüchtern und viel zu zart, für dieses Geschäft. Eigentlich. Ohne die Band wäre er verloren. Menschen wie er gehen in dieser Gesellschaft unter. Deswegen bin ich irgendwie auch für ihn mitverantwortlich.

Alex hingegen erkennt Probleme erst gar nicht als solche. Er neigt dazu, sich lustig zu machen und dabei, ohne es zu merken, die Menschen um ihn herum zu verletzen. Ich kann seine Stimme  in meinem geistigen Ohr hören: „Rob, so etwas wie eine Schreibblockade gibt es nicht. Du brauchst nur mehr Schnaps und musst mehr unter Menschen gehen. Wir müssen mal wieder um die Häuser ziehen, da trifft dich die Inspiration sicher wieder wie ein Blitz. Wer nur in seinen vier Wänden sitzt, dem kann ja nichts einfallen, dem passiert ja nichts!“

Aber mir wird schon beim Gedanken an Clubs und Kneipen mit lauter donnernder Musik und bierverklebten Fußböden schlecht. Sie sind Institutionen der Einsamkeit, in denen der Ekel und der Lärm einen vom Kontakt zu anderen Menschen abhält. Da bleibe ich lieber in meiner Kapsel und erlebe sie ehrlich und wahrhaftig. Im eigenen Bett, warm und bequem, ist die Einsamkeit fast sogar erträglich.

 

Die Ironie will es, dass ich Trixie van den Berg in genau solch einem Club vor 18 Jahren kennen gelernt habe. Sie legte auf in der „Pathologie“. So hieß ein illegales Undergroundlokal, das im Keller einer verlassenen und halbverfallenen Klinik notdürftig eingerichtet worden war. Es sollte den Geist der pariser Katakomben aufnehmen, wo zwischen Totenschädeln und immer mit der Angst, erwischt zu werden, gefeiert und getanzt wurde.

Ich war mit meinem Bruder dort, der damals viel hipper war als ich und solche Lokalitäten ausmachte, bevor sie zu Szenetreffs oder geschlossen wurden. Wir teilten uns ein Bier und er spekulierte darüber, dass das Mädchen da hinter den Turntablen in Wirklichkeit keine Ahnung von dem hatte, was sie da tat.

Ich verteidigte sie nur, um das Gespräch am Laufen zu halten und schließlich schlossen wir eine Wette ab. Ich sollte zu ihr gehen und mir ein vollkommen abseitiges Stück wünschen. Wenn sie es in ihrer Sammlung hatte, würde mein Bruder mir ein Bier ausgeben, wenn nicht, musste ich eine Woche lang sein Bett machen. (Ich hatte kein Geld, um ihm ein Bier auszugeben.)

Ich ging also herüber zum DJ-Pult und machte auf mich aufmerksam.

- Ob ich mir etwas wünschen dürfe?

- Aber sicher doch.

Ich nannte den Titel und keine vier Sekunden später hatte Trixie ihn in ihrem Programm gefunden. Zusammen mit vier obskuren Remixen.

„Welcher soll’s denn sein?“, fragte sie.

„Äh…“

„Dann nehm ich den Radiomix, wenn das okay ist.“

„Ja, gut.“

Und sie reihte es ganz hinten in eine lange Reihe von Stücken ein.

„Entschuldigung, kannst du es vielleicht jetzt gleich spielen? Wir wollen gleich gehen.“

„Tut mir leid, ihr seid nicht die einzigen hier, die sich was wünschen oder Wetten abschließen, weißt du?“

Ich lief von den Fußsohlen bis zum Haaransatz rot an, was Trixie aber zum Glück nicht sehen konnte, weil es in der „Pathologie“ kein richtiges Licht gab. Der ganze Strom, wo auch immer er herkam, ging für die Musikanlage drauf. Deshalb war auch das Flaschenbier lauwarm.

Als der Song schließlich gespielt wurde, war mein Bruder augenblicklich verliebt. Er bezahlte mir mein Bier und wir blieben, bis der Anlage der Strom ausging, was das Ende des Abends markierte.

Er sprach Trixie an, als sie ihre Utensilien zusammenpackte und fragte, ob er sie nach Hause fahren dürfe.

Er durfte nicht – wahrscheinlich, weil er zu betrunken war, um überhaupt noch zu fahren, was ihn aber nicht davon abhielt.

Er fragte, wann sie wieder da sein würde und ob er ihr dann ein Getränk ausgeben dürfe. Trixie trank aber nicht während der Arbeit und außerdem hatte sie hier sowieso freie Verpflegung.

Aus den beiden wurde nichts. Auch nicht, als mein Bruder ihr eine Demokassette unterjubelte, die ich heimlich in meinem Zimmer aufgenommen hatte. Damit wollte er mich demütigen, erreichte aber das Gegenteil. Trixie sagte: „Eine E-Gitarre allein funktioniert nicht. Du brauchst mindestens einen Bass und wenn du keinen Schlagzeuger hast, wenigstens eine Drum-Machine.“

Das Telefon klingelt.

„Gute Neuigkeiten“, es ist Amanda, meine persönliche Effie Trinket.

„Was denn?“, frage ich gespielt neugierig.

„Ich habe hier eine Einladung.“

Deutsche Fernsehtalkshows sind der erste Kreis der Hölle. Gemütlich, aber auf Dauer Folter durch Langeweile. Trotzdem sage ich zu. Wenn man nichts zu tun hat, muss man zumindest etwas tun, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Vielleicht nehme ich vorher eine Dosis Valium, um mich dem Denktempo des Publikums und der Moderatoren anzupassen.

Ich wandere unzufrieden und aufgekratzt durch meine Wohnung. Plötzlich ertrage ich meine chronische Genervtheit nicht mehr. Wieso muss ich alles in meinem Kopf schlecht machen? Wieso sind meine ersten Gedanken zu einem Thema immer zynisch?

„Sag es mir!“, schimpfe ich einen Kunstdruck im Wohnzimmer an. Er zeigt Nicolas Dierks Version von Diogenes in der Tonne, umringt von vier Hunden – für diejenigen, die einen Witz erst verstehen, wenn man ihn ihnen mit dem Holzhammer einprügelt.

Aber Diogenes sitzt einfach nur da und konzentriert sich darauf, seine Lampe anzuzünden. „Gibt es in dieser Wohnung einen Menschen?“, scheint er fragen zu wollen.

„Du hast noch nie jemandem weitergeholfen“, sage ich, „Das ist das Problem mit euch. Zu allem einen coolen Spruch. Aufmerksamkeit! Skandal! Aber wirklich was auf die Reihe kriegt ihr nicht.“

Aus dem Hintergrund des Bildes kommt ein fünfter Hund auf mich zugetrottet und knurrt mich an.

„Was Besseres habt ihr nicht zu bieten? Latente Aggressivität und ein struppiges Fell? Bloß niemanden an euch ran lassen. Alle Freunde wegbeißen, weil ihr Angst habt, jemand könnte entlarven, was für Blender ihr seid! Ja, feuer nur deine Lampe an, aber damit wirst du auch nichts sehen können. Die Wahrheit ist nämlich, dass du eigentlich gar nichts sehen willst, weil du dir darin gefällst, der Welt zu sagen, dass sie dunkel ist. Du bist auch nichts anderes als ein Selbstdarsteller und Lügner. Selbstbewusst genug, zu behaupten, in feinsten Stoff gekleidet zu sein, wenn du in Wirklichkeit nackt bist.“

Ich tigere zurück in die Küche und trommele mit den Fäusten gegen die Wand. Ich achte darauf, dass es eine Außenwand ist, denn ich will die Nachbarn nicht stören. (Sagt der Rockmusiker.)

In meinem Kopf entschuldige ich mich bei den Leuten vom Label: „Ich konnte keine neuen Songs schreiben, die Nachbarn haben sich über den Lärm beschwert.“

„Bloß niemals selbst schuld sein, Robert“, ruft Diogenes mir aus dem Wohnzimmer zu, „Das ist der Trick, um ein von menschlicher Größe unbelastetes Leben zu führen.“

Ich setze mich erschöpft an den Küchentisch. Vor dem Fenster braut sich ein Tiefdruckgebiet zusammen. Es beginnt zu regnen und der Wind frischt auf. Die winterlich kahlen Bäume im Hinterhof wiegen und winden sich in den Böen.

Es ist nicht alles schlecht gewesen, denke ich, erinner dich an die schönen Erlebnisse!

Damals blieben wir im tiefsten Winter und in der tiefsten Provinz mit neun Personen im Tourbus auf einer Landstraße liegen. Die Heizung fiel aus und jemand hatte es für eine gute und kostengünstige Idee gehalten, als Proviant eine ganze Wagenladung abgelaufene Dosenravioli zu ordern, von der wir uns seit zwei Tagen ernährten. Eine ausgelassenere Stimmung kann man sich nicht vorstellen. Klassenfahrt, nur ohne Lehrer und ohne lästiges Sightseeing. Wir spielten die ganze Nacht das Spiel „Wer hat jetzt schon wieder gefurzt?“ und auch sonst war uns eigentlich nichts mehr peinlich. Irgendwann kam jemand, der den Bus reparierte. Dennoch verpassten wir unser Konzert, weil drei Viertel der Band und die Hälfte der Crew die folgenden Tage mit Magenverstimmung im Bett verbrachten.

Oder damals, als ich völlig zugedröhnt und im strömenden Regen auf einer Festivalbühne stand und ein paar hundert Leuten, denen es nicht zu blöd war, sich die Nachmittagskonzerte anzusehen, entgegen brüllte, der Festival-Lifestyle sei auch nicht viel anders als der erste Weltkrieg.

Am selben Abend stolperte Hendrik im Catering-Zelt über Stone Gossard und fragte ihn nach Tipps – so von Gitarrist zu Gitarrist. In seinem fortgeschrittenen Zustand des Alkoholdeliriums brachte er jedoch keinen geraden englischen Satz mehr heraus und blamierte sich bis auf die Knochen.

Später fand ich ihn hemmungslos schluchzend in einer Ecke neben einer Lache seines Erbrochenen. Am nächsten Morgen behauptete er, sich an nichts mehr zu erinnern.

Trixie, die Alex unter den Tisch trank, weil sie vorher ihre Wodkaflasche ausgeschüttet und mit Wasser aufgefüllt hatte.

Trixie, die an ihre Schlafkoje ein Schild geklebt hatte: „Betrunkene, menstruierende Frau versucht zu schlafen! Wer stört, wird aufgegessen!“

Jan, der Tontechniker, den ich beim Flaschendrehen mit vorgenannter Wodkaflasche (oder vielleicht auch einer anderen) küssen musste – mit Zunge bitteschön. Ich glaube, ihm hat es gefallen und ich war nicht unstolz auf meine Performance.

Mit Musik hatte das alles nicht viel zu tun, um ehrlich zu sein. Es war viel Aufwand für wenig Ertrag. Wir verschwendeten viel Zeit mit Warten und dem Anschließen von Kabeln. Wir krochen eigentlich mehr auf den Knien herum, als dass wir auf der Bühne standen. Stundenlanges Herumfahren mit großen Fahrzeugen durch die engen Straßen fremder Städte. Hotelbetten der untersten Kategorie. Schlaf war in jeder Körperhaltung möglich. Wir waren glücklich, weil wir einfach zu kaputt waren, um uns zu ärgern.

Andererseits… Es gibt immer ein Andererseits. So sind die Deutschen. Alles muss dialektisch sein. Andererseits ist das Spielen von Konzerten nur ein Abspulen, eine Reproduktion, kein wirklich kreativer Akt. Man holt sich seine Dosis Anerkennung ab, aber ein Konzert ist nichts, auf das man stolz sein kann oder dessen Wirkung anhält.

Es ist die Studioarbeit, die einen spüren lässt, dass man arbeitet, dass man etwas erschafft, dass man etwas produziert. Sie gibt einem das Gefühl, solidarisch mit einem Fabrikarbeiter sein zu können und nicht bloß ein Clown auf einer Bühne. Aufnahmen sind die befriedigendste Schinderei, weil man am Ende etwas in der Hand hat, weil man dabei denken und etwas beweisen muss. Es ist eine Herausforderung, nicht bloß Überwindung.

Ich weiß, jeder Mensch hält seinen Beruf für den schwersten. Meiner ist der schwerste, weil einem niemand zugesteht, dass man unter ihm leiden kann. Nicht einmal ein blöder Kunstdruck.

Manchmal wünsche ich mir, im Lotto zu gewinnen, sodass für mich keine Notwendigkeit mehr besteht, gefallen zu müssen. Dann wieder ekelt mich diese Vorstellung an. Was für ein Künstler erschafft schon etwas Beeindruckendes, wenn er nicht darauf angewiesen ist, zu beeindrucken?

Die Frage ist, wen man beeindrucken will und was man unter „Beeindruckung“ versteht. Es gibt viele Formen von Beeindruckung, Originalität ist nur eine davon. Man kann auch den Schockeffekt wählen oder die Wandelbarkeit. Eine mittelmäßige Sängerin kann mit dem richtig geformten Körper und einem austarierten Maß von Ver- und Enthüllung beeindrucken. Man kann Leute auch mit seiner Infantilität vor den Kopf stoßen, oder ihnen mit gespielter Bosheit Angst einjagen.

Dabei sind „sie“ immer noch nur eine amorphe, seelenlose Gruppe. Ich glaube, man macht einen Fehler, wenn man sich zu sehr auf „sie“ einlässt und es „ihnen“ rechtmachen will. Ich glaube nämlich, dass „sie“ keine einheitliche Meinung und erst recht keinen einheitlichen Geschmack haben. Man kriegt sie nie alle. Deshalb versuche ich, „ihnen“ so wenig wie möglich vorzuspielen. Es ist einfach weniger anstrengend, wenn man keine diversen Rollen spielen muss. Dennoch habe ich das Glück oder das Schicksal, nicht unbedingt beliebt, aber anerkannt zu sein.

Dabei gehen auch Anerkenntnis und Bekanntheit nicht immer Hand in Hand. Bekannt werden kann jeder Depp. Es gibt genug Castingshows, in denen man sich ohne Schutzhelm aus einer Kanone schießen lassen kann. Diese Leute werden bekannt, aber belächelt. Anerkenntnis hingegen trägt die Bürde der Ernsthaftigkeit in sich. Ernsthaftigkeit und Avantgardismus, in meinem Fall.

Avantgardismus heißt wiederum, dass man permanent auf der Flucht ist. Man darf sich nicht vom Zeitgeist einholen lassen, man muss anders sein, witzig, aber nicht albern, intelligent, aber nicht arrogant, freundlich, aber nicht schleimend, selbstbewusst, aber nicht stur.

In der Anfangsphase der Band, etwa um den Zeitpunkt herum, als wir unsere erste Single veröffentlichten, gab es einen Witz, den wir einander ständig erzählten – mehr als Warnung, denn als Amüsement: Sobald es Fernsehbeiträge in den bräsigen Kultursendungen im Nachtprogramm über deine Band gibt, hast du ausgespielt. Von dort gibt es keinen Weg zurück in die Rechtschaffenheit. Wenn du dich von Max Moor ansagen lässt, spielt es keine Rolle mehr, wie selbstironisch du deine Interviews gibst, du hast verloren. Es ist vorbei. Du bist zu deinem eigenen Feind geworden.

Und jetzt sitze ich im Kölner Treff, blicke interessiert in die Runde und klatsche brav, wenn eine mir völlig unbekannte Schauspielerin ihre neuste Klamotte bewirbt.

„Wer im Kreis läuft, endet auch als Avantgardist irgendwann zurück in den tröstenden Armen des Konservatismus!“, höre ich Diogenes kommentieren.

 

Das Telefon klingelt.

„Bitte ausschalten!“, ermahnt mich eine strenge Redakteurin, die ihr Klemmbrett vermutlich nur mit sich herumschleppt, um Autorität auszustrahlen. Ich gehorche.

 

Die Sessel, die im Fernsehen immer ein bisschen unbequem aussehen, sind in Wirklichkeit ganz in Ordnung. Es ist sehr warm und für meinen Geschmack und meine Gewohnheit etwas zu hell im Studio. Das Publikum ist angeheizt und bereit, jedem Scheiß zu applaudieren. Vor mir liegen anderthalb Stunden innere Anspannung, in denen ich mich darauf konzentrieren muss, zuzuhören. Für einen modernen Menschen, der ich bin und der die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches hat, bedeutet das Anstrengung und Zusammenreißen. Vier Kameras beobachten uns, aber sie sind freundlich. Diese Sendung will niemanden vorführen. „Wir sind diskret“, blinzelt mir eine zu, „Du bist in Sicherheit. Fühl dich wie zu Hause. Du kannst uns all deine Geheimnisse erzählen.“

Das Unwohlsein setzt ein, als die Moderatorin ihren Begrüßungstext aufsagt und bei der Erwähnung von „Deutschlands sperrigstem und gleichzeitig charmantestem Rockmusiker: Robert Beckmann“, das Publikum pflichtschuldig ausrastet. Das heißt: Im Rahmen seiner Möglichkeiten ausrastet, denn die meisten Menschen hier sind bereits jenseits der 50 und das, was man „gut situiert“ nennt. Sie bilden sich etwas auf ihre Bürgerlichkeit ein und auf das, was sie in ihrem Leben erreicht haben, wollen aber nicht Spießer genannt werden. Sie halten sich für gebildet, weltoffen und tolerant, was sie dadurch zum Ausdruck bringen, dass sie sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zeigen und sie stehen auf harmlose Unterhaltung, aber bitte mit Niveau.

Ich lächele, tue bescheiden und klatsche brav bei der Vorstellung der anderen Gäste. Vor mir auf dem Tisch steht ein Glas Apfelsaft. Ein alkoholfreies Getränk nach Wahl, hatte man uns gesagt. Bitte nicht allzu offensichtlich nachschenken lassen, am besten gar nicht.

Später soll es noch Häppchen geben. Eine Köchin sitzt mit in der Runde und sie hat etwas aus ihrem Restaurant mitgebracht. Man hat ja nicht oft die Gelegenheit, überregional Werbung für sein Etablissement zu machen… „Bitte bleiben Sie höflich“, wurde ich ermahnt, „Wenn es Ihnen nicht schmeckt, sagen Sie nichts und lassen Sie sich nichts anmerken!“

Ich frage mich, ob sie Angst haben, ich könnte mit schierer Unhöflichkeit die Veranstaltung sprengen. Ich frage mich auch, ob die anderen Gäste genauso instruiert worden sind.

Da ist eine Schriftstellerin, die „nur ganz, ganz selten im Fernsehen auftritt, aber heute Abend hier ist“ - der bekanntermaßen so positiven, warmen Atmosphäre dieser Sendung wegen. Wohl eher hatte man keine Kosten und Mühen gescheut, sie hier anzukarren, weil man noch eine verhuschte, ältere Dame für die Quote brauchte. Ihr neues Buch jedenfalls wäre sicher auch ohne diesen Auftritt auf Platz 1 der Bestseller-Liste gelandet. Nur daher kenne ich nämlich ihren Namen. Eine reservierte, medial scheinbar unerfahrene Frau, die deshalb umso authentischer wirkt – zumindest wenn man den Maßstab der kauzigen, eigenbrötlerischen Schriftstellerin anlegt. Dumm nur, dass sie leider nichts Interessantes zu sagen hat. Sie äußert sich grundsätzlich nicht zu heiklen gesellschaftlichen Themen und entführt ihre Leser lieber in die heile Welt, die sie bei ihrem harten, sorgenvollen, stressigen Alltag in ihren Träumen herbeisehnen.

„Ja, so etwas muss es auch geben“, sagt die Moderatorin, als sie merkt, dass das Gespräch in komatöse statt entspannende Langeweile abzugleiten droht.

Ich sage nichts und versuche, nichts und niemanden anzustarren. Manchmal, wenn ich in Gedanken versteinere, vergesse ich zu blinzeln.

Da ist der Komiker, der nur hier ist, weil er das Geld braucht und es sein Job ist, in solchen Sendungen für Auflockerung und Frohsinn zu sorgen. Eine eigene Sendung hat er schon lange nicht mehr, aber in den nächsten Wochen und Monaten tingelt er durch die Theater und Kleinkunstbühnen aller deutschsprachigen Regionen der Welt. Man möchte doch bitte, bitte kommen. Fehlt nur noch, dass er uns erzählt, dass sein Hund krank ist und die Tierarztkosten ihn unverschuldet an die Grenzen seiner Solvenz gebracht haben…

Ich lache angemessen – nicht zu überschwänglich, aber auch nicht zu ironisch und schenke ihm ein paar Sekunden Anerkennung für einen gewollt stümperhaft ausgeführten Zaubertrick, der dann aber doch recht eindrucksvoll ist. Tief stapeln - dann kann man nur positiv überraschen. Eigentlich kein so schlechtes Motto…

Da ist der Schauspieler, der vom Theater zum Film gewechselt ist, weil er dachte, dass seine Kunst so beständiger sein würde und er schon immer mal auf der Straße von wildfremden Leuten erkannt und angesprochen werden wollte. Jetzt geht ihm aber ein bisschen die Klammer, weil sein Film abgedreht ist und er noch kein neues Engagement hat. Deshalb hält er jetzt seine Fresse in die Kamera und versucht, erinnerungswürdig auszusehen. Nebenbei erzählt er, wie toll und angenehm die Arbeit am Set war, wie gut er sich mit allen verstanden hat und was für eine tolle Arbeitsatmosphäre es überall im kreativen Bereich gibt. Er habe viele Freunde gewonnen und Kontakte geknüpft. Sein Telefon stünde gar nicht mehr still.

Ich denke: Willkommen in meiner Welt, ich gebe dir noch drei Jahre, dann bist du, wenn du intelligent bist, so verbittert wie ich und wenn du dumm bist, ein Star.

Zwischen dem süßlichen Feelgood-Content und meinem sperrig-charmanten Auftritt steht nun nur noch eine Person, der auf Anhieb kein Geschlecht zuzuordnen ist. Auch sie hat ein Buch geschrieben, im Gegensatz zu der zurückhaltenden Dame von vorhin jedoch eines mit Message.

Ich schlucke. Natürlich bin ich vorbereitet. Natürlich weiß ich, was jetzt kommt. Natürlich habe ich das Buch gelesen, denn alle Gäste haben Druckfahnen bekommen.

Als die Kamera einen Moment blinzelt, huscht ein dienstbarere Geist in Form einer in unauffälligem Schwarz gekleideten Dame zum Tisch und verteilt Anstecker und Filzstifte. Ich lege mein Sortiment neben mein Apfelsaftglas, aus dem ich noch keinen Schluck getrunken habe. Das nehme ich jetzt nach. Aus Verlegenheit.

Sie wissen nicht, was jetzt geschehen wird und auch ich weiß es nicht. Wenn man sich mit Apfelsaft Mut antrinken könnte, ich würde für den Rest der Sendung lieber dürsten.

„Beiß dir auf die Zunge!“, flüstert meine trockene Kehle und ich bin gewillt zu folgen.

Es ist immer verräterisch, wenn jemand keine genaue Berufsbezeichnung vorweisen kann. „Als was würden Sie sich bezeichnen?“ fragt die Moderatorin.

„Ich würde mich als Autorin und Journalistin bezeichnen“, sagt die auffällige Person, an deren Ethnoklamotten alles raschelt und klimpert, sodass es den Tontechniker in den Wahnsinn treiben muss. Ihre Stimme ist sehr ruhig und angenehm. Ich glaube, sie ist eine gute Sängerin. Leider schnauft sie zu oft und zu laut ins Mikrofon. Sie ist die Situation nicht gewöhnt und überspielt ihre Nervosität mit raumgreifenden Bewegungen und oberlehrerhafter Mimik: Na, habt ihr das auch alle verstanden?

Ja, wir haben verstanden. Sie kommt gerade frisch von der Uni, hat irgendwas mit Medien studiert und aus ihrem leidlich erfolgreichen Blog ein Buch binden lassen. Sie redet auf Kongressen gegen Bezahlung und nennt sich nur deshalb nicht „Influenzerin“, weil ihre Makeup-Tutorials ein Statement und kein Product-Placement sind.

„Als ich damit angefangen habe, war es nur ein Spaß-Projekt. Ich hatte nicht vor und bin auch nicht davon ausgegangen, dass ich damit Geld verdienen könnte, aber dann ist der Verlag auf mich aufmerksam geworden und…“

Ein modernes Märchen also.

Und dann geht es ans Eingemachte: „Es geht darum, dass wir in dieser Gesellschaft den Menschen zu wenig Aufmerksamkeit schenken, die nicht in die einfachen, binären Muster passen. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht und sich umsieht, wird man feststellen, dass es so viel mehr gibt als Mann und Frau, Zweierbeziehung und Singeldasein, Homo- und Heterosexualität. Zwischen diesen Polen gibt es so viel Raum, der einfach ignoriert wird. Menschen werden in eine Rolle gepresst und da müssen sie dann bleiben und mit diesen Rollen sind dann Ansprüche und Erwartungen verknüpft, die man vielleicht gar nicht erfüllen will.“

Gut, gut, denke ich. Sie geht es sanft und auf das Publikum abgestimmt an. Als ein mit ziemlicher Sicherheit initiierter Zwischenapplaus aufbrandet, setze ich mit ein.

„Und gerade diese Erwartungen, die immer unausgesprochen mitschwingen, werden zu Vorwürfen, wenn man den Rollen nicht entspricht. Dann kriegt man zu hören: „Warum willst du denn nicht diese Kleider tragen oder jenen Beruf lernen? Du bist doch XY!“

Ich zweifle ein wenig, ob die Lage wirklich derart schlimm ist, aber ich halte mich zurück. Ich bin ein Mann, vielleicht kann ich das nicht beurteilen.

„Und wissen Sie, die jungen Leute, die vernetzten Leute, die, wie Sie immer ein wenig abschätzig sagen, „Digital Natives“ sind da schon viel weiter. Es ist zum Beispiel auf Plattformen der sozialen Medien inzwischen Gang und Gäbe, sein Pronomen ins Profil zu schreiben, um Missgendering, also die versehentliche oder willentliche Falschannahme des Geschlechts, entgegen zu wirken.“

„Das müssen Sie jetzt aber genauer erklären“, bittet die Moderatorin, obwohl sie genau weiß, was jetzt kommt.

„Nun, Menschen, die auf Grund dieser in sie gesetzten Erwartungen, die sie nicht erfüllen wollen oder können, diskriminiert werden, erleben diese oft gar nicht böse gemeinten Unterstellungen des Geschlechts als verletzend, als gewaltvoll und traumatisierend. Um diesen Traumatisierungen und Retraumatisierungen entgegen zu wirken, um Menschen, die solchen Aggressionen ausgesetzt sind, zu schützen, wollen wir – also meine Kolleginnen und ich – dass ein Klima geschaffen wird, in dem solche Aggressionen nicht mehr vorkommen. Dafür muss die Gesellschaft sich verändern und dafür muss ein Bewusstsein geschaffen werden. Und wir haben uns überlegt, dass es zum Beispiel helfen würde, um Menschen richtig anzusprechen, wenn man gleich ablesen könnte, welches Pronomen sie bevorzugen. Deshalb haben wir auf unseren Kongressen solche Anstecker ausgelegt, auf die jeder sein Pronomen schreiben kann. Das trägt er dann gut sichtbar am T-Shirt oder am Pullover und so kann niemand mehr aus Versehen missgendert werdet. Die Idee haben wir, wie gesagt, aus den sozialen Medien in die sogenannte echte Welt übertragen.“

Die ersten öffnen schon zaghaft ihren Filzstift und sind drauf und dran, ihr Pronomen auf ihren Anstecker zu schreiben.

„Aber“, kommt es aus meinem Mund, ich kann nichts dagegen tun, „Entschuldigung, aber, finden Sie nicht, dass diese Praxis etwas Protofaschistisches hat?“

„Was?“, schnappt sie mich an.

„Ich meine, finden Sie nicht, dass es ein bisschen zu weit geht, Menschen auf ein Pronomen festlegen zu wollen und dadurch auf ihre Identität zu schließen? Ist das nicht genau das, was Sie ablehnen und was Sie entgegensteuern wollen?“

„Es geht darum, dass Menschen, die ständig diskriminiert werden, weniger diskriminiert werden, indem Menschen, die eigentlich nicht diskriminieren wollen, eine Hilfe bekommen.“

„Aber ist es das wert? Sie zwingen damit ja, unentschiedene Menschen, die sich nicht festlegen wollen, sich festzulegen.“

„Sie können gerne auch alle Pronomen aufschreiben, wenn für Sie alle in Ordnung sind.“

„Das war nicht meine Frage“, sage ich ruhig, „Was, wenn ich mich nicht festlegen will. Kann ich dann auch kein Pronomen aufschreiben? Ginge das?“

„Natürlich können Sie tun, was sie wollen, aber als Zeichen der Solidarität…“

„Ich bin nicht solidarisch mit Menschen, die andere Menschen markieren wollen“, rede ich dazwischen.

„Wir wollen niemanden markieren.“

„Sie wollen, dass man sich selbst markiert. Glauben Sie nicht, dass insbesondere für die Randgruppen und Minderheiten, die Sie mit dieser Aktion schützen wollen, diese Anstecker eine Gefahr darstellen könnten. Immerhin müssen sie sich damit jedem, zu jeder Zeit und an jedem Ort offenbaren.“

„Wenn es jeder tut, in einem abgesteckten Rahmen, einer Universität zum Beispiel, sind wir einander gleichgestellt und jeder muss sich zwangsläufig mit der Thematik, seiner Identität und seine Privilegien auseinandersetzen.“

„Wie kann man gleichzeitig gleichgestellt sein und Privilegien haben?“, frage ich.

„Ich rede von einem Ziel, nicht von einem Ist-Zustand. Es geht um Normalisierung.“

„Ihr Ziel ist es also, Menschen zu zwingen, sich festzulegen und sich bloßzustellen. Auch diejenigen, die gar nicht „normal“ sein wollen? Also ohne das hier jetzt ins Extrem denken zu wollen, ich habe Probleme damit, jedem ins Gesicht zu drücken, als was ich betrachtet werden möchte. Mich interessiert viel mehr, was andere glauben, das ich bin. Das sagt nämlich mehr über sie als über mich aus.“

„Das heißt, Sie hätten kein Problem damit, wenn man Sie konsequent mit „Frau Beckmann“ ansprechen würde?“

„Kommunikation ist ein bisschen komplexer als die Verletzung, die Sie zurecht ansprechen. Wenn Sie mich konsequent als „Frau Beckmann“ ansprechen, obwohl Sie es besser wissen, dann tun Sie das, weil sie mich provozieren wollen, weil sie glauben, dass mich das aufregt – was es übrigens nicht tun. Es offenbart allerdings, dass Ihnen der Gedanke, man könne einen Mann dadurch beleidigen, dass man ihm Weiblichkeit unterstellt, nicht fremd ist.“

„Aber ich kann es ja gar nicht besser wissen, sie haben ja ihren Anstecker nicht an“, meint sie.

„Robert ist ein männlicher Vorname. Den kennen Sie. Ich verwende ihn. Der Verdacht liegt nahe, dass ich ein Mann bin.“

„Sehen Sie und das ist Ihr Privileg.“

Ich seufzte: „Das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist, dass man Fehler, die keine Angriffe sind, nicht als Angriffe werten darf, wenn man die Kommunikation nicht kaputt machen will. Was Sie mit diesen Ansteckern hier tun, ist, die Kommunikation abzuwürgen, statt sie in Gang zu bringen – und zwar, weil Sie Angst davor haben. Vielleicht weil Sie zu oft verletzt wurden, das mag sein. Die Antwort darauf kann aber doch kein Rückzug sein. Sie können sich doch nicht schmollend in ihren geschützten Rahmen zurückziehen und dort nur noch mit den Leuten reden, deren Ansichten ihnen nicht weh tun und die tun, was Sie vorschlagen. Wenn Sie etwas erreichen wollen, dürfen Sie aus Konflikten nicht aussteigen, indem Sie sie Missbrauch nennen und Anklage erheben. Das hat nichts mit Emanzipation zu tun. Sehen Sie, das meine ich mit „protofaschistisch“. Sie rufen nach Sanktionen, nach Bestrafung für Leute, die sich nicht an Ihre Regeln halten. Sie wollen, dass diese Leute geschmäht werden, sie nennen sie unsolidarisch und feindselig, dabei beinhalten Ihre Regeln das Tragen von Abzeichen und vermutlich auch das Führen von Listen. Ich dachte, wir wären in diesem Land inzwischen einen Schritt weiter!“

„War das der obligatorische Nazivergleich?“, keift sie mich an.

„Wenn ihn sonst keiner bringt“, schnappe ich zurück.

„Dann will ich Ihnen mal etwas sagen: Leute wie Sie sind es, die nicht erkennen, auf was für einen hohen Ross sie sitzen. Sie haben das nie erlebt. Sie sind mit ihrer Rolle zufrieden und haben alle Erwartungen erfüllt. Natürlich brauchen Sie keinen Anstecker, aber dass Sie sich verweigern und sie damit die Probleme und Verletzungen andere, weniger privilegierter Leute leugnen, das nenne ich unsolidarisch.“

Mich wundert, dass die Moderatorin nicht endlich dazwischen geht, aber so lange sie es aus dem Ruder gehen lässt, so lange werde ich nichts dagegen tun.

„Ich nenne es egozentrisch, davon auszugehen, dass das, von dem Sie glauben, dass es gut für Sie ist, gut für alle ist. Sehen Sie, selbst, wenn ich keine Bedenken wegen des faschistoiden Charakters dieser Sache hätte, so bin ich ganz persönlich dagegen, immer und überall Klarheit zu schaffen. Kunst lebt von der Ambiguität, von der Annahme und der Interpretation, davon, dass man die Rollen wechseln und neue Erfahrungen sammeln kann. Wie Sie richtigerweise sagen, gibt es etwas zwischen den Polen. Das kann man aber nur erfahren und erforschen, wenn man sich selbst dorthin begibt, wenn man die Rollen nicht nur wechselt, sondern ganz fahren lässt. Wenn Sie Freiheit schaffen wollen, hören Sie auf, zu definieren. Erweiterung ist nicht Befreiung. Ich mag das Unentschiedene, das Subjektive und die Unsicherheit, denn sie ist es, die uns zum Reflektieren anregt, nicht der Zwang, uns festzulegen. Am Ende sind es ja doch nur Wörter und Bezeichnungen, die sich jemand ausgedacht hat und welche Gedanken sie befeuern, kann niemand je kontrollieren.“

„Lippenbekenntnisse“, wirft die aufgebrachte, junge Frau ein, „Für jemanden, der sowieso nichts zu verlieren hat, ist es einfach, sich für Unsicherheiten zu interessieren. Diejenigen, die in diesen „Unsicherheiten“ leben müssen, wünschen sich nichts mehr als Sicherheit und Verlässlichkeit.“

„Und sie halten sich an ihrem Anstecker fest, wenn sie von einer Bande Nazis auf offener Straße angegriffen und zusammengeschlagen werden?“, antworte ich.

„Sie plädieren also dafür, dass wir uns zu unserem eigenen Schutz weiter verstecken?“

„Ich plädiere dafür, dass jedem die Wahlfreiheit bleibt, sich zu schützen oder sich zu outen. Sie verstecken sich doch selbst hinter ihrem Pronomen. Damit gehen Sie Diskussionen und Fragen aus dem Weg. Wenn sie unangenehme Gespräche verbieten wollen, müssen Sie Gespräche generell verbieten.“

„Nein, ich kläre die Fragen, bevor sie gestellt werden. Es ist auch ein Service für Menschen, die sich unsicher sind, wie sie uns ansprechen sollen, ohne uns zu verletzen. So machen wir Kommunikation in vielen Fällen erst möglich. Niemand will Ihnen im Übrigen die Wahlfreiheit nehmen, cis-sexuell zu sein!“, ruft sie sarkastisch.

„Es ist schön, dass Sie sich meiner Identität so sicher sind. Ich für meinen Teil bevorzuge die Unschlüssigkeit“, ich versuche ihr versöhnlich zuzuzwinkern, aber sie missdeutet das Signal.

„Was sollte das denn jetzt?“

„Nichts“, sage ich.

„Meinen Sie, wenn sie mich von oben herab behandeln, wären Sie mir überlegen?“

„Um Himmels Willen. Ich wollte das Thema eigentlich in Frieden zu Ende führen. Ich glaube, wir haben beide unsere Punkte vorgetragen. Die Menschen da draußen können ja jetzt entscheiden, wen sie überzeugender fanden.“

„Sie haben mich ja kaum zu Wort kommen lassen, sondern gleich angegriffen!“, behauptet sie.

„Entschuldigung. Ich habe vielleicht ein bisschen zu viel vorausgesetzt, weil ich Ihr Buch natürlich schon gelesen habe.“

„Aber Sie wissen schon, dass das extrem übergriffig war?“

„Gleich extrem?“

Hilfe suchend blickt sie sich nach der Moderatorin um, die in Mitten ihrer Gäste sitzt und nicht mehr weiß, was ihre Aufgabe ist. Aber sie berappelt sich wieder und nimmt ihren mit „sie/ihr“ beschrifteten Anstecker in die Hand und heftet ihn sich ans Revers, direkt neben ihr Mikrofon: „Also ich finde, das ist eine interessante Idee zu einem Thema, zu dem ich mir ehrlich gesagt noch keine großen Gedanken gemacht habe. Insbesondere, dass hier etwas aus den digitalen Medien in die analoge Welt zurückschwappt… Das ist neu und sehr inspirierend. Vielleicht ist das ja auch etwas für Sie zu Hause. Jedenfalls regt es zum Nachdenken an, wie Sie eben gehört haben. Man kann natürlich immer unterschiedlicher Meinung sein, aber es ist doch gut, dass man sich austauscht. Dafür ist diese Sendung ja da.“

Aber ihr Schlichtungsversuch kommt zu spät. Die junge Frau, auf deren Anstecker übrigens auch „sie/ihr“ steht, ist beleidigt: „Man muss leider immer wieder feststellen, dass es gerade Männer sind, die solche Ideen hemmen oder im Keim ersticken.“

Wehret den Anfängen, will ich sagen, aber ich schweige. Vielleicht bin ich auf dem Gebiet wirklich nicht neutral. Meine Abneigung gegen das Sich-Festlegen, das Sich-Einspannen-Lassen, gegen Entscheidungen, dagegen Termine zu vereinbaren und pünktlich zu sein, ist legendär. Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit zu etwas uneingeschränkt ja gesagt. Ich habe etwas gegen Überzeugungen und feste Identitäten. Es geht niemanden etwas an, was ich gerade von mir halte. Oft kann ich ja kaum selbst damit umgehen, wer oder was ich bin, da habe ich nicht auch noch das Bedürfnis, einen öffentlichen Seelenstriptease hinzulegen. Ich hasse Selbstdarstellung so sehr, wie ich Klappentexte auf Büchern hasse.

„Entschuldigung“, sage ich noch einmal, „aber es gibt Dinge, die darf man nicht unkommentiert geschehen lassen. Sie halten das vielleicht für unhöflich, aber…“

„Ich glaube, Sie haben Ihren Punkt klar artikuliert“, sagt die Moderatorin und hofft, dass ich endlich still bin.

Stattdessen sage ich: „Moment mal!“. Ich bin hier nicht in der Schule und muss mir nicht von einem Lehrer den Mund verbieten lassen.

„Die Regeln unserer Sendung besagen, dass die Gäste nacheinander an die Reihe kommen.“

„Ich dachte, Sie finden es gut, wenn man sich austauscht?“

„Aber unsere Sendezeit ist begrenzt.“

Jetzt passiert, was ich schon vor einer ganzen Weile erwartet habe. Jemand aus der Regie, gibt eine Anweisung über Funk direkt ins Ohr der Moderatorin: Wirf den Psychopathen raus! – Oder so ähnlich.

„Herr Beckmann, die Regie sagt mir gerade…“

„Kein Problem“, falle ich ihr ins Wort, „Sie müssen mich nicht rauswerfen. Ich gehe freiwillig. Ich glaube nicht, dass Sie heute noch ein vorurteilsfreies Gespräch mit mir führen wollen und das kann ich nachvollziehen.“

„Aber nicht doch…“, versucht sie, zu beschwichtigen, „Es ist nur, die Zeit…“

Aber ich bin schon aufgestanden, habe mich losgekabelt und kann jetzt nicht mehr zurück. Ich stapfe davon. Niemand applaudiert. Schweigen. Stille. Verschwommene Bilder. Ich erbreche Apfelsaft auf den Teppich im Flur hinter den Kulissen.

Das Telefon klingelt.

Rausgeschnitten. Ich muss unwillkürlich lachen. Schallend. Sie haben mich komplett rausgeschnitten und das Interview mit der Dame nochmal wiederholt, ohne dass jemand Widerworte gegeben hat. Ich lache Tränen. Ich liege auf dem Boden vor Lachen. Noch Stunden später bin ich geschüttelt von Lachkrämpfen, die mir langsam Schmerzen in den unteren Bauchregionen verursachen.

„Aber keine Sorge“, versichert mir Amanda, „Einige der Studiozuschauer haben schon Gerüchte losgetreten und außerdem warst du angekündigt. Es ist nur noch eine Sache von Tagen, bis sie unter dem Druck einknicken und das ganze Material rausgeben.“

Ich weiß nicht, ob ich das will. Als ich mir den Nachmittag in diversen Internetforen um die Ohren schlage, beschleicht mich das ungute Gefühl, hier zumindest in Teilen Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Leute, die mich wahrscheinlich nicht kennen und auf gar keinen Fall mögen sollen, finden, die Zensur meines Auftritts sei ein Verstoß gegen die Menschenwürde. Drunter machen sie es nicht.

Eine Kaskade an Vorwürfen und Beschimpfungen wird über den Fernsehsender und die arme Moderatorin ausgekippt. Die selbstermächtigten Rädelsführer sind jedoch weder Fans meiner Musik, noch Verfechter der allgemeinen Redefreiheit. Sie wollen nur gerne sehen, wie einer bunten, durchgeknallten Frau in der Öffentlichkeit widersprochen wird, weil das sie in ihrer Meinung bestätigt, dass Frauen generell durchgeknallt sind und ihnen immer widersprochen gehört – es sei denn sie sagen, etwas, das ihnen gefällt. Noch besser aber: Sie – also die selbstermächtigten Rädelsführer - sagen selbst, was ihnen gefällt und die Frauen nicken nur verständig und bestätigend im Hintergrund.

Kurz überlege ich, ob ich etwas dazu schreiben soll, ob ich versuchen soll, die Wogen zu glätten, oder ob ein offizielles Statement in dieser Phase sinnvoll ist. Aber mir fällt nichts ein. Mein Gehirn ist wie ausgeschaltet. Autopilot. Nur noch die notwendigsten Körperfunktion. Ich, allein in der Wildnis.

Als mich in der Nacht aus dem Nichts ein akuter Anfall von Verzweiflung heimsucht, rufe ich meinen Bruder an und frage ihn, wie man es schafft, anständig und gleichzeitig am Leben zu bleiben.

Er, inzwischen ein Mann, der kurz vor dem Eintritt in einen Lebensabschnitt steht, der ihn unweigerlich als Studiogast in die Fernsehtalkshows der dritten Programme treiben wird, weiß keinen Rat. Solche Probleme habe er in seinem Leben nie gehabt.

„Speditionskaufmann, das hätte ich mal werden sollen“, sage ich.

„Allein deine Faulheit stand dir im Weg“, sagt er, findet seinen Witz urkomisch und ich lege auf. Salz in meinen Wunden kann ich beim besten Willen nicht gebrauchen.

„Anstand? Was ist das?“, frage ich mein Spiegelbild im nachtdunklen Badezimmer. Ich habe mir angewöhnt, mich tastend durch meine Wohnung zu bewegen, um den vorwurfsvollen Blicken und Diogenes‘ Lampe zu entgehen.

„Schweigen“, sagt der Toilettendeckel, „Schweigen ist Anstand.“

„Nichts da!“, mischt sich das Waschbecken ein, „Man muss reden und handeln, wenn man Zeuge einer Ungerechtigkeit wird.“

„Aber was, wenn man zum Schweigen gebracht wird und keine Handlung zu etwas führt, außer zu noch mehr Schwierigkeiten?“

Niemand antwortet. War ja klar, wenn es kompliziert wird, tun sie alle wieder seelenlos.

