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Roter Teufel

29
15.8.2018 18:24
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
Fertiggestellt

Inhalt

Kurzbeschreibung (worum geht's?)

Orientierung (Ort des Geschehens)

ROTER TEUFEL.

Einleitung / Rota Gevill

Baumhöhle

Schule und Jaden

Mallen

Nachsitzen

Übernatürlich

Zuhause.

Treffen. 35

Es vergeht ein Jahr...

Alles ändert sich...

Kerker

1. Besuch Johnas Goldan

2. Besuch Onkel Jaron

3. Besuch Jaden Grat

4. Besuch Jake Flanders

Das Tribunal

Verbannung

Weg zur Höhle

Jake, Bogen, Tunnel,..

Wildnis 91

Erster Kontakt 99

Dai

2. Besuch

Winter

Abschied und Auferstehung

Begegnung

Unheil in Kaven

Wieder zurück!

Träume und Wirklichkeit

Wiedersehen

Befreiung

Leben und Tod

 

Kurzbeschreibung (worum geht's?)

 

Rota Gevill, der Held dieser Geschichte, erlebt in einem Ort namens Kaven viel Ablehnung. Rota ist aufgrund seiner Andersartigkeit ein Außenseiter. Im ständigen Kampf sein Leben erträglicher und lebenswerter zu machen, muss er immer wieder Niederlagen und Verluste hinnehmen. Ausgerechnet das Beste was sich bisher in seinem Leben ereignete, die Freundschaft mit dem wohl beliebtesten Mädchens in Kaven, führt zu einer Situation mit katastrophalen Folgen...

 

Orientierung (Ort des Geschehens)

 

Kaven ist ein kleiner Ort auf einer ähnlich uns bekannten Welt. Die technologische Entwicklung kommt etwa dem späten Mittelalter unserer Welt nahe. Es gibt zwei rivalisierende Völker. Das Volk Krasiens und der Zusammenschluss der freien Gebiete und Städte auch einfach der Bund genannt. Die Krasianer sind ein wildes Volk. Der Bund ist im Gegensatz zu den Krasianern eine fortschrittliche zivilisierte Gemeinschaft, die sich gegen die Angriffe der Krasianer zu einer Gegenmacht vereinigt hat.

 

Die Geschichte wird nur aus dem Blinkwinkel von Rota Gevill erzählt.

 

ROTER TEUFEL

 

Einleitung / Rota Gevill

 

Meine Eltern, ich kann mich kaum noch an sie erinnern, sind vor acht Jahren beide in Furrigan am Krass-Virus gestorben. Der Krass-Virus ist vielleicht auch das größte Problem auf unserer Welt. Wer an diesen Virus erkrankt, der hat nur noch sehr geringe Chancen diese Krankheit zu überleben. Man sagt, dass nur einer oder vielleicht zwei von hundert Menschen diese Erkrankung, diesen Virus, überhaupt überleben. Der Virus verbreitet sich üblicherweise im Frühjahr und ebbt meistens in den heißen Sommertagen langsam wieder ab. Wenn der Virus aktiv ist, dann verbreitet er sich rasend schnell und es kam schon häufig vor, dass innerhalb kürzester Zeit ganze Dörfer und Städte ausgerottet wurden. So alle neun oder zehn Jahre soll es immer wieder vorkommen, dass der Virus wieder aktiv wird und Angst, Schrecken und letzten Endes den Tod verbreitet. Es gibt nur wenige Menschen die dagegen immun sind und diesen Virus Krass überleben.

 

Ich war damals fünf Jahre alt und überlebte diesen Virus unbeschadet. Seit dem lebe ich bei meinem Onkel und seiner Familie in einem kleinen Ort namens Kaven. In Kaven gibt es rund dreitausend Einwohner und man lebt hier überwiegend von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Daneben gibt es hier auch noch eine erfolgreich produzierende Porzellanmanufaktur, in der auch mein Onkel arbeitet.

 

Mein Onkel heißt Jaron und er ist eigentlich ein lieber und netter Mensch. Jedoch ist er auch nur zu denen nett und freundlich, die zu seinem privilegierten Kreis gehören. Und dazu gehören nur die, die ihm besonders nahe stehen oder von denen er sich einen gewissen Nutzen verspricht. Seine Frau Petra, seine eigenen Kinder Justin und Sophia gehören natürlich zu diesen Privilegierten. Sein Vorgesetzter Robert, der Bürgermeister Johnas Goldan, sein Nachbar Jim und all die anderen, die entweder reich oder begabt sind oder etwas Gewinnbringendes an sich haben. Für diese Menschen ist mein Onkel stets da und immer hilfsbereit und dafür wird er auch geliebt und geschätzt. Verlierer, wie ich, sind für ihn eher ein Ärgernis und stehen ihm im Weg.

 

Mein Onkel ist mein Pate und er fühlte sich wohl deshalb auch gezwungen mich in seine Familie aufzunehmen. Diesen sozialen Akt der Nächstenliebe, den er mir gegenüber erbracht hat, erwähnt er auch immer wieder gerne.  Wie dankbar ich doch sein müsste..., was wohl aus mir geworden wäre, wenn er mich nicht aufgenommen hätte.., wie viel besser es ihnen doch gehen würde, wenn sie mich nicht aufgenommen hätten... und so weiter.. blah... blah.. blah... Ich hasste diese Äußerungen, aber ich habe mich im Laufe der Zeit daran gewöhnt und mittlerweile ignoriere sie auch einfach.

 

Sein Sohn Justin ist sechzehn Jahre alt und Justin hasst mich. Er hasst mich, weil er mich für alles Schlechte und Schiefgegangene in seinem Leben verantwortlich macht. Ich war schuld, wenn er nicht das bekam was er sich wünschte. Ich war schuld, wenn es Streit in der Familie gab.. oder ich war schuld daran, dass er einen dicken fetten Pickel auf seiner schönen Nase bekommen hat... Warum ich schuld sein sollte, habe ich nie richtig verstanden und es interessiert mich auch schon lange nicht mehr. 

 

Sophia, die Tochter, ist wohl die Prinzessin in der Familie. Ihre Wünsche werden ihr praktisch von den Lippen abgelesen. Sie ist vierzehn und zugegeben wirklich hübsch, vom Leben verwöhnt. In ihrem Leben spiele ich jedoch keine Rolle. Gegenüber ihren Freundinnen gibt sie vor, sie hätte immer versucht mich in die Familie zu integrieren. Jedoch enttäuschte ich sie wohl immer wieder durch mein Verhalten, so dass sie beschloss dieses unmögliche Vorhaben aufzugeben.

 

Petra, die Ehefrau von meinem Onkel, ist mir in dieser Familie wohl noch die Liebste. Sie ist eine gut aussehende Frau, die für gewöhnlich ein ruhiges, besonnenes und liebreizendes Wesen besitzt. Sie hat für die Probleme anderer immer ein offenes Ohr und ist stets um Harmonie bemüht. Andererseits gibt mir auch sie das Gefühl, nicht wirklich zu dieser Familie zu gehören und wahrscheinlich wäre es ihr auch wohl lieber gewesen, wenn ich niemals zu ihnen gekommen wäre.

 

Warum mich die meisten meiner Mitmenschen ablehnen liegt in erster Linie wohl an meinem Äußeren. Ich bin nicht dick oder extrem dünn oder habe absonderliche Gesichtszüge. Eigentlich könnte ich sogar zufrieden sein mit meinem Äußeren, wäre da nicht....  meine Hautfarbe. Von Geburt an ist mein Gesicht komplett blutrot. Ein riesiges Feuermal bedeckt mein gesamtes Gesicht und endet in zackigen Spitzen vorne bis zur Höhe meiner Brust und hinten bis zu meinen Schulterblättern. Diese rote Hautfarbe in Kombination mit meinem schwarzen Haar verleiht meinem Aussehen wohl etwas Teuflisches. Für viele wirke ich wohl unheimlich und bösartig. Es gibt auch einige, die mich für die Ausgeburt der Hölle halten und mich meiden wie dieses Krass. Und dann gibt es auch so einige, die mich aufgrund dieser Andersartigkeit auch gerne ärgern und quälen und vielleicht sogar meinen, damit etwas Gutes für die Allgemeinheit zu tun.

 

Vor Jahren habe ich noch alles getan um dazuzugehören. Ich war verzweifelt und habe damals grässliche und erbärmliche Dinge getan, für die ich mich heute noch schäme. Wenn man mir beispielsweise versprach mich als Mitglied in eine Gruppe oder Bande aufzunehmen, sobald ich eine bestimmte Person verprügelte, quälte oder jemandem etwas Bestimmtes wegnahm, dann hatte ich das damals auch gemacht. Immer wieder hat man mich dazu benutzt niederträchtige und schlimme Dinge zu tun und ich habe in meiner Dummheit und Verzweiflung diese Dinge auch immer wieder getan. Sie hatten über mich gelacht und ihren Spaß gehabt. Mich akzeptiert...., hat man aber letztlich nie.

 

Roter Teufel werde ich aufgrund meines Aussehens und meiner Taten daher auch häufig gerne genannt, besonders von einem, sein Name ist Jaden und ein Mitschüler von mir.  Jaden ist ein machtbesessenes Großmaul und ein Sadist. Er genießt es andere zu quälen und hat aufgrund seiner dreisten und respektlosen Art großen Einfluss auf die anderen Schüler von Kaven. Aber, und das muss man ihm lassen, er ist immer loyal zu seinen Leuten. Wenn seine Freunde Probleme haben, löst er diese für sie und dafür schätzen und mögen sie ihn. Und dieser Charakterzug ist vermutlich auch das, was ihn so gefährlich für alle seine Opfer und besonders für mich macht.

 

Ich habe mich mittlerweile an das Alleinsein gewöhnt und es gibt immer etwas worauf ich mich trotzdem jeden Tag freue. Zum einen sind da unsere Nachbarn, eine sehr alte Frau, ihr Name ist Marla und ihr körperlich behinderter und leicht zurückgebliebener Sohn, Debbie. Ich bin des Öfteren bei ihnen und helfe ihnen immer gern soweit es mir möglich ist. Doch auch die alte Marla und Debbie vertrauen mir nicht und ich bin ihnen auch wohl nicht ganz geheuer. Sie sind zwar froh, dass ich ihnen helfe, aber ich merke ihnen auch immer an, wie erleichtert sie sind wenn ich wieder gehe.

 

Marla und Debbie haben auch einen Hund. Sein Name ist Zisko. Zisko ist ein Mischlingshund, der einem Hamilton Spürhund ähnlich sieht, mit kurzem hellbraunem Fell. Da Marla und Debbie sich kaum um den Hund kümmern können, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mich um diesen Hund zu kümmern. Und das gehört ebenfalls zu den Dingen, die ich gerne mache und worauf ich mich freue. Dieser Hund, Zisko, stört sich nicht an meiner Erscheinung. Sobald er mich jedenfalls sieht, bellt er immer aufgeregt und wackelt freudig mit dem Schwanz. Mit Zisko gehe ich dann häufig in den Wald zu meiner selbst gebauten Baumhöhle. Und diese Baumhöhle ist mein ganzer Stolz. Ich arbeite so gut wie täglich an diese Baumhöhle um diese zu verbessern und zu verschönern. Die Baumhöhle ist auch kaum zu entdecken und liegt gut versteckt und sehr weit oben in einem sehr großen Malvenbaum. Ich glaube ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass meine Hütte bisher noch von keinem Menschen entdeckt worden ist. Meine Baumhöhle ist sogar recht geräumig. Sie hat zwei Räume. Einen Hauptraum, wo sich ein Liegeplatz, ein Tisch, ein kleiner Schrank und ein Stuhl befinden und einen kleinen Nebenraum, so eine Art Lagerraum. Die Baumhöhle gehört jedenfalls auch zu den wenigen Dingen in meinem Leben die mich erfreuen.

 

Es ist schon spät und ich liege hier unten in meiner bescheidenen Kammer im Bett und oben sitzt meine "geliebte" Adoptionsfamilie beim Abendessen. Sie lachen, albern herum und genießen, vielleicht bewusst oder unbewusst, die Zeit ohne meine Gegenwart, den Schandfleck der Familie...! Ich bin unruhig und ich habe Angst. Vermutlich Angst vor dem, was mich morgen wieder in der Schule erwarten könnte.. Aber was soll mich dort schon Besonderes erwarten, was ich nicht schon gewohnt bin? Angst bekommt man in der Regel erst, wenn man befürchtet, dass die Situation in der man sich befindet verschlechtern könnte. Ich wüsste nicht was das sein sollte oder was da kommen könnte. Okay, da wäre Jaden und seine Clique. Jaden liebt es ja mich zu demütigen und zu quälen. Es vergeht kein Tag, wo er sich nicht über meine Teufelsfratze lustig macht oder versucht mich auf jede erdenkliche Art und Weise zu erniedrigen. Ein ums andere Mal versteckt er meine Sachen oder er legt mir Sachen von anderen Mitschülern oder irgendetwas Widerliches in meine Schultasche oder er macht Fratzen hinter meinem Rücken... oder, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt, spuckt oder schlägt er mich einfach. Aber daran habe ich mich mittlerweile längst gewöhnt. Das ich keine Freunde habe und mich die meisten immer mit seltsamen Blicken beachten, ist ebenfalls nichts Neues für mich oder ist etwas, was ich bereits akzeptiert habe. Es gibt bis auf eine Ausnahme, sowohl bei den Schülern als auch bei den Lehrern, keinen der mich leiden kann oder mir das Gefühl gibt anerkannt zu sein. Es gibt einige, die versuchen immerhin respektvoll mit mir umzugehen. Wirklich mögen tun sie mich jedoch nicht.

 

Wieso aber jetzt diese Unruhe und diese Angst? Ich versuche schließlich zu schlafen. Erst sehr spät, nach Mitternacht, gelingt es mir dann endlich in den Schlaf zu finden.

 

Baumhöhle

 

Nächster Tag. Ich wache sehr früh mit einem unruhigen und mulmigen Gefühl auf. Ich döse und drehe mich noch eine Weile im Bett hin und her und beschließe dann endlich aufzustehen. Jaron, Petra, Justin und Sophie frühstücken immer gemeinsam beim zweiten Glockenschlag in der Früh. Es gab mal eine Zeit, da habe ich anfangs mit ihnen gefrühstückt. Aber wir alle merkten ziemlich schnell, dass es getrennt besser ging. Zum einen, fühlte ich mich immer als jemand, der in dieser Runde nicht dazugehört und zum anderen gab es meistens nur Streit und Ärger zwischen uns. Besonders zwischen Justin und mir. Irgendwann fing ich an früher aufzustehen und vor den anderen zu frühstücken und wir kamen stillschweigend zu der Erkenntnis, dass dies wohl keine so schlechte Idee war und wir dies bis jetzt auch so beibehalten haben.

 

Die Schule liegt etwa eine Stunde Fußmarsch vom Haus meines Onkels entfernt. Ich gehe diesen Weg eigentlich immer ganz gerne. Erstens, weil kaum jemand um diese Zeit auf der Straße ist und zweitens, weil sich auf dieser Strecke meine Baumhöhle befindet. Ich nehme mir dann fast immer eine halbe Stunde Zeit um dort noch ein paar Verbesserungen vorzunehmen oder, aufgrund der wunderbaren Aussicht die ich dort oben habe, das Treiben im Walde zu beobachten. Auch heute gehe ich wieder zu meiner Hütte.

 

Versteckt in einem Baumloch gibt es eine Zugleine für das Herablassen der Strickleiter. Die Strickleiter führt dann etwa fünf Schritt nach oben zu meiner recht komfortablen Baumhöhle. Die Strickleiter nehme ich jedoch nur selten. Meistens nehme ich die andere Seite vom Baum, wo es möglich ist, die Baumhöhle auch ohne Strickleiter kletternd zu erreichen. Das tolle an meiner Baumhöhle ist, dass diese Höhle, trotz der enormen Größe von stolzen drei Schritt Breite, zweieinhalb Schritt Tiefe und zwei Schritt Höhe, sowohl aus der Entfernung, als auch aus der Nähe, kaum zu entdecken ist.

 

Obwohl das Dach eigentlich schon gut abgedichtet ist, entscheide ich mich trotzdem noch ein paar Reparaturen am Dach vorzunehmen. Das Werkzeug, wie Hammer, Säge und so weiter hatte ich aus einer in der Nähe liegenden alten Scheune genommen. Gebaut hatte ich die Baumhöhle mit alten Brettern von einer alten verfallenen Hütte, die ebenfalls in der Nähe dieses Waldes lag. Darüber hatte ich es mit Pech abgedichtet und mit Ästen und Mooslappen bedeckt und gleichzeitig damit auch getarnt. Die Außenwände hatte ich entsprechend gearbeitet. Mein Baumhaus hat eine kleine Tür und eine Art Fenster, nur ohne Glas. Jedoch hat dieses Fenster oder besser gesagt der Ausguck, eine Fensterklappe, für kältere und windige Tage. Nach gut einer halben Stunde höre ich mit meinen Verbesserungsarbeiten auf und setzte meinen Weg zur Schule fort.

 

Schule und Jaden

 

In der Schule Kaven's gehen ungefähr zweihundert Schüler zur Schule. Ich bin in der dritten Klasse und werde womöglich noch drei weitere Jahre in diese Schule gehen müssen. Im Anschluss daran muss man sich für einen Beruf entschieden haben um dann weitere drei Jahre üblicherweise in die Berufslehre gehen. Wobei die meisten Schüler dann in den elterlichen Betrieb in die Lehre gehen. Nur die besonders talentierten Schüler, und das sind Ausnahmefälle, dürfen auf die Eliteschule nach Tenna gehen und werden dort individuell und mit großem Aufwand speziell ausgebildet.

 

Auf meinen Weg zur Schule sehe ich David. David ist ein stiller blasser und schlaksiger Mitschüler von mir. Er ist ebenfalls ein Außenseiter. Ich habe mal versucht mich mit ihm zu unterhalten. Aber er drehte sich damals schnell um und lief weg. Als er weit genug von mir weg war, rief er mir noch zu, dass er nichts mit mir zu tun haben will. Dann lief er noch schneller und brüllte lauthals immer wieder "Teufel! Teufel...!" Ich habe danach nie wieder versucht mich mit ihm zu unterhalten. Seitdem geht er, wie auch jetzt, immer etwas schneller, um bloß nicht in meine Nähe zu kommen. Was für ein Vollidiot! Man hätte sich vielleicht ja, sozusagen als Loser und Außenseiter, zusammentun können..

 

Ich erreiche den Schulhof. Und da erwartet mich auch schon wieder mein spezieller Freund Jaden mit seinem Gefolge, dem dicken Gero, den immer sportlichen und toll aussehenden Pelle und dem starken Alvin.

 

"Hallohoo.. Teufelchen! Na, hast du dich bei deinem morgendlichen Tête-à-Tête mit dir selbst wieder so geärgert, dass du immer noch rot vor Wut und kurz vorm Platzen bist? Warte mal... Vielleicht kann ich Dir ja ein wenig von deinem Druck nehmen.." Jaden hält nun die Luft an, presst sich dabei das Blut in den Kopf und läuft mir wie ein wildgewordener Affe mit puterrotem Kopf hinterher. Pelle, Alwin und Gero und die meisten der umstehenden Schüler brechen in schallendes und grölendes Gelächter aus.

 

Mir selbst macht dieses Piesacken mittlerweile immer weniger etwas aus. Manchmal bin ich sogar enttäuscht, wenn mir keiner nachstellt oder versucht mich zu ärgern. Trotzdem tue ich aber immer so, als ob es mir etwas ausmacht und ich mich über diese Quälereien ärgere. Wie auch jetzt... Ich setze ein gequältes Gesicht auf und schreie Jaden an.. "Ich habe dir nichts getan! Was soll das? Hör auf!" Und brülle dann noch lauter "HÖÖR ENDLICH AUF!" Dabei balle ich meine Fäuste und täusche eine Angriffshaltung vor. Dann drehe ich mich wieder wütend um und gehe mit einem beleidigten Gesichtsausdruck weiter. Jaden und seine Leute sind dann meistens, wie jetzt auch, so bedient von mir, dass sie vor Lachen nicht weiter wissen und mich dann auch erst mal wieder in Ruhe lassen.

 

Warum ich so reagiere, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht jemand, der schon zur Selbstzerstörung neigt. Nach diesem Vorfall gehe ich geradewegs in den Klassenraum. In unserer Klasse sind wir fünfundzwanzig Schüler. Elf davon sind Mädchen und der Rest davon Jungs. Die Schüler sitzen paarweise in vier Riegen und vier Reihen vor der Tafel und dem Lehrerpult. Zwei Jungs, natürlich ich und David und ein Mädchen namens Rana, haben jeweils einen Tisch für sich allein.

 

Es geht wie immer ziemlich unruhig und wild zu, bevor die Stunde beginnt. Sobald die Stunde dann jedoch anfängt und der Lehrer kommt, nimmt jeder brav seinen Platz ein und versucht den Unterricht so gut es geht mitzumachen. Störenfriede erhalten hier nämlich schnell einen Verweis und verlieren das Privileg für eine bestimmte Zeit am Unterricht  teilzunehmen. Dies wiederum verschlechtert die Chancen einen guten Abschluss zu erhalten. Und wer keinen oder einen schlechten Schulabschluss hat, hat auch nur noch sehr geringe Chancen in Kaven oder auch anderswo ein einigermaßen lebenswertes Leben zu führen. Es soll sogar Fälle gegeben haben, wo Schulabgänger, aufgrund ihrer schlechten Leistungen, aus der Gemeinschaft verbannt und vertrieben worden sind. Ich selbst bin ein mittelmäßiger Schüler. Ich beteilige mich nur selten am Unterricht, jedoch sind meine Klassenarbeiten überwiegend gut, so dass ich einigermaßen über die Runden komme.

 

Die Schulglocke läutet. Die Schüler unter anderem auch Jaden kommen in die Klasse. Da ich gleich vorne rechts sitze und ziemlich nah an der Klassentür, versucht Jaden mir meistens noch auf die Schnelle eins auszuwischen. Ich weiß natürlich, dass er das jedes Mal versucht und manches Mal lasse ich ihn auch gewähren. Ich tue dann immer so, als ob ich ihn dann nicht sehe und er mich dann ungehindert von hinten wegschubsen kann. Diesmal habe ich jedoch keine Lust dazu und drehe mich, kurz bevor er etwas machen kann, ihm entgegen. Als Reaktion täuscht er einen Schubs an. Ich setze ein besonders wütendes Gesicht auf und schreie ihn nun laut an.. "Hööör... auf!!" Jaden ist zufrieden, grinst und setzt sich in aller Ruhe hin.

 

Dummerweise ist natürlich genau in dem Augenblick als ich Jaden angebrüllt habe, unser Lehrer Herr Klimp hereingekommen. Er bleibt stehen und schaut mich mit einem gleichgültigen Blick an. "Schüler Rota, sie scheinen Energie im Überfluss zu haben, ich denke eine Stunde Nachsitzen im Anschluss ihrer heutigen Schulzeit könnte Ihnen helfen ihre überschüssige Energie abzubauen. Haben sie irgendwelche Einwendungen?" Ich akzeptiere und nicke Herrn Klimp zu. "Melden sie sich bitte am Ende diese Stunde bei mir". Ich drehe mich danach noch zu Jaden um und sehe ihn höhnisch grinsen.

 

Mallen

 

Herr Klimp geht schließlich zum Lehrerpult und beginnt seinen Unterricht Geschichte und Entwicklung. Neben diesem Fachgebiet gibt es noch fünf weitere Fachgebiete die in der Schule von Kaven unterrichtet werden. Da wäre das Fachgebiet Lesen, Schreiben und Aussprache, das Fachgebiet Heimat- und Auslandskunde, das Fachgebiet Rechnen und Geometrie, das Fachgebiet Natur, Forschung und Technologie sowie Fachgebiet Politik, Organisation und Aktuelles.

 

Nach gut einer halben Stunde Unterricht öffnet sich die Klassentür und Mallen Goldan kommt herein. In unserer Schule gibt es fürs Zuspätkommen zwei Möglichkeiten der Bestrafung. Da wäre das Nachsitzen, was die milde Bestrafung wäre, und zum anderen, und das wäre die harte Bestrafung, der Schüler wird für eine bestimmte Zeit von der Schule ausgeschlossen. Der jeweilig unterrichtende Lehrer hat hier völlige Entscheidungsfreiheit. Mallen geht direkt auf unseren Lehrer Herrn Klimp zu und sagt "Guten Morgen! Herr Klimp.., ich entschuldige mich für mein Zuspätkommen... Leider war es mir heute nicht möglich gewesen rechtzeitig zu ihrer Unterrichtsstunde zu erscheinen". Da Mallen bei ausschließlich allen Lehren beliebt ist, nickte Herr Klimp ihr zu und gibt ihr mit einer Geste zu verstehen sich auf ihren Platz zu setzen. "Fräulein Goldan, sie kennen die Regeln der Schule. Melden Sie sich im Anschluss dieser Stunde bezüglich der zusätzlichen Schulstunde bei mir".

 

Mallen, es mag sonderbar klingen, nimmt in meinem tristen Leben hier so eine Art Sonderstellung ein, denn Mallen ist anders als die Anderen. Von den anderen bin ich gewohnt abschätzig angesehen zu werden. Sie jedoch ist eine der wenigen, die mich stets mit Respekt begegnet. Zudem war sie zu mir, in den wenigen Momenten die es zwischen uns gab, immer aufrichtig und freundlich gewesen. Jedoch brauche ich mir wohl nichts darauf einzubilden, denn es gehört einfach zu ihrem Wesen stets jeden, sogar Jaden, respektvoll und nett zu behandeln. Auch habe ich sie nie über jemanden lästern oder schlecht reden hören. Sie flucht und zickt nicht und richtig wütend habe ich sie auch noch nicht erlebt. Mallen ist anders. Sie ist ungewöhnlich und für mich, wie vermutlich auch für viele andere, ein Rätsel. Hinzu kommt, dass Mallen auffallend hübsch ist. Sie hat hellblonde, lange und leicht gewellte Haare, die oft einfach und praktisch zu einem Zopf gebunden sind. Ihre Figur…, wie soll ich sagen…, sie hat schlicht gesagt, einfach eine tolle Figur. Ihre Gesichtszüge sind klar und ebenmäßig. Sie hat wache, klare, blassblaue Augen. Und ihr Mund..., sie hat einen wunderschön geschwungen Mund, mit stets leicht angehoben Mundwinkeln, die ihrer Ausstrahlung immer so etwas wie Heiterkeit und Unbekümmertheit verleihen.

 

Mallen ist die Tochter unseres Bürgermeisters Johnas Goldan und wäre allein deshalb schon bei vielen in Kaven beliebt gewesen. Aber aufgrund ihrer Eigenarten wird sie von vielen vielleicht sogar geliebt. Es gibt jedoch auch so manche, insbesondere einige ihrer Mitschülerinnen, die ihr die Beliebtheit neiden und ihr wohl am liebsten die Augen auskratzen würden, wenn sie könnten..

 

Es gab, wenn ich so drüber nachdenke, eigentlich nur zwei Begegnungen die ich mit Mallen hatte. Eine war gleich am ersten Schultag. Wie ich es gewohnt war fühlte ich mich an meinem ersten Schultag wie ein bunter Hund.., so gut wie jeder starrte mich an. Kinder wie auch zum Teil die Eltern der Kinder, schauten mich mit offenen Mund an. Sie hatten nicht mal den Anstand wegzusehen, wenn sie sahen, dass ich ihr Anstarren bemerkt hatte. Ich selbst hatte mich an dieses Anstarren gewöhnt.., obwohl weh tat es mir damals trotzdem immer...  Und dann erschien auch irgendwann Mallen mit ihren Eltern. Ich muss zugeben, auch ich bin nicht anders als die anderen, denn ich starrte damals sie an. Sie hatte mich schon beim ersten Mal total verblüfft. Mallen war schon damals auffallend hübsch, aber das war nicht das gewesen, was mich wirklich zu diesem Anstarren veranlasst hatte. Nein, es war mehr die Art, wie sie sich gab, wie sie sich bewegte und vor allem wie sie sich die Dinge ansah und.. besonders wie sie sich mir gegenüber verhielt. Als sie bemerkte, dass ich sie anstarrte, starrte sie mich nicht, wie ich es gewohnt war, wie die anderen an. Nein, sie... zwinkerte mir überraschenderweise zu und schaute mich dabei leicht amüsiert an. Der Blick war auch nicht herablassend.. Ich war total verdattert und schaute dann auch schnell woanders hin.. Aber ihr Zuzwinkern und ihre leichte und unbekümmerte Art und das in diesem Alter, das war für mich schon ziemlich außergewöhnlich und sie war für mich von da an schon etwas ganz Besonderes.

 

Mallen kümmert es nicht, was andere über sie denken oder mit wem sie sich abgibt oder auch nicht. Sie bestimmte von Anfang an immer selbst, mit wem sie sich abgab und mit wem nicht. Da sie ihren Freundeskreis nur auf ganz Wenige beschränkt, gilt sie bei Einigen sogar als arrogant und überheblich. Ich glaube jedoch, dass sie in der Auswahl ihrer Freunde entweder sehr spezielle Ansprüche hat oder sie nur zum Anschein ganz bestimmte, meistens eher unauffällige, Mitschüler auswählt, mit denen sie sich abgibt. Zu allen anderen, ob beliebt, begehrt oder sonst was, ist sie zwar immer nett, aber auch distanziert und unnahbar.

 

Die zweite und weitere Begegnung die ich mit ihr hatte, war letztes Jahr im Wald, in der Nähe bei meiner Hütte. Es war Spätsommer und sehr heiß an diesem Tag. Ich hatte gerade das Dach von der Hütte mit Pech abgedichtet und wollte den Eimer mit Pech gerade wieder zurück zum Schuppen meines Onkels Jaron bringen. Dann sah ich sie. Sie war allein und ging still den Weg Richtung Waldsee. Ich blieb abrupt und wie erstarrt stehen. Hatte sie mich gesehen oder gehört? Es schien jedenfalls nicht so. Ich ging vorsichtig in Deckung, denn ich wollte nicht, dass jemand mich hier und schlimmer noch, mein Baumhaus entdeckte. Warum ist sie allein? Sie hat doch sonst immer jemanden bei sich oder ist in Begleitung... Ich hatte sie jedenfalls noch nie alleine gesehen. Ich wurde neugierig. Wo geht sie hin? Was will sie hier? Ich entschied mich ihr in sicherem Abstand zu folgen. Zumindest soweit ich sie sicher verfolgen konnte.

 

Nach gut sechshundert Schritt und zwei Abzweigungen hatte ich dann auch schon eine Vermutung wohin sie gehen würde. Es gab im Waldinneren eine kleine Lichtung mit einem kleinen Waldsee. Der Weg zu diesem Waldsee war schon ziemlich verwachsen. Jedoch kam man immer noch gut hindurch. Aber warum nahm sie diesen Weg und nicht den Weg von der anderen Seite des Waldes, der erstens für sie kürzer und zweitens besser passierbar für sie gewesen wäre. Und tatsächlich nach gut weiteren dreihundert Schritten erreichte sie den Waldsee. Obwohl dieser Ort wirklich schön ist, kommt hier kaum noch jemand her. Das liegt zum einen daran, dass es noch einen viel größeren See in Kaven gibt und dieser mit seinem klaren Wasser und der guten Lage deshalb wohl bevorzugt wird. Diesen Waldsee kennen nur die Wenigsten. Wozu dann auch wohl Mallen gehörte. Ich war zu neugierig und naja, ich wollte einfach noch nicht wieder zurück.

 

Mallen schlüpfte aus ihren Schuhen, lies die Träger ihres Kleides von den Schultern und somit ihr Kleid von ihrem schmalen Körper gleiten. Mir stockte der Atem. Ihr Körper hatte zwar noch nicht die Reife einer erwachsenen Frau, aber ich fand sie war auch so schon wunderschön. Nachdem sie sich dann auch noch ihr letztes Kleidungsstück entledigt hatte, sprang sie mit einem gekonnten Hechtsprung ins Wasser. Trotz meiner Benommenheit sagte mir mein Verstand, dass ich weggehen sollte. Aber ich blieb und schaute ihr noch weiter beim Baden zu. Als ich mich dann doch etwas widerwillig aufmachte um zurück zur Hütte zu gehen, drehte ich mich nochmal zu ihr um. Was ich dann sah, hatte mich in eine Art Schockstarre versetzt. Mallen sah mich direkt an. Wir waren zwar immer noch rund zweihundert Schritte voneinander entfernt, aber ich meinte, dass sie zweifellos und völlig reglos zu mir herüber schaute. Ich rührte mich kein bisschen. Dann nach einer gefühlten Ewigkeit neigte sie, als sei nichts gewesen, ihren Oberkörper langsam zum Rückenschwimmen nach hinten. Ich atmete erleichtert aus und machte mich dann so schnell und leise wie möglich davon. Hat sie mich nun gesehen? Hat sie mich erkannt? Sie muss mich doch gesehen und erkannt haben! Aber warum hat sie dann so getan als ob nichts gewesen wäre? Warum hat sie nicht geschrien? Meinen Namen geschrien oder sonst was gemacht? Sie jedenfalls hat sich mir gegenüber danach nie etwas anmerken lassen. Aber warum? Vielleicht aber hat sie mich auch nicht gesehen und sie hatte nur zufällig in meine Richtung geschaut. Ich möchte das glauben. Aber, ich glaubte nicht wirklich daran.

 

Das waren bisher die zwei einzigen Begegnungen mit ihr, nach all den Jahren Schulzeit die ich bisher mit Mallen hatte. Das nun aber Mallen mit mir eine Stunde nachsitzen muss, lässt meinen Mund trocken und meine Hände ganz schwitzig werden. Mallen und ich... mein Gott... die Schöne und das Biest. War das der Grund für meine ungewöhnliche Angst in letzter Zeit gewesen...?

 

Nachsitzen

 

Nach der letzten regulären Stunde war es dann soweit, dass Mallen und ich in unserem Klassenraum unsere zusätzliche Stunde ableisten durften.

 

Herr Klimp kommt rein und gibt uns unsere Aufgaben, die wir in dieser Stunde erledigen sollen. Mallen sitzt zwei Reihen weiter hinter mir. Die Aufgaben sind aus meiner Sicht nicht schwierig und leicht zu schaffen. Nach gut einer dreiviertel Stunde völliger Stille zwischen mir und Mallen bin ich fertig mit den Aufgaben. Mir wurde die Stille langsam unheimlich und ich bin neugierig wie weit Mallen ist und was sie hinter mir so macht.  Ich drehe mich also kurz um und sehe, dass sie auch fertig ist und mich nun nachdenklich, zurückgelehnt auf ihrem Stuhl, anstarrt.. "Was ist?" Frage ich sie. "Naja, ich frage mich nur, warum du hier bist" antwortet Mallen. "Wieso? Hat Dir inzwischen noch keiner erzählt, dass ich Jaden zu Beginn der ersten Stunde angeschrien habe?" Antworte ich mit einer Gegenfrage. Mallen: "Doch schon, aber trotzdem frage ich mich warum du ihn angeschrien hast und du nun hier bist?" Worauf will sie hinaus? Wundere ich mich.. und frage schließlich: "Wie meinst du das?" Mallen: "Also, wir gehen doch schon seit mehr als drei Jahren gemeinsam auf dieselbe Schule und sogar in die selbe Klasse, ja?" "Richtig, und?" Entgegne ich. "Ich bin neugierig und ich beobachte halt gern. Und ich beobachte besonders Menschen die etwas anders sind als die anderen. Und ich finde, du bist entschieden anders als anderen." Nun war ich fassungslos und glaube gar nicht was ich da gerade hörte.. Habe ich das gerade richtig verstanden? Hat sie das gerade wirklich gesagt? Sie, Mallen, kann das sein, dass sie mich interessant findet? Mallen weiter: "Und ich denke Rota, dass du nicht wirklich der bist den du vorgibst zu sein". "Und wer bin ich dann deiner Meinung nach?" Frage ich verwirrt. "Kann ich nicht genau sagen.. Ich denke jedenfalls, dass du viel stärker bist, als du uns glauben machen willst. Ich weiß, dass du kaum oder vielleicht sogar gar keine Freunde hast. Also..., ich kenne jedenfalls keinen der dich wirklich mag. Du scheinst nur Ablehnung zu bekommen. Und ich staune, wie jemand ohne die geringste Anerkennung immer wieder die Kraft findet..., weiter zu machen. Zur Schule zu gehen, seine alltäglichen Pflichten nachzugehen oder sogar in einem Wald eine riesige Baumhöhle baut, die man nur entdeckt, wenn man direkt mit der Nase darauf stößt. Und das finde ich irgendwie interessant oder ich will es mal so sagen... das finde ich schon ziemlich erstaunlich und.. bewundernswert".

 

Ich bin nun völlig sprachlos. Verdattert sage ich: "Also.. das... das hat noch keiner zu mir gesagt..." Mallen rückt nun etwas näher zu mir "Was ich jedoch nicht verstehe ist.., obwohl du scheinbar so viel innere Stärke besitzt, das alles zu ertragen, warum lässt du dich trotzdem immer wieder von diesen Idioten schikanieren? Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass du die Schikane sogar begrüßt und dich gerne quälen lässt. Ich meine du bist nicht blöd oder sowas. Ich glaube du weißt sogar genau wie du dich wehren könntest damit dich diese Idioten zukünftig nicht mehr ärgern. Oder? Warum also lässt du zu, dass man dich trotzdem immer wieder ärgert?"

 

Ich bin ziemlich platt, was Mallen soeben gerade zu mir gesagt hat. Was weiß sie noch alles? Sie sieht Dinge, die andere nicht sehen. "Du stellst  Fragen...!" Sage ich nun bemüht ruhig und langsam.. "Meine ehrliche Antwort..., ich weiß selbst nicht warum ich mir das immer wieder gefallen lasse oder ich Jaden und seinen Leuten den Gefallen tue, dass sie sich besser fühlen. Vielleicht will ich nur in Ruhe gelassen werden.., vielleicht neige ich einfach dazu mich selbst, für das was oder wie ich bin, zu bestrafen.. Oder es ist letztlich einfach so wie es ist."

 

Mallen steht auf und kommt auf mich zu. Ich schau ihr ins Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck ist entspannt und irgendwie... leicht amüsiert. Ich staune wieder wie schön sie ist. Ihre aufgeweckten und strahlenden Augen.. ihr Mund ..ihr Gang.. Mein Gott und sie ist doch erst dreizehn. So benimmt sich keine Dreizehnjährige! Mallen setzt sich nun mir gegenüber an den Tisch und schaut mich wieder an und sagt "Irgendwie nehme ich Dir das nicht ab... aber vielleicht ist das der Grund warum ich dich so interessant finde." "Und?... Willst Du das nun herausfinden.. oder was?" Frage ich. "Könnte schon sein..." Entgegnet Mallen. "Und was ist, wenn es da nichts Besonderes gibt...? Wenn ich einfach nur einer bin, der, aus welchen Gründen auch immer, eine rote Gesichtsfarbe hat und blöderweise damit auch noch wie ein Teufel aussieht... und ich letztlich nur das Beste daraus machen will? Was dann?" Entgegnete ich. "Was soll schon sein? Dann habe ich mich halt geirrt. Aber ich habe jemanden kennen gelernt.., der versucht das Beste aus seiner Situation zu machen. Ist doch auch was, oder?" sagt sie und lächelt mir nun zu. Ich habe Mallen schon oft lachen oder lächeln gesehen. Es entspricht ihrem Wesen und ihrer Frohnatur.. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn man von ihr ein Lächeln bekommt. Das Lächeln war echt und es lies mein Herz... Purzelbäume schlagen. Verflucht! Wenn ich nicht schon rot wäre, dann wäre ich nun auf jeden Fall rot geworden. Mir war spätestens jetzt klar, dass ich mich wohl in sie verliebt habe. Aber das konnte und durfte nicht sein. Ich wäre ein Idiot, wenn ich glauben würde, das Mallen mich jemals lieben würde. Sie findet mich.., sagt sie..., interessant und das ist erst mal alles und nichts weiter. Also.., sei kein Narr und bleib ruhig.

