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Wir werden immer zusammen gehen

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18.9.2018 21:28
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

 

1959, Eutin

Schmetterlinge tanzten um die Rosen, die noch Ingrids Vater

vor Jahren gepflanzt hatte und die selbst den Krieg unbeschadet überstanden
hatten. Nicht, dass sie sich daran erinnern konnte. Es waren nur Geschichten,
die Furcht, in den Augen ihrer Mutter, die nie ganz verschwand und der Husten
ihres Vaters, wenn die Wunde in seiner Brust zu sehr geschmerzt hatte, die sie
mit dem Krieg verband. Doch war der Krieg vorbei und ihr Vater schon solange
unter der Erde, dass sie nur noch unscharfe Erinnerungen an ihn hatte.


 

Sie dachte auch nicht an ihren Vater oder den Krieg, sondern
betrachtete ihre Schwester, die mit einem breiten Lächeln  auf der Decke saß und Kränze aus Gänseblümchen
flocht. 


 

„Wofür sind die?“, fragte sie Maria.


 

Diese wandte sich zu ihr um und zuckte mit den schmalen Schultern.


 

„Ich weiß nicht“, meinte sie, „Vielleicht für dich, damit
deine Jacke schöner wird“


 

Es mochte warm sein, doch das hinderte Ingrid nicht daran,
eine alte, viel zu große Jacke ihres Vaters zu tragen, die große, praktische
Taschen besaß und sehr bequem war.


 

„Das kannst du machen“


 

„Ehrlich?“ Die Augen ihrer jüngeren Schwester weiteten sich
vor Überraschung.


 

„Ja, aber vorher möchte ich noch etwas mit dir bereden“


 

Maria rutschte zu ihr und strich die Falten in ihrem
hübschen geblümten Kleid glatt, dass sie zur Feier ihres Geburtstages auch
draußen tragen durfte.


 

„In Ordnung!“ Ihre Augen glänzten freudig.


 

Ingrid wollte eben zu sprechen beginnen, als sie Thomas
erblickte, der auf sie zukam.


 

„Eure Mutter hat den Kuchen angerichtet. Kommt rein.“ Seine
Worte waren ein Befehl, ohne Zweifel und Ingrid hasste es, wenn man ihr Befehle
gab, vor allem wenn sie von ihrem Stiefvater kamen.  


 

„Nein!“, schrie sie zornig zurück, „Man unterbricht ein
Gespräch nicht! Das ist unhöflich!“


 

„Wir werden jetzt den Kuchen anschneiden. Euer Gespräch
könnt ihr auch später fortführen!“, erklärte ihr Stiefvater streng.


 

„Es ist aber wichtig“, fauchte sie gereizt und fasste ihre
Schwester an der Hand.


 

Ungerührt kam Thomas näher auf sie zu, was Ingrids Zorn nur
noch mehr steigen ließ.


 

„Komm“, flüsterte sie und fing, ihre Schwester an der Hand,
zu rennen. Ingrid war die schnellste Läuferin ihrer Klasse, doch mit Maria an
der Hand war sie langsamer, nur immer noch zu schnell für ihren Stiefvater, der
als ordentlicher, verlässlicher Pfarrer nicht rannte.


 

Schon bald waren sie im angrenzenden Wald verschwunden und
ließen sich auf einer Lichtung nieder.


 

Obwohl Maria keuchte, war sie nicht zu sehr geschafft, als
dass sie einen missbilligenden Blick hätte aufsetzen können, den sie eindeutig
von ihrem Vater hatte. 


 

„Das war nicht sehr nett“, erklärte Maria und runzelte die
Stirn.


 

„Ich wollte Zeit mit dir verbringen, ohne, dass er zuguckt“,
verteidigte Ingrid, während sie sich zugleich fragte, warum sie sich ihrer
kleinen Schwester gegenüber rechtfertigte.


 

Dennoch zog sie zwei in Zeitungspapier eingewickelte
Geschenke aus ihrer Jackentasche und reichte sie ihre Schwester.


 

Sofort war jeder Ausdruck von Missbilligung aus deren
Gesicht verschwunden und mit einem breiten Lächeln nahm sie die Gaben entgegen.
Nichts besänftige Maria besser als Geschenke.


 

Sorgfältig riss sie das Papier des ersten Geschenkes auf und
legte es zur Seite, um mit strahlenden Augen das Buch zu betrachten, das ihre
Schwester ihr geschenkt hatte.


 

„F-Fünf F-Freunde auf g-großer F-Fahrt“, las sie stockend
vor.


 

„Danke!“, strahlte sie, „Jetzt haben wir ein neues Buch, das
du mir abends vorlesen kannst“


 

„Und bald wirst du es auch komplett alleine lesen können“,
versprach Ingrid ihr.


 

Sie deutete auf das zweite Geschenk, das ihre Schwester
ebenfalls auspackte. Es enthielt eine Puppe, die Ingrid mühsam in der Schule
gefertigt hatte. Die Lehrerin war erstaunt gewesen, wie ordentlich ihre
Schülerin die Stiche gesetzt gewesen, doch für ihre Schwester war ihr das
selbst die blutig gestochenen Hände wert gewesen.


 

Nach einer Weile wandten sich Marias Augen von dem Geschenk
zu ihrer Schwester und mit großen Augen stellte sie fest: „Aber du hasst doch
Puppen!“


 

„Ja“, bestätigte Ingrid, „Aber dich liebe ich mehr, als dass
ich Puppen hasse“


 

„Danke Ingrid!“ Für Ingrid gab es nichts Schöneres als jenes
Lächeln, das in diesem Moment das Gesicht ihrer Schwester einer Sonne gleich
erhellte und sie bis in die tiefsten und finstersten Ecken ihres Herzens
wärmte.


 

„Sieh mich an!“, forderte sie und gehorsam blickte ihre
Schwester sie an, „Das, was ich dir jetzt sage, darfst du nie vergessen, in
Ordnung?“


 

„Versprochen“, entgegnete Maria.


 

„Egal was geschieht, wir werden immer Schwestern bleiben und
wir werden immer zusammen gehen!“, erklärte Ingrid mit jener Ernsthaftigkeit
und Überzeugung, mit der sie alles tat, was ihr wichtig war.


 

„Natürlich“, erwiderte Maria und streckte ihre Hand
vertrauensvoll ihrer großen Schwester entgegen, was dieser ein Lächeln
entlockte.


 

Klein und verletzlich lag Marias Hand in ihrer eigenen und
ließ in Ingrid den inständigen Wunsch aufsteigen, die Jüngere gegen alle
Widrigkeiten des Lebens zu beschützen.


 

Doch plötzlich entwand Maria ihr ihre Hand und deutete mit
dieser auf einen Baum.


 

„Wir könnten eine Hütte bauen!“, rief sie aufgeregt, „Dort
könntest du dich zurückziehen, wenn du wieder mit Papa gestritten hast und wir
hätten ein Geheimversteck“


 

„Tatsächlich“, erwiderte Ingrid vorsichtig, „Das könnten wir
wohl“


 

„Bitte“, flehte Maria und zog eine Schnute


 

Ihre ältere Schwester bedachte sie mit einem liebevollen
Blick. Ohne Zweifel bedeutete es viel Arbeit, solch eine Hütte zu errichten,
aber unmöglich war es nicht.


 

„In Ordnung“, stimmte sie schließlich zu.


 

Maria jauchze auf und sprang in die Luft.


 

Dann – mit einem Mal – hielt sie inne und dieses Mal war sie
es, die ihrer Schwester die Hand reichte.


 

„Komm, der Kuchen wartet“


 

Betont langsam richtete Ingrid sich auf, um zu zeigen wie
wenig Lust sie auf ihren Stiefvater hatte, aber Maria beachtete das in ihrer
Freude nicht.


 

„Aber du darfst niemanden davon etwas sagen!“, prägte sie
ihrer Schwester ein, „Das bleibt unser Geheimnis“


 

„Natürlich!“, entgegnete Maria empört, „Ich bin ja nicht
blöd, dafür hast du mir zu oft die Fünf Freunde vorgelesen!“


 

„Gut“


 

Wir werden immer zusammen gehen, Ingrid flüsterte die
Worte vor sich hin, während sie sich Seite an Seite mit ihrer Schwester auf den
Heimweg machte. Nichts würde sie jemals von Maria trennen können, selbst ihr
Stiefvater nicht, dafür würde sie sorgen.


 

Wir werden immer zusammen gehen Noch nie hatte sie
ein Versprechen gegeben, was sie so ernst nahm wie dieses. Aber sie war zwölf,
hatte noch keine schlimmeren Enttäuschungen als eine schlechte Deutschnote und
die Schläge ihres Stiefvaters erlebt und alles schien möglich. Selbst dieses
Versprechen, in das sie all ihre Überzeugungskraft gelegt hatte.


 

Wir werden immer zusammen gehen.


 

Und sie war davon überzeugt, alles für ihre Schwester zu
geben.



 

 

Für die Ausrottungsstrategen
von Vietnam sollen Westdeutschland und Westberlin kein sicheres Hinterland mehr
sein. Sie müssen wissen, daß ihre Verbrechen am vietnamesischen Volk ihnen neue
erbitterte Feinde geschaffen haben, daß es für sie keinen Platz mehr geben wird
in der Welt, an dem sie vor den Angriffen revolutionärer Guerillaeinheiten
sicher sein können.

 

- aus der RAF-Erklärung vom
14.5.1972 -

 

11 Mai 1972, Eutin

 

„Hast du schon gehört?“

Die lauten Rufe veranlassten Maria, stehen zu bleiben. Hanna,
eine Klassenkameradin schlitterte um die Ecke und blieb keuchend vor ihr
stehen.

„Hast du es schon gehört?“, wiederholte sie.

„Was soll ich gehört haben?“, wiederholte Maria und runzelte
die Stirn. Eigentlich war Hanna eine gute und ruhige Schülerin, die zwar gerne
redete und argumentierte, dies jedoch sehr rational und gelassen tat. Wenn sie
etwas so aufregte, das sie freiwillig rannte, musste es bedeutend sein.

„Die Bomben! In Frankfurt!“

Ein Schauer lief über den Rücken der jungen Frau, der nicht
das Geringste mit dem Maiwind zu tun hatte, der jetzt am frühen Abend noch sehr
kühl sein konnte. Die dunkle Ahnung, das der Frieden, der durch Banküberfälle
und Schusswechsel in den Straßen Westdeutschlands schon Risse bekommen hatte,
nun endgültig zerbrochen war, machte sich in ihr breit.

Ihr Mund war staubtrocken und sie brauchte einen Moment, um die
Worte zu formen: „Was genau ist geschehen?“

Hanna zuckte mit den Schultern. „So genau weiß ich das auch
nicht. Es wurde erst eben im Radio durchgegeben. In Frankfurt am Main sollen
Bomben im Hauptquartier des V. US-Korps explodiert und große Zerstörung
angerichtet haben. Es gibt Tote und Verwundete“, sprudelte sie hervor.

Eine ältere Frau, die bei Hannas Worten neben ihnen stehen
geblieben war, schüttelte verständnislos den Kopf. „Das ist grausam!“, murmelte
sie, „Man sollte meinen, wir befinden uns wieder im Krieg. Die armen Menschen.“

„Aber es waren Soldaten, die unschuldige Zivilisten in
Vietnam töten“, wandte ihre Schulfreundin ein, nachdem die Frau weitergegangen
war.

„In erster Linie waren es Menschen“, widersprach Maria.

„Menschen, die solche Grausamkeiten wie in Vietnam begehen
können, haben ihre Menschlichkeit verloren.“

„Und woher willst du wissen, dass die in Frankfurt
verletzten, solche schrecklichen Taten – wie es ohne Zweifel sind – begangen
haben? Nein, wir haben kein Recht, über sie zu richten.

„Und Gott hat das?“, Hanna schnaubte, „Dann kannst du lange
auf Gerechtigkeit warten.“

„Egal von welcher Seite es kommt, Gewalt zur Durchsetzung
von Zielen ist schrecklich und unhaltbar.“

„In Artikel 20, 4 Absatz des Grundgesetzes steht: Gegen
jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutsche das
Recht auf Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“, zitierte Hanna,
deren älterer Bruder Rechtsanwalt war.

„Aber so ist es doch nicht! Andere Abhilfe ist möglich. Wir
haben politische Rechte. Wir dürfen auf die Straße gehen und protestieren, aber
friedlich.“, protestierte Maria.

„Dennoch wurde Ohnesorg bei der Ausübung seiner politischen
Rechte erschossen und der Kurras wurde für Mord freigesprochen, während Fritz
Teufel wegen dem Werfen eines Steins für Monate in Untersuchungshaft saß. Sieht
so ein gerechter Staat aus?“

„Natürlich läuft bei uns nicht alles richtig“, räumte Maria
ein, „Und auch ich finde die ganzen alten Nazis in der Regierung und Justiz
schrecklich. Doch deshalb gleich Bomben legen? Nein, das finde ich falsch.“

Hanna zuckte mit den Schultern.

„Du hast deine Meinung und ich die meine.“

„In Ordnung“, antwortete Maria zögernd und wusste nicht, was
sie mit diesem Gespräch anfangen sollte. Ihre Freundin argumentierte noch immer
rational, doch der Zorn in ihrer Stimme war Maria unbekannt.

„Ich muss los“, erklärte sie schließlich nach einem Moment
der Stille.

Hanna nickte nur und wandte sich ebenfalls ab.

 

„Ich bin Zuhause, Mama“, rief Maria in die Küche hinein, wo
ihre Mutter mit einer Freundin vor dem Radio stand.

Auch hier wurde soeben die Nachricht von dem Anschlag auf
die Amerikaner durchgegeben.

„Schrecklich so etwas!“, erklärte die Freundin und drehte
das Radio aus, „Lass uns lieber von etwas Erfreulicherem reden. Wie geht es
denn Ingrid?“

„Ingrid geht es gut“, erklärte Marias Mutter und seufzte,
„Leider hat sie mit dem Studium so viel zu tun, dass sie es nicht schafft, uns
zu besuchen, aber sie schickt regelmäßig Briefe.“

„Dass ihr sie nach Westberlin habt gehen lassen! Ich hätte
das meiner Berta nicht erlaubt. Man hört ja so schreckliche Sachen über die
Unruhen dieser jungen Leute.“ Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Ich
verstehe einfach nicht, was die antreibt. Uns geht es doch gut!“

Ohne sich am Gespräch zu beteiligen, stieg Maria die Treppe
in das obere Stockwerk hoch. Natürlich konnte sie es sich nicht nehmen lassen,
darüber nachzudenken, wie ihre ältere Halbschwester auf dieses Gespräch
reagiert hätte. Wahrscheinlich hätte sie über die Ignoranz der Nachbarin
geschimpft und mit ihr eine Diskussion über die Wichtigkeit von politischer
Meinungsbildung angefangen. Nein. Maria hielt inne. Früher mochte sie dies
getan haben, doch jetzt würde Ingrid die harmlose Nachbarin als Schwein
bezeichnen und sich einer Diskussion mit ihr verweigern, weil Worte ihrer
Meinung nach verschwendet waren.

 

Für einen Moment zögerte sie, doch dann schob sie die Tür zum
Zimmer ihrer Schwester auf. Dünner Staub hatte sich auf den Möbelstücken
abgesetzt, doch es war alles so geblieben, als wäre Ingrid nur kurz zur Tür
raus, um sich Zigaretten zu kaufen und könnte jeden Moment wieder eintreten.
Doch war das nur ein Traum, der nicht weiter von der Realität entfernt sein
konnte. Ihre Mutter mochte glauben, dass ihre Tochter nur aufgrund des Studiums
nicht mehr an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrte, doch Maria kannte die
Wahrheit und verstand sie doch nicht. Noch nie hatte sie sich ihrer Schwester
entfernter gefühlt als in diesem Moment, wo sie für einen winzigen Augenblick in
ein Leben blickte, das Ingrid um jeden Preis hinter sich lassen wollte. 

Nachdenklich ließ sie sich auf das Bett sinken, in das sie
sich nachts allzu oft neben ihre Schwester verkrochen hatte, wenn Albträume ihr
den Schlaf unmöglich machten. 

Auf dem Nachttisch lag ein Anstecker mit der Aufschrift
„enteignet Springer“, den ihre Schwester bei einem Besuch vor zwei Jahren
mitgebracht hatte. Zeitungsartikel über die Studentenbewegung und die APO waren
an die Wände geklebt, über dem Bett hing ein Interview mit Rudi Dutschke.

In den Bücherregalen, die fast eine Hälfte der Wände
einnahmen, fanden sich neben geschichtlichen Sachbüchern und klassischen Werken
wie Schiller, Tolstoi, Gedichte von Körner und Arndt, auch Bücher, die Ingrid
nie offen hatte liegen lassen, weil ihr Stiefvater diese nicht gerne sah. Maria
jedoch wusste genau, wo sie diese Bücher fand und zielstrebig griff sie hinter
das Bücherregal, um kurz danach eine Ausgabe von Karl Marx’ Kapital in den
Händen zu halten. Die zerknitterten Seiten und vielen Anmerkungen zeugten
davon, dass Ingrid dieses Buch oft gelesen hatte. Auch Maria schlug es jetzt
auf und blickte auf die klein gedruckten Zeilen. Nicht etwa, weil sie Marx
mochte und gerne las, sondern weil sie hoffte hinter den Zeilen eine Spur jener
jungen Frau zu finden, die 1968 nach Westberlin gegangen war und ihre Schwester
hier in dieser Kleinstadt zurück gelassen hatte. Sie versuchte nachzuvollziehen,
was Ingrid an diesem Werk so begeistert hatte, doch letztendlich stellte sie
das Kapital doch wieder an seinen Platz zurück. Sorgfältig verstaute sie es
hinter dem Regal, doch auch wenn ihr Vater ihr und seiner Stieftochter viele
Freiheiten gelassen hatte, so hielt er dennoch nichts von Marx und dem
verfluchten Kommunismus, der ihn durch die Mauer von seinen Verwandten trennte.

Als ihre Schwester gegangen war, hatte Maria sich gewundert,
dass diese den Großteil ihrer Bücher hier gelassen hatte, obwohl sie so selten
her kam. Mittlerweile verstand sie, dass Ingrid gehofft hatte, dass auch ihre
jüngere Schwester die Bücher und Zeitungsartikel lesen und ihr dann nach
Westberlin nachfolgen würde.  

Ein letztes Mal blickte Maria sich in dem Zimmer ihrer
Schwester um, dann schloss sie die Tür sanft und vorsichtig.

Eine Tür weiter befand sich ihr eigenes Zimmer, doch in
diesem sah sie sich nicht sorgfältig um. Stattdessen ließ sie sich auf ihren
Schreibtischstuhl sinken, trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und
biss sich auf die Unterlippe. Immer wieder wanderte ihr Blick zu dem dicken
Teppich, der vor ihrem Bett lag. Dort, unter einem losen Dielenbrett bewahrte
sie die Briefe ihrer Schwester auf. Sie sah ihn vor sich. Das Papier, um das
ein blaues Band geknotet war, das sie noch nicht gelöst hatte und von dem sie
sich eigentlich geschworen hatte, ihn zu vernichten. Seit einem Jahr schickte
ihre Schwester diese Briefe nicht mehr mit der Post, stattdessen fanden
sie sich in unregelmäßigen Abständen in der Hütte im Wald, die sie in ihrer
Kindheit gemeinsam gebaut hatten. Maria fragte nicht, wer sie dort ablieferte,
sie wollte es auch nicht wissen. Nur, dass sie ihren Eltern nichts davon sagen
durfte, das verstand sie. Es würde ihnen das Herz brechen, wenn sie erfuhren,
dass die Briefe, die regelmäßig im Briefkasten lagen, von Ingrid vor langer
Zeit geschrieben waren und von einer Freundin abgeschickt wurden.

Der Druck auf ihre Unterlippe verstärkte sich und Maria
spürte einen einzelnen Bluttropfen, der über ihr Kinn floss und schließlich,
mit unendlicher Trägheit, auf das Blatt vor ihr tropfte. Ein Ruck zog sich
durch ihre erstarrte Haltung und sie stand auf. Doch statt nach dem Teppich
griff sie zu dem Ordner, den sie zwischen Büchern versteckt hatte.

Mit den Fingerspitzen, als ob sie sich vor dem Inhalt ekele,
schlug sie ihn auf. Auch hier fanden sich Zeitungsartikel. Zeitungsartikel, die
sie von der Straße, aus Mülleimern und Parks geklaubt hatte, weil sie nicht
wollte, dass ihre Eltern davon erfuhren. Es waren Artikel über Banküberfälle,
Verhaftungen und Schießereien in Bezug zu der Baader-Meinhof-Bande, die sich
neuerdings Rote Armee Fraktion nannte. Maria las jeden einzelnen von ihnen
durch und prägte sich noch einmal den genauen Wortlaut ein, obwohl sie die
meisten Artikel schon auswendig kannte. Zum Schluss legte sie Heinrich Bölls Will
Ulrike Gnade oder freies Geleit
beiseite und schloss den Ordner wieder.

Sorgfältig verstaute sie den Ordner in ihrem Bücherregal
zwischen einem Atlas und einem Schulbuch. Für einen Moment hielt sie inne, als
sie daran dachte, dass Ingrid sie nun für ihre Ordentlichkeit verspotten würde.
Ihre ältere Schwester hatte stets nur die Sachen sorgfältig verstaut, von denen
sie nicht wollte, dass ihr Stiefvater sie sah. Es waren Ingrids Impulsivität
und die Leidenschaft, mit denen sie Menschen überzeugte, nicht ihre
Ordentlichkeit. Die Rationalität, Ordnung und den Pragmatismus, mit denen ihre
jüngere Schwester auf Probleme zuging, hatte sie belächelt. Vielleicht waren Maria
diese Eigenschaften so wichtig, weil Ingrid so viel Unsicherheit in ihr Leben
gebracht hatte. In ihrer Kindheit hatte sie nur die Abenteuer gesehen, doch nun
erkannte Maria zunehmend die Problematik, die Ingrids Impulsivität auf ihre
Entscheidungen auswirkte – wie eben jener Entschluss nach Westberlin zu gehen
oder sich der RAF anzuschließen.

Mit einem Seufzer strich Maria über die Buchrücken, die ihr
als Kind immer ein Gefühl der Sicherheit vermittelt hatten und griff mit einer
zielgerichteten Bewegung nach jenem Buch, das ihre Schwester ihr zu ihrem
sechsten Geburtstag geschenkt hatte: Fünf Freunde auf großer Fahrt. Sie
schlug das Buch auf und überflog die ersten Seiten. Doch der Zauber jener
Kindheit, als sie noch selbst mit ihrer Schwester ein Floß gebaut hatte, um in
dem kleinen See in der Nachtbarschaft nach dem versenkten Boot  zu suchen, war erloschen. Sie schob das Buch
zurück ins Regal.

Nur wenig später saß sie auf den Dielen und griff nach dem
letzten Brief ihrer Schwester. Für einen Moment wog sie das helle Papier, das
schon von den ersten Flecken gekennzeichnet war, in der Hand. Doch bevor sie es
las, schloss sie das Versteck wieder, damit es beim Reinkommen nichts sofort
ersichtlich war. Dann ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken und
vertiefte sich in die Buchstaben, geschrieben von jener jungen Frau, die ihr
zunehmend zu einer Fremden geworden war und die sie dennoch ihre Schwester
nannte.

 

Maria,

 

Das war ein schlechtes Zeichen, denn verwendete ihre
Schwester gewöhnlich Kosenamen.

Der Kampf gegen den Imperialismus wird beginnen und er
wird hart beginnen. Weder darf unser Land den Amerikanern als Rückzugsort
dienen, während sie Kinder in Vietnam ermorden, noch werden wir den Faschismus
ertragen, den unser Land offenbart hat, als es auf Demonstranten einschlug, die
für Freiheit und Gerechtigkeit aufstanden. Wir werden den Unterdrückten  Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bringen.
Jene Ideale, die schon die französische Revolution uns lehrt, auch wenn sie
schließlich diese Ideale vergaß und ihre eigenen Kinder ermordete.

Wie viele waren damals unter der Guillotine gestorben? Maria
hatte die Zahl vergessen, doch es waren viele gewesen, die meisten von ihnen
unschuldig. Welches Recht hatte Ingrid, sich zur Richterin aufzuschwingen und
das Opfer Unschuldiger willig in Kauf zu nehmen? Natürlich waren viele alte
Nazis in Machtpositionen und der Vietnam-Krieg war grausam, doch gab dies der
RAF nicht die Berechtigung, auf Menschen zu schießen und Helden zu spielen.

Nun werden wir nicht länger zulassen, dass die Polizei
die Unseren ohne jegliche Warnung liquidiert und zurückschlagen. Wir werden den
Krieg zurücktragen zu jenen, die ihn begangen. Deshalb sage ich: Krieg den
Palästen, Friede den Hütten. Wir haben nicht die Kapazitäten der BRD, doch der
schrittweise Aufbau der Guerilla ist nicht aufzuhalten, denn kommen wir im
Gegensatz zu den Bonzen aus dem Volk und kämpfen für das Volk.

Welches Volk? Die Nachbarin, die sich über die Grausamkeit
von Ingrids Taten aufregte? Ihre Mutter, die Frieden und eine glückliche
Familie wollte? Die Menschen auf den Straßen, die Arbeiter, die nach der Arbeit
einfach nur ein Bier trinken und nicht über Revolution reden wollten?  Was war mir ihr selbst? War nicht auch Maria
ein Teil jenes Volkes, für das Ingrid zu kämpfen versprach? Doch das Einzige,
was sie wollte, war eine Schwester, die mit ihr über Schiller diskutierte
und abends Gitarrenklänge das Haus füllen ließ.

Das Volk hat es satt, den endlosen Kapitalismus zu
erleben und den Tod, den dieser den Ländern der dritten Welt bringt und die
Bilder von Vietnam auf ihren Fernsehern zu erblicken, den Schrecken erschaffen
von amerikanischen Bomben. Sie werden verstehen, dass wir ihre ureigenen
Interessen vertreten, um den realen Sozialismus ins Leben zu rufen und ihnen
eine menschenwürdige Existenz ermöglichen – im Gegensatz zu dem Staat, der doch
von den Industriellen gelenkt und beherrscht wird, so dass er nur die
Interessen der Kapitalisten, aber nicht die der Arbeiter, vertritt.

Sicherlich verstanden die Arbeiter Mord! Zulauf fand die RAF
doch bei den Studenten, die aus der Mittelschicht, nicht den Arbeitern
entstammten.

Wir- die Stadtguerilla – werden das ermöglichen und wir
werden die Amerikaner vertreiben, auch wenn dies eine Zeit dauern mag. Selbst Davout,
den man den Eisernen nannte, folgte schließlich seinem Herrn.

Jetzt verstand Maria, wo sich Ingrid aufhielt. Davout war
ein Marschall Napoleons in den Befreiungskriegen gewesen und hatte sicherlich
nicht zu Unrecht den Beinamen der eiserne Marschall erhalten. Obwohl er von
feindlichen Truppen eingeschlossen gewesen war, hatte er es noch vermocht,
seine Stadt bis in den Mai 1814 zu halten. Es war die letzte Bastion der
Franzosen auf deutschen Boden gewesen. Dabei war er mit solcher Grausamkeit vorgegangen,
dass man ihn den „Robespierre von Hamburg“ nannte. Ihre Schwester war in Hamburg,
davon war Maria überzeugt. Nur, ob Maria Davout absichtlich erwähnt hatte oder
nicht, das wusste sie nicht.

Dich, Schwester, bitte ich nur, dich an mich zu erinnern und
an jene Ideale, die ich verteidige. Für mich ist nun die Zeit gekommen, den
Protest zu vergessen und mich dem Widerstand zuzuwenden, damit die Menschen
aufwachen, erkennen, wen sie unterstützen und unserer Sache folgen.

Für einen Moment fragte Maria sich, wer die junge Frau war,
die hinter diesen Worten stand. War es überhaupt noch Ingrid oder nur noch
Ulrike Meinhof, deren abgewandelten Worte dies waren? Wer war diese Frau nur,
die ihr so fremd vorkam?

Deshalb wird dies der letzte Brief sein, den ich dir
schreibe, denn es gilt, ganz für den bewaffneten Widerstand zu leben. Meine
Vergangenheit hält mich auf, erinnert mich an mein altes Leben als bürgerliche
Sau und darf deshalb nicht länger existieren. Es ist ein Schnitt, den ich
ziehen muss, um für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen zu können. Ein Schnitt,
von dem ich sicher bin, dass du ihn verstehen wirst.

Wie konnte ihre Schwester sich nur sicher sein, sie zu
kennen? Seit zwei Jahren hatten sie sich nicht mehr gesehen und Ingrid hatte
keine Ahnung von ihrem Leben, das sie doch sowieso als bürgerlich ablehnen
würde.

Lebe wohl!

 

Ingrid

 

Maria blickte auf die feine schwungvolle Handschrift ihrer
Schwester, strich über die Unterschrift, stellte sich ihre Schwester vor, die
irgendwo in Hamburg war. Ob sie ihr dunkelblondes Haar immer noch lang trug
oder es gefärbt und abgeschnitten hatte, um weniger aufzufallen? Wusste die
Polizei überhaupt, dass Ingrid ein Mitglied der roten Armee Fraktion geworden
war? Für einen Moment fragte sie sich, was geschehen würde, wenn Ingrid auf
einen Polizisten treffen würde. Und die Gefahr, in der ihre Schwester schwebte,
kam in ihrer vollen Härte über sie. Erneut griff sie nach dem Ordner zwischen
ihren Büchern und suchte mit bebenden Fingern nach einem Spiegelartikel mit dem
Titel „Kennwort Kora“. Er berichtete über den Tod von Petra Schelm, einem
zwanzigjährigen RAF-Mitglied, das bei einem Schusswechsel mit der Polizei
getötet worden war. Zwanzig Jahre. Sollte dies auch das Schicksal ihrer
Schwester sein? Auf der Straße zu verbluten, die sie zu ihrem Kampfort für die
Freiheit auserkoren hatte? 

Ihr wurde übel. Warum nur, Ingrid? Warum nur? Wir werden
immer zusammen gehen. Waren das denn alles Lügen gewesen? Hastig schlug sie den
Ordner zu und verbarg ihn wieder.

Lieber öffnete sie eine Schreibtischschublade und griff nach
einem Foto, das sie und Ingrid am See zeigte.
Ein breites Lächeln erhellte das Gesicht ihrer Schwester, erfreut über
das Eis, das sie in der Hand hielt. Was ihre Schwester wohl jetzt zum Lächeln
brachte? Ob sie das überhaupt noch tat? Lieber strich sie über das Muttermal
auf ihrer Wange, das wie ein Mond aussah und fuhren um die blaugrauen Augen,
die auf dem Foto seltsam unwirklich und farblos erschienen.

Plötzlich klopfte es an der Tür und Maria zuckte zusammen.
Schnell schob sie den Brief in das nächst beste Buch: eine Biografie Martin
Luthers. Ihre Mutter schob sich durch die Tür und schenkte ihr ein freundliches
Lächeln, das jedoch nur ihren Mund und nicht ihre Augen erreichte. Maria dachte
daran, wie ihre Mutter am Anfang auf Nachfragen nach dem Verbleib ihrer
ältesten Tochter stolz erklärt hatte: „Die Ingrid? Die studiert jetzt in
Westberlin, um Journalistin zu werden“  Sie konnte nicht anders, als sich die Tränen
vorzustellen, wenn ihre Mutter erfahren würde, wo ihre älteste Tochter
tatsächlich war. Nein. Sie schob den Gedanken beiseite. Nicht jetzt.

„Du hast Besuch“, erklärte die Frau, die ihr unter Schmerzen
das Leben geschenkt hatte.

„Richtig“, erwiderte ihre Tochter, überrascht wie schnell die
Zeit vergangen war, „Frank wollte vorbei kommen“

Ihre Mutter nickte und ließ die Tür offen stehen, durch die
wenig später Frank eintrat.

„Hallo“, begrüßte er sie.

Ein wenig verloren blieb er im Raum stehen, denn es war das
erste Mal, das er hier war.

Ein Lächeln zog sich über Marias Gesicht. Frank war genau
die Ablenkung, sie sie jetzt benötigte. Es war viel einfacher, an ihre gemeinsame
Zukunft zu denken als an all das Blut und die Unsicherheit, die ihre Schwester
in ihr Leben brachte.

Frank war ihr Anker, der sie hielt und Sicherheit versprach.

Doch ihre Vergangenheit war unerbittlich und zerstörte
selbst diesen kostbaren Moment, als Frank das Foto auf ihrem Schreibtisch
entdeckte.

„Wer ist das?“, fragte er, „Eine Freundin?“

Er nahm das Foto in die Hand und bemerkte mit einem Lächeln:
„Du siehst glücklich aus!“

Glücklich! Damals war sie glücklich gewesen. Glücklich und
unwissend von der Grausamkeit der Welt, die ihr ihre einzige Schwester stahl.

„Nicht hier“, wisperte sie und warf einen Blick zur Tür.

„Okay.“ Überrascht sah ihr Freund sie an, doch entgegnete
nichts, wofür sie dankbar war.

„Lass uns spazieren gehen“, bat sie und nahm seine Hand.

 

„Was ist los?“, fragte er, während sie am Geburtshaus von
Carl Maria von Weber vorbei schlenderten, einem hübschen Fachwerkhaus.

Schweigen, derweil sie versuchte die richtigen Worte zu
finden.

„Wer war das Mädchen neben dir?“, forschte er nach.

„Meine Schwester“, erklärte sie nach einer Weile.

Abrupt blieb Frank stehen.

„Deine Schwester? Warum hast du mir nie gesagt, dass du eine
Schwester hast?“

Erneut blieb nur Stille. Wie sollte man auch sagen, dass die
Schwester eine Terroristin war? Gab es dafür überhaupt die richtigen Worte?

Frank beugte sich über sie und nahm ihr Gesicht in seine
Hände. Eine ältere Frau, die vor einem Schaufenster stand, murmelte etwas über
den Sittenverfall der Jugend, doch Frank, der sonst begonnen hätte, über
Selbstberechtigung zu diskutieren, schwieg.

Er senkte die Stimme. „Ist sie tot?“

„Nein.“ Maria löste seine Hände und schüttelte wild den
Kopf.

„Was erlauben Sie sich eigentlich?“, empörte sich die Frau,
die sich nun vor ihnen aufgebaut hatte, „In aller Öffentlichkeit! Schließlich
sind wir hier nicht in Westberlin oder in den USA und leben noch so etwas wie
Anstand! Aber das ist Ihnen vermutlich kein Begriff“

Frank wandte sich zu der Frau um, sein Gesicht vor Zorn
gerötet.

„Frank!“, zischte Maria. „Lass uns gehen“

Sie konnte ihn verstehen, doch besaß sie nicht die Energie,
sich auf eine Diskussion mit einer verbohrten Schachtel einzulassen, die sie
sowieso nicht würden überzeugen können.

Nachdem er einen kurzen Blick auf sie geworfen hatte, wandte
er sich ab, auch wenn es ihm nicht leicht zu fallen schien.

„Entschuldigen Sie uns“, erklärte er mit einem zynischen Lächeln,
„Sie wissen doch, die Ungeduld der Jugend“

Er nahm ihre Hand und sie ließen eine verdatterte Frau
zurück, was Maria für einen Moment ein Lächeln zurück auf die Lippen zauberte,
bis sie Franks fragenden Blick bemerkte.

Doch für den Moment konnte sie ihm keine Antworten geben.

Sie kamen an der Polizeiwache vorbei und für einen Moment
stellte Maria sich vor, dort hineinzugehen und von Ingrid zu erzählen. Doch was
hätte sie sagen sollen?

Guten Tag, ich glaube, dass meine Schwester Mitglied
einer terroristischen Vereinigung ist, die sich als Rote Armee Fraktion
bezeichnet und sich momentan in Hamburg aufhält?
Nein. Das war Unsinn. Sie
würden sie auslachen. Ging man bei Terroristen überhaupt noch zur Polizei oder
rief man gleich das Bundeskriminalamt an? Wenn sie ehrlich war, wollte sie es
gar nicht wissen. Es war einfacher Probleme zu ignorieren, als sich mit ihnen
zu beschäftigen.

Nur Frank schien etwas zu bemerken, denn verstärkte sich
sein Druck auf ihre Hand, während die Polizeiwache hinter ihnen verschwand.

Doch erst als sie am Eutiner Schloss vorbei spaziert waren
und den See erreichten, war sie bereit zu antworten. Hier, wo allein die
zwitschernden Vögel sie störten, fühlte Maria sich unbeobachtet genug, um ihren
Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Ungeachtet der Tatsache, dass sie ihren Rock beschmutzte,
hockte sie sich in das trockene Gras  und
blickte auf das glatte Wasser hinaus. Sie spürte Franks warme und kraftvolle
Hand auf ihrem Rücken, die ihr jene Kraft gab, die sie benötigte, um sich der
Vergangenheit zu stellen, die zugleich ihre Zukunft und Gegenwart war. Nicht
weniger als ihre Schwester und doch so viel mehr.

