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Steel Lagoon - Erinnerungen einer verlorenen Welt

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9.11.2017 17:15
12 Ab 12 Jahren
Pausiert

„Ja sach ma‘, nennst du das etwa ein Dach?! Die Ziegel fallen doch schon runter, wenn man sie nur blöd anguckt! Und du, wo hast'n das Fahren gelernt?! Herr, lass Hirn regnen oder ich erwürge diese Hohlköppe eigenhändig!“ In gedrungener Haltung und mit beschämter Miene hielt sich der Gouverneur die Ohren zu, hilflos dabei zusehend, wie der Baumeister seine Arbeiter lauthals zur Schnecke machte. Obwohl Jack, wie jeder andere Soldat im Dienste des Regimes, diverse Waffen an seiner schwarzen Kampfrüstung trug, ließ sich der hochgewachsene und stämmige Mann von dessen Autorität nicht beeindrucken. Zuvor hatte Ersterer erfolglos versucht, ihn wegen seines unflätigen Verhaltens zu mahnen, doch stieß dies beim erfahrenen Handwerker auf taube Ohren und sobald Jack deutlicher wurde, warf man ihm schlicht einen Blick zu, der, wenn dieser hätte töten können, vernichtender als jede Kugel gewesen wäre. Und auf eine zusätzliche Bekanntschaft mit dessen mächtigen Pranken verzichtete er nur allzu gern.
Oder wahrscheinlich hatte der Baumeister nur deswegen keine Repressalien zu fürchten, weil ihm genau eines bewusst war: Ohne ihn würden nicht einmal die Fundamente der Wohngebäude stehen.
Unverständlich grummelnd, genehmigte sich der Herr anschließend einen kräftigen Schluck aus seiner Rumflasche und schüttelte prustend den Kopf. Das war für Jack der ideale Moment, den Anlauf für eine Frage zu starten.
„Ähm, glauben Sie, dass Sie das Dach noch vor Einbruch der Dunkelheit fertigstellen könnten?“ Er sah kurz in den zurzeit noch unbedeckten blauen Himmel, wo er am Horizont finstere Wolken erspähte. „Am besten noch, bevor es regnet?“ Ohne ihn anzusehen, antwortete der Handwerker genervt: „Pft, kannse vergessen, wenn die so weitermachen, wird das Ding nie fertig. Das kann sogar meine Mutti schneller, und die ist taub, blind und absolut gefühllos.“
Just drang ein frustrierter Schrei und der Lärm klappernden Metalls in ihre Ohren. Der Fahrer eines Raupenbaggers, dessen gelbe Lackierung unter Kratzern, Dellen und Rostflecken nur noch zu erahnen war, drückte mehrmals den Steuerknüppel zur Seite, doch bis auf ein ungesund klingendes Rumpeln geschah nichts. Folglich stieg er aus, griff sich die nächstgelegene Schaufel und bearbeitete die Karosserie mit Hieben.
Ehe ihm noch mehr Unüberlegtes über die Lippen huschte, trank der Baumeister erneut und Jack seufzte.

Ein plötzliches lautes Zischen wie aus einem Dampfventil ließ sie zusammenzucken und sie drehten sich reflexartig um; Ein bekleideter Roboter hatte sich ihnen hinterrücks genähert und auf Armlänge hingestellt, die beiden Herren wortlos anstarrend. Während der Mann beim Anblick lediglich erbost „Wat bist du denn für'n Hansel?“ fragte, nahm sich der Gouverneur die Zeit, diese Maschine – oder diesen Jemand – etwas genauer zu betrachten: die gekreuzten Säbel auf der Offiziersmütze teilten ihm mit, dass sie es mit dem unverhofften Besuch eines hochrangigen Regierungsvertreters zu tun hatten und der Baumeister wiedermal jeglichen Respekt vermissen ließ. Wenn man nach den verrotteten Hautresten am Kopf urteilte, sogar eines sehr Alten.
„Herr Schwall“, sprach Jack lächelnd seinen bisherigen Gesprächspartner an, „Könnten Sie uns bitte für einen Augenblick alleine lassen?“
„Klar, kein Thema“, entgegnete er, doch nicht ohne vorher den Fremden mürrisch zu mustern und ging – nur um kurz darauf wieder die Arbeiter anzubrüllen.
Nachdem dies geklärt wurde, wandte man sich schließlich dem Besucher zu, der geduldig mit hinterm Rücken verschränkten Armen wartete, bis ihm die Aufmerksamkeit seines Gegenübers gesichert war, bevor er mit einer tiefen, verzerrten Stimme zum Reden ansetzte: „Ahoi, Herr Gouverneur. Admiral Hazard, Stützpunkt Charles auf Port Royal.“ Jack war so sehr damit beschäftigt, nachzuvollziehen, wie der Besucher ohne Bewegen des Mundes sprechen konnte, dass ihm der Name völlig entging. Im nächsten Moment sah er darum mehr oder minder irritiert auf die metallene Hand, die ihm Hazard auf einmal entgegenstreckte.
„Ich muss sagen, es ist mir wahrlich eine Ehre, den Helden Steel Lagoons persönlich kennenlernen zu dürfen.“

