Storys > Kurzgeschichten > Abenteuer > Portal

Portal

10
9.10.2018 0:46
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Etwas fing an zu piepen.

Ich hörte Schritte auf dem Flur, die sich meiner Zimmertüre näherten.

Kurz darauf wurde sie von meinem Vater aufgemacht und er warf einen langen Blick ins Zimmer, es piepte immer noch aus dem Karton auf meinem Bett. Ich hatte ihn dorthin gelegt, um mehr Platz auf meinen Schreibtisch zu haben.

Was piept hier so penetrant? Du hast doch nicht etwa eine Zeitbombe in deinem Zimmer oder?“

Ich stand auf und griff in den Karton. Es kam ein kleiner runder Wecker zu Vorschein als ich meine Hand wieder heraus holte.

Zusätzlich zu dem Piepen blinkte er auch noch in verschiedenen Farben.

Nein, keine Zeitbombe, Papa, einfach nur ein ganz einfacher Wecker. Ich hab mal auf halb sieben einen Alarm eingestellt und nun habe ich immer noch keine Lust gehabt, ihn wieder auszuschalten.“ Eigentlich wusste ich auch nicht wie ich den Alarm wieder ausstellen konnte, aber das sagte ich natürlich nicht.

Und warum schaltest du nicht einfach das Piepen aus?“

Keine Lust.“

So wie der Wecker blinkt, könnte er glatt eine Zeitmaschine sein; hast du jemals „Zurück in die Zukunft“ gesehen? Ich glaube, die haben da auch so etwas gehabt.“

Ja, genau oder der Wecker kann Wurmlöcher generieren. Ich glaub ja auch!“

Erwiderte ich sarkastisch. Natürlich war der Kommentar von meinem Vater eben auch nicht so ernst gemeint gewesen.

In Stargate haben sie auch die Wurmlöcher-Tore.“

Er grinste mich an. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten und fing zu lachen an. Mein Vater lachte mit, schaute sich noch etwas in meinem Zimmer um und ging dann wieder zur Türe, die er kurz darauf von außen wieder schloss.

Ich warf die Kugel aufs Bett, wo sie noch einmal ganz leicht hochsprang.

Das Piepen wurde immer lauter und auch immer häufiger, als es auf einmal aufhörte und der Wecker nur noch blinkte.

Ein feiner Lichtstrahl suchte sich von der Mitte der Kugel einen Weg durch die Luft, die vor dem Wecker war. Irgendwann nach ungefähr einem halben Meter hielt der Strahl inne und formte kurz darauf einen Kreis in der Luft, der groß genug war um hindurch zu klettern. Als er vollständig war, flimmerte die eingeschlossene Luft und änderte die Farbe im Takt des Weckers, bevor sie ein Bild einer Landschaft zeigte, die ich noch nie gesehen hatte, ich stand wie gebannt davor und überlegte, was zum Teufel da mit meinem Wecker passierte.

Langsam näherte ich mich dem Kreis und dachte fieberhaft nach. Was konnte das bloß sein?

Der Kreis sah zunehmend nicht mehr wie ein Bild aus, dass jemand in die Luft gezeichnet hatte, sondern vielmehr wie ein Fenster, durch das man in eine andere Welt sehen konnte.

Ich erinnerte mich an vorhin, wie ich sagte, dass es vielleicht ein Wurmloch, eine Einstein-Rosen-Brücke sein konnte.

Vielleicht war mein Wecker, ja wirklich eine Maschine für Wurmlöcher.

Das Einzige, was mir dazu einfiel, war: wie cool! O.k. Dazu musste man aber auch sagen, dass ich sehr an Astrophysik interessiert war und Wurmlöcher auch ganz toll fand, allein die Vorstellung von Brücken durch den Raum...

Und kurz darauf vergaß ich alle Vorsicht, die ein normaler Mensch unter diesen Umständen wohl an den Tag legen würde und berührte mit meiner rechten Hand, das vermeintliche Portal. Meine Hand ging hindurch und fühlte die Wärme, die in der fremden Landschaft wohl herrschte. Neugierig trat ich jetzt auch mit meinem ganzen Körper näher heran und spürte überall ein sanftes Ziehen, dass von dem Portal auszugehen zu schien. Allerdings schaute ich erst noch auf die andere Seite des Kreises und wo eigentlich meine Hand zu erwarten war, war nichts.

Der Sog von der anderen Welt wurde immer stärker und somit gab ich ihr nach und kletterte durch das Portal.

Kurze Zeit wurde alles um mich herum schwarz.

 

Das Dunkel löste sich dann aber wieder auf und ich stand auf dem Boden einer neuen Welt.

Es war viel wärmer als es in meinem Zimmer gewesen war, ich blickte zu Himmel und sah nicht nur einen Mond wie bei uns auf der Erde, sondern gleich eine Vielzahl.

Vorsichtig machte ich einen Schritt und bald darauf, rannte ich vor Freude über den Boden des neuen Planeten.

Ganz damit beschäftigt ihn zu entdecken, verschwendete ich keine Gedanken an das Portal und daran, was damit passieren würde, nachdem ich hindurchgegangen war. Mit einem leisen Flupp schloss es sich, nachdem es bereits immer weiter geschrumpft war.

Alarmiert durch das Geräusch, drehte ich mich langsam um. Ich konnte ja schließlich nicht wissen, wer oder was es hervorgerufen hatte. Instinktiv schaute ich auf den Fleck, wo vor einer Minute noch das Wurmloch offen war und hätte am liebsten aufgeschrien, als ich feststellte, dass es weg war. Wie blöd konnte man eigentlich sein, tritt durch ein Wurmloch und lässt es dann aus den Augen, wobei man doch nicht sagen konnte ob es stabil bleibt oder sich wieder schließt. Jetzt saß ich auf diesem zugeben schönen aber blöden Planeten fest, der nicht mein eigener war und hatte keine Ahnung wie ich wieder nach Hause kommen sollte. Noch etwas fiel mir ein. Wenn ich nicht rechtzeitig, angenommen ich würde überhaupt irgendwann zurückfinden, wieder zurückkam, musste ich das wohl oder übel meinen Eltern erzählen und da würde ganz schön viel Hausarrest nach sich ziehen. Na toll.

Ich setzte mich auf einen blauen Stein, der sich gleich neben mir befand und betrachtete die Landschaft um mich herum. Es war schon erstaunlich, dass manche Sachen, von der Form nahezu gleich zu ihrem Äquivalent auf der Erde so unterschiedliche Farben hatten. Die Pflanzen waren nicht wie bei uns grün sondern hatten hier eine lila Farbe, in ihnen pulsierte rot der Pflanzensaft, der Boden war grau und die Steine schillerten in allen Blautönen, die man sich vorstellen konnte. So ähnlich die Anatomie des Baumes auch war, die Früchte, die auf einigen von ihnen hingen, hatten nichts gemein mit unseren Früchten. Sie hatten bizarre Formen und waren eine Farbexplosion.

Ich konnte fast nicht glauben, was ich da mit meinen Augen erblickte. Die Landschaft war wunderschön; vor mir erstreckte sich ein Tal voller unbekannter Pflanzen und einem See, dessen Wasser rosa schimmerte. Der Himmel hatte die Farbe von Pfefferminzeis und da es Tag war, konnte man die Sonne sehen. Allerdings hatte dieser Planet nicht nur eine, er musste sich in einem Doppelsternsystem befinden, denn ich konnte am Himmel eine blaue und eine gelbe Sonne erkennen.

In diesem Augenblick schwirrte vor meiner Nase ein Tier vorbei, dass aussah wie eine Mischung aus einem Hasen und einer Libelle, es hatte die Größe eines Spatzen und flog auf einen Baum in der Nähe zu. Ich kam gar nicht mehr heraus mit dem Staunen. Was hier wohl noch für unvorstellbare Lebewesen existierten? Ich wollte sie alle sehen und da fiel mir mein kleines Problem wieder ein.

Mist. Und meine Mathehausaufgaben lagen zuhause auch noch unbearbeitet herum. Meine Lehrerin würde mich umbringen, wenn ich wieder einen Weg auf die Erde fände.

Mein Magen knurrte, normalerweise wäre ich jetzt in die Küche zu unserem Kühlschrank gegangen und hätte mir einen Jogurt geholt. Das war hier aber nicht wirklich möglich, ich jedenfalls sah keinen gefüllten Kühlschrank hier in der Gegend stehen. Mein Blick fiel auf einen Baum mit gelb und magenta geringelten rhombischen Früchten, die echt total komisch aussahen. Eigentlich könnte ich doch mal eine probieren. Dass sie vielleicht auch giftig sein könnten, kam mir nicht in den Sinn.