„Den Rahmen selbst bestimmen, in dem man sich äußert und handelt“, sagt mein Spiegelbild, „Das wäre zutiefst unanständig und feige.“

„Also kein Statement auf der Homepage.“

„Und keine Anfragen“, sagt das Spiegelbild.

„Keine Tweets, keine Facebook-Beiträge und auf gar keinen Fall die Band mit reinziehen“, ergänze ich.

„Du hast es begriffen. Sitz es aus, meine Freund! Lass die anderen sich um Kopf und Kragen reden. Am besten, du gehst in den nächsten Tagen nicht vor die Tür, was hältst du davon?“

„Ich halte das für eine gute Idee“, erkenne ich an.

Das Telefon klingelt. Es klingelt ununterbrochen. Es klingelt Tag und Nacht. Es klingelt in Stereo und im Kanon mit sich selbst. Es klingelt, in meinen Träumen. Es klingelt vom Himmel herab und aus den Tiefen der Erde heraus. Es klingelt in meinem Herzen und in meinen Gedanken. Es klingelt in jedem Atom diese Universums. Das Klingeln ist die Konstante, die jedwede Existenz zusammenhält. Würde ich rangehen, wäre das womöglich die Vernichtung allen Seins – oder seine Umkehrung in Nichtsein. Es klingt verlockend. Es klingelt verlockend.

Ich habe zweihundertsiebenunddreißig ungeöffnete eMails und jemand hat tatsächlich um drei Uhr letzte Nacht an meiner Wohnungstür geklingelt. Ich beschließe, zu warten, bis sie die Polizei das Schloss aufbrechen lassen, weil sie auf die Geschichte hoffen, mich als erste aufgeknüpft am Fensterkreuz zu finden. Ich schließe Wetten mit mir selbst ab. Vier Tage. Zwei Tage, wenn Amanda die Nerven verliert. Bis dahin ernähre ich mich vom Schmutz in meiner Wohnung.

Ich verliere gegen mich selbst. Bereits am selben Abend steht mein Bruder vor dem Haus und schreit wie blöd herum: „Mach die Tür auf, oder ich rufe die Polizei! Hörst du? Ich war den ganzen Tag unterwegs wegen dir!“

Na schön. Ich gebe auf, lasse die Rollläden nach oben, scheue kurz vor dem diesigen Abendlicht zurück, es ist jedoch nicht stark genug, um mich zu Staub zerfallen zu lassen.

Ich lasse meinen Bruder herein, mache mich auf eine erzieherische Standpauke gefasst, werde stattdessen jedoch in eine Umarmung eingeklemmt.

„Was machst du nur für Sachen?“, fragt er.

„Nichts“, gestehe ich – ein wenig schuldbewusst.

„Du rufst mitten in der Nacht an, legst einfach auf und reagierst dann auf nichts mehr. Deine Wohnung ist dunkel. Kein Mensch hat dich gesehen. Du meldest dich nirgendwo. Seit Tagen!“

Das ist eine Übertreibung, aber ich lasse sie ihm durchgehen. Es ist schön, von einem menschlichen Wesen umarmt zu werden und sein Körper ist wärmer als meine Wohnung. Vielleicht klammere ich ein wenig, aber er lässt es mir durchgehen.

„Geht es dir gut, Rob?“, fragt er schließlich, als es doch ein bisschen komisch wird.

„Hervorragend“, sage ich, „Ich habe die Republik gespalten.“

„Ich weiß nicht, ob es gut ist, dass du hier alleine lebst“, sinniert er.

„Wieso?“, frage ich und grinse ihm ins Gesicht,

„Du siehst furchtbar aus. Schläfst du?“

„Dauernd.“

„Isst du?“

„Ab und zu.“

„Trinkst du?“

„Nur Kaffee.“

„Sonst irgendwelche Substanzen?“

„Ibuprofen. Für den Kopf.“

„Rob, du musst dringend deine Zähne putzen und dich mal duschen.“

Ich lasse ihn los. Enttäuscht.

„Lass uns rein gehen, ja?“, schlage ich vor.

 

Wir sitzen in meiner Küche. Ich bin frisch geduscht. Mein Bruder hat Kaffee gekocht.

„Rob, alle machen sich Sorgen um dich. Hendrik hat mich angerufen, weil du nicht ans Telefon gehst.“

„Vielleicht stimmt etwas mit meinem Anschluss nicht“, sage ich, „Bei mir hat kein Telefon geläutet.“

„Hast du Geldsorgen?“

„Nein. Wird das hier ein Verhör? Es geht mir gut, hörst du!“

„Vielleicht brauchst du mal Urlaub?“

„Ich habe 24/7 Urlaub!“, ich bin ein wenig zu schnell und zu laut. Er nimmt es mir nicht ab.

„Rob, du musst mal hier raus!“

„Und wohin?“

„Was weiß ich? An den Strand. Nach Italien. In die Berge. Schau dir die Welt an!“

„Die hab ich schon gesehen“, sage ich.

„Geh mal aus! Lad Leute ein! Lass mal Licht in deine Bude!“

„Bitte. Kannst du bitte aufhören, so zu tun, als hätte ich irgendeine Krankheit! Ich bin nicht verrückt und du kannst jedem sagen, der es hören will, dass ich ihn enttäuschen muss: Ich werde mir nicht in einer kalten, stürmischen Nacht die Pulsadern aufschneiden, weil ich das romantisch finde. Ich will einfach nur meine Ruhe. Kannst du das verstehen? Meine Ruhe! Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht, okay. Kapiert. Ich schäme mich. Aber damit ist doch mein Leben nicht zu Ende.“

„Davon redet doch niemand!“, unterbricht er mich, „Du hast auch keinen Fehler gemacht. Du hattest Recht und jeder weiß das!“

„Es ist ein bisschen komplizierter als das“, sage ich, „Es solidarisieren sich Menschen mit mir, mit denen ich mich nicht solidarisieren würde. Und wenn du eine Person des öffentlichen Lebens bist, wirst du an denen gemessen, die dir die Stange halten. Aber die kannst du dir eben nicht aussuchen. Das ist wie, wenn Nazis sich für den Tierschutz einsetzen. Da willst du ja auch nicht plötzlich mit Tierquälerei als neuer Freizeitbeschäftigung anfangen, um ein Zeichen gegen Nazis zu setzen.“

„Du hast doch nicht etwa Kommentarspalten gelesen?“, es ist ein ernsthafter Vorwurf und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu gestehen.

„Anfängerfehler“, verteidige ich mich, „Ich dachte, wenn ich mich zurückziehe und mich nicht weiter äußere, erledigt sich die Sache von allein. Mit Stil von der Bildfläche verschwinden und trotzdem der Talk of the Town bleiben…“

„Ich bin kein Experte für solche Sachen“, sagt mein Bruder.

„Ich doch auch nicht.“

„Aber du hast doch Leute für sowas, oder etwa nicht?“

„Kann schon sein. Vielleicht. Keine Ahnung, was diese Typen da um mich herum eigentlich machen.“

Es ist eine befremdliche Situation. Ich bin wieder der kleine Bruder, der irgendwie Mist gebaut hat und vom großen Bruder vor den Eltern gedeckt werden muss, wofür ich ihm eine Schachtel Zigaretten ausgeben muss. Aber wir wissen beide, dass es niemand mehr darauf anlegt, mich zu erziehen. Wenn man erwachsen ist, geht es nur noch um Bestrafung. Da ist niemand mehr, der eigentlich nur dein Bestes will und der darüber hinweg sieht, wenn du sie hintergehst und trotz Hausarrest aus dem Fenster kletterst.

Wir schweigen eine Weile und ich beobachte, wie vor dem Küchenfenster der blasse Halbmond hinter den Wolken hervor lugt und wieder verschwindet.

„Wenn du willst, kann ich dich zu einem Arzt begleiten“, sagt mein Bruder schließlich.

Ich sacke kurz in mich zusammen, verdrehe die Augen und zwinge mich dann, ihm ins Gesicht zu schauen: „Es geht mir gut!“

„Du bist in einer Ausnahmesituation. Die äußeren Umstände… Es ist keine Schande, wenn man damit überfordert ist.“

„Du fragst mich vorhin durch die Blume, ob ich Drogen nehme und jetzt willst du mich zu einem Arzt schleppen, damit er mir welche verschreibt?“

„Ach Rob, du weißt, was ich meine…“

„Auf die Dosis kommt es an, oder was?“

„Manchmal bist du unausstehlich!“

Er hat Recht. Manchmal schließen sich meine Fenster der Zugänglichkeit ganz plötzlich und alles was übrig ist, ist ein Anrufbeantworter mit einer Endlosschleife an Gemeinheiten.

 

Ich lasse meinen Bruder auf meiner Couch schlafen und am Morgen das Bad benutzen. Frühstück muss er sich an der Tankstelle holen, was er, glaube ich, ganz gerne tut, denn ich merke, dass er nur noch hier weg will. Er fürchtet wohl, dieser Ort könne ihm seine Seele oder das, was er so nennt, aussaugen.

Ich tue ihm den Gefallen, ihm noch mal zu versichern, dass ich bestimmt nicht selbstmordgefährdet bin und mich noch heute Morgen bei Hendrik und Amanda melden werde. Dann werfe ich ihn hinaus. Ich hoffe, meine Couch hat seinem Rücken den Rest gegeben und wenn ich eines Tages einmal so schüttere, graue Haare haben sollte, werde ich mich ganz sicher umbringen.

Das Telefon klingelt. Nach einer Sekunde geht Amanda ran: „Robert, du meine Güte! Was war denn los mit dir?“

„Stromausfall“, sage ich.

„Was? Ach egal. Die Leute drehen durch, Robert!“

Sie nennt eine exorbitante Zahl, von der ich niemals geahnt habe, dass sie existiert, und meint: „So viele Klicks hast du!“

„Aha.“

„Nicht alle Reaktionen sind positiv, aber die Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit! Sag, wie weit bist du mit den neuen Liedern?“

„Äh…“

„Es muss schnell gehen! Jetzt wo die Suppe kocht…“

„Amanda, ich glaube, ich brauche noch ein bisschen Zeit.“

„Natürlich, natürlich. Ganz wie du willst. Willst du irgendwas dazu sagen?“

„Nein“, sage ich.

„Okay. Sollen wir etwas…“

„Nein. Herrgott noch mal! Niemand sagt noch etwas dazu! Ist das klar? Keine Anfragen, keine Statements. Ich bin es leid. Ich habe alles dazu gesagt, was ich zu sagen hatte. Die Frau wird so viele Bücher verkaufen, wie sie es sich in ihren kühnsten Träumen nicht auszumalen getraut hat. Das sollte ihr doch reichen, oder nicht?“

„Sie hat es im Augenblick auch nicht leicht“, gibt Amanda zu bedenken.

„Ich hab einen Tipp für sie: Sie soll sich tot stellen, dann hat sie wenigstens ein paar Tage ihre Ruhe! Reiß alle Kabel raus! Hack das Telefon in Stücke!“

„Bitte, Robert!“

„Soll sie mir etwa leidtun? Sie ist und bleibt eine Protofaschistin! Und wenn die Literaturkritik das so in ihre Artikel schreiben will, dann haben sie meinen Segen.“

„Robert, bist du vielleicht ein wenig verspannt?“

„Ich bin völlig klar!“, sage ich und lege auf.

 

„Gut so“, sagt die Kaffeemaschine, „Du musst ihnen zeigen, wo deine Grenzen sind, sonst nutzen sie dich aus.“

Ich proste ihr zu. Dann rufe ich Hendrik an.

„Robert, bist du es? Dein Bruder hat mich angerufen. Wie geht es dir?“

„Gut, gut“, sage ich enthusiastisch.

„Du hast so lange nichts von dir hören lassen. Wie sieht es aus mit den Liedern?“

„Hervorragend. Ich habe es gestern fast geschafft, die Gitarre abzustauben.“

„Robert, bitte, du musst sagen, wenn etwas nicht stimmt!“

„Okay, Hendrik, wir sind Freunde und ich vertraue dir. Was seht ihr, das ich nicht sehe? Was soll nicht stimmen mit mir?“

Hendrik sucht nach Worten. Sie sind nicht seine Stärke: „Du bist unzuverlässig und unkontrollierbar. Du schläfst bei einer Preisverleihung ein, bist aggressiv in der Öffentlichkeit und dann für niemanden mehr zu erreichen. Findest du das normal? Dein Bruder meint, du siehst total fertig aus, bleich und verwahrlost. Deine Wohnung sei schmutzig und deine Ernährung schlecht. Du hast abgenommen. Schon wieder.“

„Das ist der kreative Prozess“, sage ich, „Da muss man durch.“

„Und du belügst die Leute um dich herum.“

„Okay“, ich gebe auf, „Ich habe mich gehen lassen. Ich gebe es zu. Ab jetzt reiße ich mich zusammen. Kein Sarkasmus mehr, versprochen.“

„Niemand kann dir helfen, wenn du dir nicht helfen lassen willst“, sagt Hendrik.

„Ich krieg das schon hin. Ich habe es immer hingekriegt. Es war nicht gelogen. Es ist der kreative Prozess. Man muss nur die erste Mauer durchbrechen. Und diese hier ist eben besonders hart und dick. Keine Sorge, es ist nichts Persönliches. Ich brauche nur Zeit.“

Ich höre, wie er am anderen Ende der Leitung versucht, ein Seufzen zu unterdrücken. Und er hört den gleichen Versuch an diesem Ende der Leitung. Wir legen auf und sind unzufrieden mit uns selbst.

Das Telefon klingelt.

Jemand, den ich kenne und der behauptet, ganz dicke mit mir altem Punkbruder zu sein, hat ein Buch geschrieben. In einem gewissen Alter tun das Menschen im Musikgeschäft. Dann wenn sie auf der Bühne nicht mehr so abgehen können und ihnen auffällt, dass sie in all den Jahren des Rock’n’Roll-Lifestyles nicht an ihre Altersvorsorge gedacht haben.

Man erwartet eine Meinung von mir, immerhin habe ich mich ja vor kurzem als eifrigen Leser aktueller Literatur und scharfen Kritiker geoutet. Ich sage zu, beweise guten Willen. Was soll ich auch anderes tun? Ich habe ja Zeit.

Man schickt mir die Fahnen und ich versuche, sie zu lesen, doch die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Mehrfach fange ich von vorne an, vergesse wieder, was ich gelesen habe. Ich gebe auf und schließlich folgendes Statement: „Ein tiefgründiger, abgründiger Roman, der eine ganz neue Seite des Autoren offenbart.“

Ich weiß nicht, ob sie es so veröffentlichen, ob sie es als Werbung benutzen und auf den Klappentext drucken. Es ist mir auch egal. Ich bin kein Literat und keine Referenz. Niemand sollte mich ernst nehmen. Wieso nehmen mich alle so ernst?

Jemand bittet mich im Supermarkt um ein Autogramm und nennt mich „Robert, bist du es?“ Ich habe diesen Menschen noch nie getroffen, trotzdem geht mir diese seltsam einseitige Vertrautheit nahe. Irgendwo in der Mitte meines Brustkorbes ballt sich etwas zusammen und krampft.

Jeder will dein Freund sein, Robert, denke ich, besser als, wenn jeder dich tot sehen wollte, oder abgebrannt, oder Schnecken fressend im Dschungel. Jeder schätzt dich hoch. Jeder macht sich Sorgen. Du hast ihnen viel gegeben und jetzt wollen sie sich bedanken. Sei ein bisschen freundlich. Lass ein Foto mit dir machen. Gib ihnen einen Beweis für euer Treffen und deinen desolaten Zustand.

„Ja, ich bin verwahrlost“, sage ich zu meinem Spiegelbild im Schaufenster einer Boutique.

„Aber das ist in Ordnung“, beruhigt es mich, „Irgendjemand wird sogar das als Beweis für deine Genialität heranziehen.“

Wenn man so konventionell geworden ist, dass die eigene Verkommenheit so harmlos wirkt, dass die Spießer sie anerkennend „unkonventionell“ nennen, ist es kein Wunder, dass sich alles vor einem dreht und verwischt. Ich stolpere nach Hause und rufe Trixie in Chicago an. Sie ist nicht da. Ich hinterlasse eine Nachricht: „Keine Sorge, es geht mir gut. Wollte nur Bescheid sagen.“

Ich bin vom Nichtstun erschöpft. Ich weiß nicht, wie Menschen es anstellen, dass sie jeden Morgen aufstehen und zu ihren Arbeitsstellen fahren, wo sie Stunde um Stunde immer dasselbe tun. Oft ertappe ich mich, wie ich herumsitze und starre. Auf nichts Bestimmtes, einfach nur so in den Abgrund. Und dann nagt in mir der Gedanke, dass ich dankbar dafür sein sollte, dass man mir die Zeit gewährt, depressiv sein zu können.

Im Fernsehen läuft eine Dokumentation über die jüngere Geschichte der Popmusik. Es muss ein Feiertag sein. Man sieht Ausschnitte von Musikvideos. Um sie in voller Länge zeigen zu können, fehlt den Zuschauern inzwischen die Geduld. Konzertschnipsel. Stroboskoplicht. Liam Gallagher, der auf eine Kamera einschlägt, Brett Anderson, der sich bewegt, wie ich es gerne gekonnt hätte in dieser Zeit. Barfuß. Gibt es etwas, das Männer sein können, das mehr Sex ausstrahlt?

Als ich meine eigene Fresse sehe, zappe ich weiter. Es macht mich traurig, dass sie uralte Interviews wie gefledderte Leichen zweit- und drittverwerten. Eine Popkultur-Doku auf einem Privatsender ist in etwa so schlimm wie eine im Teleshopping vertriebene CD-Box mit den größten Radiohits der 80er.

Mir fehlt das Musikfernsehen. Mir fehlt meine Jugend. Mir fehlen die Ideen.

Ich blättere durch Bücher und alte Zeitschriften, die ich in einem zusätzlichen Kleiderschrank aufbewahre und sammele seit ich fünfzehn bin. Bands, an die seit 20 Jahren niemand mehr denkt. Filme, die inzwischen zu modernen Klassikern geworden sind. Platten, die hochgelobt wurden und sich später als peinliche Ausrutscher entpuppten. Fotos, auf denen Hendrik und ich aussehen wie Teenager. Völlig bartlos und mit scheuem Blick gezielt an der Kamera vorbei. Alex immer mit einer Zigarette zwischen den Zähnen. Trixie in einem sonderbaren Kleidungsstück mit einem Kragen aus Pfauenfedern.

„Wer Musiker werden will, will notwendigerweise immer jemand anderes sein, als der, der er ist. Er erträgt es logischerweise nicht, wenn alle ihn so haben wollen, wie er ist“, werde ich zitiert.

Das Telefon klingelt.

Trixie ist besorgt wegen meiner Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter.

Es ist ein unangenehmes Gespräch, in dem sie mir partout nicht glauben will, dass ich nichts getrunken habe.

„Ich dachte nur, weil es gerade alle so interessiert, wie es mir geht“, erkläre ich ihr.

„Rob, ich würde dir wirklich gerne helfen und dir sagen, was du tun sollst, aber ich weiß es nicht“, sagt sie.

„Vielen Dank, aber ich brauche keine Ratschläge.“

„Bist du dir da sicher? Du hast Probleme. Du siehst sie nur nicht, oder willst sie nicht sehen.“

„Nicht jede Schwierigkeit ist gleich ein Problem“, sage ich, aber das beruhigt Trixie kein bisschen.

Dabei stehe ich viel besser da als die meisten. Ich habe mich bisher zum Beispiel keiner Sekte angeschlossen und keine Geheimlehren studiert. Ich folge keiner besonderen Ernährungsmethode. Ich esse nach wie vor Fleisch und Kohlenhydrate. Ich trinke Alkohol, wenn mir danach ist und habe mir auch sonst keine fragwürdigen Eigenschaften angeeignet, die mich als zwanghaft entlarven würden. Ich fahre sogar noch Auto, ich bin ein regelrechter Heuchler, was die Extravaganz angeht.

„Hast du etwas geschrieben?“, wechselt sie das Thema.

„Wirst du irgendwann ganz nach Chicago ziehen?“, frage ich zurück.

Der Moment ist vorbei. Vielleicht war er auch gar nicht da. Wir legen auf. Unbefriedigt. Müde. Traurig.

 

Ich rufe Alex an. Er ist immer gut für ein bisschen Ablenkung.

Die Ironie will es, dass ich Alex und Hendrik am gleichen Tag ausgerechnet in einer Kirche kennen gelernt habe. Interreligiöser Dialog. Hendrik war da, weil man im Alter von vierzehn Jahren seinem Rabbiner keine Bitten abschlägt. Alex war da, weil er einen Nebenjob als Friedhofsgärtner angenommen hatte und ich war da, weil meine Religionslehrerin freiwilliges Engagement mit guten Noten belohnte.

Hendrik und mir war die Veranstaltung gleichermaßen suspekt, hörten uns aber die ersten Begrüßungsformeln und Sympathiebekundungen gelangweilt an. Schließlich bildeten wir gemischt-konfessionelle Kleingruppen und bekamen jeweils einen Fragebogen mit Quizfragen ausgehändigt, die man im Dialog und unter Hinzunahme aller verfügbaren heiligen Schriften beantworten sollte. Ziel der Übung sollte sein, zu erkennen, dass unsere Religionen sich im Grunde kaum unterschieden und wir alle eine große, glückliche Familie waren.

„Den anderen kennenzulernen, ist der erste Schritt zu einer neuen Freundschaft“ und andere Plattitüden wurden ausgegeben.

Hendrik und ich verknusperten uns, als wir einander gut genug kennen gelernt hatten, um einander zu vertrauen, dass wir uns nicht gegenseitig bei den Hauptamtlichen verpetzen würden. Unsere gemeinsame Religion war das Rauchen.

Wir schnipsten unsere Kippen über die Friedhofsmauer, wo Alex die Möglichkeit witterte, sich wichtig zu machen. Zwei Jahre Altersunterschied machen bei Teenagern viel aus und Hendrik und ich mussten an uns halten, uns unseren Respekt nicht anmerken zu lassen.

„Wollt ihr einen Brand verursachen?“, motzte Alex uns an.

„Nein.“

„Dann tretet eure Scheißkippen gefälligst aus und werft sie nicht auf die Gräber anderer Leute! Dürft ihr eigentlich schon rauchen?“

„Natürlich“, behauptete Hendrik.

„Du hast mich überzeugt Kleiner. Du bist ja ganz grün im Gesicht. Kommt ihr vom Dialog?“

Wir nickten.

„Ziemlich langweilig, was?“

„Ach, ich finde das ziemlich sinnlos“, sagte ich, „Entweder man mag jemanden oder man mag ihn nicht. Die Religion ist da nicht ausschlaggebend.“

Und es stellte sich heraus, dass ich Hendrik und Alex mochte und sich mich auch. Wir verbrachten den Sommer auf dem Friedhof, halfen Alex bei der Arbeit, damit er früher Feierabend machen und mit uns ins Freibad kommen konnte.

Dass wir die gleiche Musik mochten, war kein Zufall. Alex brachte uns überspielte Kassetten mit und weil weder Hendrik noch ich einen bereits ausgereiften Geschmack besaßen, eigneten wir uns einfach Alex Vorlieben für Punk und Hardcore an. Er war es, der eine Band gründen und Frontmann werden wollte.

Hendrik hatte als erster eine Elektrogitarre und wurde von seinen Eltern in die Musikschule geschickt. Wenn der Junge schon Interesse an etwas hatte, musste man ihn unterstützen, so gut man konnte… Was er bei seinen Einzelstunden lernte, brachte er mir bei.

Meine Eltern streckten mir drei Monate Taschengeld vor, damit ich mir eine angeschrammte Klampfe vom Flohmarkt kaufen konnte. Nur Alex konnte sich kein Instrument leisten, was aber nicht schlimm war, denn er wollte ja sowieso singen.

Wir klangen fürchterlich. Meine Gitarre war nie gestimmt und Hendrik meinem Niveau ungefähr tausend Lichtjahre voraus. Wir coverten Sex Pistols-Songs, weil sie leicht zu spielen waren, aber der Zeitgeist ging in Richtung Grunge und niemand wollte mehr diese uralten, lahmen Songs hören.

Ich sparte auf eine Elektrogitarre, aber auch mit ihr wurde unser Sound nicht besser. Alex verlor inzwischen die Lust, denn wir fanden auch keinen Schlagzeuger, der bei uns mitmachen wollte. Wir waren einfach zu schlecht.

Irgendwann lösten wir uns sang- und klaglos auf und ich spielte nur noch allein in meinem Zimmer, wurde dadurch immer besser, schrieb schließlich eigene Songs und nahm sie auf, indem ich Alex‘ alte Kassetten überspielte.

Trixie entfachte schließlich meine alte Sehnsucht nach einer eigenen Band neu und ich trommelte Alex und Hendrik wieder zusammen, stellte ihnen meine neue Bekannte als Bassistin vor und bestimmte Alex zum Schlagzeuger. Meine Songs, meine Regeln, meine Stimme. Sie waren einverstanden, weil Trixie ihnen erklärte, wie viel Potenzial in meinen Demos steckte.

Es ist leicht, irgendwo zuzusagen, wenn keinerlei Risiko damit verbunden ist. Unsere Band war tot und begraben. Entweder ich schaffte es, sie wiederzubeleben oder eben nicht. Es gab keinen Grund für Eifersucht. Meine Idee, mein Risiko, mein Niedergang oder mein Erfolg.

Das Telefon klingelt. Alex wartet vor der Tür. Wir fahren zu dem Club, in dem er auflegt. Mit ihm Auto zu fahren ist immer noch ein Abenteuer. In jeder Kurve hofft und fürchtete man gleichermaßen, abzuheben. Er ist immer kurz davor, seinen Führerschein zu verlieren. Trotzdem habe ich mich bei ihm noch nie unsicher gefühlt. Er ist ein Typ, der Dinge umsetzt, der nicht lange grübelt, sondern einfach macht. Learning by doing. Missgeschicke sind Chancen, um es besser zu machen.

„Weißt du schon, wie es weitergehen soll?“, fragt er unverblümt.

„Ich werde mein Mobiltelefon abschaffen und keine Videospiele mehr spielen, weil ich suchtgefährdet bin“, sage ich.

„Suchtgefährdet?“

„Du weißt schon. Man hängt den ganzen Tag rum, merkt nicht mehr, wie die Zeit vergeht, starrt. Wenn etwas überhaupt keinen Spaß macht, man aber irgendwie nicht mehr aufhören kann, dann wird es gefährlich.“

„Ich wusste nicht, dass du deine Zeit mit Videospielen verbringst? Hast du die früher nicht immer als nervig empfunden?“

„Ja, doch. Es war nur so ein Beispiel. Ich hätte auch fernsehen sagen können. Ich werde nicht mehr fernsehen und keinen Kaffee mehr trinken. Und schlafen. Das hab ich mir fast abgewöhnt.“

„Rob, ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ja. Ich entgifte nur gerade.“

Ich merke, dass er sich wirklich Sorgen um mich macht, weil er mir nicht ins Gesicht sagt, dass ich wirres Zeug rede. Ein wenig enttäuscht mich das.

Alex‘ Minimaltechno ist gewöhnungsbedürftig, aber Musik ohne Melodie und Text hat eine gewisse befreiende Wirkung. Sie nimmt sich selbst nicht so ernst und wummert ganz ohne großen instrumentalen Aufwand durch den Club. Ich stehe an der Bar herum und nippe an einer Flasche Bier. Ich grüße jeden mit einem freundlichen und ehrlichen „Hallo“, um mich zu versichern, dass ich es noch kann.

Ein Mädchen kommt auf mich zu und behauptet, sie sei Fan seit dem zweiten Album. Ich gebe ihr eine Cola aus, weil sie auch erzählt, dass sie heute Abend noch fahren muss. Ein Junge fragt nach einem Autogramm und einem Foto. Ein Mann, der sich zu mir gesellt, hält mir einen Vortrag darüber, wie rüde das Fernsehen mit mir umgegangen sei, wo ich doch nur die Wahrheit gesagt hätte. Er wirkt leicht alkoholisiert und sein Atem in meinem Gesicht und seine Krächzstimme in meinem Ohr ekeln mich an.

Ich will das heute Abend nicht hören und mich am liebsten überhaupt nicht mehr daran erinnern. In Wirklichkeit ermüden mich die meisten Diskurse und beschämen mich gleichermaßen, denn es läuft immer darauf hinaus, dass die eine Seite der anderen Seite vorwirft, rückständig und konservativ zu sein und das versuchen sie, hinter einer vermeintlich aufgeklärten und intellektuellen Sprache zu verstecken. Aber ich habe zugegeben immer noch ein wenig Angst davor, dass Leute mir Konservatismus unterstellen, selbst wenn sie es anerkennend meinen, nur weil ich nicht jeder Mode hinterher laufe, die mit dem Label „links“ verkauft werden soll.

Dieser Typ jedenfalls wirkt auf mich wie einer, der nie wirklich verstanden hat, was am Konservatismus (oder an Mundgeruch und schlechten Zähnen) so uncool sein soll, immerhin findet er die meisten dieser Ideen recht einleuchtend und er findet sich ja schließlich selbst auch cool.

Ich schleppe mich hinüber zur Tanzfläche und gebe mein Bestes, aber auch Tanzen hat früher mehr Spaß gemacht. Nicht, dass ich mich schäme, ich bin ein guter Tänzer, aber es erscheint plötzlich eher sinn- und nutzlos. Wieso soll man sich bewegen und unnötig Kalorien verbrauchen? Wieso sich nicht den Atem sparen? Wieso überhaupt aus dem Haus gehen?

Ich bleibe stehen. Wie ein Esel, der plötzlich beschließt, dass er genug gearbeitet hat. Es ist auch besser so, denn die Anstrengung lässt meine Knie zittern und ich greife nach einem Geländer, um mich abzusichern. Ganz schön aus der Puste geraten. Vielleicht bin ich doch nicht mehr der Jüngste. Vielleicht muss ich mich setzen. Vielleicht muss dieses Herz sich nur mal kurz beruhigen.

Jemand fragt mich, ob alles in Ordnung ist, aber ich kann sein Gesicht nicht erkennen, es ist verschwommen, als wolle er nicht, dass sein Foto in der Zeitung abgedruckt wird.

„Ja, es geht mir gut“, sage ich und klappe zusammen.

 

Als ich wieder aufwache, befinde ich mich in der Notaufnahme und man will mich gerade hinauf in ein Zimmer bringen. Mein Schädel brummt und ich murmele etwas, von wegen man solle mir ein Taxi nach Hause bestellen.

Aber nichts da. Robert Beckmann bekommt das komplette Programm. Blutdruck, Puls, EKG, Blutbild, Thorax-Röntgen, Ultraschall, Urin und Stuhlprobe. Ich bestehe die Tests mit Bravour und darf am späten Vormittag nach Hause. Die unschöne Platzwunde über meinem linken Auge haben sie genäht. Sie pocht ziemlich und ich kann meine Finger nicht von ihr lassen.

Ich finde es rührend, wie Alex die ganze Nacht auf einem Stuhl auf dem Flur ausgeharrt hat und mir jetzt nicht mal böse ist. Er fährt mich in meine Wohnung und ich lade ihn ein, mit hinauf zu kommen.

Ich beschließe, den Rat der Ärzte zu befolgen und mehr zu trinken. Alex meint, ein Bier sei das mindeste, das ich ihm schulde und ich bin großmütig.

„Du siehst scheußlich aus“, sagt er.

„Blöd gefallen“, erwidere ich.

„Du weißt genau, was ich meine!“

„Glaubst du, du siehst besser aus? Wann haben wir zum letzten Mal eine ganze Nacht durchgemacht. Wir sind eben keine zwanzig mehr.“

„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was wir sind“, sagt er.

„Wir sind müde, Alex, sonst nichts. Wir müssen nur schlafen.“

„Du hast doch gesagt, dass du dir das abgewöhnt hast.“

„Und du siehst ja, was dabei herausgekommen ist.“

„Du betreibst Raubbau, Rob. Wirklich. Und wenn ich das erkenne, dann ist es ernst, glaub mir. Du gefällst mir nicht. Du bist so… abwesend.“

„Meine Süchte zersetzen sich in Alpträume. Du kennst diese Träume, wenn du durch eine pittoreske, verwinkelte Stadt rennst und dein Haus suchst, es aber nicht findest und dann merkst du, dass du noch nie im Leben hier gewesen bist?“, sage ich.

„Was?“

„Es ist ein Heilungsprozess. Es muss weh tun. Wenn es nicht weh tut, stirbt es ab.“

„Ach Rob, mir tut es weh, dich so zu sehen. Wenn du die Platte nicht schreiben willst, dann sag es. Dann lassen wir es. Es ist okay, wenn du es nicht schaffst. Du hast bereits bewiesen, dass du es kannst. Du musst dich nicht kaputt machen.“

„Ich muss nur einmal drüber schlafen“, sage ich, „Dann kann ich es auch zu Ende bringen. Das ist der Trick bei Alpträumen: Man muss sie zu Ende bringen, ohne dabei zermalmt zu werden.“

Das Telefon klingelt. Alex‘ Freundin fragt, wo er so lange bleibt. Er erklärt es ihr, muss dann aber doch sofort aufbrechen. Die beiden haben noch einen Termin, den er vergessen zu haben vorgibt.

„Mach’s gut, Rob.“

„Mach’s besser.“

Die Tür zu. Die Stille an. Ich nehme die Gitarre aus ihrem Ständer und sage zur ihr: „Ich weiß, dass du einen Groll gegen mich hegst, aber da müssen wir jetzt gemeinsam durch, okay?“

„Ich kann deinen Ekel riechen“, sagt sie, „Stell dich nicht so an, putz dir die Zähne, wasch dir die Hände!“

„Ein bisschen Kooperative, mehr verlange ich gar nicht.“

„Und ich verlange ein bisschen Hygiene, das ist doch wohl auch nicht zu viel verlangt. Ein bisschen Aufmerksamkeit, ein bisschen Liebe. Das habe ich doch wohl verdient! Ich habe so viel für dich getan und du dankst es mir, indem du mich in eine dunkle Ecke verbannst. Sehr freundlich!“

„Tut mir leid, ich hatte ein paar Vorbehalte.“

„Vorbehalte? Ich dachte, wir sind Freunde? Ich habe dich jedenfalls nie betrogen!“

„Ich brauchte etwas Abstand.“

„Und ich brauche etwas Pflege. Du vernachlässigst deine Pflichten. Du übergehst deine Verantwortung! Bin ich dir nichts mehr wert? Ist das alles vorbei?“

„Nein, es ist nur eingerostet.“

„Eingerostet?“

„Ich. Ich bin eingerostet.“

„Du bist festgefahren, versumpft. Und es ist deine eigene Schuld!“

Ohne auch nur einen einzigen Akkord gespielt zu haben, stelle ich die Gitarre zurück. Ihre bitteren Vorwürfe deprimieren mich. Sie ist ungerecht, finde ich. Das habe ich nicht verdient.

Ich lege mich aufs Bett und erstarre. Stunde um Stunde vergeht, ohne dass auch nur ein Gedanke meinen Kopf kreuzt. Ich habe Aussetzer. Ich habe Lücken und falsche Erinnerungen. Ich rede mit den Dingen und misstraue den Menschen.

Mein Misstrauen ist legendär. Bevor ich einem Menschen auch nur ein Wort glaube, stoße ich ihn weg und erzähle jedem, der es hören will, was für ein Lügner mich da aufs Kreuz legen wollte. Ich bin also nicht nur abweisend, sondern stelle auch sicher, dass niemand mehr mit mir befreundet sein will.

„Die Wahrheit ist: Nichts ist wahr. Nicht, was du über dich selbst zu wissen glaubst und nichts von dem, was andere dir über sich erzählen“, sagt der Radiowecker. Ich schalte ihn aus.

Mein Kopf fühlt sich an, als würde mein Hirn in einer Wanne aus Salzsäure schwimmen und das Gefühl, dass ich mich zersetze, nimmt zu.

Am Ende werde ich nur noch meine Alpträume sein, sage ich mir. Ich wandle von einem Schreckensszenario ins nächste. Jeder Schritt ein Fiasko, jede Richtung ist falsch. Aber hier kann ich nicht bleiben, denn der Boden unter mir beginnt zu bröckeln. Er rieselt mir durch die Finger wie der Sand in einer Eieruhr.

Ich spüre, wie meine Knochen gegen die Auflösung ankämpfen. Sie werden härter und steifer. Aber meine Muskeln sind bereits verschwunden. Meine Seele ist reglos wie mein Körper.

Da ist irgendwo ein Herz, erinnere ich mich. Es muss da sein, denn es versucht, sich loszureißen, autonom zu werden. Besser für es, denke ich. Ich wäre auch gerne autonom.

 

Es ist dunkel draußen. Das ist es oft in letzter Zeit. Die Wolken hängen tief. Ein Regengebiet löst das nächste ab. Vor meinem Schlafzimmerfenster heult der Wind und schleudert Gartenmöbel umher. Das Zwitschern der Vögel klingt angstvoll, als wüssten sie etwas, als wollten sie mich vor etwas warnen, das weder sie noch ich aufhalten können.

Diese Wohnung ist ein Vakuum, das sich immer weiter zusammenzieht und ich bin ein schwarzes Loch, das sich auf einen Punkt zurückzieht. Alles strebt zur Singularität. Alles wird kleiner und dichter. Da ist kaum noch Platz für Luft in meinen Lungen.

Es ist etwa Mitternacht, als ich aufstehe, um mir den Kopf zu rasieren. Ich habe die Hoffnung, dadurch besser schlafen zu können, aber danach muss ich erst einmal den Fußboden wischen und das Waschbecken säubern.

„Du siehst aus wie eine lebende Leiche“, sagt mein Spiegelbild.

„Und du siehst aus wie ein Gespenst.“

Das Telefon klingelt.

Ihre Geduld ist am Ende. Sie glauben mir nicht mehr, ich habe es zu weit getrieben. Sie haben die Nerven verloren. Es ist vorbei.

„Frau van den Berg hat ihre Bedenken kundgetan, dass Sie in Ihrem kreativen Prozess Fortschritte machen.“

„Wie will sie das denn wissen?“, frage ich genervt, „Sie ist in den USA!“

„Ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt. Frau van den Berg hat uns gebeten, uns – wie sie es ausdrückte – endlich um Sie zu kümmern, weil Sie – ebenfalls ein Zitat – vor die Hunde gingen und wir sind, um ehrlich zu sein, auch ein wenig besorgt wegen Ihrer Auftritte in der Öffentlichkeit, der Meldungen über Ihren Gesundheitszustand und dass Sie uns keinerlei Rückmeldung geben, in wie fern Sie noch an neuer Musik arbeiten…“

„Ich habe mir die Finger gebrochen“, sage ich, „Ich kann im Augenblick nicht spielen.“

„Herr Beckmann wir sind auf Ihrer Seite. Wir wollen Ihnen helfen, weiterhin Musik zu machen!“

„Aber ich hasse Musik!“, spucke ich aus.

„Aber nicht doch! Das ist nur eine Blockade. Sie sind in einem Trott gefangen, aus dem Sie alleine nicht herauskommen. Sie sind nicht der erste, dem das passiert und wir haben Lösungen für ein solches Problem.“

„Ich habe kein Interesse an Lösungen“, sage ich, „Ich bin glücklich mit meinem Problem! In diesem Schweinesystem geht es immer nur um Lösungen und nie um Akzeptanz.“

„Herr Beckmann, eine Depression kann man nicht besiegen, indem man sie akzeptiert!“

„Wer sagt, dass ich sie besiegen will?“, frage ich, „Es geht mir gut mit ihr. Sie ist mir eine bessere Freundin als die Musik!“

„Herr Beckmann wir haben für Fälle wie Ihren ein kleines Häuschen im Grünen, das wir Ihnen für ein paar Wochen zur Verfügung stellen können. Sie kommen mal raus, haben Zeit, sehen mal was anderes. Keine Termine, kein Lärm, kein Freizeitstress, wenn sie verstehen, was ich meine.“

„Sie wollen mich einweisen lassen?“

„Aber nicht doch! Wir glauben, Sie kommen da wieder ganz allein heraus. Sie sind ein intelligenter, kreativer und mutiger Mann. Sie wissen, was Sie tun können. Gerade haben Sie sich jedoch ein wenig verrannt. Wir bieten Ihnen eine Starthilfe, um den kreativen Prozess in Gang zu bringen. So wie früher. Probieren Sie es aus. Zwei Wochen. Dann können Sie abbrechen, wenn es Ihnen nicht gefällt. Oder machen Sie doch einen Vorschlag? Möchten Sie reisen? Alles, was wir erwarten, ist eine Rückmeldung.“

„Sie haben doch gar keine Ahnung, wie es mir geht“, sage ich.

„Frau van den Berg meinte, Sie bedürfen der Unterstützung.“

„Und Sie glauben Trixie mehr als mir.“

„Es ist lediglich ein Angebot. Denken Sie darüber nach und lassen Sie uns wissen, wie Sie sich unsere weitere Zusammenarbeit vorstellen. Es gefällt mir nicht, das zu sagen, aber wir haben einen Vertrag und es ist sicher in unser beider Interesse, dass er erfüllt wird.“

„Blutsauger!“, murmele ich.

„Wir wollen in erster Linie, dass es unseren Künstlern gut geht. Wir haben doch auch nichts von ausgebrannten Menschen, die sich schwer tun, Songs zu schreiben. Wir sind keine Gegner, Herr Beckmann, noch nie gewesen.“

Es fällt mir schwer, mit anderen zusammenzuarbeiten. Sie wissen das genauso gut wie ich, aber sie sagen es aus Rücksichtnahme nicht, also sage ich es: „Es war ein Fehler. Das alles. Ich bin ein Blender und unfähig, zu vertrauen. Wenn ich es allein nicht schaffen, will ich es nicht versuchen und Scheitern erscheint mir gerade eine attraktivere Option als der Erfolg zu sein. Eine neue Erfahrung, ein neues Gefühl, eine neue Seite an mir.“

„Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen. Ich weiß, Sie müssen erst Ihren Stolz überwinden, aber Stolz ist nicht immer der beste Ratgeber.“

„Ich weiß nicht, ob ich überhaupt einen Ratschlag brauche oder haben will“, sage ich, „Ich will keinen Streit. Ich will keine Anstrengung.“ Ich komme mir vor wie in einem Therapiegespräch und mir wird übel. „Ich überlege es mir“, sage ich schnell, bevor ich auflege und mich übergebe.

 

Exil. Sie schicken mir fort. Sie sind enttäuscht und ungeduldig. Es seltsames Gefühl, beschämend und befreiend. Man stirbt nicht an Unvermögen, so wie man nicht durch Genialität lebt.

Das Denken geht langsam, aber immerhin hat das Ticken wieder eingesetzt. Die Zeit läuft wieder. Oder rückt einfach nur die Explosion näher, die mich und alles um mich her vernichtet?

Die Finger tauen auf, ich es kribbelt in meinen Füßen. Es gelingt mir, etwas Wasser zu trinken und eine Scheibe trockenes Toastbrot zu essen. Ich denke an Trixie, die mir das alles eingebrockt hat. Ein Foto von uns beiden hängt an meiner Küchenwand und darauf lächelt sie. Das macht das Bild so kostbar. Normalerweise lächelt sie nie.

Es ist die Trixie aus einer anderer Zeit, die Sachen sagte wie: „Songwriting ist in dieser Industrie weniger wichtig, als mit dem Arsch im Rhythmus wackeln zu können.“ und mich damit zurück auf den Boden der Tatsachen holte. Arbeitsteilung mit klar definierten Aufgaben und regelmäßiger Erinnerung daran, dass man sich nicht so wichtig nehmen sollte.

Solche Sachen konnte ich gut akzeptieren und Trixie wusste, dass ich sie brauchte, um nicht abzuheben. Was sie nicht weiß, ist, was sie sagen muss, damit ich nicht versumpfe.

