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Kindheitsmelodien

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17.4.2019 16:19
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

I‘m erasing myself from the narrative

- Lin-Manuel Miranda

 

Abends hörte ich mir als kleines Kind immer wieder die gleichen Lieder an. Die gleichen Melodien, jeden Abend. Für mich waren die Lieder ein Tor in eine andere Welt, eine Flucht aus der Realität. Ein Anker, an dem ich mich festhalten konnte. Eine Melodie, eine frühere Lieblingsmelodie, spukt immer noch in meinem Kopf herum. Wie eine Klette hängt sie an meinen Gedanken und lies mich nicht los.

Bis jetzt.

 

Meine erste Erinnerung ist von dem Jahr, als ich in den Kindergarten kam. Ich sitze im Wohnzimmer auf einer Spieldecke, beschäftige mich mit einem neuen Spielzeug. Realisiere nicht wirklich, was um mich herum passiert. Die Sonne scheint durch die Fenster hinter mir und wärmen meinen Rücken. Meine Mutter höre ich aus der Küche nebenan summen und mit den Töpfen klappern. Es ist friedlich, und eine der guten Erinnerungen an meine Kindheit. Bis mein Vater hereinstürmt. Seine Haare fallen ihm ins Gesicht, sein Mund ist verärgert verzogen. Schnellen Schrittes geht er in die Küche, und giftet meine Mutter an. Dass sie sofort das Auto innen gründlich putzen soll. Nicht mehr so laut mit den Töpfen klappern soll, weil das zu viel Aufmerksamkeit erweckt. Am nächsten Morgen, als ich in den Garten zum Spielen gehe, stinkt es bestialisch. Dann sehe ich in der Mülltonne ein Stück Fleisch herausragen. Ob es menschlich oder tierisch ist, kann ich nicht sagen. Es wird nicht mehr darüber geredet.

 

Ich merkte erst Monate nach seinem Verschwinden, dass etwas nicht stimmte. Meine Mutter summt nicht mehr vor sich hin, während sie tänzerisch durch die Wohnung geht. Die Abende, an denen sie mir vorliest, werden weniger und mehr obligatorisch als freiwillig. Ihre höre sie nachts in ihrem Schlafzimmer weinen, doch ich spreche sie nicht darauf an. Das Rätsel blieb in meinem Kopf stecken, wie ein Programm, das im Hintergrund läuft, und erst Jahre später bekam ich die Lösung, die das Programm beenden konnte.

Ich bin 8 Jahre alt. Seit 2 Jahren habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich erinnere mich daran, wie er sich durch die Haare fuhr, die immer lang waren und ihm ins Gesicht hingen, aber ihm nie bis zu den Schultern reichten. Doch sonst sind meine Erinnerung an ihn schwammig. So, als würde ein Nebel sie umschließen, der sich nicht vertreiben lässt. Meine Mutter sitzt eines Abends heulend im Bad, die Tür verschlossen. Will nicht rauskommen. Und geht die nächsten Monate nicht zur Arbeit. Sie verschwindet an manchen Tagen für mehrere Stunden und erzählt mir nicht, wo sie ist. Ich halte fest an dem Traum, mit meinen Eltern zusammen nach England zu fahren und Büchereien anzuschauen, und alte Büchern über den Rücken streichen zu können.

 

Ich bin 10, und die Schule hat gerade wieder angefangen. Meine Schule bietet kostenlosen Musikunterricht, und ich nehme das Cello. Ein paar Monate später kommt eine Melodie automatisch in Finger, übernimmt die Kontrolle über mich. Als ich die Meldoie beim Schulkonzert spiele, fängt meine Mutter an zu weinen. Ein Mann hinten im Raum verlässt den Raum und kommt nicht wieder. Ich schiebe es auf meine schlechten Kenntnisse, auf das Quietschen des Bogens auf den Saiten und dass ich das Cello nicht richtig gestimmt habe.

