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Das Karussell der Verlorenen

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6.1.2020 21:01
16 Ab 16 Jahren
Homosexualität
Bisexualität
Asexualität
Workaholic

Ich bin verrückt, Fremder. So viel dazu. Ich bin jetzt nicht die Art von verwirrter Irrer, der in dreckiger Unterwäsche in der U-Bahn sitzt und drei kaputte Paar Kopfhörer trägt, sondern eher der dezente Wahnsinnige mit den sauber polierten Lackschuhen und dem 1000-Dollar-Lächeln. Ich sitze hier, in diesem schäbigen Imbiss und verliere immer weiter meinen Verstand. Immer ein bisschen mehr. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Ich habe mir meinen Namen auf den Unterarm geschrieben, wasserfest, weil ich Angst habe morgen aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wer ich bin. Es gibt niemanden, der mich daran erinnern könnte. All meine Freunde sind weg. Verschwunden. Wobei ICH es bin, der verschwunden ist. Ich wurde aus der verdammten Realität geschnitten, wie das F***- Wort aus dem amerikanischen Fernsehen. Scheiße, da schau sich doch mal einer diesen geschriebenen Schwachsinn an. Ich bin auf dem besten Weg unter die Räder zu kommen. Der Gehängte hat mich vor so etwas gewarnt. Wobei, der Idiot hat eigentlich keine Ahnung von nichts. Es war immerhin seine saudumme Idee gewesen, dass ich zum Stern gehen soll. Totaler Reinfall. Diese miese Schlampe hat mich sauber über das Ohr gehauen und jetzt weiß ich noch weniger als zuvor. Der Narr klebt mir zudem immer noch am Arsch und ich schwöre, der Kerl hat eine ungesunde Beziehung zu seinem Hund. Er teilt sich gerade einen Kaffee mit dem Vieh. Aus der gleichen Tasse. Ich hacke diesem stinkenden Köter seine Eier ab, wenn er noch EINMAL mein rechtes Bein für eine läufige Hündin hält. Ich ertrage diesen Irrsinn nicht mehr. Ich will mein Leben zurück. Mein altes ICH. Meine letzte Hoffnung ist die Sonne. Ich muss sie/ihn/es finden. Bald. SEHR BALD.

Wer auch immer du bist, sei gewarnt. Halte dich von dem Karussell fern. Mit dem Rad des Schicksals spielt man nicht.

Halt dich davon fern.

Halt dich -

fern.

 

(Zerknitterter Zettel mit undefinierbaren Flecken)

 

Das Rad des Schicksals: Tarotkarte, die für den stetigen Wandel und alle Veränderungen im Hier und Jetzt steht. (Kernaussage: Ende einer Lebenssituation, Neubeginn, Instabilität.)

 

❦❦❦

 

Vlad verabscheute skeptische Menschen. Skeptiker unterschrieben, wenn überhaupt, erst nach gefühlt hundert Anläufen, lasen das Kleingedruckte gleich mehrmals mit der Lupe durch und hinterfragten alles, was Vlad von sich gab. Jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt und jedes angebotene Versicherungspaket wie radioaktive Scheiße begutachtet.

Nun, zugegeben. Die meisten dieser überteuerten Pakete waren Beschiss. Wenn man die Leistungen mit den Wahrscheinlichkeiten und den Kosten verglich, kam man als normal intelligenter Mensch zu dem Entschluss, dass der angebotene Vollzeitschutz vor Meteoriteneinschläge nicht gerade die sinnvollste Investition aller Zeiten war. Zudem schloss die Versicherung ohnehin den direkten Ersatz sämtlicher beschädigter Gegenstände aus und zahlte, wenn denn tatsächlich ein galaktischer Gesteinsbrocken durch das Hausdach krachen sollte, nur dem Grundbesitzer Geld. Und das auch nur, wenn der Meteorit den Anstand hatte und während des helllichten Tages einschlug – und nicht in der Nacht. Nachtklausel war das Zauberwort. Vlad liebte Zauberwörter.

«Ich verstehe das nicht.» Frau Barsukowa warf ihrem Mann einen irritierten Blick zu. «Wieso müssen wir einen so hohen Selbstanteil zahlen? Zusätzlich zu den Beiträgen?»

«Nun, lassen Sie es mich so erklären -», setzte Vlad charmant an, wurde jedoch harsch vom Ehemann unterbrochen.

«Der Scheiß beweist, dass diese Versicherung für den Arsch ist. Ich habe es dir gesagt, Schatz. Wir brauchen so einen Quatsch nicht.»

