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Blumen für Wowotschka

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20.5.2019 21:29
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Fertiggestellt

Sawodilow hatte Mist gebaut. Richtig üblen Mist. Und wie die meisten Männer, die richtig üblen Mist gebaut hatten, stand er nun um zwei Uhr morgens in einem Blumenladen in der Ulitsa Nekrasova und zahlte fast 5000 Rubel für einen Blumenstrauß, der ziemlich sicher völlig ungeachtet und ungeliebt geradewegs im Müll landen würde.

Eigentlich hatte Sawodilow weder das Geld, noch die Nerven für ein solch albernes Geplänkel, aber wie hatte irgendein amerikanischer Fernsehstar einmal gesagt? Die Liebe lässt einen verrückte Dinge tun. Weiser Mann, auch wenn er Amerikaner gewesen war und sich Sawodilow nicht einmal mehr an seinen verdammten Namen erinnern konnte. Oder ob der amerikanische Fernsehstar überhaupt das gesagt hatte, an was sich Sawodilow noch zu erinnern glaubte.

Er selbst war noch ein kleiner Junge gewesen, als sein Vater stolz einen deutschen Fernseher nach Hause gebracht und die Familie von da an jeden Abend hochaufgelöste Unterhaltung genossen hatte. Sawodilow war wie alle Kinder der damaligen Zeit mit einem niemals endenden Strom an ewigen Wiederholungen von Nu, pogodi! und amerikanischen Hollywood-Streifen mit russischem Untertitel aufgewachsen.

Besonders hier in Sankt Petersburg war man mit großen Stücken aus dem verlockenden Westen aufgewachsen. Wer in Piter lebte, kannte das Leben zwischen zwei Welten. Es gab das ureigene und russische Sankt Petersburg, mit seinen grimmigen Gesichtern und seinem wechselhaften Wetter. Seinem harten Winter mit eisigen Winden. Besonders in der Innenstadt war dringend davon abzuraten, das verfluchte Leitungswasser zu trinken. Die Rohre waren alt, wie so vieles in der Stadt.

Aber es gab auch das westliche Sankt Petersburg. Das, auf welches seine Bewohner besonders stolz waren. Man begrüßte Studenten und Besucher aus aller Welt. Während sich Städte wie Moskau und Jekaterinburg in ihre kühlen Mäntel aus Abweisung hüllten und selbst lange nach dem Eisernen Vorhang nur ihre hochnäsigen Nasen über plötzlich ins Land strömende Besucher rümpften, packte Sankt Petersburg seinen europäischen Charme aus und hieß alle willkommen.

Piter war die Stadt der Weltoffenen. Der Genießer, auch wenn das eher fade Essen und das wechselhafte Wetter wirklich nicht jedermanns Sache war. Es war die Stadt der völlig besoffenen Philosophen und Denker. In Moskau und dem Ural-Gebiet flogen ohne jede Ausnahme Fäuste, wenn getrunken wurde. In Sankt Petersburg hingegen gab es selten Prügel.

Egal wie besoffen man auch war, man schlug nicht einfach hirnlos um sich, sondern fing damit an, sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu beschäftigen. In der Regel endete es damit, dass man in den Armen irgendeines ebenfalls völlig besoffenen Freundes hing und ihm sein Herz darüber ausschüttete, wieso man sich von niemandem respektiert fühlte. Wieso es überhaupt keinen beschissenen Sinn hatte zu leben.

Sawodilow hatte quasi einen Doktortitel im besoffenen Philosophieren. Niemand konnte so herzzerreißend jammern wie er. Eine Masche, die besonders bei den Frauen wunderbar zog. Sawodilow hatte diesen unwiderstehlichen Eisbärblick, wie es Mascha einmal genannt hatte. Man sah ihm zwar an der Nase an, dass er ein echtes Arschloch war, aber dieser Blick schmolz sämtliche Zweifel dahin. Die Frauen liebten ihn.