 

"Ich will mal so sagen..." fing ich nun an "..es fällt mir schwer, zu glauben, dass du dich wirklich für mich interessierst.., das wäre... etwas völlig Neues für mich. Ein Gedanke an den ich mich erst einmal gewöhnen müsste.."  ...und an den ich mich natürlich auch gerne gewöhnen würde.., dachte ich noch bei mir.  

 

Dann hören wir Schritte. Die Tür öffnet sich und der Lehrer Herr Klimp betritt das Klassenzimmer. "Die Stunde ist um. Ich hoffe sie haben Ihre Lektionen gelernt. Geben sie mir nun Ihre Ausarbeitungen." Wir geben ihm schließlich unsere Ausarbeitungen. "Sobald ich mir Ihre Arbeiten angesehen habe und Sie nichts mehr von mir hören sollten, ist die Sache für Sie beide erledigt. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag."

 

Mallen dreht sich wieder zu mir um. "Ich muss nach Hause! Wenn Du möchtest können wir uns ja mal treffen und unser Gespräch dann fortsetzen. Ich würde mir auch gern mal deine Baumhöhle von innen ansehen." Sie lächelt mir wieder zu. "Ohh..., ja.. ja natürlich, können wir das machen" antworte ich wieder völlig verdattert und kann das alles immer noch gar nicht fassen. "Wann?" Fragt Mallen nun und ergänzt noch.. "..Also heute kann ich nicht. Ich bin schon mit Kordi verabredet.., aber morgen, nach der Schule?" Oh Gott...! Reiß dich zusammen, sage ich zu mir selbst und antworte schließlich.. "Gut, morgen ist für mich in Ordnung. Wenn Du willst können wir uns bei meiner Baumhöhle treffen... Die kennst Du nun.. leider.. mittlerweile..ja". Mallen lacht, wahrscheinlich wegen meiner Bemerkung -leider- "Ja, dann bis morgen, bei deiner Baumhöhle...! Bis denn Rota!" "Bis dann, Mallen!".

 

Übernatürlich

 

Auf dem Rückweg nach Hause denke ich die ganze Zeit über das Gespräch mit Mallen nach. Ich bin darüber immer noch ziemlich verwirrt. Was will Mallen von mir? Nie gab es jemanden der sich wirklich für mich interessierte oder der mit mir befreundet sein wollte und nun ausgerechnet... Mallen! Das vielleicht beliebteste Mädchen von ganz Kaven, was zu mindestens für den männlichen Teil von Kaven zutrifft. Sie bewundert mich oder findet es zu mindestens interessant, dass ich mich aufgrund meiner Situation nicht unterkriegen lasse. Mir bleibt doch gar nichts übrig als das Beste daraus zu machen. Würden denn andere sich anders verhalten? Jeder versucht doch irgendwie das Beste aus seiner Situation zu machen. Ich habe auch nie daran gedacht, dass ich etwas Besonderes sein könnte. Und wenn es etwas Besonderes an mir gibt, dann ist es nur dieses Feuermal, was mir ein monströses Aussehen verleiht. Aber vielleicht ist da wirklich doch etwas mehr...

 

Sie hatte vielleicht nicht Unrecht, als sie andeutete, das ich vielleicht nicht nur innerlich stark sein könnte, sondern mich möglicherweise auch körperlich meiner Haut wehren könnte. Tatsächlich bin ich, wenn ich genauer darüber nachdenke, auch noch nie richtig an meine Leistungsgrenze gekommen. Alles was ich heben und  bewegen wollte, habe ich meistens auch ohne weiteres Nachdenken bewältigen können. Warum habe ich eigentlich nie ausprobiert wie stark ich wirklich bin und wo meine Grenzen sind. Jedes normale Kind versucht, ob spielerisch oder auf andere Weise, seine Grenzen auszuloten. Ich habe es nie versucht. Warum eigentlich nicht? Okay, ich hab aufgrund meines Aussehens keine Freunde oder Spielkamerden mit denen ich mich hätte messen können. Trotzdem? Aber.., was man noch nicht gemacht hat, kann man immer noch nachholen.. Ich werde gleich bei meiner Baumhöhle sein und dort kann ich ja testen wo meine Grenzen sind. Klimmzüge wäre vielleicht eine gute Möglichkeit...

 

Kurze Zeit später erreiche ich dann meine Baumhöhle. Ich klettere meine Baumhöhle hinauf und finde auch schnell einen geeigneten Ast um daran Klimmzüge zu machen. Beim ersten Klimmzug merke ich gleich, dass es anstrengend ist und ich durchaus viel Mühe habe mich nur mit meiner Armkraft nach oben zu ziehen. Aber es gelingt. Der zweite Klimmzug gelingt ebenfalls, jedoch auch nur mit größter Mühe.. Ächzend schaffe ich auch den Dritten. Der vierte Klimmzug wird zu einer echten Herausforderung und ich schaffe es nur mit äußerster Willenskraft. Ich versuche den Fünften... auf halbem Weg und an einem Punkt, wo ich gerade aufgeben wollte, bemerke ich auf einmal in meinen Armmuskeln eine kleine Leistungsreserve, die mich dann wieder etwas höher befördert und ich mit einem lauten Stöhnen auch den fünften Klimmzug schaffe. Obwohl ich ziemlich erschöpft bin, versuche ich nun den sechsten Klimmzug. Auch hier bemerke ich wieder eine kleine Kraftreserve, die mich, trotz heftiger Schmerzen im Oberarm, auch diesen sechsten Klimmzug schaffen lässt. Ich versuche nun den siebten Klimmzug. Auch lässt mich diese zusätzliche Kraftreserve diesen Klimmzug schaffen. Ich mache weiter und weiter.. Die Schmerzen lassen zwar nicht nach, jedoch schaffe ich alle Klimmzüge.. Ich bin nun beim dreiunddreißigsten Klimmzug und merke, dass ich immer noch weitere machen kann. Beim hundertsten Klimmzug höre ich schließlich auf. Meine Arme schmerzen höllisch, aber mir ist klar, ich hätte noch weiter und weiter machen können. Scheinbar habe ich tatsächlich Kräfte in mir die ungewöhnlich sind. Ich bin begeistert und finde es natürlich fantastisch diese Kräfte zu haben, die mir vielleicht noch ganz nützlich sein könnten. Aber wieso? Woher oder warum habe ich diese Kräfte? Was kann ich sonst noch? Ich klettere wieder von meiner Baumhöhle nach unten und gehe zum nächstbesten Baum. Der Baum hat einen Umfang von rund eineinhalb Schritt. Habe ich die Kraft den Baum zu schütteln oder sogar umzukippen? Ich kann es mir nicht vorstellen und komme mir ein wenig lächerlich vor... aber ich möchte es jetzt einfach wissen. Ich stämme mich nun mit aller Kraft die ich aufbringen kann, mit meinen Händen und meinem Körper gegen den Baum. Es tut sich nichts. Ich versuche mich mit noch mehr Kraft gegen den Baum zu drücken.. Nichts! Das einzige was passiert ist, dass ich mich selbst vom Baum wegdrücke. Mir wird klar, dass das so ja auch nichts werden kann. Physikalische Gesetze! Ich schau mich um. Weiter hinten liegt ein umgefallener Malvenbaum. Zwischen Wurzel und Baumkrone stelle ich mich unter dem Stamm. In gebückter Haltung fasse ich den Stamm mit meinen Händen und versuche den Baumstamm zu heben. Mit aller Kraft drücke ich. Ich denke noch.. was für ein Blödsinn machst du da eigentlich.. doch dann als ich schon fast aufgeben wollte und mit noch mehr Kraft gegen den Baum drücke, bemerke ich tatsächlich das sich der Baum etwas bewegt hat. Dies ermuntert mich noch stärker zu drücken. Ich bemerke wie ich mich selbst tiefer in den Waldboden drücke, aber nur bis zu dem Punkt wo der Boden eine Festigkeit hat, den Druck meiner Füße zu halten. Dann endlich schaffe ich es diesen Koloss von Baum, zu heben und neben mir wieder fallen zu lassen. Unglaublich! Mein Gott..! Wahnsinn..! Habe ich das wirklich gerade geschafft? Meine Muskeln, Arme, Beine, Rücken brennen und schmerzen.. Aber das ist mir in diesem Moment egal. Schmerzen kommen und gehen für gewöhnlich ja auch  wieder...

 

Was mache ich nun mit dem Wissen, dass ich ungewöhnliche Kräfte habe? Setze ich diese ein um mich gegen Jaden und die anderen, die mich täglich schikanieren und ärgern, zu wehren? Was würde passieren? Sie würden vielleicht damit aufhören..., aber ob sie mich dann respektieren würden.., wage ich sehr zu bezweifeln. Ich denke sie würden eher vorsichtiger werden und wenn sich irgendwann dann eine günstige Gelegenheit bietet, dann würden sie diese Gelegenheit nutzen und mich so richtig fertig machen. Nein..., das werde ich also nicht tun. Ich werde es geheim halten. Besser und vor allem aufregender ist es doch diese außergewöhnlichen Kräfte nur dann, wenn es wirklich notwendig ist einzusetzen. Das Überraschungsmoment wäre dann jedenfalls auf meiner Seite. Ich bin eigentlich eher der Typ, der kaum lächelt, aber in diesem Moment musste ich dann doch.. ein wenig... lächeln.

 

Zuhause

 

Es ist schon spät. Petra, Justin und Sophia werden bestimmt schon zu Mittag gegessen haben. Ich glaube und hoffe nicht, dass sie auf mich gewartet haben. Wenn sie gewartet haben, werden sie mir dies bestimmt auch gerne wieder vorhalten. Dass sie lange auf mich gewartet hätten.., was sie nicht alles in dieser Zeit hätten machen können und, und, und. Egal, sollen sie doch! Diesen Tag können auch sie mir nicht mehr vermiesen. Wie befürchtet, als ich dann Zuhause angekommen bin, kommt mir Justin auch gleich im Flur entgegen. "Ohh.. da ist ja unser Rota! Kommt so mir nichts dir nichts, wie es ihm halt gerade gefällt nach Hause und möchte womöglich wie selbstverständlich nun sein Mittagessen vorgesetzt bekommen! Du egoistischer Taugenichts.., weißt du eigentlich wie lange wir auf dich Nichtsnutz gewartet haben...?" Ich versuche mich gerade zu erklären, werde aber dann sofort kopfschüttelnd von Justin weggeschupst. Ich pralle gegen die Wand und verliere das Gleichgewicht und falle schließlich zu Boden. "Du bist so ein..., aaach.. das hat sowieso keinen Sinn" und geht dann wütend an mir vorbei in sein Zimmer. Wobei er daraufhin noch kräftig die Tür hinter sich zuschlägt. Nun kommt Petra aus der Küche und sieht mich auf dem Boden liegen. "Wir haben lange auf dich gewartet. Kannst du dir nicht vorstellen, dass wir uns vielleicht auch Sorgen machen, wenn du nicht kommst?" Sie schaute dabei sogar wütend zu mir herunter. Sie, die sonst immer die Ruhe in Person ist und sich so gut wie nie über etwas ärgert oder aufregt. Ich schaue schließlich zu ihr hoch und sage.. "Der Lehrer hat mich eine Stunde nachsitzen lassen.., das war alles.. und mehr möchte ich auch nicht dazu sagen. Rechnet doch einfach in Zukunft immer damit, dass ich eine Stunde oder sogar noch später komme, dann braucht ihr Euch auch keine Sorgen um mich zu machen." "Werde nicht auch noch frech! Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen und du dankst es uns immer wieder mit deinen ständigen Frechheiten... ". Ich schaue sie an und sie mich. Ich entschließe mich nichts darauf zu sagen. Sie atmet tief durch und seufzt.. "Komm erst mal hoch und setz dich in die Küche. Du solltest jetzt erstmal etwas essen.." Ich ging dann in die Küche. Petra gab mir dann noch den Rest vom verbliebenen Essen. Es gab Gemüseeintopf, den ich dann auch komplett aufgegessen habe. Petra setzte sich jedoch nicht mehr zu mir. Sie entschuldigte sich, da sie noch mit ihrer Freundin verabredet war. Mir war es egal. Ich war froh, dass ich hier allein war und ungestört das tun konnte, was ich noch tun musste.

 

Treffen

 

Am nächsten Tag nach der Schule war es dann soweit, dass ich zum ersten Mal mit Mallen verabredet war. Zuhause habe ich Petra gesagt, dass ich heute zum Mittagessen nicht da sein werde und erst gegen Abend wieder komme. In der Schule ist heute ansonsten nichts weiter Nennenswertes passiert, bis auf die Tatsache, dass Jaden mich wie gewohnt beleidigte und demütigte. Als ich dann in meiner Baumhöhle angekommen bin, dauerte es auch nicht mehr lange und Mallen erreichte die Baumhöhle und rief nach mir. "Hallo Mallen, warte.. ich lass gleich die Strickleiter runter." Ich selbst nehme bevorzugt immer gerne den Kletterweg, aber ich habe, warum genau wusste ich selbst nicht, auch eine Strickleiter angefertigt um damit bequemer die Baumhöhle zu erreichen. Ich selbst aber habe nur einmal diese Strickleiter benutzt und das, war auch nur deshalb um zu testen ob die Strickleiter überhaupt funktionierte. Als ich die Strickleiter jedoch gerade herunter lassen wollte, kommt mir Mallen aber schon gleich auf halben Kletterweg entgegen. Mallen trägt praktischerweise sogar eine Hose. Es ist nicht ungewöhnlich in Kaven, das Frauen und Mädchen auch Hosen tragen, aber es kommt nicht häufig vor. Ich selbst finde das Mädchen und Frauen allgemein in Hosen eher unvorteilhaft aussehen. Bei Mallen hingegen muss ich zugeben, das ihr die Hose sehr wohl steht. Als sie dann schließlich kletternd meine Baumhöhle erreicht hat, sieht sie mich lächelnd an und sagt "Hallo Rota!..... und... darf ich rein?" Ich geh beiseite und öffne die Klapptür zu meiner Baumhöhle. Sie geht rein. Mallen schaut sich um, geht wortlos von einem Ausguck zum anderen, sieht sich meine bescheidenen Möbel und meinen Liegeplatz genauer an, bis sie sich schließlich auf dem Hocker hinsetzt und mich wieder ansieht. Ich selbst bin wieder so von ihr fasziniert, dass ich ihrem Blick nicht lange standhalten kann und ich mich schließlich wegdrehe. "Wahnsinn! Und das hast du alles allein gebaut? Schon allein die Größe..., irre. Von draußen gesehen wirkt alles viel kleiner und dann hier... doch so ... ja riesig.. Ich wusste, dass in dir sehr viel mehr steckt als du nach außen hin immer zeigst. Ich wette das Ding..., dein Baumhaus hier..., ist sogar absolut sturmfest. Nass wird man hier bestimmt auch nicht, oder?" "Nein, nass... wird man hier nicht." sage ich nicht ganz ohne Stolz.  Sie schaut mich wieder an und schweigt, bis sie dann doch wieder eine Frage stellt. "Wieso hast du diese Hütte eigentlich gebaut? Ich meine war es einfach nur..., weil du Lust hattest etwas zu bauen oder gibt es hierfür einen besonderen Grund?" Ja, warum habe ich diese Hütte gebaut...? Ich überlege, bis ich schließlich sage: "Mir hat es auf jeden Fall Spaß gemacht etwas nur für mich zu bauen...., naja und ich denke..., weil ich mir hier ein Platz geschaffen habe, wo ich mich einfach wohl und irgendwie sicher fühle." Sie nickt... "kann ich mir gut vorstellen" sagt sie schließlich und fragt weiter: "Was hast du anzubieten?" "Wie? Was hab ich anzubieten?" Entgegne ich. "Ich meine.., ich bin doch dein Gast, oder? Und einem Gast bietet man doch für gewöhnlich etwas an.." und schaut mich dabei ein wenig neckisch an. Ich musste grinsen.. "Ich habe gesehen, dass du klettern kannst und ich glaube, dass du das vielleicht auch gerne machst... Was hältst du davon, wenn ich dir ein paar wirklich tolle Plätze zum Klettern zeige?" Sie schaut mich dankbar und lächelnd an. "Da bin ich dabei! Ich liebe Klettern!"  "Gut!." sage ich "..dann können wir gleich bei diesem Baum anfangen. Wenn wir oben sind, ich sage dir..., die Aussicht ist... ach was sage ich..! Du wirst es ja selber sehen.. ". Wir kletterten dann diesen Baum bis fast zur Spitze hoch. Der Baum gehört zu den höchsten Bäumen in diesem Wald und misst vielleicht gut über fünfzig Schritt. Mallen, erwies sich hierbei auch als wirklich geschickte Kletterin, obwohl ich von ihr auch nichts anderes erwartet hatte. Sie war stets in allem sehr gut.. und da gab es bisher nie eine Ausnahme. Als wir schließlich oben angekommen sind, genoss sie diesen Augenblick und diese Aussicht. Dieses Glücksgefühl was sie offensichtlich spürte, war echt und ich empfand zum ersten Mal ebenfalls einen Moment des Glücks, da ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem eine Freude machen konnte. Als wir wieder nach unten geklettert waren und wir uns wieder in meiner Hütte befanden, war es doch schon später geworden als wir angenommen hatten. "Ich würde immer wieder gern nach oben zur Spitze des Baums klettern.. Es war.. aufregend und die Aussicht ist dort atemberaubend schön." schwärmte Mallen immer wieder. "Ich werde dich nicht daran hindern.. aber, es gibt zum klettern auch noch andere schöne Bäume in diesem Wald, die auch so ihren Reiz haben und wenn du Lust hast, könnte ich dir die auch noch gerne zeigen." "Möchte ich!" sagte sie sofort und grinst mich dabei verrückt an.

 

"Mallen.., " ich mache eine Pause.. und werde nun ernster "..warum gibst du dich mit mir ab? Ich verstehe das irgendwie nicht. Jeder würde dich liebend gern zur Freundin haben und mit dir die Zeit verbringen.. und du, du verbringst nun deine Zeit mit mir. Mit mir, dem wohl unbeliebtesten und ungeheuerlichsten Typen in ganz Kaven?" Mallen: "Ich finde nicht, dass du ungeheuerlich bist. Ungewöhnlich bist du.. das könnte stimmen, ja.. aber wie ich dir schon gesagt habe.. du bist anders und es ist mit dir nicht langweilig. Ich finde es... irgendwie... spannend wie du bist und was du machst. Und die anderen.., Kordi, Maja, Greta oder wen ich von meinen sogenannten Freundinnen auch nenne.. Entweder es dreht es sich bei ihnen nur um ihr blödes Aussehen oder es geht um Themen wer von den Jungs am Peinlichsten, am Blödesten, am Tollsten oder was auch immer ist.. Und die anderen Jungs.. naja, die kennst du selbst besser als ich." "Mag sein das dies vielleicht auf unsere Klasse zutrifft, aber was ist mit den anderen...? Wie beispielsweise Jake Flanders?" Jake geht in die Sechste und ist damit zwei Klassen über uns. Er gilt für viele wie so eine Art Held. In vieler Hinsicht ist er jedenfalls ein Vorbild. Er gilt als aufrichtig, ehrlich und er besitzt Anstand.  Hinzu kommt, dass er auch noch gut aussieht. Er ist kein Schönling, aber er hat eine gewisse Ausstrahlung. Vor ein paar Jahren hat er sich für einen Jungen eingesetzt, der verbannt werden sollte, weil er seine Mutter getötet haben soll. Der Junge war nicht gerade beliebt und galt auch als sehr schwierig. In dieser Sache hat Jake jedenfalls viele gegen sich aufgebracht und musste dabei sogar einiges erleiden. Jake hatte aber letztendlich beweisen können, dass der Junge wohl doch nicht der Mörder sein konnte. Soweit ich weiß hat der Junge sich aber nie bei Jake bedankt, sondern hatte ihn im Gegenteil sogar später noch beleidigt. Warum Jake sich für ihn so eingesetzt hat, ist für viele immer noch ein Rätsel. Aber wie er sich für ihn eingesetzt hat, hat ihm viel Respekt und Bewunderung eingebracht.  Mir selbst hat er auch schon wegen seiner blöden Mitschülern geholfen, als diese mir eines Tages aufgelauert haben und mich in einer Tonne den Hügel runterrollen wollten. Jake war allein und sie waren zu dritt. Jake blieb cool und fragte nur was ich denn getan hätte, dass man mir das jetzt antun will. Ich sagte natürlich, und das war die Wahrheit, dass ich nichts getan hätte. Jake wird von seinen Mitschülern respektiert und es bedurfte nicht vieler Worte von Jake und sie ließen es schließlich sein. Als die Mitschüler von Jake dann weg waren, bedankte ich mich bei ihm. "..Idioten gibt's immer! Da kann man wohl nichts machen..., von daher... mach’s gut und pass auf dich auf Rota." Dann ging er weiter. Ich muss zugeben, auch ich bewundere Jake. Mallen überlegt, bis sie schließlich sagt: "Okay, Jake ist eine Ausnahme. Aber er ist in der sechsten Klasse und hat bestimmt kein Interesse daran mit mir "kleines Kind" die Zeit zu verbringen!" Das sehe ich zwar anders, denn ich hatte des Öfteren beobachtet wie Jake manchmal unauffällig und heimlich Mallen ansah. Und bei Mallen, wenn ich mich nicht getäuscht habe, habe ich ähnliches beobachtet, wie sie nämlich manchmal heimlich Jake beäugte. "Magst du Jake?" Fragte ich nun Mallen. "Ich kenne ihn leider zu wenig, aber er scheint ganz in Ordnung zu sein. Und was hältst du von ihm?" "Er hat mir vor einiger Zeit mal aus der Patsche geholfen. Er und du seid bisher jedenfalls die Einzigen die mich nicht wie eine Mistgeburt oder ein Ungeheuer behandelt haben. Von daher gehört Jake für mich zu einem der wenigen, zu dem ich nichts Schlechtes sagen kann." "Ich finde du siehst für eine Mistgeburt aber recht passabel aus." "Mallen, ich sehe wie eine Ausgeburt der Hölle aus..!" "Ach hör auf, Rota! Du magst wegen deiner Gesichtsfarbe vielleicht eine teuflische Erscheinung haben und für viele vielleicht auch unheimlich wirken. Aber..., meiner Meinung nach.. kann auch ein Teufel durchaus gut aussehen und ich finde du siehst für mich mindestens... interessant aus." Mallen sagte dies mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern.. Ich seufze und erwidere schließlich: "Wenn du's sagst.. dann sollte ich mich demnach wohl glücklich schätzen.." Sie nickte "Vielleicht kannst du das sogar und wer weiß was der liebe Gott mit Dir sonst noch alles vorhat?" "Oder .. der Beelzebub!" Ergänzte ich leise.  Mallen lachte "Gut.. was soll‘s.. oder vielleicht auch der..". "Es ist spät geworden..., Mallen, ich muss mich denke ich, langsam auf den Weg nach Hause machen." Mallen nickte. "Ich weiß, ich werde wahrscheinlich schon selber von meinem Vater zu Hause vermisst." Mir schwirrten nun viele Gedanken durch den Kopf. Alles hat sich irgendwie verändert und war nicht mehr so wie sonst. Es war ein wunderschöner Tag für mich gewesen und ich hatte diesen Tag mit Mallen verbracht und ihr hat der Tag scheinbar ebenso gefallen. Hinzu kommt, das Mallen mich nicht abstoßend findet, sondern vielleicht tatsächlich sogar mag. Etwas völlig Neues für mich. Aber wie soll das hier weitergehen? Was ist morgen in der Schule? Wird sie mit mir reden, wie wir es hier getan haben? Für mich und vielleicht auch für alle anderen Schüler unserer Klasse und auch anderer Klassen unvorstellbar. Und erst Jaden und seine Bande... "Bevor du gehst, Mallen, wie wirst du dich morgen in der Schule mir gegenüber verhalten? Ich meine...." Mallen: "Wieso? Ich werde mich natürlich in der Klasse neben dich setzen. Ich meine warum sollte ich noch bei der albernen Greta sitzen.., wo du mir doch nun viel lieber bist." Sie fing an zu lachen.."Nein, keine Angst, wenn du willst, dann ist dies unser Geheimnis... und vorausgesetzt ich darf wiederkommen." sagte Mallen. "Ich würde mich jedenfalls freuen wenn du wiederkommen würdest.." sagte ich. "Und wann wollen wir uns hier wieder treffen?" fragt sie nun. "Wann du möchtest". "Dann nächste Woche? Gleiche Zeit?" Ich nickte und sagte nur "Ja".

 

Es vergeht ein Jahr...

 

Und so kam es, dass wir uns öfters und fast regelmäßig in meiner Baumhöhle trafen. Wir erkundeten neue Kletterbäume und nahmen weitere Verbesserungen an der Baumhöhle vor. Wir erweiterten die Hütte sogar um eine weitere Etage, die zwar wesentlich kleiner als die eigentliche Baumhöhle ist, aber sich als recht nützlich erweist. Auch nahmen wir häufig Zisko mit, mit dem wir dann häufig den Wald durchstreiften und immer viel Spaß hatten. In der Schule gaben wir unsere Freundschaft nicht zu erkennen. Wir sprachen dort nicht miteinander und halfen uns gegenseitig auch nicht. Ich war wie bisher der Außenseiter in der Schule und ließ mich wie sonst auch von vielen, insbesondere natürlich von Jaden, schikanieren und ärgern. Es machte mir jedoch neuerdings noch weniger aus. An den Tagen wo ich mich nicht mit Mallen traf, habe ich meine ungeahnten Kräfte weiter erforscht und diese ausprobiert. Dabei habe ich auch Fortschritte gemacht. Ich bin nicht unbedingt stärker geworden, aber ich gewöhne mich immer mehr an die Schmerzen sobald ich über meine natürliche Leistungsgrenze komme.  Die Schmerzen sind zwar genauso intensiv wie vorher, aber das Wissen, dass der Schmerz mir bekannt ist und diese auch immer schneller nachlassen, lässt mich nun wesentlich mehr an Schmerzen aushalten, als es vorher der Fall war. Bisher habe ich meine Kräfte noch keinem zu erkennen gegeben, aber nach gut mehr als einem Jahr, nachdem Mallen und ich Freunde wurden, sollte es schließlich das erste Mal dazu kommen, dass ich diese Kräfte einsetzte.

 

Alles ändert sich...

 

Es ist ein Spätsommertag und ich war gerade bei meinen Nachbarn Marla und Debbie Gruden gewesen und habe Zisko mitgenommen um dann wieder zu meiner Baumhöhle zu gehen. Heute will ich endlich die Eckbank fertigbauen, die ich vor gut einer Woche begonnen habe zu bauen. Die Baumhöhle ist mittlerweile wirklich wohnlich geworden und ich konnte mir sogar vorstellen in der Not mal hier zu leben. Als ich dann jedoch die Baumhöhle erreichte, sah ich das etwas absolut nicht stimmte. Holz lag überall um meinen Baum herum. Wieso lag so viel Holz um meinen Baum? Mein Herz fängt an schneller zu schlagen. Entsetzen packt mich und ich muss erkennen, dass es das Holz von meiner Baumhöhle ist, welches überall zerstreut um den Malvenbaum herumliegt. Meine Baumhöhle, woran ich über mehr als vier Jahre lang gearbeitet hatte, mein ganzer Stolz, war völlig zerstört. Ich schreie "Neiiiin, nein, nein, nein ..neiiiiiin!" Immer wieder. Ich renne um den Baum herum, ich schaue zum Baum hoch, dann wieder um mich herum.., dann wieder zum Baum hoch. Ich will es einfach nicht wahr haben. Schließlich gehe ich zu Boden und schließe meine Augen. Schmerz. Nein, das kann nicht sein... Ich muss weinen. Dabei will ich nicht weinen. Weinen hilft einem nicht weiter.. Dann höre ich Schritte.

 

Ein ironisches: "Buhuu, buhuu, heul, heul.. unser Roter Teufel hat keiiine Hütte mehr... ohhh ohhh daaas tut mir aber Leid.." Das war eindeutig die Stimme von Jaden. Mein Entsetzen und meine innerliche Leere schlagen sofort in wilde Wut um. Jaden! Diesmal ist er zu weit gegangen! Ich drehe mich zu der Stimme um. Jaden, Pelle, Gero und Alvin kommen langsam und betont lässig näher. Jeder von Ihnen hat entweder einen schweren Schlagstock oder einen schweren Hammer in der Hand. Mit denen sie mit großer Wahrscheinlichkeit kurz vorher meine Baumhöhle zerstört haben. "Also ich muss schon sagen.. Rota.. als ich dich gestern mit Mallen hier gesehen habe ..ich wäre fast vom Glauben abgefallen.. die Schöne und das Biest. Ich dachte das gibt’s nur im Märchen. Jeder von uns träumt von so einer Schlampe wie Mallen. Und du? Ausgerechnet du, hast es mit ihr hier jeden Tag offenbar pausenlos getrieben. Das lieber Rota, konnten wir natürlich nicht weiter zulassen. Das ist dir doch klar... Rota. Das verstehst du doch.., Rota.. oder....? Du brauchst mich jetzt gar nicht so böse anzuschauen.. Rota." sagte Jaden in einem ironisch selbstgefälligen Ton.

 

"Du bist zu weit gegangen.." knurrte ich nur und stehe auf und gehe langsam auf Jaden zu. "Nein Rota, nein, nein, ich bin nicht zu weit gegangen ..du verstehst ja immer noch nicht.. DUUuu dummer Freak bist viel zu weit gegangen.  Und wir wollen das einfach nicht mehr durchgehen lassen" Grinste Jaden und schlägt dabei kühl und gelassen immer wieder seinen Hammer in seine linke Hand. Zisko, der die Gefahr instinktiv wohl spürte, die von den vier Eindringlingen ausgeht, knurrte unentwegt, bis er schließlich auf den größten und stärksten der Jungen, Alvin, zu rennt und ihn bedrohlich anknurrt und anbellt. Dann erhebt Alvin plötzlich seine rechte Hand. Ich erkenne erst jetzt entsetzt, das Alvin einen Hammer in der rechten Hand hält. "Neiiiin!" Alvin schlägt schnell und erbarmungslos zu. Er trifft Zisko direkt mit dem Hammer auf den Kopf. Zisko gibt noch ein kurzes und entsetzliches Jaulen von sich und liegt dann nur noch reglos auf dem Boden.. "Uiiii, habt ihr das gesehen..." gab Alvin dann noch überrascht lachend von sich. Ich drehe mich von Jaden nun zu Alvin um. Ich sehe noch in Alvins Augen. Augen die plötzlich nur noch Angst und Schrecken erkennen lassen. Dann schlug schließlich zu und ich schlug mit aller Wut und Kraft die ich in diesem Moment aufbringen konnte zu. Ich treffe Alvin direkt mit meiner Faust in's Gesicht. Es knackt und ich spüre, das so mancher Knochen in seinem Gesicht bricht. Meine Hand schmerzt entsetzlich. Alvin fliegt nach hinten, fällt um und bleibt reglos liegen.  Ich wende mich nun wieder zu Jaden um und will mich nun auf ihn stürzen.. Jaden schaut mich nun verwirrt an.., so als wolle er das absolut nicht glauben, was er soeben tatsächlich gesehen hatte. Plötzlich höre ich jedoch Pelle hinter mir. Dann... verspüre ich einen blitzartigen, dumpfen und entsetzlichen Schmerz an meinem Hinterkopf. Dann war nur noch Dunkelheit... und ich war... weg.

 

Kerker

 

Es ist stockduster als ich langsam wieder zu mir komme. Mir ist kalt und mein Kopf fühlt sich an, als wäre er kurz vorm Platzen.. Diese Schmerzen! Was war passiert? Und dann dämmerte es mir plötzlich wieder.. Zisko! Meine Baumhöhle! NEIN! Ich erinnere mich wieder. Ich beiß die Zähne zusammen, so als ob ich diese Schmerzen damit verdrängen könnte. Ich habe Alvin in meiner Wut erschlagen. Es ist nicht so, dass ich diese Tat bereue, denn Alvin war für mich ein Sadist und hatte es letztendlich einfach verdient. Aber möglicherweise hatte ich nun etwas von meinen Fähigkeiten verraten, so das Jaden und die anderen nun gewarnt sein könnten. Egal.. Wo bin ich überhaupt? Ich bin nicht zu Hause. Es ist so dunkel hier, dass ich kaum etwas sehe. Ich stelle fest, dass ich auf etwas Hartem liege. Eine Liege ohne Matratze und Decke. Es riecht nach Pisse und Dreck. Dann erkenne ich trotz der Dunkelheit Gitterstäbe. Mir wird nun klar wo ich bin. Ich bin im Kerker der Zitadelle von Kaven.

 

Ich schließe die Augen und falle wieder in einen unruhigen Schlaf. Irgendwann später werde ich wieder wach und höre Schritte. Dann höre ich das Geräusch einer Klappe, durch die etwas geschoben wird. Ich vermute, dass dies wohl meine Kerkersmahlzeit ist. Ich habe Hunger und ich versuche schließlich aufzustehen. Mein Kopf dröhnt und mir geht's schlecht. Ich fasse an meinem Kopf. Er fühlt sich feucht an. Ich vermute das es mein Blut ist was sich so nass anfühlt. Dem ist auch so, als ich meine nassen Finger zum Mund führe und Blut schmecke. Man hat sich noch nicht mal die Mühe gemacht meinen Kopf zu verbinden. Es gelingt mir aufzustehen und mich zur Kerkertür zu schleppen. Ich erkenne dort tatsächlich eine Schale. Ich nehme die Schale in meine Hände. Was auch immer in der Schale ist, es riecht nach nichts und die Suppe oder was auch immer das sein soll ist kalt. Mich ekelt davor. Trotzdem versuche ich den Inhalt der Schale so schnell wie möglich runter zu schlucken. Der Inhalt ist essbar, sämig, fleischlos, ohne Gemüse und ohne irgendeinen erkennbaren Geschmack. Warum esse ich überhaupt noch, frage ich mich nun selbst. Ich habe eigentlich alles verloren woran ich Freude hatte. Meine Baumhöhle, woran ich tagtäglich mit Freude und mit Stolz daran gearbeitet hatte. Zisko, mein treuer und vielleicht einziger Freund den ich hatte und natürlich Mallen. Sie, die mir eine richtige Freundin wurde, von dem ich eigentlich nie zu hoffen gewagt hatte. Mallen, die mich mit ihrem Lächeln, ihrer Erscheinung und ihrer Art wie sie sich gab immer wieder aufs neue verzauberte. Vermutlich wird ganz Kaven nun sogar von unserer Freundschaft wissen und mehr darin sehen wollen als es letztendlich der Fall war. Mallen wird niemals mehr frei und allein mit mir, einem Mörder, sein dürfen.

 

Und was wird man mit mir nun machen? In der Regel wird mit einem Mörder kurzen Prozess gemacht. Man hängt ihn für gewöhnlich. Aber ich bin erst kürzlich fünfzehn geworden und somit kann und darf ich nach dem Gesetz noch nicht getötet werden. Mit Sicherheit dürfte ich jedoch mit einer Verbannung rechnen. Was für gewöhnlich einem Todesurteil gleichkommt. Ohne den Schutz des Bundes der freien Länder, wozu Kaven gehörte, war das Überleben schwierig und sehr gefährlich. In der Wildnis, wohin man verbannt wird, soll es nur Gesetzlose geben und Anarchie herrschen, das Gesetz des Stärkeren. Gefährliche Tiere, wie giftige Schlangen, Wölfe, Bären, erschweren das Leben in der Wildnis obendrein. Und dann gibt es auch noch die Krasianer. Krasien ist ein barbarisches Volk mit grausamen Gesetzen und einer abergläubischen Kultur. Man erzählt sich, dass die Krasianer auch nur starke und gesunde Kinder akzeptieren. Kinder die missgebildet oder häufig krank werden, sollen angeblich von der Gemeinschaft ausgeschlossen und sich selbst überlassen werden. Es sollen dort auch regelmäßig Opferrituale abgehalten werden, um in Notzeiten die Götter milde zu stimmen. Einer wie ich, wäre für die Krasianer auch wohl das geborene Opfer und somit wäre Krasien auch keine Lösung für mich.

 

Die Verbannung wäre somit eine ziemlich schwere Strafe. Schlimmstenfalls müsste ich aber auch damit rechnen, dass man mich zum Teufel jagt. Das Urteil "Zum Teufel jagen" wurde bisher nur bei Erwachsenen verhängt und auch nur bei denen, die eine besonders schwere und schlimme Tat verübt hatten. Bei dieser Art der Verbannung dürfen sich die Bürger, die dem Verurteilten gegenüber einen Groll hegen, rächen und ihn wortwörtlich zum Teufel jagen. Die Bürger die sich hieran beteiligen, werden auch Jäger genannt. Die Jäger erhalten einen von der Stadt bereitgestellten Stock. In der Regel handelt es sich um einen Weidenstock von gut einem Schritt Länge und der Dicke eines erwachsenen Daumens. Andere Mittel und Waffen sind für diese Strafmaßnahme nicht zugelassen, da wohl die Gefahr zu hoch ist den Verurteilten zu schnell zu töten und es sich dann wohl nicht mehr um eine Vertreibung handeln könnte. Hinzu kommt, dass der Verurteilte diese Art der Vertreibung auch noch splitternackt über sich ergehen lassen muss. Die Chancen, dass der Verurteilte dieses Urteil überlebt, sind bestenfalls unwahrscheinlich zu nennen. Die meisten die diese Art der Bestrafung über sich ergehen lassen mussten, schafften es nicht mal bis zur Grenze von Kaven und die, die schnell und stark genug waren und es in die Wildnis geschafft hatten, fand man meistens kurze Zeit später tot und erbärmlich ausgemergelt irgendwo an der Grenze Kavens wieder. Dass man mich zum Teufel jagen könnte, kann ich mir aufgrund meiner Beliebtheit in Kaven ebenso gut vorstellen.

 

Warum also kämpfe ich weiter um mein Leben? Rache? Vermutlich, denn ich möchte wissen, wer und wie weit der oder die gehen werden, mich zu malträtieren. Und sollte ich das tatsächlich überleben, werde ich mich an diesen Leuten rächen. Vielleicht ist das sogar meine Bestimmung und der Grund warum ich so bin wie ich bin. Aber werde ich überhaupt so weit kommen? Die Chancen die Verbannung oder sogar das "zum Teufel jagen" zu überleben sind gering und eher ausgeschlossen. Ich habe Angst. Aber ich habe und das ist meine Hoffnung, auch meine.... erst kürzlich entdeckten außergewöhnlichen Kräfte.

