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Peter und Hans

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9.11.2018 16:52
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

Autorennotiz

Achtung: Diese Geschichte beinhaltet Tod und Trauer, einen nicht explizit beschriebenen Sterbeprozess, Fatalismus und ein Kriegsszenario. Keine expliziten Gewaltdarstellungen, aber möglicherweise emotional schröpfend.

Diese Geschichte hat nicht den Anspruch historisch absolut korrekt zu sein - was die Lebenserwartung meiner Protagonisten anbelangt, habe ich mir bewusst gewisse Freiheiten genommen.

Peter und Hans

 

Hans kennt Peter schon lange. Sie sind zusammen aufgewachsen. Seit er denken kann, liebt und umsorgt er seinen Kameraden. Doch jetzt sieht er ihn an und weiß, dass er ihn nicht mehr retten kann.

Peter schafft es nicht, aufzustehen. Seine langen Beine versagen ihm den Dienst, er kann nicht mehr. Röchelnd liegt er auf der matschigen, rutschigen Erde, resigniert. Hans sieht seinen Körper regelrecht beben und er fühlt, wie sich dieses Beben allmählich auf ihn selbst überträgt. Seine Hände zittern, als er mit zwei Fingern sanft über Peters Stirn fährt.

Er kann ihm kaum in die Augen sehen und doch zwingt er sich dazu.

Er ist es ihm schuldig.

 

Hans fand Peters Augen schon immer schön. Braun und sanft und gutgläubig. Viel zu vertrauensvoll. Selbst jetzt schaut er ihn auf diese sanfte Weise an, trotz all der Angst, all der Agonie die er in den dunklen Tiefen erkennen kann. Hans sieht sich selbst auf groteske Weise verzerrt wiedergespiegelt in der glänzend gewölbten, von langen Wimpern gerahmten Oberfläche. Sein blasses, schmutziges Gesicht, das klein und kindlich unter dem Stahlhelm aussieht. Seine schmerzverzerrten Züge.

Das Zittern seiner Muskeln verstärkt sich kurz, als er nach seinem Gewehr greift und auf wackeligen Beinen aufsteht, bemüht, nicht sofort im Matsch auszurutschen.

Der Schuss hallt viel zu laut in seinen Ohren wider und als er dieses Mal in Peters Augen sieht, starren sie ihn leblos an, erinnern ihn an Glasmurmeln. Hans bildet sich dennoch ein, darin eine Anklage zu sehen:

 

„Warum hast du mir das angetan? Warum hast du mich in die Hölle geschickt? Ich habe dir vertraut.“

 

Er fühlt sich schuldig, so schuldig, dieses gutmütige, nichts ahnende Geschöpf in eine Umgebung verschleppt zu haben, die schrecklicher nicht sein könnte. In der es nichts als Tod, zermalmte Knochen, den Gestank von Blut gibt. Nichts als ewiges Trommelfeuer und schreckliche, giftige Schwaden gelblich-grünen Rauchs.

Hans befreit das ausgemergelte Pferd von der schweren Kanone, die es Stunden um Stunden bis zur völligen Erschöpfung durch das unswegsame Gelände schleppen musste. Hängt sich die Riemen selbst um und weiß zugleich, dass er das Kriegsgerät niemals wird bewegen können.

Langsam wird er wieder der blassen, abgespannten Gesichter seiner menschlichen Kameraden war. Sie scheinen ihn aus verständnislosen Glasmurmel-Augen anzusehen, beinahe so tot wie Peters.

Hans glotzt zurück. Er macht eine ungelenke, abgehackte Geste mit der Hand, die Peter und die anderen Pferde umfasst, die sich abmühen. Die, die noch laufen können. Doch für wie lange? Er grinst humorlos und sagt:

 

„Sie hatten keine Wahl.“

 

Schweigen, sie begegnen ihn mit Schweigen, mit distanziertem Blick, wenden sich ab. Hans lehnt sich in die Riemen und beginnt zu lachen. Es klingt hohl und falsch, aber es muss heraus. Wahrscheinlich glauben sie, er sei verrückt geworden.

Man hat ihm gesagt, dass er zu Weihnachten wieder siegreich zu Hause sein würde. Aber dieser Krieg will nicht enden und er kennt keine Gewinner. Er kennt nur Verlierer. Sie alle sind Kanonenfutter und seinen lieben, alten Peter hat es nun auch getroffen. Seinen lieben, alten Peter, der ihm blind gefolgt ist, Seite an Seite mit ihm in einem erbarmungslosen Krieg gekämpft hat, in dem er nie hätte kämpfen sollen. In den er einfach nicht gehörte.

 

„Sie können doch nichts dafür!“, heult Hans würgend, als er in die Knie geht, mit seinem Gesicht voran in den Schlamm fällt. Sie können doch alle nichts dafür, sie verstehen es ja gar nicht, können es nicht. Wie auch, es sind ja nur Tiere, was gehen sie die dummen Streitereien der Menschen an?

 

Er versteht es ja selbst nicht. Er will nach Hause, zu Mama und zu Papa und er will Peter mitnehmen, Peter, der ihm in letzter Zeit näher war als jeder andere.

 

Aber Peter liegt im Schlamm, die langen Beine eigentümlich verdreht und abgeknickt, die riesigen, einst schönen Augen blicklos ins Niemandsland starrend.

 

Peter ist tot, an Erschöpfung gestorben und Hans lebt immer noch.

Aber er fühlt sich genauso erschöpft, genauso leblos.

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Autor

Minas Profilbild Mina

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Sätze:44
Wörter:704
Zeichen:4.034

Kurzbeschreibung

1916: Hans weiß, dass Verrat an einem Freund ein schreckliches Verbrechen ist. Und doch hat er sich dieses Verbrechens schuldig gemacht. Peter vertraut ihm blind, schon seit Kindesbeinen. Er glaubt fest daran, dass Hans ihn immer schützen wird. Aber Hans hat ihn geradewegs in die Hölle geschickt, in eine Welt aus Trommelfeuer, Giftgas, Blutgeruch und Tod.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Drama auch in den Genres Krieg, Historik, Trauriges und Freundschaft gelistet.