Jack fing sich rasch und überlegte, während er sein Augenmerk misstrauisch wiederholt von der Hand zum Gesicht und umgekehrt richtete, ob er dem Soldaten diese Höflichkeit gönnen sollte. Schließlich stand Jener stellvertretend für die ein, die ihn für eine misslungene militärische Operation mit der „Beförderung“ zum Befehlshaber Steel Lagoons „belohnt“ und somit mitten in eine Todesfalle geschickt hatten, aus der es kein Entrinnen gab. Allein daran zu denken, was er alles hatte durchmachen müssen, ließ sein Blut kochen, und das „nur“, weil dutzende, unbemannte Panzer einer Fehlentscheidung zum Opfer gefallen waren – von denen die Armee so viele im Fuhrpark hatte, dass der Verlust einer zweistelligen Anzahl unter „Peanuts“ zu verbuchen war.
Um es sich aber nicht prompt mit seinen Gönnern zu verscherzen, besonders da Steel Lagoon bei den gegenwärtigen Zuständen auf Nachschublieferungen angewiesen war, überwand er seine Abneigung fürs Erste und schüttelte dem Cyborg die Hand.
„Die Freude ist ganz meinerseits“, sagte er dabei, um einen zuvorkommenden Gesichtsausdruck bemüht und ließ los, „Aber es ist lange her, seit uns ein Regierungsvertreter von den zivilisierten Welten des Sternenmeers besucht hat. Ich nehme daher an, dass Sie nicht hier sind, um …“ Jack hielt inne und sah kurz zu den Seiten. Danach verbeugte er sich theatralisch mit ausgestreckten Armen und fuhr fort: „…mir Ihre Ehre zu erweisen.“

Der Admiral nickte. Jack verstand nicht wieso, doch die regungslose Miene, gepaart mit dem freundlichen Ton des Mannes ließ ihm die Haare zu Berge stehen. Wenn dieser wenigstens seine Mundwinkel bewegen würde!
„Gut erkannt, Herr Bruno. Doch ich versichere Ihnen, dass es nichts ist, wovor Sie sich fürchten müssen.“ Der Gouverneur begann bereits an Gründe wie Fronturlaub weit weg von den vorrückenden Imperialen zu denken; oder, was wahrscheinlicher gewesen wäre, eine unplanmäßige Abholung von Kriegsgütern, etwa aufgrund eines akuten Notfalls. Allerdings: wo waren dann die Frachter? In die Richtung gespäht, aus die der Admiral gekommen war, entdeckte er die Umrisse dessen persönlichen Schlachtschiffes, teilweise verborgen von den bröckelnden Lagerhallen des Raumhafens. Also womöglich tatsächlich Urlaub, wofür es definitiv geeignetere Planeten im Einflussbereich der Piraten gab, oder gar etwas gänzlich anderes?
Hazard schien die gerunzelte Stirn seines Gegenübers registriert zu haben, hob beschwichtigend die Hände und erklärte: „Nur eine harmlose Inspektion, nichts weiter.“
So richtig traute Jack der Sache nicht. Eine Inspektion? Ausgerechnet durch einen Admiral, eine Stufe unter dem Gouverneur? Damals bei der Kolonisierung hatten sie immerhin noch den ersten Maat, die rechte Hand des Oberbefehlshabers, entsendet, mit einem sehr berechtigten Interesse daran, dass alles seinen geregelten Gang nahm. Und jetzt bloß jemanden, dem der Held von Steel Lagoon problemlos hätte befehlen können, Land zu gewinnen?
„Entschuldigen Sie, wenn ich das nun so sage“, sprach er und schlug eine strenge Tonlage an, „Aber solange ich nicht schwarz auf weiß habe, dass Sie im offiziellen Auftrag hier sind, tun Sie hier gar nichts, außer mich von meiner Arbeit abzuhalten. Wenn der Kapitan mit unserer Leistung unzufrieden ist, soll er sich bitte direkt an mich wenden, statt jemanden zu schicken, der hier nichts zu suchen hat.“