Frau Barsukowa schnaubte. Sie war eine dünne und blasse Frau und hatte einen Faible für ausgefallene Mode. Sie trug einen gelben Pullover zu einem grünen Rock und glaubte scheinbar, dass Zöpfe auch noch bei Frauen über dreißig attraktiv waren. Um ihren dünnen Hals hing eine bunte Kette aus Federn und Perlen. Frau Barsukowa sah aus, als wäre sie die letzte Überlebende einer Explosion in einem Dritte-Welt-Laden.

«Deine Mutter lässt ständig den Gasherd an», fuhr sie ihrem Mann über den Mund. «Sie raucht im Wohnzimmer. Heute morgen musste ich das Wasser im Bad abdrehen, nachdem sie geduscht hat. Sie ist alt und vergesslich und wenn du nicht willst, dass wir bei einem von ihr verursachten Brand oder Wasserschaden alles verlieren, kümmern wir uns um eine verdammte Versicherung.»

«Von mir aus, aber sicher nicht so einen Abzocker-Mist. Diese ganze Nummer ist eine einzige Verarsche. Mein Freund Jurij zahlt nicht mal halb so viel, wie uns dieser Hund hier abknöpfen will.»

«Jurij wohnt ja auch noch bei seiner Mutter in Nowodwinsk! Nicht wie wir in einem Neubau in Moskau.»

«Ich wollte ja eh nicht in die Stadt», knurrte Herr Barsukow. «Aber nein, du wolltest ja unbedingt nach Moskau.»

«Bitte? Wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen!»

«Pah. Du hast mich zwei Wochen lang beleidigt angeschwiegen, als ich dir ehrlich gesagt habe, was ich von Moskau halte.»

«Deine Mutter ist bei uns eingezogen!» Frau Barsukowa warf die Hände in die Luft. «Deine garstige und senile Mutter! Was willst du eigentlich noch von mir, du übergroßes Müttersöhnchen?»

Vlad wusste, wann er verloren hatte. Er suchte rasch seine Unterlagen zusammen, welche auf dem Küchentisch verteilt lagen, und war quasi schon in seinem Mantel und zur Tür raus, als der Ehestreit richtig in Schwung kam. Geschirr klirrte irgendwo hinter Vlad und er machte, dass er zum Fahrstuhl kam. Das Teil war neu, so wie alles in dem recht schmucken Hochhaus. Nicht viele Menschen konnten sich einen solchen Standard in dieser Stadt leisten. Selbst Vlad, der sieben Tage die Woche gefühlt Rund um die Uhr arbeitete und einen netten Zuschlag an jeder abgeschlossenen Versicherung verdiente, lebte in einem Schuhkarton mit Ausblick auf die gegenüberliegende Häuserwand. Der Fahrstuhl kam und Vlad schlüpfte hinein, gerade in dem Moment, als ein äußerst zorniger Herr Barsukow an der immer noch offenen Wohnungstür auftauchte.

«Sie verdammter -»

Die Türen des Fahrstuhls schlossen sich, noch ehe der zornige Mann irgendeine Dummheit tun konnte. Vlad lehnte sich frustriert zurück, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte. Das war’s wohl mit seiner Provision. Unzufrieden trat Vlad nach draußen. Auf der Straße herrschte das übliche Chaos aus zu vielen Autos, zu vielen Menschen und zu wenig Platz. Vlad verabscheute Moskau, dennoch war es der Ort, zu dem alle krochen, ächzend und gierig ihre Hände ausstreckten, wenn es um den großen Aufstieg ging. In Moskau macht man Karriere. Soweit der Irrglaube. In Wahrheit war diese Stadt nichts anderes als das gigantische Netz einer Spinne, die von all den naiven Fliegen bereits fett und träge war, aber nicht aufhören konnte sie auszusaugen. Vlad war vor knapp vier Jahren in diese Stadt gekommen und wie alle Neulinge verdammt tief gefallen. Er war von Sofa zu Sofa gezogen, von Gefallen zu Gefallen, bis er endlich eine Wohnung gefunden hatte.