Jedoch waren die teuren Blumen nicht für Mascha, oder eine andere Herzdame. Himmel, alles wäre so viel einfacher und weniger verstörend, wenn diese verfluchten Scheißblumem für eine Liebhaberin wären. Oder für seine Mutter. Immerhin baute Sawodilow in seinem Leben genug Scheiße, dass er eigentlich dreimal die Woche mit einer ganzen LKW-Ladung voller Blumen bei seiner Mutter vorfahren könnte. Alles wäre ohne jeden Zweifel so viel besser, wenn die Blumen einfach für irgendeine Frau wären. Es war immerhin nichts verwerfliches daran, einer Frau schöne Blumen zu schenken.

Aber einem Mann?

Obwohl sich Sawodilow ganz normal verhielt, zumindest normal genug, dass ihn die mürrische Blumenverkäuferin die meiste Zeit beim Richten des Straußes ignorierte, fühlte er sich beobachtet. Er war zur Zeit der einzige Kunde im Laden, trotzdem fühlte er sich aus allen Ecken angestarrt. Sawodilow wusste selbst, dass es lediglich an seinen angespannten Nerven lag. Dass er Gespenster sah, wo es keine gab. Aber er wurde das widerliche Gefühl nicht los, dass man ihm ansah, was er hier tat. Was er war.

Dabei sah er wie die meisten Männer dieser Stadt aus. Ein wenig müde, aber gesund. Sawodilow machte trotz seiner Arschloch-Nase sogar einen recht reizenden Eindruck. Es gab also keinen Grund für Sorgen. Tausend Männer kauften Tag ein und Tag aus verdammte Blumen. Für wen? War doch egal.

Auch die Uhrzeit dieses Einkaufs war nicht sonderlich spektakulär. Oder merkwürdig. Es kam immerhin nicht von ungefähr, dass in Sankt Petersburg die meisten Blumenläden wie die großen und kleinen Geschäfte rund um die Uhr geöffnet hatten. Es gehörte einfach zur russischen Kultur, jederzeit spontan Blumen kaufen zu können. Oder in den schroffen Worten seiner Mutter ausgedrückt: Russische Männer bauen ständig Scheiße. Also brauchen sie auch ständig Blumen.

Und dennoch. Sawodilow fühlte sich in seinem eigenen Körper gefangen. Eingeengt. Auch wenn niemand direkt wusste, für wen der Blumenstrauß war, kam er sich entblößt vor. Es war eine Sache, einer wütenden Frau oder verletzten Liebhaberin Blumen zu kaufen - und eine ganz andere, es für einen anderen Mann zu tun.

Die Blumen waren für Wowik.

Für seinen verfluchten Wowotschka. Allein der Gedanke daran ließ Sawodilow kalten Schweiß ausbrechen. Er hatte keine verfluchte Ahnung, wie es so weit hatte kommen können. Er kannte Wowik seit schon immer. Sie waren im gleichen Hinterhaus dieser Stadt aufgewachsen. Sie hatten auf den gleichen Spielplätzen gespielt und Tauben gejagt. Später hatten sie auf den gleichen coolen Treffpunkten abgehangen, wo man heimlich geraucht und gekifft hatte.

Sie hatten quasi zusammen in Sawodilows schrottreifem Lada gewohnt, kaum hatte er seine Fahrerlaubnis besessen. Jeder hatte mit ihm fahren wollen, aber er war kein Idiot gewesen. Er hatte lediglich Wowik und Kolja durch die Gegend kutschiert. Hin und wieder auch Mädchen, die ihm gefallen hatten. Aber vor allem Wowik, mit seinem schiefen Grinsen. Mit der hellen Narbe in der linken Augenbraue. Den stahlblauen Augen. Der zu flachen Nase. Den zu großen, aber unglaublich geraden Zähnen. Wowik, der Junge mit dem Irren als Vater.