Das Telefon klingelt, aber der Empfang im Zug ist so schlecht, dass kein Gespräch zustande kommt. Wenige Augenblicke später erhalte ich eine Textnachricht von Hendrik: „Bitte melde dich mal zwischendurch! Habe mit Trix gesprochen. Sie hat es nur gut gemeint. Ruf sie mal an! Sie hat Angst, dass du ihr böse bist.“

Das bin ich nicht. Ich bin nur müde und träge. Trotzdem schreibe ich erst Hendrik und dann Trixie zurück: „Es ist alles verziehen. Ich mache meine Exerzitien und komme zurück als Geläuterter.“

Dann öffne ich das Zugfenster und werfe das Smartphone hinaus. Ich sehe wie es an einer Schallschutzmauer zerschellt und fühle mich um etwa vier Kilo leichter, so als hätte man mir den Arm abgehackt.

Ich reise erster Klasse, weil ich mich für meine Glatze schäme und nicht gesehen oder angesprochen werden will. Gleichzeitig ekle ich mich vor meinem eigenen Snobismus. Ich versuche ein Buch zu lesen, das ich mitgenommen habe, aber bereits nach einer Seite habe ich genug davon.

Was sind das für Menschen, die Zeit und Muse dafür haben, hunderte von Seiten voll zu schreiben. Wort an Wort zu hängen, sodass sie Sinn ergeben? Plötzlich ist mir das Konzept von Sprache völlig fremd. Es gibt nur noch dumpfe Empfindungen und wirre Gedanken. Ausdrücken oder mitteilen kann man nichts davon. Es ist unmöglich, zu empfinden, was ein anderer empfindet. Man kann es nicht einmal erahnen.

Mein Respekt für alle, die es versuchen, aber der Roman ist Verschwendung von Energie, Zeit und Hoffnung. Kommunikation ist eine Sackgasse, Verständnis eine Illusion.

Ich erinnere mich plötzlich an meine Eltern, deren Eheglück am Ende nur noch daraus bestand, angeekelt und herablassend über Paare zu lästern, die sich scheiden ließen.

 

Landschaften ziehen an mir vorbei. Es geht nach Süden, dorthin wo die Sonne von rußigem Qualm aus niemals ruhenden Schloten verdeckt wird. So sagte man es mir zumindest. Dorthin, wo niemals ein Künstler reist, wo niemals jemand Station macht, wo jeder Flecken Erde entweder ein Friedhof oder ein ehemaliges Schlachtfeld ist. Ein ausgehöhltes, untertunneltes, instabiles Land. Vergiftete, ausgelaugte Böden. Eine Welt gebaut aus Schlacke. Die Menschen hier seien bleich, aber schmutzig, ausgezehrt und krank.

Hier könnte ich mich heimisch fühlen, denke ich, hier könnte ich begraben werden.

In Wirklichkeit blühen die Wiesen hier auch nicht weniger farbenfroh als sonstwo. Zartes und etwas verfrühtes Frühlingsgrün ziert die Wälder, die den Horizont markieren. Irgendwo hier liegt die Grenze, aber man kann sie nicht mehr sehen. Wenn man nicht aufpasst, stolpert man hinüber.

Hier könnte ich verschwinden, die Seiten wechseln und all das Elend von außen betrachten, denke ich.

In Wirklichkeit heben sich die Strukturen der Landschaft scharf vom klaren Himmel ab. Hier gibt es den Dunst der Stadt nicht und wenn es einen Morgennebel gegeben hat, so ist er bereits verflogen. Der Geruch von Eisen liegt in der Luft. Blutiges Land, lebendiges Land.

Es pulsiert unter meinen Füßen – aber vielleicht ist das nur das Rattern des Zuges, der nun langsamer fährt. Als wär dies ein Vulkan oder ein riesiges, schlafendes Tier.

Hier könnte ich Moos ansetzen, denke ich.

Ich hieve meinen Koffer von der Ablage herunter, greife auch die Tasche mit der Gitarre und vergesse meinen Mantel am Haken neben dem Fenster. Es ist zu warm für Winterkleidung. Hier beginnt der Frühling schon Ende Februar. Noch einmal kurz starre ich die vorbeifliegenden Wirklichkeitsfetzen an. Das Draußen wartet auf mich. Gleich bin ich in dir!

Stille. Ich höre mein Herz schlagen und mein Blut durch die Adern rauschen. Ich schnaufe mehr, als dass ich atme. Ich habe einen Körper und er schuftet, er rotiert wie eine Maschine. Nur produziert er nichts außer Abgasen. Eine solche Maschine hätten die Menschen hier sicher längst ausgemustert. Hier kennt man sich aus mit Produktivität und Arbeit.

Sie haben mir ein kleines Haus zur Verfügung gestellt. Ich befinde mich im Zentrum des Nirgendwo. Provinz mit einem Herz aus Stahl. Geschmiedete Städte in Mitten junger und schütterer Urwälder, gewachsen aus dem Abfall vieler Generationen. Das ist also ihre Geheimwaffe bei extremen Fällen wie dem meinen. Ein kleines, gelbes Haus. Der perfekte Ort, um den Verstand zu verlieren. Wer weiß, vielleicht habe ich mir schon zum Ende der Woche ein Ohr abgeschnitten.

Ein Dorf, ein Weiler, dürre Ahornbäume, die den Dorfplatz säumen. Alles, was ich brauche, befindet sich in unmittelbarer Umgebung. Alles, was ich nicht brauche, ist außer Reichweite. Ich merke schnell, wo das hier hin führen soll: Ich sitze fest. Kein Auto, keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine Clubs, keine Partys, keine Einkaufszentren, keine Aufmerksamkeit.

Menschen schleichen mit Einkaufskörben über den Platz, bleiben stehen und unterhalten sich mit Leuten, die sie gerade zufällig getroffen haben, aber schon seit ihrer Kindheit kennen. Als wäre die Zeit vor etwa dreißig Jahren stehen geblieben, erledigt man hier die Dinge noch persönlich. In den Geschäften arbeiten ausgebildete Verkäufer und am Bankschalter wird noch Bargeld ausgegeben.

Von meinem Balkon aus kann ich auf die Außenbestuhlung eines Eiscafés blicken. Junge Mütter mit Kinderwagen nehmen sich hier eine Auszeit und haben gegen die Frühlingsfrische bereit liegende Wolldecken über ihre Beine gelegt. Sie trinken Kaffee und rauchen, während sie in Zeitschriften blättern oder auf ihren Handys herum tippen.

Ja, hier traut man sich noch, ungeniert zu rauchen. Vorhöllische Idylle. Konservative Modellstadt. Impressionen der Perspektivlosigkeit.

Die Kinder in ihren fahrbaren Betten schlafen. Es herrscht ein Klima der Entspannung und der Langeweile. Hier muss man keine Angst haben, etwas zu verpassen, wenn man einschläft. Träumen ist das Spannendste, was einem hier passieren kann.

 

Ich richte mich ein, indem ich das Fenster in meinem neuen Schlafgemach aufreiße und das Zimmer mit dieser seltsam würzigen Luft fülle. Die Mühe, den Inhalt meines Koffers in den Schrank zu räumen, mache ich mir nicht. Wer weiß, vielleicht werde ich in drei Tagen schon wieder abreisen.

Ich inspiziere das Badezimmer, das keine Wanne sondern nur eine Duschkabine hat, dann das Wohnzimmer, in dem noch so ein klobiger Röhrenfernseher steht, der aber nicht funktioniert. In der Küche muss ich erst einmal den Herd und den Kühlschrank anschließen. Es sind keine Vorräte im Haus. Ich muss einkaufen.

Der Supermarkt liegt gleich um die Ecke. Ich brauche nicht einmal nach dem Weg zu fragen. Es ist ein winziger, leicht schmuddeliger, aber herzlicher Laden mit schlecht blondierten Kassiererinnen und echten Fachverkäuferinnen an der Fleischtheke. Ich kaufe unverpacktes Obst, frisch aufgebackenes Brot, Aufschnitt, Nudeln und einen Schwung Fertigpizzen. Eigentlich brauche ich auch noch Getränke, aber so viel kann ich mit einem Gang nicht in meine neue Wohnung tragen, also wird es wohl vorerst auf Leitungswasser hinauslaufen.

Ich bin ein wenig in Sorge, dass es zu Lieferengpässen und einer Unterversorgung kommen könnte und nehme mir vor, so schnell wie möglich einen Vorratsschrank anzulegen. Das wird mein neuer Anker, denke ich, ein täglicher Gang zu diesem schnuckeligen Markt. Wer weiß, vielleicht werde ich mir sogar irgendwann angewöhnen, eine Tageszeitung zu kaufen und zu lesen?

Jedenfalls überrascht es mich, dass niemand mich angesprochen und um irgendetwas gebeten hat. Es mag an meiner neuen Frisur liegen, dass sie mich nicht erkennen, oder daran, dass der Rock’n’Roll es niemals bis hier her geschafft hat. Erst später kommt mir der Gedanke, dass die Leute hier vielleicht auch einfach an solch abgewrackte Typen wie mich gewöhnt sind. Immerhin gehört das Haus, in dem ich lebe, dem Label. Es müssen noch andere hier gewesen sein. Ich frage mich, wer das gewesen sein könnte? Welche große Musik ist wohl hier entstanden, ohne dass jemand es ahnt?

Auf den ersten Blick wirkt das Haus nicht, als würde es ein Mysterium umgeben. Es ist schmal und unauffällig. Ein Reihenhaus, eine Wohnung, ein nicht ausgebautes Dachgeschoss und ein noch weniger ausgebauter Keller. Es ist nicht direkt schmutzig, aber auch nicht steril. Man merkt, dass lange niemand mehr hier gewesen ist. Für ein Mietobjekt ist es zu verwinkelt und für ein Ferienhaus liegt es zu zentral im Ort. Es ist ein völlig unwahrscheinliches Objekt.

Ich durchsuche die Zimmer nach Botschaften der Vorbewohner. Musiker neigen dazu, sich auf Wänden und Möbelstücken zu verewigen. Das ist so eine alberne Eigenschaft, wie wenn Hunde ihr Revier markieren… Aber nirgends finde ich einen Hinweis, keine Unterschrift, nicht einmal Initialen. Alles sehr diskret und bieder. Ein Haus, das aus der Zeit und aus dem Leben gefallen ist. Ein Ort ohne Vergangenheit für einen Menschen ohne Zukunft.

Ich lege mich aufs Bett und atme tief durch. Die Bettwäsche ist sauber, riecht aber muffig nach dem Schrank, aus dem ich sie herausgezogen habe. Und genauso fühle ich mich auch: Frisch, aber zerknittert. Neu hier, aber alt.

Je schwerer meine Augenlider werden, desto mehr spüre ich, wie der Ballast der Vergangenheit einer seltsamen Neutralität weicht. Du hast lange genug auf diesem Blatt Papier herum gekritzelt, sage ich mir, es wird Zeit, umzublättern.

Von vorne anzufangen, bedeutet nicht, die Vergangenheit abzuschließen. Man legt sie lediglich kurz beiseite und schaut sich um. Vielleicht gibt es ja noch etwas anderes abseits des Weges, den man vor vielen Jahren eingeschlagen hat und von dem man inzwischen glaubt, dass es der einzige ist.

Ich fühle mich so fremd hier, dass ich bereits jetzt glaube, ein anderer zu sein – oder zumindest ein von einigen vertrockneten Hüllen befreiter Mann. Das Bedürfnis, mit den Zähnen zu knirschen, ist weg, dafür bekomme ich eine Gänsehaut an den Unterarmen, wenn ich daran denke, dass ich allein und abgeschnitten von der Welt bin. Es gibt keinen Grund für eine Panikattacke. Niemand wird kommen, um mir zu helfen. Es wir aber auch niemand urteilen. Also kann ich ruhig liegen bleiben und den sanften Verkehrsgeräuschen lauschen.

Alles hier wirkt wie gedämpft. Die Menschen verrichten alles mit großer Vorsicht. Wahrscheinlich um der Scharfkantigkeit der Industrie etwas entgegen zu setzen. Es ist ihrer Form des Protestes. Die Stille des Alltags.

Eine meiner positiven Eigenschaften ist die seltene Gabe der Unvoreingenommenheit neuen Erfahrungen gegenüber. Unbekannten Menschen begegne ich normalerweise nicht feindselig oder ängstlich. Es sind die mir bekannten Menschen, die ich von mir weg und vor den Kopf stoße.

Ich bin leer, denke ich, füll mich auf! Zeig mir Plätze, die ich noch nicht kenne! Zeig mir Farben, und Kläng, gibt mir zu Essen und hüll mich in deine Atmosphäre!

Die Stille der Nächte ist bedrückend. Vor dem Schlafzimmerfenster sehe ich in der Ferne das rote Glimmen der Maschine, die dieses Land hier am Leben hält. Bei Nacht wird einem der hybride Charakter dieser Gegend erst bewusst. Eine Steampunk-Chimäre, ein Drache, der im leichten Schlaf Feuer in den Nachthimmel schnaubt.

Mein Brustkorb hebt und senkt sich. Ich habe von brennenden Bergen gelesen, in deren Untergrund die Kohle seit Jahrhunderten schwelt. Ein unlöschbares, unsichtbares Feuer. Warme Erde, rauchende Felsen.

Im Kern ist noch Leben, da lauert die Vernichtung. Gefahr und Trost, Angst und Hoffnung. Friede und Provokation. Draußen auf dem Platz trifft sich die Dorfjugend auf ein Bier. Sie haben sich viel zu erzählen und lachen, weil sie es können.

Als ich in deren Alter war, denke ich, konnte ich an nichts anderes denken, als dass ich endlich meine fünfzehn Minuten Ruhm haben wollte. Das hat meine Jugend ziemlich überschattet. Die Sucht nach Anerkennung, nach Aufmerksamkeit und Lob. Auch ich habe mich betrunken und viel erzählt und wer mir zuhörte und es gut mit mir meinte, sagte: „Robert, hör auf, dich zum Gespött zu machen!“ Von denen, die es nicht gut mit mir meinten, bekam ich auf die Fresse.

Ruhm zerstört die Leichtigkeit, sogar die Sehnsucht danach wirkt schon schädlich. Ein Gift – hoch und niedrig dosiert. Aber wenn niemand an dich glaubt, dann brauchst du das: Die Tagträume, die Idole, die Wünsche und die Visionen. Du kannst dich nicht einfach mit den anderen Jungs auf dem Dorfplatz betrinken – als einer von ihnen, gesichtslos, charakterlos. Du musst eine Show abziehen. Du musst versuchen, sie zu beeindrucken. Besonders viel trinken, besonders viel kotzen, besonders wüst fluchen, besonders laut grölen. Das bist nicht du, aber das ist egal, denn wenn du etwas tust, das sie lieben, dann ist das fast so, als würden sie dich lieben. Und was bedeutet es eigentlich „etwas zu sein“? War man überhaupt mehr als die Summe seiner Taten? Und wenn man sich nicht leiden konnte, konnte man dann jemand anderer werden? Jemand, der besser ankam? Und war jemand, der besser ankam, nicht automatisch ein besserer Mensch?

Bis heute weiß ich die Antwort auf diese Fragen nicht. Die Frage nach dem „Wer bin ich?“, die normale Menschen spätestens mit Abschluss der Teenager-Zeit beantworten, schiebe ich immer noch vor mir her. Ich rede viel, um das zu übertünchen, ich drücke mich aus, ich stehe auf Bühnen. Ich weiß selbst nicht, was das alles bedeutet.

 

Am nächsten Morgen decke ich mich ein mit Mineralwasser und Bier. Ich entdecke eine Bäckerei, die damit wirbt, original französische Backwaren feilzubieten. Ich nehme ein paar Teilchen mit, die so gehaltvoll sind, dass ich bis zum Abend nichts mehr zu mir nehmen muss.

Ich wage einen Versuch und grüße jemanden auf der Straße mit einem festen und daher unüberhörbar unsicheren „Hallo“.

Zurück kommt ein gelangweiltes und deshalb unüberhörbar überraschtes „Hallo“.

„Ich wohne da drüben im gelben Haus“, sage ich, „Gerade eingezogen.“

„Oh, das ist schön. Es steht schon so lange leer. Es kommen immer nur sporadisch Gäste, die bleiben dann aber nie lange.“

„Ich bin auch nur zu Besuch“, gebe ich zu.

„Ach so“, die Person ist aus irgendeinem Grund enttäuscht und will sich abwenden.

„Ich bin der Landvermesser“, sage ich schnell.

„Der Landvermesser?“

„Ja, ich suche einen Weg zu Ihrem Schloss?“

Das ist dann wohl doch zu viel und ich ernte einen feindseligen Blick, der aber immer noch höflich genug ist, um seinen Erzeuger nicht laut auszusprechen zu lassen, dass er mich für verrückt oder schlimmeres hält.

Erst später erfahre ich, dass es in der Gegend nicht nur ein barockes Jagdschlösschen, sondern auch eine mittelalterliche Burgruine gibt. Beide kann man sehr leicht erreichen und besichtigen, was ich ein wenig enttäuschend finde, wenn ich ehrlich bin.

Nachdem die Burg zerstört wurde, haben die Menschen im Dorf Raubbau an den Mauern betrieben, sodass die Fundamente vieler alter Häuser in der Gegend aus dem recycelten Material der alten Festung besteht. Pragmatischer Ansatz, denke ich und stelle mir vor, dass auch mein neues Zuhause aus solch geschichtsträchtigem Gestein erbaut sein könnte. Wie viel Blut der niedergemetzelten Raubritter klebt an diesem Fundamten? Wie viele Geister leben in den Ritzen und Fugen? Ob ich sie flüstern hören kann, wenn ich ganz still bin? So viele Geschichten gehen verloren, wenn man unverhofft und plötzlich stirbt. Entweder weil sie nie erzählt oder weil sie nie erlebt wurden.

Diese Tragik überwältigt mich mit einem Mal. Ach, könnte ich doch nur jeden Augenblick meines Lebens festhalten, für die Nachwelt konservieren! Wie kostbar ist doch… Moment mal.

…die Stille. Was gibt es Kostbareres als Zeit, die man beim Verstreichen beobachten kann? Unbeteiligt und passiv. Bedeutung ist überbewertet! Was bedeutet schon die Mona-Lisa? In tausend Jahren wird sie hinüber sein und in zweitausend Jahren hat man sie vergessen. Und dann? Dann geht es weiter. Andere Künstler werden andere Bilder malen und auch die werden in Vergessenheit geraten und ist nicht genau das Erleichterung? Man muss sich nicht den Ballast der Geschichte aufladen, sondern kann einfach etwas Eigenes, Neues erfinden. Wenn einem denn etwas einfällt… Wenn man denn überhaupt noch etwas erfinden will, wenn man weiß, dass es ohnehin vergessen werden und verloren gehen wird…

Als Kind warf ich nasses Toilettenpapier an die Wand und was davon hängen blieb, nannte ich „vergängliche Kunst“. Die Erziehungsmethode meiner Eltern fußte auf Ignoranz statt Tadel, was mich innerlich jedes Mal völlig zerfetzte. Scheiße bauen für Aufmerksamkeit funktionierte nicht, aber ein angepasster Streber, den es zu loben galt, wollte ich auch nicht sein.

Was bedeutet das? Zu versuchen, sich aus Langeweile in Schwierigkeiten bringen zu wollen und dann frustriert zu sein, wenn man davon kommt… Wozu spornt das an? Welche Rezeptoren im Gehirn werden dadurch stimuliert? Wie sind meine Synapsen verknüpft? Erziehung ist auch nichts anderes als Konditionierung, Gehirnwäsche und Folter.

Das Gefühl der Sinn- und der Nutzlosigkeit lastet schwerer auf mir als der Ballast der Geschichte. Erinnerungen fressen an meinem Herzen, sie kämpfen an gegen den Versuch des aktiven Verdrängens. In mir tobt ein Kampf. Um mich säuselt ein kühler Nachtwind. Ich habe mich auf meinen Balkon gesetzt und beobachte die Nachtfalter bei ihren Irrflügen um die Straßenbeleuchtung herum. Einige besonders perfide Spinnen haben genau hier ihre Netze gesponnen und warten geduldig darauf, dass ihnen die Beute in die Falle flattert.

Vielleicht stimmt es, dass man im Alter konservativ wird, weil man Angst vor der Zukunft bekommt, wenn der eigene Tod näher rückt, weil man irgendwann merkt, dass das, das hinter einem liegt, spannender ist als das, was vor einem liegt. Man bekommt Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit und davor, sich eingestehen zu müssen, ein sinn- und nutzloses Leben geführt zu haben. Bewahre, was du hast, damit du am Ende nicht ruiniert da stehst. Aber wieso eigentlich nicht? Was kann man schon mitnehmen, wenn sie dich in die Erde hinunter lassen, wenn du von Maden und Würmern zerfressen wirst? Was kannst du schon bewahren, wenn sogar dein Körper irgendwann von den niedersten Lebewesen verdaut wird?

Es sind lange, harte und schmerzhafte Gedanken. Vielleicht war der dumme Spruch, den ich damals zu diesem Mädchen gesagt habe, gar kein Beweis für meinen schlechten Charakter, sondern nur für einen schlechten Tag. Was wenn ich mich all die Jahre umsonst gegrämt habe? Vielleicht ist der kleine Mainstream-Hit, den wir vor einigen Jahren gehabt haben, gar kein Evergreen, der in fünfzig Jahren von Schulkindern analysiert und interpretiert werden wird und vielleicht ist das auch gut so.

Was ist das Schlimmste, das einem Menschen passieren kann? – Dass er erkennt, dass er sein Leben lang an eine Lüge geglaubt und nach ihr gelebt hat und dass es zwar funktioniert hat, ihn aber nicht glücklich gemacht hat. Was ist das Beste, das einem Menschen passieren kann? – Dass er erkennt, dass man, egal wie man lebt, niemals glücklich sein kann und es okay ist, an etwas zu glauben, weil es egal ist.

Der Satz aus Albert Camus‘ „Der Mythos des Sisyphos“, der mich am meisten beeindruckt hat, war nicht der letzte und berühmteste („Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.“), sondern einer relativ am Anfang des Essays: „Jeder gesunde Mensch hat schon mal an Selbstmord gedacht.“

Und plötzlich fühlt man sich nicht mehr allein, plötzlich fühlt man sich gleichzeitig überlegen und stabil, denn natürlich ahnt man, dass die wenigsten Menschen je an Selbstmord gedacht haben, aber die sind eben ein bisschen seltsam und eigentlich will man mit ihnen nichts zu tun haben, denn sie sind ignorant. Mit ihnen kann man keine zielführenden Gespräche führen. Sie werden einem nur erzählen, was für ein tolles Auto sie gerade finanziert haben und wie sehr sie der vermeintliche Neid der anderen befriedigt. Man sollte mal untersuchen, in wie fern das Sich-Aufhalsen von Schulden als ein Akt der Selbstverstümmelung gewertet werden kann…

Zumindest ist es ein Akt des Sich-Bindens. Jeder Vertrag ist abzulehnen! Jede Verpflichtung ist zurückzuweisen!

In der Ferne höre ich die Sirene eines Krankenwagens. Ansonsten bin ich allein mit mir.

„Wenn du mit der Musik fertig bist, wirst du gegen den Drang ankämpfen müssen, deine Memoiren zu schreiben“, sage ich mir.

„Der alte Kampf zwischen Bedeutungssucht und der Gewissheit, dass man ein Heuchler ist“, antworte ich.

Ich halte es für spießig, sich zu ernst zu nehmen, aber ich kann nicht leugnen, dass ich Angst habe, eine unbestimmte, unterschwellige, brodelnde Angst. Menschlichkeit ist ein Wort ohne Bedeutung und das ist die Tragik der Menschheit.

Die Stille des Morgens ist aggressiv und vielleicht sogar ein wenig boshaft. Auf dem Dach direkt über meinem Schlafzimmer haben sich die Tauben eingefunden und gurren sich an. Man weiß nicht, ob sie sich lieben oder bekämpfen – oft gibt es da keinen großen qualitativen Unterschied.

Ich erinnere mich nicht, wann und wie ich ins Bett gekommen bin. Vielleicht hat ein guter Geist mich dort hin gebracht und mir den angenehmen Traum eingehaucht, der mich jetzt gelöst und friedfertig dem Tag entgegenblicken lässt.

Um der Stille ein Schnippchen zu schlagen, schalte ich das Radio ein, während ich Kaffee koche. Eine Stimme von betörender Ungeschicklichkeit, Texte von emotionaler Brisanz, vorgetragen mit provokanter Lustlosigkeit. Es ist meine Stimme und mein Text. Ein kleiner Radiohit vor ein paar Jahren. Der Anfang vom Ende. Aber ich höre das Lied zu Ende und dann das nächste und das übernächste. Wenn die Musik verklungen ist, merke ich, regt sie einen nicht mehr auf. Es geht einfach weiter. Sie lassen einem überhaupt keine Zeit zum Reflektieren. Sie wollen uns nicht kontemplativ, sondern im Kreis schwimmend wie die Goldfische im Glas, die wegen ihres unterentwickelten Gehirns immer wieder glauben, etwas Neues und Aufregendes zu erleben. Man kann uns nicht quälen, weil wir unsere Schmerzen sofort wieder vergessen. Das hält sie aber nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Sie ziehen uns aus dem Wasser, und wir glauben, unser ganzes Leben bestünde nur aus Japsen und Zappeln und wir sind uns dabei ziemlich sicher, dass es so sein muss. Der grenzenlose Sadismus, den sie eine Notwendigkeit im Namen des Fortschritts nennen, lässt uns alle abstumpfen, bis wir verkommen und das letzte, zu dem wir noch fähig sind, eine provokante Lustlosigkeit ist.

Alle regen sich auf über die Aufregung der anderen. Das habe ich früh erkannt und abgelehnt. Es war eine gute Entscheidung. Leider nannten am Ende alle meine gespielte Antriebslosigkeit provokant. Dabei sollte es deeskalierend wirken, es sollte beruhigen und die Leute dazu bringen, sich Gedanken zu machen, bevor sie sich die Köpfe einschlagen.

Man kann sich ja kaum noch eine Welt ohne Hysterie vorstellen, scheint mir. Wir fühlen uns von allem direkt angesprochen und angegriffen, weil wir es nicht ertragen, nicht beachten oder gar übersehen zu werden. Deshalb rennen wir lieber blind in eine Schlacht, die es ohne uns gar nicht gäbe, lassen uns hinmetzeln und lecken dann unsere Wunden in aller Öffentlichkeit. Unsere Narben und unsere Traumata tragen wir wie Orden am Revers.

Wir sind unsere eigenen Tyrannen, denke ich, und wir können uns nicht entscheiden, was unerträglicher ist: Die Aufmerksamkeit der Menschen um uns oder ihre Missachtung.

Es betrifft uns, was gerade passiert, also müssen wir uns dazu äußern. Etwas verändert sich, also müssen wir es aufhalten. Wir sind alle konservativ, wenn es um unsere Komfortzonen geht.

Ich bin nicht aufgewachsen mit einer solchen Mentalität. Meine Synapsen sind anders verknüpft. Ich lebe, um zu ertragen und ertragen zu werden, nicht um zu verbieten und verboten zu werden. Freiheit ist immer auch die Freiheit zur Provokation. Kritik, die keine Diskriminierung darstellt, kann nicht existieren ohne die Anerkenntnis dieser Freiheit. Das Leben und die Erfahrungen als Künstler haben mir das beigebracht und es tut weh, zu sehen, wie diese Faustregel untergraben wird von einem neuen totalitären Geist, der der Empörungskultur entstiegen ist.

Das regt mich auf, das treibt mich um und es zerren an mir einerseits diejenigen, die mich einlullen wollen für einen friedfertigen Kapitalismus und andererseits diejenigen, die es nicht ertragen, dass ich ihre halbseidene Rebellion nicht unterstütze. Denn was ist schon eine Rebellion, die nur darauf abzielt die Mächtigen und ihre Methoden auszutauschen, ohne aber die Macht an sich in Frage zu stellen?

Ich muss diese Gedanken ordnen, denke ich. Sie einfach nur zu denken, bringt mich nicht voran. Auch wenn ich die Nutzlosigkeit begrüße, bin ich hier, um ein Album zu schreiben. Ich brauche ein Thema und ein Thema braucht Gedanken. Nichts-Tun, überlege ich, ist provokant genug, um sie alle gegen dich aufzubringen. Verweigerung. Gegen den Status-Quo und gegen den Aktivismus. Gegen jedes Dafür, gegen jedes Gemeinsam, gegen jeden Konsens und vor allem gegen den Kompromiss.

Sogar Camus, der vielleicht einzige, nach seinen Maßstäben aufrichtige Mensch, der je gelebt hat, hätte mir nicht angeraten, angesichts der Bedeutungslosigkeit allen Seins und Tuns die Flinte für alle Zeit ins Korn zu werfen. Es geht darum, sich nicht zu ernst zu nehmen und zu erkennen und zu akzeptieren, dass es egal, aber zumindest im Augenblick schön ist. Etwas Schönes, etwas Gutes, etwas Wahres kann gleichzeitig bedeutungslos sein. Die Bedeutungslosigkeit einer Handlung heißt nicht, dass man es nicht machen darf, wenn man authentisch bleiben will.

Also: Das Papier her, den Stift herbei. Gedanken ordnen! Fokussieren! Die Scham und die Unsicherheit ignorieren! Risiko! Jetzt!

Aber da ist nur Stille in meinem Kopf. Vielleicht ein leichtes Rauschen, rieselnder Sand, aber keine Wörter oder gar Melodien.

Ich lege die Schreibutensilien behutsam beiseite. Die Behutsamkeit ist mir ein wenig abhanden gekommen in letzter Zeit. Das Problem ist, dass Freundlichkeit nicht mehr honoriert wird. Wer freundlich ist, ist ein leichtes Opfer für Abzocker, weshalb man seine Kinder heute dazu erzieht, lieber abweisend und kalt zu sein. Zu ihrem eigenen Schutz, wie es heißt.

Freundlichkeit gilt als uncool, als verweichlicht und schwach. Wer etwas aus sich machen will, soll bitte hart und stark sein, niemals weinen oder über seine Gefühle sprechen. Wer es dennoch tut, wird für immer darauf festgelegt. Schubladen überall: Wir sind unsere Hautfarben. Wir sind unsere Geschlechter. Wir sind unsere Diagnosen. Geliebt zu werden, müssen wir uns erst verdienen.

Ungeliebt ist die Standardeinstellung, mit der man in diese Welt hineingeboren wird. Dann muss man sich beweisen. Dann begibt man sich in die große Casting-Show des Lebens und singt und schauspielert und modelt um seinen Status.

Alles ist Konkurrenzkampf und bevor man das in Frage stellen kann, sagen selbsternannte Wissenschaftler uns, dies sei natürlich und normal. Freundlichkeit und Friedfertigkeit seien hingen Eigenschaften, die evolutionär betrachtet eher Nachteile brächten, weshalb sie ausgemerzt gehören. Ich nenne das Wirtschaftseugenik, aber der Begriff hat sich noch nicht durchgesetzt.

Andererseits glaube ich, dass sich „natürlich“ zu „künstlich“ verhält wie „Instinkt“ zu „Verstand“ und ich muss zugeben, dass ich gelernt habe, dass es oft besser ist, aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Intuition sollte besser gepflegt werden als Vernunft.

Mein ganzes bisheriges Leben lang habe ich mich auf meine Instinkte verlassen, denn meinem Verstand kann ich nicht trauen. Ich lebe nach Gefühl und steuerte immer nur auf Sicht. Meine größte Angst ist, irgendwann das Gefühl für „gut“ und „schlecht“ zu verlieren, denn wenn es erst einmal so weit ist, werde ich verloren sein und verlassen in der Dunkelheit. Ich werde erstarren, katatonisch werden, zu Grunde gehen, mich als Scharlatan zu erkennen geben. Kunst ist, zu wissen, was man wegwerfen muss und was man behalten darf. Wer das Falsche oder schlimmer: alles behält, gibt sich der Lächerlichkeit preis, wer alles wegwirft, der Vergessenheit. Beides erschreckt mich nach wie vor.

Die Krux ist, dass man Qualität nicht verstehen kann, sondern erkennen muss. Und dann muss man sich mit den anderen einigen. Konsens ist die Pest. Dissens hingegen ist peinlich. Das ist Konsens… Verstand und Vernunft sind indes wiederum völlig unterschiedliche Dinge: Während die Vernunft die Ordnung und einen Zustand der Beruhigung anstrebt, weiß der Verstand, dass diese Suche hoffnungslos und jeder Versuch, Ordnung zu schaffen, nutzlos sein wird. Ich bin von Natur aus nicht vernünftig, aber meinen Verstand muss man in Zaum halten, wenn er mich nicht zurückwerfen soll in einen Zustand der Versteinerung. Hätte ich jemals auf ihn gehört, hätte ich im Alter von acht oder neun Jahren aufgegeben, etwas sein oder werden oder erreichen zu wollen. Aber auch die Instinkte sind nur einen Notlösung. Sie lassen einem meist keine größere Auswahl als Angriff, Flucht oder gegenseitige Hilfe.

Deshalb ist es wichtig, dass man hin uns wieder innerhält und etwas mit Behutsamkeit macht.

Ich gehe die Treppen hinunter, durch die Haustür hinaus und schnuppere etwas von frischen Morgenluft. Mal sehen, wohin meine Füße mich tragen.

Ein bisschen stört es mich, dass meine neue Frisur nicht durch den Wind durcheinander gebracht werden kann. Ich mochte es immer, wenn meine Haare verstrubbelt waren. Nach dem Aufstehen, nach einem guten, erholsamen Traum finde ich mich am schönsten. Es ist dann so, als wäre man fast noch drin in seinem nächtlichen Abenteuer, man fühlt sich verwegen und tollkühn. All das spült einem dann die Dusche vom Körper, aber für einen kurzen Augenblick ist man beides: wach und der Held des eigenen Lebens.

Ich habe heute morgen nicht geduscht und ich fühle noch immer wie die letzten Fetzen der Nacht noch an mir kleben. Die Ambivalenz riecht säuerlich und kriecht langsam in meine Kleidung.

Ich stelle mir vor, auf alten Schmugglerpfaden unterwegs zu sein. Sicher weiß ich es nicht, aber in diesem verdichteten Land mit seiner bewegten Geschichte, sind bestimmt alle Straßen alte Schmugglerpfade. Alle Menschen hier sind die Nachfahren von Schmugglern. Das bewundere ich sehr. Die Insubordination als Teil so vieler Familiengeschichten kann nur Gutes bedeuten.

„Das Gute der einen ist das Schlechte der anderen“, säuselt der Wind mir ins Ohr.

„Wenn die anderen ein hirnverbranntes System von latent feindselig gestimmten Nationalstaaten sind, die ihre Bürger dafür bestrafen, wenn sie hirnverbrannte Grenzen überschreiten, dann haben sie alles Schlechte verdient“, erwidere ich.

„Wenn die Hemmschwelle sinkt, dann sinkt auch die Moral“, sagt der Wind.

„Ich halte nicht viel von Moral.“

„In einer unmoralischen Welt kann jeder Opfer werden.“

„In einer moralischen auch.“

„Dieses Land ist in Blut getränkt“, flüstert der Wind.

Welches Land ist das nicht?, denke ich.

„Angst ist nicht verschwendet. Dies ist eine Warnung.“

Dann herrscht Stille. Der Wind hat sich verzogen wie eine mysteriöse und schnell beleidigte Frau. Die Sonne indes nutzt ihre Chance, mir ihre Kraft zu demonstrieren. Ich bin beeindruckt und danke es ihr mit vermehrtem Schwitzen.

Am Ende eines seltsamen Hybriden aus Schnell- und Landstraße biege ich in einen Waldweg ein, der als Zufahrt zu einem Tennisclub und einem Fußballvereinsheim ausgeschildert ist.

So früh am Morgen an einem Werktag ist hier natürlich nichts los. Ich treffe eine Frau, die mit drei kleinen Hunden spazieren geht. Sie hat mehr Angst vor mir als ich vor den Hunden. Wir grüßen uns nicht und schenken uns stattdessen abschätzige, aber hilflose Blicke. Unter solchen Umständen können keine Freundschaften entstehen. Enttäuschend. Traurig.

Ich bin es eigentlich nicht gewöhnt, so früh am Tag wach zu sein, aber der Morgen schenkt mir eine neue Perspektive auf die Welt. Das Licht ist neu und legt sich richtig ins Zeug, um die Farben des Waldes zum Leuchten zu bringen. Ich lasse mich treiben. Es hat mich hierher gezogen, weil mich dieser verlassene und verrostende Förderturm interessiert, der das ganze Dorf überschattet, wie es sonst nur Kirchtürme können.

Jetzt stehe ich davor, beziehungsweise vor einem geschlossenen Tor, das dafür sorgt, dass Unbefugte das Gelände nicht betreten. Ich frage mich, ob man das alles besichtigen kann, aber was erhoffe ich, zu sehen? Dass man der Hölle ein Stück näher kommt, wenn man unter Tage geht?

Die Frau im Wind ist zurück und flüstert mir zu: „22 Tote bei einem Seilriss im März 1907.“

Nein, eigentlich stimmt das nicht. Ich lese es auf einer Gedenkplakette, die neben dem Zaun angebracht ist und die offensichtlich immer noch regelmäßig mit Blumen und Kerzen bedacht wird. Wahrscheinlich zahlt die Gemeinde dafür oder irgendein Verein.

Zweihundert Meter freier Fall in die Tiefe. Ich frage mich, wie es wohl ist, bei vollem Bewusstsein zu sterben.

„Gar nicht so schlimm“, behaupten die Phantome, die mich ein Stück weit begleiten, „Es ist wie der Augenblick kurz bevor der Vorhang sich hebt. Man sitzt im Dunkeln und spürt, wie die Herzen der Leute um einen herum schlagen und das eigene langsam versagt.“

Ich gebe zu, das hat seinen Reiz. Zusammen mit seinen Freunden und Bekannten unterzugehen, nicht allein zu sein, wenn es passiert.

„Oh, ihr könnt euren Schmerz nicht teilen, wenn du das meinst“, sagen die Phantome.

„Aber doch wohl die Erfahrungen?“, frage ich.

„Vielleicht, aber davon habt ihr nichts.“

Ich frage mich, ob ich vielleicht auch ein Buch schreiben und damit auf den Buchmessen auftreten soll, als wäre ich intellektuell. Irgendjemand wird sich schon findet, der mir im Klappentext bescheinigt, tiefgründig und abgründig zu schreiben.

 „Man muss nehmen, was man kriegen kann“, sagen die Geister.

„Ja, so denken sie alle“, sage ich betrübt „Da laufen die talentiertesten Leute herum und niemand beachtet sie, während irgendwelche Platzhirsche alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, obwohl sie lediglich Dilettanten sind.“

„So läuft das. Wenn du nicht bereit bist, deine Trümpfe auszuspielen, solltest du gar nicht einsteigen in den Wettbewerb.“

„Aber man muss einsteigen“, sage ich, „Man kann sich dem nicht entziehen.“

„Das ist dein Problem, Robert!“, sagt einer der Geister plötzlich mit glasklarer weithin hörbarer Stimme, „Du denkst nie an dich selbst!“

„Ich denke viel zu oft nur an mich!“, widerspreche ich, „Jetzt zum Beispiel. Gerade jetzt denke ich nur an mich.“

„Und gleich denkst du wieder daran, was du allen anderen schuldest und wem du was und welchen Platz wegnimmst. Aber von irgendwas musst du schließlich auch leben.“

„Ich lebe sehr gut“, sage ich.

„Wirklich?“, fragt der vorlaute Geist, „Dein Großmut ist auch nicht die Lackschicht auf deinem Neid. Du erträgst es nicht, wenn das neue Ärzte-Album gute Kritiken bekommt, weil du es vorhersehbar und viel zu gefällig findest. Du erträgst Einfachheit nicht, Robert. Du willst nicht, dass dein Publikum dir applaudiert, damit du es ohne schlechtes Gewissen hassen kannst. Kann es sein, dass die Musik generell dich anekelt? Robert Beckmann, professioneller Miesmacher… gönnt niemandem außer sich selbst einen Erfolg.“

„Das ist nicht wahr“, sage ich ein wenig hilflos, „Ich bin nur nicht euphorisch wegen allem und jedem. Wir leben in hysterischen Zeiten, in denen Werbung größeren Einfluss auf die Menschen hat denn je. Es sind nicht mehr die Songs, die die Herzen der Menschen bewegen. Heute kann nichts mehr die Herzen der Menschen bewegen. Man kann ihnen nur noch das Geld aus der Tasche ziehen. Aber nicht mehr mit Kunst. Man geht die Abkürzung über die Marke und über die Werbung.“

„Sagt der Mann, dessen Namen längst eine eigene Marke ist.“

„Ja. Und der Mann, der darunter leidet!“

„Wer soll um dich weinen, Robert Beckmann? Diejenigen, die du verschmähst? Diejenigen, die keine Chance bekommen, weil die Plattenfirma ihr Geld lieber in dich investiert? Wie viele Musiker wohl auf eine Karriere verzichten müssen, weil du ins Exil gehen musstest? Und wer sagt überhaupt, dass du ein Künstler bist und nicht bloß ein Stümper mit Glück?“

„Ich jedenfalls nicht“, sage ich, „Ich glaube nicht, dass ich verdient habe, was ich bekommen habe.“

„Oh Robert, bitte!“, spuckt der Geist aus, „Mach dich nicht lächerlich! Bescheidenheit steht dir nicht! Sie wirkt so unehrlich an dir.“

„Aber…“

„Lippenbekenntnisse, Robert! Du redest über den Tod, ohne gestorben zu sein. Du redest über das Leben, ohne es gelebt zu haben. Du redest über Sachen, von denen du nichts verstehst! Und trotzdem hast du ständig ein Mikrophon vor der Fresse.“

„Es ist nicht so, als würde ich das genießen“, verteidige ich mich.

„Aber du würdest kaputt gehen, wenn es nicht so wäre“, zwitschert ein Vogel von einem Baum zu mir herab.

„Du kannst nicht glücklich sein, Robert Beckmann“, sage ich zu mir selbst, „Das musst du akzeptieren.

Die Geister sind verschwunden und haben mich allein zurück gelassen. Ich habe keine Ahnung, wohin ich mich verirrt haben, aber ich folge einfach dem Spazierweg. Er wird schon zu irgendeiner Straße führen.

Die Stille im Auto ist beinahe unerträglich. Wie lange bin ich schon nicht mehr per Anhalter gefahren? Ich fühle mich sehr alt, obwohl ich gut mich an meine Jugend zurückerinnere. Durchzechte Nächte, verpasste Nachtzüge. Auf Parkbänken zu schlafen, erschien mir nie als ehrenrührig oder heruntergekommen.

„Ich bin erst kürzlich hergezogen“, versuche ich ein Gespräch zu beginnen.

„Ach so“, sagt mein Fahrer. Er ist ein dicklicher, junger Mann, der der Hip-Hop-Kultur zu entstammen scheint. Er kennt mich nicht und das macht ihn sympathisch. Es sind eben doch nicht bloß Lippenbekenntnisse, denke ich erleichtert.

„Ich wollte mir die Gegend ansehen und habe mich total verlaufen.“

„Kein Ding“, sagt er.

„Schöne Gegend.“

„Naja. Wenn man länger hier lebt, kommt sie einem langweilig vor.“

„Das ist wohl überall so. In der Großstadt wird es einem auch schnell öde.“

„Das stimmt wahrscheinlich.“

„22 Menschen sind hier gestorben“, sage ich, „Wussten Sie das? Sie wollten den Schacht runterfahren, da ist das Seil gerissen.“

„Wann soll das gewesen sein?“, fragt er.

„So vor 110 Jahren“, sage ich, „Das steht zumindest auf der Plakette an der Schachtanlage.“

„Hmm. Bergbau gibt es hier schon lange nicht mehr.“

„Gefährlicher Beruf.“

„Rentiert sich nicht mehr.“

„Ich frage mich, ob sie die 22 Männer geborgen und ordentlich beerdigt haben.“

„Keine Ahnung“, sagt der Mann, „Aber ich fürchte, da kann Ihnen keiner mehr Auskunft geben, wenn das schon so lange her ist.“

Schließlich wage ich es, ihn zu fragen: „Können Sie sich vorstellen, wie sich das anfühlt? Herunter zu fallen in die Finsternis und zu wissen, dass man das nicht überleben kann.“

„Unangenehm“, sagt er.

