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Alter schützt vor Liebe nicht

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15.09.20 20:15
18 Ab 18 Jahren
Heterosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Das sollte einmal eine Kurzgeschichte werden, aber Ihr werdet sehen - es reicht nicht für einen Roman, aber es ist bereits eine längere Abhandlung und vielleicht reicht es doch noch zu einem Roman.

     Er ging schnell, sehr schnell auf seiner gewohnten Runde durch den Wald. Für einen Menschen an der Schwelle zum achtzigsten Lebensjahr war er ein schneller Geher. Er ging schneller, als es der Mehrzahl seiner Altersgenossen möglich war – sogar sehr viel schneller. Heute ging er so schnell, dass sein Puls deutlich stieg und seine Atemfrequenz anstieg. Auf seiner Stirn und zwischen Nase und Oberlippe bildeten sich deutlich sichtbar Schweißtropfen. Auch sein Unterhemd klebte inzwischen feucht an seinem Körper. Wenn er so schnell ging, bekam er nur noch wenig davon mit, was um ihn herum geschah. Er hatte aber die Erfahrung gemacht, dass nach einem solchen Gewaltmarsch sein Kopf frei war, frei von dem, was ihn bedrückte. Es gab einiges, was ihn zurzeit bedrückte und ihm war klar, sobald er nach dem Marsch zur Ruhe kam, kamen auch die quälenden Gedanken wieder zurück. Trotzdem er wollte die Chance nutzen, um einige Zeit diesen Gedanken zu entkommen.

     Der Weg knickte in einem Winkel von fast exakt neunzig Grad nach rechts ab. Er mochte das Wegstück nach diesem Knick, denn es bot an einem Aussichtspunkt den Blick auf eine große mit Wasser gefüllte Kiesgrube. Gerne beobachtete er von dort die großen Schwärme von Wasservögeln, aber heute hatte er keinen Blick für dieses Naturschauspiel und eilte am Aussichtspunkt vorüber. Nur wenige Meter weiter stockte sein Schritt abrupt. Ihm kam eine Frau entgegen, wohl ähnlich alt wie er, vielleicht wenige Jahre jünger. Trotz ihres Alterns machte sie einen durchtrainierten Eindruck auf ihn. Ihre grauen Haare waren kurz geschnitten und umrahmten ein auf ihn jugendlich wirkendes Gesicht. Das Rot der perfekt geschminkten Lippen harmonierte mit ihrem braunen Teint. Er starrte die Frau unverhohlen an, er glaubte es sehe einen Geist. Die Frau hielt seinem Blick stand und blieb zwei Schritte vor ihm stehen.

     „Frederike? Du bist Freddy“, sagte er schließlich.
     „Ja Wölfi, das stimmt oder ist es dir lieber, wenn ich Wolfgang sage?“
     „Nein, nein! Nenne mich ruhig Wölfi, niemand sonst hat mich jemals so genannt.“
     „Wo bist du abgeblieben? Unser kleiner Streit war doch nicht so furchtbar, dass du vor fast sechzig Jahren spurlos verschwunden bist.“
     „Ich dachte, du wolltest nichts mehr mit mir zu tun haben.“
     „Wölfi! Ich wollte dir doch nur klarmachen, dass ich noch ein wenig mehr Zeit brauchte. Ich war noch nicht bereit deinem Begehren nachzugeben.“
     „Ich hatte das Gefühl, ich hätte dich tödlich beleidigt. Es war wohl auch Scham dabei, ich hatte es versaut.“
     „Das hat mich nicht beleidigt. Dein wortloses Weggehen hat mich beleidigt.“
     „Ich habe das wohl falsch eingeschätzt.“
     „Ich bin monatelang fast täglich zu unserem Treffpunkt gekommen, aber es war sinnlos, eines Tages habe ich das eingesehen.“
     „Ich bin nie wieder dorthin gegangen. Erst vor einigen Tagen war ich erstmals wieder dort. Es hat sich kaum etwas an der Stelle geändert, nur statt des Kastanienbaums steht dort jetzt eine Eiche.“
     „Ich weiß, ich wohne dort an der Grünanlage.“

     Wolfgang ging die beiden Schritte, die sie trennten, auf sie zu. Er zog sie in seine Arme, sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Gemeinsam gingen sie die wenigen Schritte zum Aussichtspunkt. Dort schauten sie nebeneinanderstehend durch sie Gucklöcher in den Palisaden. Es waren an diesem Tag nur wenige Wasservögel zu sehen. In der Nähe des Ausblicks paddelten einige Stockenten, weiter entfernt gründelten zwei Schwäne im Uferbereich. Hinter ihnen liefen einige Jogger vorüber, nach einiger Zeit ging ein Paar mit einem kläffenden Hund vorbei. Der eigentlich bereits dunkle Tag verdunkelte sich weiter, erste Tropfen hinterließen ihre Spuren auf dem See. Zuerst tröpfelte es nur, dann öffneten sich die Schleusen des Himmels. Er nahm Frederike bei der Hand und zog sie unter das Dach der nahen Schutzhütte. Dort setzten sie sich nebeneinander auf die Rundbank, die sich um die tragende Holzsäule in der Mitte des Unterstandes schlang. Sie schwiegen beide und hingen ihren Gedanken nach. Schließlich legte Wolfgang eine Hand auf Frederikes Hand. Sie stieß einen zufriedenen Seufzer aus und rutschte näher an ihn heran.

     „Wie ist es dir ergangen, Wölfi? Bist du verheiratet?“
     „Ich war verheiratet. Meine Frau hat mich verlassen.“
     „Sie ist abgehauen?“
     „Nein, sie ist abends eingeschlafen und am Morgen nicht wieder aufgewacht. Ihr krankes Herz ist einfach stehengeblieben.“
     „Das tut mir leid, wann ist das passiert?“
     „Vor einigen Wochen. Es braucht dir nicht Leid zu tun. Wir hatten ein einmalig schönes Leben. Wir waren sehr glücklich miteinander, es war eine große Liebe.“
     „Ihr wart lange verheiratet?“
     „Ja, über fünfzig Jahre.“
     „Oh Gott! Ihr habt euch bald nach unserer Trennung kennengelernt?“
     „Nein Freddy, vier Jahre später. Wir haben nicht lange überlegt und haben nach kurzer Zeit geheiratet.“
     Frederike versetzte ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen. „Sie war wohl weniger zimperlich als ich – oder?“
     „Stimmt wohl. Sie war aber auch älter als du. Wir waren gleichaltrig.“
     „Verstehe!“
     „Nein Freddy. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich bin immer noch der Meinung, bei dir hätte ich es mit meiner Ungeduld für immer versaut.“
     „Ach Wölfi, lass die alten Geschichten ruhen.“
     „Hast du auch geheiratet?“
     „Ja, leider“, antwortete Frederike kurz angebunden.
     „Möchtest du nicht darüber sprechen?“
     „Jetzt nicht! Habt ihr Kinder?“
     „Ja, eine Tochter – eine prachtvolle Tochter und du?“
     „Keine Kinder. Hast du ein Auto dabei?“
     „Nein, ich wohne in der Nähe. Warum?“
     „Wenn der Regen aufhört, könnten wir zu unserem Treffpunkt fahren.“
     Wolfgang nickte, „ja, das könnten wir. Wir holen das Auto aus der Tiefgarage und fahren dorthin. Hast du einen Regenschirm in deiner Tasche?“
     „Nein, leider nicht. Aber der Regen hat nachgelassen und wir sind nicht aus Zucker.“
     „Gut, gehen wir!“

     Sie standen auf und gingen den Weg zurück, auf dem Wolfgang gekommen war. Obwohl der Regen nachgelassen hatte, waren sie ziemlich durchnässt, als sie bei seiner Wohnung ankamen. Er lud Frederike ein, sich in seiner Wohnung die Haare zu trocknen. Sie lehnte ab, sie wollte auf gar keinen Fall in seine Wohnung. Er zuckte mit den Schultern, schloss die Wohnungstür auf und bat sie zu warten. Er ging ins Bad nahm sein Handtuch rieb sich die Haare trocken, ging danach ins Schlafzimmer wechselte die nasse Hose und das durchnässte Hemd und nahm ein frisches Handtuch aus dem Wäscheschrank. Wieder vor der Tür, reichte er Frederike das Handtuch, sie trocknete ihre Haare und lächelte ihn dabei an, dann folgte sie ihm zur Tiefgarage. Da Frederike genauso durchnässt war, wie Wolfgang es vor dem Umziehen gewesen war, lotste sie ihn zuerst einmal zu ihrer Wohnung. Sie bat ihn mit hineinzukommen, Wolfgang lehnte ab, da es ihn wurmte, dass sie seine Einladung hineinzukommen ausgeschlagen hatte. „Bitte Wolfgang, ich wollte dich nicht verärgern. Mir ging es in diesem Moment einfach zu schnell. In meinen eigenen vier Wänden fühle ich mich sicherer. Bitte komm mit herein“, bat Frederike noch einmal eindringlich. Er nickte, stieg mit ihr aus und gemeinsam gingen sie in ihre Wohnung. Frederike bugsierte Wolfgang ins Wohnzimmer, ging selbst in Schlafzimmer, zog sich um, ging danach ins Badezimmer und richtete notdürftig ihre Frisur. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, schaute Wolfgang durch das Fenster auf den auf der anderen Straßenseite liegenden Park. Er dreht sich um, als er bemerkte, dass Frederike das Zimmer betrat. Er nickte anerkennend und bewunderte ihre flotte Bluse, die mit bunten Blumen gemustert war. Die Farbe ihrer leichten Sommerhose war geschmackvoll farblich darauf abgestimmt. Die Farbe der Hose zu bestimmen fiel ihm schwer – irgendwie rosa meinte er, was sich aber nicht sicher, da er meinte auch grau darin zu erkennen. Sportliche Schuhe und eine Bernsteinkette vervollständigten den Gesamteindruck. Wieder am Auto öffnete Wolfgang den Kofferraum und entnahm ihm einen großen Regenschirm. „Für heute haben wir, reichlich Wasser abbekommen“, sagte er dabei. Dann überquerten sie die Straße und gingen in das Innere des Parks. Sie gingen dicht nebeneinander, ohne sich zu berühren. Der Weg zu ihrem ehemaligen Treffpunkt war nicht weit und als sie ankamen, las Wolfgang halblaut die Inschrift des dort stehenden Gedenksteins: Zum Gedenken an die russischen Zwangsarbeiter, die hier am 7. April 1945 hingerichtet wurden.

