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Rote Tränen

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6.10.2017 19:34
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Dies ist nur ein kleines Experiment meinerseits und seit Jahren mein erster Versuch in der High-Fantasy. Eigentlich war sie ursprünglich nur für mich gedacht, doch schaden kann es nicht, sie hier hochzuladen. Vielleicht hält ja einer der werten Leser hilfreiche Tipps oder Verbesserungsvorschläge für meinen Schreibstil bereit?

Ich habe so das Gefühl, es mit dem Ende ein wenig übertrieben zu haben, was meint ihr dazu?

EINS

Mit Schwung sauste das Ende der Spitzhacke auf das schwarze Gestein nieder. Helle Funken stoben auf und ein weiterer Brocken löste sich aus der Wand.

Mit der linken Hand packte der Arbeiter den Stein und warf ihn achtlos hinter sich. Er würde ihn später aufsammeln. Der Mann war von kleiner, aber kräftiger Statur – eine unabdingbare Voraussetzung unter Tage. Sein dunkles Haar trug er kurz geschoren, hatte sich aber wie als Ausgleich einen dichten Bart wachsen lassen, den hier und da rötliche Strähnen durchzogen. Der Schweiß ließ seinen Schopf im Licht der Öllampe, die schräg hinter ihm an der Wand hing und den Stein mit orangefarbenem Licht überzog, glänzen. Sein noch faltenloses Gesicht mit den hellen Augen zeigte deutlich, dass er kaum mehr als zwanzig Lenze erlebt hatte.

Er legte seine Hand wieder an den Stiel des Werkzeugs, hob es - soweit es in dem beengten Gang möglich war - an und schon prallte das spitze Ende wieder gegen die Wand vor ihm.

Nach einigen weiteren Schlägen, die kleinste Gesteinssplitter und Staub nach allen Richtungen fliegen ließen, hörte der junge Mann schließlich Schritte hinter sich.

Die Arbeit für heute war getan. Erschöpft lehnte er die Spitzhacke an die Wand, drehte sich in dem nur einen Schritt breiten Gang um und blickte dem Herannahenden erwartungsvoll entgegen.

„Genug geschuftet für heute, Mort“, rief dieser ihm freundlich zu. Der Angesprochene nickte und wischte sich mit dem Unterarm die Schweißperlen von der Stirn. Die Hitze hier unten im Bergwerk war beinahe unerträglich. Hinzu kam das stundenlange, harte Schuften in fast vollkommener Finsternis und die stickige Enge der in die Eingeweide des Berges getriebenen Kammern und Gänge.

„Danke, Yorrick“, krächzte Mort. Seine Stimme musste sich nach den einsamen Stunden unter Tage erst wieder an das Sprechen gewöhnen. Yorrick nickte, drehte sich um und stapfte wieder davon.

Indes sammelte Mort die Fortschritte seiner heutigen Arbeit in Form von kleinen und größeren Steinen auf und warf sie in einen hölzernen Eimer. Dann nahm er die Lampe von ihrem Haken, hob den Eimer vom Boden und machte sich ebenfalls auf den Weg an die Oberfläche. Beim Gehen knirschten Kiesel unter den schweren Ledersohlen seiner Schuhe. Nach einigen Biegungen gelangte er an den ersten Schacht. Er hängte den Eimer an das Ende einer von einem Flaschenzug herabbaumelnden Schnur, legte die Lampe obenauf und erklomm die in dem Schacht angebrachte Leiter. Der obere Teil des Schachts verschloss sich Morts Blicken, denn der Schein der Funzel reichte nur bis zu den mittleren Streben der Leiter.

Auf halbem Weg hielt er an. Den Berg durchlief plötzlich ein leichtes Rütteln, gefolgt von einem entfernten Grollen, das durch durch die vielen tausend Schritt Stein bis an Morts Ohren drang.

Der Kumpel richtete den Blick nach oben und schloss sie rasch, als ihm eine Ladung Staub entgegen rieselte. Das Geräusch war unverkennbar: erneut war ein Stollen am anderen Ende der Mine zusammengebrochen.

Hoffentlich ist niemand verletzt worden, dachte er besorgt und setzte seinen Weg fort.

Während Mort sich im östlichsten Teil der Mine aufhielt, befand sich der größte Teil der Arbeiter weiter im Westen, in dem der wertvolle Schatz des Berges geborgen wurde: Gold. Dort hatten die Bergleute unter Anweisung der Zwerge, für die sie arbeiteten, breitere Tunnel errichtet, um große Karren für den Transport nutzen zu können.

Morts Aufgabe dagegen bestand nicht im Abbau des teuren Metalls, sondern im Auffinden neuer Vorkommen.

Die Zwerge waren unübertroffen, wenn es um den Bergbau ging. Sie verfügten über einen angeborenen Spürsinn für unterirdische Höhlengänge und konnten Edelsteine und Erze über eine Meile Entfernung im Gestein wahrnehmen, wodurch es ihnen ein Leichtes war, neue Vorkommen unter Tage aufzufinden. Dennoch beschäftigten reiche Zwerge lieber menschliche Arbeiter, denn diesen mangelte es an den zwergischen Eigenschaften und sie waren dadurch von den Minenbesitzern leichter zu kontrollieren. Auch wenn in den wenigen menschlichen Minen, die es in Karbonjea gab, Einstürze keine Seltenheit waren, so hatte die Kunde vom ersten Einsturz in der zwergischen Mine die Arbeiter und die Zwerge überrascht, denn die Minen wurden auf genaueste Anweisungen der Zwerge hin in den Fels getrieben und sollten dadurch so beständig und sicher sein wie die unterirdischen Hallen und Paläste der größten Zwergenreiche.

Mort erreichte den oberen Rand des Schachts und hievte sich darüber. Dann zog er den Eimer an der Schnur nach oben. Er nahm das Gefäß wieder auf und marschierte weiter. Der Boden unter seinen Füßen stieg nun beinahe unmerklich an und so gelangte Mort schließlich in eine große Halle, die deutlich höher als der Schacht gelegen war.

Die Höhle maß gut und gerne fünfzig Schritt in Breite und Länge und es hätte zwei übereinander stehender Männer bedurft, um die Decke zu erreichen. Da sie auf natürlichem Weg entstanden war, reckten sich hier und dort noch vereinzelte Stalagmiten wie steinerne Blumen in die Höhe. Die ganze Höhle war erfüllt vom lauten Stimmengewirr dutzender Arbeiter, die ihre Tagewerk für heute beendet hatten. Der neuerliche Unfall sorgte für Aufregung unter den Bergmännern, ein Trupp Helfer machte sich gerade auf den Weg in den eingestürzten Stollen.

