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Chroniken der Zeit I - Alte Schuld [Leseprobe]

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15.5.2018 21:41
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

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PROLOG

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18. Mai 1097

Wie entkam man dem Tod?
Diese Frage hatte sich Peter Wingslow schon seit dem Antritt ihres Abenteuers gestellt. Als Zeitreisender konnte er schon oft den Tod beobachten und wie die Zeit grausam an einem nagte, doch es hatte ihn nie interessiert - Bis jetzt zumindest.

Er war neben Kreuzrittern, Bauern, Geistlichen und zu guter Letzt neben seinem Freund Rainer Abel gereist, als stammten sie allesamt aus ein und derselben Zeitepoche. Denn sie hatten einen Auftrag: Den Lauf der Geschichte zu dokumentieren.

Aber nun stand er da und wusste, dass sein Ableben immer näher rückte. Und er hatte Angst, entsetzliche Angst.

Einst hatte er sich gesagt, dass sein letzter Gedanke seiner Familie gelten sollte. Meter für Meter legte er auf dem weichen Erdboden zurück - die Bilder seiner Erinnerungen an Frau und Kinder abspielend, als handelten es sich um unzählige Dias, die er einen nach den anderen in den Diaprojektor klappen ließ; Leicht verschwommene Bilder, an die Gefühle und Geräusche gebunden waren, und die er am liebsten niemals aufgeben wollte.

Ihm kam der Gedanke an ein Dia seltsam vor, denn das Kettenhemd an seinem Leibe rasselte schauerlich, und er spürte das Wiegen des Kreuzes um seinen Hals im Sekundentakt. Das Schwert in seiner rechten war bedrohlich und schwer.

Es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ein Schauer fuhr wie kalte Hände über seinen Rücken.

Es war mitten in der Nacht und sie hatten ihr Lager inmitten eines Waldes aufgeschlagen. Peter war diese Gegend nicht geheuer, zumal da er gewarnt worden war, dass Räuber ihr Unwesen treiben. Und nun hatte er auch noch ein seltsames Geräusch vernommen - Der Laut eines Aufpralls.
Er wagte einen Blick neben eine Reihe von Felsen. Der Mann, der nach ihm die Nachtwache angetreten war, lag dort. Tot und erstarrt; Blut sickerte seinen Hals hinab auf den feuchten Erdboden.

Peter riss vor Schreck die Augen auf und Ekel durchfuhr seine Glieder. Es ließ ihn kurzzeitig erstarren, weil ihm die Angst durch jede einzelne Faser seines Körpers fuhr.

»Räuber!«, brachte er jedoch hervor und spurtete zurück in das Lager seines Reisetrupps. Bewaffnete Männer stürmten gleichzeitig aus der Dunkelheit des Waldes heraus, als wäre sein Ruf das Zeichen für ihr Erscheinen gewesen.

Die Ritter erwachten aus ihrem Schlaf und griffen nach ihren Schwertern, bereit sich und das Leben der anderen zu verteidigen. Die nur spärlich bewaffneten Geistlichen und Bauern versuchten sich so gut wie möglich in Sicherheit zu bringen; gemurmelte Gebete hallten von ihnen durch die Finsternis, wenn die Rufe der Männer für einen Moment verstummten.

Peter rannte zwischen den Kämpfenden umher und versuchte seinen Freund Rainer zu erreichen. Ihre Prinzipien verlangten von ihnen, bei Gefahr sofort zurückzukehren.

Auf einmal stürzte jemand von der Seite auf Peter und riss ihn zu Boden. Er keuchte vor Schreck auf starrte in die leblosen Augen eines seiner Begleiter. Über ihnen ragte der Mann auf, der ihn umgebracht hatte.

Peter fasste sich und schob den Toten von sich, und versuchte mein Schwert zu erreichen, das ihm im Fall aus der Hand geglitten war. Er kroch über den Erdboden zu ihm und sah im Augenwinkel, wie der Räuber mit seiner Axt ausholte. Kurz bevor die Axt Peter traf, rollte er sich zur Seite und stemmte sich mit dem Schwert in seiner rechten auf-

Der Mann zog seine Waffe aus der weichen Erde. In dem Moment holte Peter aus und traf ihn fast an der Schulter, da wurde seine Klinge mit dem Holzgriff der Axt abgewehrt. Peter zog das Schwert zurück und versuchte um seinen Gegner herum zu tänzeln. Dabei wich er den Hieben des Angreifers aus und stach ihm schließlich in den Bauch.

Peter wich zurück und nutzte den Moment, um so schnell wie möglich seinen Freund zu fliehen. Sobald er ihn erreicht hatte, stoppte er. »Lass uns verschwinden!«, keuchte er außer Atem.

Rainer schaute ihm lächelnd entgegen. Blutspritzer klebten in seinem Gesicht. »Nein, ganz bestimmt nicht.«

»Was?«, entfuhr es ihm, erschrocken über die Leichtigkeit. Er konnte nur an seine Angst denken, Lachen war für ihn in diesem Moment eine Sache der Unmöglichkeit. »Bist du des Wahnsinns?«

»Oh, nein, nein«, schüttelte sein Begleiter ab. »Ich lasse die Kameraden nicht alleine.«

»Wenn du sterben willst, meinetwegen! Aber dann überlass mir wenigstens die Taschenuhr!«, keifte Peter, der erahnte, dass alle Hoffnung verloren war.