Ich machte mich auf den Weg und war froh, dass ich heute ausnahmsweise einmal meine Hausschuhe angezogen hatte. Als ich am Fuß des Baumes angekommen war, stellte sie mir ein neues Problem. Wie sollte ich an die Früchte kommen? Sie hingen höher als gedacht und so groß war ich nun auch nicht, um sie erreichen zu können. Ich dachte gerade über meinen Möglichkeiten nach; klettern gehörte schon mal nicht dazu, dazu war ich zu unbegabt.

Ein Rascheln in einem der lachsfarbenen Büsche neben mir. Ich machte einen Satz weg von dem Busch.Was auch immer das gewesen war, es hatte mich zu Tode erschreckt. Am Liebsten hätte ich das Weite gesucht, aber ich hatte Angst mich zu verlaufen, außerdem wusste ich gar nicht wohin. Also blieb ich ein klein wenig weiter weg stehen. Und schaute gespannt auf das Blattwerk. Es bewegte sich noch immer und ich konnte auch eine Stimme hören, ob sie menschlich war ist jetzt die Frage. Bei solchen Beurteilungen bin ich immer nicht so gut.

Ich konnte gar nicht glauben, was ich kurz danach sah, meine Augen weiteten sich ungläubig. Ungefähr zwei Meter vor mir, das war nämlich auch der Abstand zu dem Busch, erschien ein türkiser Fuß. Soweit man das als Fuß bezeichnen konnte. Er hatte zwei große Zehen und nur zwei kleine Zehen. Die Fußnägel leuchteten in einem sehr dunklem Blau.

Es wurde immer mehr von dem Fuß sichtbar und ich hatte den Anschein, dass mein Gehirn, den Vorgang absichtlich verlangsamte, dass ich genug Zeit zum Begreifen und Verarbeiten der Neuigkeiten hatte. Danke Gehirn, ich liebe dich dafür. Ansonsten wäre ich nach den Erlebnissen heute wahrscheinlich schon durchgedreht. Das wollen wir doch nicht.

Danach kam noch ein weiteres Bein zum Vorschein und vorsichtig wurde ein Kopf durch die Blätter geschoben. Ich war so gebannt von den lila Augen, dass ich den Rest nicht mehr mitbekommen habe. Plötzlich stand das ganze Lebewesen vor mir. Die Haut komplett türkis. Ansonsten nahezu normal aufgebaut. Zwei Arme, zwei Füße, ein Kopf; was soll ich sagen, ich hab mir Außerirdische immer anders vorgestellt. Mit mehr Extremitäten und so, nicht so normal.

Na gut , das Wesen hatte drei Augen, war ungefähr zweieinhalb Meter groß, und hatte eine Körperform eines Sektglases. Der Torso begann unten ganz schmal und verbreiterte sich dann immer mehr. Ich schätze, ich sollte mich nicht über den Außerirdischen beschweren, immerhin war ich auf SEINEM Planet.

Haare besaß er keine, dafür besaß er Hornplatten, vergleichbar mit den Klingonen in Star Trek, aber sie waren viel filigraner und die Höhen hatten eine dunklere Farbe als die andere Haut. Der Körper war anscheinend durchtrainiert, auch wenn ich das wohl schlecht beurteilen konnte, da ich von den Muskeln von anderen Lebewesen nicht das Geringste weiß.

Es erstaunt mich, dass das Wesen Wimpern hatte und auch sein Mund war erstaunlich menschlich.

Aus meiner Bewunderung wurde ich gerissen, als das Wesen einen Schritt auf mich zu machte, ich trat automatisch einen zurück.

Was sollte ich bloß machen? Dass der Außerirdische meine Sprache konnte, war echt unrealistisch. Also konnte ich mich ihm auch nicht mitteilen. Wenn ich eine Geste machte, könnte er sich auch falsch verstehen. Warum, zum Teufel, lernte man in der Schule nicht so praktische Sachen, wie zum Beispiel 'Wie verständige ich mich mit Aliens' oder so? Echt eine Bildungslücke unserer Gesellschaft. Müsste ich mal dem Bildungsminister schreiben, wenn ich zurück komme.

Aber was machte ich jetzt mit dem Wesen? Mein Gesichtsausdruck musste Angst und Verzweiflung gezeigt haben, denn vorerst blieb der Alien stehen. Ob es wegen mir war, wusste ich nicht. Ich glaube, am liebsten hätte ich 'Hilfe' geschrien. Aber das half mir höchstwahrscheinlich nicht weiter. Wie spät es wohl zu Hause war? Hoffentlich hatte noch keiner gemerkt, dass ich verschwunden war.

Plötzlich hörte ich etwas in meinem Kopf, ein Wispern. Es wurde immer lauter und schließlich brach es wieder ab.

Ich hob meine Kopf, um den Außerirdischen wieder ansehen zu können.

Seine lila Augen mit der großen Iris durchbohrten mich förmlich. Aber irgendwie spürte ich auch, dass es mir nichts tun wollte. Sogar interessiert an mir war.

Wieder dieses Wispern in meinem Kopf. Es schien also von ihm zu kommen.

Was konnte schon schiefgehen, dachte ich mir und konzentrierte mich darauf. Es verwandelte sich langsam in eine Stimme, etwas tiefer als meine es war, die summte.

Dabei konzentrierte ich mich wieder und schaute gleichzeitig in die drei lila Augen.

Langsam tönten Worte durch meinen Kopf, ich konnte es kaum fassen. Das Wesen kommunizierte mit mir über Gedanken. Dann er schien ein klar gesprochenes Wort in meinem Kopf.

 

Freund.

Und noch eines.

Neugier.

Es dauerte noch etwas, bevor ganze Sätze in meinem Geist erschienen.

Das ist nicht dein Zuhause.

Ich war mir nicht ganz sicher, wie ich ihm antworten sollte. Würde es im Geist genügen oder sollte ich es laut aussprechen? Ein andere Gedanken durchfuhr mich; wenn das Wesen zu mir sprechen konnte, war es dann auch in der Lage meine Gedanken zu lesen?

Nur, die, an welche du gerade stark denkst.

Also brauche ich meine Antworten nur stark genug denken, damit du sie verstehen kannst?“

Ja.

Mir war gerade etwas aufgefallen; warum kannst du mich verstehen, ihr sprecht hier doch sicherlich kein Deutsch?

Das ist eine Sache, die schwer zu erklären ist. Als ich deine Gedanken 'gelesen' habe, eignete ich mir auch die Sprache an. So eine Art Automatismus. Jetzt kann ich sie also.

Und warum sprichst du dann nicht normal mit mir, ich meine laut?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Aussprache eurer Sprachen richtig verstanden habe, außerdem verständigt sich mein Volk hauptsächlich in dieser Art. Ich bin daran gewöhnt, aber wenn du willst, dass ich laut spreche, versuche ich es gerne.

Wie kommt es, dass du meine Sprache dann in Gedanken perfekt sprichst? Und, nein, wegen mir musst du nicht von deinen Gewohnheiten abweichen.

Okay, das Problem mit der Kommunikation hatte sich jetzt immerhin in Luft aufgelöst, darüber war ich schon mal echt sehr erleichtert.

Über Gedanken zu kommunizieren ist leichter, weil man sich nicht immer mit Wörter mitteilen muss, sondern auch Gefühle, Absichten und Bilder verwenden kann. Gewissermaßen übersetzt dein Gehirn auch ein bisschen das, was ich zu dir denke. Ich nickte, natürlich war das Wesen mittlerweile nähergetreten.

Wie bist du nun auf diesen Planeten gekommen? Ich habe noch nie so etwas wie dich gesehen und auch nicht davon gehört. Natürlich war das nicht böse gemeint, ich spürte eine Emotion bei dem Gesagten mitschwingen, die nicht meine eigene war; Neugier darauf, wie ich in seine Welt gekommen war.

Oh, da war dieser Wecker in meinem Zimmer, als er zu Piepen aufhörte, bildete sich eine Art Portal und weil mich interessierte was dahinter liegt, kletterte ich hindurch. Ich weiß, dass das wirklich ein klein wenig dumm gewesen war. Aber jetzt kann ich das auch nicht mehr ändern und sitze hier auf diesem Planeten fest, der nicht meiner ist und zu Hause macht sich meine Familie bestimmt schon Sorgen um mich.