Morts blaue Augen schweiften über die versammelte Menge, die über die ganze Höhle verteilt war. Einige Männer lehnten trotz des Vorfalls lässig an großen Wagen mit Erzbrocken. Ab und an ertönte ein lautes Lachen aus ihrer Richtung. Andere wiederum hatten sich auf den Boden gesetzt und lehnten mit geschlossenen Augen an der Wand, erschöpft von ihrer Tätigkeit.

Viele der Kumpel waren im gleichen Alter wie Mort; junge Männer, die die gute Bezahlung angelockt und hier gehalten hatte. Allen Arbeitern waren muskulöse Arme und eine auffallend helle Haut eigen – eine Mischung, die jedem Kind im ganzen Land sofort zeigte, womit die Leute ihr tägliches Brot verdienten.

Morts Blick blieb auf Yorrick haften, welcher seinen Freund im selben Augenblick bemerkte und zu ihm eilte. Das blonde Haar wippte dabei auf seinen Schultern auf und ab.

„Hast du es gehört?“, fragte er mit gesenkter Stimme. „Diesmal hat es gleich sechs von den Neuen erwischt.“ Der Unfall machte ihm deutlich zu schaffen, was durchaus verständlich war. Jeden der Bergleute konnte das selbe Unglück ereilen. Ein Risiko, mit dem Mort zu leben gelernt hatte. Dennoch ging auch ihm das Schicksal der verstorbenen nahe.

Mort schüttelte traurig den Kopf. „Das ist nun bereits das dritte Mal. Es scheint beinahe so, als würden Berggeister ihr Unwesen in den Stollen treiben.“

„Die Götter mögen es verhindern!“, sagte Yorrick hastig und vollführte eine Geste, um die von Mort erwähnten bösen Geister fern zu halten. Mort lachte leise. Er hielt nichts von dem Aberglauben seines Freundes. Berggeister waren hinterhältig und gefährlich, doch eine kleine Geste mit der Hand würde sie nicht vertreiben.

Schlagartig kehrte Ruhe ein, als der Suchtruppe zurückkehrte – mit leeren Händen. Sogleich wurden sie von einer kleinen Schar Arbeiter umgeben, die wild durcheinander redeten.

„Sie werden wie immer nichts gefunden haben. Nicht einmal Blut“, prophezeite Mort. Yorrick neben ihm nickte düster. Bisher waren sämtliche Anstrengungen, Leichen oder zumindest Leichenteile der Unglücklichen zu bergen, ohne Erfolg geblieben. Das passte zu den Kreaturen, denen Bergleute in ganz Karbonjea den Namen Felsen- oder Berggeister gegeben hatte.

Mort gähnte. "Komm, lass uns gehen", schlug er vor. „Die Sonne ist bestimmt bereits wieder hinter dem Drachenhorn versunken und ich habe Hunger.“ Wie zur Bestätigung seiner Worte begann sein Magen zu rumoren wie ein wütender Wolf.

Yorrick willigte ein und zusammen mit den meisten anderen Männern begaben sie sich Richtung Ausgang. Gemeinsam stiegen sie die schmal Treppe hinauf, an deren Ende die letzten Strahlen der Sonne warm zu ihnen herunter schien, als wolle sie die mit grauem Steinstaub bedeckten Männer begrüßen. Kurz darauf blickte Mort blinzelnd auf das Tal und die Stadt vor ihm, die sich zwischen die Steilwände, welche das Tal einrahmten, schmiegte und die Mort stolz sein Zuhause nannte: Granitenburg.

Granitenburg war ursprünglich eine von den Zwergen inmitten des Ugayha-Gebirges erbaute Festung. Bis die kleinen Leute in deren Umgebung auf das Gold gestoßen waren. Bald kamen die ersten menschlichen Männer mit ihren Frauen und Kindern, stellten sich in den Dienst der Zwerge und bauten Häuser. Die Stadt wuchs und wuchs, die Zwerge trieben regen Handel mit den Menschen und anderen Völkern. Granitenburg wurde reich und mächtig.

Mittlerweile, mehr als drei Generationen nach der Entdeckung des wertvollen Metalls, zählte Morts Heimat stolze vierzigtausend zwergische und menschliche Einwohner.

Stolz ragten die grauen Steinmauern, die in der Abendsonne einen starken goldenen Glanz ausstrahlten, zehn Schritt in die Höhe und schützten die Nachfahren ihrer Erbauer vor Angreifern, von denen es – den Göttern sei Dank – kaum welche gab. Voller Vorfreude auf ein deftiges Mahl und ein kühles Bier in einer der vielen Schenken der Stadt, begab er sich den kleinen Hang vor ihm hinab, immer darauf achtend, nicht auf einem der Geröllbrocken auszurutschen, die von den Arbeitern all die vielen Jahre hier aufgeschüttet worden waren. Ab und zu löste sich dennoch ein Stein unter den Sohlen eines erschöpften und deshalb unvorsichtigen Arbeiters und kullerte klackernd hinab auf den mit Gras bewachsenen Talboden.

Nach kurzer Zeit erreichte Mort das riesige und weit geöffnete Tor aus schweren und dicken Eichenbalken, welche mit zusätzlichen Eisenbändern versehen worden waren.

Die Wachen oben auf den Zinnen riefen grüßende Worte hinab, während er die Öffnung in der Mauer durchtrat. Diese war mitunter fünf Schritte dick, sodass selbst das stärkste Katapult sie nicht zu zerschlagen vermochte.

Hinter dem zweiten Tor drängten sich die ersten Reihen von Steinhäusern in Morts Blickfeld. Die Behausungen waren meist einstöckig, besaßen kleine Öffnungen, die einen Blick hinaus auf die schlammige Straße erlaubten, und aus dem selben golden schimmernden Stein erbaut, aus welchem ein Großteil des Ugayha-Gebirges bestand. Hier und dort erspähte Mort rauchende Schlote, die von prasselnden Feuerstellen und duftendem Eintopf kündigten. Erneut rumorte sein Bauch und er begab sich deshalb auf direktem Weg zum nächsten Gasthaus.

