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Was läuft an Crackpairs schief?

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26.7.2017 12:56
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Ich bin Crackpair-Skeptikerin und shipe ein Crackpair. Das Eine bin ich schon lange, das Andere wage ich erst seit kurzem. Ein Widerspruch? Ja, ein wenig schon. Doch genau deswegen schreibe ich dieses Essay. Um diesem Widerspruch nachzuspüren. Nicht nur für mich, sondern auch für euch.

Als jemand, der aus dem Lager der Canonfuchser* kommend gerade seine ersten Gehversuche in Sachen Crackpairs unternimmt, will ich hier einen Blick zurückwerfen auf all das Unverständnis, das mich in der Vergangenheit von Crackpairs abhielt und der Frage nachgehen inwiefern der Umgang der Fanfictionwelt mit Crackpairings Schuld an meiner Skepsis hat, die ich doch wissentlich auch mit so einigen anderen teile. Denn ich denke, dass es nicht nur an der Liebe zum Canon liegt, warum Crackpairs zuweilen einen schlechten Ruf haben.

Doch bevor ich weiterschreibe, sollte ich aber erst einmal klarstellen, was ein Crackpair für mich eigentlich ist. Denn für meine Begriffe sind nicht alle Pärchen, die nicht schon im Canon etabliert wurden, Crackpairs. Unter einem Crackpair verstehe ich ein Liebespaar, das sich im Canon nicht ohne weiteres aufeinander eingelassen hätte. Figuren, die schon dort eine gewisse Sympathie füreinander hegten, aus der leicht mehr hätte werden können oder sich vermutlich auf Anhieb verstanden hätten, wären sie sich denn je begegnet, sind damit aus dem Rennen. Was bleibt sind zum Beispiel Figuren, die im Canon eine tiefe Antipathie gegeneinander hegten. Und auf diese „Feindespairings“ bezieht sich ein Großteil dieses Essays.

Nun scheiden sich an solchen und anderen Crackpairs bekanntlich die Geister. Kaum etwas spaltet ganze Fandoms so sehr wie die Frage danach, welche Charaktere sich ineinander verlieben dürfen. Natürlich spielt Geschmack hier eine große Rolle. Es gibt viele Fans, die sich mit (bestimmten) Crackpairs nicht wirklich anfreunden können. Umgekehrt haben aber auch Canonpairs nicht nur ihre Fans. Am Ende ist es aber doch weit mehr als eine Geschmacksfrage. Wenn ich an die Reviews zurückdenke, die ich unter anderen Nicknames auf anderen Plattformen zu meinem Fanfictions erhielt, so bekam ich nicht selten Aussagen zu lesen wie „Ich war froh, dass X und Y bei dir nur Freunde waren. Diese ganzen Fanfictions, in denen sie ein Pairing sind, sind einfach unrealistisch“. Unrealistisch – das ist kein reines Geschmacksurteil, sondern eine Bewertung, die einen Aspekt von Qualität betrifft, nämlich die Glaubwürdigkeit. Und das ist das eigentlich Interessante daran.

Fanfictions um Crackpairs haftet nicht selten das Image der Zweitklassigkeit, wenn nicht sogar der Drittklassigkeit an. Zu den beliebtesten Vorurteilen gegenüber Crackshippern gehört, dass es diesen nicht darum ginge, eine gute Geschichte zu erzählen, sondern die Figuren bloß miteinander verkuppeln, weil sie sie heiß finden würden. Das ist eine gewagte These. Denn die Tatsache allein, dass es zwischen Figuren, aus denen ein Liebespaar werden soll, gewisse Widerstände zu überwinden gibt, sagt absolut noch nichts über die Qualität einer Geschichte aus - und erst recht nicht über die Intention der Urheber*innen. Ganz abgesehen davon, dass ein Pairing heiß finden und eine gute Geschichte schreiben wollen sich keineswegs ausschließen.