 

1. Besuch Johnas Goldan

 

Johnas Goldan war der erste der mir in meinem Kerker einen Besuch abstattete. Ich weiß nicht genau wieviel Zeit vergangen war, aber den Mahlzeiten nach zu urteilen musste es mindestens der zweite Tag in meiner Haft gewesen sein. Er blieb vor der Kerkertür stehen und rief meinen Namen. Ich kam zur Kerkertür und erkannte durch das kleine Guckloch in der Kerkertür, das es unser Bürgermeister Johnas Goldan und damit auch Mallens Vater war. "Rota Gevill, ich bin der Bürgermeister von Kaven, Johnas Goldan, und ich habe die Aufgabe dir zu erklären warum du hier bist und was dich in nächster Zeit erwarten wird. Du wirst beschuldigt Alvin von Hagenen vorsätzlich getötet zu haben. Weiter wirst du beschuldigt Mallen Goldan, meine Tochter, heimtückisch in deine Hütte gelockt zu haben und versucht hast sie dort für deine Gelüste zu missbrauchen. Das sind schwere Anschuldigungen und dafür wirst du dich vorm Kavener Tribunal verantworten müssen. Überleg dir daher gut, was du zu deiner Verteidigung sagen wirst." Johnas Goldal sagte dies kühl, distanziert und ohne jegliche Emotionen. "Kennst du das Prozedere eines Tribunals?" Ich wusste wie so ein Prozess abläuft. Wir hatten so einen Prozess auch schon in einer unserer Schulstunde nachgespielt. Nach Feststellung ob die förmlichen Voraussetzungen für die Abhaltung eines Tribunals erfüllt sind, werden dem Richter vom Bürgermeister die Anklagepunkte des Angeklagten genannt. Es werden die Zeugen gehört, die diese Anklagepunkte bestätigen. Dann darf der Angeklagte sich hierzu äußern und Gegenzeugen nennen. Der Bürgermeister ruft dann die Gegenzeugen zum Verhör auf. Nach dem Verhör der Gegenzeugen berät sich der Rat von Kaven, der zu mindestens achtzig Prozent anwesend sein muss, und teilt dem Richter dessen Entscheidung mit. Der Richter akzeptiert in der Regel die Entscheidung. Tut er es nicht, muss er sein eigenes Urteil begründen. Das Urteil des Richters, dass im Gegensatz zum Rat steht, wird rechtsgültig, wenn entweder der Bürgermeister zustimmt oder mindestens ein Viertel des Rates. "Ich kenne den Ablauf" sagte ich. "Dann weißt du, dass du nun die Chance hast mir Gegenzeugen zu nennen." "Sie wissen vermutlich genauso wie ich, dass ich nur eine Gegenzeugin nennen kann" "Nein, nicht das ich wüsste.." erwiderte er kurz und kühl. "Es ist ihre Tochter Mallen." "Hör mir mal gut zu..." Der Bürgermeister sagte dies leise und kommt nun ganz dicht an die Kerkertür "..Nichts wird Mallen sagen. Sie hat mir alles ganz genau erzählt, wie es dazu kam und wie du sie reingelegt hast um sie für deine perversen Gelüste zu missbrauchen.. verstehst du.. Ich werde höchstpersönlich, als Zeuge an ihrer statt, dem Tribunal mitteilen wie du versucht hast meine Tochter in deiner Höhle der Sünden zu locken, um sie dort zu schänden... du verdammte Ausgeburt der Hölle!" Er spuckte noch durch das Guckloch ohne mich jedoch zu treffen. Dann ging er.. Ich glaubte ihm kein Wort und sagte darauf auch nichts mehr.

 

2. Besuch Onkel Jaron

 

Es verging wieder einige Mahlzeiten, bevor mein nächster Besuch kam. Mir ging es mittlerweile etwas besser. Meine Kopfschmerzen waren fast weg und die Schmerzen an Rippen, Rücken und Schulter waren erheblich besser geworden. Nur die Kälte und der Gestank in dieser Zelle machten mich noch zu schaffen. Für meine Notdurft wurde mir ein Eimer zur Verfügung gestellt, der nur dann wohl entsorgt wird, sobald dieser randvoll ist. Ich höre Stimmen und Schritte bevor ich dann die Stimme meines Onkels Jaron vernehme. Er klopft an die Kerkertür und sagt dann leise "Rota, ich bin‘s, dein Onkel.." Ich ging zur Tür und sage nur "Ja... was... was willst du?". "Ich weiß selbst nicht genau was ich hier eigentlich will..., vielleicht möchte ich das alles nur verstehen. Warum du uns das angetan hast.., warum du so bist wie du bist.. Ich meine wir haben alles für dich getan. Wir haben dich in unsere Familie aufgenommen, dir einen Platz in unserer Familie in unserem Leben gegeben. Wir haben dich ernährt..,  unsere Zeit für dich geopfert, dir eine Ausbildung ermöglicht.. und, und, und... Und was machst du? Du trittst alles mit Füssen, ziehst uns in den Dreck und bereitest uns nur Sorgen.. und jetzt das! Mein Freund Johnas Goldan.. wie soll ich ihm jetzt noch unter die Augen treten können. Oder Robert..., der Vater von Jaden. Du hast Jaden's besten Freund ermordet! Den besten Freund von Robert Grat seinen Sohn! Verstehst du überhaupt, was das nun für ein schlechtes Bild auf mich wirft. Ist Dir das alles egal?!!!" Schrie er mich nun an. Ich gehe von der Tür weg und lege mich wieder langsam auf meine harte Kerkerliege. Onkel Jaron nun wieder etwas beherrschter:  "...aber vielleicht musste es auch einfach so kommen und es war einfach nur dein Schicksal so zu enden... Aber warum? Warum? Ich verstehe das nicht..". Mir wird schlecht und ich will diesen selbstgefälligen Holzkopf nur noch loswerden.. und antworte schließlich auf seine Frage.. "Weil du Holzkopf es einfach nur verdient hast! Deswegen habe ich das alles gemacht!." und füge dann noch schreiend hinzu.. "..und der Leibhaftige selbst hat mich geschickt um dich Idiot dafür zu STRAFEN!!!!!" Mein Onkel ist entsetzt und brüllt nun ebenfalls... "Das wirst du bereuen... hörst du mich? Das wirst du bereuen...!" Dann geht auch er weg. Ich lege mich wieder auf die Kerkerliege und fühle mich nun etwas besser.

 

3. Besuch Jaden Grat

 

Nach zwei weiteren Tagesmahlzeiten kam dann Jaden zu Besuch.. Jaden ist wieder ganz Jaden.. "Hallöchen Rota..! Na wie geht's? Wirst du hier gut versorgt? Ich hoffe du bekommst auch alles was du brauchst. Du musst nämlich wissen, ich mache mir schreckliche Sorgen um dich. Was ist, wenn du nun verbannt wirst? Nein, nein, nein, ich mag mir das gar nicht ohne dich hier vorstellen. Du hast mich immer so gut unterhalten.. und wenn du dann immer in dieser Wildnis... oh neiin.! Das darf einfach nicht sein! Aber weißt du was ich nun häufig hier in Kaven höre...? Nein, weißt du's nicht? Dann werde ich es dir sagen. Viele möchten gerne, das man dich zum Teufel jagd.. Oh ohh.. Weißt du was das bedeutet? Dieses zum Teufel jagen? ... Nein... weißt du's nicht? Also ich will dir das mal so erklären....  Sie werden dich gaaanz nackig machen und dann werden dir alle Bürger, mit so ‘n Stock, dir mal kräftig die Leviten lesen und dir ganz genau zeigen wo du hingehörst. Verstehst du?... Zeigen wo du hingehörst... haha.. wo du hingehörst.. Der Prozess soll dir glaube ich auch wohl schon morgen gemacht werden..... Kann ich Dir noch irgendwie etwas Gutes tun? Ach.. ich Blödi.. da fällt mir noch was ein.. ähm Mallen.. deine kleine Schlampe... hat mir noch eine Nachricht für dich mitgegeben... Soll ich dir sagen was sie gesagt hat..? Möchtest du das gerne wissen....? Komm näher, damit ich sie dir geben kann". Jaden wird garantiert keine Nachricht von Mallen für mich haben, aber ich komme trotzdem näher, so nah, dass ich direkt vorm Guckloch der Kerkertür stehe. Er rotzte mich schließlich direkt und voll ins Gesicht. "Rota! ... wir werden dich sowas zum Teufel jagen... hörst du? Wir werden Dir deine verdammte Teufelshaut über die Ohren ziehen... du Mistgeburt der Hölle.. hörst du mich?" Ich wische mir seinen Rotz vom Gesicht und sage dazu nichts. Lachend und johlend verlässt Jaden daraufhin den Kerker.

 

4. Besuch Jake Flanders

 

Ich schlief noch, als Jake an meine Kerkertür klopfte und mich wach rief. Ich kenne die Stimme, obwohl ich ihn selbst kaum kenne.. Jake? Das kann doch nicht sein.., was hat er mir denn zu sagen? Ich gehe zur Tür und erkenne durch das Guckloch, das es tatsächlich Jake ist, der mich hier im Kerker besucht. "Jake? Bist du das? Was... was in Gottes Namen.. willst du denn hier?" Fragte ich so ziemlich verdattert. Jake nimmt langsam seinen rechten Zeigefinger zum Mund und spitzt die Lippen dabei. Dann nickt er in Richtung des Raumes wo sich vermutlich die Kerkerwachstube befindet. "Das verdankst du Mallen... " sagte er leise und setzt fort "Mallen hat mir Ihre Sichtweise erzählt und mir gesagt was sich zwischen Euch beiden wohl wirklich abgespielt hat. Ich glaube Ihr. Und das Jaden und seine Leute... ein Haufen von Sadisten sind, weiß ich auch so. Mallen wäre gern selbst gekommen, sie wird jedoch von ihrem Vater streng kontrolliert. Offiziell ist sie krank und darf das Haus auch erstmal nicht mehr verlassen. Ich hab sie noch nie so erlebt. Sie ist ziemlich am Boden zerstört. Jeder der die Wahrheit nicht kennt, denkt, dass du daran schuld bist, dass es ihr so schlecht geht." "Warte.. mal.." sagte ich "Wie konntest du überhaupt mit ihr reden, wenn sie nicht mehr zur Schule geht und auch sonst nicht das Haus verlässt?" Will ich nun wissen. Jake war diese Frage unangenehm, das konnte ich an seinem Gesichtsausdruck erkennen. "Ich weiß das klingt bescheuert.. aber als ich davon hörte was du Mallen angetan haben sollst,  konnte ich mir das alles nicht so recht vorstellen und wenn ich etwas nicht glaube, dann will ich wissen was wirklich passiert ist." "Ja und was hast du dann gemacht.. du bist doch nicht nachts in ihr Zimmer eingebrochen und hast sie zur Rede gestellt.. oder was?" Fragte ich nun ungläubig. "So oder ähnlich.. Ist doch völlig egal jetzt.. Tatsache ist, du wirst des Totschlags und der versuchten Vergewaltigung an der Tochter des Bürgermeisters angeklagt und keiner, bis auf Mallen und ich, sind auf deiner Seite. Mallen wird nicht als Zeugin aufgerufen werden, weil sie offiziell nicht vernehmungsfähig ist und was mich betrifft..., als Unbeteiligter wird man mich ebenfalls nicht erhören und auch gar nicht anhören wollen. Viele wollen deinen Tot oder dich zum Teufel jagen. Was ich damit sagen will ist, das du mit dem Schlimmsten rechnen musst und du wohl auch zum Teufel gejagt werden wirst.... Mallen hat mir übrigens auch noch gesagt, dass ihr das alles schrecklich Leid tut und das sie alles tun wird um dir zu helfen. Sie sagt, das du das schaffen kannst und die Kraft dazu hast sogar dieses "zum Teufel jagen" zu überleben.. Wenn es einer schaffen kann, dann bist du das. Das hat sie mir ausdrücklich gesagt, dass ich dir das sagen soll. Und nun hör mir ganz genau zu. Wenn es dazu kommt, dass man dich zum Teufel jagt, dann rennst du auch wie der Teufel! Ich habe diese Verurteilung schon zweimal gesehen und glaube mir... nur wer stehen bleibt, hinfällt und nicht wieder aufsteht hat keine Chance das zu überleben. Such dir einen Weg worauf du barfuß schnell laufen kannst, aber zögere nicht.., renne wie der Teufel und solltest du fallen, und du wirst fallen.., STEHE SOFORT WIEDER AUF!.. Schlage um dich und renne weiter. Wenn du es dann tatsächlich schaffen solltest bis zur Außengrenze zu kommen, renne zum Backenfluss. Rennen....! Nicht gehen! Denn du musst auch hier damit rechnen aufgelauert zu werden. Es ist zwar nicht erlaubt, aber es gibt immer wieder einige, die das mit den Regeln nicht so ganz ernst nehmen. Kennst du die drei Bäume die kreisförmig um einen großen Felsen stehen?" Ich schüttel meinen Kopf. "Nein, ich war nie in der Wildnis dort gewesen" "Aber du kennst den Fluss?" Ich nickte. "Du gehst den Fluss runter und wirst diesen Platz nach gut einer Stunde erreichen. Hier habe ich dir Kleider, eine dicke Decke, was zu Essen und eine Karte bereitgelegt. Diese Sachen liegen versteckt in einem Busch nahe am Fluss. Wenn du dich etwas erholt hast, gehst du zu dieser Höhle, die ich Dir auf der Karte aufgezeichnet habe. Ich werde Dir dort noch weitere Sachen bereitlegen, die du zum Überleben in dieser Wildnis benötigen wirst." Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich nickte und sagte nur "Danke! Jake.." Jake schaute mir nochmal eindringlich in die Augen und sagte nochmal... "Renn..., renn wie der Teufel! Hörst du? Ich wünsch Dir Glück!" Dann ging auch er weg.

 

Das Tribunal

 

Am nächsten Tag wurde ich dann vom Gefängniswärter und zwei Gesetzeshüter aus meinem Kerker geholt und zum großen Tribunal Saal geführt. Als ich dann den großen Saal betrete herrscht für einen kurzen Moment absolute Stille, worauf dann ein Tumult von Beschimpfungen über mich hereinbricht. Man fordert Gerechtigkeit, man schimpft mich als Satan, Teufel, Ausgeburt der Hölle, Schänder und Perversling. Viele fordern lautstark, dass man mich zum Teufel jagen, oder mich sogar gleich hängen solle. Ich sehe meinen Onkel bei den Ratsmitgliedern. Er stimmt jedoch nicht wie es einige Ratsmitglieder tun in diesem Tumult mit ein. Petra, Justin und Sophia entdecke ich schließlich ebenfalls im Saal. Wobei hier nur Justin mitbrüllt. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt und es herrscht ein wildes Getöse und Gebrüll. Ich werde schließlich zur Anklagebank, der sich in der Mitte des Saales mit Sitzrichtung zum Richtertisch befindet, geführt. Am Richtertisch sitzen der Richter selbst und der Bürgermeister, wobei der Richter noch nicht anwesend ist. Das Tribunal ist ein kreisrunder Saal mit mehr als zweihundert Plätzen. Der Rat mit seinen elf Mitgliedern befindet sich in einer Reihe hinter dem Tisch des Richters. Die übrigen Zuschauerplätze sind in sechs Sitzgruppen am Rand des kreisrunden Tribunal Saals verteilt. Hier sitzen sowohl Zeugen, Geschädigte, Angehörige und einflussreiche Leute, die als Tribunal Beobachter das Geschehen verfolgen dürfen.

 

Nach gut einer Minute anhaltenden Lärms und Unruhe, betritt dann auch endlich der Richter den Saal. Es wurde sofort merklich stiller im Saal. Der Richter, ist ein großer, korpulenter, alter Mann mit schlohweißen Haaren und einem langem Kinnbart. Und er kommt vom benachbarten Ort namens Falden. Insbesondere durch seine eisblauen Augen wirkt er sehr respekt- und würdevoll. Er geht zu seinem Platz, schaut mich an, nickt den Ratsmitgliedern zu und begrüßt den Bürgermeister. Dann setzt er sich hin und schaut in die Menge. Der Tribunalbeauftragte ruft "Erheben Sie sich!" Alle folgen dem Aufruf. Der Richter nimmt nun den Holzhammer in die Hand und sagt: "Ich stelle fest, das alle Mitglieder des Rates, der Bürgermeister von Kaven und der Angeklagte Rota Gevill hier im Saal, des nun stattfindenden Tribunals anwesend sind. Kraft meines mir verliehenen Amtes eröffne ich hiermit das Tribunal gegen den Angeklagten Rota Gevill." Dann schlägt er den Hammer auf den Richtertisch und setzt sich. "Bürgermeister, wenn ich Sie bitten dürfte, nennen Sie die Anklagepunkte gegen den Angeklagten Rota Gevill!"

 

"Sehr verehrter Richter.." Johnas Goldan steht nun auf und stellt sich neben mir vor dem Richtertisch. "Rota Gevill wird beschuldigt, den uns in guter Erinnerung bekannten Alvin von Hagenen, vor achtzehn Tagen vorsätzlich und aufgrund niedriger Beweggründe getötet zu haben. Folgendes soll sich zugetragen haben. Unser Zeuge Jaden Grat hatte tags zuvor zufällig entdeckt, dass der Angeklagte Rota Gevill und meine Tochter Mallen Goldan zusammen auf dem Weg in den Wald gingen. Da der Angeklagte allgemein als Einzelgänger und Außenseiter gilt, fand unser Zeuge Jaden Grat dies sehr merkwürdig und verdächtig. Er entschied die Sache näher auf den Grund zu gehen und den beiden unbemerkt zu folgen. Jaden Grat folgte ihnen, bis der Angeklagte und meine Tochter im Wald eine versteckte Baumhöhle erreichten. Der Zeuge Jaden Grat teilte mir mit, dass er auf dem Weg zu dieser Hütte teilweise dem Gespräch der Beiden lauschen konnte und er vernommen hat, dass der Angeklagte meiner Tochter Mallen in dieser Hütte etwas ganz Besonderes zeigen wollte."

 

Ich kann mir diese Lügen nun nicht länger anhören und stehe entsetzt auf und rufe "Lüge!... Das ist nicht wahr!!" Der Richter steht nun ebenfalls auf und hämmert mit seinem Hammer mehrmals auf den Tisch.. "ANGEKLAGTER !! Sollten sie sich nicht sofort wieder hinsetzen... werde ich sie wegen Missachtung dieses Tribunals ...ohne weitere Anhörung verurteilen und Sie zum Teufel jagen lassen! Haben Sie mich verstanden. Sie werden noch zu gegebener Zeit zu Wort kommen um sich zu erklären!" Er macht eine Pause, schaut mich eindringlich an und setzt weiter fort  "..Das ist die erste und letzte Warnung die ich Ihnen gebe. Haben Sie mich verstanden Angeklagter?". Ich nicke schließlich und setze mich wieder.. Was soll‘s, es kommt wie es kommt und was man nicht ändern kann, muss man wohl oder übel akzeptieren.. "Fahren Sie bitte fort, Bürgermeister!" Sagte der Richter schließlich und setzt sich ebenfalls wieder. Der Bürgermeister wendet sich nun wieder den Zuschauern des Tribunals zu.. "Ich wiederhole nochmal. Unser Zeuge, Jaden Grat, hat vernommen, das der Angeklagte meiner Tochter etwas ganz Besonderes zeigen wollte. Als dann der Angeklagte und meine Tochter Mallen in dieser Baumhöhle verschwanden, war zunächst erstmal nichts weiter geschehen, bis der Zeuge dann plötzlich die laute Stimme meiner Tochter vernahm.. Es sollen dabei folgende Worte gefallen sein: Rota..! Ich dachte du wolltest mir etwas Besonderes zeigen.. Hey was soll das! Lass mich los.. du tust mir weh! Spinnst du? Dann soll es sich wie ein Kampf zwischen dem Angeklagten und meiner Tochter angehört haben. Gerade wollte dann unser Zeuge Jaden Grat meiner Tochter zur Hilfe eilen, bis dann aber auch schon flüchtend meine Tochter aus dieser Baumhöhle geklettert kam und dann direkt und so schnell sie konnte wieder nach Hause lief.

 

Jaden Grat hat dann gleich am nächsten Tag mit seinen Freunden beschlossen, den Angeklagten aufzuhalten und diesen Ort der Schändung zu zerstören. Es haben sich letztlich Jaden Grat, Gero Hasbers, Pelle Kladier und Alvin van Hagenen auf dem Weg gemacht um diese Hütte zu zerstören.., um das es nie wieder.. zu so einer Schandtat kommen kann. Als sie dann die Hütte vollständig niedergerissen hatten, kam der Angeklagte und ging wutschnaubend auf den ersten und somit auf das Opfer Alvin van Hagenen zu. Rota Gevill schlug mit der Faust direkt und mit voller Wucht in das Gesicht von Alvin van Hagenen. Er traf ihn direkt auf die Nase, die daraufhin brach und die Knochensplitter das Gehirn von Alvin dermaßen verletzten, dass dieser auf der Stelle verstarb. Daraufhin lief der Hund,  Zisko, von Marla und Debbie Gruden, auf Rota Gevill bellend zu. Der Angeklagte Rota Gevill nahm den Hammer von Alvin van Hagenen in die Hand und erschlug erbarmungslos und jähzornig wie er war, sogar Zisko, den Hund, der ihm vertrauensvoll von den Gruden's in Obhut gegeben worden war, zu Tode. Erst dann konnte Pelle Kladier mit einem Schlag von hinten den tosenden Angeklagten, Rota Gevill, unschädlich machen."

 

Johnas Goldan macht eine Pause. Es herrscht absolute Stille im Saal. Er schaut mich kurz aber mit hasserfülltem Gesicht an und sagt dann: "Meine Tochter Mallen geht es seit dem sehr schlecht. Sie ist seit dem, nicht mehr sie selbst und ist innerlich zerstört. Meine Tochter ist daher bedauerlicherweise nicht vernehmungsfähig. Daher möchte ich an ihrer statt als Zeuge hier vor diesem Tribunal treten und das Gesagte so bestätigen, wie es soeben vorgetragen wurde. Rota Gevill hat meine Tochter in diese Baumhütte gelockt um dann seine Gelüste an ihr zu befriedigen." Der Richter schaut irritiert und fragt "Herr Bürgermeister, darf ich sie so verstehen, dass Sie nun fließend zur Vernehmung der Zeugen gewechselt sind und Sie sich selbst als Vertreter ihrer Tochter Mallen als Zeuge ausgesagt haben?" "Das ist richtig, Euer Ehren! Und ich würde gerne mit dem nächsten Zeugen fortfahren.." Der Richter nickte.. "Fahren Sie fort..." Als nächste Zeugen wurden Gero Hasbers, dann Pelle Kladier vom Bürgermeister vernommen. Sinngemäß bestätigten Sie die vorhergehenden Ausführungen des Bürgermeisters. Als letzten Zeugen wurde Jaden Grat vernommen. Auch Jaden bestätigte, dass sich alles so zugetragen hat, wie es der Bürgermeister bereits gesagt hatte, jedoch mit noch mehr Einzelheiten, was sich in meiner Hütte zwischen mir und Mallen vorgefallen haben soll. Ich soll unter anderem gefordert haben, dass Mallen sich ausziehen soll, dass sie sich nicht so zieren soll...und, und, und..

 

Egal wie es letzten Endes ausgehen wird..., sollte ich das überleben, Jaden, dafür wirst du noch büßen! Es kommt der Tag an dem du noch bereuen wirst, so etwas gesagt zu haben. Wart's nur ab.. ich werde dich irgendwann erwischen...

 

Nach einer kurzen Pause werde ich dann vom Richter aufgefordert meine Sichtweise darzulegen und meine Zeugen zu benennen. Ich erzähle dem Richter schließlich alles so, wie es sich aus meiner Sicht wirklich zu getragen hatte. Ich schildere ihm, dass Mallen meine Hütte schon vor mehr als einem Jahr entdeckte und ich ihr dann meine Hütte gezeigt hatte. Wir uns angefreundet haben und sie mir dann später sogar geholfen hatte die Hütte zu verbessern und auszubauen. Als ich dies erzählte wurde ich schließlich beschimpft und ausgelacht. Viele riefen „Lügner..“ oder „Mallen würde sich niemals mit einem Teufel abgeben..“ und andere schauten sich auch nur an und lachten einfach über diese Absurdität... Mir wurde klar, dass meine Erklärungen hoffnungslos und unglaubwürdig waren. Vor allem, weil ich keinen einzigen Zeugen nennen konnte. Trotzdem erzählte ich diesem Tribunal alles so, wie es sich aus meiner Ansicht zugetragen hatte. Letztendlich fragt der Richter mich noch ob ich zu meiner Aussage Zeugen benennen könnte. Ich antworte schließlich "Die einzige Zeugin die ich nennen kann, ist die Tochter vom Bürgermeister, Mallen Goldan, die jedoch nicht an diesem Tribunal anwesend ist oder wohl nicht anwesend sein soll!"

 

Der Richter schüttelt schließlich den Kopf und sagt dann "Ich denke damit dürfte alles gesagt sein... Bürgermeister, möchten Sie abschließend noch zu diesem Fall etwas sagen?" Der Bürgermeister dreht sich zu den Zuschauern, setzt sich wieder und sagte dann "Nein, ich denke wir haben alles gehört... Der Rat soll sich zur Urteilsfindung zurückziehen!" Der Richter: "Sehr verehrte Ratsmitglieder, Sie haben den Bürgermeister gehört. Sie sind dazu angehalten gegen den Angeklagten ein gerechtes Urteil zu finden und mir, als Richter dieses Tribunals eure Entscheidung für das endgültige Urteil vorzuschlagen." Alle Ratsmitglieder verlassen anschließend dann den Tribunal Saal und versammeln sich geschlossen in einem Nebenraum.

 

Nach gut einer halben Stunde war es dann soweit und der Rat kommt wieder aus ihrer Beratung in den Tribunal Saal. Mein Onkel verzieht keine Miene und lässt nicht erkennen, was für ein Urteil aus dieser Besprechung ich nun zu erwarten hätte. Der Richter steht nun auf und fragt "Verehrter Rat, sind sie zu einer Entscheidung gekommen?" Der Sprecher des Rates tritt nun hervor und antwortet "Verehrter Richter! Wir haben eine Entscheidung getroffen. Die Entscheidung wurde einvernehmlich gefällt. Unser Urteilsvorschlag lautet wie folgt: Der Angeklagte Rota Gevill wird in beiden Anklagepunkten, des versuchten sexuellen Missbrauchs an Mallen Goldan und des Totschlags an Alvin von Hagenen für schuldig befunden.."

 

Als diese Worte ausgesprochen wurden, fingen die Zuschauer augenblicklich an zu jubeln und zu grölen. Der Richter steht auf und hämmert wieder wie wild mit seinem Hammer auf den Richtertisch "RUHE! RUHE!" Die Zuschauer beruhigen sich und es wird wieder still. Der Richter bleibt noch etwas stehen und schaut sich dann ermahnend nochmal um, bis er sich wieder setzt und dem Ratssprecher zunickt. Der Sprecher des Rates fährt fort.. "Aufgrund der schwere dieser Taten, die sich der Angeklagte schuldig gemacht hat, hat der Rat entschieden, Ihnen Herr Richter, folgenden Urteilsvorschlag zu unterbreiten: Der Angeklagte soll Morgen um zehn Uhr aus Kaven verbannt und... zum Teufel gejagt werden!" Es folgen wieder Schreie des Jubels und der Zustimmung...

 

Der Richter steht nun auf und schaut auf mich herab...."Angeklagter! Erheben Sie sich" sagte er laut und betont deutlich. Ich stehe nun auf. "Kraft meines Amtes stimme ich den Urteilsvorschlag des Rates in Gänze zu und verurteile Sie, Rota Gevill, der Verbannung. Die Verbannung wird morgen um zehn Uhr mit der Verschärfung vollzogen, dass man Sie dann zum Teufel jagen wird" Dann schlägt er mit seinem Hammer ein letztes Mal auf seinen Tisch und sagt "Hiermit schließe ich das Tribunal gegen Rota Gevill".

 

Alles erscheint mir plötzlich so unwirklich. Ich sehe dass sich viele der Zuschauer freuen, die anderen mich lauthals beschimpfen. Ich sehe Debbie und Marla wie sie auf mich zeigen und irgendwelche Beschimpfungen von sich geben. Dann sehe ich Petra und unsere Blicke treffen sich. Sie zuckt mit den Schultern und macht ein Gesicht das wohl ausdrücken soll, dass man da wohl nichts mehr machen kann. Nach der Devise.. was soll‘s.. haste halt Pech gehabt.. mach es nächstes Mal besser.. Sophies Gesichtsausruck ist genervt und ihr scheint das alles nur peinlich zu sein und Justin grinst wie ein Honigkuchenpferd.

 

Etwas später kamen schließlich der Gefängniswärter und zwei Gesetzeshüter und führten mich wieder zu meinem Kerker. Jedoch nicht so sanft, wie sie mich hergebracht hatten. Sie beschimpften und schubsten mich ständig. Auf halbem Weg schafften sie es schließlich auch und brachten mich zu Fall, worauf Sie mich dann schnell mit Tritten wieder auf die Füße jagden. Als wir dann den Kerker erreichten, werde ich vom Kerkermeister aufgefordert mich jetzt schon auszuziehen, um morgen nicht unnötig Zeit zu verlieren. Das fand er dann so lustig, dass er mich beim Ausziehen anfing auch noch anzupinkeln. Nachdem sie die Kerkertür geschlossen und weggegangen waren, schleppte ich mich zu meiner Liege. Mir war kalt und ich hatte große Angst vor dem morgigen Tag. Ich konnte letzten Endes nicht anders und fing an zu weinen. Nachdem ich mich dann irgendwann ausgeheult hatte, beschloss ich mit dem Geheule aufzuhören und fing endlich an zu überlegen wie ich den morgigen Tag wohl überstehen könnte..

 

Verbannung

 

Nach einer langen Nacht ohne Schlaf holte man mich dann irgendwann splitternackt aus meinem Kerker. Es ist ein diesiger und nasskalter Tag. Ich zittere am ganzen Leib und mein Herz rast gnadenlos. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich will nicht hier sein, ich will das hier alles nicht... Als ich dann vor dem Rathausplatz auf einer abgesperrten Bühne geführt werde, werden meine Beine weich und ich habe solche Angst, dass ich befürchte mich überhaupt nicht von der Stelle bewegen zu können. So viele hier.. mein Gott! Fast ganz Kaven hat sich am Rathausplatz versammelt um sich dieses Ereignis anzuschauen oder sogar daran teilzunehmen. Als man mich schließlich sieht, kommt es wieder zu tumultartigen Zuständen. Ein großer Teil des Mob's ruft rhythmisch immer wieder: "...den Teufel zum Teufel jagen... den Teufel zum Teufel jagen.." Bei diesen Leuten handelt es sich bei den meisten wohl um die sogenannten Jäger, da viele dabei auch wild mit ihren Weidenruten rumfuchteln. Viele beschimpfen mich.. "Mörder!.. Verschwinde!.. Du Ausgeburt der Hölle! SATAN.. GEH ZURÜCK WO DU HINGEHÖRST.. " Viele bewerfen mich mit faulem Obst und Dreck.. Ich erkenne sogar einige von der Schule wieder, die als Jäger sogar daran teilnehmen. Die Bühne, auf der ich mich befinde, ist gut ein Schritt hoch und hat eine Treppe, die zu einer Art Gasse führt. Die Gasse ist mit Hilfe von zwei, jeweils rund zweihundert Schritt langen, Zäunen abgegrenzt.  Rechts und links hinter den Zäunen verteilen sich die Jäger mit ihren Weidenruten und dahinter die Zuschauer. Die Gasse, die ich dann wohl in Spießrutenlaufmanier durchlaufen muss, ist etwa gut zwei Schritt breit. Auch ist diese Gasse mit vielen spitzen Steinen und Dornenzweigen beschmissen worden, um es mir mit meinen nackten Füssen auch ja nicht zu einfach zu machen. Ganz vorne an der linken Seite der Gasse stehen sogar Marla und Debbie Gruden, jeweils mit einer Weidenrute bewaffnet. Warum wollen die beiden mir das antun? Glauben sie wirklich ich hätte Zisko etwas zu Leide tun können? Justin entdecke ich nun ebenfalls mit einer Weidenrute. Petra, Sophie, Onkel Jaron, auch sie sind da um sich dieses Spektakel anzusehen.

 

Ihr Irren! Wut ergreift mich und das war in diesem Moment auch gut so.. Ich vergesse meine Angst und sehe etwas klarer. Ich überlege nun endlich wieder, wie ich diesem Wahnsinn entkommen kann. Ich werde Euch den Spaß verderben! Irgendwann, werdet ihr das, was ihr mir hier antun wollt, nochmal bereuen. Büßen werdet ihr dafür..., das will ich euch und auch mir selbst versprechen!

 

Der Bürgermeister kommt nun auf die Bühne. "Liebe Bürger von Kaven!" Es wird nun ganz still auf dem Rathausplatz und alle hören dem Bürgermeister gebannt zu. "Das gestrige Tribunal hat Rota Gevill aufgrund seiner Gräueltaten dazu verurteilt, dass man ihn heute um zehn Uhr an diesem Morgen zum Teufel jagen wird. Wir sind daher gewillt und daran gehalten, das Urteil auch so zu vollziehen. Ich bitte daher alle Jäger sich nun in Stellung zu bringen..." Der Bürgermeister schaut nun auf die Turmuhr. Es ist nun genau eine Minute vor zehn Uhr. "Ich sehe, wir sind pünktlich... Ich bitte nun den Verurteilten in Position zu bringen!" Man befördert mich nun zum Rand der Bühne, wo sich die Treppe befindet, die zur Gasse des Spießrutenlaufs führt. Wenn ich diesen Weg durch die Gasse nehme, werden das meine Füße aufgrund der herumliegenden spitzen Steine, Scherben und dem Dornengestrüpp nicht lange mitmachen können.. Ich werde zu langsam sein und das könnte mein Tod bedeuten. Was also kann ich machen? Rechts und links stehen die Jäger in Position und es sind einfach zu viele, um das ich links oder rechts ausbrechen könnte. Ich schloss die Augen. Es kommt wie es kommt und bei meiner Seele ich werde mein Bestes geben. Dann ertönt die Glocke der großen Turmuhr.

 

"JAGD IHN ZUM TEUFEL!!" Brüllt der Bürgermeister. Ich werde nach vorne gestoßen und mit weiteren rüden Tritten die Treppe hinunter getreten. Und dann passiert das, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ich stolpere schon gleich beim Start die Treppe hinunter und falle zu Boden. Es wurde mit einem Male unsäglich laut. Dann spüre ich im nächsten Moment brennende und beißende Schmerzen... Schläge auf Rücken, Beine, Kopf und Gesicht. Ich schütze mich, in dem ich mich schnell hinhocke und versuche meine Arme schützend über meinen Kopf zu legen... ich muss aber aufstehen. Der Mob schreit immerzu "VERSCHWINDE!!!.. SATAAAAN!!... HAUST DU WOHL AB!!!.. GEH ZUM TEUFEL!!..... HIER HAST DU WAS DU VERDIENST..." Ohhhhhh... ich muss aufstehen.. ich muss hier weg..  aufstehen.. muss ich!! Dann endlich schaffe ich es hoch zu kommen. Wieder erwischen mich Stockschläge in meinem Gesicht. Ich fange an mich in geduckter Haltung nach vorne entlang der Gasse zu bewegen. Meine Hände und Arme halte ich dabei immer noch schützend über meinen Kopf. Erst jetzt merke ich, dass ich bei jedem Schlag vor Schmerzen aufschreie. Ich versuche schneller zu laufen. Dann erfasst mich ein tiefer und schneidender Schmerz an meinem rechten Fuß. Ein dicker spitzer Stein verletzte meinen Fuß so sehr, dass ich das Gleichgewicht verliere und wieder hinfalle. Wieder erfasst mich eine Welle von Stockschlägen auf meinem ganzen Körper. Dann ein bohrender und stechender Schmerz in meinem Hintern. Ich drehe mich um und seh ein kleines Kind, das mit seiner Weidenrute versucht mir in meinem Hintern zu bohren. Man lacht und feuert das Kind an weiter zu machen.. Ich schaffe es wieder aufzustehen und will nur noch weg hier.. Dann trifft mich aber ein Stockhieb derart auf die Nase, dass ich vor Schmerz erstarre und ich letztlich wieder schützend zu Boden gehe. Schmerzen kann ich aushalten, das weiß ich. Schmerzen kommen und gehen wieder. Ignoriere deine Schmerzen! Das ist meine einzige Chance die ich habe. Ich beiß die Zähne zusammen. Mein ganzer Körper ist nun fest angespannt. Ich habe keine Schmerzen.., ich habe keine Schmerzen.. sage ich nun immer wieder zu mir selbst und dann… fange ich an zu schreien. Ich schreie so laut, dass ich nur noch meine Schreie und meine Wut wahrnehme. Der Mob um mich herum ist zum Teil wie erstarrt und viele sehen mich nun erschrocken und fast.. ängstlich an. Ich stehe auf und springe nun schreiend dort, wo die wenigsten Jäger stehen, über den rechten Zaun. Die Jäger, die dort stehen, sind so überrascht, dass sie erst gar nicht darauf reagieren und nur wie paralysiert dastehen und mich blöd angucken. Bis die ersten sich jedoch aus ihrer Erstarrung lösen können, bin ich aber schon an ihnen vorbei. "JAGD IHN!  HINTERHER!!" rufen sie.

 

Zwei erwachsene Männer kreuzen nun meinen Weg und wollen meine Flucht, die so gar nicht eingeplant war, verhindern. Ich laufe schreiend und direkt auf den rechten Mann zu. Ich balle meine Faust und schlage ihn mit ganzer Wut und Kraft in seinem Gesicht. Ich spüre Schmerzen.. und ich nehm diesen Schmerzen auf und leite diese in noch mehr Wut und Energie um. Der Mann fällt schließlich einfach um, was ich jedoch selbst nicht mehr realisiere. Ich schreie und renne weiter, wie der Teufel. Viele weichen mir aus oder stehen nur da und sind noch völlig aus der Fassung, was da gerade passiert. Dann merke ich, dass plötzlich jemand von links heran gerannt kommt und sich mir im vollen Lauf in den Weg wirft. Ich habe keine Chance und werde von meinen Beinen gerissen. Ich rolle mich jedoch schnell ab und bin schnell wieder auf meinen Beinen. Jedoch kommt dann überraschend Robert Grat, der Vater von Jaden, von der linken Seite und trifft mich mit voller Wucht mit seiner Faust unerwartet in mein Gesicht und besonders auf meine ohnehin angeschlagene Nase. Ich taumel nach hinten, halte mich aber noch auf meinen Beinen. Nun drehe ich mich ihm zu, fletsche die Zähne, setze mein Wutgeschrei weiter fort und greife sofort an. Ich täusche einen linken Faustschlag vor und schlage ihn mit der rechten Faust und mit ganzer Kraft auf sein linkes Ohr. Er wankt und fällt schließlich vornüber auf den Boden. Ich lasse ihn liegen und konzentriere mich wieder auf meine Flucht.

 

Der Weg ist nun frei. Ich renne und renne. Nach gut fünfhundert Schritt schaue ich mich das erste Mal wieder um und stelle fest, dass einige meiner Verfolger mich zwar noch mit ihren Weidenruten verfolgen, jedoch schon mehr als hundert Schritt entfernt sind. Hoffnung keimt bei mir auf. Nur noch gut fünfhundert Schritt trennen mich bis zur Außengrenze. Die Außengrenze von Kaven wird durch eine eine gut eineinhalb Schritt hohe und fünfzehntausend Schritt lange Steinmauer vor dem Außengebiet der Wildnis geschützt. An der Mauer sind im Abstand von gut dreihundert Schritt regelmäßig Wachtürme aufgestellt. Das Tor wird für mich vermutlich heute geöffnet sein, da man mich schließlich aus Kaven heraus jagen will. Aber was wird mich am Tor erwarten? Mein Geschrei, welches mir einen guten Dienst erwiesen hat, habe ich inzwischen eingestellt. Meine Schmerzen, besonders die Schmerzen an meinem rechten verletzten Fuß melden sich langsam aber umso heftiger zurück. Ich versuche die Schmerzen weiter zu ignorieren und laufe wieder etwas schneller. Ich laufe auf der Straße, die zum Außentor von Kaven führt. Aber die Chance, dass ich dort vielleicht schon von der Wache erwartet werde, ist zu groß. Ich will es nicht darauf ankommen lassen. Ich ändere meinen Plan, verlasse den üblichen Weg zum Tor und renne nun rechts die Straße runter und quer über ein Ackerfeld. Nach einer Weile erreiche ich schließlich die Außenmauer.