Als er durch die Holztür trat, schlug ihm ein warmer Wind entgegen. Er trug Tabakrauch, den herben Geruch nach Bier und deftigem Braten mit sich. In der Schenke waren bereits über ein dutzend Männer und auch Frauen versammelt, die sich lautstark unterhielten, Bierkrüge schwenkten und Pfeifen schmauchten – eine Angewohnheit, die sie den Zwergen in der Stadt verdankten. Vertreter des kleinen Volkes entdeckte er jedoch nicht.

„Guten Abend, Wulff“, grüßte Mort den Mann hinter dem Tresen. Der Wirt grinste ihn mit blitzenden Augen an und hob die Hand zum Gruß. Dann drehte er sich um und füllte einen Holzkrug mit goldgelber Flüssigkeit. Mort setzte sich zu einer Gruppe Unbekannter, die sich nicht weiter an seiner Anwesenheit störten, sondern auf ihr Kartenspiel konzentriert waren.

Die Frau des Hauses stellte schon bald darauf eine Schale dampfenden Eintopf und einen Krug Bier auf die schartige Tischplatte und Mort begann hastig zu speisen. Nach seinem Mahl leerte er den Krug in einem Zug, rülpste laut und verließ die Stube wieder, um sich auf den Weg zu seinem Heim zu begeben. Mittlerweile war die Dunkelheit über Granitenburg hereingebrochen und hüllte die Nebenstraßen und kleinen Gassen in graues Zwielicht. Nur die breite Hauptstraße wurde in regelmäßigen Abständen von Laternen erhellt, die ein angenehm warmes Licht ausstrahlten.

Er wollte gerade in eine Gasse abbiegen, da hörte er zu seiner linken einen leisen Pfiff. Mort blieb stehen. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht und schon wurde er mit sanfter Gewalt in eine andere Gasse gezogen.

Keinen Lidschlag später spürte er weiche Lippen auf seinen. Ihre Lippen. Der zierliche Körper, den er nun mit beiden Armen umschlungen hielt, schmiegte sich eng an ihn.

"Ich habe dich vermisst", raunte sie und er ließ von ihr ab, um sie bewundern zu können. Sophia war ihr Name – der schönste Name, den Mort jemals gehört hatte.

Das Licht der Straßenlaterne erhellte mit seinem warmen Schein ihre weichen Gesichtszüge und brachte ihre unfassbar dunklen Augen zum Glänzen. Ein farbloses Leinenkleid verhüllte ihren Körper vor ungewollten Blicken, doch wie durch Zufall hatte sich der oberste Knopf am Kragen gelöst und erlaubte dem Mann einen Blick auf ihre Brüste. Liebevoll strich er über Sophias marmorglatte Wange.

"Ich dich auch."

Sophia war für ihn das, was die Alten der Stadt die Liebe des Lebens nannten. Vor nicht einmal einem Jahr war er ihr auf dem Markt begegnet und ihre Blicke hatten sich getroffen. Seitdem waren seine Gedanken nur noch bei ihr; und ihre Gedanken bei ihm, wie er später erfahren hatte.

Noch waren die beiden Verliebten den ehernen Bund nicht eingegangen, weshalb sie sich nur bei Nacht trafen, da das, was sie taten, außerhalb der Ehe als schändlich empfunden wurde. Doch Sophia und Mort störten sich nicht daran.

Leicht widerwillig löste sich die junge Frau aus seiner Umarmung und lief davon in Richtung seiner Behausung einige Gassen weiter. Mort folgte ihr hastig, doch sie war bereits zwischen den Gebäuden verschwunden.

Die Tür stand offen, als er seine Hütte erreichte und aus dem Inneren flackerte ihm das Licht des Holzfeuers entgegen.

Das Gebäude besaß nur einen Raum, in dem ein Tisch sowie eine Holzbank, ein Kamin und ein Bett standen. Außerdem war neben dem Bett eine kleine Luke eingelassen, die den Weg in den ungenutzten Keller versperrte. Im Kamin prasselte ein kleines Feuer.

Sophia hatte sich bereits zu seiner Lagerstatt begeben und saß mit einem schelmischen Grinsen auf der Kante. Ihr Kleid war ein wenig verrutscht und gab den Blick auf ihre Schulter frei.

Mort schloss die Tür und legte seine Arbeitskleidung ab. Dabei fiel Sophias Blick auf den kleinen grünen Stein, welchen er an einer Kette um den Hals trug und den sie ihm einst als Zeichen ihrer Zuneigung geschenkt hatte.

Mort bemerkte ihren Blick und warf ihr ein Lächeln zu, bevor der Stein wieder unter dem Leinenhemd verschwand, das er überstreifte, bevor er sich zu seiner Liebsten begab.

Eng umschlungen sanken sie nieder. Das Stroh in der Matratze knisterte bei ihren Bewegungen leise. Mort genoss die Wärme und die Nähe zu Sophia, sein Herz begann aus Leidenschaft zu rasen. Bald darauf liebten sie sich im Schein des Feuers und glitten hernach erschöpft in den Schlaf.

ZWEI

Der nächste Morgen brachte Regen und kalten Wind, der Herbst zeigte sich von seiner schlimmsten Seite. Böen fauchten und heulten um die Mauern von Granitenburg, fuhren durch jede Lücke im Mauerwerk der Steinhäuser. Die Granitenburger hatten zum Schutz vor Wind und Wasser die Fensterlöcher mit Lumpen verhangen und ihre Feuer entzündet, sodass über jedem Haus die Schornsteine qualmten.

Die Mine dagegen blieb von dem Unwetter weitestgehend verschont, wenn man von schlammigen Böden und glitschigen Steinen absah.

Mort hatte sich an diesem Morgen besonders schwer getan, sich von seiner liebsten Sophia zu trennen. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl in seinen Eingeweiden gespürt. Doch viel zu schnell war der allmorgendliche Gong ertönt, der die Bergleute zum Marsch in die Mine trieb. Nach einem kräftigen Frühstück war Mort aufgebrochen und hatte sich gegen den Wind stemmend den Hang hinauf gekämpft.

Nun stand er wieder vor der nackten Felswand und versuchte ihr ein weiteres Stück ihres Fleisches abzuringen. Weit konnte es nicht mehr bis zu der von den Zwergen vermuteten Höhle mit weiteren Gold-Vorkommen sein.

