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Die Angelegenheiten des Kopfgeldjägers Callahan P. Ulysses

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12.1.2018 7:31
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Steampunk Stories von Nathan Kinderling
Episode 1: Narben in der Raumzeit

Mein Freund war in einer wahrhaft misslichen Lage. Benedikt Pazifiko, mehrfacher Mörder, Räuber, Vergewaltiger und ehemaliger zirzensischer Messerartist, hatte ihn im Schwitzkasten. Der arme Professor lief schon rot an und röchelte. Seine elegante Nickelbrille mit den runden Gläsern baumelte an einem Ohr hinunter. Unter ihm, gleich neben dem hauptlosen Zylinder, steckten zwei Doppelmesser im Holzboden des Schuppens neben der alten Sägerei, wo wir den Halunken aufgespürt hatten. Die oberen Klingen zielten genau auf das Gesicht meines Freundes. Pazifiko musste ihn nur fallen lassen, und schon wäre Professor Graffenried kein Fall für den Schönheitschirurgen, sondern für den Totengräber.

„Na, Callahan, das hast du dir wohl anders ausgerechnet! Wenn du deine Kanone auch nur einen Millimeter in meine Richtung drehst, lasse ich den Hanswurst hier fallen! Na, wenn ich’s mir recht überlege - kannst auch ruhig schießen, dein Kumpan landet auch so auf meinen zwei Freunden hier am Boden!“

Es war offensichtlich, dass er nicht die geringste Ahnung davon hatte, was ich mit meinem Koblator vor hatte. Es fiel mir nicht im Traum ein, die hochfrequente Plasmawaffe gegen ihn einzusetzen. Noch nicht.

„Schon gut, du hast gewonnen. Ich werde nicht das Leben meines Freundes riskieren.“

„Nehmen Sie keinerlei Rücksicht auf mich“, röchelte der Professor. „Er muss zur Strecke gebr - aach!“

Pazifiko drückte noch fester zu. Die Blutzufuhr zum Gehirn meines Freundes war nun fast unterbrochen. Ich musste handeln, bevor es zu spät war. Graffenried durfte das Bewusstsein nicht verlieren. An meinem Bauch spürte ich die harte Mündung des Koblators. Kurzentschlossen drückte ich ab.

Noch widerlicher als das flirrende, surrende Brummen war der Geruch, wenn hochfrequente Plasmastrahlen organische Materie vernichteten. Ich konnte beides nie ausstehen. Wenigstens ging es schnell und man spürte kaum was. Konnte es sein, dass ich für den Bruchteil einer Sekunde den Gestank meines eigenen, verkohlenden Fleisches wahrnahm?

„Das gibts ja nicht“, brüllte Pazifiko und lockerte überrascht seinen Griff. „Er hat sich weggeputzt! Der Trottel hat abgedrückt und in seinen eigenen Bauch geschossen! Er hat sich atomisiert!“

Der Verbrecher war außer sich und konnte sein Glück kaum fassen.

„Der ist weg! Hat sich selber zerschossen! Na, das gibt’s ja nicht!“

Für ihn gab es nun keinen Anlass mehr, sein Opfer zu umklammern. Mit Schwung wuchtete er den Professor in die Richtung, in der ich gestanden hatte, und versetzte ihm dazu noch einen gehörigen Tritt in den Allerwertesten. Graffenried stolperte, rappelte sich mühsam hoch und klopfte den Staub von seinem maßgeschneiderten Anzug.

„Das war wohl der dümmste Kopfgeldjäger, den die Menschheit je gesehen hat! Na, mir soll’s recht sein, oder, Professor?“

Der angesprochene setzte seine Brille zurück auf die Nase.

„Nun, wohl reicht seine Intelligenz kaum an die Meine“, hielt Graffenried fest und rückte gelassen seine Brokatkrawatte zurecht, „jedoch muss sie um ein Vielfaches über Ihrem Quotienten liegen.“

„Ha! Du hast vielleicht Nerven! Mir scheint, dir liegt nicht allzu viel an deinem Freund Callahan! Na, wie auch immer, deine Zeit ist auch gekommen!“

Benedikt Pazifiko zupfte behände ein weiteres Doppelmesser aus dem abgegriffenen Lederholster, das sich um seinen Oberkörper spannte. Lässig wiegte er es in der Hand, wohl in der Absicht, dem Professor Angst einzujagen und ihn auf seinen bevorstehenden Tod vorzubereiten. Es gab aber etwas, das dem Verbrecher so gar nicht passte. Etwas ganz Entscheidendes fehlte. In den Augen des Professors war keine Spur von Angst zu entdecken. Irritiert senkte Pazifiko seine Waffe und fixierte angestrengt Graffenrieds Blick. Noch seltsamer war, dass der Professor ihn gar nicht anzuschauen, sonder neben ihm vorbei zu sehen schien.

„Für gewöhnlich ist es mein Job zu entscheiden, wessen Zeit gekommen ist“, stellte ich richtig.

Pazifiko wirbelte herum und sah sich mir gegenüber. Meinen rechten Arm hatte ich erhoben; die Hand war mit einem Wurfmesser bestückt.

„Hier, das hast du doch vorhin verloren“, rief ich und schleuderte.

