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Little Stories

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3.2.2019 20:04
18 Ab 18 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Hallo :)
Wie in der Kurzbeschreibung erwähnt geht es hier um Charaktere, die vielleicht in meinen eigenen Büchern irgendwann auftauchen werden.
Ich würde mich sehr über Feedback freuen. Umso ehrlicher, umso besser! Am liebsten nehme ich Kritik, denn dann kann ich meine Charaktere besser ausbauen. Schließlich machen die Charaktere einen großen Teil eines Buches aus.
Vielen Dank!

A thief

 

Ravi glitt geräuschlos die Mauer hinauf. Es war, als würden ihre schlanken Finger einfach über die Steine schweben, sie kaum berühren. So sah es für alle anderen aus. Aber Ravi spürte den Stein unter ihrer Haut, wie ihre Hände und Füße in jeder noch so kleinen Spalte Halt fanden und ihre Arme und Beine sie die beinah komplett glatte Mauer nach oben zogen und schoben.

Bald schon hatte sie die oberste Kante erreicht und kroch wie ein Schatten über diese. Das Mädchen blieb geduckt hocken. Ihre komplett schwarze Kleidung und das pechschwarze Haar boten ihr in der stockdüsteren Nacht die perfekte Tarnung. Nur ihre Haut, alabasterweiß, und ihre Augen, graugrüne Leuchtpunkte, glänzten leicht im schwachen Mondlicht. Nichtsdestotrotz bemerkte keine der Wachen Ravis Eindringen.

Gelangweilt standen sie um eine Feuerschale herum und wärmten sich die Hände.

Eine kleine Wolke stieg aus Ravis Mund aus, als sie Luft still ausstieß.

Sie befand sich im sogenannten Himmelsreich, in einer von dessen zwei Hauptstädte. Genauer gesagt in Luna. Wenn Ravi sich anstrengte, konnte sie auf der anderen Seite des Himmelssees Lunas Zwilling, Sidus, ausmachen. Die beiden großen Städte waren durch eine in der Nacht glitzernden Brücke verbunden.

Aber dafür, dass sich Ravi in einer der Himmelsstädte befand, zeigten sich erstaunlich wenig Sterne. Selbst der Mond schien sich diese Nacht lieber hinter einer dicken Wolkendecke zu verstecken.

Gut für Ravi.

Schlecht für den reichen Herrn, der hier seit einigen Tagen versuchte seine überteuerte Waren zu verkaufen. Genauer gesagt hatte Ravi es auf ein besonderes Artefakt abgesehen. Vor ihrem inneren Augen erschien das Bild einer zarten Perlenkette, von welcher man sagt, sie hätte das Licht der Sterne in sich aufgefangen.

Ravis Auftragsgeber verlangte eine Menge Geld, damit sie diese Kette stahl. Er behauptete, der reiche Herr hätte sie ihm selbst gestohlen und es wäre ja nur gerecht, wenn er sie zurückbekam. Egal auf welche Art und Weise.

Ravi beobachtete noch eine Weile die Wachen. Ihre Augen waren in der Nacht besser, als die von reinblütigen Menschen. Die Diebin selbst war nur ein Mischling, dessen fremdes Blut ihr bei der Arbeit zu Gute kam.

Geschickt hangelte sich Ravi die Mauer auf der anderen Seite wieder hinunter. Sie kletterte nur ein kleines Stück, ehe sie auf einen der Bäume wechselte. Dafür bohrte sie ihre Finger fest in den Stein, stemmte die Füße dagegen und zielte. Mit Kraft drückte sie sich ab, flog an die zwei Meter durch die Luft und landete dann beinah geräuschlos in dem Geäst des Baumes. Sie balancierte auf einem Ast, bis sie ihr Gleichgewicht wiederfand.

Das Alles dauerte nur wenige Sekunden, aber es kam Ravi nicht annähernd so schnell vor.

Sicherheitshalber hockte sie sich auf den Ast, der ihr geringes Gewicht problemlos ertrug, und lauschte. Vorsichtig spähte die Diebin durch das dichte Blattwerk. Die Wachen standen noch immer an der Feuerschale. Einer von ihnen erzählte einen Witz und die anderen lachten.

Ein triumphierendes Grinsen machte sich auf Ravis Gesicht breit, dann huschte sie den Ast entlang zum Stamm. Von dort kletterte sie zum Boden, ließ sich das letzte Stück fallen und landete in der Hocke neben dem Baum. Ihre graugrünen Augen schielten erneut zu den wachhabenden Männern. Sie hatten sie immer noch nicht bemerkt.

