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Grauzone

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25.12.2018 16:45
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Es war wieder da. Wie aus dem Nichts. 
Schlich sich an mich heran und blieb. 
Die ganze Nacht und darüber hinaus.
Also hielt ich den Atem an. Wissend, dass es von vorne beginnen würde und 
hob den Kopf. Draußen bewegten sich die Schatten der Bäume vor meinen 
Fenstern. Würde ich es heute sehen? 
Ich wusste, dass Neugier ein Paradoxon war.
Zwar hatten wir Menschen diesem Wissensdrang den Fortschritt zu 
verdanken; doch irgendwann wird sie uns mit einem Schlag vernichten. 
Bei mir war es bereits zu spät. 
Vielleicht wäre alles anders geworden, wenn ich diesem inneren Trieb nicht 
nachgegeben hätte? Aber wer weiß das schon?
Anfangs hielt ich es noch für cleverer, einfach so zu tun, als wenn nichts 
wäre. Zog mir die Decke über den Kopf und kniff die Augen fest zusammen. 
Wie lächerlich. Aber ich war ein Kind. 
Schon damals ließ es mich deutlich spüren, dass es keine Möglichkeit zur 
Flucht gab. Und noch heute hallt mir dieser Ton in den Ohren, welcher wie 
ein Lachen klang. Es wartete auf mich. Befürchtete sogar, dass es direkt
vor mir stehen könnte. Nach all den Jahren wurde es immer deutlicher.

Auch ein Kind wurde älter und mutiger. Ich schreckte beispielsweise hoch 
und versuchte, das Überraschungsmoment für mich auszunutzen. Damit 
es sich erschrecken und endlich verschwinden würde. Für immer. 
Aus Fluchtinstinkt wurde Kampfbereitschaft und leitete mich so sehr, dass ich 
befürchtete, den Verstand zu verlieren. Ich wollte wissen, was der Auslöser 
hierfür war. Doch selbst, als ich meine Augen noch so anstrengte; meine 
Ohren noch so spitzte… 
Ich konnte weder sehen, noch hören. 
Aber ich wusste, dass etwas nicht stimmte. 
Ich erzählte niemandem davon. Bis heute.
Immer häufiger offenbarte es sich. Immer seltener ließ es mich in Frieden. 
Zwischen Pubertät und Erwachsenenalter wurde es ganz schlimm.
Sogar wenn ich nicht im Haus war, verfolgte es mich. Überall hin. 
Ich wollte es besiegen und tat dafür alles, was in meiner Macht stand. Und 
jedes verdammte Mal wurde mir gezeigt, wie jämmerlich mein Kampf war. 
Nachts war der Einfluss auf mich am größten. Bis ich, nach zwanzig 
Jahren Quälerei, keine Kraft mehr dagegen aufbringen konnte.

Und so sitze ich nun hier. Zu Hause. 
Saß in meinem dunklen Wohnzimmer, als die Kirchenuhr zwei Mal ertönte.
Ich schaute nicht mehr zum Fenster, sondern nach unten. 
Im Raum unter mir geschahen seltsame Dinge. Es war da drin. 
Fast schon hatte ich mir Sorgen gemacht. Nach all der Zeit fühlte ich eine 
innere Leere, wenn es nicht da war und wünschte mir, es würde schnell 
zurückkehren. Nicht nur, weil mir endlich bewusst geworden war, was es 
eigentlich ist. Auch, wenn ich es nicht sehen konnte.
Ich starrte noch immer auf den Boden. Lauschte den Geräuschen. 
Erinnerte mich dabei an das unaufhörliche Gescharre und Gekratze. Hinzu 
kamen die Sauerei und der Dreck, der an mir kleben würde wie Pech. 
Vorsichtig erhob ich mich vom Sofa. Kaum berührten meine nackten Füße 
die samtig-weiche Oberfläche des Teppichs, vernahm ich irgendwo im Haus 
eine Art Schrei. Danach durchdringendes Knacken. Wie Knochen, die brachen. 
Meine Sinne schärften sich. Ganz behutsam setzte ich einen Fuß vor den 
anderen und blickte ins dunkle Nichts. Meine Augen suchten angestrengt 
nach Umrissen, während ich mich lautlos fortbewegte und die Tür vor mir
öffnete. Meine Beine trugen mich aus dem Wohnzimmer in den schmalen Flur. 
In die Nähe der Kellertreppe, die mich nach unten führen würde. Um mich
herum wurde es immer dunkler. 

