******************** Wenn der Weg anders verläuft von Heimatfreund ******************** ++++++++++++++++++++ Kurzbeschreibung ++++++++++++++++++++ Benny, ein aufgeweckter Teenager, wird durch einen schweren Autounfall und dem darauf folgendem Tod seiner Eltern vor vollkommen neue und für ihn kaum zu bewältigende Situationen gestellt. Mithilfe seiner Tante und seines Onkels gelingt es ihm, die schwere Zeit zu verarbeiten und in ein interessantes und stets ausgefülltes Leben zu starten. Dieser Schicksalsschlag in seinem jungen Leben veranlasst ihn recht schnell, sich für seinen weiteren Lebensweg ein besonderes Ziel festzulegen. Dies geht natürlich nicht ohne Höhen und Tiefen. So lernt er nach seinem Umzug zu seinen Verwandten die ebenfalls Leid geprüfte Jana kennen und freundet sich mit ihr an. -------------------- 1. Kapitel: Das Haus im Park -------------------- Mit ruhigen Schritten kam ein Schatten näher. Behutsam setzte er einen Schritt vor den anderen. Die Konturen eines alten Mannes wurden bald deutlicher. Zu früher Stunde lief der Mann scheinbar vollkommen abwesend mit ungewohnten Ziel seinen Weg. Er wirkte unsicher. Sein erfülltes Leben wurde schon durch so manche Verunsicherung geprägt. Damals, als er nach über 30 Jahren in der Firma erfahren musste, dass es für ihn keinen Platz mehr im Unternehmen gibt, waren Welten zusammen gebrochen. Er hatte nach kurzer Zeit neue Wege gefunden, sich neu orientiert und wieder Fuß gefasst. Aber heute steht er vor einer anderen Situation. Es war ein einsames Wochenende. Die vertrauten Gespräche, die immer gleichen Abläufe vom frühen Aufstehen bis spät in die Nacht, all das fehlte an den letzten Tagen. Und nun ging er in aller Frühe durch die fast leeren Straßen der schwäbischen Stadt. Nur zögernd nahm er seine Umgebung wahr. Der Bus der städtischen Verkehrsgesellschaft näherte sich und stoppte genau bei den wartenden Leuten. Die Tür öffnete sich, ein junger Bursche drängelte sich schnell noch vor ihm hinein, er stieg mühselig in den Bus und murmelte mit leiser, kaum wahrnehmbarer Stimme sein Fahrtziel, legte das abgezählte Kleingeld auf die Ablage, denn mit dem Automaten zum selbständigen Ticket lösen kam er nicht zurecht. Den Fahrschein steckte er automatisch in die Manteltasche. „Fünf Stationen und dann aussteigen.“, hörte er noch vom Fahrer. Vorsichtig setzte er sich auf einen der vielen freien Sitzplätze in Fahrtrichtung. Eine Unruhe stieg in ihm empor. Das Fahren in diesen neuen, modernen Bussen beunruhigte ihn. Nur technische Knöpfe mit kleiner Schrift, keine Türgriffe sondern Schalter und Klingeln an den Haltestangen. Das alles hatte er sonst nicht wahrgenommen. Seine kleine Welt war zu Fuß erreichbar und ansonsten war ja seine Ilse da. Und nun das. „Nächster Halt: Bleibtreustraße“ knarrte es undeutlich aus den Lautsprechern. Hier war seine Endstation. Vorsichtig hangelte er sich an den Haltestangen entlang zur Tür. Der vorwitzige Bursche mit roten Locken, der ihm schon beim Einsteigen durch sein flegelhaftes Auftreten aufgefallen war, stand jetzt neben ihm und lächelte ihn an. Noch bevor sich die Tür ganz geöffnet hat sprang er ins Freie. Eisiger Wind schlug dem alten Mann entgegen. Nur ein paar Schritte und schon befand er sich im Park am Rande der Stadt. Der Park mit seinen großen Platanen, Linden und Eichen war ihm sehr vertraut. Unzählige Male waren sie hier zu jeder Jahreszeit gewandelt. Die Schatten spendenden Kronen in der Sonnenhitze oder auch das gefallene Laub im Herbst waren ihm noch sehr gut in Erinnerung. Er war gedankenversunken den anderen Leuten, die den Bus verlassen hatten, gefolgt und befand sich nun in der großen Empfangshalle des Städtischen Klinikums. Eine freundliche Stimme beendete seine tiefen Gedanken: „Was kann ich für Sie tun?“ Mit Hilfe suchenden Augen blickte er ins Gesicht einer lächelnden Mitarbeiterin der Information: „Ich möchte zu meiner Frau, Ilse Schubert.“ Die ältere Frau an der Anmeldung sah nur kurz in den Bildschirm vor ihr und wies ihm den Weg zur Abteilung, in die seine Frau vor wenigen Tagen eingewiesen wurde. Sein Herz beginnt rasanter zu schlagen und die Gedanken waren nun wieder in der Realität. Den Gang ganz nach hinten und dann rechts. Hoffentlich ist alles in Ordnung. Zimmer 26. Zaghaft klopfte er an. Eine leise Stimme bat herein. Beim Betreten suchten seine Augen schnell den Raum ab. In einem hellen, länglichen Zimmer standen drei Betten. Das Bett am Fenster war leer. Im mittleren Bett fanden seine Augen ein ihm wohl vertrautes, müde wirkendes Gesicht. Gesenkte Mundwinkel, ein trauriger Blick mit den auf das Bett deutende Augen wiesen ihm den Weg. Er stand am Bett und bückte sich zu einem Begrüßungskuss. „Guten Morgen, mein Schatz. Ich hoffe, Du hattest ein wenig schlafen können?“ Mit müden Augen, leiser Stimme und einem leichten Lächeln erwiderte sein „Schatz“ die Begrüßung mit aufmunternden Worten: „Aber ja, die Nacht war kurz, hatte ein Schlafmittel erhalten und bin ja auch in netter Gesellschaft.“ Hierbei sah sie in das freundliche Gesicht der Bettnachbarin. Bevor seine Frau weiter reden konnte unterbrach er sie: „Gibt es etwas Neues? Was sagen die Ärzte?“ Seine Frau griff nach dem am Fußende liegenden Kleidungsstück. „Lass uns ein paar Schritte gehen.“ Behutsam setzte sie sich auf den Bettrand, stieg in die Hausschuhe und er half ihr in gewohnter Manier behutsam in den Morgenmantel. „Am anderen Ende des Ganges ist eine kleine Sitzecke mit Blick auf den Park.“ In seinen Arm geschlungen gingen sie langsam zur besagten Sitzecke. Kein Wort fiel. Schweigend erreichten sie einen kleinen Tisch mit vier gepolsterten Stühlen. Sie setzten sich mit Blick auf den Park in die bequemen Möbel, seine Unruhe sah man in seinen Augen. „Du musst dich nicht beunruhigen. Alles wird wieder gut. Der Oberarzt hat mich in einem längeren Gespräch informiert.“ In ruhigem Ton berichtete sie nun alle ärztlichen Neuigkeiten und achtete dabei sehr darauf, dass ihr Mann ganz klar erkannte, dass es seinem „Schatz“ gut ging und er mit ihr schon in wenigen Tagen wieder gemeinsam im Park wird spazieren gehen können. So verging ganz schnell die Zeit und sie gingen wieder in Richtung Zimmer 26. An der Empfangsstation wurden Sie von Schwester Kathrin angesprochen: „Darf ich Ihnen Benny vorstellen? Er hat Ihnen einen bequemen Stuhl ans Bett gestellt, sodass Sie noch ein wenig die Zeit genießen können.“ Erst jetzt erkannte Hans Schubert den vorwitzigen Rotschopf, der ihm schon im Bus aufgefallen war. „Benny ist erst 15 Jahre alt und seit ein paar Tagen bei uns. Benny möchte einmal Rettungsarzt werden und absolviert bei uns eine Art Praktikum. Er möchte die Tätigkeiten im Klinikum kennenlernen und ist uns eine große Hilfe bei den vielen kleinen Laufgängen.“ -------------------- 2. Kapitel: Die Urlaubsfahrt -------------------- „Benny, aufstehen! Du bist auch heute wieder zu spät.“ Es war der letzte Schultag vor den Herbstferien. Heute endete der Schultag bereits um 12:00 Uhr und am Nachmittag wollten sie starten, eine Woche in das Allgäu. Benny freute sich schon sehr lange darauf, in den Bergen zu wandern. Er besuchte jetzt die 8. Klasse des Städtischen Gymnasiums, war in seinem Jahrgang einer der Kleinsten, aber auch der Besten und wusste, dass er nicht mehr allzu oft gemeinsam mit seinen Eltern in die Ferien fahren würde. Deshalb freute er sich diesmal besonders auf den Urlaub. Der Frühstückstisch war schon gedeckt. Seine Eltern waren beim Packen der letzten Sachen, huschten immer wieder mal kurz durch die Küche. „Frühstücken wir jetzt, oder seid ihr schon satt?“, kam die ironische Aufforderung von Benny, denn seine Eltern achteten sonst immer darauf, dass sie alle gemeinsam frühstückten. Endlich saßen alle am Tisch und ihren Blicken war anzumerken, dass große Vorfreude herrschte. Eine unbekannte Ruhe herrscht am Tisch, gab es doch sonst immer viel zu erzählen. Heute war alles anders. Seine Eltern hatten schon Urlaub und konnten so die letzten Vorbereitungen treffen, während Benny zu seinem Unbehagen über diese Ungerechtigkeit noch zur Schule musste. All die anderen Tage ging er gern zur Schule, traf sich mit Freunden beim Fußball- oder Schachspiel oder war in mehreren Arbeitsgemeinschaften aktiv. Aber heute war eben alles anders. Die laute Pausenklingel erlöste die Schüler von der Pflicht und natürlich waren alle der Meinung, dass man den heutigen Schultag hätte sparen können, aber Vorschrift ist halt Vorschrift. Nun schnell die wenigen Utensilien, die sie wirklich gebraucht haben, eingepackt, der eine oder andere grüßte noch locker in die Runde und dann waren sie schon fast alle weg. Benny grüßte seinen Freund André noch kurz und wünschte ihm schöne Ferien. Die Lehrerin schmunzelte, wie schnell die Klasse doch sein konnte. Der Schulbus war heute auch pünktlich, als ob der Fahrer wusste, dass viele Fahrgäste wichtige Pläne für die nächste Woche hatten. Die Tasche hatte Benny in die Sitzecke geworfen und ging ins Wohnzimmer, um zu schauen, was es Neues gab. Seine Eltern waren mit den Vorbereitungen fertig, die Sachen hatten sie im Auto verstaut und es fehlten nur noch die Kleinigkeiten von Benny. Vorher gab es allerdings erst noch Mittagessen, was Benny heute alles viel zu langsam ging. Er wollte endlich los. Das Essen wurde nur noch durch Fragen wie: „Hast Du auch alles eingepackt?