„Meine Schwester“, begann sie zögernd, „Ich spreche nicht
oft von ihr, weil jegliche Klarheit und Gewissheit in den Gedanken an sie
verloren geht. Ich versuche immer sie zu trennen in die Person meiner Kindheit
und die der Gegenwart und dann stelle ich fest, dass dies nicht möglich ist und
verzweifle daran“

„Wie ist ihr Name?“, fragte Frank sanft.

„Ingrid“, erklärte sie. Es war soviel einfacher über Fakten
zu sprechen, als über die widersprüchlichen Gefühle, die sie mit ihrer
Schwester verband.

„Sie ist eigentlich nur meine Halbschwester. Ihr Vater starb
1950 an den Folgen einer Kriegsverletzung. Er war als Seelsorger an der Front
und wurde dort verwundet.  Unsere Mutter
heiratete erneut und das war dann mein Vater. Sie hat in Kiel angefangen zu
studieren und ihr Studium ´68 in Westberlin fortgeführt“

„Was hat sie studiert?“

„Journalistik. Sie hatte schon immer die Welt verändern
wollen.“ Wie zynisch die letzten Worte klangen. Doch damals hatte Ingrid nur
zur Feder gegriffen und wütende Forderungen in den Studentenzeitungen gestellt.
Jetzt hielt sie eine Waffe in der Hand und wollte die Welt gewaltsam nach ihrem
Bild umgestalten.

„Meine Schwester“ Sie sah ihm tief in die Augen und holte
Luft. „Sie hat sich der RAF angeschlossen“

Einen Moment blickte er sie verständnislos an, was wohl
daran liegen konnte, das man in den Medien kaum die Bezeichnung RAF benutzte.

„Die Baader-Meinhof-Bande?“, fragte er schließlich.

Maria nickte. „Ja. Meine Eltern wissen nichts davon und auch
ich habe keine Beweise. Es sind nur ihre Briefe, die mir verraten, dass sie ein
Teil dieser Bewegung geworden ist.“

Für einen Moment schwieg Frank, verloren in seinen eigenen
Gedanken. Nur seine Hand auf ihrem Rücken verblieb und gab ihr das Gefühl einer
Verbundenheit. Sie fragte sich, was ihm jetzt wohl durch den Kopf gehen mochte.
Auch Frank verfolgte die Studentenbewegung aufmerksam und hieß die Befreiung von
alten Zwängen gut, doch war er streng pazifistisch und christlich gesinnt. Es
war der Ostermarsch in Lübeck letztes Jahr gewesen, wo sie sich das erste Mal
begegnet waren. Schon oft hatte er gegen Militarismus, gegen Vietnam, gewaltsame
Demonstrationen und Unterdrückung gewettert.

„Erzähl mir von ihr“, bat er schließlich.

„Das habe ich doch gerade!“, erwiderte sie verwirrt.

„Ja, doch du hast mir das Offensichtliche erzählt, das mir
auch jeder andere hätte erzählen können. Doch du bist ihre Schwester, nicht
irgendwer und auf dem Foto schient ihr euch sehr nahe zu stehen. Du kennst sie
und ich bitte dich, mir von ihr zu erzählen, damit ich sie verstehen kann“

„Sie verstehen“, flüsterte Maria und lächelte zaghaft, „Das
hört sich gut an.“

Wo sollte sie anfangen?

„Ich werde dir von ´68 erzählen, wo meine Schwester begann,
mir eine Fremde zu werden“, entschloss sie sich. Es war leichter über Marx zu
reden als über die Fünf Freunde und einfacher die Begeisterung ihrer
Schwester über Meinhof zu erklären, als die Spiele und Abenteuer zu erwähnen,
die sie im Wald erlebt hatten und die Sketche zu spielen, die sie zusammen
geschrieben hatten. Es ließ sie entfernter und unnahbarer wirken, zeigte nicht
die Heldin ihrer Kindheit.

Frank nickte ihr zu und so begann sie zu erzählen, während
die Sonne hinter ihnen langsam unterging und erneut die Vergänglichkeit des
Lebens offenbar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


    

Ein brennendes Kaufhaus mit
brennenden Menschen vermittelte zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt
jenes knisternde Vietnamgefühl (dabei zu sein und mitzubrennen), das wir in
Berlin bislang noch missen müssen. […] So sehr wir den Schmerz der Hinterbliebenen
in Brüssel mitempfinden: wir, die wir dem Neuen aufgeschlossen sind, können,
solange das rechte Maß nicht überschritten wird, dem Kühnen und
Unkonventionellen, das, bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler
Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen. […]

 

Flugblatt Nr. 7 Kommune I
(24.5.1967)

 

 Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit,
wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht,
wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht
überrascht. Genauso wenig wie beim Überschreiten der Demarkationslinie durch
die Amis, der Bombardierung des Stadtzentrums von Hanoi, dem Einmarsch der Marines nach China. Brüssel hat uns
die einzige Antwort darauf gegeben: Burn, warehouse, burn!

 

Flugblatt
Nr. 8 Kommune I (24.5.1967)

 

29. 10. 1968, Eutin

 

„Danke,  Schwesterherz!“ Kaum, dass die Tür ins Schloss
gefallen war, ließ sich Ingrid auf den altmodischen Esszimmerstuhl aus
Eichenholz sinken, der so laut knarrte, dass er die folgenden Worte ihrer
Schwester übertönte.  

Maria schüttelte mit einem Lächeln den Kopf. Was ihre
Innenausstattung betraf, war ihre Mutter furchtbar altmodisch. Mit Erfolg hatte
sie bisher die neuen, modernen Plastikmöbel aus ihrem Esszimmer ferngehalten.

„Was hast du gesagt?“, hakte sie also nach.

„Dass ich es nicht ausgehalten hätte. Ein Spaziergang! Also
wirklich. Es reicht, das ich mit der alten Dame an Weihnachten einen ganzen Tag
verbringen muss. Deine Ausrede war wirklich wunderbar“, erklärte ihre
Schwester.

„Aber es war doch keine Ausrede!“ Maria ließ ihr
Mathematikbuch zuklappen und griff in ihre Schultasche.

„Ich brauche wirklich Hilfe und als Dank für den ersparten
Spaziergang darfst du mir ruhig helfen.“

Bei ihrem Stiefvater und vermutlich auch ihrer Mutter hätte
Ingrid widersprochen, doch nun beließ sie es bei einem Augenverdrehen.

Maria schlug Ordner und Schulbuch auf, bevor sie auf eine
Seite deutete.

„Hier. Erläutern Sie die Errungenschaften der französischen
Revolution, auf die der Abgeordnete eingeht in ihrem unmittelbaren historischen
Kontext und erklären Sie, in wieweit seine Befürchtungen sich im weiteren
Verlauf verwirklichen“

Wenn zuvor noch ein letzter Rest von Lustlosigkeit auf dem
Gesicht ihrer Schwester zu erkennen gewesen war, so verschwand dieser jetzt
endgültig, denn teilten sie beide die gemeinsame Geschichtsleidenschaft.

Sie zog ihren Stuhl näher heran und beugte sich über das
Buch.

„Die erste Aufgabe habe ich schon fertig, doch gibt es
einige unklare Stellen für die zweite.“

„Juli 1791. Das war nach dem Fluchtversuch Ludwig XVI und
vor der Verabschiedung der Septemberverfassung durch die verfassungsgebende
Nationalversammlung“, stellte Ingrid fest, bevor sie sich in der Rede vertiefte
„Er scheint Royalist zu sein. Als eine Befürchtung kannst du die Abschaffung
der Monarchie aufschreiben. Das war am einundzw…“

„…anzigsten September 1792“, vollendete Maria, während sie
das Datum zu ihren Notizen schrieb.

„Richtig. Die Hinrichtung des Königs kannst du auch noch
erwähnen.“

„Gut.“ Sie nickte und ein Schauer fuhr ihr über den Rücken.
„Und es stimmt, dass es durch die Hinrichtung des Königs zu weiteren
Ermordungen und Aufständen kam.“ Für einen Moment hielt sie inne. „Die
Jakobinerherrschaft muss schrecklich gewesen sein.“

„Aber notwendig“, hielt Ingrid mit einer Gleichgültigkeit
dagegen, die Maria erschreckte.

„Notwendig? Du nennst Ermordungen von Unschuldigen
notwendig?“ Entsetzt starrte sie ihre Schwester an, während sie sich zugleich
wünschte, die Zeit zurückdrehen zu können. Sie hatte ihre Schwester mit
Geschichte ablenken wollen und nicht eine politische Grundsatzdiskussion
führen. Doch war ihr dieses Thema viel zu wichtig, als dass sie jetzt hätte
innehalten können.

„Ludwig XVI mag vieles sein, aber gewiss nicht unschuldig.
Er war viel zu gefährlich, um ihn am Leben zu lassen. Und was den späteren
Terror angeht…Um eine politische Bewegung zu führen, braucht es Disziplin.“

„Disziplin? Was ist mit Freiheit? Jener Freiheit, die in den
Menschen und Bürgerrechten festgehalten worden sind?“  Sie konnte nicht verstehen, was ihre
Schwester dort redete. Hatten sie sich tatsächlich so weit auseinander
entwickelt in jenen Jahren, in denen Ingrid in Kiel studierte und mit
Begeisterung über die Außerparlamentarische Opposition und die Zeitschrift konkret
sprach?

„Natürlich mag es im Nachhinein als grausam erscheinen, doch
versetz dich mal in ihre Situation. Frankreich stand im Krieg gegen halb
Europa, während zahlreiche innere Feinde die Revolution stoppen wollten.“ Die
Stimme Ingrids war ruhig und sie argumentierte mit etwas, was sie wohl
Rationalität nennen würde, wo dies doch sonst immer Maria tat.

„Aber rechtfertigt das Terror? Nein. Martin Luther King war
auch von Feinden umringt und erlitt zahlreiche Grausamkeiten, dennoch blieb er
friedlich.“ Sie konnte nicht ruhig bleiben. Nicht bei jenen Grausamkeiten, die
ihre Schwester für richtig hielt. Das war weder den Toten noch den
Hinterbliebenen gegenüber gerechtfertigt.

„Und ihm wurde die Birne weggepustet, während die
Unterdrückung der Schwarzen weiterging.“ Die Gelassenheit, mit der ihre
Schwester jene Worte sagte, verärgerte sie. Dennoch unterließ sie es, Ingrid
darauf hinzuweisen, wie sehr sie bei der Nachricht von Kings Ermordung geheult
und gebrüllt hatte.

„Aber dennoch hat er doch viel erreicht, oder? Das Gesetz
von Johnson wurde…“

„Ein Gesetz, ja? Doch in wieweit ändert dieses Gesetz die
Situation auf der Straße oder die Meinung der Menschen? Damit eine Bewegung
erfolgreich ist, braucht es eine gemeinsame Gesinnung, die unbedingt
durchgesetzt werden muss.“

„Aber das widerspricht dem Grundgedanken der Freiheit!“,
rief Maria empört auf und merkte wie sie sich von ihrem Stuhl erhob.

„Es dient dem Wohl der Allgemeinheit.“ Auch Ingrid richtete
sich auf, während die Falten auf ihrer Stirn sich vertieften.

„Und was ist mit Individualität?“ Es missfiel Maria, dass
ihre Schwester auf sie herabsehen konnte und sie widerstand dem Wunsch, auf
ihren Stuhl zu springen, es wäre albern gewesen. Aber waren sie wirklich über
diese Kindereien hinweg? Vermutlich nicht. Nur die Themen waren größer,
bedeutender geworden.

„In unser Demokratie entscheidet ebenfalls die Mehrheit,
warum nicht auch bei der französischen Revolution?“

Es war gemein von ihrer Schwester, das sie mit einem
Vergleich auf die Demokratie kam, die Maria immer verteidigte, obwohl Ingrid
selber immer von einer Minderheit sprach, die Entscheidungen traf.

„Doch bleibt das Recht auf Individualität gewährleistet! In
der französischen Revolution jedoch herrschten allein Terror und Angst!“
Ärgerlich blinzelte sie die Tränen weg, die in ihren Wimpern hingen.

„Und was ist mit den Errungenschaften der französischen
Revolution?“ Ingrid hatte eine laute, schallende Stimme, die nun den Raum
ausfüllte.

„Welche Errungenschaften brachte denn die glorreiche
Jakobinerherrschaft? Die Verfassung, die Menschen und Bürgerrechte, all das
wurde erschaffen, als Gemäßigte in der Regierung die Macht hatten.“

„Die Bevölkerung wurde von Verrätern bereinigt. Etwas, was
selbst die Alliierten in Nürnberg taten, als sie Nazis ihre gerechte Strafe
zukommen ließen. Und sag nicht, das ihre Urteile nicht verdient waren.“

Maria erbebte inzwischen vor Zorn, obwohl sie am liebsten
geheult hätte. Sie hatte sich so gefreut, dass ihre Schwester heute zuhause
war, keine Vorlesungen und Termine hatte, sondern einfach nur anwesend war und
jetzt mussten sie sich so streiten.

„Du kannst die willkürliche Rechtsprechung der Jakobiner
nicht mit jener der Alliierten in Nürnberg vergleichen! Bei den Jakobinern
wurden hunderte Unschuldige ermordet, nur, weil sie nicht genug Begeisterung
für die französische Revolution zeigten oder ein falsches Wort sagten!“

„Natürlich wurden Fehlurteile getroffen“, erklärte Ingrid
und dieses Zugeständnis ihrer Schwester überraschte Maria, doch der Funke der
Hoffnung erlosch bei den folgenden Worten ihrer Schwester wieder. „Das ist
bedauerlich. Doch wenn dabei auch die Schuldigen getroffen werden, dann haben
sie der ganzen Sache einen guten, bewundernswerten Dienst geleistet“

Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte.

„Das ist nicht dein Ernst, oder? Es ist bedauerlich? Das ist
grauenvoll und die Tötung von Menschen ist durch nichts und von niemandem zu
rechtfertigen, egal, was derjenige getan hat.“

Ingrid schnaubte. „Wenn du das so siehst, dann bist du
einfach nur naiv.“

„Immerhin bin ich human“

Für einen Moment starrte die Ältere sie nur an, dann zuckte
sie mit den Schultern.

„Wenn du das so sehen willst, meinetwegen.“

„Das ist alles, was du zu sagen hast? Meinetwegen? Das ist
armselig.“

Tränen rannen Maria über das Gesicht. Ein Ausdruck jenes
tiefen Schmerzes, als sie die Verachtung auf dem Gesicht ihrer Schwester
entdeckte, der nun ihr allein galt.

 

In diesem Moment öffnete sich die Tür.

„Was ist denn hier los?“ Überrascht blickte Marias Vater
sich um. „Ist alles in Ordnung?“

„Das geht dich nichts an“, fauchte Ingrid, ohne ihn auch nur
mit einem Blick zu bedenken.

„Schon in Ordnung“, erklärte Maria, auch wenn das eine Lüge
war, „Wir haben uns nur ein wenig gestritten.“ Sie ließ sich auf ihren Stuhl
sinken und begann mit zitternden Händen ihre Schulsachen einzupacken. Für die
Geschichtsaufgabe fehlte ihr nun jegliche Lust, dafür brodelte der Zorn noch zu
stark.

„Nimm dir ein Beispiel an der Maria, Ingrid.“ Die Stimme von
Oma Hildegard war mindestens genauso laut wie die ihrer Schwester.  Mit überraschender Geschwindigkeit zockelte
die Mutter ihres Vaters durch den Raum und baute sich vor Ingrid auf.

„Ein wenig Respekt würde dir gut tun, junge Dame.“

Verächtlich blickte die Studentin auf die alte Frau hinab.
„Das ist was für die alte Generation. Die die nichts gegen die Nazis
unternommen hat, sondern die Hinrichtung von Helden und Unschuldigen
stillschweigend hingenommen hat.“

„Ingrid, bitte!“ Allein die Tatsache, dass ihre Mutter sich
in die Diskussion einmischte, zeugte von der Schwere von Ingrids Worten. Margot
handelte genauso unauffällig, wie sie aussah und sich kleidete. Als
Pastorenfrau hatte sie als gute Unterstützerin und Hilfe ihres Mannes zu
dienen, doch würde sie nie von sich aus in Erscheinung treten.

„Für was sollte ich denn die alte Schachtel respektieren?
Respekt muss man sich verdienen! Wo hat sie das denn bitte getan?“

Die Hand ihrer Großmutter war schneller als Ingrid reagieren
konnte. Zornig funkelte sie Hildegard an und hielt sich die leuchtend rote
Wange, doch noch ging ihr Gewalt gegenüber einer alten Frau eindeutig zu weit.

Maria warf einen schnellen Blick zu ihrem Vater, doch dieser
wagte es scheinbar nicht, seine Mutter, die ihn alleine aufgezogen hatte, zu
recht zu weisen. Er schwieg.

„Du kannst froh sein, dass mein Sohn dich aufgenommen hat,
Mädchen. Bei dem Vater. Ich hätte dir diese Großzügigkeit sicherlich nicht
gewährt.“

Ihre Schwester schwieg, was ein sehr unheilvolles Zeichen
war.

„Verehrte Schwiegermutter! Wollen wir nicht den Kaffeetisch
vorbereiten?“, unternahm Marias Mutter einen Versuch der Deeskalation. Sie
wagte sich sogar einige Schritte vorwärts, um den Arm der alten Dame zu
ergreifen. Diese schüttelte die Hand einfach ab und ignorierte ihre
Schwiegertochter.

Dann fing Ingrid auf einmal an zu lachen. Sie klopfte sich
auf die Oberschenkel, rieb sich die Tränen aus den Augen und lachte, während
ihre Familie sie verdutzt anstarrte.

„Ingrid?“, fragte ihr Stiefvater schließlich.

Schließlich richtete die junge Frau sich auf und ließ das Lachen
urplötzlich hinter sich.

„All das kann mir eh egal sein.“

„Was?“ Es war das erste Mal, das Maria sich in die
Diskussion einmischte, doch konnte sie dieses winzige Wort nicht zurückhalten.

„Was meinst du damit, Ingrid?“ Die Stimme ihrer Mutter war schon
immer leise gewesen, doch jetzt erschuf das zusätzliche Zittern den Eindruck
von großer Schwäche.

Ihre Schwester griff in die Tasche ihrer Lederjacke und
holte eine Zigarette hervor, die sie rasch anzündete. Niemand protestierte,
obwohl selbst Vater nicht im Esszimmer seine Pfeife rauschte. Alle waren zu
gebannt von Ingrids Worten.

Sie nahm einen raschen Zug.

„Ich geh nach Westberlin“, erklärte sie als wäre dies eine
Kleinigkeit und nahm noch einen Zug.

„W-Was?“ Mehr vermochte Maria nicht zu sagen. Nur dieses
eine, winzige Wort aus drei Buchstaben, das zugleich ihr ganzes Entsetzen und
ihre Überraschung ausdrückte. Denn es ging um mehr als nur einen kurzen
Ausflug, das spürte und sah sie im Gesicht ihrer Schwester.

Auch ihr Vater schien das so zu verstanden zu haben, denn
fragte er: „Was ist mit deinem Studium, Ingrid?“

Für einen Moment schien Ingrid etwas Unhöfliches oder
Unangebrachtes entgegnen zu wollen, doch dann entgegnete sie: „Ich werd mein
Studium dort fortführen. Die Rückmeldung der Uni hab ich schon.“

„Und dann? Warum Westberlin?“ Tränen benetzten Margots Wimpern
und sie knetete ihre Hände, wie immer wenn sie nervös war.

„Weil ich dort was verändern kann. Das is nicht so’n Kaff
wie hier, sondern dort ist die APO aktiv, dort bewegen wir was.“

„Rede nicht so respektlos und benutze eine höflichere
Sprache, Ingrid!“, forderte Hildegard.

„Mit dir brauch ich überhaupt nicht zu reden.“ Die
Angesprochene zögerte für einen winzigen Moment, doch dann fügte sie hinzu:
„Alte Sau“

Über das Gesicht von Marias Großmutter zog sich nicht die
geringste Regung, als sie erklärte: „Zu Hitlers Zeiten hätte man euch alle in
die Gaskammer gesteckt! Unerzogenes, respektloses Pack, das ihr seid“

„Mutter!“ Auf einen scharfen Blick Hildegards verstummte
Thomas wieder.

„Mein Sohn“, entgegnete sie würdevoll und strich sich
elegant eine ihrer langen grauen Flechten hinter das linke Ohr, „Das war eine
sachliche Feststellung und keine Anklage deiner Erziehungsmethoden.“ Sie
seufzte. „Sie ist eine hoffnungslose, verbohrte Kämpferin für die
Gerechtigkeit, oder wie sie es nennen mag, und wie ihr Vater wird sie daran
scheitern. Dafür kannst du nichts.“

„Wage es nicht, den Namen meines Vaters in den Mund zu
nehmen“, fauchte Ingrid. „Er hatte mehr Anstand als ihr alle.“

Mit einem tiefen Seufzen ließ Hildegard sich auf den Stuhl,
den zuvor die Stieftochter ihres Sohnes besetzt hatte, sinken. „Kind.“,
erklärte sie erstaunlich sanftmütig, „Dein Vater starb, als du drei Jahre alt
warst. Du kennst ihn nicht, auch wenn du dir das einbilden magst. Mach ihn
nicht zu einem Helden, der er nie war.“

Mittlerweile erbebte Ingrid vor Zorn, ihr Gesicht hatte sich
verzogen, ihre Hände waren zu Fäusten geballt und ihr ganzer Körper zeugte von
der Anspannung, der sie ausgesetzt war.

Ohne ein weiteres Wort wandte Marias Schwester sich zum
Gehen, doch noch im Türrahmen wandte sie sich um: „Morgen fahr ich nach
Frankfurt zu dem Prozess gegen die Kaufhausbrandstifter. Ein Prozess gegen
Menschen, die wirklich etwas bewegen und für die Dinge kämpfen, die ihnen
wichtig sind.“

Dann war sie fort und Stille herrschte im Esszimmer, während
Ingrid die Treppe hinaufpolterte. Die Pastorenfrau sank schluchzend auf den
Fußboden, vergrub den Kopf zwischen den Augen und fing an sich hin und her zu
wiegen, so wie sie früher ihre Töchter auf dem Schoß gewiegt hatte, um sie zum
Schlafen zu bewegen.

„Liebling!“ Thomas beugte sie über sie und reichte seiner
Ehefrau ein Taschentuch, das mit seinen Initialen bestickt war. Margot nahm es
an, rieb sich die Augen, putzte sich die Nase und reichte das Taschentuch ihrem
Mann das Taschentuch zurück, nur um abermals in Tränen auszubrechen. Hilflos
strich der Pastor ihr einmal kurz über den Rücken, bevor er sich mit einem
Seufzen und der Erklärung „Ich werde für sie beten“ abwandte und den Raum
verließ.

Erneut herrschte Stille, nur unterbrochen von Margots
Schluchzern und Marias ruckartigen Atemzügen.

Schließlich seufzte Hildegard und murmelte leise, doch so
laut, das Maria sie verstehen konnte: „Das Mädel rennt geradewegs in ihren
Untergang.“

Ohne ein weiteres Wort sprang auch die jüngere Tochter des
Hauses auf und rannte die Treppe hinauf.

Auf dem Treppenabsatz blieb sie zögerlich stehen. Ihre Faust
schwebte vor Ingrids Tür, bereit anzuklopfen, doch dann dachte sie an den ihr
unbekannten Zorn im Gesicht ihrer Schwester und ließ die Hand wieder sinken.
Wie ein geschlagener Hund wandte sie sich ab und wollte sich soeben auf den Weg
in ihr Zimmer machen, als sie Ingrids leise Stimme vernahm: „Komm rein“

Zögernd drückte sie die geputzte Messingklinge hinunter und
trat in das Zimmer ihrer Schwester, wobei sie fast einen der hoch aufgetürmten
Bücherstapel umgeworfen hätte.

Ingrid, die mit Schuhen auf dem Bett lag, ließ die konkret
sinken und blickte ihr entgegen.

„Kommst du, um mir Vorwürfe zu machen? Oder schickt er dich?“

„Weder noch“, antwortete Maria mit leiser Stimme und fügte
dann hinzu: „Ich will nicht mit dir streiten.“

Sogleich wurde der Gesichtsausdruck ihrer Schwester sanfter,
auch wenn ein Schatten jener Wut in ihren Augen zurückblieb. „Ich auch nicht.“

„Erzähl mir lieber von dem Prozess“, bat Maria und ließ sich
neben ihre Schwester auf das Bett sinken.

„Wie viel weißt du davon?“, fragte Ingrid und musterte sie
sorgfältig.

„Nicht viel. In der Schule sprechen wir nicht darüber.
Mutter und Vater versuchen mich davon fernzuhalten, so dass ich das Wenige nur
aus dem Radio oder der Zeitung weiß. Vier Täter, die in Frankfurt am Main in
zwei Kaufhäusern Brandsätze legen. Sie wurden gefasst und vor Gericht gestellt“

Ihre Schwester atmete mit einem Zischen durch die Zähne aus.
„Das stimmt schon irgendwie, ist jedoch sehr grob zusammen gefasst. Gelegt
wurden die Brandsätze am 2. April von Andreas Baader, seiner Freundin Gudrun
Ensslin, sowie Thorwald Proll und Horst Söhnlein im Kaufhaus und bei Schneiders
am Abend, als also alle Menschen weg waren. Sie taten es, um die Menschen aus
ihrer Konsumsucht zu reißen und auf die wirklichen Probleme dieser Welt – wie den
Vietnamkrieg – aufmerksam zu machen. Es ist also ein politischer Akt, der…“

„Aber was interessiert es die Amerikaner denn, wenn in der
BRD ein Kaufhaus brennt? Den Menschen in Vietnam hilft es nicht das Geringste,
stattdessen werden nur ein paar Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt“,
unterbracht Maria sie.

„Ihrer Lebensgrundlage? Reiche Bonzen? Die verdienen eh
genug, also schadet weniger Profit nicht.“

„Aber die Angestellten schert es“, erklärte die Jüngere und
bemühte sich ihre Stimme gelassen klingen zu lassen, „Denn sie verlieren ihren
Job.“

„Ein lebensunwerter Job bei Ausbeutern des Proletariats.“

„Dennoch ihr Job“, beharrte Maria.

„Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als
eines zu betreiben“, meinte Ingrid mit einer Selbstgefälligkeit, die Marias
Zorn erneut zum Brodeln brachte.

Sie entgegnete nichts.

Schließlich zog sich ein Lächeln über das Gesicht ihrer
Schwester und sie erklärte: „Das war nicht von mir.“

„Vom wem dann?“, fragte Maria, zunehmen gereizt.

„Von Fritz Teufel.“ Als sie bemerkte, das der Name ihrer
Schwester nichts sagte, fuhr sie fort: „Er ist ein Mitbegründer der Kommune I
in Westberlin und eines der bekanntesten Mitglieder der linken Szene. Wenn ich
in Westberlin bin, will ich ihn unbedingt einmal kennen lernen.“

Wenn er solche Zitate brachte, war Maria sich sicher, dass
sie diesem Fritz Teufel nicht begegnen wollte. Respekt war ihrer Meinung etwas,
was zu einem freundlichen Miteinander dazugehörte und es klang nicht danach,
als ob dieser Mann, den ihre Schwester so bewunderte, dies beherrschte.

„Wir waren beim Prozess“, erinnerte Maria sie, um wieder auf
sicheres Terrain jenseits des Fritz Teufels zurückzukommen.

Ingrid hob eine Augenbraue. „Eigentlich gehört das alles
zusammen, aber wenn du willst…Der Prozess begann am 14. Oktober und von Anfang
an zeigt sich, dass die Staatsanwaltschaft Krieg gegen die vier führt. Erst
heute erfuhr ich von einer Kommilitonin, dass sie auf sechs Jahre Haft plädiert.
Sechs Jahre für einen politischen Akt! Und dass, wenn man sich vorstellt, dass
Kurras für den Mord an Ohnesorg freigesprochen wurde!“

„Sechs Jahre sind schon viel...“, gab Maria zögernd zu.

„Richtig.“ Ihre Schwester nickte schwungvoll mit dem Kopf. „Da
sieht man wieder, dass die Justiz mit zwei verschiedenen Maßstäben misst.“

Maria schwieg, unwissend, was sie sagen sollte. Sicherlich
wären sechs Jahre viel und im Vergleich zu den Freispruch zu Kurras sicherlich
unfair, aber andererseits…Sie hielt wenig von Menschen, die ihre Meinung mit Gewalt
durchzusetzen versuchten. Noch mochte es um Sachbeschädigung gehen, aber unter
linken Extremisten wurden jetzt Rufe nach Rachefeldzügen laut…Es machte ihr
Angst, dass ihre Schwester ausgerechnet nach Westberlin gehen wollte, jenem Ort,
wo die Gewalt wie nirgends sonst eskalierte. Sie sah so zart aus, wie sie hier
auf dem Bett lag, das Magazin konkret aufgeschlagen auf ihrem Bauch und
die schmalen Arme mit dem Armband, das Maria ihr letztes Jahr zum Geburtstag
geschenkt hatte, hinter dem Kopf verschränkt. Ihr langes Haar lag wie ein
Heiligenschein um ihren Kopf herum drapiert und glänzte golden im Licht der
untergehenden Sonne, die durch das Fenster herein schien. Die Stupsnase und die
weit gestreuten Sommersprossen ließen Ingrid jünger wirken als die zweiundzwanzig
Jahre, die sie zählte und gaben ihr ein kindliches Gesicht.

All das ließ Maria befürchten, dass Westberlin ihre
Schwester brechen oder so verändern würde, dass sie Ingrid überhaupt nicht wieder
erkennen würde.

Instinktiv hob sie ihre linke Hand und umfasste den Arm
ihrer Schwester.

„Geh nicht!“, flehte sie.

Ingrid legte die konkret auf ihren Nachttisch und
richtete sich auf. Mit einem liebevollen Blick betrachtete sie ihre Schwester,
bevor sie erklärte: „Einst habe ich geschworen, dich zu beschützen, Maria. Ich
gedenke, diesen Schwur immer noch zu erfüllen. Unsere Beziehung wird sich nicht
verändern, nur weil ich nach Westberlin gehe.“

„Aber du hast dich verändert, Ingrid. Und das gefällt mir
nicht.“

„Erinnerst du dich? Wir werden immer zusammen gehen

„Ich weiß“, flüsterte Maria beschämt, fuhr dann aber mit
flehender Stimme fort: „Aber du veränderst dich in eine Richtung, in die ich
dir nicht folgen kann, Ingrid. Diese Worte von Gewalt, all das kann ich nicht
unterstützen. Das bin nicht ich. Verstehst du?“

„Mach dir keine Sorgen, Kleine. Ich bleibe deine Schwester“

„Ingrid!“ Sie streckte auch ihre Rechte zu ihrer Schwester aus.
„Ich will dich nicht verlieren.“ Die Angst nahm ihr die Worte, ließ sie erzittern und ihr Herz rasen. 

Lächelnd strick Ingrid ihr über das Haar. „Wieso solltest du
auch? Wir werden immer zusammen gehen, Schwesterherz. Ich habe es damals
ernst gemeint und meine es auch heute so. Westberlin ist nicht das Ende der
Welt und wir können uns weiterhin Briefe schreiben. Vielleicht überdenkst du
dann ja auch deine Meinung.“

Wir werden immer zusammen gehen“, wiederholte Maria,
aber ihr Gesicht war steinern und zum ersten Mal kamen ihr Zweifel an jenem
Versprechen, ausgesprochen vor neun Jahren an einem Tag, wo ihr Leid, Schmerz
und Zweifel noch ebenso unbekannt gewesen waren, wie der Hass und der Zorn, der
immer wieder aus ihrer Schwester hervorbrach und ihr Angst einjagte.

Vielleicht war es gut, wenn sie für ein paar Monate Abstand
zueinander gewannen, um dann wieder erneut zueinander zu finden.

Wir werden immer zusammen gehen. Maria würde dafür
kämpfen, das dem auch so blieb.

 

            

Die Frage, ob die
Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewußt hätten, daß
ein Linke dabei angeschossen wird - sie ist uns oft genug gestellt worden -,
kann nur mit Nein beantwortet werden. Die Frage: was wäre gewesen, wenn, ist
aber vieldeutig - pazifistisch, platonisch, moralisch, unparteiisch. Wer
ernsthaft über Gefangenenbefreiung nachdenkt, stellt sie nicht, sondern sucht
sich die Antwort selbst. Mit ihr wollen Leute wissen, ob wir so brutalisiert
sind, wie uns die Springerpresse darstellt, da soll uns der Katechismus
abgefragt werden. Sie ist ein Versuch, an der Frage der revolutionären Gewalt
herumzufummeln, revolutionäre Gewalt und bürgerliche Moral auf einen Nenner zu
bringen, was nicht geht. Es gab bei Berücksichtigung aller Möglichkeiten und
Umstände keinen Grund für die Annahme, daß ein Ziviler sich noch
dazwischenwerfen könnte und würde. Daß die Bullen auf so einen keine Rücksicht
nehmen würden, war uns klar. Der Gedanke, man müßte eine Gefangenenbefreiung
unbewaffnet durchführen, ist selbstmörderisch.


 

 

- aus dem ersten Positionspapier der Rote Armee Fraktion: Konzept
Stadtguerilla, erschienen im April 1971 - 

 

13.5.1970, Hamburg

 

„Wir hätten da abbiegen müssen!“, schrie Helena über den Fahrtlärm hinweg und schlug Hermann auf die Schulter.

„Ach, was“, entgegnete dieser grinsend und überholte in
rasanter Fahrt ein Auto, was dieses abrupt abbremsen ließ. Zornig hupte der
Fahrer, doch Hermann ignorierte ihn.

„Lass ihn doch.“, meinte Ingrid und schob ihre Freundin
zurück auf den Sitz. Kopfschüttelnd ließ sich diese zurücksinken und schüttelte
wohl wissend, dass eine Ermahnung den Fahrstil ihres Fahrers nicht sicherer
machen würde, den Kopf.  

„Wir hätten doch auf Peters Angebot eingehen sollen“,
erklärte Helena so leise, dass Hermann es nicht hören konnte. „Er wäre zwar
erst morgen losgefahren, aber wesentlich zuverlässiger gewesen.“

Unzuverlässig. So konnte man Hermanns Fahrstil sicherlich
beschreiben, dennoch genoss Ingrid es.
Die Autos, die hinter ihnen zurückblieben, die vorbeiziehenden
Straßenzüge, der Wind, der durch die kaputte Fensterscheibe pfiff, all das
vermittelte ihr ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.

„Jetzt fahr aber mal langsamer!“, rang Helena sich
schließlich doch durch, „Man kann die Straßenschilder nich mal mehr lesen.“

Als Hermann daraufhin tatsächlich abbremste, konnte sie ihre
Überraschung jedoch nicht verbergen.

„Seht ihr das da drüben?“ Ohne sich länger auf das
Autofahren zu konzentrieren, streckte ihr Fahrer die Hand aus dem Fenster und
deutete auf eine ferne Gruppe von Gebäuden. „Das ist das Männergefängnis
Neuengamme oder die Justizvollzugsanstalt XII.“ Der Abscheu in seiner Stimme
war unüberhörbar und ließ Helena verwirrt die Stirn runzeln, aber Ingrid
verstand, worauf er hinaus wollte. „Und früher ein KZ“, meinte sie leise, als
sei so der Tod zu verschleiern, den die Nazis dort gebracht hatten.

Hermann warf ihr durch den Rückspiegel einen schwer zu
deutenden Blick zu, dann nickte er. „Richtig“ Seine Stimme war ernst, jegliche
Freude und Übermut verschwunden. „Damit wir vergessen, was dort einst geschah,
damit niemand sich mehr erinnert, dass es dort einst ein KZ gab, in dem
Tausende Juden ermordet worden sind.“

Ihrer Kenntnis nach waren in Neuengamme vor allen politische
Verfolgte und nur wenige Juden gewesen, doch war diese Tatsache in diesem
Moment vollkommen unerheblich. Sie verstand seinen Zorn.

„Und den Angehörigen der Ermordeten wird jegliche
Möglichkeit genommen, sich zu erinnern und an den Ort zurück zu kehren, wo ihre
Liebsten starben“, fügte sie also hinzu.

Obwohl Hermann die Geschwindigkeit sehr gedrosselt hatte,
war das ehemalige KZ Schon bald nicht mehr zu sehen.

„Das ist grauenvoll!“, fand Helena ihre Stimme zurück, „Man
sollte meinen, dass wir aus unserer Vergangenheit gelernt haben, aber
stattdessen wird alles unter den Teppich gekehrt, denn wir wollen ja nach vorne
sehen.“ Verachtung. Das war etwas, was sie alle drei verband, mochten sie auch
sonst sehr unterschiedlich sein. Verachtung für ihre Eltern, die gegen das
Unrecht des Nazi-Regimes nicht aufgestanden waren, sondern das Leid ignoriert
oder sogar von ihm profitiert hatten.

