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Das Mädchen mit den Flügeln

17.05.20 14:15
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Das Mädchen mit den Flügeln

 

Sie strich ihre seidenweichen Flügel glatt und sah sich um. Sie war in diesem Wäldchen endlich alleine. Leise plätscherte das Wasser vom nahen Bächlein her. Das Mädchen erhob sich rasch und folgte dem Geräusch des Baches.

Man hatte sie verstoßen, weil sie sich nicht in die Gemeinschaft einfügen wollte. Sie war anders. Nicht weil sie Flügel hatte. Die Fähigkeit fliegen zu können, hatten alle Menschen ihres Volkes. Nein, weil sie keine Angst hatte und die anderen Kinder immerzu zu waghalsigen Aktionen ermutigte. Ausflüge ins Dunkelland, wo die Drachen herrschten, zum Beispiel. Oder Höhenflüge von den steilen Bergen aus um sich vom Wind tragen zu lassen. Aber das Schlimmste, was Amelie begangen hatte, war, dass sie sterbliche Menschenkinder zu den Vogelmenschen gelockt hatte. Oh, was hatten die Kleinen für Augen gemacht, als sie dieses Volk mit ihren mächtigen wunderschönen schillernden Flügeln gesehen hatten. Sofort wurden Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, die Kinder der flügellosen Sterblichen zurück zur großen Stadt gebracht und mit einem Vergissmichtrank die letzten Stunden gelöscht.

  Nun die Alten des Volkes hatten sich letztendlich dazu entschieden, dass Amelie ihre Gemeinschaft nun endgültig verlassen musste. Ohne einer Chance auf Rückkehr! Sie war doch erst zwölf Jahre alt und von ihrer Familie getrennt! Für immer!

Amelie ließ sich am Bachlauf nieder, hielt die Füße ins kalte Wasser. Was sollte sie nun machen? Zu den flügellosen Menschen auswandern? Amelie fröstelte. Sie hatte bereits unzählige Geschichten von diesem Fußvolk gehört. Vieles. Nicht nur Gutes. An sich kaum was Positives. Ihre Kinder waren nett, neugierig und aufgeschlossen, aber den Erwachsenen verursachte alles Angst. Sie hatten Waffen, grausame Dinger, die töten konnten. Amelie ließ ihren Blick durch die Baumkronen schweifen. Ein schöner warmer Tag, blauer Himmel mit weißen Schäfchenwolken. Amelie atmete durch, als sie ihre Entscheidung getroffen hatte. Sie würde zu den Fußmenschen fliegen und bei ihnen wohnen. Ein sicheres Zuhause. Es konnten doch nicht all diese Geschichten über ihre Gräueltaten wahr sein, oder? Die Alten wollten doch nur, dass die Vogelmenschen mit den Fußmenschen Freundschaft schlossen. Genau. Amelie biss sich auf die Lippen, als sie zur Lichtung schritt, von der aus sie sich in die Lüfte schwingen wollte. Sie hielt inne, sah sich plötzlich furchtsam um. Diese Sache mit dem Naturkundemuseum in der großen Stadt. Ausgestopfte Tiere und –. Amelie lief ein Schauder über den Rücken. Angeblich war schon mal ein Vogelmensch zur großen Stadt geflogen und wollte Freundschaft mit den Fußmenschen schließen, aber er wurde gefangen genommen, grausam gefoltert und nun stand er ausgestopft im Museum. Konnte das stimmen? Aber ihre Freunde, die Fußmenschenkinder Jenny und Jakob, sie würden ihr doch helfen, oder? Nein, der Vergissmich – Trank. Amelie fing zu laufen an. Schnell huschte sie zwischen den Bäumen hindurch, auf die Lichtung zu. Eine Verkleidung! Ja, das war die Lösung. Sie konnte ihre Flügel falten und in ein hübsches Kleid hineinschlüpfen. Niemand würde bemerken, dass sie dem Volk der Vogelmenschen angehörte. Oder sollte sie besser zu den Waldbodenmenschen auswandern? Sie wohnten bei den Drachen im Dunkelland. Unter der Erde. In ewiger Finsternis. Amelie schüttelte entschieden den Kopf. Sie breitete ihre Flügel aus und schwang sich in die Lüfte. Oh, das war ein gutes Gefühl. Hm, sie hatte auf die Wassermenschen im See vergessen, aber dort konnte sie nicht hin. Nein, sie war dem Leben unter Wasser nicht angepasst. Also zu den gewöhnlichen Fußmenschen! Es dämmerte bereits, der Tag ging zu Ende, als Amelie die beleuchtete Skyline der Stadt erblickte. Mit jedem weiteren Flügelschlag, mit dem sie sich der Stadt näherte, wuchs die Sehnsucht zu ihrer Familie zurückkehren zu dürfen. Ihr Mut sank, ihre Zuversicht verschwand und die dunkle finster Angst begann sich in ihrer Seele festzukrallen. Amelie ließ sich auf einem kleinen Feld im Schutz einer Hecke nieder. Sie war noch Kilometer von der Stadt entfernt, aber sie wollte nicht weiter. Bittere Tränen liefen über ihre Wangen. „Mama, Papa“, heulte sie. „Es tut mir so leid! Ich werde nicht mehr Unsinn anstellen.“ 