 

Ich klettere die Außenmauer hoch. Hinter der Mauer gibt es jedoch ein Wassergraben von gut zwei Schritt Breite. Ich hangele mich an der Außenmauer runter und lasse mich in den Graben fallen. Der Graben ist nicht tief und ich schleppe mich auf die andere Seite rüber. Dann höre ich Stimmen. "Hier ist er!" "Wir haben ihn..!" Von der links wie auch von rechts rennen Jaden, Pelle, Gero und noch vier andere auf mich zu. Um wirklich sicher zu gehen, dass ich nicht ungeschoren davon komme, haben sie mich tatsächlich aufgelauert und wollen mir nun wohl den Rest geben. "Na, wen haben wir denn da? Der Rota, unser kleines Teufelchen.., ich muss schon sagen.. ich hätte wirklich nicht gedacht, dass du so weit kommst. Wie hast du das nur geschafft?... Naja, egal... dafür sind wir ja hier. Oder?" Jaden, wie auch die anderen sind mit Knüppel und Schlagstöcken bewaffnet. Jaden kommt näher.. "Ohh je, Ohh je, Ohh jeee.. Rota.. du weißt..., das können wir nicht durchgehen lassen..". Dann plötzlich holt er mit seinem Knüppel aus und versucht mit voller Wucht auf mein Gesicht einzuschlagen. Ich kann den Schlag jedoch gerade noch rechtzeitig mit meinem Arm abwehren. Verliere dabei jedoch mein Gleichgewicht und falle rückwärts wieder in den Wassergraben. Alle mussten nun lachen und standen nun im Halbkreis versammelt vor mir. Ich bin müde und mein Körper fängt an zu rebellieren aber es bleibt mir nichts anderes übrig als jetzt anzugreifen. Ich habe es so satt immer wieder gequält.. geschlagen... getreten oder ausgelacht zu werden. Ich fange wieder, so laut es nur geht, zu schreien an.. und greife schließlich an. Auf allen Vieren krabbel ich aus dem Wasser und halte direkt auf Jaden zu. Jaden ist aufgrund meines Schreiens für einen kurzen Moment aus der Fassung, fängt sich jedoch schnell wieder und schlägt erneut mit seinem Knüppel auf mich ein. Die anderen folgen jetzt Jaden's Beispiel und schlagen nun ihrerseits mit ihren Knüppeln auf mich ein. Eine ganze Ladung von Schlägen prasselt nun auf mich nieder. Ich spüre jedoch aufgrund meiner rasenden Wut kaum etwas. Ich konzentriere mich nur noch auf Jadens Bein und versuche sein Bein irgendwie zu fassen zu bekommen. Dann endlich gelingt es mir sein Bein mit meinen Händen zu erwischen und festzuhalten. Ich halte nun mit aller Kraft, die ich aufbieten kann, Jadens Bein fest. Schiebe seine Hose hoch und beiße dann mit aller Wut und Kraft in seine Wade.. Jaden fängt sofort wie wild vor Schmerzen an zu schreien. Alle anderen halten für einen kurzen Moment inne und schlagen schließlich kurz darauf noch heftiger mit ihren Knüppel auf mich ein. Ich wiederum beiße nun noch heftiger zu. Jaden giert nur noch. Er beugt sich nun über mich und trommelt wie wild mit seinen Fäusten auf meinem Kopf herum. Dann schließlich beiße ich ein Stück von seiner Wade ab. Ein gluturales Geheul und Geschrei ertönt nun von Jaden.. Jetzt war die Gelegenheit da, endlich aufzustehen. Ich stehe auf, spucke Jaden sein Stück Wade ins Gesicht und greife dann Pelle an. Pelle sieht mich erschrocken und ängstlich an. Ich schreie weiter, packe mit meinen Händen seinen Kopf und drücke mit meinen Daumen seine beiden Augäpfel ein. Nun ist es Pelle, der wie ein Wilder vor Schmerzen herumschreit. Die Schläge lassen nun nach. Die anderen schauen schockiert und können nicht fassen was hier soeben passiert ist. Ich drehe mich um und will mir nun den dicken Gero vornehmen. Als er meine Absicht erkennt, lässt er seinen Knüppel fallen und läuft daraufhin einfach weg. Ich drehe mich nun zu den anderen und sehe, dass auch sie wegrennen. Ich wende mich nun wieder Jaden zu. Er heult und schreit immer noch vor Schmerzen. Ich packe ihn an die Gurgel. Er würgt.. Ich komme ganz nah an ihm heran und sage "Das..  Jaden...  das war noch längst nicht alles.. das versprech ich dir!" Ich schlage ihn schließlich nieder und nehme mir noch schnell seine Schuhe, Hose und seine Jacke und setze meine Flucht fort.

 

Weg zur Höhle

 

Ich rannte noch gut zehn Minuten pausenlos weiter, bis ich entschied eine kurze Pause zu machen um mir Jadens Sachen anzuziehen. Ich zittere stark und alles tut mir weh. An meinem Körper gibt es kaum noch eine Stelle, die unversehrt ist. An vielen Stellen ist meine Haut aufgeplatzt. Das Atmen fällt mir schwer und ich kann auch nur noch durch den Mund atmen. Ich befürchte, dass meine Nase, ich wage sie noch nicht mal anzufassen, vermutlich gebrochen ist. Mein größtes Problem ist jedoch mein rechter Fuß, wo eine gut vier cm lange hässlich gezackte offene Wunde klafft, die immer noch sehr stark blutet. Der bohrend pochende Schmerz nimmt stetig zu. Schließlich reiße ich ein Stück von der Hose ab und wickel mir diesen Fetzen um die Wunde. Als ich mir die Schuhe von Jaden anziehen will, merke ich jedoch, dass ich dummerweise nicht mehr in Jaden‘s rechten Schuh passe. Ich fluche und entscheide mich den Fetzen wieder abzunehmen und so zu kürzen, dass ich in den Schuh komme. Als ich dann fertig bin, bin ich aber mit dem Ergebnis zufrieden. Mein Fuß liegt nun, dank des Verbandes, so fest im Schuh, dass die offene Wunde aufgrund der Kompression vorerst verschlossen ist. Ich bin nun wieder bereit weiter zu gehen und setzte dann meinen Weg humpelnd fort.

 

Irgendwann erreiche ich den Backenfluss und ich gehe wie Jake es mir beschrieben hatte abwärts den Fluss entlang. Das Fortbewegen fällt mir immer schwerer. Es wird immer kälter, ich zittere am ganzen Leib und jede Bewegung verursacht mir Schmerzen. Aber nach gut einer weiteren Stunde erreiche ich endlich den von Jake beschriebenen Felsen mit den riesigen rings umstehenden Laubbäumen. Hier soll nun in irgendeinem Busch, nahe des Flusses, ein Paket mit Kleidung, Decke und Essen liegen.. Ich gehe nun näher zum Fluss um danach zu suchen. Es dauerte etwas, aber dann fand ich schließlich unter einem großen Busch, ein in brauner Decke zusammengerolltes Paket. Jake, Jake, Jake... mein Lieber.. dafür werde ich Dir wohl ewig dankbar sein.

 

Ich löste das Seil und entrollte schließlich die Decke. Jake hatte tatsächlich an alles gedacht. Darin waren ein gutes Paar Lederstiefel, Socken, Unterbekleidung, Hemd, Hose, Mantel sowie ein gutes Messer, ein großes getrocknetes Stück Schinken, ein Wasserschlauch, sogar Verbandsmaterial, Wundsalbe und die besagte Karte. Alles was ich benötige ist dabei. Danke Jake..! Danke!! Aber was mache ich jetzt? Ich bin zu schwach um weiter zu gehen. Einfach hier zu bleiben und mich auszuruhen scheint mir zu gefährlich zu sein. Aber was ist nicht alles schon gefährlich... Zitternd ziehe ich mich wieder aus.. trage auf den schlimmsten Stellen die Wundsalbe auf und verbinde diese Verletzungen so gut es geht. Dann ziehe ich die frische Kleidung von Jake an und um mich vor der Kälte so gut es geht zu schützen, ziehe ich Jaden‘s Jacke und darüber auch noch den Mantel an. Dann nehme ich die restlichen Sachen von Jake, krieche damit unter einem dichten Busch und wickel mich dazu noch mit der dicken Decke ein. Obwohl ich keinen Hunger habe, schneide ich mir trotzdem noch einen guten Bissen vom Schinken ab und stecke es mir in den Mund. Dann wollte ich nur noch schlafen und obwohl ich fror und mir alles wehtat, fiel ich irgendwann in einem unruhigen Schlaf.

 

Es war stockduster, als ich das erste Mal wieder erwachte. Meine frische Kleidung war durchgeschwitzt. Ich fieberte.. und gleichzeitig war mir kalt. Ich musste trinken.. Ich nahm den Wasserschlauch und nahm drei, vier Schluck Wasser.. Dann wickelte ich mich wieder in die Decke ein und schlief nach einer Weile wieder ein. Als ich das nächstemal wieder erwachte, war es schon wieder heller Tag. Es nieselte leicht. Ich schaute mich um. Es kam mir alles so unwirklich vor. Wo und was mach ich hier? Waren meine ersten Gedanken.. Ist das alles wirklich passiert? Ja.., muss es wohl.., ich bin hier, also muss das auch alles passiert sein.. Ich will aufstehen, was jedoch misslang. Dann nahm ich nur noch ein paar Schluck Wasser, aß noch etwas von dem Schinken und beschloss noch einmal einzuschlafen um dann aber meinen Weg zu dieser Höhle von der Jake sprach fortzusetzen. Nichtsdestotrotz konnte ich lange Zeit nicht schlafen und so döste ich nur vor mich hin und hoffte das es langsam besser wurde.. Ich schlief aber irgendwann doch wieder ein und wachte immer wieder Mal kurz auf um etwas zu trinken, zu essen oder meine Notdurft zu verrichten. Früh am nächsten Morgen, beschloss ich aber aufzustehen und meinen Weg zur Höhle weiter fortzusetzen. Nach Jakes Beschreibungen auf der Karte, muss ich den Backenfluss solange flussabwärts gehen, bis ich einen Wald erreiche. Im Wald soll es ein Weg geben der rechts ab zu einem steilen Weg hinauf zu einem kleinen Gebirge führt. Am Ende dieses Weges soll es dann eine Abzweigung geben, wo ich hier den linken steinigen Weg bergauf nehmen soll. Nach gut  vierzig bis fünfzig Minuten soll ich eine grasbewachsene grüne Ebene erreichen, mit ein paar umstehenden Bäumen darauf. Und auf dieser Ebene soll auf der rechten Seite des Gebirges, versteckt hinter einem Busch, einen Felsspalt von gut zwei Schritt Höhe und einen halben Schritt Breite geben, wo sich schließlich die Höhle befindet.

 

Ich richte mich nun endlich auf. Mein rechter Fuß schmerzt dabei so sehr, dass ich am liebsten vor Schmerzen laut aufgeheult hätte, als ich diesen belastete. Ich habe Schwierigkeiten mich aufrecht zu halten und drohe mehrmals zu fallen. Aber letztlich kann ich mich doch halten und setze schließlich meinen Weg, diese Höhle zu erreichen, fort. Auf meinem Weg versuche ich mich von meinen Schmerzen abzulenken und fange an mich über dies und jenes Gedanken zu machen.

 

Was wird nun in Kaven los sein? Wird man mich nun auch hier in der Wildnis verfolgen und sich an mir rächen wollen? Ich hatte auf der Flucht letztendlich vier Menschen schwer verletzt, wenn nicht sogar den einen oder anderen getötet. Den ersten Mann, den ich in meiner Raserei niedergeschlagen habe, könnte ich vielleicht wirklich getötet haben. Als ich ihn mit meiner Faust in sein Gesicht traf, konnte ich richtig spüren wie seine Knochen in seinem Gesicht brachen. Jaden‘s Vater könnte ich, wenn ich ihn auch nicht so stark getroffen hatte, ebenfalls so schwer verletzt haben, dass auch er vielleicht nun tot ist. Er fiel schließlich nur mit diesem einen Schlag einfach zu Boden. Jaden wird für eine lange Zeit oder sogar für immer humpeln. Und Pelle, wird nun zu mindestens auf einen Auge blind sein, wenn nicht sogar auf beiden Augen und damit sogar total blind sein. Als ich meine Daumen in seine Augen drückte, konnte ich spüren, wie ich sein linkes Auge dabei zerdrückte. Mir tut es jedoch nicht Leid, was ich getan habe. Sie wollten mich töten und ich habe mich schließlich nur gewehrt und um mein Leben gekämpft. Für mich jedenfalls fühlt es sich nicht falsch an, was ich getan habe.

 

Und Mallen? Wird sie wieder ganz normal heute in der Schule gehen.., so als ob nichts gewesen wäre? Vermutlich nicht. Wenn sie heute tatsächlich wieder in die Schule gegangen ist, wird sie vermutlich die Attraktion überhaupt sein und womöglich sogar von vielen angegafft werden. Aber Mallen ist auch jemand, dem das wahrscheinlich nicht viel ausmachen wird. Vielleicht sind das sogar Momente für sie, die sie als herausfordernd empfindet. Andererseits hatte Jake im Kerker aber auch erzählt, das Mallen das Ganze ziemlich mitgenommen hat und es ihr wohl wirklich nicht gut geht damit. Mallen.. verzweifelt? Sie, die Schwierigkeiten für gewöhnlich liebt und sich diesen immer herausfordernd gestellt hat. Kann es sein, dass sie wirklich so um mich besorgt ist..., dass sie nun tatsächlich sogar verzweifelt ist?

 

Und warum hilft Jake mir? Er sagt, dass er mit Mallen gesprochen hat und er somit weiß was wirklich passiert. Er glaubt mir. Gut.., aber dass er sich so einen Plan ausgedacht hat und in die Tat umgesetzt hat, ist schon erstaunlich. Vor allem, weil wir uns kaum kennen. Es wird ihm viel Zeit und Mühe gekostet haben, mir diese Sachen wie Decke, Kleidung etc. zu diesem Ort am Fluss zu bringen. Allein schon der Weg zu dieser besagten Höhle, hin und wieder zurück, nimmt gut einen Tag, von mindestens zehn Stunden, in Anspruch. Woher nimmt Jake nur diese Zeit? Jeder in Kaven hat für gewöhnlich viele Pflichten zu erfüllen, da ist es oft schwierig für sich Zeit zu haben und erst recht, wenn es um so eine Zeitspanne geht. Jake's Eltern müssen viel Vertrauen in Jake haben, dass sie ihn so gewähren lassen, wie es ihm scheinbar beliebt. Und überhaupt.., warum kennt Jake sich so gut hier in der Wildnis aus?

 

Nach mehreren Stunden erreiche ich endlich den besagten Wald. Ein kleiner Trampelpfad führt direkt in diesen dichten, von riesigen Tannenbäumen, bewachsenen Wald. Wer diesen Pfad wohl benutzt? Dem Bund sind sechzehn Städte angeschlossen. Die Städte sind mit einem gut durchdachten und abgesicherten Wegenetz miteinander verbunden. Es gibt aber auch nicht abgesicherte Wege, die von erfahrenen Abgesandten oder Kurieren genutzt werden. Vielleicht war dies so ein Weg mal gewesen. Dieser Weg könnte aber auch von den in der Wildnis lebenden Ausgestoßenen oder den Krasianern entstanden sein und vielleicht auch noch benutzt werden. Ich habe selbst noch nie Menschen gesehen, die in der Wildnis leben. Man sagt in Kaven, dass diese Ausgestoßenen überwiegend Mörder, Räuber und niederträchtige Menschen sein sollen und der Bund alles daran tut diese Aussätzigen zu verfolgen und zu dezimieren. Fragt sich, wie sich die Vertriebenen untereinander verhalten. Gibt es auch Ausgestoßene die solidarisch zusammenhalten und vereint um ihr Dasein kämpfen? Wenn ja, würden sie mich als Ihresgleichen anerkennen und mich in ihre Gemeinschaft aufnehmen? Ich von meiner Seite aus, würde es auf einen Versuch gerne ankommen lassen.

 

Der Trampelpfad im Wald ist schwer zu durchlaufen. Immer wieder versperren umgekippte, riesige Nadelbäume diesen Weg. Ich habe große Mühe mit meinen Verletzungen diese Hindernisse zu überwinden und ich stehe häufig kurz davor aufzugeben. Jedoch plagen mich auch die vielen Mücken und die sorgen auch dafür, dass ich letztlich immer weiter gehe. Irgendwann erreiche ich schließlich eine der Abzweigungen. Mein Weg zur Höhle ist der nach rechts führende Weg, der zu einem steilen Weg bergauf führt. Ich beiß die Zähne zusammen und folge diesen Weg, der mich am Ende des Weges letztlich zu einem noch steileren Weg nach links zur besagten oberen Gebirgsebene führen soll.

 

Als es anfing dunkel zu werden, erreichte ich endlich mein Ziel. Ich konnte kaum noch Luft bekommen und ich war so erschöpft, dass ich mich nur noch hinlegen und schlafen wollte. Der Spalt in diesem Berg war schwer zu finden. Es gab auf dieser Ebene viele Büsche, wo sich möglicherweise dahinter eine Höhle hätte befinden können. Aber ich fand diesen Spalt zu der besagten Höhle glücklicherweise schnell. In der Höhle war es kalt und stockduster. Ich kroch auf dem Boden und fand eine einigermaßen bequeme Stelle. Ich entrollte meine Decke, nahm noch ein paar Schluck Wasser und aß noch ein gutes Stück vom Schinken. Dann legte ich mich endlich hin und schlief sofort ein.

 

Jake, Bogen, Tunnel,..

 

Irgendwann in der Nacht höre ich immer wieder jemanden meinen Namen rufen. Die Stimme kommt mir bekannt vor. Dann fasst mich plötzlich jemand an und rüttelt mich schließlich wach. Steht da tatsächlich Jake vor mir? Er hält eine Lampe, mit einer brennenden Kerze darin, in seiner Hand. Ich schüttel mich etwas, um etwas klarer zu werden.. "Jake?.. träume ich oder bist du das wirklich?" "Du träumst nicht! Rota! Ich bin's wirklich. Manchmal glaube ich selber nicht was ich manchmal so mache.." Er schaut mich nun genauer an... "Mannomann, die haben dich ja ganz schön zugerichtet, man erkennt dich ja kaum wieder... " Jake verzog dabei das Gesicht "...und deine Nase..., die ist ja völlig schief.., scheint irgendwie.... gebrochen zu sein.... " Jake beugt sich nun über mich "Rota, deine Nase muss gerichtet werden!" Jake will nun mit seiner Hand nach meiner Nase greifen. Ich halte sofort abwehrend meine Hand hoch. "Hey... beruhig dich. Besser jetzt als nie.. Du hast so viel durchgemacht und jetzt stellst du dich so an?" Ich lege meine Hand wieder beiseite und schließe meine Augen. "Okay... tu was du nicht lassen kannst!" Er nimmt meine Nase nun zwischen Daumen und Zeigefinger und zählt runter.. "sechs, fünf, vier, drei..." Bei drei drückt er mit einem kräftigen Ruck meine Nase vermutlich wieder in die richtige Position. Ich nehme ein unangenehmes Knirschen in meiner Nase wahr. Tränen schießen mir vor Schmerzen in die Augen und Blut fließt aus meinen beiden Nasenlöchern. Ich brülle vor Schmerzen auf. "Okay... das war‘s.. auch schon! Deine Nase scheint..., glaube ich, wieder einigermaßen gerade zu sein.." Jake gibt mir noch ein Stück Stoff für meine blutende Nase. Jake setzt sich nun neben mir hin. "Unglaublich! Das du die Vertreibung überlebt hast. Als ich gesehen habe, wie viele in Kaven sich an dieser Jagd beteiligt haben, hatte ich schon nicht mehr an dich geglaubt... und erst recht nicht, als die Jagd begonnen hat, wo du gleich die Treppe runter gestoßen wurdest... und dann erst gar nicht mehr auf die Beine gekommen bist. Alle schlugen wie wild mit ihren Weidenstöcken auf dich ein.. Ich hatte dich da bereits schon abgeschrieben. Aber dann..., wie du auf einmal lauthals angefangen hast zu schreien, dass einem das Blut in den Adern gefror und viele nur noch wie erstarrt dastanden. Unglaublich! Und du dann einfach rechts durch den ganzen Mob durchgerannt bist.... Mannomann.., das war einfach.. Wahnsinn..! Einfach unglaublich! Für mich warst du da ein...  ja... ein richtiger Held. Später hörte ich auch noch, das Jaden dich an der Grenzmauer aufgelauert hat und dich dort wohl noch ziemlich verprügelt haben soll. Du dann aber letztendlich flüchten konntest. Jaden sagte, dass er unglücklich gefallen ist und du ihm dann ein Stück von der.. Wade.. herausgebissen hast? Und Pelle, der gerade zur Hilfe eilen wollte, ihn sollst du dann mit brutaler Gewalt seine beiden Augen so eingedrückt haben, dass er vermutlich nie wieder etwas sehen kann. Hat sich das wirklich alles so zugetragen?"

 

"Nein.. nicht ganz so..." antwortete ich nun.. "Es stimmt, Jaden hat mich an der Grenzmauer erwischt und mich dort auch ziemlich zugerichtet. Aber er war nicht alleine. Soweit ich mich erinnern kann, waren Jaden, Gero, Pelle und noch vier andere dabei gewesen. Die wollten mich nicht nur verjagen, die wollten mich massakrieren… Ich habe mich letztlich nur gewehrt." Jake nickt mir zu. "Ähnliches habe ich mir schon gedacht." Ich richte mich nun auf und lehne mich gegen die Felswand. Jake schaut mich nun eindringlich an und fragt "Rota.., du bist erst fünfzehn und erschlägst zwei erwachsene Männer mit nur jeweils einem Faustschlag...? Sind diese... naja ungewöhnlichen Kräfte aus der Situation geboren.. oder steckt da mehr hinter? Allein schon diese ganzen Prügel und deine ganzen Verletzungen..., dass du das so wegsteckst und es sogar geschafft hast in diesem Zustand die Höhle zu erreichen.. Ich finde das schon allein ziemlich außergewöhnlich..." Ich überlege. Soll ich Jake von meinen Kräften erzählen...? Ich bin mir unsicher. Vielleicht später einmal.. Ich entgegne nun seinem Blick und zucke mit den Schultern "Ich weiß es nicht. Ich bin selbst überrascht, was in letzter Zeit alles so passiert ist. Vielleicht ist es auch so, dass man in extremen Situation auch einfach nur extrem reagiert und man über sich hinauswächst.." Ich mache eine kurze Pause und erkenne ein wenig Skepsis in Jakes Gesicht.

 

Ich will nicht mehr darüber reden und weiche schließlich aus und frage nun.. "Weißt du eigentlich Genaueres über den Zustand von Jadens Vater und diesen anderen Mann, den ich auf der Flucht niedergeschlagen habe?" Jake: "Jadens Vater lebt noch, aber er ist soweit ich weiß, noch immer ohne Bewusstsein. Steve Fanning, den anderen den du niedergeschlagen hast, war wohl sofort tot. Viele glauben zwar, dass du die Wildnis wohl nicht lange überleben wirst. Trotzdem überlegt der Rat, ob er einen Suchtrupp nach dir losschickt, um dich für diese Taten büßen zu lassen.." "Wie wahrscheinlich ist es denn, dass man mich hier findet?" Jake: "Meine Einschätzung... eher unwahrscheinlich. Aber ich denke du solltest trotzdem damit rechnen, dass dieser Fall doch eintreten könnte und du solltest für so einen Fall immer vorbereitet sein"

 

Ich wechsel das Thema und frage nun.. "Was machst du überhaupt um diese Zeit hier? Ich weiß nicht genau wie spät es ist.. aber ich vermute es ist so um Mitternacht.." Jake nimmt nun die Lampe und stellt sie nun zwischen uns. "Ich habe dir ja gesagt, dass ich dir noch ein paar Sachen hierher bringen wollte. Und da ich tagsüber kaum Zeit habe, habe ich mich heute Nacht halt aufgemacht um dir diese Sachen zu bringen. Ich denke, diese Sachen wirst du wohl auch gut gebrauchen können.."

 

Dann geht Jake aus der Höhle und kommt dann mit einem Jagdbogen, einem Köcher mit Pfeilen und einem gefüllten großen Sack wieder. "Kannst du damit umgehen?" Dabei zeigte er mir den großen Bogen und den Köcher mit Pfeilen. "Ich weiß nur wie man das Ding benutzt.., aber selber geschossen habe ich noch nie damit" erwidere ich. "Du wirst es dann aber wohl lernen müssen, wenn du hier überleben möchtest... Zeit zum Üben hast du nun ja zur Genüge...“ Jake beugt sich nun über den Sack und greift mit seiner Hand rein.. „So, was habe ich Dir sonst noch so Schönes mitgebracht? Einmal noch drei weitere Decken, damit du hier nicht erfrierst. Ich würde dir empfehlen, dass du aus trockenem Gestrüpp, Gras und Blättern dir ein weiches Unterbett machst und darüber eine von diesen Decken legst. Mit dem leeren Sack kannst du dir vielleicht ein Kopfkissen machen. Weiter habe ich dir noch zusätzliche Kleidung zum Wechseln mitgebracht. Einen Kochtopf, ein weiteres scharfes Messer, eine Nadel und Garn dazu. Und hier.." Jake zeigt mir einen kleinen gefüllten Sack. "..Salz zum Pökeln. Hast du schon mal ein Tier geschlachtet und das Fleisch durch Pökeln oder Räuchern haltbar gemacht?" Ich hatte schon öfters dabei zugesehen und konnte mir durchaus vorstellen das hinzubekommen, von daher nicke ich Jake zu. "Gut, dann habe ich dir noch für eine Übergangszeit noch ein Stück geräucherten Schinken, ein Sack Getreide, ein großes Glas Marmelade und eine Dose Kräutertee mitgebracht. Ach ja.. und Kerzen und ein Feuerstein habe ich dir auch mitgebracht. Na was sagst du jetzt?"

 

Ich wusste erst nicht was ich sagen sollte, schließlich sage ich nur "Jake! Ich verdanke dir damit mein Leben und ich kann dir gar nicht genug danken für das, was du alles für mich getan hast. Danke Jake!" Ich will aufstehen und ihn umarmen. Er hält mich aber zurück "Bleib sitzen Rota! Schone lieber deine Kräfte. Es kommen vielleicht auch nochmal andere Tage, wo ich vielleicht mal deine Hilfe benötige und du es mir dann immer noch vergelten kannst, man weiß ja schließlich nie was kommt.." "Jake.. sag mal, von wem hast du die Sachen denn überhaupt und wie um Himmels Willen willst du wieder zurück nach Kaven kommen? Die lassen dich doch nicht einfach, wenn du wieder zurückkehrst, so mir nichts dir nichts wieder durchs Tor gehen?" Jake setzt sich wieder im Schneidersitz zu mir hin und räuspert sich, bevor er schließlich antwortet.. "Die Sachen kommen teils von mir und teils von Mallen. Meine Eltern sagen nichts und vertrauen mir. Sie akzeptieren meine Entscheidungen, obwohl sie Angst haben, dass ich mich damit in Schwierigkeiten bringen könnte. Sie versuchen auch immer wieder mich zu überreden keine Risiken einzugehen und meine Entscheidungen zu überdenken. Aber letztendlich akzeptieren sie das was ich tue. Mallen geht es übrigens wieder etwas besser, seit sie gehört hat, dass du flüchten konntest und womöglich noch lebst. Sie wollte mir noch viel mehr für dich mitgeben, aber meine Tragemöglichkeiten sind begrenzt und ich konnte daher nur das mitnehmen, was ich hierher mitgenommen habe. Mallen wäre selber gerne mitgekommen, aber das wäre viel zu gefährlich für sie und dann auch für mich und letztlich auf für dich gewesen. Außerdem wird sie immer noch ziemlich von ihrem Vater überwacht. Ich habe aber gehört, dass sie schon bald wieder zur Schule gehen soll." Ich überlege.. "Hat Mallen schon gesagt wie sie mit den Lügen ihres Vaters umgeht?" "Mallen hasst ihren Vater für die Lügen und für das was er dir damit angetan hat. Aber auf der anderen Seite reicht dieser Hass nicht dazu aus, dem zu widersprechen was ihr Vater an ihrer statt ausgesagt hat. Sie würde ihn damit verraten und riskieren, dass ihr eigener Vater des Meineides angeklagt und womöglich zu Tode verurteilt werden könnte." Zu gönnen wäre es ihm ja.. dachte ich nur, aber ich konnte Mallens Haltung verstehen. "Und wie kommst du wieder zurück nach Kaven?" "Naja, eigentlich so, wie ich gekommen bin.."

 

Er macht eine kurze Pause "Es gibt einen geheimen Tunnel..!" sagte er schließlich. "Du weißt ja wo die alte Kirche in Kaven ist..," Ich nicke  "..dort gibt es doch den Brunnen, der aber trocken ist und kein Wasser mehr enthält. In dem Brunnen gibt es eine Leiter, die zum Grund des Brunnens führt und genau dort gibt es ein Loch, wo man gerade soeben noch durchkommt. Dieses Loch führt zu einem Kriechtunnel, der wiederum führt zur Außengrenze und rund fünfzig Schritt weiter in die Wildnis. Den Tunnel hat mir mein Vater gezeigt. Mein Vater hatte diesen Tunnel früher Mal durch Zufall entdeckt. Damals führte der Tunnel jedoch nur bis kurz vor der Außenmauer. Er hat ihn dann weiter unter der Mauer bis zum Ausgang in die Wildnis ausgebaut. Damals hat er einen guten Freund, der verbannt wurde, damit geholfen in der Wildnis zu überleben. Genauso wie ich dir jetzt helfe..". "Und wo endet dieser Tunnel?" Fragte ich nun interessiert. "Wenn du von der alten Kirche südöstlich geradeaus über die Mauer fünfzig Schritt in die Wildnis gehst. Dort ist ein Abhang von gut zwei Schritt Höhe. Und in diesem Abhang befindet sich der Eingang. Der Eingang ist übrigens durch mehrere große Steine versperrt, die man vorher beiseite räumen muss. Hat man diese Steine beiseite geräumt und sich auf die andere Seite begeben, sollte man den Eingang auch wieder mit diesen Steinen versperren und somit den Eingang auch gelichzeitig wieder tarnen." "Wer weiß noch von diesem Tunnel?" "Soweit ich weiß, meine Eltern, Mallen, ich und nun auch du. Mein Vaters Freund wusste davon. Er lebt aber nicht mehr." "Mallen, weiß es auch?" fragte ich nun. "Ja, ... sie hat mir die gleiche Frage gestellt wie du..." Jake stand nun auf. "Rota, ich muss langsam wieder zurück. Ich werde versuchen in vielleicht zwei oder drei Wochen wieder zu kommen um zu sehen wie du so zurechtkommst.." Ich nicke und sage dann "Danke nochmal für alles was du für mich getan hast...! Jake.. aber ich muss dir noch eine Frage stellen.. Warum? Warum tust du das alles für mich? Ich meine, wir kennen uns kaum..." Jake atmete ein und seufzte schließlich.. "Ich glaube dir und Mallen! Du bist zu Unrecht verurteilt worden.. und wenn ich die Möglichkeit habe zu helfen, dann helfe ich.. Aber, das ist nicht der wahre Grund und ich will ehrlich sein. Ich tue es hauptsächlich für Mallen. Mallen ist für mich etwas ganz Besonderes und ich... ähh.. ich mag Mallen und ich will alles tun um ihr zu helfen. Aber ich glaube ich bin nicht der Einzige der so über Mallen denkt.. oder?" Also doch..., etwas anderes hätte mich letztendlich auch überrascht. Ich nicke Jake zu und sage "Ja, Mallen ist.. tatsächlich etwas ganz Besonderes..." Jake kommt nun auf mich zu und legt seine Hand auf meine Schulter "Rota, ich weiß, dass sie etwas für dich empfindet und du ihr wohl sehr am Herzen liegst. Ich werde trotzdem um sie kämpfen. Aber eins kann ich dir versprechen, sollte sie sich für dich letztlich entscheiden, werde ich ihre Entscheidung akzeptieren." Starke Worte.. Ich bin gerührt. "Jake.. und ich werde Mallens Entscheidungen immer respektieren, dass verspreche ich dir." Jake nahm meine Hand in seine und drückte sie einmal fest "Halte durch... ja...? Es wird hier nicht einfach für dich werden... Aber ich denke, wenn einer das schaffen kann, dann bist du das." Ich nicke ihm zu. Er stand schließlich auf und ging wieder zurück nach Kaven.

 

Wildnis

 

Am nächsten Tag wache ich früh auf. Es ist kalt und feucht in der Höhle. Dank der vier Decken, die mir nun zur Verfügung stehen, habe ich jedoch einigermaßen warm und gut geschlafen. Aber mein ganzer Körper schmerzt und ist aufgrund der gestrigen Wanderung und des harten unebenen Bodens in der Höhle total verspannt. Daher würde ich am liebsten gar nicht aufstehen und lieber liegen bleiben. Da ich jedoch fürchte, dann später gar nicht mehr aufstehen zu können, überwinde ich meinen inneren Schweinehund und stehe letztlich doch auf. Meine Verletzungen schmerzen immer noch höllisch und jede Bewegung fällt mir schwer.

 

Als erstes schaue ich mir nun die Höhle genauer an. Die Höhle, stelle ich fest, ist ideal für mich. Räumlich hat die Höhle die Form eines umgekehrten Trichters. Sie ist von allen Seiten windgeschützt. An der Höhlendecke gibt es auf der rechten Seite einen Spalt, der sich bis zum Eingang der Höhle erstreckt. Durch diesen Spalt läuft wohl auch das Regenwasser hindurch. Dieses Wasser sammelt sich in einer Lache und läuft dann weiter zur rechten Seite der Höhle ab, wo es schließlich in einer felsigen Undurchdringlichkeit verschwindet.  Dadurch, dass die Höhle nach oben offen ist, ist es wohl auch möglich, in der Höhle Feuer zu machen, da der Rauch nach oben abziehen kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich nicht weit laufen muss, um mir Trinkwasser zu holen. Die Höhle ist klein, aber groß genug, um als einzelne Person hier einigermaßen komfortabel leben zu können. Die Höhle wird mich vor Regen, Wind, gefährlichen Tieren und vielleicht auch vor anderen ungebetenen Gästen schützen. Ein echter Gewinn also, der mich hoffnungsvoll stimmt. Ich raffe mich schließlich auf und esse etwas vom Schinken und koste auch noch ein wenig von der Marmelade. Die Marmelade hätte ich am liebsten ganz vernascht... Konnte mich aber noch beherrschen. Nach der kleinen Mahlzeit beschließe ich mich etwas zu bewegen und Feuerholz zu sammeln um es dann in der Höhle zum Trocknen zu legen. Ich hoffe, dass es mir vielleicht sogar am Abend gelingt ein kleines Feuer zu machen und etwas warmen Kräutertee zu trinken. Weiter beschließe ich auch noch mein Schlafplatz für die nächsten Nächte herzurichten.

 

Nach gut zwei Stunden hatte ich genügend Feuerholz gesammelt und in meine Höhle abgelegt. Meinen Schlafplatz verlegte ich weiter in die Höhle hinein, dort wo es eine relativ ebene Fläche gibt. Aus mehreren dicken Ästen konstruierte ich den Rahmen für die Liegefläche und füllte die erste Schicht mit vielen dünnen Zweigen, die ich engmaschig kreuz und quer auf diese Fläche verteilte. Darüber legte ich dann Heu und Gras, welches hier auf dieser Gebirgsebene in Hülle und Fülle gibt. Anschließend legte ich darüber eine der Decken. Das Ergebnis war für mich so einladend, dass ich mich gleich für mehr als eine Stunde in meinem neuen „Bett“ zur Probe hingelegt habe.

 

Ich freue mich schon auf die Nacht, da ich endlich mal wieder in einem bequemen Bett schlafen kann. Trotz dieser Freude falle ich jedoch schnell wieder in eine gedrückte Stimmung. Ich bin es zwar gewohnt immer viel allein zu sein, aber so alleine wie ich mich hier jetzt fühle, ist es dann doch noch um einiges deprimierender. Unweigerlich muss ich an die Zeit denken, wo Mallen und ich immer wieder Verbesserungen am Baumhaus vorgenommen haben und wir häufig mit Zisko den Wald durchstreiften. Ich vermisse Mallens Lachen und ihre verrückte Ideen, die sie immer hatte. Ich vermisse selbst die Schule und mein Zuhause bei meinem Onkel. Mir fehlt nun tatsächlich mein altes, vermeintlich verhasstes Leben. Sogar Jadens ständige Schikane fehlt mir. Ich fühle mich irgendwie..... verloren und ohne jeglichen Halt.

 

Onkel Jaron pflegte immer zu sagen: Ordnung ist das erste Gesetz des Himmels. Und wer Ordnung hält, verliert sich auch nicht. Onkel Jaron ist für mich nie ein Vorbild gewesen, aber er hatte sein Leben im Griff. Familie, Beruf, Hobby, Ratsmitgliedschaft alles erforderte seine Zeit und seine Aufmerksamkeit. Onkel Jaron managte dies immer nahezu perfekt. Zielsetzung, Struktur, klare Regeln und Prinzipien waren ihm dabei nützliche Helfer. Ich brauche vielleicht auch nur Struktur und Ordnung, um wieder einen Halt zu finden. Noch besser wäre es vielleicht, meinem Leben hier einen Sinn zu geben. Ich entscheide daher meine Tage, hier, mit alltäglichen Aufgaben zu füllen und mir Ziele zu setzen. Was will ich hier erreichen? Ist womöglich schon eine wichtige Frage, die ich für mich hier beantworten sollte. Wichtig für das Leben in der Wildnis ist auch die Fähigkeit sich selbst versorgen zu können. Fürs erste nehme ich mir daher vor, jeden Tag mindestens drei Stunden mit Pfeil und Bogen zu üben. Weitere alltägliche Aufgaben sind Holz zu sammeln, die Gegend zu erkunden und mich um Nahrung zu kümmern. Ich stehe schließlich auf und nehme mir den Bogen und die Pfeile und suche mir einen guten Platz für die Schießübungen.

 

Das Bogenschießen machte mir Spaß und ich entwickelte einen gewissen Ehrgeiz immer besser zu werden. Ich musste aber schnell feststellen, dass es schwieriger ist, als ich dachte. Ich versuchte anfangs ein Ziel mit einem Abstand von etwa dreißig Schritten Entfernung zu treffen. Verkürzte den Abstand jedoch schnell auf nur fünf Schritten. Erst als ich mit einer gewissen Sicherheit das Ziel immer wieder traf, erhöhte ich den Abstand um einen weiteren Schritt. Am Ende meiner ersten Trainingseinheit traf ich zuverlässig mein Ziel auf gut acht Schritt Entfernung. Mein Arm schmerzte, aber ich fühlte mich ermutigt und freute mich schon auf den nächsten Tag meiner Schießübungen.

