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Blood and Lust ~ 1 ~

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23.2.2019 15:58
16 Ab 16 Jahren
In Arbeit

Angespannt folgte sie dem Vampir durch den nächtlichen Park seines Anwesens. Von außerhalb der Mauer betrachtet machte das Grundstück einen viel kleineren Eindruck. Im Nordwesten grenzte der große Garten an das kleine Wäldchen, in welchem sie als Kind mit ihren Freunden so gerne gespielt hatte. Auf der gegenüberliegenden Seite, also im Osten des Anwesens, befand sich ein größerer Teich, den man beinahe schon als kleinen See bezeichnen konnte. Trotz ihrer Anspannung überraschte sie die gepflegte Umgebung, die sie so nicht erwartet hatte.

Innerlich schüttelte sie den Kopf. Sie dachte daran, was wohl ihre Eltern und Freunde sagen würden, wenn diese wüssten mit wem sie unterwegs war... mit was sie unterwegs war. Wer würde es auch für die Wahrheit halten, wenn sie erzählen würde, dass sie einem Vampir in dessen kleines Schloss folgte - sie glaubte es ja selbst kaum.

Plötzlich riss die dunkle, aber dennoch wohlklingende Stimme des Vampirs sie aus ihren Gedanken.

„Willkommen in meiner Welt.“ sagte der Vampir und öffnete die große, protzige Tür, die in das Innere seines Schlosses führte. Er trat einen Schritt beiseite und machte eine höfliche Geste: „Bitte, nach dir.“

Nervös und etwas skeptisch zugleich warf ihm das Mädchen einen kurzen Blick zu, ehe der Vampir nur bestätigend nickte. Sie schluckte einmal leer, nur um dann all ihren Mut zusammenzunehmen und das riesige Gebäude betreten, unwissend was sie darin erwartete.

Vor etwa einem Monat...

 

Samstagvormittag in Lindenstadt. Menschen drängten sich an die kleinen Stände des Wochenmarkts und besorgten frische Brötchen, Gemüse und andere Lebensmittel, welche die Händler verkauften. Am Rande des Markts stand eine kleine Gruppe von Leuten um einen kleinen Podest herum und lauschten der Rede eines jungen Studenten.

„Alles ist wahr!“ rief dieser enthusiastisch und nervös zugleich, während er dazu wild gestikulierte, „All diese Geschichten sind wahr!“

Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter an der Hand schüttelte genervt den Kopf und ging davon. Ein älterer Mann zeigte dem Studenten den Vogel und meinte abfällig, dass dieser wohl zu viel Fernsehen gesehen hätte. Ein weiterer Mann schüttelte den Kopf und erwiderte, dass die Jugend von heute schon lange kein Fernsehen mehr sahen, sondern ihre Freizeit in den virtuellen Welten des Internets verbrachten. Genauso schlimm, gab der ältere Herr zurück. Unweit von den Männern entfernt stand eine kleine Gruppe jugendlicher Mädchen, die ganz in Schwarz gekleidet waren. Sie lauschten der Rede des Studenten und fanden diese wohl total cool.

„Dämonen, Fabelwesen, Monster, all diese Kreaturen existieren tatsächlich und sie leben mitten unter uns! Schon seit Beginn der Menschheit!“ rief der junge Student.

„Ach, erzähl uns doch keinen Schwachsinn, Junge!“ erwiderte einer der älteren Männer, „Du jagst den Kindern hier ja noch Angst ein!“

Verstört warf das kleine Mädchen einen Blick über ihre Schulter zurück zu dem Studenten, ehe sie wieder versuchte mit ihrer Mutter Schritt zu halten.

„Ich dachte es gibt keine Monster.“ piepst die Kleine erschrocken. Ihre Mutter schüttelte genervt ihren Kopf: „Die gibt es auch nicht. Der Mann erzählt bloß Gruselgeschichten.“

Eilig bog die Mutter mit ihrem Kind in eine Seitenstraße ein, die zum Parkplatz führte. Den lässig an eine Hauswand lehnenden Mann nahm nur das kleine Mädchen wahr. Neugierig musterte die Kleine den Fremden, der ihr spitzbübisch und fröhlich zugleich zulächelte.

„Jetzt träum beim Laufen doch nicht so.“ zischte die Mutter ihr Kind an, „Wir müssen noch bei Oma Rosa vorbei.“

Der Blick des Mannes ging zurück zu dem jungen Studenten, der noch immer seinen Vortrag hielt.

 

„Oder wie erklärt ihr euch die vielen mysteriösen Todesfälle, die nie gelöst werden können?!“ fragte der junge Mann seine Zuhörer und sprach kopfnickend weiter, „Die Antwort ist einfach, es waren die Kreaturen der Finsternis. Geschöpfe, deren Existenz ihr alle nicht wahrhaben wollt!“

Spätestens bei diesem Satz gingen die meisten seines kleines Publikums fort, lediglich die Aufmerksamkeit der Mädchen hatte der Student noch.

„Hey du...“ sprach eine, die wohl die heimliche Anführerin der Mädchenclique sein musste, „Wie kommst du denn auf so ein cooles Zeug? Schon einmal einen Dämon getroffen?“

Die anderen Mädchen kicherten belustigt, während der Student von seinem Podest kam und sich zu ihnen stellte.

„Leider nicht, aber die Anhaltspunkte sprechen für sich.“

„Anhaltspunkte?“ fragte die Cliquenanführerin skeptisch.

„Falls euch das Thema interessiert schaut doch mal mittwochabends in der Uni vorbei. Ein paar meiner Kommilitonen und ich leiten dort die AG.“

„Cool, wenn du uns dann einen von den Fabelwesen zeigst, gerne.“

Kichernd wandten sich die Mädchen von dem Studenten ab. Anscheinend war ihr Interesse an dem Thema die letzten Minuten über nur gespielt gewesen. Betrübt senkte der junge Mann den Kopf und seufzte leise: „Ich weiß es, es ist wahr. Es ist alles wahr.“

Plötzlich vernahm er einen einzelnen Applaus hinter sich und drehte sich überrascht um.

 

Ein Mann kam applaudierend zu ihm und nickte anerkennend: „Ein sehr interessanter Vortrag, muss ich schon sagen.“

Skeptisch musterte der Student den Mann. Auf einen weiteren Kerl, der ihn nicht ernst nahm, hatte er keine Lust mehr. Doch irgendwas sagte ihm, dass die Interesse des Mannes echt zu sein schien. Vielleicht lag das an der Kleidung, die der Fremde trug- einen edlen schwarzen Mantel mit auffälligen Knöpfen, darunter ein weißes Hemd, eine schwarze Hose und teure schwarze Schuhe. Beinahe hätte er den Unbekannten für einen aus der höheren Gesellschaftsklasse gehalten, wäre da nicht der Irokesenschnitt mit dem schwarzen Haar, das sauber nach hinten gegelt war. Sicherlich war das einer der zahlreichen Studenten, dachte sich der junge Mann.

„Wie kommt es zu solch einer Faszination für dieses Thema?“ fragte ihn der Fremde neugierig, „Mit solchen Behauptungen wird man schnell abgestempelt.“

„Das kommt davon, dass jeder seine Augen vor der Wahrheit verschließen.“ erwiderte der Student beinahe genervt.

„Woher wissen Sie, dass Ihre Erzählungen stimmen?“

„Das weiß jeder, der auch nur ein bisschen nachdenkt.“

Der Student seufzte und kramte aus seiner Umhängetasche einen Ordner voller Zeitungsberichte.

„Erst letzte Woche zum Beispiel. In der Nachbarstadt ist schlimmes passiert. Ein Förster fand im Wald vier Leichen, alle hatten keinen einzigen Tropfen Blut mehr in sich.“

„Das Ergebnis eines kranken Perversen?“ warf der Fremde fragend ein, ehe der Student seinen Kopf schüttelte und ihn eindringlich ansah.

„Schlimmer noch. Vampire.“

„Vampire?“

„Die Polizei fand keinerlei verwertbare Spuren. Weder Fuß- noch Reifenspuren, von DNA ganz zu Schweigen. Wie sonst erklärt man sich das, hmm?“

Der fremde Mann schwieg.

