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Im Affekt

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11.10.2019 20:33
12 Ab 12 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

»Warten Sie bitte hier. Der Kollege dort wird Ihnen Bescheid geben, welcher Sachbearbeiter Ihre Aussage aufnimmt. Bis dahin, verhalten Sie sich bitte ruhig!«, funkelte der ältere Polizist fast schon ein wenig bedrohlich in ihre Richtung. Dann deutete er mit dem Kopf in Richtung des Wartebereichs des 4. Reviers.

Sie drückte sich währenddessen die verbrauchte Luft ihrer gesteigerten Atmung aus den Lungen und setzte sich.

Soviel Aufregung wegen dieser Kleinigkeit!

Sie sah dabei fast aus wie ein kleines, bockiges Mädchen. Der ältere Herr verschwand daraufhin hinter ‚Sicherheitstüren‘, worauf einzig und allein die an der Decke angebrachte Kamera hindeutete, die sämtliche Blick auf sich zog. Nervös kaute sie auf ihrem Kaugummi, während sie sich bequemer in den Wartestuhl fläzte und ihre Beine ausstreckte.

Und das alles wegen eines blöden Außenspiegels!, dachte sie.

Die Uhr an der Wand tickte umso lauter, je mehr sie sich darüber aufregte. Ihr kritischer Blick galt dieses Mal einzig und allein der verdammten Uhr.

Zwanghaft überlegte sie, was nun auf sie zukommen würde und vor allem, wie sie das Dilemma ihrem Vater erklären sollte. Ängstlich sah sie bereits ein Strafverfahren auf sich zukommen. Oder schlimmer noch, dass sie bald als vorbestraft gelten würde. Sie kannte sich mit dem ganzen Gesetzeskram doch gar nicht aus.

Dann fiel ihr Blick auf besagten ‚Kollegen‘, der gegenüber des Wartebereichs saß.

Genau dem, der sie hoffentlich gleich mit dem Menschen hier bekanntmachen würde, dem sie würde erklären müssen, wie es zu dem unglücklichen Zwischenfall gekommen war.

Ich hatte es halt eilig, verdammt nochmal!, fluchte sie gedanklich und schaute verächtlich auf die Seite.

Besagter Kollege sah immer wieder mürrisch in ihre Richtung und tippte scheinbar wahllos auf der Tastatur herum. Unruhig sah sich die stürmische Autofahrerin, wie der ältere Polizist von draußen sie genannt hatte, weiter im Wartebereich um. Sie war einfach vor dem Revier auf den gütig aussehenden Herrn in Uniform zugegangen. Nur um jetzt hier zu sitzen und festzustellen, dass Sie wohl der einzige Mensch an Silvester, kurz nach 19:00 Uhr war, der in den ‚heiligen Hallen der Polente‘ herumsaß und Däumchen drehte. Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, dachte das wohl auch der ‚Kollege‘ hinter den Schutzgitterstäben. Diese bescheuerten Gitterstäbe unterstützten ihre Gedanken dabei, die Sache unnötig aufzubauschen und sich schon im Gefängnis sitzen zu sehen.

Sie war noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Hatte immer brav aufgegessen, ist nur bei ‚Grün‘ über die Ampel gefahren und fuhr innerorts nie mehr als zwanzig km/h zu schnell. Außerorts Dreißig, weil sie einmal gehört hatte, dass man bei einundzwanzig, beziehungsweise einunddreißig km/h ein Fahrverbot aufgebrummt bekam.

Okay, mehr gab der Wagen eh nicht mehr her!, dachte sie und knackte in jener ätzenden Situation geräuschvoll mit den Fingern.

Das Poster an der Wand mit dem Slogan ‚Genau mein Fall‘ hingegen fand ihre Situation wohl äußerst amüsant, denn es konnte sich vor Lachen kaum mehr selbstständig an der fleckigen Wand halten. Außerdem passte die strahlend hübsche Blondine, die eher wie eine Kandidatin bei Heidi Klum, als nach Polizistin aussah, wohl eher nicht zu diesem trostlosen Schuppen des 4. Reviers.

Ein ohrenbetäubendes Fiepen durchfuhr den vor positiver Energie nur so strotzenden ‚Wartesaal‘.

»Das Fräulein aus dem Wartebereich bitte in Zimmer 308, dritter Stock.«

Das war keine Bitte, sondern ein Befehl. Wenn auch mit seeehr wenig Elan in der Stimme. Zudem machte sich ‚werter Kollege‘ noch nicht einmal die Mühe, Sie mit Namen aufzurufen. Nachdem sie sich gefühlte fünfundzwanzig Mal ausgewiesen hatte. Bestimmt zierte bereits ein alter, zerfledderter Aktendeckel ihre Passkopie und die Anklageschrift mit der Forderung ‚lebenslänglich‘ direkt dahinter.

Lässig erhob sie sich von ihrem Schaukelstuhl und schlenderte ganz cool unter den gelangweilten Augen des ‚Kollegen‘ vorbei. Jedoch nur solange, bis sie durch die ‚Sicherheitstür‘ hindurch war. Dann legte sie gleich drei Zähne zu, bevor sie hier noch übernachten würde müssen. Im angrenzenden Treppenhaus nahm sie gleich zwei Stufen auf einmal und hechtete ängstlich in den dritten Stock.

Warum zum Kuckuck hatten eigentlich alle Inneneinrichter für Behörden bloß ein Faible für diese eintönigen, grauen Linoleumböden, auf dem man wirklich jede schwarze Schuhsohle erkennen konnte?

Sie betrat den dunklen Flur, dessen schiefes Hinweisschild mit den Zahlen 300 bis 316 verziert war.

301, 303, 305, 307…

Zielgerichtet betrat sie den Raum der gegenüberliegenden Seite. Ohne Anzuklopfen.

»Könnten Sie sich bitte ein bisschen beeilen? Hab noch nen Termin beim Papst«, kam flapsig über ihre ungeschminkten Lippen.

Der Typ, der hinter dem vollbeladenen Schreibtisch stand und eine dicke Akte in den Händen hielt, musterte sie überrascht. Augenblicklich blieb sie stehen und unterließ den Drang, sich verblüfft die Augen zu reiben. Sie vergaß sogar zu erwähnen, welch wichtigen Termin sie im Anschluss daran noch wahrnehmen musste. Enthusiastisch schloss sie die Tür hinter sich.

»Sind Sie sicher, dass Sie zu mir wollen?«, fragte der Kerl mit der angenehmen Stimme.

Jeder Blinde mit Krückstock sah jedoch den schelmischen Gesichtsausdruck dieses so gar nicht uniformierten Polizisten.

»Oh jaaa!«, sagte sie genüsslich und lächelte frech, ohne den Prachtkerl auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Er sah kurz zur Tür. Nachdem er die dicke Akte in seiner Hand unüberhörbar auf den Tisch verfrachtet hatte, setzte auch er sich.

Seine hübschen Augen rasten über den Bildschirm, der seitlich vor ihm stand.

»Dann können Sie mir also sinnvoll begründen, warum Ihnen der Außenspiegel des gegnerischen Fahrzeuges nicht gefallen hat?« Der sarkastische Unterton seiner Worte machte ihn nur noch attraktiver.

Sie setzte ihren unschuldigsten Gesichtsausdruck auf, während ihr Herz Purzelbäume schlug.

»Nun ja. Es war ein Versehen. Ein Unfall. Ich musste diesem anderen Auto ausweichen, was mit vollem Karacho die Straße entlanggebrettert kam.«

Er hörte ihr aufmerksam zu. Dann widmete er sich wieder seinem Bildschirm.  

»Und Sie haben nicht zufällig das Kennzeichen des mit vollem Karacho die Straße entlanggebrettert kommenden Fahrzeugs?«

Wow, wie sexy dieser komplizierte Satz aus dem Munde mit den verheißungsvollen Lippen klang.

»Sagen Sie, Herr…«

»Seidel«, antwortete er sofort.

»Herr Seidel«, ergänzte sie. »Lernt man diese Sprechweise wirklich auf der Polizeischule? Sie imponiert mir. Ihre Kollegen konnten sich so nicht ausdrücken.«

Ein kleines geheimnisvolles Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich zurücklehnte.

»Sagen wir es so. Ich habe einen Zusatzkurs belegt.«

Sie zog eine Augenbraue nach oben und hauchte ein verräterisches »Aaah!«

Er legte seine gepflegten Finger auf die Tastatur und begann zu tippen. Sogar dabei sah er unverschämt gut aus. Einige zufällige Male kreuzten sich ihre Blicke, was ihren Puls weiterhin Fahrt aufnehmen ließ. Sie bemerkte noch nicht einmal den rauschenden Drucker an der Seite.

»Okay, Fräulein Richter. Daniela Richter, korrekt?«

Sie nickte. Kaum sichtbar. Dabei lauschte sie dem festen Klang seiner Stimme, als er ihren Namen aussprach. «Ich habe Ihre Aussage aufgenommen. Auf dem Papier, welches ich Ihnen gleich in ihr aufgeregtes Händchen drücken werde, steht der Name des Halters und dessen Telefonnummer. Sie rufen dort unverzüglich an und erklären ihm, was vorgefallen ist. Melden Sie den Schaden Ihrer Versicherung oder zahlen ihn aus eigener Tasche. Wir werden uns schon sehr bald beim Fahrzeughalter erkundigen, ob Sie dieser Pflicht nachgekommen sind. Ich kann Ihnen nur raten, genau das zu tun. Und weil Sie sich quasi selbst angezeigt haben, erlasse ich Ihnen sogar die Geldbuße, für die Sie hätten aufkommen müssen. Ich finde, Ehrlichkeit sollte belohnt und nicht bestraft werden.«

Sie spritzte auf. »Wie jetzt? Das wars schon?«

Auch er erhob sich von seinem quietschenden Bürostuhl, fischte nach dem Stück Papier im Drucker und hob es ihr vor die Nase. »Jepp.«

Verträumt beäugte sie die große, schlanke und mit Sicherheit durchtrainierte Statur in zivil direkt vor sich. »Aber…«

Sie nahm das Papier entgegen und blieb wie angewurzelt stehen.

Seidel kam währenddessen hinter seinem Schreibtisch hervor, steckte sich seine Hände in die Hosentaschen und ging einige Schritte auf sie zu.

»Wollen Sie Neujahr etwa hier mit meinem Kollegen vom Empfang verbringen?«

Kollege vom Empfang?, wiederholte sie gedanklich.

Angewidert verzog sie das Gesicht.

»Nein. Ich muss doch noch nen Termin bei Elvis und der Queen.«

Die Denkerstirn Seidels kam zum Vorschein.

»Und worauf warten Sie dann noch?«

Sie grinste unsicher, als er an ihr vorüberging. Zur Tür.

Er öffnete sie und deutete auf den immer größer werdenden Spalt zwischen Wand und Tür.

In jenem Moment wusste sie weder, warum sie das tat, noch was sie sich davon erhoffen würde.

Doch sie tat es!

Im Vorbeigehen drückte sie ihm, wenn auch nur flüchtig, die Lippen auf den Mund.

Im ersten Moment wich er etwas zurück. Doch dann kam es ihr zumindest so vor, als würde er ihr schnelles Küsschen, wenn auch vielleicht nur ein ganz klein wenig, erwidern.