Tatsächlich etablieren auch nicht wenige Originalwerke wie Romane, Serien oder Filme mit der Zeit Liebespaare, mit denen im ersten Band, in der ersten Staffel oder zu Beginn des Films kaum jemand gerechnet hätte, weil sich zum Beispiel die Figuren längere Zeit nicht grün waren. Doch obgleich es auch an solchen „Überraschungspärchen“ in Originalwerken durchaus Kritik gibt, erscheint mir diese weniger ausgeprägt als wenn ein Fanfiction-Autor es wagt die Beziehungskarten neu zu mischen.

Warum aber ist das so? Warum messen doch nicht wenige Fanfictionleser Originalwerke und Fanficitions mit zweierlei Maß? Um auf dieser Frage auf dem Grund zu gehen, lasse ich die Fraktion der strikten Canonfuchser, die nur den Ursprungsurheber*innen das Recht zugestehen, am Canon etwas zu ändern, außer Acht und nehme den „Tod des Autors“ ernst. Ich denke, die Frage danach, ob ein Crackpairing weitestgehend akzeptiert wird – akzeptiert im Sinne von Glaubwürdigkeit, nicht im Sinne von Sympathie - hängt von verschiedenen Faktoren ab. Und eine Reihe von Fanfictions macht hier keinen sonderlich guten Job.

Schauen wir uns die Sache mal näher an. Ich werde im Folgenden auf einige Aspekte der Skepsis gegenüber Crackpairs eingehen, die in vielen Diskussionen immer wieder geäußert werden und die zum Teil auch mich von Crackpairings fernhielten.

„Das ist doch unglaubwürdig!“

Den ersten Punkt habe ich eigentlich schon genannt. Wenn es eine Sache gibt, die mir in Gesprächen mit anderen Canonfuchsern ins Auge stach, dann ist es, dass die Ablehnung von Crackpairings oftmals mit Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Pairings einhergeht.

  • „A und B würden sich niemals aufeinander einlassen“
  • „X liebt Y. Diese Fics, in denen Y mit Z zusammenkommt – an den Haaren herbeigezogen!“
  • „A, B, X, Y oder Z sind im Canon ins andere Geschlecht verliebt. Slash ist doch total ausgeschlossen“

Solche und ähnliche Aussagen liest man wieder und wieder und wieder, wenn das Thema Crackpairs aufkommt: Sei es in Forumsdiskussionen, in der Kommentarbox oder auch in Privatchats mit Bekannten.

Oft müssen sich Canonfuchser im Gegenzug den Vorwurf gefallen lassen, dass es ihnen an Fantasie mangele. Und auch wenn ich am liebsten gleich widersprechen würde, muss ich zugeben, dass dieser Vorwurf in manchen Fällen vielleicht doch nicht ganz an den Haaren herbeigezogen ist. Denn sehen wir uns die Sache mal näher an: Häufig beruht die Beurteilung, dass bestimmte Figuren sich nie aufeinander einlassen würden, auf einer Betrachtung des Status quo: Draco Malfoy würde etwas mit Hermine Granger anfangen, denn Draco Malfoy ist ein Rassist und Hermine Granger gehört genau zu der ethischen Minderheit, die er verachtet – nur um ein Beispiel von vielen zu nennen.

Nun: Wie gesagt war ich selbst lange Zeit Crackpairs gegenüber recht skeptisch eingestellt. Nichtsdestotrotz saß ich bei all jenen „X würde nie etwas mit Y anfangen“- Statements in meinen Kommentarboxen immer mit einem etwas zwiespältigen Gefühl vor dem Bildschirm.

Denn abgesehen von Shippings, die sich schon aus ethischen Gründen verbieten, gehörte ich eigentlich nie zu jener Fraktion, die es für völlig ausgeschlossen hielt, dass solche Crackpairs realistisch geschrieben werden können.

Warum?