Begleitend zu meinen Worten/ meinem Gedachten ließ ich auch Bilder davon durch meinen Geist huschen.

Das Wesen machte einen Gesichtsausdruck, den ich aber nicht deuten konnte, er sah irgendwie lustig aus. Die Erklärung dazu lieferte nur ein paar Sekunden später ein Satz.

Du musst nicht traurig sein , wir werden dich schon wieder zurück auf deinen Planet bekommen, wenn ich dich richtig verstanden habe, bist du durch ein Wurmloch gegangen. Das bekommen wir wieder in den Griff. Ich fühlte Trost und Mitgefühl. Da fiel mir eine Frage ein, wobei es mir wirklich etwas peinlich war, sie zu stellen, denn den Menschen konnte man ihr Geschlecht ja meistens ansehen, aber hier hatte ich keine Ahnung was vor mir stand. Die typischen Merkmale hatte es ja nicht und außerdem musste ich es noch nach dem Namen fragen, ich wollte es nicht immer nur Wesen oder Außerirdischen nennen müssen. Ich dachte also das Entsprechende und hoffte dem Wesen nicht vor den Kopf gestoßen zu haben. Allmählich war ich froh darüber, dass es nicht alle meine Gedanken mitbekam, sondern nur die, die ich in aller Klarheit und mit höchster Konzentration formulierte. Hoffentlich hatte es auch nicht gelogen, als es mir das versicherte.

Wenn ich ein Mensch wäre, würde man sagen, dass ich männlich bin, aber bei uns wird das anders unterschieden als bei euch und auch anders genannt, in unserer Sprache nämlich #########. Es hörte sich eher wie ein Rauschen oder etwas ähnliches an denn einer Sprache, aber was erwartete ich? Eine Sprache mit unseren 26 Buchstaben und Lauten? In dieser Welt gab es halt auch andere Laute als auf der Erde.

Genau meinen Namen wollte ich dir eigentlich schon sagen, aber ich habe es wohl vergessen. Er fasste sich an den Kopf und – man konnte es wohl so nennen – lächelte. Endlich mal eine Geste, die unseren auf der Erde ähnlich ist. So verschieden waren die Spezies sich wohl doch nicht.

######. In eure Sprache übersetzt heißt es wiuxvzösaai. Aber wenn dir das zu kompliziert ist und das verstehe ich, kannst du dir einen Namen aussuchen. Wie heißt du? Ich musste etwas nachdenken, bevor mir der perfekte Namen für ihn einfiel.

Ich glaube, ich nenne dich Nes.

Ein schöner Name. Ich freue mich ihn tragen zu dürfen.

Mein Name ist Elly.

 

Eigentlich war es ja nur eine Kurzform meines Namens, aber jeder, der mich kannte, nannte mich so und selbst ich war zu der Einstellung gelangt, dass Elly mein richtiger Name war. Egal, was in meinem Ausweis stand.

Es kommt zwar etwas verspätet, aber Herzlich Willkommen auf meinem Planeten.

Das war so süß von Nes, dass ich unwillkürlich lächeln musste. Und als er dann auch noch eine Kreisbewegung mit seinen Armen machte, begleitet von einem feierlichen Gesichtsausdruck und einer Begeisterung in der „Stimme“, konnte ich mich nicht mehr halten und fing laut an zu lachen. Es war einfach eine komische Mischung. Nicht, dass man den Moment ansatzweise beschreiben konnte, dazu waren Worte schier nicht in der Lage.

Wenigstens habe ich dich jetzt zum Lachen gebracht und deine Traurigkeit, weil du auf einem fremden Planeten bist, vertrieben. Das ist doch auch schon mal etwas. Und so ein schönes Lachen hat dieser Planet noch nie vernommen und so auch nicht seine Bewohner. Ich wurde rot; das hatte er wohl als Kompliment gedacht, nun war ich leider nicht gut darin Komplimente anzunehmen und wurde dabei eben auch immer rot. Am besten sagte ich jetzt einfach nichts, sonst würde ich das Kompliment herunterspielen und das wollte ich Nes nicht antun. Irdische Frauen waren schon schwer genug zu verstehen, ohne dass man auch noch man aus einem anderen Universum stammte.

Es entstand eine lange Stille; keiner von uns beiden wusste so genau was wir eigentlich jetzt sagen sollten. Jedenfalls war es bei mir so, was er dachte konnte ich nicht so recht erahnen. Schließlich fiel mir endlich etwas ein.

Gibt es hier noch mehr von deiner Art oder bist du der Einzige?

Natürlich gibt es viele wie mich, aber nicht so viel wie es von deine Art, von euch Menschen, wir sind nur ungefähr die Hälfte und haben auch nicht so große Ballungen wie ihr.

Ihr besitzt keine großen Städte?

Nein, nur größere Dörfer. Der Planet ist ja auch viel größer als eurer, da verteilen sich die ganzen Lebewesen besser. Außerdem besitzen wir eine andere soziale Struktur wie ihr.

Worin liegen dann unsere Gemeinsamkeiten?

Ich weiß es auch nicht. Er machte eine Geste, die ich als Lächeln identifizierte. Ich hatte noch etwas Schwierigkeiten mit seinen Gesten einige waren doch etwas schwer zu deuten und so musste ich ihn immer wieder danach fragen. Was übrigens andersherum auch galt. Finden wir es doch heraus. Ich bin schließlich auch nicht allwissend.

Wir unterhielten uns eine lange Zeit, wenn man diese Art von Gedankenaustausch überhaupt so nennen konnte. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie lange ich schon hier war. Hier bei ihm.

Eine Uhr hatte ich vergessen mitzunehmen. Noch so eine Sache, die ich beschloss zu verändern, wen ich hoffentlich wieder zu Hause war. Ich würde von nun an immer eine Armbanduhr an meinem Handgelenk tragen. Egal, was passierte.

Mittlerweile hatte ich viel über Nes' Kultur erfahren und auch etwas über die Unterschiede zu der Kultur der Menschen gelernt. Ich musste schon zugeben, dass ich in vielen Belangen mit Nes' Volk übereinstimmte und nicht verstand, warum wir Menschen daran festhielten. Die Religion war so ein Beispiel.

Man glaubte hier auf dem Planeten an die Natur, nicht wie wir Menschen an ein höheres Wesen, dass die Geschicke der Menschen lenkte oder sie, wie manche sogar glaubten, sogar erschaffen hatte. Sie achteten die Pflanzen und Tiere um sich herum und allgemein auf ihre Umwelt. Anders als der Großteil der Menschen das machte, deshalb waren wohl ein paar Spezies auf der Erde schon ausgestorben.

Ich nahm mir vor, das Prinzip für mich zu verwirklichen, wie das Volk von Nes es lebte; als erstes müsste ich einem Umweltschutzverein beitreten, ob es in meiner Nähe überhaupt einen gab?

Natürlich aß auch Nes noch Fleisch von Tieren – also müsste ich keine Vegetarierin werden, dazu mochte ich Fleisch einfach zu viel – die sie vorher gejagt hatten, aber sie dankten ihnen für ihr Leben und feierten das Essen als Respekt vor ihrem Leben.

Allerdings gab es ja auch noch viele Stämme der Bewohner dieses Planeten und so gerieten diese friedfertigen Aliens auch mal in einem Krieg aneinander, weil sie sich um Land oder etwas ähnliches nicht einig waren. Nes erzählte mir, dass er schon ein paar dieser Auseinandersetzungen erlebt hatte und zeigte mir dabei auch eine Narbe an seinem Handgelenk, die er beim Kämpfen bekommen hatte. Als ich sie mir anschaute, kam mir dabei der Gedanke, wie alt er wohl in Menschenjahren war und wie viele Erdenjahre einem seiner Jahre entsprachen.

Ich stellte ihm die Frage und er lachte und seine lilanen Augen strahlten mir entgegen.

Wie du nur auf solche Fragen kommst. Aber natürlich beantworte ich sie dir.

Zunächst einmal zu dem Umrechnungsverhältnis, wenn ich mich nicht täusche entspricht eines eurer Erdenjahre in etwa 2,5 von unseren Jahren. Natürlich gehen ich davon aus, dass unsere Spezies in etwa die gleiche Lebenserwartung haben.

Nun zu meinem Alter, ich bin auf diesem Planeten 48 Jahre alt.