Mein Vorhaben wurde von etwas Glänzendem unterbrochen. Mein 
Blick blieb an der Spiegelkommode am Ende des Gangs haften. Im 
schwachen Schein der Straßenbeleuchtung schimmerte etwas auf dem 
Boden. Bedacht bewegte ich mich darauf zu. Hunderte von Splitter verteilten 
sich auf und vor der gesamten Kommode. 
Auf einem noch heilen Spiegelrest konnte man die unscharfen
Konturen von Buchstaben erkennen. Verschmierte Buchstaben, die 
mir einen bestimmten Ort im Haus aufzeigten.  
Sogleich wanderte mein Blick nach oben. Ich lauschte wieder in die Nacht 
hinein. Erneut dieses Geräusch. Ein sich ständig wiederholendes dumpfes 
Schlagen auf Holz, was schon oft an meinen Nerven gezehrt hatte.
Mir war klar, was es wollte: Meine Aufmerksamkeit.
Wie von alleine trugen mich meine Beine zur Treppe. Es hatte keinen Sinn. 
Ich sollte dem Befehl Folge leisten. Die Stufen knarzten unter meinem Ge-
wicht, obwohl ich seit Ewigkeiten nichts mehr zu mir genommen hatte. Den 
Blick nach vorne gerichtet, berührten meine Fingerspitzen die kühle Wand in 
Richtung Obergeschoss. Jede Unebenheit fiel mir auf. Auch die tiefen Kratzer. 
Ich ignorierte dabei den Schmerz in meiner Hand. Kein Wunder.
Sämtliche Nackenhärchen stellten sich aufrecht. Selbst mein größtes Organ 
schien mich nach wie vor warnen zu wollen. Jedoch war es, wie bereits er-
wähnt, zu spät. 
Vor meinen Augen stiegen die Wölkchen meines Atems empor. Mein Puls 
raste, als ich mich der Dachbodenluke näherte. Das dumpfe Geräusch wurde 
immer lauter und dröhnte durch meinen Kopf.

Winzige Körnchen Staub rieselten auf mich herab. Ein ebenso feiner Geruch 
erreichte meine Nasenflügel. Ich atmete tief ein. Sog die Atmosphäre des 
Dachbodens in mich auf, während sich das Schlagen verlangsamte. Natürlich 
war ich mir dessen Bedeutung bewusst. Ich kletterte den Dachbodenaufstieg 
hinauf. Mitten auf der Leiter blieb ich stehen und sah mich um. Wenn 
man es überhaupt umsehen nennen konnte. Ich sah kaum die Hand vor 
Augen. Das Geräusch verstummte und mein Kopf wurde wieder frei. 
Es fröstelte mich. Doch ich musste weiter.
Ich setzte mich wieder in Bewegung und betrat mit wackeligen Beinen 
den Dachboden. Ließ meinen Blick über die weißen Laken schweifen, die alte 
Möbelstücke bedeckten. Alles stand kreuz und quer. Unordentlich und vergessen. Gegenstände aus der Vergangenheit. Zu nichts mehr zu 
gebrauchen, aber immer noch da. Dazwischen konnte man die Schatten einer 
unschönen Vergangenheit durchaus erahnen.
Ein schmaler Weg war frei, der mich zu meinem Ziel führte. Ewig hatte es 
gedauert, um mir alles so zurechtzurücken, dass ich hindurch konnte. Es war 
sehr eng und man musste aufpassen, nicht über die schemenhaften 
Silhouetten zu stolpern. Trotz aller Vorsicht blieb ich mit dem Fuß hängen. 
Für einen Augenblick dachte ich, einer der Schatten hätte nach mir gegriffen. 
Ich zuckte instinktiv zurück. Es war mucksmäuschenstill geworden. So setzte 
ich meinen Weg fort und ging um den letzten, mit Laken bedeckte Etwas 
herum. Mein Ziel war zum Greifen nah. Und für einen Moment genoss ich 
die einsetzende Ruhe. Wohl wissend, dass gleich die Hölle hinter mir 
losbrechen würde. Jahrelang hatte ich davon geträumt. Albträume. 
Der Ablauf war immer derselbe. Nacht für Nacht.
Ich sah in die dunkelste Ecke des Dachbodens. Dort stand er. 
Der Spiegel. 
Risse wie ein Wurzelgeflecht, zierten seine glatte Oberfläche. Er 
musste einmal sehr schön gewesen sein. Doch bald würde er auseinander-
fallen und wäre nicht mehr wert, als der Rest, der hier oben verrottete.
Ich tat es, weil ich es musste und vermied es, mich dabei umzudrehen. Die 
Geräuschkulisse sprach für sich und unter keinen Umständen hätte ich 
diesen Anblick noch einmal ertragen. Fest fixierte ich den Spiegel, der mir 
die Dunkelheit in all seinen Facetten präsentierte. Das, was sich darin 
spiegeln sollte, zeigte er mir nicht. Und dafür war ich ihm unendlich dankbar. 
Vorsichtig hob ich die Hand und berührte die Buchstaben auf dem rissigen 
Glas. Ich fuhr verkrampft darüber. 
Was ich dort hinterlassen würde, wird sich später rau und verkrustet
anfühlen. Eine ganze Weile stand ich vor meinem unsichtbaren Ebenbild 
und schloss die Augen. Ich würde sie so lange geschlossen halten, bis es 
mir erlaubte, zu gehen. 
Schmerz durchströmte meinen Körper. Wieviel Zeit dabei verging, wusste 
ich nicht. Es konnten Minuten, aber auch Stunden gewesen sein. Wartend 
lockerte ich mein Genick, während mein Immunsystem auf Hochtouren 
arbeitete. Ich wartete auf das Zeichen.
Als es wieder still wurde, ging ich. 
Den Weg zurück. An den vergessenen Laken, Möbeln und den Silhouetten 
vorbei. Übelkeit stieg in mir auf. Der Geruch war kaum auszuhalten. 
Jedoch hatte die Gewohnheit den Ekel bereits so gemindert, dass ich mich 
nicht mehr übergeben musste. Meine Beine wurden schneller. Wie froh ich 
doch war, dass der Weg zum Dachbodenabstieg stets frei blieb.