Hazard schloss die Augen, senkte das Haupt, schüttelte es und seufzte.
„Mein lieber Herr Gouverneur … Ich verstehe ja, dass Sie einen Groll gegen uns hegen, seit Sie auf Steel Lagoon festsitzen.“ Jack schmunzelte. „Groll“ war seines Erachtens nach noch nett ausgedrückt, angesichts der unwürdigen Behandlung aller, die auf diese Welt abgeschoben wurden. „Aber wenn Sie nicht als Betroffener eines Disziplinarverfahrens an die Front versetzt werden oder Schlimmeres wollen, kann ich Ihnen nur anraten, zu kooperieren.“ Anschließend versenkte er seinen metallenen Arm in eine Tasche seines zerrissenen Mantels und kramte darin herum, von Jack ärgerlich beobachtet. „Einen Moment bitte, es kann sich nur noch um Stunden handeln“, sagte der Admiral belustigt, als es nach Sekunden immer noch nicht klappen wollte und Jack wandte sich wieder kurzzeitig dem beschäftigten Treiben der Baustelle zu. Zumindest hatte er so etwas in der Art erwartet.
Aber statt den Schreien des Handwerkers, dem Schlagen von Metall und Gesprächen unter den Arbeitern war es … ruhig. Zu ruhig. Und er erkannte auch, warum.
Hunderte von Augen starrten sie aus sicherer Entfernung an wie Tiere im Zoo und ließen nicht von ihnen ab. Manche der Personen steckten gar ihre Köpfe zusammen und tuschelten miteinander; was sie wohl bereden mochten und welche Gedanken ihnen bei diesem Zusammentreffen aufkamen?
Nachdem er das Geräusch reißenden Papiers, welches durch eine zu kleine Öffnung gezogen wurde, vernahm, drehte er sich zurück zum Admiral und blickte auf einen geschlossenen Brief. Eine nähere Begutachtung offenbarte ihm ein schwarzes Siegel mit dem Abdruck des Hoheitszeichens: ein grimmiger Totenschädel mit spitzen Zähnen über gekreuzten Säbeln.
Kein Zweifel, eine Nachricht vom Kapitan höchstpersönlich.

„Hier, nehmen Sie“, erläuterte Hazard, „Und lesen Sie es sich gut durch. Denn der Kapitan ist, um es mit Ihren Worten auszudrücken … mehr als unzufrieden.“ Nun kroch Jack langsam das bedrückende Gefühl von Angst in seine Gliedmaßen und ließ ihn schwer atmen. Er konnte sich nicht erklären, was genau der Oberbefehlshaber an ihm auszusetzen hatte, befand er sich doch bereits seit vielen Jahren auf Steel Lagoon und führte hergestellte Waren regelmäßig an die inneren Welten des Sternenmeers ab. Zugegeben litt die Produktivität infolge des Häuserbaus für die neu eingetroffenen Arbeiter, doch war das nicht wirklich ein triftiger Grund dafür, gleich einen Admiral zur Kontrolle vorbeizuschicken!
Oder?
Vorsichtig unter Hazards künstlichem, leuchtenden Auge den Umschlag geöffnet und das hochwertige, bedruckte Papier entnommen, rückte er seine Brille zurecht und begann sorgfältig zu lesen. Ungeachtet dessen entschied sich der Inspektor derweil dazu, seine Mission anzugehen und die Arbeiten der Einwohner aus nächster Nähe zu betrachten. Sein Blick allein genügte, um die Gaffer aus ihrer Neugier zu reißen und an ihre Plätze zu schicken.
„Was … WAS?!“ Der Admiral lachte. Mit exakt dieser Reaktion hatte er schon mit Entgegennahme des Briefes gerechnet. „25 Prozent könnte ich ja noch nachvollziehen, das ließe sich einrichten, auch wenn das den Arbeitskräften nicht gefallen würde!“ Für die Worte des folgenden Satzes bediente sich Jack übertriebenen Gesten zur Untermauerung. „Aber beschissene EINHUNDERT Prozent Produktivitätssteigerung in EINEM Monat?! Habt ihr versehentlich den Rum mit Öl gepanscht?!“ Der Überbringer der schlechten Neuigkeiten ignorierte ihn und ging schlicht weiter. Nun hob Jack furios schwingend seinen zum Gehstock umfunktionierten, verrosteten Entersäbel und rief ihm hinterher: „Und kommen Sie gefälligst zurück, ohne meine Erlaubnis gehen Sie nirgend..!“
„Jack Bruno“, schnitt ihm Hazard bestimmt das Wort ab, Jack über die Schultern ansehend, „Ich sagte Ihnen doch, dass Sie den Brief gut durchlesen sollen. Denn dann wüssten Sie, dass der Kapitan mir für die Dauer der Inspektion Sondervollmachten erteilt hat. Mit anderen Worten: Sie dürfen froh sein, dass ich Sie für diese Frechheiten nicht an einem Panzer durch die ganze Siedlung ziehen lasse.“