„Falls Sie sich tatsächlich interessieren, kommen Sie doch am Mittwochabend in die Uni.“

„Danke für das Angebot.“ gab der Mann zurück und lief an dem Studenten vorbei, „Einen schönen Tag noch!“

„Ja, danke...“ antwortete der Student, „Ihnen auch noch...“

 

Blitzschnell verschwand der schwarzgekleidete Mann in einer der kleinen Gassen. Dort drehte er sich noch einmal um. Wieder blickte er zu dem Student, der inzwischen betrübt seine Sachen zusammenpackte. Er fixierte ihn regelrecht mit seinem Blick.

„Wenn du doch bloß wüsstest, wie recht du mit all deinen Behauptungen hast.“ flüsterte der Mann leise und grinste, „Du würdest dich vor Angst nicht mehr aus dem Haus trauen.“

„Gino, das ist mein Ball! Gib den wieder her!“ quengelte der siebenjährige Marlon und versuchte verzweifelt seinen Ball aus den Fängen des Hundes zu befreien. Einen Moment später gab er auf und sah flehend zu seiner großen Schwester, die wieder einmal nur ihr Smartphone im Kopf hatte: „Finja, Gino lässt den Ball nicht los.“

Genervt warf Finja ihrem kleinen Bruder einen kurzen Blick zu, während sie eine Sprachnachricht an ihre beste Freundin sendete. Trotzig fasste der kleine Junge seine Schwester am T-Shirt und brüllte: „Ich will meinen Ball wiederhaben!“

Wütend schubste Finja ihren Bruder beiseite und zischte ihn an, dass er gefälligst leise sein sollte.

„Du bist blöd. Das sag ich alles Mama!“ sagte der Kleine bockig und versuchte weiterhin seinen Ball wiederzuerlangen. Finja verdrehte genervt ihre Augen und packte ihr Handy in die Tasche: „Was denn? Gino möchte halt auch ein bisschen spielen.“

„Der Ball ist aber neu!“

„Schau mal, Gino hat ihn losgelassen!“ verkündete der Teenie und eilte zu dem neuen roten Ball, der nun voller Hundesabber war.

„Toll, gib ihn mir!“ fröhlich eilte Marlon auf seine Schwester zu. Finja kicherte und erwiderte: „Na dann musst du ihn erst einmal fangen!“

Nach diesem Satz warf sie den Ball hoch in die Luft. Etwas zu hoch. Der Ball flog im hohen Bogen über die alte Mauer neben ihnen und landete mit einem dumpfen Ton auf einem Privatgrundstück. Mit offenem Mund hatte Marlon seinem Ball nachgesehen und hauchte entsetzt: „Jetzt ist er weg...“

Keinen Moment später drehte sich der kleine Junge um und boxte mit seinen kleinen Fäusten wütend auf seine Schwester ein: „Das war mein neuer Ball! Du bist so blöd! Hol mir meinen Ball wieder zurück!“

Ebenso entsetzt wie ihr kleiner Bruder sah Finja zu der Stelle der Mauer, über die der Ball gefallen war.

„Das sollte doch nur ein Spaß sein... das war keine Absicht...“

Weinend trat Marlon einige Schritte von ihr weg und vergrub das Gesicht in seinen kleinen Händen. Familienhund Gino beobachtete fiepend die Situation. Schnell überlegte Finja, wie sie das Missgeschick wieder gut machen und ihren kleinen Bruder trösten konnte. So sehr er sie auch manchmal ärgerte, hasste sie es den Kleinen traurig und weinend zu sehen.

„Was hältst du davon, wenn wir mit dem nächsten Bus in die Stadt fahren und ich dir einen neuen Ball kaufe?“

Mit strahlenden Augen sah Marlon seine Schwester an: „Von deinem Taschengeld?“

Lächelnd stupste Finja ihrem Bruder auf die Nase: „Natürlich von meinem Geld.“

„Au ja!“ rief Marlon fröhlich und grinste Finja glücklich an, „Bekomme ich auch ein Eis?“

„Mal sehen, Brüderchen.“

 

Finja und Marlon waren die Kinder von Ulrike und Ferdinand Hanstein. Die Geschwister trennten elf Jahre, da Marlon ein geplanter Nachzügler gewesen war. Der Altersunterschied sorgte ziemlich oft für Zündstoff in der Familie, doch die Streitigkeiten waren meist leicht und schnell zu schlichten. Wie jedes kleinere Geschwisterkind verpetzte Marlon ganz gerne seine große Schwester bei den Eltern, etwa wenn diese ihn in seinen Augen ungerecht behandelte oder einfach nur um sie zu necken. Ansonsten hielten die beiden Geschwister erstaunlich gut zusammen, was die Eltern sehr beruhigte.

Während des gemeinsamen Abendessens im Garten des Einfamilienhauses ganz am Rande Lindenstadts erzählte Marlon von seinem neuen Ball, welcher ihm seine Schwester gekauft hatte.

„Und was ist mit dem anderen passiert, den ich erst vorgestern mitgebracht habe?“ fragte Ferdinand streng. Grinsend zeigte Marlon auf seine Schwester und verkündete: „Finja hat ihn weggeworfen.“

„Weggeworfen?!“

Sofort trafen die entsetzten Blicke ihrer Eltern die Jugendliche und schnell klärte das Rätsel auf: „Ich habe den Ball zu hoch geworfen. Er ist über die Steinmauer des großen Grundstücks geflogen. Wir waren dann noch kurz in der Stadt, um einen neuen Ball zu besorgen.“

„Über die Mauer, dort wo Gräfin Elfriede bis vor kurzem gewohnt hat?“ fragte Ulrike ihre Tochter, diese nickte bestätigend.

„Anscheinend haben die einen Käufer für das Grundstück gefunden.“ warf Ferdinand ein.

„Es ging nicht an die Stadt? Ich dachte, die planen dort irgendein Kunstmuseum.“ verblüfft sah Ulrike ihren Mann an, ehe sie ihren Sohn anzischte, „Marlon, das ist nicht Ginos Wurstbrot. Hör auf den Hund zu füttern.“

Der Junge sah sie strahlend an und erwiderte: „Aber der mag das genauso arg wie ich.“

„Ja, das mit dem Kunstmuseum wird wohl nichts.“ antwortete der Familienvater.

„Wer braucht schon ein weiteres langweiliges Kunstmuseum, wenn man schon mindestens zehn in der Stadt hat?“ murmelte Finja, während sie die neusten Nachrichten auf ihrem Handy checkte.

„Wer braucht schon ein Handy, wenn man einen Hund zum Gassi gehen hat?“ erwiderte ihr Vater. Seufzend steckte sie ihr Handy zurück in die Tasche und meinte: „Schon gut, ich geh mit Gino noch eine Runde. Kann ich noch beim Skaterpark vorbei?“

„Wieso nicht? Es sind Sommerferien und Hauptsache du bist nicht die ganze Nacht unterwegs.“ antwortete ihre Mutter.

 

Bis spät in die Nacht saß Finja gemeinsam mit ihrer besten Freundin Jolanta Kessler am Rand einer der Skaterbahnen und beobachtete mit ihr die sportlichen Jungs. Hund Gino lag gelangweilt neben ihr.

„Patrick hat mir gestern noch geschrieben.“ giggelte Jolanta fröhlich.

„Was?! Echt?“

„Ja!“ kurzer Hand zeigte sie Finja die Nachricht auf ihrem Smartphone, „Hey Jo, Lust auf Freibad morgen?“

„Hast du zugesagt?“ fragte Finja neugierig und grinste dann verschmitzt, „Du hast zugesagt.“

„Hallo! Patrick ist der wohl schärfeste Boy den es in der Stufe über uns gibt!“ entgegnete Jolanta bestürzt, „Kannst ja mitkommen, nimmst halt Marlon mit.“

„Nee, lass mal.“

„Ich vergaß, die magst die Jungs aus der Abschlussklasse nicht.“

„Das fünfte Rad am Wagen will ich echt nicht sein.“ erklärte Finja und streichelte währenddessen Gino über den Kopf, „Außerdem hat dieser junge Mann hier einen Impftermin und da meine Eltern arbeiten müssen, bleibt der Termin an mir hängen.“

„Deshalb habe ich nur gewöhnliche Hausspinnen in der Wohnung, da muss man nichts machen.“

Kichernd verdrehte Finja ihre Augen. Erstaunlich wie albern ihre beste Freundin manchmal sein konnte. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr. Kurz vor Mitternacht.

„Bleibst du noch oder gehst du mit nach Hause?“ fragte sie Jolanta neugierig.

„Ich lass mir doch den Anblick dieser heißen Jungs nicht entgehen.“

„Wie konnte ich das nur vergessen.“ gluckste Finja und verabschiedete sich von ihr.