Angeregte und aufgebrachte Diskussionen beherrschten den
Rest der Fahrt, bis Hannes in einer Seitenstraße parkte, ausstieg und ihnen
schwungvoll die Seitentür öffnete.

„Bitte sehr, die Damen.“ Er streckte Helena den Arm
entgegen, um ihr galant hinaus zu helfen. Ihre Freundin kicherte, doch Ingrid
konnte den Kommilitonen in dem Moment nicht ernst nehmen und stieg alleine aus.

„Ich geh schon mal vor“, rief Helena freudig und hastete die
Stufen zu dem Mietblock hoch, in dem ihre ältere Schwester lebte, die sie beide
weiter nach Eutin mitnehmen würde. Längst hatte sie die Schatten des KZ’
vergessen.

Hermann öffnete den Kofferraum und hob Ingrids Koffer
hinaus, um ihn neben den von Helena zu stellen. Dann hielt er inne und musterte
sie mit einem Blick, den Ingrid nicht einzuordnen vermochte.

„Was ist?“, fragte sie.

„Oh, ich versuche nur herauszufinden, wie ernst es dir ist“
Sie verspürte jenes prickelnde Gefühl, das sie früher auch beim Lesen der
Fünf Freunde
und später bei der Teilnahme an Demonstrationen empfunden
hatte. Womit, wollte sie fragen, doch wusste sie längst, worum es ihm ging.

Hermann nickte in Richtung des Mietshauses. „Helena redet
und regt sich gerne auf. Aber mit ihr würde ich kein solches Gespräch führen.
Sie ist noch ein Kind, das noch nicht verstanden hat, wo der Spaß endet und der
Ernst beginnt. Doch ich glaube, dass du anders bist.“ Er stoppte und gab ihr
somit einen kurzen Moment, um nachzudenken. Als sie vor anderthalb Jahr nach
Westberlin gegangen war, hatte sie geglaubt, dass sich damit alles ändern
würde. Doch hatte sie erkennen müssen, dass dem nicht so war. Sie war zu einer
Zeit an den Ort der Studentenbewegung gekommen, als diese schon auseinander
gebrochen war. Die große Bewegung war in viele einzelne zersplittert, die
längst nicht die Macht der größeren besaßen. Bisher war sie bei einer kleinen
linken Gruppe aktiv gewesen, die kleinere Protestorganisationen durchgeführt
hatte. Sie hatte Hermann dort kennen gelernt, der zwar kein Mitglied war,
jedoch in der linken Szene kein Unbekannter war und einige von den Mitgliedern
kannte. Die Meisten kannten und einige bewunderten ihn aufgrund seiner
Bekanntschaft mit Baader und der Kommune I. Richtig aufmerksam war Ingrid
jedoch erst auf ihn geworden, als er bei einem Treffen von einem Mädchen für
seine Gewaltbereitschaft angeprangert worden war und sich mit Argumenten
verteidigt hatte, die Ingrid als überzeugend empfand und dazu geführt hatten,
dass sie sich mehr und mehr von ihrer kleinen Gruppe zurückzog. Sie  hatte einfach längst nicht das erreicht, was
Ingrid sich erträumte und das würde sie auch nicht, darin hatte sie keine
Illusionen. Reden,  diskutieren und das
Leid der Welt anprangern konnten sie gut, doch fehlte ihnen die Tatkraft und
der Mut auch etwas dagegen zu tun.

Aber Hermann war erfüllt von Tatendrang und sie traute ihm
zu, etwas zu erreichen. Seit dem Kaufhausbrandstifterprozess, den sie vor
anderthalb Jahren besucht hatte, wurde sie angetrieben von dem innigen Wunsch,
dass etwas geschehen, etwas sich verändern würde. Die Kaufhausbrandstifter, die
als Erste den Mut gehabt hatten, ein deutliches Zeichen zu setzen, waren
zunächst zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden, doch da die Verteidigung
in Revision gegangen war, wurden die Haftbefehle ausgesetzt und sie hatten sich
zunächst frei bewegen können. Dann – als die Revision vom Bundesgerichthof verworfen
wurde – entschlossen sich drei von ihnen zu einem drastischen Schritt: sie
gingen in die Illegalität und tauchten unter. Zehn Monate wusste niemand, wo
sie waren und was sie taten, bis vor einem Monat Andreas Baader gefasst wurde.
Erneut Stillstand. Ein Stillstand der gespannten Erwartung. Es war als spüre
Ingrid, das Knistern in der Luft, wenn sie durch die Straßen von West-Berlin
schritt. Manchmal dachte sie, dass sie verrückt war, einfach, weil sie wusste,
dass etwas geschehen würde. Oder war es nur eine Einbildung? Hervorgerufen
durch ihren innigen Wunsch, dass eben dies passieren würde? Doch immer wenn
Hermann darüber sprach, etwas zu tun, konnte sie nicht anders, als ihm zu
glauben und so auch jetzt.

Es war ihr einfach nicht möglich, sich von ihm abzuwenden,
zu sagen, dass seine Träume, die auch sie träumte, unerreichbar und Unsinn
waren. Die Befreiung des Proletariats, das Ende des Vietnamkrieges und des
Imperialismus’ waren ohne Zweifel hoch gesteckte Ziele, doch ging der Weg in
vielen kleinen Schritten. Und sie sah ihm in die Augen und hörte ihm zu.

„Wenn du bereit bist, wirklich etwas zu tun und nicht länger
nur zuzusehen, sondern unsere Feinde auch zu bekämpfen, dann melde dich bei
mir, Genossin.“ Mit diesen Worten drückte er ihr einen Zettel in die Hand,
schlug den Kofferraum zu und stieg, ohne ihr weitere Aufmerksamkeit zu
schenken, in seinen Wagen.

Er beugte sich durch das Fenster. „Melde dich, wenn es dir
wirklich ernst ist!“ Er ließ den Motor an und verschwand kurz darauf um die
Ecke.

Wie erstarrt hob sie die Hand, nicht wirklich wissend, was
sie denken oder fühlen sollte. Nach einer Weile, die sie nur dagestanden hatte,
steckte sie den Zettel in ihre Hosentasche, wandte  sich um, nahm die beiden Koffer in die Hand
und folgte ihrer Freundin in das Treppenhaus.

„Wo bist du?“, rief sie, als sie Helena nicht gleich
entdecken konnte.

„Zweiter Stock“, erklang die Antwort.

Keuchend schleppte Ingrid die beiden Koffer hinauf zur
Wohnung von Helenas älterer Schwester. Sie fragte sich, was ihre Freundin alles
eingepackt hatte, denn war ihr Koffer deutlich schwerer als ihr eigener.
Eigentlich wollten sie doch nur ein paar Tage bei ihren Familien in Eutin
verbringen und keine Weltreise unternehmen!

„Na musstest du dich noch von dem Schlawiner
verabschieden?“, fragte Helena mit einem Lächeln, das wohl keck wirken sollte.

„Den Begriff Schlawiner verwendeten die Nazis in den 30ern
für Leute osteuropäischer Herkunft“, gab Ingrid ohne nachzudenken zurück.

Zwar wusste sie, dass sie Recht hatte, doch der pikierte
Gesichtsausdruck ihrer Freundin, die wie sie Journalistik studierte, tat ihr
Leid. Sie wollte nicht streiten und entschuldigte sich so rasch.

Helena zuckte nur mit den Schultern und zog scheinbar zum
wiederholten Mal an der Klingel.

„Sie weiß doch, dass wir heute kommen“, meinte sie
verwundert und klingelte noch einmal.

„Aber nicht wann“, entgegnete Ingrid leicht genervt.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet und sogleich verschwand die
schmale Gestalt von Helenas Schwester wieder im Flur.

„Kommt rein“, rief sie über die Schulter hinweg und war
schon in einem der angrenzenden Zimmer verschwunden.

„Ja, was ist denn?“, fragte Helena und ließ ihre Jacke auf
eine Kommode fallen.

„Ich muss noch mal zur Klinik“, antwortete ihre ältere Schwester.

„Aber warum denn?“, beharrte die Journalistikstudentin,
„Heute ist zwar Mittwoch, aber trotzdem dein freier Tag!“

Ihre Schwester hastete an ihr und Ingrid vorbei und fing an
Sachen in ihre Tasche zu stopfen.

„Wir haben gerade zwei Kinder eingeliefert bekommen und da
Meier und Schmidt krank sind, bin ich die Einzige, die diese Art von Operation
bewältigen kann, ohne, dass die Wahrscheinlichkeit zu hoch ist, dass die Kinder
dabei draufgehen.“

Sie begann sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zu binden.

„Was haben die Kinder denn?“, fragte Ingrid besorgt. Sie
hatte es noch nie leiden können, wenn Kinder litten.

Helenas Schwester wollte antworten, doch weil sie Haarnadeln
im Mund hatte, klang die Antwort nur nach „Cntrg“

„Wie bitte?“, fragte Ingrid.

„Contergan“, erklärte die junge Ärztin und versenkte die
Nadeln in ihrem dunklen Haar.

Contergan war nicht die Bezeichnung einer Krankheit, aber
Ingrid wusste sofort, was sie damit meinte, denn der Contergan-Skandal war
durch die Medien weit über Europa hinausgeschwappt. Es war ein Medikament gegen
Schlafstörungen und weit verbreitet gewesen, doch erst im Nachhinein hatte sich
herausgestellt, dass es zu Fehlbildungen in der Schwangerschaft und
wahrscheinlich auch zum Tod unzähliger Föten führte.  Die Gliedmaßen der entsprechenden Kinder
waren entweder verkümmert oder fehlten ganz. Erst vor sieben Jahren war das
Medikament vom Markt gezogen worden, doch die Kinder litten noch immer
darunter.

„Schrecklich“, murmelte sie leise, doch Helenas Schwester
verstand sie und erklärte: „Ja. Sie hatten so einen Stümper von Arzt. Sind neu
hierher gezogen und der hat nicht erkannt, dass es sich um Contergan handelt,
sondern irgendne komische Erbbildung dafür verantwortlich gemacht. Jetzt muss
ich mich darum kümmern, dass sie vernünftig behandelt werden. Das eine Kind hat
entzündete Wunden und droht zu sterben.“

„Können wir dir helfen?“

„Aber ja, ihr könnt diese Kisten dort zur Station von Frau
Willruht bringen. Damit würdet ihr mir eine Fahrt ersparen. Helena weiß ja, wo
es ist.“  

Sie nickten, versprachen es ihr und verließen kurz nach ihr
mit den Kisten die Wohnung.

 

Tatsächlich führte Helena sie auch mit den Kisten, die sie
alleine trug, zuverlässig durch das Krankenhaus, als ob sie schon häufiger hier
gewesen war. Sie stiegen Treppen hoch und gingen durch lange immer gleich
bleibende Flure. Doch dann Erinnerung, die so plötzlich über sie kam, dass sie
nicht anders konnte, als sich an Helena fest zu klammern.

Fassungslos sah sie dem Krankenbett hinterher, dass soeben
durch den Flur geschoben wurde, dem sie gefolgt waren.

Besorgt musterte Helena sie.

„Alles in Ordnung?“

Ingrid schüttelte sich und nickte dann.

„Möchtest du mitkommen?“, fragte die Journalistikstudentin
und blickte die Freundin fragend an.

„Nein“, murmelte Ingrid, „Geh ruhig!“

Sie ließ sich auf einen unbequemen Stuhl sinken und
betrachtete die Leute, die an ihr vorbeigingen, während sie versuchte, ihren
Atem zu beruhigen. Es war nicht dein Vater, flüsterte sie sich selbst
zu, Er war es nicht, du weißt doch, dass er tot ist.

Sie schloss die Augen und versuchte, sich an ihn zu
erinnern. Es waren nur Bruchstücke, die geblieben waren. Sein tiefes, raues
Lachen, das allzu oft in Hustenanfällen geendet hatte. Die warmen Finger, die
sich um die ihren schlossen. Die Furchen auf seiner Stirn, wenn er sie
gerunzelt hatte. Und der Gestank nach Leid und Krankheit, der nie von ihm
gewichen war, selbst wenn er in seinem Rosengarten stand. Doch hätte sie es
nicht vermocht, seine Augenfarbe zu nennen, wenn sie nicht ihre Mutter danach
gefragt hätte. Es war so wenig…

Als sie die Augen aufschlug, bemerkte sie, dass Tränen ihr
über die Wangen liefen. Hinter einem Tränenschleier sah sie ein Krankenbett,
das an ihr vorbei geschoben wurde und ihre Augen fanden die eines kleinen
Jungen. Ohne zu wissen, was sie tat, stand sie auf und folgte den Schwestern
durch eine Tür, die auf eine Station führte.

Eine lange Reihe von Türen in weißen Wänden, hinter denen
Krankheit und Schmerz lauerten. Dennoch drehte sie nicht um.

Der Junge wurde in den ersten Raum auf der rechten Seite geschoben,
wo die beiden Schwestern, die ihn begleitet hatten, sich still über ihn
beugten. Aus der gegenüberlegenden Tür drangen dagegen laute Stimmen und
einzelne Gesprächsfetzen drangen zu ihr hinüber. Es schien um da letzte
Testspiel der deutschen Mannschaft vor der Fußballweltmeisterschaft zu gehen,
das heute in Hannover gegen Jugoslawien stattfinden würde. Ingrid interessierte
sich nicht so sehr für Fußball, ganz im Gegensatz zu den Schwestern, deren
Zimmer dies vermutlich war.

Sie ging an dem Raum mit dem Jungen vorbei und kam an einer
Reihe verschlossener Türen vorbei, hinter denen Stille herrschte, doch dann kam
sie an eine Tür, die offen stand. Im Vorbeigehen warf sie einen Blick hinein
und blieb, als ihr Gehirn das Bild verarbeitet hatte, abrupt stehen. Zögernd
kehrte sie um und blieb in der Tür stehen.

Drei Betten standen in dem weiß gestrichenen und steril
wirkendem Raum, doch nur das vor dem Fenster war belegt. Ein kleines Mädchen
lag darin, das Ingrid, obwohl eigentlich keinerlei Ähnlichkeit bestand, an ihre
Schwester erinnerte. Vielleicht war es der starre Blick des Kindes, vielleicht
die Krücken, die vor dem Bett lagen. Sie wusste selbst nicht, warum sie
eintrat, doch dann saß sie auf dem Stuhl neben dem Bett und betrachtete das
kleine Mädchen.

Zuvor hatte sie nur die Bilder im Fernsehen gesehen, die
schreienden Kinder, die vor dem Bomben flüchteten, die verbrannten Leichen auf
ebenso toten Feldern, doch jetzt hatte der Vietnamkrieg auf einmal ein Gesicht,
eine Geschichte bekommen. Die Geschichte eines kleinen vietnamesischen Mädchens
in einem Krankenhausbett in Hamburg mit schweren Brandwunden an den Armen.
Selbst die Decke konnte nicht verhüllen wie klein und knochig der Körper war.
Obwohl ihre Augen offen waren, schien sie Ingrid nicht wahrzunehmen. Der Blick
ging ins Leere.

Nur Ingrid fühlte keine Leere, sondern Zorn, der sich mit
dem Mitleid mischte. Die Bilder waren schlimm genug gewesen, aber jetzt den
sich langsam hebenden Brustkorb und die ruckartigen Atemzüge zu hören, gab ihr
den Rest. Krieg war immer grausam. Doch Zivilisten, Kinder, zu töten, wie es
die Amis in Vietnam taten, ließ sie nur kalte Wut empfinden, die sie
hinausschreien wollte. Einst hatte sie den Drang verspürt, ihre Schwester zu
beschützen, jetzt wollte sie auch dieses vietnamesische Mädchen vor allen
schützen, die ihr schaden wollten. Zögernd legte sie die Hand auf die des
Kindes und es schien ihr, als ob ihr sanfter Druck entgegnet werden würde.

Erneut rannen ihr Tränen über die Wangen. Tränen des
Unverständnisses wie man so einem kleinen Kind, so schlimme Sachen antun
konnte. Tränen der Trauer, Tränen der Wut. Sie alle nässten ihre Wangen und
leiteten ihr Herz zu der unwiderrufbaren Entscheidung von der sie wusste, dass
sie nach diesen Erlebnissen getroffen werden musste.

„Es ist schrecklich, nicht wahr?“

Die Stimme hinter ihr ließ Ingrid zusammen zucken und sich
abrupt von dem Mädchen abwenden. Eine Pflegerin mittleren Alters stand in der
Tür, wirkte jedoch nicht im Geringsten zornig über Ingrids unbefugtes
Eintreten, sondern nur traurig ob des Schicksals des kleinen Mädchens.

Mit langsamen Schritten trat sie neben Ingrid.

„Sie wurde vor anderthalb Jahren von der Hilfsorganisation terre
des hommes aus Südvietnam eingeflogen“, erklärte die Krankenschwester leise,
als wäre so das Leid des Kindes zu mindern.

„Wie heißt sie?“, fragte Ingrid dennoch ebenso leise.

„Mit erstem Namen Anh. Es bedeutet Frieden, was das ganze
noch trauriger macht.“

Ingrid formte den Namen leise mit der Zunge und war
überrascht wie leicht ihr der Laut über die Lippen glitt. Frieden. Wie sehr
sich dieses Mädchen den Frieden verdient hatte, den sie hier erleben konnte,
wenn auch ohne Familie oder Freunde. Sie war hier in Sicherheit, aber in ihrer
Heimat starben durch die Amerikaner täglich Hunderte und noch mehr waren auf
der Flucht vor dem Tod aus der Luft, dem man nicht entkommen konnte: Napalm.

„Was hat Anh?“ Die Abdrücke ihrer Fingernägel zeichneten
blutige Muster auf ihrer Handinnenfläche.

Die Frau seufzte. „Ihre Arme wurden von dem Napalm
verbrannt, doch sind diese Wunden größtenteils und wider Erwartung gut
verheilt, auch wenn ihre Narben eine grausame Erinnerung bleiben werden.
Komplikationen haben einige Bombensplitter in ihrem Bauchraum gemacht, der sich
häufiger entzündet hat. Aber jetzt ist auch er stabil. Was ihr fehlt, ist die
Hoffnung.“ Sanft strich sie dem Mädchen eine schwarze Haarsträhne aus dem
Gesicht. „Sie dämmert vor sich hin, weil sie den Lebenswillen verloren hat. Ich
weiß nicht, was mit ihrer Familie geschehen ist, aber sie muss Schreckliches
erlebt haben.“

„Träume sind manchmal ein hoffnungsvollerer Ort als die
Wirklichkeit.“ Ingrid konnte Anh verstehen. Es war einfacher in der
Vergangenheit zu leben, als sich der Gegenwart zu stellen. Nur Ingrid war es
nicht länger möglich, in der Vergangenheit zu leben, jetzt nicht mehr, wo sich
Anhs Augen, hinter denen eine gebrochene Seele schlummerte, in ihr Herz
gebrannt hatten.

„Ja.“ Die Schwester seufzte erneut. „Ja, das sind sie.“

Sie erhob sich und eine Spur gewohnter Strenge schlich sich
in ihre Stimme, als sie erklärte: „Ich kann verstehen, dass du Anh Trost bieten
wolltest, dennoch sind Besucher, die keine Angehörigen sind, hier nicht
zugelassen. Deshalb werde ich dich jetzt, hinaus bringen.“

Ingrid nickte nur. Ein letztes Mal strich sie über Anhs
Hand, dann stand sie auf und folgte der Schwester aus dem Zimmer, die anfing,
sie in ein Gespräch zu verwickeln.

„Es ist schön, dass es immer noch junge Menschen gibt, die
das Gesetz der Nächstenliebe aufrecht erhalten“, lobte sie Ingrid, „Wenn man
die Nachrichten schaut…Die jungen Leute sind ja so egoistisch, vor allem, die
in West-Berlin. Was die alles fordern und wie die leben…Schrecklich, so etwas.
Respekt und gutes Benehmen scheint denen ein Fremdwort zu sein. Das ist so…“

Sie steigerte sich in einen Redefluss hinein, in dem sie die
Studenten und ihre Forderungen beschimpfte. Ingrid reagierte nur durch ein
gelegentliches Nicken. An anderen Tagen hätte sie anders reagiert, aber sie war
so müde…Was sie jetzt benötigte, war Zeit. Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen und
sich zu entscheiden, wie es weiter gehen sollte. Motivation, um mit der
Pflegerin zu diskutieren und sie vom rechten Weg zu überzeugen, blieb nach der
Begegnung mit Anh wenig, dafür war sie viel zu erschüttert.

Am Schwesternzimmer, dessen Tür nun offen stand,
verabschiedete sich die Pflegerin von ihr. Aus den Augenwinkeln sah Ingrid
noch, wie sie sich mit einer Kollegin über die Bild beugte, dann verließ
sie den Flur mit den kranken Kindern.

 

„Wo warst du denn?“ Helena sprang von dem Stuhl auf, wo
vorhin noch Ingrid gesessen hatte.

Als ihre Freundin nichts entgegnete, fragte sie beunruhigt:
„Geht es dir nicht gut?“

„Es ist in Ordnung“, erwiderte sie und Ingrid erschreckte
selbst ein wenig von der neuen, ungewohnten Kälte, die aus ihrer Stimme klang.

Sie spürte Helenas verunsicherten Blicke, doch kümmerte sie
es nicht länger. Die Erlebnisse mit Anh gingen die Freundin nichts an, denn war
sie längst nicht bereit, jenen Schritt zu gehen, vor dem Ingrid stand und
konnte dementsprechend nicht länger Teil ihres Lebens sein.

„Dann lass uns gehen“ Helena stand auf und folgte ihrer
Begleiterin, die ohne weitere Worte vorausgegangen war, mit schnellen Schritten.

„Ich denke nicht, dass meine Schwester sich heute noch
rechtzeitig loseisen kann“, versuchte sie dennoch die Kommilitonin in ein
Gespräch zu verwickeln, „Wir werden wohl erst morgen fahren können und die
Nacht bei ihr bleiben müssen.“

Als Ingrid darauf nicht antwortete, hüllte auch Helena sich
in Schweigen. Sobald sie draußen waren, zündete sie sich eine Zigarette an, um
ihren schnellen Atem zu beruhigen, dann machten sie sich,  jeder in seinen eigenen Gedanken versunken,
auf den Heimweg.

 

Am nächsten Morgen brachen sie früh auf, da die beiden
Kinder sich außer Gefahr befanden und Helenas Schwester bewies sich als so gute
Fahrerin, dass sie schon am späten Vormittag Eutin erreichten.

Sie setzten Ingrid vor ihrem Elternhaus ab, wo sie sich von
ihnen verabschiedete. In vier Tagen würden sie Ingrid wieder abholen, damit sie
wieder nach Hamburg fahren und von dort aus mit einer anderen
Mitfahrgelegenheit zurück nach West-Berlin kommen konnten.

Das Pfarrhaus stand ein wenig abseits und Ingrid genoss die
Kühle zwischen den Bäumen. Sorgsam gepflegte Hecken und Blumenbeete prägten den
Vorgarten des kleinen Fachwerkhauses. Früher hatte Ingrid, es als schön
empfunden, doch jetzt störte sie die strikte Anordnung der Pflanzen, weil sie
jegliche natürliche Ausbreitung unmöglich machte.

Mit dem Koffer in der Hand stieg die junge Frau die vier
Stufen hoch, die zur Haustür führten. Eben wollte sie klopfen, da wurde die Tür
schon aufgerissen und Ingrid wurde von der stürmischen Umarmung ihrer jüngeren
Schwester fast von den Beinen gerissen. Sie ließ den Koffer fallen und umarmte
Maria nicht weniger leidenschaftlich. Ingrid sog den Duft ihrer Schwester ein,
einen süßen Geruch, der mehr als alles andere nach Heimat schmeckte.

„Du bist gekommen!“, flüsterte Maria mit einem strahlendem
Lächeln im Gesicht. „Endlich“, fügte sie hinzu.

„Ja“, antwortete ihre Schwester ruhig. Tatsächlich waren
ihre Besuche selten geworden, denn sie besaß kein eigenes Auto und die Bahn war
viel zu teuer, weshalb sie sich jedes Mal eine Mitfahrgelegenheit organisieren
musste, was viel Arbeit bedeutete. Doch jetzt war sie hier und wünschte sich
zugleich, dass sie nicht gekommen wäre. An Ahns Bett war ihr die Entscheidung
so leicht gefallen, aber nun wurde ihr schmerzlich bewusst, was sie verlieren würde.

Wir werden immer zusammen gehen. Sie hatte es ihrer
Schwester versprochen und wollte es nicht brechen, auch nicht für eine
Revolution. Aber würde es ihr möglich sein, wenn sie auf Hermanns Angebot
eingehen würde, den Kontakt zu Maria aufrecht zu erhalten? Sie wusste es nicht.

Sanft strich sie der geliebten Schwester über das Haar, das
dem ihrer Mutter so ähnlich war, und fischte Rosenblätter hinaus.

Maria entwand sich ihr und musterte sie sorgfältig. „Was ist
los?“, fragte sie besorgt. Schon immer hatte sie Gemütszustände von Personen
gut erkennen können.

„Wir hatten eine anstrengende Fahrt und ich bin müde“,
erklärte Ingrid, obwohl es eine Lüge war und versuchte sich mit einem Lächeln. Scheinbar
gelang es ihr recht gut, denn sie erkannte keine Spur von Mistrauen auf dem
Gesicht ihrer Schwester.

„Dann komm rein. Begrüß Mutter und dann können wir uns ins
Wohnzimmer setzen und du kannst mir von West-Berlin erzählen“, schlug sie vor.

„Ist Thomas nicht da?“, fragte die ältere Tochter

„Nein. Mein Vater ist unterwegs.“ Ingrid konnte nicht
verhindern, dass sich ein Lächeln über ihre Züge schob. Sie konnte ihren
Stiefvater immer noch nicht leiden und war froh, dass sie für einige Stunden
ohne ihn mit ihrer Schwester verbringen konnte.

Sie beugte sich hinab, um ihren Koffer hochzuheben, dann
traten die beiden Schwestern Hand in Hand über die Türschwelle.

Ihre Mutter war nicht an die Tür gekommen, sondern in der
Küche, wo sie einen Kuchen buk. Vermutlich war das ihre Art, Liebe zu zeigen.
Die Umarmung fiel weit weniger überschwänglich als Marias aus und nach einer
kurzen Berührung lösten sich Mutter und Tochter wieder und wichen auseinander.
Die Mutter, weil sie zu verunsichert ob der Reaktion ihrer Ältesten war und
Ingrid, weil sie ihrer Mutter nie hatte vergeben können, dass sie Thomas
geheiratet hatte. Sie verachtete die Schwäche der Frau, die sie gezeugt hatte
und die sich einfach nicht durchsetzen konnte. Dementsprechend fiel der
Wortwechsel kühl und wenig herzlich aus, so dass sich Ingrid schon bald mit
ihrer Schwester ins Wohnzimmer zurückzog und sich auf das gemütliche Ledersofa
niederließ.

„Erzähl“, bat Maria.

„Was soll ich erzählen?“ Ingrid zuckte mit den Schultern.
„Das Studium läuft, auch wenn die Prüfungen anstrengend sind und nicht wenige
durchfallen.“

All das kam ihr auf einmal so banal, so unwichtig vor, dass
sie nicht weiter darüber reden wollte. Was interessierte schon ein Studium
angesichts des Leides, das sie in Anhs Gesicht gesehen hatte und das tagtäglich
weitere Kinder erlitten?

„Und wie ist das Leben in West-Berlin? Gibt es viel Militär
dort?“

„Die Grenze ist bewacht und man begegnet häufig Soldaten,
aber die großen Militärbasen der Amerikaner liegen nicht in West-Berlin.
Allerdings ist die Wehrpflicht dort ausgesetzt, so dass es viele Studenten
dorthin zieht. Berlin hat einfach einen Sonderstatus, aber das Leben geht auch
dort vorwärts.“

Den vorletzten Satz hätte sie nicht sagen dürfen, denn
erinnerte sie das nur an Hermann, der ursprünglich, um keinen Wehrdienst
leisten zu müssen, nach West-Berlin gekommen war.

„Und Politik? Von der Studentenbewegung hört man ja nicht
mehr allzu viel. Hast du etwas für dich gefunden?“

Ja, dachte sie, Ja, doch dafür müsste ich dich
verlassen, kleine Schwester.

„Ich habe eine kleine Gruppe gefunden, in der ich mich sehr
wohl fühle. Wir haben bisher nur einige kleinere Plakataktionen durchgeführt,
aber ich bin zuversichtlich, dass wir bald mehr erreichen werden.“

Lügen. Wann war nur der Moment gekommen, an dem Lügen
einfacher als die Wahrheit wurden? Kleine Schwester. Liebevoll musterte
sie die Jüngere, nicht wissend, was sie denken sollte. Sie hätte nicht kommen
dürfen.

„Ich bin froh, dass du etwas gefunden hast“, erklärte ihre
Schwester strahlend, doch schlich sich ein Schatten darein, „Bei dem was heute
geschehen ist…Ich habe einfach Angst, dass es sich auch in West-Berlin
radikalisiert und gefährlich wird.“

Ingrid runzelte die Stirn.

„Wieso? Was ist denn passiert?“

„Du weißt es nicht?“ Ihre Schwester deutete auf den
Fernseher, „Es lief auf allen Kanälen und im Radio!“

„Das Auto von Helenas Schwester hat kein Radio“

Maria ging zum Fernseher und warf ihr, bevor sie ihn
einschaltete, einen langen, schwer zu deuteten Blick zu. 

Ein Bild von Ulrike Meinhof, doch der Ton war so leise
eingestellt, dass Ingrid den Kommentar dazu nicht verstehen konnte. Maria
drehte an einigen Knöpfen, bis sie dem Text folgen konnten: „Nach bisherigen
Berichten haben die Entführer zunächst durch die geöffnete Tür des Instituts
Tränengas geschossen, dann die Institutsangehörigen beiseite gedrängt und unter
Gebrauch der Schusswaffe Baader befreit. Nach letzten Meldungen wurde ein
Institutangestellter durch einen Bauchschuss sehr schwer verletzt.“

Maria schaltete den Fernseher aus.

„So geht das schon die ganze Zeit. Schrecklich, nicht wahr?
Der arme Mann. Ich mein, Baader hat sich seiner Strafe entzogen und muss
natürlich mit Haft rechnen. Bei der Brandstiftung hätten Menschen verletzt
werden können! Und jetzt…Mit Schusswaffen gewaltsam befreit. Was will er denn
machen? Er wird doch gesucht und die finden ihn bestimmt bald. Dann muss er
noch länger einsitzen, als nur die Haftstrafe wegen der Brandstiftung…“

Sie redete weiter über den Irrsinn dieser Aktion, den
verletzten Institutsangestellten und die Gewaltbereitschaft der Täter, doch
ihre Schwester hörte ihr gar nicht mehr zu.

Baader befreit…Sie hatte nicht geglaubt, dass das möglich
wäre. Immerhin waren sie in der BRD, wo der Sicherheitsstandart hoch war, nicht
in irgendeinem Dritte-Welt-Land. Wer Baader befreite, der konnte auch noch ganz
andere Sachen auf die Beine stellen, Aktionen, die etwas an der gegebenen
Situation veränderten. Jenes Abenteuergefühl ergriff sie wieder und sie
begriff, dass es keinen anderen Weg gab. Sie blickte zu ihrer Schwester, die
auf dem Teppich saß und ihren Monolog führte, doch mischte sich ihr Gesicht in
Ingrids Gedanken bereits mit Ahns. Sicherlich war die Verletzung des
Angestellten bedauerlich, doch war es ja nicht im Sinne der Befreier, sondern
reine Notwehr gewesen. Veränderung, die auf dem Weg vor ihr war, ihre Schwester
als Teil der Vergangenheit.

Wir werden immer zusammen gehen.

Ingrid zitterte am ganzen Körper, doch die Entscheidung war
unausweichlich, wenn sie etwas verändern wollte und so stand sie auf und
verkündete telefonieren zu wollen.

Das Telefon stand im oberen Stock, so dass weder Maria noch
ihre Mutter sie hören könnten. Mit zitternden Fingern nahm sie den Hörer ab und
wählte die Nummer, die Hermann ihr gegeben hatte.

„Ja?“ Die Stimme der jungen Frau am anderen Ende war ihr
unbekannt.

„Ist Hermann da? Ich möchte ihn sprechen.“

„Name?“

„Ingrid.“

Sie hörte die Frau Hermanns Namen rufen und kurz darauf
schwere Schritte, die rasch näher kamen.

„Ingrid? Bist du’s?“

„Ja“, antwortete sie und holte tief Luft. Sie sah Anh auf
dem Krankenbett mit ihren verkrüppelten Armen, die Pflegerin, die sich über die
Bild beugte und seltsamerweise sogar ihre Schwester. „Ich bin bereit.“ Keine
Worte waren ihr je schwerer gefallen.

Schweigen. Dann Hermanns Stimme, die laut durch den Hörer
schall. „Ja, das bist du. Willkommen bei den Menschen, die etwas bewegen und
sich mit den Genossen auf der ganzen Welt solidarisch erklären. Wir können dich
gebrauchen, jetzt mehr denn je“

Stolz durchflutete sie. Stolz und das Wissen, die richtige
Entscheidung getroffen zu haben. Nur das Zittern in ihren Händen und das Rasen
ihres Herzens verließ sie nicht, auch wenn sie es nicht verstand.

Es knackte in der Leitung, dann drang Hermanns Stimme erneut
zu ihr. „Wir treffen uns, wenn du wieder in West-Berlin bist. Dann erkläre ich
dir alles und stelle dir einige Genossen vor, die sich ebenfalls dem Kampf für
die Freiheit und Gerechtigkeit verschrieben haben.“

Es hörte sich so gut an, was er sagte. Ein Kampf für
Freiheit und Gerechtigkeit. War es nicht das, wovon sie immer geträumt hatte
und weshalb sie schon als Kind mit Vorliebe Robin Hood und die Fünf Freunde
gespielt hatte? Damals waren es Träume gewesen, jetzt Türen, die sich vor ihr
öffneten. Veränderung. Sie konnte sie spüren und schmeckte den süßen Duft in
der Luft. Es gab keinen süßeren Duft als den jener Veränderung, die sich jetzt
anbahnte. Veränderung, die machbar geworden war.

Wir werden immer zusammen gehen. Sie hatte diese
Worte nicht vergessen, nur ihre Bedeutung hatte sich verändert. Mehr als zuvor.
Sie umfassten mehr als sie und ihre Schwester, sondern nun all jene Genossen,
die mit der Waffe in der Hand für die Freiheit des Volkes und das Ende des
Imperialismus einsetzten. Verrat gab es nicht. Ingrid war ein Teil dieser
Gruppe geworden und es gab kein Zurück. Aber sie wollte es auch nicht.
Bedeutungslos in diesem Moment.

Veränderung. Endlich in ihrer Hand.

 

 

 

 


    

 

Die Bildung der RAF 1970 hatte
in der Tat spontaneistischen Charakter. Die Genossen, die sich ihr anschlossen,
sahen darin die einzige wirkliche Möglichkeit, ihre revolutionäre Pflicht zu
erfüllen. Angeekelt von den Reproduktionsbedingungen, die sie im System
vorfanden, der totalen Vermarktung und absoluten Verlogenheit in allen
Bereichen des Überbaus, zutiefst entmutigt von den Aktionen der
Studentenbewegung und der APO hielten sie es für nötig, die Idee des
bewaffneten Kampfes zu propagieren. Nicht weil sie so blind waren, zu glauben,
sie könnten diese Initiative bis zum Sieg der Revolution in Deutschland
durchhalten, nicht weil sie sich einbildeten, sie könnten nicht erschossen und
nicht verhaftet werden. Nicht weil sie die Situation so falsch einschätzten,
die Massen würden sich auf ein solches Signal hin einfach erheben. Es ging
darum, den ganzen Erkenntnisstand der Bewegung von 1967/68 historisch zu
retten; es ging darum, den Kampf nicht mehr abreißen zu lassen.

 

- Ulrike Meinhof 1975 über die Gründung der RAF -

 

3.6.1970, Eutin

 

Mit einem Lächeln betrachtete Ingrid ihre Schwester im Licht
des Mondes, das durch das offene Fenster hereindrang. Sie sah so unschuldig, so
verletzlich aus wie sie in ihrem Bett lag, die Decke fort getreten, nur mit
einem Nachthemd bekleidet, für dessen rote Blümchen sie eigentlich schon viel
zu alt war. Ihr Haar, das dunkler wirkte, als es eigentlich war, war zerzaust
wie immer des Nachts. Die Augen zuckten unter den Lidern und verrieten, dass
Maria träumte. Die Ältere hoffte so sehr, dass ihre Schwester von Glück und
Hoffnung träumte, anstelle des Leids, das diese Welt prägte.

Sie hob die Hand und legte sie auf die Wange der Schülerin.
Die Haut war warm und weich unter ihrer Berührung, doch Ingrids Finger waren
kalt, so dass sie sich bald regte.