Plötzlich knackte es hinter Ravi. Sofort wirbelte sie herum und stand einer Wache gegenüber, die gerade aus dem Gebüsch kroch und die Hose zuband. Die Diebin wollte hastig hinter den Baum springen, aber da hob der kleinwüchsige Mann den Kopf und starrte sie an. Einen Moment herrschte Stille.

Was macht ein Kind hier draußen?“, fragte er. Mit einem kurzen Blick versicherte sich Ravi, dass die anderen Wachen ihn nicht gehört hatten, dann machte sie blitzschnell einen Satz nach vorne. Erschrocken wich der Mann zurück und wollte bereits nach seinen Kameraden rufen, aber Ravi hielt ihm ihre Hand vor den Mund, während sie ihm eines ihrer kurzen Messer in die rechte Niere rammte. Er zischte vor Schmerz und krümmte sich. Die Diebin nutzte dies aus, um ihn einen Stoß zu verpassen, der ihn hinten über zurück ins Gebüsch beförderte. Einen Moment stand Ravi da und betrachtete die Hand, die dem Mann das Messer in den Leib gestoßen hatte. Etwas Blut ran an den dünnen Fingerspitzen herab.

Ravi schüttelte den Kopf, um die aufkommende Benommenheit loszuwerden. Sie setzte dem Gefallenen nach und zog ihr kleines Messer aus ihm. Er stöhnte.

Es tut mir leid“, flüsterte das Mädchen. Dann tat sie etwas, das sie bei einem ihrer älteren Brüder mal gesehen hatte. Vorsichtig bog sie den Kopf des Mannes nach hinten und drückte anschließend fest auf einen Punkt unterhalb des Kiefers. Die Wache versuchte ihre zierlichen Hände wegzuschlagen, aber Ravi blieb standhaft. Nur wenige Sekunden später erschlaffte der Mann und sie ließ schlagartig los.

Es tut mir leid“, wiederholte sie, sprang auf und eilte auf leisen Sohlen durch das Gebüsch zum Haus hinüber, in dem sie hoffentlich die Perlenkette finden würde. Ravi wollte so schnell wie möglich wieder weg von diesem Ort. Sie wollte diese blöde Kette holen und abhauen, bevor jemand den bewusstlosen Mann entdeckte. Vielleicht konnte man ihn noch retten. Vielleicht erlag er nicht dieser schweren Verletzung, die sie ihm zugefügt hatte. Heftig schüttelte sie den Kopf. Sie sollte sich auf den Auftrag konzentrieren und nicht auf das Schicksal eines Unbekannten.

Ravi erreichte das prunkvoll verzierte Haus und öffnete ein Fenster, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Luft rein war. Geschickt glitt sie in den dunklen Raum. Ihre Augen scannten das Zimmer und ihre Füße führten sie instinktiv zum Treppenhaus. Die Diebin stieg bis in die vierte Etage hinauf und blieb vor einer verschlossenen Tür stehen. Einen Moment zögerte sie, dann probierte sie zögerlich den Türknauf zu öffnen.

Der reiche Herr hatte nicht abgeschlossen.

Skeptisch starrte Ravi ins dunkle Innere des Raumes, ehe sie ihn betrat. Sie wurde von einem lauten Schnarchen begrüßt, das so plötzlich ertönte, dass sie heftig zusammen zuckte. Verärgert sah sie zum Übeltäter hinüber.

Der reichte Herr war dicker, als sie sich vorgestellt hatte und er sabberte auf sein samtiges Kopfkissen. Hinter ihm regte sich etwas. Oder eher jemand. Ein Kopf mit langen zerzausten Haaren tauchte hinter dem fetten Wanst auf und sich müde die Augen rieb. Es war eine nackte Frau, die Ravi verwirrt anblinzelte. Dem aufdringlichen Make-up nach zu urteilen war sie nicht die Gattin des reichen Herrn.

Was willst du hier?“, krächzte die Prostituierte mit vom Schlaf belegter Stimme. Ravi war für einen Moment wie festgefroren, dann verbeugte sie sich steif.

Mein Herr hat mit mir geschimpft, weil ich in diesen Räumlichkeiten etwas vergessen habe. Ich sollte es jetzt holen, damit dieser gute Herr es nicht mitbekommt“, log die Diebin und blieb in ihrer Verbeugung, um der nackten Frau ihren gespielten Respekt zu verdeutlichen.

Die Prostituierte schüttelte den Kopf.

Ich hätte nicht gedacht, dass man in Luna Kinder nachts in besetzte Hotelzimmer lässt. Wie alt bist du eigentlich? Neun? Zehn?“

Zwölf, Ma‘am.“

Du siehst jünger aus“, fassungslos schüttelte die nackte Frau erneut den Kopf.