Jeder hatte sich aus dem Block über den armen Wowik lustig gemacht. Wegen seinem Alten, über den wirklich jeder seine dreckigen Witze gerissen hatte, wenn er wieder einmal zu besoffen gewesen war, um irgendwas auf die Reihe zu bekommen. Es war unmöglich zu sagen, wie oft Wowik seinen Alten eigentlich hoch in die Wohnung hatte schaffen müssen. Als Kind hatte er ihn einfach an den Armen gepackt, zusammen mit Sawodilow, und sie hatten gemeinsam mit vereinten Kräften gezogen und gezerrt. Später hatte sich Wowik seinen Alten einfach achtlos über beide Schultern geworfen, wie einen in Dreck gefallenen Wolfspelz, und ihn ohne sichtliche Anstrengung die Treppen hinauf getragen.

Sawodilow hatte nie über Wowiks Vater gelacht. Egal wie laut die anderen Jungs auch ihre dummen Witze gerissen hatte. Er selbst hatte eisern geschwiegen und Wowik mit seinem „Ist mir egal, Mann. Mir ist alles egal. Aber weißt du was? Du bist mir nicht egal“ - Blick angestarrt. Wowik hatte sein Starren erwidert. Ohne irgendwelche Regung. Ohne ein erkennbares Gefühl. Danach hatten sie rauchend in Sawodilows Lada gesessen, mitten im Hinterhof. Die Türen verriegelt, die Augen geschlossen und die Musikkassette auf volle Lautstärke aufgedreht. Es war eine Art Ritual gewesen. Ihr Ritual. Nur für sie beide.

Selbst ihren Militärdienst hatten Wowik und Sawodilow zusammen absolviert - und überlebt. Was schon mächtig was hieß, mit Sawodilows zu großem Ego und noch größerer Klappe und Wowiks sturem Charakter. Es grenzte wirklich an ein verdammtes Wunder, dass sie niemand standrechtlich erschossen hatte. Aber hey, sie waren Freunde. Für immer. Mit Blutsbrüderschaft, und diesem ganzen Mist. Von früher Kindheit an bis jetzt, was auch immer diese sonderbare Sphäre absoluter Hoffnungslosigkeit ab dem 30. Lebensjahr auch darstellen sollte. Sawodilow und Wowik. Wowik und Sawodilow. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Lediglich die Grenzen dieser Freundschaft hatten sich verschoben.

Die Blumenverkäuferin schmiss den fertigen Strauß förmlich nach Sawodilow. Wie die meisten Verkäufer in dieser Stadt hatte sie nur ausgesprochen wenig Zeit - und noch viel weniger Geduld. Sawodilow zahlte seinen teuren Blumenstrauß, dann verließ er den kleinen Laden und trat auf die trotz später Stunde noch recht belebte Ulitsa Nekrasova.

Er spielte kurz mit dem Gedanken, zu einer der großen Brücken zu gehen, um sich dort die nächtliche Durchfahrt der Schiffe anzuschauen, jedoch verwarf er diese Idee wieder. Er hatte die Blumen bereits gekauft. Es war somit zu spät für irgendwelche billigen und feigen Ausflüchte. Sawodilow würde heute Nacht zu Wowik fahren, Punkt. Aus. Ende. Beschlossene Sache. Kein Aufschieben mehr. Kein Herauswinden. Es waren bereits vier verdammte Tage und Nächte vergangen.

Die hell erleuchteten Brücken, die wie jede Nacht von Mai bis November für die Schiffsdurchfahrt geöffnet waren, strahlten Sawodilow aufmunternd an. Selbst die nächtliche Newa, deren Gewässer wilder war, als sie es erahnen ließ, schien heute Nacht auffällig sanftmütig zu sein. Obwohl es weit nach Mitternacht war, war es auf den Straßen immer noch so laut, als wäre es helllichter Tag. Autos hupten aggressiv. Irgendwo brüllten sich Menschen auf offener Straße an. Laute Musik schepperte aus aufgemotzten Karren und den typischen und völlig überfüllten Bars.