     „Einen makabren Ort hatten wir uns für unsere geheimen Treffen ausgesucht.“
     „Ja Wölfi, das stimmt. Aber es kommen nur wenige Leute hierher. Ein- oder zweimal im Monat lege ich hier Blumen ab. Ich fühle mich schuldig, dass das damals geschehen ist und wir in unserem jugendlichen Leichtsinn diesen Ort für unsere Liebesspiele missbraucht haben.“
     „Ja, das hätten wir nicht tun dürfen, aber anderseits ist es der Beweis, dass aus einer verbrecherischen Vergangenheit eine neue Zukunft entstehen kann. Ich habe es dann aber vermasselt.“
     „Was sollen eigentlich deine ständigen Selbstvorwürfe? Du hast vorhin gesagt, du hättest deine große Liebe gefunden, dann ist es doch gut und lasse die Vergangenheit ruhen.“
     „Freddy, es ist so, ich glaube, du warst auch eine große Liebe.“
     „Dann hättest du nicht wortlos gehen dürfen. Bitte Wölfi, das ist kein Vorwurf, nur eine Feststellung. Wenn es dich interessiert, aber nur dann, erzähle ich dir nachher, wie es mir nach unserer Trennung ergangen ist. Du trägst daran keine Schuld, nur glaube ich, an deiner Seite wäre es mir besser gegangen.“
     „Ja, ich bin sehr interessiert an dem, was du in deinem Leben erlebt hast.“
     „Dann, dann sollten wir vielleicht zu einem Café fahren. Du magst Kuchen?“
     „Ich habe seit Jahren keinen Kuchen mehr gegessen.“
     „Dann lade ich dich jetzt ein. Es gibt eine große Kuchenauswahl im Alten Fischerhaus. Gute Idee?“
     „Ja schon, aber eigentlich sollte ich dich einladen.“
     „Quatsch, die alten Konventionen habe lange ich über Bord geworfen und wenn wir uns weiter treffen wollen, solltest du das auch tun.“
     „Gut, Gut, dann lass uns zum Auto gehen.“

     Das Ausflugslokal war nur mäßig besucht und sie fanden ohne Schwierigkeiten einen freien Tisch mit Ausblick auf den Strom. An der Kuchentheke suchte Frederike für jeden ein Stück Sahnetorte aus. Als sie wieder am Tisch saß, bestellte sie für sich ein Kännchen Kaffee und für Wolfgang ein Kännchen Tee. Beide schwiegen und betrachteten die stromauf und stromab fahrenden Schiffe bis die Kellnerin die Getränke und die Tortenstücke servierte. Sie aßen etwas von der Torte, Wolfgang lobte die Torte, die ihm hervorragend schmeckte, dann trankt Frederike einen Schluck von ihrem Kaffee und erzählte sie ihre Geschichte.

     „Wie ich bereits gesagt habe, nachdem du verschwunden warst, bin ich immer wieder zu unserem Treffpunkt gegangen. Lange habe ich geglaubt, eines Tages würdest du neben dem Gedenkstein stehen. Ich wusste nicht, wo du damals gewohnt hast. Ich weiß, ich hätte das herausbekommen können, aber dazu war ich zu stolz.“
     Wolfgang lächelte, „du hättest es mit dem Telefonbuch versuchen können. Meine Eltern hatten damals schon ein Telefon.“
     „Ehrlich, auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Ein Telefon war für mich so etwas Außergewöhnliches, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, dass ich dich einfach anrufen könnte. Aber egal, eines Tages gab ich auf. Ich hatte auch keine Lust auf einen neuen Freund, ich weiß ich war ein hübsches Mädchen, Verehrer gab es reichlich, aber ich ließ alle abblitzen. Stattdessen machte ich das Abitur nach und studierte Zahnmedizin.“
     „Du bist Zahnärztin?“
     „Ja, ich war mein ganzes Berufsleben lang als Zahnärztin an der Uniklinik beschäftigt. Dann kam Georg. Ich war vorsichtig, aber er ließ nicht locker und so wurden wir ein Paar.“
     „Kenne ich den?“, warf Wolfgang ein.
     „Nein Wölfi, Georg war ein ehemaliger Arbeitskollege aus der Zeit vor dem Studium. Wir trafen uns zufällig in der Altstadt. Eine Zeitlang gingen wir ab und zu gemeinsam aus, bevor ich mich in ihn verliebte. Schließlich gab ich seinem Drängen nach – zu dieser Zeit war ich richtig verknallt in ihn. Dabei hat er mich damals schon arg dominiert. Er wollte mich nur heiraten, wenn ich zum katholischen Glauben übertrete. Ich war dumm genug und habe das getan. Ich glaubte, ich müsse das tun, um ihm meine Liebe zu beweisen und um glücklich zu werden.“
     „Du warst doch gar nicht religiös, hast aber zu meiner Zeit immer wieder betont, du seist Protestantin.“
     „Du hast ein gutes Gedächtnis, Wölfi. Wie ich schon sagte, ich war dumm genug, um überzutreten. Was ist mit deinem Glauben? Du warst damals ziemlich fromm.“
     „Der Glaube ist mir irgendwie abhandengekommen. Schon mein Versuch mit dir zu schlafen, widersprach meinen damaligen Moralvorstellungen, schließlich sagt die Kirche, Sex außerhalb der Ehe sei eine Todsünde.“
     „Trotzdem, du hättest es getan!“
     „Sicherlich! Der Geschlechtstrieb war stärker, als die Angst vor ewiger Verdammnis“, Wolfgang lachte.
     „Georg war da anders. Er bestand darauf, keuch in die Ehe zu gehen.“
     „Und hat er es durchgehalten?“
     „Ja, er wurde richtig abweisend, wenn ich aktiv wurde.“
     „Nimm es mir nicht übel, Freddy. Georg war ein Blödmann.“
     Frederike lachte, „das mag sein, aber ich hielt ihn für so klug, dass ich das widerspruchslos hingenommen habe. Aber sag mal ehrlich, warst du vielleicht auch ein Blödmann?“
     Wolfgang wiegte seinen Kopf hin und her, bevor er antwortete. „Hinterher sind alle klüger, aber eine Frau, die man liebt und die willens ist mit einem zu schlafen zurückzuweisen, das halte ich für abartig.“
     „Ich nehme an, da liegst du nicht verkehrt, Wölfi.“ Frederike trank von ihrem Kaffee, dann sprach sie weiter. „Weil ich an Georgs gute Absichten glaubte, habe ich mich gefügt und verliebt, wie ich war, habe ich geglaubt, das sei richtig so. Wir heirateten recht bald und anfangs war auch alles gut und schön. Obwohl ich noch Jungfrau war, fand ich schon in der Hochzeitsnacht, dass die Liebe mit Georg die Erfüllung war. Georg war ein erfahrener Liebhaber, worüber ich mir zu diesem Zeitpunkt noch keine Gedanken machte. Was mich von Anfang an störte war, dass Georg mich vom ersten Tag unserer Ehe an ständig kontrollierte. Er wollte meine Arbeitsstelle bei der Klinik kündigen, da er fand, seine Frau solle sich um Wohnung und Haushalt kümmern. Du weißt, das war damals möglich. Das war aber das einzige Mal, dass ich mich durchgesetzt habe. Ich habe gedroht ihn auf der Stelle zu verlassen, wenn er das täte. Widerwillig gab er nach, dass mein Gehalt als Stationsärztin den Haushalt am Laufen hielt, hatte er wohl bis dahin übersehen.“
     „Was war das denn für ein Macho? Mein Gott! Dass es möglich war, seiner Frau das Arbeiten zu verbieten, habe ich erst erfahren, als das Verfassungsgericht sich damit beschäftigt hat.“
     „Deine Frau hat auch gearbeitet?“
     „Ja, fast während unserer gesamten gemeinsamen Zeit. Es gab eine längere Pause nach der Geburt unserer Tochter, du weißt mit Kita und Ganztagsschule war damals nichts.“
     Frederike nickte, dann trank sie den Rest ihres Kaffees und setzte ihre Erzählung fort. „Trotz dieser Vorfälle war ich in den ersten Jahren sehr glücklich. Mich störte es zwar, dass Georg im Haushalt keinen Finger rührte, aber auch das hielt ich für normal. So Ende des zweiten Ehejahres kam Georg zuerst immer später nach Hause. Ich machte mir keine Gedanken darüber, er erzählte etwas von angeordneten Überstunden und tat furchtbar beschäftigt. Dann wurde ich zur Oberärztin befördert. Das hat er dann gar nicht verkraftet, war er zu Hause, gab es ständig Ärger. Ich vernachlässige meine häuslichen Pflichten, war seine feste Überzeugung. Es kontrollierte, ob die Kloschüssel gereinigt war und solche Sachen. Immer fand er Schmutz. Er beschimpfte und schlug mich. Nach solchen Vorfällen verließ er dann das Haus und blieb die Nacht über weg. Zu dieser Zeit kam bei mir die Vermutung auf, dass Georg mich betrog.“
     „Das hast du dir alles gefallen lassen?“
     „Ja, aber es kam schlimmer! Eines Tages hatte ich Spätschicht, das war im dritten Jahr unserer Ehe. Er hatte mich tags zuvor verprügelt. Richtig schlimm verprügelt! Während der Schicht wurden die Schmerzen so schlimm, dass ich nicht weiter arbeiten konnte, so meldete ich mich krank und fuhr nach Hause. Ich wunderte mich, dass Licht in der Wohnung brannte. Aus dem Schlafzimmer hörte ich Geräusche, die mir verdächtig vorkamen.“ Frederike schwieg kurz, es arbeitete in ihr. Wolfgang fragte, ob sie noch einen Kaffee möchte. Sie nickte, Wolfgang bestellte ein Kännchen Kaffee und eine Tasse Tee, dann sprach sie weiter. „Sie stand nach vorn gebeugt vor dem Fußende des Ehebetts und stützte sich mit den Armen daran ab. Georg nahm sie von hinten. Was ich als verdächtige Geräusche wahrgenommen hatte, war das Stöhnen der beiden. Sie bemerkten mich nicht einmal. So ging ich in die Küche, füllte einen Eimer kaltem mit Wasser, ging zurück ins Schlafzimmer und entleerte den Eimer über ihnen. Bevor sie sich von der Überraschung erholt hatten, hatte ich ihre auf dem Boden verstreuten Klamotten gegriffen und aus dem Fenster geschmissen.“
     „Mein Gott! Sie waren danach abgekühlt?“
     „Und ob, sie sahen aus, wie die begossenen Pudel. Ich ging seelenruhig ins Wohnzimmer und setzte mich auf die Couch. Kurz darauf kam Georg wutentbrannt herein und prügelte wild auf mich ein. Plötzlich stand die Frau hinter ihm und rammte ihm einen Stuhl in den Rücken. Der Erfolg war, dass sich ein wildes Gerangel zwischen den beiden entwickelte. Mir gingen fast die Augen über. Mein nackter Mann prügelte sich mit der ebenfalls nackten Frau, die er gerade eben noch gevögelt hatte. Ich glaubte es kaum, was ich sah. Mit einem gezielten Haken setzte sie ihn außer Gefecht. Sie fragte mich, ob er mich öfter schlage. Als ich nickte, versetzte sie dem sich mühsam aufrichtenden einen heftigen Tritt in das Hinterteil. Sie nahm mich bei der Hand und zog mich ins Schlafzimmer. Mir tat es leid, dass ich ihre Sachen aus dem Fenster geschmissen hatte, denn sie stand jetzt völlig unbekleidet vor mir. Ich sagte, dass es mir leidtut, was sie mit einer Handbewegung als überflüssig abtat. Der Rest ist schnell erzählt, ich ging in den Hinterhof und sammelte ihre Sachen ein, damit sie sich wieder anziehen konnte. Danach verließ ich die Wohnung und kam nur noch ein einziges Mal zurück, um meine Sachen zu packen.“
     „Das ist harter Tobak, Freddy. Wo bist du danach untergekommen?“
     „Meine Eltern nahmen mich vorübergehend auf. Ich kaufte mir eine Wohnung und da wohne ich immer noch.“
     Frederike bezahlt und im Hinausgehen fragte Wolfgang, ob sie sich bald wiedersehen könnten. „Das liegt bei dir Wölfi, ich gebe dir meine Telefonnummer. Du hast die Wahl, ob du sie verwendest.“