»Wie wäre es, wenn du stirbst«, spuckte sein Begleiter aus. Hass erfüllte die Luft und ließ die Venen seines Gegenübers erbeben.
Wie gelähmt schaute er ihn an und konnte nicht fassen, was sein Freund da von sich gegeben hatte. Rainer hob die Klinge und verwies auf seine Kehle. »Na los. Renn, wie du es schon immer getan hast!«

»Rainer...«, murmelte Peter und starrte seinem Freund ungläubig entgegen.  »Das kann doch nicht dein Ernst sein… Ich bitte dich: Sieh doch endlich ein, was das für Konsequenzen mit sich bringen wird.«

»Achja?«, dieser begann zu grinsen. »Meinst du wirklich, dieser Überfall ist Zufall? Denkst du all das, was geschehen ist, war reiner Zufall? Wie leichtsinnig von dir.«

Peter schüttelte seinen Kopf. Sein alter Freund hatte recht: Nichts von alledem war Zufall. Und diese Tatsache machte ihm mehr Angst, als tausend berittene Männer mit Langschwertern es hätten tun können. »Du bist verrückt«, sprach er seine Gedanken aus. »Richte deine Waffe lieber gegen den wahren Feind!«

»Und wer soll das sein?«

»Jeder verfluchte Geheimbund, der die Uhr für das Wohl der Menschheit missbrauchen möchte.«






 

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KAPITEL 1

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»Der Historiker ist ein Reporter, der überall dort nicht dabei war, wo etwas passiert ist.«

- William Somerset Maugham

25. April 2016

Mit einem Zischen öffneten sich die Türen der U2 Linie und die verschiedensten Menschen drängten sich auf den Steig der Bahn. Unter ihnen waren junge Mädchen wie wir, die beschlossen sich mit ihren Schultaschen auf dem Rücken noch ein wenig die Zeit auf dem Potsdamer Platz zu vertreiben.

Meine beste Freundin Natalie hatte jedoch andere Pläne.

»Schnell, bevor die Bahn wieder rappelvoll ist«, drängte sie mich neben den aussteigenden Passanten durch die Tür. »Ach menno, alles voll! Dann müssen wir uns wohl mit einem Stehplatz begnügen.«

»Wir sind erfahrene S-Bahnfahrer, uns machen die Kurven und Stopps einer U-Bahn doch schon lange nichts mehr aus«, versuchte ich sie aufzumuntern und lehnte mich müde an eine der Stangen gegenüber des Eingangs.

»Unterschätze niemals die Macht der Physik«, hob sie mahnend den Zeigefinger. »Glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich weiß, wovon ich spreche!«

Die Türen schlossen sich und die Bahn nahm Fahrt richtung Zoologischer Garten und Deutsche Oper auf. Zeitgleich begannen wir zu lachen, obwohl wir ziemlich erschöpft waren. Heute morgen wurde nämlich eine unserer letzten Abiturklausuren geschrieben und auch, wenn wir das Lernen und Schreiben von Klausuren gewöhnt waren, schmerzte einem nach stundenlangen konzentrierten Schreibens stets die Hand und der Kopf fühlte sich an, als sei er nur noch eine leere Hülle.

»Sag mal, Jennifer«, sprach Natalie mich mit gedämpfter Stimme an. »Hast du manchmal Angst davor erwachsen zu werden?«

Mein Kopf neigte sich von ganz allein und in meinem Inneren taten sich hunderte Fragezeichen auf. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen und ich hatte das Gefühl, als stünde ich vor einer Wand. »Sind wir nicht bereits… erwachsen?«

»Ich meine richtig erwachsen. Überleg doch mal... Wir haben heute die vorletzte Abiturklausur geschrieben. Bald schon bekommen wir die Ergebnisse gesagt, gehen studieren und sind Maschinen des Kapitalismus. Wir müssen uns dann wirklich um alles selbst kümmern. Das beängstigt mich«, murmelte sie.

Ich begann an der Naht meiner Jeans zu zupfen. Ich hatte stets gedacht, dass meine Laufbahn vollkommen klar wäre, und dass sobald ich meinen Abschluss hätte, ich in die Fußstapfen meines Vaters treten konnte und Geschichte studierte. Aber wenn ich mir die Worte meiner Freundin durch den Kopf gehen ließ, begann ich zu zweifeln. Es war immerhin ein hartes Stück Arbeit gewesen, es bis zum Abitur zu schaffen. Ich hörte noch genau die Worte meiner Lehrer in meinen Ohren: »Jennifer Wingslow, du bist zwar stets anwesend, doch deine Gedanken sind es nicht.«

»Ich würde nichts lieber tun, als Historik zu studieren«, seufzte ich und mein Herzschlag verdoppelte sich alleine bei dem Gedanken daran. »Die Geschichtsklausur ist absolut reibungslos verlaufen. Ich habe ein gutes Gefühl.«

Natalie stupste mich von der Seite an. »Die Geschichtsklausuren verlaufen bei dir immer reibungslos, weil du ein Streber bist. Ich hab letztens noch gehört, wie die Mädchen aus deinem Kurs darüber getuschelt haben, was für ein Fanatiker du doch seist.«

Kurzzeitig jagte es mir einen Schauer über den Rücken. Ich mochte es nicht zu erfahren, was andere Menschen über mich dachten. Aber ich hatte im Laufe der Zeit gelernt, dass man über so etwas stehen musste. »Dann bin ich eben ein Fanatiker«, sprach daher der Trotz aus mir. »Schon seit ich klein bin, wollte ich nichts anderes, als alles über die Geschichte zu wissen...«

Die Bahn kam an der Station Mendelssohn-Bartholdy-Park zum Stehen, die Menschen kamen und gingen, und das Gefährt setzte sich schlussendlich wieder in Bewegung.

