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DER LETZTE ZEUGE

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14.8.2017 21:21
16 Ab 16 Jahren
Workaholic

 

Siegfried Hehn

 

Der letzte Zeuge

 

Roman

 

 

 

Kommissar Wasmuth legte den Hörer zurück. „Da hat eine Frau Winner angerufen“, sagte er zu seinem Kollegen Kerkoff, „dass seit gestern so ein Köter in der Nachbarschaft unaufhörlich bellt – wir sollen dafür sorgen, dass das Vieh endlich ruhig ist. Lass uns mal hin fahren.“

    „Du meinst…  einen Hund?“

    „Was sonst-.“  Er nahm den Wagenschlüssel und die beiden Beamten begaben sich zu ihrem Wagen.

    Als sie an der angegebenen Adresse eintrafen, sahen sie einen Schäferhund im Vorgarten eines Einfamilienhauses – er verhielt sich ruhig. Als sie sich dem geschlossenen Gartentor näherten, lief der Hund zum Haus und kratzte winselnd an der Tür.

    „Der Hund benimmt sich sehr merkwürdig“, sagte Kerkoff. „Ich habe das Gefühl, da stimmt was nicht – ich werde mal schellen.“

    „Willst du vielleicht da rein gehen? Du kennst das Vieh doch gar nicht. Und wenn er dich anfällt…  ich gehe da nicht rein.“

    „Es ist kein Vieh, Kollege, es ist ein Hund, und wenn ich sein Verhalten richtig deute, dann bittet er uns um Hilfe.“  Damit öffnete er das Gartentor und näherte sich langsam dem Hund, der jetzt stärker an der Haustür kratzte. Beruhigend  sprach Kerkoff auf das Tier ein und hielt ihm seinen Handrücken hin, den er kurz beschnupperte, doch dann begann er wieder zu winseln und kratzte wie wild mit beiden Pfoten an der Tür. 

    Kerkoff schellte – auf dem Schild las er den Namen: Myriam Martell, doch niemand reagierte, auch auf sein Klopfen nicht. Die Fenster lagen zu hoch, um durch sie ins Innere schauen zu können. Ihm war klar – irgendetwas war in dem Haus passiert…  das Verhalten des Hundes ließ daran keinen Zweifel. Er rief seinem Kollegen zu, der noch immer abwartend draußen vor dem Gartentor stand, er möge über Funk einen  Schlüsseldienst herbeirufen. Kaum hatte dieser die Tür einen Spalt breit geöffnet, da zwängte sich der Hund hindurch. Aufgeregt schnupperte er an  den geschlossenen Zimmertüren, lief durch zur Küche, doch dann kehrte er um und lief die Treppe hinauf. Kerkoff folgte ihm und sah gerade noch, wie der Hund an der Türklinke hochsprang und die Tür aufstieß…  und dann sah er die Leiche auf dem Bett,-  es war eine junge Frau.  Leise winselnd leckte der Hund den starr herabhängenden Arm. 

    Kerkoff näherte sich der Toten. Sie trug weiße Jeans und einen dunkelroten Pulli. Merkwürdig entspannt lag sie auf dem Bett – fast so, als ob sie schliefe, wären da nicht die verräterischen Würgemerkmale an ihrem Hals und der erstarrte Blick ihrer weit aufgerissenen Augen,- es waren auch keinerlei Kampfspuren festzustellen.

    Kerkoff – sein Kollege Wasmuth hatte sich noch immer nicht blicken lassen – informierte die Spurensicherung  und veranlasste, dass die Leiche zur gerichtsmedizinischen Untersuchung abgeholt wurde. Doch vorher gab es ein Problem: Der Hund ließ sich nicht von der Leiche entfernen. Jeden, der sich ihm näherte, knurrte er an und entblößte sein Gebiss. Alles Zureden – auch durch Kerkoff – half nicht, erst nachdem es einem herbeigerufenen Arzt der Tierklinik gelang, ihm eine Beruhigungsspritze zu verabreichen, während Kerkoff ihn ablenkte, ließ er sich widerstandslos wegführen.

    Für Kerkoff war es ein schmerzlicher Gedanke, dass er in ein Tierheim musste…  er liebte Hunde.