Weil ich an die Fähigkeit guter Autor*innen glaube, nahezu jede Idee glaubhaft umzusetzen. Ja, ich denke tatsächlich, dass sich durchaus sehr sehr vieles machen lässt, insofern man die Rädchen kennt, an denen man drehen muss. Draco Malfoy ist im Canon zweifellos ein Rassist. Doch wer sagt, dass das immer so bleiben muss? Konfrontiert mit der unmöglichen Aufgabe, seinen Schulleiter Albus Dumbledore zu töten, bricht er im sechsten Schuljahr im Jungenklo zusammen und damit auch so einiges an seinem Bild über sich und die Welt. Solche Phasen sind äußerst sensible Punkte. Konfrontiert mit den richtigen Einflüssen kann es sein, dass jemand in einer solchen Situation seinen bisherigen Lebensweg überdenkt und eine neue Richtung einschlägt. Und wenn eine Fanfiction diesen kritischen Punkt nutzt und den Zug eine andere Weiche nehmen lässt als der Canon, sind die Bedingungen ganz andere. Das Gleiche gilt für das „schon vergeben sein“ oder die vermeintliche Heterosexualität von Figuren: Liebesbeziehungen sind nicht unbedingt in Stein gemeißelt. Wie oft trennen sich Paare in der Realität, schlichtweg weil sie sich auseinandergelebt haben? Und wer sagt, dass jemand, der einmal mit einer Frau zusammen war, sich nicht auch in einen Mann verlieben könnte oder umgekehrt? Es soll ja auch so etwas wie Bisexualität geben.

Was Crackpairings also brauchen, ist erst einmal eine glaubwürdige Charakterentwicklung der beteiligten Figuren und/oder eine entsprechend nachvollziehbare Auflösung anderer Barrieren, damit überhaupt die Grundlage für eine Beziehung besteht.

Nun kommt das große Aber: Es kommt nicht von ungefähr, dass in so vielen Köpfen der Gedanke „das ist unrealistisch“ so festsitzt. Und um der Ehrlichkeit Genüge zu tun: Bei all meinem Glauben an die Macht des Möglichen in der Theorie, hielt ich in der Praxis jene guten Autor*innen wahlweise für absolut seltene Ausnahmetalente oder, noch schlimmer, bloße Gedankenkonstrukte. Und das liegt daran, dass ein Gros der Fanfictions schlichtweg ihren Job nicht macht!

Denn statt einer angemessenen Charakterentwicklung und einem äquivalenten Umgang mit anderen Hürden, verläuft die Beziehungsanbahnung in gefühlt 9 von 10 Fanfictions nach dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht“.

So wird das Zusammenkommen der Charaktere in verdammt vielen Fällen nicht über ein nachvollziehbares Verlieben, sondern über Zwangsszenarien etabliert. Denn anstatt, dass man den Charakteren Zeit und Raum und einen Anlass gibt, sich noch einmal neu kennenzulernen und aus freien Stücken füreinander zu entscheiden, müssen sie natürlich schon in den ersten Kapiteln durch die Gewalt der Feder miteinander ins Bett gezwungen werden und dürfen es keineswegs verlassen. Da löscht ein Blick zu tief ins Glas mal ebenso jahrelange Feindschaften aus, da erfinden Regierungen irgendwelche strunzdoofen Heiratsgesetze oder es sind gar die eigenen Gene, die die Charaktere vor die Wahl stellen: Sex oder stirb. How romantic!

Und wenn keine Zwangsszenarien sind, wird in Fanfictions allzu oft alles zurechtgestutzt und verbogen bis zum Geht-nicht-mehr. Feindschaften werden geleugnet und zum „was sich neckt, das liebt sich“ uminterpretiert, wesentliche Charakterzüge von Figuren werden mal ebenso gestrichen. Da war der schmierige Typ schon immer ein netter Kerl, da mutieren durchschnittliche Fünfzehnjährige zum Teenager-Vamp und Figuren vergessen ihre Persönlichkeit, bloß weil Beziehungen ja nach einer bestimmten Rollenverteilung funktionieren müssen. Kurzum: Es wird willkürlich an allem herum geschnippelt anstatt die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander auf der Grundlage des Canons weiterzuentwickeln.

Dass ein solcher Umgang mit dem Originalwerk natürlich nicht gerade Glaubwürdigkeit befördert, ist klar. Und dass die Annahme „das geht nicht realistisch“ so weit verbreitet ist, wenn es um Crackpairings geht, spricht Bände darüber wie tief verwurzelt diese Sache in der Fanfictionwelt ist. Zwang und OOCnes untergraben jede Nachvollziehbarkeit.