Sawodilow zog rasch den Kopf ein, als er auf dem Weg zur Metro an zwei geparkten Polizeiautos vorbei kam. Die zu den Autos gehörenden Beamten spähten grimmig den Prospekt entlang, auf der Suche nach leichten Opfern. Ihr Hauptaugenmerk lag auf nervösen Touristen und Frauen, die zu dieser Stunde allein unterwegs waren. Handtaschenkontrolle, nannten sie es. Dabei war es nichts anderes als uniformiertes und aggressives Macho-Gehabe.

Mit den Blumen bewaffnet stieg Sawodilow in die Metro ein. Es herrschte die übliche Enge. Das übliche Gedränge, wobei man sorgsam aufpasste, nicht gegen die schönen und sichtlich teuren Blumen zu stoßen. So wenig wie diese permanent pulsierende Stadt schlief, schlief das unterirdische und klar strukturierte Metro-Netz. Niemand sprach in der Bahn. Generell waren laute Gespräche in der Metro verpönt. Wenn man etwas zu sagen hatte, tat man es leise. Lautes reden oder telefonieren auf offener Straße war okay, aber nicht in geschlossenen Räumlichkeiten. Niemand verstieß gegen diesen sonderbaren Stille-Code, der unterhalb der Stadt herrschte. Tief unten, wo die U-Bahnen wie ausgehungerte Raubtiere durch die dunklen Tunnel jagten, wurde nur selten gesprochen.

Zwei junge Frauen, nur wenige Jahre jünger als Sawodilow, musterten den prachtvollen Strauß mit sichtlicher Interesse. Er unternahm den sinnlosen bis dummen Versuch, die Blumen vor weiteren neugierigen Blicken zu schützen. Verärgert gab er auf. Sollten sie doch alle starren. Sollten sie sich doch alle ihren Teil denken. Die Bahn fuhr endlich bei der fiebrig erwarteten Station ein. Die Türen öffneten sich und präsentierten einen für Sankt Petersburg recht schmucklosen und ungeliebten Metro-Bahnhof. Es gab keinen pompösen Stuck, sondern lediglich graue Fliesen und flackernde Hinweisschilder. Die Luft roch nach altem Öl und schlaflosen Nächten.

Sawodilows Schritte hallten ohrenbetäubend laut zwischen den lieblos gekachelten Wänden wieder. Seine Finger kribbelten, während sie sich immer fester um den Blumenstrauß schlossen. Sein Atem ging abgehackt, als wäre er auf der Flucht. Als wäre er ein kleiner und einsamer Junge, der sich vor älteren Schlägern aus der Nachbarschaft versteckte. Die Treppe hinaus auf die Straße war kilometerlang.

Sawodilow kannte den Weg, als hätte man ihn in sein Gedächtnis einprogrammiert. Er kannte jeden Stein. Jeden Meter Straße. Jedes noch so lieblose Graffiti. Er kannte die überfüllten Mülltonnen, die sich in dem Durchgang zum grauen und heruntergekommenen Wohnhaus dicht aneinander drängten, als wären sie verschreckte Kinder. Er kannte den wütenden Hund, der laut und aggressiv bellte. Die halb zerlegten Autos, die im dreckigen Innenhof entblößt und frierend dastanden. Die vergitterten Fenster.

Sawodilows Herzschlag setzte für einen kurzen Moment lang aus, nur um anschließend doppelt so heftig weiter zu klopfen, kaum hatte er die alte Klingel neben der kaum noch leserlichen Nr. 23 gedrückt. Es dauerte einen Moment, dann erklang ein altes und krankes Summen. Die Stahltür zum Treppenhaus war schwer und rostig. Sie forderte vollen Körpereinsatz. Von den Bewohnern, so wie von deren Besuchern. Gnade gab es für niemanden. Wer das Haus betreten wollte, hatte gefälligst zu drücken und zu schieben.

Endlich im Treppenhaus angekommen, polterte Sawodilow die alten Stufen hinauf. Er trampelte, wie er noch nie in seinem Leben zuvor getrampelt war. Seine Finger klammerten und krallten sich in die harten und schmerzhaften Stängel der Blumen. Das Seidenpapier war bereits an einigen Stellen gerissen und entblößte Gewächs, von dem Sawodilow nicht einmal den Namen wusste, aber verflucht viel dafür bezahlt hatte.