 

Mein zwölfter Geburtstag kommt und geht. Wir haben immer noch Geldprobleme, da wir von einem Gehalt leben müssen. Ich bekomme einen Schokosahnekuchen zum Geburtstag. Ich frage nach meinem Vater, und als Antwort bekomme ich ein „Das wird sich schon lösen, keine Sorge, mein Liebling.“ Das hübsche Kleid mit den gestickten Blumen, das ich mir gewünscht hatte – für den Unterstufenball – liegt nicht auf dem Geschenketisch. Der Tisch bleibt leer. Eine Woche später kommt das Kleid per Post, und meine Mutter weint.

 

Ich bin 16 Jahre alt, und meine Mutter erzählt mir das erste Mal – freiwillig – von ihrem Ex. Mein Vater. Wie er mir jeden Abend vorsang. Mit ihr nachts tanzte, nur um dann am nächsten Morgen zu fragen, was sie denn zum Essen kochen würde – er hätte ja genug gemacht, jetzt sei sie dran. Wie er verschwand, als ich 6 Jahre alt war, der Kontakt aber anhielt, bis ich 13 war. Und wie ich nach seinem Verschwinden immer wieder die eine Melodie vor mich hin summte, die er am Abend seines Verschwindens mir vorgesungen hatte. Und dann, als ich 6 war, gerade eingeschult, verschwand er. Ein Brief trudelte eine Ewigkeit später ein, meldete, dass mein Vater nun im Gefängnis saß, und keinen Unterhalt zahlen kann – als ob er jemals Unterhalt gezahlt hätte. Meine Mutter legt den Brief ganz hinten in den Kleiderschrank und versucht, ihn zu vergessen.

 

Es ist der Sommer nach meinem 21. Geburtstag. Der Geist meines Vaters spukt immer noch in meinem Kopf herum. Eine Melodie verspinnt sich immer noch in meinem Kopf. Kommt spontan zum Abendessen vorbei. Belästigt mich, wenn ich Abends im Bett liege und nicht einschlafen kann. Ein Nebel legt sich um die Melodie, und sie wird leiser.

 

Jahre vergehen. Der Herbst meines 25. Geburtstags kommt, und ich reise nach Oxford, erfülle mir dadurch einen langersehnten Traum. Als ich vor der Bodleian Library in Oxford, England, stehe, geht vor mir ein etwas älterer Mann vorbei, Arm in Arm mit einer hübschen jungen Frau. Seinen starken deutschen Akzent kann ich bis hier her hören. Seine grauen Haare sind lang, werden von einem Band zusammengehalten. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Seine Nase ist meiner ähnlich. Als er mich sieht, dreht er schnell sein Gesicht weg und geht schnell weiter, als würde er vor mir fliehen. Das ist das letzte Mal, dass ich meinen Vater gesehen habe. Sein Geist verschwindet langsam aus meinen Gedanken.

 

 

Autorennotiz

Eine Kurzgeschichte, die ich erst letztens fertig gestellt habe. Ich würde mich über Kritik freuen, da ich sie gerne verbessern will - und da schadet ein Blick von außerhalb bestimmt nicht :)

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Thekota12s Profilbild
Thekota12 Am 21.04.2019 um 14:51 Uhr
Die Kurzgeschichte ist schön! Bis auf ein paar kleine Rechtschreibfehler ist alles gut.
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BerndMooseckers Profilbild
BerndMoosecker Am 22.05.2019 um 16:46 Uhr
Hallo Larlysia,

die Geschichte gefällt mir. Ein Vater als unsichtbares Phantom, diese Erfahrung kenne ich und ich glaube, der Geist verschwindet niemals.

Da Du kritische Bemerkungen wünschst, schreibe ich, wie wäre es, wenn Du die einzelnen Altersstufen etwas ausführlicher darstellen würdest? Die Gefühle beim Konzert im Alter von zehn Jahren zum Beispiel, da könntest Du mehr Emotionen hineinbringen.

Gruß Bernd

Autor

Larlysias Profilbild Larlysia

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Sätze:75
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Kategorisierung

Diese Story wird neben Alltag auch im Genre Familie gelistet.