Und das führt mich zu einem weiteren Punkt…

„Was bitte ist der Reiz daran?“

Denn die Nachvollziehbarkeit von Crackpairings hängt oft nicht nur von einem formal realistischen Zusammenkommen der Figuren ab, sondern auch an einer gewissen, nun, nennen wir es Sinnhaftigkeit der Liebesbeziehung. Oder anders ausgedrückt: Ich muss Lieschen Müller nicht nur abkaufen können, dass sie sich verliebt hat, sondern auch verstehen können, warum die beiden ein tolles Paar wären.

Und daran hapert es leider oft.

Wie ebenfalls viele andere auch konnte ich lange Zeit konnte nicht verstehen, was Fanfiction-Autor*innen an Crackpairs eigentlich so reizt. Ja, ich fand den Gedanken gerade zwei Charaktere miteinander zu verkuppeln, die im Canon salopp gesagt so gar keinen Bock aufeinander haben, äußerst befremdlich. Und dass so viele Fanfictions dann auch noch zu Zwangsmaßnahmen griffen, um die Figuren ins Bett und vor den Traualtar zu bringen, ließ die Sache für mich noch dubioser erscheinen. Die große Frage „Warum?“ schwebte für mich jedes Mal wie ein leuchtendes Neonbanner über der Geschichte und böse Zungen in meinem Kopf zischelten das wohlbekannte Vorurteil: „Doch nur, weil der Autor findet, dass die beiden heiß zusammen aussehen.“

Nun, inzwischen schreibe ich selbst an einem Crackpairing. Das heißt, ich kann den Anreiz besser nachvollziehen. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Und auch das hat etwas damit zu tun, wie die Charaktere und ihre Beziehungen in vielen Fanfictions präsentiert werden.

Doch alles der Reihe nach. Beginnen wir ganz am Anfang: Nämlich mit dem Entdecken eines neuen Fandoms oder der Fanfictionwelt überhaupt. Ich weiß nicht wie es für euch war, doch ich war zu Beginn meiner Potterhead-Karriere noch sehr im Canon verhaftet. Und aus Diskussionen weiß ich, dass es doch nicht wenigen in ihrem jeweiligen Fandom ähnlich erging.

Meine erste Begegnung mit Crackpairs war keine Fanfiction, sondern ein Fanvideo zu „HG/SS“, also Hermine Granger/Severus Snape. Und als ich herausfand, wofür diese Buchstabenkürzel stehen, fand ich die Sache reichlich skurril: Die maximal achtzehnjährige Schülerin (denn im siebten Schuljahr war Hermine nicht in Hogwarts), die schon in einen Mitschüler verliebt ist und der zwanzig Jahre ältere Lehrer, der sie reichlich fies behandelte und zudem seit mehr als zwei Dekaden ebenfalls an einer anderen Frau hängt? Muss eine reichlich sonderbare Fantasie eines Einzelnen sein! Nunja *hüstel* Mein erster Blick in Fanfictionarchiv hat mich dann eines Besseren belehrt.

Mit der Zeit verändert sich nun zuweilen die Perspektive auf ein geliebtes Werk und die Einheit von Handlung, Charakteren und Welt beginnt sich ein wenig aufzulösen. Neue Fragen und Ideen kommen auf, die den eng gesteckten Rahmen der Geschichte übertreten: Was wäre, wenn Charakter X nicht gestorben wäre? Was treibt Y eigentlich zwanzig Jahre nach Ende des Originalwerks? Bleibt ein Liebespaar wirklich ewig zusammen? Auf einmal gibt es etwas vor, nach und neben dem Canon. Kurzum, der Radius erweitert sich, man beginnt mit Variablen zu spielen und einen Blick hinter die Vorhänge zu werfen.