Ohne sich nochmals umzudrehen, hielt sie sich das gedruckte Papier vor die Brust und rannte zum Treppenhaus. Dort angekommen wäre sie am liebsten sofort bis ganz nach unten gesprungen. Im Affenzahn rauschte sie die Treppen hinunter. Glücklicherweise blieben die Geräusche ihrer Schritte die einzigen im Treppenhaus und sie wiegte sich vorerst in Sicherheit. Die Aktion hatte ihn anscheinend ganz schön aus dem Tritt gebracht.

Und bevor sie die Tür in Richtung Freiheit erreichte, kam sie erneut am ‚Kollegen‘ vorbei.

Sie linste fluchtartig auf das angenähte Namensschild auf dessen Brusthöhe.
Dort stand: PM Heidelberger.

»Kann sein, dass wir uns wiedersehen. Bis dahin, Frohes Neues Jahr, Herr Heidelberger!«

 

Verdutzt sah er der Dame mit der glückseligen Miene hinterher und schüttelte ahnungslos den Kopf.

Als Dani die Augen aufschlug, erschrak sie für einen kurzen Moment. Hektisch schaute sie sich um. Kopfschmerzen dröhnten ihr durch den Schädel. Unruhe überkam sie, bis sie feststellte, dass sie sich bei ihrer besten Freundin im Gästezimmer befand. 
Beruhigt rief sie sich den Abend, beziehungsweise die Nacht, in Erinnerung. Und es war genauso feucht-fröhlich geworden, wie sie schon seit Tagen befürchtet hatte. 
Nun hatte sie den Salat. Krampfartige Kopfschmerzen zogen ihr bis in die Zehenspitzen. 
Sie stieß einen gequälten Laut aus und grapschte nach den Kopfschmerztabletten rechts auf dem Nachttisch. Sie hatte die kleinen weißen Freunde in weiser Voraussicht bereits am Vortag dorthin drapiert. Es war schließlich nicht ihr erste Silvesterfeier bei Harriet. 
Anschließend griff sie nach der bereitstehenden Flasche Wasser und nahm die kleinen Lebensretter ein. Sanft ließ sie ihren Oberkörper zurück auf die weiche Matratze sinken. Es wäre ihr sogar beinahe gelungen, sich zu entspannen. Bis ihr die gestrige Szene aus dem Polizeirevier wieder einfiel. Ein in die Länge gezogenes »Oh Gott!« entwich ihr, während sie sich beschämt an den Kopf fasste.
Was hatte sie da bloß wieder geritten?
Fast panisch schwirrten ihre Gedanken um die Frage, ob das bereits als sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz galt? 
Das durfte doch alles gar nicht wahr sein. Schützend legte sie sich die Hände auf ihr Gesicht. Ganz so, als ob es ihr ‚Missgeschick‘ ungeschehen machen würde. Gleichzeitig badete sie ein wenig in Selbstmitleid. Allen voran wegen ihrer Kopfschmerzen. Es war auch immer das Gleiche mit ihr. 