Ich habe es einmal gefühlt, denke ich. Rostock im Oktober 2002, als ich ein Konzert beinahe allein zu Ende bringen musste. Es fing damit an, dass ein paar Witzbolde aus der ersten Reihe, glaubten, Trixie fände es in irgendeiner Weise originell, dazu aufgefordert zu werden, sich öffentlich zu entkleiden. Sie verließ die Bühne und niemand wagte es, zu versuchen, sie zu überreden, wieder rauszukommen. Die Frustration über diese Entwicklung entlud sich dann auf Hendrik, der, nachdem wir mit einer ganzen Salve von halbvollen Bierdosen beworfen worden waren, etwas in Richtung „Ich bitte um Mäßigung!“ verlauten ließ und deswegen zur alleinigen Zielscheibe wurde. Ein Bierkrug knockte ihn schließlich aus. Sein Blut spritzte bis in die dritte Reihe. Man musste ihn raustragen.

Unter normalen Umständen hätte ich das Konzert komplett abgebrochen, aber der Veranstalter bedeutete mir, dass das keine Option sei, weil die Hooligans ihm dann den kompletten Club auseinander nehmen würden. Also mussten Alex und ich uns durch ein einstündiges Set kämpfen, während dem wir ständigen Wurfgeschossen ausgesetzt waren und ausgebuht wurden. (Wer bezahlt Geld für ein Konzert, um die Band auszubuhen?)

Jedenfalls liegt dieser Abend für mich in völliger Finsternis. Es gab kein Entkommen und keine Rettung. Während dieses Auftritts wäre ich lieber gestorben, als so weiter zu machen. Ich wünschte mir, der Boden würde sich öffnen und mich und diese ganze Hooligan-Bande verschlingen. Nichts sollte mehr an uns erinnern. Kein Fußabdruck, kein Haar sollte übrig bleiben. Süße Rache, bittere Scham. Sterben in aller Öffentlichkeit, denke ich, ist nicht das Schlimmste, was einem passieren kann.

Die Fahrt dauert nur knapp zehn Minuten. Dann sind wir wieder im Ort und mein Fahrer lässt mich heraus. Ich biete ihm Geld für seine Dienste an, aber er nimmt es nicht: „Ist schon gut. Ich musste den Weg ja sowieso fahren.“

Ich bin enttäuscht. Alle Menschen, selbst die dummen und abgestumpften, sind anständiger und selbstloser als ich. Es ist der Erfolg, denke ich. Erfolg macht unmenschlich und Unmenschlichkeit prädestiniert Erfolg. So ist Glück für niemanden möglich – nicht mal für Sisyphos.

Gegen die Stille versuche ich, mit dem analogen Festnetztelefon, das ich erst noch anschließen muss, Trixie in Chicago anzurufen. Wider Erwarten höre ich ihre Stimme gleich nach dem ersten Freizeichen, aber es ist wieder nur ihr Anrufbeantworter.

„Früher“, sage ich, „früher hatte ich Komplexe, weil ich das Gefühl hatte, zu wenige und keine interessanten Leute zu kennen. Und jetzt? Jetzt kenne ich so viele, angeblich interessante Personen und ich wünsche sie alle zum Teufel. Gleichzeitig fühle ich, wie ich immer unfähiger werde, Kontakt aufzunehmen, Leute kennen zu lernen, du weißt schon. Es stößt mich ab, aber ich fürchte, dass das unnormal ist und ich es doch irgendwie tun muss und dann leide ich darunter, dass ich es nicht hinkriege. Ich leide darunter, dass ich etwas nicht hinkriege, was ich gar nicht tun will… Ist das nicht paradox?“

Trixie antwortet natürlich nicht. Also verabschiede ich mich und sage noch, dass ich keinen Rückruf erwarte. Es ginge mir einfach nur darum, dass ich jemandem etwas erzählen kann.

Sie hat mir einmal erzählt, dass sie die Männer in ihrem Umfeld beneidet: „Für euch ist es okay, allein in eine Kneipe zu gehen und euch einfach mit einem Fremden zu unterhalten. Als Mädchen bekommt man beigebracht, dass sich das nicht gehört. Du gehst mit Freunden, Freundinnen, deinem Freund oder gar nicht. Und wenn man doch irgendwo allein geht, wird man befremdlich beäugt und zum Freiwild erklärt.“

Danach habe ich mich nicht mehr getraut, ihr zu sagen, dass ich die Frauen in meinem Umfeld beneide, aber es ist noch immer so. Du kommst in eine Situation und willst einfach nur ein guter Kerl sein und gemocht werden, aber wenn du dann freundlich, hilfsbereit und rücksichtsvoll bist, lachen sie dich ausnahmslos aus. Warum? Das habe ich nie verstanden, aber ich nehme an, es ist diese tiefsitzende Angst, etwas preiszugeben und dann gestohlen zu bekommen. Auch wenn es so aussieht: Männer teilen nicht gerne. Sie teilen nur gerne aus und machen gute Mine zum bösen Spiel. Eigentlich ist das alles sehr anstrengend.

Ich würde gerne sticken können, denke ich manchmal. Ich würde gerne meine Abende so verbringen - mit etwas anderem in der Hand als einer Zigarette, aber als Mann musst du immer maximal unproduktiv sein, um zu zeigen, dass du so fleißig bist, dass du dein Tagwerk schon frühzeitig beenden konntest.

Ich höre, wie Trixie sagt: „Und egal, was du als Frau machst, du bist immer faul, weil du offensichtlich nie fertig wirst, weil immer noch etwas übrig ist, immer wieder etwas Neues angefangen werden muss. Was Frauen herstellen, verschleißt. Was Männer herstellen, ist für die Ewigkeit.“

Trixie kann nicht sticken, soweit ich weiß, aber sie hat früher ihre Kleider teilweise selbst genäht oder geändert. „War günstiger“, sagt sie, „Und man will ja nicht aussehen wie jeder.“

Ich betrachte uns beide auf dem Foto, das ich von meiner Küchenwand abgehangen, mitgenommen und hier in der Küche aufgehängt habe. Nein, wir beide sehen wirklich nicht aus wie jeder und keiner von uns beiden hatte es damit leicht.

„Wir haben es uns aber auch nicht leicht gemacht, sind immer den schwierigen Weg gegangen, haben die Umwege gesucht und mitgenommen, was wir fanden, auch wenn es uns belastet hat“, sagt sie.

Und der Robert Beckmann auf dem Foto meint: „Wenn du nicht das Gefühl hast, dass etwas schwierig ist, dann hältst du dich für einen Hochstapler, nicht wahr? Es muss immer alles ein Krampf sein, sonst bist du nicht zufrieden. Ein Meisterwerk kann nur schaffen, wer durch die Hölle geht und deshalb kannst du deinen eigenen Songs nichts mehr abgewinnen. Es war zu einfach und der Schmerz ist längst verheilt.“

Kann schon sein, denke ich und betrachte mein Gesicht auf dem Foto. Es wirkt entspannt und fröhlich. Ich erkenne mich kaum wieder. Fast ekelt mich mein eigenes Gesicht an. Keine Sorgen, keine Falten, keine Probleme und stattdessen ein diebisches Grinsen auf den Lippen

Über was habe ich mich gefreut? Daran erinnert man sich nie. Diese Momente sind immer viel zu kurz und, wenn man ehrlich ist, zu oberflächlich.

Das letzte Mal als ich mich länger anhaltend über etwas gefreut habe, war, als wir in Amerika sang- und klanglos untergingen. Es war erhebend. Grenzen aufgezeigt zu bekommen, die man nicht durchbrechen konnte, war großartig. Wir wurden angekündigt als eine der wichtigsten Bands Deutschlands und spielten ein paar Konzerte in kleinen, unbedeutenden Clubs an der Ostküste. Weil wir uns weigerten, englische Versionen unserer Songs aufzunehmen, kaufte niemand unsere Platten und wer sich auf unsere Konzerte verirrte, verließ sie nach dem ersten Reinschnuppern vorzeitig. Manche verlangten sogar ihr Geld zurück. Ein völliger Reinfall, viel verbranntes Geld und als ich später in die vielen enttäuschten Gesichter in den Büros des Labels blickte, musste ich laut auflachen. Wann hat man schließlich noch mal die Gelegenheit, so schön respektlos zu sein? Ich grinste ihnen ins Gesicht und konnte gar nicht mehr aufhören, mich an ihrem Entsetzen zu delektieren.

„Nein, wir sind nicht Tokio Hotel“, sagte ich zu ihnen, „Die Kids drüben kaufen lieber das Original.“

Die Amis verstehen eben nicht so viel Spaß wie die Engländer oder sie haben einen anderen Humor. Auf der Insel konnten wir zumindest hin und wieder ein paar Menschen, die uns mal im Vorprogramm irgendeiner mittelmäßigen Britpop-Truppe sahen, ironisch begeistern.

Bei diesem Deutschland-Hype, der damals um die Welt schwappte, wollten wir aber keinesfalls mitmachen und profitieren schon gar nicht. Am Ende mussten wir einen Teil des Verlustes dieser Amerikatour ausgleichen, aber das war es wert.

Die Stille der Nacht hat mich wieder. Die Sterne werden von Wolken verdeckt, aber ich erhasche einen kurzen Blick auf die bleich über mir hängenden Mondsichel, der sich in eine Halo gehüllt hat, wie eine gewiefte Verführerin in ein Seidenkleid.

„Na, mein Wanderer aus ferner Stadt“, raunt sie mir ins Ohr, „suchst du Ruhe und findest sie nicht?“

„Eher suche ich Inspiration“, erwidere ich. Ich schäme mich ein wenig vor ihr, wie ich mich vor allen Frauen schäme, die mich reizen.

„Aber du bist doch umgeben davon, mein müder Freund.“

„Vielleicht, aber zwischen ihr und mir ist diese unsichtbare Mauer.“

„Als erstes musst du aufhören, Fragen, die du mit „Nein“ beantworten willst, mit „Vielleicht“ zu beantworten und wenn du dann endlich ehrlich zu anderen bist, kannst du auch ehrlich zu dir selbst sein“, säuselt sie mir von oben herab zu.

„Aber das ist doch eine Plattitüde. Man müsse nur ehrlich zu sich selbst sein und dann flutscht schon alles, wie es soll… Das ist doch ein Märchen.“

„Dann erzähl dir eben lieber die Lüge von einer unsichtbaren Mauer zwischen dir und etwas, das du schlicht nicht sehen kannst oder willst. Das ist nämlich dein Problem: Statt an dir zu arbeiten, hoffst du darauf, dass es irgendeinen äußeren Umstand gibt, der es dir unmöglich macht, etwas zu erreichen. Hauptsache, du bist nicht schuld.“

Ich sage nichts mehr, denn ich schäme mich dafür, solch abgeschmackte Pink-Floyd-Metaphern zu bemühen. Ich neige dazu, schöne und interessante Frauen durch mein Gerede abzustoßen.

„Kunst ist eben auch Arbeit, mein Guter. Sie kommt nicht einfach zu einem. Man wird nicht vom Blitz getroffen und ist dann erleuchtet.“

„Naja, technisch gesehen…“, beginne ich aber sie zischt mir ins Ohr.

„Shhh. Robert, wenn du die Flinte ins Korn werfen willst, dann tu es, aber nenn es dann nicht höhere Gewalt! Nenn es nicht Krankheit oder Schicksal! Nenn es Feigheit und nenn es Eigenverantwortung.“

„Ich habe keine Angst, mich einen Feigling zu nennen“, verteidige ich mich.

„Wirklich?“, fragt sie, „Würdest du vor eine Kamera treten und zugeben, dass du es nicht hingekriegt hast? Oder würdest du nicht eher irgendetwas anderes vorschieben? Musikalische Differenzen oder was deinesgleichen immer behauptet in solchen Situationen? Robert, dein Wille, glorreich zu scheitern, deine morbide Lust an Misserfolgen und dein genüssliches Suhlen in deiner eigenen Verzagtheit in allen Ehren, aber du weißt, dass totale Verweigerung deine Frustration nicht abbauen wird.“

„Zeit ist eine seltsame Sache“, sage ich, „Man trauert um sie, wenn sie vergangen ist, die kommende hingegen fürchtete man. Die gegenwärtige möchte man nur schnell hinter sich bringen.“

„Das klang vor ein paar Tagen aber noch völlig anders“, meint die Mondfrau kokett, „Da wolltest du noch jeden Augenblick für die Nachwelt konservieren.“

Ich gebe auf. Ich weiß nicht mehr, was ich will.

„Du willst schlafen und träumen, mein Lieber und das sollst du auch. Du hast dich genug geschunden für einen Tag, ja für ein ganzes Leben und doch hast du noch nicht begriffen, dass du dich gar nicht schinden musst.“

Ihr silbriges Licht verschwindet endgültig hinter einer Wolke und lässt mich in der Dunkelheit zurück. Aus irgendeinem Grund bin ich den Tränen nahe. Hat sie mich verschreckt oder ich sie? Wieso gerate ich ständig in Streitigkeiten? Dadurch sehe ich schließlich auch nicht klarer. Mehr Fragen bedeuten nicht mehr Antworten bedeuten nicht mehr Erkenntnisse bedeuten nicht mehr Wahrheiten.

„Träume, mein Lieber, haben die Eigenschaft, dass sie flüchtig aber nicht irrelevant sind“, flüstert hinter der Wolke die Mondfrau als ihren letzten Gruß.

Ich verlasse den Balkon und schlurfe in Richtung Bett, aber ich kann nicht einschlafen. Also stehe ich wieder auf und gehe zum Bücherregal, das man hier hingestellt hat, um eine heimelige Atmosphäre zu erzeugen. Als wäre ein Bücherregal ein Möbelstück wie jedes andere und nicht in Wirklichkeit ein sichtbarer Teil der Seele eines Menschen…

Nun, ich finde viel belanglosen Schund, der den neutralen Charakter dieser Wohnung unterstreicht und eine englische Ausgabe von Albert Camus‘ „Die Pest“. Jemand, der einmal wie ich hier gewohnt hat, muss es dagelassen haben. Für mich? Weil er oder sie wusste, dass man es hier gebrauchen kann? Ich blättere das Buch kurz durch und stelle es dann wieder zurück ins Regal. Ich kenne es schon. Stattdessen nehme ich ein Lustiges Taschenbuch mit ins Bett und lese eine öde Superheldenparodie mit Donald Duck.

Ich wache auf, als die Stille und das Nichts in meinem Traum unerträglich werden und weil ich zur Toilette muss. Entgegen meiner Gewohnheit schalte ich das Licht an. Ich kenne mich hier noch nicht gut genug aus, um mich blind zu bewegen. Die Schatten verschwinden so plötzlich als hätte ich sie erschreckt, als hätte ich sie bei ihren Verschwörungen gestört. Jemand hat die Badezimmerwand mit schwarzer Tusche beschmiert und „LOVER“ auf die Fließen geschrieben. Einen kurzen Augenblick lang stelle ich mir vor, dass es die Mondfrau gewesen sein könnte.

Das Wort „Liebhaber“ hat schon immer einer gewisse Anziehungskraft auf mich ausgeübt. Es ist stärker als das abgestumpfte „Partner“ oder das noch schwächere „Freund“. Ein Liebhaber tut etwas, muss etwas tun, um jemand im Leben einer anderen Person zu sein. Auch wenn er etwas despektierlich betrachtet wird, so muss er weiter machen, um seinen Status zu erhalten und nicht zurück in die Bedeutungslosigkeit zu fallen. Der Liebhaber ist derjenige, der wirklich liebt, der bedingungslos liebt und keine Ansprüche stellt. Der Liebhaber überwindet Hindernisse und ist bereit, Zugeständnisse zu machen. Er würde sich sogar unterordnen, wenn er nur lieben darf.

Ich habe mich selbst immer nur als Liebhaber betrachtet, nie als jemandes legitimen Gefährten, neben dem es niemand anderen geben darf. Dieses seltsame Konzept von Liebe, das bedeutet, dass man einen Menschen ganz für sich alleine haben will, erschließt sich mir nicht. Niemand sollte sich so wichtig nehmen und niemand sollte einem anderen solche Vorschriften machen und ihn so sehr einschränken. Liebe sollte bedeuten, dem anderen alles Gute zu gönnen und sich mit und für ihn zu freuen. Wer bin ich, jemanden, den ich liebe, einzusperren und an mich zu binden?

Je mehr ich das betone und je lauter ich es vor mich hin denke, umso befremdlicher erscheint es mir. Ich erinnere mich daran, wie Trixie einmal zu mir sagte: „Wer die Eifersucht nicht kennt, kennt auch nicht den Ehrgeiz und Robert, du bist der ehrgeizigste Mensch, den ich kenne.“

Trixie ist immer diejenige, die mir mit einem Messer in den Rücken fällt.

Wieso unterscheidet sich mein Selbstbild so sehr von den Bildern, die andere von mir haben?, frage ich mich. Sollte ich mich nicht langsam selbst gut genug kennen, um mich objektiv beurteilen zu können? Und sollte Trixie mich nicht gut genug kennen, um zu wissen, wie ich wirklich bin?

„Du willst nicht so sein wie du bist, deshalb siehst du nur noch das, was du sehen willst“, sagte sie ebenfalls einmal.

„Aber wenn ich es doch sehe…“, rufe ich verzweifelt, „Es können doch nicht alles Trugbilder sein!“

Die Trixie der Vergangenheit sagte einmal: „Etwas zu verschweigen oder etwas zu verzerren, kommt einer Lüge gleich.“

„Es ist eine Verschiebung der Perspektive, keine Illusion!“

Und dann küsste mich die Vergangenheits-Trixie auf die Stirn: „Niemand will dich anders haben außer du selbst. Vielleicht solltest du an deiner Selbstakzeptanz arbeiten.“

Aber ich hasse diese Akzeptanzbewegungen. Ich will nichts akzeptieren müssen. Wenn es sein muss, würde ich mich selbst bekriegen, nur um mich nicht ertragen zu müssen. Denn natürlich bin ich nicht zufrieden, natürlich ärgere ich mich über meine Unzulänglichkeiten und darüber, dass ich sie nicht überwinden kann. So irrelevant meine Fehler auch sind, so unerträglich finde ich es, dass ich ihnen Untertan sein soll. Und was ein Fehler ist, das entscheide ich gerne selbst! Herzlichen Dank!

Wie ein Blitz durch die kreisenden Gedanken ereilt mich die Befürchtung, ich könnte halluzinieren, ich könnte träumen und im Schlaf mit mir selbst sprechen.

„Wo bin ich?“, frage ich in die Leere der Wohnung hinein wie im Film, wenn das bewusstlose Mädchen theatralisch in den Armen ihres Liebsten erwacht.

„Im Treibsand steckengeblieben“, ertönt eine Stimme aus meinem Schlafzimmer.

„Wie konnte das passieren?“, frage ich.

„Du hast die befestigten Wege verlassen. Gut gemacht.“

„So, habe ich das?“

„Du hast den Widerspruch in dein Leben Einzug halten lassen. Das ist eine nicht zu verachtende Leistung. Leider werfen sie einen häufig aus der Bahn“, sagt sie Stimme. Sie klingt verspielt und möglicherweise ein wenig angeheitert.

„Und was mache ich jetzt?“, frage ich.

„Versinken“, sagte die Stimme leichthin.

Ich trete aus dem Bad heraus vor meine Schlafstatt und finde darin den Mann, dessen Bild auf dem Umschlag von „Die Pest“ abgedruckt ist.

„Das ist nun aber wirklich lächerlich!“, rufe ich.

„Ich bevorzuge das Wort „absurd“. Es klingt weniger… naja lächerlich.“

„Das ist der Schlafmangel“, sage ich.

„Es ist die Leere, das Vakuum“, sagt Camus, „Du hast nichts, über das du schreiben kannst, nichts, das dich interessiert, nichts, das dich inspiriert. Also spielen dir deine Sinne Streiche.“

„Aber was kann ich noch glauben?“

„Musst du denn etwas glauben, um handeln zu können?“

„Ich will das Richtige tun“, sage ich.

„Und was ist das?“

„Das frage ich dich!“

Er zuckt nur gelangweilt mit den Schultern.

„Nein, sag es mir! Was soll ich tun?“

„Gegen Windmühlen kämpfen? Im Kreis rennen? Einen Kaffee trinken? Selbstmord begehen?“

„Mehr hast du nicht zu bieten?“

„Du kannst springen“, schlägt er vor, „Aber das wäre mehr als enttäuschend, denn du bist klüger als das.“

„Ich weiß nicht, ob ich klug bin“, sage ich.

„Klüger“, verbessert er mich, „Nicht klug. Du musst den Widerspruch zulassen. Akzeptiere deinen Widerwillen und das schlechte Gefühl, das du dabei hast.“

„Es ist der Schlafmangel!“, widerhole ich, „Ich werde verrückt, ganz einfach verrückt.“

„Alle gesunden Menschen sind verrückt.“

„Raus aus meinem Bett!“, brülle ich ihn an.

Aber er bewegt sich nicht. Er liegt da, wie ein unüberwindbares Hindernis, das sich in seiner Rolle gefällt. Also lege ich mich auf den Boden und rolle mich zusammen wie ein Hund.

Kurz bevor die Stille mich im Schlaf ersticken kann, weckt mich das das zarte Morgenlicht, das sich durch die vom Wind bewegten Vorhänge stielt.

Ich bin verschwitzt und jeder Muskel und jeder Knochen tut mir weh. Mein Herz schlägt wie von einem Alptraum gejagt, aber ich kann mich an nichts erinnern. Mein Bett ist leer und kalt wie so oft. Ich drehe mich auf den Rücken und starre an die Decke. Warum habe ich auf dem Boden geschlafen? Bin ich gefallen? Habe ich mir den Kopf angestoßen? Zumindest fühlt es sich so an.

Ich krieche ins Badezimmer und sehe das hingeschmierte Wort „LOVER“ an der Wand. Ha, schön wär’s, denke ich, aber ich halte Sex für überbewertet und eine Enttäuschung, an der trotzdem alle festzuhalten versuchen. Es ginge immer nur um Sex, sagen sie scherzhaft, nur beim Sex ginge es um Macht. Die traurige Wahrheit ist, dass es nie um Sex geht, es geht immer nur um Ablenkung und Flucht. Was am Sex aber das Irritierendste ist: Hat man ihn, machen die Leute sich drüber lustig. Hat man keinen, machen die Leute sich drüber lustig. Die Verklemmtheit kennt keine Grenzen. Wie lange darf man keinen Sex haben, um als „keuch“ zu gelten? Und schwingt in diesem Wort Anerkennung oder Belächeln mit?

Mit wertneutralen, beschreibenden Wörtern kann ich nicht umgehen, ich will wissen, ob ich wütend oder geschmeichelt sein muss. Angriff oder Flucht, es geht immer nur um Wandlung.

Ich blicke in den Spiegel und ein verzerrtes, zerrupftes Grinsen starrt zurück. Es geht immer nur darum, das Gesicht zu wahren.

Ich rasiere mich und putze mir die Zähne. Schnell ein paar Klamotten übergezogen und raus aus diesem verfluchten Haus!

In einem Tabakgeschäft kaufe ich mir eine Stange Zigaretten und ein kleines Büchlein, das sich „Touristenführer“ schimpft. Im Gehen blättere ich darin herum und finde außer unverhohlener Werbung nichts darin. Industriedenkmäler, Museen für die Glasbläserkunst und ein Literaturwanderweg. Es gibt eine mittelalterliche Kirche zu besichtigen und ein Kloster mit Glasfenstern eines preisgekrönten Künstlers. Keltische Grabstätten versteckt in den Wäldern. Ein schöner Panoramablick über das ganze Tal. Der naturbelassenste Bachlauf ganz Europas. Freilaufende Wildschafe in dessen Auen. Tropfsteinhöhlen – immer einen Besuch wert. Ein Zoo und viele Wildparks, die man kostenlos besuchen kann.

Das alles will ich nicht sehen!

„Komm mit, wir zeigen dir, was dich interessiert“, da sind wieder die Geister im Wind.

 

Ich stehe auf einem Hügel und blicke herab auf zartgrüne Felder. Die Landkarte, die dem Reiseführer beliegt, nennt diesen Ort „Galgenberg“. Dies ist die Wetterseite und ich zittere ein wenig vor Kälte und Erschöpfung. Es ist recht ungemütlich hier und der Himmel hat sich zugezogen. Es wird vielleicht Regen geben, denke ich. Wieso bin ich nur so weit gelaufen? Stattdessen hätte ich etwas frühstücken sollen. Aber das Wort „Galgenberg“ hat mich angezogen. Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, an so einem Ort zu stehen und zu wissen oder nicht zu wissen, was hier einst passiert ist.

Tatsächlich ist die Atmosphäre seltsam. Es ist still. Ausgerechnet hier soll es keine Geister geben? Ausgerechnet hier soll ich allein sein mit mir?

Ich suche die Umgebung ab nach irgendwelchen Anhaltspunkten, aber ich finde nichts. Kein Hinweis auf eine alte Hinrichtungsstätte, keine Plakette, kein Erinnerungsstein. Stattdessen: Unkraut, Dornen und Wildblumen.

„Kommen Sie da weg!“, ruft mir jemand zu, ein älterer Mann, der mit seinem Hund spazieren geht.

„Bitte?“

„Gehen Sie weg da! Kommen Sie zurück auf den Weg!“

„Wieso denn?“, frage ich, „Ist das Privatbesitz?“

„Nein, das ist der Galgenberg! Da darf man nicht drüber laufen!“

„Ach so, das wusste ich nicht“, sage ich und gehe schnell zurück zum Wanderweg und gebe dem Mann zur Begrüßung und zum Dank für die Information die Hand.

„Das bringt Unglück, wissen Sie? Ich meine, natürlich glaubt nicht jeder daran, aber wenn man es nicht weiß, kann man sich ja nicht entscheiden, ob man es glauben will oder nicht.“

„Ja, das ergibt Sinn.“

„Ich lasse meinen Hund nicht drüber laufen“, sagt er und zeigt auf seine Leine.

„Und hier haben sie Leute hingerichtet?“, frage ich.

„Natürlich. Deshalb heißt der Berg ja so. Sie sind wohl nicht von hier, dann kennen Sie die Geschichte natürlich nicht.“

„Welche Geschichte?“

„Der letzte Hexenprozess dieser Gegend. Ein junges Mädchen hat ihr neugeborenes Kind umgebracht und wurde dafür vor Gericht gestellt. Es hieß, sie sei eine Hexe, weil sie nicht sagen wollte, wer der Vater des Kindes war. Man hat sie zum Tode verurteilt und hier her gebracht und da wurde sie verbrannt oder gehängt, das weiß man nicht mehr so genau. Jedenfalls hat sie bevor sie gestorben ist, das ganze Dorf und das ganze Land hier verflucht. Deshalb wird hier bis heute nichts angebaut.“

„Das ist ja furchtbar“, sage ich.

„So war das damals eben“, erwidert der Mann gleichgültig.

„Ja. Furchtbar.“

Der Hund des Alten schaut mich mit treudoofen Augen an und ich tue ihm den Gefallen und kraule ihn hinter seinem Ohr.

„Sie kannte die Regeln und hat sich nicht dran gehalten. Sie kannte die Konsequenzen und hat sie in Kauf genommen“, sagt mein neuer Bekannter.

„Trotzdem war es ungerecht“, finde ich, „Sie stand sicher unter großem Druck wegen des Kindes. Vielleicht war sie mittellos oder das Kind ist eines natürlichen Todes gestorben. Oder jemand anderes hat es getötet.“

„Man darf das nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen“, sagt der Mann.

„Wieso nicht?“, frage ich.

„Weil… die Mentalität damals eine andere war.“

„Glauben Sie an den Fluch?“

„Ich sage es mal so: Ich gehe auf Nummer Sicher. Ich bin hier aufgewachsen und schon ein paar Tage älter und was meine Eltern und Großeltern gemacht haben, kann nicht so verkehrt gewesen sein.“

Ich wünschte, das könnte ich von meinen Eltern und Großeltern sagen, denke ich. Ich wünschte, ich könnte das von mir sagen.

„Danke“, sage ich, „Das war eine interessante Geschichte. Wenn man erst hergezogen ist, kennt man die Folklore noch nicht so gut.“

„Keine Ursache, keine Ursache“, sagte der Mann, rüttelt an der Hundeleine und ermutigt seinen Begleiter zum Weitergehen.

Ich bleibe allein zurück.

Die Stille, wenn man sich ausgeliefert fühlt und nichts mehr gegen sein Urteil unternehmen kann, kenne ich gut. Wenn der Hammer fällt, hat man keine Stimme mehr. Dein Schicksal liegt dann in den Händen der Kritiker, der verzagten, der verhinderten und der neidvollen Schreiberlinge, die aus deinem Werk eine gefledderte Leiche machen, die es ausweiden und konservieren wollen in einen Zeitgeist, den sie selber definieren.

Ein Lied darüber, wie sehr er Fahrradfahrer hasste und Dirk von Lowtzow wurde zur Stimme einer vermeintlichen Generation, die die Selbstisolation zur Haltung stilisiert. Paradox: Eine Bewegung, die die Ablehnung und das Abwenden von Gruppen und Verbrüderung predigt. Nein, ich wollte nie Teil einer Jugendbewegung sein.

Ich lehne den Einfluss ab, den sie mir zusprechen, aber ich weise auch den Einfluss, den sie auf mich nehmen wollen zurück. Die Kritik ist ein Instrument des Ausschlusses und wenn sie selbstreflektiert ist, weiß sie das auch. Ich misstraue allen Erklärungen, die sich damit herausreden wollen, dass die Kritik nur behandelt, was ihr gezwungenermaßen vorgesetzt wird, quasi als ein professionelles Publikum, das sich nur durch eine starke Meinung wehren kann gegen das Bombardement der Eindrücke. Kritik ist elitär. Kritik ist Arroganz.

Damit stelle ich ihre Existenzberechtigung nicht in Frage, ich rücke nur ihr selbstvermitteltes Bild zurecht, das sympathisch sein will, es aber nicht ist und nicht sein soll. Ich als Künstler muss die Kritik hassen, das gehört zum Deal. Wenn aber die Kritik versucht, sich bei mir einzuschmeicheln, mich einzuordnen, mich zu analysieren, dann muss ich dagegen anrennen.

Es ist ihr nicht zu trauen. Die Kritik, die dich an einem Tag in den Himmel lobt, kann dich für ein falsches Wort am nächsten Tag öffentlich hinrichten. Meine Solidarität gehört denjenigen, die nicht nach den Regeln spielen, obwohl sie die Konsequenzen kennen.

 

Ich beeile mich damit, nach Hause zu kommen, denn am Horizont ziehen nun immer dichtere, schwarze Wolken auf. Ich passiere die ersten Ausläufer eines Wohngebietes und folge der Hauptstraße hinab ins Tal und zum Zentrum der Kleinstadt. Von dort dringt das Läuten von Kirchenglocken herauf und ich entscheide mich, dem Gotteshaus einen Besuch abzustatten.

Ich bin nicht in dem Sinne gläubig, aber ich habe etwas übrig für Architektur und alte Gebäude. Im Reiseführer steht, dass es sich um eine Kirche im neugotischen Stil handelt, aber ich finde sie sehr klotzig für ein so kleines Städtchen. Da die Türen abgeschlossen sind, kann ich sie mir nicht von innen ansehen und blicke stattdessen an ihrer Fassade entlang und hinauf in den Himmel, wo sich ein Wolkenstrudel zusammenbraut.

Auf der anderen Straßenseite schleppt eine alte Frau ihre Einkäufe nach Hause. Vor dem Haus, das direkt gegenüber des Hauptportals der Kirche liegt, bleibt sie stehen und spuckt voller Abscheu in den Vorgarten. Ich starre wohl einen Augenblick zu lange auf diese absonderliche Szene, denn die Frau fühlt sich genötigt, zu mir herüber zu rufen: „Was glotzen Sie denn so?“

„Entschuldigung“, sage ich schnell und will mich abwenden.

„Weil ich ausgespuckt habe? Glauben Sie es macht mir was aus, dass mich dabei jemand gesehen hat? Sehen Sie her, ich mach es noch mal!“ und sie spuckt erneut.

Ich weiß nicht wie ich reagieren soll. Will sie, dass ich nachfrage oder will sie, dass ich weggehe? Also mache ich es wie das Reh im Scheinwerferlicht: Ich bleibe stehen und schweige angespannt.

„Sie wissen nicht, was das für ein Haus ist?“, fragt sie, als sie näher kommt.

„Das Pfarrhaus, nehme ich an“, sage ich.

Sie lacht mich aus: „Wegen des Schriftzugs meinen Sie?“

In der Tat dachte ich, dass der Schriftzug an der Giebelseite des Hauses das Pfarrhaus markiert. Dort steht nämlich in Stein gehauen und für die Ewigkeit: „Einzig Gott ist der Lotse / Allem Unbill zum Trotze“

„Sie sind nicht von hier, was? Oder einfach noch zu jung?“

„Beides vielleicht“, sage ich.

„Das ist das Haus von Katharina Mayer. Sie wissen natürlich nicht, wer das ist.“

„Nein“, gebe ich zu.

„Meine alte Volksschullehrerin.“

„Aha“, sage ich und traue mich nicht zu fragen, was diese Frau Schlimmes verbrochen hat, dass eine so alte Dame ihr immer noch grollt.

„Solche Lehrerinnen kennen Sie natürlich auch nicht mehr.“

„Was war denn so schlimm an ihr?“, frage ich jetzt doch.

„Diese Person hat meine Schwester wegen einer unsauber geschriebenen Hausaufgabe so hart ins Gesicht geschlagen, dass ihr das Trommelfell gerissen ist. Da ist sogar mein Vater, der sich kein Bisschen für unsere Erziehung interessierte, zum Direktor gegangen und hat sich beschwert. Aber da hatte man früher als Elternteil absolut keine Chance. Gegen diese Lehrerin kam nicht einmal der Rektor an. Wissen Sie, damals fing es gerade an, dass Mädchen Hosen trugen. Aber nicht bei Fräulein Mayer. In ihrer Klasse mussten alle Röcke tragen. Auch im tiefsten Winter. Wer bei minus zehn Grad mit einer warmen Hose kam, kriegte einen Verweis und als die Eltern sich beschwerten, setzte sie durch, dass die Mädchen der ganzen Schule Schürzen über ihren Hosen tragen mussten. Haben Sie jetzt einen Eindruck, was das für eine Frau war?“

„Ich denke schon“, sage ich.

„Ich habe ihr schon als Mädchen in den Vorgarten gespuckt und ich tue es immer noch, auch wenn sie schon lange tot ist. Wenn ich wüsste, wo ihr Grab ist, würde ich auch darauf spucken.“

„Das verstehe ich“, sage ich, „Es gibt schon furchtbare Lehrer.“

„Wollen Sie auch mal?“, fragt sie.

„Spucken?“

„Ja.“ Sie schenkt mir einen verschwörerischen Blick und für einen kurzen Augenblick sehen wir einander tief in die Augen. Wir verstehen uns. Wir grinsen uns an und ich gehe über die Straße und spucke in den Vorgarten einer mir völlig unbekannten Familie.

„Wunderbar“, freut sich die alte Frau und klopft mir auf die Schulter. Dann nimmt sie ihre Einkaufstaschen und geht weiter ihres Wegs.

Ich bleibe verdattert zurück. Es fällt mir immer noch leicht, andere Menschen kennen zu lernen, fällt mir ein. Meine Fremdheit ist mein Trumpf und mein unseliges Starren, mein Blick für die Details bringt mich in die Bredouille.

Die Bosheit wohnt in der Stille. Das Böse kommt auf leisen Sohlen. Es rollt nicht heran wie ein Gewitter oder ein Sturm. Es schleicht sich ein, fließt wie eine giftige Flüssigkeit durch die Ritzen und Kapillare, verdampft unsichtbar in der Luft und findet seinen Weg als Nebel in unsere Lungen.

Und dort nistet es sich ein, vernetzt sich mit unseren schlechten Eigenschaften, spinnt schließlich unsere Herzen ein, lässt sie hart und kalt werden.

Ich schlendere zum zentralen Marktplatz zurück und spüre wie mir die Füße schwer werden, als würde ich durch das vergossene Blut waren, das in all den Jahrhunderten der menschlichen Besiedelung hier in den Boden eingesickert ist. Der Treibsand der Geschichte, fällt mir ein. Niemand kann sich daraus befreien, selbst wenn wir von uns selbst behaupten, unschuldig zu sein.

Hielten die Männer die das junge Mädchen zum Tode verurteilten, sich nicht auch für gerecht? Und die Lehrerin, die ein Kind taub schlug?

Bosheit gebiert Lust an Macht. Der Teufel lockt mit Annehmlichkeiten, einer gerechtfertigten Überheblichkeit. Aber so etwas gibt es nicht. Es ist immer eine Täuschung und ich weiß nicht, wen ich mehr bedauern soll.

 

Gerade als ich meine Haustür aufsperren will, blicke ich herüber zum Eiscafé. Dort hat es sich unter einer Decke eine junge, gestresst wirkende Frau ungemütlich gemacht. Sie schlürft eine Tasse kaltgewordenen Kaffee und tippt nervös auf ihrem Handy herum. Skeptisch beäugt sie das Wetter. Neben ihr auf dem Boden liegt ihr Regenschirm parat. Es ist für jeden offensichtlich, dass sie hier fremd ist.

„Mein Gott, Robert! Wo bist du nur gewesen?“, schreit sie mich an, während sie auf mich zu stürzt. Ich habe gehofft, dass sie mich über ihrem Mobiltelefon nicht sieht.

„Hallo Amanda“, sage ich.

„Man sieht und hört nichts von dir. Du meldest dich nicht. Du gehst nichts ans Telefon!“

„Es hat nicht geklingelt“, sage ich.

„Du hast es ausgeschaltet!“, wirft sie mir vor.

„Ach, du meinst das Handy“, fällt mir ein, „Das habe ich aus dem Zug geworfen.“

„Du hast was?“

„Es aus dem Zug geworfen.“

„Aber wieso?“, fragt sie entsetzt.

„Seit es Handys und eMail-Adressen gibt, wird erwartet, dass man jederzeit eine schlagfertige, kluge und vor allem nützliche Antwort auf alle Fragen parat hat, ohne das ganze Zeug hatte man mehr Muse, mehr Zeit und eher die Möglichkeit, die eigenen Fehler unbemerkt auszubessern oder zu kaschieren.“

Was ich ihr nicht sage, ist, dass ich noch etwas anderes leid bin als die ständige Kontrolle und Überwachung: Die Hysterie und die Angst davor, abgeschnitten zu sein, nur halbe, falsche oder gar keine Nachrichten übermittelt zu bekommen, nicht informiert zu sein, nicht up to date zu sein. Das führt uns direkt in die Hölle der Technokratie. Es werden heute nicht mehr oder andere oder willentlichere Fehler gemacht als früher. Sie sind nur sichtbarer und jeder glaubt, ein Recht auf öffentliche Empörung und persönliche Betroffenheit zu haben. Ich bin dessen so müde, aber das Piepsen der Geräte lässt mich nicht schlafen. So viel Müll wird heute für relevant erklärt, dass man gar nicht mehr nachkommt mit dem Sichten, dem Meinung-Bilden, der Empörung und der Betonung, dass man das alles ja geflissentlich zu ignorieren gewillt ist.

„Aber wir machen uns doch Sorgen. Was glaubst du, was ich gedacht habe, als du die Tür nicht aufgemacht hast?“

„Ich habe mir die Kirche angesehen“, sage ich und fühle mich aus irgendeinem Grund wieder schuldig.

„Robert du kannst doch nicht einfach abtauchen!“

„Wieso nicht?“

„Komm wir gehen rein, es beginnt zu regnen und das hier muss ja auch nicht jeder mitbekommen.“

Ich sperre die Haustür auf und wie treten in die dunkle, kalte Wohnung.

Ihr erster Weg führt sie zur Toilette und als sie zurückkommt fragt sie mich, wer die Badezimmerwand beschmiert habe und ob ich Damenbesuch gehabt hätte.

Ich sage, ich wisse es nicht und dass ich kein Interesse an Damenbesuchen habe, aber sie versteht nicht, was ich ihr damit bedeuten will.

„Sag, wie geht es dir hier?“, fragt sie stattdessen.

„Gut“, sage ich.

„Wirklich?“, da ist gierige Hoffnung in ihrer Stimme.

„Ja. Ich habe endlich Zeit, nachzudenken und zu entscheiden, was ich eigentlich will.“

„Und?“

„Ich weiß es noch nicht, aber die Zeit, die man hat, macht es angenehm. Da ist kein Druck.“

„Hast du denn schon etwas geschrieben?“, fragt Amanda endlich. Sie hat es nicht sehr lange ausgehalten, aber so kenne ich sie. Sie lässt sich nicht so einfach auf die Folter spannen. Meine Naivität nimmt sie mir auch nicht ab.

„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß, „Ich überlege noch, ob ich überhaupt etwas schreiben möchte.“

„Aber wie stellst du dir dein weiteres Leben vor?“

„Du redest wie meine Mutter, als ich ihr sagte, dass ich mit der Musik anfangen wollte.“

„Ach bitte! Diesen Sarkasmus kannst du dir sparen. Der hat dich erst in diese Situation gebracht. Du tust immer nur, was du willst. Das ist aber nur genau so lange in Ordnung, wie du dabei produktiv bist. Robert, ich bin deine Freundin, du musst mich nicht bekämpfen. Ich will dir helfen. Die werden langsam ungeduldig, verstehst du?“

„Sehr gut“, sage ich, „Die Maschine, die immer gelaufen ist, kann nicht kaputt gehen, weil sie nicht kaputt gehen darf. Ich hätte Junkie werden sollten, als ich die Chance dazu hatte, dann hätte ich jetzt zumindest meine Ruhe. Leute, die an dich glauben, sind die Schlimmsten.“

„Ich weiß nicht, ob ich unter diesen Umständen noch etwas für dich tun kann“, sagt Amanda und glaubt, mir damit Angst machen zu können.

Ich weiß schon lange nicht mehr, was Amanda eigentlich für mich tut. Meinem Eindruck nach arbeitet sie eher neben mir her oder gar gegen mich. Wenn ich selbst nicht weiß, was ich will, wie kann sie wissen, was gut für mich sein soll. Es stört mich, dass sie hier ist.

Sie fragt, ob sie bei mir übernachten kann, aber ich suche für sie in meinem Touristenführer die Telefonnummer eines Hotels. Dann werfe ich sie hinaus und breche zusammen.

Die Stille des Nachmittags ist unerträglich. Ich kann nichts essen, obwohl ich mir etwas habe liefern lassen. Fast unangetastet werfe ich meine Portion Spaghetti Bolognese in den Müll. Mordlust ist ein Gefühl, das ich noch nie vorher verspürt habe und es fühlt sich scheußlich an. Amanda angeprangert, als Hexe verbrannt, als Verbrecherin enthauptet… Ich will diese Bilder nicht sehen! Aber diese Frau würde es nicht mal merken, wenn sie mir einen Dolch ins Herz rammte. Selbst das würde sie noch als „Freundschaft“ bezeichnen. Sie würde mir den Kopf in die Schlinge legen und mir dann ein schlechtes Gewissen einreden, weil sie mir dabei helfen musste.

Ich betrachte meine Hände. Sie zittern unkontrolliert, als wäre ich auf Entzug. Wie sollen diese Finger jemals wieder Gitarre spielen? Einen Augenblick lang überlege ich, sie mir mit dem nächstbesten Küchenmesser abzuhacken.

Der Regen peitscht inzwischen gegen die Fenster und es ist draußen fast nachtdunkel. Kaum zu glauben, dass ich heute Morgen noch auf dem Galgenhügel gestanden und die Frische des Frühlings genossen habe. Bei den Toten ist mein Platz, denke ich, sie verstehen mich, sie sind freundlich.