 

Der Skaterpark lag am anderen Ende der Wohnsiedlung in der Finja und ihre Familie wohnten. Tagsüber war auf den Straßen recht viel los, nachts jedoch wirkte es wie ausgestorben. Angst hatte sie zwar nie, aber dennoch war sie froh Hund Gino bei sich zu haben. Ein kleines bisschen zog sie die Leine an, sodass Gino direkt neben ihr lief. Es dauerte nicht besonders lange, bis Finja in ihrer Straße ankam. Noch ein paar Meter, dann war sie zu Hause. Plötzlich aber blieb Gino stehen und knurrte.

„Gino, was ist denn los?“ fragte Finja ihren treuen Begleiter. Der Hund knurrte, fletschte die Zähne und bellte.

„Gino, aus!“ rief Finja und zog kurz an der Leine, „Da ist doch nichts, nicht einmal ein Vogel. Komm weiter.“

An ihrem Grundstück angekommen befreite sie den Hund von der Leine. Brav lief dieser zur Haustür. Finja schüttelte den Kopf und fragte sich, was Gino eben so aufgeregt hatte. Dann runzelte sie die Stirn. Hatte sie da eben jemanden an einem der Nachbargrundstücke vorbeihuschen sehen? Schnell schüttelte sie ihren Kopf. Sie war bestimmt einfach nur müde und fertig von der Sommerhitze und sah schon Schatten wo keine waren.

„Na komm, Gino. Wir gehen rein.“

Zwei junge Frauen, die sich gerade auf dem Weg von einer Party nach Hause befanden, ahnten nicht, dass sie etwas beobachtete. Gut getarnt im Dunkeln der Nacht verfolgte es die beiden schon, seit diese die Diskothek verlassen und sich auf den Weg zur Bushaltestelle in die Siedlung gemacht hatten. Es verspürte großen Hunger. Nichts ahnend von der Gefahr, plapperten die beiden vergnügt über die Erlebnisse der Feier.

„Der Abend war grandios.“ sagte die eine Frau zur anderen, „Gut, dass wir doch noch auf die Party gegangen sind.“

„Aber echt, die war verdammt gut und dieser Likör erst. Gut, dass am Wochenende immer der Partybus fährt.“

Zwischen der Disko und der Haltestelle lagen fünfzehn Gehminuten. Der Weg dorthin führte zum größten Teil nur durch die Straßen der Siedlung und war gut ausgeleuchtet. Aber ausgerechnet das letzte Stück am Friedhof lag in völliger Dunkelheit. Genervt verdrehte die eine Freundin ihre Augen und seufzte: „Der Bauhof hat die Straßenlaternen immer noch nicht repariert.“

„Du weißt doch, dass die sich immer Zeit...“ mitten in der Antwort stockte die andere plötzlich und drehte sich um, „Hast du das gehört?“

„Was denn?“

„Das Knurren.“

Für einen kurzen Moment starrte die andere ihre beste Freundin an, ehe sie lauthals losprustete: „Du hast wirklich einen Likör zu viel getrunken!“

„Nein, ehrlich... da war irgendwas.“

Es fixierte die beiden jungen Frauen fest mit seinem Blick, sog ihren Geruch tief in die Nase ein. Das Wasser lief in seinem Mund zusammen, sein Hunger wuchs. Gleich, nur noch einen winzigen Moment wartete es ab.

„Komm weiter, der Bus ist gleich da.“ anstatt auf ihre beste Freundin zu warten, lief die junge Frau entschlossen weiter. Die andere jedoch blieb stehen und lauschte. Es konnte nun nicht mehr länger warten. Es wollte essen- jetzt. Lautlos eilte es auf die junge Frau zu, die weiterhin angestrengt lauschte. Keine Sekunde später vernahm die andere der beiden Freundinnen einen spitzen Schrei. Danach herrschte Stille.

„Lisa?“ fragte die junge Frau und drehte sich um. Von ihrer Freundin fehlte jede Spur, „Lisa, das ist nicht witzig, hörst du!“

Augenblicklich hörte sie neben sich ein leises Knurren, dann ging alles ganz schnell. Das letzte was sie spürte war der stechende Schmerz, der sich tief in ihren Bauch bohrte. Ihr Schrei hallte durch die Straßen, doch es kam niemand um ihr zu helfen. Es war zufrieden, denn es hatte bekommen was es wollte- nächtliches Abendessen.

 

„Hast du von dem Mord gehört?“ fragte Jolanta ihre beste Freundin, die gerade mit ihr telefonierte, via Internet natürlich.

„Welcher Mord?“ fragte Finja verwirrt, „Jemand den wir kennen?“

Jolanta schüttelte ihren Kopf: „Das nicht, aber total brutal und kaltblütig meint mein Vater.“

Finja entspannte sich und verdrehte die Augen. Jolantas Vater arbeitete bei der Polizei, für ihn war jedes Verbrechen grausig- auch wenn es sich nur um einen Ladendiebstahl eines Fünfjährigen handelte.

„Mensch, Jo, das behauptet dein Dad doch immer.“ theatralisch verstellte Finja ihre Stimme, „Jo, meine Kleine, pass auf dich auf. Da hat jemand ein Graffiti auf eine Hauswand geschmiert.“

Gleichzeitig lachten die beiden Mädchen lauthals los.

„Wie war es eigentlich im Freibad? Wie war Patrick so drauf?“ neugierig starrte Finja in die Webcam, als ob sie direkt ihre beste Freundin ansah.

„Also... er... weißt du...“

„Jetzt mach es doch nicht so spannend!“

„Wir haben uns geküsst!“

Wieder quietschten die Mädchen gleichzeitig los, ehe Jolanta ihrer besten Freundin alles ganz genau erzählte. Ein bisschen neidisch wurde Finja schon. Jo bekam immer die tollsten Kerle ab, besser gesagt- nur Jo bekam immer die tollsten Kerle ab. Finja selbst hatte noch nie einen Jungen getroffen, der tatsächlich zu ihr passte.

„Ach, Fini, du findest auch noch einen Jungen.“

Diesen Satz hörte sie von Jo jedes Mal.

„Ich mach Schluss, muss noch mit Gino raus und Marlon von seinem Kumpel abholen.“

„Okay, pass auf dich auf, Fini-Maus.“

Die Mädchen warfen sich noch Kusshände zu und beendeten danach das Gespräch.

 

Es lag wohl genährt im Dickicht des Friedhofs. Aufgrund der vollwertigen Mahlzeit, welche ihm die beiden Frauen beschert hatten, war es zu träge um sich auch die nächste Nacht um die Ohren zu schlagen. Seine letzte Mahlzeit hielt es für mindestens zwei Tage lang satt. Erst dann musste es sich wieder frische Nahrung suchen, die es ganz gewiss auch finden würde.

Am frühen Montagmorgen kam es nur selten vor, dass sich Studenten in die Unibibliothek verirrten. Noch seltener kam es vor, dass Jeremy und seine Clique dorthin kamen, um sich Bücher für das Studium auszuleihen.

„Sieh doch, unser Meister der Mysterien, Henrik Peters sitzt dort hinten.“ kicherte einer aus der Gruppe. Jeremy begann fies zu grinsen und wies seinen Freunden mit einer Geste an ihm zu folgen.

„Henrik, so früh schon wach?“ fragte Jeremy mit lauter Stimme und schwang sich elegant auf den Tisch, an welchem sein Kommilitone saß und eine Zeitung durchblätterte. Mit gespielter Interesse überflog Jeremy die Überschriften der aufgeschlagenen Zeitungsseite: „Durchsuchst du schon wieder Polizeiberichte auf übernatürliche Hinweise?“

„Seit wann interessiert es dich, was ich mache?“ fragte Henrik genervt, als Jeremy sich im selben Moment die Zeitung schnappte und zu seinem Freunden warf. Sofort wollte der junge Student aufspringen, als ihn zwei Kommilitonen auf den Stuhl zurückdrückten.

„Wieso könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?“ fragte Henrik genervt während die anderen ihn auslachten.

„Weil du ein kleiner, dumme Junge bist, der noch an die Monster unter dem Bett glaubt.“ gab Jeremy voller Ernst zurück, „Wach auf, Henrik, Monster gibt es nicht!“

„Was ist denn da hinten los?!“ der Bibliothekar hatte den Trubel im hinteren Bereich der Bücherei bemerkt und kam zwischen den Regalen hervor, während die Clique von Henrik abließ, „Das hier ist ein Raum zum Lernen, nicht zum Raufen. Ihr seid doch keine Kinder mehr!“

Giggelnd und tuschelnd verließ die Gruppe mit Jeremy die Bibliothek. Henrik schüttelte genervt den Kopf, hob seine Zeitung auf und las sich erneut den aktuellen Polizeibericht durch.

