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Larry's Himmel

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8.4.2019 19:22
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

In Gedenken an Tom.

Eine Straßenkreuzung.

Ampeln schalten, Autos fahren, Autos halten.

Alles in Ordnung, bis hier.

Das plötzlich einsetzende Quietschen von Reifen passt nicht zum geregelten Ablauf dieses Ortes, klingt ganz und gar disharmonisch, zwischen leise brummenden Motoren und ihrem sanften Lauterwerden beim Anfahren.

Dann ein Knall. Larry öffnet seine Augen.

Gerade eben schlief er noch, vollkommen entspannt und auf dem Weg zu seiner Ausbildungsabschlussprüfung. Es ist beinahe geschafft. Heute wird ein super Tag, ja. "Celebration" von Kool and the Gang läuft im Radio. Ein schönes Lied. Larry gleitet wieder sanft in seinen Traum zurück.

Da stehen Menschen, sie bilden eine Gasse und sie tanzen und jubeln zur Musik und sie freuen sich. Larry beschreitet die Gasse. Bunte Farbtupfer regnen von oben herab, wie warmer Konfettiregen. Der Hintergrund des Raumes leuchtet in einem cremigen weiß. Es fühlt sich für ihn sehr sicher und geborgen dort an, wie im Inneren eines Eies. Je weiter Larry geht, desto weniger werden die Menschen. Irgendwann lichten sich die Reihen komplett und es ist niemand mehr zu sehen.

Larry bleibt einen Moment lang stehen. Irgendwo rauschen Wellen. Während er seinen Kopf zur Seite dreht, um zu schauen, woher das Rauschen kommt, umschäumt kühle, weiße Gischt seine Füße. Larry blickt nach unten und bemerkt, dass er gar keine Schuhe mehr anhat. Außerdem steht er im nassen Sand, der fühlbar an seinen Sohlen kitzelt und knirscht.

Er blickt wieder hoch und befindet sich plötzlich an einem langen Strand. Die Sonne scheint, am Himmel ziehen ein paar dicke Wolken vorbei und Larry schlendert ein Stück weiter, dem Strandverlauf folgend. Es ist so schön hier, so angenehm und leicht möchte er denken, doch er sieht eine riesige Schildkröte im Sand liegen. Sie hat einen bunten, regenbogenfarbenen Panzer und ein schwarzes Bandana um den Kopf gebunden. Dazu trägt sie eine Sonnenbrille.

Auch die Schildkröte scheint Larry zu bemerken, denn sie neigt ihren Kopf in seine Richtung. Irgendwie bewegt sie dabei auch ihren Mund, so als würde sie etwas kauen, oder sprechen. Larry ist jedoch noch zu weit von ihr entfernt, sodass er sie nicht verstehen kann. Als er näher kommt, kriecht sie ins Wasser und verschwindet im Meer.

Larry bleibt alleine am Strand zurück. Ruhig setzt er sich in den Sand und stellt seine nackten Füße in die ankommenden Wellen. Er ruft der Schildkröte noch einmal hinterher, doch sie schwimmt gelassen davon. Larry blickt noch so lange ihrem leuchtenden Panzer nach, bis er am Horizont verschwindet.

Ein Stück weiter bringt ein alter, bärtiger Seemann, mit leuchtend blauen Augen, sein kleines Boot zu Wasser. Wahrscheinlich muss er wohl schon die ganze Zeit dort gewesen sein. An der Reling seines Bootes entlang sind bunte Luftballons als Fender festgebunden, die jedoch an unterschiedlich langen Schnüren nach oben hängen.

Der Seemann winkt Larry zu und bedeutet ihm, in das Boot zu steigen. Er betritt es, woraufhin sich die Ballonschnüre spannen und beide abheben. In der Ferne setzen Trompeten ein und Tauben fliegen in alle Himmelsrichtungen umher, während sie Daunen und Federn lassen, die in der untergehenden Sonne goldgelb leuchten.

Dann fliegen sie in die Wolkendecke hinein. Larry kann dabei nicht viel sehen, denn alles ist in ein kühles, dichtes Weiß gehüllt. Nach einigen Minuten scheint das Boot langsamer zu fliegen und setzt anschließend mit einem kleinen Rucks irgendwo auf.

Das Weiß der Wolken lichtet sich nach und nach und gibt so den Blick auf einen sauberen, gepflegten Skatepark frei. Erstaunt und fragend schaut Larry den Seemann an. Dieser lächelt zurück und sagt: "Willkommen in deinem Himmel. Du musst nun hier aussteigen."

Vor dem Park steht eine kleine Hütte. Larry nimmt sich eines der Skateboards von der Wand und fährt eine Runde. Er ist nicht der einzige Skater, es sind noch andere Leute mit ihm dort. Groß und klein, alt und jung.

Der Parcours gefällt ihm recht gut. In einiger Entfernung steht eine Halle. Larry fährt zu ihr und rüttelt an der Tür. Sie ist offen, also betritt er sie und befindet sich am Rande einer großen Bühne. Oben sitzen die Ramones und spielen leise ihren Song "Pet Cemetary". Als sie Larry bemerken, machen sie eine kurze Pause. Einer der Musiker spricht ihn an.

Die Band und er reden eine Weile und er darf sich sogar eine der Ersatzgitarren nehmen und mitspielen. Larry freut sich und muss dabei ein Bisschen weinen, deshalb beschließt er, die Halle kurz zu verlassen. Leise und in aller Ruhe nimmt er die Hintertür, über der ein grün leuchtendes Lämpchen mit der Aufschrift "Notausgang" angebracht ist.

Gerade noch seine Tränen trocknend, steht Larry vor einem großen Tresen. Noch sind keine Konzertbesucher da und der Wirt poliert die Gläser. Er grinst Larry freundlich entgegen, wobei er sein Tuch lässig über seine linke Schulter schwingt.

"Moin Larry, schön Dich zu sehen", ruft ihm der Wirt lauthals lachend entgegen.
"Grüß Dich, Dicker", sagt Larry schelmisch lächelnd, während ihm noch ein, zwei Tränchen aus den Augen kullern. Die beiden umarmen und drücken sich. "Was magste denn heute gerne", fragt ihn der Wirt.

"Ein Pils", sagt Larry, während er lachend den Kopf und seine glatten, schwarzen Haare schüttelt und ein Paar Tränen auf den Tresen fallen. "Klar man, gerne", entgegnet ihm der Wirt und schiebt noch nach: "mach dich schon mal in Ruhe frisch, Bierchen kommt gleich und nachher ist Konzert", wobei er lächelnd mit der Hand in Richtung Toilette zeigt.

"Alles klar", sagt Larry irgendwie gut gelaunt, steht von seinem Barhocker auf, geht auf die Toilette und macht sich frisch.

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