 

Wie ich es geplant hatte, machte ich danach noch eine Wanderung, um die Gegend hier näher zu erkunden. Zur Sicherheit nahm ich mein Messer und meine neue Waffe, den Bogen und den Köcher mit Pfeilen mit. Dazu schnürte ich mir auch noch den Sack auf den Rücken um gegebenenfalls etwas Brauchbares, wie z.B. trockenes Feuerholz oder Gestrüpp, was ich unterwegs finden könnte mitzunehmen.

 

Das Wetter ist gut. Es ist zwar bewölkt, aber trocken und es ist nicht kalt. Meine Schmerzen am Fuß behindern mich beim Gehen immer noch, aber ich habe das Gefühl, dass es langsam besser wird. Auf meiner Wanderung fällt mir auf, dass die Gegend hier sehr abwechslungsreich ist. Wälder, Wiesen aber auch karge Gebirgslandschaften wechseln sich ständig ab. Es gibt viele Tiere zu sehen und zu hören. Zu hören sind vor allem Sing- und Raubvögel. Ich entdecke Bergziegen, Rehe, Hasen und schließlich eine für mich unbekannte relativ große Schlange. Und diese Schlange ist so greifbar nahe, dass ich entscheide diese zu töten und mit in die Höhle zu nehmen, um sie dann heute am Abend am Feuer zu essen. Ich habe noch nie Schlange gegessen. Auch weiß ich nicht, wie man eine Schlange eigentlich zubereitet. Aber, das sind Dinge die ich hier lernen muss. Ich suche mir schnell einen Stock der sich am Ende gabelt. Es dauerte auch nicht lange, dann hatte ich einen gefunden und ich schnitt ihn mit meinem Messer zurecht. Mit der gegabelten Seite des Stocks drücke ich dann den Kopf der Schlange zu Boden, nehme mein Messer und schneide der Schlange damit schnell den Kopf ab. Ich hatte nun mein erstes Tier in der Wildnis getötet! Ich schlitzte danach auch noch den Leib der Schlange auf und holte die Innereien heraus. Nachdem ich das getan hatte, beschloss ich wieder zur Höhle zurückzukehren.

 

Als ich dann später wieder in der Höhle war, enthäutete ich die Schlange und schnitt das Fleisch in mehrere kleine Stücke. Nun war die Zeit gekommen um mein erstes Feuer hier zu entfachen. Ich hatte schon befürchtet, dass es nicht einfach sein würde ohne Feuerwolle ein Feuer zu machen, aber dass ich so lange brauchen würde, habe ich mir auch nicht vorstellen können. Erst spät in der Nacht gelang es mir mit dem Feuerstein in dem trockenen Heu, so einen Feuerfunken zu schlagen, dass das Heu endlich Feuer fing und ich dann durch Zugabe von dünnem Trockenholz ein richtiges Feuer zu entfachen. Als das Feuer sicher brannte, widmete ich mich wieder dem Fleisch der Schlange zu. Ich hatte einen riesigen Hunger und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich streute noch ein wenig Salz auf das Fleisch und hielt es dann mit einem Stock ins Feuer. Das Fleisch der Schlange schmeckte mir nicht sonderlich. Es war aber besser als ich erwartet hatte und ich war froh, dass ich endlich überhaupt was im Magen bekam. Im Nachhinein machte ich mir in dem Topf noch einen Kräutertee. Während ich den Kräutertee trank, dachte ich über meinen ersten Tag hier, in meinem neuen Zuhause, nach. Ich habe hier eine echte Überlebenschance und ich konnte mir nun gut vorstellen über einen längeren Zeitraum hier zu leben. Aber für immer hier, alleine, leben? Nein.., das möchte ich nicht. Was also möchte ich hier erst mal erreichen? Zum einen, möchte ich erstmal, dass meine Verletzungen wieder verheilen und ich wieder gesund werde. Ob ich will oder nicht, ich muss auch lernen hier in der Wildnis zu überleben. Ich habe jedenfalls alles hier um für eine gewisse Zeit hier leben zu können. Auch kann ich die Zeit nutzen um festzustellen wo und wie die Ausgestoßenen hier leben und ob ich mich ihnen anschließen kann oder ich mich vor ihnen in Acht nehmen muss. Und dann gilt es noch meine Versprechen einzuhalten. Ich habe mir und insbesondere Jaden versprochen ihn für seine Taten noch büßen zu lassen. Und dieses Versprechen will ich unbedingt noch einhalten.. Hierzu wird mir bestimmt noch der geheime Tunnel, von dem Jake erzählte, hilfreich sein.

 

In den nächsten Tagen passierte nicht viel. Ich gewöhnte mich langsam an meinem neuen Zuhause. Ich übte jeden Tag, wie ich es mir vorgenommen hatte, mit dem Bogen zu schießen. Hierbei machte ich gute Fortschritte. Ich traf mittlerweile nun auf fünfzehn Schritt Entfernung ziemlich sicher das Ziel. Ich kümmerte mich um Brennholz, machte jeden Tag einen Ausflug, um die Gegend weiter zu erkunden und etwas Essbares wie Beeren und Wildpflanzen und Kräuter zu finden und natürlich um zu jagen. Meine Erfolgsquote war jedoch noch ziemlich bescheiden. Einen nicht mehr ganz so gesunden alten Hasen konnte ich bisher nur erledigen. Ich war aber zuversichtlich, dass ich mich hier noch steigern konnte. Tiere, die für mich gefährlich werden konnten, haben sich mir bisher nicht gezeigt. Ich habe wohl Bären und Wölfe gesehen, aber die schienen keine Notiz von mir nehmen zu wollen und ließen mich bisher auch immer in Ruhe. Meine Verletzungen, insbesondere mein Fuß, haben sich nicht entzündet und heilen sehr gut. Mittlerweile bin ich auch schon fast schmerzfrei und kann mich wieder normal bewegen. Meine Höhle verbesserte ich unentwegt. Das Feuermachen gelingt mir mit jedem Tag besser und ich bekomme den Dreh hierfür langsam raus. Jedoch fühle ich mich einsam und ich sehne mich nach etwas Geselligkeit. Jake sagte er würde so in zwei, drei Wochen wieder kommen wollen.. Mir fiel es mittlerweile schwer die Tage hier festzuhalten und so entschied ich mich für jeden vergangenen Tag einen Strich an die Höhlenwand zu machen. Demnach dürfte es vielleicht nur noch eine Woche dauern, bis Jake wieder kommt. Da es mir nun auch wieder etwas besser geht, könnte ich vielleicht auch mal wieder nach Kaven gehen und mich mit Mallen treffen. Natürlich dann nur nachts, wenn die meisten in Kaven noch schlafen. Warum eigentlich nicht? Man kann es ja zu mindestens auf einen Versuch ankommen lassen. Aber vorher sollte ich besser nochmal mit Jake darüber sprechen. Er könnte dies dann ja mit Mallen vorher besprechen, wo und wann man sich dann treffen könnte.

 

Zuvor hatte ich aber jedoch noch meine erste Begegnung mit den Ausgestoßenen hier in der Wildnis.

 

Erster Kontakt

 

Es war später Nachmittag und ich war gerade wieder auf dem Weg zur Höhle. An diesem Nachmittag hatte ich lediglich ein paar Beeren gefunden. Da ich aber noch etwas von Jakes Schinken übrig habe, muss ich zu mindestens heute nicht hungern. Als ich gerade darüber nachdachte, dass ich morgen undbedingt wieder Beute machen muss, höre ich in der Ferne plötzlich Stimmen. Ich werfe mich sofort zu Boden. Mein Herz fängt wie wild an zu schlagen. Das sind Menschenstimmen. Ich krieche schnell hinter einem größeren Felsen und versuche die Stimmen ausfindig zu machen. Dann sehe ich sie. Soweit ich erkennen kann handelt es sich um drei Personen. Einen dürren älteren Mann mit langen weißen Haaren und einem zotteligen langen Bart. Dieser alte Mann führt ein kleines Kind an der Leine und sie laufen im schweren Gang gerade einen Hügel hoch. Die Leine ist um den Hals des Kindes geschnürt. Hinter dem kleinen Kind läuft ein großer schlaksiger Mann hinterher. Der Mann hat strähnig lange Haare und er scheint auf jeden Fall jünger zu sein als der andere. Der Mann hat ein Knüppel in der Hand und scheint darauf aufzupassen, dass das Kind wohl nicht flüchten kann. Alle drei machen einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Die beiden Männer sind in ziemlich zerschlissenen Lumpen gekleidet. Das Kind trägt lediglich ein Fell von irgendeinem Tier, das ihr wie ein Poncho und mit einem Lederband um den Leib geschnürt ist. Was haben diese beiden Männer vor, wo wollen sie hin und warum führen sie ein kleines Kind wie einen Gefangenen an der Leine herum? Diese Fragen will ich nachgehen und ich entscheide mich daher ihnen mit einem gewissen Abstand zu folgen.

 

Als ich mich ihnen dann genähert hatte, erkenne ich, dass es sich bei dem Kind wohl um ein etwa sechsjähriges oder etwas älteres Mädchen handelt. Das Mädchen sieht irgendwie fremdartig aus. Ihre Haut ist dunkel und ihr kohlenrabenschwarzes glattes Haar ist zu einem ungewöhnlichen Zopf geflochten. Das Mädchen sieht zäh und irgendwie abgehärtet aus. Auch wirkt sie, wenn man ihre scheinbar missliche Lage bedenkt, ungewöhnlich ruhig. Sie wird des Öfteren immer wieder von dem Jüngeren geschupst, beschimpft und dazu angehalten schneller zu gehen. Und der Ältere lässt auch keine Zweifel daran, dass dieses kleine Mädchen ihre Gefangene ist. Er zerrt ständig und unbarmherzig an der Leine, wenn sie kurz mal nicht Schritt halten kann. Warum halten diese beiden Männern ein kleines Mädchen als Gefangene? Was haben sie mit ihr vor? Mir tut die Kleine leid und auf der anderen Seite bewundere ich sie gleichzeitig für ihre Tapferkeit, diese Tortur ohne Jammern und Gezeter über sich ergehen zu lassen. Ich hadere mit mir ob ich eingreifen und dieses Mädchen helfen soll. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch besser abzuwarten und sie weiter zu verfolgen um mehr zu erfahren. Beispielsweise, wohin sie gehen und was sie letztendlich mit dem Mädchen und überhaupt vorhaben.

 

Ich entscheide mich für Letzteres und will sie weiter beobachten und mehr erfahren. Helfen kann ich vielleicht dann ja immer noch. Ich halte mich immer gut auf zweihundert Schritt Entfernung um meine Anwesenheit so gut es geht vor diesen Ausgestoßenen zu verbergen.  Irgendwann erreichen die drei eine Waldgrenze und da es  langsam dunkel wird fürchte ich nun, dass ich sie aus den Augen verlieren könnte. Als ich mich gerade aufmachen will um näher an sie heran zu kommen, sehe ich gerade noch rechtzeitig, dass sie Halt gemacht haben und der Jüngere von den beiden anfängt Feuerholz zu sammeln. Ich tauche sofort wieder hinter mein Versteck. Es scheint so, dass sie sich entschieden haben Rast zu machen oder vielleicht sogar an diesen Platz übernachten wollen.

 

Ich suche mir einen besseren Platz um diese drei aus sicherer Entfernung weiter beobachten zu können und nebenbei auch entspannter liegen zu können. Mir wird langsam kalt. Da ich aber fürchten muss von dem Jüngeren beispielsweise beim Holzsammeln entdeckt zu werden, entscheide ich mich noch gegen meine Decke, die ich mir heute Morgen zu einer Wurst zusammengerollt und um meinen Körper gelegt hatte, zu entrollen. Dann plötzlich fängt das Mädchen lauthals an zu flehen und zu weinen. Warum? Der Jüngere geht auf einmal mit dem Knüppel auf das Mädchen zu. In der anderen Hand hält er ein großes Messer. Was haben die vor? Die wollen doch nicht... Dann schlägt er mit dem Knüppel auf das Mädchen ein. Ich kann nun nicht mehr an mir halten, ich springe auf und schreie.. "Halt! Sofort aufhören!!" Ich reiße mir meinen Bogen vom Rücken und lege ein Pfeil auf die Sehne und renne dann auf sie zu. Die beiden erschraken und glotzen mich nun mit offenem Mund an. Der Jüngere löst sich jedoch schnell aus der Schreckensstarre und greift nun seinerseits an und läuft jetzt direkt auf mich zu. Ich fange, wie ich es sonst auch schon erfolgreich getan habe, an zu schreien und spanne dabei meinen Bogen. Nun sieht der Jüngere mit seinem Knüppel meinen Bogen und dann sieht er mich an. Er hält an und scheint nun irgendwie verwirrt. Wir sind nur noch zwanzig Schritte voneinander entfernt. Ich weiß nicht ob er nur in diesem Moment schwachsinnig wirkte oder er es vielleicht auch war. Er ist nun ein leichtes Ziel für mich. Ich lasse die Sehne los und der Pfeil schießt direkt auf diesen Idioten zu. Der Pfeil trifft ihn direkt in die Brust. Ich ziehe nun mein Messer aus der Scheide und renne weiter auf ihn zu. Der Mann guckt immer noch völlig verwirrt, so als ob er es immer noch nicht glauben kann, was sich hier gerade abspielt. Ich steche ihm schließlich mit dem Messer direkt ins Herz und renne dann geradewegs auf den alten Mann zu. Der alte Mann ist jedoch nun bei dem Mädchen und hält ein abgewetztes Messer an ihrem Hals und schaut mich mit einem schmierigen Grinsen an.  "Da hol mich doch der Teufel! Gott hämmere mich.. Oder bist du sogar der Teufel persönlich? Willst du dieses Ding dieses krasianische Balg haben? Ist es das was du willst? Willst es anscheinend lebendig haben..  hm ? Oder was soll das hier werden? ..... Komm nur.. du.. Satan.. noch ein Schritt näher und ich werde dir zeigen, was ich aus diesem Stück Fleisch so alles an Blut herausholen kann. Hmm.. haaaast duuuu daaaaas verstaaaanden?"

 

Das Mädchen ist also eine Krasianerin. Das erklärt Einiges. "Was hattet ihr mit ihr vor?" Frage ich ihn nun. "Was kümmert dich, was wir mit diesem Balg vorhatten? Wir sind Menschen und wir haben Hunger! Die töten und essen und wir müssen ebenfalls töten um zu überleben.. was ist daran falsch?" Das Mädchen ist noch bei Bewusstsein, aber es blutet stark. Dann plötzlich dreht sie sich blitzartig unter dem Messer und rollt sich zur Seite weg. Der Mann will sie noch festhalten. Aber das ist nun zu spät für ihn. Ich stürme auf ihn los und ramme ihm mein Messer direkt in seinem Hals. Er würgt und schaut mich dabei entsetzt an. Ich ziehe das Messer heraus und stoße es ihm nun in seine rechte Schläfe. Sein ganzer Körper zuckte nochmal wild auf und dann war's vorbei. Er kippte nach hinten und bewegte sich nicht mehr.

 

Dai

 

Ich entferne mich nun auf ein paar Schritte und muss erst mal verdauen was hier soeben passiert ist. Das Mädchen schaut mich ängstlich an. Ich hebe beide Hände um ihr zu signalisieren, dass sie keine Angst vor mir zu haben braucht. "Ruhig! Alles gut. Dir tut keiner mehr was.. Okay? Alles.. in Ordnung " sage ich noch und setze mich erschöpft auf dem Boden. Ich schau sie an und erkenne an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir glaubt. Was nun? Bin ich nun für sie verantwortlich? Werde ich sie mitnehmen müssen? "Verstehst du mich? Verstehst du meine Sprache?" Frage ich nun. Das Mädchen schüttelt den Kopf und ihr laufen nun Tränen übers Gesicht. Ihr stilles Weinen drückt Verzweiflung aber auch gleichzeitig Tapferkeit aus. Sie wirkt in diesem Moment vielleicht schwach, gleichzeitig strahlt sie aber auch irgendwie innere Stärke aus. Ich stehe nun wieder auf und gehe langsam auf das Mädchen zu und hocke mich nah zu ihr hin. Ich zeige auf ihren verletzten Kopf und gebe ihr zu verstehen, dass ich mir das gerne näher anschauen würde. Sie schreckte erst zurück und ich befürchtete sie wollte gerade schon weglaufen. Sie blieb aber und scheint nun meine Absicht zu verstehen. Sie nickt, schließt ihre Augen und hält mir ihren verletzten Kopf hin. Ihre Kopfverletzung sieht übel aus und blutet immer noch, aber soweit ich erkennen kann, scheint es letztlich nur eine Platzwunde zu sein und kein Bruch an der Schädeldecke. "Es sieht schlimmer aus, als es ist..." sagte ich nur. Sie mag vielleicht meine Sprache nicht verstehen, jedoch erkannte sie wohl an meinem Gesichtsausdruck und an meinem Tonfall, dass die Verletzung nicht so schlimm ist.

 

Sie weint nicht mehr und schaut mich nun direkt in die Augen. Da es für mich eher ungewohnt ist und auch etwas unangenehm, dass man mich so in die Augen schaut, halte ich ihren Blickkontakt nicht lange und wende mein Blick schnell von ihr ab. Als ich sie wenig später dann doch wieder anschaue, lächelt das Mädchen. Diesem Lächeln kann ich nicht widerstehen und muss nun ebenfalls etwas lächeln. Dann auf einmal steht sie auf und umarmt mich und sagt immer wieder "biädo, biädo..." Was auch immer "biädo" heißen mag, meine Augen füllen sich entgegen meinem Willen nun auch noch mit Tränen. Für mich ist diese Umarmung etwas völlig Neues und Fremdes, womit ich Probleme habe erstmal umzugehen. Trotzdem lasse ich sie gewähren, da es mir andererseits auch irgendwie gefällt und mein Herz rührt. Dann löse ich mich aber von ihr. "Wir werden hier nicht bleiben!" Schon allein das Wort "wir" kommt mir irgendwie unwirklich vor. Daran werde ich mich vielleicht wohl erst gewöhnen müssen. Ich stehe auf und zeige auf die beiden toten Männer und schüttel mit dem Kopf, als ich eine Geste des Schlafens mache. Ich zeige in der Richtung wo sich meine Höhle befindet. "Wir suchen uns ein anderen Schlafplatz.., ja?" Sie nickt, steht auf und geht zu dem toten alten Mann und nimmt sich wie selbstverständlich seiner Habseligkeiten an. Ich tat das gleiche und ging zu dem jüngeren Mann und holte mir mein Pfeil wieder. Dabei nahm ich ihm auch noch sein Messer, ein Seil, seine Hose und seinen kaputten Mantel ab. Außerdem nahmen wir ihre Schlaffelle, ihre Feuersteine, Wasserschläuche und ihre Trinkgefäße mit. Etwas Essbares hatten sie leider nicht dabei gehabt. Obwohl... die beiden selbst...? Nein!

 

Es ist nun langsam schon dunkel geworden. Ich nicke ihr zu und wir machen uns schließlich auf, um einen anderen Schlaflatz zu finden. Nachdem wir dann ein paar Schritte gelaufen sind, fällt mir ein, dass ich noch gar nicht weiss wie mein neuer Schützling eigentlich heißt. "Wie heißt du?" Frage ich. Das Mädchen schaut mich fragend an. Ich tippe mit meinem Zeigefinger auf mich und sage "Rota! Mein Name ist Rota!" Dann zeige ich auf sie "Dein Name?" Sie schaut noch kurz etwas verwirrt. Aber dann kann ich Verständnis in ihrem Gesicht erkennen. Sie zeigt nun ihrerseits mit ihrem Finger auf sich und sagt "mat tomine... Dai! ..Dai!" Ich runzel die Stirn "Dein Name ist Dai..? Dai?" Sie lächelt, nickt und zeigt mit ihrem Finger auf mich und dann auf sich und sagt "to tomine Rota ... mat tomine .. Dai!" Wie niedlich das klingt, wenn sie spricht.. denke ich nur. Es wird mir vermutlich nicht schwer fallen dieses Mädchen zu mögen. "Ich glaube wir werden uns gut verstehen, Dai! Was meinst du?" Sie lächelt und schaut mir dabei wieder so eindringlich in die Augen. Ich erwidere ihr Lächeln und verspüre zum ersten Mal in dieser Wildnis so etwas wie Glück.

 

Nach gut einer Stunde fanden wir schließlich einen geeigneten Platz zum Schlafen. Wir aßen noch die Beeren auf, die ich am Nachmittag noch gefunden hatte und machten dann unsere Schlafplätze für die bevorstehende Nacht fertig. Es gab noch so vieles zwischen uns zu bereden und was wir voneinander wissen wollten. Ich spürte, dass sie gerne gewusst hätte wohin wir gehen. Was sie dann dort zu erwarten hatte? Wer ich bin....? Und umgekehrt hätte ich gerne gewusst, ob sie noch Familie hat und wie es dazu kam, dass sie von diesen beiden Ausgestoßenen gefangen genommen wurde. Aber wir waren beide zu müde und erschöpft um noch krampfhaft uns zu unterhalten. Kein Feuer, kaum Worte, nur Gesten und Dunkelheit. Dai hatte ihr Schlafplatz wie selbstverständlich ganz neben meinem gemacht. Ich hatte nichts dagegen und eigentlich war es mir sogar ganz recht. Die Nacht war kalt aber trocken. Als wir dann beide unter den Schlaffellen lagen wünschte ich ihr noch eine gute Nacht. Sie sagte dann leise sowas wie "hon zoone". Ich wiederholte dann was sie sagte, in der Hoffnung das "hon zoone" sowas wie gute Nacht heißen würde. Sie kicherte und sagte nochmal "hon zoone". "Genau... hon zoone.. schlaf gut!" Dann schliefen wir ein.

 

Am nächsten Morgen wachte ich bei Tagesanbruch auf. Dai lag ganz dicht an mich geschmiegt bei mir und schlief noch. Ich mochte kaum aufstehen, da ich sie ungern wecken wollte und es mir einfach auch gefiel, wie sie so eng an mich gekuschelt friedlich schlief. Ich stand trotzdem auf und schaute mich etwas um. Wir waren nahe am Fluss und nach meiner Einschätzung nach, nur noch rund drei Stunden von der Höhle entfernt. Dai wachte nun ebenfalls auf. Sie gähnte und streckte sich. Dann stand sie auf und ging zu mir. "Guten Morgen, Dai... Gut geschlafen?" Mir war klar, dass sie mich natürlich nicht verstand. Aber das sind die ersten Sätze, an die sie sich schon mal gewöhnen kann. Sie guckte mich nun fragend an "Guden Mogen?" Wiederholte sie fragend. "Gu t en Mo rr gen... das ist einfach nur so ein... morgendlicher Gruß" sagte ich. Das wird noch ziemlich anstrengend werden, dachte ich, aber... was soll‘s.., wir haben viel Zeit.. und eins nach dem anderen und Schritt für Schritt... Ich schnappte mir einen kleinen Stock. "Pass auf..." Ich kratze mit dem Stock auf der Erde vier Bilder. Ein nächtliches Bild mit Mond und Sterne, ein morgendliches Bild, wo die Sonne aufgeht, ein Bild des Tages und ein abendliches Bild, wo die Sonne wieder untergeht. Ich zeige mit dem Stock auf die einzelnen Objekte und benenne sie in meiner Sprache. Das ist die Sonne... das ist der Mond. Sie verstand es und wiederholte die Wörter. Dann erklärte ich ihr die einzelnen Bilder. "Das, Dai, ist das morgendliche Bild. Der Morgen." Ich tat gerade so als würde ich aufstehen, gähnen und mich strecken und sagte dann "Das ist der gute Morgen!" Sie schien zu begreifen und wiederholte nachdenklich "de gute Morgen.." Als ich ihr schließlich die restlichen Bilder auch noch erklärt hatte, kratzte ich mit dem Stock noch meine Höhle auf die Erde, dazu noch den Weg den wir noch zu gehen hatten und mich und sie als Strichmännchen auf diesen Weg. Auch dies schien sie zu verstehen. Sie zeigte als nächstes wieder auf die Höhle und fragte nun "are matane?" Dann zeigte sie auf mich und auf sich und dann zeigte sie wahllos in andere Richtungen.. Dann nahm sie mein kleinen Stock und malte nun ebenfalls ein paar Strichmännchen.. bei der Höhle.. Jetzt verstand ich. Ich schüttelte den Kopf und sagte "Nein, nein, wir sind alleine dort." Ich nahm nun wieder den Stock und strich die Strichmännchen weg und kratzte nur zwei Strichmännchen hin und diese zwei, erklärte ich ihr mit Gesten und Worten gleichzeitig, sind du und ich. "Verstanden?" Sie schien beruhigt, nickte und sagte tatsächlich "Vestandn!" Dann entschied ich mich dazu, mehr von ihr zu erfahren. Ich nahm den Stock in die Hand und kratzte nun ein Bild von einer Familie auf den Boden. Mutter, Vater und Kind. Dann zeigte ich auf das Kind und sagte "Das bist du ..Dai." Dann zeigte ich auf die Eltern und fragte "Wo ist deine Mutter? Wo ist dein Vater?" Dai schaute mich nun traurig an und schüttelte den Kopf und wischte mit ihren Händen die Eltern weg. Ich nickte. "Gibt es denn sonst keinen?" Ich kratzte mehrere andere Personen und dann ein Pfeil von dem kleinen Mädchen also Dai zu diesen Personen hin. Sie schüttelte wieder mit dem Kopf und sagte "Nein." Dann wischte sie den Pfeil weg. Ich stehe schließlich auf "Dann, Dai, sind wir wohl beide allein.. Komm lass uns gehen." Wir packten die Sachen und machten uns nun auf den Weg zurück zur Höhle.

 

Als wir den Fluss erreichten, füllten wir die Wasserschläuche auf. Da Dai ziemlich schmutzig war, habe ich sie noch dazu gedrängt sich zu waschen. Dai wollte nicht und zeigte mit ihrem Finger auf mich und rümpfte mit der Nase und zeigte dann zum Fluss. Damit schien sie wohl anzudeuten, dass ich selbst ein Bad nötig hatte. Damit hatte sie natürlich recht. Ich hatte mich schon lange nicht mehr richtig gewaschen. Ich nickte ihr zu "Okay, dann müssen wir uns beide eben waschen." Ich zog mich aus und nahm noch die schmutzigen Sachen mit, die wir den Ausgestoßenen abgenommen hatten. Dai tat es mir gleich. Es war schon so kalt gewesen, aber das Wasser fühlte sich eisig an. Dai zitterte wie Espenlaub und mir ging es nicht anders. Dai fing an zu lachen und ich fand die Situation auch irgendwie zu komisch und musste nun ebenfalls lachen. Ich schaffte es aber letztendlich mich und sogar die mitgenommenen Kleider zu waschen. Das Wasser war zwar richtig kalt gewesen, aber wir fühlten uns danach wesentlich frischer und motivierter weiter zu gehen.

 

Nach ein paar weiteren Stunden erreichten wir schließlich meine Höhle. Dai war von der Höhle begeistert und sie freute sich auf die erste Nacht hier zu schlafen. Wir waren ziemlich hungrig und aßen den restlichen Schinken auf und noch etwas von der Marmelade. Dai hätte am liebsten natürlich das ganze Marmeladenglas leer gemacht, aber das konnte ich noch verhindern.

 

Da wir nun kaum noch etwas zu essen hatten, beschloss ich nun mit Dai auf die Jagd zu gehen. "Dai wir werden gleich noch auf die Jagd gehen müssen." Ich zeigte dabei auf Pfeil und Bogen und machte dann eine Geste als ob ich etwas essen würde. Sie verstand mich und schien sich darauf zu freuen. Dann fiel mir auf, dass sie ja immer noch nur mit dem einen Fell bekleidet war und somit eigentlich ziemlich frieren müsste. Ich ging zu meinem Schlafplatz und nahm mir ein Hemd von meinen Ersatzkleidern. Ich zeigte auf das Hemd und dann auf Dai. "Magst du das anziehen?" Dai zog sich das Fell sofort aus und zog sich das Hemd an. Es war, wie zu erwarten, viel zu groß. Das Hemd reichte ihr bis kurz über die Knie, aber das war vielleicht auch ganz gut so, denn man konnte daraus mit einem Stück Seil um die Taille so eine Art längeres Unterkleid machen. Das Fell legte ich ihr noch über das Hemd und band ihr dann auch gleich mit dem Stück Seil, von den Ausgestoßenen, das Hemd und das Fell eng um die Taille. Die Ärmel krempelte ich ihr danach noch auf Höhe ihrer Hände hoch. Gar nicht so schlecht. Dai schien es ebenfalls sehr zu gefallen und bewegte sich nun leicht tänzerisch hin und her durch die Höhle. Was aber konnte ich für ihre bloßen Füße und Beine tun? Dann fällt mir ein, dass ich ja noch die Stiefel von Jaden habe. Ich holte die Stiefel und zeigte diese dann Dai. Dai bekam große Augen und fragte "Anziehen?" Ich nickte ihr zu "Probier sie an!" Sie nahm sie und zog sie an. Ich schnürte ihr noch die Stiefel. Dann lief sie damit ein paar Schritte. Es sah komisch aus und die Stiefel waren einfach viel zu groß und klobig. Ich könnte die Stiefel, die wir von dem alten Mann genommen hatten, mit dem Messer versuchen kleiner zu schneiden, aber dann würden sie mit Sicherheit nicht mehr warm halten. Jake würde aber ja nun hoffentlich auch bald kommen und er würde bestimmt eine Möglichkeit finden, Kleider für Dai zu besorgen. Von daher mussten diese Stiefel erstmal ausreichen. Letztendlich löste sich das Problem damit, dass Dai Jadens Hose anzog und ich die Überlänge der Hose so um die Füße wickelte, dass sie nun die Stiefel damit gut ausfüllte und die Füße nun bequem in den Stiefel lagen. Mit Bändern schnürte ich die Hose noch etwas enger um ihre Beine, damit ihr die weite Hose nicht beim Gehen behinderte. Dai dankte es mir, in dem sie mich fest umarmte und dann immer wieder "biädo" sagte und vor mir her stolzierte.

 

Die Jagd verlief erfolgreich. Ich erlegte gleich bei der ersten Gelegenheit mit einem Pfeilschuss einen größeren Falken. Dai verhielt sich bei der Jagd vorbildlich. Sie war absolut ruhig und hielt immer einen gewissen Abstand zu mir. Ich vermute, dass es nicht ihre erste Jagd gewesen ist, wo sie dabei war. Als ich den Falken getroffen hatte, rannte sie dann geradewegs auf das sterbende Tier zu und drehte dem Falken mit einem gekonnten Griff den Kopf um und brachte mir dann die Beute. "Nun müssen wir nur noch hoffen, dass wir das Feuer anbekommen, was meinst du Dai?" Ich lächelte ihr zu. Dai runzelte die Stirn, nach der Devise.. ich versteh dich zwar jetzt nicht, aber ich freue mich auch aufs Essen.

 

Die Tage vergingen und mit jedem Tag gewöhnten wir uns mehr aneinander. Jeden Tag übten wir das Bogenschießen. Dai war hier noch ungeübt, aber sie machte mit jedem Tag große Fortschritte. Wir suchten täglich Feuerholz und machten immer einen Jagdausflug. Jeder hatte seine bestimmte Zeit für sich und machte das, wozu er Lust hatte. Dai versuchte sich an das Schnitzen von Figuren. Ihr gelang dabei auch schon eine Menschenfigur zu schnitzen. Mit dieser Figur, die sie Fedann nannte, spielte sie dann auch immer, wenn es mal nichts anderes zu tun gab. Ich versuchte für Dai in solchen Zeiten einen Bogen zu machen. Musste aber feststellen, dass der Bogen niemals so gut sein wird, wie meiner. Mir fehlen einfach die Materialien und das Wissen einen wirklich guten Bogen zu machen.

 

2. Besuch

 

Es vergingen insgesamt sechs Tage, nachdem ich Dai befreit hatte, bis Jake wieder spät nachts in der Höhle erschien und mich dann aufweckte. "Wer ist die… denn?" Flüsterte er und zeigte dabei auf Dai, die sich wieder bei mir eng eingekuschelt hatte. Jake war völlig überrascht. "Hallo Jake" nuschelte ich noch schlaftrunken. "Ja.... ähm Jake, das ist Dai." Da nun Dai ebenfalls wach geworden ist, ergänzte ich noch ".. Dai..., das ist Jake". Nachdem ich Jake die ganze Geschichte mit Dai erzählt hatte, schüttelt Jake den Kopf "Unglaublich! Rota! Du verblüffst mich immer wieder aufs Neue." Dann schaut er auf Dai herunter und mustert sie eindringlich "Ja... fein... Hallo Dai! Freut mich dich kennen zu lernen." Dai, das spürte man, mochte Jake auf Anhieb. Sie lächelt ihn an und wiederholt "Freu... mich." Jake lächelt nun ebenfalls. "Du gefällst mir! Komm lass dich umarmen.." Er öffnet die Arme. Dai versteht und beantwortet das Angebot mit einer herzlichen Umarmung. Jake scheint nun solch eine Reaktion nicht unbedingt erwartet zu haben und wirkt ein wenig überrascht. Aber es ist unverkennbar, dass auch er Dai sofort ins Herz geschlossen hat. Nachdem Dai und Jake sich aus ihrer kurzen aber herzlichen Umarmung gelöst hatten, begrüße ich Jake auch nochmal kurz.

 

Jake setzt sich nun im Schneidersitz zu uns hin. "Wie ich sehe, scheint ihr Beiden sonst hier gut zurecht zu kommen.. oder?" Ich nickte "Ja und das haben wir letztendlich nur dir zu verdanken, Jake" Jake sagte nichts weiter hierzu und wird nun ernst "Rota, so wie es aussieht, ist Mallen nicht mehr in Kaven.." Mir stockt der Atem "Wie meinst du das, sie ist nicht mehr in Kaven?" "Als ich mich vor drei Tagen mit ihr treffen wollte, um mit ihr über den zweiten Besuch zu dir, zu sprechen, war sie einfach nicht erschienen. Tja, und gestern ist in der Schule tatsächlich bekannt geworden, das Mallen nicht mehr in der Schule von Kaven unterrichtet werden wird. Mallen wurde nach Tenna gebracht. Sie wird fortan nun in der dortigen Eliteschule unterrichtet werden und dort dann wohl eine spezielle Förderung erhalten."

 

Ich bin sprachlos. Mallen..., nicht mehr da? Für wie lange? War es ihre Entscheidung gewesen? Das waren Fragen die mir gleich durch den Kopf gingen. Jake schaut mich nun an "Ich war genauso entsetzt wie du jetzt, Rota. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es Mallen's eigene Entscheidung war und das es überhaupt eine freiwillige Entscheidung gewesen ist...., denn das..., sieht ihr nicht im Geringsten ähnlich. Sie hätte mir mit Sicherheit gesagt, dass sie sowas vorgehabt hätte.. Es gibt eigentlich nur einen, der das veranlasst haben könnte und das ist ihr eigener Vater." "Weißt du wie lange sie weg sein wird?" Fragte ich nun. "Nein, ich weiß nur, dass so eine Ausbildung mindestens fünf Jahre oder auch länger dauern kann. Ob sie dann mal zwischendurch oder überhaupt mal wiederkommt, kann ich nicht sagen." Ich will es nicht wahrhaben..."Aber ihr Zuhause ist doch Kaven.. ich meine selbst ihr Vater, der sie doch trotzdem liebt, wird sie doch wiedersehen wollen.." "Mag sein, aber er hat die Möglichkeit als Bürgermeister auch oft nach Tenna zu fahren um sie dann öfters dort zu besuchen.. Er hofft vermutlich darauf, dass Mallen das Ganze über die Zeit vergessen wird... und hofft, das alles wieder so wird, wie es mal zwischen ihm und ihr gewesen war." Dai sagte die ganze Zeit nichts und hörte uns nur gebannt zu. Jake seufzt und sagt "So wie es aussieht, werden wir sie vorerst so schnell nicht wiedersehen. Tenna ist mehr als zwei Tagesmärsche entfernt, und diese Reise nimmt man nicht nur einfach ebenso auf sich, um mal eben jemanden zu besuchen.." Vielleicht wird Mallen das nicht können, aber ich könnte es.., dachte ich nur. Ich fühle mich niedergeschlagen und mir fällt es schwer zu akzeptieren, dass ich Mallen nun so schnell nicht oder sogar nie wiedersehen könnte. Aber Jake hatte wohl Recht und ich nicke widerstrebend.

 

"Was gibt's sonst für Neuigkeiten?" Jake räuspert sich ein wenig. "Ja.. was gibt's Neues.. Jaden's Vater ist aus seiner Bewusstlosigkeit wieder aufgewacht und setzt nun alles daran, dass man nach dir sucht und falls du leben solltest, du für deine Taten bestraft wirst. Aber es gibt auch Widerstände. Das Gesetz selbst, denn es gibt wohl keine rechtliche Handhabe nach dem Vollzug des Urteils einer Vertreibung, den Verurteilten wieder zu verfolgen. Man darf zwar den Verbannten straffrei töten, wenn man zufällig auf den Verbannte treffen sollte, jedoch aufsuchen und verfolgen darf man den Vertriebenen wohl nicht. Trotzdem solltest du achtsam sein, denn du weißt selbst, wenn Robert Grat sich was im Kopf gesetzt hat, wird es in der Regel auch gemacht.. Übrigens hat Jadens Vater dein Onkel Jaron nach alledem wohl gefeuert." Ich zucke die Schultern, schäme mich gleichzeitig aber dafür. Denn, obwohl mein Onkel mir immer nur gezeigt hatte, dass ich nur eine Belastung für ihn war, hat er sich letztlich immer pflichtbewusst um mich gekümmert und meiner angenommen. Es tut mir nun doch etwas Leid um ihn und hoffe, dass er wieder eine andere Arbeit findet.

 

"Jaden war nun auch wieder in der Schule. Er humpelt stark und man munkelt, dass er wohl auch für den Rest seines Lebens humpeln wird. Er ist unberechenbar geworden und wird von immer mehr Schülern gefürchtet. Auch tönt er ständig herum, dass nach dir suchen wird und dich auch finden wird. Und er hofft, dass du dann noch lebst, damit er sich genüsslich für das was du ihm angetan hast rächen kann." "Typisch Jaden! Soll er doch kommen... auch ich habe noch eine Rechnung mit ihm offen... und dann werden wir ja sehen..."

 

Jake nimmt nun ein kräftigen Schluck aus dem Wasserschlauch und erzählt weiter "Pelle übrigens, wird wohl doch noch auf einem Auge sehen können. Zwar nur wenig aber er soll damit einigermaßen zurechtkommen. Er hat sich wie Jaden ebenfalls verändert und spricht, wie man sagt, auch nur noch von Rache an dir. Deshalb solltest immer auf der Hut sein, wenn du deine Ausflüge machst, Rota!" Ich nicke und schaue dabei auf Dai "Wir werden beide aufpassen müssen".