„Keine Hinweise auf den Täter... keine verwertbaren Spuren...“ kurze Zeit später sah er entschlossen auf und wusste, was er zu tun hatte. Ein Glück, dass ein guter Kumpel von ihm in der Pathologie arbeitete.

 

Leise und bedacht darauf das niemand sie sah, schloss Henriks bester Freund Mark nachts die Tür zum Obduktionsraum auf.

„Zum letzten Mal, Henrik, das muss aufhören.“ flüsterte Mark zischend, „Wenn das jemand mitbekommt, dass ich dich hier rein lasse, dann...“

„Hör zu, es ist wichtig.“ unterbrach ihn Henrik sofort, der mit schnellen Schritten auf die Kühlfächer zuging, „Du hast sie hier, oder?“

„Henrik, verschwende deine Zeit doch nicht mit solch einem Unsinn. Irgendein Perverser hat auf die beiden Frauen eingestochen.“ ohne Erfolg versuchte Mark seinen Freund von seinem Vorhaben abzubringen. Er hörte ihm zwar gerne zu, wenn dieser mit seinen Gruselgeschichten und wilden Theorien über das Übernatürliche ankam, doch zu mehr reichte seine Begeisterung dafür nicht. Seufzend lehnte sich Mark an den sauberen Obduktionstisch und beobachtete was Henrik tat. An den Anblick von Toten hatte sich der junge Student trotz seines außergewöhnlichen Hobbies nicht gewöhnt. Angewidert verzog er das Gesicht und hielt seinen Ärmel vor den Mund, als er die Leichen aus dem Kühlfach holte.

„Ein Vampir war das nicht.“ stellte er fest und schob die leblosen Körper wieder zurück in die Fächer.

„Weil es die nicht gibt.“

„Weil es kein Vampir war, sondern etwas anderes.“ damit wandte sich Henrik ab und verließ den Raum. Mark ging hinterher und zischte ihm nach: „Das war das letzte Mal, ja?!“

Henrik aber winkte nur ab, ehe er um die Ecke bog und die Pathologie verließ. Er hatte genug gesehen. Genug um der Gruppe am Mittwochabend Bericht zu erstatten.

 

Spät am Abend, als es schon dunkel war, machte sich Finja mit Gino auf den Weg. Ihre Eltern hatten Gäste zu Besuch und hatten deshalb für den Hund keine Zeit. Finja war das gerade recht, so musste sie schon nicht die brave Tochter spielen und den Geschichten eines Büroangestellten lauschen. Aus diesem Grund entschied sie sich mit Gino eine extra große Runde zu gehen- zum Skaterpark, vorbei an der Diskothek und am Friedhof zurück nach Hause.

Der Skaterpark schien verlassen, was sie auf die späte Uhrzeit zurückführte. Obwohl Sommerferien waren, kamen die Kids unter der Woche nur selten her und wenn dann meist nur donnerstags und freitags. Auch die Disko hatte an diesem Abend ihre Pforten geschlossen. Ein großes Schild machte eventuelle Gäste darauf aufmerksam, dass am Montag sowie am Dienstag Ruhetag war.

„Gino, Beifuß.“ sagte Finja, als sie in die Nähe des Friedhofs kam. Nun da der dunkle Weg vor ihr lag, lief ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Sie hatte nicht bedacht, dass das ja die Straße entlang ging, in welcher der Mord geschehen war. Leicht nervös verstärkte sie ihren Griff um Ginos Hundeleine, denn das gab ihr Sicherheit.

„Schön Beifuß, Gino.“ wiederholte sie noch einmal. Brav lief der Labrador neben ihr her. Manchmal blieb er stehen und schnupperte, ehe er sich wieder in Bewegung setzte. Plötzlich blieb der Rüde stehen und spitzte die Ohren.

„Gino, komm weiter.“ vorsichtig, aber dennoch bestimmt zog Finja an der Leine, doch ihr Hund bewegte sich nicht. Im Dickicht neben ihr knackten Äste. Erschrocken blickte sie sich um, ehe sie Gino wieder antrieb. Doch anstatt weiterzugehen legte Gino die Ohren an und knurrte.

„Gino... was soll denn das?“ ein Hauch von Panik stieg in dem jungen Mädchen auf. Ginos Haltung veränderte sich. Etwas schien ihm Angst zu machen. Finja verdrehte ihre Augen. Sie wollte weiter, wollte weg von diesem Ort. Doch keine Sekunde später riss sich der Rüde von ihr los und rannte auf den dunklen Friedhof.

 

„Gino!“ wie erstarrt sah Finja mit an, wie ihr Hund mit einem gekonnten Satz über die Hecke auf den Friedhof sprang und wegrannte.

„Komm wieder her!“ rief sie verzweifelt und eilte hastig zum kleinen Tor, um ihr geliebtes Haustier zu verfolgen. Vergebens- der Hund war einfach zu schnell. Obwohl sie keine Chance hatte Gino einzuholen, rannte sie weiter über die Ruhestätte. Auf den Weg achtete sie dabei nicht, alles was für sie zählte war Gino. Es kam wie es kommen musste- sie stürzte über ihre eigenen Füße und fiel der Länge nach auf den geteerten Weg.

„Gino!“ Tränen strömten Finja über ihr Gesicht, während sie sich langsam aufrichtete. Ihr Ellbogen und beide Knie hatten von dem Sturz leichte Verletzungen abbekommen.

„Scheiße!“ rief Finja mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung. Längst hatte sie Gino aus den Augen verloren und hören tat sie ihn auch nicht mehr. Schluchzend setzte sie sich auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Plötzlich sah sie alarmiert auf- wieder knackten die Äste der Hecke. Irgendjemand war hier. Panisch sah sie sich um, doch es war niemand zu sehen. Genau das verunsicherte sie noch mehr. Wieso hörte sie Geräusche wenn doch niemand in der Nähe war, fragte sie sich. In diesem Moment wünschte sie sich, dass Gino nicht weggelaufen und bei ihr wäre. Zweimal atmete sie tief ein und versuchte sich zu beruhigen, ehe sie mit zitternder Stimme fragte: „Wer ist da?“

Es kam keine Antwort. Nervös rappelte sie sich auf und sah sich abermals um. Auf das Knacken folgte plötzlich ein anderes Geräusch, ähnlich dem Fauchen einer Katze.

„Hallo? Ist da jemand?“ fragte Finja wieder, dieses Mal jedoch lauter und panischer als zuvor, „Das ist nicht witzig!“

Im nächsten Augenblick raschelte es nicht weit von ihr im Gebüsch. Es klang als ob sich daraus ein Schwarm Vögel in die Luft erhob. Dann war wieder alles still und nichts schien sich mehr zu rühren. Kein Baum rauschte im sanften Wind. Kein Ast knackte mehr. Kein anderer Ton war zu vernehmen. Finja stand regungslos da und schluckte ängstlich. Irgendwas stimmte hier ganz und gar nicht. Wie zur Bestätigung hörte sie im selben Moment wieder etwas. Das Geräusch wurde deutlicher- es waren Schritte. Panisch wirbelte sie herum und suchte Schutz hinter einem der größeren Grabsteine. Kaum als sie sich dahinter verkrochen hatte, ertönte das fröhliche Bellen eines Hundes.

„Gino!“ entwich es Finja erleichtert, während sie glücklich aufsprang und zu ihrem Hund eilen wollte. Gerade als sie ihr Versteck verlassen hatte, wich sie erschrocken zurück. Gino kam nicht alleine zu ihr- ein Mann hielt seine Leine und kam geradewegs auf sie zu.

„Dieser kleine Ausreißer gehört zu dir, nicht wahr?“ fragte sie der Unbekannte und streckte ihr freundlich lächelnd die Leine entgegen. Für einen Augenblick musterte Finja den Mann mit skeptischen Blick. Aufgrund der mangelnden Friedhofsbeleuchtung konnte sie nur erkennen, dass der Mann groß gewachsen und schwarz gekleidet war. Hastig tapste sie auf ihn zu und schnappte sich die Leine ihres Hundes. Gino setzte sich hechelnd vor sie und blickte sie erwartungsvoll an.