Aus der Küche drangen Geräusche von klapperndem Geschirr. Harriet war wohl schon fleißig am Beseitigen der Überbleibsel des Neujahrs-Exzesses. Und Danis schlechtes Gewissen plagte sie dann doch aus dem kuscheligen Bettchen. 
Stöhnend schwankte sie zu ihrer Sporttasche und zog ihr Schlafshirt aus. Beim Anziehen der Hose musste sie sich sogar an der Wand abstützen. Ganz nebenbei hoffte sie bei sämtlichen Göttern, dass die Tabletten schnell zu wirken beginnen würden.
Nicht gerade sanft zog sie die Tür auf. Benommen blieb sie am Wohnzimmer stehen, in welchem der Höhepunkt der letzten Nacht stattfand. Keine Spur von Luftschlangen, Konfetti, dem fettigen Raclette-Grill oder den gefühlt zwanzig Sektflaschen. 
Alles war picobello sauber. 
Nur ganz allmählich fragte sich Dani, wie lange Harriet schon auf den Beinen und vor allem, wie spät es überhaupt war? Dann tapste sie mit noch schlechterem Gewissen den Flur weiter. 
Mit kleinen Äuglein linste sie in die Küche, in der Harriet fröhlich vor sich hin pfiff und wie immer, putzmunter war. 
»Guten Morgen, Schlafmütze!«, begrüßte sie der Putzteufel.
»Wie kann man nach einer durchzechten Nacht nur so fit sein?«, antwortete die Kopfschmerzgeplagte. »Ich wünsche dir ebenfalls einen ‚Guten Morgen‘.«
Harriet stapelte einen Teller nach dem anderen aus dem Geschirrspüler zu einem kleinen Türmchen. Und das nicht gerade leise, sodass sich Dani immer wieder an den schmerzenden Kopf fassen musste. 
»Bin gleich fertig. Hast du die Tabletten schon genommen?«
Dani nickte langsam und schlurfte zur fast schon antiken Eckbank. Sie setzte sich ganz langsam; die Hand immer noch an ihrem Kopf. 
»Dann wird es Zeit für mein Wundermittel«, flötete Harriet und drückte das Start-Knöpfchen der Kaffeemaschine. Dani beobachtete sie, als sie den Kühlschrank nach etwas ganz Bestimmtem absuchte. Dabei wurde ihr klar, um was es hier ging. Problem an der Sache war nur, dass dieses ‚Wundermittel‘ bei ihr keinerlei Wirkung zeigte, obwohl ‚Harri‘ immer das Gegenteil behauptete.
Und als sie sich wieder zu Dani umdrehte, strahlte sie mit der Zitrone um die Wette.
»Zieh nich so ein Gesicht, Schnapsleiche. Warts nur ab!«
Das an einen Flugzeugstart erinnernde, dröhnende Geräusch des Mahlwerks machte ihre Kopf-schmerzen jedenfalls nicht besser. 
Der Duft von frischem Espresso inklusive Zitronensaft schon eher.
Mit einem Mal öffnete Dani die zusammengekniffenen Augen.
»Danke«, sagte sie und exte den Espresso in einem Schluck. 
Daraufhin packte Harriet den Zucker wieder beiseite und setzte sich zu ihrer Freundin.
»Nick und Sel sind schon gegangen. Und jetzt erzählst du mir bitte nochmal ganz genau und vor allem nüchtern, was da gestern bei den Bullen passiert is?«, grinste sie über beide Backen und Dani glaubte, ein kleines Zwinkern in ihrem Gesicht erkannt zu haben. 
»Ich kann mich nicht mehr daran erinnern«, lautete der verzweifelte Versuch, das Thema zu um-gehen. Da hatte Dani die Rechnung jedoch ohne Harriet gemacht!
Sie lehnte sich also zurück und verschränkte die Arme hinter ihrem Lockenkopf.
»Willst du mich verscheißern? Gestern hast du noch geprahlt, dass du nen Bullen geknutscht hast.«
Dani erwiderte sofort: »Ich habe nicht geprahlt!«
»Oh doch! Vor Selma, Nicki und mir höchstpersönlich!«
Stille.
Die Uhr an der Wand zeigte 14:26 Uhr, als Dani Harriets durchdringendem Blick auswich.
»Ich weiß ja auch nicht, was mich da geritten hat?«, entschuldigte sie sich. 
Harriet beugte sich nach vorne. 
»War das etwa ein Entschuldigungsversuch? Ha. Ich find das zum Brüllen komisch!«, lachte Harriet und strampelte mit ihren weißen Bärchenpantoffeln. 
Dani entwich ein kurzes Grinsen.
»Eigentlich finde ich es auch ganz witzig. Der war aber auch echt süß!«, gestand sie nicht nur sich selbst ein. Ein kleines Zucken durchfuhr sie aufgrund des stechenden Schmerzens in ihrem Kopf. 
Harriet war nicht mehr zu Bremsen. »Schlepp den bloß nicht zu unseren Mädelsabenden an, wenn die ganze Bude nach Gras stinkt!«
Dani schüttelte nur leicht den Kopf. »Hey. Ich kenne gerade mal seinen Nachnamen!«
Harriets Zeigefinger richtete sich direkt auf sie.
»Zumindest hat es gereicht, um ihm direkt die Zunge in den Hals zu stecken!«
Beinahe entsetzt entglitten Dani sämtliche Gesichtszüge.
»Gar nicht wahr. Es war ein ganz kleines, kurzes Küssen!«, wehrte sie sich eisern.
Harriet nickte gespielt. »Jaaa, is klar! Trotzdem hat das noch keine von uns hingekriegt, du Badgirl!« Harriet lachte abermals laut auf und die schmerzgeplagte Dani sackte ein wenig in sich zusammen.
»Glaubst du, er wird mir wegen der Aktion was anhängen?«
Diese Frage nahm Harriet zum Anlass, aufzustehen und zur Küchenzeile zu gehen. Sie ließ Dani bewusst schmoren und fischte zwei Kaffeetassen aus dem Schrank. 
Dann drehte sie sich kichernd um. 
»Er ist n Kerl, oder? Glaubst du, dass er ne Anzeige wegen sexueller Belästigung oder so schreibt? Seine Kollegen würden ihn doch alle auslachen. Und sein Chef erst recht!«, versuchte Harriet so ernst wie möglich rüberzubringen. Es gelang ihr nur zum Teil.
Dani musterte währenddessen peinlich berührt die blitzblanke Küche. Nur ein paar Teller und Sektgläser standen noch herum. 
»Ich sollte mich zumindest bei ihm entschuldigen, oder?«
Harriet drehte sich um und stellte die Tassen unter die Kaffeemaschine.
»Da möchte wohl jemand den Bullen wiedersehen. Gibs zu!«
Wieder verursachte das verfluchte Mahlwerk eine Verschlimmerung der Kopfschmerzen.
»Vielleicht. Aber allen voran möchte ich mein Gewissen beruhigen. Vielleicht ist er verheiratet?«
»Hatte er nen Ring am Finger?«, wollte Harriet wissen.
Dani rollte mit den Augen. »Darauf habe ich nicht geachtet.«
»Sondern nur auf seinen verdammt heißen Hintern!«, imitierte Harriet Dani und schnappte sich die beiden dampfenden Kaffeetassen. 
Dani musste nun doch schmunzeln. Harriet konnte sie echt gut nachahmen. 
»Seinen Hintern habe ich gar nicht gesehen. Aber der ist bestimmt genauso knackig wie der Rest.« 
Harriet stellte die Tassen auf den Küchentisch.
»Uuuh! Ich wusste gar nich‘, dass du auf Uniformen stehst, liebste Dani!«
Als diese den ersten Schluck Kaffee hinunterstürzte und sich dabei fast den Mund verbrannte, antwortete sie ganz kleinlaut: »Er hatte ja gar keine an.«
Sofort machte sich Harriets Augenbraue selbstständig.
»Jeder Bulle trägt ne Uniform im Dienst«, entgegnete sie und dachte angestrengt über etwas nach. »Wie sagtest du, heißt er?«
»Seidel«, antwortete Dani wie aus der Pistole geschossen.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
»Ich kenne da jemanden«, sprach Harriet und nippte vorsichtig an ihrem Kaffee. »Der könnte sich mal nach deinem Bullen schlau machen. Könnte aber ein Weilchen dauern.«
»Das macht nichts«, antwortete Dani niedergeschlagen.
Plötzlich bemerkte sie eine warme Hand auf ihrer.
»Hey. Was hast du mit meiner Dani gemacht? So down kenne ich dich ja gar nicht!«
Daher rang sich Dani ein kleines Lächeln ab. 
»Ach. Ich weiß auch nicht. Die letzten beiden Wochen waren echt stressig für mich.«
Das aufmunternde Nicken Harriets verfehlte seine Wirkung nicht. Dani atmete einmal tief durch.
»Hier ist alles erledigt. Und bevor du dich vom Acker machst, gehst du schön gemütlich unter die Dusche. Du siehst nämlich kacke aus. Nicht, dass du auf dem Nachhauseweg festgenommen wirst und dich dein Prinz in diesem Aufzug sieht«, lachte sie und fuschelte Dani wild durch die Haare.
»Oh Gott. Hör bloß auf damit. Ich geh ja schon!«, sprach Dani erschrocken und schüttelte Harriet von sich. Harriet ließ los und schaute ihrer losstürmenden Freundin hinterher. Auf dem Weg zum Bad blieb sie abrupt stehen. Auf dem Sideboard im Flur stand ein neu eingerahmtes Foto. Beinahe andächtig nahm Dani es in die Hand und beäugte das Bildnis.
»Du hast echt nen Vogel. Weißt du das?«, hörte man amüsiert aus dem Flur heraus.
»Und das merkst du jetzt erst?«, ertönte belustigt aus der Küche. Und noch während der Schall von ‚Harris‘ Lachen in Danis Ohr nachhallte, stieg sie unter die warme Dusche.

~~~

Zuhause angekommen, hing sie die Jacke an die Garderobe. Glücklicherweise ging es ihr wieder viel besser und sie fühlte sich nicht mehr ganz so, als wenn ihr jemand mit dem Hammer den Kopf bearbeitet hätte. Den ganzen Heimweg dachte sie über das gestrige Ereignis nach und empfand es, je mehr sie darüber nachdachte, eigentlich als richtig gelungene Anmache. Wenn er ihr nicht vollkommen fremd gewesen wäre. Deshalb übertrumpfte die gestrige Aktion wohl doch alles bisher dagewesene. Während ihres zweiundreißigjährigen Bestehens hatte sie sich schon so Einiges erlaubt. Auch, wenn sie dafür noch kein Gesetz gebrochen hatte. Noch nicht einmal dann, wenn Selma und Harriet gelegentlich zum Joint griffen. Sie und Nicki blieben stets sauber und vergriffen sich lieber am Prosecco. 
Harriet trank nie Alkohol und war am nächsten Morgen immer die Fitteste von allen. Selma vertrug eh nicht viel. Sie selbst war meist diejenige mit dem dicken Schädel. 
Eins jedoch hatten sie alle gemeinsam: Sie waren alle Single.
Harriet lebte ohne Rücksicht auf Verluste ihre Sexualität aus und bezeichnete sich selbst als ‚Freigängerin‘. Selma suchte vergebens nach dem ‚Einen‘ und flog immer wieder auf die Nase. Nicki stand auf Frauen, was nicht weniger schwierig war. Und Dani selbst war irgendetwas zwischen Harriet und Selma.
Als sie am Spiegel vorbeilief, riskierte sie einen kurzen Blick. Schnell stellte sie fest, dass sie es hätte lieber bleiben lassen sollen. Sie sah wirklich, trotz Dusche und Gute-Laune-Harriet, schrecklich aus. Kleine, müde Augen blinzelten ihr glasig entgegen und ihr Teint erinnerte sie sehr stark an Leichen aus der Elementary-Serie. Wenigstens waren ihre Kopfschmerzen verschwunden. 
Selbst die Cornflakes, die Harriet ihr liebevoll in einer hübschen Schüssel serviert hatte, während sie ihr Haar zu bändigen versuchte, hatten keinen Tiger in ihr erweckt. 
‚Eigentlich sollte man ja genau da weitermachen, wo man aufgehört hatte‘, rief sie sich einen der Sprüche ihres Vaters in Erinnerung. Ein Blick in den Wohnzimmerschrank belehrte sie jedoch, dass sie, selbst wenn sie es in Erwägung zöge, keine Gelegenheit dazu haben würde. Sämtlicher Alkoholvorrat war aufgebraucht und die Tanke war zu weit weg. Außerdem konnte sie so, wie sie jetzt aussah, doch nicht unter Menschen.