»Ist es, weil dein Vater in diesem Museum gearbeitet hat?«, fragte Natalie und ich erstarrte auf der Stelle.

Mein Vater war nicht nur ein einfacher Angestellter in einem x-beliebigen Museum gewesen, er war der liebevollste und leidenschaftlichste Historiker gewesen, den man sich vorstellen konnte - Und natürlich der beste Vater überhaupt. Ich war die stolzeste Person auf Erden, wenn ich an ihn dachte. Doch nach seinem Tod vor mehr als zehn Jahren, überkam mich neben dem Stolz auch die Trauer.

Es schnürte mir die Lunge zu. Das Dahinscheiden meines Vaters fühlte sich noch wie am ersten Tag an, und ich hätte ebenso bittere Tränen weinen können, wie mein sechsjähriges Ich.

Ich spürte Natalies Blick auf mir ruhen. Sie räusperte sich. »Du hängst sehr an ihm. Immerhin hast du dadurch die Motivation gefunden für gute Noten zu büffeln.«

Meine Hände verkrampften sich. »Du hast recht. Er ist mein Vorbild«, brachte ich über die Lippen und fühlte mich sogleich befreiter. Nach Papas Tod wurde nämlich der Spruch Carpe diem zu meinem Lebensmotto und rettete mich über die schlechten Zeiten hinweg.

Sie schenkte mir ein schmales Lächeln. »Angenommen, jemand könnte dir voraussagen, wie die Ergebnisse ausfallen… Würdest du es wissen wollen?«, fragte sie mich und eine kurze blonde Strähne fiel ihr in die Stirn.

Meine Befangenheit war vergessen. Bereits seitdem sie nach der Klausur den Vorschlag gemacht hatte zum Potsdamer Platz zu fahren und darauf die Linie U2 statt die S-Bahn richtung Spandau zu nehmen, brannte es mir unter den Fingernägeln zu erfahren, was sie alles geplant hatte.

Ich hob interessiert die Augenbrauen. »Wenn es diesen gewissen jemand gäbe… Ein Versuch wäre es zumindest wert«, zuckte ich die Schultern.

Ihre Lippen verzogen sich sogleich zu einem strahlenden Lächeln. »Ich habe einen Laden an der Bülowstraße gefunden, der einer Frau gehört, die angeblich die Zukunft in Teeblättern lesen kann«, klärte sie mich auf.

Es überraschte mich, auch wenn ich wusste, dass Natalie eine sehr abergläubige Person war. »Ernsthaft?«, kam es aus mir. »Ist das nicht völliger Hum-«

»Oh nein nein!«, fiel sie mir sofort ins Wort. »Vanessa und noch ein paar andere sind dort kurz nach den Vorabiturklausuren gewesen und die Dame hat ihnen die Ergebnisse prophezeit - Alle sollen richtig gewesen sein!«

So sehr ich ihr glauben schenken wollte, ich konnte es nicht. Als begeisterte Leserin von Fantasyromanen war ich schon zu oft enttäuscht worden, weil es im echten Leben keine Zauberei oder Magie gab - Egal, wie sehr ich es mir nach jedem Tolkien- oder Rowlingbuch gewünscht hatte. »War Vanessa nicht auch die gewesen, die sich einmal ganz sicher gewesen war, einen Geist im Kunstraum gesehen zu haben?«, gab ich zu bedenken.

»Man Jenny, sei doch nicht immer so steif!«, jammerte Natalie.

»Ich komme doch mit«, versuchte ich sie sofort zu besänftigen. »Aber ich bin etwas knapp bei Kasse.« So wie immer eigentlich, fügte ein Stimmchen in meinem Hinterkopf hinzu.

Wir spürten unter unseren Füßen, wie die Bahn zu bremsen begann. Sobald eine elegante Frauenstimme ›Bülowstraße‹ ankündigte, kam das Gefährt mit einem Ruck ganz zum Stehen.

»Komm, der Laden ist gleich um die Ecke!«, lotste Natalie mich durch die drängenden Menschen und wir stiegen die Treppenstufen zur Straße hinab. Berlin war eine Stadt des täglichen Treibens. Laut und mit vielen unterschiedlichen Facetten - ebenso wie die Bülowstraße. Und diese Vielseitigkeit machte für mich den unwiderstehlichen Charme Berlins aus.

Wir huschten über die Straße. Natalie führte mich zu einem leicht abgelegenen und unscheinbaren Lädchen. Ein großer Teil des hohen Gebäudes war mit einem blauen Graffiti besprüht, welches sich selbst über die Scheiben des Wahrsagergeschäfts erstreckte. Vor dem Lokal stoppte ich plötzlich, da ich meinte ein leichtes Rumoren in meinen Magen auszumachen. »Und das ist der Laden?«, fragte ich.

