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Grau in Grau

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23.9.2017 2:22
6 Ab 6 Jahren
Fertiggestellt

Leise drang die Musik an seine Ohren und er schlug die Augen auf.
Alles um ihn herum war dunkel, nicht ein mal ein winziger Strahl Sonne bahnte sich durch den Spalt seiner Gardinen. Ein resigniertes Grummeln kam über seine Lippen und er drehte sich auf die Seite. Die Bettdecke raschelte, die Matratze unter ihm gab nach.

Das Klavierspiel wurde lauter. Und immer trauriger. Es klang wie ein furchtbares Mobile mit Spieluhr für Kleinkinder, das man neben seinem Bett aufgehängt hatte. Viel zu tragisch.

Binnen eines Augenblicks hatte er die Decke beiseite geworfen und war aufgesprungen, nur um mit einem gezielten, kräftigen Schlag auf den Wecker zu hauen.
Er wusste nach all den Jahren zu gut, an welcher Stelle er sich befand. Und jeden Tag fragte er sich aufs Neue, wie seine Mutter ihm nur diese Melodie zumuten konnte.

Vollkommene Stille breitete sich in seinem kleinen Zimmer aus und für einen kurzen Moment genoss er sie, ehe er auch schon die brachialen Schritte auf dem Flur hörte. Beinahe ein manisches Stampfen und er wusste, dass sein Vater in die Küche trampelte, um sich seinen allmorgendlichen Kaffee zu holen.

Mit einem Seufzen stand er auf und befühlte mit den nackten Füßen den Boden, damit er nicht unerwartet über irgendetwas stolperte, was dort herum lag.
Vor seiner Tür waren schnelle Schritte zu hören, eindeutig seine Mutter und schließlich ein schnelles, unbarmherziges Klopfen an seiner Tür.
„Max, mach dich für die Schule fertig!“, dann war sie auch schon wieder weg, um sich selbst in der Küche einen Kaffee zu machen.

Ohne diese schwarze, bittere Brühe schienen die beiden unausstehlich.
Wie diese nervende Melodie seines Weckers.

Der Junge riss die Vorhänge vor seinem Fenster auf und starrte hinaus in die ergraute Welt.

Der Himmel war verhangen mit Wolken. Feiner Nieselregen tropfte gegen sein dreckiges Fenster. Er sah aus, wie silberne Fäden. Auf der anderen Seite war eine hässliche Häuserwand und jedes einzelne Fenster war verhangen mit dunklen Vorhängen, die das gleiche Muster hatten, wie die Teppiche in der Wohnung seiner Oma.

Und wenn er hinunter in den Hof blickte, sah es auch nicht gerade besser aus. Die wenigen Bäume und Sträucher die zwischen dem Asphalt sprossen hatten bereits alle Blätter verloren und zurück blieben ihre kahlen, knorrigen Äste, die sich leicht im Wind wiegten.
Es war menschenleer.

Einfach nur traurig.

Schnell wandte Max den Blick ab, warf sich ein paar frische Klamotten über und marschierte ins Bad, damit er sich einer Katzenwäsche unterziehen und sich die Zähne putzen konnte. Starr blickte er in den Spiegel und dachte bei sich, wie froh er doch sein konnte, seine Brille im Zimmer vergessen zu haben.

Es war nun nicht so, dass er sich für sein Aussehen extrem schämte oder dergleichen, aber viele sagten, er könne mehr aus sich machen.
Allerdings würde er sicherlich nicht in ein Solarium gehen, um seine blasse Haut zu bräunen, oder sich zigtausend teure Produkte kaufen, nur um seine wilden Locken zu bändigen.
Oder Kontaktlinsen, die er auch immer wieder erneuern musste.

Nein, das war alles nichts für ihn.
Und im Grunde fühlte er sich ja auch so wohl, wie er war.

Wie jeden Morgen schnappte er sich von der Ablage das Parfum seines Vaters und drückte exakt zwei Mal auf den kleinen Kopf. Ein frischer Duft, der ihn immer wieder an das Meer erinnerte, an den wunderschönen Italienurlaub, den seine gesamte Familie vor wenigen Jahren gemacht hatte.