Gähnend zog sie die Schuhe aus und schlüpfte in ihre ausgelatschen Hausschlappen. 
Immer wieder erwischte sie sich dabei, wie ihre Gedanken um den Polizisten kreisten. 
Froher Hoffnung kramte sie ihr Handy aus der Sporttasche, die nur alibitechnisch existierte und scannte das Display. Dabei fiel ihr ein, dass sie ja noch den ‚Geschädigten‘ anrufen und die frohe Botschaft überbringen müsste, dass sie den Außenspiegel geschrottet hatte. 
Fast enttäuscht schlenderte sie in ihr Wohnzimmer. Es war ein wenig unordentlich, da sie es gestern nicht mehr zum Aufräumen gekommen war. Harriet hatte sie gestern aufgeregt angerufen und ihr verklickert, dass sie den Raclettekäse vergessen hatte. Sie bat sie, noch welchen kaufen zu gehen. Daraufhin war sie wie von der Tarantel gestochen losgerast. 
Sie hätte nie im Leben Raclette ohne Käse gegessen! 
Und je mehr sie darüber nachdachte, umso klarer wurde ihr, dass Harriet sie damit unwissentlich mit dem hübschen Polizisten zusammengebracht hatte. 
Ein glückseliges Grinsen huschte über Danis Gesicht.
Und aus ihr schier unerfindlichen Gründen hatte sie wirklich gehofft, er würde sich bei ihr melden. Wenn auch nur, um sie zu verwarnen oder so?, dachte sie und seufzte aus tiefstem Herzen. 
Fast ein wenig sehnsüchtig machte sie sich auf den Weg in die Küche, um ihr Mini-Gefrierfach zu durchforsten und den Inhalt des  vereisten Päckchens mal eben schnell in den Backofen zu befördern. Es ging doch nichts über ein gutes Kater-Essen!, dachte sie sich, stellte die Eieruhr auf fünfunddreißig Minuten und trippelte in Richtung Sofa. Keine fünf Sekunden später verschwand Dani unter ihrer neuen Kuscheldecke. 
Nur die Fernbedienung und der obere Teil ihres Gesichts lugten heraus. Das normale Fernsehprogramm umging sie sofort, denn dort gab es für sie schon seit Jahren nichts mehr Unterhaltsames. Sie tippte also gleich auf die App und suchte dort nach Ablenkung. Falls sie nicht fündig werden würde, blieben ja noch die Streaming-Dienste. 
Schon während des Durchklickens diverser Kanäle wanderten ihre Gedanken wieder zu Herrn Seidel. Sie stellte sich vor, wie sie reagieren würde, wenn er plötzlich doch vor ihrer Tür stehen würde. Sie würde ihn reinbitten und ihn mit unter ihre Kuscheldecke…
Ein lautes Scheppern ertönte. Ohne es auch nur ansatzweise zu bemerken, hatte sich die Fernbedienung aus ihrer Hand verabschiedet und lag nun in Teilen auf den Fliesen.
»Fuck!«, schimpfte Dani und wurde aus ihrem schönen Tagtraum gerissen. Sogleich wurde ihr bewusst, dass der ‚Bulle‘, wie Harri ihn nennen würde, tatsächlich ihre Gedanken zu bestimmen schien. Und das, obwohl sie rein gar nichts über ihn wusste. Bis auf seinen Nachnamen.
Was, wenn er tatsächlich vergeben wäre?, fragte sie sich, als sie die Klappe des Batteriefachs wieder an die Fernbedienung bastelte. Oder vielleicht sogar verheiratet? Sie hatte doch nicht etwa einen verheirateten Mann geküsst?
Schwupps; verschwand sie wieder unter der Kuscheldecke. Die Fernbedienung fest an sich gepresst. Ihren Kopf versteckte sie gleich mit unter der Decke. So langsam dämmerte ihr, dass sie ihn wiedersehen musste. Unbedingt. 
Nun musste sie sich nur noch einen gelingsicheren Schlachtplan überlegen, wie genau dieses Wiedersehen vonstattengehen sollte...

Es war ein wolkenverhangener Tag, als Dani auf dem Weg ins 4. Revier war.

Ohne Auto - nur zur Sicherheit! Wie peinlich wäre das denn, wenn ihr das gleiche Drama direkt noch einmal passieren würde?

Ihre letzten Urlaubstage hatte sie hauptsächlich damit verbracht, sich eine Menge Schlachtpläne zu überlegen, um an ‚Herrn Seidel‘ ranzukommen. Es würde hoffentlich nicht allzu schwer werden, nochmal einen Termin bei ihm zu ergattern. Auch, wenn sie sich dabei wie ein kleines, verliebtes Mädchen vorkam.

Sollte das Vorhaben aus schier unerfindlichen Gründen scheitern, wäre sie auch nicht abgeneigt, abermals einen Außenspiegel zu drangsalieren oder sich in allerletzter Sekunde vor ein Polizeiauto zu stürzen. Zuerst würde sie jedoch den etwas ‚normaleren‘ Weg vorziehen.

Harriet hatte im Vorfeld leider gar nichts über ‚Seidel‘ herausfinden können, obwohl sie sich ziemlich sicher war, einer ihrer Kumpels würde jeden Polizisten der Stadt kennen. Der jedoch gab sich ahnungslos. Auch deshalb musste Dani ihr Glück nun selbst in die Hand zu nehmen. Natürlich um sich unter Vorwand zu ‚entschuldigen‘ und ihn davon zu überzeugen, dass es eine absolut fantastisch gute Idee sein würde, sich mit ihr zu treffen. Privat und selbstverständlich nach Dienstschluss!

 

Ganz nebenbei ging es ihr nämlich gewaltig auf den Zeiger, Seidel immer nur ‚Seidel‘ nennen zu müssen. Egal, ob sie mit den Mädels über ihn sprach oder still und heimlich an ihn dachte. Sehr viel lieber würde sie ihn mit Vornamen ansprechen; selbst wenn es ein solch grässlicher wie Walter wäre.

Ein verstohlener Ausdruck des Schocks huschte über das sonst verträumte Gesicht Danis, als sie mit diesem Gedanken die Straße kurz vor dem Revier überquerte.

Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie fast mit einem Passanten zusammengestoßen wäre. Ein kaum hörbares »Tschuldigung« kam über ihre vor Kälte zitternden Lippen.

Der kurze Weg kam ihr in dieser Eiseskälte wie eine Ewigkeit vor und die warmen Gedanken, die sie sich gerne gemacht hätte, verweigerten ihr den Dienst.

Fast so wie das in der ganzen Stadt und Presse verschriene 4. Revier.

 

Dann endlich stand sie vor dem trübselig wirkenden Revier numero quattro.

Abrupt blieb sie stehen, befreite ihr Gesicht aus ihrem dicken Wollschal und schaute hinauf. Dann atmete sie noch einmal tief durch und flitzte die Stufen hinauf. Schnell stemmte sie sich gegen die Tür und betrat den Eingangsbereich, den sie vor gar nicht allzu langer Zeit fluchtartig verlassen hatte.

Der Wartebereich war komplett überfüllt und die stickige Luft ließ sie die Nase rümpfen. Eine kleine Drehung ließ sie direkt ein ihr altbekanntes Gesicht hinter Gitterstäben erspähen. Und das kam ihr sehr gelegen. 

»Herr Heidelberger!«

Aus dessen Blick konnte sie ablesen, dass er sicherlich schwören würde, sie noch nie in seinem Leben gesehen zu haben. Dani setzte also ihr berühmtes ‚Kleinmädchengesicht‘ auf, wie Harriet es nannte. ‚Das tust du immer, wenn du was ham willst!‘ hörte sie Harriet im Geiste zu sich sprechen.

Dann brachte sie ihr Anliegen vor.

»Guten Tag. Ich hoffe doch, es geht Ihnen prächtig. Ähm, ich müsste noch einmal ganz dringend mit Herrn Seidel sprechen. Wegen dieser ‚Sache‘ neulich.«

Mit skeptischer Miene wurde Dani soeben gemustert.

»Mit wem bitte?«

Dani sah zu einem anderen Beamten, der ein Stück weiter hinten saß und Akten durchwälzte. Dann beugte sich ein wenig herunter.

Schwerhörig war er also auch noch, dachte Dani und hielt sich mit dem Augenrollen zurück.

»Mit Herrn Seidel«, antwortete sie langsam und deutlich.

»Entschuldigen Sie, aber ich habe keine Zeit für solche Albernheiten. Bei uns gab und gibt es keinen Herr Seidel, Frau …?«

»Richter. Daniela Richter«, antwortete Dani entsetzt und kam sich vor wie bei der versteckten Kamera.

Beinahe wären ihr sämtliche Gesichtszüge entglitten. Diesen Schock musste sie erst einmal verdauen.

Aber… konnte das wirklich sein?, grübelte sie verunsichert.

»Der Beamte, bei dem ich am 31. Dezember war, hieß aber so. Das sagte er jedenfalls.«

War es möglich, dass Dani sich irrte?

Nein, diesen Namen hatte sie sich ganz genau eingeprägt!

»Frau Richter. Ich sage es Ihnen nochmal. Bei uns gibt es keinen Herr Seidel!«

Der Satz saß! Und zwar mitten auf der Zwölf. Doch Dani ließ nicht locker und behauptete:

»Nein. Ich schätze, bei Ihnen liegt ein Missverständnis vor. Der Polizist aus Raum 308 hieß definitiv Seidel!«

‚Kollege‘ Heidelberger seufzte laut und tippte im altbewährten Zwei-Finger-System auf der Tastatur herum. Dann sah er sie erneut mit diesem wahnsinnig humorlosen Gesichtsausdruck an.

»Wollen Sie mir damit etwa sagen, dass ich meine eigenen Kollegen nicht kenne?«

Dann betätigte er, für seine Verhältnisse, schwungvoll die Entertaste und seine Miene zeigte ganz deutlich ein Erfolgserlebnis.

»In Zimmer 308 sitzt Kollege Warnecke. Möchten Sie vielleicht zu ihm?«

Wenn er groß, schlank und wahnsinnig gutaussehend ist, solls mir recht sein!, dachte Dani hoffnungsvoll. Aber in ihr sträubte sich alles.

»N-e-i-n«, entgegnete Dani energisch. »Ich möchte zu Herrn Seidel.«

»Hören Sie, Frau Richter. Wir können dieses Spiel von mir aus den ganzen Tag spielen. Meine Schicht hat erst angefangen. Ich habe also sehr viel Zeit!«

Dani inspizierte seine tiefen Falten.

»Das bezweifle ich aber stark!«, flüsterte Dani ganz leise vor sich hin und wendete genervt den Kopf beiseite. Sie fragte sich, ob der ‚Empfangsbulle‘ sie verkackeiern wollte. Doch schnell kam sie zu der Erkenntnis, dass dies todsicher nicht der Fall sein würde.

Was, wenn es wirklich so war? Wenn es keinen Polizisten namens Seidel gab? Hatte der Kerl in Zimmer 308 sie bloß verarscht? Hatten ihr die Dämpfe, die sie bei ihren Freundinnen in jener Silvesternacht eingeatmet hatte, solche Hirngespinste beschert?

Dani sah erschrocken auf.

Und was, wenn sie ‚Seidel‘ niemals mehr wiedersehen würde?

Ihr Mund öffnete sich und ihre Augen wurden immer größer.

»Herr Heidelberger, bitte!«, flehte sie fast. »Der Polizist aus Raum 308 am Silvesterabend stellte sich bei mir mit dem Namen Seidel vor. Glauben Sie, ich ziehe mir das aus der Nase? Glauben Sie, ich habe Spaß daran, Sie zu veralbern?«

Er zog eine Braue nach oben und musterte sie kritisch. Der Kollege im Hintergrund sah noch nicht einmal auf. Polizeimeister Heidelberger sah sich kurz nach ihm um. Schüttelte dann sogar ein wenig den Kopf und sah zur verzweifelten Dani. Kurz darauf wanderten seine Pupillen wieder in Richtung Bildschirm und er fing wieder an, auf der Tastatur herumzutipseln. Im Wartebereich grölte ein Mann ganz laut, was Dani zusammenzucken ließ. Beide Polizisten ignorierten es professionell.