 

Im medizinischen Bericht zwei Tage später wurde bestätigt, dass der Tod bei Myriam Martell durch Erwürgen herbeigeführt worden war und dass sich außer den Würgemerkmalen am Hals keine weiteren Hinweise auf äußere Gewaltanwendung ergaben. Allerdings ließen sich blutserologisch eindeutig Spuren von Atropin nachweisen, was darauf hindeutete, dass M. M. während der Bewusstlosigkeit erdrosselt wurde und es daher auch zu keinem Abwehrkampf gekommen war. Der Todeszeitpunkt ließe sich nicht genau fixieren. Da die Totenstarre bei Auffinden der Leiche um 9.41 Uhr am 8.9. voll ausgeprägt war, kann man davon ausgehen, dass der Tod etwa in der Zeit zwischen 22.oo Uhr am 7.9. und 22.oo Uhr am 6.9. eingetreten ist. Abweichungen von dem angegebenen Zeitraum um einige Stunden sind möglich.

 

 

Gleich, nachdem die Spurensicherung  und das rechtsmedizinische Team eingetroffen waren, hatten   Wasmuth und Kerkoff umgehend mit der Befragung der Nachbarschaft nach eventuell auffälligen Beobachtungen im oder vor dem Haus Myriam Matells begonnen, was leider nur wenige brauchbare Hinweise ergab. Man schilderte Myriam als eine aufgeschlossene, sympathische junge Frau, die allgemein sehr beliebt gewesen sei. Sie sei Grafikerin in dem kürzlich eingerichteten Atelier new modern grafics gewesen. Sie sei seit etwa einem Jahr geschieden – über den Grund habe sie nie gesprochen. Bis auf gelegentliche Besuche von Freunden und ihren Eltern habe sie eigentlich sehr zurückgezogen gelebt,- man habe sie häufig mit ihrem Hund alleine spazieren gehen sehen. Eine ältere Nachbarin kannte zum Glück den Namen Burkardt und die Adresse der Eltern.

    Gleich, nachdem Kerkoff die Adresse erfahren hatte, fuhr er noch am späten Nachmittag zu Myriams Eltern, um sie über den Tod ihrer Tochter zu informieren. Es war ein dreigeschossiger, gepflegter Altbau in einer von hohen Bäumen bestandenen, ruhigen Seitenstraße, nur wenige Häuserblocks entfernt.

    Auf sein Schellen öffnete ihm eine etwas füllige Mittvierzigerin. Sie trug einen dunkelbraunen Rock, dazu eine cremefarbene, hochgeschlossene Seidenbluse. Ihre dunkelblonden Haare waren straff zurückgekämmt und wurden durch einen  Nackenknoten gehalten; sie trug kein Make-up.

    Kerkoff nannte seinen Namen und zeigte ihr seinen  Dienstausweis.

    „Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, Frau Burkardt,- dürfte ich einen Moment hereinkommen?“

    „Ist etwas mit Myriam -?“ Ihre vorher entspannten Gesichtszüge waren plötzlich von einer schrecklichen Ahnung gezeichnet. Doch dann bat sie ihn herein und führte ihn ins Wohnzimmer. Sie bot ihm in einem der Sessel Platz an und setzte sich ihm gegenüber auf die Couch.

    „Sie haben keine gute Nachricht, Herr Kommissare, nicht wahr-?“  Ihre Stimme klang ruhig und gefasst, so, als sei sie vorbereitet auf das, was Kerkoff ihr in diesem Moment zu sagen hatte.