Zwei der zig Gedankenspiele, auf die man dabei kommen kann, sind die Fragen „Was wäre wenn A und B keine Feinde wären?“ oder „Was wäre wenn A sich in B verlieben würde?“. Und diese Fragen können mitunter sehr Interessantes zutage fördern. Denn manchmal scheinen Charaktere gut zusammenzupassen und nur die Feindschaft steht dem wie eine Mauer im Wege. Oder aber das Verlieben in den Feind bietet einen idealen Anstoß für spannende Charakterentwicklungen. Und all das ist Stoff, aus dem durchaus gute Geschichten gesponnen werden können!

HG/SS, um das Beispiel wieder aufzunehmen, gehört für zwar auch heute noch zu den Pairings, die ich eher weniger mag – inzwischen ist das aber für mich tatsächlich eher eine Frage meines persönlichen Geschmacks und keine des grundsätzlichen Unverständnisses mehr. Das liegt daran, dass ich in der Zwischenzeit Snamione-Shippern begegnet bin, die mir den Reiz für sich daran erklären konnten und die Argumente genau in das oben genannte Raster fielen: Die Charaktere passten für sie aus diesen und diesen Gründen gut zusammen oder die Kombination hatte in ihren Augen großes Potential für Charakterentwicklung. Letzteres habe ich auch im Bezug auf Dramione (Also Draco und Hermine) erlebt: Wenn Draco sich ausgerechnet in Hermine verlieben würde, wäre das ein unglaublicher Anstoß, seinen Rassismus zu überdenken, erklärte mir eine Dramione-Shipperin.

Und ja, all diese Argumente, machen es für mich verständlich, warum Shipper an diesen Crackpairings etwas finden, auch dann wenn meine Headcanons über die Charaktere vielleicht ein bisschen anders sind oder ich die Pairings einfach nicht mag. Doch hier geht es wie gesagt um Nachvollziehbarkeit und nicht um Sympathie und Geschmack.

Nun gibt es an der Sache leider einen winzigen Haken: Um das Potential solcher Ideen zu entfalten, ist es unabdingbar, dass die Figuren 1.) ihre Persönlichkeit behalten und 2.) nicht zwangsverkuppelt werden.

Denn wie soll eine Figur durch die Liebe ihre Vorurteile überdenken, wenn sie angeblich nie welche hatte? Oder wenn sie sich gar nicht glaubwürdig verliebt, sondern nur durch äußere Umstände dazu gezwungen zu sein scheint, mit dem Anderen eine sexuelle Beziehung einzugehen? Und wie soll erkennbar sein, dass die Charaktere gut zusammenpassen, wenn sie ihre Persönlichkeit an den Nagel hängen und zugunsten der Liebesgeschichte out of character gezeichnet werden?

Ein Großteil der Fanfictions mit Crackpairs torpediert sich in dieser Hinsicht leider systematisch selbst. Denn anstatt dass Autor*innen die Romanze anhand des Zusammenspiels der Persönlichkeiten der Figuren etablieren, stecken sie sie allzu oft ins Korsetts vorgefasster Klischees über Beziehungen und Liebesanbahnungen oder streichen durch das Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ gerade jene Aspekte weg, die das Pairing nachvollziehbar und interessant machen könnten. Das Ende vom Lied ist, dass den Figuren und Liebesgeschichten jede eigene Dynamik fehlt, die die Grundlage für das Zusammenpassen oder die Charakterentwicklung bildet.

Und weil das jetzt sehr abstrakt war, mal ein Beispiel.