»Ach, die Sache mit dem Außenspiegel. Das waren Sie, richtig?«, sagte Heidelberger mehr zu sich selbst und Dani nickte eifrig, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass alle im Wartebereich noch lebten.

»Ja, genau!«

Heidelberger kniff für längere Zeit die Augen zusammen, sodass sich kleine Schlitze bildeten.

Dann war er es, der den Mund nicht mehr zu bekam.

»Das darf doch nicht wahr sein«, maulte er und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Dieser elende…!«

Doch Heidelberger unterbrach sich selbst.

Auch der Kollege hinter ihm war endlich wach geworden und sah fragend nach vorne.

Aber auch Dani war hellwach und im Wartebereich herrschte plötzlich Totenstille.

Was zum Teufel ging hier eigentlich vor sich? 

»Was? Was ist?«, fragte Dani nach einer Weile, während der Beamte vor ihr immer blasser wurde und kein Wort sprach.

Hier schien etwas ganz und gar nicht zu stimmen, den Braten roch man bis ganz nach draußen!

Und das wiederum nutzte Dani zu ihrem Vorteil, während der andere Kollege sich wieder seelenruhig mit seinen Akten beschäftigte.

»Herr Heidelberger!«, sprach sie mit merkwürdig bestimmendem Unterton. »Sie verheimlichen hier etwas. Das steht fest. Wie wäre es, wenn Sie mir nun endlich sagen, was hier Sache ist?«

Die fahlen Lippen Heidelbergers standen immer noch offen. Er kreiste mit dem Unterkiefer und sah Dani mit festem Blick an.

»Frau Richter. Ich sagte Ihnen doch, dass es keinen Herr Seidel gibt. Möchten Sie nun zu Herr Warnecke oder nicht? Er wird sich genauso gut um ihr Anliegen kümmern.«

Dani hörte wohl nicht richtig.

»Genauso gut? Genauso gut wie wer?«, wiederholte Dani fordernd.

Heidelberger gab ihr sogar selbst die Steilvorlagen, die ihn in Teufels Küche bringen konnten. Gratis. Und nun war ihr auch klar, warum er hier am Empfang saß.

Jetzt merkte auch der nervös werdende Beamte, was er da gerade von sich gegeben hatte. Der entgeisterte Gesichtsausdruck bestätigte Danis Vermutung.

»Niemand! Ich habe mich versprochen.«, log Heidelberger und das auch noch ziemlich schlecht.

Dani legte ihre Hände siegessicher auf die Ablage vor sich und beugte sich ein weiteres Mal zu ihm runter. Sie plusterte sich förmlich auf.

»Herr Heidelberger. Ich würde mich wirklich gerne mal mit Ihrem Chef unterhalten. Den interessiert sicher brennend, was für Spielchen hier gespielt werden. Und die Presse garantiert auch!« Heidelbergers Blick erstarrte.

Strike, dachte Dani und grinste über beide Backen.

Heidelberger hielt inne; schaute dann besorgt nach hinten zu seinem Kollegen. Doch der reagierte erst gar nicht.

»Hey Stefan, ist der Besprechungsraum frei?«

Der angesprochene Kollege hob den Kopf, schaute über seinen Brillenrand und nickte.

»Ich denke schon.«

»Dann bitte ich Sie mir zu folgen, Frau Richter«, wandte sich Heidelberger wieder seinem unbeugsamen Gast zu. Dani setzte ihr Siegerlächeln auf und war bereit.

»Na, da bin ich ja mal gespannt, was Sie mir zu erzählen haben.«

 

Kaum hatte sie das gesagt, verschwand Heidelberger durch eine Tür, deren Farbe bereits abblätterte und linste aus der ‚Sicherheitstür‘, über der sich die Kamera befand, heraus. Dani sah noch einmal in den proppenvollen Wartebereich und folgte ihm selbstbewusst. Ihr Herz klopfte ein weiteres Mal heftig gegen ihre Brust. Sie war sehr gespannt auf das Ergebnis und ein klein wenig meldeten sich ihre Alarmglocken. Ob es eine gute Idee war, alleine mit einem Polizisten im Hinterzimmer zu verschwinden? Vor allem mit einem, den sie ganz schön durch die Mangel gedreht hatte? Aber da musste sie wohl durch. Schließlich konnte nur er ihr eine Antwort darauf geben, was es mit ‚Kollegen, den es gar nicht gab‘ auf sich hatte?

 

Vor einer Glastür blieb der Beamte stehen, sah kurz hinein klopfte und öffnete sie. Dani kam gleich hinterher. Sie befand sich in einem trostlos wirkenden Raum. Die Pflanze auf dem Fensterbrett hatte sicher auch schon bessere Zeiten erlebt. Es befanden sich außerdem eine vor Freude strahlende bräunlich-grüne Tischgruppe, ein sehr alt aussehender Rechner, ein riesiges Telefon mit einer Art Lautsprecher an der Seite, ein Funkgerät im hintersten Eck und ein paar deprimiert wirkende Stahlschränke, von denen ebenfalls die Farbe abblätterte. Keine Wohlfühloase also.

Der übergewichtige Beamte blieb an der Fensterbank mit der Pflanze stehen und lehnte sich mit verschränkten Armen an. Erst jetzt bemerkte Dani die Schusswaffe, die er an einem Gürtel trug. Daneben befanden sich außerdem Handschellen, eine kleine Tasche und aller voraussicht nach, ein Schlagstock. Im Gegensatz dazu hatte ‚Seidel‘ noch nicht einmal eine Uniform getragen.  Bereits jetzt dämmerte Dani, was das wohl zu bedeuten haben könnte.

»Mit meinem Chef zu sprechen, wird gar nicht nötig sein«, eröffnete der Beamte mit verschränkten Armen. Dani verzog keine Miene. Sie wollte nur die Auskunft über Seidel und dann nichts wie raus hier. 
»Ich habe Ihnen auch nichts verheimlicht«, ergänzte Heidelberger. »Bei uns gibt es keinen Herr Seidel. Aber ich weiß, wen Sie suchen.«
Danis Nervenkostüm heulte kurz auf. Musste sie dem Kerl wirklich alles aus der Nase ziehen?
»Sagen Sie mal, muss ich hier erst einen Mord begehen, um an ihn ranzukommen?«
Nun deutete der Beamte ein kleines Grinsen an. Doch dann hob er mahnend den Zeigefinger.
»Ich gebe Ihnen jetzt einen gut gemeinten Rat. Seidel ist hier nicht sonderlich erwünscht, weil er nur Ärger bedeutet. Halten Sie sich lieber von ihm fern. Was zum Teufel wollen Sie eigentlich von ihm?«
Unwillkürlich musste sie an das kleine Malheur mit dem Kuss denken, welchen sie ihm ziemlich dreist auf die Lippen gedrückt hatte und konnte nur hoffen, dass der ‚Herr Kollege‘ hier keine Gedanken lesen konnte. Alleine die bloße Erinnerung an Seidel löste ganze Schmetterlingsschwärme in ihrem Innersten aus.
»Ich habe noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen«, lautete die spontane Antwort, die, so hoffte sie, dem Beamten bestimmt gefallen würde.
Dieser lachte laut auf. »Ha! Da haben Sie und das Polizeirevier ja was gemeinsam!«
Heidelbergers verkrampfte Haltung lockerte sich nun etwas. »Ich befürchte aber, dass es gar nicht so einfach ist, aus ihm ein Brathähnchen zu machen.«
Dani trat einen Schritt vor und lehnte sich an die Stuhllehne.
»Keine Sorge. Ich kann das. Wenn Sie mir endlich sagen, wer er ist und wo ich ihn finden kann! Und das mit dem Mord meine ich durchaus ernst!«, zwinkerte sie. Vorsichtshalber.
Wieder lachte der Beamte laut auf, zog den Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich.
»Wenn Sie wüssten, wie nah Sie da dran sind! Sein vollständiger Name ist Adrian Seidel. Und Sie finden ihn und seinen arroganten Arsch entweder bei der verehrten Staatsanwaltschaft oder in irgendeinem gottverdammten Gerichtssaal.«
»Sie verscheißern mich gerade, oder?«, fragte Dani schockiert und verzog das Gesicht. »Seidel ist ein Krimineller?«
Steuerhinterzieher? Schläger? Drogendealer? Vergewaltiger? Mörder? 
Danis Fantasie schien keine Grenzen zu kennen.
»Nein!«, funkte Heidelberger dazwischen. »Er ist Staatsanwalt!«
Dani blickte auf und wusste nicht genau, was nun die bessere Alternative war?
»Staatsanwalt?«
Heidelberger nickte eifrig. Sein Mitleid für Dani schien ihm ins Gesicht geschrieben. 
Und die musste sich erst einmal setzen.
»Jawohl. Und jedes Mal, wenn die nichts zu tun haben, schneit er hier herein und führt sich auf wie Graf Rotz. Als ob wir hier nichts arbeiten würden!«
Oh ja. Heidelberger war stinkig auf ihn. Das verriet die hervortretende, dicke blaue Ader auf dessen Stirn. Die arme Dani war noch immer ganz benommen. Doch sie ergriff ihre Chance.
»Und dass er sich ohne Befugnis als Polizist ausgegeben hat, war wohl einer seiner schlechten Scherze?«, hakte sie nach und goss gewollt noch mehr Öl ins Feuer.
Der Beamte schnaubte verächtlich und beugte sich noch weiter zu Dani.
»Wissen Sie, was der feine Herr in Ihre Akte geschrieben hat?«
Dani schüttelte den Kopf.
»Das bleibt aber unter uns, was ich Ihnen jetzt sage!«, mahnte der Beamte und blickte vorsichtshalber zur Zimmertür.
»Verehrte Kollegen, erfreulicherweise ist richtige Aktenführung ja doch gar nicht so schwer und zeitaufwändig, wie immer behauptet wird. Bei Rückfragen stehe ich stets zu Diensten. Grüße Adrian Seidel, Staatsanwalt.«
Schier hätte sich Dani den aufkommenden Drang, Beifall zu klatschen, nicht verkneifen können. 
Dieser Satz hätte schlichtweg von ihr selbst stammen können.
Nicht nur sie, sondern die ganze Stadt und wahrscheinlich auch der Rest der Welt wusste, welch ein Saftladen das vierte Revier war. Und ein jeder würde Adrian Seidel verstehen können, dem Sauhaufen hier mal ordentlich auf den Tisch zu… steigen. 
Also ‚eigentlich‘ hatte er Recht.

»Aber er hat Ihnen doch eigentlich gar nichts zu sagen, oder?«, fragte sie gespielt entrüstet.
Sofort plusterte sich der Beamte wieder auf.
»Sehr richtig! Führt sich aber auf wie der leitende Polizeidirektor!«
»Ist er gut?«, fragte Dani und ergänzte: »In seinem Job meine ich?«
Wenn sie nämlich an die Arbeit von Staatsanwälten dachte, fielen ihr nur ultraschlecht gespielte Gerichtsshows ein.
Heidelberger schien von der Frage etwas verdutzt und nörgelte weiter:
»Was weiß denn ich? Ist mir auch vollkommen egal. Mein Chef sollte seinem Chef endlich mal die Meinung geigen!«
Und während sich Dani mit der Frage beschäftigte, ob Staatsanwälte überhaupt einen Chef hatten, ignorierte sie das Vibrieren in ihrer Jackentasche geflissentlich. 
Am liebsten hätte sie sich auf die Schulter geklopft. Sie hatte soeben einen Polizeibeamten dazu gebracht hatte, sämtliche Datenschutzrichtlinien zu missachten, einen Staatsanwalt zu beleidigen und den eigenen Chef zu denunzieren.
Oh, wenn sie das später Harriet erzählen würde, dachte Dani stolz.
Aber sie war kein Racheengel. Die Information, die sie benötigte, hatte sie nun endlich. 
Damit war die Sache erledigt. Neu war lediglich die Tatsache, dass sie offenbar Opfer einer tiefliegenden Fehde zwischen einem Staatsanwalt und der Polizei geworden, diesem auf den Mund geküsst und dann abgehauen war. Nur, um ihn dann unbedingt wiedersehen zu wollen.