Beunruhigt hielt der Gouverneur das Blatt in seinen behandschuhten Händen und sein Körper bebte. Für wen hielt man ihn eigentlich? Für einen allmächtigen Zauberer, der neue Waffen einfach aus dem Nichts herbeischaffen konnte? Dass die Einwohner allesamt Maschinen wären, die weder essen noch schlafen mussten und rund um die Uhr funktionierten? Je länger er sich die Bedeutung des Schriftstückes auf der Zunge zergehen ließ, umso mehr glaubte er, elaborierter Schikane in Form einer Beschwerde ausgesetzt zu sein. Wer sonst hatte denn die Aufgabe, die Effizienz der Fabriken um das Doppelte zu steigern, unter Androhung von harten Konsequenzen bei Nichterfüllung?
Mit schweren Schritten stampfte Jack auf Hazard zu und protestierte: „Admiral, von mir wird Unmögliches verlangt! Wie beim Klabautermann soll ich das denn bitte bei all den vorherrschenden Engpässen bewerkstelligen?“ Er fuhr fort, mehrere Probleme anhand seiner Finger aufzuzählen: „Die Maschinen sind uralt und rosten vor sich hin, weil wir nicht das nötige Personal für die Wartung haben. Dann haben wir nicht genügend Truppen, um eventuelle Meutereien niederzuschlagen und die Waffen sind in einem derart schlechten Zustand, dass es ein Wunder ist, dass sie nicht auseinanderfallen. Zudem stehen die Chancen gut, dass jede Nacht ein paar Arbeiter sterben, da nicht ausreichend Lampen vorhanden sind und manche Birnen einfach durchbrennen. Und zuletzt brauchen sie noch angemessene Unterkünfte, die ja auch nicht wie Pilze aus dem Boden schießen und von den Einwohnern selbst errichtet werden müssen. Die bereits vorhandenen Wohnungen sind maßlos überfüllt und die Neuzugänge dürfen selbst zusehen, wo sie sicher schlafen können. Da ist es doch nur natürlich, dass die Herstellung neuer Ausrüstung auf der Strecke bleibt.“