Harry Potter und Draco Malfoy sind sich im Canon recht ebenbürtig, auch wenn Dracos Versuche, Harry eins reinzuwürgen meist nach dem Motto „Wer anderen eine Grube gräbt…“ enden. Aber: Keiner ordnet sich dem anderen allzu leicht unter. Sie sind mehr oder weniger Kontrahenten auf Augenhöhe. Dracos beste Freunde hingegen gleichen mehr einer Leibgarde. Er ist der Boss und die zwei folgen ihm. Draco ist es also in gewisser Weise gewohnt, dass andere sich ihm unterordnen. Nicht so bei Harry. Dieser lehnt Dracos großspuriges Freundschaftsangebot erhobenen Hauptes ab und bietet ihm auch sonst die Stirn. Genau aus dieser Ebenbürtigkeit könnte eine sehr spannende Dynamik entstehen. Man könnte es so aufziehen, dass Draco gerade deswegen neugierig wird, wer dieser Harry Potter eigentlich ist, weil zum ersten Mal jemand wagt, ihm Paroli zu bieten. Und aus dieser Neugierde wiederrum könnte irgendwann mehr werden – natürlich nicht sofort, sondern nach einer entsprechenden Charakterentwicklung. Was aber passiert in etlichen Drarry-Slashfics tatsächlich? Genau: Harry, wird zum Uke gemacht, der sich dem anderen unterordnet, weil schwule Beziehungen natürlich nach Schema F funktionieren müssen. Damit ist der spannende Ansatzpunkt, den der Canon bietet aus der Welt geschafft; zumindest Harry wirkt out of character und wenn Draco dann auch zum netten Kerl wird, sind beide Charaktere nicht mehr wiederzuerkennen. Alles, was das Pairing spannend machen könnte, wurde dem Klischee geopfert.

Das Problem an vielen Fanfiction mit Crackpairs ist also, dass die Charaktere verbogen werden, um Klischees über Beziehungen zu entsprechen – nicht etwa, dass Klischees über Beziehungen verbogen werden, um den Charakteren zu entsprechen. Was dabei herauskommt sind zurechtgestutzte, sich selbst entfremdete Figuren, die als Werkzeuge für eine Romanze erscheinen, die nicht zu ihnen passt - anstatt, wie es eigentlich sein sollte, eine nachvollziehbare Romanze, die auf der Dynamik zwischen den individuellen Figuren beruht.

Hinzu kommt dann noch, dass viele Fanfiction-Romanzen nach dem Motto „Aussehen ist alles“ aufgezogen sind: Er/Sie ist ja so hot – und darum muss man einander vor den Traualtar schleppen. Nun: Aussehen spielt beim Verlieben natürlich eine gewisse Rolle. Vor allen in den ersten drei Wochen, in dem man einander aus der Ferne anschmachtet, ehe man sich traut nach einem Date zu fragen. Sollte nach dem ersten Date jedoch weiterhin das Aussehen alles sein, was zwei Menschen aneinander anziehend finden, dürfte es das gewesen sein mit der Liebe. Eine Beziehung besteht nämlich aus ein bisschen mehr als sich bei Kerzenlicht gegenseitig mit den Augen zu vernaschen. Aussehen allein ist kein Kitt auf Dauer. Und das bedeutet, dass oftmals für die fortgewischte Eigendynamik der Charaktere nicht mal eine eigene gesetzt wird, welche die Romanze glaubwürdig erscheinen lassen würde.

Klar, dass dabei jedes Verständnis dafür flöten geht, warum die Charaktere nun geshipt werden. Denn der Reiz daran, die Persönlichkeit von Figuren für eine Romanze, die doch nur als oberflächliches Ansabbern erscheint, über Bord zu werfen, ist wahrlich schwer nachvollziehbar – zumindest so von außen betrachtet.

„Muss es unbedingt ein Pairing sein?“

Ein letzter Punkt bleibt noch, warum Crackpairings auf so viel Skepsis stoßen. Ein Punkt, der mir schon sowohl in Diskussionen begegnet ist wie auch mich persönlich sehr beschäftigte. Und das ist die Omnipräsenz von Pairings. Denn sein wir ehrlich: Pairings und darunter auch Crackpairs nehmen in Fanfictions einen ziemlich großen Raum ein. Einen so großen, dass es mir schon häufiger passiert ist, dass Leute Fanfiction sofort mit Romanzen gleichsetzen, obwohl das nicht die Definition von Fanfiction ist.

Tatsächlich kann es vorkommen – und es ist mir selbst schon so gegangen – dass man den Eindruck gewinnt, der Fanfictionwelt fehle es gemäß des Mottos „alle Wege führen nach Rom“ einer Vorstellung davon, dass es auch noch andere zwischenmenschliche Verbindungen als Liebesbeziehungen gibt. Was so pauschal gesagt natürlich übertrieben ist. Doch ich will erklären, wie es zu diesem Eindruck kommt.