     Frederike machte sich keine Illusionen, sie war körperlich und geistig noch fit, aber die Spuren des fortschreitenden Alters ließen sich nur so lange kaschieren, wie sie bekleidet war. Sie hatte sich ausgezogen und warm geduscht und sich zum Schluss kaltes Wasser über den Körper laufen lassen. Nun stand sie vor dem raumhohen Spiegel des fest eingebauten Kleiderschranks. Obwohl sie ausgesprochen schlank war, die Oberschenkel waren von Orangenhaut bedeckt, sie fand das abstoßend. An den Oberarmen, deren Muskeln früher von glatter straffer Haut bedeckt waren, hing jetzt die Haut faltig und schlaff. Sie drehte sich leicht, so wurden ihre Pobacken im Profil sichtbar. Die früher schönen Rundungen waren verschwunden, am Übergang zu den Oberschenkeln war die Haut faltig und schlaff, wie an den Oberarmen. Jetzt, da sie abgeschminkt war, machte ihr Gesicht auch nicht mehr viel her. Schließlich wandte sie sich ab, zuckte mit den Schultern und zog sich das Nachthemd über. In diesem Moment klingelte das Telefon. Die im Display angezeigte Telefonnummer sagte ihr nichts, außerdem war es kurz vor den Abendnachrichten, aber ihre Neugier siegte, so hob sie ab.

     „Ja, bitte?“
     „Bist du es Freddy? Hier ist Wölfi.“
     „Oh, ich dachte, du hast erst einmal genug von mir.“
     „Mensch Freddy, ich dachte, du freust dich meine Stimme zu hören!“
     „Vielleicht will ich lieber die Tagesschau sehen, als mit dir zu sprechen“, Frederike lachte, dann sprach sie weiter, „ich freue mich Wölfi, aber es ich schaue wirklich regelmäßig die Abendnachrichten.“
     „Es ist noch eine Viertelstunde Zeit bis zur Tagesschau und eigentlich wollte ich dich nur zu einer gemeinsamen Runde durch den Wald einladen.“
     „Wann?“
     „Wann immer du es möchtest – bitte Freddy, ich meine möglichst bald. Wenn das Wetter mitspielt – morgen vielleicht?“
     „Sag mal, Wölfi? Du benimmst dich wie ein verliebter Primaner.“
     „Ich bin ganz ehrlich Freddy, ich bin furchtbar einsam. Das ist alles.“
     „Hast du denn keinen Bekanntenkreis? Was ist mit deiner Tochter?“
     „Meine Tochter wohnt weit weg. Früher haben wir sie oft besucht, jetzt im fortgeschrittenen Alter habe ich das Gefühl, sie wohnt am Ende der Welt. Mit dem Bekannten- und Freundeskreis, da ist es schwierig. Elsa und ich, wir waren uns immer selbst genug. Wir wussten, das wird für den länger lebenden schwierig, aber wir hatten auch nicht die Kraft oder den Willen unsere Zweisamkeit mit anderen zu teilen.“
     „Wölfi! Ich gehe mit dir morgen eine Runde durch den Wald. Wann wollen wir gehen?“
     „Um elf?“
     „Gerne. Holst du mich mit dem Auto ab? Ich kann auch mit dem Bus zu dir kommen.“
     „Nein, ich hole dich um elf ab.“
     „Gut und jetzt ist Schluss! Die Viertelstunde ist vorüber. Gute Nacht Wölfi.“
     „Gute Nacht Freddy. Danke!“

     Am Morgen darauf fuhr Wolfgang pünktlich um elf bei Frederike vor. Diese stand bereits auf dem Gehsteig und wartete. Nachdem sie eingestiegen war, drückte Wolfgang ihr einen Kuss auf die Wange. Danach fuhr er sofort zu einem Wanderspielplatz am Waldrand. Frederike hatte sich am Morgen vorgenommen direkt beim Spaziergang einige Punkte zu klären, damit sich Wolfgang keine sinnlosen Hoffnungen machte. Dazu kam sie aber vorerst nicht, Wolfgang ging in seinem gewohnten Tempo in den Wald hinein. Frederike fiel es schwer mit ihm Schritt zu halten. Einen knappen Kilometer hielt sie durch, dann blieb sie abrupt stehen.

     „Wölfi, wenn du mit mir durch den Wald oder irgendwo anders hingehen möchtest, dieses Tempo halte ich nicht durch“, sagte sie, nachdem sie wieder zu Atem gekommen war.
     „Oh, das tut mir leid, seit ich allein wandern muss, habe ich mir einen schnellen Schritt angewöhnt. Ich passe mich dir an und du sagst bitte sofort, wenn ich in einen zu schnellen Schritt verfalle.“
     „Du bist nicht beleidigt, dass ich das jetzt so bestimmt gesagt habe?“
     „Nein, ich verstehe dich. Elsa hat auch immer gesagt, ich ginge ihr zu schnell.“
     In langsameren Tempo, aber immer noch flotten Schritts gingen sie weiter. So setzte Frederike zum Sprechen an, „Wölfi, damit du es direkt weißt, ich bin nicht auf der Suche nach einem Partner.“
     „Und wo ist jetzt das Problem?“
     „Ich wollte das nur klarstellen. Es ist so Wölfi, ich bin es gewohnt allein zu leben. Ich kann mir gar kein anderes Leben mehr vorstellen.“
     „Ich werde das respektieren. Das verspreche ich, aber ich bin neugierig.“
     „Wieso?“
     „Du hast mir ausgiebig berichtet, wie deine Ehe verlaufen ist. Was meine Neugier antreibt, ist folgendes, die Frau, war das ein Ausrutscher?“
     Frederike lachte, „deine Neugierde soll befriedigt werden. Er war mit der Frau bereits liiert, als wir uns kennenlernten. Die ganzen Jahre unserer Bekanntschaft und Ehe haben die beiden ihre Liebesbeziehung gepflegt. Mir redete er ein, wir wollen keuch in die Ehe gehen und er hatte eigentlich nur Angst, dass er bei seiner Geliebten nicht genug Potenz hatte. Ein anderes Thema bitte.“
     „Eine Frage noch, lebt Georg noch?“
     „Da habe ich mich nie drum gekümmert. Für mich ist er an besagtem Tag gestorben.“

     Danach verebbte das Gespräch und Frederike vertraute sich Wolfgangs Führung an. Zwischen zwei der alten Baggerseen gab es einen Aussichtsturm, den sie bestiegen. Sie schauten ein wenig umher, dann zeigte Wolfgang auf das gegenüberliegende Ufer. Frederike schaute ihn fragend an. Wolfgang erzählte ihr, dass er nach ihrer Trennung dort seinen Frust mit seinen Kumpels in nächtelangen Saufgelagen ertränkt hätte. Er lachte danach über sich selbst und meinte, heute wäre er froh, dass er das überlebt hätte. Sie gingen weiter durch den Wald und brauchten fast zwei Stunden, bis sie wieder am Parkplatz waren. Frederike musste sich eingestehen, dass sie sich in Wolfgangs Gegenwart ausgesprochen wohlfühlte. Wolfgang war mit dem Verlauf der Wanderung mehr als zufrieden, so fragte er, ob sie jetzt bereit sei seine Wohnung anzusehen. Frederike antwortete mit einem Lächeln, wobei sie mit dem Kopf nickte. Während der kurzen Fahrt zu Wolfgangs Wohnung betrachte Frederike Wolfgang vorsichtig. In Anbetracht seiner fast achtzig Lebensjahre war er ein attraktiver Mann. Seine Haare waren, wie früher dunkelbraun. Inzwischen waren etliche graue Haare in das Braun eingebettet, was der Frisur ein interessantes Aussehen verschaffte. Er wirkte so, wie er hinter dem Steuer saß und routiniert den Wagen durch den dichten Verkehr lenkte, eher wie ein Mann im Übergang zum Rentenalter. Obwohl er sich in seine Wanderkluft geworfen hatte, fand Frederike, dass Wolfgang Wert auf ein gepflegtes Aussehen legte. In diesem Punkt entsprach er ganz und gar nicht ihren Erinnerungen. Wenn sie sich Wolfgang in ihrer Jugend vorstellte, sah sie einen schlaksigen jungen Mann, dessen Haare wirr durcheinander fielen. Seinen Hosen fehlte meist die damals übliche Bügelfalte und an den Knien waren sie stets ausgebeult. Sie hatte sich nie daran gestört, nur wenn sie ihn in seltenen Fällen mit nach Hause nahm, hatte sie ihn gebeten vorher seine Hosen aufzubügeln. In diesen Fällen war sie immer baff, wie akkurat er die Bügelfalten in seine Hosen einbügelte und wie geschickt er sich dabei anstellte. Als Wolfgang auf dem Parkplatz vor seiner Wohnung anhielt, war sie so in ihre Gedanken vertieft, dass sie gar nicht mitbekam, dass sie angekommen waren.