    „Ihre Tochter, Frau Burkardt, wurde heute Morgen in ihrer Wohnung gefunden…  wir kamen zu spät-, es tut mir furchtbar leid.“

    Sie sah einen Moment schweigend vor sich hin. Kerkoff ließ ihr Zeit, bis sie von sich aus bereit war zu sprechen. Mühsam kam ihre Frage:

    „Wie ist es passiert, Herr Kommissar - wissen Sie… “

    „Ja, sie wurde erdrosselt.“

    „Das war Lorenz“, stieß sie erregt hervor. „Wir haben geahnt, dass eines Tages etwas Furchtbares passieren würde,- nun ist es also geschehen. Finden Sie den Kerl, Herr Kommissar. Er muss dafür büßen, was er unserer Tochter angetan hat.“

    „Sie haben einen bestimmten Verdacht?“

    „Ja. Myriam verbrachte im Sommer vergangenen Jahres ihren Urlaub auf Sardinien. Wir – mein Mann und ich – haben ihr diesen Urlaub geschenkt nach ihrer Scheidung, unter der sie sehr gelitten hatte. Wir hatten gehofft, dass sie auf dieser in ihrer Flora und Fauna so einmaligen und reizvollen Insel…  was nur wenigen bekannt ist, Ruhe und Entspannung finden würde,- sie liebte die Natur. Aber sagen Sie“, unterbrach sie sich, „was ist mit Basco?  Es ist doch jetzt keiner da, der sich um ihn kümmert.“

    „Ist das der Schäferhund Ihrer Tochter?“

    „Ja.“

    „Er hat uns durch sein auffälliges Verhalten zu Ihrer Tochter geführt“, sagte Kerkoff und dann erzählte er von dem Telefonanruf einer Nachbarin beim Revier und wie er ihnen bei ihrer Ankunft durch sein Kratzen an der Haustür zu verstehen gegeben hatte, die Tür zu öffnen und wie er sie hinauf ins Schlafzimmer geführt hatte und sie dann dort ihre Tochter gefunden hätten. Er erzählte auch, dass er erst nach einer Beruhigungsspritze durch einen herbeigerufenen Tierarzt von der Toten weggeführt werden konnte,- er befände sich im Tierheim.  

    „Es ist gut dass Sie das sagen,- ich werde ihn gleich morgen früh zu mir holen. Im Tierheim würde er zu Grunde gehen…  er hat sehr an unserer Tochter gehangen. Hier kommt er wenigstens in eine vertraute Umgebung, da wird er die Trennung vielleicht leichter überwinden..“

    „Sie sprachen vorhin von einem Verdacht und nannten in dem Zusammenhang einen Namen…  Lorenz, nicht wahr?“

    „Ja, Lorenz Brantner.“

    „Warum haben Sie ihn Verdacht – woher kennen Sie ihn?“

    „Meine Tochter lernte ihn auf Sardinien kennen – sie hatte einen Unfall. Als wir ihr den Urlaub im vergangenen Sommer schenkten, wussten wir nicht, dass gerade in den Sommermonaten der gefürchtete Scirocco sehr aktiv – ja, verheerend sein, der Menschen und Tiere nahe in den Wahnsinn treiben kann“.

    „Ja, ich weiß, es ist ein ausgesprochen heißer Südwind, der Sturmstärke erreichen kann und der außerdem auch eine unerträglich hohe Luftfeuchtigkeit erzeugt.“

    „In einen solchen Sturm ist unsere Tochter geraten. Sie war mit ihrem Leihwagen in einem der Naturreservate unterwegs – es muss auf einer Hochebene gelegen haben, wie sie uns schilderte, als ihr plötzlich die Sicht durch eine Sandwolke genommen wurde und sie in den Straßengraben rutschte. Sie hatte versucht auszusteigen, aber der Saharasand peitschte ihr wie mit tausend Nadeln ins Gesicht, dass sie in dem schief hängenden Wagen weiter Schutz suchte.

    Plötzlich klopfte jemand gegen die Scheibe. Erschrocken blickte sie auf. Draußen stand ein Mann, der ihr Zeichen gab, das Fenster herunter zu lassen. Sie öffnete es einen Spalt und hörte ihn etwas auf Italienisch sagen. Da sie kein Italienisch sprach, fragte sie ihn, ob er Deutsch oder Englisch spräche – da stellte sich heraus, dass er ein Deutscher war. Er bot ihr an, zu ihm in den Wagen zu steigen und er wolle sie für die Nacht in ein Restaurant bringen. Am nächsten Tag, wenn der Sturm vorüber sei, würde er dafür sorgen, dass ihr Wagen aus dem Graben gezogen würde.