Ich nehme das Telefon und rufe Hendrik an. Seine Frau geht ran und entschuldigt sich, weil Hendrik nicht da ist.

„Dafür muss du dich doch nicht entschuldigen“, sage ich.

„Du kannst es ja mit seiner Mobilnummer probieren“, schlägt sie vor.

„Nein. Ich bin auf Festnetz umgestiegen.“

Hendriks Frau ist eine Seele von einem Mensch und ich würde am liebsten für den Rest des Tages mit ihr plaudern. Ihre weiche, verhuschte Stimme beruhigt mich. Sie ist freundlich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Wenn sie sich Sorgen macht, dann nicht um ihren Profit.

„Soll er dich zurückrufen? Du kannst mir einfach deine Nummer da lassen.“

Da fällt mir ein, dass ich die Nummer dieses Telefons überhaupt nicht kenne. Ich sage wieder: „Nein. Es ist schon in Ordnung.“

„Kann ich etwas ausrichten?“, fragt sie.

„Nein, nein. Ich wollte nur mit jemandem reden, das ist alles. Ich wollte nur eine Stimme hören, die nicht vorwurfsvoll klingt. Du hast mir schon sehr geholfen. Danke.“

„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragt sie, sie muss gehört haben, dass ich weine.

„Ja, natürlich. Rachel?“

„Ja?“

„Bitte leg nicht auf.“

„Okay. Willst du mir vielleicht irgendwas erzählen?“, fragt sie.

„Nein, ich hätte gern, dass du mir was erzählst“, sage ich.

„Ich weiß nicht recht“, sagt sie.

„Das ist in Ordnung“, erwidere ich.

„Vielleicht interessiert es dich, dass ich schwanger bin.“

„Aber das ist ja großartig!“, rufe ich, „Natürlich interessiert mich das! Herzlichen Glückwunsch! Warum hast du das nicht gleich gesagt? Das sind doch tolle Neuigkeiten. Ich freue mich so für dich und Hendrik.“

„Tut mir leid, Robert, man weiß bei dir nie, was dich interessiert und was dich langweilt“, sagt sie. Ihre Ehrlichkeit trifft mich hart, tut mir aber gut.

„Wann ist es denn soweit?“, frage ich.

„Im September, wenn alles gut geht.“

„Warum soll denn nicht alles gut gehen?“

„Ach, man weiß ja nie.“

„So darfst du gar nicht anfangen zu denken!“

„Ja, natürlich.“

„Rachel, du hast mir den Tag versüßt“, sage ich, „Du hast es geschafft, mich wieder aufzubauen.“

„Das freut mich. Du darfst nicht immer alles so schwarz sehen, Robert. Du darfst nicht immer alles so verkomplizieren. Du zerdenkst die Dinge immer. Du verrennst dich. Du bist völlig frei. Hendrik sagt, wenn du eine Platte schreibst, ist das in Ordnung und wenn du keine schreibst, ist es das auch und er bleibt trotzdem dein Freund. Deine Arbeit steht in keinem Zusammenhang zu deinen Beziehungen, Robert. Du musst niemandem etwas beweisen.“

„Ich muss mir selbst etwas beweisen“, sage ich.

„Ja, ich weiß“, sagt Rachel.

„Und was soll ich sonst tun? Ich kann nichts anderes und jetzt kann ich noch nicht einmal mehr das.“

„Mach bitte deine Daseinsberechtigung nicht davon abhängig, was du leisten kannst! Du hast schon viel geleistet und dennoch bist du deswegen nicht mehr oder weniger wert, geliebt zu werden.“

„Ich weiß nicht, ob es allein darum geht“, sage ich.

„Bitte, setz dich nicht zu sehr unter Druck. Wir machen uns ernsthafte Sorgen. Hendrik hatte einen üblen Streit mit den Leuten von der Plattenfirma.“

„Die werden langsam ungeduldig, ich weißt.“

„Und Hendrik hat ihnen gesagt, dass sie kein Recht hätten, dich auszuquetschen wie eine Zitrusfrucht.“

„Das ist nett, aber nicht notwendig“, sage ich, „Sag ihm, dass ich zurecht komme, ja?“

„Ich sag ihm, dass du dich gemeldet hast“, sagt Rachel in ihrer sanften, aber bestimmten Art, „Das wird ihn beruhigen.“

Ich bedanke mich, weil man das so tut, wenn jemand nett zu seinem war und lege auf.

 

„Reden ist anstrengend, nicht wahr, mein Lieber?“, sagt die Mondfrau hinter ihrem Wolkenvorhang. Sie blickt noch anorektischer auf mich herab als in der letzten Nacht. Ich stehe hinter dem Küchenfenster und starre in den beinahe lichtlosen Himmel und auf mein halbdurchsichtiges Spiegelbild. Sie hat sich eingehüllt und verbirgt ihre tatsächliche Form. In dieser Nacht ist sie nur ein schleierhafter Lichtfilm.

„Schreiben ist schlimmer“, gestehe ich ihr.

„Was es so schwer macht, ist der Kampf darum, gehört zu werden, wenn man sich eigentlich verstecken will, aber nicht sicher ist, ob man das wirklich will“, sagt sie. Ihre Stimme ist brüchig und ich empfinde heißes Mitleid mit ihr.

„Du hast es erfasst“, sage ich.

„Sie ist nicht gehört worden.“

„Wer?“

„Margarethe Schmidt. Das Mädchen, das sie exekutiert haben. Sie haben eine Straße nach ihr benannt, wusstest du das? Nach ihrem Tod kennt jeder ihren Namen, aber damals, als es drauf ankam, wurde sie im Stich gelassen.“

„Die Menschen sind grausam“, sage ich, „Und es ist mir egal, ob das damals so üblich war. Grausamkeit ist Grausamkeit.“

„Ihr Anwalt hat sich sehr um sie bemüht“, sagt die Mondfrau, „Die Akten können noch eingesehen werden, mein Lieber, es war ein fast moderner Prozess. Schwere Kindheit, lieblose Pflegefamilie, Armut, schlechte Bildung, Naivität, Hilflosigkeit, die Verurteilung durch die Gesellschaft, die Demütigung durch die Kirche. Zwei uneheliche Kinder.“

„Und ein Todesurteil.“

Der Wind verweht ihre Stimme. Reden ist anstrengend. Ich setze mich an den Küchentisch und schlafe über meinem Abendbrot ein.

Sie haben uns beide aufgenommen
Wie zwei Waisenkinder
Hoffnung ist zu Neid geronnen
Wer ist dir zu nah gekommen?
Wer hat dir dies Leid begangen?
Seelen in der Zeit gefangen

 

Sie haben uns beide aufgenommen
Wie zwei Straßenköter
Wir sehen uns nur ganz verschwommen
Wandern, stolpern unbesonnen
Durch dies Land und unbesungen
Gehen wir verkannt zu Grunde

 

Erzähl mir was von Schmerz und Trost
Von Schuld und Schicksal, Angst und Tod
Deine Halo ist so schön
Ich trau mich nicht, dich anzuseh’n
Willst du mit mir zum Hügel geh’n
Und über allen Spöttern steh’n?

 

Sie haben uns beide aufgenommen
Wie zwei Vatermörder
Und über uns den Stab gebrochen
Unter uns zernagte Knochen
Ein Feuergrab für unser Hoffen
Auf den Tag, wenn wir uns treffen

 

Erzähl mir von Gerechtigkeit
Von Fluch und Segen, Einsamkeit
Meine Aura ist nicht schön
Traust du dich, mich anzuseh’n?
Willst du mit mir zum Hügel geh’n
Und über allen Spöttern steh’n?

Gegen die Stille schalte ich das Radio ein. Schöne Stimmen, angenehme Stimmen, wohliges Gedudel, Melodien zum Gleich-Wieder-Vergessen. Die neuen, deutschen Poppoeten kämpfen mit der deutschen Sprache, reimen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und wischen sich beim Einsingen ihrer Lieder sicher die ein oder andere Träne aus dem Augenwinkel. Authentische Lieder über das Fernweh, die Sehnsucht nach Geborgenheit, eine unerreichbare Liebe, einen Aufbruch in eine neue Lebensphase und die überwältigende Schönheit der Existenz in ihrer Gesamtheit. Nichts Konkretes, nichts Bewegendes, nichts, das in irgendeiner Form aneckt. Es schleimt sich so in die Gehörgänge, läuft aber wieder rückstandslos ab. Niemand muss Angst haben, dass diese Musiker eine Revolution lostreten.

Dafür haben sie viel zu viel Angst vor ihrer eigenen Position. Wer will schon eine Führungsperson sein? Ich kann es ihnen zumindest nicht verübeln, wenn sie einfach nur das Geld absahnen und dann abhauen wollen. Wenn sie in Talkshows sitzen, dann halten sie nur ihre CD in die Kamera und lächeln verschämt. Sie erzählen, wie intim der Songwriting-Prozess gewesen ist und wie sehr sie sich auf die kommende Tour und die Treffen mit den Fans freuen. Ich frage mich, ob diese Popstars für derartige Auftritte geschult werden oder ob sie in Wirklichkeit alle Roboter sind. Oder Absolventen der Pop-Akademie. Meine Güte, was es nicht alles gibt…

Die Musik stoppt für eine Werbestrecke. Müsli, Autos, Krankenversicherungen, wieder Müsli, ein schwedisches Möbelhaus, ein Abend gewidmet der humorvollen Mundartdichtung.

Ich hasse Mundartkunst. Ich hasse Menschen, die sich lächerlich machen und über eine kumpelhafte Vertrautheit eine ganze Bevölkerungsgruppe unschuldig in Sippenhaft nehmen, weil sie es nicht ertragen, wie peinlich sie ganz allein sind. Vielleicht bin ich aber auch einfach humorlos.

Gerade will ich verärgert das Radio ausschalten, da beginnen die Nachrichten.

Am anderen Ende der Republik ist ein junger Mann durchgedreht. Noch ist unklar, wie viele Tote es gibt und ob der Täter flüchtig ist. Die Polizei gibt noch keine Informationen heraus. Eine Schule wurde evakuiert, eine Kleinstadt in den Ausnahmezustand versetzt. Ich schalte das Radio aus.

Seit Littleton hofft jeder Künstler, dass solche Typen nicht Fans der eigenen Werke sind.

Das ist alles. Mehr kann ich nicht denken. Bitte lass es keiner von meinen Fans sein! Da ist Blut an meinen Händen. Ich habe mir in den Finger gebissen. Vielleicht habe ich mir den Knochen gebrochen. Ich fühle nichts mehr.

Wie kommt man auf die Idee, ein Kind in diese Welt setzen zu wollen? Sie müssen unbeugsame Optimisten sein.

Da ist Blut auf meinem Fußboden, es tropft von meinen Zähnen. Da ist Blut auf meinem Frühstück, in meinem Kaffee, an den Wänden und den Fensterscheiben.

Ich versuche das Böse auszutreiben. Irgendwo in meinem Herzen hat es sich vergraben.

Irgendwo am anderen Ende der Republik ist einer durchgedreht und hat in die Tat umgesetzt, womit er zuvor in seinen Phantasien schwanger gegangen ist. Und wir anderen? Sind wir einfach nur zu feige? Haben wir nicht alle psychopathische Wunschträume? Phantasien von Macht und Unterwerfung, von Befreiung und Nihilismus? Was hält mich davon ab, durchzudrehen?

Nie in meinem Leben, haben diese Hände eine Waffe berührt, denke ich, aber was wäre, wenn? Könnte dieser Finger abdrücken? Es ist ganz leicht. Da ist eine Distanz zwischen Mörder und Opfer. Da ist eine Wand zwischen Hass und Furcht und wir wissen nichts von dem, was auf der anderen Seite vor sich geht, welche Stürme im Inneren des anderen toben, welche Abgründe dort lauern.

Seit Littleton identifiziere ich mich nicht mehr mit den Opfern, weil ich weiß, dass ich nie das empfinden kann, was sie durchgemacht haben. Ich bin zu stumpf, zu bequem und ich schäme mich zu wenig für meine Privilegien.

Ich weiß, dass das Böse in mir ist und es gibt mir Hoffnung, zu sehen, dass ich es zumindest im Augenblick besser im Griff habe als andere. Ein falscher Trost, ein dummer Trost, ein egoistischer Trost.

Da ist Blut auf meinem Teppich. Ich habe mir die Fingernägel abgekaut und eingerissen. Noch so eine meiner schlechten Eigenschaften, aber einem Gitarristen verzeiht man ungepflegte, abgenagte Fingernägel meist.

Meine Mutter hat einmal zu mir gesagt: „Du bist selbst schuld, wenn du im Leben nicht voran kommst, du bemühst dich um nichts und alles, was du tust, ist, deine Zeit verschwenden.“

Damals habe ich mir die Finger an der Gitarre blutig gespielt und mich nicht von meinen Eltern beeindrucken lassen. Vielleicht wollten sie mich vernichten, um mich danach zu einem besseren Sohn wieder zusammenbauen zu können. Aber das ließ ich nicht mit mir machen. Meine Demotivation durchzog als Leitfaden meine Jugend und wurde von nicht wenigen Experten als krankhaft bezeichnet, aber auch pathologisieren lassen wollte und will ich mich nicht.

Hätte mir damals jemand zur Seite gestanden, der meiner Mutter erklärt hätte, ich sei eben, wie ich sei und könne nicht verantwortlich gemacht werden für meinen Zustand, ich hätte mir vielleicht das Leben genommen. Das einzige, was schlimmer ist, als sich selbst zu Grunde zu richten, ist zu Grunde gerichtet zu werden und nichts dagegen tun zu können, Opfer zu sein, Patient zu sein, hilflos zu sein, ausgeliefert zu sein – einer Person, einer Krankheit, einer Situation, einem Ereignis, einer Machtstruktur.

Auch wenn man es sich in der Rolle bequem machen, wenn man seine Verantwortung abgeben und sich umsorgen lassen kann, so will und wollte ich nie Opfer sein, denn die Opferrolle kommt immer einer Entmündigung gleich. Ich aber will Gerechtigkeit. Jemand, der sich von einem Blender täuschen, sich von seiner Gier leiten lässt und durch dumme Entscheidungen sein Geld verliert, ist nicht im gleichen Maße unschuldig wie ein Mensch, der hinterrücks angefallen und ausgeraubt wird. Es gibt Unterschiede. Wir sind nicht zur Passivität verdammt!

Die eigentliche Herausforderung des Lebens besteht darin, sich seine eigenen Fehler einzugestehen und seine Schuld anzuerkennen. Das ist eine höchst christliche Ansicht, aber ich finde, sie hat dennoch etwas Befreiendes. Den Menschen nicht zu überhöhen, sondern akzeptieren zu lernen, dass wir auch mit unserer Bestialität irgendwie zurecht kommen müssen, weist das Narrativ der achso heiligen Menschlichkeit in seine Schranken. Humanismus ist ein Konstrukt für Träumer und Optimisten und natürlich auch ein Instrument für all jene, die uns mit positiven Impulsen erziehen wollen. Indem wir uns aber von der Bestialität in anderen und in uns abschotten und vollmundig distanzieren, indem wir Verbrecher dämonisieren, überhöhen wir sie und verkennen ihre eigentliche Banalität. Damit leben lernen, heißt, Schuldige nicht auszugrenzen und auch ihnen weitere Chancen und Perspektiven aufzuzeigen.

Die meisten Menschen wollen nicht böse sein, sie sind es, weil sie es nicht besser wissen, weil sie etwas Falsches glauben, weil sie im Bösen bestärkt werden, oder weil sie selbst nichts als Böses erfahren haben. Keine Begründung ist je eine Rechtfertigung oder gar eine Entschuldigung, aber sie kann uns helfen, zu verstehen, zu unterstützen und zu vermeiden. Denn die Norm ist das Soziale im menschlichen Wesen. Es ist nur häufig zugeschüttet mit Ideologien, Hass, Unsicherheit, gesellschaftlichem Druck, Erwartungen und schlechten Erfahrungen.

Und gerade weil ich mich eher in Täter als in Opfer hineinversetzen kann, fürchte ich, eines Tages einen Täter zu inspirieren. Man weiß nie, wer einem zuhört und wer welche Gedanken mitnimmt. Man muss sich seiner Verantwortung bewusst sein, man muss Mensch bleiben und wissen, was das bedeutet. Man muss seinen Ansprüchen und denen seiner Kunst gerecht werden und bleiben, ansonsten hat man kein Recht mehr auf seinen privilegierten Status und eine öffentliche Plattform.

Meine Wunden pulsieren durch die Stille des trüben Morgens. Ich habe sie liebevoll versorgt und verbunden. Niemand kann mir vorwerfen, dass ich verkomme.

Man ist permanent in Gefahr, der Verfallsprozess schreitet voran und alles, was man tun kann, ist, zu versuchen, die Schäden so schnell und so gut es geht auszubessern. Die Selbstausbeutung aber dauert an, sie ist Voraussetzung, sie ist Synonym für das Leben. Da ist eine Glasscheibe zwischen mir und der Welt. Sie schützt mich, aber wenn sie eines Tages bricht, wird sie mich in Stücke schneiden.

Während ich in Trance an meinem Küchentisch gesessen habe, hat ein verzweifelter und hasserfüllter Mann, die letzten Korrekturen an seinem Racheplan durchgeführt. Während ich an ein Mädchen gedacht habe, das vor fast 250 Jahren hingerichtet wurde, dachte er daran, wie er hinrichten würde. Während ich einen Liedtext geschrieben habe, hat er ein Manifest verfasst.

Ich fühle mich ihm nah und mir wird kalt. Haben wir in der gleichen Trance dagesessen, gefühllos, aber funktionierend? Haben wir die gleichen Interessen? Sind wir von den gleichen Dingen fasziniert oder abgestoßen? Würden wir voreinander erschrecken oder uns verstehen? Ich habe Angst vor den Antworten.

Ich rufe das Hotel an, an das ich Amanda verwiesen habe und bitte die Rezeptionistin, meinen Anruf auf ihr Zimmer durchzustellen. Es klingelt ungefähr ein halbes Mal, bevor sie rangeht.

Ich sage: „Ich möchte dich um Entschuldigung bitten.“

„Robert, ich bin gerade dabei auszuchecken!“, erwidert sie, als wäre das eine Antwort.

„Tut mir leid, ich habe deine Handynummer nicht parat.“

„Was ist nur los mit dir?“, fragt sie.

„Ich brauche meine Zeit, aber ich komme zurecht. Macht euch bitte keine Sorgen. Ich schreibe. Es wird schon. Du kennst mich, am Ende habe ich immer eine Lösung, aber zuerst muss ich das Problem genau untersuchen, verstehst du? Ich muss da durch und zwar allein. Aber ich glaube ich habe jetzt eine ungefähre Ahnung, in welche Richtung ich gehen muss. Es war eine gute Idee, hierher zu kommen. Sag ihnen das, wenn du zurück bist, ja? Ich will, dass wir Freunde bleiben, okay? Aber ich brauche diesen Freiraum jetzt. Du musst mir vertrauen.“

Amanda gibt eine unbestimmte Antwort. Mein Wortschwall war ihr unangenehm. Sie ist kein Mensch für Gefühlsausbrüche oder Labilität. Natürlich wird sie mir verzeihen, das ist ihr Job. Amanda funktioniert immer. Sie lässt das alles nicht an sich heran. Fast scheint es, als beträfen sie die Ereignisse der Welt nicht, als sei sie nur Beobachterin, aber ist sie es, die im Hintergrund alles regelt. Das Scheinwerferlich brauch sie nicht, auch nicht den Applaus. Amanda hat nicht das Bedürfnis, kreativ zu sein oder sich auszurücken. Sie ist zufrieden, wenn ihre Zeitpläne eingehalten werden und wenn um sie herum die Menschen tun, was sie sagt.

Sie könnte in jeder Branche arbeiten. Sie wäre bestimmt eine tolle Fluglotsin. Aber sie hat sich für die Popmusik entschieden. Steckt da vielleicht doch ein bisschen Romantik in ihr? Wenn ja, hat sie sich bisher nicht die Blöße gegeben, es zu zeigen. Amanda tanzt nicht, sie wippt nicht einmal mit dem Fuß. Sie steht nie im Publikum und singt nicht mit. Von ihr kommt weder Lob noch Kritik an unseren Stücken. Alles, was sie interessiert, ist, ob wir ankommen – bei unseren Terminen und beim Publikum.

Jetzt bleibt Amanda nichts anderes übrig, als nachzugeben, abzureisen und weiter die Unruhe in sich hin und her schwappen zu lassen.

Wie gut, dass Phantasien keine nachhaltigen Konsequenzen haben, denke ich. Was hätten wir alles zu bereuen, wenn unsere Tagträume endgültig wären? Im ersten Wutanfall hätte ich Amanda in meiner Vorstellung erwürgt und sie damit im echten Leben für immer aus meinem Leben gestrichen. Ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, mit einem einfachen Gedanken Einfluss auf das Leben anderer nehmen zu können.

Aber braucht man dafür wirklich übersinnliche Kräfte? Menschen manipulieren einander unentwegt. Ich finde das unredlich, kann es aber nicht ändern. Vielleicht tue ich es selbst unbewusst oder bewusst und nenne es nur anders – „um Entschuldigung bitten“ zum Beispiel.

Ich nehme mir vor, den Tag im Haus zu verbringen und zwinge mich, die Gitarre in die Hand zu nehmen. Die Schmerzen in meinen Fingerkuppen erinnern mich daran, dass ich etwas tun muss und nicht nur an die Wand starren darf, wenn ich nicht zu Stein erstarren will.

Da ist Blut auf dem Griffbrett, aber das ist in Ordnung.

Die Skizzen, die ich zeichne
Sind durch groben Strich vereinfacht
Sie verzerren und vergreifen sich
Im Ton, der Farbe des Gedichts
Das ich dir widmen wollte
Kurz bevor ich dich entstellte
Mit den gröbsten aller Worte
Von der feindseligen Sorte
Wo Neid folgt auf Bewunderung
Und Schuld auf die Entschuldigung

 

Und die Texte, die ich schreibe
Sind nicht weniger verzweifelt
Als dein Herz, doch ich begreife nicht
Dass, was verschwimmt nicht gleich verwischt
Und Stille nicht beliebig ist
Wenn man sich nicht zufrieden gibt
Und resigniert zusammenbricht
Dein Herz sagt mehr als dein Gesicht
Wo Güte sich und Freundschaft spiegeln
Und mir meine Zeit veredeln

 

Wir sind einst verschwor’n gewesen
An dir soll mein Geist genesen
Du bist weich, wo ich zerbreche
Finde mich, wenn ich feststecke
Wenn ich drohe, zu versanden
Bist du anders als die and’ren

 

Und die Lieder, die ich singe
Mit denen ich die Angst bezwinge
Sie verachten und bedingen sich
Ihr Eigensinn beeindruckt mich

Und dann Stille. Vor mir liegt ein zerknittertes Blatt Papier, auf dem mehr Wörter durchgestrichen sind als stehen gelassen wurden. Unter die Tintenkleckse haben sich Blutspritzer gemischt.

Ich verspüre mit einem Mal mächtigen Hunger und das Bedürfnis, etwas Richtiges zu kochen. Leider habe ich nichts im Haus, also bleibt es bei Toastbrot mit Butter. Ich stopfe mich bis zum Rande der Übelkeit voll und genehme mir eine Flasche Bier der lokalen Brauerei. An den bitteren Geschmack muss man sich gewöhnen, aber die beruhigende Wirkung setzt unverzüglich ein. Ich bin zufrieden. Meine Lunge ist frei, ich kann durchatmen.

Nach getaner Arbeit wirkt der restliche Tag wie ein Füllhorn an Möglichkeiten, der eigene Körper jedoch wie eine verrostende Maschine. Man starrt nicht apathisch an die Wand, sondern – weil man in Folge übermütiger Kühnheit seine Füße auf dem Tisch abgelegt hat – irr grinsend an die Zimmerdecke.

Diese ist mit dunklem Holz verkleidet und ich muss zugeben, dass mir das gefällt. Nicht, dass ich die Gemütlichkeit und den Rückzug ins private Nest zelebrieren möchte, es ist nur so, dass ich in weißen Zimmern mit weißen Möbeln aufgewachsen bin und mich derartiges heute an Irrenanstalten und Hospitäler erinnert. Neutralität ist mein natürlicher Feind. Da finde ich die Maserung in Holzvertäfelungen angenehm verbindlich, weil individuell. Es ist ein Spleen, nichts weiter…

In etwa so wie meine Vorbehalte gegen Topfpflanzen. Nicht, dass ich was gegen Pflanzen habe, sie tun mir leid. Wie sie da auf begrenzen Raum vegetieren müssen und wachsen, in der falschen Hoffnung, dass sie dadurch irgendwann ein besseres Leben haben werden. Dabei werden sie verstümmelt oder ganz vernichtet, sobald sie unförmig oder schütter geworden sind. Sie können sich selbst nicht helfen, sind auf Wasser und Dünger angewiesen, und darauf, umgetopft zu werden, wenn es so weit ist. Sie sind die ultimativen Opfer, Gefangene, Sklaven und ich ertrage es nicht, wie sie mich anstarren durch ihre Blüten. Nicht vorwurfsvoll, sondern bittend, denn sie wissen: Wenn sie sich wehren, werden sie aussortiert, wenn sie sich nicht unterwerfen, werden sie weggeworfen. Sie blühen aus Angst, so wie der gefangene Vogel singt.

Ich denke an Daniel Mauser und daran, was es einen manchmal kostet, für die eigene Würde und die eigenen Rechte einzustehen. Daniel Conner Mauser war das zwölfte Todesopfer der beiden Amokläufer von Littleton. Er starb im Alter von 15 Jahren, nachdem einer der Täter ihm ins Gesicht geschossen hatte. Zuvor hatte er als einzige Schüler in der Bibliothek, in der sich das Massaker größtenteils abspielte, versucht, sich zu wehren und einen Stuhl gegen die beiden Angreifer geworfen. Hätte er das nicht getan, wäre er vielleicht unverletzt davon gekommen.

Für ein solches Verhalten habe ich nichts als Bewunderung übrig, obwohl die Viktimologie mit ihrer Opfertypologie Mauser vermutlich als „provozierend“ einstufen würde. Aber selbst das finde beeindruckend. Dieser 15-Jährige zog es vor, seinen Tod zu provozieren, als ihn passiv zu erdulden oder mit Glück davonzukommen. Dieser Junge entschied sich dagegen, Opfer zu sein. Er ist ein echter absurder Held – im besten existenzialistischen Sinne.

Ich wünschte, ich wäre ein bisschen mehr wie er, aber ich bin – obschon viele Jahre älter inzwischen – zimperlich und verwöhnt. Ich sehe mich selbst unter einem Tisch kauern, den Kopf sinnloserweise mit den Armen schützend. Ich höre mich beten: „Lass sie andere zuerst herauszerren! Lass sie mich übersehen!“ Ich fühle, wie ich die Situation, die ich nicht ändern kann, akzeptiere und versuche, mich in ihr zu arrangieren – wenn nötig gegen meine Verbündeten. Es gibt ein bequemes Leben im Falschen, aber es ist kein gerechtes.

So warte ich auf die Dunkelheit und hoffe, dass die Mondfrau mich heute wieder besuchen kommt. Ich möchte ihr von meinen Fortschritten erzählen und erhoffe mir vielleicht ein kleines Lob. Aus irgendeinem Grund ist mir wichtig, was sie von mir denkt.

Aber sie kommt nicht. Die Wolkendecke ist zu dicht, während der Sturm dieselbe zu einer grau-gelben Suppe verwirbelt und vor meinem Fenster heult, als verlange er Einlass.

„Du hast kein Recht, dich abzuschotten“, wirft er mir vor.

„Du hast kein Recht, mich anzugehen“, sage ich.

„Ich bin eine Naturgewalt, die jeden betrifft“, sagt er.

„Ich habe das Recht, mich zu schützen.“

„Aber nicht das Recht, geschützt zu sein.“

Ich lasse die Jalousien herunter, aber das lässt das Geheul nicht verstummen. Jetzt sehe ich zwar nicht mehr, wie die Bäume auf dem Marktplatz sich gefährlich biegen, dafür aber rüttelt und zerrt der Wind an den losen Teilen. Es klappert bedrohlich und ich fühle mich versetzt in ein Gedicht von Edgar Allen Poe, nur dass ich nichts und niemanden herein lassen werde, egal wie wütend es draußen herumtobt.

Stattdessen rufe ich meinen Bruder an und frage ihn, ob man schon etwas Genaues weiß.

„Du weißt es nicht?“, fragt er.

„Ich habe seither das Radio nicht mehr angeschaltet.“

„Neun Tote, davon sieben Schüler“, sagt mein Bruder, „Und er selbst. Aber Robert, ganz ehrlich, ich weiß nicht, wieso du so besessen von sowas bist?“

„Meinst du, das gehört sich nicht?“

„Ich meine, dass diese Faszination nicht gesund ist.“

„Es ist keine Faszination“, sage ich, „Es ist ein Interesse an Menschen in Extremsituationen. Nur dort lernt man sie wirklich kennen.“

„Das ist widerlich, Robert!“

„Wen machen sie diesmal verantwortlich?“

„Was?“

„Na, was hat den Täter zum Täter gemacht? Videospiele, Kriegsfilme, Rockmusik?“

„Das weiß ich nicht und ich mag es nicht, wenn du so sarkastisch darüber redest.“

„Ich finde es widerlich, wenn sie sich mit solch leichten Antworten zufrieden geben. Sie glauben, wenn sie irgendwas verbieten, hören diese gestörten Personen auf, gestört zu sein. Sie glauben, wenn sie ein Ventil zudrehen, staut sich kein Überdruck mehr an. Dabei sollten sie lieber fragen, woher…“

„Robert, überlass das den Experten!“

„Glaubst du, die gibt es?“, frage ich.

„Was meinst du?“

„Ich glaube, nur ein Psychopath erkennt einen Psychopathen“, sage ich.

Mein Bruder seufzt. Es fällt ihm hörbar schwer zu sagen, was er jetzt sagt: „Ich werde den Eindruck nicht los, dass du dich da in etwas verrannt hast, Robert, und das ist gefährlich. Kann es sein, dass du befürchtest… so zu sein? Wenn ja, lass dir gesagt sein – und ich hoffe inständig, es hilft dir, denn wir machen uns wirklich Sorgen – du bist der Mensch, dem ich auf dieser Welt am wenigsten zutraue, so zu sein.“

„Wieso?“, frage ich.

„Weil du dir konstant die Frage stellst, ob du so sein könntest. Weil du Angst vor dir selbst hast. Du bist der verzagteste Mensch, den ich kenne und das nimmt langsam Ausmaße an, bei denen ich mir nicht mehr sicher bin, ob es noch…“

„Gesund ist?“

„Normal ist.“

„Ist „normal“ nicht „gesund“?“, frage ich.

Er weiß es nicht. Ich auch nicht.

„Meinst du nicht, dass du vielleicht einen Arzt sehen solltest?“, fragt er schließlich.

„Damit der mich ein wenig aggressiver macht?“

„Tatkräftiger würde schon reichen.“

„Tatkraft wird überschätzt“, sage ich.

„Ach ja, deine Abneigung gegen jede gesellschaftlich akzeptierte Tugend.“

„Scheußliches Wort… Tugend“, sage ich.

„Robert, lass mich dir eins sagen: Du bist kein schlechter Mensch, so sehr du es auch sein willst, um dir deinen Selbsthass bestätigen zu können. Du bist es nicht. Wir alle lieben dich, egal, was kommt.“

Ich weiß nicht, wen er alles mit seinem „Wir“ meint, aber ich frage nicht nach. Ich habe keine Lust, mich an meine Familie zu erinnern. Sie mögen mich vielleicht „lieben“, aber ich habe keine Gefühle für sie und fühle mich deswegen nicht einmal schuldig.

Wie üblich bringt mich das Gespräch mit meinem Bruder nicht weiter. Er hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Früher waren wir Kumpel, beide ein wenig verrückt und avantgardistisch, dann wurde er bürgerlich und ich… was immer ich bin. Sein weinerlicher Ton, mit dem er mir versichert, dass ich der Hilfe… seiner Hilfe bedürfe, ärgert mich. Ich brauche keinen Vormund und ich muss nicht werden wie er, um zufrieden zu sein. Zufriedenheit… noch so eine Tugend, die man sich unhinterfragt als Lebensziel setzt. Aber warum eigentlich? Ist Zufriedenheit nicht furchtbar langweilig und ein Garant für Stagnation und Einfalt? Ist Glück nicht schlicht erzwungene Ignoranz?

Die Freuden der Unterwerfung… Jeder Faschist wird so argumentieren: Wer seine Souveränität aufgibt, lebt zufriedener unter dem Schutz der Führer. Wer dem Staat vertraut, wer Erwartungen in den Staat setzt und Forderungen an ihn statt an sich selbst stellt, soll damit belohnt werden, auf ewig umsorgt zu werden – es sei denn, du gehört zum gerade angesagten Feindbild und musst als Sündenbock herhalten.

Und Rockmusiker sind ein beliebtes Feindbild für Faschisten. Es muss nur irgendjemand irgendwo mal wieder behaupten, diese Musik sei aggressiv und fördere die Aufmüpfigkeit der Jugend und schon werden sich konservative Kräfte finden, die erkämpfte Freiräume einschränken wollen – zum Schutz der gesellschaftlichen Ordnung natürlich. Sie halten sich alle für gut und gerecht. Das ist die Tragik der Menschheit.

Du hast drei Tage gebraucht, um meine Seele auszulesen
Wie ein Buch von Zauberwesen
Wie der Steckbrief einer Spezies
Die fast ausgestorben ist
Ein Zivilist im Bürgerkrieg
Der über Hass und Blutdurst siegt

 

Ich hab drei Tage gebraucht, bis ich dir schließlich lästig wurde
Wie ein Fisch im Meer verdurstet
Wie dein Ekel gegen Eitelkeit
Die du zu unterbinden meinst
Als ein Feind der Lethargie
Die du bekämpfst und nie besiegst

 

Du hast mich einfach ausgesetzt
Mit scharfen Zähnen mich verletzt
Und dich dann zurückgezogen
Vorstadtleben – Schöner Wohnen
Befriedigung im Spinnennetz
Ein Statement einst
Verwahrlost jetzt
Was hat uns beide so gespalten?
Deine Angst und mein Verhalten
Gegen jede Panikmache
Derer, die nach unsren Sachen
Freude, Wut und Sehnsucht trachten

 

Du hast drei Tage gebraucht, um deine Stellung auszuloten
Was einst war, ist nun verboten
Du hast mich einfach ausgesetzt
Freiheit einst
Verwahrlost jetzt

In die Stille, die auf den Sturm folgt, denke ich hinein: Eigentlich sind wir uns gar nicht so unähnlich, wir finden uns beide aus den gleichen Gründen unausstehlich. Er findet meine Verweigerungshaltung kindisch und ich seine Verbürgerlichung reaktionär. Wahrscheinlich haben wir beide Unrecht.

Eins zumindest haben wir gemeinsam: Wir haben Angst und wollen es nicht zugeben, um nicht vor dem anderen dumm da zu stehen. Er hat seine bürgerlichen Ängste vor dem Abstieg, der Erfolglosigkeit und davor, zum Gespött der Leute zu werden. Deshalb arrangiert er sich mit einem langweiligen, nutzlosen Job und tut so, als erfülle ihn dieser. Leuten wie ihm geht es immer nur um die Fassade.

Ich hingegen habe meine exaltierten Ängste, die keine richtige Begründung haben, sondern mehr so ein Gefühl, eine Ahnung von Nutzlosigkeit. Während er sich um seine Fassade Sorgen macht, möchte ich am liebsten alle Fassaden herunterreißen. Er fürchtet eine Enttarnung, ich das Ersticken im Inneren der Maske.

Angst ist überhaupt das zentrale Thema des Lebens, finde ich. Was macht uns Angst? Wer redet uns Angst ein und warum? Was macht die Angst aus uns und was machen wir mit ihr oder wegen ihr? Werden wir hysterisch oder verzagt? Wehren oder verstecken wir uns? Greifen wir an oder laufen wir davon? Haben wir Angst oder verursachen wir sie?

Und ist Gewalt eine Reaktion auf oder eine Ursache von Angst? Jedenfalls leben wir sowohl in einer angsterfüllten, als auch in einer gewaltvollen Welt und vielleicht auch in einer abgestumpften, denn als ich an die neun ermordeten Menschen denke, fühle ich nichts. Und ich bezweifle, dass irgendjemand etwas fühlt, der keinen Verwandten oder Bekannten unter den Opfern hat. Und doch werden sie jetzt wieder alle aus ihren Löchern kriechen und betonen, wie bestürzt sie sind.

„Dein Misstrauen ist dein größtes Hemmnis“, flüstert der Sturm durch die Fensterritzen.

„Ich weiß“, sage ich, „Erzähl mir etwas Neues oder verschwinde!“

„Unglück ist auf Skepsis gebaut.“

„Und Glück demnach auf Zutraulichkeit?“

„Zumindest ist man nicht ständig allein, wenn man ein bisschen optimistisch ist.“

Ich muss lachen. So ist das also, man muss auch bei den größten Tragödien Optimismus vortäuschen, damit man voran kommt. Damit wären all die Gedanken, Gebete und die positive Energie nichts weiter als Wahlkampfmanöver und eine Möglichkeit, sich zu profilieren.

„Du bist heutzutage deine öffentlichen Statements. Jeder ist ein Politiker der eigenen Sache“, sagt der Sturm.

„Völlige Einkapselung, Eingrenzung extrem!“, erwidere ich, „Die Blüten des Individualismus. Sein Preis ist die entfesselte Eitelkeit.“

„Du kannst es also noch“, sagt der Sturm.

„Was?“

„Slogans“, sagt der Sturm.

„Langweilen mich.“

„Von Eitelkeit bist du auch nicht ganz unbeleckt.“

„Habe ich nie behauptet“, sage ich.

„Wollte das nur klarstellen.“

Wir verstehen uns in unserer Abneigung für einander. Es ist eine seltsame Vertrautheit zwischen uns, die mich so weit entspannt, dass ich ohne weitere Anstrengung einschlafe.

Ich träume von Zügen und Bahnhöfen, von feuchten Gleisen und frühlingswarmen Innenstädten. Es ist eine Welt der Dinge, entvölkert und starr. In ihr gibt es keine Zeit und keinen Verfall. Alles ist und war und wird gleichzeitig sein. Und ich wandere durch die Windstille und die Bedrückung, von der ich nicht weiß, wo sie herkommt.

Ich atme schwer unter meiner Decke und der Tag in meinem Traum legt sich schlaff und mit seinem vollen Gewicht auf meine Schultern.

Ich träume von einem verschlungenen Weg durch einen graubraunen Herbstwald. Die Schatten der Baumskelette treiben mich vorwärts. Aber ich bin nicht allein, ich werde verfolgt. Diese Welt ist belebt und voller Augen. Ich rutsche auf dem glitschigen Boden und den verrottenden Blättern und kann mich nur mit Mühe auf den Beinen halten.

Als ich bei einer grobgehauen Steinbrücke ankomme, werde ich eingeholt, aber ich ertrage den Griff an meine Schulter nicht. Ich muss keine Sekunde nachdenken, es reicht. Ich habe das lange genug ertragen. Das haben sie jetzt davon. Und es wundert mich selbst, wie ich ohne das geringste Zögern, ohne den geringsten Zweifel mich selbst den Abgrund hinabstürze. Das Fallen ist Befreiung, ist Wind, ist Leben.

Dann bin ich wach.

„Hast also den Sprung gewagt“, kommt die leicht überhebliche Stimme mit dem französischen Akzent aus dem Bad, „Irgendwann macht es jeder.“

„Es ist kein Wagnis, wenn man springt“, entgegne ist, „Das Wagnis ist, zu bleiben und zu erdulden.“

„Das Leben als Erdulden zu bergreifen, ist nun auch wieder zu kurz gedacht.“

„Was machst du eigentlich in meinem Badezimmer?“, frage ich ein wenig genervt.

„Das Graffiti ist noch nicht ganz fertig.“

Stille hin, Existenzkrise her, ich stehe auf und finde nichts und niemanden im Badezimmer. Der Schriftzug „LOVER“ steht nach wie vor an der Wand und erinnert mich daran, was mir fehlt.

„Den Sprung hast du überhaupt nicht erfunden, Camus“, sage ich in die Leere des Morgens hinein, „du hast ihn bei Kierkegaard abgeschrieben.“

„Ich habe das Konzept kritisiert“, antwortet er aus dem Bücherregal, „Dafür musste ich es erst erklären. Die Tragik der Menschheit ist, dass die meisten irgendwann doch springen. Hinein in die Arbeit, hinein in die Religion, hinab in den Abgrund.“

„Was schlägst du vor?“, frage ich, bekomme aber keine Antwort.

Den Rest des Tages versichere ich mir, dass ich nicht verrückt bin, obwohl ich über Traumgrenzen hinweg mit toten Philosophen in einer mir fremden Wohnung über Sachbeschädigungen diskutiere.

Vielleicht liegt es an meiner schizoiden Persönlichkeitsstruktur, aber ich verachte jedes Konzept, das Menschen und Situationen in Kategorien einsortiert und abstempelt. Mir ist es egal, ob jemand oder etwas tot oder lebendig ist. Wieso soll ich nicht trotzdem von ihnen lernen oder mit ihnen streiten?

Ich glaube, die Abgrenzung der Dinge voneinander ist nur erfunden worden, um es den Leuten leichter zu machen, sich selbst zu definieren, allerdings lässt sie das faul dabei werden, sich selbst kennen lernen zu wollen. Es ist zum Beispiel überaus oberflächlich, von sich zu behaupten, mein sei schizoid, depressiv oder hysterisch und dann zu erwarten, dass diese Informationen schon reichen, um ein Mensch am Ende seiner Erkenntnisreise zu sein. Ich misstraue jeglichen Diagnosen, Persönlichkeitstests und Charaktertypisierungen. Es sind neoliberale Erfindungen, um den Menschen ein schlechtes Gewissen und die Idee, irgendwie unzureichend zu sein, einzupflanzen. Und daran setzt die Selbstoptimierungsspirale ein. Denn Kategorien sind nie einfach nur Kategorien, sondern Ansprüche, Erwartungen und Aufforderungen, sich in diese oder jene Richtung zu verändern.

Die Diagnose Schizoidie habe ich mit 25 bekommen und ich habe es außer meinem Bruder niemandem je erzählt. Seither habe ich das Gefühl, dass er etwas gegen mich in der Hand hat.

Das Problem ist, dass er seither glaubt, mich vor mir selbst beschützen zu müssen. Er hält mich für krank oder gestört oder gefährdet, nur weil er nicht verstehen kann, was ich empfinde. Eigentlich ist das arrogant. Eine medizinische Autoritätsperson schreibt ein Wort auf einen Zettel und schon gehöre ich nicht mehr zu den Normalen. Und wenn mein Bruder glaubt, jedermanns Gedanken und Gefühlsgänge nachvollziehen zu können, so merkt er jetzt, wie fremd wir beide uns eigentlich sind. Er schiebt es jedoch nicht darauf, dass wir zwei verschiedene Lebewesen sind, sondern darauf, dass er normal ist und ich nicht.

Seither fallen häufig Sätze wie: „Aber Robert, wo ist deine Empathie?“, als hätte ich keine, als wüsste ich nicht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Als wäre ich keiner. Manchmal zweifle ich.

Ich halte es für unmöglich, Gefühle anderer Leute in der gleichen Intensität mitzuempfinden. Wer es behauptet, der lügt und betrügt arme, verängstigte, trauernde, verzweifelte Menschen. Alles, was wir erahnen können, sind Schatten oder blasse Spiegelbilder. Meistens weiß ich außerdem kaum selbst, was ich empfinde…

Es ist kompliziert und das gefällt mir. Ich verspüre nicht den Wunsch, das alles zu entwirren und mir dann selbst zu beweisen, was für ein jämmerlicher Kerl mit einem jämmerlichen Leben ich bin, der sich 90% seiner um sich selbst kreisenden Gedanken sparen könnte, wenn er sich auf seine Ziele konzentrieren würde.