Natalie nickte. »Hast du ihn dir anders vorgestellt?«

»Nein«, antwortete ich prompt, da ich wusste, dass Graffitis keine Seltenheit in der Bülowstraße waren. »Aber... ich habe ein seltsames Gefühl.«

Meine Freundin rollte die Augen und öffnete lächelnd die Eingangstür. »Meintest du nicht selber noch, das sei Humbug? Zier dich nicht so, die Dame wird dir schon nicht den Kopf abreissen oder sowas.«

Ich seufzte und folgte ihr in das Geschäft. Es besaß eine unheilvolle und mystische Atmosphäre; sobald die Eingangstür ins Schloss fiel, bimmelte eine Glocke. Die Wände im Inneren waren mit schweren und dunklen Stoffen abgehangen, sodass der Raum insgesamt sehr düster wirkte. Auf dem Boden stapelten sich die verschiedensten Teppiche und einzelne Kerzen waren auf oder in den Bücherregalen, Schränken und Tischchen verteilt.

Eine kleine dicke Frau kam sogleich aus dem Hinterzimmer gehuscht und zwängte sich an einem runden Tisch vorbei, auf welchem eine Kristallkugel stand. Ihre dunkelbraunen Haare waren grau meliert und sie war in allerhand bunte Tücher gekleidet.

»Seid willkommen in Mirabellas Geschäft der Wunder!«, begrüßte sie uns mit russischem Akzent in der Stimme und hob einladend die Arme. Natalie schob sich vor mich und wollte der Frau die Hand reichen, doch diese wandte sich im selben Moment von ihr ab. »Setzt euch, Kinder«, sagte sie und verwies auf zwei tiefliegende Stühle an dem Tisch.

Ich tauschte kurze Blicke mit meiner Freundin, die mich ermutigte mich zu setzen. Wir nahmen vor der Kristallkugel platz und ich meinte eine leichte Delle in dieser auszumachen. Insgeheim fragte ich mich, woher diese wohl kam.

Die Wahrsagerin setzte sich uns gegenüber. »Was kann ich für euch tun?«, fragte sie und musterte dabei zunächst Natalie, dann mich. Ich faltete gespannt meine Hände auf dem Schoß.

»Ich habe gehört, Sie können Prüfungsergebnisse in Teeblättern lesen«, eröffnete Natalie ihr Anliegen. »Würden Sie das für uns tun?«

»Die Teeblätter also«, schürzte die Frau ihre rot angemalten Lippen und erhob sich schwermütig. »Ihr seid nur wegen der Ergebnisse hier? Wollt ihr nicht lieber die Kristallkugel nach heimlichen Verehrern befragen oder… eurer Zukunft?« Argwöhnisch wich ihr Blick zu mir. Mich überkam ein Gefühl seltsamen Unbehagens. Ich zuckte leicht zusammen und schüttelte darauf den Kopf.

»Nur die Ergebnisse«, bat ich.

»Hmmm… nun gut«, machte die Frau und ging ins Hinterzimmer. Sobald ihre bunten Tücher hinter dem Türrahmen verschwunden waren, stieß Natalie mir an den Arm.

»Was war das denn gerade?«, fragte sie mich im Flüsterton.

»Ich habe keine Ahnung«, gestand ich und spürte noch immer das Unbehagen. Insbesondere in meiner Bauchgegend ging etwas vor sich, das ich nicht deuten konnte.

»Das gehört wahrscheinlich einfach dazu. Weißt du, Wahrsager haben doch immer einen Sprung in der Schüssel, das macht sie wahrscheinlich umso besser«, meinte Natalie schulterzuckend. Ich kicherte leise. »Ich bin echt gespannt darauf, was sie wohl darin le-«, Sie verstummte, sobald die Frau zurück in den Raum kam und uns zwei schneeweiße Tassen mit heißem Wasser und den darin schwimmenden Teeblättern servierte.

Natalie wollte nach einer der Tassen greifen, doch die Frau hielt sie davon ab. »Nicht anfassen«, warnte sie. »Der Tee muss erst zwei bis drei Minuten ziehen. Das ist übrigens chinesischer Tee, weiß nicht, ob ihr den mögt. Ist der Tee gezogen, trinkt ihn ganz aus. Seid ihr Rechtshänder, hebt die Tasse mit der linken Hand. Seid ihr Linkshänder, mit der rechten. Verstanden?«

»Verstanden«, gaben wir wie im Chor von uns. Mein Blick fiel auf die einzelnen Teeblätter im Wasser, und insgeheim fragte ich mich, was man aus ihnen wohl alles lesen konnte. Und wie der Tee wohl schmecken würde.

»Wie alt seid ihr?«, fragte die Frau und lehnte sich schnaufend auf ihren Stuhl zurück.

»Ich bin achtzehn«, antwortete Natalie.

»Neunzehn«, erwiderte ich. Die Wahrsagerin schaute mich mit stechendem Blick an, der mir das Gefühl gab, als könnte sie in mein tiefstes Inneres schauen und all meine Geheimnisse offenbaren.

»Bist du dir da sicher?«, wollte sie von mir wissen. Wie bitte?, dachte ich ratlos. Soll das ein Scherz sein? Hilfesuchend warf ich einen Blick zu Natalie, welche ebenso verwundert über die Frage war, wie ich.

»Das bin ich«, versicherte ich nach einem Moment des Schweigens. Die Wahrsagerin grummelte ein paar unverständliche Worte auf Russisch vor sich her, ehe sie endlich ihren stechenden Blick von mir weichen ließ.