Wowik wartete bereits. Er lehnte mit verschränkten Armen gegen den braunen und alten Türrahmen seiner Wohnung und präsentierte sein übliches Gesicht regungsloser Gleichgültigkeit. Eigentlich hatte Sawodilow irgendwas schlaues sagen wollen. Etwas tiefgründiges. Oder gar philosophisches, aber ehrlich gesagt hatte er just in diesem Moment vergessen, wie man sein Gehirn benutzte, ohne dabei völlig aus den Latschen zu kippen.

Sie hatten sich ganze vier Tage und Nächte nicht gesehen. Eine Ewigkeit, wenn man bedachte, dass Sawodilow noch nie von Wowik getrennt gewesen war. Und verfluchte Scheiße, sah Wowik gut aus. Dieser Mistkerl trug ausgewaschene Jogginghosen wie schöne Frauen das Kleine Schwarze. Selbstsicher und verlockend. Es tat weh, Wowik nach diesen ätzenden Tagen und Nächten wiederzusehen. Es tat weh, weil es irgendwo ganz tief in Sawodilows Brust kochte und brodelte. Als wäre sein Herz ein aktiver Vulkan, der jeden Moment auszubrechen drohte.

Wowik trug seine übliche Trainingsjacke und war trotz der nächtlichen Temperaturen Barfuss. Sawodilow mochte keine Füße, wirklich nicht, aber Wowiks Zehen waren auf eine sonderbare Art und Weise fast schon attraktiv. Er mochte ihren geraden und klaren Wuchs. Wowiks Füße waren wie seine Hände. Lang, kräftig und gepflegt.

Sawodilow sagte nichts, als er die teuren Blumen wie ein stummer Narr in die Höhe hielt. Der bunte und völlig überladene Strauß wirkte in dem farblosen Treppenhaus irgendwie sonderbar. Als hätte sich ein verrückter Künstler in das tiefgründige Werk eines anderen Malers eingemischt, der gerade seine graue Weltschmerz-Periode hatte. Die bunten Blumen waren schlichtweg Fehl am Platz. Zu auffällig. Zu viel.

Niemand sagte etwas. Weder Sawodilow, noch Wowik. Beide Männer standen einfach nur da, als hätten sie alle Zeit der Welt und starrten sich gegenseitig in Grund und Boden. Es war so leise, dass Sawodilow seinen eigenen Herzschlag hören konnte. Schließlich bewegte sich Wowik. Nur ganz leicht, nur mit seinem Kopf, aber das kurze Nicken sagte mehr als tausend Worte.

Es war eine Einladung.

Sawodilow, der sonst so geschickte Charmeur, stolperte nervös und hektisch los. Obwohl es zum guten Ton gehörte, dass man seine Straßenschuhe mit all dem Dreck der Stadt bei der Tür auszog, war Anstand gerade nichts, was ihn sonderlich kümmerte.

Zur Hölle mit all diesen Etiketten. Sawodilow stolperte kopflos durch Wowiks engen Wohnungsflur, mit Schuhen, Blumen und sogar noch seiner verdammten Lederjacke am Leib, und verschwendete keinen Gedanken an die Welt irgendwo da draußen. Die Angst war immer noch da, jedoch hatte ihr gehässiges Zischen keine Chance gegen das laute Rauschen in seinen Ohren.

Wowiks Wohnung war klein. Eng und unpraktisch geschnitten, aber irgendwie spendeten die verwinkelten und völlig schmucklosen Räume Trost. Sawodilows Wohnung hingegen war reine Show. Sie war für einen Junggesellen ungewöhnlich sauber, da er so gut wie nie da war. Er hatte Bilder an den Wänden. Keine Poster, er war schließlich kein kleiner Junge mehr, sondern sauber gerahmte Fotografien. Sie passten gut zu seinen hellen Vorhängen. Zu seinem Sofa und seinem schicken Fernseher.