Maria schlug die Augen auf und weitete sie überrascht. Jedes
andere Mädchen ihres Alters hätte geschrien, doch nicht Maria. Die Wangen
röteten sich und jedes strahlende Lächeln, für das Ingrid ihre Schwester
verehrte, zierte ihre Mundwinkel.

Ohne ein Wort sprang sie auf und umarmte den unerwarteten
Gast heftig. Ingrid drückte den warmen, lebendigen Körper an sich, spürte das
Herz ihrer Schwester an ihrer Brust pochen und nur dank des Gedanken an die
kalten, leblosen Körper auf den Feldern Vietnams vermochte sie es ihre
Schwester von sich zu schieben.

Maria hob eine Augenbraue, doch ging nicht darauf ein und
fragte nur: „Was machst du hier? Du wolltest doch erst zu deinem Geburtstag
wiederkommen!“ Ihre Stimme zitterte und jegliche Freude schien verschwunden
hinter der Frage, was ihr Besuch hier bedeuten mochte. Es war kein normaler
Besuch, nicht mitten in der Nacht, nicht wenn Ingrid sich heimlich ins Haus
geschlichen hatte, das wussten sie beide.

Nichts war Ingrid je schwerer gefallen, als die folgenden
Worte über die Lippen zu bringen: „Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.“
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, alles zurück zu lassen und sich vollends der
Revolution anzuschließen.

Die Angst war nun nicht länger verdeckt, sondern ein offener
Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Schwester.

„W-Wohin?“

Ingrid bewunderte es, dass ihre Schwester nicht nach dem
Warum fragte und dass ihre Augen trocken blieben.

„Dorthin wo die Revolution mich braucht.“ Ein Teil von ihr
wollte ihrer Schwester von Jordanien erzählen, dem Camp, das sie dort mit den
Genossen besuchen würde und ihren Plänen. Doch wäre es Verrat gegenüber den
Kameraden und so schwieg sie.

„Was redest du denn da? Dein Platz ist hier, meinetwegen
auch in West-Berlin, aber auf jeden Fall an meiner Seite.“

„Dieser Teil meines Selbst gehört der Vergangenheit an, denn
kennt der Revolutionär keinen Komfort, sondern nur den Kampf.“ Der offene
Schmerz in den Augen ihrer Schwester schmerzte auch Ingrid, doch war die
Wahrheit das allerbeste Heilmittel und Maria musste ihren Weg einfach
verstehen.

„Du kannst nicht gehen!“ Maria schüttelte wild den Kopf und
wirbelte ihre Haare auf. „Ich brauche dich!“

„Wie alt bist du? Schaue der Realität ins Auge. Du kannst
auf dich selbst aufpassen, aber die Kinder in Vietnam können sich nicht selbst
verteidigen und brauchen unsere – meine – Solidarität.“

„Das ist doch Quatsch! Baue erst dein eigenes Leben, damit
du damit den Kindern helfen kannst, aber ich bitte dich, werfe deine Zukunft
nicht weg!“ Die Tränen rannen nun ungehindert über ihr Gesicht, aber Ingrid
bestärkten sie nur in ihrer Entscheidung. Wenn ihre Schwester es noch nicht
einmal vermochte, diesen notwendigen Abschied zu verkraften, wie sollte sie
dann eine Revolution an ihrer Seite führen?

„Sag unserer Mutter und Thomas meinetwegen, dass ich hier
war, oder auch nicht. Ich muss nicht länger Rücksicht auf sie nehmen.“

„Nein.“ Erneut schüttelte Maria den Kopf. „Das mache ich
nicht. Es würde Mutter das Herz brechen.“

„In Ordnung.“ Ingrid nickte „Ich werde aus meiner
West-Berliner WG Briefe von einer Freundin schicken lassen, die unsere Eltern
lesen können. Wenn du Nachrichten von mir möchtest, dann geh zur Hütte im Wald,
dort werde ich Briefe für dich hinterlegen.

Maria strich sich eine tränennasse Haarsträhne aus dem
Gesicht, aber sie nickte.

„Ich habe noch etwas für dich.“ Sie stand auf, durchquerte
ihr Zimmer und blieb vor dem Bücherregal stehen. „Eigentlich wollte ich es dir
zum Geburtstag schenken, aber jetzt…“ Erneut wurde sie von einem Schluchzen
gepackt und sank in sich zusammen.

Verächtlich schüttelte Ingrid den Kopf. Warum hatte sie nie
zuvor die Schwäche ihrer Schwester erkannt? Jene Schwäche, die sie für die
Revolution ungeeignet machte und die auch Ingrid hatte ablegen müssen, um Mitglied
der Vereinigung zu werden, die als erste die Waffe in die Hand nahm, um für die
Freiheit zu kämpfen.

„Hör auf zu flennen, das ist deiner nicht würdig.“

Maria wandte sich um und blickte sie an.

„Haben sie dir deine Gefühle genommen? Wo ist dein gütiges
Herz geblieben, Schwester?“

Verächtlich schnaubte Ingrid auf. „Mein gütiges Herz kämpft
für die Befreiung des Proletariats und Vietnams, nur ist es jetzt hart
geworden, um nicht länger vor dem Unvermeidbaren zurückzuschrecken.“

Ihre Schwester zuckte zusammen, aber Ingrid bemerkte es
nicht einmal. „Die Revolution“, sie legte die Hand aufs Herz, „ist nicht zu
stoppen.“

„Die Revolution? Ich will eine Schwester und keine
Revolution.“ Flehend streckte sie ihre Hand zu ihr aus und für einen Moment
hing sie zwischen ihnen. Doch es war Maria, die sie sinken ließ, denn besaß
Ingrid keine Intention, sie zu ergreifen.

„Dann bist du verloren!“ Ingrid wusste sehr wohl, dass sie
unbarmherzig klang, doch galt es eine klare Botschaft, eine klare Trennlinie zu
ziehen, wie es Hermann ihr erklärt hatte. Sonst konnte sie keine Revolutionärin
mit ganzem Herz und ganzer Seele sein.

Ihre Schwester schwieg und wandte sich ab. Sie verbarg ihr
Gesicht zwischen den Händen. Als sie sich umdrehte, hatte sie die Tränen
abgewischt und hielt ein Buch vor sich.

„Hier.“ Sie reichte es ihrer älteren Schwester und deren
Finger schlossen sich instinktiv um die Seiten gebündelten Papiers. „Vielleicht
öffnet dir das ja die Augen und lässt dein Herz wieder so weich werden, dass du
darüber nachdenkst, was du da eigentlich tust.“

Doch als Ingrids Augen nur teilnahmslos über den Titel der
Lübecker Christenprozeß 1943

schweiften, schien etwas in ihr zu zerbrechen und erneut
zuckte sie zusammen.

„Hast du wirklich geglaubt, mich mit einem Buch kaufen zu
können?“ Ingrid spie vor ihr auf den Boden, um der Verachtung ein Zeichen zu
setzen. Vielleicht weil es einfacher war, sich vorzustellen, Maria zu
verachten, als sich einzugestehen, dass sie ihre Schwester jetzt schon
vermisste.  Dennoch steckte sie das Buch
in ihre Jackentasche, bevor sie sich aufrichtete und sich auf den Weg zum
Fenster begab, um sich auf den Rückweg zu machen.

Wir werden immer zusammen gehen! Du hast es
versprochen“ Jede einzelne Träne auf Marias Gesicht glich einem Dolchstoß in
Ingrids Herz, doch sie wandte sich nicht um und sah nicht zurück. In der
Gegenwart ihrer Schwester verschwammen die Gedanken an Anh, die Genossen und
der Kampf für die Gerechtigkeit und das durfte nicht sein. Maria ging es gut,
viel besser als Anh oder den Kindern in Vietnam, so dass es galt, Prioritäten
zu setzen. Sie hatte sich entschieden und es gab kein zurück.

Ohne ein weiteres Wort stieg sie aus dem Fenster und
verschwand, um den Weg einer Kämpferin zu gehen.

Maria hielt sie nicht zurück.

Wir werden immer zusammen gehen. Es war nur ein
Märchen, das bestimmt auch vietnamesische Eltern ihren Kindern eingeflüstert
hatten, bevor sie unter amerikanischem Napalm ihr Leben ausgehaucht hatten.
Vergangenheit.

 

Zwei Tage später stand Ingrid vor dem Flughafen Schönefeld und
fühlte sich auffällig beobachtet. Es schien, als ob jeder erkennen könnte, dass
sie aus dem Westen stammte, obwohl sie schon extra alte Sachen angezogen hatte.
Niemand grüßte sie oder schenkte ihnen ein Lächeln. Stattdessen eilten die Menschen
mit eingezogenen Köpfen, die Einkäufe an sich gepresst, an ihnen vorbei,
dennoch spürte Ingrid die Blicke.

„Entspann dich!“, zischte Hermann an ihrer Seite und nahm
ihre linke Hand. Seine war nicht weniger schwitzig als ihre, doch lag eine
Endgültigkeit in seiner Stimme, die dazu führte, dass Ingrid schwieg.

Er hielt inne, stellte seinen Koffer ab und strich ihr eine
Haarsträhne aus den Mundwinkeln. Dann versenkte er sein Gesicht in ihren
offenen Haaren und brachte seinen Mund an ihr Ohr heran. „Lächle! Wir sind ein
verliebtes Pärchen auf Urlaubsreise. Was soll uns schon geschehen?“

„Du hast recht“, erwiderte sie.

„So ist’s recht!“ Falls sie zuvor noch Angst gehabt hatte,
so trieb sein Kuss sie ihr aus. Ingrid konnte nicht verhindern, dass sich ein
Lächeln über ihr Gesicht zog, sie errötete und sich automatisch aufrechter
hinstellte. Es ist nur Tarnung, flüsterte sie sich selbst zu, Vergiss
es nicht.

Doch ein Teil von ihr tat genau das, als Hermann sie erneut
küsste. Vergas, weshalb sie hier waren und stellte sich vor, dass sie einfach
nur eine Studentin mit ihrem Freund auf Urlaubsreise war. Für ihn war dieses
Theaterstück so einfach, aber nicht für sie. Vielleicht wäre es das mit jemand
anderem gewesen, doch es war Hermann, mit dem sie ankommen und reisen sollte.
Er hatte sie nach ihrer Entscheidung vor knapp einem Monat an seine Seite
genommen, sie den Genossen vorgestellt, ihr die Pläne erklärt und sie in die
Organisation eingeführt, die sie zu gründen planten. Er war es gewesen, der ihr
Tipps gegeben hatte, wie sie ihr Untertauchen verschleiern und ihre Umgebung
täuschen konnte. Nur den Rat, den Kontakt zu ihrer Familie vollends
abzubrechen, den hatte sie nicht befolgt.

Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, von dem sie glauben
wollte, dass er nicht nur zum Theater gehörte, sondern wirklich ihr galt und
das sie entgegnete.

„Komm, wir wollen doch unseren Flug nicht verpassen!“ Er
griff nach seinem Koffer und nahm erneut ihre Hand. Ingrid entgegnete den Druck
und gemeinsam traten sie schon fast ein wenig zu beschwingt in das
Flughafengebäude.

 

Viele Menschen bevölkerten die Wartehalle, so dass Ingrid
Hermanns Hand noch fester umklammerte, damit sie nicht getrennt wurden. Sie war
noch nie in einem Flughafengebäude gewesen, doch schien es ihr, als wirkte
alles schäbiger, als sie von Westberlin gewohnt war. Nach ein paar Minuten war
es auch ihr möglich Ostdeutsche von Westdeutschen zu unterscheiden. Erstere
wirkten stiller, in sich gezogener, darauf bedacht, keine Fehler zu machen, und
redeten kaum, selbst die wenigen Kinder nicht.

„Sieht so die Freiheit aus?“, fragte Ingrid den Genossen an
ihrer Seite leise.

Hermann zuckte mit den Schultern. „Das sind Genossen, die
ihr Glück noch nicht verstanden haben.“

„Sicherlich.“ Ingrid nickte. Eigentlich hatte sie nie
sonderlich viel über die DDR nachgedacht. In ihrer Kindheit hatte ihr
Stiefvater immer über den Unrechtsstaat geschimpft, der ihn von seiner Familie
trennte und in ihrer Studentenzeit war die BRD so viel relevanter gewesen. Doch
der Gedanke an einen Staat, der auf Marx und Lenin aufbaute, war tröstlich
gewesen. Natürlich mussten die Menschen glücklich sein.

„Ich glaub, dort sind sie.“ Hermann deutete auf ein Paar,
das links von ihnen in einer Schlange stand. Als sie näher kamen, erkannte
Ingrid, dass er Recht hatte. Die junge Frau, die ihr wage bekannt vorkam,
musste Petra sein und der Mann an ihrer Seite Manfred. Mit ihnen waren sie
verabredet.

„Franz!“ Petra sah sie zuerst und begrüßte Hermann lautstark
mit seinem Tarnnamen. Während die beiden Männer sich umarmten, trat sie auf
Ingrid zu und musterte sie neugierig.

„Hallo, Judit! Es freut mich, dich wieder zu sehen.“ Ohne
ein Anzeichen des Zögerns drückte sie Ingrid an sich und umarmte sie so, dass
man sie für enge Freundinnen halten musste. Es war eine schauspielerische
Glanzleistung, die Ingrid, obwohl sie für ihr Leben gern Theater spielte, nur
schwer erwidern konnte.

„Wie läuft dein Studium, Judit? Bist du gut durch die
Prüfungen gekommen?“ Nur die Lautstärke ihrer Stimme verriet die Nervosität
Petras. Besonders, als sie Ingrids Tarnnamen fast schon ausschrie, drehten sich
einige Leute zu ihnen um. Als Hermann sie um einen Tarnnahmen gebeten hatte, da
hatte sie den dieser mutigen Frau aus den Apokryphen gewählt. Es war die
gottesfürchtige Witwe gewesen, die alleine mit ihrer Magd in das Heerlager der
Belagerer gegangen war und den Heerführer erschlagen hatte, wodurch Israel von
einer großen Gefahr befreit worden war. Und genau das wollte auch Ingrid
erreichen, die Befreiung des Proletariats, die Freiheit Vietnams und das Ende
des Imperialismus.

„Es war sehr anstrengend“, begann sie, als sie bemerkte, wie
lange sie geschwiegen hatte, „und einige sind durchgefallen, aber ich habe es
geschafft. Umso mehr freue ich mich jetzt auf die Zeit in Jordanien.“

„Natürlich, den hast du dir auch r…“ Petra brach ab und als
Ingrid ihrem Blick folgte, bemerkte sie den offiziell wirkenden Mann, der bei
Hermann und Manfred stand und auf sie einredete, wobei er immer wieder zur
anderen Ende der Halle zeigte.

Besorgt traten die beiden Frauen näher.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, wagte Ingrid zu fragen,
während ihr Herz wie wild pochte.

Der Mann, gekleidet in einen tadellosen Anzug, wandte sich
ihr zu und erklärte mit einem gönnerhaften Lächeln, bei dem sie sich wie ein
kleines Schulmädchen fühlte: „Machen sie sich keine Sorgen, Fräulein, nur eine
Unstimmigkeit mit den Ausweisen dieser beiden Herren.“

Sie wechselte einen raschen Blick mit Petra, die ihr
Entsetzen nicht mehr überspielen konnte. Ingrid wusste nicht wie die beiden
anderen es gemacht hatten, aber sie und Hermann trugen gefälschte Ausweise.

Hermann trat zu ihr und hauchte ihr einen Kuss auf die
Stirn. „Mach dir keine Sorgen, Schätzchen. Wir klären das schon.“ Doch den
Ausdruck der Sorge auf seinem Gesicht konnte er nicht verbergen.

„Mein Herr, wir wollen unseren Flug nicht verpassen,
verstehen sie…?“ Petra scheiterte an dem Versuch eines freundlichen Lächelns.

„Das lassen Sie mal ganz allein meine Sorge sein.“ Mit einem
aalglatten Lächeln verabschiedete er sich von ihnen und verschwand mit Hermann
und Manfred. Sie sahen ihnen hinterher, bis sie in der Menschenmenge
verschwanden, nicht genau wissend, was sie jetzt tun sollten. Wie hatte der BND
sie nur finden können? Ingrid verstand es nicht, hatten sie doch alles getan,
um ihre Spur zu verwischen. Was sollten sie tun? Konnte der BND überhaupt etwas
tun? Immerhin waren sie nicht in der Bundesrepublik, sondern in der DDR. Und
die DDR und sie verfolgten doch dieselben Ziele, waren Genossen, sicherlich würden
sie ihre Gruppe nicht ausliefern. Ingrid nickte, zufrieden mit dieser
Feststellung. So musste es sein.

„Benötigen sie Hilfe?“ Der Tonfall klang so viel
freundlicher als der des jungen Mannes.

Ingrid wandte sich um und blickte in das Gesicht eines Herrn
mittleren Alters, dessen Haar von grauen Strähnen durchzogen war und um dessen
Hals eine neue Leicaflex baumelte. Neben ihm stand eine ebenso alte Frau, die
sie freundlich anlächelte.

„Nein. Es ist nur eine kleine Unstimmigkeit, die bald schon
geklärt sein wird. Aber haben sie vielen Dank!“ Petra wandte sich wieder ab,
wohl in der Hoffnung die Alten damit abgewimmelt zu haben, doch war dem nicht
so.

„Fliegen sie das erste Mal nach Jordanien?“, fragte die
relativ kleine Frau.

„Ja“

„Nun wir waren vor drei Jahren schon einmal dort und haben
uns entschlossen, die Reise zu wiederholen, weil sie uns so gut gefallen hat.“
Der Mann beugte sich verschwörerisch zu ihr herab, „Das Flughafenpersonal ist
zwar extrem unhöflich, aber was soll man machen?“ Er zuckte mit den Schultern.
„Die Flüge sind so günstig und da meine Frau und ich gut ohne Komfort
auskommen, fliegen wir trotzdem immer von Schönefeld aus.“

Seine Gattin nickte. „Jordanien ist wunderschön. Es wird
Ihnen dort gefallen. Die Landschaft ist wunderschön, auch wenn man sich erst
einmal an die Hitze gewöhnen muss. Auf jeden Fall anders, aber es lohnt sich.“

„Was machen sie denn dort? Haben sie irgendwelche
Ausflugsziele?“

Ingrid schwieg. Was sollte sie auch antworten? Das sie zu
einem Camp der Al Fatah fuhr, um sich für den Kampf gegen den Imperialismus
ausbilden zu lassen? Doch bevor sie sich etwas ausdenken konnte, schlangen sich
zwei Arme von hinten um sie und Hermanns Kopf schob sich über ihre Schulter.

Mit einem Lächeln, welches verriet, das alles gut
ausgegangen war, wandte er sich an das Ehepaar und meinte: „Also wir drei
anderen wollen uns eigentlich nur erholen, aber Judit forscht für ihr Studium
dort. Wer war das noch mal? Die Nabater?“ Sie schlug ihm lachend auf dem Arm,
erleichtert, dass es ihm gut ging, dankbar für ihn.

„Es waren die Nabatäer, Liebling.“

„Die meinte ich doch!“

„Natürlich.“ Sie verdrehte die Augen. „Die Nabatäer waren
antike Nomadenstämme, die sich im zweiten Jahrhundert nach Christus zum
Königreich Nabataea zusammenschlossen. Ihre Hauptstadt war Petra, eine
sagenhafte Ruinenstadt, die wir besuchen werden. Bekannt wurden die Nabatäer
vor allem für ihre weit entwickelten Bewässerungsanlagen, mit denen sie trotz
des extrem ariden Klimas Ackerbau betreiben können“, erklärte Ingrid dem Paar.

Der Mann lächelte freundlich. „Es ist schön, dass junge
Menschen Träume haben und für diese leben.“

Seine Frau nickte. „Und bewahrt euch eure Liebe. Sie ist
sehr kostbar vor allem in diesen schwierigen Zeiten. Wir wünschen euch alles
Gute.“

„Vielen Dank!“ Ingrid hob die Hand. „Lebt wohl.“

Ein letztes Mal nickte das Paar ihnen zu, dann verschwanden
sie zwischen den Menschenmassen.

Ingrid drehte sich zu Hermann um.

„Was ist passiert?“

Hermann runzelte die Stirn. „Er war nicht vom Bundesnachrichtendienst,
sondern von der Staatsicherheit.“

„Der Stasi? Was wollte er?“

„Sich überzeugen, dass wir auf derselben Seite stehen.“ Er
zuckte mit den Schultern. „Solange wie wir nur in der BRD und nicht hier Bomben
legen, dürfen wir weiterhin ungestört über Ostberlin in den Nahen Osten
ausfliegen. Wir müssen nur die DDR in Frieden lassen und da wir alle Genossen
sind, wird das nicht weiter schwierig.“

„Das heißt, uns steht nichts mehr im Wege!“ Ein strahlendes
Lächeln zog sich über Ingrids Gesicht und all die Anspannung, die zuvor auf
ihren Schultern gelastet hatte, verflog.

„Richtig!“ Erneut küsste er sie und Ingrid schmeckte seine
Erleichterung und wusste, dass es mehr war als nur Schauspielerei.

„Lass uns die Welt verändern“, flüsterte sie in sein Ohr.

Seine Bartstoppeln kitzelten, als er nickte.

„Für eine bessere Welt!“

Erneut küsste er sie und all die Träume, die sie als Kind
geträumt hatte, schienen in greifbare Nähe zu rücken. Jetzt, wo sie diese
endlich in die eigene Hand genommen hatte und bereit war, nach Jordanien
auszufliegen. Bald, wisperte sie sich selbst zu, Bald wird Vietnam
gerecht sein. Bald werden die Amis begreifen, dass wir nicht länger ihre Morde
unterstützen und sie in der BRD nicht mehr sicher sind. Bald.

Nur noch ein wenig Geduld, dann würde Anhs Leid gerecht
sein. Bald. Nichts hatte einen süßeren Klang.

 

 

 


    

Wir fordern von Springer: daß seine Zeitungen die

antikommunistische Hetze gegen die Neue Linke, gegen solidarische Aktionen der
Arbeiterklasse wie Streiks, gegen die kommunistischen Parteien hier und in
anderen Ländern einstellen; daß der Springerkonzern die Hetze gegen die
Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt einstellt, besonders gegen die
arabischen Völker, die für die Befreiung Palästinas kämpfen; daß er seine
propagandistische und materielle Unterstützung für den Zionismus - die
imperialistische Politik der herrschenden Klasse Israels einstellt; daß die
Springerpresse aufhört, über die ausländischen Arbeiter hier rassistische
Lügenberichte zu verbreiten.


 

Wir
verlangen, daß die Springerpresse diese Erklärung abdruckt.


Wir
verlangen nichts Unmögliches.


Wir werden
unsere Aktionen gegen die Feinde des Volkes erst einstellen, wenn unsere
Forderungen erfüllt sind.

Enteignet Springer!

Enteignet die Feinde des Volkes! Kommando 2. Juni

 

- aus der Erklärung vom 20 Mai 1972 -

 

19.5.1972, Hamburg

 

Als sich die Tür ruckartig öffnete und abgehetzte
Atemzüge erklangen, schauten alle, die im Wohnzimmer über den Plänen saßen,
auf. Ein Mitglied, dessen Name Ingrid unbekannt war, stand in der Tür und
blickte in die Runde.

„Eine Schießerei…“, keuchte er, „In Augsburg.“

Irgendjemand sprang auf und schaltete den Fernseher ein,
aber Ingrid bekam es gar nicht richtig mit. Hermann war in Augsburg…Zusammen
mit Andreas und Jan-Carl. Vor zwei Wochen war ihr Freund in seine Heimat
zurückgekehrt, um dort den Kampf vorzubereiten, so wie sie es hier in Hamburg
tat. Die Sorge um ihn zerdrückte ihr das Herz, ließ ihren Atem stocken und
Schweiß sich in ihrem Nacken ansammeln.

Erst als jemand aufschrie, wandte sie sich um und blickte
ebenfalls auf den Fernseher.

„Bei der darauf folgenden Schießerei, bei der die
Flüchtigen rücksichtslos von der Schusswaffe Gebrauch machten, wurden zwei
Polizisten leicht verwundet und einer der drei Männer tödlich getroffen. Seine
Identität ist noch nicht zweifelsfrei festgestellt, doch wird vermutet, dass es
der aus Augsburg stammende Hermann Schulte ist, der seit zwei Jahren
untergetaucht zu sein scheint. Bei einem der entkommenden Schützen könnte es
sich zudem um Andreas Baader handeln, einen der Anführer der Terror-Gruppe. Erst
vor zwei Tagen wurde Thomas Weisbecker, ein anderes Mitglied der
Baader-Meinhof-Bande am Hohen Weg erschossen.“

Der Ton wurde leiser gedreht und jemand sagte leise:
„Scheiße!“

Ingrid saß wie erstarrt da. Tränen rannen ihr über das
Gesicht und ihre Fingernägel ritzten blutige Muster in ihre Handflächen. Nun
hatte der Schießbefehl also auch Hermann das Leben gekostet, nachdem schon
Petra und Georg das Jahr zuvor und vor zwei Tagen auch Thomas ihm zum Opfer
gefallen waren. Die Genossen Astrid, Manfred und Wolfgang hatte es noch
schlimmer erwischt, sie waren Gefangene jenes Staates, der von Polizeigewalt
geleitet wurde und seiner Willkür ausgesetzt.

Sie spürte den Zorn in sich, Kälte, die alles bedeckte,
was zuvor noch gezweifelt hatte und den Weg, der vor ihr lag, klar offen legte.
Hermann vermisste sie jetzt schon, doch war er für einen gerechten, guten Kampf
gestorben und das gedachte auch sie zu tun. Es gab keine Alternative. Die
Genossen brauchten sie.

„Dafür werden sie büßen“, erklärte Ingrid mit fester
Stimme und nickte mit grimmigem Gesichtausdruck. „Wir werden ihnen zeigen, dass
sie nicht straflos, welche von uns umbringen dürfen, weil wir dann
zurückschlagen und zehnmal mehr töten. Die Revolution ist nicht zu stoppen,
denn entlarvt dies nur das Gesicht des Polizeistaates, der gegen uns, die wir
für die Freiheit kämpfen, einen Schießbefehl verhängt.“

Jemand, Hannes, drückte ihr ein Glas in die Hand. Sie hob
es, schaute den Versammelten in die Augen. „Auf Hermann und die Freiheit, für
die er sein Leben gab!“

Bitter rann der Trunk ihr die Kehle hinab, aber sie
genoss es, weil es sie härter machte und der Schmerz, den sie fühlte, sie
endgültig zu einer wahren Revolutionärin werden ließ.

 

Ingrid schüttelte die Gedanken an Hermann ab und den Tag vor
zwei Wochen, als sie von seiner Liquidierung durch diesen faschistischen
Polizeistaat gehört hatte, den sie heute bekämpfen würde.

Ihr Blick wanderte die Fassade des Springer-Hochhauses
empor, jenes Gebäude, das wie kein anderes für sie in Hamburg Unterdrückung und
Hass bedeutete. Die Springer-Presse war es, die Lügen über die
Studentenbewegung veröffentlicht hatte und das Proletariat gegen die guten
Ideen der Bewegung aufgehetzt hatte. Und es war die Springerpresse gewesen, die
solange gegen Rudi Dutschke gehetzt hatte, bis tatsächlich jemand ihren
Aufrufen gefolgt war und den Anführer der APO niedergeschossen hatte. Sie
dachte an die Pflegerin in dem Hamburger Krankenhaus, die sich so fürsorglich
um Anh gekümmert hatte, doch von der Bildzeitung so verblendet war, dass sie
die guten Absichten der Studenten nicht hatte erkennen können. Und es lag in
Ingrids Hand, das jetzt und hier zu ändern.

Hannes nickte ihr zu. Er war der Genosse, der dafür
eingeteilt war, das Gebäude von außen zu überwachen, während Ingrid zu jenen
gehörte, die die Bomben platzieren würden. Sie straffte die Schultern und trat
ein in die Eingangshalle des Gebäudes.  Menschen, die ihr entgegen kamen, sich
unterhielten und so fremd wirkten, wie sie in die Bild starrten und Ingrid mit
hochmütigen Blicken musterten.

„Verzeihung?“ Eine Frau beugte sich von einem Tresen zu ihr
hinunter. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Nervös zwirbelte Ingrid eine Haarsträhne zwischen ihren
Fingern und drückte die Mappe an ihre Brust.

„Ich studiere Journalistik und würde gerne bei Ihnen ein
Praktikum machen. Um sicherzugehen, dass die Bewerbung auch ankommt, würde ich
sie gerne persönlich abgeben.“

Die Empfangsdame nickte, dann sah sie auf die Uhr.

„Wenn Ihr Euch beeilt, könnt Ihr  es noch gleich zu Herrn Pohls Büro bringen.
Er ist auch für Praktika zuständig.“

„Wo finde ich ihn denn?“ Natürlich wusste sie, durch
Erkundigungen schon wo das Büro des Herren war, doch je ausgeklügelter die
Verkleidung, desto weniger würden die Bullen sie später identifizieren können.

Die Empfangsdame wandte sich schon wieder ihren Unterlagen
zu. „Am Ende des sechsten Stockes.“

Ohne ein weiteres Wort ging Ingrid davon und steuerte einen
der Fahrstühle an. Sie hatten einen straffen Zeitplan und je schneller sie
fertig war, desto besser. Zwei junge Frauen stiegen mit ihr ein, unterhielten
sich leise und warfen immer wieder Blicke auf Ingrid. Sie bemerkte, wie ihre
Hände weiß wurden. Hatten sie etwas bemerkt? Spürten sie den Tod, der in der
Tasche auf ihrem Rücken tickte? Vergiss die Angst, dachte sie, Der
Revolutionär kennt keine Angst.
Und dennoch war sie da, unerbittlich.

Doch stiegen die beiden Frauen schon im vierten Stock aus
und nur der ältere Herr, der im dritten Stock zugestiegen war, verließ den
Fahrstuhl mit ihr im sechsten. Er schenkte ihr ein knappes Nicken, doch sie
ignorierte ihn und ging durch den Gang. Als ein Schild das Büro von Herrn Pohl
ausschilderte, ging sie weiter und bog in die Damentoilette ein.

Als sie wieder hinaustrat, hatte sie nur noch eine leere
Tasche bei sich.

 

Hannes wartete vor dem Gebäude auf sie.

„Die anderen sind noch drinnen“, erklärte er, „Aber noch
liegt alles im Zeitplan.“

„Sehr gut.“ Ingrid nickte. „Ich geh zum Wagen. Viel Glück
dir!“

Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht und er
meinte: „Ich bin gut genug, um es auch ohne Glück hinzukriegen.“

Sie zuckte nur mit den Schultern. „Wenn du das sagst.“

Es schien, als ob er noch auf etwas wartete, aber Hannes war
nun einmal nicht Hermann und so wandte sie sich mit ausdrucksloser Miene ab.

Im Auto, einem Alfa Romeo, befand sich nur der Fahrer, ein
schweigsamer Mann, von dem Ingrid nur den Tarnnamen kannte.

Immer wieder wanderte ihr Blick zur Uhr. Sie hatte die Bombe
platziert und damit ihren Job getan, dennoch verdammte sie ihre Untätigkeit. Katja
gesellte sich mit einem anderen Mann, dessen Namen Ingrid nicht kannte, zu
ihnen und die beiden ließen sich neben ihr auf die Rückbank sinken. Der Zeiger
wanderte weiter und überschritt die sechs. Nun war es jeden Moment so weit.
Dann um 15.41 erschütterte eine Detonation das Verlagsgebäude. Ein Loch wurde
auf Höhe des dritten Stocks in die Außenwand gerissen und Steine prasselten auf
den Gehsteig. Menschen, die schrieen und sich duckten, das Loch, die
Rauchwolke, all das war Musik in Ingrids Ohren und die Gewissheit, dass Hermann
gerächt war, erfüllte sie.

Auf einmal wurde die Beifahrertür aufgerissen und Hannes
stürzte herein.

„Diese verdammten Idioten!“, fluchte er, „Ich habe
angerufen, sie gewarnt und was machen sie? Evakuieren das Gebäude nicht! Keine
Arbeiter haben wir gesagt, keine Arbeiter.“

„Ist doch egal“, entgegnete der Mann neben Ingrid
gleichmütig, „Bombe ist Bombe.“

„Systemträger ja, aber keine…“, brauste Hannes auf, aber
Ingrid übertönte ihn, als sie den Fahrer anschrie: „Jetzt fahr doch endlich
los!“

Ohne etwas zu entgegnen, drückte der Mann auf das Gaspedal
und sie verließen den Tatort.

„Was ist mit Ulrike?“, fragte Katja, „Wann kommt sie?“

„Bald“, erklärte Hannes ungehalten und wandte sich erst
wieder um, als hinter ihnen eine zweite Detonation das Hochhaus erschütterte.

„Es waren nur zwei Bomben, oder?“, durchbrach Katja die
Stille, „Es sind nur zwei explodiert! Aber was ist mit den anderen dreien?“

„Die entscheidende Frage ist doch“, mischte Hannes sich ein,
„ob wir das Oberschwein erwischt haben, oder nicht.“

Katja zuckte die Schultern. „Ich hab die Bombe hinter einem
Sessel versteckt, nur wenige Meter von seinem Arbeitszimmer entfernt. Wenn sie
explodiert ist, muss es ihn erwischt haben. Aber vom Bombenbau habe ich nur
wenig Ahnung.“

„Wenn wir Axel Springer gekriegt haben, wäre das ohne jeden
Zweifel ein deutliches Zeichen für unsere Sache und würde viele Studenten, die
die Hetze Springers miterlebt haben, sich solidarisieren lassen.“ Hannes
nickte, offenbar mit sich zufrieden. „Das würde selbst die toten Arbeiter
aufwiegen.“

 

Ingrid war erleichtert, als sie die konspirative Wohnung
erreichten, in der sie momentan lebten, denn die Polizeistreifen waren stärker
vertreten, als sie gedacht hatte.

Hinter Katja trat sie ein und ließ sich sogleich vor den
Fernseher sinken, der eingeschaltet war.

„Es sind nur zwei Bomben explodiert“, erklärte ein Mitglied
und zeigte mit einem halben Würstchen in der Hand auf dem Fernseher.

„Wo sind sie explodiert?“, fragte Katja.

„Eine im dritten und eine im sechsten Stock.“

Hannes ließ seine Faust gegen die Wand krachen. „Verdammt!“
Mit zornigem Gesichtsausdruck ließ er sich auf den Boden sinken und starrte auf
das Blut, das seine Hand hinabtropfte. Der andere Mittäter war da nicht ganz so
entspannt. Er stapfte auf Katja zu und zog sie an den Haaren hoch.

„Was war’n das für ne Arbeit, Miststück?“ Ausdruckslos sah
sie ihn an. „Ich erledige Springer schon! Bei so ner Ansage, erwarten wir auch
Tatkraft! So was können wir bei uns nicht gebrauchen!“

Ein schmales Lächeln zog sich über Katjas Gesicht, auch wenn
der feste Griff wehtun musste. „Schieß dir da mal nicht ins eigene Bein. Du
hast doch eine im zweiten Stock versteckt, die ist auch nicht explodiert!“

Für einen Moment musterte er die junge Frau, doch dann ließ
er sie nach einem verächtlichen Aufschnauben los. Katja zog nur die Augenbrauen
hoch und ließ sich ohne ein weiteres Wort wieder vor den Fernseher sinken.

Die Gemeinschaft versank in Schweigen, bis Hannes sagte:
„Nur verletzte Arbeiter, man. Das können wir doch besser! Die in Frankfurt
haben einen verdammten Ami erledigt und wir nur Arbeiter, die’s sicher verdient
haben, aber eben keine Systemträger sind. Wir müssen besser pl…“

„Pass auf, was du sagst“, mischte Katja sich ein, „Die
Gruppe macht keine Fehler, nur der Einzelne, aber das Konzept ist richtig.“

„Natürlich“, erklärte Hannes eilig, der genau wusste, dass
Katja es war, die den Kontakt zu Andreas und Jan-Carl aufrechterhielt. „Es war
ein Anfang, ein guter Anfang, auf dem wir aufbauen können.“

„Richtig.“ Sie nickte und starrte erneut auf den
Fernsehbildschirm, wo soeben Verletzte gezeigt wurden und Menschen sich weinend
in die Arme schlossen.

„Was für Memmen“, kommentierte sie und ließ Ingrid von ihrem
Buch aufsehen, „Beschwören den Terror bereitwillig auf andere herab, aber wenn
sie mit ihm im eigenen Haus konfrontiert werden, stehen sie nur fassungslos
da.“

Erneut senkte sich Stille über die Gruppe, denn niemand
mochte so wirklich Triumph empfinden, wo sie doch den Springer nicht erwischt
hatten und niemand wollte etwas Falsches sagen.