Jeder normale Mensch würde bei dieser Erinnerung sicher lächeln. Max jedoch nicht.
Damals hatten sie diesen Urlaub mit seiner kleinen Schwester gemacht.
Jetzt nie wieder.

Auf dem Weg nach unten holte er noch seine Brille, sowie die Schultasche und stoppte wie jeden Tag für einen Moment vor der Tür, die in das Zimmer neben seines führte.

Seine Schwester wäre jetzt vielleicht zehn gewesen.
Sie war immer lebensfroh gewesen, hatte wahnsinnig viel gelacht, gekichert, wenn nicht gar gegackert, furchtbar neugierig und manchmal ebenso nervig.
Wie er hatte sie braune Locken gehabt und blaue Augen.
Sie war ein Schatz. Gewesen.

Schweigend wandte er sich ab und schob die Fäuste tief in seine Hosentaschen.
„Max, geh gerade.“
„Deine Brille ist schief, Junge.“
Während seine Mutter geschäftig durch die Küche eilte und ihm seine Schale Cornflakes förmlich auf den Tisch knallte – manches Mal musste er sich einfach fragen, ob ihr das ganze Koffein überhaupt gut bekam – saß sein Vater seelenruhig an dem mickrigen Küchentisch, versteckt hinter der Tageszeitung.

Als Antwort gab der Junge ein leises Brummen von sich und fummelte ein wenig an seiner Brille herum, bis er selbst meinte, sie würde gerade sitzen, in Wirklichkeit jedoch noch immer ein wenig schief auf seiner Nase hing.

Er konnte seine Mutter genervt stöhnen hören und sie schlug den Kühlschrank zu, ehe sie sich an ihren Mann wandte: „Wenn du von der Arbeit wiederkommst, musst du unbedingt Milch und Kaffeepads mitbringen“
„Hm.“
„Hast du verstanden?“
„Ja doch.“

Max verdrehte die Augen und wurde deswegen auch sofort von seiner Mutter angefahren. Es war beinahe jeden Morgen das Gleiche und es machte einfach keinen Spaß mehr. Kurz wanderten seine Augen zu der Schüssel Cornflakes auf dem Tisch.
Oder eher dem, was noch davon übrig war, denn an jedem Schultag machte seine Mutter dieses Frühstück fertig und bis der junge Mann endlich unten war, handelte es sich nur noch um eine dickflüssige Pampe.

„Ich muss los“, seine gemurmelten Worte gingen in dem Klappern des Bestecks unter, als seine Mutter die Messer zusammensuchte, um seinem alten Herrn ein passendes Frühstück für die Arbeit zu machen.
Brötchen, belegt mit irgendwelchem Gemüse, das er sowieso immer runter pflückte und weg warf.

Einen winzigen Augenblick verharrte Max auf der Stelle, in der leisen Hoffnung, dass man ihn doch noch verabschiedete, ihm einen angenehmen Schultag oder irgendwas wünschte, doch wie jeden Tag ging er leer aus und mit einem leichten Verziehen seines Mundes verließ er die Küche und schließlich mit einem Regenschirm in der Hand die Wohnung.

In dem Treppenhaus war es viel, viel kälter. Jeder seiner Schritte hallte wider. Hinter einer Tür konnte er einen Hund kläffen hören. Und die Katze der Alten im zweiten Stock saß vor deren Tür und starrte ihn an.
Es roch nach Pisse.

Noch bevor er die Milchglastür aufstieß, öffnete er den Regenschirm. Mittlerweile trommelten die Tropfen förmlich gegen die Scheiben und da Herbst war, vermutete er, dass es nicht besser werden würde.
Er schulterte die Schultasche vernünftig und versteckte die freie, nackte Hand in der Tasche seiner schwarzen Regenjacke und zwängte sich schließlich mit offenem Schirm nach draußen.

Auf der niedrigen Stufe hielt er inne, bis die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Der Hof war noch immer menschenleer, doch die Luft war frisch und mit dem Geruch nach Regen geschwängert.
Immer und immer wieder atmete Max tief ein.