»Erwachsene Frauen also«, sagte sie. »Nach was für Prüfungsergebnissen verlangt es euch?«

»Abitur«, antwortete meine Freundin. Der Tee begann zu ziehen und es lag zunehmend leichte Würze in der Luft, die jedoch gleichsam frisch und zitronig war. Trotz des seltsamen Gefühls in mir stieg die Vorfreude darauf, den Tee kosten zu können. Es war eines meiner Lieblingsgetränke, weil es mich stets an die Zeit erinnerte, wo mein Vater noch gelebt hatte - Es war kein Tag vergangen, an welchem er keine Tasse frischen Jasmintees mit sich umher trug.

Es herrschte einige Sekundenschläge Stille, woraufhin die Frau das Gebräu begutachtete. »Ihr dürft«, gab sie ihren Segen, und ich griff mit meiner linken Hand nach der Tasse.

Wir begannen an dem heißen Gebräu zu schlürfen. Es schmeckte, wie es roch; würzig mit einer Note scharfen Frühlings. Ich fühlte mich, als läge ich auf einmal in einem Meer voller bunter Blütenblätter, die die Luft mit Träumen und Wünschen versetzten. »Trinkt die Tasse vollständig aus, bis nur noch ein wenig Flüssigkeit die Teeblätter bedeckt«, wies die Dame an.

Wir taten, wie geheißen, und die Wahrsagerin warf einen prüfenden Blick in unsere Tassen. »Gut, gut«, meinte sie. »Schwenkt die Tassen sachte in einer Kreisbewegung im Uhrzeigersinn. Macht das siebenmal hintereinander und stellt sie dann auf den Unterteller zurück.«

Sobald dies erledigt war, stellten wir unsere Tassen ab. Vor Aufregung auf das Ergebnis begann es in meiner Brust zu hämmern und ich hielt den Atem an. »Entspannt euch«, sagte die Frau und erhob sich von ihrem Platz, um auf den Grund von Natalies Tasse schauen zu können. Sie beäugte eingehend das Ergebnis, ehe sie die Stimme erhob: »Die Windmühle - ein gutes Zeichen! Du wirst großen Erfolg haben, Kind!«

Ich hörte, wie meine Freundin erleichtert ausatmete. »Wow, Natalie«, freute ich mich für sie und klopfte ihr auf die Schulter, »das klingt super!«

Sie lächelte mir zufrieden entgegen. »Auf jeden Fall! Meine Mam wird sich richtig freuen, wenn das wirklich stimmt!«

»Mal schauen, was bei dir steht, Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar«, unterbrach die Wahrsagerin unsere Hysterie und warf einen Blick in meine Tasse. Die Hände in meinem Schoß falteten und lösten sich vor Aufregung und ich hielt den Atem komplett an. Gebannt schaute ich der Frau zu.

»Nevjerojatno«, hauchte diese auf Russisch und hob mit aufgerissenen Augen den Kopf. »So etwas habe ich noch nie erlebt - die Symbole sind einwandfrei zu erkennen!« Ein eiskalter Schauer jagte über meinen Rücken. Das klingt nicht gut, dachte ich wie erstarrt.

»Und? Nun sagen Sie schon, was steht dort?«, verlangte Natalie ungeduldig zu wissen.

Die Wahrsagerin schaute wieder auf den Grund der Tasse und verzog den Mund. »Ein Kreuz und eine Spinne - Eine Kombination des Unheils!«

»Das kann nicht sein«, brachten meine Lippen wie von alleine hervor, meine Starre war vergessen. »Sind Sie sich da auch völlig sicher?«

»So sicher, wie noch nie zuvor«, verkündete die Frau und schenkte mir erneut ihren eindringlichen Blick. »Das Kreuz bedeutet, dass Unglück in dein Leben kommen wird: Du wirst ein Opfer bringen müssen!«

Mir verschlug es zunächst die Stimme. Ein Opfer?, dachte ich und erinnerte mich unfreiwillig an den Tod meines Vaters. Kurz bevor es mir die Lunge zu schnürte, klopfte mein gesunder Menschenverstand an mein Hinterstübchen: Das klingt völlig übertrieben. Was ein Schwachsinn.

»Und die Spinne?«, fragte Natalie, die ebenso baff wie ich war.

»Jemand der dir nahe steht, hegt ein Geheimnis vor dir«, hauchte die Wahrsagerin unheilvoll.

»Ein Geheimnis..?«, wiederholte ich und schaute fragend zu Natalie. Sie schüttelte nur leicht den Kopf.

»Ich zumindest habe keine Geheimnisse, die du nicht schon wüsstest.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand in meiner Umgebung ein schwerwiegendes Geheimnis vor mir hat«, stimmte ich zu, was bei der Wahrsagerin nur ein verächtliches Schnauben hervorrief.

»Kleine Dame, ich glaube, du hast mich nicht ganz verstanden«, sagte sie bestimmend. »Die Teeblätter sprechen für sich; weder wird es ein Ergebnis irgendeiner Klassenarbeit geben, noch wird deine Zukunft einen wünschenswerten Weg einschlagen.«

Kurzzeitig tat sich in mir der Wunsch auf, dass unter meinen Füßen ein großes schwarzes Loch auftauchen und mich verschlingen sollte. Ich fühlte mich wie ein Versager. Die Frau machte mir Angst. Aber ich war der festen Überzeugung, dass Wahrsagerei Humbug war. Teeblätter konnten keine Zukunft voraussagen - so etwas ging doch gar nicht. Und ich wusste, wie viel ich geackert hatte. Ich konnte dieser Frau keinen Glauben schenken. Niemals.