Ingrids Blick fiel wieder auf das Buch in ihrem Schoß,
jenes, was ihre Schwester ihr vor zwei Jahren bei ihrer letzten Begegnung
geschenkt hatte. Der Lübecker Christenprozeß 1943. Eigentlich hatte sie
sich geschworen, es bei der nächsten Gelegenheit fortzuwerfen, doch hatte Maria
ein zu spannendes Thema gewählt, als dass sie ihm hätte widerstehen können. Der
mutige Widerstand einiger Christen gegen das Nazi-Regime hatte sie schon immer
interessiert und bestärkte sie zudem nur in ihrem eigenen Kampf.

„Hör mal.“ Katja tippte sie an und Ingrid sah von ihrem Buch
auf. „Da Ulrike sich verspätet, dachte ich, dass du schon mal das
Bekennerschreiben vorformulieren kannst. Natürlich wird Ulrike das letzte Wort
haben, aber dann hat sie schon einmal eine gute Grundlage, auf der sie arbeiten
kann.“

„Sehr gerne!“ Ohne zu zögern, sprang Ingrid auf und warf ihr
Buch zur Seite.

Jetzt konnte sie endlich mit Worten ihre Überzeugungen
darlegen, damit auch der allerletzte

Student verstand wie ernst es ihrer Gruppe war und für wen
sie kämpften.

Sie holte ihre Schreibmaschine aus ihrer Tasche und stellte
sie auf den Kückentisch, nachdem sie einen Haufen Blätter zur Seite geschoben
hatte. Was sollte sie schreiben?

Nachdenklich griff sie in ihre Hosentasche und erspürte die
Kanten des „enteignet Springer“ Ansteckers, den sie seit vier Jahren ständig
mit sich rum trug. Ein Lächeln zog sich über ihr Gesicht, ja sie wusste, was
sie schreiben wollte. Enteignet Springer! Enteignet die Feinde des Volkes! Das
würde ohne Zweifel ein guter Schluss sein. Natürlich galt es zuvor das Bedauern
über die verletzten Arbeiter auszudrücken und Springer die Schuld dafür
zuzuschieben. Das würde nicht weiter schwer sein, die Springer-Presse war bei
den Studenten verhasst genug, so dass sie alles in die Hand nehmen würden, um
Springer mit Schmutz zu bewerfen.

Mit einem Lächeln legte sie ein Blatt Papier in die
Schreibmaschine und begann zu tippen. Nun fühlte sich ihr Leben endlich
sinnvoll, endlich erfüllt an. Wusste sie doch, für was und wen sie kämpfte. Das
musste sie sein.

Freiheit.

 


    

 Das ist ein Problem und wir
sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist
ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm
auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden und es ist
falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen
werden.

- Ulrike Meinhof,  Juni 1970 -

 

13 Juni 1972, Hamburg

 

„Wir sollten von hier verschwinden!“ Betont gelangweilt
beugte Ingrid sich vor und blickte ihr Gegenüber an.

„Hast du was gesehen?“ Hannes trank einen Schluck Kaffee,
während er die Augen durch das kleine, schmuddelige Café schweifen ließ.

„Der Kerl am Fenster passt nicht hierher. Ich glaub, das ist
n Schwein in Maske.“

„Ein Schwein in Maske! Wie beim Karneval!“ Sein Auflachen
bewegte Ingrid nur dazu, die Augen zu verdrehen. Manchmal hatte sie das Gefühl,
dass ihr Kamerad die Revolution nur als ein aufregendes Spiel sah, bei dem die
Befreiung des Proletariats einfach ein nettes Extra war, nicht das Ziel. Hannes
war ein Student aus gutbürgerlicher Familie, der niemals gelitten hatte und
erst relativ spät zu ihrer Gruppe gestoßen war. Er hatte nicht das gesehen, was
Ingrid erlebt hatte. Nicht die Knüppel gespürt, die ihr Land als Polizeistaat
entlarvt hatten, nicht erlebt, wie sich die Wut, als Ohnesorgs Mörder
freigesprochen worden war, in Westberlin entladen hatte, während Ensslins und
Baaders Brandstiftung als Rache für Vietnam mit drei Jahren Gefängnis geahndet
worden war. Stattdessen hatte er im gemütlichen Heidelberg studiert und war mit
anderen Mitgliedern des Sozialistischen Patientenkollektivs zu ihnen
übergetreten.

Angeblich war es Hannes gewesen, der vorgeschlagen hatte,
den nächsten Banküberfall mit Mickey-Maus Masken durchzuführen. Andreas sollte
darüber nur gelacht haben.

Erneut warf sie einen Blick auf den Mann am Fenster, dessen
Uhr die Sonnenstrahlen reflektierte und Lichtflecken über die unverputzten
Wände tanzen ließ. Er war jung genug, um in die überwiegend junge Kundschaft zu
passen, doch sowohl Kleidung als auch Körperhaltung ließen sie mehr an einen
jungen, übereifrigen Mann des Verfassungsschutzes denken. Dieses Cafe war als
Treffpunkt der linken Szene bekannt, doch bisher hatte es als sicher gegolten.

„Wir haben, was wir brauchen, komm!“ 

Ingrid stand auf und hörte den Brief, der ihnen eben
übergeben worden war, an ihrem Oberschenkel leise knistern. Sie alle hatten auf
diese Antwort gehofft, denn nachdem die Genossin Gudrun erst vor wenigen Tagen
am Jungfernstieg von den Schweinen gefasst worden war, wurde der Fahndungsdruck
auf ihre Gruppe in Hamburg immer stärker. Ulrike musste von hier fort, sonst
verlor die Organisation auch ihren dritten Anführer im Kampf gegen das System.

„Komm!“ Hannes ließ einige D-Mark auf den Tisch fallen,
während Ingrid den Reisverschluss ihrer Jacke schloss.  

Ihr Genosse stieß die Tür auf und gemeinsam traten sie auf
die schmale Nebenstraße. Aus den Augenwinkeln nahm Ingrid noch wahr, wie der
Mann am Fenster aufstand.

„Scheiße“, fluchte Hannes, der den Mann anscheinend auch bemerkt
hatte.

„Wahrscheinlich ein V-Mann“, sprach Ingrid ihre Vermutung
laut aus, während sie ihre Schritte beschleunigte. Diese Überlegungen hielten
sie von den Gedanken ab, was gleich passieren mochte und schenkten ihr Ruhe.

„Mir doch egal!“, erwiderte Hannes, „Schwein ist Schwein.“

„Vielleicht ist es ja auch nur…“, setzte sie an, doch dann sah
sie die Polizeisperre vor ihnen, die gerade die Personalien einer jungen Frau
kontrollierten, bevor sie die Bürgerin durchsuchten.

Fieberhaft überlegte Ingrid, was die Polizisten bei ihnen
finden konnten. Der Brief, der sicherlich Fingerabdrücke von Genossen aufweisen
würde, ihre Waffen und die Personalien. Sie beide trugen gefälschte Pässe bei
sich, denn auch wenn Ingrid bisher nicht auf den Fahndungsplakaten abgebildet
war, so wussten sie nicht, was die Schweine über sie alles gesammelt hatten. Es
waren Pässe, die noch Genosse Manfred Grashof vor seiner Verhaftung gefertigt
hatte. Manfred, den das Schwein Buddenberg schwer verletzt ins Gefängnis hatte
sperren lassen. Noch immer verwünschte Ingrid die Tatsache, dass es Buddenbergs
Frau und nicht das Justizschwein selbst gewesen war, die bei einer Autobombe
schwer verletzt worden war. Doch die Rache für die Verhaftung von Genosse
Manfred war jetzt nicht ihre größte Sorge, sondern die Polizisten, die soeben
einen Mann kontrollierten.

Sie blickte zu ihrem Begleiter. Hannes Schmidt mochte ein
Allerweltsname war, doch sein Gesicht war auf den Fahndungsplakaten neben
Genosse Klaus zu sehen und ein Mann konnte sich nicht so wie eine Frau
schminken oder die Haare in einer anderen Frisur tragen.

Das alles schoss ihr in den wenigen Sekunden durch den Kopf,
die sie auf der Straße standen und ihr Herz wie wild pochte.  Eine Frau mit Kinderwagen reichte ihren
Ausweis einem Polizisten, während sie versuchte, den schreienden Säugling auf
ihrem Arm zu beruhigen.

„Los!“, flüsterte Hannes, denn jetzt waren die Bullen
abgelenkt. Sie reichte ihm ihre Hand und gemächlich, als führten sie weiterhin
ein sklavisches Bürgerleben, kehrten sie um und schlenderten die Straße entlang.

Doch als eine Stimme in ihren Rücken erklang, die fragte:
„Verzeihung! Haben wir Sie schon kontrolliert?“ verloren sich ihre Hände
sofort, denn sie benötigten all ihre Konzentration, um sich auf die Straße vor
ihnen zu konzentrieren, deren Beton unter ihren Füßen hinweg flog. Doch an den
trommelnden Schritten erkannte sie, dass die Schweine die Verfolgung
aufgenommen hatten. Sie rannten an dem Café vorbei, in dem sie den Kontaktmann
getroffen hatten und bogen dann in eine kleine Gasse ein. Keinen Blick
verschwendete sie an die hübschen Fachwerkhäuser, die sie nur an jene
Sklavenmentalität erinnern würden, die sie dank ihrer Genossen als Teil ihrer
Vergangenheit bezeichnen konnte.

Obwohl hinter ihnen laute Rufe ertönten, nahm Hannes sich
die Zeit, um die Ecke zu spähen.

„Verdammt“, fluchte er und zog sich in den Schatten des
Hauses zurück.

„Dein Schwein in Maske mit Verstärkung“, keuchte er.

Inzwischen war Ingrid darüber hinweg, sich mit Erklärungen
beruhigen zu wollen.

„Hier lang.“ Sie deutete auf eine Mauer, die ein Grundstück
von der Straße abgrenzte. Mit einem großen Satz sprang Ingrid hoch, bekam die
Mauerkrone zu fassen und krallte sich mit beiden Händen am rauen Stein fest.
Für einen Moment schwebte sie in der Luft, dann zog sie sich hoch und schwang
ein Bein hinüber, so dass sie aufrecht auf der Mauer saß.

„Komm schon“, zischte sie und reichte Hannes ihre Hand.

Doch er ergriff sie nicht, sondern versuchte es alleine.
Innerlich verfluchte sie seinen falschen Stolz, doch schalt sie sich kurz
darauf selbst. Es war nicht ihr Recht, den Kameraden in diesem Moment zu
verurteilen.

Steinbrocken lösten sich von der Mauer, während Hannes
versuchte, sich mit den Füßen von der Mauer abzustoßen, um hochzukommen. In diesem
Moment kamen die Bullen um die Ecke gerannt und eine Kugel schlug in ein Haus
ein, so dass der Putz auf die Straße bröckelte. Diese Schweine schossen
tatsächlich ohne Vorwarnung auf sie, so wie sie es schon bei dem Ohnesorg getan
hatten!

Seltsam, dass sie dieser Laut an ihre Schwester erinnerte
und die Hüpfspiele, die sie mit ihr gespielt hatte. Merkwürdig, dass sie in
diesem Moment an das Klettern in den Wäldern ihrer Heimat dachte. Doch es war
Hannes, nicht Maria, der sich um Halt bemühte. Und Ingrid umfasste seine Hand
und zog ihn hoch, bevor er die Ungerechtigkeit des faschistischen Staates am
eigenen Leib erleben konnte. Sie verstand auch, dass er in diesem Moment seine
Waffe ziehen wollte, um den aufgestauten Gefühlen und der Angst eine Stimme zu
verleihen. Dennoch mussten sie weiter. 

„Ihr Schweine! Faschisten! Mörder!“ Hannes Stimme war rau
von jenem Zorn, der auch in ihrem Inneren loderte.

Ingrid zwang sich dazu, ihren Puls zu beruhigen und sich von
der Mauer zu schwingen. Ihre Füße federten auf dem kleinen Flecken Gras nach,
doch ihr Genosse keuchte auf, als er auf dem Boden auftraf.

Er nickte ihr zu, auch wenn sein Schritt langsamer war, als
sie durch den Hintergarten rannten und dabei die Wäscheleine einer entsetzten
Frau umwarfen.  

Sie deutete auf einen Holzstapel und kletterte ihn noch in
diesem Moment empor. Hannes folgte ihr auf das Dach eines Schuppens, dessen
Dach unter ihrem Gewicht bedrohlich knackte, der jedoch direkt an die Mauer zum
Nachtbargarten angebaut war.

Während die Frau entsetzt schimpfte, was sie sich denn
erlaubten, balancierte Ingrid schon auf der Mauer und sprang hinunter.

„Dort sind sie!“, erklang die dumpfe Stimme eines Bullen.

„Stehen bleiben! Sie sind umstellt!“

„Fickt euch, ihr Bullenschweine!“, schrie Hannes, während
er ebenfalls hinab sprang.

Sie rannten an einer verrosteten Schaukel und einem
Sandkasten vorbei, neben dem eine vergessene Puppe lag.

Ein Hund kläffte sie an, als sie einen Vorgarten
durchquerten und über den kleinen Gartenzaun sprangen. Sie jagten durch die
Straßen, verfolgt von den Bullen.

„Hier lang!“, keuchte Ingrid und bog auf den Hinterhof einer
Fabrik ein. Sie verbarg sich zwischen zwei Mülltonnen, doch Hannes folgte ihr
nicht. Stattdessen hörte sie kurze Zeit später die Bullen an ihr vorbei rennen
und Schüsse krachen.

Dieser Narr! Wenn er unbedingt Held spielen wollte, sollte
er doch, sie konnte auf eine Schießerei mit den Schweinen verzichten. Und den
Brief hatte sie.

Einen Moment blieb Ingrid zwischen den Mülltonnen hocken und
lauschte auf die umgebenden Geräusche, während sie versuchte, die Ereignisse zu
rekonstruieren.

Die Straßensperre, der V-Mann im Café, Hannes. Noch waren
die Schweine hinter Hannes her, aber wer wusste schon, wann sie diese Gegend
genauer durchsuchen würden. Bis dahin musste sie von hier weg sein.

Ingrid griff in ihren Nacken und löste den Pferdeschwanz, so
dass ihr die Haare nun offen ins Gesicht fielen und sie hoffentlich
unauffälliger wirken lassen würden. Für einen Moment überlegte sie auch, ob sie
ihre Lederjacke ausziehen und zurücklassen sollte, doch dann verwarf sie den
Gedanken. Nur die Jacke gewährleistete ihr, schnell die Waffe ziehen zu können.

„Was machst du da?“

Ingrid zuckte zusammen und automatisch fuhr ihre Hand zur
Waffe, doch als sie sich umwandte, standen dort nur zwei Kinder in einfacher
Kleidung.

„Ist doch klar!“, erklärte der Junge altklug, „Sie versteckt
sich vor den Bullen“

„Warum?“ Mit großen Augen musterte das Mädchen, vermutlich
seine Schwester, sie.

Auch ihr Bruder sah sie an, doch las sie in seinen Augen
Abenteuerlust und den Wunsch, es ihr gleich zu tun.

„Bist du von dieser Gruppe?“, fragte er, doch bevor sie
etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Mein Großpapa nennt euch Terroristen,
aber ich finde das so fantastisch!“

„Fritz?“ Das Mädchen zupfte ihn am Hosenbein. „Was sind
Terroristen?“

Mit einem großmütigen Lächeln beugte sich der Junge zu ihr
hinab. „Terroristen sind…sie sind wie Robin Hood. Das Buch, das Mama uns
vorgelesen hat. Erinnerst du dich? Papa hat mir erklärt, dass diese Gruppe wie
Robin Hood ist. Sie kämpfen für die Freiheit von Vietnam, für die Freiheit der
Unterdrückten. Großpapa versteht das nur nicht“

„Was ist Vietnam?“ Der Wissensdurst des Mädchens erinnerte
Ingrid an ihre Schwester.

Fritz zuckte mit den Schultern. „Irgendso’n Land. Genau weiß
ich das nicht. Aber Papa sagt, dass es richtig ist, was diese Gruppe tut. Und
gegen einen Robin Hood kann man ja wirklich nichts sagen“

„Nein.“ Das Mädchen nickte und die Schleife in ihrem Haar
wippte dabei. „Ein Robin Hood ist einfach nur toll!“

Es tat Ingrid gut zu sehen, dass die Arbeiterschicht ihren
Kampf gegen den Faschismus zu wertschätzen wusste. Wenn sie ihren Kampf in
Zukunft führte, würde sie dabei auch an dieses Geschwisterpaar aus dem
Proletariat denken, damit sie in einem Staat leben konnten, der keine Nazis und
Bombenabwürfe auf Vietnam unterstütze. Es machte Hoffnung, dass nicht jeder
Arbeiter von den Hasstiraden Springers vergiftet war und in der RAF einen
Freund fand, der für seine Freiheit auf die Barrikaden ging.

„Viel Erfolg, Robin Hood!“, wünschte das Mädchen mit einem
breiten Lächeln im Gesicht, bevor sie ihren Bruder an die Hand fasste.

Der Junge streckte ihr seine andere Hand entgegen und etwas
verdutzt ergriff Ingrid sie.

„Viel Erfolg, Genossin! Für die Freiheit!“

„Für die Freiheit“, wiederholte sie und konnte nicht anders,
als das Grinsen des Mädchens zu entgegnen.

Dieses winkte ein letztes Mal, bevor sie und ihr Bruder um
die Ecke verschwanden.

Ingrid lauschte noch einen Moment, doch als alles sicher
erschien, entschloss sie sich, los zu gehen.

 

An einer Straße stieß sie schließlich doch wieder auf zwei
Bullen, die sich über ein Funkgerät beugten.

„Ihr habt das Schwein? Fantastisch!“, erklärte der Jüngere
der beiden und selbst von hier konnte Ingrid, das sadistische Lächeln sehen,
das sich auf seine Züge legte.

Zorn erfasste sie, als sie von der Festnahme Hannes’ erfuhr.
Sie hatte Hannes als Menschen nicht gemocht, aber als Genossen akzeptiert. Diese
rücksichtslosen Faschisten! Wie Genossin Gudrun in der Erklärung „die Rote
Armee aufbauen“ schon geschrieben hatte: Ohne die
Rote Armee aufzubauen, können die Schweine alles machen, können die Schweine
weitermachen: Einsperren, Entlassen, Pfänden, Kinder stehlen, Einschüchtern,
Schießen, Herrschen.

Wenn sie diese beiden nicht
stoppte, würde dies noch mehr tote Studenten und eine weitere Unterdrückung des
Proletariats bedeuten.

„Ihr Ausweis, Fräulein“

Unwillkürlich fing ihr Körper an zu zittern, als sie
begriff, was sie nun würde tun müssen. Hier gab es keinen Ausweg über Mauern,
ein Rückweg wäre unsinnig und es waren ihr nur zwei Bullen im Weg.

„Fräulein?“ Der Ältere kam auf sie zu. Das Gesicht zu einem
Lächeln verzogen, das freundlich wirken würde, wenn er kein Bulle wäre. „Ist
alles in Ordnung?“

Eine Erinnerung an ihre Kindheit kam ihr in den Sinn. Eine
der wenigen, die sie von ihrem Vater hatte, ehe dieser an den Folgen einer
Kriegsverletzung gestorben war, als sie drei war. Er hatte sich über sie
gebeugt und ihr seine Gründe für sein Handeln im Krieg erklärt. Warum er Juden
und Osteuropäer verschont und beschützt hatte, während sein ganzes Umfeld es
anders gehandhabt hatte.

„Es geht darum nicht wegzuschauen“, hatte er erklärt und sie
hatte genickt, „Es geht darum, die Freiheit und die Gerechtigkeit zu
verteidigen!“ Damals hatte sie es nicht verstanden, doch jetzt tat sie es.

„Fräulein?“ Er kam noch einen Schritt näher. „Geht es Ihnen
nicht gut?“

Seine Waffe war gesenkt und er hatte den linken Arm halb
erhoben, als wolle er ihr helfen.

„Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Die Worte kamen
selbstverständlich über ihre Zunge. Worte, die sie seit ihrer Kindheit
bewundert hatte, ebenso den mutigen Mann, der dahinter stand und der damit eine
Kettenreaktion begonnen hatte.

„Bitte?“

Ingrid griff in ihre Jackentasche, während sie versuchte,
nicht daran zu denken, dass Genossin Gudrun beim Anprobieren einer ähnlichen
Lederjacke verhaftet worden war, und zog ihre Waffe hervor. Ihre Finger
zitterten nicht im Geringsten, als sie die Waffe entsicherte. Es war eine
Bewegung, die sie in Jordanien so oft ausgeführt hatte, dass sie ihr jetzt
Sicherheit gab.

Wie seltsam doch die menschliche Natur war, dass die Sorge
um sie ihn jetzt blind vor den Gefahren machte und der Bulle dennoch, ohne zu
zögern auf den wehrlosen Ohnesorg schoss und auf ihn eintrat.

Der Mann stand direkt vor ihr, die Waffe halb erhoben und
starrte sie an. Ihr linker Zeigefinger krümmte sich um den Abzug. Sie
bewunderte die Anmut, mit der das Blut aus seiner Brust schoss. Rot. Jene
Farbe, in welche die Bibel ihres Vaters eingeschlagen war. Tränen, von denen
sie nicht erklären konnte, woher sie kamen, benetzten ihre Augen, während sie
den Abzug erneut durchzog und schoss.

Der Bulle am Funkgerät hatte sich umgedreht und starrte sie fassungslos
an. Die Kugeln schlugen in die Hauswand links und rechts von ihm ein und sein Blut
spritzte an die Wand, so wie das seines Kumpanen den Boden benetzte.

Sie zog den Abzug für Ohnesorg. Für Petra, Georg und Thomas.
Die Genossen, die ihr Leben für die Revolution geopfert hatten und von dem
Schweinestaat für ihren Mut mit Hinrichtungen belohnt worden waren. Für die
beiden Kinder, die im Hinterhof einer Fabrik spielten. Für ihre Schwester,
damit diese ein Leben in Freiheit und Sicherheit führen konnte.

Du rächst sie, flüsterte sie sich zu.  Und dennoch sah sie in diesem Moment nicht
nur ein Schwein, sondern auch einen Menschen. Einen Menschen, der nun zu Boden
sank, die Hand auf die Brust presste und sie mit starren Augen anblickte.
Selbst jetzt schlugen die Kugeln weiterhin in seinen Körper und als das Magazin
leer war, konnte sie nur mühsam den Finger wieder vom Abzug lösen, so fest
hatte sie sich an ihn geklammert.

Die Pflicht eines Revolutionärs
ist, immer zu kämpfen, trotzdem zu kämpfen, bis zum Tod zu kämpfen, wiederholte
sie, jene Worte Blanqis, die auch in der Erklärung „Konzept Stadtguerilla“
erwähnt wurden.

Ohne einen weiteren Blick an die
beiden Schweine zu verschwenden, steckte Ingrid die Waffe in ihre Jacke, stieg
über sie hinweg und machte sich auf den Heimweg.

 

Eine Frau mit Kinderwagen kam
Ingrid auf den Treppen zu der Wohnung entgegen, so dass sie mit einem Lächeln
anbot, ihr behilflich zu sein. Der Säugling gluckste, als sie ihn hinab trugen
und schüttelte seine Rassel, die ein helles Klingeln durch das Treppenhaus
klingen ließ.

„Vielen Dank!“

Die Frau schob sich eine
schweißnasse Haarlocke aus dem Gesicht und lächelte sie freundlich an.

„Da nicht für! Kinder sind unsere
Zukunft.“ Ingrid beugte sich über den Kinderwagen. Das kleine Mädchen blickte
sie mit großen Augen an, bevor diese sich weiteten und sie zu greinen anfing. Ob
sie das Blut an ihren Händen sah, dass sie für ihre Freiheit und Zukunft
vergossen hatte?

Ingrid trat zurück und spürte, wie
die Tränen sich in ihren Wimpern sammelten.

„Es tut mir leid! Sie wird Hunger
haben“ Die junge Mutter sah sie erschüttert an.

„Es ist alles in Ordnung“ Sie
stolperte zurück „Es hat mich nur an etwas erinnert“

„Auf Wiedersehen“ Zögerlich hob
die Frau die Hand, bevor sie den Kinderwagen eilig die Straße entlang schob.

Ingrid hob ihre Hände vor das
Gesicht. Doch da war kein Blut. Nichts, was den Säugling hätte erschrecken
können. Aber die Puppe…Jene Puppe, die sie einst ihrer Schwester geschenkt
hatte.

Wir werden immer zusammen
gehen.
Ein Versprechen, von dem die
Umstände gefordert hatten, das sie es brach. Nur durch einen vollständigen
Kontaktabbruch war es ihr möglich, Maria zu beschützen und  eine echte Revolutionärin zu sein, die nicht ständig
darüber nachdachte, wie es sein würde, mit ihrer Schwester durch ihre
Heimatstadt zu spazieren. Ulrike hatte bei ihrem Gang in die Illegalität ihre
Zwillingstöchter, Gudrun ihren Sohn und Andreas seine Tochter zurückgelassen. Und
sie ihre Schwester. Maria war es, die sie zurückhielt, sie davon abhielt,
endlich vollkommen hinter den Zielen der Revolution zu stehen. Es war ihr
Verstand, der ihr all diese Gründe aufzählte, jene Rationalität, die Maria so
ausmachten. Nur ihr Herz, das sagte etwas anderes.

Ingrid wandte sich um, aber der
Kinderwagen war schon lange um die Ecke verschwunden. Mit einem Seufzen schob
sie diese Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg zur Wohnung.

Zu ihrem Bedauern lag die Wohnung
weit oben und es dauerte auch noch, bis jemand auf ihr Klopfen reagierte. Sie
war längst nicht wichtig genug, als dass man ihr einen Schlüssel geben würde.

Schließlich öffnete Gerhard ihr
und ließ sie mit einem Winken ein. Er lehnte sich aus der Tür, sah sich um,
schloss sie und fragte: „Dir ist niemand gefolgt?“

„Nein“

Dies war eine konspirative
Wohnung, angemietet von einem Hamburger RAF-Sympathisanten, der jedoch noch
nicht auffällig geworden war. Dennoch hatten sie vorsichtig zu sein. Schließlich
waren auch die Genossen Andreas, Holger und Jan-Carl in einer Garage in
Frankfurt am Main verhaftet worden, die als sicher gegolten hatte.

Erschöpft ließ Ingrid sich auf
einen Stuhl sinken und rieb sich die Stirn.

Klaus zog ein letztes Mal an
seiner Kippe und musterte sie. „Was ist passiert? Wo ist Hannes?“

„Die Schweine haben ihn geschnappt“

„Verdammt!“ Klaus ließ seine Faust
auf den Tisch krachen, so dass dieser wackelte und zwei Gläser am Boden
zerschellten. „Daran zeigt sich das wahre Gesicht dieser Demokratie! Nämlich
den Faschismus, der die Revolutionäre um jeden Preis vernichten will! Das haben
wir bei Ohnesorg gesehen und das haben schon die Genossen Petra, Thomas und
Georg durchlitten. Ich sage euch, eines Tages werden nicht nur die Genossen in
Freiheit erschossen, sondern auch die, welche bisher in den Gefängnissen schon
Folter durchleiden. Aber erzähl weiter“

„Wir sind in eine Straßensperre
geraten, wurden von den Bullen verfolgt und dabei getrennt. Ich glaub, dass ich
dabei einen, vielleicht auch zwei, erledigt habe“

Gerhard, der bis eben an der Wand
gelehnt hatte, sprang auf und klopfte ihr auf die Schulter.

„Darauf müssen wir anstoßen,
Prinzesschen. Ein Schwein weniger, dass die Genossen in den Gefängnissen quält“

„Jetzt nicht“, wehrte Ingrid ab,
„Ist Genossin Ulrike da?“

Klaus nickte.

„Unser Kontaktmann war da und hat
mir einen Brief übergeben. Aber das Cafe ist nicht länger sicher, denn ich
glaube, dass dort ein V-Mann war.“

„Gut gemacht“. Der Druck, der von
Gerhards Hand auf ihre Schulter ausging, verstärkte sich. „Jetzt bist du eine
echte Genossin“

Sie konnte nicht verhindern, dass
sie vor Freude errötete. Gerhard war ein bedeutendes Mitglied und es wurde
erzählt, dass er schon einen Bullen erschossen hatte. Jetzt konnte auch sie
mitreden und war anerkannt.

„Hatte Hannes irgendwas von uns?“
Klaus zog erneut an seiner Kippe.

„Nur seine Waffe, auf der sie
vielleicht Fingerabdrücke finden können und seinen gefälschten Ausweis.
Wir  hatten keine Pläne dabei und den
Brief habe ich“

Ihr Genosse nickte nur und versank
erneut in Schweigen.

Ingrid dagegen holte den Brief aus
ihrer Hose, stand auf und klopfte an die Tür eines Zimmers.

Als ein „Herein“ erklang, drückte
sie die Klinke hinunter und trat ein. Auf dem Boden saß Ulrike mit Ralf
Reiners, der mit Klaus zusammen für den Schutz der ehemaligen Journalistin verantwortlich
war. Sie beugten sich über mehrere eng beschriebene Seiten, sahen jedoch auf,
als Ingrid eintrat.

„Der Kontaktmann hat uns einen
Brief übergeben“

Ralf nahm ihn, ohne ihr einen
weiteren Blick zu widmen, und reichte ihn Ulrike.

Diese riss ihn auf und vertiefte
sich in den Worten. Ingrid beobachtete sie dabei. Manchmal kam es ihr so vor,
als passe Ulrike nicht in diese Gruppe. Sie war stiller, nachdenklicher, so
dass man Angst hatte, dass sie unter dem Fahndungsdruck zerbrechen würde, aber
dennoch wortgewandt, wenn sie etwas sagen wollte. Sie war es, die von der
Presse zur Anführerin der Baader-Meinhof-Bande gemacht worden war und allein
sie war es gewesen, nach der man nach der legendären Befreiung von Andreas
gefahndet hatte. Vielleicht lag das daran, dass sie diese Verhältnisse einfach
nicht gewöhnt war, wo sie doch wegen ihrer Ehe in einer Villa hier in Hamburg
gelebt hatte. Dennoch konnte niemand Ulrike absprechen, eine Revolutionärin zu
sein, denn das war sie mit ganzer Seele.

Als Ingrid noch Studentin in Kiel
und West-Berlin gewesen war, hatte Ulrike ihr als großes Vorbild gedient.
Begeistert hatte sie die Kolumne in Konkret gelesen, ihre Heimkampagne
verfolgt und alle Zeitungsartikel und Interviews von ihr gesammelt. Damals war
Ingrid jung gewesen, jetzt war sie erwachsen.

„Gerhard!“

Der Gerufene öffnete die Tür und
blickte die Mutter von Zwillingen fragend an.

„Ich werde Hamburg morgen
verlassen und du wirst mich begleiten“

„Wohin?“

„Hannover. Genossin Brigitte
Kuhlmann wird für eine Wohnung sorgen.“

Das RAF-Mitglied nickte.

„Ihr ist zu vertrauen“, befand er,
„Es gibt viel vorzubereiten“

„Ja“, stellte Ulrike knapp fest
und deutete Ralf und Ingrid mit einer Handbewegung zu verschwinden.

 

Es gab nichts zu tun und so setzte
sie sich mit einem Buch in die Küche, neben Ralf und Klaus, die sich leise
unterhielten.

„Was liest du da?“ 

Überrascht von dieser Frage
blickte Ingrid auf. Gerhard stand vor ihr, seine Planungen mit Ulrike mussten
beendet sein. Bisher hatte er wenig Interesse an ihren Lesegewohnheiten
gezeigt, dennoch wagte sie es nicht zu schweigen.

„Der Lübecker Christenprozeß
1943“, erklärte sie schließlich, „Es erzählt die Geschichte dreier katholischen
Kapläne und einem evangelischen Pastors, die wegen ihres Protestes gegen Hitler
hingerichtet worden sind. Meine Schwester hat mir das Buch geschenkt.“

Sie erkannte sofort, dass sie den
letzten Satz nicht hatte sagen sollen, denn Gerhards Gesichtsausdruck änderte
sich sogleich und Ralf wechselte einen schnellen Blick mit Klaus.

Er baute sich über ihr auf und
riss ihr das Buch aus der Hand.

„Es ist ein Relikt deiner
Vergangenheit – die Vergangenheit als bürgerliche Sau. Nichts mitnehmen, was
dich identifizieren kann! Hast du das etwa alles vergessen?“, schrie er und
Ingrid zuckte zusammen.

All der Mut, das
Selbstbewusstsein, das sie durch seine vorige Anerkennung gewonnen hatte, war
wieder verschwunden. Hatte er Recht? Dieses Buch mochte Teil ihrer
Vergangenheit sein, doch war es ein Teil jener Zeit, in der sie begonnen hatte,
die Welt jenseits von Kapitalismus und Schönheit zu sehen und sie letztendlich
in den Freiheitskampf geführt hatte. Dennoch war das Buch Teil ihrer
Vergangenheit und machte sie damit wirklich identifizierbar. Doch hielt sie
etwas davon ab, ihm Recht zu geben und das Versprechen abzugeben, den „Lübecker
Christenprozeß 1943“ zu vernichten. Dieses etwas konnte sie nicht benennen. Es
war nur ein Gefühl, das ihr zuflüsterte, dass sie damit auch ihre Identität
aufgab – und das Lächeln ihrer Schwester vergessen würde. Jenes breite kostbare
Lächeln, das sich über Marias Gesicht gezogen hatte, als sie ihr das Buch
geschenkt hatte.

„Lass sie.“ Ulrikes Stimme war
leise, doch unterbrach sie die angespannte Stille, die sich in der Küche
ausgebreitet hatte. Ingrid hob den Kopf und blickte zu der anderen Frau, die
sich an den Türrahmen lehnte und Gerhard stumm ansah.

„Meinst du Hannes hat seine Che
Guevara T-Shirts vernichtet, nur weil er sie in einem bürgerlichen Leben
erworben hat? Und Gudrun hat weiterhin in kapitalistischen Märkten Lederjacken
anprobiert. Was zählt, ist die Intention. Wir dürfen nicht vergessen, was uns
zu dem gemacht hat, das wir heute sind. Es ist richtig, alle Brücken zu unserem
bürgerlichen Leben abzubrechen, doch das Fundament auf dem wir unsere ganz
persönliche Revolution erbaut haben, dürfen wir nicht vergessen. Bei Ingrid mag
dies der mutige Widerstand einiger Christen gegen das Unrecht des
Hitler-Regimes gewesen sein, so wie wir heute gegen das Unrecht von Vietnam
kämpfen.“

Stumm nickte Gerhard und reichte
ihr das Buch. Ihre Finger schlossen sich fest um das Bündel Papier und pressten
es an ihre Brust.

„Bereite lieber alles vor“, wandte
Ulrike sich erneut an ihren Genossen, „Persönliche Fehler können wir das
nächste Mal bereden.“

„Einverstanden.“

Seltsamerweise fühlte Ingrid sich
erleichtert, als Gerhard sich abwandte und den Raum verließ.

„Zeigst du mir das Buch?“ Einen
kurzen Moment zögerte sie, doch dann reichte sie es Ulrike. Diese las den
Klappentext, durchblätterte es kurz und gab es ihr dann mit den Worten „Ich bin
sicher, dass es Gudrun auch gefallen würde“ zurück.

Richtig. Gudruns Vater, dessen
Tochter neben Andreas, Ulrike und Horst Mahler die Stadtguerilla mitbegründet
hatte, war evangelischer Pfarrer.

„Dann müssen wir sie erst
befreien“, entgegnete Ingrid.

„Richtig. Wir dürfen sie diesen
Schweinen nicht ausgeliefert lassen, weshalb wir Genossen in Freiheit alles tun
müssen, um sie freizukriegen, bevor der Staat sie auslöschen kann“  

„Ich werde nicht aufgeben, bis das
getan ist!“ Noch nie war Ingrid in etwas entschlossener gewesen.

Ihre Genossin nickte, dann wandte
sie sich ab und verschwand in ihrem Zimmer.

Ingrid blieb alleine zurück.
Nachdenklich schlug sie ihr Buch wieder auf und fuhr mit dem Lesen fort.

Bei einem Absatz stockte sie und
konnte nicht anders, als jene letzten Worte, die Hermann Lange kurz vor seinem
Tod niedergeschrieben hat, laut auszuformulieren: „Heute kommt die größte
Stunde meines Lebens. Alles, was ich bis jetzt getan, erstrebt und gewirkt habe,
es war letztendlich doch alles hinbezogen auf jenes eine Ziel, dessen Band
heute durchrissen wird.“ Ihr Körper erschauderte, als sie an den Mann dachte,
der dies hatte schreiben können, obwohl er wusste, dass ihn in wenigen Minuten
der Henker holen würde. Und falls sie jemals Zweifel gehabt hatte, an dem, was
sie hier taten, dann verschwanden sie nun endgültig. So wie der mutige
Priester  laut gegen den NS-Terror
gesprochen und für diesen Kampf gestorben war, so wollte auch sie gegen Vietnam
und den Nazigeist des Staates vorgehen und wenn es nötig sein sollte, dafür
auch ihr Leben geben.