~~~


Auf dem Weg nach draußen warf Dani all ihre Vorhaben und Pläne wieder über Bord. All die schönen Pläne A, B, C bis hin zu Z, die sie sich zurechtgesponnen hatte, lösten sich mit einem leisen ‚Paff‘ in Rauch auf. Und auch die Handschellen-Witze, die sie extra recherchiert hatte, konnte sie sich nun getrost abschminken.
Sie stand also etwas betrübt vor dem Polizeirevier und legte die Stirn in Sorgenfalten. Indes versuchte ihre Hand, ihr Oberstübchen zum Nachdenken anzuregen. Und während sie nervös auf ihrer Unterlippe kaute, ging sie ein paar Schritte zur nächsten Kreuzung. Dort sah sie die Querstraße hinauf, an deren Ende die Eingangstür zur Staatsanwaltschaft lag. 
Unklar war jedoch, ob sie wirklich gleich dorthin marschieren konnte, beziehungsweise sollte? 
So ganz ohne ihre geliebten Pläne.

Sie überlegte hin und her, stellte sich von einem Bein aufs andere und zückte ihr Handy. 
Ein verpasster Anruf. 
Sie begutachtete den Namen und rief zurück.
Das gleichmäßige Tuten beruhigte ein wenig ihre Nerven.
»Hey, Darling. Na, haste die Bullen gezähmt?«, flötete Harriet am anderen Ende der Leitung.
»Er ist kein Bulle. Er ist Staatsanwalt!«, antwortete Dani kurz und wenig begeistert.
»Ich weiß, Liebes. Das war auch der Grund für meinen Anruf vorhin. Tom hat weiter nachgeforscht und meinte, es gäbe zwar keinen Bullen, dafür aber einen Staatsanwalt namens… oh, warte ein Sekündchen, ich habs mir extra aufgeschrieben… Adrian Seidel!«
Dani antwortete: »Ja. Genau das ist er!«
»Na, das wird ja immer besser. Nun is mir auch klar, warum der keine Uniform anhatte. Oh Mann und ich dachte, Tom verarscht mich!«
»Ja. Ganz toll und was mach ich jetzt?«
»Aber wieso nimmt der dann deine Aussage auf?«, erwiderte Harriet.
Natürlich war ihre Frage einleuchtend.
»Er treibt sich wohl öfter im Revier herum und versucht anscheinend Ordnung reinzubringen! Jedoch nicht aus deren Sicht, das kann ich dir schonmal verklickern!«
Harriets schallendes Lachen hallte gerade durch die gesamte Nachbarschaft.
»Da hat der gute Adrian aber ordentlich was vor! Ich finds übrigens echt schade, dass er nich Walter heißt!«
Dani ignorierte Harriets ‚Walter-Gefasel‘, mit welchem sie schon für so manch Lachanfall gesorgt hatte. Nervös schaute sie auf die Uhr und erwiderte immer noch nichts.
Harriet ergriff das Wort: »Ich will doch hoffen, dass du gleich dorthin stolzierst und die Angelegenheit ‚regelst‘, oder Herzchen?«
Ein entmutigter Seufzer ertönte.
»Ich hab, ehrlich gesagt, keine Ahnung…«
»Selbst ist die Frau! Hol‘ dir den Amtsmann oder besorg dir wenigstens die Handynummer von seiner Sekretärin. Vielleicht taugt er ja für mehr, als bloß ein schnelles Nümmerchen.«
»Bist du irre? Wie soll ich denn das anstellen? Der Mann ist Staatsanwalt!«, rief Dani entrüstet und wurde von vorbeigehenden Passanten angestarrt.
»Ach komm schon. Gerade du kannst doch Leute um den Finger wickeln wie keine Zweite! Es wird schon nicht so schwer für dich werden, seine Handynummer herauszubekommen!«
Wieso setzt du eigentlich nicht deinen Sherlock Holmes darauf an?, dachte Dani kurzzeitig. Dann fiel ihr wieder ein, dass Sherlock ‚Tom‘ Holmes sie ‚zum Anbeißen‘ fand, wie Harriet ihr eines Abends im Suff gesteckt hatte. 
Sie verwarf den Gedanken also wieder. 
Es stimmte zwar, dass Dani ein Ass darin war, zu bekommen, was sie wollte. Jedoch ging es dieses Mal um etwas anderes, als sich bei Barkeepern Drinks zu erschleichen, Strafzettel zu vereiteln, an der Kasse galant vordrängeln oder den Türsteher zu beschwatzen. 
Doch ganz allmählich schoben sich Danis Mundwinkel in die Höhe. Die einstudierte Nummer mit der Journalistin vom Tagesanzeiger könnte vielleicht Wunder wirken.
»Also ich hätte weder was gegen die eine, noch gegen die andere ‚Nummer‘ etwas einzuwenden«, antwortete Dani kichernd.
»Das ist mein Mädchen! Schnapp ihn dir, Tigerin und denke nicht zu viel nach!«


~~~


Etwa einen Kilometer später stand Dani vor den heiligen Hallen der Staatsanwaltschaft. Quasi in jenem Stadtteil, der das Herz ihrer Heimatstadt war. Dani gefiel der hier vorherrschende Baustil sehr. Die mittlerweile vielfach renovierten Fassaden im späten Barock-Stil schauten hoch erhobenen Hauptes auf Dani herab. Sie wiederum starrte ehrfürchtig zurück und begutachtete die vielen weißen Fensterrahmen der Brutstätte für Recht und Ordnung.
Hinter einem davon saß vielleicht ein Staatsdiener, der sich gerne mal als Polizist ausgab?
Adrian Seidel, der nun endlich einen vollständigen Namen hatte und Danis Hormone vollends durcheinanderbrachte. Sie musste nur noch an seine Nummer kommen… oder an ihn.

Dani sah sich um. Auf dem Vorplatz der Staatsanwaltschaft herrschte gähnende Leere. Alle schienen beschäftigt zu sein. Und leider lief ihr der Angebetete nicht direkt in die Arme, wie es in vielen Netflix-Serien und Liebesromanen der Fall war. Allerdings konnte sie auch getrost auf die meist darauffolgenden Dramen verzichten.
Langsam setzte sie sich wieder in Bewegung. Die Kälte saß ihr in sämtlichen Knochen. Etwas verloren lief Sie hin und her und blieb an dem Hinweisschild, welches in großen Buchstaben darauf aufmerksam machte, dass es zum Amts- und Landgericht noch 500 Meter geradeaus ging, stehen. Falls sie hier nicht fündig werden würde, müsste sie wohl nach dorthin weiterziehen.

Mit mächtigem Herzklopfen machte sie sich dann doch auf den Weg in das Gebäude. Ein warmer Luftzug wehte ihr ins durchgefrorene Gesicht, als sie die Tür aufdrückte und sich in einer Art Vorraum wiederfand. Sie staunte nicht schlecht. Vordergründig herrschte hier ein sehr modernes Innenleben. Vielmehr stellte sie sich so den Verwaltungssitz von führenden IT-Unternehmen vor.
Beeindruckt bestaunte sie in jenem Vorraum das riesige Gemälde einer blinden Frau mit goldener Waagschale und silbernem Schwert. Es gefiel ihr. Ästhetische Kunst hatte sie schon immer fasziniert. Und das hier war gewiss ein Meisterwerk und von nicht minderwertiger Bedeutung.
Schnell formulierte sie ein Stoßgebet an die blinde Dame, dass sie ihr doch bitte helfen möge, endlich an den schnieken Staatsanwalt ranzukommen. Flehentlich schlug sie beide Hände ineinander. 
Bitte, bitte, bitte!
Dann blickte sie zu den darunter liegenden Glastüren, durchschritt sie und betrat den Empfangsbereich. Das edel designte Interieur setzte sich hier geradlinig fort. Ein wenig mulmig sah sie sich den langen Empfangstresen mit drei Mitarbeitern an. Zwei Damen und ein Herr, die ihre kleine Gebets-Parade eben mit Sicherheit beobachtet hatten. Alle Drei taten jedoch sehr beschäftigt. Und so nahmen sie hoffentlich die rötliche Farbe, die Danis Gesicht plötzlich angenommen hatte, gar nicht erst wahr.
Mensch Dani, reiß dich doch gefälligst zusammen, ermahnte sie sich selbst und richtete sich auf. 
Kein Mensch hier sieht dir an, dass du in einen Staatsanwalt verschossen bist und nun versuchst, an ihn oder seine Nummer heranzukommen…
…und dem du einen Kuss aufgezwungen hast. In seinem Büro. Nein, in einem fremden Büro. In einem Polizeirevier. Obwohl du ihn weder kennst, noch weißt, ob er vergeben oder gar verheiratet ist… plapperte das Teufelchen auf ihrer Schulter und grinste hämisch, während das Engelchen sich in Danis dicken Schal versteckte.
Möglichst unauffällig versuchte sie sich erst einmal zu orientieren. Da kam ihr die Hinweistafel bei den Aufzügen gerade recht. Zielstrebig steuerte sie darauf zu und begann zu lesen:

Allgemeine Strafsachen I (2.01 – 2.25)
Wirtschaftsstrafsachen und Korruption II (2.26 – 2.48)
Insolvenzverfahren III (3.01 – 3.12)
Steuerstrafsachen IV (3.13 – 3.26)
Betrug im Gesundheitswesen V (3.26 – 3.48)
Strafsachen Jugendlicher und Heranwachsender VI (4.01 – 4.10)
Sexualstrafsachen VII (4.11 – 4.19)
Intensivtäter und Rotlicht-Verfahren VIII (4.20 – 4.29)
Strafvollstreckung XI (5.01 – 5.08)
Politische Strafsachen X (5.09 – 5.18)
Pressestrafsachen XI (5.19 – 5.29)
Jugendstrafsachen XII (4.30 – 4.40)
Kapitalverbrechen XIII (4.41 – 4.49)
Betäubungsmittelsachen XIV (6.13 – 6.25)
Brandstrafsachen XV (6.26 – 6.35)
Verkehrsstrafsachen XVI (6.26 – 6.46)
Verwaltung (6.01 – 6.12)

Mit offenem Mund und wie angewurzelt stand sie vor der Tafel. 
Die erhoffte Erleuchtung kam Dani dabei zumindest nicht in den Sinn. 
Eher Verzweiflung. 
Ihr würde wohl doch nichts anderes übrigbleiben, als beim Empfang nachzufragen. Von denen übrigens immer noch niemand Notiz von ihr zu nehmen schien.
Also doch die Journalistennummer.
Doch vorher flüchtete Dani erst einmal vom Präsentierteller. Nämlich auf die rechte Seite, um ganz ungeniert einen Blick hinter die durch eine Jalousie versehene Glasfassade zu werfen. Dahinter herrschte nämlich reges Treiben einiger Anzugträger. Und ein kleiner Hoffnungsschimmer wagte sich hervor. Und ebenso wenig ein Ton nach außen drang, war auch Adrian Seidel zu sehen. Jedoch schien sich ein vollbärtiger, relativ junger Schlipsträger mächtig für eine Beförderung ins Zeug zu legen. Falls es so etwas bei der Staatsanwaltschaft überhaupt gab? Wild gestikulierend tanzte er um das Whiteboard und kritzelte voller Elan Hieroglyphen auf den weißen Untergrund.

»Suchen sie etwas, junge Dame?«, ertönte eine männliche Stimme hinter ihr.
Erschrocken und völlig unvorbereitet fuhr sie herum. Sie starrte den älteren Mann in dunklem Sakko entgegen, der direkt vor ihr stand. Ein Blick genügte und Dani wusste, dass es sich hierbei um den Empfangsmann handeln musste.
»Oh, Hallo!«, sagte Dani wie aus der Pistole geschossen. »Ich bin vom Tagesanzeiger. Mein Name ist Daniela Richter und ich möchte gerne mit einem gewissen Adrian Seidel sprechen.«
Der ältere Herr lupfte seine buschigen Augenbrauen.
Oh Gott, wenn er mir nun mitteilt, dass es hier keinen Adrian Seidel gibt, falle ich auf der Stelle tot um!, fantasierte Dani. Doch stattdessen sagte der Herr freundlich:
»Wenn Sie von der Presse sind, warum wenden Sie sich dann nicht an unsere Pressestelle?«
Seine angenehme, ruhige Stimme klang wie Musik in Danis angespannten Ohren. 
Das Dumme an seinem Vorschlag war nur, dass er recht hatte…
Logischerweise wandte man sich als Journalistin an die Pressestelle.
»Wissen Sie…« druckste Dani herum, »…es geht dabei eigentlich nicht um meine Arbeit. 
Es ist eher… privater Natur.«
Der Herr grinste und entblößte seine makellosen Zähne.
»Achso. Da muss ich Sie aber leider enttäuschen. Herr Seidel befindet sich heute Vormittag bei Gericht. Und auch so ist es nicht gerade einfach, mit ihm zu sprechen. Unsere Staatsanwälte vergeben Termine nur im Voraus.«
Dani machte ein betrübtes Gesicht. Ihr berühmtes ‚Kleinmädchengesicht‘.
»Sie haben doch nichts ausgefressen oder sind angeklagt?«, hakte der Mann diskret nach. 
Lachend entgegnete Dani: »Oh nein. Nicht doch.«
Sie brillierte weiterhin ihre Unschuldsrolle. Was zu keinem Zeitpunkt gelogen war.
»Würden Sie mir freundlicherweise Ihren Ausweis zeigen?«, erkundigte er sich weiter. Überrascht meinte Dani, die der blinden Dame auf dem Gemälde auf Knien dankte, dass sie sich mit richtigem Namen vorgestellt hatte: 
»Ähm… ja, wenn das unbedingt nötig ist.«
Der Mann nickte kurz und deutete zum Empfang.
»Kommen Sie, kommen Sie. Nur nicht so schüchtern«, meinte er, während er bereits auf dem Weg zu seinen Kolleginnen war. Die strengen Blicke der beiden Damen ruhten nun auf Dani. Schweigsam folgten sie jedem ihrer Schritte. 

Vor dem Platz des netten Herren blieb Dani stehen und wartete, bis er sich an seinen Platz gesetzt hatte, um ihm dann ihren Ausweis vor die Nase zu halten. Der wiederum setzte seelenruhig die dicke Hornbrille auf und begutachtete Danis Ausweisdokument mit ihrem beinahe schon grotesk wirkenden Lichtbild. 
»Schönes Foto haben Sie da. Ich überprüfe nur kurz Ihre Daten. Sie haben sicherlich nichts dagegen, oder?«, fragte er lächelnd.
Eigentlich nicht, dachte Dani, schüttelte den Kopf und ließ die Sicherheitsmaßnahme über sich ergehen. Nochmals mehr als froh darüber, ihm den richtigen Namen genannt zu haben. 
Ihr Vorhaben wäre sonst vermutlich sofort im Keim erstickt worden.
Dani beobachtete währenddessen die beiden Frauen. Die Damen tippten fast im selben Rhythmus und das mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit. 
‚Kollege Heidelberger‘ wäre sicherlich grün vor Neid. 
Die Frau, die am weitesten entfernt saß, Dani schätzte sie so um die Fünfzig, trug rote, kurze Haare und saß in ihrem Kostümchen mit dem Rücken zu ihr. Sie hämmerte sozusagen mit den unechten Fingernägeln auf die Tastatur ein. Die andere Dame, etwas jünger, saß mittig und trug ein graues Kostüm. Auch ihr Gesichtsausdruck ließ darauf schließen, dass sie hier nicht sonderlich viel zu lachen hatte. Auch ihre Finger rasten im Affentempo über die Tastatur, die in Danis Gedanken gerade einen qualvollen Tod starb. 
Dani fühlte sich zusehends unwohler und war froh, vom ‚männlichen Empfang‘ angesprochen worden zu sein. Dieser nickte nun zufrieden.
»Mit Dank zurück. Und ich darf gratulieren. Sie sind weder angeklagt, noch wurde ein Haftbefehl gegen Sie erlassen«, sagte er grinsend und mit einer Selbstverständlichkeit, die auf Dani eher befremdlich wirkte. Aber er schien Humor zu haben. Ganz im Gegensatz zu seinen biestig dreinschauenden Kolleginnen. Dani nahm den Ausweis entgegen und lächelte unsicher.

»Sie möchten also zu unserem Herr Seidel?«, wiederholte der ältere Herr freundlich. Jedoch in einer Lautstärke, die Dani äußerst peinlich war. Spätestens jetzt wussten auch die beiden ‚Dominas‘ über ihre Beweggründe Bescheid. Beide hörten sofort auf zu tippen.
»Pssst. Nicht so laut!«, flüsterte Dani mit plötzlichem Schweißausbruch und hätte ihren Kopf am liebsten auf dem Tresen aufgeschlagen.
Der ältere Herr lachte herzlich auf. »Aha. Wusste ich es doch!«
Verdattert blickte Dani nach vorn.
»Was wussten Sie?«
»Na, dass… «, er überlegte sorgfältig. »…unser Herr Seidel es Ihnen ein wenig angetan hat!« Und Dani wusste nicht, ob sein anschließendes Zwinkern ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war? 
Nun konnte Dani die Schamesröte in ihrem Gesicht nicht mehr zurückhalten. 
Und als sie dachte, es könnte nicht schlimmer werden…
»Und damit sind Sie bei Weitem nicht die Einzige«, mischte sich die Kollegin am anderen Ende des Empfangs ein. Die roten Haare passten übrigens hervorragend zu der schrillen Stimme.
Der ältere Herr lächelte versöhnlich und ergänzte:
»Aber nur die Wenigsten davon trauen sich auch wirklich zu uns!«
Ich bin eigentlich auch nicht freiwillig hier!, dachte Dani und lief knallrot an.
Zu allem Überfluss mischte sich auch noch die zweite Empfangsdame ein.