Als er sein Alter aussprach, rechnete ich sofort los. Mich interessierte es brennend, wie alt er auf der Erde wäre und vor allem, ob er von dem Alter her zu mir passen würde. Ich wusste, es war echt albern, denn warum sollte er gerade mich gut finden und was viel schwerer wog, was sollte ich machen, wenn ich zurückkehren sollte. So oder so, es war absurd an so etwas überhaupt zu denken.

Aber ich konnte einfach nicht anders, mein Gehirn machte das automatisch und ohne meine Erlaubnis. Am Ende hatte ich ziemlich schnell eine Zahl herausbekommen, Kopfrechnen konnte ich nämlich schon seit dem Kindergarten echt gut. Er war genau 19,2 Menschenjahre alt.

Ich dachte das Ergebnis so stark, dass er es auch mitbekommen konnte.

Darf ich auch nach deinem Alter fragen, bitte? Ich bin mir bewusst, dass man so etwas bei euch nicht macht; ich habe es in deinen Gedanken gesehen. Aber ich bin neugierig. Verrätst du es mir?

Gut, ich mache eine kleine Ausnahme. Aber nur weil du von einem anderen Planeten bist und ich hier gestrandet bin. Ich bin 17 Jahre alt. Vor zwei Monaten hatte ich Geburtstag. Ich dachte dabei an die Erinnerung an den Geburtstag an meine Eltern, die mir in der Früh schon gratuliert hatten und an all meine Freunde, die an dem Nachmittag und dem Abend noch mit mir gefeiert hatten.

Bei uns wird das nicht so groß gefeiert. Eigentlich nur der 44. Geburtstag, weil man dann alt genug ist um an einem Übergangsritual teilzunehmen.

Wofür ist diese Ritual?

Damit wird man sozusagen erwachsen und in den Stamm völlig aufgenommen. Das habe ich aber schon hinter mir. Es war wunderschön.

Bei uns ist man erst volljährig, wenn man den 18. Geburtstag feiert.

Ich ließ meinen Blick über die Landschaft, die sich hinter uns befand, schweifen und sah dabei ein unglaubliches Schauspiel an Farben, das die untergehenden Sonnen in blau und gelb über den Himmel tanzen ließen, davor konnte man die farbigen Monde erkennen. Das Licht zauberte auf die ganze Szenerie, die vor uns ausgebreitet lag, ein magisches Licht, dass mit nichts auf der Erde zu vergleichen war.

Ohne, dass ich mich dazu bewusst entschloss, suchte ich mit meiner rechten Hand die Finger von Nes. Als ich sie endlich fand, schloss sich seine Hand wie selbstverständlich um meine und ich fühlte seine warmen, langen Finger.

Ich schaute zu ihm hoch, wahrscheinlich konnte ich zwar seinen Gesichtsausdruck ohne seine Hilfe eh nicht deuten, aber versuchen konnte es wenigstens ja mal. Zeitgleich drehte er sein Gesicht zu mir und in meinem Geist erschienen Worte, die so sanft waren, wie die Berührung einer Feder.

So ein Schauspiel gibt es nur einmal in jedem Jahr, das auf diesem Planeten vergeht. Du hast dir genau den richtigen Tag ausgesucht, Elly, ohne es zu wissen.

So etwas gibt es bei uns auf der Erde nicht; all diese Farben, manche davon habe ich noch nie gesehen.

Ich war so fasziniert und verzaubert, dass sich mein Mund vor Staunen öffnete.

Wahrscheinlich hat noch kein anderes Lebewesen, dass nicht von hier stammt, diesen Sonnenuntergang gesehen. Du bist die Erste. Darauf kannst du dir ganz schön etwas einbilden. Er meinte es scherzhaft, aber mir wurde dadurch erneut schmerzlich bewusst, dass ich eigentlich wieder nach Hause wollte. Zu meiner Familie und meinen Freunden.

Natürlich teilte ich das Nes auch mit, denn wenn ich Glück hatte, konnte er mir vielleicht helfen. Oder wenigstens könnte er mich trösten und aufheitern.

 

Dann passierte etwas, was ich nicht einmal in meinen kühnsten Träumen gedacht hätte.

Wenn du durch ein Wurmloch gekommen bist, besteht die Möglichkeit, dich wieder zurück zu schicken.

Wie meinst du das?

Naja, wir haben hier in der Nähe eine Maschine, die sie öffnen kann und dann kannst du nach Hause zurück. Ich war echt verwirrt, warum hatte er mir das nicht schon viel früher gesagt. Ich meine, diese Maschine wird nicht gerade eben vom Himmel gefallen sein. Aufgebracht wie ich war, vergaß ich nicht zu stark daran zu denken und so bekam auch Nes meine Gedanken mit.

Erst wollte ich nur einmal schauen, woher du eigentlich kommst, denn das mit dem Wurmloch wusste ich, zugegeben, schon am Anfang. Aber dann wollte ich immer mehr über dich und deine Welt wissen und so behielt ich die Lösung für dein Problem erst einmal für mich. Ich hoffe wirklich du bist nicht allzu böse auf mich. Das habe ich nur getan um Zeit mit dir verbringen zu können.

Hastig schüttelte ich seine Hand ab, die ich immer noch hielt.

Ich schrie ihn in Gedanken förmlich an, was er sich bloß gedacht hatte. Es konnte doch nicht wirklich sein, dass er mir verschwiegen hatte, wie ich wieder nach Hause konnte.

Sauer rannte ich in den Wald, der in der Nähe begann. Ich wollte einfach nur weg von ihm.Selbst die bunten Bäume, die ich an meinem Auge vorbeihuschen sah, konnte meine Laune nicht besänftigen. Das Einzige, an was ich denken konnte, war, dass er mich belogen hatte.

 

Kurz bevor ich in einen Baum rannte, stoppte ich endlich schwer atmend und ließ mich mit dem Rücken ab ihm herabsinken. Ich wusste schon, warum ich es gar nicht mochte zu laufen; ich hatte einfach nicht die Gene dazu. Als ich saß und aufschaute, wurde mir klar, dass ich mich jetzt in diesem blöden Wald verlaufen hatte, denn beim Laufen hatte ich nicht mehr auf den Weg geachtet. Das war wieder ganz großartig. Nes würde mich wahrscheinlich auch nicht suchen, so wie ich ihn angeschrien hatte. Ich legte meinen Kopf auf die Knie.

Was hatte ich nur getan. Im Grunde wollte er mich einfach nur besser kennenlernen und wissen wie ich so auf meinem Planeten lebte und was mache ich? Ich bin wütend, weil er mir nicht gesagt hatte, dass er einen Weg für mich nach Hause kannte. Dabei wäre ich wahrscheinlich einfach zurückgegangen und er hätte nichts von mir gehabt, außer Fragen. Ich bestrafte ihn für seine Angst, ich könnte gleich wieder gehen.Wie gemein.

So schlecht war die Zeit mit Nes doch gar nicht gewesen. Sogar richtig schön und wenn ich ehrlich war, dann mochte ich ihn sehr. Und der Abschied würde mir schwerfallen.

Aber nun saß ich erstmal verloren in einem Fremden Wald auf einem Planten, den ich nicht kenne.

Ohne Nes, der meine einzige Möglichkeit war nach Hause zu finden. Traurigkeit breitet sich über mir aus.

Eine Träne kullerte mir über die Wange und kurz darauf folgte die nächste. Ich bin so dumm.

 

Das Knacken eines Astes ganz in der Nähe ließ mich aus meinen Gedanken und meinem Selbstmitleid hochschrecken. Ich konnte es fast nicht glauben, als ich eine Spur von türkis in dem Gewirr von Blättern und Ästen sah. Und nachdem wirklich Nes da vor mir auf dem Waldboden stand, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Die zwei Sonnen mussten mittlerweile nahezu komplett untergegangen sein, denn das Licht schwand mit jeder Minute. Nes kam etwas näher und das Erste, das ich zu ihm sagte, war: Ich bin so froh dich zu sehen Nes. Es tut mir so leid, alles.

Ich verstehe dich und die Zeit mit dir war echt schön. Ich hätte nicht weglaufen sollen.

Ich hatte wirklich Angst dich nicht mehr zu finden. Aber ich hätte dir wirklich nicht die Möglichkeit der Rückkehr verschweigen sollen. Ich bin so ein Idiot. Aber ich hatte die Befürchtung, dich nie wieder zu sehen.

Über den Idioten mach dir mal keine Sorgen, das schaffen unsere Jungs auf der Erde auch regelmäßig.

Ich schenkte ihm ein Lächeln. So, wo befindet sich also diese ominöse Wurmloch-Maschine, die mich auf meine Planeten bringen soll?