Und tatsächlich: nach nur wenigen weiteren Stunden gab der Stein unter der Spitzhacke unvermittelt nach und verschwand in der Dunkelheit dahinter. Aufgeregt setzte Mort noch einige Schläge hinterher, um das Loch zu vergrößern, damit ein erwachsener Mann hindurch gelangen konnte. Eine Weile später beendete er vollkommen seine Arbeit. Die besonderen, von Zwergenhand gefertigten Werkzeuge ermöglichten ihm ein schnelles Vorankommen, da sie unnachahmlich leicht durch den Fels schnitten.

Er nahm die Leuchte und stieg durch die Öffnung.

Gerade wollte er mit seinem zweiten Fuß über die Kante steigen, da rutschte er unglücklich auf einem moosbewachsenen Stein aus und verlor die Lampe. Scheppernd rollte sie davon und erlosch. Dunkelheit umhüllte ihn. Im letzten Moment konnte er sich an einem hervorspringenden Stein festhalten und bewahrte sich somit vor einem Sturz ins Unbekannte.

Mort rief einen Fluch in das Schwarz, der bald darauf als Echo zu ihm zurückkehrte, wie um ihn zu verhöhnen. Vorsichtig ließ er sich auf seine Knie nieder und tastete sich langsam auf dem glitschigen Untergrund voran.

Da er für den Moment seines Sehsinnes beraubt war, nahm er die Geräusche um sich herum deutlicher wahr als sonst. Dem Echo zufolge hatte der gefundene Hohlraum deutlich größere Ausmaße als die Eingangshalle. Regelmäßig tropfte Wasser von der Decke und traf mit einem hellen Ton auf den steinernen Boden. Überdies vernahm er ein leises Rauschen oder Plätschern, wie von einem Bach. Doch zwischen diesen ganzen natürlichen Geräuschen dachte Mort, noch etwas anderes wahrzunehmen: Schritte. Und das Klackern von Steinen, die durch unsichtbare Sohlen aneinandergestoßen wurden. Mort hörte das Blut durch seine Adern rauschen, als sein Herz vor Aufregung schneller schlug. Sollte dort wirklich jemand im Dunkel sein? Suchend schweiften seine Augen umher, ohne jedoch die Dunkelheit durchdringen zu können. Mort beschloss, dass er sich die Schritte nur eingebildet hatte und sein Herzschlag beruhigte sich langsam wieder.

Vorsichtig tastete er sich weiter voran und fand nach einigem Suchen tatsächlich die metallene Lampe wieder. Rasch kramte er Feuerstein und Schlageisen hervor und versuchte, den Docht zum Brennen zu bringen. Finken stoben auf, einige wenige trafen auf die mit Öl getränkte Schnur. Einige weitere Versuche waren notwendig, bis sie sich zur großen Erleichterung des Bergmannes endlich entzündete und den Augen einen Blick auf die eben entdeckte Höhle gewährte.

Das flackernde und doch recht schwache Licht der kleinen Flamme reichte allerdings nicht aus, um sich einen guten Eindruck von ihr zu verschaffen, denn sowohl die Decke als auch der – wie Mort vermutete – größte Teil lagen weiterhin im Dunkeln. Und so beschloss er zunächst in die Eingangshalle zurückzukehren, um sich Unterstützung bei der Erkundung zu beschaffen.

Eine halbe Stunde später kehrte er zurück, begleitet von Yorrick und drei weiteren Arbeitern, alle mit großen Sturmlaternen ausgerüstet. Die Laternen verfügten zusätzlich über eingebaute Spiegel, um ihr Licht möglichst weit in die Finsternis zu schicken. Ohne viele Worte zu wechseln teilten sie sich auf und begannen, die Höhle auszumessen und ausgiebig zu betrachten. Diese besaß, wie von Mort vermutet, gigantische Ausmaße, denn die Arbeiter drangen immer weiter und tiefer ins Unbekannte vor, ohne eine Wand zu erreichen. Und tatsächliche floss durch ihre Mitte ein kleiner Bach, was das Plätschern in der vorigen Schwärze erklärte.

„Das ist unfassbar!“, rief einer der Arbeiter aus. Sein Name war Derrin. Er schwenkte den Lichtstrahl seiner Laterne auf ein längliches steinernes Gebilde am Boden. Es besaß mindestens zehn Schritt Länge, soweit das Mort auf die Entfernung beurteilen konnte. „Sieh sich einer diesen Stalagtiten an! Er muss abgebrochen und herabgestürzt sein. Seid bloß vorsichtig; nicht dass euch so ein Dinge erschlägt“, sprach er seine Warnung aus.

Unterirdische Wunder schön und gut, aber wo bleibt das erwartete Gold?, dachte Mort. Zuletzt befindet sich das Vorkommen am steinernen Firmament, welches so weit über uns ist, dass es sich weiterhin in Dunkelheit hüllt. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lief er bedächtig am Ufer des Baches entlang, den Blick auf den Boden gerichtet und nach kleinsten, glänzenden Erzbröckchen Ausschau haltend. So bemerkte er nicht, dass sich die fünf Männer immer weiter voneinander entfernten bis sie die Lampen der anderen nicht mehr erkennen konnten.

„Ho, wo seid ihr?“, rief Mort, als er das fehlende Licht um sich herum bemerkte. Nur das Echo antwortete ihm. Aus Angst, das Echo könnte einige der Tropfsteine lösen, fiel sein Ruf eher leise aus. Er drehte sich einmal kurz um die eigene Achse und beschloss dann, in die Richtung aufzubrechen, in der er vermutete, Yorrick das letzte Mal gesehen zu haben.

Er wiederholte sein Rufen. Keine Antwort. Dafür vernahm er einen gellenden Schrei, schrill und voller Panik. Morts Blut gefror in seinen Adern. Yorrick? So schnell es ihm der Boden erlaubte, hastete er los, um seinem Freund beizustehen.

Der Lichtstrahl tastete den Boden um ihn herum nach Spuren ab, glitt über die vor Feuchtigkeit glänzenden Wände, und verschwand schließlich im Eingang eines kleinen Tunnels. Mort blieb stehen. Wieder suchte er den Boden ab und fand … Blut. Nicht viel, nur ein kleiner Tropfen auf einigen der grauen Steine. Die Spur führte ganz eindeutig in den Tunnel, als hätte jemand oder Etwas den Verletzten fortgeschleppt. Ich war also doch nicht allein in der Düsternis, kam ihm die schaurige Erkenntnis. Die Sorge um seinen Freund wuchs weiter. Mort war unentschlossen, was er tun sollte. Natürliche Stollen waren, wie alle anderen Höhlengänge unter Tage, nicht ungefährlich, ganz zu schweigen von dem, was dort lauern mochte. Andererseits wollte er Yorrick finden.