     „Was ist Frederike? Möchtest du doch nicht mit hereinkommen?“
     „Doch Wolfgang, ich war nur in Gedanken vertieft.“
     „Und was bewegt dich so?“
     „Deine Frisur und deine Kleidung.“
     „Wieso das? Ich finde nichts Ungewöhnliches an meinem Aussehen.“
     „Früher kamst du immer ein wenig wie ein Schlumpf daher“, Frederike lachte bei dieser Antwort.
     „Da magst du recht haben. Können wir reingehen, Freddy?“

     Statt zu antworten, nickte Frederike. Wolfgang schaute an der Haustür in den Briefkasten, entnahm im zwei Briefe, auf die er kurz einen Blick warf. „Wie immer, nur Rechnungen“, sagte er dabei. Er bat Frederike ins Wohnzimmer und fragte, ob sie Kaffee oder etwas Anderes trinken wolle. Frederike bat um Kaffee, so setzte Wolfgang die Kaffeemaschine in Gang und brühte für sich Tee auf. Er suchte derweil in der Anrichte nach Keksen, ungute Gefühle überkamen ihn, als er nach der einzigen Tüte mit Keksen griff, die er fand. Er hatte diese Tüte am Tag vor Elsas Tod beim Bäcker gekauft, weil es Elsas Lieblingskekse waren und er ihr eine Freude machen wollten. Es fehlten nur zwei Kekse – die letzten Kekse, die sie gemeinsam gegessen hatten. Ihm stiegen Tränen in die Augen, dass Frederike das mitbekam war ihm unangenehm.

     „Soll ich besser gehen, Wölfi?“
     „Nein, bitte bleib Freddy. Es tut mir leid, nach Keksen zu suchen, war keine gute Idee. Ich habe die Kekse für Elsa gekauft.“
     „Oh!“
     „Es tut mir wirklich leid, dass mir das jetzt passiert ist.“
     „Wölfi, ich finde deine Reaktion normal. Sich dafür zu entschuldigen ist Quatsch. Leg die Kekse wieder zurück, wenn dir das hilft.“
     „Nein, das hilft nicht“, Wolfgang nahm einen Dessertteller, drapierte die Kekse darauf und zerknüllte die Tüte. Danach hielt er den Teller Frederike hin und sagte, „bitte, probiere schon einmal. Sie sind vielleicht nach der wochenlangen Lagerung etwas hart geworden, aber der Geschmack ist einmalig.“

     Wolfgang verteilte zwei Tassen auf dem Tisch und ging dann in die Küche, wo er die Kanne mit Kaffee und die Teekanne auf ein Tablett stellte. Er blieb einen Moment mit dem Tablett in den Händen in der Küche stehen, dass der Anblick der Tüte mit den Keksen so getroffen hatte, machte ihm zu schaffen. Seinen Wunsch nach einer angenehmen Plauderstunde, hätte seine Reaktion fast zerstört. So beschloss er am Abend seine Tochter anzurufen und ihr zu erzählen, was in den letzten Tagen geschehen war. Im Wohnzimmer stellte er die beiden Kannen auf den Tisch und brachte das Tablett zurück in die Küche. Als er wieder ins Wohnzimmer kam, hatte Frederike den angebissenen Keks auf die Untertasse gelegt und schüttete zuerst den Tee und dann den Kaffee ein. Wolfgang setzte sich ihr gegenüber und sie nahm wieder den Keks und biss ein kleines Stück davon ab. Sie verzog das Gesicht zu einem Lächeln und meinte, Elsa wusste, warum das ihre Lieblingskekse waren. Wolfgang antwortete nicht, immer noch beschäftigte ihn seine Reaktion an der Anrichte. Frederike beobachtete ihn unauffällig.

     „Lieber Wölfi, du musst deine Gefühle herauslassen, sonst erstickst du am Ende daran“, sagte Frederike schließlich.
     Wolfgang nickte, „ich weiß, ich bin zu viel allein. Nur unsere Tochter kann ich am Telefon oder über Skype daran teilhaben lassen. Aber das vermeide ich meist, sie hat schließlich ihre eigenen Sorgen. Ich werde sie am Abend anrufen.“
     „Wölfi, ich bin eine gute Zuhörerin.“
     „Das glaube ich gerne, aber im Moment fremdle ich noch etwas.“
     „Lass dir Zeit, ich habe den Verdacht, wir werden uns jetzt öfter sehen.“
     „Ich fürchte, ich sage wieder etwas, das uns auseinander bringen könnte.“
     „Das wird nicht passieren. Ich bin nicht mehr das zimperliche Mädchen von früher.“
     „Freddy, ich glaube, du warst gar nicht zimperlich. Ich war einfach zu ungestüm. Ich würde mich freuen, wenn wir Zeit miteinander verbringen. Von mir aus kann es auch viel Zeit sein. Hast du eine Mailadresse, dann können wir uns per Mail austauschen.“
     „Ja sicher, gib mir bitte Papier und etwas zu schreiben, dann schreibe ich dir die Adresse auf.“

     Am späteren Abend, versuchte Wolfgang zuerst, ob Ulrike bei Skype online war. Als er feststellte, dass sie offline war, wählte er ihren Festnetzanschluss an, es meldete sich sein Schwiegersohn. Ulrike war zur Arbeit und so machte Wolfgang ein wenig Smalltalk mit ihrem Mann und bat darum, Ulrike möge zurückrufen. Den Hinweis, Ulrike käme erst gegen elf Uhr nach Hause, wischte er mit der Bemerkung weg, er gehe nur selten vor eins zu Bett. Es wurde fast halb zwölf, bis das Telefon klingelte.

     „Danke, dass du noch anrufst, mein Schatz“, sagte Wolfgang, nachdem er auf dem Display die Telefonnummer überprüft hatte.
     „Guten Abend, mein lieber Papa – so viel Zeit muss sein“, scherzte Ulrike und sagte dann, „gibt es etwas Dingendes, Papa?“
     „Nein, Uli! Aber es gibt etwas, das ich mit dir besprechen möchte oder bist du zu müde?“

     „Nein Papa, ich kann morgen länger schlafen.“
     „Gut Tochter! Es ist so, ich habe eine Frau getroffen.“
     „Und?“
     „Ich meine nur, deine Mama ist erst seit einigen Wochen tot.“
     „Papa, das ist jetzt Quatsch. Ihr habt mir mein ganzes Leben lang eure Weisheiten kundgetan. Die Weisheit für diesen Fall lautete, wenn einer von uns stirbt, soll der überlebende sofort anfangen neue Kontakte zu knüpfen.“
     „Ich weiß Schatz, aber ich bin noch immer so traurig und Treffen mit Freddy empfinde ich als Verrat.“
     „Papa! Hör auf! Das ist absoluter Unsinn. Du lehnst es ab in unsere Nähe zu ziehen, du hast mit deiner zurückhaltenden Art Schwierigkeiten an geselligem Beisammensein teilzunehmen. Hast du versucht Kontakt zu einem Seniorentreff aufzunehmen? Nein, hast du nicht! Jetzt hat sich für dich eine Gelegenheit aufgetan und wieder hast du Bedenken. Warum? Mensch Papa, halte mich bitte nicht für respektlos, aber du benimmst dich wie ein Blödmann. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“
     „Wir kennen uns von früher. Wir waren einmal ineinander verliebt. Das war lange vor deiner Mama. Jetzt haben wir uns zufällig im Wald getroffen. Am neuen Ausblick auf den Elbsee. Den Ausblick kennst du noch nicht, der ist neu.“
     „Freddy heißt sie? Das klingt eher nach einem Mann!“
     „Ja das stimmt, aber alle nannten sie damals Freddy. Eigentlich heißt sie Frederike.“
     „Und du bist verliebt, Papa?“
     „Ulrike, wo denkst du hin!“
     „Ach komm schon Papa. Wenn da gar nichts wäre, hättest du nicht angerufen.“
     „Das mag stimmen, mein Schatz. Aber sie hat gesagt, sie sei nicht auf der Suche nach einem Partner.“
     „Und nun Papa, du möchtest, mein Einverständnis?“
     „Nein, ich möchte, dass du von Freddy weißt.“
     „Gut, ich weiß es jetzt. Ich sage dir deshalb, es ist deine Entscheidung und ich respektiere jede deiner Entscheidungen. Es ist dein Leben und alles, was dich aus deiner Einsamkeit herausholt, werde ich gutheißen. Habt ihr denn schon eine Idee, wie es weitergehen könnte?“
     „Noch nichts Konkretes, aber ich denke wir werden zusammen wandern und ausgehen. Alles andere wird sich entwickeln oder auch nicht.“
     „Du Papa?“
     „Ja, mein Schatz?“
     „Wann sehen wir uns wieder? Zuletzt haben wir uns gesehen, als wir Mamas Asche in den Ozean gestreut haben.“
     „Wir werden sehen. Ich habe Sehnsucht nach euch beiden, aber ich schaffe die weite Fahrt nicht mehr. Zumindest nicht allein.“
     „Papa ich kann auf längere Zeit keinen Urlaub machen, ich kann nicht kommen.“
     „Ich weiß, Tochter. Vielleicht ergibt sich etwas. Wir müssen geduldig sein.“
     „Ja Papa, so ist es. Gute Nacht.“
     „Gute Nacht, meine Tochter.“

     Am Morgen wurde Wolfgang erst spät wach, er blieb noch ein wenig mit geschlossenen Augen liegen und dachte an das Gespräch mit Ulrike. Sich nicht in die Arme nehmen zu können verursachte ihm fast körperlichen Schmerz, das wollte er nicht zulassen, so stand er entschlossen auf. Noch bevor er sich rasierte, schrieb er eine Mail an Frederike. Nur ein paar Zeilen, damit auch sie seine Anschrift hatte. Danach richtete er sich her und bereitete sich das Frühstück zu. Er hatte fast nichts geändert seit er allein lebte, nur das zweite Gedeck war entfallen. Die gleichen Wurstsorten kamen auf den Tisch, zwei Sorten Käse reichten jetzt. Der Scheibenkäse, den Elsa so sehr mochte, hatte er weggelassen, seit der den Rest davon verzehrt hatte. Er kochte jeden Morgen sein Frühstücksei und schnitt eine Tomate in Achtel. Während das Ei im Eierkocher garte, überflog er die Überschriften der Tageszeitung, die er jeden Werktag noch im Morgenmantel aus dem Briefkasten holte. Er fand, das sei eigentlich eher unsinnig, da er die Zeitung auch digital auf dem Tablet lesen konnte. Macht der Gewohnheit sagte er zu sich selbst. Er fand es unpraktisch am Frühstückstisch mit dem Tablet-Computer herum zu jonglieren. Sobald der Eierkocher mit einem nervigen Ton meldete, sein Werk sei vollbracht, schüttete er sich Kaffee ein und beförderte das Ei in den Eierbecher. Manchmal fluchte er dabei, weil ihm das Ei zu heiß an den Fingern war.