Schwer atmend stützte ich mich an der Wand ab. Schweiß stand mir auf 
der Stirn, den ich mir mit der heilen Hand abwischte. Es tat höllisch weh.
Ich zählte. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Weiter konnte ich nicht. 
Die nächste Zahl wollte mir einfach nicht mehr einfallen. 
Auch mein Hals machte sich bemerkbar. Mein Rachen war schon ganz 
Wund. Das und dieser metallische Geschmack begleiteten die Schmerzen
meiner Hand. 
Ich leckte mir die Lippen ab. Sah nochmals nach oben. Und mit einem 
kräftigen Ruck schloss ich die Dachbodenluke wieder. Kurze Zeit später 
schwankte ich die Treppe hinunter. 
Es rief mich. Erneut überkam mich ein Schwall Übelkeit. Oder war es Ekel?
Automatisch setzte ich wieder einen Fuß vor den anderen. Als ob ich an einer 
unsichtbaren Schnur befestigt wäre. Erneut stand ich vor der zerbersteten 
Spiegelkommode. Rechts davon lauerte die Kellertür. Gescharre und 
Gekratze lärmte von unten. 
Die schwachen Konturen der Stufen konnte ich kaum erkennen, als ich 
hinunterstieg. Das brauchte ich auch nicht, denn ich kannte sie auswendig. 
Jeden Zentimeter. Während sich meine Muskeln immer mehr verspannten, 
erinnerte ich mich an ein Zitat. Ein Zitat meiner, bereits vor sehr langer Zeit, 
verstorbenen Nachbarin: 
»Nur die Angst lässt dich wirklich sehen.« 
Der Schmerz ließ langsam nach. 
Mit festem Griff umklammerte ich das alte Geländer. Mein Brustkorb hob 
sich immer schneller. Das unangenehme Gefühl im Nacken war ebenfalls 
wieder da. Das einzige, was aufhörte, waren die Geräusche. 
Das kühle Licht des Mondes schien bläulich durch das kleine Kellerfenster, 
als meine Zehen den eisigen Fliesenboden berührten. Wieder einmal brach 
mir der kalte Schweiß aus. Es war widerlich. Und doch hatte ich es akzeptiert. 
Weil mir keine andere Wahl blieb. Zu meinem eigenen Schutz.
Keine Bücher oder Filme hatten mir je etwas Derartiges gezeigt. 
Ich musste es tun. Denn sonst würden noch viel schlimmere Dinge geschehen.
Unruhig hetzten meine Augen von einem Umriss zum anderen. Meine Zähne 
fest aufeinandergepresst, blieb ich stehen. Die Bilder wurden immer deutlicher. 
Es waren meine Werke. Und für mein Gehirn sah es so aus, als veränderten 
sie sich ständig. So wie diese verdammten Rohrschach-Tests. Jedes Mal, wenn 
ich blinzelte. Ich näherte mich den dunklen Flecken. 
Scheiße!, dachte ich und hielt mir die Augen zu. Bis ich begann, bunte 
Bildchen zu sehen. Abermals wehte mir ein widerlicher Geruch in die Nase.  
Ich ignorierte es und setzte meinen Weg fort, bis ich endlich vor ihr stand. 
Dort wo ich hinein musste. Es wartete da drin. 
Ich erinnerte mich an all die Jahre, in denen ich kein Auge zutun konnte. An 
all die Albträume und Ängste vor dem Unbekannten. Erneut knackte ich laut 
mit meinem Genick. Dann glitt mein Blick zum Türbeschlag. Ich wartete ab, 
ob sie sich, wie von Geisterhand, selbst öffnen würde. Es tat sich jedoch nichts 
dergleichen. Und so berührte ich die Klinke kurz mit dem Finger. Zog ihn 
jedoch schnell wieder zurück. Ich atmete unregelmäßig; zittrig wie meine 
Hand. Abermals ein prüfender Blick zurück zum Treppenaufgang. 
Es war überall. 