“ unterbrochen. Es war noch einige Zeit vergangen, bis der Tisch abgeräumt, das Geschirr abgespült und der Rucksack mit den Freizeitartikeln für Benny gepackt war. Die Unterlagen für die Ferienwohnung hatte seine Mutter in der Tasche und es konnte losgehen. Schnell war die Wohnung verlassen und die Autotüren schlossen sich. Der Motor startete, das Auto begann zu rollen. Allgäu wir kommen. Jeder war mit seinen Gedanken beim Urlaubsort. Vater verließ sich entspannt auf seinen Navi, Mutter hoffte, dass die Wohnung entsprechend des Angebots ausgestattet war und Benny, dass sein Zimmer wie beschrieben einen Blick auf die Berge bot. Nur 20 min brauchten sie von Höfen an der Enz zur Autobahn. Dann verblieben nur noch ca. 220 km auf der Autobahn und 40 km bis Oberstdorf. Die Stimmung war gut, leise Musik ertönte aus der Radioanlage, der Motor summte leise. Alle befanden sich in Urlaubsstimmung und großer Erwartungshaltung für die kommende Woche. Dann ein kurzer dumpfer Knall, dass Auto wurde herum gewirbelt und es wurde dunkel um Benny..…   *   In der Notdienstzentrale Pforzheim meldet sich der diensthabende Mitarbeiter und nimmt die notwendigen Informationen für den Einsatz eines Rettungswagens entgegen. „Schwerer Verkehrsunfall auf der A8 Auffahrt 45b Pforzheim-Süd Richtung Stuttgart, zwei schwer verletzte Personen, ein Kind leicht verletzt, eine leblose Person, die Polizei ist schon unterwegs.“ Sofort wird ein Rettungsteam mit entsprechendem Rettungswagen informiert, ist nach kurzer Zeit schon auf dem Weg zur Unfallstelle. Die ersten Minuten kommen sie schnell voran, aber 10 km vor dem Unfallort ist schon das Ende des bei der belebten Autobahn schnell entstandenen Staus zu sehen. Nur schleppend geht es ab jetzt wegen der fehlenden Rettungsgasse voran. So vergeht wertvolle Zeit. Das Rettungsteam kommt mit knapp 5- minütiger Verspätung am Unfallort an. Zügig beginnen die lebensrettenden Maßnahmen. Der Fahrer des Unfall verursachenden Wagens kann nur noch tot aus dem total zerstörten Wagen befreit werden. Die beiden Personen im anderen Wagen sind schwer verletzt und werden im schon angeforderten Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen. Auf den hinteren Plätzen des Familienautos befindet sich Benny, sein linker Arm ist gebrochen und er ist ohne Bewusstsein. Auch er wurde schnell aus dem Wagen befreit, ärztlich versorgt und ins Krankenhaus gefahren. Der Arm befindet sich in einer Gipsschiene. Für die Behandlung und die Beruhigung wurde Benny in ein künstliches Koma versetzt. Die Ärzte stehen vor der schwierigen Aufgabe, den Jungen zu wecken. Seine Eltern wurden bei dem Unfall schwer verletzt und die Ärzte konnten nach komplizierten Operationen bei beiden nur noch feststellen, dass sie es nicht geschafft haben, aber wie und wann soll man das dem Jungen beibringen? Mit lieblicher Stimme ermuntert eine junge Psychologin Benny, die Augen langsam zu öffnen. Vorsichtig öffnet Benny seine Augen. Es ist trotz schwacher Beleuchtung sehr hell und er braucht viel Zeit, sich an das Licht zu gewöhnen. „Du bist im Krankenhaus. Ihr hattet einen Unfall.“ „Wo sind meine Eltern?“, flüstert Benny leise und beginnt zu weinen. „Die liegen in einem anderen Zimmer. Du musst Dich erst erholen, dann kannst Du sie besuchen.“ Die junge Frau macht eine Pause und dann fährt sie sacht fort: „Wir haben Dir Besuch mitgebracht.“ Langsam wendet er den Blick und erkennt seine Tante Anne und Onkel Matthias aus Karlsruhe. Tante Anne ist die Schwester seiner Mutter und hat die Familie schon oft besucht. Sie war mit ihm in den Zoo gegangen oder sie hatten einen Film im Kino besucht. Er mag sie, aber wo kommen die beiden so schnell her? „Wart Ihr auch auf dem Weg in den Urlaub?“ Anne gewinnt als Erste die Sprache zurück: „Aber nein, nach Eurem Unfall wurden wir von dem Krankenhaus sofort informiert. Das hatten wir für einen solchen Fall mit Deinen Eltern abgesprochen. So wären sie umgekehrt auch gleich für uns da.“ Benny versteht das zwar nicht gleich, aber antwortet kurz: „Aha.“ Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, ist die Psychologin wieder an Bennys Bett. Mit ruhigen Ton berichtet sie ihm, was am Tage des Unfalls geschehen ist und, dass seine Eltern einen Tag später im Krankenhaus gestorben sind. Benny drückt sein Gesicht ins Kissen und weint leise. „Warum?“ flüstert er kaum hörbar. Seit diesem Moment hat er tagelang nichts gesagt. Er sucht im Inneren nach Antworten. Wie soll es jetzt weiter gehen? Was habe ich falsch gemacht? Bin ich Schuld am Unfall? Heute hat er wieder Besuch. Seine Tante und sein Onkel aus Karlsruhe sind gekommen. Ein Lächeln zuckt über sein Gesicht: „Schön, dass Ihr da seid.“ „Wir sind immer für Dich da, Benny.“, antwortet seine Tante. Dann beginnt sie langsam auf die traurigen Ereignisse zu kommen, erklärt die Hintergründe des Unfalls und, dass sein Vater und sie alle keine Chance hatten, den Unfall zu vermeiden. „Wenn Du möchtest kannst Du nach dem Verlassen des Krankenhauses bei uns wohnen.“ Diesen abschließenden Satz seiner Tante mit dem gleichzeitigen Lächeln und Nicken seines Onkels beantwortet Benny kurz mit: „Ja!“ -------------------- 3. Kapitel: Bennys Neuanfang -------------------- Seit Benny aus dem Krankenhaus entlassen wurde sind fast acht Wochen vergangen. Der Gips an seinem Arm wurde entfernt und nun, nach einer Reha kann er sich wieder normal bewegen und all die Dinge tun, die lange pausieren mussten. In einer Woche ist Weihnachten, aber er denkt nur an die Zukunft und wie es weiter gehen soll. Zu viel ist in den letzten Wochen geschehen. Er ist viel nachdenklicher, ernster geworden. Was soll nun werden? Darüber will er sich morgen mit seiner Tante und seinem Onkel unterhalten. Am nächsten Tag, nach dem Mittagessen, finden sich die drei in der Couchecke ein, Tante Anne hat ein wenig Gebäck und Saft auf dem Tisch vorbereitet und langsam entwickelt sich dann auch ein Gespräch. Anne beginnt mit der entscheidenden Frage zuerst: „Könntest Du Dir vorstellen, bei uns zu bleiben und hier mit uns gemeinsam zu leben?“ Benny ist für kurze Zeit ganz ruhig und beginnt dann vorsichtig zu antworten: „Was wird dann aus meinen Freunden? Kann ich denn einfach so die Schule wechseln? Ich habe ja dann kein eigenes Zimmer mehr.“ Diesen Einwand hatte Matthias schon erwartet und kann darauf, gleich eine Neuigkeit verkünden: „Wir hatten uns schon lange damit auseinandergesetzt, nach Pforzheim zu ziehen, da die Firma von Tante Anne seinen Hauptsitz dahin verlegen wird. Es steht dort eine 4-Raum Wohnung zur Verfügung.“ Benny erfährt nun viele neue Entwicklungen. So kann er bei seinen Verwandten leben, sich dort an einem Gymnasium den gleichen Hobbys und Aufgaben stellen. Sein Freund André ist, so wie er weiter erfährt, auch an der Schule ab Ostern angemeldet. Da sich hier mehr Möglichkeiten der beruflichen Ausbildung bzw. des Studiums gegenüber seiner alten Heimatstadt bieten und er gern bei seinen Verwandten ist, trägt sich Benny schnell mit dem Gedanken, hier seine Möglichkeiten zu nutzen. Um alles gut vorbereiten zu können bittet sein Onkel nur noch um eine wesentliche Auskunft: „Welche Vorstellung hast Du von Deiner zukünftigen beruflichen Richtung?