Es war die einzige richtige
Entscheidung, die blieb.

 

            

 

Rote Armee Fraktion und Stadtguerilla sind diejenige
Fraktion und Praxis, die, indem sie einen klaren Trennungsstrich zwischen sich
und dem Feind ziehen, am schärfsten bekämpft werden. Das setzt politische
Identität voraus, das setzt voraus, daß einige Lernprozesse schon gelaufen
sind.

 

Aus der RAF-Erklärung „Das Konzept Stadtguerilla“,  April 1971

 

19.6.1972, Eutin

 

„Also.“ Marias Vater richtete sich noch ein Stück weiter
auf. „Wie können wir Ihnen behilflich sein?“

Der jüngere Polizist wechselte einen kurzen Blick mit seinem
älteren Kollegen, dann räusperte er sich und erklärte: „Herr Müller, wir sind
wegen ihrer älteren Tochter gekommen.“

Margot stieß einen schrillen Schrei auf. „Ist ihr etwas
geschehen? Hat sie jemand angegriffen? Oh, wir hätten ihr nie erlauben dürfen,
nach West-Berlin zu gehen.“

Das waren erstaunlich viele Worte für die Pastorenfrau, doch
die Sorge malte in vielen Farben und ließ Margot jetzt mehr reden, als sie es
gewöhnlich getan hätte. „Es ist viel zu gefährlich dort! Was haben wir uns nur
dabei…“

„Frau Müller“, unterbrach der ältere Polizist sie, „Wann
haben sie ihre ältere Tochter das letzte Mal gesehen?“

Marias Mutter warf einen kurzen Blick zu ihrem Ehemann, dann
verkündete sie: „Das…Es war vor zwei Jahren im Mai. Wissen Sie, sie hat ja so
viel zu tun mit der Universität und sie ist ein so fleißiges Mädchen, deshalb
hat sie es selbst zu ihrem Geburtstag nicht geschafft. Wir sind ja so stolz auf
sie, aber manchmal ist es ganz schön schwierig, wissen Sie? Es…“

„Herr Müller?“, wandte sich der ältere Polizist nun an
Thomas, „Wann hatten sie das letzte Mal Kontakt mit ihrer Stieftochter?“

„Wie meine Frau gesagt hat, das letzte Mal gesehen habe ich
sie vor zwei Jahren, aber sie schickt regelmäßig Briefe und wir telefonieren
auch. Der letzte Brief kam Anfang des Monats und das letzte Mal telefoniert
haben wir Ende Mai.

„Ist Ihnen dabei irgendetwas aufgefallen?“

Margot schüttelte wild den Kopf. „Sie hat von der Uni
erzählt. Sie hat einige wichtige Prüfungen und hat sich Sorgen gemacht, dass
sie nicht bestehen könnte. Alltägliche Probleme in ihrer WG, aber etwas
Besonderes, nein. Was sollte uns denn aufgefallen sein?“

Maria betrachtete ihre Mutter, die die Gefahr zu spüren
schien, sie jedoch scheinbar nicht in Worte fassen konnte.

„Frau Müller.“ Der Polizist schaute ihr tief in die Augen.
„Unseren Nachforschungen zufolge hat ihre Tochter Ingrid das Studium schon vor
zwei Jahren abgebrochen, etwa zwei Wochen nach ihrem letzten Besuch bei Ihnen.“

Fassungslos sah Margot den Polizisten an. Immer wieder
schüttelte sie den Kopf, während Tränen über ihre Wangen rannen. Etwas schien
in ihr zu zerbrechen und Maria wünschte sich so sehr, dass sie ihrer Mutter,
die schon so viel Schreckliches erlebt hatte, dieses Leid hätte ersparen
können.

„Was sagen Sie da?“ Selbst die Stimme des immer so unnahbar
wirkenden Thomas wirkte rau.

Der jüngere Polizist nickte. „Sie hat das Studium
abgebrochen“, wiederholte er. „Und sie haben wirklich keine Ahnung, wo ihre
Tochter sich aufhalten könnte?“

Thomas schüttelte den Kopf und legte ungeschickt den Arm um
seine weinende Frau. Der Polizist warf einen Blick zu seinem Kollegen, der
sicherlich besagte, dass sie sich die Anfahrt hätten sparen können.

Maria, die bisher stumm am anderen Ende des Tisches gesessen
hatte, betrachtete ihre Eltern, dann räusperte sie sich. „Hamburg“, meinte sie,
„Sie ist in Hamburg. Oder sie war es, als sie mir ihren letzten Brief geschickt
hat.“

Sie ignorierte die fassungslosen Blicke ihrer Eltern, auch
wenn ihr Herz bei den Gedanken an den Schmerz, den sie ihnen zufügte, weinte.

„Von wann ist dieser Brief?“

„Vom 10. Mai. Ich bin mir sicher, weil sie in diesem Brief
auch zu mir den Kontakt abgebrochen hat und zu dieser Zeit war sie in Hamburg.“
 

„Können wir den Brief sehen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ihn verbrannt.“ Sie hatte
ihn mit all den anderen Briefen ihrer Schwester und all den Dingen, die Ingrid
ihr geschenkt hatte, im Garten verbrannt, als ihre Eltern für einen Tag in
Lübeck gewesen waren. Es war ihre Art des Abschiedes gewesen. Wir werden
immer zusammen gehen.
Es war doch nur eine Lüge gewesen. Eine Lüge von
jener Art, wie man sie kleinen Kindern erzählte, um zu erklären, warum das
geliebte Kaninchen gestorben war oder warum es ihm jetzt so viel besser ging,
obwohl sein Körper unter kalter Erde vermoderte.

Der ältere Polizist nickte nur, aber sein jüngerer Kollege
fuhr fort: „Nun das deckt sich mit den Informationen und Vermutungen, die wir
und die Kollegen vom BKA haben.“ Er hielt für einen Moment inne. „Haben Sie von
der Schießerei in Hamburg vor sechs Tagen gehört?“

„Sicherlich.“ Thomas nickte. „Es ging durch alle Kanäle und
Radios.“

„Nun. Das gefangene RAF-Mitglied heißt Hannes Schmidt und
schweigt sich zur Identität seiner Begleiterin aus, so wie alle von ihnen. Doch
deutet bisher alles auf ihre Tochter als Schützin hin.“

Margot schriee erneut auf und sank ohnmächtig zu Boden, doch
der Polizist sprach ungerührt weiter. „Wir fanden eine Plakette am Boden, auf
der ein Fingerabdruck Ingrids zu rekonstruieren war und Zeugenaussagen stimmen
ebenfalls mit Ihrer Tochter überein. Ebenfalls vermuten wir ihre Mittäterschaft
an einem Banküberfall am 19.9.1070 in West-Berlin und es ist eine Zeugenaussage
aufgetaucht, die zudem ihre Beteiligung am Anschlag auf das Springer-Hochhaus
möglich werden lässt.“

„Was für eine Zeugenaussage?“, fragte Maria mit steinerner
Stimme. Sie war ein Mädchen, das kurz vor ihren Abiturprüfungen stand und das
eigentlich glücklich über das bevorstehende Ende der Schule sein und
erwartungsvoll in die Zukunft blicken sollte, aber alles, was zuvor gewesen
war, schien auf einmal irreal zu sein. Die Schwester, die sie kannte, war nicht
mehr. Zuvor hatte der Gedanke, dass ihre Schwester nur fehlgeleitet war, vom
Sog der Ereignisse und der Gruppe mitgerissen wurde,… aber jetzt. Sprich es
aus,
flüsterte sie, Sag, dass sie eine Mörderin ist. Mörderin. Wie
konnte die Schwester, mit der sie zusammen die Fünf Freunde nachgespielt hatte
und durch den Wald getobt war, eine Mörderin sein. Sie verstand es nicht. Es
war so einfach, Ingrid zu trennen in die Person, die sie jetzt war und die, die
sie vor West-Berlin und der RAF gewesen war. Doch das war nicht möglich. Manche
Dinge waren einfach unbegreiflich, unverständlich grauenhaft.

Undeutlich nahm sie war wie der Mann etwas von einer
verschwundenen Praktikantin erklärte, doch eigentlich interessierte sie sich
kaum dafür. Nicht für das Wie, nur für das Warum. Warum Schwester? Warum
musst du Menschen töten, wo du doch ursprünglich nur Frieden wolltest?
Doch
sie wusste, dass sie diese Fragen nur ihrer Schwester selbst stellen konnte.
Nur konnte sie ihrer Schwester jemals wieder gegenübertreten, ohne dafür ihr
Selbst aufgeben zu müssen? Sie wusste es nicht.

Die Polizisten standen auf, verabschiedeten sich und ohne zu
wissen, was genau sie tat, sprang Maria auf und hielt den jüngeren Polizisten
zurück.

„Ich habe noch eine Frage“, bat sie.

Er nickte und warf dabei seinem Kollegen einen Blick zu, der
schon zum Wagen ging.

„Der tote Polizist..h…hatte er Kinder?“

„Drei“, entgegnete der Mann nach kurzem Zögern, „Drei Kinder
und eine Frau, die ihn abgöttisch liebte.“ Was hast du nur getan, große
Schwester? Musstest du um deiner Ziele willen wirklich eine glückliche Familie
zerstören?
Verzweiflung erfüllte sie. Verzweiflung, gefüllt mit dem
Gedanken, an die Tränen in den Augen der Ehefrau, dem Unverständnis und Hass
der Kinder gegenüber denjenigen, die ihnen ihren Vater genommen hatten, das
Leiden des toten Mannes, dem Ingrid seine Menschlichkeit abgesprochen hatte.

Sie sah den Schmerz in den Augen des Polizisten und wünschte
sich so sehr, die Zeit zurück drehen zu können, um Ingrids Pfad irgendwie zu
stoppen, in eine andere Richtung zu lenken, es ungeschehen zu machen.

„Kannten Sie ihn?“

„Ja. Zu Beginn meiner Ausbildung habe ich mit ihm
zusammengearbeitet. Er war ein guter, pflichtbewusster Kollege, auf den man
sich immer verlassen konnte. Ihm war der Feierabend so wichtig, dass er nie mit
uns anderen noch ein Bier trinken gegangen ist, sondern nach Hause, um bei seiner
Familie zu sein. Wenn man Hilfe brauchte, ist er selbst mitten in der Nacht
aufgestanden. Er war ein guter Freund.“

„Es…es tut mir so Leid. Ich wünschte, ich wünschte, dass ich
es ungeschehen machen könnte.“

Ein bitteres, mit Trauer angefülltes, Lächeln huschte um
seine Mundwinkel.

„Das ist das Leid der Überlebenden. Sich zu fragen, was man
hätte anders tun müssen.“

„Ja“, flüsterte sie, überraschend, dass er sie verstand und
nicht verurteilte.

„Mein Vater hat in Hitlers Namen schreckliche Verbrechen begangen.
Ich erinnere mich kaum an ihn, aber ich habe mich immer gefragt, ob ich seine
Meinung hätte ändern können, wenn ich nur ein lieberer, ein besserer Sohn
gewesen wäre. Trotz allem ist er mein Vater, ich kann es nicht ändern, auch
wenn ich ihn für das verurteile, was er getan hat.“

Sie konnte nur nicken, nur an die Wahrheit denken, die er
ausgesprochen hatte, während sie sich an den Türrahmen klammerte.  Ingrid war ihre Schwester. Wir werden immer
zusammen gehen.
Eine Lüge? Oder jene unausweichliche Wahrheit, dass sie
durch ihr gemeinsames Blut und ihre gemeinsame Vergangenheit untrennbar
aneinander gebunden waren? Schwester. Sie hatte doch nur die eine. Was
sollte sie nur tun?

Unwirklich nahm sie wahr, wie der Polizist sich
verabschiedete und zu seinem Kollegen ins Auto stieg. Ihr Vater trat zu ihr,
wollte etwas sagen, doch ging, als sie nicht reagierte, zu ihrer Mutter zurück.
Was sollte sie nur tun?

Dann fiel ihr ein, wer helfen konnte, ihren Gedanken
Klarheit zu bringen. So plötzlich wie sie in die Starre gefallen war, so
schnell erhob sie sich wieder und eilte in den oberen Flur, wo das Telefon
stand. Hastig wählte sie und hob den Hörer ans Ohr. Telefone waren noch lange
nicht in allen Haushalten verbreitet, aber Franks Eltern, bei denen er noch
wohnte, besaßen eins, wofür Maria sehr dankbar war.

„Maria?“ Noch nie war sie glücklicher gewesen, die Stimme
ihres Freundes zu vernehmen.

„Frank“, erklärte sie nachdrücklich, „Ich brauche dich!“

„Ich komme“, meinte er und legte auf.

Sie war so dankbar, dass er nicht nachfragte, sondern sofort
sein Einverständnis erklärte.

 

 

„Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“, erklärte Maria eine
Stunde später am Eutiner See, während sie Steine über das Wasser springen ließ,
„Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich verliere mich selbst. Ich
vergesse mich über meine Schwester.“

Beruhigend strich Frank ihr über den Rücken.

„Beginn von Anfang an“, bat er.

Maria schluckte, dann nickte sie.

„Wir hatten heute Besuch“, begann sie, „Die Polizei war da.
Man hat Ingrid als die Schützin identifiziert, die letzte Woche die beiden
Polizisten in Hamburg niedergeschossen hat.“

„Scheiße.“ Mehr sagte er nicht, aber sie spürte, dass seine
Gedanken sich im Moment überschlugen.

Verzweifelt blickte Maria ihn an und sprach das aus, was sie
die ganze Zeit nicht gewagt hatte, in Worte zu fassen: „Meine Schwester ist
eine Mörderin. Sie…“ Die Stimme versagte ihr und ihre Hand zitterte so sehr,
dass der Stein, den sie eben hatte werfen wollen, schon in Ufernähe mit einem
lauten Platschen ins Wasser sank. Sie sah hinab und fühlte sich im Moment genau
wie dieses Wasser. Herumgewirbelt, das klare Bild verloren, verdreckt. Diese
kostbare Zeit des Erwachsenwerdens, der Pläne schmieden, der Zukunft bauen; all
das hatte sie an ihre Schwester verloren. Sie fühlte sich nicht länger rein, so
als wäre durch die Tat ihrer Schwester auch sie selbst mit Schuld befleckt
worden und es schien, als ob jeder es ihr anmerken müsse.

Maria ließ ihren Kopf auf die Knie sinken und begann sich
weinend hin und her zu wiegen. Nach einer Weile wandte sie sich ihrem Freund zu
und flüsterte, immer noch fassungslos: „Sie hat einen Menschen getötet, Frank.
Einen Mann mit einer Ehefrau, drei Kindern und Träumen“ Sie zuckte mit den
Schultern. „Ich verstehe es einfach nicht, wie sie so etwas tun kann. Es ist
einfach so, dass ich nicht mehr weiß, was ich denken soll, auf welcher Seite
ich stehen soll. Es ist…“

„Hey!“ Sanft umfasste Frank ihre Schultern und drückte sie
auf den Boden zurück. „Fang nicht damit an. Die RAF hat den Fehler gemacht,
Menschen aufzuspalten, sie zu richten, in Gut und Böse aufzuteilen, in Feinde
und Freunde. Aber so ist es nicht. Es gibt viele Stufen von grau.“

„Willst du sagen, dass meine Schwester auch gute Seiten
hat?“

Sie sah, dass er eigentlich eine andere Antwort geben
wollte, doch er nickte, so dass Maria sich auch von ihm nicht verstanden
fühlte.

Sie sprang auf und begann hin und her zu gehen.

„Verstehst du nicht? Soll ich etwa hoffen, dass ein Polizist
sie erschießt, bevor sie noch mehr Menschen ermordet?“

„Maria. Ich bin sicher, dass die Polizisten sie nicht…“

Sie hob den Zeigefinger. „Oh. Du kennst meine Schwester
nicht. Sie ist stur und wird nicht zugeben, dass sie einen Fehler gemacht hat,
kein aus Prinzip. Deshalb sind mein Vater und sie immer aneinander geraten.“

„Maria“, versuchte Frank es noch einmal. „Ich weiß, dass die
RAF es behauptet, aber ich bin mir sicher, dass es keinen Schießbefehl der
Polizisten gibt. Beruhige dich erst einmal!“

„Und wieso gibt es dann so viele Tote?“, fauchte Maria, auch
wenn es nicht so meinte. Sie glaubte nicht an einen Schießbefehl, aber es war
die Sorge um ihre Schwester, die sie so werden ließ.

Frank erwiderte nichts und so fuhr sie fort: „Petra Schelm,
Georg von Rauch, Thomas Weisbecker, Hermann Schulte. Das sind vier erschossene
RAF-Mitglieder und ich soll ruhig bleiben, wo meine schießwütige Schwester da
draußen rum läuft?“

Er schien beeindruckt, dass sie sich die Namen merken
konnte, aber das war keine große Kunst. Immerhin ging es um ihre Schwester.

„Und dafür wurden wie viele verhaftet? Hör mir zu, nein ich
bitte dich…“

Doch sie hörte nicht auf ihn, war zu viel geladen von
Emotionen, die sich wild in ihr mischten und jegliche innere Ruhe unmöglich
machten.

„Siebzehn“, zählte sie.

„Hör mal! Vor vier Tagen wurde Ulrike Meinhof in Hannover
gefasst. Mit ihr, Baader und Ensslin sind die Anführer im Gefängnis und die
ganze Organisation wird in sich zusammen fallen. Ich denke, dass der Spuk bald
ein Ende haben wird.“

„Nein.“ Maria hielt inne und blieb über ihm stehen. „Das
glaube ich nicht. Bei irgendwelchen hirnlosen Schießwütigen mag dies der Fall
sein, aber das ist die RAF nicht. Das sind Studenten, die an etwas glauben. Sie
haben Ziele und diese Ziele werden sie doch nicht aufgeben, nur weil ihre
Gründer hinter Gittern sind. Ich glaube vielmehr, dass jetzt, wo ihre Anführer
im Gefängnis sitzen, es erst richtig anfängt. Denn jetzt können sie das
Feindbild des Polizeistaates noch mehr ausbauen und durch die Gefangenen noch
mehr Mitleid haschen und damit auch noch mehr Mitglieder anwerben. Nein. Die
RAF ist noch lange nicht geschlagen.“

„Also ich glaube jetzt…“

„Hör auf. Ich kenne meine Schwester. Sie mag impulsiv sein,
aber sie handelt nie ohne Überzeugung. Sie ist aus Überzeugung Mitglied der
RAF, nicht, weil sie gerne Polizisten erschießt und Bomben legt.“

„Wenn du deine Schwester so gut kanntest, warum bist du dann
jetzt so erschüttert, dass sie einen Polizisten erschossen und einen zweiten
verkrüppelt hat?“

„Sie…ich“, fassungslos sah sie ihn an. Nur ein winziger Teil
von ihr, den sie jetzt ignorierte, verstand, dass er sie damit aus ihrem
Gedankenchaos reißen wollte.

„Sorry“, ruderte er zurück, „Das war nicht so gemeint.“

Sie nickte nur.

„Lass uns lieber überlegen, wie du weiter vorgehen
möchtest“, fügte Frank rasch hinzu.

„Wie bitte?“ Sie blickte von dem Wasser auf, das sich in der
Zwischenzeit wieder beruhigt hatte.

„Komm!“ Er klopfte neben sich auf das Gras, das genauso tot
und vertrocknet aussah, wie sie sich fühlte.  „Setz dich neben mich.“

Sie ließ sich neben ihn sinken, streifte die Sandalen von
den Füßen und ließ sie ins Wasser hängen.

„Was ist?“, fragte sie und sah ihn an.

„Nun, Früher oder später wird deine Schwester gefasst
werden, denn was auch immer die RAF denken mag, eine Ewigkeitsperspektive hat
sie nicht. Und du musst überlegen, wie du ihr gegenüber treten willst, wenn
überhaupt. Denn was auch geschehen mag, sie bleibt deine Schwester.“

„Ja“, flüsterte sie, tief berührt von seinem letzten Satz. Wir
werden immer zusammen gehen.
Ingrid hatte geglaubt, das zurück lassen
können, ihre Schwester, sie, verlassen zu können. Doch dieses Versprechen war
mehr als nur ein Versprechen. Es war fleischgewordene Wirklichkeit, solange sie
beide lebten und vielleicht sogar noch darüber hinaus. Nichts, wirklich nichts,
was Ingrid oder auch sie selbst tun mochte, konnte etwas daran ändern, dass sie
Schwestern waren. Und das war eine handfeste Tatsache, auf dass sie aufbauen
konnte.

„Sie ist meine Schwester“, wiederholte sie.

Und obwohl ihr Freund aussah, als wolle er es nicht zugeben,
meinte er: „Ja, das ist sie.“

„Denk an deine Zukunft, an dein Glück“, beschwor er sie und
sie wusste, dass er hören wollte, dass sie den Kontakt abbrechen und ihre
Schwester vergessen würde. Ohne Zweifel wäre es einfacher, weniger
komplizierter. Ein klarer Weg, gekennzeichnet von einem Leben an Franks Seite,
als Ehefrau und Mutter seiner Kinder und vielleicht noch mit einem Beruf. Es
wäre so einfach, das auszusprechen, ja zu dieser Zukunft zu sagen. Eine
Zukunft, vielleicht nicht ohne Sorgen, aber sicherlich glücklich, zufrieden.
Doch immer mit der Frage im Hinterkopf, was geschehen wäre, wenn sie den
anderen, dunkleren Pfad gewählt hätte. Jenen gewundenen, nicht einsehbaren Weg,
der zu ihrer Schwester führte.

„Ich kann es nicht“, wisperte sie und war froh, als sie es
endlich aussprach. „Es wäre einfacher, aber es wäre nicht ich.“

Er sah enttäuscht aus, aber er nickte.

„An meinem sechsten Geburtstag haben wir beide uns etwas
geschworen: Wir werden immer zusammen gehen.

„Sie hat dieses Versprechen dir gegenüber gelöst, als sie
das Blut dieses Mannes vergossen hat“, entgegnete er und es war die Wahrheit.
Ingrid hatte sie zurückgelassen, verraten und aufgegeben.

„Ich weiß. Das hat sie“, meinte Maria und ließ erneut einen
Stein über das Wasser tanzen. Sie beide sahen ihm nach, bis er nach einer Reihe
von Hüpfern unterging und dabei Kreise auf die Oberfläche des Sees malte. Für
einen Moment verwischte das Bild auf dem Wasser, doch dann kehrte es klar zurück
und die umliegenden Bäume spiegelten sich erneut darin. Hoffnung. Das war es,
was ihrer Schwester fehlte und was Maria ihr zurückgeben musste.

„In Ordnung.“ Frank nickte, auch wenn sie sah, wie sehr es
ihm missfiel. „Es ist deine Entscheidung und ich werde sie akzeptieren.“

„Danke“, flüsterte sie und legte in dieses eine Wort all die
Liebe, die sie für ihn empfand. Sie nahm seine Hand und zog sie an ihr Herz. So
an ihn gelehnt, starrten sie beide stumm ins Wasser.

Wir werden immer zusammen gehen!“ Sie schriee die
Worte über das Wasser und ignorierte die Enten, die panisch davon stoben. Sie
drückte erneut Franks Hand und hoffte, dass er verstand, dass sie auch ihn in
diese Worte mit einbezog.

Wir werden immer zusammen gehen!“ Sie wartete, bis
das Echo sie zu ihr zurücktrug, dann rief sie sie wieder über das Wasser.

Ingrid hatte versucht, sie zu verlassen, doch sie würde das
nicht zulassen. Sie würde nicht zulassen, dass all das Blut, was in den Straßen
Hamburgs geflossen war, sie von ihrer Schwester trennte. Es machte die
schrecklichen Dinge nicht ungeschehen, die Ingrid Menschen angetan hatte und
Maria wollte sie auch nicht rechtfertigen oder entschuldigen, doch hatte sie
das Gefühl, durch ihren Entschluss, ihre Schwester nicht aufzugeben, sie retten
zu können. Damals, als sie dieses Versprechen zum ersten Mal geleistet hatte,
war Ingrid diejenige gewesen, die sie hatte beschützen wollen, jetzt war es
andersherum. Maria würde Ingrid vor dem schlimmsten Feind beschützten, den sie
hatte: Sich selbst.

„Wir werden immer zusammen gehen!“ Sie schrie es aus,
bis sie heiser war. Dann sank sie lachend und weinend zugleich auf das Gras
zurück, umarmte Frank und lachte und weinte erneut. Sie würde dafür sorgen,
dass dieses Versprechen eine Wahrheit ihres Lebens blieb. Das schwor sie bei
allem, was sie war und hatte.

Nichts war Maria je wichtiger gewesen.


    

 

An die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und des
Königreichs Schweden:

Am 24.4.1975 um 1.50 Uhr haben wir die Botschaft der
Bundesrepublik Deutschland in Stockholm besetzt und 12 Botschaftsangehörige,
darunter Botschafter Dieter Stoecker, Militärattaché Andreas von Mirbach,
Wirtschaftsreferent Heinz Hillegaart und Kulturreferent Anno Eifgen,
gefangengenommen, um 26 politische Gefangene in der Bundesrepublik Deutschland
zu befreien.

 

Aus der RAF-Erklärung vom 24.4.1975

 

24.4.1975, Lübeck

 

 

Maria spürte die sorgenvollen Blicke, die Frank ihr während
der Autofahrt immer wieder zuwarf. Doch sie ignorierte es, tat so, als wäre
nichts und sah aus dem Fenster, wo die Landschaft vorbeirauschte. Doch sie nahm
sie nicht war, sah nichts von dem wunderschönen Frühling, der draußen in aller
Farbenpracht explodierte. Ihr Blick war leer. All das, was sie für die letzten
vier  Jahre ignoriert, was sie hinter
sich gelassen hatte, schien nun erneut auf sie einzuschlagen.

Frank erklärte etwas, doch sie nahm es noch nicht einmal
wahr, gefangen in Gedanken, die sie nicht formulieren, nicht ordnen konnte.

Ihr Herz pochte wild gegen den Brustkorb, ihr Atem war
ruckartig und ihr Mund trocken. Die Hände zitterten so sehr, dass ihr die
Wasserflasche, aus der sie soeben hatte trinken wollen, entglitt und das Nass
den Boden tränkte.

Frank sagte nicht, aber er runzelte die Stirn und schüttelte
leicht den Kopf. Erst als er auf dem Parkplatz der JVA geparkt hatte, wandte er
sich zu ihr um und erklärte: „Hör mal…“

Aber Maria riss schon die Tür auf, hockte auf dem Schotter
und erbrach ihr karges Frühstück. Ihr Ehemann hielt ihr die Haare aus dem
Gesicht und strich ihr tröstend über den Rücken.

„Maria. Sieh dich doch an. Es tut dir nicht gut. Seitdem du
diesen Brief bekommen hast, isst und schläfst kaum noch, bist du so abwesend,
nicht mehr du. Ich weiß, dass du dich verantwortlich für deine Schwester
fühlst, aber du musst auch an dich selbst und deine Gesundheit denken. Es ist
in Ordnung, Grenzen zu setzen und Verantwortung abzugeben. Deine Schwester ist
erwachsen, sie…“

„Und ein Teil von mir.“ Maria richtete sich auf und straffte
sich. „Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, aber ich muss das jetzt tun. Ich
brauche es für mich selber, um mir über einige…Dinge gewiss zu werden.“

Frank schüttelte den Kopf und packte sie an den Schultern.

„Du definierst dich über deine Schwester, aber das ist nicht
gut. Ich bitte dich, gib dich selbst nicht für sie auf. Dafür bist du mir viel
zu kostbar und ich brauche dich, nicht eine jüngere Version deiner Schwester.“

„Und Ingrid brauch mich nicht?“

„Maria!“ Seine Stimme wurde sanft, wie immer, wenn er sie
von seiner Meinung unbedingt überzeugen wollte. Aber jetzt ließ es sie nur
zorniger werden. „Deine Schwester ist eine Mörderin und eine Terroristin, die
überzeugt von ihren Idealen ist. Sie hat den Kontakt zu dir wann abgebrochen?
Vor vier Jahren?“

„Vor vier Jahren, zehn Monaten und einundzwanzig Tagen“,
antwortete Maria.

„In Ordnung, dann vier Jahre, zehn Monate und einundzwanzig
Tage.“ Er blickte sie an. „Hör mir zu. Sie wurde im Februar 1973 gefasst.“

„Richtig.“ Müde nickte Maria, denn war ihr nicht klar,
worauf Frank heraus wollte. Es war erstaunlich, wie lange ihre Schwester sich
hatte verbergen können, nachdem schon im Juni mit Ulrike Meinhof die letzte
Gründerin der RAF gefasst worden war. Letztendlich hatte die Polizei sie in
Kiel mit Katja Niesel, einer anderen RAF-Terroristin, aufgestöbert. Die wilde
Verfolgungsjagd durch die Straßen der Landeshauptstadt war noch Wochen danach
durch die Medien gegangen. Eigentlich war es ein Wunder, dass Ingrid so gut wie
unverletzt aus der Schießerei hervorgegangen war. Katja Niesel und ein Polizist
waren so schwer verletzt worden, dass Ärzte noch tagelang um ihr Leben gekämpft
hatten. Ein anderer Polizist war dabei ums Leben gekommen. Auch wenn sich bei
Untersuchungen herausgestellt hatte, dass Katja, nicht ihre Schwester, den
tödlichen Schuss abgegeben hatte, hatte diese Tatsache nicht dazu beigetragen,
Marias ohnehin schon schlechtes Gewissen zu beruhigen. Doch nun war sie hier
und ihre Schwester saß in dieser Justizvollzugsanstalt und hatte sie zu sich
gerufen.

Frank fuhr fort: „Seitdem hat sie an drei Hungerstreiks
teilgenommen und nie, ich wiederhole nie, irgendein Zeichen der Reue gegeben.
Ich weiß, dass du dir einredest, dass sie sich geändert hat, aber das hat sie
nicht. Sie hält fest an ihren Idealen, sonst hätte sie nicht an den
Hungerstreiks teilgenommen. Nur jemand, der überzeugt ist, von dem, was er tut,
setzt seinen eigenen Körper als Waffe gegen den Staat ein. Ich weiß nicht,
warum sie ausgerechnet jetzt den Kontakt zu dir wieder aufnehmen möchte, aber
ich flehe dich an, mach dir keine Hoffnungen, dass sie sich geändert hat.“

„Ich glaube, ich bin alt genug, für mich selber zu
entscheiden“, fauchte Maria, aber deutlich kraftloser als sonst.

Zu ihrem Erstaunen schüttelte Frank den Kopf. „Nein. Bei
allen anderen Dingen ja, aber nicht bei deiner Schwester. Was sie angeht, hörst
du nicht auf die Vernunft, sondern auf dein Gefühl.“

„Sie ist meine Schwester, Frank. Meine Schwester, der ich
einst ein Versprechen gab.“ Flehend blickte Maria ihn an. „Wir werden immer
zusammen gehen.
Ich muss das jetzt durchziehen.“ Sie nahm seine Hand, dann
hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange. „Es tut mir leid.“

„Ich weiß.“ Aber es lag eine Traurigkeit in seinem Blick,
vor der sie zurückschreckte und die sie fast dazu brachte, seine Hand zu nehmen
und zu sagen, dass sie einsteigen und nach Hause fahren sollten. Aber nur fast.
Der Gedanke an ihre Schwester war so viel stärker.

„Kommst du mit hinein?“

„Ja.“ Er nickte. „Ich lass dich nicht allein und nimm dir
etwas von deiner Last ab, wenn du mich lässt.“

„Das ist eine Last, die ich nicht teilen kann.“

„Ich wusste, dass du das sagen würdest.“ Dennoch nahm er
ihre Hand und gemeinsam schritten sie auf die Mauern der Justizvollzugsanstalt
Lübeck zu, hinter der Marias schlimmster Albtraum, aber auch ihre tiefste
Sehnsucht auf sie wartete. Alles vereint in einer Person: Ingrid.

 

Der junge Polizist, der im Eingang an einem langen Tisch
saß, trug noch den Geruch von Unschuld an sich und schenkte ihnen ein so
freundliches Lächeln, das Maria fast die triste Umgebung vergaß.

„Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?“

Frank drückte ihre Hand, doch Maria ließ die seine los und
trat zu ihm an den Tisch.

Sie räusperte sie. „I-Ich habe ein Gespräch mit…“ Ihre
Stimme versagte und ihre Beine zitterten so stark, dass sie sich am Tisch
abstützen musste. Doch dann war Frank da, stützte sie und meinte zu dem
Polizisten: „Ingrid Engel“

Seine Stimme zitterte nicht im Geringsten, aber er verzog
das Gesicht. Es war das erste Mal seit langem, dass sie diesen Namen aus seinem
Mund hörte. Frank nahm Ingrids Namen nie in den Mund, sprach immer nur von
ihrer Schwester.

Der junge Mann musterte sie mit einem Gesichtsausdruck, den
sie nicht deuten konnte. Was er wohl von ihr dachte? Sah er in ihr die
Schwester einer Terroristin, die möglicherweise ihre Ansichten teilte und die
JVA am liebsten gleich in die Luft jagen würde? Oder jemanden, der die
Ereignisse genauso wenig verstand, wie er selbst und ebenso fassungslos jene
Berichte über die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz vor zwei Monaten
gesehen hatte? Sah er sie überhaupt als eigenständige Persönlichkeit oder nur
als Schwester jener Person, die eine Person ermordet und achtzehn weitere verletzt
hatte? Vermutlich letzteres. Die Meisten, die auf der Straße vor ihr
ausspuckten oder ihr begeistert auf die Schulter klopften, taten es der Taten
ihrer Schwester wegen. Mittlerweile hatte Maria selbst schon aufgehört mehr zu
sein, als die Schwester einer Terroristin.

Der Polizist, der bis eben in seinen Papieren geblättert
hatte, sah auf: „Dann sind Sie Maria Fiedler? Können Sie sich ausweisen?“

Sie kramte ihren Ausweis hervor, auch wenn ihre Hände dabei
zitterten und legte ihn vor dem Mann hin. Die Stimme ihrer Schwester kam ihr in
den Sinn. Wie sie sich darüber aufregte, dass sich ein Bürger in seinem
eigenen Land ausweisen musste, was viele andere Länder gar nicht erst
benötigten. Wie sie erklärte, dass eine Auswahlpflicht erst bei Beginn des zweiten
Weltkrieges von Hitler eingeführt worden war und dass es die Juden gewesen
waren, die als Erste gezwungen worden waren, einen Vorläufer des Ausweises
immer bei sich zu tragen. Für Ingrid war auch dass ein Beweis für das ihrer
Meinung nach repressive System gewesen.

„Ihr Mädchenname war Müller?“

Sie nickte nur.

Auch seinen restlichen Erklärungen hörte sie nicht wirklich
aufmerksam zu. Rasch verabschiedete sie sich von ihrem Mann, ließ eine
Leibesvisitation über sich ergehen und wurde eine gefühlte Ewigkeit später von
zwei Polizisten durch lange Gänge geführt, die alle gleich aussahen. Putz, der
von den Wänden bröckelte und einst sicherlich weiß gewesen war. Vergitterte
Fenster und Türen. Schon nach einer Weile fühlte Maria sich erdrückt von der
Enge und der Dicke der Luft. Sie konnte es sich nicht vorstellen, hier
vierundzwanzig Stunden am Tag leben zu müssen. Vermutlich gewöhnte man sich an
alles. Sogar an Gefängnisse und das Ermorden von Menschen.

Endlich hielten die beiden Männer an und öffneten die Tür zu
dem Raum, in dem das Gespräch stattfinden sollte.

Kahle, schmutzigweiße Wände, ein Tisch mit zwei einander
gegenüber stehenden Stühlen, das war alles.

Die beiden Polizisten postierten sich an der Tür und ein
wenig verunsichert ließ Maria sich auf einen der beiden Stühle sinken.  Sie wusste nicht, wohin sie schauen sollte und
so blickte sie nur die Hände in ihrem Schoß an und betrachtete nachdenklich den
Dreck, der sich unter den Nägeln angesammelt hatte.

Erst als die Tür sich öffnete, blickte sie auf. Ihr Herz
setzte für einen Moment aus, als sie ihre Schwester entdeckte, deren schmale
Gestalt zwischen den breitschultrigen Polizisten zu verschwinden schien. Ohne
einen Blick an ihre Schwester zu verschwenden, streckte Ingrid den Polizisten
die Hände hin und ließ sich die Handschellen abnehmen. Dann ging sie mit
raschen Schritten zu dem anderen Stuhl und setzte sich, während sich die beiden
Polizisten in den hinteren Ecken postierten.