Natalie fasste an meine Hand. »Geht es dir gut?«

»Ja«, erwiderte ich. »Die Frau muss sich irren. Ich denke, wir sollten diesem Schwachsinn nun ein Ende bereiten.« Ich wandte mich der Wahrsagerin zu. »Wie viel bekommen Sie?«

Sie musterte mich ein letztes Mal von Kopf bis Fuß. »Für euch junge Damen ist es umsonst, Mädchen mit dem kastanienbraunen Haar«, antwortete sie schlussendlich. »Nur das nächste Mal soll dir gesagt sein, meinen Worten mehr Glauben zu schenken.«

Natalie und ich standen auf, wobei ich der Frau ein Lächeln schenkte. »Natürlich, vielen Dank«, meinte ich, und dachte mir insgeheim: Für mich wird es kein nächstes Mal geben.

»Dankeschön«, bedankte sich auch Natalie und wir wandten uns dem Ausgang zu. »Haben Sie einen guten Tagen!«

Als wir das Geschäft verließen, meinte ich noch zu vernehmen, wie die Wahrsagerin vor sich her murmelte: »Was eine Schande. So blind, so naiv das Mädchen. Das wird eines Tages noch ihr Verhängnis.«

Sie weiß doch gar nicht, wer ich bin, dachte ich sobald wir aus der Tür waren, und verspürte das seltsame Gefühl in meinen Magen noch immer. Was will sie denn schon wissen? Was wollen Teeblätter schon wissen?

Eine frische Brise fegte über den Gehweg. »Hast du eine Uhr um?«, wandte Natalie sich an mich, als wir endlich an der Straße standen. »Kannst du eben nachschauen, wie spät es ist?«

Ich warf einen Blick auf die Armbanduhr an meinem Handgelenk und mich überfuhr sogleich ein Schreck. Das Rumoren im Magen und das Geschehen im Laden waren sofort vergessen. »Du meine Güte, schon sechzehn Uhr? Ich habe Mama versprochen spätestens um halb im Laden auszuhelfen! Komm, Natalie, wir müssen uns sputen!« Wie von der Tarantel gestochen nahm ich die Beine in die Hand und lief in richtung Bahnstation.

»Du brauchst doch nicht so hetzen! Ist das Kind nach einer halben Stunde Verspätung nicht schon längst in den Brunnen gefallen?«, eilte Natalie mir hinterher.

»Mit jeder Minute, die vergeht, fällt es aber tiefer!« Meine Mutter konnte es gar nicht leiden, wenn man Termine nicht einhielt. Ich wechselte ohne zu gucken die Straßenseite. Ein Auto hupte mich an, als ich ihm dabei fast vor die Räder lief, und bremste abrupt. Ich ließ mich nicht beirren und lief einfach weiter, obwohl es mir einen Schreck einjagte.

»Himmel, Jenny, wenn du so rücksichtslos weiter läufst, wirst du vom nächsten Auto überrollt!«, rief Natalie von der anderen Seite und folgte mir nach einem ausgedehnten Überprüfen der Fahrtrichtungen. »Ruf sie eben an und sag ihr Bescheid, dass du einfach die Zeit vergessen hast und deswegen gleich da sein wirst.« Wenn das so einfach wäre, seufzte ich innerlich auf. Nacheinander erklommen wir die Treppe der Bahnstation.

»Meine Mam würde nicht ans Telefon gehen«, antwortete ich kurzerhand und erreichte den Fahrplan: Ich musste die U2 bis zur Station Deutsche Oper nehmen, sodass ich ein paar Straßen weiter mit der Linie U7 richtung Halemstraße fahren konnte.

»Wenn du meinst«, zuckte Natalie die Schultern und die nächste Bahn fuhr allmählich vor. Ich atmete tief ein und aus. Es wurde Zeit, mich wieder den wichtigeren Dingen zu widmen und - wie hieß es so schön? - den Tag zu nutzen.

 

»Mensch Jennifer, wo warst du denn?«, schimpfte Mutter mit mir, als ich die Änderungsschneiderei unterhalb unserer Wohnung betrat, welche einen Hauch Nostalgie in sich trug. Sie saß mit einer runden Brille auf der Nase hinter einer Nähmaschine aus den Sechzigern. Weiß Gott, warum sie so ein altes Ding im Jahre 2016 verwendete; sie sagte zumindest stets, dass es sie an damals erinnerte.

Ich zuckte leicht zusammen und verstaute meine Schultasche hinter einem Tisch, um mich sogleich ans Werk zu machen. Meine Mutter war auf mich und meinen kleinen Bruder Nicklas angewiesen, wenn es um das Aufnehmen von Bestellungen ging, die per Telefon oder E-Mail reinflatterten. Sie konnte nämlich nicht mit einem Computer umgehen und einem Telefon traute sie genauso wenig wie einem Betrüger über den Weg.