    Sie fanden dann auch in dem nächsten Ort ein Restaurant, in dem sie übernachtete. Auch Brantner sei wegen des Sandsturms nicht weitergefahren und habe ebenfalls dort übernachtet, nachdem sie beide gemeinsam zu Abend gegessen und sich anschließend bei einem Glas Wein noch eine Weile unterhalten hätten. Myriam beschrieb ihn damals als einen gut aussehenden, sympathischen und – dabei lachte sie, als sie uns da erzählte -  als einen redegewandten Mittdreißiger.

    Nach dem Frühstück am nächsten Morgen, nachdem der Scirocco sich weitestgehend beruhigt hatte, fuhr er mit Myriam zu ihrem Wagen und zog ihn mit seinem Abschleppseil aus dem Graben,- ihr Wagen hatte zum Glück keinen Schaden genommen.“

    „Ihren Schilderungen nach hat sich der Kontakt also fortgesetzt. Wie kam diese Fortsetzung nach Beendigung des Urlaubs Ihrer Tochter zustande?“

    „Wenige Tage nach diesem Unfall ging ihr Urlaub zu Ende. Den Abend vorher hatten sie sich noch einmal getroffen – er hatte sie zu einem Abendessen eingeladen. Zum Schluss tauschten sie ihre Telefonnummern aus und er hatte den Wunsch geäußert, sie einmal in Frankfurt besuchen zu dürfen,- zu der Zeit war Myriam noch nicht dagegen eingestimmt.“

    „Wo wohnt dieser Brantner, können Sie mir seine Adresse nennen? Für unsere Ermittlungen wird das von entscheidender Bedeutung sein.“

    „Ich weiß nur, dass er in Hanau wohnt, mehr weiß ich leider nicht.“

    „Gibt es vielleicht einen Schriftverkehr zwischen Ihrer Tochter und ihm, durch den man die Adresse erfahren könnte?“

    „So viel ich weiß, haben sie nur miteinander telefoniert.“

    „Das macht nichts,- die Adresse herauszubekommen ist kein Problem. Was mich noch interessiert: Haben Sie persönlich Brantner kennengelernt?“

    „Nein.“ Frau Burkardt überlegte einen Moment, dann sagte sie etwas zögernd: „Jetzt, wo Sie das ansprechen, da fällt mir ein, dass wir – mein Mann und ich – es uns zu Beginn gewünscht hätten, ihn kennenzulernen,- wir hätten uns eine neue, ernste Bekanntschaft für unsere Tochter gerne gewünscht nach ihrer überstandenen Enttäuschung. Aber dann… dann wurde alles anders“, fügte sie hinzu und Kerkoff spürte die Enttäuschung und unverkennbare Wut -, ja Hass, der aus ihren Worten sprach.   

    Kerkoff zögerte einen Moment, bevor er eine Bitte an sie äußerte,- er sagte: 

    „Ich kann sehr gut nachempfinden, wie schmerzlich die Erinnerungen für Sie sind, daher würde ich Sie gerne mit einer Bitte verschonen,  aber für unsere Ermittlungsarbeit ist es immens wichtig, so viel Informationen wie möglich und vor allem auch so rasch wie möglich zu erhalten, desto höher sind die Erfolgschancen, den Tathergang – er vermied bewusst das Wort ‘Fall‘ – aufzuklären. Können Sie mir schildern, worauf Ihr Verdacht beruht, dass Brantner diese Tat begangen haben soll?“

    Es dauerte eine Weile, bis Frau Burkardt antwortete…  etwas schleppend fand sie ihre Worte:

    „Ja, aber Ich kann Ihnen nur das wiedergeben, was uns unsere Tochter gesagt hat und unseren Eindruck, den sie uns vermittelte. Zu Beginn, ja, da schien es wie eine dieses Mal positive Schicksalswende in ihrem Leben zu werden, was wir ihr so sehr gewünscht hatten. Doch bald schon gab es die ersten Wermutstropfen, da nämlich, als sie nach ihrem zweiten Besuch bei ihm zu uns kam und sich über seine unerträgliche, dominierende Art beklagte. Ich weiß noch wie sie erbost sagte: ‘Wir sind doch hier nicht im Orient, wo sich die Frauen nach den Willen der Männer zu richten haben. Das lasse ich mir nicht bieten‘. Wir haben an dem Abend noch lange über den Fall diskutiert, auf jeden Fall wollte unsere Tochter die Bekanntschaft umgehend beenden, was uns allen am sinnvollsten erschien…  aber er gab keine Ruhe. Und es kam noch was hinzu: Er mochte keine Hunde. Als er Myriam besuchte, musste sie Basco in ein anderes Zimmer sperren. Als sie ihn das zweite…  es war das letzte Mal  besuchte, hätte er sogar verlangt, das Vieh abzuschaffen, sie stänken und machten Dreck. Allein dieses Verlangen…  diese Einstellung zu Hunden, war für unsere Tochter Grund genug, die Bekanntschaft zu beenden – sie hätte sich nie freiwillig von Basco getrennt. Da fällt mir in dem Zusammenhang noch etwas ein, das Sie wissen sollten, weil es meiner Meinung nach in sehr eindeutiger Weise den Charakter dieses Mannes wiederspiegelt: Obwohl unsere Tochter ihm unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie die Bekanntschaft für beendet betrachte, traktierte er sie immer wieder mit seinen Telefonanrufen,- auch nachts. Und dann stand er eines Tages unangemeldet vor ihrer Tür,- es war vor etwa drei oder vier Wochen. Unsere Tochter brachte es nicht fertig, ihn vor der Tür stehen zu lassen und bat ihn herein…  was sie sehr bereute. Myriam erzählte uns am nächsten Tag noch völlig aufgelöst, was passiert war: Als sie Brantner herein ließ, kam Basco aus ihrem Arbeitszimmer – die Tür hatte offen gestanden. Myriam sagte, so hätte sie Basco noch nie erlebt: Er stand plötzlich knurrend und Zähne fletschend mit gesträubtem Nackenhaar vor Brantner und versperrte ihm den Weg – der stand nur da wie erstarrt und traute sich nicht vom Fleck, erst nachdem es Myriam gelungen war, Basco zurück in ihr Arbeitszimmer zu ziehen und die Tür zu schließen, konnte sie Brantner ins Wohnzimmer führen...  und dann passierte das Furchtbare:

    Myriam hatte auf sein Bitten hin für sie beide Kaffe bereitet. In dem Moment, als sie das Tablett mit dem Kaffee und dem Kaffeegeschirr auf dem Couchtisch abgestellt hatte, ergriff er sie von hinten und zerrte sie auf die Couch. Mit der einen Hand drückte er ihren Hals nach unten und mit der anderen riss er ihr die Bluse herunter. Myriam sagte, sie sei entsetzt gewesen über seinen plötzlich entstellten Blick – er ist irre, sei ihr in diesem Moment durch den Kopf gegangen. Im ersten Moment sei sie durch den Schock wie gelähmt gewesen, schilderte sie, dann habe sie versucht, sich zu wehren und sie habe das getan, was sie sich immer vorgenommen hätte, wenn sie einmal in eine ähnliche Situation geraten würde: Im passenden Augenblick stieß sie ihm mit den ausgestreckten Zeige- und Mittelfingern der rechten Hand mit Wucht gegen den Hals. Er hätte aufgeschrien und sei zurückgetaumelt und habe dabei ihren Hals freigegeben. In dem Moment stieß sie ihn noch weiter zurück und es sei ihr gelungen, aufzuspringen. Ehe er weiter reagieren konnte, habe sie Basco geholt  - an seinem Halsband sei sie mit ihm zurück ins Wohnzimmer gegangen. Dort habe Brantner vor der Couch gestanden und sich den Hals gehalten, dabei habe sie kurz an ihm eine Blutspur bemerkt. Myriam sagte, Basco müsse gespürt haben, dass von Brantner eine Gefahr ausgehe,- der Hund habe sich wie toll gebärdet, und wenn sie ihn nicht mit aller Kraft am Halsband zurückgehalten hätte, er hätte Brantner zerfleischt. Überrascht sei sie aber dann doch gewesen, dass Basco auf ihr Kommando hin sofort ruhig gewesen sei und sie Brantner auffordern konnte, die Wohnung sofort zu verlassen und sich nie mehr blicken zu lassen – das nächste Mal würde sie Basco nicht zurückhalten. Voll Hass habe Brantner ihr gedroht, dass würden sie und ihr verdammtes Mistvieh noch bereuen und habe dabei Basco in den Bauch getreten – danach sei Basco kaum noch zu halten gewesen. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass sie sich strafbar machen würde, hätte sie ihn am liebsten losgelassen.