“ Benny bittet um Bedenkzeit bis Weihnachten. Die Feiertage sind vorüber. Die neue Familie (Benny nennt die Tante und den Onkel nun beim Vornamen) hat sich viel Zeit genommen, die Zukunft zu planen. Das Angebot des Umzugs nach Pforzheim wurde angenommen und somit sind alle damit beschäftigt, zu packen. Benny hat sich für eine medizinische Ausbildung entschieden. Ab Anfang Januar wird er die 8. Klasse des Städtischen Gymnasiums in Pforzheim besuchen. Voller Anspannung erwartet er den Neuanfang in der neuen Stadt. Wie wird er von den Schülern und Lehrern aufgenommen, welche Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gibt es dort, ist sein Freund André womöglich in der gleichen Klasse? Er hat seit zwei Monaten keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt. Heute ist endlich der Tag des Umzugs. Die Drei haben sich entschieden, zuerst die noch weiterhin benötigten Sachen aus der Wohnung aus Höfen an der Enz zu holen, sodass Benny als Erster mit dem Einräumen beginnen kann. Noch Vormittags ist das Fahrzeug mit den Möbeln, Kartons und Kisten vor dem Haus und die Umzugshelfer bringen alle Kisten, die ihm gehören, auf den Gang vor dem Zimmer und die Möbel werden aufgebaut. Bald sind die Umzugshelfer zur 2. Runde unterwegs. Jetzt werden die Sachen aus der alten Wohnung seiner Tante und seines Onkels geholt. Jetzt kommt er das erste Mal zur Ruhe und beginnt langsam, seine Schulsachen und die Sachen fürs Spielen oder die Freizeit zu sortieren. In Gedanken ist er oft bei seinen Eltern und als er die Fotoalben in Händen hält beginnt er leise zu weinen. Sie fehlen ihm so sehr. Er hört das Umzugsauto und wischt sich die Tränen vom Gesicht. „Benny, wo bist Du denn?“ ruft Anne laut im Treppenhaus. „Wir haben Dir eine Überraschung mitgebracht. Kommst Du mal runter?“ „Ich mag keine Überraschungen.“, stöhnt Benny leise und ruft laut zurück: „Ich komme ja schon.“ An der Haustür angekommen verschlägt es ihm die Stimme: „André.“ In cooler Manier, so als ob sie sich erst gestern gesehen hätten, fällt die Begrüßung aus und dann sind sie auch schon hinter der sich schließenden Zimmertür verschwunden. Anne und Matthias sehen sich lächelnd an und stürzen sich weiter in die Umzugsarbeiten, Matthias schleppt Kisten und Anne verschwindet in der Küche. Im Kinderzimmer werden die verpassten Gespräche nachgeholt. „Warum hast Du denn nicht mal angerufen?“ fragt Benny seinen Freund. „Ich wusste nicht, ob es der richtige Zeitpunkt ist, Dich anzurufen.“ antwortet André. „Jetzt ist der richtige Zeitpunkt!“ flachst Benny und lachend erzählen sie die Neuigkeiten der letzten Monate während sie versuchen, Ordnung in die Umzugssachen zu bringen. „Kinder, Essen.“, schallt es durch die noch fast leere Wohnung. Anne hatte für eine schnelle Mahlzeit Nudelsalat, Kartoffelsalat und Würstchen vorbereitet und so saßen die vier in der Küche, während die Umzugshelfer sich im leeren Schlafzimmer ein Pauseneckchen geschaffen hatten. Benny druckste verlegen herum, wollte etwas sagen, wusste aber nicht wie. Das hatte Matthias bemerkt und ihn gleich angesprochen: „Was gibt es denn Benny?“ Und ohne die Antwort abzuwarten: „ Ach ja, wir haben vergessen, Dir zu erzählen, dass André s Eltern unseren Vorschlag gut fanden.“ Dabei zog er den Satz dermaßen in die Länge, sodass alle neugierig wurden, was jetzt noch kommen würde. „André bleibt über Nacht.“ Die beiden Buben strahlten sich an und der Salat schmeckte beiden jetzt noch viel besser. Nach dem Essen konnten sie das erste Mal seit vielen Wochen wieder miteinander reden und sie hatten viel zu erzählen. „Warum hast Du nicht gleich gesagt, dass Du über Nacht bleibst?“ war Bennys erste Frage. „Es sollte eine Überraschung sein und war es ja auch.“, konterte André. Beide lachten. Das hatte Benny schon lange nicht mehr getan. Während sie nun die Sachen in seinem Zimmer weiter sortierten, wurden alle, wirklich alle Themen in den Gesprächen erörtert. Der Unfall, die Schule, die Freunde, die Zukunft. Keine Frage wurde ausgelassen und der Nachmittag war bald vorüber. Draußen wurde es dunkel und in den Fenstern der Straße leuchteten die letzten Pyramiden, Sterne und Lichterketten, die noch bis zum Jahreswechsel ihr Licht entfalten durften. Das alles nahmen sie kaum war, hatten sie sich doch noch so unendlich viel zu berichten. Stunden später lagen beide in ihren Betten, wobei für André ein Campingbett errichtet wurde. Der Tag war sehr lang und anstrengend, aber eben auch sehr schön. „Ich bin so froh, dass Du hier bist“, flüstert Benny leise. „Versprichst Du mir, dass wir immer füreinander da sind?“ „Aber ja.“, kam die schnelle Antwort von seinem besten Freund. „Wir sind ja bald auf der gleichen Schule und dann machen wir alles gemeinsam.“ Zum Teil sollte André damit Recht behalten. Zum Teil. In den nächsten Tagen hatte die neue Familie noch viel mit dem Umzug zu tun, bevor der Jahresausklang kam und der Beginn in der neuen Schule. Seit der Umzugsnacht telefonierten die beiden Freunde oft und es stellte sich bald eine gewisse Normalität ein. André war zwar weit entfernt, aber beim täglichen Telefonat wurden eifrig Zukunftspläne geschmiedet. Schließlich hatten sie sich ja viel vorgenommen. Und dann kam er endlich, der erste Schultag auf dem Städtischen Gymnasium in Pforzheim. Schon Tage vorher hatte sich Benny mit dem Busfahrplan vertraut gemacht, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn war Benny schon in der Schule. Er meldete sich wie verabredet im Sekretariat und wurde hier durch eine ältere, schon länger am Gymnasium arbeitende Sekretärin über die ‚Gepflogenheiten‘ des Hauses aufgeklärt. Aber da war noch etwas. Er war nicht der einzige Neue. Kurz nach ihm stand eine schüchterne, rotblonde Schülerin in der Tür und wurde genau wie Benny mit längerem Empfangstext begrüßt. Dann wurden sie zum Lehrerzimmer geführt und ihrem Klassenlehrer vorgestellt. „Guten Morgen, mein Name ist Bleichinger.“, begann der, sich kurz vorzustellen. „Ich darf Euch bis zum Abitur begleiten, unterrichte Biologie und Deutsch und werde euch jetzt der Klasse vorstellen.“, waren seine ersten Worte und sie waren gespannt, wie das heute so weiter geht. Im Klassenraum angekommen, wies er beiden einen Platz ganz hinten in der Fensterreihe nebeneinander zu. Na ja, dachte Benny, er hatte gehofft, neben einem Jungen sitzen zu können. „Wir haben ab heute zwei neue Schüler in unserer 8c. Jana und Benny sind neu in der Stadt und werden sich bestimmt freuen, von euch in der ersten Zeit tatkräftig unterstützt zu werden.“ Benny merkte, wie er langsam rot im Gesicht wurde. Bei seitlichen Blick auf seine Banknachbarin bemerkte er, dass sie auch Farbe angelegt hatte. Sie sahen sich an und begannen zu lächeln. Die ersten Tage im Städtischen Gymnasium machte sich Benny mit den neuen Möglichkeiten vertraut. Wo ist die Bibliothek, welche Arbeitsgruppen gab es oder welche Kurse konnte er besuchen? Nun wusste er auch, warum sein Onkel nach seinem Berufswunsch gefragt hatte. Das Gymnasium hatte eine AG Rotes Kreuz und einen Kurs für eine zukünftige Ausbildung im medizinischen Bereich. Als eine der ersten Aktivitäten hatte sich Benny für die Arbeitsgemeinschaften Rotes Kreuz, Elektronikforschung und Leichtathletik angemeldet. Die nächsten Wochen verliefen schnell. Benny hatte sich durch seine freundliche Art und sein rationales und schnelles Lernen des Unterrichtsstoffs einen neuen Freundeskreis geschaffen. Keine kleine Rolle spielte dabei Jana. Anfangs war er ja nicht begeistert, mit einem Mädchen die Bank teilen zu müssen, aber schon bald merkte er, wie gut sie ihm tat. Immer wenn ihn seine aufbrausende Art in Konfliktsituationen Unheil bescheren könnte glättete sie durch ihre ruhige besonnene Art die Wogen. Benny lernte es von Mal zu Mal, sich in ruhiger cooler Art den Aufgaben zu stellen. Aus einstiger Skepsis zu ihr war eine Schulfreundschaft entstanden. Nicht schlecht hatte Benny auch gestaunt, als sie sich in den Arbeitsgemeinschaften Rotes Kreuz und Leichtathletik wiedertrafen. -------------------- 4. Kapitel: Janas schnelle Flucht -------------------- Beim Betreten des Mehrfamilienhauses in einer kleinen Gemeinde bei Leer/Ostfriesland ist ein lauter Streit zu hören. Wieder einmal. Langsam geht Jana die Treppe zum 1. Obergeschoss hinauf. Der Lärm kommt aus der Wohnung, in der ihre Eltern mit ihr seit ihrer Geburt wohnen. Ihr Vater ist seit Monaten ohne Arbeit und befindet sich im sozialen Abwärtsstrudel. An seiner Situation scheinen nur die Anderen schuld zu sein. So kommt es nicht selten vor, dass er schon vormittags trinkt und wenn dann ihre Mutter von der Frühschicht nach Hause kommt sucht und findet er oft einen Grund, sie anzuschreien und manchmal auch zu schlagen. Einen ruhigen Tag haben Jana und ihre Mutter zu Hause lange nicht mehr erlebt. Eines Nachmittags, ihr Vater war aufgrund des Alkohols nach einem erneuten Tobsuchtsanfall eingeschlafen, bat ihre Mutter sie kurz in die Küche. „Jana, ich halte das nicht länger aus“, begann sie leicht weinend, „und deshalb habe ich darüber nachgedacht, Deinen Vater zu verlassen. Ich möchte mit Dir als Übergang in ein Frauenhaus ziehen, bevor er Dich auch noch schlägt.“ Jetzt fängt auch Jana an, leise zu weinen. So schlimm ist es also schon. „Und wie soll das gehen?“, fragt sie leise. „Ich habe mit Deinem Onkel Martin schon gesprochen. Er würde morgen, wenn sich Dein Vater auf der Arbeitsagentur melden muss, mit einem Kleintransporter kommen und wir packen schnell die Sachen und dann sind wir weg. Bitte überlege Dir noch heute, welche Deiner Sachen unbedingt mit müssen. Alle wichtigen Papiere habe ich schon zusammengepackt. Um 14.00 Uhr ist Onkel Martin hier, wenn wir wollen.