Konzentration ist das schlimmste Wort der deutschen Sprache, finde ich. In ihm emulgieren einerseits die ekelerregende Verbissenheit der deutschen Mentalität und andererseits die krankhafte Sucht nach Ordnung und Sortierung. Kategorien, wohin man blickt: Männer und Frauen, cis und trans, homo- und heterosexuell, krank und gesund, Täter und Opfer, gut und schlecht, Freunde und Feinde, tot und lebendig, Stadt und Provinz, Himmel und Erde, Gott und Mensch.

In einem akuten Anfall von Nihilismus schreibe ich auf ein Blatt Papier: „Ich bin alles!“

Vielleicht liegt dem der verzweifelte Wunsch des gespaltenen Menschen, sich wieder zusammenzusetzen, zugrunde, aber der Gedanke verlangsamt erstmal meinen Puls. Hysterie ist mir unangenehm. Sie kommt zu mir wie eine fremde Person, übernimmt meinen Körper und schlägt mich schließlich nieder. Ich habe keine Angst vor dem Schlechten in mir, ich habe Angst, Teile davon zu verlieren, wenn ich nicht auf sie aufpasse.

„Nein, du bist nicht verrückt“, bestätigt mir mein Spiegelbild.

Wie wir dasteh’n und uns anseh’n
Wie wir beide uns verwandeln
Vor den Augen und im Lichte
Des Bewusstseins der Geschichte
Und des Falls des jeweils andren
Haben wir längst noch nicht verstanden
Was zu tun und wie zu handeln
Wenn wir über Scherben wandeln
Die in Haufen vor uns liegen
War’n es Fenster oder Spiegel
Oder Splitter unsres Geistes
Der verwittert und verschleißt ist
Sag, wo mündet die Empfindsamkeit
Am Ende in Empfindlichkeit
Ein Meer aus Unverbindlichkeit
Wo nichts konkret, doch möglich bleibt
Das Zögern ist mein Zeitvertreib
Wenn du schon längst davon mir eilst
Lieg ich hier noch in meinen Scherben
Kann nicht leben, will nicht sterben
Du willst mich zusammensetzen
Scherben schleifen, Haut verletzen
Reiß mein Dasein mir in Fetzen
Ich schlag die Trümmer fein wie Sand
So hast du mich nie gekannt
Bist nun schnell davon gerannt
Nur, um nicht mehr dazusteh’n
Und mir ins Gesicht zu seh’n

Ich beschließe, der Stille und dem Erstarren der Nacht Bewegung und Beherztheit entgegenzusetzen, indem ich eine Nachtwanderung unternehme. Ich gehe einfach hinaus aus der Haustür, überquere den Marktplatz, streife die Ketten, mit dem das Eiscafé seine Außenbestuhlung vor Diebstahl schützen will und erschrecke vor dem dadurch entstehenden Geräusch. Ich fürchte, die ganze Nachbarschaft aufgeweckt zu haben, aber alles bleibt reglos und dunkle hinter den Fenstern.

Um diese Zeit sind hier nicht einmal mehr Autos unterwegs. Ich kann mitten auf der Straße laufen, ohne mein Leben zu gefährden. Ich folge der Straße, die hinauf zum Galgenberg führt und blicke von dort hinab auf die Lichter der Stadt. Erbärmlich, denke ich, denn ich bin anderes gewohnt.

Statt einer Halo, einem Nebel aus elektrischem Licht, der sich wie eine Kuppel über ein unüberschaubares Gebiet legt, erkenne ich einzelne Lichtpunkte, die den Straßenverläufen folgen und versuchen, sich unaufdringlich in die Nacht zu integrieren. In der Großstadt fürchtet man sie so sehr, dass man sie zu überlisten versucht, in der Provinz ist die Nacht wie ein anschmiegsames Tier, das man nicht vertreiben möchte, weil man von seiner Wärme zehren möchte.

Die Mondfrau, von der ich gehofft hatte, dass sie mich begleiten möge, ist nirgends zu sehen. Es ist beinahe stockfinster und ich frage die Sterne, ob wenigstens sie mir wohlgesonnen sind. Ich ernte nur ein leises Kichern aus der Ferne.

Ich erreiche den Rand eines kleinen Wäldchens und betrete einen vom Regen noch recht schlammigen Wanderweg, der bei Nacht wirkt wie der Eingang in ein gefährliches, aber wundersames Zauberreich. Vielleicht versuche mich meinem Traum nachzujagen. Vielleicht will ich sehen, wie leicht es mir wirklich fällt, zu springen.

Der Sturm hat einige Verheerungen angerichtet. Abgebrochene Äste säumen den Weg und es riecht nach beginnendem Moder. Etwas knackt im Unterholz. Augen im Gebüsch. Vielleicht nur meine Einbildung, aber wer bin ich, solchen Dingen ihre Existenzberechtigung abzusprechen?

Ich grüße ins Dickicht hinein und hoffe, dass man mir trotz meines Eindringens wohlgesonnen ist.

„Geh weg!“, zischt mir etwas zu, „Bei Nacht gehört der Wald den Tieren!“

„Und den Geistern“, sage ich.

„Bist du ein Geist?“

„Ich weiß nicht“, gebe ich zu.

„Dann bist du bestimmt einer“, die Stimme ist jetzt freundlicher.

Ich wandere weiter und versuche, so vorsichtig wie möglich aufzutreten, denn ich will nichts verschrecken oder kaputt machen. Kein Blatt, keinen Zweig. Ich bin hier nur zu Gast und geduldet. Ich fühle mich, als könne ich schweben und aufgehen in der Luft, im Tau und im Nebel.

„Ich möchte eine Frage stellen“, spreche ich in die Schwärze hinein.

„Das auch noch?“, kommt es aus dem Unterholz.

„Habt ihr jemals davon gehört, dass ein Tier aus purer Lust am Töten seinen Artgenossen die Kehle zerfetzt.“

Ein Gemurmel wird laut. Über meinem Kopf sind ein paar Vögel wach geworden und schimpfen über meine Störung.

„Der eigenen Familie die Kehle zerfetzen?“, fragt ein Fuchs.

„Kennt ihr Hass? Kennt ihr Todessehnsucht?“

„Ihr habt komische Instinkte, ihr Menschen“, sagt der Fuchs.

„Fürchtet ihr einander?“, frage ich.

„Natürlich.“

„Vertraut ihr einander?“

„Anders geht es nicht. Wir müssen doch wissen, was wir voneinander erwarten können.“

„Tragt ihr Schuld?“

Schweigen.

„Verspürt ihr Reue?“

„Wofür?“

„Trauert ihr? Kennt ihr Rachsucht? Fühlt ihr euch manchmal ausgebrannt und hilflos? Wollt ihr manchmal einfach liegen bleiben? Nichts mehr tun? Wird euch das Überleben manchmal zu schwer? Erscheint es euch manchmal sinnlos? Habt ihr Ziele? Kennt ihr Sehnsüchte?“

„Das sind seltsame Fragen“, zwitschert mir ein Vogel, „Hat denn dein Leben einen Sinn?“

„Nein“, sage ich.

„Wieso stellst du dann solche Fragen? Ob du lebst oder stirbst, entscheiden im Zweifel die Umstände oder die anderen.“

„Ja“, sage ich, aber ich bin in Gedanken schon weiter.

„Menschen wie dich kenne ich“, meldet sich plötzlich eine tiefe, schleppende Stimme, „Sie kommen her, weil sie hoffen, hier das Leben wieder schätzen zu lernen, aber es ist nicht genug. Für euch Menschen ist es nie genug. Ihr wollt immer mehr, als ihr schon habt. Und wenn euch das Leben nicht mehr reicht, dann wählt ihr den Tod.“

Erst jetzt realisiere, dass da ein Baum zu mir spricht. Die leicht verkrüppelte Buche neigt sich über den Weg und reckt mir ihre Äste entgegen, als wollte sie nach mir greifen. Sie scheint mir älter und erfahrener als ich zu sein und ich bewundere sie für ihren Optimismus, immer noch weiter zu wachsen, obwohl sie ganz windschief und instabil dasteht. Ihr Umfeld schützt sie vor den Stürmen, hindert sie aber auch daran, ausgeglichen zu wachsen.

„Ist denn der Tod mehr als das Leben?“, frage ich.

„Wer weiß das schon. Zumindest ist er anders und das ist es doch, was euch interessiert, oder nicht? Ihr geht wider besseren Wissens an dunkle und gefährliche Orte, ihr verlauft euch und genießt es, ihr forscht bis zu den Grenzen des Wissbaren und was bringt es euch? Außer, dass am Ende etwas anders ist als zuvor. Was ist es, das euch forttreib, von wo immer ihr seid?“

„Die Hoffnung, die Sehnsucht und die Furcht“, sage ich.

„Illusionen“, sagt der Baum.

„Aber auch du wächst immer weiter in den Himmel, obwohl du ihn nie berühren wirst.“

„Ob ich es willentlich und aus eigenem Antrieb tue oder ob es einfach meine Zellen sind, die sich teilen, ohne dass ich einen Einfluss darauf habe, diese Frage solltest du dir stellen. Bist du denn geworden, was du bist, weil du es so wolltest? Zwingst du deine Haare zu wachsen, deine Gedärme zu verdauen, dein Blut zu zirkulieren? Kontrollierst du die Funktion deiner Organe? Und wenn nicht, wie kommst du darauf, dass du Herr über deine Gedanken bist?“

„Wer soll es denn sonst sein?“, frage ich.

„Ja, das wüsstest du gerne… Ich sag dir etwas, Menschlein: Ich kenne Gestalten wie dich, ihr hängt mir von den Ästen. Ihr kommt her, nehmt Raum ein, glaubt, gestalten zu können und merkt schließlich, dass ihr nichts erschaffen könnt, das nicht zu Grunde geht. Und dann richtet ihr euch selbst zu Grunde. Es wird nichts übrig bleiben, alles wird verdaut werden. Das Leben kann nicht festgehalten werden, nicht in den Händen und nicht auf Papier.“

Ein Baum der über Papier spricht, denke ich, und muss grinsen.

„Wie ist es bei dir? Läufst du am Leben vorbei oder es an dir?“, fragt die Buche ungerührt.

„Ich denke, ich laufe vor ihm davon“, sage ich.

„Einer von denen, denen es nicht schnell genug gehen kann. Nicht wahr? Du bist nie zufrieden. Die Zukunft erfüllt dich mit Abscheu, die Vergangenheit mit Wehmut. Oder ist es anders herum? Jedenfalls erträgst du die Gegenwart nicht.“

„Es ist ein Spannungsfeld, das mich zu zerreißen droht“, sage ich und fühle mich plötzlich wie beim Therapeuten.

„Dann hier mein Ratschlag“, sagt die Buche, „Es gibt sie nicht, die Zeit. Was vergangen ist, ist verloren, was in der Zukunft liegt, ist unbestimmt und was jetzt ist, entzieht sich deinem Einfluss.“

Etwas streift meine Wade, vielleicht eine streunende Katze oder der Fuchs oder meine Einbildung. Eine plötzliche Panik ergreift mich. Der Wind frischt auf.

„Was hast du, Menschlein?“, fragt die Buche, „Glaubst du, du bist allein?“

„Ich wünschte, ich wäre es!“, rufe ich, „Allein bedeutet sicher!“

„Dieser Wald ist voller Kreaturen wie dir, sie verrotten unter meinen Wurzeln und werden von Maden und Würmern durchbohrt. Nichts unterschiedet sie von dir, außer dass sie keine dummen Fragen mehr stellen“, sagt der Baum und ein Windstoß bewegt seine Zweige.

Ich weiche zurück, aber das Rauschen im Unterholz wird ungeduldiger und wütender.

„Von meinen Ästen wirst du mir hängen, bleich und schlaff, wie eine verfaulte Frucht.“

Bevor seine Äste nach mir greifen können, renne ich los. Der Wind schlägt mir entgehen und die Dunkelheit stellt sich mir in den Weg. Ich spüre die Feindseligkeit im Knacken der Gehölze. Der Wald hat sich gegen mich verschworen. Schatten – wenn es so etwas in völliger Dunkelheit gibt – ziehen sich um mich zusammen. Vielleicht sind es nur Wolken, aber ich will es nicht darauf ankommen lassen.

„Wo willst du hin?“, ruft der Baum mir nach.

Ist mir egal, denke ich. Egal, wohin, nur weg von hier!

„Aber du läuft ja tiefer hinein!“, kichern die Sterne vom Himmel, „Wie dumm er ist! Habt ihr so etwas schon einmal gesehen?“

„Tausende Male. Sie sind so niedlich, kurz bevor sie verglühen, aber sie leben nur so kurz… Es lohnt sich fast nicht, sie zu beobachten.“

„Haltet die Klappe!“, rufe ich ihnen zu und schlage Ranken und totes Gestrüpp bei Seite.

Frühlingserwachen, denke ich, habe ich mir irgendwie harmonischer und zärtlicher vorgestellt.

„Die Welt ist ein Schlachtfeld“, raunen mir die Bäume von allen Seiten zu, „Vermehrt euch und schlachtet euch ab!“

Mit einem Fuß schlittere ich in eine Pfütze und versinke bis zum Knöchel im Schlamm. Ich strauchele, schaffe es aber, mich auf den Beinen zu halten. Mein Herz schlägt schneller und pumpt Blut in die entlegensten Winkel meines Körpers. Ich drohe zu überhitzen und friere gleichzeitig. Es ist ein seltsam grippales Gefühl und dennoch wage ich es nicht, meinem Körper nachzugeben, der nach einer Pause verlangt.

Ich habe lange keinen Sport getrieben und jetzt irre ich hier, getrieben von zynischen Waldgeistern durch die Finsternis. Ein Hetzjagd. Ein bizarres Szenario. Ich weiß nicht, wo ich bin und wie ich hier her gekommen bin. Ich weiß nicht, wie weit ich gelaufen bin und in welche Richtung. Der Wald müsste durchzogen sein von Landstraßen, aber ich höre und sehe kein Zeichen von menschlicher Existenz in der Nähe.

Soll ich um Hilfe rufen? Aber wer soll mich hören? Und was soll ich demjenigen erzählen, der mich findet? Wenn nur jemand da wäre, dem ich vertraue! Die Mondfrau könnte all dem ein Ende setzen, denke ich. Sie stünde auf meiner Seite, sie fürchtet den Wald nicht und überstrahlt das Spotten der Sterne. Auch wenn sie mir nicht nach dem Mund redet, ist sie mir wohlgesonnen und eine verlässliche Freundin.

Verlässliche Freunde… Hatte ich die jemals? Wie ich hier so renne, allein und gejagt wie ein Wildtier kommen mir da so meine Zweifel. War ich nicht immer im Grunde auf mich allein gestellt. Waren sie am Ende nicht alle auf mich angewiesen?

Der Boden unter mir gibt nach, ich komme ins Rutschen. Ich falle auf die Knie, greife in kalten Schlamm, richte mich auf und renne weiter – etwas langsamer als zuvor, denn ich verspüre plötzlich einen stechenden Schmerz im linken Fuß.

Ich sauge die kalte Nachtluft ein und lasse mich davon ganz erfüllen. Da ist es, das Gefühl, zerrissen zu sein zwischen Ein- und Ausatmen, Tag und Nacht, Vergangenheit und Zukunft. Ich weiß nicht mehr, ob ich stehen geblieben bin oder ob ich noch renne – oder ob die Welt sich um mich bewegt. Die Schatten und die unbelaubten Äste der Bäume jedenfalls bewegen sich nach wie vor. Sie ragen in die Welt wie Fangarme oder Gitterstäbe. Ich bin umzingelt in der Weite der Wildnis. Wieder streift etwas mein Bein. Ist es mir gefolgt? Lautlos, mühelos, während ich mehr falle, mehr krieche, als laufe, kaum atmen und noch weniger klar denken kann.

„Was bist du?“, frage ich, bekomme aber nur ein unwilliges Knurren zur Antwort.

Da ist etwas bei mir. Ob es mich nur beobachtet, oder mir beisteht, kann ich nicht sagen, aber es reibt sich an mir wie an einem unangenehmen Problem.

„Lauf!“, flüstert es mir zu, „Du bist hier nicht sicher!“

„Wohin?“, frage ich.

„Nach Hause.“

„Ich habe keins“, sage ich.

„Dann darfst du niemals stehen bleiben“, erwidert das Wesen aus der Dunkelheit.

„Was bist du?“

„Lauf!“, bellt es mich an und ich renne wieder los.

Aber ich komme nicht weit, denn in der Nachtschwärze verborgen liegen vor mir die Kollateralschäden des letzten Sturms. Ich stoße gegen etwas Dumpfes, Holziges, bleibe hängen, stürze vornüber, falle hart und schlage mit dem Kopf gegen den Stamm des nächten Baums.

Stille. Stillstand. Ausgeschaltet. Die Zeit vergeht um mich herum. Ich liege reglos und friedlich in etwas, das vielleicht mein Blut, vielleicht aber auch nur die Feuchtigkeit des Waldes ist. Die Kälte strömt in mich ein. Ich habe allen Widerstand aufgegeben. Von mir aus, können der Boden mich verschlingen und die Baumwurzeln mich durchdringen. Gras soll über mir wachsen, Regen mich auswaschen, Hitze mich austrocknen. Ich will Moos ansetzen und die Nester von Wühlmäusen beherbergen. Aus meinen Gliedmaßen sollen die Raben die Fasern herausziehen und mit meinen Knochen sollen die Fuchsjungen spielen. Ich will verrotten und mich in Luft auflösen, zu Sternenstaub zerfallen und schlafen.

Dann aber schnappe ich nach Luft wie ein Ertrinkender und erwache gebettet auf einem Lager aus Blättern und Reisig. Der Geschmack von Schlamm erfüllt mir Mund und Nase. Dumpfer Schmerz dröhnt hinter meiner Stirn, aber das alles ist besser auszuhalten als mein sich überschlagendes Herz. Es hat sich jetzt beruhigt und will sich mit mir versöhnen.

Ich zittere unkontrolliert. Wie viele Stunden sind vergangen? Wann geht die Sonne auf? Wie finde ich hier wieder heraus?

Es ist ein Gefühl von toxischer Nüchternheit, von betäubender Klarheit. Wieso bin ich hier und wie bin ich hier hergekommen? Was habe ich mir nur dabei gedacht?

Es ist, als hätte sich das Universum einmal komplett zerstört und wieder neu zusammen gesetzt, während ich bewusstlos gewesen bin. Ich habe die ganze Existenz verpasst und sie hat mich nicht einmal vermisst.

Ich rappele mich auf. Die Schmerzen im linken Fuß sind jetzt so schlimm, dass Taubheit einsetzt. Irgendwie wanke ich vorwärts, einen Anstieg hinauf und auf ein kleines, rötliches Licht zu. Ich bin bereit, jedem Irrlicht zu folgen, das mich nur von hier weg führt.

Dann erkenne ich, um was es sich handelt: Es ist eine Kerze auf einem Friedhof, die sich weigert zu erlöschen.

Ich nehme sie auf, damit ich mir mit ihr den Weg ausleuchten kann. Ein Friedhof mitten im Wald. Die Gräber sind in Form eines halbrunden Labyrinths angeordnet. Die meisten sind von Efeu überwuchert. Keines hat einen ordentlichen Grabstein.

Des Rätsels Lösung enthüllt sich kurze Zeit später. Am Ende des Anstiegs befindet sich eine kleine Kapelle, ich schleppe mich hinein und erfahre, wo ich gelandet bin: Eines der letzten kleineren Scharmützel des Krieges fand hier statt und forderte noch einmal sinnloserweise ein paar hundert Menschenleben. Unbekannte Soldaten, wohin man blickt und ich bin es, der hier herum spukt.

In einem kleinen Tabernakel liegen ein Stift und ein Gästebuch, das ich herausnehme und durchblättere. Im Schein meiner Kerze lese ich Botschaften von Menschen, die aus aller Welt hierher gepilgert sind, um die letzte Ruhestätte entfernter Verwandter zu finden. Es befremdet mich ein wenig. Welche emotionale Verbindung kann man zu einem Menschen haben, der fünfzig Jahre vor der eigenen Geburt gestorben ist?

Und dann lese ich Einträge von Menschen, die in zittriger Handschrift, ihren Kameraden danken und ihnen Ehre erweisen wollen. Daneben wirken die einfältig formulierten Friedenswünsche banal und unglaubwürdig.

Die Religion kommt nicht gegen die Ideologie an, erkenne ich. Sie ist zu offensichtlich märchenhaft und zu wenig konkret.

Vielleicht bin ich verirrt, erschöpft, übermüdet, durstig und paranoid, aber ich weiß, was zu tun ist. Ich reiße ein leeres Blatt aus dem Buch, halte dann die Flamme der Kerze an die Seiten des Gästebuches und warte, bis es sich entzündet. Als es brennt, lege ich es auf den Boden und warte, bis nur noch ein Häuflein Asche übrig ist.

Auf die leere Seite schreibe ich: „Gebete halten keine Nazis auf, was also nutzen sie?“ und lege sie zurück in den Tabernakel.

Am östlichen Horizont sehe ich, wie der Tag sich ankündigt. Ein rötlicher Schimmer wächst über den Rand meines Sichtheld und taucht die Landschaft in ein müdes, aber strenges Licht. Die Herrschaft des Terrors wird ein Ende haben.

In der Ferne höre ich die ersten Autos über die Landstraßen fahren. Irgendwo hier beginnt die Zivilisation. Die Geister müssen nun zurückweichen und ich werde frei sein.

Ich sinke auf eine Bank vor der Kapelle und schließe die Augen für einen Augenblick. Was bin ich? Ein Dummkopf? Ein Überlebender? Jemand, der sich herausnimmt, die Gedanken anderer Menschen zu verbrennen, weil sie ihm nicht passen?

Wie viele von diesen Leuten, würden deine Platten verbrennen, wenn sie wüssten, dass sie existieren?, frage ich mich. Wie viele von diesen Leuten, haben einst Bücher verbrannt oder ihre Kinder verstoßen, weil sie ihre Ansichten nicht teilten?

Ich würde diesen ganzen Ort niederbrennen, wenn ich könnte, denke ich, stehe auf und gehe.

 

Die seltsame Stille eines Friedhofs lässt sich kaum einfangen in poetischen Worten. Sie ist über alle Maßen profan, finde ich. In sie mischt sich der Zwang, andächtig zu sein und das Bedürfnis, würdevoll zu wirken, während man sich gleichzeitig irgendwie unwohl fühlt. Weniger, weil man an den eigene Tod erinnert wird, sondern eher, weil man sich schämt, keines der erwarteten Gefühle aufbringen zu können.

Ein Soldatenfriedhof indes mischt in diesen Cocktail noch einen unbestimmten Zorn, einen Groll, ein Ungerechtigkeitsgefühl. Ein Soldat hat es eigentlich nicht verdient, auf einem Friedhof bestattet zu werden und ein Schlachtfeld sollte nicht einfach euphemistisch zum Friedhof umarrangiert werden. Sie nennen es vielleicht „Gedenkstätte“, aber es ist nichts weiter als ein Pilgerort für Kriegsnostalgiker.

Ich erreiche die nächste Landstraße und folge ihr hinab, denn ich weiß, alle Wege hinab führen in Richtung meines Marktplatzes. Und wirklich komme ich, noch bevor die Sonne voll über den Horizont gekrochen ist, am Galgenberg an und finde meine Orientierung wieder.

Im Dorf öffnen gerade die Geschäfte, als ich abgerissen, schmutzig und übernächtigt über den Platz in Richtung meines Hauses humple. Ich muss aussehen wie der letzte Junkie, ein Asozialer ohne Heim und ohne Angehörige, die sich um ihn kümmern. Was an meinem Körper nicht taub ist, schmerzt. Was nicht schmutzig ist, ist zerfetzt. Ich schlurfe wie ein Zombie und fühle mich auch so. Halbtot, dreivierteltot.

Am Zeitungsständer beim Bäcker blickt mir mein eigenes Gesicht entgegen – etwas fülliger, gewaschen und noch mit voller Haarpracht. Ich sehe aus, als hätte ich mein Leben im Griff. Dieser glühende, starre, vorwurfsvolle Blick direkt in die Kamera… Es ist ein Bild von der letzten Preisverleihung.

„Wo ist Robert Beckmann?“, fragt die selbsternannte Stimme des Volkes.

Ich kaufe die Zeitung mit den paar Münzen, die ich immer in meiner Hosentasche mit mir herumtrage, falls ich mal ein Druckerzeugnis oder Zigaretten kaufen muss.

Wegen des ganzen Schmutzes erkennt mich der Kioskbesitzer nicht, oder ist zu freundlich, um nachzufragen.

Auf dem Weg nach Hause lese ich, was auf der Titelseite unter meinem Foto steht: „Dieses Foto ist fast fünf Monate alt. Für Verwirrung sorgte Robert Beckmann (37) als er bei einem Talkshow-Auftritt im November des letzten Jahres das Studio vorzeitig verließ. Anfang des Jahres soll er in einem berliner Club einen Schwächeanfall erlitten haben. Seither fehlt jede Spur von dem Rockmusiker. Warum seine Freunde sich Sogen machen? Wir haben nachgefragt. (Weiter auf Seite 4)“

Ich sperre die Haustür auf, entledige mich noch im Treppenhaus meiner Kleidung und schleppe meinen geschundene Körper unter die Dusche. Das heiße Wasser schlägt mich wie eine liebende Mutter, deren verschwundener Sohn plötzlich wieder auftaucht. Hier könnte ich im Stehen einschlafen und unter dem strömenden Wasser ertrinken. Der angetrocknete Schlamm fällt von mir ab, als ich mich von oben bis unten einseife. Sauberkeit ist ein Konzept, das ich bisher viel zu wenig gewürdigt habe. Es riecht nach ätherischen Ölen und synthetischem Parfüm. Ich hatte schon immer eine Schwäche für starke Duftstoffe und ich genieße es, in der Damenabteilung von Drogeriemärkten an Flaschen und Tiegeln zu schnuppern.

Als meine Körpertemperatur sich wieder der eines normalen menschlichen Wesens angeglichen hat, drehe ich das Wasser ab und spüre für einen Augenblick meinen Schmerzen nach. Der Fuß beginnt schon anzuschwellen, im Inneren meines Kopfes pulsiert ein wütender Kampf zwischen Müdigkeit und Schlaflosigkeit, der sich in einer ausgewachsenen Migräne entladen wird und angeregt durch das warme Wasser und die Seife melden sich überall kleine Schnitte, Kratzer, Beulen und im Aufbau begriffene Hämatome. Der Finger, auf den ich mir gebissen habe, ist inzwischen dunkelblau.

Was also tun mit dem angebrochenen Morgen? Ich wickele mich in einen weichen Bademantel, den die Wohnung für mich bereithält. Ich werde mir die Haare wieder abrasieren müssen, wenn ich weiterhin nicht erkannt werden will, denke ich, als ich in den Spiegel blicke

 

Bei einer Tasse Kaffee blättere ich zu Seite vier vor. Mich interessiert, was mit diesem widerspenstigen Musiker los ist. Ich mag es, hämische Berichte konservativer Zeitungen über mich zu lesen. Sie stellen mich gerne als unberechenbar und gefährlich dar, ein Mann, der sich nicht im Griff hat und jeder Zeit ausrasten könnte. Vielleicht kennen sie mich besser als alle anderen…

„Robert Beckmann – auf Entzug?“

Es ist nicht das erste Mal, dass sie mir eine Sucht andichten. Wenn es nach ihnen ginge, führe ich das interessanteste Leben der Republik und ich weiß nicht, ob sie sich und ihren Absichten damit einen Gefallen tun. Jeder und jede Jugendliche, der oder die darüber liest, wie der antisoziale und wütende Künstler sein Leben mit Drogen verschwendet, wird sich zumindest kurz überlegen, ob er oder sie selbst mit fragwürdigen Substanzen zu experimentieren beginnen soll, um genau so cool und erfolgreich zu werden.

„Der durchdringende Blick ist sein Markenzeichen, aber steckt vielleicht mehr hinter diesem irritierenden Starren? Hat Robert Beckmann Probleme, die er vor der Öffentlichkeit verbergen will?“

Um Himmels Willen, jeder hat Probleme und niemand will sie in der Öffentlichkeit breitgetreten wissen! Sie tun mal wieder so, als hätten sie ein Anrecht auf Informationen, die sie nichts angehen.

„Wie steht es wirklich um den umstrittenen Rockstar? Wir haben mit einer alten Schulfreundin gesprochen.“

Ihr Name wird nicht genannt, sie kann also genauso gut erfunden sein. „Umstritten“ bin ich übrigens nur in den Kreisen der Redaktion dieser Zeitung und zwar vor allem deshalb, weil ich ihnen nie auf Interviewanfragen antworte.

„Gerüchte über Drogenmissbrauch und Alkoholexzesse gibt es schon lange, aber jetzt scheint Beckmann an den Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit angekommen zu sein. Aus dem Lager seiner Band möchte sich derzeit niemand zu den Befürchtungen äußern, Beckmann müsse sich einer Entziehungskur unterziehen.“

Und wenn sich niemand äußern möchte, ist das natürlich ein eindeutiges Indiz dafür, dass man Recht hat mit seinen Vermutungen. Das Gleiche gilt übrigens auch für Dementis.

„Die Zahl seiner – sogar für Beckmanns Verhältnisse – bizarren Auftritte hatte sich in den letzten Monaten gehäuft, so sah man ihn schlafend bei einer Preisverleihung. Sein grotesk-angespannter Auftritt in einer Talkshow sorgte tagelang für Aufregung. Dann kam sein Zusammenbruch in einem Nachtclub vor wenigen Monaten. Schon damals machten sich Angehörige und Freunde Sorgen um den Gesundheitszustand des Musikers. Seitdem ist es still um ihn geworden. Außer der vagen Ankündigung eines neuen Albums gibt es keine Hinweise auf neue Veröffentlichungen oder darauf, dass sich die Band im Tonstudio befindet. Auf Anfrage teilt Beckmanns Management mit, dass sie keine Auskünfte zum Verbleib des Frontmanns geben wollen.“

Ich muss gähnen. Hier ist ein Praktikant angewiesen worden, Zeilen zu füllen.

„Zeugen des Club-Vorfalls bestätigten Beckmanns schlechte Verfassung. Er habe bereits damals abgemagert und ausgezehrt gewirkt. „Er hatte immer einen Hang fürs Extreme“, sagt uns eine alte Schulfreundin Beckmanns.“

Ich frage mich, ob man Geld damit verdienen kann, sich als Bekannte von Berühmtheiten auszugeben und dann Plattitüden von sich zu geben.

„Gut möglich, dass er Drogen nimmt. Das bestätigt auch seine ehemalige Klassenkameradin: „Ich kenne ihn eigentlich nur zugedröhnt. Man musste sich eigentlich immer Sorgen um ihn machen.“ Fakt ist indes, dass Robert Beckmann nicht der erste Vertreter seiner Zunft ist, der seine Rolle auf Dauer nicht ausfüllen kann. „Irgendwann ist man einfach ausgebrannt“, sagt Psychologe Dr. Roman Falk, „Gerade kreative Menschen neigen dazu, schnell auszubrennen und dann ihr Heil in psychoaktiven Substanzen zu suchen.“ Robert Beckmann, der sich gerne auch gesellschafts-politisch äußert, ist jedoch nicht nur kreativ, sondern auch Identifikationsfigur und Stimme einer Generation. Gerade Jugendliche finden die oftmals provokanten Statements des Musikers anziehend und nehmen seine verworrenen Songtexte in ihren Sprachgebrauch auf. Bleibt zu hoffen, dass er sich bald erholt und ins Rampenlicht zurückkehren kann. Wir wünschen ihm jedenfalls alles Gute.“

Erbärmlich, denke ich, über Dinge zu schreiben, die gar nicht da sind. Als schulde ich ihnen regelmäßig einen Report. Als sei ich auf Bewährung.

Die „Jugendlichen“, die meine Texte vielleicht in ihre virtuellen Poesiealben schreiben, sind inzwischen auch Anfang 30. Wenn ich heute noch Teenager ansprechen würde, käme ich mir verlogen vor.

Ich lege die Zeitung bei Seite. Und sowas wird jeden Tag millionenfach gekauft und gelesen? Wer fühlt sich durch sowas informiert? Oder benutzen die Leute das Papier nur als billigen Kaminanzünder?

Ich sperr mich aus - aus meinen Zwängen
Sperr mich ein in die Idee
Vom schnellen Glück durch schnelles Rennen
Und in andere Klischees
Zähne fletschen, Zähne zeigen
Zähne knirschen und zerbeißen
Diese Nacht beginnt zu gleißen
Das ist alles, was ich seh

 

Ich sperr mich aus - aus meinen Ängsten
Sperr mich ein in den Exzess
Vom schnellen Glück durch totes Denken
Als ein logischer Prozess
Tiefenrausch und Höhenflüge
Der Glaube adelt jede Lüge
Diese Nacht beginnt zu glühen
Das allein ist noch gewiss

 

Ich sperr mich aus - aus meinem Zögern
Sperr mich in die Schattenwelt
Wo sich Wahn und Sinn verbrüdern
Als ein Spiegel, der entstellt

 

Ich sperr mich aus - aus meinen Zimmern
Sperr mich ein auf freiem Feld
Kann ich hier der Zeit entrinnen
Oder bin ich schon zu spät
Der Ekel wirkt wie Magensäure
Nichts gibt’s, das ich nicht bereue
Diese Nacht wird Licht erzeugen
Wo sonst Abgründe entstehen

 

Ich sperr mich aus - aus diesem Dasein
Sperr mich ein in freiem Fall
Alles hier wird nicht mehr wahr sein
Nach dem letzten, großen Knall

Die Stille nach einem Song fühlt sich an, wie ein kleines bisschen zu sterben. Etwas ist vorbei und kommt vielleicht nie wieder. Der Sound verklingt irgendwo im nicht näher definierten Raum, die Farben, die man gesehen hat, verblassen und die Zeit setzte sich wieder in Gang.

Das Zentrum des Universums befindet sich in meiner Brust. Mein Herzschlag hält meine Welt in der Umlaufbahn. Manchmal, wenn ich Musik mache, ballt sich etwas in mir zusammen, ein Knoten oder ein Krampf. Das ist ein unverwechselbares Anzeichen dafür, dass ich etwas furchtbar richtig oder furchtbar falsch gemacht habe. Ich pendele zwischen Scham und Stolz.

Beide liegen so nahe beieinander, dass man sie kaum trennen kann. Manchmal ist man sogar stolz auf seine Scham und schämt sich für seinen Stolz. Aber im Grunde bin ich immer ein Träumer gewesen, der erst abstrahiert, bevor er empfindet. Es gelingt mir sogar, Dinge stellvertretend für mich selbst zu erfahren. Mein Inneres ist ein Spiegelkabinett an wahren und erfundenen Geschichten.

Ich träumte einmal davon, auf meiner Abiturfeier mit meiner Band aufzutreten und meinen Mitschülern und Lehrern endlich zu beweisen, dass sie mich all die Jahre unterschätzt hatten. Ich wollte der Star der Veranstaltung sein und sie alle beeindrucken. Doch statt den Gitarrenhals umarmte ich an jenem Abend die Toilettenschüssel und zurück blieb nur ein Erinnerungsbrei, den ich nur ungern im Einzelnen rekapituliere.

Trotzdem erzähle ich manchmal die Geschichte von meinem ersten Auftritt und seiner überzeugenden Wirkung auf alle Anwesenden. Ich bin ein notorischer Lügner, aber es bereitet mir eine diebische Freude, wenn Interviewer sich der falschen Freude hingeben, zu glauben, mir eine private Information entlockt zu haben.

Es ist nur fair. Den Lügen, die die Presse über mich erfindet, setze ich Lügen entgegen, die ich selbst über mich erfinde. Es ist ein unausgesprochener Krieg, aber nur ich kenne die Regeln.

Die Wahrheit ist aber auch, dass es mir peinlich ist, wie der Abend meiner Abiturfeier abgelaufen ist und ich mir wünsche, dass er anders verlaufen wäre. Vielleicht hat diese nicht näher genannte, ehemalige Klassenkameradin aus der Zeitung nicht ganz Unrecht, wenn ihre Aussagen sich auf diese Nacht beziehen.

Wegen der Nervosität vor meinem geplanten Auftritt vor allen Eltern, Abiturienten und Lehren wollte ich mir im Vorfeld Mut antrinken, verlor dabei aber jedes Maß und Ziel. Die Anzüge und Ballkleider der Gäste irritieren mich. Man spielt keinen stümperhaften Punkrock mit Songtiteln wie „In der Schule habe ich nur Rauchen gelernt“ oder „Wo bitte geht’s hier zum Arbeitsamt“ vor so einem Publikum. Man stößt seine Klassenkameraden nicht an so einem Tag vor den Kopf und als mir das klar wurde, erkannte ich, dass ich aus der Nummer nur wieder herauskommen würde, wenn ich mich selbst so sehr erniedrigte, dass niemand mehr wert auf meinen groß angekündigten Auftritt legte.

Ich kippte mir also alles hinter die Binde, was ich an Alkoholika finden konnte und erbrach mich dann erst vor aller Augen in die Mitte des Festsaals und musste schließlich zur Toilette geschleift werden, wo ich den Rest der Nacht verbrachte.

So kam es, dass die drittklassige Schülerband mit der ich mir die musikalische Gestaltung des Abends teilen sollte, eine Zugabe spielen durfte. Sie wiederum gaben ein ziemlich gutes Beispiel dafür ab, wie ich auf gar keinen Fall sein oder werden wollte: Pathetisch, bei gleichzeitiger Belanglosigkeit. Ich wollte keine Lieder darüber schreiben, wie toll meine Partys und wie innig meine Freundschaften sind. Ich verabscheue Lieder über Dankbarkeit und Demut. Auch positive Zukunftsaussichten sind nichts, über das ich je hätte schreiben können oder wollen – wenngleich diese Themen natürlich angebracht sind bei einem Anlass wie einer Abiturfeier.

Auch wollte ich niemals in einer Band spielen, deren Mitglieder während des Auftritts auf Stühlen sitzen und sich hinter ihrem Equipment verstecken.

Dennoch muss man ihnen zugestehen, dass sie gespielt haben und ich nicht. Sie waren die Profis, ich das unzuverlässige Großmaul. Ich hasse sie und ich will sie aus der Geschichte – oder zumindest aus meiner Erinnerung - tilgen. In meiner Phantasie stehe ich auf der Bühne mit meiner E-Gitarre und schreie Zeilen wie „Ich habe keine Ambitionen, euch und euren Kreisen immer wieder zu beweisen, dass Schmeichelei und Selbstaufgabe die Anstrengung nicht lohnen.“ Natürlich jubelt man mir zu. Ich bin ein Priester und habe sie alle bekehrt, die angehenden Yuppies und BWL-Studenten. Lehrer stehen da voller Verwunderung und die Alt-Revoluzzer unter ihnen klopfen sich heimlich selbst auf die Schultern dafür, dass sie an meiner Ausbildung beteiligt waren.

Einzig: So ist es nicht gewesen.

Der Wind weht ziellos durch die Felder
Frühlingslicht und Winterkälte
Auf den Bänken in den Wälder
Sitzen Pärchen wie im Rausch
Und tauschen dort Gedichte aus
Respektlos wär es, einzuschlafen
Während du mir deklamierst
Von Verzückung ganz zerschlagen
Wenn ein Wort mich tief berührt

 

Und schlaf ich doch, so träum ich sicher
Wunderbar von wunderlichen
Farbenwirbelnden Geschichten
Und fühlst du mir den Puls im Schlaf
So widme ich dir diesen Schlag
Am schönsten ist der Mond am Himmel
An diesem Tag im Februar
Ich will ihn mit dir verbringen
Hör‘n, was du mir offenbarst

 

Ich rede mit mir selbst und fühle
Scham, wenn ich mir Quatsch erzähle
Du kannst mir ein Leid zufügen
Oder mich mit Zartheit quälen

 

Wir ziehen ziellos durch die Felder
Winterlicht und Frühlingskälte
Nisten wir in bunten Zelten
Harren wir die Nächte aus
Und träumen uns ins All hinaus
Um neue Verse zu verfassen
Nichts, was ich noch sehen kann
Wenn ich dich zurück hier lasse
Du bist mein Schiff, mein Untergang

 

Ich schweige, wenn du mit mir redest
Voller Ehrfurcht und begnadet
Sagst du nur ein Wort, so lebt es
Deine Welt ist unbeschadet

Ich atme in die Stille hinein. Die Luft ist dicht und schwer um mich herum. In mir steigt Wärme auf und ich werde weich in Körper und Geist.

Das Schreiben geht fast automatisch. Da sind noch Wörter in mir irgendwo, ich muss sie nur ausgraben. Die Melodien helfen mir dabei. Sie bohren sich in den Schlamm meiner Erinnerung und zerren hervor, was darunter verborgen liegt. Moorleichen-Lieder werde ich sie nennen, denke ich.

Darüber werden die Boulevardzeitungen natürlich nicht schreiben. Ich bedauere die Menschen, die sich nicht für abstrakte Dinge begeistern können und immer eine fleischliche Komponente brauchen, um sich zur befriedigen. Lieber lesen sie skandalisierte Alltagsgeschichten aus dem Privatleben ihrer Stars, die meist nicht mal stimmen, als sich damit zu beschäftigen, was diese Leute erschaffen.

Ich bin lange genug in diesem Geschäft, um zu wissen, dass es immer nur um die Person des Dichters geht, da darf man sich nichts vormachen. Selbst wenn sie den Umweg über die Analyse der Texte gehen, am Ende versuchen sie immer, einem das Blut auszusaugen. Melodien, Rhythmus und Harmonie sind was für Nerds, die einfachen Leute wollen Sensationen und Geheimnisse.

Peinliche, emotionale, spannende, gefährliche Geschichten lassen sie ihren langweiligen Alltag vergessen und es ist meine Aufgabe, solche Geschichten zu erfinden und zu erleben. Sie wollen mich als tragischen Helden, als Trickster oder als Antagonisten, der wie üblich viel charismatischer ist als sein Counterpart. Sie sehen mich lieber scheitern als triumphieren, weil es ihnen gefällt, Mitleid empfinden zu können. Dann nämlich fühlen sie sich mir nah, dann bin ich einer von ihnen und sie einer vor mir.

Der Kaffee rauscht mir durch die Venen und ich hänge in den Seilen zwischen Bewusstlosigkeit und Überdrehtheit. Ich frage mich, ob dieser Zustand, wenn er andauert, pathologisch ist. Bisher bin ich immer gut damit zurecht gekommen, aber auf Dauer erscheint er mir doch recht anstrengend. Vor allem, wenn ich andere Menschen dabei beobachte, wie sie die Zerrissenheit der Welt anscheinend gar nicht wahrnehmen.

Sie können sich nicht losmachen, so wie ich mich losmache. Sie kleben an der konkreten Welt, während ich dahin treibe, davon treibe. Ich frage mich, wie weit ich abheben kann, bis die Luft zu dünn zum Atmen wird.

Wenn sie sich bemühen, faseln sie etwas von der Leichtigkeit meiner Worte, erkennen aber nicht ihre Dichte und wenn sie intellektuell wirken willen, behaupten sie, diese Dichte auszumachen, verstehen aber nicht, was sie hören.

Ich fahre mir mit der Hand über mein Gesicht, um sicher zu stellen, dass es noch da ist. Mein Kinn ist stoppelig. Seit ich die ersten grauen Haare in meinem Bart ausgemacht habe, nehme ich das mit der glatten Gesichtshaut nicht mehr so genau. Es hat etwas Gediegenes, Gesetztes, Erwachsenes, seinen Bartwuchs nicht mehr obsessiv zu verleugnen. Jeder kann sehen, dass ich kein Junge mehr bin und vielleicht wird es langsam Zeit, mich der Verantwortung eines erwachsenen Lebens zu stellen.

Man bleibt Kind, so lange die Eltern leben, heißt es. Oder: Man wächst nicht weiter, nachdem man berühmt wird. Ich habe so viele dumme Sprüche gehört, die im Grunde nichts als Entschuldigungen dafür sind, sich nicht verändern zu müssen, weil man es ohnehin nicht schafft. Darauf läuft es immer hinaus: Akzeptiere alles, entschuldige dich für nichts, tu, was wir dir sagen!