„Das ist mein Hund.“ erklärte Finja dem Fremden in kurzen Worten, „Er ist mir fortgelaufen.“

„Das habe ich gehört.“ gab der Unbekannte zurück, ehe er sich umsah, „Ich habe ihn auf der anderen Seite des Friedhofs gefunden und deine Rufe gehört.“

„Ich hoffe, er hat sie nicht angeknurrt oder so.“ unsicher sah Finja den Mann an, dieser schüttelte den Kopf und kniete sich zu dem Tier. Liebevoll kraulte er den Rüden hinter den Ohren und antwortete: „Keine Sorge, der Kleine hier war ganz anständig. Wieso ist er dir weggelaufen?“

Finja zuckte mit den Schultern: „Irgendwas muss ihn erschreckt haben. Normalerweise läuft Gino nicht weg.“

Erst jetzt bemerkte sie, dass ihr der Fremde auf die verletzten Knie starrte. Peinlich berührt wandte sie sich von ihm ab und lief mit Gino zurück auf die Straße.

„Danke, dass Sie mit Gino zurückgebracht haben.“ sagte Finja höflich, bevor sie weitergehen wollte.

„Keine Ursache.“ antwortete der Unbekannte bloß und fügte hinzu, „Gute Nacht.“

Noch einmal drehte sich das Mädchen zu ihm und nickte bestätigend: „Ihnen auch.“

Danach setzte Finja ihren Weg mit Gino fort. Dieser Spaziergang hatte ihr gereicht, jetzt wollte sie nur noch nach Hause.

 

Der Mann blieb regungslos auf dem Weg stehen und wartete einen Moment ab, bis er das Mädchen nicht mehr sah. Langsam drehte er sich wieder um und lief erneut auf den Friedhof. Konzentriert ließ er seinen ernsten Blick über die Gräber schweifen und behielt dabei auch das Dickicht im Auge.

„Du kannst dich nicht vor mir verstecken.“ sprach der Mann mit bedrohlicher Stimme und lauschte. Nichts rührte sich. Kein Ast knackte. Kein Grashalm bewegte sich in der sanften Sommernachtsbrise. Wütend verengte der Fremde seine Augen zu winzigen Schlitzen und fügte hinzu: „Du kannst dich so oft vor mir verstecken wie du willst, aber ich finde dich... schon sehr bald. Du hast hier lange genug dein Unwesen getrieben.“

Damit machte der Fremde auf dem Absatz kehrt und verließ endgültig die Ruhestätte der Toten. Es war schon spät, Zeit heimzukehren.

 

Zuhause verschwand Finja auf ihrem Zimmer. Anstatt sich mit dem Besuch ihrer Eltern abzugeben kreisten ihre Gedanken um den fremden Mann, der ihr Gino wieder gebracht hatte. Sie hatte den Mann noch nie zuvor in der Siedlung gesehen. Entweder war er ihr zum ersten Mal aufgefallen oder er lebte erst seit kurzem hier. Wie auch immer, aus irgendwelchen Gründen faszinierte sie der Fremde.

„Was hältst du von dem Kerl?“ fragte Finja ihren Hund, der sich auf den Boden neben ihr Bett gelegt hatte, „Ohne ihn wärst du mir entwischt.“

Lächelnd kraulte sie Gino hinter den Ohren und versank in ihren Gedanken: „Gut, dass der keine Angst vor dir hatte und du wohl auch nicht vor ihm. Vielleicht kennt er sich ja mit Hunden aus und hat selbst einen... nein... warte... er hatte ja keinen dabei.“

Gino fiepte kurz und legte dann seinen Kopf auf den Pfoten ab.

„Wäre ja auch zu schön, wenn der Kerl auch einen Hund hätte.“ flüsterte Finja beinahe enttäuscht, „Wahrscheinlich kennt er sich einfach nur so gut mit Tieren aus.“

Während der Rüde seine Augen schloss, trat Finja an ihr Fenster. Sie konnte nicht aufhören zu überlegen, in welchem Haus in der Siedlung der Fremde wohl lebte. Für einen winzigen Moment dachte Finja daran ihrer besten Freundin eine Nachricht zu schicken, doch dann entschied sie sich dagegen. Jolanta würde sich nur ihren Spaß daraus machen sie auszufragen, um den Kerl dann selbst kennenlernen zu können. Völlig gedankenverloren öffnete sie ihr Fenster und machte das, was ihr Vater gar nicht gerne sah- sie setzte sich auf die Fensterbank und ließ ihre Beine hinunter baumeln, während sie weiterhin an den fremden Mann dachte. Obwohl dieser sehr nett und hilfsbereit gewesen war, hatte er doch etwas gruseliges an sich gehabt. Vielleicht bildete sie sich das aber nur ein, weil er sich ganz schwarz gekleidet hatte. Ein breites Lächeln zierte ihr Gesicht, als ihr ein erneutes Wiedersehen in den Sinn kam. Hoffentlich lief er ihr noch einmal über den Weg, hoffentlich.

 

Ungeduldig wartete Henrik auf die restlichen Mitglieder seiner kleinen Arbeitsgruppe. Auf einem Plakat hatte er alle wichtigen Informationen zu dem Tod der beiden Frauen zusammengetragen, um diese seinen Kollegen vorzustellen. Die meisten der Gruppe interessierten sich zwar für das Übernatürliche, doch ein paar wenige musste er stets von seinen Fakten überzeugen. Vor allem den Frischlingen musste Henrik regelmäßig beweisen, dass er zu hundert Prozent an die Existenz von Dämonen und Vampiren glaubte und das war nicht immer leicht. Um möglichst plausibel zu wirken, trug Henrik allerlei Infos aus Büchern, Fernsehdokus und Zeitungsberichten zusammen und formulierte daraus einen wunderbaren Vortrag. Seine Rede schmückte er oftmals mit Fotos von den Opfern und Tatorten aus, die er selbst aufgenommen hatte. Mark war ihm dabei stets eine große Hilfe- ohne ihn könnte er kaum etwas so gut belegen wie er es für gewöhnlich tat.

 

„Wir sehen hier nicht das Werk eines perversen Mörders und auch nicht das eines Vampirs.“ erläuterte Henrik wohlbedacht, als er seiner Gruppe die Bilder zeigte, „Diese Verletzungen sind viel zu untypisch dafür.“

„Wenn es kein Vampir war, was hat die beiden Frauen dann umgebracht?“ fragte einer der Frischlinge skeptisch, „Für mich sieht das aus, als ob die Verletzungen von einer üblen Klinge stammen.“

Henrik schüttelte den Kopf und öffnete auf dem Smartboard ein Bilder, welche verschiedenste Klingen zeigte. Keine der abgebildeten Waffen passte auch nur annähernd zu den Wunden. Mark, der ebenfalls an dem Treffen teilnahm, stimmte seinem Kumpel zu. Er als Praktikant in der Rechtsmedizin kannte sich mit diesem Thema schließlich gut aus.

„Was ebenfalls sehr sonderbar ist...“ fügte Henrik hinzu, „Auf beiden Leichen sind Bissspuren zu finden.“

„Bissspuren?“

Im selben Moment begann Henrik zu erklären und achtete dabei kaum auf die Tür, die vorsichtig geöffnet wurde. Herein kam der fremde Mann, mit welchem er sich am Wochenende kurz auf dem Marktplatz unterhalten hatte.

 

Der schwarzgekleidete Mann winkte kurz zur Begrüßung in die Runde und setzte sich auf einen freien Platz neben ein paar anderen Neulingen. Aufmerksam hörte er dem Studenten zu, was dieser zu sagen hatte und betrachtete dabei ganz genau die gezeigten Bilder.

„Seit wann essen Vampire Fleisch?“ fragte ein anderer Frischling verwirrt.

„Eben das versuche ich euch doch zu sagen!“ rief Henrik und raufte sich dabei die Haare, „Da Vampire kein Fleisch essen, sondern Blut trinken, war das hier kein Vampir!“

„Hast du eine Vermutung, was es dann gewesen sein könnte?“ die Stimme des Neulings zitterte vor Nervosität. Henrik senkte seufzend seinen Blick und schüttelte den Kopf: „Im Moment habe ich noch keine Ahnung.“

Die Mitglieder begannen untereinander zu tuscheln und stellten Vermutungen auf. Der fremde Mann beobachtete sie dabei interessiert und lauschte dem ein oder anderen Gespräch, ehe er zu Henrik sah. Dieser durchflog gerade einige ältere Zeitungsartikel, die ebenfalls von blutigen Verbrechen handelten. Zwei der Frischlinge diskutierten über mögliche Fabelwesen, welche die Frauen so zugerichtet haben könnten. Schlagartig wurde der Fremde hellhörig. Er unterdrückte ein amüsiertes Schmunzeln, ehe er sagte: „Ein Fabelwesen war das sicherlich nicht.“

Im selben Augenblick verstummten alle Anwesenden im Raum. Neugierige Blicke hafteten auf dem Unbekannten, der beinahe gelangweilt erklärte, dass er kein Fabelwesen kenne das frisches Fleisch esse.