Wowik hatte keine Vorhänge, dafür waren die alten Decken und Fenster viel zu hoch. Er hatte sich seiner schlichten Kreativität bedient, in dem er die untere Hälfte der Fenster einfach mit schwarzer Folie abgeklebt hatte. Die alte Zentralheizung, die im Schlafbereich schief aus der Wand hing, diente als Kleiderschrank. Alles, was Wowik an Kleidung besaß, lag oder hing wild auf ihr verteilt. Der alte Holzboden war rissig, kalt und knackte bei jedem Schritt. Wowiks Wohnung war zusammengefasst nichts weiter als ein riesiger Haufen heruntergekommener Scheiße. Und dennoch war Sawodilow nirgendwo lieber als hier.

Wowik sagte nichts, sondern bezog mit immer noch verschränkten Armen vor seinem schwarzen Metallbett Stellung. Die Bettdecke war zerwühlt. Der graue Kissenbezug passte nicht zu dem Rest der schwarzen Bettwäsche. Stille herrschte. Sawodilow hob erneut den ausladenden Blumenstrauß in die Höhe. Auch dieses Mal erntete der Strauß keinen tosenden Applaus. Keine ausrastende Begeisterung. Im Gegenteil. Wowik schenkte ihm keinerlei Beachtung. Er starrte stur an den Blumen vorbei.

Sawodilow atmete einmal tief durch, dann machte er zwei große Schritte auf den anderen Mann zu. Die Blumen ließ er dabei achtlos zu Boden fallen. Was brachten ihm schon verdammte Blumen, wenn er seine Zähne nicht auseinander bekam? Wenn ihm alles, was er sagen wollte, irgendwo auf halbem Weg im Hals stecken blieb?

„Es tut mir Leid“, sagte Sawodilow leise und bei Gott, er hatte es noch nie in seinem Leben so ernst gemeint. Es tat ihm wirklich Leid. Dieser ganze dumme Streit. Seine Angst. Seine feige Wut. „Hörst du? Es tut mir Leid.“

Wowik ließ langsam die Arme sinken. Er sagte kein Wort. Natürlich sagte er kein Wort. Wowik verschwendete niemals Worte. Wenn er nichts zu sagen hatte, hielt er den Mund. So einfach war das. So einfach - und nervenaufreibend.

Sawodilow verlor nun endgültig die Geduld. Er nahm das Gesicht des anderen Mannes bestimmt und nachdrücklich in beide Hände und zog es so nah zu sich heran, dass sich ihre Nasen berührten. „Hörst du, verdammt? Es tut mir Leid, Wowotschka.“

Wowiks Gesicht zuckte zurück, als hätte ihn eine unsichtbare Hand geschlagen. Jedoch ließ ihn Sawodilow nicht los. Nicht dieses Mal. Nie mehr, verdammt.

„Wowotschka“, sagte er und presste seine Stirn fest gegen die des anderen Mannes. Wowik roch wie immer nach Kernseife und Männerdeo. Er badete quasi in diesem Zeug. „Wowotschka. Wowotschka. Wowotschka.“

Es war einer dieser kurzen, aber unglaublich heißen Sommer in Sankt Petersburg gewesen, als Sawodilow seinen besten Freund das erste Mal Wowotschka genannt hatte. Die meisten Jungs in ihrem Alter hatten ihre Kosenamen schon lange nicht mehr cool gefunden. Nicht, dass sich Mütter oder Großmütter jemals um die Coolness ihrer halbstarken Söhne und Enkel geschert hätten. Egal wie groß das Gejammer auch war, man hörte jeden Tag pünktlich zur Essenszeit aus unzähligen Fenster gerufene Liebkosungen wie Koljenka und Dimotschka. Es gab kein Erbarmen. Keine Ausnahmen. Jeder hatte einen peinlichen Kosenamen.