Als Einstieg ein kleiner Vergleich: Meine Mutter besuchte einige Jahre vor meiner Geburt mal die Ausstellung eines Künstlers, der Skulpturen aus Holz und Granit fertigte und war sehr fasziniert von dessen Vortrag über seine Arbeit. Der Künstler erzählte dort, er könne aus einem Granitblock oder einem Stück Holz nicht einfach herstellen, was er wollte. Erst die Maserung des Materials „erzähle“ ihm, welche Skulptur daraus werden soll. Und mit Fanfiction und Crackpairs ist es ähnlich.

Fakt ist: Das Auflösen einer Feindschaft hin zu Sympathie und die genaue Ausrichtung der Sympathie sind zwei Paar Schuhe. Tatsächlich gibt es auch Konstellationen, die an sich erst mal wenig für eine Liebesbeziehung anbieten, auch wenn sich die Feindschaft bereinigen lässt. Ein fiktives Beispiel: Ein Abiturient hat eine Hasslehrerin, die ihm die Schulzeit ziemlich verleidete. Nach dem Abitur beginnt der Schüler Lehramt zu studieren und lernt während des Studiums seine Freundin kennen. Nach Abschluss des Studiums kehrt der junge Mann als Lehrer just an seine eigene Schule zurück, an der die ehemalige Hasslehrerin, die sich kein Stück verändert hat, nun auf ihre letzten Dienstjahre hin noch Schulleiterin ist. Schleift man nun die Feindschaft ab, zeigt sich hier folgende „Maserung“: Ein großer Altersunterschied zwischen den Figuren; zumindest ein Charakter ist vergeben; die Figuren stehen in einem Dienstverhältnis zueinander. Die „Skulptur“, die sich hier als Erstes anbietet, wäre wohl eher eine Art Mentorin-Mentee-Verhältnis und weniger eine Liebesgeschichte.

Doch legen wir das Beispiel ad acta. Wieder eingeschränkt durch die Grenzen ethischer Vertretbarkeit geht es mir hier nicht um die Frage, ob bestimmte Konstellationen per se shipbar sind oder nicht, sondern darum, wie Autor*innen mit der Maserung des Materials umgehen. Denn ich denke, dass die gleiche Maserung unterschiedlichen „Künstlern“ durchaus auch unterschiedliche Dinge „erzählen“ kann. Nur wäre der nächste Schritt dann, den Granitblock auch entsprechend zu bearbeiten, so dass sichtbar wird, warum bei dieser Maserung sich gerade diese Skulptur so sehr anbot.

Übersetzt: Man merkt der Geschichte an, warum die Figuren nun zu einem Liebespaar gemacht wurden und nicht etwa zu Freunden, Wahlverwandten, Mentoren und Mentees usw. Denn auch das ist häufig eine Quelle für Unverständnis. In einigen Diskussionen habe ich schon Aussagen gelesen wie: Ja, ich verstehe den Reiz, die Feindschaft abzubauen und die beiden wären platonisch auch ein gutes Team, ich verstehe nur nicht, warum das Ganze vor den Traualtar führen muss und nicht bei einem Butterbier in der Kneipe enden kann.

Auch ich kenne diesen Gedanken. Bei manchen Fanfictions blieb doch sehr der Eindruck hängen, dass die Charaktere nur aus Macht der Gewohnheit zusammenkamen. Weil Pairings in Fanfiction so präsent sind, weil „man das eben so schreibt“. Und auch dieser Eindruck hat sehr, sehr viel mit der Dymanik zu tun, die sich zwischen den Figuren entwickelt. Verlieben und/oder sexuelles Begehren sind nicht der Inbegriff von Sympathie, sondern ganz bestimmte Formen davon. Um beides glaubhaft rüberzubringen braucht es daher auch eine ganz bestimmte Art des Schreibens. Oder zumindest einen guten Grund dafür, warum die Figuren nun als Liebespaar enden sollen und nicht Küsse nur weil es so üblich ist.