„Schon mal an ein Crocotta gedacht?“ warf einer der Frischlinge herausfordernd ein, „Das ist ein Fabelwesen, welches mit Liebe Fleisch verspeist.“

Der Fremde schien unbeeindruckt den Vorschlag zur Kenntnis genommen zu haben und winkte kopfschüttelnd ab: „Guter Einfall, aber leider falsch.“

Henrik blickte den Neuankömmling erwartungsvoll an und forderte ihn auf, seine Vermutung mit der Gruppe zu teilen.

„Die beiden Frauen wurden auf dem Friedhof gefunden, richtig?“

Die Mitglieder der Gruppe nickten zustimmend.

„Nun, dann ist die Antwort doch ganz einfach. Das hier war das Werk eines Ghuls.“ verkündete der fremde Mann und fügte hinzu, „Ein Ghul lebt gerne auf Friedhöfen und ernährt sich liebend gerne von frischem Fleisch.“

Henrik starrte den Mann verblüfft an. Erst einen Augenblick später fand er seine Sprache wieder und sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich vorbeikommen. Freut mich sehr, Sie hier zu sehen.“

Der fremde, schwarzgekleidete Mann nickte anerkennend: „Die Freude ist ganz meinerseits.“

Henrik nickte ihm ebenfalls zu, ehe er sich wieder an die gesamte Gruppe wandte und weitere Mutmaßungen bezüglich des Mordes anstellte.

 

Mitten in der Nacht zog dichter Nebel über der Siedlung auf. Lautlos kroch es aus seinem Versteck. Es hatte Hunger, brauchte wieder etwas zu essen. Mit der kleinen Nase schnupperte es in die Luft. Die sanfte Sommerbrise brachte den Geruch von frischem Fleisch mit sich. Feines Fleisch, dass noch lebte. Ein leichtes, freudiges Knurren wich aus seiner Kehle, ehe es wieder im Dickicht des Friedhofs verschwand. Bald schon würde es wieder zuschlagen. Bald schon konnte es erneut seinen Hunger stillen.

 

„Soll ich dich nicht doch noch nach Hause begleiten?“ fragte Jolanta ihre beste Freundin, während sie in Richtung Bushaltestelle liefen. Finja und Jo hatten einen entspannten Abend im Club verbracht, bis ihnen die Musik zu langweilig geworden war.

„Von der Haltestelle ist es doch nicht mehr weit. Den Weg schaffe ich schon alleine.“ antwortete Finja grinsend, „Ich bin schon ein großes Mädchen, Jo.“

Im selben Moment bog der Bus in die Straße, mit welchem Jolanta fahren musste. Hektisch verabschiedete sie sich von ihrer liebsten Freundin und rannte den restlichen Weg zur Haltestelle. Finja schüttelte bloß den Kopf. Sie hatte Jolanta so oft daran erinnert nicht zu trödeln und doch erwischte diese wie üblich den Bus in letzter Sekunde. Anstatt sich nun zu beeilen schlenderte Finja gelassen am Friedhof vorbei. Im Club war es so stickig gewesen, dass ihr gerade der Nachtspaziergang ganz gut tat.

 

Wachsam spitzte es die Ohren. Seine Beute befand sich in unmittelbarer Nähe. Nur noch wenige Meter trennten es von seinem nächtlichen Abendessen. Tief sog es den feinen Geruch des Mädchens in die Nase, während ihm das Wasser im Mund zusammenlief und konnte dabei ein leises Knurren nicht unterdrücken.

 

Erschrocken zuckte Finja zusammen. Wie erstarrt blieb sie stehen, als sie das seltsame Geräusch hörte. Nervös sah sie sich um und lauschte. Doch da war nichts- kein Ton drang an ihre Ohren.

 

Es ließ das Mädchen nicht mehr aus seinen Augen. Mit jedem Schritt kam es der Kleinen näher. Mit jedem Schritt nahm es ihren Duft intensiver wahr. Mit jedem Schritt knurrte sein Magen lauter. Nur noch vier Meter und dann würde es das Mädchen mit seinen Pranken zu Boden reißen.

 

„Wer ist da?“ fragte Finja panisch, doch sie erhielt keine Antwort. Allerdings hätte sie schwören können, abermals ein seltsames Knurren gehört zu haben. Unweit von ihr knackten bewegten sich die Äste im Gebüsch. Starr vor Angst fiel es Finja schwer sich zu bewegen. Langsam tapste sie deshalb rückwärts in Richtung Bushaltestelle, ohne dabei das Dickicht aus den Augen zu lassen. Und es kam, wie es kommen musste. Finjas Schritte wurden immer hektischer, bis sie plötzlich über ihre eigenen Beine stolperte und rücklings zu Boden fiel- jedenfalls fast.

„Hoppla!“

Finja spürte, wie jemand ihren Sturz sanft abfing.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Finja atmete einen winzigen Augenblick durch, um sich zu beruhigen. Die Stimme kannte sie doch. Ohne jede Vorwarnung drehte sie sich und blickte geradewegs auf den unbekannten Mann, der ihr Gino neulich wiedergebracht hatte.

„Sie...“ das war alles, was das Mädchen in diesem Moment rausbrachte. Der Fremde nickte zustimmend und lächelte sie auf eine freundliche und zugleich geheimnisvolle Art und Weise an. Erst danach stutzte er und fragte: „Ist etwas passiert?“

Finja starrte den Unbekannten an, dann deutete sie auf das Dickicht und stammelte etwas unverständliches vor sich hin. Der Mann versuchte ihr zu folgen und schüttelte schließlich den Kopf: „So verstehe ich kein Wort.“

„Sorry...“ stotterte Finja und wiederholte sich, dieses Mal jedoch etwas deutlicher, „Dort in der Hecke knurrt etwas...“

Der Blick des Mannes fiel ungläubig auf das Dickicht. Er horchte aufmerksam in die Nacht, doch alles was er vernahm war nichts auffälliges.

„Wahrscheinlich hat sich ein Fuchs aus dem Wäldchen hierher verirrt. Das kommt in warmen Nächten schon mal vor.“ erklärte er dem Mädchen. Mit einer lässigen Bewegung drehte er sich um und ging auf die Haltestelle zu. Finja folgte ihm und hatte seinen schnellen, prüfenden Blick zum Dickicht davor nicht wahrgenommen.

 

Auf einmal schien Finjas vorherige Angst wie weggeblasen. Beinahe staunend lief sie dem schwarzgekleideten Mann nach. Zum Einen faszinierte er sie, zum Anderen jagte er ihr einen kalten Schauer über den Rücken und dann war da noch die Freude, ihn tatsächlich wiedergetroffen zu haben. Keine Sekunde ließ sie ihn aus den Augen, beobachtete jede seiner Bewegungen. Sie wirkten so elegant, so geschmeidig und ebenso rätselhaft wie unheimlich.

„Wie kommen Sie darauf, dass das ein Fuchs war?“ rief Finja dem Unbekannten plötzlich zu. Sie wollte verhindern, dass er schon wieder verschwand und eine Konversation war dafür richtig geeignet. Vielleicht würde sie so auch mehr über ihn erfahren, dachte sie sich. Schon im nächsten Moment blieb der Mann stehen- ihr Plan schien zu funktionieren.

„Füchse lieben die Zivilisation, dort finden sie genügend Nahrung um ihre Jungen großzuziehen.“ antwortete der Fremde, während er sich Finja wieder zuwandte, „In den Mülleimern auf dem Friedhof finden die so einiges.“

„Haben Sie schon einmal einen Fuchs gesehen?“

Der Mann nickte grinsend: „Nicht nur einen.“

Zweifelnd ruhte Finjas Blick auf dem Unbekannten, der ihr flüchtig zuwinkte. Er befand sich auf dem Heimweg und verabschiedete sich kurz von ihr.