 

Jake hatte mir auch diesmal wieder einiges mitgebracht. Dazu gehörten Lebensmittel wie Salz, Zucker, Mehl, Schmalz, Marmelade und sogar ein paar Eier. Weiter hatte er mir auch noch ein paar Ersatzpfeile und eine alte Axt mitgebracht. Ich bedankte mich wieder bei Jake und obwohl ich schon ein schlechtes Gewissen hatte, fragte ich ihm noch, ob er noch Kleidung und einen Bogen für Dai besorgen könnte. "Jake, du brauchst die Sachen, falls du sie besorgen kannst, dann ja nicht ganz hierher bringen. Wir können uns ja auch kurz vor diesem Geheimtunnel vor Kaven treffen und wir nehmen diese Sachen dann von dort mit. "Jake nickte. "Ich besuche dich eigentlich immer gerne mal und nun.." er schaute zu Dai und blinzelte ihr zu "..wo du hier auch noch eine so tolle Mitbewohnerin hast, würde ich es wirklich vermissen euch noch weniger zu besuchen. Aber du hast recht.. für mich und vielleicht dann auch für euch ist es bestimmt sicherer, wenn ich meine Ausflüge auf ein absolutes Minimum beschränke.. Von daher würde ich vorschlagen, wir treffen uns in dem Geheimtunnel nächste Woche eine Stunde nach Mitternacht. Sollte ich nicht um diese Zeit da sein, wird irgendwas mich daran gehindert haben. Die Sachen die ihr benötigt, werden aber dort liegen und du oder ihr beide könnt sie dann mitnehmen. Machen wir das so?" Ich stimme zu und bedanke mich nochmal für alles. Dann stand Jake auf und verabschiedete sich. Dai umarmte Jake nochmal herzlich. Erstaunlicherweise wollte Dai, Jake, nicht mehr loslassen und fing an zu weinen. Jake versuchte sie noch zu trösten, aber ohne Erfolg. "Es tut mir Leid... aber ich muss nun wieder zurück. Wir sehen uns wieder!" Dann ging Jake. Dai rannte Jake hinterher und versuchte ihn nochmal festzuhalten. Jake umarmte Dai nochmal und gab ihr noch einen Abschiedskuss auf die Stirn und sagte ihr noch, dass er sich freut, wenn sie sich wieder sehen. Dann ließ Dai Jake gehen und kam traurig zurück zu mir in meine Arme.

 

Winter

 

Wir trafen uns schließlich nächste Woche am besagten Treffpunkt und zur abgemachten Zeit. Dai bekam die passende Kleidung und einen eigenen Bogen. Dieses Treffen und auch die anderen Treffen mit Jake verliefen die nächsten Tage und Wochen reibungslos. Dai und ich harmonierten gut zusammen. Dai ist wissbegierig und lernt schnell, insbesondere meine Sprache. Und seit wir beim letzten Treffen mit Jake sogar von ihm dann ein paar alte Bücher bekommen haben, versuche ich Dai seitdem das Schreiben und Lesen beizubringen. Dai liebt es Geschichten vorgelesen zu bekommen und bettelt jeden Abend vorm Einschlafen, dass ich ihr weiter aus diesen Büchern vorlese.

 

Wir hatten Freude an unseren täglichen Aufgaben, wie das tägliche Üben mit Pfeil und Bogen, das Sammeln von Feuerholz und an unseren Jagdausflügen. Von Dai lernte ich viel übers Spurenlesen und wie man sich seiner Beute unbemerkt nähert. Jedoch erzählte sie nur wenig über ihr Leben bei den Krasianern.

 

Das Wenige, was ich von ihr erfuhr, war das sie ihre Eltern früh verloren hatte. Sie wurde dann von der Schwester ihrer Mutter aufgenommen. Aber auch die Schwester und ihr Mann verstarben wohl an einer sonderbaren Krankheit. Niemand wollte sie danach noch bei sich aufnehmen, da viele nun befürchteten, dass auf Dai ein böser Fluch laste. Weil nun niemand mehr sie in ihrer Nähe haben wollte, war sie nur noch auf sich alleine gestellt und wurde dann immer wieder aus der Gemeinschaft vertrieben, sobald sie sich dieser wieder genähert hatte. Bis sie schließlich eines Tages von diesen beiden Männern abseits von ihrem Volk aufgegriffen und mitgenommen wurde.

 

Obwohl wir bisher kaum Kontakt mit anderen Menschen, bis auf Dai's „Kannibalen“ hatten, tarnten wir unsere Höhle und sicherten diese vor ungebetenen Gästen so gut es ging ab. Unsere Habseligkeiten versteckten wir immer, sobald wir die Höhle verließen, in einer Grube, die ich mit Hilfe der Axt und meinen Händen ausgehoben habe. Die Grube verdeckten wir anschließend jedes Mal mit einem durch Äste und Sträucher getarnte und gebundene Konstruktion. Es wurde allmählich immer kälter und es dauerte auch nicht mehr lange bis es anfing zu schneien. Ich liebte bisher immer den Schnee und die klare und kühle Luft, die der Winter mit sich brachte. Aber hier in der Wildnis, wo wir auf uns allein gestellt sind, fing ich an den Wintereinbruch zu fürchten. Werden wir noch genug Beute finden auf unseren täglichen Jagdausflügen? Werden wir in dieser Zeit genug trockenes Feuerholz haben? Werden unsere Fußabdrücke im Schnee uns und unsere Höhle verraten? Dies sind Fragen die mir nun Sorgen machen. Jake wird uns in dieser Zeit nicht mehr besuchen können, da der Schnee seine Spuren sichtbar und damit ihn und auch uns verraten würden. Dai hingegen genoss den ersten Schnee. Sie rannte umher, bewarf mich mit Schneebällen, versuchte einen Schneemann zu bauen und malte mit ihren Fußabdrücken Figuren und Bilder auf die erste Schneedecke. Nachdem aber der Schnee vermehrt immer mehr zunahm, verlor auch Dai schnell den Spaß an dem Schnee. Wir trockneten bisher immer das Anzündholz unter unseren Schlafplätzen. Da dies aufgrund der Feuchtgkeit und Kälte nun länger dauerte als sonst, konnten wir deshalb auch immer seltener Feuer machen. Es dauerte nicht lange und Dai bekam schließlich eine Erkältung. Sie klagte anfangs über Halsschmerzen, der später in einem Schnupfen und einem Husten überging. Unsere Essensvorräte neigten sich ebenfalls langsam zu neige und es wurde wieder Zeit auf die Jagd zu gehen.

 

Es war an einem Morgen, als ich beschloss wieder auf die Jagd zu gehen. Dai hustete jedoch zu sehr, um das ich es wagte mit ihr auf die Jagd zu gehen. Dai lag immer noch eingewickelt in Decken in meinem Schlafplatz. Ich hockte mich zu ihr hin. "Dai hör zu! Wir brauchen wieder was zu essen.. Ich muss auf die Jagd und du bist zu krank um mit zu kommen. Deshalb ist es besser wenn du heute hier in der Höhle bleibst.. hörst du.. Dai!". Dai hustete und schaute mich mit ihren großen Augen nun ängstlich an. "Nein! Ich kommen auf Jagd ..mit dir . Ich schnell aufstehen ...jetzt!" Dai machte nun Anstalten aufzustehen. "Dai.. du bist krank und musst dich erholen. Du bleibst hier! Ich mach dir ein Feuer.. ja.. und du trinkst Kräutertee und wirst wieder gesund" Ich hielt sie fest und hinderte sie dabei aufzustehen. Dai weinte nun "Ich will nicht alleine hier.. ich haben Angst hier. Rota.. lass mich nicht hier... nicht alleine. Nein!" Nun klammerte sie sich an mich. "Dai! Du bist krank und musst dich erholen. Es geht nicht anders... ich komme so schnell es geht wieder.. ja?" Dai weinte nun noch heftiger und hustete dabei so stark, dass ich kurz davor war in Panik zu geraten. Ich weiß nicht ob sie meine aufkommende innere Panik bemerkte, aber sie hörte mit einem Mal auf zu weinen und unterdrückte auch ihr Husten. Sie umklammerte mich nochmal ganz fest und ließ mich dann los. "Ich bin stark.. ich bleiben hier.. Rota! Du kommst wieder.. ja?" Ich nickte. "Ja... Ich komme wieder.. und mit etwas Glück gibt’s heute Abend einen leckeren Braten und wir werden es uns richtig gemütlich machen und ich werde dir, wie sonst auch, dann weiter aus dem Buch vorlesen... okay?" Sie drückte mich nochmal und ich gab ihr noch einen Kuss auf ihre Wange. Dann machte ich mich auf die Jagd.

 

Die letzten Tage auf unseren Jagdausflügen, waren immer weniger vom Erfolg gekrönt und wir waren gezwungen immer weiter hinaus zu gehen um Beute zu machen. Auch diesmal musste ich wieder sehr weit hinausgehen um etwas Jagdbares zu finden, aber ich hatte Glück und wurde fündig. Eine Rotte von vier Wildschweinen durchkreuzte tatsächlich meinen Jagdausflug. Dank meines täglichen Trainings war ich mittlerweile auch zu einem sicheren Schützen geworden und ich traf das größte der Tiere, einen Eber, beim ersten Schuss. Und dann tat ich etwas, was ich vielleicht für den Rest meines Lebens noch bedauern werde. Ich stieß einen Jubelschrei aus. Als die übrigen Wildschweine flüchteten, näherte ich mich meiner Beute. Das Wildschwein atmete noch schwach und ich zog mein Messer um das Tier nicht länger leiden zu lassen. Und dann sah ich sie.

 

Eine Gruppe von vielleicht fünf Männern kam direkt auf mich zugelaufen. Waren dies Abgesandte von Kaven? Sie waren noch gut dreihundert Schritt entfernt. Aber es war eindeutig, dass sie mich entdeckt haben. Aufmerksam geworden, durch mein blöden Jubelschrei. Ich war so entsetzt, dass ich mich anfangs nicht rühren konnte. Nein! Nein! Nein! Das darf nicht sein. Und dann musste ich plötzlich an die Schneespuren denken. Sie führen ja direkt zur Höhle! Sie führen zu Dai... Ich muss Dai in Sicherheit bringen. Dann erst lief ich los. Und ich rannte wie der Teufel und so schnell ich konnte Richtung Höhle. Auf der Flucht zur Höhle beschäftigten mich dann ständig Gedanken wie.. Wohin können wir gehen? Die Spuren werden für immer den Ort der Höhle verraten.. Was kann ich machen? Es gibt keinen Ort wohin wir sonst gehen könnten. Es gibt keine Alternative. Dann blieb ich schließlich stehen. Ich hatte mittlerweile einen guten Vorsprung herausgelaufen. Es gibt nur eine Möglichkeit zu überleben. Ich muss mich ihnen entgegenstellen. Keiner darf die Höhle erreichen. Die Höhle ist alles was wir haben. Sollen sie kommen… Ich werde auf meine Kräfte vertrauen müssen und versuchen sie aufzuhalten.

 

Ich verstecke mich schließlich hinter einer riesigen Wurzel eines umgestürzten Baumes. Spanne einen Pfeil in meinen Bogen und warte. Mein Herz pocht. Dann höre ich sie. Sie schnaufen und atmen schwer "...wo ist er hin?" Sie werden langsamer. Nun gut.. jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Ich verlasse meine Deckung und sehe sie. Es sind vier und sie scheinen tatsächlich aus Kaven zu kommen. Ich konnte sie nicht alle genau erkennen, aber sie kommen mir alle bekannt vor. Sie sind noch gut dreißig Schritt entfernt. Ich ziele auf den Größten von ihnen und lass die Sehne meines Bogens los. Dann entdeckt mich der erste. "Da! Da ist er!" Mein Pfeil findet sein Ziel und trifft ihn direkt im Hals. Alle schauen nun entsetzt auf ihren getroffenen Kameraden. "Taggert! Er hat Taggert getroffen! Dieser Teufel!". Ich lege schnell noch einen zweiten Pfeil auf. Aber sie reagieren schnell und gehen schnell in Deckung. "Dafür wirst du büßen.. Rota Gevill! Junge.. du bist nun sowas von erledigt!" Ich sage nichts und renne einfach weiter. Jedoch nicht mehr Richtung Höhle sondern in eine andere Richtung. Ich weiß dass es hier in der Nähe ein anderes Versteck gibt. Das Versteckt nutzte ich öfters mal auf der Jagd. Sie mögen noch zu Dritt oder vielleicht auch zu viert sein, aber dafür bin ich schneller und ich kenne mich hier aus. Das ist mein Gebiet. Plötzlich kommt mir eine andere Idee. Sie werden mit Sicherheit meine Spur folgen! Vielleicht ist das meine Chance! Werden sie auch merken, dass die Spur einen kreisförmigen Verlauf nehmen wird? Ich renne nun so schnell es geht. Meine Lunge schmerzen und meine Muskeln brennen. Aber ich weiß auch, dass ich diese Schmerzen sehr lange ertragen kann. Nach gut einer Stunde ist es soweit und ich nähere mich ihnen… jetzt von hinten. Sie sind nur noch zu dritt. Ich meine, ich hätte insgesamt fünf gesehen. Ist der Fünfte bereits als Informant auf dem Weg nach Kaven?

 

Sie verhalten sich nun vorsichtig. Zwei von ihnen laufen mit aufgelegtem Pfeil im Bogen rechts und links flankierend neben meiner Spur. Der Dritte, ich glaube es ist der Vater von Pelle, läuft kampfbereit mit einer geladenen Armbrust in den Händen meiner Spur folgend voraus. Sie haben jedoch nur ihre Blicke nach vorne gerichtet. Auch laufen sie in größeren Abständen voneinander entfernt. Ein fataler Fehler und ein Glücksfall für mich.. Ich lege nun wieder ein Pfeil in meinen Bogen und schleiche mich auf gut zehn Schritt auf den letzten der dreien heran. Dann ziele ich und lass die Sehne los. Der Pfeil trifft den Verfolger direkt in den Rücken. Er schreit und dreht sich dabei um. Er sieht mich mit aufgerissenen Augen an und fällt dann auf die Knie. Ich mache wieder kehrt und renne so schnell es geht weg. Sie fluchen mir noch hinterher und auch zwei Pfeile fliegen noch an mir vorbei, aber ich kann auch hier wieder entkommen. Irgendwann hören sie auf mich zu verfolgen und kehren vermutlich zu ihrem verwundeten dritten Mann zurück. Mir kommt ein neuer Gedanke.. Ich muss immer das tun, womit sie am wenigsten rechnen. Ich renne nun mit angelegtem Pfeil im Bogen ihnen wieder hinterher. Dann sehe ich sie. Ich renne nun schreiend auf sie zu. Beide sind überrascht und versuchen in Panik ihre Pfeile aufzulegen. Ich ziele auf Pelles Vater und der Pfeil trifft auch ihn mitten in die Brust. Ich ziehe mein Messer und renne nun auf den letzten der Verfolger zu. Er sieht mein Messer und wirft sich mir schließlich entgegen. Er hält mit seinen beiden Händen meine Messerhand fest. Er ist stark und schafft es mein Arm umzudrehen. Dann konzentriere ich jedoch meine ganze Kraft in meinem Arm. Ich schaffe es mein Arm wieder umzudrehen und drücke mit aller Kraft das Messer in seine Richtung. Er wirkt nun noch überraschter und seine Augen verraten seine Angst. "Du Teufel!" Dann drücke ich nochmal mit aller Kraft zu und das Messer bohrt sich langsam in seine Brust. Er schreit vor Schmerzen. Dann lässt er jedoch meine Hand los und lässt sich gleichzeitig nach hinten fallen. Ich stürze mich sofort hinterher und steche mehrmals mit meinem Messer zu. "Tut mir Leid.." sage ich noch zu ihm und beende mit einem letzten und tödlichen Stich sein Leben. Anschließend stehe ich auf und gehe zu Pelles Vater.

 

Pelles Vater atmet noch schwach, als ich mich ihm nähere. Ich hocke mich zu ihm. Er will scheinbar noch was sagen, sackt dann aber zusammen und auch der Vierte von den Verfolgern ist nun tot. Ich selbst lasse mich nun ebenfalls vor Erschöpfung in den Schnee fallen. Sie werden wiederkommen, denke ich, egal ob der Fünfte von ihnen nach Kaven zurückkehrt oder nicht. Sie werden wiederkommen und nach mir suchen. Ich werde die Leichen verstecken müssen, aber das hat erst mal Zeit. Eins nach dem anderen. Ich muss mich noch um unser Essen kümmern, denn das scheint mit aus meiner Sicht erst mal notwendiger als alles andere zu sein.

 

Es wird spät sein, wenn ich wieder zurück in der Höhle bin. Dai wird vielleicht Angst bekommen und ich werde mich deshalb beeilen müssen. Bevor ich aber gehe, verstecke ich noch ein paar brauchbare Sachen von den Verfolgern. Dazu gehören die Armbrust mit den Bolzen, die Pfeile und Bögen, Messer und ein paar gute Kleidungsstücke. Ich beschließe mir diese Sachen vielleicht im Frühjahr zu holen, wenn der Schnee geschmolzen ist und keine verräterischen Spuren mehr hinterlässt.

 

Anschließend gehe ich wieder zurück zu dem Ort, wo ich das Wildschwein getötet habe. Als ich schließlich dort ankomme und das Wildschwein immer noch unversehrt dort liegt, schaue ich noch nach ob es Spuren vom fünften Verfolger gibt. Ich finde diese Spuren. Nach den Spuren zu urteilen blieb der Fünfte zurück und hat vermutlich auf die anderen gewartet. Später irgendwann hat er sich dann wohl aufgemacht und ist wohl wieder zurück Richtung Kaven gegangen. Ich überlege noch kurz ob ich ihn verfolgen und versuchen sollte ihn einholen. Ich bin aber zu erschöpft und Dai habe ich versprochen heute Abend wieder zu kommen. Auch fängt es wieder an zu schneien und vermutlich wird es noch die ganze Nacht weiter schneien. Gut möglich, dass die Spuren dann durch den ganzen Schneefall, nicht mehr sichtbar sein werden. Trotzdem werden wir nun erst recht jetzt auf der Hut sein müssen. Feuer werden wir wegen dem verräterischen Rauch nicht mehr am helligten Tag machen dürfen und wenn wir auf die Jagd gehen, dürfen wir nur so wenig wie möglich an Spuren hinterlassen. Aus zwei stabilen Stöckern konstruiere ich noch eine Schlepptrage für das getötete Wildschwein und mache mich dann endlich mit dem Wildschwein auf den Weg zurück zur Höhle.

 

Als ich die Höhle erreiche, ist es schon ziemlich dunkel. Dai läuft mir gleich entgegen. Sie weint, hustet und freut sich gleichzeitig. "Rota! Oh Rota! Ich... lange gewartet.. ich dachte..  oh Rota..". Ich nahm sie in die Arme. "Dai.., es tut mir so Leid.., ich wurde aufgehalten.. Aber es ist alles gut.." Dann sieht sie meine Beute und guckt mich nun erleichtert und freudig an. Ich nicke ihr nicht ohne Stolz zu und sage "Komm Dai.. wir haben heute Abend noch so Einiges zu tun..". Ich erzählte Dai noch an diesem Abend was wirklich alles an diesem Tag passierte und das wir nun ganz besonders aufpassen müssten. Dai sagte, dass sie keine Angst hat, da sie ja mich, den wohl stärksten "Tokatee" der Welt hat, wie sie in ihrer Sprache ausdrückte. Ich fühlte mich geehrt, obwohl ich die Bedeutung des Worts "Tokatee" nicht kannte.

 

Die Nacht und auch am nächsten Tag hatte es die ganze Zeit geschneit. Meine Spuren sind mit bloßem Auge nicht mehr zu erkennen. Trotzdem bin ich beunruhigt. Ein erfahrener Spurenleser ist vielleicht doch noch in der Lage die verbliebenen Spuren zu lesen und unser Versteck, unsere Höhle, zu finden. Wir können jedoch nicht viel machen, außer warten und hoffen das keiner kommt. Ich schaue alle paar Minuten aus der Höhle. Ich packe das Notwendigste zusammen um bei einer möglichen Flucht das Nötigste dabei zu haben. Alles was wir sonst nicht gerade in der Höhle benötigen, verstecke ich in unsere getarnte Grube. Mittlerweile hatte es auch schon so viel geschneit, dass der Höhleneingang droht zuzuschneien. Auch die Höhlendecke, die auf der rechten Seite durch einen Spalt offen ist, scheint ebenfalls durch den ganzen Schneefall nun verstopft zu sein. Da es uns jedoch nicht möglich ist die Höhlendecke von hier aus vom Schnee zu befreien, halte ich den Höhleneingang zu mindestens bis zur Höhe meines Kopfes vom Schnee frei. Somit habe ich immer noch die Möglichkeit zu sehen was draußen vor sich geht und andererseits drohen wir hier in der Höhle auch nicht zu ersticken. Dai hustet nicht mehr so stark und ihr schien es mittlerweile auch wieder besser zu gehen. Da ich nun inzwischen nur noch vor dem Höhleneingang stehe und Wache halte, spürt Dai wohl meine Unruhe. Sie stellt sich zu mir, nimmt meine Hand und drückt sie. Ich zwinkere ihr zu. Sie lächelt. "Ich will nur sicher sein, dass auch niemand kommt. Dai! Das ist alles. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass auch keiner kommen wird. Wer sollte sich auch schon bei diesem Unwetter aufmachen...?" "Rota.. ich habn Hunger.. soll ich schneiden uns beiden Stück vom.. ähm Wildschwan...". Und dann seh ich etwas.. etwas kleines und schwarzes.. kommt plötzlich von rechts auf unsere Höhle zugerannt. Dann fängt es an zu bellen... Ein Hund? Und dann kommt noch ein zweiter weißer Hund bellend hinterher. Oh nein...! Ich höre Stimmen. Panik ergreift mich jetzt. Ich sehe Dai an. Dai sieht meine Panik und bekommt nun ebenfalls Angst... "Sind sie das?". Ich stürze mich nun auf meine Sachen, die ich für eine eventuelle Flucht vorbereitet hatte. "Dai! Nimm deine Sachen..und dann raus hier! Beeil dich!" Dai zögert nicht lange und nimmt ihrerseits nun ihre Sachen auf, die ich für sie bereitgestellt hatte. Dann bleibe ich kurz stehen und drehe mich zu Dai um. "Dai! Wir schaffen das.. ja?" Dai nickte.."Ja! Wir schaffen das.. nun.. raus hier!" Sagte sie und schiebt mich weiter.. Unglaublich dieses Mädchen, dachte ich in diesem Moment nur und robbe mich aus dem zugeschneiten Höhleneingang. Die Hunde rennen bellend und geradewegs auf uns zu. Ich nehme schnell meinen Bogen vom Rücken und will ein Pfeil spannen. Dafür ist es jedoch schon zu spät. Der schwarze Hund ist schon zu nah an uns dran. Er springt auf mich zu und beißt sich an meinem linken Arm fest, welches ich ihm abwehrend entgegenstreckt habe. Da ich jedoch ein Hemd, ein Pullover und sogar zwei Mäntel anhabe, ist der Schmerz auszuhalten. Ich greife nun nach meinem Messer und steche mit einem kräftigen Hieb, dem Hund das Messer in die Seite. Der Hund heult auf und lässt mich endlich los. Jetzt kommt auch der zweite weiße Hund auf mich zugerannt und beißt sich nun an meinem rechten Unterarm fest. Ich stürze mich nun instinktiv auf dem Boden und rolle mich im Schnee.. Der Hund lässt los... Dann höre ich wieder ein Hund aufheulen. Ich drehe mich um und sehe Dai mit ihrem Messer in der Hand. Der weiße Hund liegt regungslos im Schnee. Sie hat tatsächlich den Hund getötet. Der andere schwarze Hund der mich als erstes angegriffen hatte knurrt uns noch an, läuft dann aber weg und bricht etwas später zusammen. Und dann sehe ich unsere Verfolger. Vier, fünf... nein sechs Männer laufen in Schneeschuhen auf uns zu. Allesamt bewaffnet mit Armbrüsten. Dann folgt ein Gebrüll von Stimmen. "Da ist er!" "Wir haben den Teufel!" "Er ist nicht allein!" "Er hat Gini und Tara getötet!". Sie sind nur noch gut fünfzig Schritt von uns entfernt und damit schon viel zu nah. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als in unsere Höhle zurückzukehren und uns dort zu verschanzen. "Dai! Zurück in die Höhle!" Dai, reagiert sofort, sie dreht sich um und rennt wieder zurück in unsere Höhle. Als wir beide wieder in der Höhle sind, nehmen wir unsere Bögen, laden sie jeweils mit einem Pfeil und spannen die Bögen.

 

Alle folgen uns und laufen direkt auf unseren Eingang zu. "Warte.. lass sie kommen Dai... " Und dann waren sie nah genug an uns herangekommen.. "Dai ..du den Linken.." Wir zielen und lassen gleichzeitig die Sehnen unserer Bögen los und beide Pfeile treffen ihr Ziel. Mein Pfeil trifft den rechten Verfolger in den Bauch. Er schreit auf und sackt dann zusammen. Dai trifft den anderen Verfolger direkt in den Hals. Er würgt kurz und fällt ebenfalls zu Boden. Wir legen schnell neue Pfeile auf. Die Übrigen sind nun gewarnt und verteilen sich nun auf die linke und auf rechte Seite des Höhleneingangs. "Das werdet ihr büßen" schreit einer. Mir kommen diese Stimmen zum Teil bekannt vor.. Kenne jedoch keinen dieser Verfolger persönlich. "Warum jagd ihr mich immer noch? Ihr habt mich verurteilt und mich zum Teufel gejagt.. Warum reicht Euch das nicht?!" Rief ich nun wütend hinterher.. "Ihr wollt mein Leben? Mich töten...! Dann kommt her.. wundert euch aber nicht.. das ich da was gegen habe!" Dann ist's still. Vermutlich haben sie sich schon ganz dicht am Höhleneingang herangeschlichen und warten nur noch auf einen günstigen Moment um hereinzustürzen. Wir müssen ihnen zuvor kommen... aber wie? Dann habe ich eine Idee.. Ich ziehe mein Mantel schnell aus. Fülle ihn mit dem Heu aus unseren Schlafplätzen und lege in der Mitte noch einen Stein hinein. Dai schaut mich fragend an.. "Dai, ich werfe das Bündel gleich aus der Höhle. Wenn ich das gemacht habe.. hoffe ich, dass sie ihre Pfeile verschießen. Wenn sie das getan haben... gehen wir raus..." Dai nickt mir zu und gibt mir zu verstehen, dass ich jetzt loslegen soll. Tapferes Mädchen!

 

Dann werfe ich das Bündel aus der Höhle und um die Täuschung noch zu verstärken schreie ich dabei so laut ich kann. Es fliegen tatsächlich mehrere Pfeile. Ich renne nun mit angespanntem Bogen hinaus ins Freie. Dai tut das Gleiche auf ihrer linken Seite. Ich sehe unsere Verfolger. Ich erfasse den erst besten und das ist der, der am nahesten vor mir steht. Er starrt mich mit offenem Mund an. Er versucht noch einen seiner Bolzen zu laden. Erkennt nun aber, dass dies dafür zu spät ist und will sich nun auf dem Boden werfen. Mein Pfeil trifft ihn tief in den Rücken. Er schreit auf. Dann höre ich einen weiteren Schrei. Dai hat ebenfalls einen Verfolger tödlich in die Brust getroffen. Dabei sehe ich mit Schrecken, dass der Mann der hinter dem Mann steht, den Dai soeben getroffen hatte, sein Bolzen noch nicht verschossen hatte und nun mit seiner Armbrust auf Dai zielt. "ZURÜCK!" Schreie ich Dai noch zu. Dann löst sich der Bolzen von der Armbrust. Zong Der Bolzen trifft Dai mitten in die Brust.. "NEIIIIN!!" Dai sieht mich nun direkt mit ängstlich, schmerzverzerrten Augen an und stolpert nach hinten wieder zurück in den Höhleneingang. Ich will zu ihr. Rufe mir aber ins Gedächtnis, das nun keine Zeit hierfür da ist und ich erst noch die beiden anderen unschädlich machen muss. Wutentbrannt stürze ich mich nun auf den Schützen, der mit seiner Armbrust Dai vielleicht tödlich getroffen hat. Mit Angst in den Augen sieht er mich nun auf sich zukommen. Er wirft seine Armbrust weg und versucht nun verzweifelt sein Messer aus seiner Tasche zu ziehen. Mit Gebrüll werfe ich mich aber auf ihm und stech ihn mehrmals mit meinem Messer in seinem Körper. Er wehrt sich mit Fäusten, bis ich mit einem letzten Stich in seine Gurgel, sein Leben beende.

 

Ich drehe mich nun dem letzten Verfolger zu. Er steht mit geladener Armbrust nur wenige Schritt vor mir und befreit seinen gespannten Bolzen mit einem Klicken von der Armbrust. Zong Ich werfe mich im letzten Moment noch zur Seite. Dann spüre ich einen brennenden Schmerz in der Seite. Der Bolzen ragt seitlich aus meinem Bauch heraus. Ich ignoriere diesen Schmerz und konzentriere mich nun auf diesen letzten verbliebenen Verfolger. Er sieht mich und wirft nun seine Armbrust mir entgegen. Dann greift er nach seinem Messer und kommt langsam auf mich zu. "Jetzt ... geht's dir an den Kragen! Ausgeburt der Hölle!" Ich bin zu wütend um darauf noch etwas zu erwidern. Ich stürze mich mit all meiner Kraft sofort auf ihm. Bei meinem Angriff holt er mit seinem Messer aus. Bevor er zustechen kann, kann ich jedoch seine Messerhand ergreifen und halte sie mit meiner linken Hand fest und schlage mit meiner rechten Faust und mit voller Wucht ihm dabei auf die linke Seite seines Schädels. Er wankt, fällt aber nicht. Dann durchdringt mich ein stechender und reißender Schmerz wieder auf meiner rechten Seite. Der Verfolger hat mir, mit seinem Knie, den Bolzen weiter in die Seite getrieben. Ich stöhne auf und versuche nun seine Knieschläge auszuweichen. Dann brülle ich ihm ins Gesicht. "FÜR DAIIII !!!!" Ich drehe nun mit all meiner Kraft seine Messerhand um und schlage ihm mehrmals mit der rechten Faust immer wieder auf seinen Schädel ein. Sein Gesichtsausdruck lässt nun Überraschung und Erschrecken erkennen. Dann irgendwann erschlafft sein Körper und er fällt in den Schnee. Ich nehm nun mein Messer und beende dann auch endgültig sein Leben.

 

Tränen trüben meine Sicht und Ich habe große Angst vor dem, was ich fürchte gleich zu sehen und vielleicht wohl auch niemals akzeptieren würde. Ich stapfe zurück in die Höhle. Dai hat sich inzwischen zu ihrem Schlafplatz geschleppt und sie hält ihre selbstgeschnitzte Figur Fedann in ihren Händen. Sie betrachtet ihre Puppe... so als wolle sie Abschied von ihr nehmen. Sie atmet schwer und der Bolzen ragt unumstößlich immer noch aus ihrer Brust. Ich beuge mich jetzt zu ihr herüber. Blut läuft aus ihrem rechten Mundwinkel. Sie sieht mich jetzt und reißt ihre Augen auf. "Ich.. ich will bleiben ...hier ... bei dir Rota.." Dai spucke nun Blut. Ich hatte erst Angst in so einem Moment keine Gefühle zeigen zu können und wusste auch nicht was ich in so einem Moment machen sollte. Dann aber laufen mir doch Tränen die Wangen herunter und es dauert nicht lange und ich konnte nicht mehr an mir halten. Aus den anfänglichen Tränen entlädt sich bei mir ein ungehemmtes Weinen. Ich versuche mich wieder zu fassen..   "Schschscht... Dai... Ich bleibe bei dir.. Dai...ich bleibe immer bei dir. Hörst du Dai. Ich bleibe immer bei dir.." Dai weint nun ebenfalls. Sie hebt den Kopf. So als ob sie nun aufstehen will.. "Tut.. tut so ..weh.." Dann jedoch sackt sie in sich zusammen. "Nein... nein.. nicht Dai.. Bleib bei mir.... Bleib bei mir... DAI!..." Dai rührt sich nicht mehr...

 

Abschied und Auferstehung

 

Ich blieb dann noch lange bei ihr... und während ich bei ihr blieb, schwörte ich ihr wie auch mir selbst, dass ich es all denen heimzahlen werde, die dafür verantwortlich waren. Wieso können sie mich nicht in Ruhe lassen? Was habe ich getan, dass immer wieder alles zerstört wird, was ich zu lieben und schätzen gelernt habe? Bevor ich aber meinen Schwur überhaupt in die Tat umsetzen konnte, musste ich erst mal dieses hier überleben.

 

Der Pfeil steckte immer noch in meiner Bauchseite und es blieb mir nichts anderes übrig, als nun selbst den Pfeil aus mir herauszuziehen. Aber, ich habe gelernt Schmerzen auszuhalten.. und ich werde auch diese aushalten. Ich schaue mir nun die Verletzung genauer an. Der Pfeil steckt zwar tief, aber nur an der äußersten Seite meiner linken Bauchseite. Die Organe können vielleicht unverletzt geblieben sein und womöglich ist es auch nur eine Fleischwunde. Die Verletzung brennt und jede Bewegung die ich mache verursacht schreckliche Schmerzen, die mich jedes Mal erstarren lassen. Mittlerweile fing ich leicht an zu zittern und zu schwitzen. Ich muss den Pfeil herausziehen. Je früher umso besser.. Da dieser Pfeil wahrscheinlich Wiederhaken hat, wird es schwer werden den Pfeil von vorne herauszuziehen. Kann sein, dass es besser ist den Pfeil durchzustoßen, den Schaft vom Pfeil zu trennen und dann die verbliebene Pfeilspitze nach hinten herauszuziehen. Sobald ich jedoch den Pfeil anfasse, verliere ich wegen der Schmerzen schnell den Mut mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber wenn ich überleben will, dann muss ich das machen...

 

Ich schnappe mir einen handgroßen Stein und atme einmal tief durch. Beim Ausatmen schlage ich dann mit voller Kraft auf den Schaft des Pfeiles. Ich brülle und krümme mich auf den Boden vor Schmerzen. Die Pfeilspitze durchdringt  den restlichen Weg durch mein Fleisch und meine Hautschicht. Die Pfeilspitze ragt nun nach hinten aus meiner linken hinteren Taille. Das Schlimmste habe ich wohl nun hinter mir... Ich nehme nun mein Messer und schneide den Schaft des Pfeiles ab. Als ich dann soweit war, beiß ich die Zähne zusammen, umfasse mit einem festen Griff die Pfeilspitze und ziehe mit einem schnellen Ruck den Pfeil heraus. Sowohl aus der Eintritts- als auch aus der Austrittswunde blutet es nun stark. Ich schleppe mich zu meinen Habseligkeiten und hole mir Verbandsmaterial und die Wundsalbe. So gut es geht lege ich mir einen Druckverband auf die offenen Wunden an. Danach bin ich ziemlich erschöpft und ich zittere stark. Ich hole mir meine Decken und lege mich schließlich in meinem Schlafplatz.

 

In meinem Schlafplatz liegend, kamen mir dann auch schon wieder schmerzliche Gedanken.  Nie wieder wird Dai hier bei mir hier sein.., nie wieder werde ich ihr was vorlesen können.., nie wieder wird sie mit ihrem Lächeln und ihrer liebenswerten Art mein Leben erfreuen. Sie fehlt mir so sehr... und ich werde sie wohl für immer vermissen.. Ich fing wieder an zu weinen, bis ich irgendwann in einem unruhigen und fiebrigen Schlaf fiel.

 

Es dauerte vier Tage bis das Fieber langsam nachließ und ich aus meinem fiebrigen Dämmerzustand wieder zu Bewusstsein kam. Es war sehr kalt. Der Höhleneingang war fast zugeschneit. Dai lag noch immer reglos in ihrem Schlafplatz. Ich kroch zu ihr und sagte leise "Dai?" Ich erwartete nicht wirklich eine Antwort, denn ich wusste sie war tot.. aber irgendwie konnte und wollte ich es wohl noch immer nicht wahr haben.  Ich fühlte mich schwach und hatte starken Durst. Der Wasserschlauch lag neben meinem Schlafplatz. Ich hatte ihn wohl irgendwann in meinem Fieberwahn geholt und daraus getrunken, denn er war mehr als halb leer getrunken. Ich nahm nun mehrere kleine Schlucke daraus. Obwohl ich mich schwach fühlte entschied ich mich aufzustehen und mir etwas zu essen zu holen. Ich habe stark an Gewicht verloren und brauche nun viel Kraft und Energie um das was vor mir lag in die Tat umzusetzen. Mit wackeligen Beinen und völlig entkräftet schleppe ich mich zum Höhlenausgang und bahne mir durch den ganzen Schnee, der inzwischen wohl wieder gefallen war, einen Weg nach draußen. Es hatte seit dem Kampf mit den Verfolgern sehr viel geschneit. Tote und jegliche Kampfspuren waren vom vielen Schnee, nichts mehr zu sehen. Ich stapfe zu der Stelle wo ich eine Grube ausgehoben habe und dort viele Habseligkeiten von mir und Dai versteckt habe, unter anderem auch die Lebensmittelvorräte. Ich entferne den Schnee. Ziehe das Tarnverdeck beiseite und hole mir ein gefrorenes Stück vom Wildschwein und dazu noch Salz und die Marmelade. In der Höhle entfache ich ein Feuer. Anschließend schneide ich das Fleisch klein und brate es in der Pfanne. Ich würze es mit Salz und esse es schließlich mit der gesamten Marmelade auf. Ich lege mich schließlich wieder hin und erhole mich weiter..

 

Nach drei weiteren Tagen fühle ich mich soweit und ich entscheide mich für Dai ein Grab auszuheben. Der Boden ist gefroren und es dauert mehr als vier Stunden bis ich mit dem Grab für Dai fertig bin . Ich lege Dai so behutsam ich kann in dieses Grab. Ich weine und ich kann nicht aufhören zu weinen. Ich bleibe noch eine Weile ihr und kann mich nicht von ihr lösen. Irgendwann stehe dann auf und küsse sie zum Abschied auf ihre Stirn. Dann lege ich ihre selbstgeschnitzte Puppe Fedann zu ihr und ihre Lieblingsdecke über ihr. Sie sieht friedlich aus. Schließlich fange ich an das Grab wieder mit Erde zu füllen. Ich wage jedoch nicht ihren Kopf mit Sand zu bedecken. Ich höre auf und steige ein letztes Mal zu ihr herab. Ich entblöße das letztemal ihr stilles und lebloses Gesicht. "Dai... ich werde immer bei dir sein.. hörst du.. immer" Dann küsse ich sie zum letzten mal, steige aus dem Grab und beerdige sie schlussendlich.

 

Wie es auch bisher immer so war, verheilten meine Wunden sehr schnell und ich fühlte mich mit jedem Tag besser und kräftiger. Irgendwann unternahm ich wieder kurze Ausflüge zum Jagen und Holz sammeln. Die Jagdausflüge waren meistens auch immer erfolgreich, jedoch hatte ich jegliche Freude daran verloren. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wann, wie und an wen ich mich, für das was man mir angetan hat, rächen will. Da jedoch immer noch viel Schnee lag und es auch immer wieder schneite, war ich gezwungen mein Rachefeldzug auf den Tag zu verschieben, wo mich meine Spuren nicht mehr durch den Schnee verrieten. Alles erschien mir nun trostlos und irgendwie sinnlos. Ich verspürte keine Freude mehr an irgendetwas. Ich hatte auch keine Freude mehr ans Bogenschießen, keine Freude mehr daran meine Höhle besser auszustatten.. Meine einzigen Gedanken kursierten nur noch um Rache. Jaden.. Johnas Goldan und auch Pelle und Gero sollen noch dafür büßen, was sie mir angetan haben. Es dauerte noch drei weitere quälende Wochen bis es langsam wärmer wurde und es anfing zu tauen und weitere drei Tage bis der Schnee komplett geschmolzen war. Schließlich machte ich mich dann, als ich soweit war, am frühen Abend auf den Weg nach Kaven.