Die Angst überwog jedoch und er beschloss, auf die anderen zu warten, die den Schrei seiner Lautstärke wegen ebenfalls vernommen haben mussten. Tatsächlich erschienen sie nur wenige Augenblicke später am Eingang des Ganges, wo sie einen am Boden sitzenden Mort vorfanden.

„Was ist passiert?“, fragte Derrin japsend. Sie mussten gerannt sein. „Wo ist Yorrick?“

Mort richtete sich auf und deutete auf den Gang hinter sich. „Dort hinein. Er hat Blut verloren, seht ihr?“

Der Mann fluchte. Mort erkannte auch in seinen Augen deutlich Angst. „Denkst du, es waren wieder die Berggeister?“

Mort zuckte mit den Schultern. „Das interessiert mich nicht. Wir müssen Yorrick finden, er ist verletzt und braucht vielleicht unsere Hilfe.“

Derrin kratzte sich unschlüssig am kurzen, hellen Bart. „Verdammt, Mort. Wir wissen nicht, was wir finden werden. Und wir sind unbewaffnet. Lass uns Verstärkung holen und dann wieder hierher zurückkehren“, lautete sein Vorschlag. Der andere nickte nur zustimmend. Mort hatte ihn noch nie ein Wort sagen hören. Auch sein Name war ihm unbekannt.

„Macht, was ihr wollt, ich werde der Blutspur folgen“, beschloss er. Gesagt, getan; er verschwand in dem schmalen Tunnel.

Derrin fluchte, dann drehte er sich um stapfte mit dem anderen davon, um Hilfe zu rufen.

Derweil drang Mort immer tiefer in den Tunnel vor und versuchte, sich der aufkeimenden Bilder in seinem Kopf zu erwehren: riesige, furchtbare Monster in dunklen Höhlen, mit leuchtenden Augen, scharfen Krallen und Zähnen. Bald darauf kam er an eine Kreuzung. Unschlüssig blieb er stehen.

Verflucht! Kein Blut weit und breit. Gerade, als er sich der linken Abzweigung zuwandte, drang aus dem rechten Tunnel erneut ein gellender Schrei an sein Ohr. Dieses Mal schon deutlich näher …

Mort wagte nicht, dem Freund Worte entgegenzurufen. Zu sehr bangte er um sein eigenes Leben. Er wollte auf keinen Fall die selben Schmerzen erfahren, die Yorrick zu solchen Ausrufen zwangen.

Der Mann dimmte das Licht der Laterne und löschte sie schließlich ganz, als er ein Leuchten bemerkte, auf das er sich nun langsam zubewegte. Stimmen erklangen, vermischten sich mit Wimmern und anderen, undefinierbaren Geräuschen. Dann wurde es still.

Langsam schlich sich Mort weiter vorwärts. Der Gang führte in eine weitere, kleinere und kreisrunde Kaverne. Sie wurde von zwölf Fackeln an den Wänden erleuchtet. Ringsherum standen Regale, vollgestopft mit Gläsern, Werkzeugen, Büchern. Es roch modrig. Auf der gegenüberliegenden Seite führten drei weitere Öffnungen ins Unbekannte. Genau in der Mitte der Höhle stand ein wichtiger Tisch, auf dem, angekettet an Händen und Füßen, Yorrick lag.

„Yorrick!“, rief Mort leise und eilte zum ihm. Der Blonde hob die Lieder und sah ihn an. Jemand hatte ihn vollständig entkleidet, an seinem Leib klebte getrocknetes Blut. Als er den Minenarbeiter erkannte, fluchte er.

„Mort, was machst du hier?“ Seine Stimme war schwach, er schien benommen. „Mach, dass du hier verschwindest! Bevor sie wieder auftaucht.“

„Wer?“, wollte Mort wissen und machte sich an den Fesseln zu schaffen. Yorricks Hände und Füße waren von merkwürdigen, eisernen Überwürfen bedeckt, die über Drähte mit einer noch absonderlicheren Apparatur verbunden waren, welche über dem Tisch von der Decke der Höhle baumelte. Sie war wie ein umgedrehter Kegel von mindestens zwei Schritt Länge geformt, von nachtschwarzer Farbe und mit merkwürdigen Runen und Zeichen übersät, die schwach glommen. An der nach unten deutenden Spitze war ein Diamant von der Größe einer Walnuss befestigt worden, um den die Drähte eine Art Käfig bildeten. Auch der Edelstein strahlte leicht und pulsierte in regelmäßigen Abständen.

Sie“, wiederholte Yorrick. „Die Zauberin. Sie sucht nach dir, sie will dich haben.“

„Zauberin?“ Erneut sah sich Mort in der Höhle um und wieder blieb sein Blick an der Konstruktion über ihm haften. Und an den leuchtenden Zeichen … Magie. Ihm wurde immer mulmiger zumute. Was war das hier?

Da ertönte aus dem Gang hinter ihm lautes Rumpeln. Ein allzu bekanntes Geräusch.

„Sie hat den Gang einstürzen lassen“, flüsterte Mort.

„Sie kommt. Lauf, rette dich.“

Hastig wandte sich der Mann um und steuerte einen der drei anderen Gänge an. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er wagte nicht, sich umzudrehen. Etwas Gefährliches befand sich hinter ihm, etwas Tödliches. Es schien, als würden unsichtbare Krallen nach ihm greifen und ihn zu noch größerer Eile und noch größeren Schritten anspornen. Seine Laterne hatte er im schnellen Lauf verloren und so rannte er blind den Gang entlang, beide Hände auf die Wände gelegt. Das raue Gestein schabte die Haut von seinen Fingern, doch er spürte es nicht.

Abrupt endete seine Flucht, als er gegen ein unsichtbares Hindernis rannte und sich dabei die Nase brach. Er sank auf seine Knie. Warmes Blut rann ihm über Lippen und Kinn. Dann plötzlich erschien vor ihm ein grelles Licht und er musste geblendet die Augen schließen.

„Sieh sich einer diesen Prachtkerl an“, ertönte eine melodische Stimmer über ihm. „Oh, ich sehe, dieses Mal wird es glücken! Es muss!“

Ein gleißender Blitz und Mort sank bewusstlos zu Boden. Die Zauberin wedelte mit der rechten Hand, und der bewusstlose Mann wurde von unsichtbaren Händen in die Höhe gehoben und zurück in das Laboratorium der Frau getragen.