 

Als der fremde Mann außer Sichtweite war, ballte Finja wütend ihre Hände zu Fäusten. Sie ärgerte sich über dessen abruptes Verschwinden und dass sie es nicht geschafft hatte, ihn in ein längeres Gespräch zu verwickeln.

„Füchse... Füchse...“ stammelte genervt und schüttelte ungläubig den Kopf. Man konnte ihr viel erzählen- sie hätte ihm die Story einer Waschbärenplage abgekauft, aber nicht die von Füchsen. Eingeschnappt lief Finja nach Hause und konnte dabei den Fremden nicht aus ihren Gedanken verbannen. Wenn sie doch nur seinen Namen und seine Adresse wüsste oder wenigstens seine Handynummer. Außerdem interessierte sie sich für sein Alter. Der Unbekannte sah nicht wie ein Schüler der Oberstufe aus. Vielmehr glich er einem Studenten, der schon einige Semester hinter sich gebracht hatte. Mitte zwanzig... Ende zwanzig... älter... oder doch jünger... sie wusste es nicht.

Betrübt betrat Finja das Haus und ging leise zu ihrem Zimmer. Gino, der vor ihrer Tür lag, setzte sich neugierig auf. Lächelnd begrüßte sie den Rüden und kraulte ihn hinter den Ohren.

„Ich habe deinen Retter wieder getroffen, erinnerst du dich noch an ihn?“ fragte Finja leise den Hund, der ihr nur die Hand abschleckte. Seufzend öffnete sie die Tür und setzte sich mit Gino auf ihr Bett.

„Wie er heißt weiß ich nicht... was meinst du? Welcher Name passt zu dem Typ?“ flüsterte Finja und gluckste leise, „Vielleicht hat er ja einen ganz komischen Namen, Karl Otto oder so. Würde zumindest zu seinem Kleidungsstil passen.“

Wenig begeistert legte Gino seinen Kopf auf den Pfoten ab und gähnte.

„Ja, ich weiß, dich interessiert das nicht. Was haben wir Zweibeiner auch nur für Probleme, hmm?“ giggelte Finja, ehe sie sich schlafen legte.

 

Zwischen zwei Häusern versteckt wartete der Mann ab, ob das Mädchen ihm folgte. Erst nach wenigen Minuten trat er aus dem schützenden Schatten und lief mit zügigen Schritten zurück zum Friedhof. Dort angekommen warf er prüfend ein paar Blicke über seine Schultern. Niemand war zu sehen. Keinen Moment später verschwand er im Dickicht. Schnell hatte er gefunden, nach was er suchte. Spuren. Genervt verdrehte der Mann seine Augen, während er den Kopf senkte und Fäuste ballte. Schon im nächsten Augenblick sah er entschlossen wieder auf und flüsterte herausfordernd: „Du willst es unbedingt auf die harte Tour, die kannst du bekommen.“

Damit kroch der Fremde wieder aus dem Gebüsch und machte sich nun wirklich auf den Weg nach Hause.

 

Aus sicherer Entfernung beobachtete es den Mann, wie dieser den Friedhof verließ. Ein fieses Grinsen zierte sein Gesicht und siegessicher rieb es sich die Hände. Der Friedhof und Umgebung waren nun sein Revier. So schnell würde es deshalb diesen Ort nicht mehr verlassen. Ein böses Knurren entwich leise seiner Kehle, während es zu seinem nächsten Opfer krabbelte. Es musste seinen Hunger stillen- dafür war auch ein alter Rentner gut genug. Langsam und lautlos kam es auf den alten Mann zu, hob behutsam mit seinen Pranken dessen Arm. Sabbernd sog es den Duft von frischem Fleisch in seine Nase- welch ein betörender Geruch. Leise knurrend öffnete es keine Sekunde später den Mund und versenkte ohne jede Vorwarnung seine Zähne in dem Fleisch. Der Geschmack weckte seine Gier. Nichts konnte es nun mehr aufhalten. Ohne sich zu zügeln fiel es über seine Beute her, bis nur noch der leblose, verwundete Körper des Mannes übrig blieb. Genüsslich leckte es sich über die Lippen. Zwar hatte es durchaus schon köstlichere Mahlzeiten gehabt, aber in der Not aß selbst der Teufel Fliegen.

Henrik und Mark sahen betroffen auf den älteren Mann, der übel zugerichtet vor ihnen auf dem Obduktionstisch lag. Die Leiche wies dieselben Verletzungen auf, wie die an den beiden toten Frauen. Fragend sah Mark seinen besten Freund an, der nickte zustimmend.

„Denkst du, dass es tatsächlich ein Ghul gewesen sein könnte?“

„Noch glaube ich gar nichts.“ antwortete Henrik, während Mark den Leichnam zudeckte, „Einzig allein die Tatsache, dass es kein Vampir war ist sicher.“

Der Student schüttelte verärgert den Kopf und verschränkte seine Arme. So konnte es nicht weitergehen. Die Menschen mussten endlich aufwachen, mussten endlich auf seine Worte hören. Der Frieden in der Stadt wurde von bestialischen Monstern bedroht, die allein diese Woche schon drei Morde auf dem Gewissen hatten.

„Weißt du überhaupt, was ein Ghul ist?“ wollte Mark von ihm wissen. Etwas verlegen kratzte sich Henrik am Kopf und stammelte: „Ein Ghul... naja... eben ein Monster, welches auf Friedhöfen lebt und frisches Fleisch isst...“

„Das ist genau das, was der Frischling gestern dazu gesagt.“ erwiderte Mark tadelnd, „Gib es doch zu, du weißt auch nicht mehr weiter.“

„Natürlich weiß ich noch weiter!“ rief Henrik wütend und stellte sich an das andere Ende des Raumes. Mark sah ihn niedergeschlagen an und schüttelte den Kopf.

„Vielleicht verrennen wir uns da auch in etwas... vielleicht verrennst du dich in etwas.“

„Glaubst du mir etwa nicht mehr?“

Mark verdrehte seine Augen: „Henrik... wir haben keinerlei handfeste Beweise dafür, dass es übernatürliche Wesen überhaupt gibt oder hast du schon jemals einen Vampir mit eigenen Augen in Wirklichkeit gesehen?“

Erschüttert starrte Henrik seinen besten Freund an: „Du glaubst mir nicht mehr...“

„Ich sage doch nur, dass... vielleicht ist einfach unsere Phantasie...“

„Du glaubst mir tatsächlich nicht mehr.“ stellte Henrik fassungslos fest und schlug wütend mit der flachen Hand auf einen Materialwagen, „Habe ich in letzter Zeit nicht genügend Beweise dafür gesammelt?! War nicht allein das, was wir damals erlebten, Beweis genug?!“

Mark erwiderte nichts darauf und wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Henrik schnaubte angesäuert und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

 

Tränen der Wut stiegen dem jungen Studenten in die Augen, während er das Gebäude der Rechtsmedizin verließ. Beweise... wieso beharrte Mark nur so sehr auf irgendwelche Beweise? Abrupt blieb Henrik stehen und fasste sich an die Brust. Ihm stockte der Atem. Erschöpft lehnte er sich gegen die Wand und sank daran hinab. Mit zitternden Händen fasste er sich an die Schläfen und schloss seine Augen. Eine Panikattacke schien ihn zu überrollen, wie schon so oft in seinem Leben. Die Bilder, die sich vor Henriks geistigem Auge abspielten, waren grausam und die Gefühle, die er dazu empfand, ihm wohlbekannt.

Er war damals noch ein kleines Kind gewesen, gerade einmal fünf Jahre alt. Mark, der etwas jünger als er selbst war, lebte zu dieser Zeit mit seiner Familie im Nachbarhaus. Kurz gesagt, die beiden Jungs waren unzertrennliche Freunde. So oft es ging besuchten sie sich gegenseitig, spielten im Garten oder übernachteten bei dem anderen. Auch an jenem Tag, an welchem es das Schicksal nicht gut mit Henrik gemeint hatte, war Mark bei ihm zu Gast gewesen. Die beiden Jungs hatten schon tief und fest geschlafen, als sie von seltsamen Geräuschen geweckt worden waren...

 

Erschrocken fuhren die beiden Jungs auf und sahen sich an. Mark griff nach seinem Plüschhasen, den er fest in die Arme schloss. Henrik spitzte die Ohren und lauschte. Unten im Wohnzimmer flog etwas zu Boden und zerbrach.

 

Hyperventilierend schüttelte Henrik seinen Kopf. Er wollte diese Erinnerungen an jene Nacht aus seinem Kopf verbannen, doch das konnte er nicht...