 

Begegnung

 

Nach gut zwei Stunden erreichte ich den Backenfluss. Unter anderen Umständen hätte ich die herrliche Abendluft und die Abendwanderung genossen. Meine Gedanken kreisten jedoch die ganze Zeit nur darum, wie ich mich in dieser Nacht für das Geschehene rächen will. Erst als ich plötzlich vor mir Stimmen hörte, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Erschreckt schaute ich nun nach vorne, in der Richtung, in der ich die Stimmen vermutete. Und tatsächlich, da stand eine Gruppe von Menschen vor mir, deren Konturen ich im nächtlichen Mondschein erkennen konnte. Instinktiv wollte ich gerade weglaufen, bis schließlich jemand rief: "Warte! Wir wollen dir nichts tun. Wir wollen nur mit dir reden..". Ich blieb stehen. Die Stimme gehörte einem älteren Mann und sie klang ruhig und vertrauensvoll. Auch waren sie noch zu weit weg von mir, um das sie mir gefährlich werden konnten. Also blieb ich stehen. Wer könnte das sein? Bürger Kavens bestimmt nicht. Somit kann es sich hier eigentlich nur um Vertriebene handeln. "Was wollt ihr von mir?" Rief ich zurück. Ein Mann trat nun aus der Gruppe hervor und kam etwas näher. "Wir wollen dir nichts Böses. Wir wollen nur mit dir reden." Reden wollen sie.. aha.. vielleicht .. vielleicht haben sie aber auch nur ein wenig Hunger und suchen etwas Essbares.. wie mich beispielsweise. "Ich habe bereits Erfahrungen mit Euresgleichen gemacht und die waren.., gelinde gesagt.. nicht gerade vertrauenserweckend!" und rief noch hinterher: "Was wollt ihr denn mit mir bereden?" Es folgte eine kurze Pause, bis er dann sagte "Auch unter uns Vertriebenen gibt es solche und solche. Auch wir haben unsere schlechten Erfahrungen mit so manchen Ausgestoßenen gemacht. Wir sind jedoch nicht so!" Er kam nun wieder ein paar Schritte näher. "Hör zu, wir haben dich schon seit längerem beobachtet. Wir haben dich auf deinen Jagdausflügen gesehen. Wir haben gesehen, dass du eine Krasianerin bei dir aufgenommen hast. Wir haben gesehen, dass du sie gut behandelt hast. Wir haben erfahren, dass es wohl einen Kampf zwischen dir und deinen Verfolgern, womöglich mit Bürgern aus Kaven, gegeben hat und du oder ihr beide es sogar geschafft habt eure Verfolger zu besiegen. Schließlich haben wir natürlich auch deinen großen Verlust erfahren. Sie war ein wirklich  tapferes Mädchen......  und wir hätten sie auch gerne in unsere Gruppe aufgenommen. Verstehst du jetzt worauf wir hinaus wollen?"

 

Ich war fassungslos. Die haben mich die ganze Zeit beobachtet! Ich hatte nie etwas bemerkt, gesehen oder geahnt. Und jetzt..., jetzt bieten sie mir an, dass ich mich ihnen womöglich anschließen kann? Warum? Ich habe jetzt ganz andere Pläne.. "Warum? Und warum jetzt? " fragte ich nun. Der Mann kam nun wieder etwas näher. "Wie wäre es, wenn wir diese und andere Fragen gemeinsam in einer gemütlichen Runde am Feuer besprechen?" Obwohl ich wenig Lust dazu verspürte und ich unbedingt meinen Plan in die Tat umsetzen wollte sagte ich, vielleicht aus reiner Neugierde zu... "Okay was soll‘s... Gut.. einverstanden... ich denke ich habe noch etwas Zeit....". Der Mann atmete nun erleichtert aus. "Gut, sehr vernünftig" Er kam nun noch etwas näher.. Der Mann, so konnte ich nun erkennen, war von kräftiger Statur und er trug, einen selbstgemachten Mantel aus diversen zusammengenähten Fellen. Als er schließlich vor mir stand, streckte er mir seine Hand entgegen. "Ich bin Eldar Wordan. Freut mich endlich dich kennenzulernen!" Ich nahm seine Einladung an und ergriff seine entgegengestreckte Hand "Ich bin Rota." Erwiderte ich nur.

 

Er führte mich dann zu seinen Leuten. Sie waren insgesamt zu viert. Eine erwachsene Frau und drei erwachsene Männer. "Das ist Jolanda.." stellte Eldar nun die Frau vor. Die Frau die nun ein Schritt vortrat war groß, stämmig und schaute mich grimmig und widerwillig an. Sie nickte mir nur kurz zu und sagte kein einziges Wort. Ich nickte ihr ebenfalls nur kurz zu. Jolanda gehörte anscheinend nicht zu denjenigen die mich gern in ihre Gruppe aufnehmen würden. "Die anderen beiden hier sind Kaspar..." Eldar zeigte auf einen kleinen, stämmigen kahlköpfigen Mann mit einem schwarzen Bart. "...und Tokar". Kaspar kam und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff seine Hand. Sein Griff war sehr fest aber ich konnte genug Kraft aufbringen um diesen festen Handgriff mit zu entgegnen. Er schaute mir nun eindringlich in die Augen. "Teufel! Ich hoffe nicht, dass du der bist nach dem du aussiehst.. Auf der anderen Seite... wäre es natürlich gut für uns, dich dann auf unserer Seite zu haben.." Er lachte dabei und die anderen, bis auf die Frau, fielen in sein Lachen ein.

 

Dann kam Tokar auf mich zu. Tokar sah aus wie ein Krasianer und vermutlich war er es auch. Er hatte  diese typisch langen schwarzen Haare, die nach krasianischer Art auf den Kopf zu einem Knäuel gebunden waren. Seine Kleidung bestand ausschließlich aus Leder, die perfekt und mit hoher Kunst seinen Körper kleideten. Er sah wie der geborene Krieger aus und er trug ebenfalls, wie ich, einen Bogen auf den Rücken. Tokar legte seine Faust an sie Stirn und nickte mir respektvoll zu. "Tokar ist Krasianer.." sagte nun Eldar ".. wir haben ihn vor gut zwei Jahren bei uns aufgenommen, nachdem wir ihn aus.., sagen wir mal, einer heiklen Lage befreit haben. Wir haben diese Entscheidung nie bereut.. Ganz im Gegenteil!" Eldar klopfte dabei Tokar kurz auf die Schulter und schaute mich an "Und bei dir habe ich.. ein ähnliches Gefühl."

 

Sie wollen mich tatsächlich in ihre Gruppe aufnehmen. Auf der einen Seite freute ich mich über dieses Angebot. Es war schon immer mein Wunsch gewesen ... dazuzugehören und in einer Gemeinschaft gebraucht zu werden. Auf der anderen Seite hatte ich nun diese ... Wut, diesen Drang nach Genugtuung es denjenigen heimzuzahlen die mein Leben so verabscheuten und mir das genommen haben was ich lieb gewonnen hatte. Kann diese Gruppe mir dabei helfen? Will ich das überhaupt? Was ist, wenn jemand oder sogar mehrere wegen meiner Angelegenheit dabei getötet werden? Will ich das? Nein..   "Du hast sicherlich eine Menge Fragen und wir ebenso an dich. Wie wäre es, wenn wir uns nun setzen und alles in Ruhe besprechen?" Fragte nun Eldar. Ich wollte weiter und nicht hier sitzen und reden.. Trotzdem nickte ich und setzte mich wie die anderen. Tokar und Kaspar entfachten nun ein Feuer. Die Geschwindigkeit in der sie das aber machten war einfach atemberaubend. Sie mögen vielleicht Ausgestoßene sein, aber diese Menschen hier haben gelernt zu überleben und sich ihre Daseinsberechtigung zurück erkämpft. Das sah man jeden einzelnen von ihnen an.

 

Eldar schaut mich nun wieder an und redet schließlich weiter..  "Wir sind mittlerweile vierzehn. Neun Männer und fünf Frauen. Und wir wollen uns vergrößern  und stärker werden. Es gibt viele Gefahren für uns hier in der Wildnis. Wir müssen uns um Nahrung kümmern, wir müssen dem Wetter trotzen, wir müssen uns den Krasianern und den Milizen des Bundes erwehren. Häufig kommt es auch vor, dass wir uns auch vor anderen Ausgestoßenen, die sich zu räuberischen Banden zusammengeschlossen haben, zur Wehr setzen müssen. Krankheiten und Unfälle machen uns darüber hinaus zu schaffen. Damit wir uns diesen Gefahren erwehren können, brauchen wir eine starke Gemeinschaft. Wir nehmen daher besonders auch nur die auf, die der Gemeinschaft von Nutzen sind und die Fähigkeit besitzen sich einer Gemeinschaft zu fügen und unterzuordnen. Dafür erhält derjenige die Sicherheit und den Schutz in der Gemeinschaft. Wir haben dich beobachtet und es gab zugegeben viele Vorbehalte die gegen dich sprachen. Vielen von uns war besonders deine Erscheinung... naja, sagen wir.. unheimlich. Aber letztendlich hast du uns mit deinem Verhalten, bis auf ein paar Wenige, davon überzeugt, dass wir dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen wollen." Eldar schaute mich nun an. "Also.. wie denkst du darüber?"

 

Ich wäre sicherlich gern in diese Gemeinschaft eingetreten. Aber ich hatte mir und Dai Rache geschworen und hiervon wollte ich nicht abweichen.. "Ich danke Euch für Euer Angebot, aber ich habe vorher noch etwas zu erledigen. Ich habe es mir geschworen...." Eldar runzelte die Stirn und fragte in ruhigen Ton "Was willst du denn machen? Willst du dich für das rächen, was man dir angetan hat? Ist es das was du willst? Jemand hat Dir Unrecht getan und nun willst du Genugtuung oder sowas ähnliches? Du magst vielleicht bisher so manchen Kampf überlebt haben, aber in meinen Augen bist du immer noch ein Kind und weißt gar nicht auf was du dich da wirklich einlässt.. Ich werde dir sagen was du damit erreichst... Nichts! Gar nichts! Du magst bestenfalls deine Rache bekommen und was ich sehr bezweifle vielleicht sogar dein Leben behalten. Aber wirst du dich danach wirklich besser fühlen? Ich denke nicht! Vielleicht wirst du für einen kurzen Moment eine Befriedigung empfinden, aber mehr nicht. Dann aber wird man sich wiederum für das rächen wollen, was du angerichtet hast. Du wirst dich immer verstecken müssen, immer auf der Hut sein müssen und nie wirklich Ruhe finden. Was ist wenn du bei deiner Rache Unschuldige mit hineinziehst und sie dabei getötet werden oder du vermeintlich Schuldige tötest und diese in Wahrheit aber unschuldig sind? Könntest du dir das dann verzeihen?" Er machte eine Pause. Ich wollte gerade etwas erwidern, als er die Hand hob. "Warte..., lass mich dies bitte noch sagen...  Wir haben alle unsere eigene Geschichte und glaube mir, jeder von uns hatte seine Gründe gehabt, dass er oder sie aus der Gemeinschaft des Bundes oder im Falle Tokars aus der Gemeinschaft der Krasianer verstoßen wurde. Jolanda beispielsweise wurde deshalb ausgestoßen weil sie ihren Mann getötet hat. Dass sie es in Notwehr tat, weil er sie wieder mal wegen einer Kleinigkeit fast zu Tode geschlagen hatte, wurde in ihrem Fall nicht berücksichtigt, weil die einzige Zeugin, die Schwester des Gatten, diese Tatsache geleugnet hat. Jolanda hätte genauso wie du Grund dazu gehabt sich zu rächen. Sie hat es aber nicht gemacht. Denn man sollte sich vielleicht auch immer die Frage stellen, bevor man sich an den Personen rächt, warum diese Personen so gehandelt haben, wie sie gehandelt haben. In Jolanda's Fall hat die Schwester deshalb geschwiegen, weil sie sicherlich zum einen die Schwester war und ihren Bruder liebte, zum anderen hasste sie aber auch Jolanda. Jolanda hatte ihre Schwester oftmals ungerecht behandelt und dies wurde ihr erst später klar, als sie sich diese Frage ehrlich stellte. Es war demnach verständlich gewesen, dass die Schwester sie verleugnet hat und Jolanda, da gelandet ist, wo sie nun ist. Nämlich hier..., bei uns. Vielleicht hat man dir wirklich übel mitgespielt... Aber manchmal, wenn man wirklich ehrlich zu sich selbst ist, gibt es vielleicht auch Gründe für die man selbst verantwortlich ist, warum man da ist wo man nun mal ist. Und du bist in diesem Moment nun mal auch hier bei uns und stehst vermutlich wieder vor einer wichtigen Entscheidung die dein zukünftiges Leben vielleicht wesentlich beeinflussen könnte. Es liegt nun an dir, was du letztlich daraus machst."

 

Ich dachte über die Worte von Eldar nach. Jedoch konnte ich keine Schuld in meinem Tun und in meinen Taten erkennen. Ich habe mich letztendlich immer nur gewehrt und versucht zu überleben. Ich habe aus meiner Sicht nicht angefangen und habe jemanden etwas angetan, bevor er mir etwas angetan hat. Jaden liebte es mich zu ärgern und mich zu quälen. Er hasste mich vermutlich, weil ich anders war als die anderen. Und wie Jaden erging es vielen anderen womöglich ähnlich. Kann ich aber aufgrund meiner Andersartigkeit dafür verantwortlich sein, dass Jaden deshalb meine Baumhöhle zerstört und vor Gericht gelogen und so die Spirale der Gewalt in Gang gesetzt hat? Ich habe mir meine Andersartigkeit nicht aussuchen können und kann somit auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Jetzt habe ich jedoch die Wahl mich dieser Gruppe anzuschließen oder mich zu rächen. Ich habe aber mir, Dai und meinen Feinden diese Rache geschworen und ich will immer noch dass keiner ungestraft davon kommt. Vielleicht mag ich mich mit meiner Entscheidung nun schuldig machen.. aber dies einfach versuchen zu vergessen...? Nein... das kann und will ich nicht.

 

Dann sagte ich schließlich.. "Ich habe es geschworen... Von daher.. ich kann mich euch jetzt nicht anschließen. Ich wünschte ich könnte es... aber da ist einfach zu viel passiert, was ich nicht vergessen kann und auch nicht möchte." Sie schauten mich nun alle an und bis auf Jolanda stand ihnen die Enttäuschung in den Gesichtern geschrieben. "Dir ist klar, dass dieses Angebot nur jetzt gilt?" Fragte Eldar. "...denn wenn du diese Entscheidung wählst, dann wirst du auch nie in unsere Gemeinschaft passen.. Bedenke das bitte." Ich stand auf, schloss die Augen kurz. Es kommt, wie's kommt. Und genau wie's kommt ist richtig, wird gesagt. So soll es dann auch kommen... wie es kommt... Dann sagte ich schließlich: "Ich wünschte wirklich es wäre anders.. aber ich kann nicht anders. Ich danke euch trotzdem für euer Angebot und wünsche euch alles Gute." Dann ging ich wieder weiter.

 

Unheil in Kaven

 

Ich drehte mich nicht mehr zu ihnen um und sie machten auch keine Anstalten mehr mich umzustimmen oder noch aufzuhalten. Mir fiel diese Entscheidung schwer... Ich wollte immer dazugehören... und hier ergab sich für mich zum ersten Mal in meinem Leben diese Chance in eine Gemeinschaft dazuzugehören. Und jetzt? Jetzt mache ich mich wieder auf um anderen Menschen Gewalt anzutun, die mir aus meiner Sicht Unrecht getan haben. Auf meinem Weg nach Kaven ließen mich aber die Worte von Eldar an mein Vorhaben immer mehr zweifeln.

 

Wen trifft für das Geschehene wirklich Schuld und was ist wirklich gerecht? Gero ist dumm und lediglich ein Mitläufer. Er wird von Jaden benutzt und beherrscht. Kann ich Gero dafür verantwortlich machen, weil er schwach ist und letztendlich das macht, was man von ihm verlangt? Pelle hingegen hat die Stärke eigene Entscheidungen zu treffen. Er hat jedoch, denke ich, für seine Taten auch schon ziemlich büßen müssen. Sein Vater ist wegen mir nicht mehr am Leben und ich habe ihm sein rechtes Augenlicht genommen. Auch kann er wohl, nach Jakes Angaben, auf dem verbliebenen Auge nur noch wenig sehen. Er wird für immer auf Hilfe angewiesen sein. Und Johnas Goldan... der Bürgermeister und damit auch ein sehr beliebter Mann in Kaven, er wollte Mallen schließlich auch nur vor mich beschützen. Ich, der für die meisten in Kaven wohl sowas wie ein Ungeheuer bin. Er misstraute mir und hatte letztlich vielleicht nur Angst um Mallen. Um zu verhindern, dass ihr vermutlich etwas zu stieß war ihm jedes Mittel recht und dazu gehörte eben mich zu verleugnen und damit das Problem von Kaven endlich zu beseitigen. Aber auch er hat bereits für seine Lüge büßen müssen. Mallen, seine einzige Tochter, sein ganzer Stolz, hat sich wahrscheinlich von ihm abgewandt und hasst ihn für das was er getan hat.

 

Bleibt nur noch Jaden. Bei Jaden habe ich immer noch das hartnäckige Gefühl, mich für das was er getan hat, zu rächen. Er hasst mich und ich will, dass er hierfür zu mindestens Reue zeigt. Eldar's Worte haben mich daher nun tatsächlich beeinflusst. Ich werde mich nur noch auf Jaden konzentrieren. Er soll zu mindestens bereuen, was er getan hat. Es dauerte noch mehr als weitere zwei Stunden bis ich endlich in Kaven angekommen war. Es war noch stockdunkel und es würde noch drei weitere Stunden dauern, bis der Tag anbricht und die Sonne wieder aufgehen wird. Ich ging zu dem Abhang, wo sich der Eingang zum Tunnel befand. Der Tunneleingang war jedoch nicht mehr wie sonst mit Steinen getarnt. Irgendwas stimmte hier nicht. Ist der Tunnel entdeckt worden oder schlimmer noch, ist Jake aufgeflogen? Jake ist seit dem ersten Schneefall auch nie mehr zur Höhle gekommen. Das muss zwar nichts bedeuten, denn Jake hatte selbst gesagt, dass er erst wieder kommen wollte, wenn kein Schnee mehr liegen würde.

 

Ich nehm mein Bogen und lege einen Pfeil auf und gehe nichtsdestotrotz in den Tunnel. Ich gehe vorsichtig und bleibe immer wieder kurz stehen und horche nach etwas Verdächtigem. Aber nichts regt sich und ich komme schließlich ungehindert durch den Tunnel zum Brunnen. Es stellt sich nun die Frage, ob der Brunnen oben bewacht wird. Sollte ich nun die Leiter vom Brunnen benutzen, wäre ich wohl auf dieser völlig ungeschützt. Man müsste nur oben auf mich warten oder man könnte sogar gleich mich von oben mit ein paar Pfeilen von der Leiter schießen. Ich horche, aber es ist nichts Verräterisches zu hören. Mir bleibt letztlich nichts anderes übrig als es zu wagen und mittels Leiter hinauf durch den Brunnenschaft nach oben zu steigen. Als ich jedoch oben angekommen bin, bleibt entgegen meinen Befürchtungen auch hier alles ruhig. Seltsam.. Ich atme nun erleichtert aus und mache mich nun in aller Stille auf den Weg nach Jaden's Zuhause.

 

Jaden hat keine Geschwister und er wohnt, soweit ich weiß, mit seinen Eltern in einem großen Haus etwas abseits im wohlhabenden Viertel von Kaven. Obwohl ich so gut wie nie dort war, weiß ich von den Beschreibungen meines Onkels welches Haus es nur sein konnte. Mein Onkel beschrieb das Haus der Grat's als das prächtigste und größte Gebäude von Kaven. Mein Onkel schwärmte von diesem Haus und das er irgendwann einmal ein ähnliches Haus haben würde. Doch nun scheint er, mehr denn je, von diesem Traum entfernt zu sein.

 

Nun stehe ich aber hier vor dem noch scheinbar friedlichen Haus der Grat's. Alles ist, bis auf die Geräusche des Windes, still und friedlich ruhig. Mein Herz klopft heftig und mir kommt diese Situation ziemlich skurril vor. Gleich werde ich diese friedliche Stille stören und womöglich Terror in die Familie Grat bringen. Ich gehe zur großen Eingangstür und versuche die Tür zu öffnen, die jedoch erwartungsgemäß verschlossen ist. Wäre ja auch zu einfach gewesen. Ich schaue mir die Fenster an. Alle Fenster bis auf das rechte vordere Fenster sind mit Fensterklappen verschlossen. Ich gehe zu dem offenen Fenster. Das Fenster ist jedoch für meine Größe zu hoch, um das ich etwas dadurch hätte sehen können, geschweige denn durch dieses Fenster im Haus der Grat's zu gelangen. Glücklicherweise entdecke ich nicht weit davon ab, am Nebengebäude eine kleine Leiter. Ich schnappe mir die Leiter, stelle diese unterm Fenster und klettere diese schließlich hinauf. Hinter das Fenster befindet sich das Schlafzimmer von Jadens Eltern und beide scheinen auch in ihrem Bett zu liegen und tief und fest zu schlafen. Was jetzt? Mein Herz rast und meine Nerven sind zum zerreißen gespannt. Ich steige erst mal ein paar Stufen die Leiter wieder runter. Ich atme nochmal tief durch. Was will ich eigentlich? Ich habe mich doch entschieden, dass ich Jaden für seine Taten zur Rechenschaft ziehen will. Nun bin ich hier.. also.. was willst du jetzt? Dann schließlich gehe ich die Leiter wieder nach oben. Vorsichtig nehme ich meinen Bogen und meinen Köcher mit Pfeilen ab und lege sie vorsichtig und so leise es geht durch das offene Fenster auf den Boden im Zimmer der Grat's. Dann krieche ich selbst durch das Fenster. Die Eltern von Jaden schlafen scheinbar immer noch fest und haben von meiner Ankunft noch nichts mitbekommen. Ich lege mir den Köcher wieder über den Rücken. Den Bogen nehme ich in die Hand und spanne einen Pfeil an die Sehne des Bogens. Dank des offenen Fensters kann ich zu mindestens noch die Zimmertür und die Möbel die im Zimmer stehen erkennen.  Jadens Vater liegt laut schnarchend auf dem Rücken und die Mutter schläft eng an ihn geschmiegt auf der Seite im Bett. Beide friedlich in trauter Zweisamkeit. Kaum vorstellbar, dass diese Beiden einen Sadisten als Sohn haben. Vorsichtig gehe ich nun Richtung Zimmertür. Ich weiß nicht was es gewesen ist, was mich letztlich verraten hat, denn plötzlich wurde es ganz still im Schlafzimmer der Grat's. Geräusche, ein kurzes Murmeln... dann die Stimme von Jadens Vater, Robert Grat "Jaden? Was.. was willst du...?  Jaden...?".

 

Mist! Fluchte ich innerlich. "Ich bin nicht Jaden.." sagte ich so ruhig und selbstsicher ich konnte. Dann wachte auch die Mutter auf.. "Robert! Wer ist das? Was geht hier vor?" Schrie sie entsetzt auf. "Wer bist du und was willst du von uns?" Fragte nun Robert, Jadens Vater. Dabei sprang er schnell aus dem Bett. "Stehen bleiben!" Schrie ich.. und spanne den Pfeil im Bogen und ziele auf Robert. Robert bleibt stehen.. "Eine klitzekleine Bewegung noch und ich schieß dir ein Pfeil in deinen fetten Bauch.. Hast du mich verstanden?" Drohte ich nun. Panik kam in mir hoch. Das war so nicht geplant. Was soll ich nun mit diesen beiden machen? "Bist du ... bist du nicht der, der meinen Sohn ins Bein gebissen hat.....? Du bist Rota Gevill!.... Verdammt! Was willst du hier?! Hast du nicht schon genug angerichtet?" Jadens Mutter unterdrückte einen Schrei und fing nun hysterisch an zu weinen.. "...der rote Teufel... der... Sohn Satan's .. nein... oh Gott nein..." Ich ging zwei Schritte zurück um ein wenig Abstand von den Beiden zu bekommen. "Von euch will ich nichts! Ich will nur mit eurem.. "lieben" Sohn sprechen..... Sagt mal, habt ihr hier keine Petroleumlampe oder sowas..? Man kann ja kaum was sehen." "Wir haben hier eine auf unseren Tisch stehen.. warte.." antwortete Jadens Vater und dreht sich langsam zur rechten Wand, wo scheinbar ein kleiner Tisch steht. Dann plötzlich dreht er sich blitzschnell wieder um und wirft den Tisch mit voller Wucht in meine Richtung. Ich erkannte dies zu spät und der Tisch trifft mich voll auf meinem Oberkörper. Ich verliere dabei meinen Bogen aus der Hand. Der Pfeil löst sich und schießt ins Leere. Jadens Vater stürzt sich nun auf mich. Er ist stark und ich kann ihm erst mal nichts entgegensetzen. Er wirft mich mit ganzer Wucht zu Boden und schlägt mit der Faust auf meinen Kopf. Er trifft mein Ohr, das sich sofort taub anfühlt. "...DU SATAN! ICH WERD DICH LEHREN ... UNS ZU BEDROHEN!!". Ich hebe nun meine Hände um meinen Kopf zu schützen. Er jedoch schlägt mich dann mit seinen Fäusten in den Magen. Ich kann nun keine Luft mehr bekommen und ich krümme mich vor Schmerzen. Dann greift er nach meinen Hals und drückt mit aller Gewalt zu. Ich bin geschockt und weiß nicht wie mir geschieht. War das nun mein Ende? Schmerzen! Ich kann Schmerzen ertragen! Schmerzen kommen und gehen wieder! Konzentriere dich! Ich packe nun mit aller Gewalt die Handgelenke von Jadens Vater.. "Grrrrrnngggg..." Drückte mit aller Gewalt die würgenden Hände von meinem Hals weg.. "Du Teufel!... das.. das.. gibt‘s doch ...niiicht..."   Jadens Vater versucht vergeblich nochmal kräftiger zuzudrücken... Dann drehe ich mich schnell zur Seite weg und ziehe mit der rechten Hand mein Messer. Robert wirft sich wieder auf mich. Dann steche ich zu.. zwei, drei, vier Mal und immer wieder.. Jadens Vater brüllt vor Schmerzen.. "Robert! Nein .. nicht... bitte NIICHT!!!" schrie Jadens Mutter. Bis ich ihn schließlich mit einem letzten tödlichen Stich in sein Herz sein Leben beendete. Jadens Vater bricht schließlich zusammen und liegt nun tot über mich. Ich schiebe ihn nun keuchend und atemlos beiseite. "Du Mörder!!!! Was hast du getan?... Du... du Satan! Du Ausgeburt der Hölle!" Schreit sie mich immer wieder an und eilt zu ihrem toten Mann. "Was habe ich getan?" Stelle ich nun entsetzt mir selbst diese Frage. Bin ich ein Mörder? "Mein Gott! Was habe ich getan..?" Die Mutter von Jaden weint und schreit.. "Ich werde dir sagen was du getan hast! Du Monster hast einen geliebten Menschen, mein geliebten Mann getötet. Das hast du getan! Du Teufel.. du verdammter Teufel!... Ich hasse dich...! Ich verfluche dich..!" Dann weint sie wieder bitterlich.

 

Ich habe genug und mit einem Mal schäme ich mich für das was ich getan habe. Meine Rachegelüste sind nun wie weggeblasen.... Ich stehe auf und will gerade durch die Zimmertür gehen um mich auf den Rückweg machen. Dann jedoch erscheint Licht und... Jaden.. kommt herein. "Mama, was ist los... was ist..." Jaden bleibt nun wie erstarrt stehen und scheint nicht zu glauben was er hier gerade sieht. Mit offenem Mund, einer Lampe in der rechten Hand haltend und im Nachtanzug bot er einen nahezu lächerlichen Anblick.  "Du...?" Und dann starrt er auf den Boden  "VATER!!! NEIN! " Schrie er und rennt humpelnd zu seiner Mutter und zu seinem nun toten Vater.. "Was.. was ... ist los? Vater! Was hat er dir angetan?" Er bot einen so mitleiderregenden Anblick.. Ich musste schlucken. "WAS HAST DU GETAN? DU VERDAMMTE MISTRGEBURT!" Dann steht er auf... "Dafür wirst du büßen.." und stürzt sich auf mich. Ich hatte keine Lust mehr mich zu wehren und weiteres Unheil anzurichten und ließ zu, dass er mit seinen Fäusten auf mich eindrosch. Schmerzen... Schmerzen kommen und gehen wieder.. ! Er trifft mich überall. Ich gehe zu Boden und er tritt mich mit seinen Füßen weiter. Er wirft den Tisch auf mich, der daraufhin  zerbricht. Jaden nimmt den abgebrochenen Tischbein in die Hand und prügelt mit Geschrei und üblen Beschimpfungen weiter auf mich ein.. Irgendwann hörte er auf, bückte sich über mich und nahm mich im Würgegriff.. "Nun, mein Lieber, wirst du für deine Taten büßen...!!!" Dann drückt er fest zu.  Ich fange an zu würgen. "Wusstest du eigentlich Rota, dass Jake... dein schwuler Freund, aufgeflogen ist.. Hmm.. wusstest du das? Man hat ihn gehängt... oh ja.. und nun ist er mausetot. Du hättest ihn sehen sollen.. Er hat geflennt..., geflennt wie ein Baby.."  Jake tot? Er war also tatsächlich aufgeflogen. Nein! Das hättest du vielleicht besser nicht sagen sollen, Jaden, ich glaube das war ein Fehler.., Jaden! Jake verdanke ich mein Leben..

 

Jadens Mutter steht nun auf einmal mit meinem Bogen und einem aufgelegten Pfeil vor mir und spannt langsam den Bogen. Dann mit in einer bedrohlich ruhigen Stimme sagt sie: "Jaden..., halte ihn nun gut fest!...". Gerade in dem Moment, wo Jadens Mutter die Sehne vom Bogen loslässt, packe ich Jaden an den Kopf und ziehe ihn mit aller Kraft die ich aufbringen kann vor mir und seiner Mutter. Der Pfeil trifft nun nicht, wie gezielt, in meine Brust. Jadens Mutter reißt die Augen entsetzt auf.. "NEIIIIN..!!" Der Pfeil traf Jaden direkt in den Hinterkopf. Er schreit und sein ganzer Körper zuckt dabei heftig. Dann.. auf einmal hört er auf zu schreien und sein Körper erschlafft.

 

Jadens Mutter hatte ihren eigenen Sohn getötet. Ich stoße Jaden beiseite, stehe schwankend auf und gehe langsam zu Jadens Mutter. Als ich schließlich vor ihr stehe nehme ich ihr meinen Bogen aus der Hand. Sie starrt mit Entsetzen und einem völlig irren Blick ins Leere. Vermutlich befindet sie sich gerade in einem Zustand des Schocks. Ich beachte sie nicht weiter, hebe noch meinen Köcher mit den verbliebenen Pfeilen auf, lege diesen um meinen Rücken und mache mich dann wieder auf, um aus dem Haus der Grat's zu kommen.

 

Als ich wieder aus dem Haus der Grat's gegangen war, sehe ich, dass in der Nachbarschaft die Schreie und der Lärm im Haus der Grat's nicht unbemerkt geblieben sind. In fast jedem der umstehenden Häuser schien Licht aus den geöffneten Fenstern. Leute stehen vor ihren Eingangstüren, Stimmen sind zu hören.... "Was ist da los?... Stadtwache!... Überfall bei den Grat's.... ...hat jemand was gesehen..?" und schließlich ... "Da...! da ist dieser Rote Teufel! Der Rote Teufel..! Rota der Teufel war im Haus der Grat's!!" Mir war das Getöse nun ziemlich gleichgültig. Alles was mir wichtig war, was ich schätzten und lieben gelernt hatte, hat man mir genommen. Vielleicht zu Recht, vielleicht auch nicht. Egal! Ich will das alles jetzt nicht mehr. Ich will nur noch in Ruhe gelassen werden. Wer mich aufhalten möchte, der soll nur kommen. Ich nehme einen Pfeil aus dem Köcher und lege ihn bereit zum Schuss an die Sehne meines Bogens. Dann mache ich mich auf dem Rückweg zur Höhle.

 

Auf halbem Weg zum Tunneleingang stoße ich schließlich auf drei alarmierte Soldaten von der Stadtwache Kavens. Alle drei sind mit Armbrüsten bewaffnet. Als sie mich dann erkennen bleiben sie abrupt stehen. In ihren Gesichtern kann ich Angst erkennen. Der Größte von ihnen, vermutlich auch der Befehlshabende, schreit: "Worauf wartet ihr Holzköpfe denn! Schiiießt! Verdammt SCHIIIIEßT!!" Ungelenk nehmen sie ihre Armbrüste in Schießstellung. Ich wundere mich. Sie sind mehr als fünfzig Schritt von mir entfernt. Es dürfte sehr schwierig werden, mich aus dieser Entfernung zu treffen. Ich gehe langsam weiter auf die drei Soldaten zu. Dann... Zong, Zong... Zong. Die Pfeile fliegen.. und alle Pfeile fliegen an mir vorbei. Davon fliegt ein Pfeil tatsächlich sogar nur knapp über meinen Kopf hinweg. Dann renne ich auf dieses Trio zu. Ich spanne den Bogen und ziele.. Als ich dann nah genug bei ihnen bin, lass ich die Sehne los. Ich treffe und der Soldat, der soeben den Befehl gab, auf mich zu schießen, fängt vor Schmerzen an zu schreien. "AHHH.. verdammt! Dieser Teufel!.. schießßßßt ... schiie.." Mein Pfeil trifft ihn in die Brust. Ich sehe jetzt, dass die anderen beiden Soldaten noch sehr jung sind, vielleicht nur drei oder vier Jahre älter als ich. Sie bieten einen erbärmlichen Anblick. Beide fummeln nun wild an ihren Armbrüsten herum und versuchen diese mit jeweils einem Bolzen zu nachzuladen.

 

Ich lege in aller Ruhe einen neuen Pfeil auf und schieße den links stehenden Soldaten mit Absicht nur in die Schulter. Er schreit vor Schmerzen "AHHH.. er hat mich getroffen... ohhhh mein Gott.. der Teufel hat mich getroffen...." Er macht ein paar Schritte rückwärts, dreht sich um und rennt schließlich weg. Der verbliebene Soldat hat es endlich geschafft seinen neuen Bolzen zu laden. Er zielt nun auf mich. Aber auch ich habe inzwischen wieder einen neuen Pfeil im Bogen gespannt und ziele ebenfalls auf ihn. "Los schieß schon.." sage ich im ruhigen Ton. "Worauf wartest du..? Ich hab nichts mehr zu verlieren. Also..?" Der junge Soldat schwitzt und zittert. "Wenn.. wenn ich schieße wirst du mich ebenfalls töten.." Entgegnete er ängstlich. Ich erwidere: "Das könnte sein.., muss aber nicht sein. Kommt auch darauf an, wo du mich triffst... Aber..., ich möchte dir einen Vorschlag machen.. Du legst einfach deine Waffe auf den Boden und gehst mir aus dem Weg und ich gehe... dann meinen Weg. Was hältst du davon...?" Dann machte es wieder..Zong! Ich mache schnell einen Schritt zur Seite. Der Bolzen trifft mich nur leicht an meinem Oberarm. Es schmerzt, aber es ist wohl nur ein Kratzer. Ich schieße meinen Pfeil nun ebenfalls ab und dieser trifft tödlich. Anschließend ziehe ich noch kaltschnäuzig meine Pfeile noch aus den Leibern der Soldaten und gehe weiter, wieder zurück zu meiner Höhle.

 

Wieder zurück!

 

Der Rückweg zu meiner Höhle verlief ohne besondere Vorkommnisse. Keiner hielt mich auf oder verfolgte mich. Das einzig Bemerkenswerte war, dass es auf dem Rückweg an diesem frühen Morgen immer kälter wurde und es wieder begonnen hatte zu schneien. Ich störte mich nicht daran und war tief in Gedanken versunken. Ich wollte Rache und ich bekam meine Rache. Jedoch fühle ich keine Genugtuung, keine Befriedigung oder etwas Ähnliches. Es fühlt sich nicht so an, wie ich mir vielleicht auch erhofft hatte. Viele mussten, nur weil es mich gibt, sterben. Kann ich aber so viele Tote tatsächlich auch rechtfertigen, nur weil es mich gibt? Jake, mein einziger Freund, aber den besten Freund den man überhaupt haben konnte, musste sterben weil er mir helfen wollte. Jake, der mir aufopfernd und nur weil er es für richtig hielt, immer wieder geholfen und so mein Leben gerettet hat. Er hatte die Begabung die Dinge aus mehreren Blinkwinkeln zu betrachten. Er schaffte sich immer eine eigene Meinung und ein eigenes Bild die Dinge so zu sehen wie sie sind. Das er dann auch noch den Mut und die Kraft hatte, sich gegen alle Widerstände aufzulehnen, weil er aus seiner Sicht das Richtige tun wollte, dass machte ihn für mich noch bemerkenswerter. Er war ein wirklicher Held. Ich konnte nicht weinen, ich fühlte nur unendliche Trauer und eine Niedergeschlagenheit die mich  erdrückte. Als ich schließlich die Höhle erreichte schnappte ich mir sämtliche Decken die ich noch finden konnte, deckte mich in meinem Schlafplatz damit ein und legte mich schlafen und wollte auch nie wieder aufwachen.

 

Träume und Wirklichkeit

 

Entgegen meinem Willen wachte ich aber natürlich immer wieder auf. Aber aufgestanden bin ich nur dann, wenn ich meine Notdurft verrichten musste oder ich so einen Durst bekam, dass ich einfach Schnee in meinem Mund nahm und diesen dort schmelzen ließ und schließlich runterschluckte. Ich verspürte keine Lust mehr irgendetwas zu tun, wie Feuerholz zu sammeln, auf die Jagd zu gehen oder den Höhleneingang vom Schnee zu befreien. Alles war für mich sinnlos geworden und ich wollte nur noch schlafen. Es wurde hell, es wurde wieder dunkel, es wurde wieder hell und es wurde wieder dunkel.... Inzwischen hatte es nun wieder so viel geschneit, dass wieder so viel Schnee lag wie ein paar Wochen zuvor. Ich fror immer mehr und ich wurde schwächer. Ich stand immer seltener auf und die Zeiten wo ich schlief oder döste wurden länger.  Meine Träume waren meistens wirr, doch es gab auch schöne Träume. Träume wo ich mit Dai auf der Jagd war oder sie sich über meine Kochkünste beschwerte oder wo wir gemeinsam abends zusammen in meinem Schlafplatz lagen und Geschichten aus einem der wenigen Bücher, die wir von Jake erhielten, lasen.. Ich hatte auch Träume wo ich Mallen wiedersah. Wir streiften gemeinsam mit Zisko durch die Wälder und kletterten die höchsten Bäume mit den schönsten Aussichten rauf. Wir hatten viel Spaß und ich hatte in diesen Träumen sogar gelacht. Mit der Zeit schienen die Träume immer intensiver zu werden. Mir fiel es immer schwieriger die Träume von der Realität zu unterscheiden.