     Wolfgang hatte gerade sein Ei gegessen und einen ersten Schluck aus der Kaffeetasse geschürft, als Frederike anrief. Sie sagte, sie wolle nur kurz fragen, ob er Lust auf einen Spaziergang im Schlosspark hätte. Er war hocherfreut und fragte nur wann es ihr angenehm wäre. Frederike meinte zwölf Uhr wäre ideal und so verabredeten sie, sich um diese Zeit vor dem Schlosscafé zu treffen. Nachdem Wolfgang aufgelegt hatte, widmete er sich weiter seinem Frühstück und las ausgiebig seine Zeitung. Der Schlosspark war für ihn gut zu Fuß zu erreichen, er ging zeitig los, schließlich wollte er nicht durchgeschwitzt sein, wenn er auf Frederike traf. Obwohl er möglichst langsam ging, kam er zu früh an, so ging er einmal rund um das Corps de Logis. An der Freitreppe in Richtung Spiegelweiher hielt er kurz inne, er erinnerte sich, hier hatten einmal mit Freddy ausgiebig geknutscht. Die Erinnerung daran zauberte ihm ein Lächeln auf die Lippen. Pünktlich stand er vor dem Schlosscafé, Frederike kam kurz nach ihm an. „Bin ich zu spät?“, fragte sie etwas schuldbewusst. „Nee Freddy, pünktlich um zwölf“, antwortete Wolfgang wohlgelaunt. Ohne große Eile gingen sie in den Park, Wolfgang mied den Weg an der Freitreppe vorbei. Dort wollte er später nicht Frederike hingehen. Sie gingen zuerst auf der sonnigen Seite entlang des Spiegelweihers und bogen an dessen Ende in Richtung Rheinufer ab. Sobald sie unter den alten Bäumen ankamen, die den Weg zur Uferpromenade säumten, ergriff Wolfgang Frederikes  Hand und legte diese in seine. Sie entzog ihm die Hand nicht, sondern lächelte ihn an.

     „Freddy, ich habe mit Ulrike telefoniert“, sagte Wolfgang, nachdem sie einige Meter gegangen waren.
     „Deine Tochter?“
     „Ja, ich vergaß, dass ich dir noch nichts Näheres über sie erzählt habe.“
     „Und, was sagt sie.“
     „Kurz gesagt, sie meint ich sei ein Blödmann.“
     „Wieso das?“
     „Wegen meiner Bedenken, weil Elsa erst so kurze Zeit tot ist.“
     „Hast du Angst, die Nachbarn reden über uns?“
     „Das auch. Aber es geht nicht um eine Karenzzeit, es geht darum, dass ich mich gestern fühlte, als würde ich Elsa hintergehen.“
     „Und heute nicht mehr?“
     „Ulrike ist eine ungemein kluge Frau. Sie hat mich ganz schön in die Mangel genommen. Ich war richtig froh, dass du heute Morgen angerufen hast. Da kann ich gleich testen, ob ihre Gardinenpredigt gewirkt hat.“
     „Hey, ich bin nichts für einen Testlauf!“
     „Freddy, so habe ich das nicht gemeint. Komm sei gut.“
     Frederike blieb spontan stehen, legte ihm beide Hände um den Nacken und zog ihn zu sich heran. Sie drückte ihm einen Kuss auf den Mund. „Ich bin gut“, sagte sie danach.
     „Danke Freddy. Vom zimperlichen Mädchen ist nichts übrig geblieben.“ Wolfgang lachte, nachdem er das gesagt hatte. „Weißt du was wir jetzt machen? Wir gehen zur Promenade, kaufen uns dort Eishörnchen, setzen uns auf eine Bank und schauen den vorbeifahrenden Schiffen zu.“
     „Sowas machen eigentlich Teenager, aber die Idee ist gut.“
     „Teenager würden sich auf die Böschung setzen.“
     „Gut, wir setzen uns auf die Böschung!“

     Sie halfen sich gegenseitig die steile Böschung zum Strom hinunterzusteigen. Zum Glück war das Gras frisch gemäht, so hatte Wolfgang kein Problem zu überprüfen, ob sie sich hinsetzen konnten, ohne auf Hundescheiße zu landen. Frederike war beim Abstieg froh, dass sie Wolfgang davon überzeugt hatte lieber Eisbecher zu nehmen. Nachdem sie sich gesetzt hatten, stellte sie sich vor, wie es ausgesehen hätte – zwei alte Leute, auf der steilen Böschung jonglierend mit Eishörnchen in den Händen. Lächerlich, fand sie und grinste. „Was grinst du so?“ „Zwei Tattergreise jonglieren Eishörnchen, das hätte ich sehen mögen.“ Ohne sich weiter um Wolfgang zu kümmern, nahm sie den Plastiklöffel in die Hand und aß von ihrem Eis. Auch Wolfgang widmete sich seinem Eisbecher und dachte darüber nach, wie es sich weiter entwickeln würde. Eine Zeit lang saßen sie schweigend nebeneinander, einige Schiffe fuhren vorüber, meist Schubeinheiten und einmal fuhr ein Kreuzfahrtschiff stromaufwärts. Frederike lehnte sich leicht an Wolfgang an, das erzeugte bei ihm ein Gefühl aufsteigender Wärme. Schließlich fand Frederike, es sei genug geschwiegen worden.

     „Wölfi, ich finde es schön mit dir zusammenzusitzen, aber hast du eine Idee, wie es jetzt mit uns weitergeht?“
     „Nicht so richtig, anbaggern habe ich lange nicht mehr geübt. Genau genommen seit fast sechzig Jahren nicht mehr. Ich wünsche mir mehr Nähe zu dir, aber du hast gesagt, du bist nicht auf Partnersuche.“
     „Braucht es denn zu mehr Nähe direkt eine Partnerschaft?“
     „Ich glaube nicht, Freddy. Aber ich habe schon einmal alles, was zwischen uns war kaputt gemacht. Bist du nach Georg in anderen Partnerschaften gewesen.“
     „Was ist das denn für ein gedrechselter Satz? Nein Wölfi, ich habe immer allein gelebt. Zieh keine falschen Schlüsse daraus. Ich habe nicht als Nonne gelebt, es war einfach nie so, dass es für eine längere Beziehung gereicht hat.“
     „Würdest du denn mit mir eine längere Beziehung eingehen, Freddy?“
     „Wölfi! Woher soll ich das wissen? Das müsste sich ergeben.“
     „Und wenn ich dir jetzt sage, ich wäre gerne mit dir allein?“
     „Das wäre guter Anfang, Wölfi.“
     „Gut, dann komm Freddy wir gehen wieder in den Schlosspark, da sind weniger Leute.“
     Sobald sie wieder auf einem der schattigen Wege im Schlosspark waren, legte Frederike ihre Hand in seine Hand. Wolfgang führe sie durch die ruhigsten Teile des Parks, einmal hielt er an und küsste Frederike auf die Stirn. Als ihm keine weiteren Wege im Park mehr einfielen, lenkte er seine Schritte wie unbeabsichtigt zur Freitreppe. Dort blieb er stehen und sprach zum ersten Mal wieder, seit sie zurück im Park waren. „Erinnerst du dich? Wir haben auf der Treppe einmal geknutscht.“
     „Ich habe es nicht vergessen, Wölfi. Ich habe überhaupt nichts von dem vergessen, was wir zusammen getrieben haben. Aber du erwartest jetzt nicht, dass wir auf der Treppe knutschen?“
     Wolfgang lachte, „nein, ich möchte mit dir allein sein. Bitte lach nicht, aber ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich dich für das Alleinsein mit zu mir nähme.“
     Frederike drückte Wolfgang auf eine Bank und setzte sich neben ihm. „Wölfi, ich habe kein Problem dich mit zu mir zu nehmen. Ich muss nur etwas klarstellen. Ich hatte seit fünfzehn Jahren keinen Sex mehr und ich bin eine alte Frau. Wenn ich auch Bedarf nach körperlicher Nähe verspüre, ich glaube nicht, dass ich die sexuelle Vereinigung noch genießen kann.“
     Wolfgang griff nach ihrer Hand. „Freddy, du bist sehr offen, das macht es mir leichter, die richtigen Worte zu finden. Ich bin durchaus noch in der Lage mit einer Frau zu schlafen. Aber Freude? Eher Frust, wenn ich im entscheidenden Augenblick einen Wadenkrampf bekomme. Gegenseitiges Streicheln bringt die gewünschte Befriedigung bei beiden und erzeugt keinen Wadenkrampf.“
     „Überall streicheln?“
     „Überall, wo du es möchtest, Freddy.“
     „Genug philosophiert, komm, wir fahren zu mir. Unterwegs kaufen wir uns etwas, damit wir kochen können. Die isst Fleisch oder bist du Vegetarier?“
     „Nein, ich esse zwar selten Fleisch, da ich gerne Gemüse koche oder zu Aufläufen verarbeite. Nach was wollen wir den Ausschau halten, Freddy?“
     „Wir könnten uns ein Hähnchen gönnen und im Ofen garen. Einverstanden Wölfi?“
     „Ja, gerne. Kartoffeln dazu wären gut. Wenn du magst, ich habe noch eine Portion Erbsen im Gefrierschrank.“
     „Gut, wir halten bei dir an, Erbsen mag ich gerne.“

     Wolfgang ging nur kurz hinein und nahm die zubereiteten Erbsen aus dem Gefrierschrank. Er überlegte dabei, ob sonst noch etwas nützlich sein könnte, um den Tag mit Frederike zu gestalten. Er entschied sich für eine Flasche roten Sekt. Ihm fiel ein, er hatte gar keine Vorstellung, ob sie Alkohol trank. So packte er den Sekt in eine Einkaufstasche und legte die Plastikdose mit den Erbsen obenauf, damit er Frederike nicht verschreckte. Er zweifelte nicht daran, dass gegenseitige Zuneigung vorhanden war, aber er sah es als schwierig an, nach einer Zeit, die fast ein Menschenleben umfasste, einer Beziehung wieder neues Leben einzuhauchen.