“ Ihre Mutter schaut sie fragend an. Jana musste jetzt an die letzten Wochen denken und wie sich der Stress zu Hause auf ihre schulischen Leistungen auswirkte. Sie hatte sich doch so viel vorgenommen. Mit leichtem Nicken antwortet Jana ihrer Mutter und bemerkt erst heute, dass ihre Mutter, wenn sie von Ihrem Vater sprach schon lange nicht mehr von „Papa“ sondern immer von „Dein Vater“ sprach. Abends im Bett konnte Jana lange nicht einschlafen. Kann sie ihre Freunde auch weiterhin treffen? Muss sie jetzt in eine andere Schule und wo? Viele offene Fragen schwirrten in ihrem Kopf bis sie endlich, leise weinend einschlief. Als sie am darauf folgenden Tag aufstand, war ihre Mutter schon zur Frühschicht. Sie machte sich fertig zur Schule und ging auf leisen Sohlen aus der Wohnung. Heute wollte sie ihren Vater nicht treffen, aber er schlief ja auch noch tief und fest. Im Unterricht konnte sie sich nicht konzentrieren. Ihre Gedanken waren immer wieder beim gleichen Thema. Besonders schwer viel ihr, sich nicht von Freunden verabschieden zu können. Wenn sie dann etwas über ihren zukünftigen Wohnort, den sie allerdings immer noch nicht genau kannte, erzählen würde, könnte ihr Vater sie vielleicht doch finden. Würde heute alles wie geplant klappen und wie geht es in Zukunft weiter? Nach dem Unterricht verabschiedete sie sich von ihrer besten Freundin mit: „Bis morgen.“ und fuhr wie immer mit dem Bus nach Hause. Die letzten Meter von der Bushaltestelle lief sie heute besonders umsichtig. Von weitem konnte sie ein unbekanntes Auto sehen. Im Haus war es ruhig. Ihre Mutter hatte schon gewartet. „Hallo, meine Kleine, ist in der Schule alles gut gegangen?“, fragte sie und ohne auf eine Antwort zu warten setzte sie fort: „Ist Dir noch etwas eingefallen was mit muss? Deine Kleidung und alle Schulsachen sind schon im Auto.“ „Nur noch ein paar Bücher und CDs.“, erwiderte Jana und war dabei schon in Ihrem Zimmer. Dreißig Minuten später saßen schon alle im Auto und fuhren los. „Wohin fahren wir denn jetzt?“, fragte Jana. „Wir sind ein paar Tage in einem Frauenhaus und dann ziehen wir in den Süden Deutschlands.“ Dann war es ruhig. Schweigend blickten die beiden auf vorbei brausende Häuser, Wiesen, Felder und Wälder in eine ungewisse Zukunft. Nach zwei Tagen im Frauenhaus waren sie schon wieder auf Reisen. Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses und ihr Onkel Martin hatten den schnellen Umzug nach Pforzheim organisiert und so ging es in Richtung Süden. Da ihre Mutter im Öffentlichen Dienst arbeitete, war über ihre Vorgesetzte eine kurzfristige Versetzung ins Land Baden Württemberg möglich geworden. So würden sie heute in eine möblierte 3-Raum-Wohnung einziehen. Jana war sehr gespannt, wie die Einrichtung aussieht und in was für einer Wohngegend sie dann wohnen würden. Da in wenigen Tagen Weihnachten ist brauchte sich Jana nicht mit dem Thema Schule befassen. Ab morgen sind Weihnachtsferien. „So habe ich mir Weihnachten nicht vorgestellt.“, seufzt Jana. „Ich auch nicht.“, antwortet ihre Mutter, strich ihr dabei sanft über das Haar und ergänzte: „Dafür wird es bestimmt ruhiger.“ Nun mussten beide doch ein wenig lächeln. Die Fahrt bis Pforzheim war noch sehr lang und so gingen sie ihren Gedanken über das neue Zuhause nach. -------------------- 5. Kapitel: Schulgeschichten -------------------- Ein kurzer schriller Pfiff ertönte durch die Radsporthalle. Neun Schüler der 8. Klassen sehen erschrocken auf einen jungen durchtrainierten Sportlehrer. „Herzlich Willkommen im neuen Jahr und hoffentlich mit großem Tatendrang.“, begrüßte er die Runde. „Besonders möchte ich Jana, Benny und Mark in unserem Leichtathletikteam begrüßen. Ich hoffe, dass wir hier auch noch zum Ende des Schuljahres alle begrüßen können.“ Das hörte sich für Benny so an, als ob die Teilnehmer der AG sich im Laufe der Zeit dezimieren würden. „Als erstes machen wir uns wie gewohnt warm. Auf geht’s, die obligatorischen 5 Runden beginnen.“ Jana und Benny schauen sich verdutzt an und beginnen ihre Runden. Sie haben sich für die Leichtathletik AG entschieden, da sie schon länger die 5000 m-Strecke trainieren. Nebeneinander schlendernd kommen sie das erste Mal dazu, sich über Ihre Zeit vor Pforzheim zu unterhalten. So erfahren sie etwas von dem Leben des anderen vor dem Umzug. Die Tatsache, dass sie beide ein schweres Schicksal hierher führt, scheint sie noch dichter aneinander zu binden. Während die Anderen sich nach dem Aufwärmen an den Hoch- bzw. Weitsprunganlagen einfanden, durften die beiden mit einigen anderen Läufern weiter ihre Runden drehen. Jetzt allerdings bei laufender Stoppuhr. Bei einer vollen Runde von 400 m macht das genau 12 ein halb Runden aus. Bennys Bestzeit liegt knapp über 17 min. Er geht davon aus, dass er nach ein paar Runden weit vor Jana laufen wird, doch weit gefehlt. Nach acht Runden ist sie immer noch kurz hinter ihm. Dann muss sie jedoch abreißen lassen und das „Rennen“ nimmt seinen erwarteten Lauf. Seine Laufzeit ist miserabel, der Sportlehrer zieht zu jedem ein Fazit, dass nicht gerade belobigend ausfällt und trotzdem ist Benny gut gelaunt. Er hat einen weiteren Schritt zur Erreichung seiner Ziele getan. Auf dem Boden liegt eine schwer verletzte Person, Blut tritt am Arm aus einer klaffenden Wunde. Drei Sanitäter ringen um das Leben des Patienten, stabile Seitenlage, Ansprechbarkeit, Arm verbinden und alles in der richtigen Reihenfolge. Fast allen anwesenden Personen ist dies nicht neu. Sie sind Mitglieder der AG Rotes Kreuz und der Patient hat schon oft ihre Hilfe in Anspruch genommen. Nur Jana und Benny sind neu in dem erlauchten Kreis der Ersthelfer. Mit viel Engagement gehen die beiden jungen Leute daran, alles Notwendige zu erlernen und besonders jetzt, am Anfang, zu testen, ob ihnen die medizinische Arbeit am Patienten überhaupt liegen könnte. Nachdem sie zum ersten Mal an der Trainingspuppe die Mund-zu-Mund-Beatmung geübt und auf den Torso eingeschlagen hatten, als ob die Puppe ihr Herz wieder schlagen lassen könnte, was bei einigen der jungen Hilfswilligen sehr verzweifelt aussah, ging dieser erste Tag in der AG zu ende. Jana und Benny waren sich nun sicher, dass der von ihnen eingeschlagene Weg der Richtige ist. Auf dem Weg nach Hause stellten die beiden Teens dann fest, dass sie gar nicht so weit weg voneinander wohnten und dass sie, aufgrund der vielen Aktivitäten von denen ihr Leben jetzt geprägt wurde, andere Probleme einfach vor sich her geschoben hatten. Als sie vor dem Mietshaus, in dem Jana jetzt mit ihrer Mutter heimisch geworden ist, angekommen waren, fragte Benny überraschend: „Fehlt Dir Dein Vater sehr?“ Jana sah Benny mit großen Augen an: „So sehr, wie Dir Deine Eltern fehlen.“ Benny hätte in der Erde versinken können. Da waren sie wieder. Ihre wenig verarbeiteten Probleme. Jana hatte die Fassung schnell wieder gefunden; „Lass uns morgen darüber reden. Viel Spaß beim Erledigen der Hausaufgaben. Tschüss bis morgen.“ „Tschüss.“ sagte Benny mit gesenktem Kopf und schlenderte langsam in Richtung seines neuen Zuhauses. Nach einer unruhigen Nacht trafen sie sich auf dem Weg zur Schule. Benny suchte als erster das Gespräch und sie redeten und hörten dem anderen besonders intensiv zu. Beide wollten den Gesprächspartner nicht verletzen und verhielten sich wie Erwachsene. Jana fand das mit leichten Unterton heraus, begann dann schallend zu lachen und unterbrach dann die „erwachsene“ Gesprächsrunde: „Wir beide haben noch viel Zeit, um so ernst wie Erwachsene zu sein. Wir sollten uns einfach normal und ehrlich zueinander verhalten, oder?“ Benny strahlte übers ganze Gesicht und erwiderte: „Wie recht Du hast.“ Diese Unterhaltung war die Grundlage für ihr gemeinsames Leben am Gymnasium. Wenn immer es möglich war machten sie alle Aktivitäten wie Lernen, Arbeitsgruppen oder auch Bummeln in der Stadt gemeinsam. Nur einmal kam diese Zweisamkeit ins Stocken. Das war genau zu Ostern. Zu diesem Zeitpunkt ergaben sich weitere Neuigkeiten. Ein paar Tage vor den Osterferien klingelte bei den Schröders das Telefon. „Benny, kommst Du mal?“ rief Anne und reichte ihm den Hörer. „Hallo Benny, ich hoffe, Du bist nicht allzu sehr überrascht. Ab übermorgen wohnen wir auch in Pforzheim und dann können wir ja Ostern gemeinsam etwas unternehmen, wenn es Dir passt.“ Ewig hatte Benny gehofft, dass sein Freund auch hier wäre, aber nun war er doch ein wenig überrascht: „André, schön, dass Du anrufst, natürlich können wir etwas unternehmen. Hast Du etwas dagegen, wenn wir etwas zu dritt unternehmen? Ich denke wir sollten uns, wenn Du hier bist, unbedingt treffen.