»Wir wissen aus sicherer Quelle, dass er Single ist. Und sein Typ sind Sie auch. Die Chancen stehen also gar nicht schlecht!« Trotz des bezaubernden Lächelns wäre Dani am liebsten tot umgefallen.
Ach du Schande, wo bin ich denn hier gelandet?, dachte sie skeptisch.
Doch Danis Herz hüpfte vor Freude auf und ab. Sofort versteckte sie ihre schweißnassen Hände hinter dem Rücken, die ihrer Meinung nach zu stark zitterten. 

Beide Damen standen augenblicklich auf und gesellten sich zu ihrem Kollegen. Nun beugte sich auch noch die Rothaarige über den Tresen und musterte Dani durch die rahmenlose Sekretärinnenbrille. 
»Joa. Sie scheinen wirklich genau seinem Typ zu entsprechen. Hach, ist das aufregend!«, quietschte sie und klatschte mit breitem Grinsen in die Hände.
Nun kippte Danis Kinnlade vollends nach unten.
Die ‚Drei vom Empfang‘ hier schienen ja tatsächlich noch verrückter zu sein als Harriet.

Die Rothaarige tippte sehr auffällig auf ihre Armbanduhr.
»Eigentlich sollte Seidel in einer halben Stunde hier aufkreuzen.«
Danis Herzschlag machte einen großen Sprung.
»Könnte hinkommen«, stimmte die Herr im Sakko freundlich zu. »Und wenn er mitbekommt, dass wir eine angebliche Journalistin in sein Büro geschleust haben, wird er garantiert nicht glücklich darüber sein.«
Die unheilvolle Stille, die nun folgte, ließ Dani in Habachtstellung zurück, als die ‚Drei von der Tankstelle‘ ihre Köpfe zusammensteckten. Dani kam sich zwar wie eine Aussätzige vor, jedoch wartete sie sehnsüchtig auf den ultimativen Geistesblitz, wie sie aus der Zirkusnummer wieder heil herauskommen sollte.  
»Warum helfen Sie mir überhaupt?«, warf sie der verschworenen Einheit entgegen.
»Na damit wir hier was zu tratschen haben!«, zwinkerte die Blondine ganz ungeniert und hielt sich während des schrillen Kicherns die mit Schmuck vollbehangene Hand vor die roten Lippen.
»Sie macht nur Spaß«, beschwichtigte ihr Kollege mit beiden Händen. »Sagen wir es mal so. Seitdem der Gute wieder Single ist, kann er… ganz schön unausstehlich sein.«
Das war eine Neuigkeit, die Dani gar nicht ignorieren konnte! Und damit war nicht seine Unausstehlichkeit gemeint...
»Seitdem er wieder Single ist?«, hakte sie imaginärem Funkeln in den Augen nach.
»Ja«, platzte es aus der Rothaarigen heraus. »Seine langjährige Partnerin hat ihn schon vor gut einem Jahr sitzen lassen.«
»Ihn und den armen Barney«, unterbrach die kesse Blondine daneben.
Fragend sah Dani zum einzig männlichen Mitglied des Empfangsteams, der seine ungeschminkten Lippen zu einem verschmitzten Grinsen verzog. »Barney ist der Hund von Adrian und seiner Verflossenen. Sogar ich bin ganz begeistert von ihm. Manchmal bringt er ihn mit und dann leistet er uns hier unter dem Tresen ganz brav Gesellschaft. Das Kerlchen ist wirklich ein Goldstück.«
Seine beiden Kolleginnen nickten zustimmend.
»Mmh, ganz wie sein Herrchen!«, kicherte die Blondine erneut.
Dani mochte ebenfalls Hunde, ganz besonders die etwas größeren Exemplare. Und auch in jenem Moment war Danis blühende Fantasie groß genug, um Hand in Hand und mit Fellknäuel an der Seite in den Sonnenuntergang zu spazieren. Wäre da nicht ein streng dreinblickender Herr gewesen, der die Treppe heruntergedonnert kam. Verdutzt sah er zu den Vieren, legte wortlos eine dünne Akte auf den Tresen und verschwand genauso schnell, wie er gekommen war.
Das heitere ‚Köpfezusammenstecken‘ ging sofort weiter.
»Woher kennen Sie sich eigentlich?«, fragte der nette Herr und ging erst gar nicht auf den Kurzzeit-Besuch ein.
‚Die Kuss-Story kann ich ja wohl schlecht erzählen!‘, entschied Dani und lächelte unentschlossen auf. Nun musste sie sich aber schleunigst etwas einfallen lassen. Und zwar etwas Besseres, als die in die Hose gegangene Reporter-Sache.
»Ich habe ihm den Außenspiegel abgefahren«, erklärte sie schnell und hoffte, dass der Röntgenblick des älteren Herren dieses Mal versagte.
»Ach Herrje! Das schöne Auto. Sie sind doch vollkaskoversichert?«, rief die Blondine mitleidig und ihre Kollegin fügte besorgt hinzu: »Sie sind doch überhaupt versichert, oder?«
»Jaja! Da ist alles in bester Ordnung«, beschwichtigte Dani die beiden gegensätzlichen Frauen und kam sich wie die ‚Neue‘ in einer amerikanischen Sitcom vor.
»Hach, Gott sei Dank!«, antwortete die Rothaarige erleichtert.
»Das kann aber nicht sein, meine Liebe«, funkte der Empfangsmann wiederum dazwischen. »Mit seinem Wagen ist alles in bester Ordnung. Diese Geschichte können wir ihm nicht auftischen.«
Nicht nur seine Kolleginnen sahen Sherlock Holmes in spe fragend an.
Woher weiß er das denn schon wieder?, fragte sich Dani. Sie beharrte jedoch auf ihrem kleinen Geheimnis.
»Diesem Mann hier kann man nichts vormachen«, erklärte die rothaarige Dame und tippte ihm anerkennend auf die Schulter.
»Ach«, winkte er ab. »Was glauben Sie, was wir uns den ganzen Tag anhören?«
»Ich war das nicht! Das war mein Cousin!«, »Das Auto stand den ganzen Tag in der Garage!«, »Mein Sohn dealt nicht mit Drogen!«, »Das war der Steuerberater!«, imitierten die beiden Empfangsdamen amüsiert abwechselnd das ‚sowieso-niemals-schuldige‘ Klientel der Staatsanwaltschaft.
»Und das war noch lange nicht alles…«, behauptete ihr männlicher Kollege. »Theater gibt es hier den ganzen Tag. Ich kann Flunkereien regelrecht riechen…«
Doch seine blonde Kollegin grätschte dazwischen.
»Ich will doch stark hoffen, dass Sie Herrn Seidel um ein Date bitten werden!«, sagte sie schon fast ein wenig schroff, verschränkte die Arme und beäugte Dani abschätzig.
Am liebsten wäre Dani erneut im Erdboden versunken. Doch sie versuchte händeringend, sich wenigstens das NICHT anmerken zu lassen.
»Ich… denke… schon«, gab sie zur Antwort, was das Empfangsteam in schiere Verzückung versetzte.
»Jawohl. Selbst ist die Frau!«, verkündete die Rothaarige mit Siegesfaust und nickte Dani anerkennend zu.
»Ja, genau!«, pflichtete ihr die Kollegin bei und trat abermals mit ihren Kollegen in den gemeinsamen Dialog.
»Also. Sperren Sie mal die Lauscherchen auf: Er isst nämlich gerne italienisch.«
»Und persisch!«, vervollständigte die Kollegin mit hoher Stimme.
»Ach ja!«, stimmte seine Kollegin mit ein. »Erst letzte Woche hat er davon geschwärmt.«
Auch diese Informationen kritzelte Dani fleißig auf ihren imaginären ‚Adrian-Seidel-Ganz-Wichtige-Informationen-Gesammelt-Von-Der-NSA-Notizblock‘, während sie sich den Dreien auf seltsame Art und Weise ausgeliefert fühlte.
»Außerdem mag er humorvolle Frauen«, »Und fährt gerne ans Meer«, »Er angelt sogar, oder?«, »Er liest gerne Thriller. Das sagt zumindest Fräulein Wolff immer«, »Frau Wolff ist die leitende Oberstaatsanwältin und seine Chefin!«, »Sie mögen doch Hunde, oder?«, »Denn Barney ist sein Ein und Alles«, »Er mag die junge Frau Tavernier nicht!«, »Niemand mag die Tavernier«, »Das ist allerdings wahr! Niemand mag die!«
Die leichte Abfälligkeit in jenem Satz nahmen Danis spitze Ohren sofort wahr.

Die Uhr genau im Blick, wurde Dani langsam nervös. Und auch die Drei vom Empfang nahmen wohlwissend zur Kenntnis, dass sie nicht ewig Zeit hatten. Derweil trat der nette Empfangsmann ein paar Schritte zurück, öffnete einen Wandschrank und entnahm einen klirrenden Schlüsselbund.
»Folgen Sie mir, junge Dame. Ich begleite Sie zu Adrians Büro.«
Die beiden Damen lächelten vielsagend und blieben an Ort und Stelle stehen, bis Dani und ihr Kollege um die Ecke verschwunden waren. Als Dani angestrengt versuchte, mit dem älteren Herrn Schritt zu halten, wurde ihr klar, in welch seltsame Situation sie sich mal wieder hineinmanövriert hatte.
Auf dem Zahlenfeld des Aufzugs leuchtete derweil die Nummer Vier auf, als sie von dem gepflegten Zeigefinger des älteren Herren gedrückt wurde. Schon kurz darauf erschien der moderne Lift und transportierte die beiden in den vierten Stock. Unsicher schaute sich Dani um, als sie den großen, hellen Flur betraten. Im Gegensatz zum vierten Revier hatte das hier wirklich Stil. Ein Hoch auf die Innenausstatter.
Typische Büroluft wehte ihnen um die Nase, obwohl der Flur leer und alle Türen, soweit Dani erkennen konnte, geschlossen waren. Nur die leisen Geräusche eines Kopierers waren zu hören.
Schnurstracks spazierte Danis höchstpersönlicher Eskort-Service zum Büro mit der Nummer 41, an dem in großen Buchstaben ‚Adrian Seidel, StA für Kapitalverbrechen‘ stand.
»Sind die alle ausgeflogen?«, erkundigte sie sich.
»Um diese Uhrzeit ist hier nicht viel los. Die meisten Gerichtstermine beginnen ab neun Uhr in der Früh. Die Juristen, die anwesend sind, vergraben sich zumeist im Büro oder in ihren Teeküchen am anderen Ende des Flurs. Häufig sind Sie auch bei Beweisaufnahmen am Ort des Geschehens zugegen. Heute Mittag wird es hier emsiger.«
Der Herr vom Empfang holte den Schlüsselbund hervor, schloss die Tür auf und bat Dani mit passender Handbewegung hinein. Ein modernes Büro mit vielen dicken Büchern und einem riesigen, aber außergewöhnlich ordentlichen Schreibtisch erwartete sie.
Wenn ihr das einer vor vierzehn Tagen erzählt hätte…
»Gott sei Dank hat er aufgeräumt!«, zwinkerte Danis Begleitung mit humorvollem Unterton. »Wir lassen uns noch etwas einfallen, was Ihren Aufenthaltsgrund betrifft, keine Sorge. Ich möchte Adrian schließlich noch vor meiner Pensionierung in guten Händen wissen!«
Und noch ehe Dani den Finger heben konnte, um das Ganze ausführlich zu erörtern, schloss sich die Tür und der Empfangsmann war verschwunden.
Da stand sie nun, wie hingestellt und nicht abgeholt. Dabei fuhr sie sich unsicher durch die Haare, schälte sich aus ihrer Winterjacke und sah sich vorsichtig um.
Zwei Gemälde an den Wänden fielen ihr sofort ins Auge. Mit Kunst konnte sie zwar nichts anfangen, wusste jedoch sofort, dass selbst sie solche Malereien als ‚abstrakt‘ einordnen würde. Das Bild links vom Schreibtisch war voller bunter Kleckse und in dessen Mitte befand sich eine Art ineinanderfließendes Gesicht. Das Bild rechts vom Schreibtisch war unaufgeregt und ruhig, obwohl die Bilder eindeutig zusammengehörten; auch, wenn sie vollkommen unterschiedlich waren. Dani ging näher an das ruhigere der Werke heran und versuchte, den Namen des Künstlers zu entziffern. Doch das einzige, was sie dabei entziffern konnte, waren die beiden Anfangsbuchstaben ‚Bo‘. Der Rest war nicht entzifferbar.
Doch mit einem Ohr lauschte sie immer wieder aufgeregt zur Tür und konnte ganz deutlich ihre Herzschläge vernehmen. Das Tempo war deutlich angehoben.
Die vielen, dicken Wälzer in den Bücherregalen, die sie böse anfunkelten, ignorierte sie, da die lateinische Sprache sie schon während ihrer Schulzeit nicht faszinieren konnte. Und dabei dachte sie immer, dass man Latein nur für Medizin brauchte.
Leider konnte sie auch die erwähnten Thriller, die er angeblich gerne las, nirgendwo entdecken.

Nachdem sie sich umgedreht hatte und nach unten sah, konnte sie in der gemütlichen Ecke gegenüber einen Wassernapf ausfindig machen, auf welchem süße, braune Pfötchen aufgemalt waren. Dani lächelte endlich wieder und scannte mit ihren Augen den kompletten Raum ab.
An einem neumodischen Kleiderständer hing ein strahlend weißes Hemd in Größe M und die obligatorische schwarze Robe, die Juristen immer in diesen äußerst schlecht dargestellten Gerichtsshows von früher getragen hatten. Dani überlegte kurz, ob sie nicht vielleicht doch einmal kurz… ließ es dann aber schweren Herzens bleiben.
Noch eine Schandtat sollte sie sich nicht unbedingt leisten. Darunter fiel ebenfalls, auf keinen Fall seine Schubladen zu durchwühlen. Also setzte sie sich brav auf den bequemen Stuhl vor dem langen Metall-Edelstahl-Schreibtisch. Die Suche nach interessanten Fotos, die ihr bestimmt mehr über diesen Mann verraten hätten, verlief erfolglos. Auf dem Schreibtisch lag einzig und allein ein Laptop, welches an einer Art Sicherung hing und ganz normale Büroutensilien wie Kalender, Kugelschreiber, Notizzettelbehältnis und eine Schreibtischunterlage mit ganz vielen Telefonnummern. Die Handschrift war klein, aber sauber; wie Dani nun vornübergebeugt und über dem Schreibtisch hängend, feststellen konnte.
Wartend ließ sie sich wieder zurück in den Stuhl plumpsen und wippte unaufhörlich mit dem rechten Fuß. Die riesige Grünpflanze, auf die ihr Blick fiel, berührte nun fast ihr Knie.
Ungeduldig fummelte Dani das Handy aus ihrer Handtasche und hoffte, vor Aufregung nicht doch vom Stuhl zu fallen. Gefühlt Stunden drangsalierte ihr stechender Blick die Uhr auf dem Display.
Die halbe Stunde war doch schon längst um!, jammerte sie gedanklich und fing damit an, ihre Nervosität an ihrer Unterlippe auszulassen. In Gedanken übte sie währenddessen die Top-Ausreden für den ungeplanten Überfall in Form eines Kusses.
Als sich schnelle Schritte näherten, hielt Dani den Atem an und rührte sich nicht vom Fleck. Abrupt hörte ihr Fuß mit Wippen auf und ihr Herz stolperte ohne Unterlass, als sich die Tür öffnete. Ganz elegant versuchte sie sich umzudrehen und zeigte dabei ihr schönstes Lächeln. Doch sie sah dabei nicht in die Augen von Adrian Seidel, sondern in die des Empfangsmanns.
»Tut mir wirklich leid, dass ich nicht der bin, der Sie eigentlich begrüßen sollte. Obwohl mich ihr Zahnpasta-Lächeln wirklich sehr beeindruckt hat. Aber Spaß beiseite. Adrian hat gerade angerufen. Die Beweisaufnahme dauert leider noch an. Bei der Gelegenheit hat er sich gleich abgemeldet. Und das ausgerechnet heute…«
Danis Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Das heißt, er kommt heute gar nicht mehr?«
Der Mann schüttelte mitfühlend den Kopf. »Nein, vermutlich nicht. Zeichen und Wunder geschehen in Beweisaufnahmen eher selten.«
Mit hängenden Schultern erhob sich Dani und ging mit Jacke in der Hand auf den netten Mann zu. Verständnisvoll sah er sie an. »Ach, er ist ja nicht aus der Welt. Kommen Sie einfach wieder, wenn es sich einrichten lässt.«
Mit bedröppelter Miene nickte sie und verließ mit ihm zusammen das kunstvoll eingerichtete Juristen-Büro. Da auf dem Flur nach wie vor tote Hose herrschte, meinte der Empfangsmann ganz ungeniert:
»Wir können Adrian aber auch Ihre Telefonnummer zukommen lassen, wenn es Ihnen recht ist?«
Sofort blieb Dani stehen und überlegte kurz. Über das Handy Kontakt aufbauen war schließlich wesentlich einfacher, als sich mit hochrotem Kopf für den ‚Kuss-Überfall‘ zu entschuldigen.
»Das wäre fabelhaft!«, antwortete Dani euphorisch, während sie sich freudig die Jacke anzog. »Und was erzählen Sie ihm, wer ich bin?«
Doch der ältere Herr grinste geheimnisvoll.
»Lassen Sie uns nur machen!«, sagte er und geleitete Dani erst in den Fahrstuhl und dann nach draußen.
»Aber meine Nummer!«, protestierte Dani.
»Keine Sorge. Die haben wir bereits«, entgegnete Sherlock Holmes vom Empfang.