Dabei geht es wie gesagt nicht um die Frage, welche Figuren nun aufeinandertreffen. Die einen können mit zwei Figuren eine tolle, nachvollziehbare Freundschaftsgeschichte entwickeln, die nächsten eine ebenso tolle, nachvollziehbare Romanze. Eben je nachdem welche Aspekte in den Fokus gerückt werden. Nur wäre es ganz sinnvoll, wenn dies bewusst geschähe und nicht aus Macht der Gewohnheit. In vielen Geschichten – und damit meine ich nicht nur Fanfiction, sondern auch Originalwerke – scheint eine Romanze doch nur hinein gequetscht worden zu sein, weil es halt so üblich ist. Und das führt selten zu einem Qualitätszuwachs.

Ich glaube, es ist ganz gut, sich vor dem Schreiben von Crackpairings selbst mit der Frage auseinanderzusetzen: „Muss es unbedingt ein Pairing sein?“. Warum will ich die Figuren eigentlich shippen? Was ist bei einer Liebesbeziehung zwischen den Charakteren anders als bei anderen Formen zwischenmenschlicher Beziehungen?

Die Antwort kann in den Persönlichkeiten der Figuren zu finden sein (X braucht einfach jemanden an der Seite, der so ist wie Y) oder in der Situation (Platonische Gefühle wären zu schwach, um Z ins nachdenken zu bringen). Entscheidend ist, dass eine Antwort existiert und die in die Fanfiction einfließt.

Und die Moral von der Geschicht‘ ?

Nach einer langen Zeit der Skepsis komme ich heute letztendlich zur Erkenntnis: Crackshipping ist anders, als es die ablehnende Haltung vieler Canonfuchs vermitteln mag, kein Indikator für Badfiction per se. Im Gegenteil: Crackshipping ist herausfordernd. Crackshipping ist anspruchsvoll. Crackshipping kann interessante Konflikte, Dynamiken und Charakterentwicklungen bedeuten, wenn es richtig angegangen wird. Doch leider sind die hohen Anforderungen, die Crackshipping eigentlich setzt, auch der Grund, warum es salopp gesagt so häufig in die Hose geht.

Natürlich ist das Mitdenken all der in diesem Essay beschriebenen Aspekte kein Garant dafür, dass ein Crackpairing restlos alle überzeugt. Ein großes Fandom bedeutet viele unterschiedliche Headcanons. Und Headcanons sind mächtig. Sie können dazu führen, dass einem eine Charakterentwicklung nicht glaubwürdig erscheint, weil man die Persönlichkeit einer Figur ganz anders interpretierte; dass man aus dem gleichen Grund auch einem „Die Figuren würden gut zusammenpassen“ nicht zustimmen kann oder einem sogar völlig entgeht, dass die Figuren nicht zufällig und aus Macht der Gewohnheit zum Liebespaar gemacht wurden, sondern durchaus aus bestimmten Gründen.

Trotzdem denke ich, dass die Auseinandersetzung mit all dem Genannten die Glaubwürdigkeit massiv erhöht. Und die meisten Lesenden sind durchaus in der Lage, bestimmte Headcanons und darauf sinnvoll aufgebaute Geschichten zu erkennen und zu honorieren, selbst dann, wenn sie den zugrundeliegenden Headcanon nicht teilen.

Das Problem, das die Fanfictionwelt hat, ist nicht das Crackshipping an sich, sondern die leider oftmals ziemlich schlechten Umsetzungen. Schlechte Umsetzungen, die die Kraft haben, einem das eigentliche Potential von Crackpairs auf Jahre zu verschleiern. Und das ist zugegeben schade.

* ich mag hier aus bestimmten Gründen nicht von Canonnazis sprechen

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Kurzbeschreibung

Ich sehe Crackpairs kritisch und shippe ein Crackpair. Ein Widerspruch? Vielleicht! Doch vielleicht liegt dieser Widerpsurch auch nur daran, wie Crackpairs größtenteils umgesetzt werden. Ein Essay über die Gründe, warum man Crackhiping jahrelang kritisch beäugen kann, ehe man sich näher heranwagt und was die Fanfictionwelt damit zu tun hat...