„Ich bin mir sicher, wir werden viel Spaß haben“, fügte sie ihrem vorigen Ausruf hinzu und das magische Licht erleuchtete für kurze Zeit ihr bösartiges Grinsen, bevor es erlosch und die Dunkelheit zurückkehrte.

DREI

Mort erwachte mit dröhnendem Schädel. Mit leisem Stöhnen schlug er die Augen auf. Er lag auf dem Rücken. Über ihm schwebte die Konstruktion, an der zuvor Yorrick angeschlossen war. Rasch warf er einen Blick auf seine Arme und Beine und bestätigte sich seine schlimmsten Befürchtungen: Er war ein Gefangener. Sein Magen krampfte sich zusammen, die Panik rauschte durch seinen Körper. Wie verrückt begann er, an den eisernen Schlingen zu rütteln, die um seine Handgelenke gelegt worden waren. Das einzige Ergebnis war seine aufgescheuerte Haut. So kam er hier nicht heraus. Mort zwang sich, durchzuatmen und sich zu entspannen. Dann blickte er sich auf der Suche nach etwas Hilfreichem in der Kaverne um, konnte jedoch vorerst nichts finden. Er fluchte. Zu allem Überfluss fingen nun auch noch seine Fingerspitzen, die unter den eisernen Überwürfen verborgen lagen, wie verrückt zu jucken an. Fast so, als säßen Ameisen in den Handschuhen. Das Kribbeln wollte nicht nachlassen und störte ihn bald weit mehr als seine aussichtslose Lage. Er knurrte. Da hörte er Schritte hinter sich, konnte den Kopf allerdings nicht weit genug drehen, um den Neuankömmling zu erblicken.

Eine Frau in dunkelblauem Gewand schob sich in sein Blickfeld und stellte sich an das Fußende der Bank, auf der der Gefangene ruhte. „Oh, schon wach?“, fragte sie munter. „Dann lass mich dir sogleich erklären, aus welchem Grund du hier bist.“ Sie lächelte bezaubernd und breitete ihre Arme aus, als wolle sie Gäste willkommen heißen. „Das hier ist mein bescheidenes Laboratorium. Ein Laboratorium für was, fragst du dich sicherlich? Nun, ich führe Experimente durch. Böse, böse Experimente. Magische Experimente.“ Das Lächeln war einem wahnsinnigen Flackern in ihren Augen gewichen.

„Bitte“, flehte Mort. „Lasst mich frei. Ich habe Euch nichts getan, was wollt Ihr von mir?“

„Wer hat dir erlaubt zu reden?“, brauste sie auf. „Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute mit mir reden. Sie sagen alle dasselbe, ALLE. ‚Bitte, lasst mich frei, Herrin. Ihr tut mir weh. Hört auf, mein Herz herauszuschneiden.‘“, äffte sie die Stimmen nach und lachte. „Und dann schreien sie. Oh, und wie sie schreien. Dieses ewige Herumgejammere nagt an meinen NERVEN.“

Sie hatte sich regelrecht in Rage geredet, doch nun beruhigte sie sich wieder. Mort hielt tatsächlich den Mund, so groß war seine Angst. Die Zauberin kam um den Tisch herum und beugte sich hinab. Sanft fuhr sie ihm mit ihrem Finger über die Wange. „Aber du wirst nicht schreien, oder? Versprich mir, dass du stillhältst, während ich versuche, dich mit Magie zu fluten, um dir das Geschenk der Begabten zu verleihen. Oh, welch Fortschritt es wäre, einem jeden Lebewesen die Gabe der Magie geben zu können! Doch nun, lass uns beginnen, du Bild von einem Mann!“ Ihr hübsches Gesicht hatte einen schwärmerischen Ausdruck angenommen, die Augen leuchteten.

Morts Herz begann zu rasen, er wusste nicht, was auf ihn zukam. Er fürchtete sich und betete stumm zu den Göttern, sie mögen ihm zu Hilfe eilen.

Die Zauberin hob die Arme, sprach ein einsilbiges Wort und schon schlängelte sich blassgrüner Nebel aus ihren Fingerspitzen und fuhr in den Diamanten. Ein Weile passierte nichts, dann begann der Edelstein schneller und schneller zu pulsieren, die Konstruktion erbebte und an den Drähten glitt ein dünner Streif Licht hinab zu Morts Händen und Füßen. Dann begannen die Schmerzen, unvorstellbare Schmerzen. Seine Knochen fühlten sich an wie glühendes Eisen, dass das Fleisch um sie herum zum Brennen brachte.

Und Mort schrie. Dann wurde er erneut ohnmächtig.

 

* * *

 

Als er wieder erwachte, hatte sich nichts verändert. Nicht wirklich. Noch immer (oder schon wieder?) dröhnte sein Schädel, seine Fingerspitzen juckten und er fühlte sich ganz allgemein nicht wohl, was wohl auch daran lag, dass seine Hose feucht war. Er hatte seine Blase nicht mehr halten können.

Kaum merkte die Zauberin, dass er wach war, da beugte sie sich auch schon mit sorgenvoller Miene über ihn und schüttelte tadelnd den Kopf. „Letztendlich schreien wohl alle, was? Du wirst verstehen, dass ich natürlich eine Vorsichtsmaßnahme getroffen habe.“

Mort wollte den Mund öffnen und fragen, was die Wahnsinnige meinte, doch er konnte nicht. Etwas hinderte ihn daran, den Mund zu öffnen und zerrte ganz furchtbar an seinen Lippen. Als er begriff, was sie getan hatte, weiteten sich seine Augen vor entsetzen und er wollte keuchen, doch die Fäden, die sich durch das Fleisch seiner Lippen wanden, hielten diese eisern geschlossen.

„Leider muss ich dir mitteilen, dass mein Versuch – sehr zu meinem eigenen Missfallen – erneut gescheitert ist. Aber“ - sie hob ihren Zeigefinger - „Ich bin zu dem Schluss gelangt, was das Problem sein könnte. Dein Geist.“ Mit dem soeben noch erhobenen Zeigefinger tippte sie gegen seine Stirn. „Es scheint, dass du dich, wie alle Männer vor dir, geistig immer noch gegen die Magie wehrst. Doch keine Sorge, ich habe bereits eine viel versprechende Lösung gefunden.“

Sie deutete auf die andere Seite des Tisches und Morts Kopf fuhr herum. Was er dort sah, ließ das Blut in seinen Adern gefrieren. Auf einem Stuhl, nur einige Schritt von ihm entfernt, saß Sophia. Ihre Arme waren mit einem dicken Seil an die Lehnen gefesselt worden und sie blickte ihn aus vor Angst geweiteten Augen an.