~~~~~


Wieder zu Hause, ließ Dani die Tür hinter sich zufallen. Euphorie und Enttäuschung wechselten sich ab. Sie hasste es, wann ‚Sachen‘ auf die lange Bank geschoben werden mussten und überlegte kurz, ob sie Harriet anrufen sollte. Dann fiel ihr wieder ein, dass Harri die ganze Woche Spätschicht hatte und ihr nun auch nicht helfen könnte.
Es war also vorhersehbar, dass sie sofortige Ablenkung brauchte. Also schmiss sie die Glotze an und entschied sich dafür, ihrer Lieblingsserie auf Netflix einen Besuch abzustatten. Auch, wenn sie die komplette Staffel bereits sechs oder sieben Mal gesehen hatte.

Doch nachdem sie sich nach gerade einmal sechs Folgen reingezogen hatte, hielt sie nichts mehr auf dem Sofa. Sie musste hinaus. Schnell schlüpfte sie in ihre warmen Boots und schnappte sich Schlüssel und Handy, um sich auf den Weg zu ihrem Lieblingsplatz zu machen.
Als ihr der kalte Wind um die Nase wehte, fühlte sie sich endlich befreiter. Die Laubbäume waren zwar kahl, dennoch hatten sie eine fast magische Wirkung auf Danis Gemüt. Zielstrebig steuerte sie auf die großen, weißlich schimmernden Tannen in der Nähe des Flusses zu. Zu einem Stück des Parks, der weit abgelegen war. Selbst bei sonnigem Wetter war hier kaum eine Menschenseele anzutreffen. Hier konnte Dani auf ‚ihrer‘ Parkbank sitzen, auf die unruhigen, kleinen Wellen des Flusses schauen und sich Gedanken über Gott und die Welt machen.
Als sie über die gefrorenen Wanderpfade spazierte, fragte sie sich, was das eigentlich für ein bescheuerter Urlaub bisher gewesen war. Dabei ertappte sie sich, wie sie immer wieder hoffnungsvoll auf ihr Handydisplay starrte, welches 17:04 Uhr anzeigte. Voller Sehnsucht auf eine Nachricht. Und so näherte sie sich ihrer Parkbank immer mehr. Dort, inmitten großer und geschichtsträchtigen Tannen angekommen, platzierte sie ihre gefütterten Boots auf die Sitzfläche und setzte sich lässig auf die Lehne. Dann sog sie die kalte und klare Luft des Januars ein und zog sich die dicke, olle Wollmütze noch tiefer ins Gesicht. Sie genoss es, hier zu sein und den Frieden zu finden, den sie momentan brauchte. Einzig und allein das Bellen eines Hundes drang durch ihre Wollmütze.

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Kapitel:5
Sätze:942
Wörter:11.885
Zeichen:72.472

Kurzbeschreibung

Als Verkehrsrowdy hätte sich Dani nicht unbedingt bezeichnet, als sie geschockt auf die Bremse ihres Wagens trat. Sie hatte gerade einen parkenden Wagen gestreift, daran war nichts zu rütteln. Und sie konnte doch nicht einfach Fahrerflucht begehen! Also fährt sie ins nächstgelegene Polizeirevier. Dass sie dort einem ganz besonderen Polizisten begegnen würde, wäre ihr an jenem schicksalhaften Abend im Traum nicht eingefallen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch im Genre Humor gelistet.