“ Zwei Tage später gab es endlich ein Wiedersehen mit André und er konnte alles Neue berichten. Dabei erzählte er seinem Freund, was sich in den letzten Wochen so alles getan hat und wie er sich die Zukunft vorstellt. Dabei war dieser nicht schlecht erstaunt, dass Benny kaum noch Fußball oder auch Schach spielt und jetzt viel Zeit mit einem Mädchen herum hängt. Dass das mit seinen neuen Hobbys sowie den Vorstellungen des zukünftigen Berufs zu tun hatte, konnte André kaum glauben. So teilten sich die Freunde die gemeinsame Zeit neu ein. Wann immer sie konnten machten sie viel, besonders in den ersten Wochen, gemeinsam. Dann änderten sie so langsam ihre Gewohnheiten. André ging oft mit einem seiner neuen Schulkameraden Fußball spielen und Benny war oft zu einem seiner Arbeitsgruppen unterwegs und so kam es, wie André beim Umzug schon bemerkt hatte, dass sie nun beide an der gleichen Schule waren, aber, aufgrund der unterschiedlichen Freizeitaktivitäten, weniger Zeit füreinander hatten. So vergingen die letzten Monate des Schuljahres, als ob sie beide nicht an der gleichen Schule waren. Besonders schmerzlich bemerkten sie das, als Benny keine Zeit für das Fußballpokal-Endspiel von André oder umgekehrt André keine Zeit für das Finale der städtischen Leichtathletikmeisterschaften hatte, wo Benny am 5000 m-Lauf teilnahm und in seiner Altersklasse zweiter wurde. Der alte Spruch, dass auch Freundschaften gepflegt werden müssen, hatte sich bewahrheitet.   Der späte Frühling lies wenige Aktivitäten im Freien zu. Entweder war es zu kalt oder eine ständige feuchte Witterung machte den Aufenthalt ungemütlich. Aber seit einer Woche schien das Wetter auf dem richtigen Weg zu sein. Die Sonne machte Überstunden und die Natur schüttelte mit aller Kraft die kalte Jahreszeit ab. Der Mai versprach dann endlich ein paar warme Tage und so hatten sich Jana und Benny verabredet, eine Fahrradtour zu unternehmen. Pünktlich fand sich Benny am vereinbarten Treffpunkt ein und wartete. Schnell waren dreißig Minuten vergangen aber von Jana war weit und breit nichts zu sehen. Er machte sich langsam Sorgen, war sie doch sonst die Pünktlichkeit in Person. Er versuchte, sie mit dem Handy zu erreichen. Vergeblich, ihre Stimme gab den freundlichen Hinweis, dass sie zurück rufen wird. So schwang sich Benny auf sein Rad und fuhr zurück in die Stadt. Von weitem konnte er schon sehen, dass etwas am oder im Haus, in dem Jana wohnt, nicht in Ordnung war. Ein Krankenwagen und mehrere Polizeiautos blockierten die Straße. Er stellte sein Rad an einer Mauer ab und mischte sich unter die mittlerweile zahlreich versammelten Neugierigen. “Was gibt es denn so Interessantes hier?“ „Keine Ahnung“, murmelte ein hagerer, hoch aufgeschossener Mann im mittleren Alter. Keiner aus der hier versammelten Menschenmenge konnten etwas Genaueres sagen, denn alle waren erst vor kurzem hier stehen geblieben. Dann vernahm er einen Polizisten, der mit barschem Ton und der Aufforderung: „Gehen Sie weiter und räumen sie die Straße!“, versuchte, Übersicht über die Situation zu bekommen. „Was ist denn passiert?“ versuchte Benny erneut, eine Auskunft zu erhalten. Der Polizist blieb stur: „ Nichts Besonderes, geh weiter Junge.“ So komme ich hier nicht weiter, dachte sich Benny und versuchte eine Finte, in das Haus zu gelangen. Er drängelte sich an der Seite durch die Menschen um bei Gelegenheit am Polizisten unbemerkt vorbei huschen zu können. Dann kam die erhoffte Gelegenheit, denn der Gesetzeshüter war mit einem hartnäckigen Journalisten auf der anderen Seite der Tür in einem Disput verwickelt und so huschte er flink in den Hausflur. Mit schnellen Schritten überwand er die Stufen bis zum Obergeschoss, wo sein Ausflug allerdings abrupt beendet wurde. Ein weiterer Polizist stand hinter ihm und hielt ihn am Kragen fest: „Wo soll es denn hin gehen, junger Mann?“ Erschrocken stammelte Benny, der den Mann in Blau gar nicht bemerkt hatte: „ Zu Jana.“ „Und wer bist du und was hast Du hier zu suchen?“, fragte der mit energischer Stimme weiter. Benny wollte gerade die geforderte Erklärung liefern, da rief eine ihm wohl bekannte Stimme, die den Lärm vor der Wohnungstür bemerkt hatte: „Benny, was machst Du denn hier?“ „Du bist nicht zu unserem Ausflug gekommen und so bin ich hier her gekommen, um zu gucken, warum Du nicht gekommen bist. Sag mir bitte, was geschehen ist.“ Jana erklärte dem Polizisten kurz, dass Benny mit in die Wohnung darf und schon verschwanden sie in Janas Zimmer. Schon oft war er hier, wenn sie für die Schule lernten oder miteinander am Computer spielten. Heute sieht ihm alles hier fremd aus, denn es ist unordentlich, so, als ob jemand alle Fächer im Schrank nach irgend etwas durchwühlt hat. Nachdem sie sich einen Platz frei geräumt hatten begann Jana mit leiser Stimme: „Ich war mit meiner Mutter im Einkaufscenter bummeln und dann waren wir noch in der Apotheke. Nach der Heimfahrt wurden wir kurz vor Haustür abgefangen und ins Haus geschubst. Es war, stark nach Alkohol riechend, mein Vater. Er hat, wie auch immer, unsere neue Adresse herausgefunden und wollte meine Mutter zwingen, wieder zu ihm zurück zu kehren. Wütend schubste er uns vor sich her, bis wir an der Wohnung waren. Die Tür war schon offen, das Schloss zerstört. Er schrie sie laut an und tobte, als sie seinem Vorschlag nicht gleich zustimmte. Dann schlug er uns mehrmals und stieß mich weg, als ich ihm bei seinem Toben im Weg stand, sodass ich in die Ecke am Fenster flog. Danach wendete er sich wieder meiner Mutter zu. Bei dieser Gelegenheit habe ich die Polizei gerufen, was er aber bemerkt hat und dann mein Telefon mit den Füßen zerstörte. Ich habe mir ständig die Hände vors Gesicht gehalten, damit er mich nicht wieder schlägt. Dann ging alles sehr schnell. Die Polizei stürmte in die Wohnung und beendete diesen Alptraum. Gleich danach kamen ein Arzt und zwei Sanitäter in die Wohnung. Sie sind jetzt bei meiner Mutter. Wir haben beide Glück gehabt und sind nicht weiter verletzt. Nur ein paar blaue Flecke. Meine Mutter hat dann Anzeige erstattet und jetzt versucht die Polizei draußen wieder Normalität herzustellen.“ Bei den letzten Worten lächelte Jana ein wenig. Benny hatte es die Sprache verschlagen. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“ „Nein, danke Benny, das ist lieb von Dir.“ „Wenn ich Dir jetzt nicht weiter helfen kann sollte ich wohl erst einmal nach Hause fahren. Ich muss das erst einmal verarbeiten. Bitte ruf mich an, wenn ich Du mich brauchst.“, waren seine leise zu vernehmenden Worte. „Tschüss und Danke, dass Du Dich so um mich gesorgt hast.“ „Aber klar doch, bis morgen.“, und dann war Benny auch schon unterwegs. Im Flur waren inzwischen Handwerker damit beschäftigt, die beschädigte Tür und das Schloss zu reparieren. Um den ausgetricksten Polizisten, der die Menschenmenge noch immer nicht vollständig zum Weitergehen animieren konnte, nicht zu begegnen verließ Benny das Haus wie er es betreten hatte. Im richtigen Moment sprang er zur Seite und verschwand in den jetzt schon lichter stehenden besorgten Bürgern. Geprägt von diesem Vorfall, wobei sie heute noch nicht wussten, wie ihr Vater zu ihnen gefunden hat, verlief der Sommer. Während Jana keine große Lust verspürte, viel im Freien zu unternehmen, hatte auch Benny mit einer seltsamen Stimmung den ganzen Sommer über zu kämpfen. Ihn bewegte, wie sich eine gute Stimmung ganz schnell in das Gegenteil ändern konnte und seine Gedanken waren oft bei der Fahrt ins Allgäu. So gingen der Sommer und die Ferien schleppend zu Ende. Benny freute sich auf den Schulbeginn, denn in diesem Jahr konnte er sein Wissen in einem neuen Fach erweitern. „Medizinische Grundlagen“ gehörte im Gymnasium ab diesem Schuljahr für die 9. Klassen zu dem neuen Stundenangebot. Bei diesem Unterricht haben die Schüler die Möglichkeit, ein Grundwissen für die Ausbildung bzw. das Studium im medizinischen Bereich zu erlangen, wobei sie neunmal für zwei Tage ein Praktikum im städtischen Klinikum absolvieren konnten. Hierbei ist festgelegt, dass die Schüler Einblicke in die Arbeit von Ärzten und Pflegekräften in den Stationen Chirurgie, Urologie und Geriatrie erhalten und kleine Botengänge bzw. Hilfsarbeiten erledigen können. Heute ist es nun so weit. Es ist Ende September und er darf das erste Mal zu einem mehrtägigen Praktikum zum Krankenhaus fahren. Die Schröders hatte schon im Sommer das Krankenhaus für das Praktikum ausgesucht. So konnten sie sicher sein, dass vom Klassenlehrer nicht durch Zufall die Unfallklinik, die Benny ja schon von innen kannte, ausgewählt wird. Da die Klinik am anderen Ende der Stadt liegt haben ihm seine neuen Eltern untersagt, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. So haben sie gemeinsam die Route mittels Buslinien herausgesucht und Benny wurde genau instruiert, wie er sich zu verhalten hat. Das fand Benny völlig überflüssig, ist er doch vor einer Woche schon fünfzehn Jahre alt geworden (zu der Feier waren Jana, André und zwei weitere Freunde gekommen und sie haben nach der vorgeschriebenen Teilnahme an der Kaffeerunde im Stadtgebiet ihren Spaß gehabt, wobei sie auch ohne Hilfe alle angesagten Freizeitobjekte selbständig gefunden hatten) und somit alt genug für eine selbständige Fahrt durch Pforzheim ist. Die zu benutzenden Buslinien hatte er sich gut gemerkt und so stand er schon bald an der Anmeldung des Krankenhauses. Was mag ihm heute hier erwarten, dachte Benny gerade, als die Empfangsschwester ihn schon ansprach: “Guten Morgen junger Mann, wo soll es denn hingehen?