„Mort, was geht hier vor sich?“ Ihre Stimme war schwach, leise.

Mort wollte ihr antworten, doch es ging nicht. Er wollte ihr sagen, dass alles gut werden würde, auch wenn er das Gegenteil befürchtete. Die Zauberin kam um den Tisch herum, stellte sich hinter die Geliebte und legte ihr die schmalen Finger auf die Schultern.

„An deinen Augen sehe ich, dass es die richtige Entscheidung war, sie herzuholen“, richtete sie das Wort an ihren Gefangenen. „Eure Liebe ist stark, das sehe ich. Wenn sie die Barriere in deinem Geist nicht lösen kann, dann ist es hoffnungslos. Doch nun, fangen wir an.“

Sie zückte ein dünnes Messer und rammte es der jungen Frau durch die Hand in die Armlehne. Sophia stieß einen gellenden Schrei aus und Mort wand sich im Angesicht ihrer Schmerzen, doch weder konnte er ihr nicht zu Hilfe eilen, noch einen einzigen Ton von sich geben.

Mit Faszination beobachtete die Magierin, wie sich ihr Gefangener wand, wie er mit weit aufgerissenen Augen die Folterung seiner Geliebten verfolgte. Tränen liefen über seine Wangen und versickerten im dichten Barthaar. Er wollte den Kopf abwenden, doch ein rasch gesprochenes Wort der Magierin hinderte ihn daran, sich zu bewegen. Er spannte seine Muskeln an, wollte sich von seinen Fesseln befreien und Sophia zu Hilfe eilen, doch es half alles nichts. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen, in denen sich unvorstellbare seelische Qualen spiegelten, musste er das grausame Werk der Zauberin mit ansehen.

Sophia schrie, wand sich, bäumte sich auf, um der Folter zu entgehen. Doch irgendwann verstummte sie und ihr Kopf sank auf die Brust. Die Zauberin hatte ihr Herz durchbohrt, Blut quoll aus dem kleinen Loch. Mort sackte in sich zusammen. Der Lebenswille hatte ihn verlassen. Wie hätte er auch weiter leben wollen, jetzt, da all sein Glück bei den Göttern weilte?

Er leistete keinen Widerstand mehr, schluchzte nur noch, sein Körper bebte.

Hass loderte in ihm auf, Hass auf die Zauberin, die so einfach über das Leben seiner unschuldigen Liebe gerichtet hatte, die so viele Männer – Freunde – auf dem Gewissen hatte. Er weinte nicht länger. Seine Augen hatten jeden Glanz verloren.

Achtlos ließ die Zauberin von der Toten ab, das Messer glitt aus ihrer Hand und landete klirrend auf dem nackten Stein. Das Blut glänzte im Schein der Fackeln.

„Nun“, sagte sie erstaunlich leise. „Nun wollen wir sehen, ob du dich noch immer zu wehren vermagst.“ Sie lächelte grausam und stellte sich auf, die Arme hoch erhoben.

Wieder schlängelte sich der Magiestrahl auf das Gerät zu, wieder erbebte es und der Kristall leuchtete heller und heller.

Mort beobachtete, wie sich die Magie näherte. Er nahm kaum wahr, wie sie in ihn fuhr, sich in seinem Körper ausbreitete, von ihm Besitz ergriff. Er hatte jegliches Gefühl für Schmerz verloren, denn er nahm alles nur noch am Rande wahr, als hätte ihn jemand in Watte gebettet.

Er spürte, wie seine Muskeln sich zusammenkrampften, sah, wie sein Körper begann zu leuchten. Er veränderte sich. Sein Körper veränderte sich.

Er blickte hinunter auf seinen rechten Arm, wie er in die Länge wuchs, dicker wurde, wie sich die Finger in die Hand zurückzogen und sich sein Unterarm teilte und zu zwei widerlichen Tentakeln formte, während sein Oberarm zu einem dicken Wulst anschwoll. Einer der Tentakel besaß eine riesige Klaue, der andere war von Dornen übersät. Dann trübte sich sein Sicht und es wurde langsam dunkel um ihn, als seine Augäpfel durch die Energie in ihm vergingen.

Er wusste, dass sein Ende gekommen war. Bald würde er seine Geliebte wiedersehen. Deshalb war ihm egal, was mit ihm geschah. Nur Sophia zählte. Er sah ihr Gesicht vor sich, ihr wunderschönes Gesicht.

Und dann war Mort nicht mehr. Nur der Hass blieb in der leeren Hülle zurück. Seine Seele hatte diesen zurückgelassen und sich auf die Reise zu den Göttern begeben.

VIER

Die Magierin hatte die ganze Zeit still dagestanden und mit begeisterter Miene die Veränderung des Mannes mit angesehen. Sie frohlockte angesichts des Monsters, dass sie erschaffen hatte.

„Es ist getan“, flüsterte sie ehrfurchtsvoll, nachdem sie beobachtet hatte, wie die Magie in den Körper eingedrungen – ihn durchdrungen – hatte. „Ich habe es vollbracht. Ich habe einem lebendigen Wesen das Geschenk der Magie gemacht.“

Sie sah mit an, wie der Mann die Lider schloss und Blut aus den leeren Augenhöhlen floss und sich roten Tränen gleich über sein Gesicht ergossen. Die beiden Tentakel, die einst sein rechter Arm waren, hingen schlaff herab. Der Brustkorb hob sich noch ein letztes Mal, dann bewegte er sich nicht mehr.

Die Zauberin lächelte. „Nun schlafe den ewigen Schlaf“, sagte sie zärtlich. „Es werden noch viele Experimente notwendig sein, bis ich es schaffe, den Körper am Leben zu erhalten, doch mit dir bricht ein neuer Morgen an.“

Noch nie hatte sie so starke Magie gefühlt, der Raum vibrierte von der Macht, die der geschundene Körper ausströmte. Sie wandte sich um und lief zu einem der Schränke. Dann kehrte sie mit einer schmucklosen, weißen Maske zurück und befestigte sie liebevoll auf dem Gesicht des ehemaligen Minenarbeiters.