     „Freddy, ich fahre mit dem Bus nachhause. Da können wir jetzt gemeinsam zu dir fahren“, sagte er, als er sich wieder auf den Beifahrersitz setzte.
     „Klug gedacht“, antwortete Frederike und fuhr ab.
     „Ich fühle mich wohl in deiner Nähe. Ich war einfach auf meinen Vorteil bedacht.“
     „Ach komm schon. Du hast nicht nur Erbsen in deiner Tasche!“
     „Du hast mich durchschaut! Du magst Sekt?“
     „Ja. Wölfi.“
     „Gib Gas – der Sekt muss noch gekühlt werden.“
     „Du bist jeck, ich habe keine Lust auf ein Knöllchen. Es sei denn, du zahlst.“

     Sie bereiteten gemeinsam das Essen zu und alberten ab und zu miteinander. Als Frederike sah, dass das Hähnchen fast fertig war und auch die Kartoffeln kochten, drückte sie Wolfgang zwei Teller in die Hand und schickte ihn zum Tischdecken in das Wohnzimmer. Besteck fände in der Anrichte, rief sie ihm hinterher. Wolfgang winkte zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Als Wolfgang wieder in die Küche kam, schüttete Frederike die Kartoffeln ab, drückte Wolfgang die Geflügelschere in die Hand und bedeutete ihm, er solle das Hähnchen halbieren. Sie selbst stellte die Erbsen in die Mikrowelle. Als alles auf dem Tisch verteilt war, zog Wolfgang einen Stuhl zurück, damit Frederike sich leichter hinsetzen konnte. Frederike lachte. „Machst du das immer?“, fragte sie. Wolfgang verzog den Mund zum Grinsen und antworte, „nein, nur bei einer neuen Frau.“ „Du bist vielleicht ein Blödmann“, sagte Frederike und setzte sich. Sie aßen zuerst schweigsam, als sich Wolfgang noch einmal Kartoffeln nahm, sah er dabei Frederike auffordernd an.

     „Danke Wölfi, ich habe genug.“
     „Wir haben, glaube ich, auch beide ordentlich zugelangt. Wir könnten den Rest des Hähnchens morgen kalt essen.“
     „Du hast Ideen! Morgen willst du also wieder bei mir erscheinen?“
     „Nur wenn du es möchtest, Freddy.“ Wolfgang war anzusehen, dass er auf eine positive Antwort hoffte.
     „Und wenn ich sage, dass ich morgen anderes vorhabe?“
     „Echt, Freddy?“
     „Nein Wölfi, ich würde mich freuen, wenn wir den Tag gemeinsam verbringen. Ich gebe dir einen Rat. Bring Sachen zum Rasieren mit – nur für den Fall der Fälle. Alles andere, was du zur Körperpflege benötigst, habe ich vorrätig.“
     „Das ist ein Angebot, dass ich nicht ausschlagen kann. Soll ich wieder etwas zum Trinken mitbringen, Freddy?“
     „Das musst du selbst wissen, Wölfi. Bevor wir aber über weiteres sprechen heißt es abräumen und die Spülmaschine befüllen.“
     „Vornehm, vornehm, bei mir wird von Hand gespült.“
     „Ihr habt keine Spülmaschine?“
     „Nein, Elsa wollte keine und sagte, sie wäre mit ihrer Spülmaschine verheiratet.“

     Sie machten es sich danach auf der Couch gemütlich. Wolfgang hatte den Sekt entkorkt und für jeden ein Glas gefüllt. Sie tranken in kleinen Schlucken und Wolfgang konnte nicht anders, als Frederike eingehend zu betrachten. Er erinnerte sich, dass sie ihre Haare früher lang wallend getragen hatte. Er war damals total verschossen in ihr Haar gewesen, heute aber fand er, die Kurzhaarfrisur stand ihr ausgesprochen gut. Sein Blick glitt tiefer, ihre Brüste hatte er kleiner in Erinnerung. Vielleicht lag das daran, dass sie damals noch sehr jung war und ihre Figur noch nicht ganz ausgebildet war, dachte er, obwohl er sich nicht sicher war, ob ihm vielleicht seine Erinnerungen einfach einen Streich spielten. Ihr Bauch war flach, erst jetzt, wo sie lässig auf der Couch saß, nahm der Bauch eine etwas kugelige Form an. Aus ihrer Vierfünftel langen Hose, die sie angezogen hatte, nachdem sich angekommen waren, ragten zwei muskulöse Unterschenkel heraus, ein Zeichen, dass sie viel zu Fuß ging. Einige Krampfadern zogen sich entlang der Unterschenkel, er hielt das für normal in ihrem Alter. Wolfgang riss sich gewaltsam aus seinen Betrachtungen, Frederike hatte zwar offensichtlich nichts davon bemerkt, aber er hielt sein Verhalten für unpassend. Er füllte die inzwischen geleerten Gläser und legte anschließend eine Hand auf Frederikes Arm. Sie lächelte ihn an und trank einen Schluck Sekt.

     „Wölfi, ich glaube, du bist dabei dich zu vergucken.“ Frederike schaute Wolfgang frech ins Gesicht. Wolfgang merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, er fühlte sich ertappt.
     „Tut mir leid, Freddy!“
     „Was tut dir leid?“, fragte Frederike leicht verwirrt.
     „Es tut mir leid, dass ich dich so unverhohlen betrachtet habe.“
     „Mein Gott, vielleicht hatte ich vorhin doch recht, als ich dich einen Blödmann genannt habe, deine Blicke haben mir gutgetan.“
     „In Ordnung, ja ich bin dabei mich in dich zu vergucken.“
     „Bitte lass uns langsam vorgehen, was du zur körperlichen Liebe gesagt hast, ist einleuchtend. Ich muss nur herausfinden, was ich mag und was für mich nicht geht.“
     „Ich werde vorsichtig sein, ich verspreche es.“ Wolfgang zog Frederike in seine Arme.

     Am Ende des Abends verabredeten sie sich für den kommenden Mittag, sie wollten gemeinsam für das Abendessen einkaufen und anschließend eine Wanderung auf dem Rheindeich unternehmen. Für eventuelles Regenwetter, nahmen sie sich vor statt der Wanderung die Mahn- und Gedenkstätte in der Altstadt aufzusuchen. Wolfgang ging beschwingt in Richtung Bushaltestelle. Die Frau in seinen Armen hatte sein Herz gewärmt, seine Hoffnung war, dass sich etwas entwickelte, etwas um seine Trauer über Elsas Tod in geordnete Bahnen zu leiten. Elsa, das war seine große Liebe gewesen. Er hatte ihn überwältigt, damals als er auf sie getroffen war. Die Liebe hatte all die Jahrzehnte überdauert, aber Elsa war nun tot. Ulrike hatte ihm die Leviten gelesen, er wusste, Elsa hätte die gleiche Meinung vertreten. Vorbehaltlos wollte er in die neue Beziehung gehen, das war sein fester Vorsatz. Als er die Wohnungstür aufschloss, klingelte das Telefon. Bis er ins Wohnzimmer gelangte, hatte der Anrufer aufgelegt, aber der Anrufbeantworter blinkte. Er drückte die Wiedergabetaste, Ulrike bat um seinen Rückruf. Er schaute nach, wer zuletzt angerufen hatte, es war auch Ulrike. So wählte umgehend ihre Nummer, Ulrike hob bereits nach dem zweiten Klingeln ab.

     „Guten Abend, Papa“, schallte es fröhlich aus dem Telefon.
     „Guten Abend mein Schatz, ich hatte Sorge, es wäre etwas Ernsthaftes vorgefallen, aber deine Stimme klingt fröhlich.“
     „Du bist nicht zu erreichen, Papa. Wandelst du auf Freiersfüße?“
     „Wieso?“
     „Papa! Schon vergessen? Du hattest mir von einer Frau namens Freddy erzählt.“
     „Ich bin nicht dement, Ulrike!“
     „Gut! Dann frage ich jetzt, hat mein Vortrag geholfen?“
     „Mein Schatz, ich könnte jetzt sagen, das geht dich nichts an. Du hast uns schließlich auch nicht gesagt, mit wem du ins Bett gehst.“
     „Papa, du bist ein Blödmann! Entschuldige bitte, ich wollte nicht respektlos sein.“
     „Schon verziehen, Freddy sagt auch, ich sei ein Blödmann.“
     „Heißt das, es wird nichts mit euch?“
     „Nee, wir sind uns inzwischen sehr nahe.“
     „Stellst du uns Freddy vor?“
     „Ich kann sie einladen, wenn wir das nächste Mal skypen, wenn ihr das möchtet.“
     „Ja gerne, Papa. Meinst du, sie möchte das auch?“
     „Ich werde sie fragen. So einfach ist das, mein Schatz.“
     „Du Papa?“
     „Ja Schatz!“
     „Ein wenig fürchte ich, dass wir uns vielleicht nicht mögen. Wird das unserer Beziehung schaden?“
     „Hör zu Ulrike! Das wäre jetzt reden über ungelegte Eier. Ihr werdet euch zumindest nicht unsympathisch finden und das ist doch ein guter Anfang. Mach dir erst einmal keine Sorgen. Lassen wir es einfach auf uns zukommen.“
     „In Ordnung, Papa! Aber jetzt wird es Zeit für mich, ich habe morgen Frühschicht.“
     „Dann, mein Schatz, wünsche ich dir jetzt eine gute Nacht und grüße Jean von mir.“
     „Gute Nacht, Papa. Ich werde deine Grüße ausrichten.“

     Wolfgang fühlte sich beschwingt, nachdem das Gespräch beendet war. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich sofort zu Bett zu begeben und dort noch etwas zu lesen. Jetzt aber ging er zur Stereoanlage und ließ baskische Volksmusik ertönen. Er öffnete entgegen seiner sonstigen Gewohnheit noch eine Flasche Wein und goss sich ein Glas davon ein. Er setzte sich auf die Couch, trank aus dem Glas Wein und träumte davon, wie es sich entwickeln konnte. Die Musik ließ ab und an etwas Traurigkeit aufsteigen. Er war kein Tänzer und hatte sich zeitlebens vor dem Tanzen gedrückt. Für Elsa war das zeitlebens eine traurige Tatsache, von der er gewusst hatte. Er hatte es aber nie geschafft, ihr in diesem Punkt entgegenzukommen. Dann hatte ihnen aber Ulrike eine CD mit baskischer Folklore geschenkt. Sie waren beide begeistert gewesen, als sie erstmals diese Melodien hörten. Dann, eines Abends, an dem sie sich noch näher waren, als sie es eigentlich immer waren, hatten sie sich von der Couch erhoben und zu dieser Musik getanzt. Er lächelte bei dem Gedanken an das Tanzen, ihm war klar, sein Tanzstil glich eher dem eines Tanzbären, als dem eines tanzenden Menschen, aber an diesem Abend hatten sie getanzt, bis sie außer Atem waren. Ihm fiel ein, er wusste nicht ob Frederike tanzte. Er wollte das klären, damit sie von seinem Unvermögen nicht im ungeeigneten Moment erfuhr. Er verdrängte den Gedankengang schnell wieder und lauschte weiter der Musik. Als die CD abgelaufen war, war er immer noch aufgekratzt, so suchte er eine weitere CD aus. Irische Folklore erschallte aus den Lautsprechern, während Wolfgang seinen Traum träumte. Später startete er noch einmal sein Notebook und schrieb Ulrike ein Mail, in der er mit liebenden Worten ausdrückte, wie sehr er es schätzte, eine so liebe Tochter zu haben.