So lange, bis er sich vollkommen erfüllt fühlte, bis er alles hinter sich lassen konnte, was in dieser mickrigen Wohnung im sechsten Stock tagtäglich passierte und er sich für die nächsten Minuten keine Sorgen mehr machen musste, bis er in der Schule war.

Langsam bahnte er sich einen Weg über den dunklen, glitschigen Asphalt in Richtung Bushaltestelle und genoss diese beinahe vollkommene Stille um ihn herum. Nur das Prasseln des Regens und das entfernte Rauschen von Autos.
Sein Weg führte ihn an mehreren Hochhäusern vorbei, die im Sommer alle im Grünen lagen, jetzt jedoch nur ein tristes Grau in Grau darboten.
Nicht ein mal das sonst so grelle Gelb des Postboten schien weiter aufzufallen.

Sowieso, je näher er der Bushaltestelle kam, je mehr Menschen ihm entgegen kamen, umso farbloser schien die Welt um ihn herum zu werden. Sie alle trugen tiefstes Schwarz, irgendwelche Grautöne, oder andere farblose Klamotten.
Alles sah so gleich aus.

Auch auf ihren Gesichtern zeigte sich der immer gleiche Ausdruck.
Keine einzige Regung, willenlose Ignoranz und Gleichgültigkeit, Genervtheit darüber, dass es schon wieder regnete, oder das der Bus sich verspätete.
Sie vermieden jeglichen Augenkontakt und hielten zueinander einen Sicherheitsabstand von mindestens einem halben Meter.

Max mogelte sich zwischen die Menge, gut versteckt, damit er auf das warten konnte, worauf er sich an jedem regnerischen Schultag freute. Der kleine Hoffnungsschimmer, der ihm den Tag versüßte und vermutlich auch der einzige Grund, warum er das Haus jeden Tag aufs neue viel zu früh verließ.

Als er das Lachen vernahm blickte er sofort auf und schob sich die Brille zurück auf die Nase. Die Menschen um ihn herum registrierten es nicht ein mal, sie starrten weiter auf ihre Zeitungen und Smartphones, sahen nicht ein mal den bunten Fleck inmitten der grauen Matsche, obwohl er sofort hervor stach.

Das Mädchen mit ihrem Regenbogenschirm und dem knallroten Mantel, dem Rock mit Blumenmuster, der darunter hervor linste und den giftgrünen Gummistiefeln.
Sie sah aus wie die Villa Kunterbunt auf zwei Beinen.

Einige Strähnen ihres braunen Haares, dass genauso wild gelockt war, wie seines, klebten an ihren Wangen. Vermutlich hatte sie den Schirm viel zu spät aufgespannt.
Ihre strahlenden, blauen Augen blickten auf und für einen Moment, der sich für ihn anfühlte, wie eine kleine Ewigkeit trafen sich ihre Blicke.

Ihre roten Lippen öffneten sich langsam und entblößten zwei Reihen perlweißer Zähne. Jeden Morgen lächelte sie ihm zu, voller Unschuld, voller Gefühl und ihre ganze Erscheinung schien zu strahlen.
Es wärmte ihm das Herz und er musste einfach zurück lächeln.
Es war ein kurzer Moment der ihn verzauberte, der ihm all seine Sorgen nahm, der ihn Fliegen ließ, dahintreiben auf einer weichen Wolke.

Manches Mal wäre er ihr zu gerne hinterher und hätte mit ihr gelacht.
Doch im nächsten Moment musste er die Tränen zurückhalten.
Auch wenn diese Fremde ihn jeden Tag zum Lächeln brachte.
Sie erinnerte ihn so sehr an seine Schwester.

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heatherchiis Profilbild heatherchii

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Kurzbeschreibung

Jeder Tag ist gleich. Jeder Tag ist trist und grau. Und er sehnt sich nur nach diesem einen Moment, der es wagt seinen ganzen Tag auf den Kopf zu stellen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Drama auch in den Genres Alltag und Trauriges gelistet.

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