Da durchlief den toten Körper ein Beben, sie zuckte zurück – und wurde von den Tentakeln aufgespießt. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie es, die schrie. Sie blickte hinunter auf das namenlose Grauen, das sie erschaffen hatte und spürte den Hass. Sie starb unter Schmerzen.

Achtlos warf der Namenlose sie zur Seite, dann krümmte er die Finger der rechten Hand und die Fesseln um Arme und Beine zersprangen.

Ohne jede Eile erhob er sich. Er wandte sich dem verschütteten Ausgang zu, streckte die Hand aus und mit einer ohrenbetäubenden Explosion riss er ein riesiges Loch in den Fels.

Er begab sich auf den Weg an die Oberfläche.

Auf dem Weg den Stollen zurück, durch den einst Mort mit seinen Freunden in die gigantische Höhle gelangt war, begegnete er drei Minenarbeitern, die nicht einmal mehr Zeit hatten zu schreien, bevor sie explodierten.

Der Namenlose setzte seinen Weg fort, ohne innezuhalten. Auf dem Weg durch die Mine tötete er jeden, den er sah. Schreie gellten durch die Gänge.

Dann endlich war er draußen und sah hinunter auf eine Ansammlung von Häusern. Er hob den Kopf wie ein Hund, der eine Fährte aufgenommen hatte und setzte er sich in Bewegung, geradewegs auf die Stadt zu, die ihre Erbauer einst Granitenburg genannt hatten.

Die Wachen sahen ihn kommen, es wurde Alarm geschlagen, Befehle gebrüllt und die Verteidigung in Stellung gebracht. Niemand hatte jemals vorher solch ein Wesen gesehen. Pfeile hagelten auf den Angreifer nieder, doch keiner traf. Alle Geschosse wurden einfach zu Pulver, das der Wind hinfort trug.

Dann war er an der Mauer und riss sie ein, als wäre sie aus Stroh erbaut. Die Soldaten starben schnell, aber schmerzhaft. Die Tentakel des Monster wüteten schlimm unter ihnen, rissen riesige Wunden, stanzten Löcher in Harnische und Körper. Das Blut bemalte die steinernen Wände der Häuser und färbte die weiße Maske des Namenlosen rot.

Immer weiter bewegte er sich auf das Stadtzentrum zu, wo sein Ziel lag: der Palast des Magiers. Jeder, der sich ihm in den Weg stellte, starb. Längst war die Erde matschig vom Blut der Toten, Leichenteile säumten die Straßen. Und niemand vermochte das Monster aufzuhalten.

Eine letzte Legion von Soldaten hatte sich vor den Toren des Palasts versammelt, angeführt von einem Mann mit weiter Robe und einem Mantel, der im aufbrausenden Sturm hinter ihm flatterte.

Der Namenlose legte den Kopf schief und obwohl er keine Augen hatte, sah er alles. Er sah die Angst in den Gesichtern der Männer, sah, dass sie am liebsten geflohen wären. Doch sie blieben.

Der Magier breitete die Arme aus – der Namenlose kannte diese Geste. Noch bevor der Mann ein Wort sagen konnte, war der Schrecken schon über ihm und zerdrückte ihm mit der linken Hand den Schädel, während hinter dem Magier die Reihen der Soldaten einfach starben, ohne dass der Namenlose sie noch einmal eines Blickes gewürdigt hätte.

Dann drehte er sich um, ließ die zerstörte Stadt hinter sich und zog sich in den Berg zurück, in dessen Eingeweiden er erschaffen worden war. Keiner hatte seinen Angriff überlebt.

Nur wenige Tage später gelangten Händler in das Tal und fanden eine bis auf die Grundmauern zerstörte Stadt vor, ohne sich ihren Untergang erklären zu können.

Der namenlose Schrecken blieb für viele hundert Jahre verschwunden, doch er lebte weiter in dem Berg, den die Menschen das Drachenhorn nannten.

Der Hass des einstigen Bergarbeiters hielt ihn am Leben.

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AuctrixMundi
M
Am 26.09.2017 um 10:58 Uhr
Hallo,
*schauer* beim zweiten Kap läuft es einem echt kalt den Rücken hinab! Nach dem ersten fragte ich mich noch, wohin die Reise gehen soll, aber dann ging's auch schon los! Ich mag sehr, wie du die gruselige Atmosphäre der dunklen Höhle beschreibst. Jetzt will ich wissen, wie es weiter geht!
Lg Auctrix
MarcENicollsons Profilbild
MarcENicollson (Autor)Am 26.09.2017 um 12:58 Uhr
Hallo und danke für den Kommentar! Es freut mich natürlich ungemein, dass dir meine kleine Geschichte bis jetzt zusagt. Durch das gute Feedback steigt allerdings auch die Angst vor Enttäuschungen, aber ich gebe mein Bestes.
Genau genommen könnte ich die Kurzgeschichte schon lange fertig haben, aber da ich gerade an meiner Hauptstory in meinem Erstaccount schreibe, zieht sich "Rote Tränen" leider ein wenig :`)

Lg Marc
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Djangos Profilbild
Django Am 18.09.2017 um 0:50 Uhr
Hallo Marc,
tolle Geschichte hast du da geschrieben. Dein Schreibstil gefällt mir auch, alles gut umschrieben, da kann man alles bildlich vor sich sehen. Da hätte ich noch zwei Fragen.
Frage 1: Ist Mort ein Mensch oder ein Zwerg?
Frage 2: Als Überschrift hast du "Eins" geschrieben. Kann ich davon ausgehen, dass noch mehr kommt? (würde mich freuen wenn ja)

MfG
Django
MarcENicollsons Profilbild
MarcENicollson (Autor)Am 18.09.2017 um 10:40 Uhr
Hallo Django,
Erst einmal Danke für die Votes und den netten Kommentar! ^^
Deine Fragen sind echt gut xD
1.: Mort ist ein Mensch; gut, dass du es sagst! Das muss ich unbedingt noch klar machen! Danke für den Hinweis.
2.: ja, da kommt noch mehr, vorraussichtlich noch 2/3 kapitel

Lg

Autor

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Statistik

Kapitel:4
Sätze:388
Wörter:6.939
Zeichen:40.737

Kurzbeschreibung

In der Mine nahe der Stadt Granitenburg gehen seltsame Dinge vor sich. Das bemerkt auch der junge Arbeiter Mort, der das Geheimnis um die verschwundenen Minenarbeiter schon bald lösen wird. Doch dabei gerät er selbst in große Gefahr ...