Er hatte zu viel getrunken, zu viel Geld verprasst und allein in seinem ersten Jahr in Moskau mit mehr Frauen geschlafen, als sein gesamtes Leben in Yablonovyy Ovrag. Nun, gut. Das war nicht sonderlich schwer, immerhin lebten in Moskau allein auf einer Etage mehr Frauen, als in Vlads verdammten Heimatdorf. Inzwischen hatten aber selbst die Frauen ihren Charme verloren. Viele Damen in dieser Stadt waren kaltherzig, gar rachsüchtig. Manche einsam und daher verbittert. Andere hingegen tanzten auf vier Festen gleichzeitig, in der Regel betrunken. Ein paar wenige, ja, gar besondere Damen hatte Vlad auf Grund seiner forschen Art vergrault. Generell war sein Sexleben öde geworden. Seine Nächte einsam, da selbst Dating-Apps einen Hauch von Eigeninitiative verlangten. Vlad hatte den Punkt erreicht, wo selbst der letzte Glamour verblasste und Moskau und die Menschen ihr wahres Gesicht zeigten. Nichts in oder an Moskau war schön. Alles war ein Fake. Die Häuser. Die Menschen. Sein verdammtes Leben war FAKE.

Vlad sah kurz auf seine Armbanduhr und fluchte. Er hatte fast zwei Stunden mit diesen Barsukow-Idioten vergeudet und für was? Für einen Vertrag ohne Unterschrift. Es war einfach nicht seine Woche. Nein, eher nicht sein Monat. Vlad beschleunigte seine Schritte, als könnte er dadurch die verlorene Zeit irgendwie ausgleichen, und stürmte auf die nächste U-Bahnstation zu. Auf dem Platz davor herrschte die übliche Masse aus Menschen, die zur U-Bahn wollten und Leuten, die gerade aus der Station kamen. Wobei das Meer aus Köpfen heute um etwas herumströmte. Wie Wasser um einen hohen Stein. Eine runde Schneise bildete sich inmitten der Menschen, nur um wieder zu einem Strom zusammenzufließen. Ein Karussell. Es war ein verdammtes Karussell und es stand einfach so auf dem Vorplatz der U-Bahn, als wäre es sein verdammtes Recht. Es war ein altes Retro-Teil mit bunten Figuren und goldenen Stangen. Es drehte sich im Kreis, langsam und gemütlich und genau richtig für besorgte Eltern. Gelangweilte Kinder saßen auf den bunten Pferden, immer und immer wieder im Kreis rum, während ihre Mütter und Väter eifrig Bilder mit ihren Smartphones machten. Die Fahrt kostete nichts, was Vlad überraschte. In Moskau gab es niemals etwas umsonst.

«Eine Runde, der Herr?»

Vlad zuckte zusammen, als die fremde Stimme direkt neben ihm erklang. Der Sprecher schien zu dem Karussell zu gehören, denn er trug einen albernen Hut, einen eingedrückten Zylinder, und eine alberne Fliege. Es war ein fülliger Mann mit schlechten Zähnen. Er widerte Vlad an.

«Nein», sagte er knapp und setzte sich wieder in Bewegung. Der lächerliche Mann blieb hartnäckig.

«Kostet nichts», sagte er und hob seinen Hut in Richtung eines Polizisten, der das Treiben beim Karussell missmutig im Auge behielt. Scheinbar hatte der Verrückte für diesen Unsinn eine Lizenz, den Moskaus Polizei hielt nicht viel von spontanen Aktionen. Selbst Straßenkünstler und Flohmärkte wurden hier mit Gewalt geräumt, wenn es keine Erlaubnis gab. «Na los, mein Großer.» Der Mann setzte sich den blöden Hut wieder auf. «Du willst es. Ich kann es spüren. Na los, kostet nichts. Einmal herum im Kreis – und Tada! Die Sorgen werden vergessen sein.»

Vlad ignorierte den Mann und verschwand im Inneren der U-Bahnstation. Er hatte weder die Nerven, noch die Zeit, um sich mit aufdringlichen Spinnern zu beschäftigen. Wenn es eine Sache gab, die er hier in Moskau gelernt hatte, dann war es durch andere Menschen hindurchzusehen. Niemand beachtete einen in Moskau. Fremde anzusprechen war in etwa so fruchtbar wie eine Partie Schach gegen eine Backsteinmauer. Man wurde ignoriert. Und so sollte es Vlads Meinung nach auch sein. Er wollte ignoriert werden. Seine Ruhe haben.

Er wollte in der Menge verschwinden.

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Kapitel:2
Sätze:152
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Kurzbeschreibung

Eine Fahrt auf einem sonderbaren Karussell hat für den vom Leben müden Vladislav Kermin ungeahnte Konsequenzen. Plötzlich steht er ohne Existenz da, ohne Leben und stolpert auf seiner Reise nach Antworten über immer skurrilere Gestalten. Wenig nützliche Hilfe bekommt er von einem Irren, der sich selbst "Der Narr" nennt und dessen triebgesteuerter und stinkender Hund große Freude an Vladislavs rechtem Bein hat. Eine chaotische Odyssee beginnt.