Der Admiral hielt an. Er ließ schweigend eine Weile verstreichen, ehe er tief einatmete und schließlich mit der Rückseite zu Jack hin entgegnete: „All das sind Erklärungen, Gouverneur. Aber keine Entschuldigungen.“ Nun begann der Held zu schwitzen und sein Puls beschleunigte. In seiner Nervosität fiel ihm nichts anderes ein, als nochmals zu betonen, dass er die Forderungen des Oberbefehlshabers nicht erfüllen konnte. Die steigende Panik in der Stimme allerdings amüsierte Hazard nur.
„Richtig. Es ist unmöglich“, bestätigte er Jacks Sorgen, nachdem er seinen Blick über die unfertigen Häuser und trinkenden Arbeiter wandern lassen hatte und der Gouverneur wollte ihm schon im Affekt an die Gurgel springen, „Außer natürlich …“ Der Cyborg hob den Zeigefinger. „… Sie machen Ihren Gefangenen …“
„Arbeitskräfte!“, warf Jack erbost ein und Hazard redete ungestört weiter: „… ein wenig Feuer unterm Hintern.“
„Feuer?“, wiederholte der Held verunsichert, „Sie meinen, ich soll die Einwohner antreiben?“
„Wie Sie es machen, ist uns egal. Aber wenn Sie Inspirationen brauchen, ich habe gehört, anderswo seien 14-Stunden-Arbeitstage der neueste Schrei zum Ankurbeln der Wirtschaft.“
Keine Antwort.
Verwundert drehte der Inspektor seinen Kopf vollständig nach hinten, da sein Hals nichts mehr als eine drehbare Scheibe war und wurde Zeuge davon, wie ihn Jack mit heruntergeklappter Kinnlade und aufgerissenen Augen ansah. Weil Ersterer mutmaßte, dieser würde ohne Intervention noch den ganzen Tag so in der Gegend herumstehen, fügte er an: „Es wäre schon mal ein Anfang, wenn Sie aufhören würden, die Zeit der Gefang... äh, Arbeiter mit dem Bau von Häusern zu verschwenden.“
Und es zeigte Wirkung: Jack löste sich aus der Starre, schüttelte das Haupt und entgegnete verzweifelt: „Aber … wo sollen die Leute sonst schlafen? Die stehen jetzt schon kurz vor einer Meuterei, wenn …“
„Mit Verlaub, das ist allein Ihr Problem. Sie haben vom Kapitan einen Befehl erhalten und Sie werden ihn mit allen Mitteln befolgen, damit das klar ist. Ansonsten dürfen Sie sich auf drastische Maßnahmen einstellen.“
Das Augenmerk wieder nach vorn gewendet, warnte er Jack: „Ich werde als nächstes die Produktionsstätten überprüfen. Wenn ich zurückkomme, erwarte ich eine Lösung von Ihnen, verstanden?“
Dann ging er, eine schwarze Rauchwolke aus dem Auspuff an seinem Rücken in den Himmel blasend.

Mit schlaff herabhängenden Schultern und Armen schaute der Held ihm nach, genau wie die restlichen Bewohner, bis Hazard in eine der Straßen einbog und hinter den Häusern verschwand.
Was würde er nun tun?
„Etwas Rum gefällig?“
Der professionelle Handwerker hatte sich in der Zwischenzeit zu ihm gesellt und bot ihm seine Flasche an, die Jack still und ohne Überlegung griff und sich den verbliebenen Inhalt einflößte. Sehr zum Missfallen von Herrn Schwall, der ihn laut schalt: „HEY! Ich habe ,etwas' gesagt, und nicht …“ Doch so schnell wie der Gouverneur die Flasche leerte, konnte der Baumeister seinen Satz nicht vollenden und murmelte beleidigt vor sich hin.
„Ich bin tot, Otto“, klagte Jack und gab dem Mann das Behältnis zurück. Dazu entgegnete man ihm entspannt, als wäre es nichts Dramatisches: „Und gerade deshalb haste nix zu verlieren, also mach was draus!“
„Ja, aber ich kann den Forderungen des Kapitans unmöglich nachkommen!“ Otto schloss die Augen, hielt sich das Kinn und grummelte.
„Kapitan, hm? Wenn er schon einen einfachen Admiral statt des ersten Maats in dieses Drecksloch schickt, muss Zuhause im inneren Sternenmeer die Hölle los sein … Oder der Dödel hat so viel Mist gebaut, dass er die undankbare Aufgabe gekriegt hat, einen Botengang zu machen. Wat wollt der Blechkübel denn von dir?“
„Die doppelte Menge an Waren bis Ende nächsten Monats.“ Schmerzverzerrt verzog der Baumeister das Gesicht und wollte den nächsten Schluck nehmen, da registrierte er verärgert, dass Jack den Rest weggetrunken hatte. Dennoch erwiderte er betroffen: „Uff … Ja, das ist hart.“
„Wenn es ,nur' hart wäre, aber das geht einfach nicht, ohne die Bevölkerung effektiv jeglicher Rechte zu berauben und somit eine Meuterei anzuzetteln, die wir bei unserer derzeitigen Ausrüstung nicht niederschlagen können. Es ist aus, verstehst du?“