Ingrid hatte sich im Äußeren längst nicht so stark wie in
ihren Denkweisen verändert, wie Maria es sich immer vorgestellt hatte. Ihr
langes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz zurück gebunden, was sie früher nur
selten getan hatte, aber die wild gestreuten Sommersprossen und das Muttermal
in ihrem Gesicht waren noch vorhanden. Das Einzige, was Maria erschreckte, war
Ingrids Dürre. Sie war schon immer zierlich und relativ klein gewesen, doch
jetzt war sie stark abgemagert und ihr Gesicht eingefallen. Maria hatte nie
daran gezweifelt, dass ihre Schwester diese Ideologie ohne Zögern mittragen
würde, doch die Auswirkungen der Hungerstreiks jetzt an der Person zu sehen,
mit der sie zusammen Verstecken und Fangen gespielt hatte, war etwas ganz
Anderes.

Was sagte man zueinander nach Jahren des Kontaktabbruchs?
Was sagte man zu einer Mörderin, die noch nicht einmal bereute, was sie getan
hatte, sondern es wieder tun würde? Es gab keine perfekten Worte, es konnte sie
gar nicht geben, nur jene, die Maria in diesem Moment für richtig hielt.

„Ingrid.“ Sie nickte ihr nur zu. Der Schwester, die eine
Fremde war.

Ingrid legte die Hände auf den Tisch und lehnte sich im
Stuhl zurück, soweit es ihr möglich war. Ohne Zweifel wollte sie Entspanntheit
vermitteln, aber noch kannte Maria ihre Schwester gut genug, um auch ihre
Anspannung zu erkennen. Und der Gedanke, dass Ingrid dieses Gespräch nicht egal
war, gab ihr Hoffnung. Wir werden immer zusammen gehen. Sie hatte ein
Versprechen gegeben und sich geschworen, es zu halten.

Schweigen. Dann deutete Ingrid auf den Ehering, der an
Marias Hand glitzerte.

„Du hast geheiratet“, stellte sie fest.

„Ja“, entgegnete Maria und hob den Blick, um ihrer Schwester
in die Augen zu sehen. Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen, flüsterte
sie sich selbst zu.

„Wir haben letztes Jahr geheiratet, Frank und ich. Begegnet
sind wir uns auf einem Ostermarsch in Lübeck.“

Sie erwartete, dass Ingrid einen Kommentar zu Pazifismus
bringen würde, aber stattdessen fragte sie: „Wusstest du, dass Frank vom
althochdeutschen franko abstammt? Es ist der Stammesname der Franken, bedeutet,
aber auch frei und tapfer.“ Einmal die Germanistin, immer Germanistin.  Einmal ihre Schwester, immer ihre Schwester.

„Nun, das passt auf jedem Fall zu ihm.“

„Wirklich?“ Wieso verletzte der Zweifel in der Stimme ihrer
Schwester sie nur so tief?

„Ja, er ist tapfer und liebt seine Unabhängigkeit.“ Hör
auf dich zu rechtfertigen, Maria!

Ihre Schwester räusperte sich und hob die Stimme. „Ich frage
mich nur, wie er frei und unabhängig in seiner bürgerlichen Existenz unter
Herrschaft des Staates leben kann?“

Wie hatte sie nur glauben können, dass ihre Schwester sich
geändert hatte?

„Franks Existenz ist auch die meine.“ Unter dem Tisch ballte
sie die Hände zu Fäusten.

„Versteh mich nicht falsch, ich will nur, dass du glücklich
bist, aber…“

„Wenn du willst, dass ich glücklich bin, warum bist du dann
gegangen?“, unterbrach Maria sie.

„Weil wir manchmal Dinge über unser persönliches Glück
stellen müssen.“

„Ach ja?“ Zum ersten Mal seit langem erhob Maria die Stimme
gegen ihre Schwester. „Ich hätte, aber dich gebraucht, Ingrid! Dich! Oder weißt
du, wie es ist, wenn alle dich nur noch nach deiner Schwester und ihren Taten
beurteilen? Ich weiß immer noch nicht, was schlimmer ist: Die Menschen, die
dich bespucken und in den See stoßen oder die, die dir auf die Schulter klopfen
und dir zu den großartigen Taten deiner Schwester gratulieren.“

„Es tut mir leid, dass dir das passiert ist“, meinte Ingrid
und dieses ungewöhnliche Eingeständnis überraschte Maria. „Aber ich denke
nicht, dass dies vergleichbar ist mit dem, was ich erlebt hat. Die Bull…“

„Du hast es dir frei ausgewählt, während ich…“

„Du hast keine Ahnung, was es bedeutet, im Krieg zu sein,
oder?“, schrie Ingrid, „Die Bullen mit ihrem Schießbefehl. Die Angst, dass sie
dich hier ermorden. Kameraden, die du verlierst. Verdammt! Sie haben sie
ermordet.“

Maria warf einen Blick auf die Polizisten, aber diese
schienen sich noch nicht einzumischen wollen.

„Es ist ja nicht so, als ob sie es nicht darauf angelegt
hätten!“ Inzwischen kochte der Zorn in Maria, aber sie zwang ihn zurück. „Hat
eigentlich irgendjemand von euch mal darüber nachgedacht, was für eine
idiotische Idee es ist, hier in der BRD Revolution spielen zu wollen? Es ist
einfach nur verrückt!“

„Der Revolutionär macht das Unmögliche zur Realität.“

Fassungslos schüttelte Maria den Kopf. Seltsamerweise fühlte
sie sich an ihre Kindheit erinnert, wo sie und Ingrid stundenlange Diskussionen
darüber geführt hatten, ob nun grüne oder gelbe Gummibärchen besser schmeckten.
Nur war diese Diskussion ihrer Kindheit subjektiv aus beiden Richtungen
richtig, während Ingrids Ansichten objektiv betrachtet so dermaßen falsch
waren, dass Maria sich fragte, wie überhaupt jemand daran glauben konnte.

„Du hast einen Menschen ermordet“, schleuderte sie Ingrid
entgegen, „Einen Mann mit Kindern, Träumen und Zielen.“

Ingrid zuckte noch nicht einmal zusammen und ihr Gesicht
blieb die kalte, abweisende Maske.

Und dann schloss sie die Augen und zitierte: „Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist
kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir
haben nicht mit ihm zu reden und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu
reden, und natürlich kann geschossen werden.“

„Ich dachte, dass diese Aufnahme nicht authentisch sei? Das
schrieb doch zumindest Ulrike Meinhof in einem Konzept.“

Ingrid zog eine Augenbraue hoch.

„Du hast die Konzepte gelesen?“

Maria schnaubte. „Um zu verstehen, warum aus meiner
Schwester eine Mörderin wurde? Ja.“

Ihre Schwester ging nicht darauf ein. „In den damaligen
Umständen mag sie das gewesen sein, aber heute ist diese Sichtweise vollkommen
richtig. Die Bullen haben zuerst auf uns geschossen. Wir haben uns nur
gewehrt.“

„Ist das dein Ernst?“

Ingrid musterte sie, dann schüttelte sie wie ein Spiegelbild
ihrer Schwester den Kopf.

„Mir war es noch nie ernster. Sie haben Ohnesorg
niedergeschossen, als dieser hilflos am Boden lag. Sie haben Petra erschossen.
Dann Georg, Thomas und Hermann. Und Holger haben sie zu Tode gehungert.
Gehungert! Das ist nicht eine sehr unauffällige Todesart, doch niemand hat
eingegriffen. Ich sag dir, das waren Befehle von ganz oben. Die liquidieren uns
einen nach den anderen.“

 „Und warum haben sie
dann nicht gleich die Todesstrafe über euch verhängt?“ Selbst für Maria war die
Nachricht vom Tode Holger Meins schrecklich gewesen. Immerhin war der Mann in
einem westdeutschen Gefängnis, das eigentlich rund um die Uhr bewacht werden
sollte, umgekommen. Natürlich hatte er es durch den Hungerstreik selbst darauf
angelegt, aber dass ein bewachter Gefangener in einem westdeutschen Gefängnis
einfach verhungern konnte, war schier unbegreiflich. Für die RAF war Holger
Meins’ Tod ohne Zweifel von Vorteil, denn war ein Mythos entstanden, dessen Ruf
immer mehr junge Menschen sich anschlossen.

„Um die Augen der Menschen weiterhin mit der Illusion zu
verschließen, dass der Staat nur das Beste für sie will“, entgegnete Ingrid mit
einer Endgültigkeit in der Stimme, die Maria einen Schauer über den Rücken
jagen ließ.

„Manchmal frage ich mich, ob du überhaupt jemals jemanden
geliebt hast, so wie ich Frank liebe.“ Es war eine rhetorische Frage, Ausdruck
jenes tiefen Zorns und Trauer über das Unverständnis ihrer Schwester. Sie
erwartete nicht, dass Ingrid eine Antwort geben würde und war umso überraschter,
als sie es doch tat.

„Ja.“ Ihre Stimme war fest, doch lag eine tiefe Trauer
darin.

„Ein Student? Jemand aus Westberlin?“ Vielleicht war es ihr
ja möglich, darüber einen Zugang zu ihrer Schwester zu erhalten. Es war
immerhin ein anderes Thema, fernab der RAF.

„Ja, ich habe geliebt.“ Für einen winzigen Moment ging
Ingrids Blick ins Leere. Es war nur eine Sekunde, aber es war eines Schwäche
hinter der undurchbrechbaren Maske, mit der ihre Schwester sich umgab.

„Sein Name war Hermann Schulte und er wurde von den
Schweinen ermordet, weil er es wagte, für die Gerechtigkeit und die Freiheit zu
kämpfen. Auch er wurde liquidiert. So wie sie auch mich und die anderen in den
Gefängnissen ermorden werden, wenn wir nichts dagegen tun.“ 

Wie hatte sie eigentlich glauben können, Privates ihrer
Schwester und die RAF voneinander trennen zu können?

Schweigen.  

Dann fragte Maria: „Wenn das deine Meinung ist und du in mir
sowieso nur eine bürgerliche Sau siehst, warum hast du dann ein Treffen mit mir
gewollt?“

Es war das erste Mal, dass Ingrid vor einer Antwort kurz
zögerte. Und es war auch das erste Mal in diesem Gespräch, das Maria das Gefühl
hatte, dass Ingrid sie wirklich ansah und ihr in die Augen blickte.

„Ingrid…“ Ihre Stimme versagte und damit verstummte auch das
Überbleibsel jenes kleinen Mädchens, das ihrer Schwester die Hände entgegen
streckte und rief: „Lass mich nicht allein. Du hast es doch versprochen. Wir
werden immer zusammen gehen!“
Sie konnte es nicht. Vermochte es nicht,
Schwäche vor ihrer Schwester zuzugeben. Stattdessen legte sie die Hände auf den
Tisch und fokussierte sich auf den Dreck unter den Fingernägeln. Es war soviel
einfacher, als ihrer Schwester in die Augen zu blicken und sich an all das zu
erinnern, was sie verloren hatte. Mörderin. Vergiss es nicht.

„Maria. Ich wollte dich sehen, um dir Lebewohl zu sagen.
Denn ich glaube nicht, dass wir uns wieder sehen werden.“

Sie saß wieder in ihrer Küche, als ihre Schwester sagte,
dass sie nach Westberlin gehen würde. Lag in ihrem Bett, als ihre Schwester ihr
erklärte, dass sie in den Untergrund gehen würde. Saß an ihrem Schreibtisch und
las den Brief, mit dem Ingrid den Kontakt zu ihr abgebrochen hatte.

Es lag etwas in der Stimme ihrer Schwester, das ihr verriet,
dass diese wirklich glaubte, was sie da sagte und hundertprozentig dahinter
stand. So, als ob sie etwas wusste, was Maria nicht bekannt war, etwas, was
geschehen würde…Diese Bestimmtheit und Radikalität jagte ihr Angst ein und ließ
sie leer zurück, denn wusste sie nicht, wie sie dagegen vorgehen sollte.

„Darf ich dich etwas fragen?“ Ihre Worte waren leise, denn
drückte dies am Besten die Art aus, wie Maria sich fühlte. Sie konnte selbst
nicht beschreiben, wie sie sich dieses Gespräch vorgestellt hatte, aber
sicherlich nicht so!

Ingrid nickte.

„Warum hast du mich nie gefragt, ob ich mit dir in den
Untergrund komme?“

Es war das zweite Mal, dass ihre Schwester zögerte, denn mit
dieser Frage hatte sie offenbar nicht gerechnet.

Schließlich antwortete sie mit erstaunlich leiser Stimme: „Du
sahst Petra so ähnlich.“

Maria erinnerte sich. Petra Schelm war 1971 als erstes
Todesopfer bei einer Schießerei mit der Polizei in Hamburg ums Leben gekommen.
Bekannt war ihr Fall dadurch geworden, dass man zuerst Ulrike Meinhofs Tod
gemeldet hatte, doch letztendlich war es die nur zwanzig Jahre alte Petra
gewesen.

„Ursprünglich hatte ich es vorgehabt, dich mit in meinen
Kampf zu nehmen. In den nahen Osten bin ich unter anderem mit Petra geflogen.
Wir saßen nebeneinander und haben uns relativ gut verstanden, da wir bei
einigen grundlegenden Themen dieselbe Meinung hatten. Im Juli 1971 war ich kurz
davor, dich einzuweihen und an meine Seite zu nehmen. Aber dann wurde Petra
erschossen und es war das erste Mal, das mir wirklich bewusst wurde, dass Krieg
herrscht. Krieg zwischen uns und dem Staat.“

Maria ließ ihre Schwester reden, weil sie vorher noch nie
über ihre Zeit bei der RAF geredet hatte. Auch wenn es bisher wenige
Gelegenheiten dafür gegeben hatte, so sagte ihr etwas, dass Ingrid nicht oft so
frei reden würde.

„Es war kein Ort für meine kleine Schwester. Ich wollte dich
nie in Gefahr bringen.“

Ein schales Lächeln zog sich über ihr Gesicht, das nur Maria
galt.

„Deshalb musste ich auch den Kontakt abbrechen. Es hätte
dich und mich zu sehr gefährdet.“

„Aber wenn du mich in diesem Staat in meiner bürgerlichen
Existenz zurückgelassen hast“, schlussfolgerte sie und ihre Stimme wurde mit
jedem Wort leiser, „dann musst du dennoch gewusst haben, dass mir nichts
passieren kann. Das wiederum bedeutet, dass der Staat kein Polizeistaat sein
kann.“

Ingrid erwiderte nichts, sondern blickte auf den Tisch und
jetzt bemerkte auch Maria es. Ihre Hände, die auf den Tisch lagen und nun kurz
davor waren, sich zu berühren. Zögernd und unendlich langsam reckte sich Maria
noch ein Stück weiter vor, damit ihre Hände aufeinander zu krochen. Ihr Atem
stockte, als sie daran dachte, was gleich passieren mochte. Berührung.
Berührung mit ihrer Schwester. Ihrer Schwester, vor der sie früher keinerlei
Schamgefühl gehabt hatte und die ihr jetzt eine Fremde war. Berührung. Nach
fünf Jahren Schweigen und Stille plötzlich Leben. Maria hob den Blick und sah
in die Augen ihrer Schwester. Auch sie schien diesen Moment, der nur noch
Sekunden entfernt zu sein schien, begierig, gespannt zu erwarten. Vielleicht.

Wir werden imm…“, flüsterte Maria, doch dann, als
ihre Fingerspitzen nur noch Millimeter voneinander entfernt waren, wurde die
Tür aufgerissen.

Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr wie Polizisten
hereinstürmten. Das Lächeln auf dem Gesicht ihrer Schwester, angefüllt mit
Spott und bitterer Zufriedenheit, hielt sie dennoch nicht davon ab, sich nach
vorne zu recken und die Hand ihrer Schwester zu umfassen. Fleisch auf Fleisch.
Erinnerungen, die wachgerufen wurden. Ihre Schwester, die ihr morgens, wenn sie
verschlafen am Frühstückstisch gesessen hatte, ihre ewig kalten Finger an den
Nacken gelegt hatte. Und ihre beiden Hände ineinander verschlungen beim
gemeinsamen Spaziergang oder beim Spielen im Wald. Als Kind hatten ihr die
Hände ihrer Schwester immer Sicherheit versprochen und nie hatte Ingrid sie
losgelassen, nie. Doch jetzt…Wenn sie sich vorstellte, dass dies dieselben
Hände waren, die den Abzug gedrückt und das Leben eines Menschen ausgelöscht
hatten…Und dennoch…Schwester. In Ewigkeit.

Dann wurden sie auseinander gerissen. Polizisten, die Ingrid
gegen die Wand pressten, ihr gewaltsam die Arme auf den Rücken legten und ihr
Handschellen anlegten.  Das schmale
Gesicht ihrer Schwester dazwischen, immer noch ein Lächeln um die Mundwinkel.

Maria wusste nicht wieso, doch dieses stille Lächeln machte
ihr mehr Angst, als jedes Wort, jede Drohung ihrer Schwester zuvor.

Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke erneut und in
ihrer Verzweiflung schrie die Jüngere: „Wir werden immer zusammen gehen!“

Später sollte sie sich nicht mehr ganz so sicher sein, doch
in diesem einem, kostbaren letzten Moment sah sie eindeutig, dass Ingrid
nickte.

Dann war sie fort, hinaus in den Gang und bald verhallte
selbst das Echo ihrer Schritte, so wie sie einst aus Maria Leben getreten war.
Doch nur aus Ingrids Sicht. Maria hatte ihre Schwester für immer zu einem Teil
ihres Lebens, eines Teils ihrer Identität gemacht.

Wie erstarrt saß sie da, dachte daran, dass ihre Schwester
sich für immer von ihr verabschiedet hatte, bis sich ein Polizist zu ihr
stellte.

Mit harscher Stimme erklärte er: „Frau Fichtner? Wir werden
sie jetzt zum Ausgang geleiten“

Ohne Widerstand zu leisten, stand Maria auf und folgte den
beiden Polizisten, die sie auch hergeleitet hatten, zum Ausgang.

Auf dem Hinweg hatte Ruhe geherrscht, aber jetzt rannten
Polizisten durch die Gänge und aufgeregte Stimmen erschallten.

„Was ist geschehen?“, fragte Maria den älteren ihrer beiden
Begleiter.

Der Mann entgegnete nichts, sondern legte ihr nur die Hand
auf die Schulter und beschleunigte seine Schritte. „Was ist passiert?“

Erneut keine Antwort, stattdessen seine Hand, die sie
vorwärts schob. Erst als sie den Ausgang erreicht hatten, löste sich der
schraubstockartige Griff. Wieder wurde sie durchsucht, dann händigte eine
Polizistin ihr ihre Sachen aus.

Maria ging an dem Polizisten am Empfang vorbei, der in ein
Gespräch mit zwei älteren Berufsgenossen verstrickt war, dann war sie draußen.

 

Frank wartete nicht auf sie, was angesichts der Tatsache,
dass das Gespräch eigentlich länger hatte dauern sollen, kaum verwunderlich
war. Während sie über den Parkplatz der JVA Lübeck ging, ließ sie die
Geschehnisse Revue passieren. Irgendetwas Schreckliches musste geschehen sein,
das zwar Einfluss auf die JVA hatte, jedoch nicht in ihr passiert hatte. Bei
Letzterem hätten die Polizisten die Schusswaffen gezogen und es wäre deutlich
mehr Chaos los gewesen. Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es
irgendwas mit der RAF und ihrer Schwester zu tun hatte. Warum hatte sich ihre
Schwester ausgerechnet jetzt mit ihr treffen wollen, um sich zu verabschieden?
Ingrid war wegen Mordes, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung,
versuchten Mordes, wegen dem Anschlag auf das Springer-Hochhaus in Hamburg, Banküberfällen
und Urkundenfälschung zu zweiundzwanzig Jahren Haft verurteilt worden. Damit
würde sie erst 1995 freikommen. Es durfte eigentlich keinen Grund für einen
Abschied geben, oder? Maria hielt ihre Schwester für zu stolz, um Suizid zu
begehen und selbst wenn sie so einen Plan hätte, würde das nicht das Verhalten
der Polizisten erklären…

Die Angst um ihre Schwester erdrückte sie schier, ließ sie
keuchen und die Luft aus ihren Lungen weichen. Dennoch zwang sie sich vorwärts
bis zu ihrem Auto, dann stieß sie die Beifahrertür auf und ließ sich neben
ihren Ehemann sinken. Frank warf ihr einen kurzen Blick zu und drehte das Radio
leiser.

„Was ist passiert?“, fragte Maria.

Mit ernstem Gesicht wandte er sich zu ihr um und blickte ihr
tief in die Augen. Überrascht bemerkte sie, dass Tränen in seinen Augen
glänzten.

„Die deutsche Botschaft in Stockholm wurde gestürmt,
höchstwahrscheinlich von der RAF“, erklärte er.

„W-Was?“

Frank schüttelte den Kopf. „Mehr weiß ich auch nicht. Mehr
scheint niemand zu wissen. Die Nachricht ist noch ganz frisch.“

Maria sah erneut auf ihre Fingernägel. „Es stimmt“, meinte
sie leise, „Es muss die RAF sein, sonst hätten sie das Gespräch nicht so abrupt
unterbrochen. Und meine Schwester, sie…sie hat so etwas angedeutet.“

„Lass uns fahren“, bat Frank und ließ den Motor an.

Seine Frau nickte. Auch sie wollte diesen Ort, der schlechte
Erinnerungen in ihr geweckt hatte, so schnell wie möglich verlassen – und
zugleich wieder nicht. Die Angst ihre Schwester zu verlieren, war allzu gegenwärtig.
Wir werden immer zusammen gehen, beruhigte sie sich selbst, Egal wie
viele Kilometer uns trennen.

Dann verschwand die JVA hinter ihnen und es blieb allein der
Weg nach vorne.

Die Fahrt nach Kiel, wo sie beide inzwischen lebten, würde etwa
zwei Stunden dauern, so dass sie die Botschaftsbesetzung nur über das
Radio  mitverfolgen konnten.

Das, was sie hörten, war schlimm genug.

Schon um zwei, zehn Minuten nach der Besetzung, gab es den
ersten Toten. Militärattaché Andreas von Mirbach, der von den Terroristen zur
Verhandlung mit der schwedischen Polizei verpflichtet worden war, wurde nach
der Verstreichung eines Ultimatums erschossen.

Maria weinte, als sie die Nachricht vernahm. Und auch wenn
ihre Schwester nicht direkt daran beteiligt war, wusste sie, dass Ingrid diese
Tat unterstützen würde und fühlte sich dadurch schuldig.

Dann wurden die Forderungen der Terroristen vorgelesen und
noch mehr Tränen flossen über Marias Gesicht, als sie erfuhr, wofür das Blut
von Mirbachs geflossen war.

Die Terroristen forderten die Freilassung von siebenundzwanzig
gefangenen RAF-Mitgliedern, darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike
Meinhof – die Anführer der RAF.

Dann wurde der Name Ingrid Engel vorgelesen.

Das Auto geriet ins Schleudern und erst im letzten Moment
gelang es Frank, das Gefährt zurück auf die Fahrbahn zu bringen, bevor der
Gegenverkehr in sie krachte. Das Hupen des Gegenverkehrs begleitete sie, aber
Frank blickte nur sie an.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er besorgt.

Maria zitterte wie Espenlaub, nicht nur wegen der vorigen
Gefahr, sondern wegen dem Namen ihrer Schwester.

Erneut blickte sie auf ihre Hände, als ob das Blut, das in
Stockholm die deutsche Botschaft tränkte, auch sie befleckte.

Sie nickte nur und konzentrierte sich auf das Ende der
RAF-Erklärung, das soeben vorgelesen wurde.

„Wir werden Menschen sein -
Freiheit durch bewaffneten antiimperialistischen Kampf!

Die Verantwortung für die Erschießung des Militärattachés Andreas von Mirbach
trägt die Polizei, trotz verlängertem Ultimatum hat sie das Botschaftsgebäude
nicht verlassen!

Kommando Holger Meins“

Menschen. Hatte die RAF ihre
Menschlichkeit nicht dadurch verloren, dass sie anderen ihre Menschlichkeit
absprach? Eigentlich taten sie doch genau das, was Hitler getan hatte: Eine
Gruppe, die Polizisten und „Systemträger“ bezeichneten sie als Schweine und
nannten ihr Leben wertlos, während sie sich selbst zur Quelle des alleinigen
Rechts erhoben. Alle, die ihnen widersprachen, machten sie nieder.  

Und Freiheit. Hatten sie die
Arbeiter, die sie befreien wollten, überhaupt einmal nach deren Meinung
gefragt? Natürlich war nicht alles gut an ihrer jetzigen Situation, aber war
denn eine mit Blut erkaufte Freiheit besser?

„Was wirst du jetzt tun?“ Franks
Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Hoffen, dass die Polizei dem
Wahnsinn ein Ende bereitet und keiner zu Schaden kommt. Hoffen, dass Ingrid
wieder Vernunft annimmt. Hoffen, dass die RAF-Mitglieder den Wert eines Lebens
verstehen.“ Am Anfang war ihre Stimme noch leise und zögerlich gewesen, doch
wurde sie fester, je weiter sie sprach. Sie ballte die Rechte zur Faust. „Aber
ich werde Ingrid nicht aufgeben, niemals.“

„In Ordnung. Solange du mir
versprichst, dass du dir immer wieder Ruhezeiten nur für dich nimmst und auch
deine eigenen Träume lebst.“

„Keine Sorge.“ Maria sah aus dem
Fenster, wo der Frühling vorbeizog. „Ingrid hat sich dazu entschieden, Leben zu
nehmen und ich habe mich dafür entschieden, Leben zu bewahren. Diese
Entscheidung werde ich nicht rückgängig machen.“

Leben. Sie sah zwei Kinder, die
lachend auf einer Wiese spielten. Kühe, die gemächlich grasten. Vögel, die in
der Luft tanzten. Leben. So viel mehr, so viel mächtiger, als der Tod. 

Und ihre Schwester? Sie hatte
genickt.

Wir werden immer zusammen
gehen.
Es war Maria nicht egal, wie die
Besetzung der Botschaft in Stockholm ausging und sie bangte um die Geiseln,
aber der Ausgang hatte keine Auswirkung auf die Tatsache, dass sie und Ingrid
Schwestern waren. Wir werden immer zusammen gehen. Leben und Tod so eng miteinander
verzahnt und doch so verschieden. Maria hatte sich für das Leben entschieden
und sie würde alles dafür tun, damit auch Ingrid sich so entschied. Aber es war
keine bloße Hoffnung, sondern das tiefe Wissen über etwas, was sie noch nicht
in ihrer ganzen Bedeutung fassen konnte. Und das Versprechen, gegeben vor so
vielen Jahren, als sie Schmerz noch nicht gekannt hatte, war die Basis. Wir
werden immer zusammen gehen.
Und zugleich der Beginn von etwas ganz Neuem,
was Maria bauen würde.

Leben.
                   
                 

 

 

 

 

 

 

 


    

 

Wir haben uns entschieden, dass
wir von uns aus die Eskalation zurücknehmen. Das heisst, wir werden Angriffe
auf führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat für den jetzt notwendigen
Prozess einstellen.

 

Aus der RAF-Erklärung vom
10.4.1992

 

 5.9.1993, Lübeck

 

Achtzehn Jahre später stand Maria erneut vor dem grauen,
tristen Gebäude der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Achtzehn Jahre des Wartens,
die heute ein Ende finden würden. Denn heute, heute war der Tag, an dem man
Ingrid entlassen würde. Noch immer wusste Maria nicht genau, was sie davon
halten sollte. Eigentlich hätte ihre Schwester noch zwei Jahre absitzen müssen,
doch war sie frühzeitig begnadigt worden.

Wem würde sie gegenüberstehen? Einer Fremden oder jener
Schwester, die ihr einst versprochen hatte, dass sie immer zusammen gehen
würden?

Der Kontakt zu Ingrid war nicht regelmäßig gewesen. Immer
wieder hatte ihre Schwester den Kontakt abgebrochen und wieder aufgenommen.

Gesehen hatten sie sich nach der Besetzung der deutschen
Botschaft erstmals Ende August 1977. Diese Begegnung schien eine Wiederholung
des vorigen Treffens zu sein. Jede Menge Anklagen, Geschrei und erneut eine
Abschiedserklärung Ingrids. Und wieder war diesem Treffen eine schreckliche Tat
der RAF nachgefolgt. Der Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer wurde
entführt und auch diese Tat sollte erneut der Freipressung inhaftierter
Mitglieder dienen – auch Ingrids Freilassung war gefordert worden.

Als die Bundesregierung nicht auf die Forderungen
eingegangen war, hatte ein befreundetes Kommando von Palästinensern ein
Flugzeug – die Landshut - entführt. Zum Glück wurden alle Geiseln von der
deutschen Eliteeinheit GSG 9 befreit und die RAF-Freipressung scheiterte
wiederum. Noch in derselben Nacht beging die RAF-Spitze Suizid in Stuttgart-Stammheim,
was vom Unterstützerfeld selbstverständlich sofort als Staatsmord bezeichnet
worden war. Kurz darauf wurde die Leiche Hanns-Martin Schleyers gefunden.

Im September 1981 fand das nächste Treffen statt, kurz nach
dem Anschlag auf das US-Hauptquartier der Landstreitkräfte in Ramstein. Wieder
beherrschten laute Diskussionen das Gespräch – und doch hatte Ingrid sich
verändert. Sie hatte weder Zweifel an der Ideologie, noch Reue an ihren Taten
gezeigt, doch waren für ihre Schwester genug Zeichen auf eine veränderte
Meinung zu erkennen gewesen. Liquidierung und Staatsmord waren weiterhin
beständige Begriffe ihres Wortschatzes und die Diskussionen weiterhin lautstark
gewesen, aber es hatte vereinzelte Momente gegeben, wo die Atmosphäre sich
gewendet hatte. Momente, in denen Ingrid etwas wie „Wir kämpfen für, nicht
gegen das Volk“,   „Der Preis meiner
Freiheit soll nie der Tod von Kindern sein“ oder „Die Befreiung des
Proletariats war unser ursprünglichstes und reinstes Ziel“ gemurmelt hatte.
Schließlich hatte Maria verstanden, dass ihrer Schwester die Flugzeugentführung
1977 missfallen hatte – weil die Passagiere einfache Zivilisten gewesen waren.

Für Maria war das ein Anfang gewesen, der Hoffnung machte.
Ihr nächstes Treffen war Anfang August 1985, erneut nach einem Anschlag der
RAF, dieses Mal auf die Rhein-Main Air Base. Auch hier hatte eine Tat Ingrids
Rechtsempfinden und ihre Moralität, die sie auf eine verquere Art und Weise
immer noch besaß, erschüttert. Den Mord an dem US-Soldaten Edward Pimental einen
Tag vor dem Anschlag, nur um an seinen Ausweis zu gelangen. Wieder hatte sie
keine direkte Kritik an ihrer Gruppe geleistet, doch hatte sie Argumente
weitaus weniger leidenschaftlich vorgetragen als früher, so als ob sie müde
sei.

Nach dieser Zeit war der Briefkontakt zwischen ihnen rege
gewesen, doch erst 1992 hatte Ingrid um ein weiteres Treffen gebeten. Für ihre
Verhältnisse aufgeregt hatte sie Maria von der Kinkel-Initiative erzählt. Der
Bundesjustizminister Klaus Kinkel hatte den RAF-Häftlingen Haftentlassungen
angeboten, sofern die Illegalen von weiteren Anschlägen und Operationen
absahen. Sie hatte es nicht ausgesprochen, doch Maria hatte ihr angesehen, dass
sie darauf eingehen wollte. Tatsächlich hatte die RAF darauf auf weitere
blutige Taten verzichtet – nur gegen die JVA Weiterstadt war im März dieses
Jahres ein Sprengstoffanschlag verübt worden. Menschen waren dabei nicht
verletzt worden, das Wachpersonal der noch nicht in Betrieb genommenen JVA
wurde nur gefesselt und gewaltsam aus dem Gebäude gebracht, bevor die
Sprengladungen explodierten.

Bisher war das die letzte Tat der RAF gewesen und Maria
hoffte, dass dem auch so blieb.

Ein letztes Mal betrachtete sie sich im Außenspiegel des
Wagens und strich sich eine Haarsträhne zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst
hatte. Du bist erwachsen, Maria. Du musst dich nicht klein machen, um ein
wenig Liebe von deiner Schwester zu erhalten.
Franks Worte, die ihr durch
den Kopf schossen. Als ihr Ehemann ihr die Worte entgegengeschleudert hatte,
war sie davon gelaufen, hatte die Tür zugeknallt, sich die Leine ihrer
Schäferhündin geschnappt und war hinaus. Dann hatte sie verstanden, dass es die
Wahrheit war. All die Jahre hatte sie sich gewünscht, von ihrer Schwester zu
hören, dass sie Maria liebte und `68 nicht wegen ihr gegangen war. All die
Jahre hatte sie gehofft, dass Ingrid noch einmal jene magischen Worte in den
Mund nahm, die sie gebrochen hatte und die Maria immer noch festhielt: Wir
werden immer zusammen gehen.
 

Doch jetzt wusste sie, dass es nicht darauf ankam, was
Ingrid sagte oder über sie dachte, sondern wie sie selber auf ihre Schwester
zuging. Es ging darum, Liebe zu geben und nicht sie zu verlangen. Aber auch
darum selbst gesunde Grenzen zu setzen, um sich nicht zu verlieren. Das hatte
Frank ihr all die Jahre hatte sagen wollen und nun hatte sie es endlich
verstanden.

Zum ersten Mal fühlte sie sich wirklich bereit, ihrer
Schwester gegenüber zu treten.

 

 

Dann standen sie sich gegenüber. Sie kam alleine und blickte
Maria an. Die Jahre im Gefängnis hatten Ingrid kaum altern lassen. Ihr Körper
war immer noch schlank und die Haut straff. Keine einzige graue Strähne zeigte
sich in ihrem Haar und wenn man nicht den veränderten Blick sehen würde, könnte
man meinen, dass keinerlei Zeit vergangen war. Wachsamkeit und Misstrauen
mischten sich mit Angst und Müdigkeit.

Wenn Maria es mit einem Wort beschreiben sollte, so würde
sie sagen, dass der Blick ihrer Schwester sich verdunkelt hatte. Es war
keinerlei Hoffnung oder Freude darin, nur Bitterkeit. Ingrid war erst
dreiundvierzig, aber ihre Augen waren die einer alten Frau, die des Lebens
überdrüssig war.

„Bist du alleine gekommen?“

Maria nickte.

Frank hatte gemeint, dass sie selbst erst entscheiden müsse,
welche Rolle Ingrid zukünftig in ihrem Leben spielen solle, bevor er sich
darüber Gedanken machte. Seine einzige Bedingung war gewesen, dass die Kinder
vorerst ihrer Tante nicht begegneten. Nicht bevor sie sich über  Ingrids jetzige Position zur RAF und zum
Terrorismus bewusst waren. Darin waren sie beide sich einig gewesen.

Schweigen.

Dann räusperte sich Ingrid und fragte: „Wie alt sind deine
Kinder jetzt?“

„Michaela ist vierzehn“, begann Ingrid, während sie über den
Parkplatz liefen. „Sie ist schon so erwachsen und überzeugt mit ihren
Argumenten fast jeden. Wenn sie sich einmal etwas vorgenommen hat, dann zieht
sie das auch durch.“ Sie sagte nicht, dass ihre Älteste sie manchmal mit ihrer
Zielstrebigkeit an ihre Schwester erinnerte, auch wenn sie viel rationaler war
als Ingrid.

Maria schloss den Wagen auf und fuhr fort: „Matthias ist jetzt
elf und sehr viel ruhiger und nachdenklicher. Wenn er sich zu Wort meldet, hat
er das ganze Gespräch schon im Voraus durchdacht und nimmt dir die Argumente
von den Lippen. Er zeichnet sehr gerne.“ Mit einem Lächeln dachte sie an ihren geliebten
Sohn, der ihr als Kleinkind mit seinen Krankheiten und Problemen immer die
meisten Sorgen bereitet hatte.

Sie blickte ihre Schwester an, die auf dem Beifahrersitz
saß. Die braune Mappe, die sie schon beim Rauskommen in der einen Hand
umklammert hatte, hielt sie immer noch fest.

„Du musst dich anschnallen“, bemerkte Maria und deutete auf
den Gurt. „Es gibt jetzt eine Anschnallpflicht.“

Ohne ein Wort ließ Ingrid den Dreipunktgurt einrasten und
nachdem Maria sich selbst angeschnallt hatte, startete sie den Motor.

„Manuela ist mit sieben das Nesthäkchen.“ Sie setzte den
Blinker und verließ den Parkplatz der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Ihre
Schwester sah nicht zurück.

„Sie ist lebensfreudig und hält es nie lange an einer Stelle
aus. Neugierig geht sie auf alles und jeden zu und probiert alles Mögliche aus.
Sie kommt jetzt in die zweite Klasse und ist sehr aufgeregt.“

Ingrid nickte nur und sah aus dem Fenster, während sie durch
die Straßen Lübecks fuhren. Wie mochte sich die Welt in den zwanzig Jahren, die
sie hinter Gittern verbracht hatte, für Ingrid verändert haben? Meistens war
der Wandel so schleichend gewesen, dass man ihn kaum richtig bemerkte, doch für
Ingrid musste es ein Schock sein.