Du hast eigentlich schon einen Teil des Weges zurückgelegt. Er nahm wie selbstverständlich meine Hand und unsere Finger verflochten sich ineinander. Ich würde gerne bevor wir gehen noch etwas ausprobieren. Darf ich?

Verwundert erteilte ich ihm meine Einverständnis. Ich war mir nicht sicher, was jetzt kommen würde.

Er hob die freie Hand und strich sanft mir über die Wange. Ich mag dich wirklich, Elly. Mehr als ich andere je mochte. Er klang etwas ungelenk und erst nach ein paar Sekunden erschloss sich mir die Bedeutung der Worte. Das Blut floss in meine Wangen und ich wurde rot.

Aber ich komme von einer anderen Welt, du kannst doch nicht wirklich...

Du bist anders, das mag ich unter anderem auch so. Anders als alle die ich je getroffen habe.

Ich werde bald gehen.

Das ist mir völlig egal. Wie sagt ihr auf der Erde; ich liebe dich.

Ja.

Zu mehr war ich nicht mehr fähig, mein Gehirn streikte vollkommen.

Er kam noch viel näher und dann beugte er sich zu mir herunter. Ich war nicht gerade klein, mit meinen 1,80 Metern sogar richtig groß, aber natürlich war das nichts im Vergleich mit seinen zweieinhalb Metern. Ich streckte mich unwillkürlich und schloss die Augen.

Als sich unser Lippen trafen, ging ein Beben durch meinen Körper, ich fühlte mich wie elektrisiert.

Der Kuss war wie nicht von dieser Welt. Schmetterlinge flatterten in meinem Bauch und bahnten sich einen Weg in meinen Kopf, ich fühlte mich so unglaublich leicht und das einzige was mich noch mit dem Planeten verband, war der wunderbar zarte Kuss. Nachdem er vorbei war, sah ich Nes in die Augen; es war schon so dunkel, dass ich nur noch einen lilanen Schimmer sehen konnte und das Glitzern, das von ihnen ausging.

Willst du mehr?

Kaum zu glauben, dass man so etwas fragen konnte. Aber ich spürte auch die Liebe und das Verlangen, das in diesem Gedanken mitschwang.

Ja, viel mehr.

Ich sollte dir wohl etwas sagen. Wenn wir uns so nahe sind, kann ich alle deine Gedanken lesen, nicht nur einzelne. Er war etwas verlegen und wich meinem Blick aus.

Das ist nicht schlimm, ich vertraue dir. Außerdem gibt es da nicht mehr viel zu lesen, du raubst mir jeden Gedanken.

Ich streckte meine Arme, sodass ich sein Gesicht zu mir drehen konnte und er mich ansah.

Keine Angst, du wirst mich schon schnell genug los. Danke für deine Ehrlichkeit.

Bei den letzten Worten fuhr ich mit meinem Zeigefinger über seine Lippen. Danach zeichnete ich den Weg bis zu seinen Schlüsselbeinen nach – oder die Knochen, die bei uns das Schlüsselbein bildeten – und entdeckte dabei einen schimmernden und schwach in allen Farben, die der Sonnenuntergang auf diesem Planeten zu bieten hatte, leuchtenden Stein – jedenfalls dachte ich, dass es einer war - an einer einfachen Kette. Ich berührte ihn und spürte dabei einen kleinen Stromschlag.

Was ist das?

So eine Kette macht sich jeder Junge meines Volkes, wenn er an dem Ritual zum Erwachsenwerden teilnimmt. Der Stein ist das wertvollste Material, das unserer Meinung nach auf dem Planeten existiert. Wenn ich nun heiraten würde, bekäme meine Frau die Kette, sie wiederum würde mir dann ihre geben mit einem anderem Stein; Mädchen bekommen einen anderen Stein wie wir. Ich hoffe, ich habe es gut genug erklärt, damit du es auch verstehen konntest. Gefällt sie dir etwa?

Ja, sehr.

Ich fuhr fort Linien und Muster auf seine Haut zu zeichnen. Auf seinem Bauch angekommen, registrierte ich, wie er sich anspannte und scharf die Luft einsog. Ich war verunsichert.

Gefällt es dir nicht? Soll ich aufhören?

Nein, im Gegenteil. Er fing wieder an mich zu küssen und was vorher ein leichter unschuldiger Kuss gewesen war, wurde nun drängender, leidenschaftlicher und ließ mich komplett die Kontrolle über alles verlieren. Seine Hände waren auf meinem Körper und tasteten sich auf meiner Kleidung voran. Ich erspürte mit meinen Finger die kleinen Vertiefungen an Nes' Kopf, es war ein wunderschönes und filigranes Muster, und erwiderte den Kuss mit einer Heftigkeit von der selbst mir der Atem stockte.

Anscheinend war ich mit den Gedanken schon viel weiter voraus gewesen und als mir das bewusst wurde, löste ich mich von Nes und wurde auf der Stelle rot. Durch die Dunkelheit hoffte ich zwar, dass er die Röte auf meinen Wangen nicht sehen konnte und so abgelenkt war, damit er sie auch nicht las, aber ich freute mich zu Früh. Denn jetzt bemerkte er meine Gedanken auch und sprach in meinen Geist: So weit werden wir nie gehen können, du darfst bei alledem nicht vergessen; ich bin kein Mensch. Eigentlich passen wir biologisch nicht zueinander und das Wichtigste dabei, ich will und werde dich niemals verletzen. Das könnte ich nicht.

 

Zusammen gingen wir die letzten Kilometer zu dem Ort, an dem wir uns unweigerlich verabschieden mussten. Ich konnte es nicht fassen, da kam ich durch einen Zufall auf einen fremden Planeten, fand dort auch noch meine erste Liebe und musste nun wieder gehen, weil man mich zu Hause vermissen würde. Ich ließ das einzige Lebewesen, dass ich mehr als meine Familie liebte hier zurück. Ich würde Nes mit höchster Wahrscheinlichkeit nie mehr in meinem Leben sehen. Und ich durfte mir heute und morgen nichts davon anmerken lassen, ich konnte das ja schlecht irgendwem erzählen, niemand würde mich ernst nehmen.

Während wir nebeneinander hergingen, küssten wir uns unaufhörlich, denn uns beiden war bewusst, dass wir das nicht mehr lange konnten. Nes hatte seinen rechten Arm um meine Hüfte gelegt und führte mich durch den Wald. Mittlerweile war es so dunkel geworden, dass ich fast nichts mehr sehen konnte, aber Nes schien mein Problem nicht zu teilen.

Kannst du wirklich in diesem schwachen Licht noch so gut sehen oder kennst du den Weg auswendig?

Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem; so gut wie bei Tag kann ich nun auch nicht mehr sehen, aber wahrscheinlich besser wie du, Elly. Er lächelte mich an. Einen Vorteil muss es ja haben, wenn man auf diesem Planeten auf die Welt gekommen ist.

Angeber.

Wir blieben langsam stehen und statt einer Erwiderung küsste er mich sanft. Ich konnte einfach nicht genug von ihm bekommen, ich würde ihn schrecklich vermissen. Dann bewegte er sein Gesicht zu meinem Ohr, er zog damit eine kitzelnde Spur über mein Antlitz. Es war das erste Mal, dass ich ihn überhaupt etwas sagen hörte; er hauchte ein paar Worte an meinem Ohr und ich konnte seinen Atem heiß auf meiner Haut spüren.

Ich kann nicht glauben, dass du mich jetzt schon wieder verlassen musst.“So erstaunt ich auch war, der Ton, der Nes' Stimme aufwies, stimmte mich traurig.

Ich mahnte mich zur Zuversicht, natürlich hätte ich am liebsten herausgeschrien wie unfair es doch war, dass ich hier einfach nicht bleiben konnte - ich würde mein Zuhause viel zu sehr vermissen – aber dieses Verhalten würde unserer beiden Stimmung nur noch trauriger machen, als sie es ohnehin schon war und das wollte ich ganz sicher nicht in Erinnerung an dieses wunderbare Abenteuer behalten. Nes und ich Trübsal blasend wegen dem Abschied. Ein schreckliches Bild.

Und so entschloss ich mich ganz bewusst dazu, positiv zu denken – normalerweise war das ja eher die Ausnahme; ich war eine geborene Pessimistin – und auch etwas Aufmunterndes zu sagen.