“ Nun war er doch aus dem Tritt geraten und stammelte kaum verständlich: „Ich mache hier ein Praktikum.“ „Dann musst Du Benny sein. Setz Dich bitte kurz, Du wirst gleich abgeholt.“ Dann telefonierte sie, wobei sie lächelnd zu ihm herüber sah. „Schwester Annika kommt gleich“, rief sie ihm noch zu, bevor sie sich dem Nächsten in der mittlerweile angewachsenen Schlange widmete. Schwester Annika war Lernschwester im 3. Lehrjahr und hatte die verantwortungsvolle Aufgabe erhalten, den Knirps unter ihre Fittiche zu nehmen, was ihr sichtlich nicht das größte Vergnügen zu bereiten schien. „Ich bin Schwester Annika und freue mich, dass Du Dich für ein Praktikum in unserem Klinikum entschieden hast. Wir werden zuerst ein paar Belehrungen machen und dann zeige ich Dir das Haus.“, begann sie schnell, als ob sie dies genauso schnell hinter sich kriegen wollte, wie sie gesprochen hatte. Na das kann ja heiter werden, schoss es Benny durch den Kopf. Nun erfuhr er, was er alles machen darf und was strikt verboten ist. Aha, so ist also die Arbeitswelt. Alles schön nach Vorschrift. Benny begann zu schmunzeln, hatte doch Anne heute Morgen beim Frühstück zu ihm gesagt: „Du wirst staunen, wie gut das alles im Krankenhaus organisiert ist.“ Im Laufe des Tages stellte sich Schwester Annika zu Bennys Freude dann doch nicht als ganz so humorlos heraus, denn mittlerweile genoss sie es, einmal aus dem normalen Tagesablauf ausbrechen zu können. Schnell ging der erste Tag im Krankenhaus für Benny zu Ende. Er hatte viel kennengelernt und was für ihn sehr wichtig war, es hatte ihm Spaß gemacht und er freute sich schon auf das nächste Mal. Er brachte seine Kleidung, in der er wohl noch kleiner wirkte, in die Umkleide, verabschiedete sich von Schwester Annika und war schon bald vor der Tür. Sein Weg führte ihn durch den schönen und in dieser Jahreszeit teils noch grünen Park, wo sich die Früchte der Laubbäume einen Wettbewerb in Wachstum und Schönheit gaben. Voller Begeisterung verbrachte Benny die Tage seines Praktikums und er war immer wieder erstaunt, wie viele neue Erkenntnisse ihm zuteil wurden. Er hatte Einblicke in die Abteilungen Chirurgie und Urologie schon abgeschlossen und jetzt sollten, auf eigenen Wunsch, noch vier Tage in der Geriatrie stattfinden. Benny befand sich wie immer an den Tagen des Praktikums auf dem Weg zum Bus. Heute war er spät dran. Er hatte einfach verschlafen, da Anne und Matthias früh zur Arbeit fuhren und ein Wecker den freundlichen Weckdienst übernehmen musste. Als der sich dann, Benny lag noch in den besten Träumen, pflichtgemäß und lautstark meldete, hat ihn Benny mit einer kurzen Handbewegung seine Meinung kundgetan. Wenige Minuten später wurde ihm dieser kleine Fehler bewusst. Er sprang auf, rannte durchs Bad und war auch schon bald unterwegs. Frühstücken konnte er auch noch im Klinikum. Die Bushaltestelle hatte er gerade erreicht, als der Bus kam. So huschte Benny als erster in den Bus und atmete langsam durch. Er wollte bei den wenigen Praktika nicht auch nur einmal zu spät kommen. Der Bus hielt und Benny schlüpfte als erster in einem gekonnten Sprung aus dem Bus und lief mit schnellen Schritten zum Klinikum. „Du bist heute aber spät dran.“, frotzelte Schwester Mandy, die heute Dienst am Empfang hatte und den jungen Praktikanten, wie alle hier, gut kannte. „Aber nicht zu spät.“, konterte Benny mit einem freundlichen Lächeln und lief zügig weiter, sich schnell noch umzuziehen. Wenige Minuten später meldete sich der aufgeweckte Praktikant bei Schwester Annika: „Wo darf ich heute hin?“ „Du bist heute in der Geriatrie eingeplant. Melde Dich bitte bei Schwester Katrin. Du weißt doch, wo die Abteilung ist?“, fragte Schwester Annika noch. Benny war aber mit den Worten: „Na klar doch!“, schon längst unterwegs. „Guten Morgen, Benny. Du bist aber heute sehr pünktlich. Schön, dann kann ich Dir ja gleich mal erzählen, was heute so anliegt.“, begann Schwester Katrin. Wenn die wüsste, was ich für einen „Guten Morgen“ hatte, dachte Benny und grinste dabei über das ganze Gesicht. Nun wurde er von Schwester Katrin in seine Aufgaben eingewiesen, die ihm nach erster gedanklicher Prüfung genügend Freiräume ließen, sich noch ein wenig im Haus umzusehen. So machte er sich an die Arbeit. Er füllte die bereitstehenden Getränkeflaschen mit frischem Wasser auf, trug einen gut gepolsterten Stuhl vom Freizeitraum in den Raum 26, rollte ein leeres Bett mit einem Pfleger in eine andere Abteilung und zwischendurch hatte er viele Fragen von Patienten der Abteilung zu beantworten, die z.B. gern wüssten, warum ein so junger Mann schon ein Praktikum in der Klinik machen müsse. Bereitwillig gab er ihnen Antwort und freute sich über die Fragen, bei denen er ständig das Gefühl hatte, die meisten der älteren Patienten stellten nicht nur Fragen, nein, sie wollten es auch wirklich wissen und nahmen sich auch die Zeit, auf die Beantwortung zu warten. So verging auch diese Zeit im Klinikum zügig. Er genoss die Fahrten in den Bussen zum Krankenhaus, gemeinsam mit den Pflegern, Schwestern, Reinigungskräften, neunmalklugen Azubis oder manchmal auch Ärzten. Viele kannten ihn mittlerweile und grüßten ihn mit einem mehr oder weniger ausgeschlafenem „Guten Morgen“ oder einfachem „Hallo“. So fühlte er sich schon fast wie dazu gehörig. Am letzten Praktikumstag begann alles wie sonst auch. Er schlüpfte in seine Klinikkleidung und meldete sich bei Schwester Katrin. „Bitte melde dich gleich bei Schwester Annika und sei ihr behilflich.“ So wurde er noch nie empfangen. Irgend etwas musste passiert sein. Also antwortete er auch nur ganz kurz: „Bin schon unterwegs.“ und machte sich von dannen. Bei Schwester Annika angekommen wurde er auch gleich ganz freundlich empfangen. „Guten Morgen, Benny, schön, dass du schon da bist. Im Einkaufscenter eine Straße weiter ist eine Zwischendecke eingestürzt und mehrere Leute sind von herunterfallenden Teilen schwer bzw. leicht verletzt worden. Viele kommen direkt in die Notaufnahme gelaufen. Wir müssen einige Betten und Verbandsmaterial für die Erstbehandlung in der Notaufnahme bereitstellen.“ Schwester Annika war sehr konzentriert, aber in ihren Augen sah Benny, wie nahe ihr diese Katastrophe kam. Mit schnellen Schritten organisierten sie das benötigte Verbandsmaterial und begaben sich anschließend in den Keller, wo sie in das Ausrüstungslager für die Patientenzimmer eilten. Der verantwortliche Mitarbeiter war ihnen behilflich, einige Betten zusammen zu stellen. Dann ließ er sie vom Transportteam abholen und die beiden waren auch schon wieder auf dem Weg zur Notaufnahme. Kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatten wurde Benny mit der Aufforderung: „Bitte melde dich wieder bei Schwester Katrin.“, in seinem Tatendrang gebremst. „Warum darf ich nicht weiter helfen?“, fragte Benny enttäuscht. „Weil so junge Mitarbeiter in diesen Bereichen nicht sein eingesetzt werden dürfen. Bitte verstehe es und geh in deine Abteilung.“ „Ok, ich geh ja schon.“, brummte Benny und tat so, als ob er sich auf den Weg nach oben machen wollte. Dann schlich sich Benny in die Notaufnahme. Hinter einer großen Palme hockend sah er, wie viele Patienten mit Armbrüchen, Beinbrüchen und vor allem mit vielen offenen Wunden auf ihre Behandlung warteten. Es roch nicht gut und viele Menschen stöhnten oder schrien vor Schmerz. Überall war Blut zu sehen. Das medizinische Personal untersuchte jeden Patienten und entschied sofort, wie weiter mit ihm zu verfahren ist. Benny stand da wie angewurzelt. Der Anblick erschütterte ihn und er musste an den Unfall bei der Fahrt in das Allgäu denken. Ob das damals auch so war? Die Frage konnte er sich nicht mehr beantworten, denn er kreuzte den Blick der Schwester Annika, die mit einer Kopfbewegung und entsprechenden Blick in Richtung der Tür deutete. Benny verstand sofort und machte sich auch gleich aus dem Staub. Er begab sich in seine Abteilung und Schwester Katrin erkannte, dass er verstört wirkte. „Hast du gesehen, was geschehen ist?