Nun, jeder außer Wowik. Die meisten Menschen sprachen ihn ganz distanziert mit seinem vollen Namen Wladimir an. Besonders die Erwachsenen. Niemand von ihnen wollte dem schweigsamen Sohn des Säufers zu nahe kommen. Im Gegensatz zu den anderen Jungs, die sich ständig beklagten, hatte sich Wowik nach einem zutraulichen Namen gesehnt. Aber er hatte niemanden gehabt, der ihn liebevoll rufen konnte. Seine Mutter? Weg. Die Großmutter? Schon lange tot. Sein Vater? Pah, war ja schon ein Wunder, wenn der mal nicht in seiner eignen Kotze schlief. Also hatte sich Sawodilow der Sache angekommen. Fest entschlossen, seinen besten Freund glücklich zu machen.

„Wowotschka“, hatte er ihn an einem dieser unglaublich warmen Sommertage getauft, als sie zusammen im Innenhof Fußball gespielt hatten. „Das ist jetzt dein Name. Wowotschka. Gefällt er dir?“

Wowik hatte nichts gesagt, sondern Sawodilow nur mit großen Augen angestarrt. Dann hatte er hektisch genickt, anschließend den Kopf geschüttelt und dann wieder genickt. Schließlich hatte er den Ball jauchzend mit einer solchen Wucht gegen die Mauer gekickt, dass das Teil auf Nimmerwiedersehen davon geflogen war.

„Du bist mein Wowotschka.“ Sawodilow hatte sich stolz aufgeplustert. Er hatte gewusst, dass er den perfekten Namen für seinen besten Freund finden würde. „W-o-w-o-t-s-c-h-k-a.“

Das ganze war nun einige Jahre her. Sie waren schon lange keine Kinder mehr. Aber der Name war geblieben. Wowotschka. Er gefiel Wowik heute noch. Und genau wie damals sorgte er dafür, dass Wowik nicht lange sauer sein konnte. Zumindest nicht richtig. Nicht dann, wenn ihn Sawodilow so offen um Verzeihung bat. Wenn er Wowik leicht auf die linke Wange küsste. Wenn er mit seinen nervösen Fingern nach dem bis obenhin zugezogenen Reißverschluss von Wowiks schwarzer Trainingsjacke griff.

Es surrte leise, als der Reißverschluss langsam nach unten glitt und nackte Haut entblößte. Wowik trug nie irgendwas unter seinen Westen und Jacken. Eine Angewohnheit, die Sawodilow absolut nicht nachvollziehen konnte. Er selbst drehte schon bei dem Gefühl kalter Hemdknöpfe auf der nackten Brust durch, aber Wowik war schon immer härter im Nehmen. Generell war Wowik der Tapfere von ihnen. Er war kein Angsthase. Kein Feigling.

Mit einem leisen und kaum hörbaren Klack war der Reißverschluss am Ende angekommen. Die Trainingsjacke war nun komplett geöffnet und gab den Blick auf Wowiks nackten Bauch, Oberkörper und seinen Hals frei. Seinen verdammten Hals, auf dem seit wenigen Tagen ein frisch gestochenes Sawotschka prangte.

In verschnörkelten, aber wunderbar leserlichen Buchstaben. Als wäre nichts dabei. Als wäre es für einen Mann völlig in Ordnung, sich den verfluchten Kosenamen eines anderen Mannes tätowieren zu lassen. Die schwarzen und großen Buchstaben glühten förmlich auf Wowiks blasser Haut. Sie waren groß genug, dass man sie noch locker vom Mond aus lesen konnte.

Männer wie Sawodilow machten gerne auf dicke Hose, waren aber im Endeffekt nichts weiter als verdammte Angsthasen. Männer wie Wowik hingegen redeten keine Scheiße, sondern ließen Taten sprechen. Sie versteckten sich nicht, sondern zogen los und ließen sich ihre Zuneigung offen auf den Hals tätowieren.