„Ich habe eine Art Wurmlochmaschine in meinem Zimmer stehen, an sich schon abnormal genug, auch wenn ich wirklich keine leise Ahnung habe, wie ich sie eigentlich benutzen kann und du hast auch so einen Generator. Es gibt sicherlich unendlich viele Wurmlöcher; die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns treffen, ging gegen null und doch waren wir beide im ganzen Universum zur gleichen Zeit an genau einem Punkt und haben uns kennengelernt. Ich bin mir sicher, dass wir uns noch einmal über den Weg laufen werden. Man sieht sich immer zweimal im Leben.“

Wenn ich mir Nes so anschaute, musste es mit meiner Aufmunterung bei ihm wirklich gut geklappt haben, seine Augen glänzten zwar noch immer traurig, doch auf seine Lippen stahl sich die Andeutung eines Lächelns. Gut, wenn es funktionierte, konnte ich auch weitermachen bis er endlich wieder lachte. Versuchen wir es doch mal mit etwas lustigem.

„Ich weiß Frauen und Technik. Jedenfalls kommt das immer auf der Erde, wenn man weiblich ist und einen die Technik einfach nicht ausstehen kann. Zu meiner Verteidigung, immerhin hab ich meinen vermeintlichen Wecker, der sich dann doch als etwas anderes herausgestellt hat, an bekommen. Ob das ein Mann geschafft hätte? Ich bin mir nicht so sicher.“ Begleitend zu dem Gesagten machte ich noch ein paar unterstreichende Gesten. Ich war mir sicher, dass ich ziemlich lächerlich aussah und auch so rüberkam. Wahrscheinlich war das, was ich sagte gar nicht mal lustig; nur die Art wie ich es ausdrückte, brachte Nes zum Lachen. Oder wie seine Spezies es eben machte, eigentlich unterschied es sich sehr von unserem menschlichen Lachen.

Während er sich förmlich totlachte, stand ich daneben und musterte ihn; egal was jeder andere Mensch wahrscheinlich sagen würde, ich fand Nes wunderschön.

Er bemerkte meinen Blick und wie still ich neben ihm war, bevor ich richtig wusste wie mir geschah, hatte er mich gepackt und versuchte mich zu kitzeln. Was ihm leider auch gelang. Ich wusste nicht wie er es erraten hatte, aber ich war echt empfindlich und zum Kitzeln wohl die bestgeeignete Person, die es gab.

Da ich mich natürlich gegen diesen Angriff wehrte, landeten wir auf dem Boden und kugelten lachend übereinander, denn Nes hatte auch eine Schwachstelle und während ich mich diebisch darüber freute, zahlte ich im den Kitzelüberfall heim. Ich glaube, wenn sich in diesem Wald irgendein Tier befand, ergriff es jetzt die Flucht vor unserem lauten und ausgelassenen Lachen, das im Wald und seinen Bäumen widerhallte.

 

Ein wenig später lagen wir schwer atmend auf dem Boden, nun hatte ich die Gelegenheit ihn das zu fragen, was mich beschäftigte.

Wie hast du erraten, dass ich kitzelig bin und warum wusstest du wo?

Verrat' ich dir nicht, das bleibt wohl für immer mein Geheimnis. Ich gab ihm für diese kleine Gemeinheit lächeln einen Knuff in die Seite - bei einem Menschen hätte ich die Gegend um die Schulter oder den Oberarm getroffen, bei Nes hingegen ging der Knuff in die Taille – wohl wissend, dass er mir es dann auch nicht verraten würde.

Hey, das hat wehgetan. Er machte ein trauriges Gesicht, das jedoch gleich darauf in Lachen unterging. Natürlich nahm ich ihm das so nicht ab und prustete los.

Nes stand, als wir uns soweit wieder gesammelt hatten - es herrschte jetzt wirklich wieder eine ausgelassene Stimmung – in einer einzigen fließenden Bewegung auf und reichte mir die Hand, um mich auch hochzuziehen.

Wir müssen weiter zum Wurmlochgenerator, sonst lasse ich dich nicht mehr gehen.

Es war nur noch ein kurzer Marsch durch den Wald, wobei mir bewusst wurde, dass Nes absichtlich kleinere Schritte machte und versuchte sich meinem Tempo anzupassen. Das war echt super nett von ihm, damit war er höflicher als manch einer auf der Erde.

Plötzlich blieb er stehen und weil ich gerade hinter ihm ging, prallte ich leicht gegen seinen nackten Rücken.

Was ist?

Wir sind da.

 

Ich trat hinter ihm aus dem Wald und blieb neben Nes stehen.

Mir verschlug es bei dem Anblick, der sich mit bot, die Sprache.

Der Wald hatte auf unserem ganzen Weg den Nachthimmel verdeckt, aber auf der großen Lichtung, die wir gerade betreten hatten, konnte man den Himmel in seiner vollkommenen Schönheit betrachten.

Es gab mehrere Monde, die über den Himmel verteilt waren; sie schimmerten in Orange-, Blau- und Grüntönen, allerdings waren sie mit unserem Mond in keinster Weise zu vergleichen, denn alle waren entweder größer oder kleiner als unser Erdenmond, allein seine Farbe war bei einem ganz kleinen Mond vorhanden. Zwischen den großen Himmelskörpern konnte man Teile eines funkelnden Sternenhimmel sehen, manche heller und manche dunkler, aber alle blitzten, als wollten sie mir etwas mitteilen.

Ich drehte mich um mich selbst, um noch mehr von dem fremden Firmament zu betrachten und fing an zu lächeln. Egal, was mich auf der Erde erwarten würde, für diesen Anblick war es das wert gewesen. Als ich in die Richtung schaute, aus der wir aus dem Wald herausgetreten waren, konnte ich eine milchige Struktur am Himmel sehen, gar nicht unähnlich unserer Milchstraße, wenn man sie am Himmel mal sehen konnte.

Nes drehte sich zu mir um und legte mir von hinten seine große Hand auf meine rechte Schulter.

Du hast recht. Wie bei euch die Milchstraße sichtbar ist in der sich euer Sonnensystem befindet, kann man von unserem Planeten aus unsere Heimatgalaxie erblicken.

Ich ließ meinen Blick weiter über den sichtbaren Sternenhimmel wandern, während er mit meinen halblangen braunen Haaren spielte.

Meine Augen blieben an einer Formation von Sternen hängen, die mir, warum auch immer, bekannt vorkam. Ich konnte spüren wie sich in meinem Gehirn etwas vor mir versteckte, ein Gefühl, dass ich öfters hatte, wenn mir etwas nicht einfiel, ich es aber wusste. Bei diesem Gefühl wusste ich, dass mir diese Sache auch nach starkem und langen Nachdenken nicht einfiel, also ließ ich es in den Windungen meines Gehirns bleiben und wartete bis es sich von selbst zeigen wollte.

Ich spürte wie Nes seine Hände um meine Taille legte und sie fast ganz um schließen konnte, wie selbstverständlich drehte ich mich um und blickte in seine traurigen Augen.

Nes zog mich näher zu ihm und küsste mich. Nicht zart und zögernd, wie das erste Mal, nein, es war ein Kuss, der einem den Atem raubte und von dem man sich wünschte, er würde nie wieder vorbeigehen. Ich legte alles, was er mir bedeutete in diesen einen Kuss und bevor ich seine Nähe richtig genießen konnte, löste er sich auch schon von mir. Ich wollte seinen Mund weiter auf meinem spüren, aber als ich den Abstand unserer Lippen überbrücken wollte, entfernte er sich und brachten einen guten Meter Abstand zwischen uns. Verständnislos schaute ich ihn an, meine Gedanken wurden von einer einzigen Frage beherrscht. Warum?

Ich will es dir nicht schwerer machen als es schon ist. Du musst auf deinen Planeten zurück und ich will dir nicht noch mehr Kummer zufügen, als du jetzt schon empfindest.

Du denkst, ich würde mehr Liebeskummer haben, nur weil du mich jetzt weiter küsst? Ich werde so oder so leiden, da wird die letzte gemeinsame Zeit auch nicht mehr viel verändern können, geschweige denn den Schmerz reduzieren können.

Noch währenddessen ich dies Sätze in meinem Kopf ausformulierte, wusste ich plötzlich, warum ich das Sternbild vorher zu kennen geglaubt hatte. Ich kannte es wirklich. Es war das Erste gewesen, dass mir mein Vater gezeigt hatte und eines der wenigen, die ich mir überhaupt merken konnte.

Das Sternbild der Kassiopeia. Allerdings war es etwas verzerrter als auf der Erde. Diese Entdeckung teilte ich natürlich gleich Nes mit.