Sie bemerkte nicht, dass sie nicht mehr alleine war. Die Vögel des Himmels hatten sich um sie herum versammelt und sahen sie neugierig und mitleidig an. Spatzen, Meisen, Feldlerchen, sogar Bussarde, Krähen und Tauben waren angeflogen gekommen. Ein Schwarm Stare mit glänzendem Gefieder flog eine Runde über die Hecke und riefen laut.

„Warum bist du so traurig?“, gurrte eine weiße wunderschöne Taube.

„Ich wurde von meinem Volk verstoßen“, begann Amelie mit gebrochener Stimme.

„So?“, fragte ein Habicht. Er saß auf einem Zweig ober ihr und sah mit seinen Raubvogelaugen auf sie hinunter.

„Das ist ja furchtbar!“, zwitscherte ein Rotschwanz. 

„Du willst doch nicht etwa in diese Menschenstadt gehen?“, fragte eine Krähe und drängte sich vor. 

„Doch, wollte ich“, schluchzte Amelie.

„Aber du gehörst doch den Vogelmenschen an“, meldete sich eine Kohlmeise verwundert zu Wort. 

„Die Fußmenschen verstehen uns nicht“, erklärte ein Kranich. 

„Doch, sie füttern uns!“, rief ein Rotkehlchen.

„Ich suche mir mein Futter selber“, erklärte die kohlrabenschwarze Amsel mit ihrer melodischen Stimme. 

„Folge uns“, meldete sich der Habicht erneut. „Wir bringen dich zurück zu deinen Leuten.“

„Aber ich darf nicht!“

„Unsinn! Wir helfen dir“, gurrte die weiße Taube zuversichtlich. „Zu den Fußmenschen gehst du mir nicht. Ich wurde von ihnen aufgezogen, aber im Grunde hassen sie uns Tauben und sehen uns als Schädlinge.“

„Wirklich?“, fragte Amelie und wischte sich die Tränen von den Wangen.

„Sie töten uns“, murmelte eine Wachtel. „Sie essen uns. Fußmenschen sind wirklich das Letzte.“

Amelie nickte und bemerkte erst jetzt, dass es bereits komplett finster war.

„Heute können wir nicht mehr fliegen, aber morgen zeitlich in der Früh“, erklärte der Habicht streng. „Mach dir keine Sorgen, Vogelmenschenkind. Wir helfen dir. Ruh dich aus.“

Amelie nickte dankbar. All die Vögel ließen sich bei ihr nieder, in Eintracht und Frieden. 