    Nach diesem Vorfall“, endete Frau Burkardt ihre Schilderungen, „hat unsere Tochter nichts mehr von Brantner gehört, trotzdem bin ich  felsenfest davon überzeugt, dass er Myriam ermordet hat.“

    Einen Moment schwiegen sie beide, dann sagte Kerkoff:

    „Ich bin nicht nur beeindruckt, Frau Burkardt, sondern ich danke Ihnen auch für Ihre anschaulichen Schilderungen, vor allem des letzten, furchtbaren Erlebnisses Ihrer Tochter – gerade diese Schilderungen werden für unsere Ermittlungen von großer Bedeutung sein. Da Sie uns dankenswerterweise seinen Namen und seinen Wohnort nennen konnten, wird dies unser erster Ansatzpunkt sein. Wir werden in diesem Fall die Kripo Hanau mit einschalten, um als erstes Untersuchungen vor Ort vornehmen zu lassen, und ich verspreche Ihnen, wenn Brantner der Mörder ist, dann wird er für sein Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden“.

 

Es gab an diesem Abend nichts mehr zu besprechen. Kerkoff ließ sich zum Schluss nur noch von Frau Burkardt bestätigen, dass er sie bei eventuellen Rückfragen noch einmal aufsuchen dürfe, dann verabschiedete er sich.

 

 

Schon zwei Tage nach diesem Gespräch fand aufgrund eines Durchsuchungsbeschlusses durch Staatsanwalt Bresgau vom Landgericht Hanau eine Durchsuchung der Wohnung von Lorenz Brantner mit einem Drogenspürhund statt. Dabei wurde in einem Fach des Wohnzimmerschrankes ein angebrochenes Fläschchen mit Atropin gefunden. Auf Befragung der Beamten, wozu er dies brauche, erklärte er, dass er vor längerer Zeit kurzfristig unter einer Bradykardie – an zu niedriger Herzfrequenz, gelitten habe und er habe das Medikament zur Sicherheit aufbewahrt, falls es noch einmal zu einer Bradykardie kommen würde. Auf Befragung nach Rezept und Name des Arztes gab er an, das Rezept nicht mehr zu besitzen und an den Namen des damals ihn behandelnden Arztes könne er sich nicht mehr erinnern. Auf Erkundigung einer der Beamten, was er am Hals habe, als er das Heftpflaster bemerkte, erklärte Brantner, er habe sich beim Rasieren geschnitten.  Als dann am selben Tag bei Überprüfung seiner Alibiangaben für die Zeit von 22.oo Uhr am 6.9. bis 22.oo Uhr am 7.9. sich keine Übereinstimmung zu seinen Angaben ergaben -  sein angebliches Alibi erwies sich also als wertlos, wurde er noch abends in vorläufige Untersuchungshaft genommen unter dem dringenden Verdacht, Myriam Martell ermordet zu haben.

    Auf Ersuchen der Frankfurt Staatsanwaltschaft wurde er wenige Tage später in die dortige J.V.A. überstellt, da der Fall der Frankfurter Gerichtsbarkeit untersteht. 

 

Im Zuge der weiteren Ermittlungen und bei einem Datenabgleich ungelöster Verbrechen stieß man auf einen Fall, der sich vor elf Monaten in Darmstadt ereignet hatte. Es ging dabei um den ungeklärten Mord an der 24-jährigen Elisabeth Grundner. Die Spuren dieses Verbrechens wiesen die gleichen Symptome auf wie im Falle Myriam Martell. Auch Elisabeth Grundner  lag angekleidet auf dem Bett. Außer den Würgemerkmalen am Hals waren keine weiteren Merkmale äußerer Gewaltanwendung festgestellt worden und es gab keinen Hinweis auf einen Abwehrkampf. Man fand auch hier bei der blutserologischen Untersuchung Spuren von Atropin.