 

Es war so kalt und ich hörte Mallen irgendwann immer wieder mit Angst und Besorgnis nach mir rufen. Warum hat sie denn Angst um mich? Hell, es wurde mit einem Mal heller. Dann hörte ich sie wieder laut nach mir rufen. Sie schien, nach der Lautstärke zu urteilen, nun auch ganz nah zu sein. Ich konnte mich in dem Traum in dem ich mich befand nicht rühren. Ich wollte ihr zurufen, dass ich hier bin und das sie keine Angst zu haben braucht, dass alles gut ist. Aber nichts war gut. Ich konnte nichts sagen, ich konnte mich nicht bewegen, ich war völlig erstarrt. Wahrscheinlich lag es an der Kälte. Ich muss irgendwie zu einem Eisblock oder sowas gefroren sein... Seltsamer Traum. Dann plötzlich hörte ich sie erleichtert meinen Namen rufen "Rota! Endlich... " aber dann klang sie wieder besorgt und sie rief "Mein Gott.. Nein! Rota! Was... was ist mit dir passiert...". Dann sah ich Mallen vor meinen Augen. Ihr Gesicht zeigte Angst und Besorgnis.. aber in dem Moment wo ich es schaffte meine Augen zu öffnen, verschwand der angstvolle Ausdruck in ihrem Gesicht und ein vertrautes Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. Sie schien irgendwie verändert.. sie wirkte... älter. Älter.... und... schöner als jemals zu vor. Dann schloss ich die Augen jedoch wieder und ich verlor diesen Traum und fiel wieder in einem dieser anderen wirren Träume, dorthin wo es vielleicht auch nicht so kalt ist... Ich kehrte jedoch auch immer wieder... zu diesem seltsamen Traum zurück. Einmal sah ich Mallen mit Holzgestrüpp in den Armen kommen.. Ich wollte ihr sagen, dass ich hier bin und das mir so kalt ist.. Konnte jedoch immer noch kein Wort herausbringen. Ein anderes Mal war sie ganz dicht bei mir und es fühlte sich so an, als ob sie meine Füße und Waden massierte. Sie tat mir weh, aber... es fühlte sich danach dort etwas besser und wärmer an. Ein anderes Mal hörte ich sie auf einmal laut jubeln?! "..JA...ja....JAAH... ENDLICH! ES BRENNT! Verflucht nochmal! Es brennt! Endlich!.." Ich dachte ebenfalls... Feuer, ja... das ist gut...Feuer ist warm.. Wieder später spürte ich wieder ihre Hände an meinem Kopf.. Sie fühlte sich so warm an.. Sie hob meinen Kopf zu sich auf ihren Schoß und gab mir etwas an den Mund. "Rota, du musst etwas essen. Mach dein Mund auf... bitte.. mach dein Mund auf..." Ich machte natürlich... was sie sagte und schluckte, was auch immer es war, herunter.. Ist das alles ein Traum oder passiert das gerade wirklich. Es fühlt sich so echt an. Dann... war ich wieder woanders... Mallen sang und redete ständig vor sich hin.. "...wie du riechst...! Das müssen wir ändern.. und du hilfst mir dabei.. ja? Rota..? Wach auf.. bitte.. wach auf.." Irgendwann sah ich Mallen wieder. Zog sie mich gerade aus? Dann wieder etwas später lag ich völlig nackt vor ihr und sie schien mich mit einem heißen Lappen.. zu waschen und mich dann überall durchzukneten und zu massieren. Dann... war ich wieder woanders.... und wieder später............  …wieder in der Höhle! Ich sehe Mallen, sie sitzt gerade hockend vor dem Feuer und legt Holz nach. Als sie genug nachgelegt hat, steht sie auf und schaut zu mir herüber.. "Rota.. bist du.." Ich wollte was sagen... aber ich bin noch zu schwach. Ich schließe daher nur kurz die Augen und öffne sie wieder. Sie atmet nun erleichtert aus und dann lächelt sie mich an. "Wir reden morgen.. Ich bin selbst zu erschöpft um noch irgendetwas zu sagen oder zu tun.." Und dann macht sie etwas.. wovon ich in meinen kühnsten Träumen nicht gewagt hätte zu träumen.. Sie zieht sich bis zum letzten Kleidungsstück aus. Mir stockt der Atem und mir scheint mit einem Mal wieder alles unwirklich zu werden. Sie kommt und legt sich schließlich zu mir unter die Decke. "Du musst wissen..., " sagte sie flüsternd "..das Beste was man bei einer Unterkühlung machen kann, ist der Austausch von Körperwärme.. das habe ich von meinem Studium in Heilkunde gelernt. Also.." Sie schmiegt sich wie selbstverständlich ganz nah hinter mir an meinem Rücken und legt ihren linken Arm um meine Hüfte. Ich spüre nun ihre Haare und ihre warme und weiche Haut an meinem Körper. Ich rieche ihren.. süßen... Duft. Mein ganzer Körper beginnt nun wieder lebendig zu werden. Bin ich im Himmel oder passiert das gerade wirklich.. Es war die mit Abstand aufregendste und schönste Nacht die ich in meinem Leben bisher je erleben durfte.

 

Wiedersehen

 

Obwohl ich eine lange Zeit nicht schlafen konnte, weil ich diese vielleicht nur kurze Zeit mit Mallen einfach nur bis zur letzten Minute genießen wollte, schlief ich doch irgendwann ein. Am nächsten Morgen erwachte ich und ich fragte mich wieder, ob ich das alles nicht doch nur geträumt hatte.. Aber dann spürte ich Mallens warmen weichen schönen Körper an meiner Haut. Sie lag immer noch, genauso wie gestern, eng angeschmiegt hinter mir an meiner Seite. Das fühlte sich zu real an, als das es nur ein Traum sein konnte. Mallen schlief noch immer tief und fest. Mir gingen nun viele Fragen durch den Kopf. Wie lange lag ich hier schon? Ich fühlte mich so schwach und ausgemergelt.. Es musste daher schon eine sehr lange Zeit gewesen sein... Warum habe ich es nur soweit kommen lassen? Und jetzt ist Mallen hier... hier bei mir..!  Das ändert vieles... Aber warum ist sie überhaupt hier und warum gerade jetzt? Ich drehe mich nun langsam mit Schmerzen zu ihr um. Sie wurde nun ebenfalls wach. Mein Herz klopft heftig. Dann wird mir plötzlich bewusst, dass auch ich ja völlig nackt bin. Sie hatte mich wohl, als ich mich teilweise im bewusstlosen Zustand befand gewaschen und meine Muskeln massiert. Obwohl ich mich körperlich schwach und leer fühlte, konnte ich mich nicht dagegen wehren und ich wurde erregt. Ich glaube nicht, dass sie meine Erregung spürte und wenn, dann ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Sie schaut mich nun an und lächelt.. "Hallo Rota.." sagte sie nur. "Hallo Mallen!" Wir hatten uns so lange nicht mehr gesehen, hatten vielleicht beide auch die Hoffnung schon aufgegeben uns je wieder zu sehen und nun lagen wir plötzlich beide zusammen nackt unter einer Decke. "Wie geht's Dir jetzt?" fragte sie nun. "Dank deiner Behandlung... bin ich wieder hier.. und der Rest von mir... wird denke ich auch noch kommen.." antwortete ich schwach. "Was ist mit dir passiert?" Fragte sie nun. "Das... ist eine lange Geschichte und auf vieles bin ich nicht gerade stolz... Aber sag du mir bitte erst mal, wie es kommt das du hier bist und wie hast du überhaupt hier hergefunden?"

 

"Ich habe in Tenna davon erfahren was in Kaven passiert ist. Es war in Tenna das Gesprächsthema überhaupt! Ein verstoßener teuflischer Junge, den man für tot gehalten hat, hat wohl entgegen jeglicher Erwartung in der Wildnis überlebt. Der Trupp Soldaten die ihn entdeckt haben sollen, sollen bis auf einen nicht wieder zurückgekehrt sein. Man nimmt an, dass diese Soldaten wohl auf sonderlicher Weise von diesen Jungen getötet wurden. Man beschloss daher die Taten von den Jungen, man nennt ihn übrigens immer den „roten Teufel“, zu bestrafen. In Kaven wurde dann tatsächlich beschlossen, dass man einen Trupp von sechs oder sieben erfahrenen Soldaten mit Spürhunden nach diesem roten Teufel suchen lässt um diesen Jungen festzunehmen und dann nach Kaven zu bringen, um ihn dann für diese Taten zu verurteilen. Dieser Trupp kehrte aber nie wieder nach Kaven zurück. Unglaublicher Weise soll dieser Junge, der rote Teufel, etwa eine Woche später dann nachts nach Kaven gegangen sein und soll dort ein Blutbad angerichtet haben. Er terrorisierte angeblich dort eine Familie namens Grat und tötete den Vater und den Sohn. Die Mutter soll total verstört sein und befindet sich in einem Schockzustand. Zwei weitere Wachsoldaten wurden  ebenfalls von diesen Jungen getötet und einer soll verletzt worden sein.

 

Ich wusste natürlich gleich, dass nur.. du.. das sein konntest. Ich war zum einen froh, dass du noch lebst aber dann... dann hörte ich auch von... Jake! Jake soll Tage zuvor nachts in der Wildnis gefasst worden sein. Er wird verdächtigt dir geholfen zu haben und nun sitzt er, wie du damals auch, im Kerker von Kaven und wartet auf seine Verurteilung. Als ich das hörte, habe ich mich noch am selben Tag nachts allein auf den Weg zu dir hier in deine Höhle gemacht. Jake hatte mir damals, als du vertrieben wurdest noch genau beschrieben wo die Höhle liegt und ich dich finden kann. Ich wollte eigentlich schon viel früher zu dir, aber mir fehlte letztendlich immer der Mut dazu."

 

Wußte Mallen noch gar nicht das Jake nicht mehr lebte? "Jake ist tot!" Sagte ich jetzt zu ihr. "Jake ist tot? Wieso soll Jake tot sein? Wann... und woher weißt du das?" Ich erzählte ihr schließlich, mit schwacher Stimme, wie und von wem ich diese Information erhalten habe. "Glaubst du das wirklich? Glaubst du tatsächlich das, was Jaden dir kurz vor deinem... Ende sagt? Jaden war ein niederträchtiges Großmaul! Ich glaube, dass er einfach nur gelogen hat um dir nur noch eine für dich schockierend schlechte Nachricht mit auf den Tod zu geben. Jake.., ist nicht tot! Das glaube ich nicht...!" Mallen war sichtlich erschrocken und entsetzt über meine Behauptung. Da war mehr als nur Freundschaft zwischen Mallen und Jake, das war mir spätestens jetzt klar geworden. Aber an dem, was Mallen sagte, könnte wirklich was dran sein. Jaden war gemein und niederträchtig genug um solche Lüge zu äußern. Hoffnung keimte bei mir auf.. "Vielleicht hast du Recht.. Mallen. Dann.. verdammt.. lass uns keine Zeit verlieren!". Sie lächelte und dann nahm sie mein Gesicht in ihre beiden Hände und küsste mich direkt auf den Mund. Ich erstarrte und fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Sie grinste.. "Dafür liebe ich dich!" Sagte sie, stand auf und zog sich ohne irgendwelche Scham ihre Kleider an. "Ich werd uns Beiden erst mal etwas zu Essen zubereiten und vielleicht versuchst du schon mal wieder aufzustehen und dich zu bewegen... Oder was meinst du?" Ich nickte nur und versuchte erst mal wieder klare Gedanken zu bekommen.

 

Mallen hatte noch Brot und genügend Dörrfleisch in ihrer Tasche und ich hatte noch reichlich Zucker und Mehl in meinem Lager gehabt. Ich schaffte es aufzustehen, mich sogar selbständig anzuziehen und ein paar Schritte zu machen. Ich fühlte mich zwar schwach, aber wenn ich mich zu etwas zwang, tat mein Körper das, was ich wollte. Wir aßen schließlich. Mallen hatte es sogar geschafft wieder ein Feuer zu machen.  Mallen redete dabei unablässig. Sie erzählte was sie alles in Tenna erlebt hatte, dass sie sich speziell für das Studium der Heilkunde interessierte und ihre Chancen sogar ziemlich gut waren diese Ausbildung auch zu bekommen und.. vieles mehr. Irgendwann fragte ich sie, wie ihre Beziehung nun zu ihrem Vater sei. "Mein Vater hat mich damals mit Gewalt von Kaven nach Tenna verschleppt. Er sagte er wolle mich nur vor dir beschützen und ich ihm  eigentlich dankbar sein müsste, wenn ich nur wüsste, was er weiß. Er hat mir aber nie gesagt was das wäre.. Aber ich.. ich glaubte ihm nicht, denn ich kenne dich und du bist.. gut.. du bist anders, aber du bist ein guter Mensch. Ich habe seit dem nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen.." Ich musste schlucken als Mallen das sagte, dass ich ein guter Mensch bin. "Wenn ich es aus der Sicht deines Vaters betrachte, dann hat er in gewisser Weise aber Recht. Tatsache ist, ich habe viele Menschen getötet und habe vielen anderen damit auch Kummer bereitet und so wie es aussieht, bringe ich nun auch dich in Gefahr. Von daher.. hat dein Vater recht und ich bin tatsächlich nicht gut für dich. Im Gegenteil... ich bin sogar gefährlich für dich." Mallen stand nun auf und hockte sich ganz dich vor mir hin. Dann nahm sie meine Hände in ihre Hände und schaute mir in die Augen. Ich schluckte wieder. Mein Gott.. wie schön sie ist... "Hör mir zu. Du hast Menschen getötet. Das hast du getan. Ja..., aber du hast es letztlich nur getan, weil du um ein lebenswertes Leben um dein Leben gekämpft hast! Oder nicht? Du hast nur das getan, was du in den jeweiligen Momenten für richtig gehalten hast. Du hast um deinen Platz auf dieser Welt gekämpft und das ist aus meiner Sicht völlig in Ordnung so und verdient Respekt. Das gleiche will ich auch. Ich versuche jetzt auch nur das zu tun, was.. ICH.. für richtig halte!" Dann stand sie wieder auf und setzte sich wieder zu ihrem Platz. "..und jetzt hältst du es für richtig Jake aus dem Kerker zu befreien... Egal was kommt?" Fragte ich nun. "Genau!" Antwortet sie kurz und knapp und mit einem leichten Grinsen im Gesicht. "Und, wie ist dein Plan?" Fragte ich nun ebenfalls mit einem leichten Grinsen. "Du.., bist mein Plan!" Antwortet sie nur. "Also.. Ich habe mir eigentlich nie richtig einen Plan gemacht.." sagte ich, aber ich dachte nun darüber nach.

 

"Die Zitadelle nachts zu überfallen, um in den Kerker zu gelangen, wird schwierig werden, da die schweren Tore der Zitadelle am Abend geschlossen und erst morgens wieder geöffnet werden. Von daher werden wir nur tagsüber in die Zitadelle gelangen können und ich denke die beste Zeit ist dafür morgens, kurz nach der Öffnung der Tore. Ich meine, dass die Wachstube am Tor immer nur mit einem oder zwei Leuten von der Stadtwache bewacht wird. Wir werden diese Wachsoldaten dazu bewegen müssen uns zur Zitadelle zu folgen oder wir werden sie oder falls es nur einer ist gleich unschädlich machen müssen. Das bedeutet wir müssen am besten auch beide bewaffnet sein.. Kannst du mit Pfeil und Bogen umgehen?" Mallen schüttelt den Kopf. "Dann bekommst du eine Armbrust. Davon habe ich noch mehr als genug hier rumliegen. Unser Vorteil ist, wenn es schneit und wie es aussieht könnte es morgen auch noch schneien, werden wir mit den Waffen auch nicht so schnell erkannt werden. Tja, und wenn wir dann dadurch sind, werden wir in die Wachstube der Zitadelle gelangen. Was uns da aber erwarten wird, weiß ich nicht.. Kann sein, dass die Wachstube nur schwach besetzt ist, was sehr gut möglich ist, wenn man die Verluste der Stadtwache der letzten Wochen bedenkt.. Aber wir dürfen uns darauf nicht verlassen. Das einzige worauf wir uns verlassen können ist, das es auf jeden Fall gefährlich werden wird und wir mit allem rechnen müssen.. Wenn wir das aber tatsächlich geschafft haben und wir den Kerkermeister dazu gebracht haben Jakes Zelle zu öffnen, werden wir, denke ich, hierher zurückkehren..." Mallen sah mich gebannt an und sagte schließlich.. "Du musst mir nur noch zeigen wie man mit dieser.. dieser Armbrust?.. überhaupt umgeht. Ansonsten.. Wann brechen wir auf?"

 

Befreiung

 

Wir machten uns sehr spät in der Nacht auf, um Kaven früh morgens zu erreichen. Ich habe Mallen noch gezeigt wie man mit der Armbrust umgeht und sie erwies sich als ziemlich talentiert. Sogar das Einspannen eines Bolzens ging ihr ziemlich flink von der Hand. Um in Kaven nicht gefährlich aufzufallen bedeckten wir mit Decken noch unsere Waffen. Es schneite, was vielleicht für die Tarnung sogar ganz gut war. Denn weil es schneite konnten wir unsere Kapuzen unserer Mäntel über unsere Köpfe ziehen und waren damit nicht so leicht zu erkennen. Ich fühlte mich immer noch ziemlich schwach aber ich vertraute auf meine ungewöhnlichen Kräfte. Wir erreichten bei Tagesanbruch schließlich Kaven. Der Schnee war feucht und es war nebelig. Mallen und ich waren ziemlich durchnässt und froren. Wir gingen, trotz der Gefahr, dass dieser nicht mehr sicher war, wieder durch den Tunnel. Aber, wie auch bei meinem letzten Besuch in Kaven, wurden wir nicht aufgehalten. Scheinbar wurde der Tunnel doch nicht entdeckt und ist somit wohl noch sicher. Mallen war den ganzen Weg nach Kaven ungewöhnlich ruhig geblieben und jammerte auch kein einziges Mal über die Strapazen. Sie ist konzentriert und zielstrebig.. stelle ich bewundernswert fest. Als wir schließlich den Brunnen erreichten und die Leiter nach oben gestiegen waren, merken wir sofort, dass irgendetwas hier nicht stimmt. Es ist ungewöhnlich still in Kaven. Es ist zwar noch sehr früh, aber für gewöhnlich sind um diese Zeit schon viele Bürger von Kaven wach und gehen ihrer morgendlichen Arbeit nach. Dann sehen wir den Grund. An einigen Häusern flattern schwarze Tücher und Fahnen an den Häusern. Schwarze Tücher..., mussten und das wurde überall in den Schulen des Bundes gelehrt, dann an einem Haus angebracht werden, wenn der Virus Krass in diesem Haus ausgebrochen ist und wütet. Mallen schaut mich nun entsetzt an "..Die schwarzen Tücher.. Rota!" Ich nickte nur. Es mag zynisch sein... ja, aber ich dachte in diesem Moment auch, dass dies für unser Vorhaben auch ganz nützlich sein könnte. "Lass uns weiter gehen.. Mallen, und das tun weswegen wir hierhergekommen sind." Sie nickte und wir machten uns auf den Weg zur etwa noch vierhundert Schritt weiter entfernt liegenden Zitadelle von Kaven. Als wir schließlich ankamen, war alles so wie wir geplant hatten. Die Tore wurden gerade geöffnet und das Wachhaus am Tor wurde glücklicherweise auch nur mit einem Wachsoldaten bewacht. Wir atmen nun beide tief durch und schauen uns an. "..so hier sind wir jetzt... Bist du bereit?" Mallen atmet nochmal tief durch und nickt schließlich. "Ja..., wenn du bereit bist.." Ich nehme die Decke von meinem Bogen und spanne einen Pfeil in den Bogen und mache mich nun auf dem Weg zum Wachhaus am Tor der Zitadelle. Mein Herz klopft wieder wie wild.. Das wird schon.. versuche ich mich zu beruhigen.. Es kommt... wie es kommt!

 

Der wachhabende Soldat, ein kleiner aber kräftiger Mann im mittleren Alter und mit einem langen Bart nimmt uns, wie geplant, aufgrund des Nebels und des Schneefalls tatsächlich auch erst sehr spät wahr. Ich stelle mich schließlich mit gespanntem Bogen bedrohlich vor ihm und sage so ruhig und unbekümmert ich es in meiner Verfassung noch konnte: "Eine einzige Bewegung und du bist tot!" Mallen bleibt hinter mir und bedroht ebenfalls mit ihrer geladenen Armbrust diesen Wachsoldaten. Er erkannte mich sofort und dies schien seine Wirkung zu haben. Er erschrak.. und rief noch "Teufel!" Dann hob er aber sofort seine Hände und ergab sich. "Bleib schön von der Bimmel weg.., dann passiert dir auch nichts.. Okay? Und nun verrate uns erst mal wie viele von euch sich in der Zitadelle befinden?" Der Soldat überlegt... Ich werde ungeduldig.. "Sind es drei.. sind es vier.. WIE VIELE!!" Brülle ich ihn nun an und drohe ihm nun ganz dicht mit meinem Pfeil vor seinem rechten Auge. "Es… es sind nur.. nur zwei!" Sagt er schließlich. "Solltest du gelogen haben... Bist du erledigt! Du kommst jetzt mit uns und.. hör gut zu…, du lässt dir auf dem Weg nichts anmerken. Hast du mich verstanden? Du läufst langsam voraus und bist ganz ruhig und dir wird nichts passieren. Und jetzt los!" Er bleibt immer noch stehen und scheint mich wohl nicht richtig verstanden zu haben. "Ich sagte.. LOS jetzt!" Dann bewegt er sich zwar unsicher aber er läuft langsam Richtung Eingangstür der Zitadelle.  In sicherem Abstand und ohne die Waffen auf ihm zu richten folgen wir ihm verdeckt.. Als wir dann die Tür zur Zitadelle erreichen, bleibt er stehen. "Tür aufmachen und langsam reingehen" sage ich leise. Dann öffnet er die Tür und geht rein. "Ja... sagen sie.. sind sie denn wahnsinnig! Sie haben Wache! Soldat!" Schreit einer im Korridor vor der Wachstube. Als wir dann schließlich eintreten bekommt der wachhabende Soldat große Augen. Er ist eine wirklich imposante Erscheinung, ein Riese mit einem mächtigen Schmerbauch. Diesen Mann kenne ich. Ich durfte ihn bei meinem damaligen Aufenthalt hier im Kerker kennenlernen. "Was ist hier los? Wer seid ihr?" Als ich meine Kapuze abnehme, wird er kreidebleich.. "..Der.. der  rote Teufel!.." Mallen wechselt nun ihre Position und richtet nun ihre Armbrust auf den wachhabenden Soldaten. "Na du Pisser! Wo ist der Kerkermeister?" Frage ich ihn. Keine Antwort. Dann plötzlich macht es ...Zong.. Ein Bolzen schießt direkt aus der Wachstube und fliegt direkt auf mich zu. Ich habe keine Chance mehr auszuweichen. "ROTA!! Nein!... NEIIIN!! ... " höre ich Mallen schreien. Ein Bolzen steckt nun mitten in meine Brust. Genau an der Stelle wo Dai tödlich getroffen wurde. Ich spüre erst nichts und dann ein beklemmendes Druckgefühl. Mir fällt das Atmen plötzlich sehr schwer.. Mallen dreht sich nun wieder dem wachhabenden Soldaten zu und schießt ihm ihren Armbrustbolzen in die Brust. Anschließend lässt sie ihre Armbrust fallen, zieht ihr Messer und rennt damit in die Wachstube. Ich will es verhindern une Mallen hinterherschreien, dass sie das nicht machen soll.. aber mir fehlt die nötige Luft dazu. Dann plötzlich versucht der erste Wachsoldat mit dem langen Bart auch noch zu flüchten. Mir bleibt nichts anderes übrig.. Ich ziele und schieße meinen Pfeil in seinen Rücken. Er schreit vor Schmerzen laut auf. Ich lege einen neuen Pfeil auf und bewege mich schwer atmend zur Wachstube hin. Mallen kämpft tatsächlich mit dem Kerkermeister, einem alten aber noch ziemlich rüstigen Mann. Er ist jedoch stärker und wirft sie gerade zu Boden. Mallen verliert das Messer aus der Hand. "Aufhören!" Schreie ich mit aller Kraft die ich noch aufbringen kann und ziele mit meinem gespannten Pfeil im Bogen direkt auf des Kerkermeisters Kopf. Er sieht mich jetzt und scheint zu überlegen.. Dann hebt er schließlich die Hände. Mallen steht auf, Tränen laufen ihr die Wangen runter.. Sie schaut mich mit Entsetzen an. Dann dreht sie sich wieder zum Kerkermeister und tritt mit voller Wucht ihren Fuß in das Gesicht des Kerkermeisters. Er fliegt mit seinem Kopf gegen eine im Raum stehende schwere Truhe und ist erst mal außer Gefecht. Mallen wendet sich wieder mir zu, schaut auf meine Brust und dann wieder mich an. Ich lege mich nun auf den Boden. Dann kommt sie zu mir. Sie weint. "Rota!... du bist stark.. und du wirst das überleben, wir werden das wieder hinbekommen..  Wenn einer das schafft, dann bist du das.." Das Atmen war das Schlimmste für mich. Die Schmerzen nehmen stetig zu.. und werden immer unerträglicher. Denk daran Schmerzen kommen und gehen wieder. "Mallen. Nimm.. nimm.. deine Armbrust und .. bring ihn dazu.." ich zeige nun auf den Kerkermeister  ".. Jake zu befreien. Ich.. ich warte hier.." Mallen nickt mir zu und küsst mich "Ja, du hast Recht.. Ich hole Jake.. und du wartest hier... Ich komme gleich wieder.." Dann wendet sie sich wieder dem Kerkermeister zu.. "Aufstehen! Steh auf!!" Schreit sie ihn an. Er rührt sich nicht oder will sich von ihr nichts sagen lassen. Dann tat sie aber etwas, was mich dann doch wieder überraschte.. Sie schießt mit ihrer Armbrust ein Bolzen in das Bein des Kerkermeisters. Zong Er schreit auf und flucht wie wild.. "HAST DU MICH JETZT VERSTANDEN!!! " Brüllt sie ihn nun an und lädt einen zweiten Bolzen in die Armbrust. "Wo sind die Schlüssel?" Der Kerkermeister scheint nun zu verstehen. Er steht nun mit Mühe und Schmerzensschreie auf und zeigt schließlich Mallen wo die Schlüssel sind. Sie liegen in einem Schlüsselschrank an der Wand. "So, jetzt nimmst du die Schlüssel, die du brauchst um die Zelle von Jake Flanders zu öffnen. Kapiert?!" Der Kerkermeister holt nun ein paar Schlüssel aus dem Schrank und sagt "Und jetzt? " Mallen verpasst dem Kerkermeister nun einen Tritt in das Bein, wo der Bolzen steckt. Der Kerkermeister brüllt nun vor Schmerzen.. "Was meinst du wohl....? Los du Schwachkopf...! Vorwärts!" Dann verschwanden sie durch die Tür, die zum Kerker der Zitadelle führt. Ich wäre gern mitgegangen, aber ich muss meine Kraft nun gut einteilen. Ich will noch nicht sterben... Ich will überhaupt nicht mehr sterben. Nicht jetzt... Ich habe doch gerade erst mein Leben wieder zu lieben gelernt.. Mallen kann mir bestimmt helfen.. Sie kennt sich in der Heilkunde aus und ich kann Schmerzen aushalten. Ich habe doch diese ungewöhnlichen Kräfte. Das muss doch irgendeinen Sinn ergeben... Das kann doch nicht einfach so zu Ende gehen.. Ich wünschte ich könnte diesen Bolzen einfach herausziehen und alles ist wieder gut. Aber ich wage es noch nicht einmal diesen Bolzen überhaupt anzufassen. Nach einer gefühlte Ewigkeit höre ich endlich Mallen nach meinen Namen rufen... "Rota... halte durch.. Ich habe Jake.. Wir kommen!" Und dann sehe ich sie. Mallen mit einem vom vielen Weinen verquollenes Gesicht und dann sehe ich... Jake. Mallen hält Jake stützend unter seinem rechten Arm. Jake sieht ziemlich mitgenommen aus. Nein, schlimmer.. Er sieht tot krank aus! Sein Gesicht ist voller roter Flecken. Seine Augen sind blutunterlaufen. Seine Nase tief rot und völlig verschleimt. Dann sieht Jake auch mich und er winkt mir unglaublicher Weise  zu. "Hallo Rota!... Du auch... im Club... der.. der Totgeweihten? Tut mir Leid.. ich wollte nicht.. mit.. aber.. aber dieses.. dieses wundersame Wesen hier... hat mich einfach.. mir nichts dir nichts… einfach mitgeschleppt.. Ich hatte keine Chance.." Oh, nein, nicht auch noch Jake und oh Gott.. "Mallen..... oh nein...!" Das waren die einzigen Worte die mir noch über die Lippen gingen.

 

Leben und Tod

 

Jake hat das Krass und Mallen wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit nun ebenfalls mit dem Virus angesteckt haben. Ich muss jetzt aufstehen. Mallen hat genug mit Jake zu tun. Mallen kommt mir nun zur Hilfe und hilft mir wieder hoch zu kommen. Ich beiß die Zähne zusammen und versuche meine Schmerzen so gut es geht zu ignorieren. "Wir gehen erst mal zu mir nach Hause!" Sagt Mallen nun entschieden. Zu ihr nach Hause? Dort wo ihr Vater wohnt? Das kann ja interessant werden. Dachte ich nur. Ich bin aber zu schwach um noch irgendetwas darauf zu sagen. Ich versuche mich auf meine Schritte zu konzentrieren und mich so zu bewegen, dass die Schmerzen in meiner Brust mir nicht auch noch mein Bewusstsein nehmen.

 

Auf dem Weg musste ich immer wieder stehen bleiben und schwer nach Luft schnappen. Da Jake das Gehen aber noch schwerer fiel, half Mallen Jake beim Gehen, in dem sie ihn unter seinen Arm stütze. Sie liefen vor mir und wir verließen die Zitadelle und gelangten wieder nach draußen. Es schneite wieder kräftig., was gut war, denn das Bild was wir zu dritt auf dem Weg zu Mallens Zuhause boten, war schon ziemlich aufsehenerregend.  Jake stöhnte und keuchte. Ich musste immer wieder anhalten und versuchte verzweifelt Luft zu bekommen. Schmerzen kommen und gehen auch wieder.. sagte ich mir ständig. Irgendwann erreichten wir dann aber endlich Mallens Zuhause.

 

"Nein.. bitte nicht!" Höre ich Mallen dann entsetzt aufschreien. Dann sehe auch ich es. Auch am Haus der Goldan's hängt ein großes schwarzes Tuch vor der Tür. Mallen geht mit Jake im Arm haltend aber trotzdem zur Eingangstür. Sie klopft.., aber niemand kommt. Dann drückt Mallen die Klinke nach unten und die Tür geht auf.. Die Tür ist nicht geschlossen. Erleichterung! Ich hätte wohl sonst keinen Fuß mehr vor dem anderen setzen können. Wir gehen schließlich rein. Mallen wohnt in einem großen und komfortablen Haus. Wir gehen in die große Wohnstube. Hier gibt es einen riesigen Kamin, in dem noch Feuer brennt. Mallen legt Jake auf das große Sofa ab und legt ihm eine Decke über. Er friert und zittert am ganzen Körper. Dann kommt sie zu mir. "Rota, leg du dich hier hin.." Mallen hatte nun eine große Decke und Kissen auf dem Boden gelegt. Ich lege mich schließlich hin. Ich habe mittlerweile viel Blut verloren und mir war mindestens so kalt wie Jake sich anhörte. Mallen zittert ebenfalls und Panik steht ihr im Gesicht. Sie legt dann auch noch eine Decke über mich und rennt danach in den Korridor und ruft.. "Vater! Vater bist du hier!" Ich meinte eine Stimme gehört zu haben. Daraufhin höre ich Mallen die Treppe hochrennen. Ich höre Mallen wieder weinen und immer wieder "Vater.." sagen hören. Nach all dem was passiert war, liebt sie immer noch ihren Vater. Irgendwann kommt Mallen wieder nach unten und legt sich dicht zu mir. Ihre Augen sind nun vom vielen Weinen ganz verquollen und rot. Sie scheint irgendwie am Ende zu sein und völlig fertig. "Was soll ich machen Rota? Ich kann dir nicht helfen. Der Bolzen... er sitzt zu tief und zu fest.. Ich kann auch Jake nicht helfen. Ich will helfen.. Ich weiß aber nicht... was ich machen soll?" Ich hätte Mallen nur zu gern geholfen. Ich hätte alles getan, wenn ich nur gekonnt hätte. Das Einzige was ich jetzt nur noch konnte war hier zu liegen, versuchen so gut es ging noch Luft zu bekommen und nicht zu sterben.

 

Die Tür öffnet sich jetzt und Mallens Vater, Johnas Goldan, schlurft keuchend und völlig entkräftet durch die Tür zu uns herein. Johnas Goldan, der mich verleugnet und mich letztlich zum Teufel gejagt hat. Man sieht ihm sofort an, dass er sehr krank ist. Er hat ähnlich rote Flecken, wie Jake. Sein Blick ist traurig und niedergeschlagen. "Ihr.. ihr.. braucht keine Angst zu haben. Ich werde euch nicht rausschmeißen oder euch verraten.. oder sonst was.. Ich will nur das tun, was ich hätte schon längst hätte tun sollen.. Ich will mich... für das entschuldigen was ich euch angetan habe..“ Johnas Goldan kommt nun auf mich zu.  "..Insbesondere dir.., Rota. Ich weiß, es ist vermutlich überhaupt nicht mehr zu entschuldigen... aber ich will es trotzdem tun. Rota..! Es tut mir Leid.. was ich dir angetan habe. Ich hatte gelogen..., weil ich einfach nur Angst hatte.. Angst um Mallen... Es tut mir Leid.. es tut mir wirklich Leid. Ich wünschte ich könnte es wieder gut machen... aber.. " Dann brach er weinend zusammen und setzte sich schließlich auf einen der herumstehenden Sessel. Ich wollte das nicht hören und hatte nun auch keine Kraft mehr um etwas darauf zu antworten, aber vielleicht war das auch ganz gut so und sollte so sein.

 

"Was können wir aber jetzt machen? Sollen wir nur noch warten, bis wir alle tot sind...?" Stellt Mallen verzweifelt nun die Frage mehr an sich selbst gerichtet als an uns. "..Gibt es denn gar nichts...? ..Obwohl.., wartet mal..." Mallen steht nun auf "...Im Unterricht in der Heilkunde wurde einmal erwähnt, dass es sehr wohl eine Behandlung gibt das Krass zu besiegen. Bei dieser Behandlung überträgt man das Blut von einem Menschen der das Krass überlebt hat einfach auf einem der daran erkrankt ist. Die Aussichten diese Behandlung zu überleben sollen zwar sehr gering sein.., aber es hat auch Fälle gegeben, wo die Behandlung wohl auch angeschlagen hat und Erkrankte den Virus damit überlebt haben. Es ist zu mindestens eine Chance und allemal besser als nichts zu machen.. und hier nur auf den Tod zu warten" Mallen geht nun zu ihrem Vater.. "Vater, kennst du nicht jemanden, der das Virus früher einmal überlebt hat?" Mallens Vater schüttelt gleich den Kopf.. "Nein, ich kenne niemanden.. Die, die damals den Virus überlebt hatten, hatten sich soweit ich weiß, erst gar nicht angesteckt..."

 

Ich aber.. ich hatte damals den Virus überlebt! Ich versuche mich nun aufzurichten, um das zu sagen. Ich bin aber zu schwach. Ich konzentriere mich und versuche meine Schmerzen zu ignorieren... Dann letztendlich schaffte ich es doch mich aufzurichten und sagte das, was ich schließlich sagen wollte.. "Ich.. ich habe Krass überlebt…! Nehmt..... mein Blut.. ihr müsst mein Blut nehmen.. Mallen..., nimm mein Blut...!"

 

Was im Einzelnen danach genau passierte, weiß ich nicht. Mallen muss es irgendwie geschafft haben sich eine Injektionsspritze aus dem Kavener Hospital zu besorgen. Irgendwann spürte ich wie Mallen mir Blut abnahm. Mallen blieb die ganze Zeit immer ganz dicht bei mir. Sie redete unentwegt und streichelte und küsste mich immer wieder.

 

Am frühen Morgen des nächsten Tages wollen meine Augenlieder aber nicht mehr aufbleiben. Ich schaue mich ein letztes Mal um. Ich sehe Jake und Jake sieht auch mich. Er lebt und sieht etwas besser aus als gestern. Er hebt nun leicht seine Hand.. und.. winkt mir.. (zum Abschied?).. zu.

 

Als letztes sehe ich Mallen, sie schaut mich mit Tränen in den Augen an.

Sie lächelt mir zu.

Sie ist so schön..

Sie beugt sich jetzt langsam über mich und gibt mir einen letzten und langen Kuss.

Ihr Kuss ist warm... weich.. und tröstlich.

Es ist das Letzte, was ich im Leben noch fühle.

Ich schließe meine Augenlider.

Dann ist nichts mehr.

 

ENDE

 

 

 

 

 

Autorennotiz

Nachwort / Warum ich eine Geschichte schrieb!



Die Gründe eine Geschichte zu schreiben sind sicherlich verschieden. Die einen möchten dem Leser etwas mitteilen, die anderen den Leser damit unterhalten, andere wiederum suchen vielleicht Bestätigung in ihren Werken, etc. Neben diesen Gründen eine Geschichte zu schreiben, war mein Grund sicherlich auch eine Art Selbsthilfe.



Ich hatte nie Selbstvertrauen in mein Schreiben gehabt. Meine Aufsätze in der Schule waren kläglich, immer mehr schlecht als recht. Sätze zu bilden fiel mir immer schwer und ich haderte oftmals lange über dem was und wie ich etwas schrieb. Mit einem Satz: Punkt, Komma, Strich das liegt mir einfach nicht. Von daher mied ich das Schreiben gerne. Obwohl das Wort "gerne" nicht richtig ist. Denn ich wollte ja gerne schreiben, konnte oder besser, meinte es nicht zu können.



Das fehlende Selbstvertrauen hatte ich nicht nur im Schreiben, sondern auch im Sprechen. Und wenn man ungern spricht und schreibt, dann fühlt man sich irgendwann wie ein vollgestopfter Schwachkopf, der mit dem ständigen Input, Input, Input... den er bekommt, irgendwann nichts mehr anfangen kann. Ich hatte das Gefühl innerlich irgendwie zu verstopfen oder anders gesagt zu verkümmern und das deprimierte mich.



Ich habe mir mein Problem dann irgendwann bewusst gemacht. Was mir fehlte war klar. Mir fehlte Selbstvertrauen mich zu äußern. Wie kann man also, in dem, was man vermeintlich nicht glaubt zu können, an Selbstvertrauen gewinnen? In dem man sich seinen Ängsten logischerweise stellt und einfach macht, was man meint nicht zu können. Ich entschied mich daher einfach erstmal eine Geschichte zu schreiben. Da mein Handy immer schnell zur Hand ist, entschied ich mich eine Geschichte auf meinem Handy zu schreiben. Der Anfang war, wie ich auch erwartet hatte, frustrierend und ziemlich behäbig.



Das Tippen mit dem Handy war an sich schon eine Herausforderung und dann auch noch eine Geschichte damit zu schreiben, wo ich mir fast

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Wilhelm71s Profilbild Wilhelm71

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Überschriften:32
Sätze:4.873
Wörter:47.605
Zeichen:270.984

Kurzbeschreibung

Rota Gevill, der Held dieser Geschichte, erlebt in einem Ort namens Kaven viel Ablehnung. Rota ist aufgrund seiner Andersartigkeit ein Außenseiter. Im ständigen Kampf sein Leben erträglicher und lebenswerter zu machen, muss er immer wieder Niederlagen und Verluste hinnehmen. Ausgerechnet das Beste was sich bisher in seinem Leben ereignete, die Freundschaft mit dem wohl beliebtesten Mädchens in Kaven, führt zu einer Situation mit katastrophalen Folgen...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy und Action gelistet.

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