 

Mutig tapste Henrik voraus, ging Schritt für Schritt die Treppe hinunter. Hinter ihm schlich Mark, mit dem Plüschhasen in der Hand und dem Daumen im Mund. Leise gurgelnde Geräusche erfüllten das Haus. Geräusche, welche die Kinder so noch nie gehört hatten.

 

„Nein!“ rief Henrik verzweifelt und schlug seinen Kopf gegen die Wand, „Nein, nein, nein!“

 

Mit großen vor Angst geweiteten Augen starrte der kleine Henrik auf seinen Vater, der leblos auf dem Boden lag. Erst einen Moment später fiel sein Blick auf eine dunkle Gestalt, welche aussah wie ein Mensch und doch keiner war. Die Gestalt hielt seine Mutter fest umklammert und ließ diese keine Sekunde später achtlos fallen. Seine Mutter war bereits tot. Der kleine Mark schielte wimmernd hinter Henrik hervor und erschrak, als sich die finstere Gestalt rührte. Im Schummerlicht des Wohnzimmers sahen die Jungen nicht viel, trotzdem erkannten sie die spitzen Zähne im Mund der Kreatur.

 

Plötzlich kam Henrik schwer atmend wieder zu sich. Wie jedes Mal endete die Panikattacke vollkommen plötzlich an dieser Stelle. Bislang hatte ihm kein Therapeut erklären können, wieso die Erinnerung ständig an diesem Punkt abriss. Nur eine Sache wusste er hundertprozentig- irgendwann würde er dem Vampir gegenüberstehen, der seine Eltern ermordet hatte. Und wenn es soweit wäre, dann würde er ihn vernichten. Wie es hingegen in Mark aussah, konnte Henrik nicht sagen. Mark redete nicht gerne über diese Nacht, er verdrängte die Erinnerungen regelrecht. Trotz allem ließ ihn die Interesse nach dem Übernatürlichen nicht los, sodass er Henriks Arbeitsgruppe stets unterstützte und ihm Eintritt in die Rechtsmedizin verschaffte.

Hastig stand Henrik auf und zupfte seine Kleidung zurecht. Er musste weiter, musste Informationen über dieses neue Monster beschaffen. Irgendwie fand er immer etwas heraus.

Autorennotiz

Hallo Du!

Schön, dass Du zu meiner Geschichte gefunden hast.

Als Neuling auf Storyhub entschied ich mich dazu, hier zunächst eine bereits fertiggestellte Geschichte bzw. den fertigen ersten Teil von "Blood and Lust" zu veröffentlichen. Zu finden ist dieser auch auf meinem Profil bei Fanfiktion.de.

Kapiteluploads gibt es vorraussichtlich jeden Dienstag und Donnerstag (Änderungen jederzeit möglich).

Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß beim Lesen!

Greets

Alea von AleasTales

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Augurey Am 19.05.2019 um 21:49 Uhr
Hallo AleasTales,

Ich mache im Forum gerade bei der Alphabet-Lesechallenge mit und dachte mir, ich könnte dazu mal in deine Geschichte reinlesen und hab mir den Prolog und das erste richtige Kapitel angeschaut. Zu Beginn möchte ich sagen, dass mir die Idee der Marktplatzszene sehr gefällt, obwohl das ein echter Klassiker in historischen Romanen ist, aber einen den ich mag und ich fand es schön, so eine Szene auch in einer modernen Geschichte zu finden, auch wenn andere darüber auch die Augen verrollen.

Leider, leider, habe ich auch sehr vieles zu kritiseren und warne schon mal vor, dass das jetzt sehr viel an negativem Feedback wird.

Erst mal wäre da der Prolog: Ich verstehe nicht, wozu du ihn brauchst. Er bietet deinen Lesern nichts Neues. Dass deine Hauptfigur einen Vampir kennenlernt und von ihm in dessen Welt eingeführt wird, verrät ja schon der Klappentext. Insofern ist das alles kein Geheimnis und taugt auch nicht als Haken, um neugierig zu machen. Ein Prolog macht eine Geschichte nicht per se besser und sollte nur geschrieben werden, wenn er einen Mehrwert bietet.

Dann zum ersten Kapitel. Erst mal würde ich dir raten, das Kapitel sprachlich gründlich zu überarbeiten Da sind einige Stilblüten und sogar handfeste Grammtikfehler drin wie zum Beispiel einzelner Applaus (Applaus ist ein Geräusch und kann genauso wenig einzeln sein wie Donner oder Regenprasseln) oder ‚die Interesse‘. Hin und wieder verrutscht du in den Zeitformen. Auch hast du hast in deiner Geschichte sehr viele Wiederholungen: klein, genervt, jung. Das ist nicht schön zu lesen.

Dann beschreibst du viel, ohne den das, was du beschreibst, selbst erleben zu lassen.Das gilt zum 'Beispiel für die Mädchenclique. „Sie lauschten der Rede des Studenten und fanden diese wohl total cool“ – dieser Satz ist, sorry dass ich ehrlich bin, richtig schlechter Stil. Erstens ist das Umgangssprache und hat daher im Fließtext eigentlich nichts verloren. Und zweitens sehe ich als Leser überhaupt nichts von ihrem Cool-Finden. Du beschreibst nicht, wie sie zum Beispiel applaudieren, sich ganz nah an ihn drängen oder ähnliches. Du zeigst ihre Begeisterung nicht! Im Gegenteil: Was du später zeigst, ist, wie die Gruppe sich über den Redner lustig macht. Also ihn gerade nicht cool finden. Eine Geschichte sollte immer der Perspektive des Lesers folgen. Auch der Student ist zu Beginn nicht als Student erkennbar, sondern nur als Redner.

Insgesamt gibst du mit der Geschichte viel zu viel her. Ich weiß schon jetzt, nach den ersten zwei Kapiteln, dass der Mann, der an der Hauswand lehnt und dann später auf den Studenten zukommt, Nicolas ist oder zumindest ein Bekannter von ihm. Es gibt in diesem Kapitel keinen Konflikt, kein Rätsel, das Neugierde weckt, weiter zu lesen. Der letzte Satz des mysteriösen Mannes soll vermutlich zum Weiterlesen anregen, verfehlt seine Wirkung aber, weil du vorher keinerlei emotionale Verbindung zu den handelnden Figuren aufgebaut hast. Denn alle Charaktere, die in dieser Szene auftauchen, sind irgendwie klischeehaft – von den alten Männer, die auf die Jugend von heute schimpfen, über die freche Gothic-Clique bis hin zum mysteriösen, natürlich schwarz und adrett gekleideten Vampir. Ihr Innenleben streifst du nur. So weiß ich gar nichts über die Motive der wichtigsten Personen in dieser Szenerie, dem Studenten und dem mysteriösen Mann. Und so bleibt nur der Eindruck ‚Okay, der Typ ist böse, weil er böse ist, vermutlich hat er die vier Leute gekillt und wird irgendwann verhaftet. Ende“. Mein Tipp: Setz dich mal intensiver mit dem dramaturgischen Aufbau eines Romans und mit Charakterisierung auseinander.

Sorry, dass ich so viel kritisiert habe, jetzt. Ich will deine Geschichte nicht schlechtmachen. Alle haben mal klein angefangen. Ich hoffe, du kannst davon einfach etwas mitnehmen. Zu guter Letzt finde ich es sympathisch, dass ich in dieser Geschichte zumindest kein unsägliches „Xs POV“ oder irgendwelche komischen Zeichen für bestimmte Sprecharten lesen musste.

Ein schöne Woche dir,
Augurey
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Autor

AleasTaless Profilbild AleasTales

Bewertung

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Statistik

Kapitel:9
Sätze:765
Wörter:8.629
Zeichen:50.808

Kurzbeschreibung

„Dämonen, Fabelwesen, Monster, all diese Kreaturen existieren tatsächlich und sie leben mitten unter uns! Schon seit Beginn der Menschheit!“ Die achtzehnjährige Finja glaubt schon lange nicht mehr an die Monster unter dem Bett und erzählt höchstens ihrem kleinen Bruder Marlon so eine schaurige Geschichte vor dem Schlafengehen. Doch dann tritt plötzlich der attraktive und geheimnisvolle Nicolas in ihr Leben. Er scheint der perfekte Gentleman zu sein und zeigt Finja seine Welt- die Welt der Dämonen und Vampire.

Kategorisierung

Diese Story wird neben Fantasy auch im Genre Mystery gelistet.