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Johann Part I

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8.10.2018 1:45
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Abschätzig wanderten ihre Augenbrauen in die Höhe, als er seine Unterlagen auf den Tisch legte und rückwärts auf die Markierung in der Mitte des Raumes zurückkehrte. Mit spitzen Fingern blätterte Sie durch seine Mappe und atmete dabei hörbar laut durch ihre schmalen Lippen. Nach einem schier endlos scheinenden Moment sah sie über den Rand ihrer Brille, schob die Mappe bis zur Tischkante und faltete ihre schlanken Hände gleich einer Ordensschwester.

„Tut mir leid, aber das ist mir dann doch zu viel Uganda und zu wenig Mitteleuropa. Wir wollen hier Mode verkaufen und keinen Spendenaufruf machen." Ihr Assistent kicherte nervös und tippte fast schon gewaltsam auf das Smartphone in seiner Hand ein. Sein hageres Gesicht glänzte leicht im Schein der Neonröhren und setzte sich so nicht sonderlich von seinem lachsfarbenen Hemd ab. Er konnte kaum älter als achtzehn sein.

„Der Termin mit Ralph für morgen Vormittag wurde soeben von seiner Assistentin bestätigt", verkündete er schließlich stolz und sah ihm dabei einen kurzen Moment in die Augen.

Er aber stand einfach nur da und atmete. Ein. Aus. Ein. Aus. Zwischen Brust und Kopf flogen die ersten Nebelbomben und Leuchtraketen. Ihm wurde schwindelig.

„Was stehst du denn noch so da herum? Nimm deine Mappe und schließ die Tür hinter dir. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit."

„Ich komme nicht aus Uganda."

„Bitte was?" Sichtlich irritiert über den gepressten Ton in seiner Stimme sah sie von ihrem Bildschirm auf.

„Ich komme nicht aus Uganda", wiederholte er noch langsamer als zuvor und fügte schließlich hinzu: „Ich bin Berliner."

„Ach Gottchen, wie theatralisch. Ik bin ein Berliner, oder wie?" Ihr grelles Lachen stach in seinen Ohren. „Komm schon, John Coffey. Du bist genau so wenig ein Deutscher wie Kennedy einer war. Und jetzt Schluss mit diesem Unsinn. Es gibt Menschen, die müssen für ihr Geld arbeiten."

Der kindliche Assistent wieselte hinter ihr hervor, griff blitzschnell nach der Mappe und streckte sie ihm mit einem deutlichen Wink in Richtung Tür am ausgestreckten Arm entgegen.

Wie durch heißen Teer kämpften sich die Signale durch seine Synapsen, um schließlich in den Muskeln seines linken Arms anzukommen. Er würde sich später selbst nicht daran erinnern können, wie er es bis nach Hause in sein Zimmer geschafft hatte.

Schon als er zur Haustür herein gekommen war, drang der fruchtig schwere Duft eines Currys in seine Nase. Seine Mutter stand in der engen Küche und wuchtete eine Schale voll Reis auf den Tisch. Wortlos ertrug er das Krampfen zwischen seinen Rippen und strauchelte die Treppe hinauf. Es war sein fünfter Tag im Hungerstreik. Morgen würde der Sechste sein.

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Sätze:35
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Kurzbeschreibung

Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals. Es ist nicht das erste Mal und es wird nicht das letzte Mal sein. Viele Leute glauben, Rassismus findet nur auf Parteitagungen in Sachsen statt. Johann weiß, dass es anders ist.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Entwicklung auch in den Genres Alltag, Trauriges, Nachdenkliches und Angst gelistet.