“ fragte sie ihn, während sie sich zu ihm setzte. „Ja, aber nur ein wenig.“, erwiderte Benny und wirkte relativ gelassen. Sie holte zwei Glas Tee und dann sprachen sie ruhig über die Vorkommnisse. Schwester Katrin war erstaunt, wie Benny die Ereignisse verkraftete. Benny sagte zum Schluss nur noch: „Ich weiß jetzt, dass ich Notarzt werden möchte.“ So endeten seine Praktika im Klinikum aufregender als geplant. Bis zu den Sommerferien waren es nur noch wenige Wochen, die Benny mit vermehrten Trainingseinheiten und natürlich bei vielen Aktivitäten gemeinsam mit Jana verbrachte. Die letzten Leistungsprüfungen waren abgeschlossen und Benny wusste, dass sein Zeugnis sehr gut ausfallen würde. Er hatte viel dafür getan, wollte er sich doch auch weiterhin für eine Arbeit im Kurs medizinische Ausbildung empfehlen. Der letzte Schultag stand vor der Tür. Herr Bleichinger betonte noch einmal, wie wichtig das Zeugnis für die Zukunft eines jeden einzelnen sei. So ein Quatsch, dachte Benny, das Abitur gibt es doch erst in drei Jahren und bewerben musste sich auch noch niemand. Draußen war schönes Sommerwetter und er dachte schon an den Baggersee und die schönen Tage dort mit Jana. Sie hatten dort vor ein paar Tagen ein einsames Fleckchen entdeckt. Dann war er auch geistig wieder im Klassenraum. „Ich wünsche Euch erholsame und schöne Ferien und freue mich dann auf Euch zum Beginn des neuen Schuljahres in sechs Wochen.“, waren die letzten Worte des Klassenlehrers. Dann waren auch schon alle dabei, die sieben Sachen zu packen, sich mit den Freunden abzusprechen und binnen kurzer Zeit war der Klassenraum leer. Viele hatten noch einmal einen Urlaub mit ihren Eltern geplant. Nur Benny und Jana nicht. Benny war noch nicht so weit, sich in ein Auto zu setzen, um in den Urlaub zu fahren und so zog er die Entspannung am Baggersee vor. Janas Mutter hatte Jana auch angeboten, ein paar Tage in den Urlaub zu fahren, aber da Jana wusste, dass sie sich das nach dem Neuanfang noch gar nicht leisten konnten, gab vor, in den Ferien mit Bennys Hilfe den Lernstoff einiger Fächer festigen zu wollen. Janas Mutter verstand die wahren Gründe sofort und bestätigte ihre Gründe mit einem leichten Lächeln. Oftmals, wenn Jana und Benny ihre Zeit auch am späten Nachmittag noch am Baggersee verbrachten, stand sie am Fenster, blickte leise weinend in die Weite: „Wie soll das nur weiter gehen?“ Vorsichtig blickte sie sich um, nicht, dass Jana sie gehört hätte. Der Bleichinger konnte einem manchmal so ganz schön auf den Senkel gehen, dachte Benny, in Gedanken gerade beim letzten Schuljahr befindlich, als der auch schon das Klassenzimmer betrat. „Guten Morgen, meine Damen und Herren. Ich freue mich, Sie auch in diesem Schuljahr wieder im Städtischen Gymnasium begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, dass Sie damit einverstanden sind, dass ich Sie auch weiterhin Duzen darf.“ „Kommt gar nicht in Frage, 10. Klasse und wir werden wie Kleinkinder behandelt!“, murmelte es halblaut aus der hinteren Wandreihe. „Schade, aber ich füge mich gern Ihren Wünschen. Ich glaube allerdings, dass wir etwas an der Sitzordnung ändern müssen, da ich die Schüler der hinteren Reihen kaum verstanden habe.“, fügte er ironisch hinzu. Na das fängt ja gut an, dachte Benny und blickte dabei vorwurfsvoll in Richtung des Urhebers dieses unnötigen Einwurfs, denn er wollte auf keinen Fall seinen Platz neben Jana aufgeben. Aber Herr Bleichinger hatte es wohl nicht ganz so ernst gemeint und es blieb erst einmal alles beim Alten. Bis auf die Anforderungen in den normalen Unterrichtsstunden und den Leistungskursen. Hier war schon beim kurzen Überfliegen der Pläne fürs erste Halbjahr klar zu erkennen, wohin die Reise geht. Mehr Arbeit, weniger Freizeit. Ein allgemeines Gemurmel ging durch die Klasse. „Vielen Dank, dass meine Bemühungen, Ihnen einen ausgeglichenen Leistungsplan zu erstellen, durchaus Anklang finden. Keine Angst, das haben schon viele Jahrgänge vor Ihnen gemeistert.“ Diese Bemerkungen des Klassenlehrers mit einem leichten Schmunzeln schockten einige sehr und es war erst einmal ganz leise im Klassenraum. Herr Bleichinger nutzte diese Situation, um einige Unterlagen verteilen zu lassen und ließ sich die weitere Mitarbeit in den Arbeitsgruppen und Kursen von jedem Schüler bestätigen. Und so waren die ersten Stunden mit weiteren organisatorischen Einzelheiten schnell verflogen und der erste Schultag in der 10. Klasse konnte abgehakt werden. Benny verabredete sich noch schnell mit Jana für den frühen Nachmittag und die jungen Erwachsenen trollten sich in gewohnter Manier von dannen. Nur noch einzelne Mädchen und Jungen standen in Gruppen auf dem Schulhof und werteten ihre Ferienerlebnisse in mehr oder weniger lauten Gesprächen und Gelächter aus. Dazu hatten Jana und Benny keine Beiträge und so sahen sie zu, dass sie sich so schnell wie möglich vom Schulhof entfernten. Benny stand in seinem Zimmer vor dem Schrankspiegel und musste feststellen, wie es seine „Mutter“ schon vor einiger Zeit tat, dass er in den vergangenen Monaten stark gewachsen war. Seine Hosen, bis auf die ganz neuen, waren ihm alle zu kurz geworden und er wirkte langsam männlicher. Ein kleiner Schnauzbart war zu erkennen und auch unter dem Kinn zeigten sich die ersten Barthaare. Er achtete jetzt mehr auf sein Äußeres und stellte fest, dass er sich früher nicht so oft seine roten Locken gekämmt hatte. Die Kleidung saß und so packte er schnell noch ein paar Schulsachen und schon war er unterwegs. Er wollte ja schließlich nicht zu spät kommen. Wenn er etwas gar nicht leiden konnte, dann war das Unpünktlichkeit. Schnell noch einmal die Haare ordnen und dann war sein Finger auf dem Klingelknopf. „Ja bitte.“, hörte Benny die Stimme von Jana in der Wechselsprechanlage. „Ich bin´s, Benny“, antwortete er in stark gebückter Stellung vor dem Klingeltableau. „Bitte komm herauf“, hörte er Jana noch und der knarrende Türöffner machte seinen Job. In wenigen Schritten stand er vor Janas Tür, kaum dass sie diese geöffnet hatte. Sie bat ihn hinein und sie begaben sich in Janas Zimmer. „Schön, dass Du gekommen bist.“, empfing sie Benny und zog ihn dabei so dicht an sich heran, dass er ihre festen Brüste spüren konnte und war auch sehr überrascht, dass sie ihn noch fester an sich zog. Sie schauten sich beide verliebt an und nun drückte auch Benny Jana stärker an sich heran. Den nächsten Blick nutzte Jana und drückte seine Lippen auf die Ihren. „Es ist schön mit Dir.“, flüsterte Jana leise. „Mit Dir auch.“, antwortete der konsternierte Benny. Mit einem solchen Empfang hatte er nicht gerechnet. Die weiteren Gespräche und Handlungen wurden dann durch ein Schließgeräusch an der Wohnungstür bestimmt. „Meine Mutter.“, stellte Jana hektisch fest, während diese schon: „Jana, ich bin´s.“, vom Flur her verlauten ließ. „Wir sind hier.“, rief Jana und versuchte verzweifelt ihre Röte im Gesicht zu überspielen. Es klopfte und Janas Mutter öffnete die Tür einen Spalt. „Hallo Benny, wollt ihr beide auch einen Kaffee oder einen Tee?“ Wie aus einem Mund antworteten die Beiden: „Tee, bitte.“ Ihre Mutter schloss leise die Tür und Jana und Benny versuchten mit entspannter Atmung, die Gesichtsröte wieder abzulegen. Leicht verwirrt begannen sie dann, sich mit den aktuellen Schulproblemen zu beschäftigen. Schließlich wollten sie ja sicherstellen, dass sie die gleichen Kurse besuchen und auch die Arbeitsgemeinschaften genau zu ihren Freizeitvorstellungen passten. Nachdem sie ihre Absprachen geregelt und den Tee getrunken hatten stand Benny auf, packte seine Sachen und wollte den Heimweg antreten. Bevor er ihr Zimmer verließ küssten sie sich und Jana flüsterte ihm zu: “Das darf in der Schule niemand wissen, denn dann werden wir garantiert auseinander gesetzt.“ Der Gedanke war für Benny auch unerträglich und so stimmt er ihr auch schnell zu: „Auf keinem Fall.