Maria mochte Lübeck, besonders die historische Altstadt mit
den engen verwinkelten Gassen, den beeindruckenden Kirchen und den
Fachwerkhäusern. Frank war hier geboren und aufgewachsen. Vor zwanzig Jahren
hatten sie an der Untertrave am Hafen gesessen und Frank hatte ihr seinen
Heiratsantrag gemacht. Mit einem Lächeln dachte sie an seine zitternden Hände
zurück, durch die ihm fast der Ring ins Wasser gefallen wäre. Dennoch hatte sie
angenommen und ihre Entscheidung seitdem nie bereut.

„Lübeck wurde 1987 zum UNESCO-Welterbe ernannt und die Bauwerke
sind seitdem geschützt.“

Ihre Schwester nickte nur.

„Dort drüben wurde Willy Brandt geboren“, meinte Maria,
„Meierstraße 16.“

„Ich hörte, dass er letztes Jahr gestorben ist“, erklärte
Ingrid schließlich mit leiser Stimme. „Es tat mir leid. Er war ein mutiger
Vordenker und Reformer. Wenn er auch einigen nicht radikal genug war, so habe
ich ihn für seinen Widerstand in der NS-Zeit immer bewundert.“

„Ja.“ Maria nickte, auch wenn sie sich nicht immer hinter
den Politiker gestellt hatte, wie es viele ihrer Generation getan hatten.  

Ingrid räusperte sich

„Du hast mir 1970 ein Buch geschenkt“, meinte sie leise,
„Der Lübecker Christenprozeß 1943. Ich besitze es immer noch und es hat mir
immer Kraft gegeben, die Briefe der Märtyrer zu lesen, auch im Gefängnis. Für
mich war Lübeck immer mit der Geschichte dieser vier Männer verbunden“

Es freute Maria, dass ihre Schwester dieses Buch noch immer
besaß. Als sie es damals gekauft hatte, hatte sie gehofft, dass der
geschilderte und mutige Kampf der vier Christen gegen den Tod, den Hitler
brachte, ihre Schwester zum Umdenken bringen würde. Anscheinend hatte es die
Positionen ihrer Schwester nicht umgekehrt, doch dass sie sich damit überhaupt
beschäftigt hatte und es anscheinend noch immer tat, war ein Hoffnungsschimmer.

„An der Lutherkirche, wo Karl Friedrich Stellbrink bis zu
seiner Verhaftung wirkte, müssten wir gleich vorbeikommen.“

Kurz darauf starrte ihre Schwester das Bachsteingebäude an,
als ob sie noch die Gestalt des Märtyrers sehen und seine Schritte hören
konnte. Als die Lutherkirche im Rückspiegel verschwand, wandte sich Ingrid zu
ihrer Schwester: „Lass uns ein Spiel spielen, kleine Schwester“

Maria hoffte, dass Ingrid das idiotische Lächeln nicht
bemerkte, das ihr Gesicht bei den letzten beiden Worten überzog.

„In Ordnung.“

„Welcher preußische General zog sich 1806 nach der Schlacht
bei Jena und Auerstedt nach Lübeck zurück?“

„Blücher“, entgegnete Maria, ohne zu zögern. „Apropos
Blücher. Ich habe eine sehr interessante Biographie, geschrieben von Tom
Crepon, über ihn gefunden. Aber wann war nun die Schlacht von Lübeck?“

„Das ist zu einfach!“, rief Ingrid enttäuscht aus und Maria
freute sich diebisch über das Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Frage ist Frage“, entgegnete sie.

„Sechster November 1806“, erklärte Ingrid, was ihre
Schwester mit einem Lächeln quittierte. „Und durch den Fehler welchen Generals
gelang den Franzosen die Einnahme der Stadt?“

Maria tat einen Moment so, als müsse sie überlegen, obwohl
sie die Antwort ganz genau wusste: „Herzog Friedrich Wilhelm von
Braunschweig-Oels, der entgegen seiner Befehle die Artillerie nicht vor den
Toren zurückließ, sondern sie in die Stadt zurückholte. Somit ließen sich die
Tore nicht rechzeitig schließen und die Franzosen erstürmten die Stadt“

Ingrid nickte.

„Wie hieß der Mann, der in einem Brief an eine Verwandte
Napoleons über die Ereignisse nach der Einnahme Lübecks berichtete?“

„Charles de Villers“, erklärte ihre Schwester nach kurzem
Zögern, doch fügte sie keine Frage hinzu, sondern starrte aus dem Fenster.

Es war so einfach gewesen, die Vergangenheit bei diesem
Fragespiel auszublenden, das aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Einer
Zeit, als sie noch nicht gewusst hatte, wozu ihre Schwester fähig war. Sie
konnte sich nicht vorstellen, dass diese Hände, die unscheinbar und unschuldig
im Schoß ihrer Schwester ruhten, das Leben eines Menschen ausgelöscht hatten.

„Wohin fahren wir?“

„Hamburg.“ Maria hatte erwartet, dass ihre Schwester etwas
entgegnen, etwas fragen würde, doch sie schwieg.  

Die Fahrt dauerte etwas mehr als eine Stunde und sie
unterhielten sich über Belanglosigkeiten, mieden Themen wie die RAF, Politik
und das Gefängnis.

 

 

Als Maria die Fahrzeugtür zuschlug und den Wagen abschloss,
fragte Ingrid leise: „Was erhoffst du dir hiervon?“

Leise. Ingrids Stimme war leiser geworden, die einstige
Stärke war kaum noch zu erkennen.

„Gemeinsame Erinnerung“, erwiderte ihre Schwester mit fester
Stimme. „Erinnerst du dich noch an die Fahrt über die Elbe, wo du dich ständig
übergeben hast und die Möwen Mutters Brötchen geklaut haben?“

Zu ihrer Freude ging Ingrid darauf ein. „Als wir am Hafen
waren, wurde dein Hut ins Wasser geweht. Ein alter Mann hat ihn von seinem
Fischkutter rausgefischt.“

„Stimmt!“ Maria lachte auf, während sie in eine kleine Gasse
einbogen „Es war mein liebster Hut, denn er hatte eine rosa Schleife.“

Für einen Moment wusste sie nicht, was sie sagen sollte,
doch es schien, als ob ihre Schwester kein Gespräch wollte. Mit glänzenden
Augen sah sie sich in den Hamburger Straßen um, sog die Gerüche ein und starrte
schamlos den Menschen hinterher. Als ein Kind auf dem buckligen Pflaster
stolperte und hinfiel, war Ingrid noch vor der Mutter da, um ihm wieder
aufzuhelfen. Doch dann schien irgendetwas geschehen, etwas schien sie zu
erschrecken und die Ex-Terroristin wich zurück. Ohne ein weiteres Wort wandte
sie sich ab und kehrte zu Maria zurück. Doch beachtete sie ihre Schwester mit
keinem Blick, sondern starrte nur ihre Hände an.

Die Mutter nahm das Mädchen in den Arm und verschwand, aber
Ingrid starrte immer noch erschüttert auf ihre Hände.

Ohne etwas zu sagen, nahm Maria Ingrid wie ein kleines Kind
an die Hand und führte sie bis zu einer Bank, die verlassen unter Linden stand.
Sie setzten sich.

Nach einer Weile meinte sie leise: „Man fühlt sich nie
wieder rein, nicht wahr? Man hat Angst, etwas so Reines wie ein Kind
anzufassen, weil man es beschmutzen könnte. Ich…“ Ich habe niemanden
ermordet,
hatte sie sagen wollen, doch sprach sie es nicht aus. „Ich kann
es verstehen.“

„Ich habe in Jordanien gesehen, wie sie Kinder mit
Sprengstoffgürteln losgeschickt haben, nicht älter als dieses Mädchen. Diesen
Kindern war jegliche Unschuld genommen worden.“ Warum musste ihre Schwester nur
jeden kostbaren Moment zerstören, in dem sie wieder so etwas wie Nähe empfand?

„Und doch habt ihr euch dort ausbilden lassen.“

Das die RAF Verbündete im Nahen Osten hatte, war schon lange
kein Geheimnis mehr. Spätestens seit der Entführung der Landshut durch
Palästinenser war auch dem letzten Hinterwäldler bewusst geworden, dass der
bewaffnete Kampf sich internationalisiert hatte. So war der Anschlag auf die
Rhain-Main Air Base am 8.8.1985 von Terroristen der RAF und der französischen
Action Directe gemeinsam durchgeführt worden.

Ihre Schwester zuckte mit den Schultern und ließ scheinbar
gelassen die Beine baumeln. „Die DDR hat auch Menschen an den Grenzen
erschossen, dennoch haben wir ihre Flughäfen benutzt. Der Feind meines Feindes
ist mein Freund.“

Maria beugte sich vor, um ihrer Schwester direkt in die
Augen zu blicken.

„Und was hast du gedacht, als du erfahren hast, dass die DDR
euch nicht nur die Flughäfen zur Verfügung gestellt hat, sondern auch zehn
RAF-Mitgliedern das Untertauchen mit neuen Identitäten ermöglicht hat?“

Wie sie berechnet hatte, ging Ingrid sogleich darauf ein.
Nur kurz zögerte sie, als ob sie erahnte, dass ihre Schwester etwas plante. „Ich
habe mich darüber aufgeregt. Man entscheidet sich mit seinem ganzen Sein für
den Kampf und das Leben im Untergrund. Solche Memmen wie die Maier-Witt oder
die Albrecht hätten nie in die RAF eintreten dürfen. Ein feines Leben war das
in der DDR fern des Kampfes, dem sie sich verschrieben hatten. Die Albrecht
hatte Kind und Mann, aber für mich wäre das nie eine Option gewesen. Es war
Verrat an der Gruppe“ Sie schwieg kurz. „Die Albrecht habe ich sogar kurz
kennen gelernt, als ich ’72 hier war. Schon damals erschien sie mir als zu
willensschwach und schüchtern. Ich habe von der Hausbesetzung in der
Ekhofstraße gehört, an der sie teilgenommen hat. Da waren zweihundert Menschen
dabei, die etwas bewegen wollten, aber nicht den Mut hatten, eine klare,
endgültige Grenze zu ziehen. Sie waren noch zu stark in ihrer bürgerlichen
Identität verankert und haben deshalb versagt.“

„Dennoch habt ihr die Albrecht aufgenommen.“

Ingrid zuckte mit den Schultern. „Ich saß damals schon
hinter Gittern, aber ich kann die Entscheidung der Gruppe durchaus verstehen.
Wir brauchten sie, um die…Operation Big Money durchzuführen. Sie kannte die
Familie und es war nur konsequent, dass sie zuvor Mitglied der RAF werden
musste, um uns Zutritt zum Haus zu verschaffen“

„Spreche es aus“, forderte ihre Schwester mit bebender
Stimme, „Sag den Namen des Mannes, den ihr damals ermordet habt“

Ingrid schnaubte. „Ich saß damals im Gefängnis.“

„Doch beharrt ihr bei den Prozessen immer darauf, dass alles
von der Gruppe getan wurde und dass es keine Einzeltaten gibt“, führte Maria
aus.

Ihre Schwester nickte. „Punkt für dich.“ Scheinbar
gleichgültig fügte sie hinzu. „Und der Name des Mannes war Jürgen Ponto, ein
Bankier, der die Kriege in der dritten Welt finanzierte und W…“

„Und doch hast du gerade gesagt, dass er ein Mann, ein
Mensch ist. Du hast ihm Menschlichkeit zugesprochen, obwohl die RAF ihn in der
Erklärung als Dreck bezeichnet. Wenn du Jürgen Ponto jetzt als Menschen
ansiehst, musst du es auch immer gewusst haben.“

Für einen Moment starrte Ingrid sie nur an. Eine Maske von
Überraschung auf dem Gesicht, die sich jedoch rasch mit Hohn mischte.

„Ah.“ Ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen. „Dein
Mann, der Landtagspolitiker, hat dich das Diskutieren und die Argumente
gelehrt. Sag, wie lebt es sich so auf Kosten des Staates?“

„Mit euren Anschlägen habt ihr viel mehr Kosten verursacht
als der Abgeordnetengehalt meines Mannes“, entgegnete Maria ruhig, „Damit habt
ihr dem Steuerzahler gewiss keine Freude gemacht. Allein bei dem Anschlag gegen
Weiterstadt waren es 90 Millionen D-Mark, die der Steuerzahler aufgrund seines
„Freiheitskampfes“ tragen musste.

„Die Freiheit“, knurrte Ingrid, „kann man nicht mit Geld
aufwiegen. Und der Anschlag gegen Weiterstadt war eine Rückkehr zu den Wurzeln.
Die RAF wird neu aufgestellt werden. Es ist ein Neuanfang.“ Sie musste in der Zwischenzeit
vor Wut kochen.

„Erkenne endlich die Realität an, Schwesterherz.“ Marias Stimme
war ohne jedes Zittern, aber die Worte waren scharf gesprochen. „Die RAF ist am
Ende. Es ist vorbei.“

Zu ihrem Erstaunen diskutierte ihre Schwester nicht.
Stattdessen entkam ein tiefer Seufzer ihren Lippen und leise erklärte sie: „Ich
weiß.

Überrascht musterte Maria ihre Schwester. Doch Ingrid wich
ihrem Blick aus und schloss die Augen. 

„Ehre und Frieden macht es mich, Anteil an dem beendigten
Kriege zu haben, die größte Zufriedenheit aber besteht darin, an dem
abgeschlossenen Frieden keinen Teil zu haben.“

Es erzürnte Maria, dass Ingrid dieses Zitat, das ein Teil
ihrer Jugend gewesen war, so beiläufig benutzte, um ihre Position zu
untermauern. Die gemeinsame Geschichtsleidenschaft war immer etwas gewesen, das
die Schwestern verbunden hatte und über die Maria immer wieder eine Brücke zu
Ingrids Herz hatte schlagen können. Früher hätte sie Ingrid darauf hingewiesen,
dass sie dieses Zitat komplett aus dem Kontext gegriffen hatte und dass sie
diese Aussage Blüchers zum Wiener Kongress 1814/15 kaum mit der
Kinkel-Initiative vergleichen könne. Doch jetzt wusste sie, dass diese
Entgegnung die Fronten zwischen ihnen nur noch mehr erhärten würde.

„Viele sagen, dass sich die RAF am Ende zu sehr von ihren
ursprünglichen Zielen entfernt hat“, wagte sie sich vorsichtig auf
gefährlicheres Terrain.

Ihre Schwester ließ die Augen geschlossen, aber sie nickte.

„Ich habe mir die Bekennerschreiben der letzten Anschläge
angehört. Die Rechtschreibung und die Formulierungen sind…einfach unschön, wenn
man sie mit der wohlgefeilten Sprache der ersten Konzepte vergleicht.“

„Ulrike Meinhof war Journalistin“, ging Maria darauf ein.
Auch wenn sie noch weit von dem entfernt waren, wo sie eigentlich hinwollte,
war allein die Tatsache, dass sie über die RAF redeten, ohne sich anzuschreien,
schon ein Fortschritt. „Sie wusste wie man mit Sprache umging.“

„Es ist nicht nur das. Auch Gudrun konnte schreiben und
formulieren. Die Ideale der Studentenbewegung und der Gründer sind verloren
gegangen. Die Mitglieder der dritten Generation und auch die meisten der
zweiten Generation haben Gudrun, Andreas und Ulrike nie kennen gelernt. Sie
sind einen Weg gegangen, von dem sie dachten, dass sie damit ihr Erbe
weiterführen würden, ohne zu verstehen, dass sie sich damit von ihnen entfernt
haben.“

„Was genau meinst du?“ Spreche es aus, Schwester! Lass
die Vorwürfe, die Gedanken, die du all die Jahre mit dir herumträgst, endlich
hinaus.

Abrupt öffnete Ingrid die Augen und hob nachdenklich ein
heruntergefallenes Blatt vom Boden auf. Mit den Fingern begann sie es zu
zerreißen. Ihre Schwester hatte noch nie stillsitzen können, wenn sie innerlich
aufgewühlt war.

„Die Ermordung von Edward Pimental und die
Flugzeugentführung hätten so nie durchgeführt werden dürfen. Sie...“ Das Blatt
fiel zu Boden und Ingrid Atemstöße kamen nur noch ruckartig. „Sie…waren konträr
zur Hauptlinie. Auch im Interesse der Öffentlichkeit hätten diese beiden
Operationen nie so durchgeführt werden dürfen.“

„Du meinst, weil viele linke sich nach diesen beiden Taten
von der RAF abgewandt haben?“

„Ja!“ Ihre Schwester nickte. „Genau das meine ich. Es war
ein taktischer Fehler.“

„Und was ist mit dem Anschlag auf das Springer-Verlagshaus?
Auch dort wurden Zivilisten verletzt.“ Jetzt waren sie an einem kritischen
Punkt gelangt. Zuvor hatte es Ingrid zwar emotional berührt, doch an den
Anschlägen, die sie bisher erwähnt hatten, war Ingrid nicht beteiligt gewesen.
Anders beim Springer-Verlagshaus. Ingrid war bisher als einzigste Beteiligte
identifiziert worden. Es betraf sie direkt – und war deshalb gefährliches
Terrain.

Für einen Moment schwieg Ingrid. Kurz sah sie zu ihrer
Schwester, doch dann sah sie rasch wieder weg.

„Genauso wie bei den anderen. Im Sinne der Öffentlichkeit
hätte darauf verzichtet werden müssen. Es wurde zwar eine Warnung gegeben, die
nicht beachtet wurde, doch im Nachhinein betrachtet, war diese Maßnahme
ungenügend. Man hätte es so wie bei den Kaufhausbrandstiftungen machen sollen,
so wie bei Weiterstadt.“

„Warum hast du es damals nie deiner Gruppe gesagt? Nie ausgesprochen,
dass ihr auf Menschen schießt?“

Ingrid hielt es nicht mehr länger auf der Bank aus und
sprang auf. Mit bebenden Fingern griff sie in die Jackentasche und zündete sich
eine Zigarette an. Hastig nahm sie einen Zug und pustete den Rauch aus.

Sie bemerkte den missbilligenden Blick ihrer Schwester und
erklärte seufzend: „Ich weiß, ich sollte es mir abgewöhnen“

Maria ging nicht auf Ingrids Ablenkungsversuch ein. „Lass
uns ein Stückchen gehen“, schlug sie stattdessen vor. „Hier in der Nähe befindet
sich ein Park mit wunderschönen Teichen.“

Ingrid nickte und gemeinsam setzten sie sich in Bewegung.

Nachdem sie ihrer Schwester einige Zeit gelassen hatte,
fragte sie: „Warum hast du dich der RAF angeschlossen? Was war dein
persönlicher Grund? Es muss doch etwas gegeben haben! Ich weiß, dass du in
diesen Hermann verliebt warst, doch wäre ein Mann nie deine Hauptintention
gewesen.“ Sie hatte die vorige Frage, die sie gestellt hatte, nicht vergessen.
Jedoch sah sie, dass Ingrid noch nicht bereit war, eine Antwort zu geben und
wollte das Gespräch nicht erlöschen lassen.

Aus den Augenwinkeln sah sie wie Ingrid die Hände zu Fäusten
ballte.

Schließlich erklärte sie mit heiserer Stimme. „Ich habe ein
Mädchen gesehen. Es war sogar hier in Hamburg. Ein vietnamesisches Mädchen,
dessen Arme vom Napalm verbrannt waren und das in einem deutschen Krankenhaus
lag. Ich glaube, dass ich ihr damals die Hoffnung wiedergeben wollte.“

Sollten all die Menschen nur gelitten haben, weil Ingrid
einem Mädchen die Hoffnung wiedergeben wollte?

„Nein.“ Maria schüttelte den Kopf. „Das Schicksal des
Mädchens hat dich ohne jeden Zweifel berührt, aber es war nicht dieser Grund.“

Sie durchschritten die eisernen Tore des Parks.

Maria sog die frische Luft ein und bog auf einen mit Kies
bedeckten Weg ein.

„Der Grund war, dass du das Leid nicht ertragen konntest,
das dieses kleine Mädchen verströmte“

Zögernd nickte Ingrid.

„Du konntest es nicht ertragen“, führte Maria aus, „weil es
dich an deinen Vater erinnerte.“

Sie hob eine vergessene Puppe vom Boden auf und betrachtete
nachdenklich die verblassten Farben. „Ich erinnere mich noch an viele Spiele
und Theaterstücke, die wir zusammen gespielt haben. Häufig wolltest du Robin
Hood oder Julian von den Fünf Freunden sein. Natürlich, wer wollte das nicht?
Sie haben die Bösen besiegt und verkörperten die Gerechtigkeit.

Doch ich glaube, dass du sie spielen wolltest, weil sie dich
an deinen Vater erinnerten oder an ihn, wie du ihn dir vorgestellt hast. Sie
halfen den Guten, retteten sie vor Gefahren, so wie dein Vater Juden und
Osteuropäer beschützt hat.“ Maria hielt inne und musterte aus den Augenwinkeln
ihre Schwester, deren Gesichtszüge erstarrt waren.

„Als du dich der RAF anschlosst, wolltest du denselben Weg
wie dein Vater gehen und ihn stolz machen.“  

Ingrid beschleunigte ihre Schritte, als wollte sie vor jener
Wahrheit fliehen, die Maria soeben ausgesprochen hatte. Dabei wussten sie beide
doch, dass man ihr nicht entkommen konnte.

Scheinbar gelassen folgte Maria ihr, doch innerlich erzitterte
sie vor Anspannung. Sie wusste, dass jetzt der Moment gekommen war. Wenn sie
jetzt versagte, könnte sich ihre Schwester für immer von ihr abwenden und würde
weiter an der verqueren Ideologie der RAF hängen bleiben. Aber die RAF hatte
ihr schon zu viele Jahre der gemeinsamen Zeit gestohlen und Maria würde sich
nicht noch mehr davon nehmen lassen.

Hoch ragten die Bäume zu ihren Seiten auf und bildeten einen
Tunnel. Bunt gesprenkelte Blätter bedeckten den Boden und bildeten eine weiche
Schicht, die jegliches Geräusch von Schritten schluckte. In der Ferne
zwitscherten einige Vögel, aber dennoch ergriff Maria das eigenartige Gefühl,
ganz allein mit ihrer Schwester zu sein. Die Autos, die lärmenden Menschen auf
den Straßen, all das war weit entfernt in dieser Oase inmitten der Großstadt.
Hier waren nur sie und ihre Schwester wie damals im Wald hinter dem Pfarrhaus,
der ein Rückzugsort für sie gewesen war. Jener Rückzugsort, wo einst das
Versprechen ausgesprochen worden war, an dem Maria noch immer festhielt. Wir
werden immer zusammen gehen.

In diesem Moment kam ihre Schwester zurück. Laub raschelte
unter ihren hastigen Schritten und die Herbstsonne ließ ihr Gesicht für einen
Moment überirdisch leuchten. Doch dann war der Ausdruck fort und es blieb nur
Schrecken und Entsetzen auf dem Gesicht einer Frau, die auf der Flucht war.

„Du hast mich auf einen Friedhof geführt!“, schleuderte
Ingrid ihr entgegen. Aber die Stimme drang nur leise hervor und das Zittern
darin war nun unüberhörbar. Gehetzt blickte Ingrid sich um. Panisch sah sie
ihre Schwester an.

„Richtig“, entgegnete Maria gelassen, „Das ist der Friedhof
Ohlsdorf und der größte Parkfriedhof der Welt. Es ist meiner Meinung nach ein
sehr schöner Ort zum Spazieren mit sehr schönen historischen Gräbern und…“

„Bring mich hier weg!“

„Wie bitte?“

„Ich sagte, bring mich hier weg! Ich weiß den Weg hinaus
nicht mehr.“ Die Hände ihrer Schwester zitterten. Obwohl Maria nicht mit so
einer heftigen Reaktion gerechnet hatte, wusste sie, dass sie richtig gehandelt
hatte. Endlich fielen die Mauern, die Ingrid um ihr Herz errichtet hatte und
eröffneten Maria den Blick, auf das, was sie wirklich empfand und dachte.  

„In Ordnung“, entgegnete sie, auch wenn sie nicht im
Geringsten vorhatte, ihre Schwester hinaus zu geleiten. Vorher musste Ingrid
noch etwas sehen.

Schweigend gingen sie durch die Allee und folgten danach
einem der kiesbedeckten Seitenpfade. Auf den Hauptpfaden waren kaum Gräber zu
erkennen gewesen, doch jetzt reihten sie sich aneinander. Endlose Daten, deren
Hintergründe nur solange im Gedächtnis verblieben, wie es Leute gab, die sich
ihrer erinnerten.

„Das ist nicht der Weg, den wir hergekommen sind“, meinte
Ingrid und ein Hauch von Misstrauen klang darin mit.

„Wir nehmen eine Abkürzung. Auf dem Hinweg dachte ich, dass
du den Park sehen möchtest, deshalb haben wir einen anderen Weg genommen.“

Erneut bogen sie ab. Grünes Gras bedeckte den Wegesrand und
die letzten Blumen trotzten dem einziehenden Herbst. Zwischen zwei großen
Büschen verließen sie auch diesen Weg und folgten einem kleinen, nur mit Sand
bedeckten Fußpfad. Als der Weg an einem Busch herum eine Kurve nahm, erkannte
Ingrid auch den wahren Grund, warum Maria mit ihr nach Hamburg gefahren war.

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf und wollte zurückweichen.
„Nein!“

Maria trat vor ihre Schwester und blickte ihr in die Augen.

„Du wirst jetzt nicht fliehen, jetzt nicht! Sieh es dir
wenigstens an. Das schuldest du dem Mann, dessen Leben du genommen hast.“

Starr stand ihre Schwester da und starrte auf das einzelne
Grab vor ihnen. Es war zu weit entfernt, um die Schrift zu lesen, aber Maria
kannte die Worte auswendig. Schon mehrmals war sie hier gewesen. Manchmal mit
Frank, häufig alleine und einmal hatte sie sogar Michaela mitgenommen. Gesagt,
warum sie da gewesen waren, hatte sie ihrer Ältesten indes nicht.

Überrascht bemerkte sie, dass Tränen über Ingrids Wangen
liefen. Langsam, um ihre Schwester nicht zu erschrecken, trat Maria hinter sie
und legte ihr die Hand auf den Rücken. Sie begann sanften Druck auszuüben und spürte
wie Ingrid sich unter ihren Fingern anspannte, aber schließlich machte ihre
Schwester einen Schritt nach vorne. Es war Arbeit und jeder einzelner Schritt
war ein stummer Schlagaustausch zwischen den beiden Schwestern. Ein
Schlagaustausch, in dem sich alle Argumente vereinten, die sie die Jahre vorher
ausgetauscht hatten.

Doch dann standen sie rechts und links neben dem Grab und
blickten auf die steinerne Platte hinab.

Rainer Hilgers

1922-1972 

Sie sah wie ihre Schwester die Silben lautlos formte und
zugleich den steinernen Engel musterte, der oben auf der Grabplatte lag. Daneben
lag ein von kleinen Kinderhänden bemalten Bild. Für Opa hatte jemand
darauf geschrieben.

„Du musst es nicht alleine tragen“, meinte Maria leise.
Einst hatte Frank ihr dasselbe angeboten, damals hatte sie es nicht angenommen.
Sie hoffte, dass Ingrid es anders handhaben würde.

„Nein.“ Wie erwartet schüttelte Ingrid den Kopf. „Diese Last
ist die meinige. Du hast schon genug für mich getragen, kleine Schwester.“

Glücksgefühle strömten durch ihren Körper, als Ingrid jene
beiden kostbaren Worte aussprach, die sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr
vernommen hatte. Aber ihre Schwester hatte die Last zugegeben.

„Du hast immer gewusst, dass es ein Mensch war, den du
getötet hast“, stellte Maria fest.

„Ja. Das habe ich. Aber ich habe es ignoriert, weil alle in
meinem Umfeld es ebenso gehandhabt haben.“ Sie hob die Hände vor ihr Gesicht
und musterte sie. „Erinnerst du dich an das Gespräch, was wir geführt haben,
bevor ich nach Westberlin gegangen bin? Das Gespräch über die Französische Revolution.“

Maria nickte. „Wie hätte ich es vergessen können?“

„Du hast gesagt, dass eine rigoros durchgesetzte Gesinnung
dem Grundgedanken der Freiheit widerspricht. Damals habe ich es abgelehnt, aber
im Gefängnis hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und ich habe erkannt, dass du
Recht hattest. Die RAF hatte ebenfalls eine rigoros durchgesetzte
Gruppendisziplin und das hat dazu geführt, dass wir die Freiheit, die wir
eigentlich verteidigen wollten, aus den Augen verloren haben. Im Namen der
Freiheit hatten wir diktatorische Disziplin, die jegliche Freiheit schon im
Ansatz vernichtet hat“

Maria sah wie Ingrid erzitterte.

„Ich habe es nur zu spät verstanden“, flüsterte sie und
erneut rannen Tränen über ihr Gesicht.

„Nein.“ Dieses Mal war es Maria, die den Kopf schüttelte.
„Es ist nie zu spät.“

„Aber für ihn.“ Ingrid deutete auf das Grab. „Für ihn ist es
zu spät. Ich habe einen Menschen ermordet, Maria. Einen Menschen erschossen. Es
ist nicht wieder gutzumachen.“

„Ja. Das Leben dieses Mannes ist vorbei und deine Tat ist
und wird auch nie zu rechtfertigen sein. Aber das heißt nicht, das dein Leben
und das Gute, das Schöne vorbei ist.“

Maria schenkte ihrer Schwester ein Lächeln.

„Ich bin hier und du bist hier und wir haben ein gemeinsames
Versprechen. Wir werden immer zusammen gehen.

„Wir werden immer zusammen gehen?“ Es verletzte Maria, die
Unsicherheit und Verwirrung in der Stimme ihrer Schwester zu hören. Einst war
Ingrid es gewesen, die dieses Versprechen mit so viel Sicherheit und
Überzeugung ausgesprochen hatte. Jetzt war es Marias Aufgabe, ihre Schwester wieder
davon zu überzeugen.

„Wir werden immer zusammen gehen!“, erklärte die Jüngere
also mit fester Stimme und all jener Sicherheit, die sie aufbringen konnte.

Dieses Mal war Maria es, die die Hand ihrer Schwester
entgegenstreckte.  

Für einen Moment hing diese in der Schwebe, unbeachtet von
Ingrid, die immer noch auf den Grabstein starrte.

Doch dann, unendlich langsam, wandte sie den Kopf ihrer
Schwester zu und streckte ihr ebenso langsam die Hand entgegen. Ein Prickeln
schoss durch Marias Arm, als ihre Fingerspitzen sich berührten. Ein Prickeln,
das ihren gesamten Körper mit jener angespannten Erwartung erfüllte, dass eine
gute Zukunft auf sie wartete.

Langsam wanderten die Finger höher und dann verschränkten
sich die Hände der beiden Schwestern über dem Grab des toten Polizisten
ineinander.

Sie sahen sich in die Augen.

„Wir werden immer zusammen gehen!“ Und Ingrid sprach die
Worte mit jener Sicherheit und Selbstverständlichkeit aus, die sie schon damals
benutzt hatte. Damals vor vierunddreißig Jahren in einem Wald, den sie beide
schon lange nicht mehr betreten hatten. Ihre Kindheit und damit auch ihre
Unschuld war wahrlich unwiderrufbar verloren, aber das war auch gut so. Sie
beide hatten sich verändert.

Jetzt mussten sie wieder lernen, einander zu vertrauen und
sich wieder kennen zu lernen. Um jenes Vertrauen wieder zu erlangen, als sie
sich gegenseitig dieses Versprechen gegeben hatten, das heute erneuert worden
war.

„Wir werden immer zusammen gehen.“ Sie sprachen es noch
einmal gemeinsam aus. Denn es war die einzige, unwiderlegbare Wahrheit, die
blieb, egal was andere sagen oder meinen mochten.  

Sie würden immer zusammen gehen. 


    

Diese Geschichte zu schreiben, war eine relativ kurzfristige
Entscheidung. Eigentlich war ich gerade am Plotten meiner Fantasy-Trilogie und
hatte keine Energie nebenbei noch eine Geschichte anzufangen – und erst gar
nicht eine historische, die viel Zeit an Quellensuche und Recherche erfordert.

Dennoch hat mich diese Idee nicht mehr losgelassen und ich
habe mich entschlossen, Ingrids und Marias Geschichte zu Papier zu bringen.
Ursprünglich hatte ich sogar drei Sichten geplant. Frank sollte noch dazu
kommen, als Bruder des von Ingrid getöteten Polizisten. Wie ihr sehen könnt,
habe ich die ursprüngliche Idee gekürzt. Aber vielleicht setze ich mich noch
einmal daran und füge Franks Sicht und das eine oder andere Kapitel hinzu.

Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, das Geschwisterpaar in
seinen Handlungen und Intentionen überzeugend darzustellen – falls nicht, weist
mich bitte darauf hin. Ebenfalls möchte ich festhalten, dass ich die Taten der
RAF auf keinen Fall rechtfertigen möchte. Was sie getan haben, ist Mord, es ist
grausam und nicht zu entschuldigen.

 Was mich dennoch dazu
gebracht hat, eine Geschichte über diese schwierige Zeit zu schreiben, sind
zwei Fragen. Es ist die Frage wie junge Menschen, die sich nicht anders als ich
selbst kritisch mit ihrer Zeit und Gesellschaft auseinander gesetzt haben, zu
Mördern werden. Und es ist die Frage, inwieweit eine Gesellschaft so einer
Entwicklung entgegenwirken kann bzw. sie mit zu verschulden hat.

Noch kurz zu den historischen Hintergründen: Ingrid und
Maria sind fiktive Personen, doch ich habe mich bemüht, sie in den historischen
Kontext so gut es geht einzubinden und sie in ihrer Zeit authentisch wirken zu
lassen. Auch Anh als Intention für Ingrid ist eine fiktive Persönlichkeit.
Jedoch hat die Organisation terre des hommes tatsächlich Kinder aus dem
Vietnam nach Deutschland eingeflogen und es lagen tatsächlich zu dieser
Zeit Kinder in Krankenhäusern in Hamburg. Es hätte also durchaus so passieren
können.

Einige vorkommenden und erwähnten Personen sind dagegen real
wie Petra Schelm oder Ulrike Meinhof. Apropos Ulrike Meinhof. Da bis heute
umstritten ist, ob sie am Anschlag auf das Springer-Verlagshaus beteiligt ist -
auch wenn ich es für wahrscheinlich halte -, habe ich sie bei dem Anschlag zwar
erwähnt, aber nicht direkt vorkommen lassen. Entscheidet selbst, ob sie in diesem
Moment nur nicht mit im Auto saß oder überhaupt nicht an der Tat beteiligt war.

Es hat Spaß gemacht, diese Geschichte zu schreiben.
Besonders, das ich sie in meinem Bundesland ansiedeln konnte, hat mir gefallen.
Meine Heimatstadt kommt nicht vorbei, aber Lübeck ist eine wirklich wunderbare
Stadt und in Eutin bin ich häufiger zu finden.

Das Schreiben war aber auch sehr herausfordernd. Viele
Stunden habe ich damit verbracht, Informationen rauszusuchen und herauszufinden,
ob 1972 tatsächlich vietnamesische Kinder in hamburgischen Krankenhäusern
hätten sein können.  Eine Hilfe war mir
dabei Tanja Kinkels Roman Schlaf der Vernunft, der sich ebenfalls mit
der RAF auseinandersetzt und mir zeigte, dass es möglich ist, sich mit solchem
Stoff zu beschäftigen und noch eine schöne Geschichte dabei zu schreiben. Ich
kann dieses Buch nur empfehlen. Es ist viel umfassender als alles, was ich
hätte schreiben können.

Übrigens. Die erwähnten Bücher Der Lübecker
Christenprozeß 1943
und die Blücher-Biographie Tom Crepons gibt es
wirklich. Sie stehen in meinem Bücherregal.

Wer weiß, vielleicht schreibe ich in einiger Zeit wieder
eine Geschichte in diese Richtung. Eine Idee und einen Titel habe ich schon.
Doch bis ich die Lügen der Gerechtigkeit umsetzen kann und genug an
Hintergrundwissen angesammelt habe, wird es noch dauern.

Bis dahin wünsche ich euch alles Gute!

 

Liebe Grüße,

Limayeel


    

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Kapitel:11
Sätze:2.527
Wörter:38.786
Zeichen:243.164

Kurzbeschreibung

„Wir werden immer zusammen gehen“ versprechen sich zwei Schwestern. Doch dann entscheidet sich Ingrid für einen Weg, auf den Maria ihr weder folgen kann noch will. Es ist ein Weg, der in den RAF-Terror der 70er Jahre mündet. Ein kindliches Versprechens des Vertrauens und der Treue zerbricht, denn wie sollen die Schwestern einander gegenüber treten, nach dem Blut, das im Kampf gegen den Staat geflossen ist und sie voneinander trennt?