Während Jack deprimiert zu Boden guckte und sich in Selbstmitleid suhlte, dachte Otto nach. Er mochte zwar nicht sein Berater sein, doch hieß das nicht, dass er ihm in der Not keine Hilfestellungen geben konnte. Darum entfernte sich Otto auf einen Einfall hin unbemerkt von dessen Seite – und kehrte bald darauf mit einem Gegenstand zurück.
„He, schau ma‘.“
Langsam und betrübt sah der Gouverneur auf: er staunte nicht schlecht, als ihm der Handwerker ein Megafon vor seiner Nase hielt. Überrascht fragte Jack: „Ähm, was haben Sie damit vor?“
„Du bist hier der Boss, Jack“, erklärte Otto ruhig, „Und du weißt genau wie ich, dass die Piraten nicht lange fackeln. Wenn du also nicht willst, dass uns allen der Arsch aufs Grundeis geht, dann sei kein Waschlappen und steh zu deinem Mann! Die Dussel müssen wissen, was Sache ist!“
„Aber … die Meuterei …“
„Ich werd' mit den Leuts reden, okay? Dann werden se wenigstens nich‘ sofort mit 'ner Kettensäge auf dich losgeh’n. Das is‘ doch schonmal wat, oder nich‘?“
Wenig begeistert sah Jack Otto schweigend an, der daraufhin seine schlechten Zähne mit einem breiten Grinsen offenlegte und beide Daumen nach oben zeigte. Schließlich schlug sich der Gouverneur mit der flachen Hand auf die Stirn.
„Die Leute werden mich aufknüpfen …“
„Tja Jack, das is‘ der Fluch eines Politfritzen. Zuerst hochgelobt, und am Ende will einen keiner mehr ham. Also Kopf hoch, nimm das Teil und sach wat, da musst du jetzt durch! Und später nimmst du das Holzbein von diesem Schnösel und rammst des in seinen Hintern!“ Nach diesen Worten ließ Otto Jack mit dem Megafon zurück und begab sich zu den Baustellen, wo er die Arbeiter bereits lautstark darauf hinwies, dass der Gouverneur etwas Wichtiges zu verkünden hatte.

Kaum fixierten ihn die ersten Leute, wog sein Magen immer schwerer, als würde er sich mit Blei füllen. Sollte es Otto gelingen, die aufgebrachten Massen zu besänftigen, würde der Held immerhin nicht unmittelbar nach seiner Ansprache in Stücke gerissen werden, sondern „erst“ später. Aber was war denn die Alternative? Würde er seinen Weg unverändert fortsetzen, wäre es durchaus im Bereich des Möglichen, dass der Admiral ihn mithilfe dieser obskuren Sondervollmachten an Ort und Stelle degradieren, selbst die Leitung des Planeten übernehmen und nach Gutdünken mit der Bevölkerung verfahren würde – auf eine Art und Weise, die sich Jack gar nicht erst ausmalen wollte.
Und gerade dieser Gedanke daran, was Hazard den Arbeitern alles antun könnte … gab ihm letzten Endes den nötigen Anstoß, der seinen Halt am Griff des Megafons verstärkte. Egal wie er es drehte und wendete, Otto hatte Recht: Lebendig käme der Held nie wieder von Steel Lagoon herunter, also was hatte er zu verlieren? Wenn er schon sterben musste, dann für das Volk!

So wartete er zunächst bis sich mehr Zuhörer eingefunden hatten, musterte die Menge eindringlich und nahm schließlich die kleinere Öffnung vor den Mund …

„Achtung, Achtung! Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Der Gouverneur befiehlt!“

Autorennotiz

Derzeitiger Betaleser: fraessig

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Sätze:159
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Kurzbeschreibung

[OS-Sammlung] Steel Lagoon: Einst war der Planet Heimat einer mysteriösen Zivilisation, doch diese wurde von den Piraten ausgelöscht und aus den Chroniken getilgt... Heute, Jahre nach der Kolonisierung, ist er umfunktioniert zur Gefängniswelt für die zahllosen Straf- und Kriegsgefangenen der intergalaktischen Räuber. Begleitet die Einwohner, ob Insassen oder im Dienste der Piratenarmee, durch ihren harten Alltag auf dem weitestgehend unerforschten Planeten - oder bei ihren Begegnungen mit dem Unbekannten.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Science Fiction auch in den Genres Drama und Mystery gelistet.

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