»Tut mir leid«, murmelte ich und drückte auf den Anschalter des Laptops. »Natalie und ich haben einfach die Zeit vergessen.«

Sie neigte ihren Kopf. Anhand ihres krummen Dutts erkannte man, dass sie mal wieder mit ihren zotteligen dunklen Haaren zu kämpfen hatte. »Du vergisst stets die Zeit, meine Kleine«, erwiderte sie sanft und mir wurde sogleich wärmer. Es war, als legte sich alleine durch den Klang ihrer Stimme eine warme mollige Decke um mich. »Verrätst du mir, was ihr getrieben habt?«

Ich überlegte kurz. Im Hintergrund ertönte das Rattern der Nähmaschine. »Nichts besonderes… Wir waren mal hier, mal da.«

»Ihr sollt euch doch nicht wie so Gauner umhertreiben. Was denken die Leute denn von euch?«, rümpfte Mutter die Nase. Ich seufzte leise und loggte mich ins Postfach ein. »Wie war eigentlich die Klausur? Wusstest du alles?«

Ich kratzte mich am Kopf. Unweigerlich dachte ich an die verhängnisvollen Worte der Wahrsagerin, doch schüttelte diese sogleich fort von mir. »Es lief ganz gut«, antwortete ich. »Bald werden wir sehen, was das Pauken hervorgebracht hat.«

»Hmm«, machte sie zustimmend und ich begann die Mails durchzugehen. Seitdem Nicklas und ich sie überreden konnten, eine Homepage einrichten zu dürfen, trudelten immer öfter neue Aufträge ins Haus.

»Zwei neue Anfragen«, teilte ich ihr mit und druckte diese kurzerhand aus. Darauf hing ich sie zu den anderen Aufträgen. Jene, die abgehakt waren, nahm ich an mich, um den Besitzern per Mail mitzuteilen, dass ihre Kleidungsstücke fertig waren.

»Schatz, was sind das eigentlich für Schuhe, die du da trägst?«, fragte sie mich. Überrascht schaute ich zu meinen Füßen. Die Dockers, die ich trug, waren aus schwarzem Leder, hochhackig und geschnürt.

»Es regnet in letzter Zeit so viel, also habe ich sie mir gekauft. Sie halten schön warm«, erklärte ich und machte mich ans Werk, die Mitteilungen abzuwickeln.

»Du bist doch schon so groß«, verzog Mutter den Mund. »Kein Mann wird dich haben wollen, wenn du so hohes Schuhwerk trägst.«

Dieses Thema schon wieder, seufzte ich in mich hinein. Ich mochte es nicht, wenn sie es ansprach. Und außerdem machten die paar Zentimeter bei meinen ein Meter und achtzig Zentimetern auch keinen Unterschied mehr.  »Das stimmt nicht«, erwiderte ich daher und loggte mich nach Beenden wieder aus.

»Sehr wohl. Es wird einmal dein Verhängnis, dass du so sehr nach deinem Vater kommst. Kämst du zumindest was die Körpergröße betrifft nach mir, würdest du den Männern den Kopf verdrehen. Generell fehlt es dir ein wenig an Weiblichkeit. Deine vernarbten Knie sind ein Jammer. Wenn du dir wenigstens mehr Mühe mit dem Aussehen geben würdest… Du bist doch ansonsten ein so schönes Mädchen mit bleicher Haut.« Mit der ich als Geist durchgehen könnte, dachte ich anbei. Außerdem war ich auf die Tatsache, dass ich meinem Vater ähnlich war, unsagbar stolz.

»Ach Mama«, schnaubte ich und ließ mich gegen die Lehne sacken. »Es ist nicht essentiell einen Freund zu haben. Und Aussehen ist auch nicht alles.«

»Siehst du? Und genau wegen solcher Flausen im Kopf benimmst du dich wie eine alte Witwe. Ist es diese Natalie, die dir das einredet?« Meine Mutter konnte sehr zynische Worte äußern, wenn sie wollte.

Ich schenkte ihr ein spitzes Lächeln. »Nein, Mama. Das bin ich selber«, entgegnete ich und begann den Anrufbeantworter abzuhören. Zum Glück war auf dem nichts von Bedeutung, was hieß, dass ich diesem Gespräch nun ein Ende bereiten konnte.

»Ich bin fertig. Wenn nichts mehr ist, gehe ich jetzt nach oben und… lerne«, sagte ich, sammelte meine Schultasche auf und begab mich hoffnungsvoll zur Tür.

»Mach das«, verabschiedete Mutter mich mit einer Handbewegung und schon spurtete ich die Treppen hinauf. Sobald die Wohnungstür hinter mir ins Schloss fiel, vernahm ich Nicklas Stimme aus seinem Zimmer: »Jenny, bist du’s?«

»Ja«, rief ich, entledigte mich meiner Schuhe und steckte den Kopf durch den Türrahmen seines Zimmers. Wie immer saß mein sechzehnjähriger Bruder an seinem Computer und spielte irgendein Videospiel. »Alter, klopf vorher!«, ärgerte er sich, sobald er mich entdeckte. Nur gekleidet in Boxershorts und T-shirt schaute er mir entgegen.

»Ja ja, ich weiß schon«, gab ich mit einem Augendreher zurück. »Lass dich nicht stören. Ich bin in meinem Zimmer, also falls Mama fragt: Ich bin am lernen.«

»Okay«, erwiderte er mit seinem charmanten Lächeln im Gesicht, das er von unserem Vater geerbt hatte, wobei ihm eine dunkle Locke in die Stirn fiel. Seine blauen Augen leuchteten einem stürmisch von Weitem entgegen, als seien sie ein tiefblauer Tsunami. »Bist du wirklich am lernen oder drückst du dich mal wieder mit einem Buch davor?«

Ich grinste zurück. »Letzteres«, antwortete ich und verabschiedete mich mit einem Wink, um mir neuen Lesestoff zu besorgen. Schon seitdem ich die Klausur am Morgen hinter mich gebracht hatte, freute ich mich darauf bei einem Buch abschalten zu können und in einer Traumwelt zu versinken. Allerdings war ich mit den Romanen im Haus bereits durch, weswegen ich mich den Büchern in Papas Büro bediente.