    Die nun sogleich und intensiv eingeleiteten Ermittlungen, zunächst im näheren Bereich der ehemaligen Wohnung von Elisabeth Grundner, konnten zwei Zeuginnen Brantner auf den ihnen vorgezeigten Fotos eindeutig identifizieren.

    Ein der Zeuginnen – Claudia Wernecke – erinnerte sich noch sehr gut an den heftigen und lautstarken Streit in der Wohnung Elisabeth Grundners, die eine Etage über ihrer Wohnung lag,- das sei etwa vier oder fünf Wochen vor ihrem Tod gewesen. Sie erinnere sich deshalb noch so gut an das Gesicht auf den Fotos, weil sie, kurz nachdem es ruhig über ihr geworden war, ihre Wohnung verlassen wollte – sie hatte einen Arzttermin. In dem Moment sei dieser Mann, ohne sie zu beachten, die Treppe heruntergekommen und habe das Haus verlassen. Sie habe das auch damals den Ermittlungsbeamten geschildert, aber sie konnte zu der Zeit ja nur eine Personenbeschreibung abgeben.

    Die zweite Zeugin – Christa Lenner – war eine ehemalige Nachbarin Elisabeth Grundners. Sie erinnere sich noch so gut an diesen Mann, da er auf dem Behindertenparkplatz vor dem Haus geparkt und sie ihn beim Aussteigen darauf hingewiesen habe. Doch er habe nicht darauf reagiert, er habe an der Haustür geschellt und sei dann ins Haus gegangen,- in dem Haus habe Elisabeth Grundner gewohnt. Das sei einige Wochen vor ihrem Tod gewesen.

 

Und dann meldete sich wenige Tage vor dem Hauptprozess eine Ingo Brenzinger aus dem Rheinland-Pfälzischen Neuwied bei dem mit dem Fall betrauten Kommissariat in Frankfurt. Sie schilderte folgendes: Sie habe in der Presse von dem bevorstehenden Prozess gelesen und habe das Gesicht auf dem Bild wiedererkannt. Sie habe diesen Mann auf dem Frankfurter Rosenfest im Palmengarten kennengelernt. Sie hätten das Feuerwerk um 22.oo Uhr abgewartet, dann hätte er ihr angeboten, sie nach Hause zu fahren – sie wohnte damals in Offenbach. Vor dem Haus hätten sie sich verabschiedet, ohne weitere Verabredungen zu treffen, an der sie auch nicht interessiert gewesen sei. Umso überraschter sei sie gewesen, als Brantner – er hätte sich ihr damals unter einem andren Namen vorgestellt, an den sie sich aber nicht mehr erinnern könne, aber sie erkenne ihn auf dem Bild eindeutig wieder – einige Tage später bei ihr aufgetaucht sei; er habe sogar eine Flasche Pfälzer Wein mitgebracht. An dem Abend, schilderte sie weiter, sei er irgendwie verändert gewesen – sie hätte ein merkwürdig ungutes Gefühl gehabt, fand aber damals keine Erklärung dafür. Aber sie könne sich noch gut an die spürbare Erleichterung erinnern, die sie empfunden hatte, als es geschellt habe. Er wollte sie daran hindern zu öffnen, aber sie habe ihm erklärt, das könne nur ihre Tochter sein und sie würde von der Straße das Licht in ihrer Wohnung sehen – es sei auch wirklich ihre Tochter gewesen. Brantner habe sich dann sehr rasch verabschiedet. Heute sei sie davon überzeugt, dass der Besuch ihrer Tochter ihr damals das Leben gerettet habe. Sechs Wochen später sei sie nach Neuwied umgezogen.

    Auf Bitte des Kommissars erklärte sie sich sofort bereit, bei dem bevorstehenden Prozess als Zeugin aussagen zu wollen – die Unkosten würden ihr natürlich ersetzt, sicherte der Kommissar ihr zu.        

 

Und dann kam es am letzten Verhandlungstag zu einer Sensation im Gerichtssaal.