Es gab ein dumpfes Geräusch, als die gehärtete Stahlklinge den Brustkasten durchschlug. Der Verbrecher war schwer getroffen. Ein gepresster Schmerzenslaut entwich seinen Lippen und wandelte sich in ein wimmerndes, ungläubiges Stöhnen. Er taumelte vor, genau auf mich zu.

„Aber du bist tot ... was zum ...“

Mit einer Hand griff er zur Brust, während die andere, aus der ihm zuerst sein Messer entglitt, auf mich wies. Eine Armlänge vor mir polterte er kraftlos auf die Knie.

„Ich möchte anfügen, dass der Schieber tadellos funktioniert, mein lieber Freund“, ließ der Professor verlauten. „Aber ich war guter Hoffnung, dass Sie den Zeitschub geschafft hatten, denn ansonsten hätten Sie sich wohl kaum der Prozedur eines Suizides unterworfen.“

„Wie immer scharfsinnig bemerkt, Professor. Ihre Maschine funktioniert bestens. Damit werde ich meine Erfolgsquote beträchtlich erhöhen können. Denn wer rechnet schon damit, dass ich ihn zu zweit jage ...“

Pazifiko hob mühsam den Kopf und sah mich verständnislos an.

„Du hast keine Ahnung, wovon ich rede. Nun, das ist ja auch kein Wunder“, meinte ich und zückte meinen Koblator. „Der Schieber, diese wundervolle Maschine des ehrenwerten Professor Graffenried, erlaubt es mir, einen kleinen Abstecher in die Zukunft zu machen. Der Haken an der Sache ist nur, dass die Maschine mich dabei klont; sie entsendet sozusagen einen identischen Zwilling in die Zeit.“

„Man möchte vielleicht eher von einem perfekten, vollständigen Duplikat sprechen“, warf der Professor ein und kam zwei Schritte näher. „Damit das Raumzeitgefüge nun nicht in Disorder gebracht wird, wenn die identen Identitäten aufeinandertreffen, beginnt sich das Duplikat nach genau Pi Minuten der ersten Selbstkontaktaufnahme in Antimaterie umzuwandeln, mit dem Ergebnis, dass sich die Einheiten nach 3,1415926 Minuten gegenseitig zerstören würden.“

„Oder einfacher gesagt“, fuhr ich fort, „ich habe gut drei Minuten Zeit um eine Version von mit umzubringen, bevor beide drauf gehen.“

„Durch die vollkommene Zerstörung einer Einheit jedoch normalisiert sich der baryonische Zustand des verbliebenen Körpers wieder; zurück bleibt nichts weiter als etwas, das man vielleicht als Schweißnaht im Gefüge der Raumzeit bezeichnen könnte.“

„Schweißnaht, Professor? Ich für meinen Teil möchte eher von einer Narbe sprechen. Es sei Ihnen versichert, mein Gemütszustand trägt jedes Mal eine Verletzung davon.“

Pazifikos Verletzung war allerdings wesentlich gravierender. Er blutete stark. Es wurde langsam Zeit, der Sache ein Ende zu bereiten. Schließlich war ich kein Tierquäler.

„Ich ... verstehe nichts ... Callahan ... uhh ... was ...“

Mein Koblator zielte nun direkt auf den kahlen Kopf des Verbrechers.

„Callahan ist mein Vorname. Und es heißt Herr Ulysses.“

Nach diesen Worten drückte ich ab. Es stank, flirrte und surrte. Ich rümpfte die Nase.

Mein Kameraauge, das ich aus praktischen Gründen auf meiner Melone trug, hatte alles aufgezeichnet. Die Kollegen auf der Wache kannten mich. Es war nicht das erste Mal, dass sie von mir Filmmaterial zur Beweissicherung und zur Sicherung meines Einkommens erhielten. Aber es würde das erste Mal sein, dass sie einen Zeitschub miterleben konnten.

„Sagen Sie, werter Freund, da Sie schon Ihren Namen erwähnten - was ist eigentlich die Bedeutung des Buchstabens ‚P‘ in Ihrem vollständigen Namen?“ Professor Graffenried sah mich neugierigen Blickes an.

„Wenn ich Ihnen das verraten würde, mein guter Freund, müsste ich Sie auch umbringen, fürchte ich.“

 

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Kurzbeschreibung

Callahan P. Ulysses ist Kopfgeldjäger in einem Steampunk-Universum. Dank der Erfindung des Zeitschiebers durch seinen Freund, Professor Theodor Graffenried, ist Callahan im Stand, ein exaktes Duplikat seiner selbst in die Zukunft zu befördern. Dieser Umstand befähigt ihn dazu, seine Zielpersonen zu zweit zu jagen. Die Nutzung des Zeitschiebers hat allerdings einen bizarren Preis: Der Kopfgeldjäger muss eine seiner Versionen jeweils nach exakt 3,1415926 (¶) Minuten des ersten persönlichen Kontaktes liquidieren. Er benutzt dazu - wie auch zur Verbrecherjagd - seinen hochfrequenten Plasmastrahler, den legendären Koblator. Geschieht dies nicht, werden nach Ablauf der gut drei Minuten beide Callahans vernichtet.

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