Ich schritt durch den Flur, an dessen Ende das alte Büro lag. Als er noch lebte, hatte er es stets abgeschlossen. Nun war es jedoch frei begehbar und Lagerort vieler historischer Bücher. Deckenhohe Regale erstreckten sich dort. Sobald ich nach rechts blickte, erkannte ich den alten Sekretär, die Lampe und die kleine Dose voller Kugelschreiber. Es war, als wäre Papa nie weg gewesen. Und das liebte ich an diesem Raum so sehr; hier fühlte ich mich geborgen und konnte ihm näher sein.
Ich tappste zu dem Regal und begutachtete die Biografien darin. In den Reihen darunter standen die nach Alphabet sortierten Ordner für die Museumsarbeit. Ich entschied mich für die Biografie von Napoleon Bonaparte und streckte den Arm danach aus. Dann rumste es.
»Jenny, ist alles okay?«, rief Nicklas aus seinem Zimmer.
»Ja, alles gut«, antwortete ich nach einem leisen Fluchen. »Ich bin hängen geblieben und ein paar Ordner sind aus dem Regal gefallen, nichts Dramatisches!«
Ich hockte mich hin, um schnellstmöglich die Papiere zusammen zu sammeln, die aus dem Ordner geflattert waren, als wären sie dort nie eingeheftet gewesen. »Verflucht, nun ist alles durcheinander!«, schimpfte ich und versuchte so gut wie möglich ein wenig System in die alten Dokumente zu bringen.
Doch dann stieß ich auf etwas Seltsames.
Was ist das?, fragte ich mich und versuchte die Konstruktionen auf dem Blatt zu deuten. Vor mir lagen keine Schriftdokumente, sondern Skizzen. Sie sahen aus wie maschinelle Zeichnungen einer Taschenuhr; Notizen erstreckten sich an den Rändern, kaum lesbare Daten waren unter ihnen vermerkt. Mühselig versuchte ich diese zu deuten: »Staubpartikel, die sich in der Unterseite sammeln… Mehrere Zifferblätter, deren Zahlen von null bis neunundneunzig reichen...«
Wie war das zu verstehen? Und was hatte mein Vater mit Plänen eines Uhrmachers zu tun, und vor allem noch solch untypischen Konstruktionen einer Uhr - Reichte die Spannweite deren Ziffern nicht eigentlich von eins bis zwölf?
Mein Blick fiel auf die anderen Dokumente und ein komisches Gefühl überkam mich: »Stellt man die Zeiger nach Anleitung korrekt ein und legt die Wölbung der Unterseite auf eine idealerweise historische Karte, so wird man sich an gewünschter Ort und Stelle wiederfinden. Raum und Zeit spielen dabei eine besondere Rolle, weshalb...« Ich haderte, als die Schrift unlesbar wurde und überflog die folgenden Zeilen, bis ich auf ein besonderes Wort stieß: »Zeitreise.«
Mir lief es heiß und kalt über den Rücken und für einen Moment war ich wie erstarrt. Ist das möglich?, fragte ich mich, und ertappte mich bei dem Wunsch danach, dass es wirklich wahr sein konnte. Ich dachte daran, dass ich damit alles sehen könnte, von dem ich bereits in historischen Büchern gelesen hatte; wie Leben gegeben und genommen werden, Könige und Kaiser kommen und fallen. Aber mein gesunder Menschenverstand ließ mich den Kopf schütteln: Nein, was für ein Schwachsinn. Zeitreisen ist ein genauso großer Humbug wie Wahrsagerei. Alles Einbildung.
Ich stopfte die Blätter zusammen mit den anderen Dokumenten zurück in die Ordner und ergriff die Biografie. Sobald alles in Reih und Glied stand, widmete ich mich der größten Freude des heutigen Tages: Einem schönen Buch.
Doch diese Freude sollte nicht lange anhalten. Vielleicht war an den Worten der Wahrsagerin mehr dran, als ich auch nur hätte erahnen können...

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Kapitel:2
Sätze:450
Wörter:5.887
Zeichen:34.481

Kurzbeschreibung

Was ist Zeit, und was bedeutet eigentlich Vergangenheit? Diese Frage stellte sich Jennifer Wingslow schon seit dem Tod ihres geliebten Vaters. Als sie dann zufälligerweise auf geheime Dokumente ihres Vaters stößt, scheint sie endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Denn zeigt ihr der Direktor des Alt-Historischen Museums das, was aus den Plänen entstanden ist: Eine Taschenuhr, die es möglich macht in der Zeit zu reisen. Und dann soll sie auch noch von Jonathan lernen, wie das funktioniert! Nach und nach offenbart sich Jennifer allerdings, dass Zeitreise alles andere als einfach sein kann. Vor allem, wenn ein böser Geheimbund seine Finger im Spiel hat und nichts so ist, wie es scheint...

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Fantasy und Historik gelistet.

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