    Nachdem die drei Zeuginnen Claudia Wernecke, Christa Lenner und Ingo Brenzinger  ihre Aussagen gemacht hatten, traf Lorenz Brantner die volle Wucht der Anklage durch Staatsanwalt Sprangenberg, unter der Brantner zum Schluss seinen Mord an Elisabeth Grundner gestand. Er bestritt jedoch nach wie vor, Myriam Martell gekannt zu haben. Die Frage des Staatsanwaltes, ob er den Namen Basco schon mal gehört habe, beantwortete er mit nein.

    Sprangenberg blickte einen Moment schweigend auf den Angeklagten. Ein leises Raunen ging durch die Zuschauerreihen, alle warteten nun auf die weitere Reaktion des Staatsanwaltes – sollte er sich mit der Erklärung Brantners zufrieden geben? Das war kaum anzunehmen,- die meisten der Zuschauer hielten Brantner auch des Mordes an Myriam Martell für schuldig.

    Doch dann sagte Staatsanwalt Sprangenberg:

    „Wachtmeister, holen Sie den Zeugen herein.“

    Sofort sprang der Verteidiger  auf. „Einspruch!“, rief er, „mir ist nichts von einem weiteren Zeugen bekannt.“

    „Nur ein kleinwenig Geduld, Herr Kollege“, sagte Sprangenberg. „Es ist der letzte Zeuge.“

    In dem Augenblick erschien die Mutter Myriams…  mit Basco an der Leine. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, Basco selbst hereinzuführen, um durch ihn den Mörder an ihrer Tochter zu überführen - langsam kamen sie näher. Atemlose Spannung herrschte jetzt im Gerichtssaal  - alle spürten, dass der dramatische Höhepunkt dieses Prozesses gekommen war.

    Plötzlich blieb Basco stehen. Die Haltung des Hundes drückte mit einem Mal äußerste Spannung aus. Mit gesträubtem Nackenfell, mit vorgestrecktem Kopf und bedrohlich hochgezogenen Lefzen witterte er laut knurrend in alle Richtungen. Plötzlich riss er sich los, mit wütendem Bellen stürzte er auf Brantner zu, der war aufgesprungen und blickte wie erstarrt auf den Hund. Mit einem gewaltigen Satz sprang Basco ihm an die Kehle…,  doch der Maulkorb hinderte ihn zuzubeißen – Basco hätte den Mann, den er über alles hasste, in seiner rasenden Wut zerfleischt. Nur mit Mühe gelang es Frau Burkardt, das wie außer sich geratene Tier zurückzuziehen und mit ihm den Gerichtssaal zu verlassen.

    Es lässt sich wohl nie klären, ob Basco sich wirklich losgerissen oder ob Frau Burkardt ihn absichtlich losgelassen hatte. –

 

Im Flur brauchte Frau Burkardt dann auch nicht lange auf das Urteil zu warten. Schon nach kurzer Beratung verkündete der Vorsitzende Richter den Angeklagten Lorenz Brantner für schuldig des heimtückischen zweifachen Mordes an Elisabeth Grundner und Myriam Martell – das Urteil lautete wie erwartet: Lebenslänglich.       

Autorennotiz

Ich musste erst 82 Jahre alt werden, bis ich auf die Idee kam, die Erinnerungen meines Lebens einmal niederzuschreiben. Sie waren ursprünglich nur für mich persönlich gedacht, vor allem aber auch deshalb, um meine Zeit einigermaßen sinnvoll zu gestalten, da ich seit einigen Jahren alleine lebte und infolge meiner Gehbehinderung überwiegend an meine Wohnung gebunden bin. Doch statt nur meiner Erinnerungen entstand daraus der recht spannende Tatsachenroman TRILOGIE, der auch bereits veröffentlicht wurde. Mittlerweile habe ich Spaß am Schreiben gefunden, und so konnte ich innerhalb kurzer Zeit die beiden Krimi-Kurzgeschichten Die Drohung und Der letzte Zeuge ins Internet stellen.

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Kurzbeschreibung

Ein außergewöhnlicher Zeuge überführt den Mörder!

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