Ich vermisste das leise Quietschen der Türscharniere, als ich die Tür aufstieß. 
Der Gestank raubte mir dieses Mal fast vollständig den Atem. Aus der linken 
Ecke hörte ich einen undefinierbaren Laut. Herrisch blickte ich in jene 
Richtung. Augenblicklich wurde es still. 
Es tat gut zu wissen, dass auch andere Angst hatten. 
Hier erhellten nur fünf kleine Grablichter den Raum. Mit ruhigen Schritten 
bahnte ich mir den Weg zu meinem rötlich schimmernden Ziel. Ich musste 
zur Mitte gelangen. Es war ganz einfach. Dort angekommen, kniete ich mich 
hin und riss es an mich. Es war zwar schlaff, dennoch wehrte es sich. 
Ich riss fester. Ein hysterischer Schrei entfloh meiner Kehle und ein lautes 
Knacken ertönte. Abrupt hielt ich inne und lauschte dem Geräusch von 
Schritten. 
Als ich die Augen schloss, sah ich ein Bild vor mir. Es brannte sich in meinen 
Kopf. Vorsichtig erhob ich mich und schmiss das abgerissene Etwas in die 
Ecke. Zu all den anderen.
Von oben war ein Kratzen zu hören. Das bedeutete noch mehr Kratzer in 
den Wänden, die ich würde erfühlen können. Erneut benetzte ich meine 
Lippen mit der Zunge und wischte mir meine schmutzigen Hände an 
meiner Hose ab. Von Neuem schloss ich die Augen und fühlte in mich 
hinein. Voller Energie und trotz des Gestanks wünschte ich mir, es öfter 
tun zu können. Es war unvergleichlich. Mein Blut strömte wie kochendes 
Lava durch meinen Körper. Es kribbelte überall. Dabei beugte ich mich 
nach vorne. Kurz davor, mich zu übergeben. Meine feuchten Hände 
wanderten zu meinem Gesicht und vergruben es darin.
Tränen tropften auf die klebrigen Fliesen. Dieses Mal waren es meine.

Als ich kurze Zeit später wieder die nassen Augen öffnete, stand ich vor 
meiner Wohnzimmertür. Wie ich hierhergekommen war, wusste ich nicht. 
Ich sagte ja bereits, dass der Ablauf immer derselbe ist.
Mit festem Griff drückte ich die Türklinke hinunter und trat ein. Fast
lautlos schloss ich sie wieder. Vom Dachboden erklangen wieder die 
altbekannten Geräusche. 
Adrenalin strömte noch immer durch meinen gesamten Körper. Auch hier 
war es stockfinster. Ich hasste das Licht. Konturen reichten mir aus. 
Deshalb brauchte ich auch meine Brille nicht mehr. Sie lag im 
Schlafzimmer und war in Sicherheit. In Sicherheit vor dem Bösen.
Es war hier. Hier bei mir. Hinter mir. Vor mir. Neben mir. In mir.
Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel nach oben bewegten. 
Ohne, dass ich es wollte. Ich hatte es noch nie gewollt. Aber 
es war da. Schon seit frühester Kindheit. Und so streifte ich mir 
die verdreckten Klamotten vom Leib. 
Für eine ganz besondere Person. 
Sie wartete tagsüber auf mich, bis ich nachts zu ihr kommen 
konnte. Ich sah sie. Direkt vor mir. War mir nur nicht sicher, ob 
sie mich auch sah. Friedlich saß sie auf dem Sofa und lauschte 
der Kirchenuhr. Mitleidig sah ich sie an und fühlte, dass sie 
mich mehr brauchte, als je zuvor.

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Ohayos Profilbild Ohayo

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Kurzbeschreibung

Nachts ist die Macht über dich am größten. Es lässt dich nicht in Ruhe. Es greift nach dir. Jagt dich durchs eigene Haus. Seit Jahren. Fügt dir Wunden zu. Physisch sowie psychisch. Resigniert fragst du dich: Wird es jemals enden?