Los, such, was du vergessen hast und dann verschwinde!“

Ravi nickte hastig und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Ihre graugrünen Augen blieben an einem schmucklosen Kästchen hängen, dass direkt auf dem Nachttisch, direkt neben dem Kopfkissen des sabbernden Herrn, stand.

Die Diebin warf der Prostituierten einen unauffälligen Blick zu, dann lief sie auf leisen Sohlen zu dem Bett. Das Kästchen war verschlossen. Erneut sah Ravi zu der Frau. Sie hatte sich wieder hingelegt und beobachtete sie. So, dass die andere es nicht sah, zog das Mädchen einen Dietrich aus ihrem Gürtel und kurz darauf sprang das Schloss des Kästchens auf.

Was brauchst du denn so lange?“, fuhr die Prostituierte sie genervt an und setzte sich wieder auf. Hastig öffnete Ravi das Kästchen und vergewisserte sich mit einem einzigen Blick, dass die Perlenkette darin lag. Dann schloss sie den Deckel wieder, in dem Moment, in dem sich die Frau vollständig aufgesetzt hatte und sie verärgert anstierte.

Entschuldigung“, sprach Ravi und nahm das Kästchen.

Ich habe, was ich brauche“, fuhr sie fort und verbeugte sich noch einmal. Da erst fiel ihr die Schnur auf, die an dem schmucklosen Stück Holz mit seinem wertvollen Inhalt, befestigt worden war. Eine Klingel über den Bett, die die Diebin vorher nicht wahrgenommen hatte, begann zu läuten, umso mehr Ravi sich mit dem Kästchen von dem Bett entfernte.

Der reiche Herr schmatzte, riss dann aber die Augen auf, als er begriff, was das Läuten bedeutete. Sein dicker Bauch wackelte ekelerregend, als er hochfuhr. Die Prostituierte starrte ihn ungläubig an, während Ravi mit ihrem Messer die Schnur durchschnitt, auf dem Absatz kehrt machte und davon sprintete.

Ein Dieb!“, brüllte der reiche Herr und sprang aus dem Bett. Ihm schien das Kästchen so wichtig zu sein, dass er vergaß sich etwas zum Anziehen überzuwerfen, als er Ravi nachsetzte. Er rannte nackt den Flur hinunter, folgte ihr durch das Treppenhaus nach unten und in den Raum, in dem sie das Fenster geöffnet hatte. Aber sie war schneller und wendiger als er.

Mit einem Hechtsprung war sie aus dem offen stehenden Fensterladen gesprungen, rollte sich gekonnt ab und lief in das Gebüsch, direkt auf die Mauer zu. Während sie rannte, schob sie das Kästchen in ihre schwarze Jacke, dann stieß sie sich auf den letzten Metern kraftvoll ab. Sie knallte volle Wucht gegen den Stein der Mauer. Die Luft wurde aus ihren Lungen gepresst, vor allem dort, wo sich das Kästchen befand. Aber das hielt sie nicht auf.

Geschickter als eine Katze erklomm Ravi die oberste Kante. Erst da bemerkten die wachhabenden Männer den nackten reichen Herrn, der aus dem Haus gestürmt kam und dabei immer wieder rief: „Ein Dieb! Ein Dieb! So haltet ihn auf! Ein Dieb!“

Ravi grinste. Der Anblick der Wachen war einfach zu köstlich. Die eine Hälfte sah den alten Herrn einfach nur fassungslos an, während die anderen angeekelt die Blicke von seinem dicken Wanst abwandten.

Mit sicheren Handgriffen kletterte Ravi auf der anderen Seite der Mauer wieder nach unten. Wenn sie erst einmal im Straßenlabyrinth Lunas‘ untergetaucht war, würde keiner mehr sie zu fassen bekommen.

Ravi lächelte bei dem Gedanken an die stolzen Gesichter ihrer Geschwister, wenn sie ihnen die Perlenkette präsentierte. Es war ihr erster Auftrag, den sie komplett alleine erledigte.

Schon hatte das Mädchen die Straße unter den Füßen und lief los. Zurück in das Versteck ihrer Familie. Während sie von ihrem Erfolg beschwingt davon huschte, konnte sie noch das Geschrei des reichen Herrn vernehmen: „Ein Dieb! Ein Dieb!“

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Sätze:133
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Kurzbeschreibung

Kurze Geschichten von den verschiedensten Charakteren, die hoffentlich irgendwann ihre Wege in meine geplanten Bücher finden.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch in den Genres Freundschaft, Schmerz & Trost und Familie gelistet.

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