Seine nüchterne Reaktion dämpfte meine Begeisterung etwas ab. Aber selbst als er sagte, dass dies noch lange nicht das gleiche Sternbild wie auf der Erde sein musste, war ich noch nicht so recht bereit es zu akzeptieren. Sonst war ich nicht so kitschig romantisch, aber das was mir jetzt in den Sinn kam, konnte man in diesem Punkt wohl kaum übertreffen.

Wenn es doch das gleiche Sternbild ist, und bevor mich Nes unterbrechen konnte, versuchte ich ihm den Mund zu zuhalten, und die Möglichkeit besteht egal wie klein sie ist, dann würden wir, du auf diesem Planeten und ich auf der Erde, diese Ansammlung von Sternen ansehen und vielleicht treffen sich unsere Blicke dann und wir haben wenigstens einen Ort an dem wir uns etwas näher als Millionen Lichtjahre sein können.

Schon als ich den Satz aussprach wusste ich, wie absurd sich das anhören musste.

Schnell setzte ich noch hinzu; weißt du was, vergiss das, was ich gerade gesagt habe. Ich weiß genauso wie du, wie unwahrscheinlich das alles ist und wie kitschig und blöd. Es ist nur so, dass ich dich nicht ganz verlieren will, nicht jede Möglichkeit dir nahe zu sein und dich jemals wieder zu sehen, verlieren kann.

Jetzt war ich den Tränen nah. Ich merkte wie sich das Wasser in meinen Augen sammelte, eigentlich wollte ich gar nicht weinen – ich sollte jede Minute, die ich auf diesem Planeten noch hatte, nutzen und nicht traurig über etwas, was ich sowieso nicht ändern konnte, sein aber ich konnte es nicht verhindern. Bevor mir die Tränen über das Gesicht laufen konnten, spürte ich Nes, der an mich herangetreten war und mich nun umarmte. Seine großen Hände strichen sanft über meinen Rücken. Wenn ich jetzt schon kurz vor einem Nervenzusammenbruch war, wie sollte es mir dann erst gehen, wenn ich wieder zuhause war?

Ich drückte mich fester an ihn, wollte seine tröstende Wärme spüren, ich legte meinen Kopf an seinen oberen Bauch.

Wir schaffen das schon; du und ich schaffen das, auch wenn wir so weit voneinander entfernt sein werden.

Wir standen noch eine Weile eng umschlungen und aneinander gelehnt da, wobei das in diesem Fall hieß, dass ich mich gegen Nes lehnte, andersherum würde das wohl kaum funktionieren.

Da ich mit dem Rücken zu dem Wald stand, konnte ich mir die Lichtung wieder anschauen, ich hatte sie nur flüchtig gesehen und war dann zu dem Sternenhimmel abgeschweift.

Uns gegenüber befand sich ein großes Etwas. Ich kniff die Augen zusammen, ja, das konnte gut ein Tempel sein. Jetzt war ich verwirrt, hatte Nes mir nicht erzählt, dass sie so etwas wie einen Gott nicht hatten, sondern nur die Natur anbeteten und das auch nicht in Tempeln oder Kirchen in unserem Sinn machten? Was für eine Funktion hatte also dieses Gebäude aus Stein?

Die Frage musste mich so vereinnahmt haben, dass ich sie auch noch an Nes übermittelt hatte.

Der schmunzelte nur und schaute mich ungläubig an. Wohin wollte ich den bringen?

Er versuchte mir auf die Sprünge zu helfen und mich nicht komplett dumm aussehen zu lassen. Als ich ihm dann in die Augen schaute und diese wunderbaren lilanen Spiegel seiner Seele sah, die fast genauso wie meine war und uns, ich war mir dessen absolut sicher, zu Seelenverwandten machte, kam mir die Erkenntnis und ich schlug mir aus Verwunderung über meine Dummheit; ich stand nicht oft so dermaßen auf dem Schlauch, das müsst ihr mir glauben; mit der flachen Hand auf die Stirn. Natürlich war das kein Tempel für irgendeine Gottheit, das war das Gebäude in welchen sich das Wurmloch oder besser gesagt die Maschine, die diese Brücken durch den Raum erschaffen konnte, befand.

Allerdings drängte sich mir eine Frage auf; warum baut ihr ein Haus für eine Wurmlochmaschine?

Warum baut ihr „Häuser“ für eure Autos? Oder Flughäfen? Du kannst dieses Tor durch das Universum vielleicht ein bisschen mit einem Flughafen und Flugzeugen vergleichen.

Ich schaute ihn fragend an, der Vergleich leuchtete mir nicht ganz ein.

Okay, Okay, es ist ein schlechter Vergleich. Naja, eigentlich weiß ich es auch nicht so genau. Es war schon immer so. Außerdem will ich dir auch nicht alle Fragen beantworten, du musst doch schließlich auch noch etwas haben, über das du nachdenken kannst. Er grinste mich an und zwinkerte mir zu. Ich verdrehte die Augen, ich sah schon die nächsten Tage konnte ich vergessen, was den Unterricht betraf, ich würde über alles, was hier passiert war und die ganzen ungelösten Fragen nachdenken.

Er stupste mich an. Gehen wir hinein? Oder bist du noch nicht bereit?

Wir können gehen. Ich bin bereit. Zur Bestätigung strahlte ich ihn an.

Auf dem Weg fragte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, ob es so etwas wie ein Schicksal oder einen vorher bestimmten Weg für jeden für uns gab. War es mein Schicksal gewesen, Nes zu treffen und ihn nach einem Tag gleich wieder zu verlieren? Oder war das alles nur ein ganz großer Zufall? Ich wusste, dass mir diese Fragen niemand auf der Welt beantworten konnte, ich müsste selbst eine Antwort für mich finden, mit der ich zufrieden sein konnte.

Als ich wieder hoch sah, standen wir bereits im Bauwerk. Im Gegensatz zu dem recht schlichten Äußeren - im Grunde war das nur eine Wand aus behauenen Steinquadern gewesen, ohne irgendeine Verzierung – war das Innere so imposant, dass es mir nicht zum ersten Mal an diesem Tag den Atem verschlug.

Überall an den Wänden und an den Rändern der Decke befanden sich kleine Verzierungen, die Szenen aus dem Alltag der Bewohner des Planeten darstellten, das glaubte sie zumindest. Es war alles bunt bemalt worden. Von den kleinen Figürchen eingerahmt, hatte man auf die kuppelförmige Decke den Sternenhimmel, welchen sie bis vor ein paar Minuten noch betrachte hatte, mit leuchtender Farbe abgebildet. Dort wo die Kuppel in die senkrechte Wand überging, hatte man eine Vielzahl von Fackeln in den verschiedensten Farben angebracht, die den ganzen Innenraum beleuchteten und auch Nes beschienen, der daraufhin fast anfing zu leuchten.

In diesem Moment blitzte ein Bild vor meinem geistigen Auge auf , es war ein Engel und hatte eine auffallende Ähnlichkeit zu dem Bild, dass sich mir bot.

Dennoch schob ich das Abbild erst einmal beiseite, denn Nes schritt jetzt durch den Raum und betrat - ich hatte vorhin nicht registriert, dass sich in meiner nächsten Umgebung eine Art Bühne und an deren Rückwand Vertiefungen in der Wand befanden, daneben waren mir fremde Zeichen eingelassen, die ich nicht im Geringsten deuten konnte. In der Mitte des angehobenen Bereichs konnte man einen bogen betrachten, der einer noch unten geöffneten Parabel glich und an dessen Rahmen sah ich fast die gleichen Zeichen und Symbole wie an der Wand vor der jetzt Nes stand.

Ich musste zu ihm hoch blicken, denn ich hatte mich vor lauter beobachten noch nicht von der Stelle gerührt, seitdem Nes weitergegangen war und mich staunen am Eingang zurückgelassen hatte.

Er erwiderte nun meine Blick und winkte mich mit einen kleinen Lächeln zu sich. Daraufhin setzte ich mich in Richtung Podium – ich hatte keine Ahnung wie dieses Raumelement auf dem Nes jetzt wartend stand eigentlich hieß, noch weniger wusste ich ich es nennen sollte. An der Treppe, die auf diese Erhöhung hinaufführte, wurde mir der Größenunterschied unserer beider Arten deutlicher als in irgendeinem anderen Moment an diesem Tag heute. Eine Stufe reichte mir fast bis ans Knie.