     Am frühen Nachmittag machte sich Wolfgang auf den Weg zu Frederike. Da kein Regen in Sicht war, hatte er kurz entschlossen sein Fahrrad aus dem Keller geholt. Eine Flasche Riesling und Elsas elektrischen Rasierapparat hatte er in seinen Rucksack gelegt. Er fuhr ohne Eile entlang eines Bachlaufs, vorbei an der Stelle, an der er und Frederike einmal als Nachbarskinder gelebt hatten. Dort wo früher das Haus und ein großer Obstgarten gewesen waren, befand sich heute ein LKW-Parkplatz. Wolfgangs Erinnerung war etwas verschwommen, es fiel ihm nicht ein, ob sie als Kinder gemeinsam im Obstgarten gespielt hatten. Nur den Obstgarten, damals von einer hohen Ziegelmauer umgeben, konnte er sich bildhaft vorstellen. Er hatte sich mit dem Kettenhund, der den Obstgarten bewachte, angefreundet. Da der Obstgarten groß und unübersichtlich war, war es dadurch möglich, dass seine Klassenkameraden zur Reifezeit, in aller Ruhe Äpfel stehlen konnten. Wo all die Freunde abgeblieben waren, war ihm unbekannt. Nur noch mit einem der damaligen Freunde stand er Kontakt, wenn sie sich trafen und der alten Zeiten gedachten, konnten sie immer noch über diesen Coup lachen.

     Das ist alles so lange her, dachte Wolfgang. Solange sie im gleichen Haus gelebt hatten, hatte er Freddy als junge Frau kaum wahrgenommen. Sie hatten sich erst ineinander verliebt, als er mit seinen Eltern in die Innenstadt gezogen war. Zufällig hatten sie sich einmal auf der Straße getroffen, als er seinen Schulfreund besuchte, der an der Hinterseite des Obstgartens mitten in den Feldern lebte. Er hatte sie ins Kino eingeladen und nach dem Kino waren sie sich näher gekommen, so hatte alles angefangen.

     Frederike stand in der Küche und staunte, als Wolfgang mit dem Fahrrad ankam. Sie gab ihm den Garagenschlüssel und sagte, er solle sein Fahrrad in die Garage bringen und nahm ihm den Rucksack ab. Wolfgang bat sie, die Flasche Wein aus Rucksack nehmen und in den Kühlschrank stellen. Als Wolfgang von der Garage zurückkam, hatte Frederike auf dem Küchentisch zwei Tassen mit Kaffee bereitgestellt und eine Schüssel Kekse dazwischen platziert. Wolfgang umarmte sie, bevor sie sich an den Tisch setzten und gab ihr einen Kuss auf den Hals. In beiden stieg Wärme auf. Später gingen sie gemeinsam spazieren. Nach einiger Zeit legte Wolfgang Frederikes Hand in seine Hand. Er erhielt einen dankbaren Blick dafür. Es ging aber nicht lange gut, sich bei den Händen zu halten. Es war eine Erfahrung, die Wolfgang schon in den letzten Jahren gemacht hatte, wenn er mit Elsa Hand in Hand gegangen war. Nach einer kurzen Strecke schmerzte ihm dann der Arm. Ein paar Schritte hielt er noch durch, dann nahm der Schmerz überhand.

     „Tut mir leid, Freddy. Das ist eine Alterserscheinung. Händchen halten ist eher etwas für junge Leute.“ Wolfgang verzog sein Gesicht zu einem schiefen Lächeln.
     Frederike gab ihm einen leichten Stoß und sagte unter Lachen, „ich weiß schon, dass ich mir keinen jugendlichen Liebhaber eingefangen habe. Aber das Gefühl dich an meiner Seite zu haben, finde ich überwältigend.“
     „Das sind Worte, die mein Herz erwärmen. Komm, wir gehen über den Friedhof zurück zu dir.“
     „Gehst du oft auf den Friedhof?“
     „Nein, nie, nur zum Spaziergang.“
     „Du besuchst nie das Grab deiner Frau?“
     „Es gibt kein Grab, Freddy. Elsa wünschte an unbekannter Stelle beigesetzt zu werden. Ulrike und ich, wir haben dann beschlossen ihre Asche im Ozean zu verstreuen.“
     „Wirklich?“
     „Ja, wir haben der Einfachheit halber den Leichnam im Ausland kremieren lassen. Ich habe die Urne in den Kofferraum gepackt und bin zu Ulrike gefahren. Wir sind an einem Tag mit wenig Brandung zu unserem Lieblingsstrand gegangen, haben uns ausgezogen, sind ein Stück weit in Wasser gegangen und haben die Asche vom Wind forttragen lassen. Ich hatte eine Urne aus Salz, so haben wir die leere Urne einfach ins Wasser geworfen, wo sie sich aufgelöst hat.“
     „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, aber mir könnte es auch gefallen spurlos zu verschwinden.“
     „Ich habe Ulrike das Versprechen abgenommen, mit meiner Asche ebenso zu verfahren. Nur eine Bedingung ist daran geknüpft, sollte ich noch einmal in einer Partnerschaft leben, so soll meine Partnerin die Entscheidung treffen, ob das so geschieht.“
     „Ich habe mir noch nie Gedanken über mein Ableben gemacht. Eigentlich ist mir gleichgültig, was danach geschieht. Ein Testament habe ich, mein ganzer Besitz geht an die Kinderkrebsklinik.“
     „Komm, Freddy! Lassen wir für heute das Thema Sterben ruhen. Wir befinden uns an der Schwelle zu etwas Neuem. Ich habe gestern spät noch mit Ulrike telefoniert. Eigentlich skypen wir jeden Sonntag und so laden wir dich ein, am Sonntag an unserem Videotelefonat teilzunehmen. Dann habt ihr schon einmal einen ersten Eindruck voneinander.“
     „Eh, ist es dir so ernst?“
     Wolfgangs Stimme klang jetzt belegt, „Freddy, es ist mir sehr ernst!“

     Frederike guckte sich um, ob sie allein zwischen den Gräbern waren. Sobald sie sicher war, dass sie allein waren, kuschelte sie sich an Wolfgang an, sie sprach ganz leise aber bestimmt zwei Worte – mir auch! Wolfgang hatte nach diesen Worten das Gefühl, sein Herz gerate außer Takt und er musste einige Male tief Luft holen, um seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen. Als er sich wieder gefangen hatte, legte er seine Arme um Frederike und drückte sie an sich. Frederike stiegen Tränen in die Augen. Sie gingen tiefer in das Gräberfeld hinein, bis sie auf einen der Hauptwege nahe Kapelle und Krematorium kamen, dort wendeten sie in Richtung Hintereingang. Sie kamen an einer Reihe historischer Gräber vorbei und wandten sich dann in Richtung des niederländischen Ehrenfeldes. Für Frederike war dieser Teil des Friedhofs neu, sie zeigte sich erschüttert über die endlosen Reihen weißer Grabplatten mit Namen und Daten während des Krieges im Reichsgebiet umgekommener Niederländer. Schließlich zog Wolfgang sie weiter, er wollte den Zauber des Tages nicht durch Gedanken an eine blutige Vergangenheit zerstören. Ihm war klar, wenn sie einmal bei seinen intensiven Gesprächen mit Ulrike zugegen war, würde sie noch genug von seinem Verhältnis zur Vergangenheit mitbekommen. Aber bitte nicht jetzt, dachte er.

     Am Abend schauten sie zuerst die Tagesschau und bereiteten sich dann eine Pfanne Bratkartoffeln zu. Sie saßen sich am kleinen Küchentisch gegenüber, während sie die Kartoffeln aßen. Wolfgang schaute Frederike verliebt an, die fragte ihn schließlich, ob er ein Glas Wasser möchte. Da Wolfgang den Mund voll Kartoffeln hatte, nickte er zustimmend. Frederike stand auf, aber statt Gläser und Wasser zu holen, hielt sie bei Wolfgang an, strich ihm einmal über die Haare und versetzte ihm dann einen freundschaftlichen Stoß. „Es ist dir aber klar, dass du dich selbst bedienst, wenn du Durst hast. Wenn deine Aussage zu unserem Verhältnis zueinander stimmt, dann kannst du hier nicht den Gast spielen“, sagte sie dazu. Wolfgang, der seinen Bissen inzwischen geschluckt hatte, legte ihr einen Arm um die Hüften und drückte sein Gesicht an ihren Bauch. Danach sagte er, „dann setz dich ganz schnell wieder hin, ich hole Gläser und Wasser.“ „Dann mach hin, ich habe Durst!“ Frederike setzte sich wieder, während Wolfgang sich um das Wasser kümmerte. Nach dem Essen saßen sie weiter am Tisch und schauten aus dem Fenster. Wolfgang hatte eine Hand über den Tisch ausgestreckt und Frederike hatte ihre Hand in die Wolfgangs gelegt, dann schlug sie vor, noch einen kleinen Rundgang durch den Park zu machen. Da der Park nicht sehr ausgedehnt war, gelang es Wolfgang bis zum Mahnmal Frederike bei der Hand zu halten. Sie hielten dort an und Wolfgang zog Frederike in seine Arme. Er zog sie dann ein Stück weiter, er wollte nicht an diesem Ort des Gedenkens seine leidenschaftlichen Gefühle ausleben. Wieder hielt er an, Frederike fühlte sich warm und weich in seinen Armen an. Er drückte ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund, bevor sie weiter gingen.