Meine Gedanken schweifen ab und der Raum ist groß, in dem sie sich bewegen. Ich bin müde und nicht bereit, mich einzuschränken. Sollen sie doch herumtollen wie junge Hunde oder sich entfalten wie das Firmament nach Einbruch der Dämmerung.

Ich finde den neuen Minimalismus spießbürgerlich. Ich will nicht verzichten müssen, weil irgendwelche Wichtigtuer glauben. der Weisheit letzte Schlüsse zu kennen. Am Ende sind es sowieso nur Kalenderspruchweisheiten, die das Leben durch Infantilisierung vereinfachen wollen. Diese Gatekeeper des Grübelns sind wie Unternehmer, die es nicht auf die Reihe bekommen, ordentliche Produkte zu entwickeln, ihren Ausschuss aber trotzdem bewerben, weil sie absetzen müssen, um nicht unterzugehen.

Verzicht ist jedoch nur dann Gewinn, wenn man schon satt ist und ich werde nie satt sein. Ich halte Entschlackung und Entschleunigung nicht für Aktivismus, sondern für passive Aggressivität, das Zelebrieren der eigenen Machtlosigkeit und ich bin der erste, der sich selbst einen Heuchler nennen würde, aber die zweiten, die ich so bezeichne, sind die Moralapostel, die ihre Isolation, ihre Beschränktheit, ihre Zurückgezogenheit auf das Positive, das Konkrete und das Private, ihre Arroganz als Verantwortung für andere und sich selbst missdeuten. In Wirklichkeit ist es bloß ein Image, ein gutes Gewissen in der Sicherheit.

Den Glauben an eine nicht menschenverachtende Verhaltenstherapie habe ich längst verloren, wenn ich ihn je gehabt habe. Diese Unterdisziplin der angewandten Psychologie arbeitet mit viel pseudowissenschaftlichem Wohlfühl-Kitsch, der aber keineswegs harmlos und schon gar nicht hilfreich ist. Es ist eine plüschige Konditionierung, weg von den drängenden Fragen, hin zu Kaffee und Kuchen.

Robert Beckmann, der Mann der negativen Töne – so werden sie sagen. Der Mann, der jede Frage prophylaktisch mit einem Nein beantwortet. Aber was hilft es mir, eine Lüge von genereller Positivität zu akzeptieren, wenn das, was mir hilft, nun mal das Kanalisieren meine Negativität ist? Ich suche nicht nach Schmerz, sondern nach Ordnung. Ich will verstehen, nicht schöpfen. Das ist, was viele am kreativen Prozess nicht verstehen. Die Dinge sind da, sie waren es immer. Man muss sie freilegen. Man meißelt sie aus dem Chaos, bis man ihre Wahrheit erkennt.

Meine Widerspenstigkeit ist keine Attitüde oder Modeerscheinung, keine Haltung oder Lebenseinstellung, sondern das Ergebnis einer grundlegenden Ehrlichkeit mir und meinem Unverständnis mir selbst gegenüber. Es ist wie eine Verschwörung, die mich hemmt, Aussagen ohne gründliche Prüfung zu akzeptieren.

Nichts, was ich nicht haben kann
Muss nicht einmal mein Bett verlassen
Das ist unser Untergang
Auf ranzigen Matratzen

 

Jedes Foto eine Pose
Jede Pose eine Lüge
Jede Lüge ein Beweis
Für unsre Unzulänglichkeit

 

Nichts, was ich nicht haben will
Sofort, am besten gestern
Die Tragik meiner Ungeduld
Hält mich in heißen Fesseln

 

Nichts, was ich nicht sagen kann
Ein jeder ist Experte
Das ist unser Untergang
Das sind unsre Werte

 

Nichts, was ich ignorieren kann
Alles scheint mir wichtig
Zur Achtsamkeit bin ich verdammt
Und doch ist alles flüchtig

Ich bin allein in der Stille dieses Schwebezustands. Allein sein ist ein verkannter Luxus, den nur Menschen erkennen, die von der Welt entweder sehr eingeschüchtert oder sehr enttäuscht sind. In beiden Fällen ist man ein gebranntes Kind, denn die Norm und die Wissenschaft schreiben vor, dass der Mensch ein soziales Wesen sei.

Die Öffentlichkeit hat indes nichts mit Sozialität zu tun, auch wenn man sich in diesen Blasen der Society gerne vertraut und einander zugeneigt zeigt. Man tritt sich nicht gegenseitig auf den Schlips und man nennt keine Namen, wenn man etwas kritisiert. Das ergibt den Anschein einer verschworenen Gemeinschaft und man selbst kann sich einreden, so etwas wie Freundschaften zu pflegen. Diskretion ist eine Tugend wie Diplomatie.

Wer sich ein Image der Gewagtheit geben will, der lässt sich zu ab und an zu einer Meinungsbekundung hinreißen. Man gibt sich aber nie offen radikal. Wer sich einen Slogan wie „Kapitalismus abschaffen!" zu eigen macht, der relativiert im Nachsatz schnell, dass er die Marktwirtschaft aber gerne erhalten möchte.

Die Reform der Popkultur ist in vollem Gange. Es werden gefällige Brocken unters Volk gebracht, die gerne von den Mainstream-Medien aufgegriffen und positiv konnotiert werden. Sichtbarkeit ist alles. Es findet statt, was uns ein wohliges Gefühl verleiht. Gute Menschen sind wir dann, wenn wir akzeptieren, wenn wir normalisieren, wenn wir aufhören zu kommentieren, was uns absonderlich erscheint, denn Absonderlichkeit ist unerwünscht. Alles ist plötzlich normschön. Normen werden nicht mehr aufgebrochen, sondern erweitert. Der Zersplitterung der Subkulturräume wird ein Ende gesetzt, indem wir alle zwangsintegriert werden in eine heimelige Gemeinschaft der still Genießenden.

Die Dynamik ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Wo man sich früher kritisch und ein wenig verängstigt beäugt hat, zelebriert man heute Verbrüderung. Wir sitzen doch alle im selben Boot, sagen sie und meinen damit: Wir alle haben das gleiche Interesse, den Kids das Geld aus der Tasche zu ziehen, lasst uns also zusammenarbeiten wie eine große, einträchtige, mafiöse Familie.

Die großen, überpopkulturellen Grausamkeiten gehen währenddessen weiter. Wenn alle sichtbar sind, die alle unsichtbar. Während wir unserer Repräsentanten feiern, gehen die, die sie repräsentieren sollen, vor die Hunde. Aber das ist egal, denn so lange „einer von uns" beweist, dass man es schaffen kann, halten wir die Hoffnung aufrecht. Der Neoliberalismus hat Einzug gehalten in Räume, die vormals links gewesen sein. Und er verkauft sich selbst als links, wenn er demonstriert, dass es ihm egal ist, wenn er ausbeutet. Jeder hat die gleiche Chance verdient, sich in diesem System zugrunde richten zu lassen.

Ich habe einmal Conchita Wurst auf einer Party in einem Szeneclub getroffen, aber sie kannte mich nicht und interessierte sich auch nicht dafür, mich kennenzulernen. Ich mich im Übrigen auch nicht dafür, mich mit ihr zu unterhalten, denn sie verkörpert alles, was ich hasse. Den aufgesetzten Glamour, die Beschwichtigung, den Anspruch, für andere zu sprechen bei gleichzeitiger Abgrenzung von diesen durch den Versuch, sich in eine bessere Gesellschaft einzuschleichen. Solidarität ist keine Frage des Auftritts, sondern eine Frage des Inhalts. Eine Identität allein macht kein Vorbild und schon gar keinen Anführer.

Es gibt ein Foto von mir, auf dem ich zufällig zusammen mit ihr an jenem Abend abgelichtet wurde. Ich stehe im Hintergrund am Tresen und halte mich an einer Flasche Bier fest. Über der Spüle hängt eine Pride-Fahne und Conchita gefällt es sichtlich, sich vor diesem Motiv zu inszenieren. Später wurde ich oft gefragt, ob sie und ich bekannt oder gar verbandelt wären. Es ermüdet mich, einerseits dementieren zu müssen, andererseits aber nicht abwerten zu dürfen. Ich sagte: „Ich finde es schade, dass Clubs nicht einfach nur Clubs sein können und jeder nicht einfach dort trinken kann, wo ihm das Bier am besten schmeckt. Ich bewege mich nicht in einer Szene, weil ich mit niemandem außerhalb etwas zu tun haben will, sondern weigere mich, diese Grenzen anzuerkennen."

Heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das noch so meine. Zu sehr scheue ich vor dem Gedanken einer großen, allumfassenden Gemeinschaft zurück, in der niemand mehr aufmucken darf. Denn wenn es nur noch eine Gruppe gibt, wohin geht man, wenn man ausgeschlossen wird?

Schutzräume sind eine Illusion. In Wirklichkeit sind sie selbstgewählte Isolationshaft. Ich habe keine Lösung für dieses Problem, aber ich brauche sie auch nicht, solange ich noch im Exil lebe.

Seit dem Vorfall mit Conchita versuche ich jedenfalls, meine Blase möglichst klein zu halten. Ich möchte nicht in Zusammenhänge gestellt werden, die ich mir nicht selbst gewählt habe. Die meisten meiner Kollegen sind mir aus vorne genannten Gründen ohnehin suspekt bis zuwider. Ich höre ihre Platten nur noch in peinlicher Zerknirschung und frage mich, wann endlich die letzte Melodie aus diesen verdammten acht Tönen herausgequetscht wird, damit wir in die postmusikalische Ära eintreten können, in der Menschen Geld dafür zahlen, die verschiedenen Ausprägungen der Stille genießen zu dürfen.

In der Stille verglüht zumindest niemand. Es gibt keine schweigenden Berühmtheiten, Menschen, die ihre Unbeteiligtheit inszenieren und ein Vorbild für eine sich verweigernde Jugend sind. Das wäre doch mal ein politisches Statement abseits von gefühlsduseliger Charity und peinlichem Pseudo-Aktivismus.

Es gibt etwas jenseits des gesundheitsfetischistischen Körperkults und der systematischen Selbstzerstörung. Es hat nur noch niemand entdeckt. Ich habe einige sogenannte Freunde aufsteigen und verglühen sehen und es wundert mich selbst, dass es mir nicht auch so ergangen ist.

Es geht nicht um Härte oder Intelligenz, sondern um Aufrichtigkeit. Die Aufrichtigen sind die Kurzlebigen. Während sie wie Meteoriten einschlagen und verbrennen, kann ich nie aus meiner Umlaufbahn abdriften – nicht mit Drogen, nicht mit Krankheiten, nicht mit Sex. Kunst allein ist dafür zu schwach. Sie existiert lediglich im Vakuum zwischen Leben und Todessehnsucht.

Mir ist klar, dass ich lediglich dieses Vakuum ausfülle, ohne seine beiden Grenzen zu berühren oder gar zu überschreiten. Ich schreibe nur noch Musik fürs Feuilleton, nicht mehr für die Sommerfestivals (eigentlich sind wir sogar eine ziemlich miese Live-Band), auf denen die arbeitende Bevölkerung für ein paar Tage ihre Erziehung vergisst und das Sich-im Schlamm-Wälzen als befreiende Erfahrung begreift.

Es ändert sich viel, wenn man als Musiker die 30 überschreitet. Man muss entweder seriös werden oder peinlich. Ich habe mich für die Seriosität entschieden. Meine Platten sind nun Aushängeschilder für eine Industrie, aber keine echten Kassenschlager – aber welche Platte ist das heute überhaupt noch? Man schmückt sich gerne damit, markiert aber gleichzeitig den streng bewachten Eintrittsbereich in eine geschlossene Gesellschaft. Der Kunstbetrieb feiert seine Abgehobenheit mit Champagner und Diskurs unter Ausschluss des Proletariats.

Wer es schafft, hier nicht in Einsamkeitsorgien zu verfallen, muss das menschliche Äquivalent einer angefaulten Hohlfrucht sein, oder sich das Hirn weggekokst haben. Dennoch ist die Einsamkeit in diesen Kreisen immer noch die bessere Option. Das sage ich mir, wenn mich das Gefühl übermannt, all jenen in ihren Galerien und bei ihren Vernissagen noch etwas beweisen zu müssen.

Die Wonnen der Unsicherheit
Das Lärmen in der Einsamkeit
Die Ruhe der Resignation
Die Wunden der Selbstgeißelung
Das Harren in Verwunderung
Verdienen meine Zustimmung

 

Ich schenke dir mein Missvergnügen
Tausend rücksichtslose Lügen
Besser wär’s, mir zu misstrauen
Mich erst gar nicht anzuschauen
Spar dir Mitleid und Bedauern
Ich kann selber um mich trauern

 

Überdruss und Niedertracht
Überschwang und Niedergang
Du hast nichts von mir verpasst
Alles ist zu Staub verbrannt

 

Überdruss und Niedertracht
Übermut und Unverstand
Du hast mich hierher gebracht
In dies unverbrauchte Land

 

Überdruss und Niedertracht
Auferstehung, Wiedergang
Ich hab das für dich gemacht
Mich verspottet und verdammt

Und dann zerreißt es die Stille: Das Telefon klingelt. Ich schrecke auf aus meinem Halbschlaf und versuche, den Schweißausbruch, der sich anschließt, unter Kontrolle zu bringen. Wie dumm von mir, zu glauben, dass sie mir hier meine Ruhe lassen würden, denke ich resigniert. Sie sagen vielleicht, dass sie dich aus der Frontlinie bringen wollen, aber in Wirklichkeit drapieren sie dich so zurecht, dass sie allein die Möglichkeit haben, ihre Schüsse gegen dich abzufeuern. Sie steigern nicht meine Effektivität, sondern ihre.

Ich nehme den Hörer ab. Es ist Erik. Spezies: Schmeißfliege. Berufseigenbezeichnung: Supervisor.

„Guten Tag, Rob. Schön, dass du ans Telefon gehst. Wir haben alles Mögliche versucht, um dich zu erreichen. Was ist mit deinem Mobiltelefon?“

„Hab ich weggeschmissen“, sage ich.

„Ist das also wirklich wahr?“

„Ja. Ich dachte, Amanda hätte euch Bericht erstattet.“

„Aber wir wollen doch auf dem Laufenden bleiben, Junge. Was ist los? Wie läuft es?“

„Naja“, sage ich.

Sofort höre ich Eriks Stimmung von fröhlich zu enttäuscht umschalten. Ich kann nie genau sagen, was bei seinen Stimmungsschwankungen geheuchelt ist.

„Nicht gut?“

„Ich brauche Zeit“, sage ich.

„Rob, irgendetwas stimmt doch nicht mit dir. Du hast noch nie so lange gebraucht um ein Album zu schreiben. Und jetzt schickst du uns seit Monaten nicht mal einen einzigen Song? Hast du wirklich gar nichts? Versuchst du es denn? So schwer kann es doch nicht sein, etwas auf der Gitarre zu klimpern.“

„Es soll aber doch auch gut sein“, werfe ich ein.

„Vielleicht sind deine Ansprüche an dich selbst zu hoch“, vermutet Erik, „Schreib doch einfach so, wie du früher geschrieben hast.“

„Aber vielleicht will ich das nicht mehr“, sage ich.

„Aber der Vertrag!“

„Gib mir Zeit“, sage ich.

„Wie viel denn noch, Rob?“, ich höre die Wut hinter seiner Ungeduld.

Es gefällt mir, wenn ich Typen wie Erik in den Wahnsinn treiben kann. Die Wahrheit ist nämlich, ich habe noch keine Lust, von hier fort zu gehen. Ich könnte mich an das Leben hier gewöhnen. Es ist nicht schön, aber interessant. Ich möchte seine Fassetten kennen lernen und eintauchen in die Kultur dieser Peripherie. Wenn ich jetzt gestehe, dass ich im Grunde schon weit gediehen bin mit meinem Album, werden sie mich zurückholen, in ein Studio verfrachten, alle zusammentrommeln und die Maschine anwerfen.

„Noch ein bisschen“, sage ich.

„Wenn du nicht weiter kommst, frage ich mich, ob es überhaupt etwas bringt, dass du da unten bist. Wie man hört, hast du dich kaum wirklich erholt.“

„Sagt wer? Amanda?“

„Rob, glaubst du, du lebst in einer Zwischenwelt, in der du unsichtbar bist? Du bist nicht anonym, verstehst du? Du bist gesehen worden. Wenn du ein bisschen engagierter wärst, was die sozialen Medien angeht, hättest du vielleicht mitbekommen, dass…“

„Ich hab den Zeitungsartikel gelesen“, unterbreche ich ihn, „Es macht mir nichts aus. Diesen Typen glaubt doch sowieso niemand.“

„Soziale Medien, Rob! Hast davon schon mal gehört, oder lebst du noch in 1994?“

„Interessiert mich nicht.“

„Sollte es aber. Es kursieren Bilder, auf denen du aussiehst, wie der letzte Penner.“

„Das wäre ziemlich akkurat“, sage ich.

„Das kann doch nicht dein Ernst sein! Die Zeitungen bringen Artikel über dich und du gehst aus dem Haus, als wärst du einmal durch einen Sumpf gezogen worden. Auf solche Bilder haben die doch nur gewartet! Was glaubst du, was morgen und übermorgen durch die Gazetten gehen wird? Dir muss doch klar sein, dass die Leute aufmerksam sind, wenn sie aufmerksam gemacht werden! Rob, wieso all diese Fehler in letzter Zeit? Du bist doch Profi.“

„Nein“, sage ich, „Ich hatte nur Glück.“

„So siehst du aber nicht aus.“

„Jeden verlässt es irgendwann.“

„Rob, es geht dir schlecht! Das kann jeder sehen. Du hast schon wieder abgenommen. Das ist nicht gut. Isst du denn überhaupt mal irgendwas? Schläfst du? Und was hast du mit deinen Haaren gemacht? Und dein Gesicht… Bist du zusammengeschlagen worden, oder was? Du musst es mir sagen, sei ehrlich: Nimmst du irgendwas? Wir können dir helfen! Wer ist diese Schulfreundin, die sie da ausgegraben haben?“

„Die haben sie erfunden“, sage ich erschöpft. Erik zuzuhören ist noch anstrengender, als sich bei Amanda zu entschuldigen.

„Du klingst furchtbar.“

„Danke.“

„Wenn du schon nicht ehrlich sein willst, dann eben auf die andere Tour: Glaubst du, du bist der erste und einzige Mensch auf dieser Welt, der eine Krise durchmacht? Es gibt ein Wort dafür: Depression. Es bringt nichts, wenn du es leugnest. Du musst dir Hilfe suchen!“

„Ich bin nicht krank“, behaupte ich.

„Aber du arbeitest nicht. Du gerätst völlig außer Kontrolle. Du bist nicht mehr der Jüngste, weißt du. Du musst akzeptieren, dass du an Grenzen stößt und…“

„Die ihr mir setzt“, werfe ich ein, „Es gäbe kein Problem, wenn ich nicht gezwungen wäre, zu produzieren. Warum kann ich nicht einfach existieren?“

„Weil niemand das kann! Wenn du nicht mehr funktionierst, solltest du dir ernsthaft Gedanken machen, warum.“

„Weil ich unter Zwang nicht arbeiten… will“, ich sage „will“, weil ich es bestimmt „könnte“, wenn ich müsste.

„Du bist schwierig, weißt du das?“, jetzt resigniert Erik. Ich grinse breit, was er zum Glück nicht sehen kann.

„Ja, so hab ich mir das ausgesucht“, sage ich, „Und ihr euch auch. Ihr wusstet, worauf ihr euch einlasst.“

„Früher hast du geliefert!“

„Früher habt ihr nicht so genervt!“

„Mussten wir nicht“, sagt Erik, „Aber vielleicht ist dir die Idee gekommen, dass das Haus, in dem du gerade wohnst, nicht dein eigenes ist.“

„Das Haus, in dem ich in Berlin wohne, ist auch nicht mein eigenes“, sage ich, „Wenn ihr mir Mietrechnungen schreiben wollt, dann tut es.“

„Trixie macht sich Sorgen um dich“, sagt er nun wieder versöhnlich. Die Fassade ist zurück.

„Du kannst sie beruhigen.“

„Das kann ich nicht, ich bin ja selbst beunruhigt. Robert, bitte lass dir helfen!“

„Wozu?“

„Bitte nicht schon wieder! Wir drehen uns im Kreis!“

Ich seufze: „Hör mal, Erik, es gefällt mir hier. Ich möchte noch bleiben. Ist das okay? Wenn ihr es nicht bezahlen wollt, schickt mir eine Rechnung. Aber bitte, lasst mich in Ruhe! Ich will niemanden sehen oder hören! Ich will mit niemandem sprechen!“

„Du bist nicht glücklich.“

„Niemand ist das.“

„Aber du verrennst dich absichtlich in dein Unglück. Du machst das vorsätzlich. Du manipulierst dich selbst. Das ist nicht gesund.“

„Was ist das schon?“, erwidere ich.

„Sich Ziele zu setzen. Sich abzulenken von all dem Grübeln. Du bist doch ein Grübler, nicht wahr? Das musst du abschalten und dich auf deine Aufgaben fokussieren. Du kannst keinen Spaß haben, wenn du immer so negativ bist. Wann hast du zuletzt Spaß gehabt, Rob?“

Ich überlege kurz: „Letzte Nacht.“

„So sehen diese Bilder aber nicht aus!“

„Vielleicht definieren wir Spaß nur unterschiedlich?“

„Aber das Musizieren hat dir doch früher Spaß bereitet, oder nicht?“

„Vielleicht verändere ich mich gerade und befinde mich gerade im Übergang in eine neue Daseinsform? Der Post-Rockstar.“

Erik versteht den Scherz nicht und ist alarmiert, als fürchte er um seine Gewinnbeteiligung an unserer Platte: „Es reicht, Rob. Es reicht jetzt. Du hast den Bogen überspannt! Man kann nicht mehr normal mit dir reden, weißt du. Das macht es anstrengend, mit dir zu arbeiten. So geht das nicht weiter. Du bist nicht allein in der Welt, auch wenn du das vielleicht glaubst in deiner Phantasie von der Verkommenheit aller außer dir selbst. Da sind Leute, denen du etwas bedeutest und die nicht mit ansehen wollen, wie du vor die Hunde gehst. Dass du diese Leute im Stich lässt, deine Freunde und Familie, das ist schäbig. Ich rede nicht von den Fans oder den Leuten von der Plattenfirma, sondern davon, dass du diejenigen im Stich lässt, die sich immer für sich eingesetzt haben und es weiterhin tun werden, weil sie loyal sind und weil sie dich lieben, obwohl du sie fallen gelassen hast. Du siehst vielleicht nicht, dass du krank bist, aber sie sehen es und es tut ihnen weh. Du tust ihnen weh! Jetzt ist es einfach an der Zeit, zu intervenieren. Du hast es zu weit getrieben, Robert. Und wenn du es nicht selbst tust, dann tue ich es für dich. Du wirst in eine Klinik gehen, Robert! Sofort. Jemand muss sich um dich kümmern. Du kannst es ja offenbar selbst nicht mehr!“

Damit legt er auf. Ich bleibe zurück. Konsterniert und hilflos.

Dein größtes Glück, das sind die Qualen
Wenn dir jäh beim Preisvergleich
Derselbe dir zu hoch erscheint
Um ihn dann mit grimmem Magen
Am Ende schließlich doch zu zahlen
Sagtest du, als ich dich fragte
Was dich durch die Tage trage
Du bist auf der Suche nach
Einer Seele, die nicht flüchtig
Auf ihr Dasein ganz verzichtet
Sondern den Versuch noch wagt
Bevor sie schließlich doch versagt

 

Deine Tränen wirken nie
Wie einfache Dramaturgie
Wer hat dein Feuer in der Nacht
Das du stets in mir entfachst
Unter seine Macht gebracht
Kontrolliert und ausgemacht?
Deine Tränen wirken nie
Wie ein vertrocknetes Klischee
Denn du stellst die harten Fragen
Wer wir sind und wer wir waren
Bevor die Zeichen uns verrieten
Und uns in die Enge trieben

 

Das größte Leid ist die Gewissheit
Wenn dir jäh im Augenschein
Klar wird, dass du nicht allein
Sondern in der Gruppe fristest
Was als Dasein dir vergönnt ist
Sagtest du, als ich dich fragte
Was dich dieser Tage plage
Du bist auf der Suche nach
Einem Ort, an dem man frei ist
Kulturlos, ohne jeden Bias
Wo man noch Versuche wagt
Und jeder auch versagen darf

Ich stehe in der zeitlosen Stille verkrampft neben dem Telefon. Den Hörer habe ich noch in der Hand, als es an der Tür klingelt. Forsch und grimmig, wie ich finde. Ich verursache Unannehmlichkeiten und komme diesmal nicht einfach so damit durch. Wer liefert, bekommt Freiheiten, denke ich, wer nicht liefert, wird zurechtgewiesen.

Oder eingewiesen. Denn es stellt sich heraus, dass vor meiner Haustür ein Krankenwagen und zwei ungeduldige Rettungssanitäter stehen.

„Ich bin nicht krank“, sage ich, als ich die Tür öffne.

„Sind Sie Herr Robert Beckmann?“

„Ja, aber es geht mir gut.“

„Hmm“, der eine Sanitäter macht keinen Hehl aus seiner Missbilligung. Der andere steht nur da und wartet auf Anweisungen.

„Jemand hat überreagiert“, sage ich, „Ich brauche keine medizinische Hilfe. Ich will niemandem ein Krankenhausbett wegnehmen, der es dringender braucht als ich. Man hat mich erst vor kurzen vollständig durchgecheckt und nichts gefunden. Ich brauche wirklich keine…“

„Man hat uns gesagt, Sie befänden sich in einer emotionalen Krise.“

„Da hat jemand etwas ferndiagnostiziert, der kein Experte ist. Glauben Sie das etwa?“

„Wenn ich mir Sie so ansehe…“, er mustert mich mit skeptischem Blick. Plötzlich fällt mir ein, dass ich unter dem Bademantel völlig nackt bin und mehr oder wenig auf offener Straße stehe. Also bitte ich sie hinein und verlege diese Konversation in mein Territorium.

„Sehen Sie sich um. Sieht so die Wohnung eines Mannes aus, der sein Leben nicht mehr im Griff hat?“

„Sie sind hier nicht bei einem Verhör, Herr Beckmann. Wenn Sie nicht ins Krankenhaus wollen, dann müssen Sie nicht mitkommen. Wenn Sie sagen, dass es Ihnen gut geht, dann müssen wir Ihnen das glauben, auch wenn es nicht so ist.“

„Und was meinen Sie?“, frage ich.

„Ich finde, Sie sollten sich zumindest mal anschauen lassen. Sie wirken ein wenig eingefallen und bleich. Und diese Kratzer da in Ihrem Gesicht würde ich gerne desinfizieren. Was haben Sie denn angestellt?“

„Ich habe mich ein wenig überanstrengt“, sage ich, während er in meinem Gesicht herum tupft.

„Haben Sie sonst noch irgendwelche Beschwerden?“

Ich bin wie ein geschlagener Hund, der neues Vertrauen fasst. Ich glaube, dass es besser wäre, zuzubeißen, aber ich will auch gestreichelt werden.

„Mein Fuß“, sage ich und zeige ihn her.

Der Sanitäter bedeutet mir, mich hinzusetzen, damit er sich das ganze genauer ansehen kann. Ich tue wie geheißen und er tastet an meinem Knöchel herum.

„Ist alles in Ordnung?“, fragt er.

„Ja“, sage ich.

„Aber Sie weinen ja?“

„Das ist doch nicht weiter schlimm, oder?“, frage ich.

„Haben Sie Schmerzen?“

„Nein. Schon seit Monaten nicht mehr.“

Ich wandere lautlos
Über den Friedhof meiner Ideen
Ich habe heut‘ große
Lust, sie mal wieder zu sehn
Mit verwundertem Blick
Grüßen die farblosen Blumen
Ich winke verschüchtert zurück
Ich wollte sie längst schon besuchen

 

Ich wandere lautlos
Über den Friedhof meiner Tragödien
Mein Leben als Ausschuss
In flirrender Ödnis
Mit verwundetem Blick
Streif ich vergangene Schmerzen
Sie winken verschüchtert zurück
Ich wollte, ich könnt‘ sie verbergen

 

Ich wandere lautlos
Über den Friedhof vergangener Träume
Sie liegen in äußerst
Behaglichen Räumen
Mein geschundenes Glück
Konnte sie konservieren
Es hält mich zurück
Sie noch mal auszuprobieren

 

Ich wandere lautlos
Über den Friedhof meiner Person
Dem Opfer des Zweifels
Der Konfrontation
Mit furchtsamem Blick
Gegen die Ungewissheiten
Unerklärlich, doch ehrlich verzückt
Vom ewigen, inneren Streiten

Ich lasse den Haufen zerknitterter Blätter in der Stille des Hauses zurück, denn ich ergebe mich, ich gebe auf. Endgültig. Die Sanitäter helfen mir, meine Sachen zu packen. Ich schniefe und heule hemmungslos und ohne jedes Gefühl der Scham.

Am Ende sitze ich in meinem Pyjama und mit Pantoffeln an den Füßen im Krankenwagen und lasse mich ins Krankenhaus fahren. Der schweigsame Sanitäter muss meine Hand halten, damit ich nicht die Nerven verliere.

„Dabei wollte ich nur hier bleiben“, sage ich, „Ich wollte niemandem etwas Böses. Es hat mir hier gefallen. Mein Herz ist aufgegangen. Warum macht man mir das jetzt kaputt? Ja, ich habe gelogen, aber nur weil ich noch bleiben wollte.“

„Es ist doch alles in Ordnung, Herr Beckmann. Sie haben nichts falsch gemacht. Bald sind Sie wieder auf dem Damm. Wenn Sie erstmal etwas Ordentliches gegessen haben, geht es ihnen bestimmt schon bald besser.“

„Ich bin nicht hilflos, wenn Sie das denken“, sage ich, „Ich kann noch schreiben. Ich wollte es nur für mich behalten. Die Lieder… nur ein paar Tage noch für mich behalten. Sie sind am schönsten, wenn sie nur in meinem Kopf sind. Auf den Demos klingen sie nie richtig und im Studio werden sie noch mehr verhunzt.“

Auf dem Weg zur psychosomatischen Klinik rede ich so viel, dass ich glaube, die beiden Sanitäter wünschen sich, mir ein Beruhigungsmittel verabreichen zu können. Dabei liegt der große Krankenhauskomplex gar nicht weit entfernt von meinem Haus im Zentrum. Er ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt, wie ich lerne, und liegt auf der anderen Seite, wenn man den Galgenberg als Referenz annimmt.

Die Sanitäter begleiten mich durch helle Flure mit vollverglasten Fronten. Ich werfe verhuschte Blicke nach draußen auf eine Wiese, wo wilde Kaninchen sich nicht durch die Anwesenheit kranker Menschen vom Tollen abhalten lassen.

Noch bevor man mir ein Zimmer zuweist, bekomme ich ein Beruhigungsmittel. Jemand hat Bescheid gesagt, dass der Neuankömmling, dieser zerknitterte, dünne Mann, mitten in einem Anfall von akuter Hysterie feststeckt. Langsam höre ich auf, zu zittern und beginne, stattdessen unwillkürlich zu dösen.

Eine Ärztin sieht mich an, macht sich Notizen, stellt Fragen, auf die ich nicht antworte, weil meine Zunge betäubt ist. Ich verstehe einzelne Worte, aber keine Zusammenhänge. Es ist, als vergesse ich jedes zweite Wort, das die Ärztin sagt, bevor es mein Gehirn passiert.

„Untergewicht“, sagt sie immer wieder, oder vielleicht hallt es auch nur als Echo in meinem Schädel wider.

Dann kann ich endlich in die weichen Kissen eines Bettes sinken, das nicht mein eigenes ist.

Ich träume von verwilderten Gärten und ruinenhaften Mauern, von Schulferien und sorglosen Sommernächten, in denen die schwere Hitze auf uns liegt wie eine Steppdecke. Unausgesprochene Konflikte liegen wie Gewitterzellen in der Luft. Gesichter über meinem Bett. Meine Mutter, die mir Faulheit vorwirft.

Ich erwache sanft durch langsam immer bohrender werdende Rückenschmerzen. Die Matratze ist zu weich und ich habe mich, seit sie mich hier hineingelegt haben, keinen Millimeter bewegt. Außerdem bin ich durstig. Zu Glück steht neben meinem Bett ein Glas mit einer Flasche Wasser. Ich bekämpfe den Schwindel und das leichte Gefühl von Übelkeit, dann richte ich mich auf.

Um mich herum ist es halbdunkel. Draußen graut ein neuer Morgen und niemand hat die Jalousien vor den Fenstern heruntergelassen. Rötliches Licht sickert herein. Mein Zimmer liegt Richtung Osten.

Ich bemerke, dass in einem zweiten Bett hier im Zimmer eine weitere Person liegt. Sie atmet geräuschvoll und schläft noch. Bis der Tag anbricht, starre ich an die Decke.

Dort gibt es nichts zu sehen und das gefällt mir. Fast döse ich wieder ein, doch da betritt eine Krankenschwester das Zimmer und weckt meinen Zimmergenossen. Er müsse sich jetzt waschen und fertig machen, denn er sei heute Morgen als erster an der Reihe.

Sie fragt mich, wie es mir geht und ich sage: „Hervorragend.“

„Das ist ja sehr schön“, sagt sie, während sie dem anderen Mann aus dem Bett hilft.

Er ist noch gar nicht so alt, aber immobil und unwillig. Die arme Pflegerin hat ihre liebe Mühe, bis sie ihn in das kleine Badezimmer verfrachtet hat, von wo aus kurze Zeit später das Geräusch von fließendem Wasser an mein Ohr dringt.

Ich warte und atme und bewege mich nicht, bis ich völlig verkrampft bin. Mein Zimmergenosse wird aus dem Bad begleitet und hinaus gebracht zu irgendeiner Untersuchung. Ich bekomme Frühstück: Ein Brötchen mit Butter und Marmelade. Dazu Tee und ein Fläschchen mit „Medizinischer Trinknahrung“ – Geschmacksvariante: Vanille.

Ich lasse das Brötchen liegen, denn ich mag keine Marmelade. Das Vanillejoghurtgetränk schaffe ich halb, bevor es mir widersteht. Dann falle ich wieder zurück in die Erstarrung.

Ich bin kurz davor, mein Zeitgefühl zu verlieren. Meine Ungeduld löst sich auf und macht einem Bedürfnis nach dem Abschalten aller lebensunwichtigen Funktionen meines Körpers Platz. Wenn dies meine Katharsis ist, so begrüße ich sie. Vegetieren könnte mein neues Lebensgefühl werden. Ich sehne mich danach, zur Pflanze zu werden.

Dann ist Visite und die Ärztin von gestern Abend – jetzt etwas übermüdet – fragt mich, wie es mir geht.

Wieder sage ich: „Hervorragend.“

„Haben Sie also gut geschlafen?“

„Sehr gut.“

„Und gut gefrühstückt?“

„Ja, natürlich. Sehr köstlich“, sage ich.

„Wir behalten die hochkalorische Zusatznahrung erstmal bei, bis Sie etwas zugenommen haben.“

Ich nicke ergeben.

„Leiden Sie unter Stress?“, fragt sie.

„Ich habe keinen Stress“, sage ich, „aber ich leide unter ihm.“

„Also haben Sie Stress?“

„Ich werde vor einer Ärztin nicht über Stress klagen. Das kommt mir jämmerlich vor.“

„Wieso?“, fragt sie.

„Wenn sie es schaffen, Ihren Stress zu bewältigen, dann würde ich mich scheußlich fühlen, wenn ich zugeben müsste, dass ich mit meinen Aufgaben nicht zurecht komme.“

„Sie sind Musiker von Beruf?“

„Ja“, sage ich.

„Es gibt eine ganze Reihe Therapien zur Stressbewältigung, die mit kreativen Mittel arbeitet. Ich lasse Ihnen eine Broschüre vorbeibringen, wenn sie möchten.“

„Geben Sie mir einfach einen Vorrat, von diesen Tabletten“, sage ich.

„Aber nein, das sind nur Mittel für die akute Behandlung.“

„Ist das hier nicht alles akut?“, frage ich.

„Im Augenblick wirken Sie recht stabil auf mich. Gestern sah das noch anders aus. Da hat ihnen die Medizin geholfen. Heute würde sie das nicht, verstehen Sie?“

„Hmm“, ich nicke, obwohl ich nicht verstehe. Wenn man Kopfschmerzen hat, nimmt man doch auch Ibuprofen, wieso sollte man nicht in gleicher Weise auch auf einen Nervenzusammenbruch vorbereitet sein. Dann müsste man deswegen nicht ins Krankenhaus, sondern könnte sich einfach selbst behandeln.

„Herr Beckmann, ich muss Sie das fragen, haben Sie schon mal daran gedacht, sich etwas anzutun?“

„Etwa dreimal täglich“, sage ich, „In letzter Zeit seltener. Wie häufig wäre denn gesund?“

Sie schmunzelt milde und ist mir sofort sympathisch: „Keinmal, Herr Beckmann.“

„Ach gesund, krank… das sind doch bürgerliche Kategorien“, sage ich.

„Tot und lebendig auch?“

Ich schweige einen Augenblick. Darauf fällt mir nichts ein.

„Bedenken Sie, selbst wenn Sie zum Märtyrer werden, haben Sie nichts mehr davon, weil Sie tot sein werden.“

„Ist ja gut“, sage ich, „Ich habe es kapiert.“

„Im Augenblick denken Sie aber nicht an solche Dinge?“, fragt sie.

„Wenn Ihnen jemand sagt, Sie sollen nicht an einen rosa Elefanten denken, woran denken Sie?“

„Wie sieht es aus mit Ihrer Ernährung?“, wechselt sie das Thema, „Sie haben in kurzer Zeit stark abgenommen, sagte man mir.“

„Irgendwas bleibt doch immer auf der Strecke“, sage ich.

„Wie sieht es mit sozialen Kontakten aus? Sie sind alleine hier, sagen Sie?“

„Sagte ich das?“

„Es steht in Ihrer Akte“, sagt sie.

„Sie haben eine Akte über mich?“

„Wir haben eine für jeden Patienten.“

„Ja, ich bin allein hier“, sage ich.

„Gibt es jemanden, zu dem Sie zurückkehren werden? Familie oder Freunde?“

„Freunde“, sage ich, „Vielleicht.“

„Sie leben allein?“, fragt sie.

„Ja.“

„Gehen Sie aus?“

„Ja“, sage ich.

„Das ist gut.“

„Danke.“

„Ich schreibe Ihnen fürs Erste ein leichtes Antidepressivum auf. Sie nehmen es einmal täglich und wir sehen, wie Sie es vertragen.“ Sie kritzelt etwas auf ihrem Schreibblock herum, steht auf und geht weiter.

Sie hält mich jetzt wahrscheinlich für unkooperativ, aber ihre Fragen waren zu durchschaubar. Das ist das Problem, das viele Ärzte haben: Sie halten ihre Patienten für dämlich. Glaubt sie, jemand, der sich wirklich umbringen möchte, beantwortet ihre Frage nach einem geplanten Suizid mit einem Ja? Solche Leute kann sie mit diesen Gesprächen gar nicht erreichen und will es vermutlich auch nicht. Ihr geht es um diejenigen, die einen Selbstmordversuch unternehmen wollen, um auf sich aufmerksam zu machen. Aber ich bin niemand, der um Hilfe ruft, ich bin jemand, der sich verkriecht und dann einen heftigen Groll gegen alles und jeden entwickelt, der ihn am Leben hält.

Auch die Frage nach meiner Lebensweise zeigt, dass sie in Schemata festhängt. Wer allein lebt, der muss vereinsamt sein, etwas anderes kann sie sich nicht vorstellen. Das sagt ihre Statistik, aber die sagt nichts über mich. Die Frage nach meinem Beziehungstatus hat sie sich Gott sei Dank verkniffen.

Bei geschlossenem Fenster ertrinken alle Geräusche der Welt in dickflüssiger Stille. Ich blicke hinaus. Jetzt habe ich diese Stadt aus allen Perspektiven gesehen. Die Überschaubarkeit der Kleinstadt ergreift mich. Ich weiß nicht wieso. Es scheint nichts mehr zu entdecken zu geben. Man kann sich zurücklehnen und in die Ferne starren, ohne Angst haben zu müssen, etwas zu verpassen. Es blinken keine Lichter, der Verkehrslärm ist erträglich. Man kann sogar Vögel zwitschern hören, wenn man das Fenster kippt.

Was am prominentesten aus dem Stadtbild heraussticht, ist die zweite große, klobige Kirche, die neben den sie umgebenden Einfamilienhäusern aussieht, wie ein Monumentalbau. In Wirklichkeit ist sie natürlich ebenfalls höchst provinziell, Größenwahn mit kleinen Mitteln. Sowas leistet man sich hier. Zwei Kirchen. Kein Theater, kein Kino, kein Nachtclub. Auch das ergreift mich. Hier leben die Menschen nicht in den Tag hinein, legen weniger Wert auf Vergnügungen und schnelle Höhepunkte.

Die sympathische Seite des Konservatismus, denke ich, ist auch nur Augenwischerei. Auch hier sind die Kirchen leer und die Langeweile unter der jungen Bevölkerung groß.

Was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich an einem Ort wie diesem aufgewachsen wäre? Es wäre alles viel langsamer gegangen. Ich hätte mehr Zeit gehabt, aber auch weniger Erfahrungen gemacht. Oder wäre ich vielleicht schneller erwachsen geworden, weil ich mit 16 bereits einer Arbeit hätte nachgehen müssen? Ist das in diesen Breiten noch so? Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich nicht auch eine Zeitreise in die Vergangenheit unternommen habe, als ich hier her kam. Jedenfalls sind die Rollenbilder hier noch genauso in Takt wie die Trennung der sozialen Klassen. Man ist Arbeiter oder Snob und was sie von mir halten, sehe ich den Leuten an, wenn sie mich skeptisch beäugen.

Ich bin zu lange Kind gewesen, denke ich und jetzt habe ich Schwierigkeiten, all das nachzuholen, was man als Heranwachsender hätte tun sollen. Sich reiben, sich auflehnen, sich langweilen und ausbrechen, Räume entdecken und erschließen, kreativ werden, weil einem nichts geboten wird, das man konsumieren kann… Langeweile als Sprungbrett verstehen, sie in Wut umwandeln und nicht in Resignation.

Die destruktive Seite des Liberalismus, die Lähmung und das Gefühl, das Gute und Richtige sei längst Konsens, prägten meine Jugend und erst jetzt wird mir klar, was diese Blase für einen Einfluss auf mein Leben gehabt hat. Ich stehe nicht über den Dingen, blicke nicht von außen hinein – auch wenn die wachsame, wohlwollende Gesellschaft mir deshalb schon immer lächerlich vorkam, weil ich ihren empfindlichen Alarmismus als gruppendynamischen Prozess verstand, dem ich instinktiv misstraute. Man muss jedoch die Gruppen kennen, bevor man sich selbst aus ihnen ausschließen kann. Man muss die Signale verstehen, um die Befehle verweigern zu können.

In einer achtsamen Gesellschaft ist die Nachlässigkeit subversiv. Schlaffheit und Erstarrung werden aber keine Änderung der Verhältnisse herbeiführen. Die Möglichkeiten und die Sicherheit töten Kreativität und weckt in uns nichts als den Wunsch nach klaren Feindbildern und Bündnissen. Faschismus ist die neue Avantgarde. Er ist eingraviert in die Dialektik der Freiheit. Die selbstzufriedene Überheblichkeit wie die Rebellion gegen dieselbe bergen die Gefahr des Rückfalls in die Barbarei.

In Wirklichkeit wusste ich nie, was ich wollte und wollte deshalb vorsorglich überhaupt nichts. Ablehnung aus Feigheit, nicht aus Intellektualität.