Sawodilow war komplett ausgerastet, als er Wowiks frisch tätowierten Hals gesehen hatte. Er hatte den anderen Mann angeschrien, geschlagen und bespuckt. Er hatte nicht verstanden, wie Wowik so dumm hatte sein können. Hätte er sich wenigstens Sawodilow tätowieren lassen, wäre die ganze Sache nur halb so schlimm gewesen. Man hätte es als Scherz unter Freunden verstehen können. Oder denken können, es wäre der Name eines verstorbenen Verwandten, der einem wichtig gewesen war. Aber Sawotschka? Wieso hatte sich Wowik nicht gleich noch Ich liebe einen Mann darunter stechen lassen? Dann müssten diese ganzen homophoben Irren in diesem Land nicht erst noch ihre wenigen grauen Zellen bemühen, ehe sie Wowik zu Brei schlugen.

Es war die nackte Angst um Wowik gewesen, die Sawodilow in einen völlig hysterischen Wutanfall getrieben hatte. Wowik hatte es stumm über sich ergehen lassen, aber mit nur einem kalten Blick klar gemacht, dass er Sawodilow für seine Angst verachtete. Ihn hasste. Dass er enttäuscht von ihm war. So hatten sie sich noch nie gestritten. Ehrlich gesagt konnte sich Sawodilow nicht daran erinnern, dass er und Wowik überhaupt jemals echten Streit gehabt hatten.

Gut, okay. Als Kinder hatten sie sich hin und wieder in die Haare bekommen. Sie waren dann für knapp zwei Stunden erbitterte Feinde gewesen, nur um sich anschließend verheult und mit laufenden Nasen in die Arme zu fallen und Freundschaft für immer zu schwören. Wenn kleine Jungs das taten, klammerten und tief überzeugt ihre Liebe bekundeten, dann drückte man noch das ein oder andere Auge zu. Aber bei erwachsenen Männern? Da herrschte eine ganz andere Stimmung.

Eine Stimmung, die ihnen irgendwann das verdammte Genick brechen würde, wenn sie nicht vorsichtiger wurden. Wenn Wowik nicht vorsichtiger wurde.

Sawodilows Finger zitterten leicht, als er zum zweiten Mal in dieser Nacht seinen erbärmlichen Mut zusammenkratzte. Als er zum zweiten Mal das Gesicht des anderen Mannes fest in beide Hände nahm. Als er das Starren erwiderte. Ohne Blinzeln.

„Ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe. Ich weiß, dass ich dich verletzt habe. Wenn du dieses Tattoo behalten willst, dann behalte es. Von mir aus kannst du dir meinen Namen auch mitten auf die Stirn stechen lassen. Drauf geschissen. Hörst du? Ich sterbe, wenn du mir nicht verzeihst.“

Wowik sagte immer noch nichts, als er seine Hände fest und warm auf die von Sawodilow legte. Er musste aber auch gar nichts sagen. Sawodilow kannte den anderen Mann schon seit Ewigkeiten. Er kannte jede noch so kleine Geste. Jedes Heben und Senken der dunklen Augenbrauen. Jedes Blähen der Nasenflügel. Jedes tiefe Ein- und Ausatmen. Wowiks Pupillen waren riesig. Wie immer, wenn er und Sawodilow sich so nahe waren.

„Wowotschka“, sagte Sawodilow ein weiteres Mal. Er ließ seinen Zeigefinger langsam über Wowiks tätowierten Hals gleiten. Über seinen Namen, der dort für alle Welt sichtbar prangte. „Mein Wowotschka.“

 

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Prizraks Profilbild
Prizrak Am 20.05.2019 um 20:34 Uhr
Hey, hab gesehen das du hier neu bist und deine Geschichte entdeckt. Du hast einen wundervollen Stil und ich hab es regelrecht verschlungen. Ich finde es echt schade das es so wenige Geschichten gibt die in Russland spielen und war sehr froh darüber als ich diese hier entdeckte.

Autor

Naduschkas Profilbild Naduschka

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Eine Bewertung

Statistik

Sätze:332
Wörter:4.248
Zeichen:25.706

Kurzbeschreibung

Zwei Männer. Ein Streit. Ein Strauß Blumen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Alltag und Freundschaft gelistet.