     Frederike ging ins Bad, sobald sie die Wohnung betreten hatten, sie kam nach kurzer Zeit mit einem leichten Morgenmantel bekleidet wieder hinaus. „Wenn du es dir auch bequem machen möchtest, mein Bademantel dürfte dir passen, er hängt im Bad. Ich gehe in die Küche und hole den Wein“, sie grinste bei diesen Worten und verschwand in der Küche. Wolfgang war zwar überrascht, musste sich aber selbst eingestehen, dass das, was Frederike jetzt tat, seinen Wünschen entgegenkam. So ging er ins Bad, zog sich aus, machte sich frisch und zog den Bademantel über. Der Bademantel passte ihm ganz gut, ein wenig zu eng, wenn er den Gürtel zumachte, fand er. Mit offenem Gürtel ging es, er zog sicherheitshalber seinen Slip wieder an. Nur nicht mit der Tür ins Haus fallen, dachte er dabei. Als er ins Wohnzimmer kam, hatte Frederike bereits den Wein eingeschenkt, auf einem Dessertteller hatte sie dünn geschnittene Schinkenscheiben und Käse drapiert. Mit einem Kopfnicken in Richtung Fernsehapparat, deutete sie die Frage an, ob Wolfgang Fernsehen wollte.

     „Nein, ich möchte, dass wir uns unterhalten, Freddy“, war seine Antwort, dazu verzog er sein Gesicht zu einem Grinsen.
     „Dann setz dich bitte hin und steh nicht so unschlüssig im Zimmer herum.“ Auch Frederike grinste.
     „Meine liebe Freddy, ich freue mich, bei dir zu sein“, Wolfgang erhob sein Glas, nachdem er sich zu Frederike auf die Couch gesetzt hatte. Sie stießen einmal kurz an und tranken vom Wein. „Der Wein ist dir nicht zu trocken?“, fragte Wolfgang und setzte sein Glas ab.
     „Ich bin zwar keine Weinkennerin, aber ich bevorzuge trockene Weine. Du darfst gerne vom Schinken und vom Käse nehmen. Ich habe noch mehr davon im Kühlschrank.“
     „Ich nehme gerne, du bist ein Schatz.“

     Wolfgang trank noch einmal an seinem Glas, rollte danach eine Scheibe Schinken zusammen und knabberte daran. „Wo hast du diesen Schinken her? Mein Schatz.“ „Das verrate ich dir nicht, Wölfi.“ Wolfgang grinste und aß den Rest der Schinkenscheibe. Vorsichtig rutschte er näher an sie heran und legte ihr eine Hand auf den Oberschenkel. Frederike ließ ihn gewähren, rutschte noch näher an Wolfgang heran und lehnte sich bei ihm an. Als er seine Hand näher zu ihrem Körper hin führte, war für ihn es unverkennbar, sie war unter dem leichten Mantel unbekleidet. Obwohl er verstand, dass sie sich ihm auf keinen Fall entziehen würde, ging er weiter vorsichtig vor. Schließlich wurde Frederike aktiv, streichelte zuerst seine Wangen, rutschte schließlich mit der Hand tiefer und schob die Hand zwischen den Revers des Bademantels hindurch auf seinen Brustkorb. Sie führte die Hand weiter nach unten, beim Bauchnabel hielt an und führte dort leicht streichelnde Bewegungen aus. Wolfgang reagierte leicht kitzlig, ließ sich aber bereitwillig auf die Berührungen ein. Schließlich öffnete Frederike den nur lose gebundenen Knoten des Bademantels und legte die Hand zwischen seine leicht gespreizten Beine. Sie kraulte durch den Stoff des Slips Wolfgangs Hoden, was bei ihm zu einem lustvollen Stöhnen führte. „Komm Wölfi, wir legen uns auf das Bett, das ist sicher bequemer für uns“, sagte Frederike schließlich. Ohne auf Wolfgangs Antwort zu warten, erhob sie sich und ging zum Schlafzimmer, Wolfgang folgte ihr umgehend. Sie schlug die Bettdecke zurück, wandte sich dann um und zog Wolfgang den Bademantel von den Schultern, er ließ sich danach rückwärts auf das Bett fallen. Sie legte sich mit geöffnetem Morgenmantel neben ihn, drehte sich auf die Seite und kraulte wieder seine Hoden. Wolfgang genoss die Berührungen leise stöhnend, hielt aber schließlich ihre Hand fest und gab ihr einen Kuss.

     „Mein Schatz, hast du Gleitgel im Haus?“
     „Was ist das, Wölfi?“
     „Gleitgel erleichtert alten Menschen, wie wir es sind, den Sex. Wenn ich es mir auf dem Penis verteile, schützt es mich davor beim Reiben wund zu werden. Sollte es dazu kommen, dass wir uns vereinigen, hilft es dir bei Scheidentrockenheit.“
     „Dann Süßer, werden wir einmal einkaufen müssen. Aber jetzt? Die Geschäfte haben geschlossen.“
     „Wenn ich nicht in dich eindringe, reicht Bodylotion.“
     „Hab ich, ich hole sie aus dem Bad!“

     Frederike kam unbekleidet aus dem Bad zurück, die Flasche mit der Lotion hielt sie wie eine Trophäe hoch. Darüber kam Wolfgang ins Grinsen, streckte die Hand aus und zog sie zu sich heran, als sie diese ergriff. „Zimperlich bist du nicht mehr“, flüsterte er, als sich ihre Gesichter nahe kamen. Frederike versetzte ihm einen leichten Knuff und legte sich so, dass sie Wolfgang auf den Brustkorb küssen konnte. Vorsichtig schob sie eine Hand unter seinen Slip und kraulte ihm die Schamhaare. Wolfgang schob den Slip schließlich nach unten, griff nach der Lotion und verteilte eine kleine Menge davon auf der Eichel. Frederike drückte sich einen kleinen Klecks Lotion auf die Hand und griff nach dem Penis, auf dem sie unter leichter Massage die Lotion verteilte. Wolfgang drückte die Hand auf ihre Vulva und stimulierte die Klitoris. Ein Zittern lief durch Frederikes, sie ließ sich zurücksinken und gab sich ganz ihren Gefühlen hin. Schließlich geriet sie richtig in Ekstase und als sie meinte es nicht mehr aushalten zu können, drehte sie sich so, dass wieder nach Wolfgangs Penis greifen konnte. Die leichte Massage ließ den Penis schnell erigieren und als sie mit der anderen Hand über die Schamhaare und den Hodensack strich, kam Wolfgang zum Höhepunkt. Er griff nach einem Papiertaschentuch und ejakulierte in das Tuch. Ermattet sanken beide zurück und sich bei den Händen haltend lagen sie fast bewegungslos auf dem Bett.

     „Wenn du meine Hand loslässt, hole ich uns Wein, meine Süße.“ Sagte Wolfgang nach einiger Zeit.
     „Einen kurzen Augenblick noch, Wölfi. Ich möchte den Traum weiterträumen.“
     „Wenn wir uns nicht verkrachen, werden wir noch oft träumen können.“
     „Wir haben uns nie gezankt, warum sollten wir das jetzt tun? Du bist ein Blödmann. Hast du wenigstens den Rasierapparat mitgebracht?“
     „Ja Süße, hätte ich sonst nicht bleiben dürfen?“
     „Ich sag’s doch – Blödmann! Du hättest auch ohne Rasierer bleiben dürfen, aber du bekämst am Morgen keinen Kuss von mir und du dürftest mich auch nicht küssen.“
     „Oh, jetzt ein Glas Wein?“
     „Ja!“

     Wolfgang stand auf und ging ins Wohnzimmer. Tiefe Zufriedenheit hatte sich in ihm ausgebreitet. Im Wohnzimmer stellte er sich kurz an das Fenster und schaute auf den Park, seine Gedanken in diesem Moment galten Elsa, er wusste seine Verliebtheit war das, was sie sich für ihn wünschen würde. Er riss sich von den Gedanken los, er empfand jetzt, in diesem besonderen Augenblick, wäre das Verrat an den beiden Frauen, die er liebte. So griff er nach der Weinflasche und den beiden leeren Gläsern und ging zurück ins Schlafzimmer. Frederike erwartete ihn mit einem freudigen Lächeln. Wolfgang setzte sich auf die Bettkante und schüttete den Wein in die, auf dem Nachtisch abgestellten Gläser. Er tauchte einen Zeigefinger in sein Glas, tupfte mit dem feuchten Finger auf eine von Frederikes Brustwarzen, beugte sich zu ihr hinunter und sog an der feuchten Brustwarze. Frederike reagierte kitzlig und nannte ihn einen Spinner. Wolfgang tat empört und sagte, sie täte ihm Unrecht, denn er täte es aus Liebe. Beide lachen, Frederike setzte sich auf und sie tranken ihren Wein.

     „Du machst eine gute Figur für einen Mann im achtzigsten Lebensjahr, Süßer.“
     Wolfgang lachte. „Das Kompliment gebe ich gerne zurück. Angezogen, wie auch nackt bist du eine absolut gut aussehende Frau.“
     „Ach komm, alles ist schlaff und wenn ich die Orangenhaut auf meinen Oberschenkeln betrachte, würde ich mich am liebsten sofort anziehen.“
     „Mein Schatz! Bitte tu das nicht. Dein Anblick erfreut meine Augen.“
     „Süßer, du bist blind vor Liebe.“

     Als Antwort kuschelte sich Wolfgang an Frederike an, entwand ihr das Weinglas und drückte sie wieder auf die Matratze. Er legte sich neben sie und Frederike legte ihren Kopf auf seine Brust. Liebevoll streichelte Wolfgang ihre Pobacken, Frederike hielt ganz still und stieß dabei schnurrende Geräusche aus. Nach einer halben Stunde fand sie, es sei genug gekuschelt, sie stand auf, ging ins Bad und zog ihren Morgenmantel wieder an. Wolfgang gab sich enttäuscht, schlüpfte aber auch wieder in den Bademantel. So intim wie sie jetzt miteinander waren, fand er ein Slip sei überflüssig. Im Wohnzimmer setzten sie sich nebeneinander auf die Couch, hielten sich bei den Händen und tranken den Rest des Weins. Später zeigte Frederike Wolfgang das Gästezimmer, sie waren aber beide der Meinung, sie könnten das Bett teilen, bis es einem von ihnen zu eng im Bett würde.

     Als Frederike in den frühen einmal Morgenstunden erwachte, lag sie allein im Bett. Vorsichtig tastete sie sich im Dunkeln zum Gästezimmer und legte sich zu Wolfgang. Der wurde davon wach, schloss sie in seine Arme und schlief bald darauf wieder ein.

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Autor

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Kapitel:6
Sätze:974
Wörter:11.751
Zeichen:69.815

Kurzbeschreibung

Sie waren einmal ein Liebespaar. Über fünfzig Jahre später treffen sie sich zufällig. Nach dem Austausch von Erinnerungen wagen sie den Versuch ihrer Liebe neues Leben einzuhauchen.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Liebe auch in den Genres Erotik und Nachdenkliches gelistet.

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