Heute kann ich mich nicht entscheiden, ob ich die Empfindlichkeit nicht doch nützlich finden soll, oder ob ich durch Sachlichkeit sensibilisieren will. Aber lässt sich heute mit Sachlichkeit überhaupt noch einen Blumentopf gewinnen? Und was, wenn Hybris sich selbst entlarvt? Muss man nicht auch einfach mal auf den gesunden Menschenverstand vertrauen?

Ein Plattencover mit schrillen Schockbildern und Warnungen ist doch ganz offensichtlich nichts anderes als eine Werbestrategie mit integrierter, fauler Selbstabsicherung gegen die Resultate, die man mit seiner Kunst anrichtet und für die man nicht verantwortlich sein will.

Punk ist vorhersehbar geworden. Er erzählt immer dieselben Geschichten von Macht- und Hilflosigkeit, Missbrauch und Erlösung. Es war von Anfang an eine Illusion, eine dieser nützlichen Narrative, die von der düsteren Realität ablenken. Nein, wir werden nie einen ausfüllenden, guten, sicheren Job haben. Die Kunst wird uns nicht retten, sie wird uns nur benebeln.

Leider werden diese profanen Wahrheiten irgendwann immer von diffusen Hoffnungen überschwemmt – dann, wenn sie Mainstream und Konsens werden. Konsensrock vs. Diskursrock.

Vielleicht sind wir auch gar nicht zu retten und jeder Versuch ist nutzlos und ob die Welt nun in aller Stille oder in aller Schrillheit untergeht, macht am Ende auch keinen Unterschied. Muss man alles zu Tode analysieren? Muss man alles verstehen müssen? Muss man alles einordnen? Muss man die Leute mit seinen Botschaften zwangsernähren, weil man fürchtet, sie könnten sonst jemand anderem auf den Leim gehen? Ist mein Leim besser als der anderer Leute?

In einer Boulevardzeitschrift lese ich von einem Model, das als Accessoire in dieser Saison nicht mehr ohne ein unter den Arm geklemmtes Buch auf die Straße geht. Geist soll jetzt sexy sein… Oder Sex intelligent wirken?

Es ist ein Trend, den ich schon seit einiger Zeit beobachte: Pop-Poesie. Wichtigtuerische Texte und nachdenkliche Posen über nichts. Wörter, die gesagt und gesungen werden, aber nirgends anecken sollen. Sprachverschwendung, Lärmverschmutzung. Das Systemradio liebt sie. Es ist die Pose des Anti-Schrillen, aber auch des Anti-Sachlichen. Gespielte Ernsthaftigkeit ohne Inhalt, aber überzeugend emotional vorgetragen.

Erlaubt ist, was bezahlt wird und es wird bezahlt, was niemanden vor den Kopf stößt. Geschmack spielt in der Industrie eine untergeordnete Rolle und das Publikum frisst, was ihm vorgeworfen wird.

Wie ein Buch von Stephen King ist auch ein Songtext von Max Giesinger nicht automatisch ein Zeugnis von Kultiviertheit, nur weil er verhuscht und harmlos in die Kameras blickt. Dumme und schlechte Texte können einen Menschen genauso verdummen und verderben wie dummes und schlechtes Fernsehen. Es kommt eben nicht auf die Accessoires an, sondern auf den Inhalt und die Haltung, die man dazu einnimmt. Man kann ironisch eine Rammstein-Platte hören, aber wenn man anfängt zu headbangen, muss ich mich angewidert abwenden.

Der Vorwurf des Schnöselhaften hängt mir an, seit wir unsere erste Platte veröffentlicht haben, aber das hat mich nie gestört. Ich werde mich nicht verbiegen, nur um ein sympathischeres Image angedichtet zu bekommen und „dazu“ zugehören. Nicht noch einmal.

Man muss viele Kröten schlucken, ehe man in einer Position ist, sich auszusuchen, was man tut und was nicht.

Beispielsweise hatten wir unseren ersten Auftritt ausgerechnet bei einer Party der Jungen Union. Weil uns das so peinlich war, tranken wir im Vorhinein so viel Alkohol, dass die Veranstaltung zu einem Desaster geworden wäre, wenn sie nicht vorher von einer Gruppe Nazi-Skinheads gesprengt worden wäre.

Es war der vielleicht bizarrste Abend meines Lebens. In einer miefigen Sporthalle hatte man versucht, mit Plastikpalmen und Sonnenschirmen eine sommerliche Karibik-Atmosphäre zu kreieren. Draußen lag indes spätwinterlicher Schneematsch und die Besucher der Party trugen auch drinnen dicke Wollpullover und Handschuhe, weil die Heizung nicht richtig funktionierte.

Es gab nur alkoholfreie Cocktails, die aus Tetrapacks in Limonadengläsern ausgeschenkt wurden. Auf den Stehtischen standen Salzstangen und Erdnüsse. Sonst gab es keine Snacks, kein Catering, nicht mal einen Grill oder belegte Brötchen für die Helfer und das Organisationsteam.

Die nahmen ihre Aufgaben aber ohnehin nicht sehr ernst, denn Bühnentechnik jeglicher Art konnte nicht aufgetrieben werden und das Soundsystem, das uns zur Verfügung stand, war das, mit dem normalerweise Hallenfußballtourniere kommentiert wurden.

Als wir am Nachmittag des geplanten Events bei der Halle auftauchten, um aufzubauen, waren wir so schockiert, dass wir nichts anderes tun konnten, als Tränen zu lachen.

Trixie, die als einzige schon Erfahrung mit musikalischen Darbietungen vor Publikum hatte, sagte: „Eines Tages werden wir uns daran erinnern und damit für einen Lacher im Interview mit dem Rolling Stone sorgen.“

Die Wahrheit ist, dass wir nie jemandem erzählt haben, was an diesem Abend passiert ist.

Wir luden unser Equipment aus dem völlig überladenen Kombi, den Alex von seinen Eltern geliehen hatte und schickten ihn mit demselben zum nächsten Supermarkt. Während Trixie, Hendrik und ich Kabel verlegten und anschlossen, was anzuschließen war, die Instrumente stimmten und einen halben und ernüchternden Soundcheck vornahmen, kaufte Alex drei Kästen Bier, die wir bis zum Abend vernichteten.

Alex musste bezahlen, denn er hatte uns diesen Auftritt eingebrockt. Er kannte jemanden, der jemanden kannte, der zwar in der Jungen Union war, aber ganz bestimmt ganz in Ordnung und der Partys organisierte, bei denen man sich als Newcomer-Band versuchen konnte.

Was uns niemand sagte, war, dass das erste Ding, das man vor dem Eingang zu Sporthalle sah, ein Info-Stand der Jungen Union war, wo man sich Flugblätter mitnehmen sollte, die man dann bei einem Glas alkoholfreiem Orangencocktail diskutieren konnte.

Es kamen junge Männer in locker geschnittenen und lässig getragenen Anzügen – noch ohne Krawatte – und zurückgegeltem Haar. Sie redeten über ihre Schulaufgaben und ihre nicht anwesenden Klassenkameraden. Ein paar Mädchen plauderten über ihre Erlebnisse beim Tennistraining und darüber, wie sehr sie es bedauerten, dass dieser Sport jetzt so ein Massenphänomen geworden sei.

Währenddessen konnte keiner von uns Musikern sich noch auf den Beinen halten. Wenn ich so darüber nachdenke, neigte ich von Anfang an dazu, mich selbst und meine Karriere mit Alkohol zu sabotieren. Vielleicht wollte ich in Wirklichkeit nie auf die Bühne…

Aber wohin denn sonst? In die Fabrik? In die Irrenanstalt? Als Eremit in die Berge, wo ich mir im Winter die Zehen abfrieren würde?

Jedenfalls fiel am Ende nicht auf, wie betrunken wir waren, denn die Veranstaltung wurde gesprengt, bevor sie überhaupt anfing. Eine Gruppe von vier oder fünf Neonazis hielten es für besonders witzig, sich einzuschleichen und Streit anzufangen. Wieso sie überhaupt eingelassen wurden, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Vielleicht lag es an der Politik der Offenen Tür, die man sich auf die blauen JU-Fahnen hatte schreiben wollen: Alle seien sie willkommen vom Punk bis zum Nazi-Skin.

Die Punks kamen nicht und die Nazi-Skins sorgten dafür, dass die Polizei gerufen und die Party vorzeitig aufgelöst werden musste. Hendrik, Alex, Trixie und ich verbrachten die folgende Nacht im Kombi von Alex‘ Eltern, weil niemand mehr fähig gewesen wäre, zu fahren und hier zumindest sie Sitze weich waren. Unsere Gage bekamen wird nicht, dafür ließen wir ihnen das Pfand der leeren Bierkisten zurück.

Kröten schlucken und die Absurdität des Lebens bestaunen, während man versucht, nicht aufzugehen in einem Zeitgeist, der einem nicht passt. Vielleicht habe ich mein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht.

„Sie müssen still halten“, sagt die Arzthelferin, die mir am Nachmittag Blut abnimmt. Bestimmt machen Sie einen Drogenschnelltest.

Ich sage: „Ich bin erst vor Kurzem vollständig untersucht worden und da war alles in Ordnung.“

„So etwas kann sich schnell ändern“, kappt die Dame mich ab. Sie steht sichtlich unter Zeitdruck. Ihre Aufgabe ist es nicht, mit mir zu plaudern, sondern einen Zeitplan zu erfüllen.

Ich lege mich zurück auf mein Bett und starre in die Leere des Raumes. Weder mein Zimmergenosse, noch ich bekommen Besuch. Keiner von uns hat Blumen auf dem Nachttisch stehen oder das Bedürfnis das Zimmer zu verlassen, um Beispielsweise im Park hinter der Klinik spazieren zu gehen.

Eine Weile habe ich vom Fenster aus die Kaninchen beobachtet, die sich mit ein paar Krähen stritten, dann aber zog sich die lokale Fauna zu einer Mittagsruhe zurück und ich tat das Gleiche.

„Es ist schon besser, was sie hier mit einem machen“, knurrt der Mann im Bett neben mir, „Wenn ich da an meine Großtante denke…“

„Was ist denn mit Ihrer Großtante?“, frage ich, um höflich zu wirken.

„Ach, das ist schon fast 70 Jahre her. Ich hab sie auch nie gekannt. Aber man sagt, sie hätten ihr den Teufel austreiben müssen.“

„Oh“, sage ich, „Das ist ja schrecklich.“

„Ein richtiger Exorzismus, verstehen Sie?“

„Ja… nein.“

„Sie sind nicht von hier, oder?“, er muss es an meinem Akzent erkannt haben.

„Nein, ich bin aus…“

„Ich weiß, für einen jungen Mann aus der Großstadt muss das befremdlich klingen.“

„Ach, so jung bin ich auch nicht mehr“, sage ich.

„Die Menschen sind abergläubig. Früher war es noch schlimmer als heute. Aber ich sag Ihnen was: An der Geschichte mit meiner Großtante ist wirklich was dran.“

„So?“, ich bin gewillt, ihn reden zu lassen. Er scheint ein Bedürfnis danach zu haben.

„Sie war noch ein junges Mädchen und hat in ihrem Elternhaus gewohnt und darin hat es gespukt.“

„Glauben Sie das wirklich?“

„Das kann man heute natürlich nicht mehr sagen. Das Haus ist längst abgerissen geworden, aber wenn Sie in der Straße herumfragen, wird Ihnen jeder die Geschichte erzählen. Wissen Sie, damals wusste man sich ja nicht anders zu helfen. Es gab ja keine Ärzte für solche Zustände. Da holte man den Priester und der behauptete, da hätte ein Dämon den Körper meiner Großtante in Besitz genommen. Davon können Sie jetzt natürlich halten, was Sie wollen, aber es hat unheimliche Vorfälle gegeben. Dinge, die einfach verschwanden und an anderen Orten wieder auftauchten. Fotos, die viel schneller als normal vergilbten, Feuchtigkeit in den Wänden.“

„Und Sie glauben, daran ist Ihre Großtante schuld gewesen?“

„Ich glaube, dass sie zumindest etwas damit zu tun hatte. Heute würde man vermutlich sagen, dass sie krank gewesen ist. Bestimmt gäbe es heute ein Diagnose dafür, aber damals fürchteten sich alle vor ihr.“

„Was ist aus ihr geworden?“, frage ich.

„Sie ist in eine Nervenheilanstalt gekommen und von dort nie wieder entlassen worden.“

„Naja, da haben wir es heute bestimmt besser“, bestätige ich.

„Und in Zukunft werden die Patienten mit Schrecken drauf zurück blicken, was wir erdulden müssen“, sagt er.

„Kann schon sein“, erwidere ich, „Glauben Sie, Ihre Großtante hat Ihr Schicksal erduldet, weil sie nicht glaubte, dass es etwas Besseres für sie geben könnte?“

„Niemand weiß, ob sie überhaupt noch etwas mitbekommen hat.“

Ich frage mich, ob dieser Mann mir das alles nur erzählt, um sich von seiner Angst abzulenken, genau so zu enden. Man hat das ja schon öfter gehört. Selbstmord, der in der Familie liegt, Wahnsinn oder Persönlichkeitsstörungen, die vererbt werden. Um den Mann zu beruhigen, sage ich: „Aber wir bekommen alles mit. Das ist doch ein gutes Zeichen, oder nicht?“

Er brummt nur etwas zur Antwort, das ich nicht verstehen kann, soll und will.

Bevor ich beginnen kann, in die Langeweile und die Stille etwas hineinzuhalluzinieren – womöglich die Horrorvision eines an mir praktizierten Exorzismus, der mich von meiner Eigenbrötlerei befreien und zu einem nützlichen und produktiven Mitglied der Gesellschaft machen soll – betritt eine Ärztin unser Krankenzimmer. Sie wirkt frisch und ausgeruht, vermutlich ist die Schicht der Ärztin von heute Morgen zu Ende.

„Sie sind Herr Beckmann?“, fragt sie mit piepsiger Stimme, in die sie alles Selbstbewusstsein legt, das sie aufbringen kann.

Ich bestätige.

„Die Kollegin sagt, Sie tun sich etwas schwer mit der Kommunikation, deshalb habe ich mir etwas überlegt.“

Sie lassen also nicht locker, denke ich, Ärzte sind viel schwieriger zu knacken als Journalisten – vermutlich, weil sie noch nicht den letzten Rest Idealismus verloren haben.

„Ich hab Ihnen etwas mitgebracht. Sie sind doch kreativ, heißt es…“

Sie drückt mir einen Schreibblock und einen Kugelschreiber in die Hand.

„Schreiben Sie auf, was Sie an Ihrer aktuellen Situation stört, wovor sie Angst haben und wie sie sich ein für Sie besseres Leben vorstellen würden.“

„Das sind ja ganz schön komplexe Aufgabenstellungen“, sage ich.

„Keine Sorge, sie bekommen keine Zensur“, sagt sie und lacht.

Ich lache mit, weil ich sie nicht verunsichern will.

„Ich denke, vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie etwas länger nachdenken können, bevor Sie etwas erzählen. Wenn man an etwas feilt, kommen einem manchmal die Erkenntnisse von ganz allein und man braucht vielleicht gar keine Therapie.“

Das ist meine Ärztin, denke ich, sie kennt mich dreißig Sekunden und hat bereits verstanden, dass ich keine Therapie brauche. Sie sollte befördert werden und diesen ganzen Komplex hier leiten!

„Ja, ich denke, das ist eine gute Idee“, sage ich und klappe den Block auf.

„Sie müssen sich übrigens nicht schämen, deswegen“, meint sie beim Hinausgehen.

„Tu ich nicht“, versichere ich ihr.

Schulaufsätze… Mit die einzige Aufgabe, die ich in meiner Schulzeit nicht grenzenlos ätzend fand.

Ich schreibe:

„Was mich stört, ist das Aussterben des Intros. Man kann heute keine Musik mehr schreiben, die sich langsam aufbaut, einem Höhepunkt entgegengeht, bis sie explodiert oder ausfadet. So geht viel von dem verloren, was in der Popmusik unter Wiedererkennungswert verbucht wird. Das Intro, der Beat, die Bassline, die nach und nach einsetzen, bevor die Melodie und der Gesang ins Spiel kommen, scheint zu viel für die konsumorientiere Zuhörerschaft zu sein. Man kauft heute keine Alben mehr, man streamt Titel und wenn man als Künstler nicht weiter geskippt werden will, muss man direkt mit dem ganzen Bombast und der Tür ins Haus fallen. Tantiemen gibt es erst, wenn ein Song länger als dreißig Sekunden angehört wird, für einen effektiven Popsong verpulvert man also in den ersten dreißig Sekunden bereits sein ganzes Pulver. Danach gibt man sich keine Mühe mehr.

„Billie Jean“ wäre heute gar nicht mehr möglich. Was den Song definiert – das Intro (es dauert dreißig Sekunden, bis Michael Jackson zu singen beginnt) – wäre heute ein Ausschlusskriterium für eine Veröffentlichung.

Man beschäftigt sich nicht mehr mit einem Kunstwerk, sondern nutzt es, um sich in der Straßenbahn vom Umgebungslärm abzuschotten. Man hört keine Musik mehr, sondern tut irgendwas und lässt nebenbei die Playliste laufen.

Es gibt keine Lieblingssongs mehr, keine Songs, die dreißig oder vierzig Jahre überdauern werden, die zeitlos arrangiert sind und universelle Themen behandeln, mit denen sich auch die folgenden Generationen identifizieren können, die Brücken schlagen und die eines Tages Eltern mit ihren Kindern versöhnen werden. Man rappt heute über Produkte, Marken und bedeutungslose Urlaube an bedeutungslosen Orte, inszeniert sich selbst und seinen Lebensstandart statt der Musik.

Ich weiß nicht, warum ich in einer solchen Zeit noch ein Album schreiben soll.

Mich stört, dass Künstler kein Geheimnis mehr um ihr Privatleben machen, dafür aber nicht mehr über ihre Werke reden wollen. Es geht nur noch darum, mit wem Justin Bieber gerade zusammen ist, ob sie heiraten, ein Kind erwarten oder sich trennen. Hat irgendjemand mal Justin Bieber über Musik reden hören? Hat irgendjemand mal über Justin Biebers Musik geredet?

Ich weiß nicht, ob ich zu einer solchen Kultur etwas beizutragen habe oder beitragen will.

Mich stört, dass Musik zum Konsumgut geronnen ist. Es ist ein Teufelskreis. Die Songs sind so schlecht, dass sie den Zuhörern schnell zum Hals raushängen, deshalb muss schnell mehr produziert werden. Je schneller aber produziert wird, umso mehr leidet wiederum die Qualität.

Wann hat man zuletzt ein Lied in Endlosschleife gehört, weil man so sehr davon verzaubert ist, dass man es nicht über sich bringt, ein anderes aufzulegen? Wann hatte man zuletzt eine richtige Platte oder CD in der Hand, wann hat man zuletzt durch das Booklet geblättert und sich die Danksagungen der Künstler durchgelesen?

Wann war man zuletzt auf einem Konzert und hat sich auf die Show konzentriert, statt sich damit zu beschäftigen, möglichst vorteilhafte Fotos von sich zu schießen, um seinen Followern in Echtzeit zu beweisen, dass man auch wirklich da war?

Mich stört die Inszenierung von Künstler und Publikum. Ein Konzert wird zur Modenschau, die Ästhetik verändert sich. Das Visuelle überstrahlt das Akustische. Sehen und Gesehen werden – am besten mit einem Star an seiner Seite. Vom Unverkrampften zum Krampfhaften. Vom Loslassen zum Festklammern am eigenen Image.

Mich stört die Rücksichtslosigkeit, mit der Künstler gemolken werden. Man muss am laufenden Band brillant sein, denn jede Zeit, die man vermeintlich verschwendet, ist Zeit, in der man kein neues Produkt und damit kein Geld generiert. Man ist nicht interessant, wenn man nicht arbeitet. Man wird nur soweit unterstützt, wie es einen dazu bringt, weiter zu arbeiten.

Mich stört, dass Menschen nur noch mit Scheuklappen durch die Welt zu laufen scheinen. Was ihnen keinen Nutzen bringt, wird übersehen. Aus jedem Eindruck muss sich eine Geschichte pressen lassen und jede Geschichte muss zum Verkauf aufbereitet werden. Man darf keinen Gedanken mehr haben, der nicht auf ein Ziel gerichtet ist. Man darf nichts mehr ausprobieren und scheitern, man darf nichts mehr einfach nur aus Spaß tun, weil einem das die Energie für „nützlichere Dinge“ rauben könnte. Selbst Erholung muss einem Zweck dienen.

Mich stört, dass allgemein angenommen wird, ich sei der einzige in unserer Band, der sprechen kann oder etwas zu sagen hat. Ich würde gerne öfter schweigen und in die Welt schauen, ohne mir dabei etwas denken oder daraus etwas machen zu müssen.

Mich stört Berühmtheit wegen Berühmtheit und mich stört, dass es mich stört. Es ist viel zu einfach, auf die Stars der sozialen Medien herabzublicken, weil sie eigentlich nichts tun. Daraus spricht eine Arroganz, die ich mir nicht zu eigen machen will, aber doch befremdet es mich, Menschen zu sehen, die zwar den Erfolg wollen, die Arbeit aber nicht. Was mich an der Arbeit abstößt, ist nicht die Arbeit, sondern die Aussicht auf Erfolg und die damit verbundenen Scherereien.

Vielleicht bin ich zu alt, um das alles zu begreifen. Ich bewege mich in einer etablierten Künstlergesellschaft, in der man nur noch versucht, sich gegenseitig zu beeinflussen, aber keinen Kontakt zur Lebenswirklichkeit außerhalb der Blase mehr hat. Währenddessen formiert sich in der Brache eine Kultur der Unkunst. Wenn man schon nicht rein kommt in die Verlage, Filmstudios und Plattenfirmen, dann verkauft man sich eben an Youtube und Facebook. Denen ist Talent und Inhalt egal und allein das Publikum entscheidet über Bestehen und Vergehen.

Demokratie oder Diktatur des Proletariats unter Führung der Konzerne? Und was bin ich? Ein träumerischer Aristokrat, Produkt einer überholten Zeit, die manche von uns als „gut" verklären? Die Gleichzeitigkeit so vieler Ereignisse, für die man um unsere Aufmerksamkeit wirbt, sorgt zusätzlich für Verwirrung. So wird zugleich eine Gleichwertigkeit suggeriert, die dazu führt, dass uns nichts mehr peinlich ist und schon gar nichts mehr egal.

Das Empörungslevel muss hochgehalten werden. Die Plattformen brauchen Klicks, brauchen Süchtige und Contentdealer. Man muss nicht fragen, wer profitiert. Man muss fragen, wer ausgebeutet wird, wer auf der Strecke bleibt, wer verliert. Es sind nicht einzelne Personen oder Gruppen – das macht es so schwer, das System anzugreifen. Wir alle verlieren – ein Stück weit – unsere Autonomie, unsere Würde, unsere Privatsphäre und unsere innere Ruhe. Und wir alle haben, was das angeht, unterschiedliche Toleranzgrenzen, sodass sich kein einheitlicher Widerstand formieren kann. Das wiederum führt dazu, dass die Willigen und Schamlosen durch ihre schiere Präsenz die Unwilligen und Verweigerer mundtot machen werden.

Mich stört, die Vergötterung des Bildes, der Pose und der Selbstdarstellung. Das Surrogat des Charismas, das man sich als Filter über die picklige Haut legt. Werbung und Kunst verschmelzen, der Mensch wird zum Designprodukt und zur Dekoration seiner eigenen Welt. Kommunikation nennt man das heute, dabei ist es immer nur einer, der spricht, während die anderen „gefällt mir" klicken. Bestätigung ist die neue Währung. Die Wichtigkeit einer Person bemisst sich in der Anzahl derer, die ihr zu folgen bereit sind und mit denen sie generös ihr Leben teilt.

Mich stört das Heruntergebrochen-werden auf Zahlen. Betriebswirtschaftliches Denken hat in den Alltag und das Privatleben Einzug gehalten. Man muss jeden Schritt kalkulieren, jedes Wort abwägen, aber zu etwas mal keine Meinung zu haben, ist ebenfalls nicht erlaubt. Wer schweigt, verliert, wer schweigt wird übersehen, übervorteilt und geschmäht. Und wenn ein solcher Mensch am Ende kaputtgeht, so sagt man ihm, er sei selbst schuld, schließlich habe er sich ja nie beschwert. Zuwendung gibt es nur noch als Gegenleistung für Selbstdemütigung.

Mich stört, dass die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem verschwimmt. Ich glaube fast, sie wird systematisch zerstört, um aus uns allen öffentliche Personen zu machen. Doch wer nicht Künstler ist und nicht zu verfremden versteht, der steht am Ende nackt und schutzlos da, während man ihm erzählt, dass er sein Image selbst zu verantworten hat. Wir müssen alles verkaufen, unsere Geschichten, unsere Meinungen, unseren Körper und unser Gesicht.

Mich stören die selbsternannten Richter, die Hysteriker, die erst Alarm schlagen und dann das Nachdenken sein lassen, die einen an den Pranger stellen, bevor du dich verteidigen konntest. Die Hexenjagden der vermeintlich linken Toleranzkultur, die nicht mehr offen für Diskurse, dafür aber für die Akzeptanz von Hierarchien und Schubladendenken ist.

Mich stören die Journalisten, die einen als Sprungbrett benutzen, um sich über eine möglichst inhaltsleere, dafür aber akademisch-klingende Schreibe bei den Verlagen der Republik anzubiedern. „Sieh her, ich bin Benjamin von Stuckrad-Barre, ich habe einen Namen mit Wiedererkennungswert, der verschmitzte Intellektualität ausstrahlt, und unzählige Seiten ohne nennenswerte Aussagen gefüllt, denn ich weiß auch nicht genau, was der Zeitgeist ist, aber ich kann meine Unwissenheit wunderbar mit pseudokritischen Phrasen kaschieren, wo ist mein Platz in den hippen Nachttalkshows?"

Wir leben im Zeitalter der Blender. Aus der Charakterkultur ist eine Persönlichkeitskultur geworden, die wenig Raum für Entwicklung lässt, denn während ein Charakter wachsen kann, ist man auf seine Persönlichkeit für immer (genetisch, gesellschaftlich oder wie auch immer) festgelegt.

Und vielleicht wird aus der Persönlichkeitskultur bald eine reine Imagekultur, die den Menschen hinter seiner Fassade völlig wegrationalisiert und weder Individualität, noch Identitäten berücksichtigt. Repräsentation ist dann die höchste Ehrung, die uns Unscheinbaren noch zuteil werden kann. Jemanden, der in bestimmten äußerlichen Kategorien so ist wie ich, darf stellvertretend für mich existieren – und Existenz definiert sich dann nur noch darüber, gesehen zu werden.

Es wird Zufriedenheit erwartet, denn man redet uns ein, dass Sichtbarkeit alles ist, was uns gerechterweise zusteht. Wir sollen nicht so gierig sein. Die Grausamkeiten des Lebens müssen hingenommen werden. Sichtbarkeit und zur Schau getragenes Mitgefühl hat gefälligst unser Wohlbefinden zu erhöhen, wenn wir in der Gosse liegen. Alles andere ist Undank. Immerhin hatte jeder seine Chance. Das ist unsere Vorstellung von Gerechtigkeit.

Angst habe ich vor nichts und die Frage, wie ich leben möchte, lässt sich kaum sinnvoll beantworten, denn es liegt nicht an mir, wie ich leben kann.“

Kannst du mein Gesicht verfremden
Ich scheue alle Konsequenzen
Will mich nicht an dich verschwenden

 

Kannst du dieses Lied verfremden
Deine Meinung überdenken
Keinen Eifer mir mehr schenken

 

Kannst du meinen Text verfremden
Und diese Farce um mich beenden
Will mich nicht an dich verpfänden

 

Ich bin nicht Teil deiner Kampagne
Mein Dasein soll dich gar nichts angehen
Ich spreche nicht für irgendwen
Befreiung heißt, befremdet sein

 

Kannst du meine Fotos löschen
Ich will all das hier vergessen
Posen sind nicht angemessen

 

Kannst du meinen Beitrag streichen
Und mich nicht mit mir vergleichen
Will mich nicht an mir bereichern

 

Kannst du meinen Ton abschalten
Ich will das für mich behalten
Die Geschichten selbst verwalten

 

Ich bin nicht Mitglied deiner Meute
Angefixt und ausgebeutet
Ich spreche nicht für irgendwen
Befreiung heißt, dem widerstehen

 

Ich verfremde mich zum Dichter
Du verfremdest dich zum Richter
Du hältst dich für unverzichtbar
Deine Welt ist nur konkret
Falsche Authentizität

Das Wasser und die Luft vergiftet
Und im Boden unter mir
Wurd‘ jede Lebensform vernichtet
Eingestampft, zerquetscht, verdichtet
Was haben wir nur angerichtet

 

Vor mir wird sich die Erde öffnen
Wie ein Schlund zum Höllentor
Fahren lass ich alle Hoffnung
Entscheidungen sind längst getroffen

 

Tränen wie die Furcht zerflossen
Wenn alle Stricke reißen
Wirst du mich hinab begleiten
Kannst du mir noch mal verzeihen
Ich kann hier allein nicht bleiben

 

Die Stille zwischen uns ist giftig
Und die Stimmung angespannt
Keine Meinung ist mehr richtig
Wir sind dazu nicht verpflichtet
Das habt ihr mir angedichtet

 

Wenn alle Stricke reißen
Wirst du mich ins Dunkel leiten
Kannst du mir den Ausweg weisen
Ich kann hier allein nicht bleiben

 

Der Regen und die Sonne zaudern
Nur ein Nebel um mich her
In dem Geister um mich lauern
Kann ich jemandem vertrauen
Muss ich stets ins Dunkel schauen

 

Soll nun so mein Leben enden
Kannst du meinen Fall nicht bremsen
Kannst du mir noch einmal helfen
Und mich vor mir selbst befremden

Sei schlau, sei stark
Sei fest, sei hart
Sei laut und deutlich
Weise sie freundlich
Doch immer bestimmt
Auf deine Rechte und Ansprüche hin

 

Sei schlank, sei zart
Sei weich und warte
Still und geduldig
Scheu und unschuldig
In Tugend und Demut
Bescheidenheit, auch wenn sie weh tut

 

In Sanftmut erblüh’n
In Mäßigung schön
Von Gaben verwöhnt
Von Ehrgeiz verschont

 

Neid, Geiz und Gier
Markieren dein Review
Nachgiebigkeit
Zur Nachsicht bereit

 

Und hört man uns streiten
So mag es erscheinen
Dass einer verteidigt
Und einer beleidigt
Und schließlich beseitigt
Wird, bis man einig
Im Sinne der Weitsicht
Und im Interesse
Laufender Prozesse
Letztlich entscheidet
Großmut ist weiblich
Verspanntheit verzeihlich
Wunschträumen reicht nicht
Einsicht vergleicht nicht
Und in einem Satz
Kenn deinen Platz

Als ich den Stift beiseitelege, ist es still und leer im Zimmer und in mir.

Was ich geschrieben habe, gebe ich der Schwester mit, die das Abendessen bringt. Zwei Scheiben Vollkornbrot mit Käse, dazu wieder Tee und mein Joghurtgetränk – Geschmackssorte: Banane.

„Vom Mittagessen haben Sie ja nicht so viel gegessen“, meint die Schwester mit leicht vorwurfsvollem Unterton.

„Haben Sie Anweisung das zu kontrollieren?“, frage ich, bekomme aber keine Antwort.

Stattdessen sagt sie: „Sie müssen essen. Wenn Ihnen etwas nicht schmeckt, zögern Sie nicht, es zu sagen. Wir besorgen Ihnen dann etwas anderes.“

„Ich bin vollends zufrieden“, sage ich.

Das Brot und den Käse würge ich herunter, den Aufbautrunk kippe ich in die Toilette, ohne dass er vorher meinen Körper passiert.

Später kommt die Ärztin zurück und fragt: „Sie fühlen sich also überflüssig in ihrer Künstlerwelt? Können Sie deshalb nichts essen, weil sie glauben es nicht verdient zu haben, teilzuhaben an einer Gesellschaft, die Ihnen zuwider ist? Oder ist es, weil sie sich einfach allen Konventionen zwanghaft entziehen müssen?“

„Sagen Sie es mir.“

„Was Sie geschrieben haben, finde ich alarmieren, wissen Sie. Sie haben keinerlei Visionen, keine Wünsche und dennoch… Entschuldigung… kotzt Sie alles an.“

„Sie glauben, weil ich das bin, was alle jungen Menschen werden wollen, hätte ich kein Recht darauf angekotzt zu sein?“

„Das habe ich nicht gesagt“, behauptet sie.

„Das geschriebene Wort hat so eine Tücken“, sage ich, „Man neigt doch dazu, es ernster zu nehmen, als es vielleicht gemeint war. Man liest mehr hinein und interpretiert zu viel. Man zieht Schlüsse und sucht nach Verbindungen, die nicht da sind und…“

„Das heißt, Sie wollten hier nur ein bisschen provozieren?“

„Ich weiß nicht, was ich wollte“, plötzlich fühle ich mich wieder wie ein Teenager, dem seine vulgären Texte eine Woche Nachsitzen eingebracht haben.

„Vielleicht brauchen Sie einfach Abstand“, sagt sie.

„Davon bin ich überzeugt“, erwidere ich.

„Wie sieht es aus mit Entspannungsübungen?“

„Finde ich gut.“

Daraufhin listet sie mir auf, was ich alles lernen soll, aber ich höre schon bei „Autogenem Training“ auf, zuzuhören.

„Wenn Sie wollen, können Sie mir bis morgen noch einmal etwas aufschreiben“, schlägt sie vor, „Erzählen Sie mir doch etwas Positives. Eine schöne Kindheitserinnerung, etwas, das Sie zum Lächeln bringt.“

„Ich weiß nicht“, sage ich, „je mehr ich darüber nachdenke, desto seltsamer finde ich die Idee, Dinge so aufzuschreiben, wie sie sind. Ich habe zwei Biographien von Vincent van Gogh gelesen und das Gefühl, ihn besser zu kennen als meine besten Freunde. Aber das ist natürlich Blödsinn. Jemand hat geschickt versucht, ein Leben so aufzuarbeiten, dass es einem Muster folgt. Menschen sind süchtig nach Mustern, weil es sie so selten im wirklichen Leben gibt.“

„Ich glaube, Sie haben Angst vor Offenbarung“, sagt die Ärztin.

„Offenbarung ist mein Job“, erwidere ich.

„Und den hassen Sie.“

Sie steht auf und geht, lässt mir aber den Schreibblock da.

Ich schreibe:

„Eine schöne Kindheit ist die schlechtest mögliche Vorbereitung auf das Erwachsenenleben.“

Dann lege ich das Schreibzeug weg und mich zum Schlafen hin.

Ich erwache mitten in der Nacht, überrascht von der alles einhüllenden Stille. Sie geht mir inzwischen auf die Nerven, kitzelt mein Aggressionspotenzial, schafft es aber nicht, dass ich mich zum Lärm zurücksehne.

Ich habe von der Wohnung meiner Eltern geträumt. Sie wirkte dunkler und bedrohlicher auf mich, als ich sie in Erinnerung habe. Die Räume waren größer und hatten gefährliche, unerforschte Ecken, in denen sich die Schatten formierten.

Ich hatte nie Angst vor kompletter Dunkelheit, gruselig waren lediglich die Schatten, die sich vom Licht absetzten, die die Hoffnung zunichte machten. Mir war Sicherheit immer lieber als Möglichkeiten. Lieber war ich mit völliger Sicherheit verloren, als im Bewusstsein leben zu müssen, meine Möglichkeiten nicht ausgeschöpft zu haben.

Meine Alpträume spielen mit diesen Ängsten. Sie versetzen mich in ein Szenario, in dem ich nicht ganz sicher bin, was passieren wird und überraschen mich dann mit einer Wendung, die schlimmer ist, als alles, was ich zuvor kalkuliert habe.

„Wir müssen dir die Dämonen austreiben“, sagten die Wesen in den Schatten und ich rannte davon, durch das Treppenhaus in den Keller, durch geheime Tunnel und verborgene Winkel des alten Gemäuers, die ich zuvor noch nie betreten hatte.

Jetzt liege ich schweißgebadet da und versuche, mir einzureden, dass da nichts lebt in den dunklen Ecken des Krankenzimmers.

„Ach, da bist du!“, spricht eine Stimme vom Fenster her mich an. Es ist die Mondfrau, die geläutert und etwas erschöpft zurückgekehrt ist auf die Bühne des Nachthimmels. Sie wirkt noch ein bisschen schmal und zerbrechlich, ist aber auf einem guten Weg.

„Guten Morgen“, sage ich.

„Keine fünf Minuten kann man dich alleine lassen“, sagt sie gespielt vorwurfsvoll.

„Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll“, gestehe ich.

„Niemand kann dir diese Entscheidungen abnehmen.“

„Ich glaube, das hier bringt nichts“, sage ich, „Man will mir vielleicht helfen, aber ich will nicht, dass man mir hilft. Ich bin hier das Problem und ich weiß es.“

„Du hast gelogen“, sagt sie, „und du lügst immer weiter. Du hast deine Lieder fast alle fertig geschrieben. Das ist ein Erfolg, mit dem du nicht umgehen kannst. Daran musst du arbeiten.“

Es hat keinen Sinn, mit ihr zu diskutieren, sie hat sowieso Recht.

Bis zum Morgengrauen starren wir und beide schweigend an wie zwei Verliebte, ohne dass es uns peinlich ist.

Als ich draußen im Flur anlaufende Geschäftigkeit ausmache, stehe ich auf, suche das Badezimmer auf und ziehe mich an. Bevor das Frühstück verteilt wird, stehe ich schon vor dem Schwesternzimmer und erkläre, dass ich mich gerne selbst entlassen würde.

Das können sie mir nicht verwehren, drücken aber ihre Bedenken aus. Die diensthabende Ärztin, erzählt mir, was ich ohnehin schon weiß, dass meine Blutwerte in Ordnung sind, lässt mich ein Formular ausfüllen, gibt mir noch ein Rezept für die Aufbaunahrung und die Antidepressiva mit und sagt: „Denken Sie drüber nach, was Sie im Leben wollen, nicht darüber, was sie nicht wollen.“

Ich bedanke mich, trotte mit meinem Köfferchen die Treppen hinunter – seit ich von dem Grubenunglück gehört habe, habe ich eine Aversion gegen Aufzüge -, und verlasse die Klinik. Ich gehe zu Fuß nach Hause, weil ich das Bedürfnis habe, mich zu bewegen und die Strecken in dieser Stadt nie besonders lang sind.

Während der vormittäglichen Geschäftigkeit komme ich am Marktplatz an und eine Frau, die vor der hier ansässigen Apotheke den Bürgersteig kehrt, grüßt mich freundlich. Sie ahnt wohl, dass ich ein Rezept einzulösen habe – oder hat sie mich inzwischen als Mitbürger ihrer Nachbarschaft akzeptiert?

Ich grüße zurück, behalte die Rezepte aber für mich.

„Sie müssen in ihrem Briefkasten nachsehen“, sagt sie und tatsächlich fällt mir auf, dass ich, seit ich hier wohne, noch nicht einmal nach der Post gesehen hab. Manches bleibt einfach auf der Strecke…

„Oh ja, vielen Dank, das hätte ich fast vergessen.“

Hinter der Haustür finde ich den kleinen Briefkastenschlüssel an einem Haken hängen. Als ich den Kasten öffne fallen mir verschiedene Werbeprospekte mit den Angeboten des örtlichen Supermarktes, sowie eine ganze Reihe Postkarten entgegen.

„Der Briefträger hat gemeint, wir sollen Sie daran erinnern, als wir ihm sagten, dass Sie mit dem Krankenwagen abgeholt worden sind. Es sind aufmunternde Sachen, nehme ich an“, sagt sie Frau mit dem Besen.

„Ja, das ist wirklich nett.“

„Geht es Ihnen denn wieder besser?“, fragt sie.

„Ja. Es ist zum Glück nichts“, sage ich.

„Sie sahen ja ganz bleich aus und waren völlig neben der Spur.“

„Dehydriert“, sage ich, „Eigene Dummheit.“

„Na, Gott sei Dank sind Sie jetzt wieder auf dem Damm. Sie sehen auch viel besser aus. Machen Sie sich nichts aus dem, was in den Zeitungen steht. Wir hören immer gerne, wenn Sie oben Gitarre spielen.“

„Danke.“

„Sie schätzen Diskretion. Wir auch“, sagt sie.

„Und ich schätze Sie“, sage ich und schüttle ihr die Hand.

Dann gehe ich hinein und sehe mir die Postkarten an.

Trixie schreibt aus Chicago. Das Bild der Karte zeigt eine verrauchte Szene in einem Jazz-Club.

„Lieber Rob, es freut uns, dass der Abstand dir guttut. Er hat auch mir immer gutgetan. Setz dich nicht unter Druck. Egal, was du tust, wir stehen hinter dir. Hab keine Angst!“

Von Hendriks Postkarte starren mich zwei selbst gezeichnete Comic-Häschen an – einer davon sichtbar schwanger. Sie winken mir zu und sagen: „Es gibt Wichtiges, als sich zu grämen! Komm bald zurück! Wir haben so viel, das wir noch feiern müssen. Ohne dich macht es aber keinen Spaß.“

Alex beweist Humor und schickt die langweiligste Touristen-Ansichtskarte, die man in Berlin finden kann. Das Brandenburger Tor. Auf der Rückseite steht: „Ohne dich sind hier nur noch schwäbische Hipster! Wenn Berlin nicht vor die Hunde gehen soll, brauchen wir dich schnellstmöglich zurück!“

Sogar Amanda hat eine Karte geschrieben: „Lieber Robert, ich hoffe, du befindest dich auf dem Weg der Besserung. Das wäre die Hauptsache, alles andere ist zweitrangig. Bitte glaub nicht, dass du mir oder irgendjemandem etwas beweisen musst. Bleib du selbst, aber werde gesund!“

Von der Plattenfirma kommt eine Karte, auf der alle Mitarbeiter, mit denen wir zu tun haben, unterschrieben haben.

Sogar unsere Konzertagentur schreibt und grüßt im Namen aller, deren Leben ich beeinflusst habe.

Es ist eine perfide Aktion, die mich dazu bringen soll, sie nicht hängen zu lassen und sie erreichen, was sie geplant hatten. Mein Herz geht auf. Jetzt geht es also doch wieder von vorne los.

Also setze ich mich aufs Sofa, krame den uralten Kassettenrekorder aus meinem Koffer, den ich eingepackt habe, als ich mir überlege, mein Mobiltelefon loszuwerden. Ich nehme die Gitarre zur Hand und drücke auf „record“.

Als ich die ersten beiden Demos aufgenommen habe und ich zur Entspannung eine Zigarette rauche, meint Camus, der lässig gegen das Bücherregal lehnt: „Das war ja ganz nett, aber das Wichtigste hast du vergessen.“

„Was denn?“, frage ich.

„Es gibt eine Sache, die du noch nicht fertig geschrieben hast. Irgendwie hast du mitten drin aufgehört. Warst wohl abgelenkt.“

„Und was soll das sein?“

„Na das, was du tun willst, sollst und musst“, er nickt in Richtung Badezimmer.

Ich stehe auf, suche nach dem Tuschestift, finde ihn auf dem Bücherregal und gehe ins Bad. Jetzt kann ich sehen, was mein imaginärer Mitbewohner meint. Mit leicht zittriger Hand male ich ein „T“ vor das „L“ von „LOVER“ und blicke in den Spiegel gegenüber.

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Autor

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Kapitel:65
Sätze:3.851
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Kurzbeschreibung

Um seinen Plattenvertrag zu erfüllen, muss Robert Beckmann nur noch ein Album schreiben. Aber der etablierte und von Kritik wie Publikum gefeierte Musiker, steckt in einer Sackgasse fest. Sein Zynismus, Neurosen und eine Schreibblockade setzen ihm zu, bis man ihn von der Großstadt in die Provinz verfrachtet, wo er in aller Abgeschiedenheit und ohne Ablenkungen schreiben soll.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Entwicklung auch in den Genres Natur, Alltag und Schmerz & Trost gelistet.