Am nächsten Tag kehrte Amelie begleitet von unzähligen kleinen und großen Vögeln zurück in das Gebiet der Vogelmenschen. Sogar zwei Eulen waren ihre Begleiter. Der Habicht und der Bussard flogen voraus. Hinter ihnen rief ein Falke, dass er auch ein Wort für Amelie einlegen wollte. 

Als Amelie am großen Platz landen wollte, warteten bereits die Vogelmenschen auf ihre Ankunft. Ihre Gesichter waren zornig, ihre Gewänder blutrot, als Zeichen ihrer Wut. Sie breiteten ihre Flügel aus und hoben ab. Amelie erkannte die Gefahr und versuchte an Höhe zu gewinnen und zu fliehen. Aber die Vogelmenschen flogen Kreise um das Mädchen und bewarfen sie mit einer klebrigen Substanz. Amelie fiel es immer schwerer, in der Luft zu bleiben. „Hatten wir nicht gesagt, dass du uns fernbleiben sollst?“, schrie jemand wutentbrannt. „Du wurdest verstoßen!“, rief ein anderer. „Wer nicht hören kann, muss fühlen“, kreischte eine zornige Stimme. Abermals flog ein klebriges Geschoss auf sie zu und trag sie wieder am rechten Flügel. Au, das tat weh! Unter Schmerzen versuchte Amelie in der Luft zu bleiben, aber sie konnte nicht mehr. Sie stürzte ab. Der Boden sprang immer näher auf sie zu, jeden Augenblick erwartete Amelie den Aufprall und somit ihren Tod.

„Was ist los mit dir, mein Schatz?“, fragte Amelies Mutter plötzlich in ihrem Traum. „Es ist Zeit zum Aufstehen. Heute hast du deine dritte Flugstunde, mein Kind.“

Amelie schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um. „Was?“

„Alles in Ordnung, Liebling?“, fragte ihre Mutter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Ich hatte so einen wahnsinnigen Traum“, murmelte das Mädchen, schwang die Beine aus dem Bett und streckte sich. Sie breitete ihre Flügel aus, streckte Arme und Beine. „Flugstunde sagst du?“

„Ja, du weißt schon, der alte Adler möchte dir seine Tricks zeigen.“

„Oh, ja, klar.“ 

„War der Traum so schlimm?“, fragte ihre Mutter einfühlsam.

„Ich hatte gedacht, ich wäre von euch allen verstoßen worden und –.“ Amelie wischte sich die Träne von der Wange.

„So ein Unsinn, mein Liebling“, erklärte ihre Mutter. „Dich verstoßen. Aus welchem Grund?“ 

„Ich habe immerzu meine Freunde dazu verführt, sich in Gefahr zu begeben“, murmelte das Mädchen.

„Du?“ Ihre Mutter musste lächeln. „Meine Tochter, die sich um jeden sorgt? Nein, das war wirklich ein dummer böser Traum.“

„Zum Schluss habt ihr mich alle mit klebrigen Bällen beworfen und ich bin abgestürzt.“

„Ach Amelie. Es war ein Traum“, bemerkte ihre Mutter. „Es ist alles in Ordnung.“ Sie nahm ihre Tochter in die Arme und strich ihr tröstend übers blonde dichte Haar. „Schon gut. Vergiss diesen Unsinn. Denk nicht weiter darüber nach.“

Amelie sah ihrer Mutter lange in die Augen, dann nickte sie, löste sich aus der Umarmung und ging in die Küche. 

 

Eine halbe Stunde später hatte sie den Traum vergessen. Sie war in der Luft, gemeinsam mit dem alten Adler, ihrem Freund. 

 

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Kurzbeschreibung

Ein wahres Fantasyabenteuer. Ein Mädchen aus dem Volk der Flügelmenschen möchte seine eigenen Wege gehen.