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Mittagspause

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11.12.2018 17:38
16 Ab 16 Jahren
Heterosexualität
Fertiggestellt

Sie hörte, wie die Tür mit einem kurzen, dumpfen Knall ins Schloss fiel. Vor ihrem inneren Auge blätterte die schon vor Jahren verwitterte weiße Fassade jedes Mal ein bisschen mehr ab, wenn er die Tür so zuschlug. Drei Mal am Tag. Morgens, nachdem er mit den schweren Arbeitsschuhen zuerst an ihrem Zimmer vorbeigelaufen war. 16 Schritte bis zum Klo. Dann die Treppe runter. 12 Schritte. Und dann zur Tür hinaus. Das zweite Mal, wenn er nach seinem Mittagspausenbesuch das Haus verließ und ein letztes Mal, wenn er nach Feierabend nach Hause kam. Das waren – neben den Duschtagen einmal die Woche und den spärlichen zwei Mahlzeiten zur Morgen- und Abenddämmerung – die einzigen Fixpunkte, die ihr unendliches Jetzt in zählbare Erfahrungseinheiten zerschnitten.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie das unscheinbare Einfamilienhaus am Ende der Sackgasse ausgesehen hatte, als sie es damals mehr schleifend als laufend zum ersten Mal betreten hatte. Die Struktur der bräunlich-weißen Fassade, die Randsteine des zu gewucherten Beetes, die wie schiefe Zähne mehr beieinander als nebeneinander standen. Das musste jetzt ungefähr sieben Jahre her sein, genau sagen konnte sie es nicht. Sie hatte das Haus nie wieder verlassen.

In ihren grünen Augen spiegelten sich die Metallstreben vor ihrem Fenster zum Garten. Sie kannte jeden Baum und jeden Stein da draußen in ihrem kleinen Ausschnitt Wirklichkeit. Irgendwann gab sie den Dingen Namen, um sich nicht mehr so allein zu fühlen. Auch wenn „allein" der weit aushaltbarere Zustand war in dieser Raum-Zeit-Konstellation, die sie nicht mehr Leben nennen konnte.

Vor sieben Jahren – oder sechs. Oder acht? – war sie zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Er hatte auf sie gewartet, ihr aufgelauert und sie mitgenommen.

Sie hatte sich in ihrer kindlichen Logik gefragt, ob es an ihren Sommersprossen gelegen hatte. "Dein Gesicht ist etwas ganz Besonderes", hatte ihre Mutter immer gesagt, "und deine Sommersprossen werden der Grund sein, wieso die Männer sich in dich verlieben."

Im ersten Jahr hatte Sie noch ein lautes Warum gefragt und er hatte geantwortet, dass sie wohl einfach Pech gehabt hatte. Er hätte auch jedes andere Mädchen mitgenommen. Darauf war eine Phase des leisen Warums gefolgt, in der sie viel gebetet hatte und einen Gott, an den sie nicht mehr glaubte, um ein Wunder anflehte. Als auch das sie nicht vor seinen täglichen Besuchen in ihrem Zimmer schützte, sank sie in einen tiefen warum-losen See der Stille.

Sie ertrug alles, was er ihr antat, ohne sich zu wehren. Anfangs machte ihn das umso wütender und gewalttätiger. Er brauchte das Gefühl von Macht. Die Ohnmacht seines Opfers. Den Kampf, der beides miteinander verband. Dass sie ihm dieses entscheidende Element mit ihrer nicht-Wehr vorenthielt, hätte sie mehr als einmal fast umgebracht.

Doch es war still und dunkel in ihr geworden und auch, wenn der kleine freche Spatz auf ihrem Fensterbrett ihr fast so etwas wie ein Lächeln abgerungen hätte, sank sie zurück in die Stille, als Sie die Tür ins Schloss fallen hörte. Die Sonne stand hoch über der Ulme am Ende des Gartens. Mittagspause.

 

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Sätze:31
Wörter:526
Zeichen:3.113

Kurzbeschreibung

Wie viel kann ein Mensch ertragen? Wie lang kann eine Mittagspause dauern? Wie laut kann ein Schweigen sein? (*Triggerwarnung zu den Themen M*ssbrauch und G*walt)

Kategorisierung

Diese Story wird neben Drama auch in den Genres Katastrophe, Nachdenkliches, Schmerz & Trost und Angst gelistet.