Wenn ich noch einmal hierher kommen wollte, musste ich davor erst alles mögliche trainieren, um nicht an so einfachen Sachen wie Treppensteigen zu scheitern.Als Nes das Größenverhältnis sah, eilte er mit federnden Schritten auf mich zu und reichte mir die Hand, um mir das steigen der Stufen zu erleichtern. Ein wahrer Gentleman, auch wenn er den Ausdruck wahrscheinlich gar nicht kannte.

Tut mir leid, ich hatte vergessen, um wie viel kleiner du bist.

Machst du dich etwa über meine Größe lustig? Ich kniff die Augen zusammen und versuchten den ernsten Blick meiner Mutter nachzuahmen, aber nach kurzer Zeit fing ich an zu Lachen.

Nes trat auf mich zu und nahm meinen Kopf, der auf ihn lächerlich klein wirken musste, sanft in seine Hände und zwang mich mit leichten Druck den Kopf zu drehen und ihn somit anzusehen. Ich sah den ernsten Blick in seinen Augen.

Ich meine es absolut ernst. Ich hatte fast den ganzen Tag vergessen, dass du nicht meiner Art angehörst, dass du kleiner bist als ich und alles andere, was uns unterscheidet. Bis gerade vorhin ist es mir nicht aufgefallen, sonst hätte ich dich natürlich die Treppe hoch getragen.

Ich spürte die Enttäuschung, die sich in mir breit machte, so unromantisch ich auch war, in seinen Armen zu liegen und von ihm getragen zu werden, hätte ich gerne vor meinem Weggang noch erlebt.

Wie schon öfters an diesem Tag, hatten meine Gedanken wohl irgendwie einen Weg in sein Bewusstsein gefunden, denn einen Moment nachdem ich das zu Ende gedacht hatte, spürte ich Hände um meine Taille. Kurz darauf hatte ich schon keinen Boden mehr unter meinen Füßen und fand mich in den Armen von Nes wieder. Er lächelte mich an.

Zufrieden? Ich will ja nicht, dass du enttäuscht nach Hause gehst.

Während die Gedanken noch bei mir ankamen, wirbelte er mich im Kreis herum, ich spürte wie mein Herz wie beim Achterbahnfahren schneller schlug, allerdings wurde es von der Nähe zu Nes noch weiter beschleunigt. Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust, ich konnte seinen Herzschlag durch die Haut spüren und hören, als ich meine Hand auf die pochende Stelle legte, klopfte es noch schneller.

Als ich spürte, dass mich Nes anschaute, sah ich zu ihm hoch und kaum traf sich mein Blick mit seinem, spürte ich seine Lippen die meinen in einem Kuss begegneten. Er war zart und auch ein kleine wenig bitter, als mischte sich der Abschied in den Kuss.

Nach einer, meiner Meinung nach, viel zu kurzen Zeit löste Nes sich von mir und ich schaute wie gebannt in seine Augen, sie hielten mich gefangen mit ihrer Mischung aus Liebe, Verlust, Glück und Bewunderung. Währenddessen ließ er mich wieder mit den Füßen auf den Boden uns stellte mich senkrecht hin.

Ich blickte ihn noch immer an und meine Augen fanden wieder das Amulett, welches in allen im Regenbogen enthaltenden und auch in denen, die dort fehlten, leuchtete. Wieder fragte er;

Gefällt es dir?

Und wieder antwortete ich, dass ich sehr schön fand.

Seine Hände bewegten sich und schließlich überbrückte er mit dem Amulett in den Händen den Abstand, der sich zwischen uns gebildet hatte. Er legte es um meinen Hals und bevor Nes es um meinen Hals schließen konnte, stellte ich eine Frage.

Warum?

Wenn du von diesem Planeten wärst, hättest du es bekommen, weil ich dich geheiratet hätte.Und nur weil du von der Erde bist sollst du das Zeichen der Liebe nicht bekommen? Nein, das ist unfair. Ich liebe dich und du bekommst auch meine Kette.

Er schloss das ende und die Kette schmiegte sich an meinen Hals.

Mir schossen Tränen in die Augen und nur Sekunden später tropften sie mir die Wangen hinunter, selbst Nes, der jede Einzelne davon weg küsste, konnte den Fluss nicht aufhalten. Um meinen Dank auszudrücken, denn ich fürchtete, meine Stimme konnte man jetzt wohl vergessen, küsste ich Nes.

Das Gefühl, das ganz leise mitschwang, als er den Kuss erwiderte, stimmte mich traurig. Ich konnte den Verlust und die Trauer förmlich schmecken und die Tränen, die kurz davor wieder versiegt waren, fingen erneut an zu laufen und hinterließ einen salzigen Geschmack auf Nes' Lippen.

Er nahm mich in den Arm und geleitete mich langsam zu dem Bogen. Ich steckte meine Hand in die Hosentasche meiner Jeans und holte meinen Glücksstein heraus, den ich immer bei mir hatte; einen Türkis, der genau die richtige Größe für meine geschlossene Hand hatte und dessen Oberfläche wunderbar glatt war.

Ich will dir auch etwas geben. Damit du mich nicht vergisst.

Ich nahm seine Hand, öffnete sie, um danach den Stein hineinlegen zu können.

Danke, aber ich würde dich nicht vergessen.

Er entfernte sich von mir und fuhr mit den Fingern über den Stein an der Wand mir gegenüber; nur der Bogen trennte uns voneinander. Ein wenig später war er augenscheinlich fertig und drehte sich mit dem Gesicht zu mir. Dann fing seine Gesicht an zu strahlen und ein Lächeln stahl sich auf seine Züge.

Unmerklich begann die Luft innerhalb des Bogens zu flimmern, wie sie es auch über einer heißen Straße an einem Sommertag macht, dieses Phänomen verstärkte sich immer mehr und verzerrte die Züge von Nes zunehmend. Schließlich als die Luft undurchsichtig wie ein weißer Vorhang geworden war, legte sich ein dunkelblauer Schimmer über die Fläche zwischen dem Bogen. Nes, der in zwischen wohl wieder hinter mich getreten war, legte die Arme um meine Taille und drückte mir einen Kuss auf den Scheitel.

Ich hab erst einmal gesehen, wie sich ein Wurmloch in dieser Maschine aufgebaut hat, aber ich empfand es vom ersten Augenblick als atemberaubend.

Es dauerte noch eine Weile bis das Wurmloch bereit zum hindurchgehen war, aber als der rahmen des Tors weiß zu leuchten begann, wusste ich instinktiv, dass ich jetzt gehen musste. Ich befreite mich aus der Umarmung von Nes und zwang mich von ihm weg zu gehen.

Warte, ich muss dir noch etwas zu dem Amulett sagen, nicht dass du erschrickst.

Ich wandte mich ihm zu.

Wenn ich an dich denke, wird der Stein warm; ich weiß nicht, ob es auch über eine so lange Distanz funktioniert.

Zum Abschied umarmte er mich noch einmal und unsere Finger verschränkten sich wie selbstverständlich miteinander.

Als ich durch das Wurmloch trat, glitten unsere Finger auseinander.

Ich werde dich wieder sehen.

„Ich werde dich wieder sehen.“

Wieder kam diese Schwärze, durch die ich orientierungslos durch stolperte und nach ein paar Minuten fiel ich auf den spärlich beleuchteten Rasen vor meinem Haus. Ich rappelte mich auf.

Durch das Wohnzimmerfenster konnte ich die riesige Digitaluhr sehen, die bei uns im Bücherschrank stand. Ihre blauen Zahlen zeigten 04:51 Uhr.

Mist, damit war ich über 12 Stunden weg gewesen, wie sollte ich das jetzt bloß erklären? Ich müsste mir etwas sehr gutes einfallen lassen müssen.

 

Ich wachte durch das schrille Klingeln meines Weckers auf. Es war ein Tag vergangen, als ich mitten in der Nacht in unserem Garten gestanden hatte und wie es zu erwarten war, hatte ich ganz schön viel Hausarrest bekommen. Der Ausflug auf den anderen Planeten und vor allem Nes erschien mir immer noch ein Traum gewesen zu sein. Einzig und allein der Warme Stein an meinen Hals konnte meine Zweifel etwas zerstreuen. Und natürlich hatte ich mit meiner Mathelehrerin Ärger bekommen wegen der nicht gemachten Hausaufgabe, aber das war mir angesichts des Erlebten ziemlich egal gewesen.

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

magicblues Profilbild magicblue

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Sätze:397
Wörter:10.238
Zeichen:58.056

Kategorisierung

Diese Story wird neben Abenteuer auch in den Genres Science Fiction, Liebe und Mystery gelistet.