“ Er verabschiedete sich noch freundlich von Janas Mutter, streichelte Jana beim Verlassen der Wohnung noch zärtlich über das Haar und sprang, wie gewohnt, zügig die Treppen hinunter. Auf dem Weg nach Hause versuchte er seine Gedanken zu ordnen. Das musste schnell gehen, wohnte er doch nur fünf Minuten von ihr entfernt. Als er abends endlich ins Bett gehen konnte war er überglücklich. Er wollte doch endlich mit seinen Gedanken an Jana allein sein. Das war ein so schöner Tag. Die nächsten Tage versuchten sie eine Normalität zu entwickeln, zu leben, als ob sie nicht zusammen sind. Erst hierbei merkten sie, dass dies nicht immer ganz so einfach ist. Erst nach ein paar Tagen schien sich dabei eine Art Routine einzustellen. Sie kamen morgens fast immer allein und auch in den Pausen waren sie nicht zusammen, es sei denn, andere Schüler waren dabei. Der Heimweg war dann ebenso solo geplant. Nur manchmal begleitete Benny dabei Jana. Wie auch heute. Jana wollte ihm etwas Neues mitteilen. Den ganzen Tag über war er gespannt, was Jana wohl zu berichten hatte. Endlich war der Unterricht zu Ende. Alle packten ihre Sachen und Benny war erstaunt, wie ruhig Jana dabei war. In der kommenden Woche hat er Geburtstag. Geht es darum? Benny hat Jana, André und ein paar andere Schüler, mit denen sie oft etwas gemeinsam unternommen hatten, dazu eingeladen. Nachdem sie endlich das Schulgebäude verlassen hatten begann Jana in leichter Erregung zu berichten. Es ging um ihre Eltern. Nachdem sie aus der damaligen Wohnung ausgezogen waren hatte ihre Mutter mit Hilfe ihres Onkels alle Unterlagen für eine Scheidung zusammengetragen und diese beim zuständigen Amtsgericht eingereicht. Deshalb hatte ihr Vater sie damals auch gefunden und wollte sie wieder zurückholen. Aber nicht beide sondern nur ihre Mutter. Durch diese Tatsache fiel ihr die Scheidung ihrer Eltern nicht so schwer. Vor ein paar Tagen war Janas Mutter mit ihrem Bruder und einem Anwalt zum Scheidungstermin gefahren. Die Begegnung mit ihrem Vater wurde ihrer Mutter erspart, es war nur ein Anwalt anwesend. Die Ehe wurde nach sehr kurzer Verhandlung geschieden und die Urkunde hatte ihre Mutter gestern erhalten. Jana wirkte glücklich. „Keine Angst mehr, dass er eines Tages wieder auftaucht, denn er hatte in einem anderen Verfahren die Auflage erhalten, die Aufenthaltsorte seine Frau und Tochter in einer so genannten Bannmeile zu meiden.“, flüsterte sie leise zu Benny, als ob es niemand hören sollte. „Und wie geht es Deiner Mutter?“, fragte Benny teilnahmsvoll. „Einerseits ist sie froh, dass es jetzt ein Ende hat und sie redet so auch zu mir. Ich glaube, sie will mir nicht weh tun, ist meines Erachtens einsam.“ Vielleicht weiß sie nicht, wie Du über das Ganze denkst und Du solltest einfach mal mit ihr offen über Deine Gedanken reden.“, erwiderte Benny. Sie standen nun schon seit einigen Minuten vor Janas Haus. Jana blickte sich dreimal um, zog ihn an sich und küsste ihn: „Danke Benny.“ Dann war sie auch schon im Hausflur verschwunden. Benny schlenderte langsam weiter in Richtung seines Zuhauses. Und ich dachte, es geht um meinen Geburtstag, schoss es ihm plötzlich durch den Kopf und er musste lächeln. Anne und Matthias waren noch nicht zu hause und so konnte er in Ruhe den Schultag auswerten, die Sachen für den nächsten Tag zurecht legen und natürlich an die Neuigkeiten von Jana denken. Am nächsten Morgen war er schon lange vor Jana auf dem Schulhof. Er stand ein wenig abseits unter einer großen Linde, die mittlerweile ihr Treffpunkt geworden war. Man konnte von hier die große Eingangstür sowie den Hofeingang sehen, was sich im Laufe der Zeit als äußerst vorteilhaft erwiesen hatte. Dann kam Jana endlich und ihr Gesichtsausdruck war traurig. „Guten Morgen mein Lieber.“, begrüßte sie ihn kühl. „Guten Morgen.“, erwiderte er kurz, um auch gleich seine wichtigste Frage zu stellen: „War es so schlimm?“ „Nein!“, und nun konnte sie ihr Lachen nicht mehr bremsen. Mit einem Leuchten in den Augen erzählte Jana nun, wie ihre Unterhaltung mit ihrer Mutter gelaufen war. Nachdem Jana ihre Gedanken und ihren Standpunkt offenbart hatte, schien ihre Mutter sehr erleichtert zu sein. Wie befreit erzählte sie von einem netten Kollegen, den es in ihrer Firma gibt. Dessen Versuche, sie näher kennenzulernen, habe sie anfangs abgeblockt, da sie nicht wusste, wie ich dazu stehe, aber dann hat sie ihn doch kennengelernt. Sie hatte nun eine Heidenangst, mich zu verletzen. „Du sagst ja gar nichts mehr.“, witzelte Jana zu Benny. „Was soll ich da noch sagen, ich bin froh, dass sich das alles fast von allein geregelt hat.“ „Ich bin aber auch noch nicht am Ende.“, fuhr Jana weiter fort. Benny richtete einen äußerst fragenden Blick auf Jana. „Der Bekannte meiner Mutter würde mich gern kennenlernen.“ „Na ist doch super, oder willst Du nicht?“ „Doch gern, aber er würde gern am nächsten Samstag kommen.“ Für Benny war das wie ein Schlag. Am nächsten Samstag hat er Geburtstag und ohne Jana, er wollte sich das nicht vorstellen. In seinem Schreck wurde er total blass und schweigsam. „Benny, was ist los mit Dir?“, fragte Jana besorgt und erzählte dann leise weiter: „Ich habe meiner Mutter erzählt, dass ich dann bei Dir zum Geburtstag bin und sie hat dann den Bekannten sofort angerufen. Sie haben den Termin einfach auf Sonntag geändert. Benny Du musst einfach geduldiger zuhören.“ Nun mussten beide doch lachen. Mit zufriedenen Gesichtern nahmen sie ihre Rucksäcke auf und machten sich auf den Weg zum Klassenraum. Nach dem durchwachsenen Start ins neue Schuljahr zeigte sich bald die eingespielte Routine. Jana und Benny haben es nicht lange durchgehalten, ihre junge Liebe zu verheimlichen. Eines Morgens beim Treffen vor dem Unterricht waren sie unvorsichtig und so war es auch glatt ein Mitschüler aus derselben Klasse, der den Kuss, den sie sich immer gaben, bevor sie in den Klassenraum gingen, gesehen hat. So wusste es ganz schnell die ganze Klasse und auch Herr Bleichinger. Der hat dann den beiden, anders als so mancher dachte, viel Glück gewünscht und seine Erwartung über die schulischen Leistungen präzisiert. Er erwarte jetzt noch bessere Leistungen von beiden. Dem Schüler, der ihm das mit strahlendem Lächeln gesteckt hatte, empfahl er, sich an den Leistungen von Jana und Benny ein Beispiel zu nehmen und sich lieber nicht im Denunzieren profilieren zu wollen. Benny bemerkte dann nur noch zu Jana: „Routine führt zu Fehlern.“, und sie lachten dann gemeinsam mit der Klasse. Im Laufe des Schuljahres verlief alles andere wie geplant. Sie waren erfolgreich in den Arbeitsgruppen, festigten ihre Leistung in für sie nicht ganz so wichtigen Fächern und verbesserten sich in ihren Leistungskursen. Janas Mutter hatte öfter Besuch oder war mal für ein Wochenende unterwegs. Der Herbst sowie der Winter vergingen und für beide stand ein guter Abschluss des Schuljahres bevor. Für Benny gab es jetzt nur noch einen Höhepunkt. -------------------- 6. Kapitel: Das schicksalhafte Sportfest -------------------- „Auf die Plätze! Fertig! Los!“ Ein lauter Knall hallte über den Sportplatz. Zwei Mädchen und sechs Jungen begannen ihre Runden um den Sportplatz. Vor ihnen lagen, anfeuert durch die oberen Jahrgänge des Gymnasium, von Freunden und Verwandten, 5000 m Aschenbahn. Leider lief Jana nicht mit. Sie hatte im Spätherbst das Training aufgegeben. Ihre Leistungen waren auch nach längerer Trainingszeit weit weg von der vorgegebenen Norm geblieben. Aus Bennys Klasse waren somit nur Mark und er als Starter übrig geblieben. Die Schüler der Parallelklassen forcierten den Lauf von Anfang an. Benny hatte gut trainiert und hielt sich im Hintergrund. Nach mehr als der Hälfte des Laufes hatte sich die Spitze leicht ausgedünnt. Neben Benny und Mark konnte nur noch ein Schüler mithalten. Die Anfeuerungen des Publikums waren laut und das Ziel schon Nahe. Mark fiel langsam zurück. Der Schüler der Parallelklasse war direkt vor ihm. Benny vertraute auf seinen guten Endspurt. In der letzten Kurve sah er eine kleine Lücke, innen vorbei zu laufen. Es waren vielleicht noch 120 m bis zum Ziel. Er setzte an, da machte der Konkurrent mit einem Schlenker nach links, die Seite zu und Benny musste nach links ausweichen. Er trat auf die Kante, knicke weg und fiel laut schreiend zu Boden. Entsetzen bei den Zuschauern. Die AG ‚Rotes Kreuz‘ war sofort zur Hilfe unterwegs. Herr Bleichinger rief einen Krankenwagen. Benny lag auf dem Rücken, sein linkes Bein schmerzte sehr, sein Stöhnen war herzzerreißend. Jana hielt seine Hand und versuchte ihn zu trösten. Endlich kam der Rettungswagen. Der Rettungsarzt gab Benny ein Mittel gegen die Schmerzen und überprüfte seinen Fuß. „Der muss erst einmal geröntgt werden und dann sehen wir weiter.“, stellte er ruhig fest und begann, Benny auf einer Trage zu fixieren. Die Rettungssanitäter schoben ihn langsam in den Rettungswagen. Jana hielt immer noch seine Hand. „Sie dürfen aber nicht mitkommen oder sind sie verwandt mit ihm?“, fragte der Arzt. „Ja.“, war Janas kurze Antwort und sie weinte leise. Die Fahrt zum Krankenhaus war kurz. Jana musste sich nun doch von ihm trennen und Benny wurde in die Notaufnahme geschoben. Nach den ersten Untersuchungen wurde der Fuß geröntgt und dann stand fest, dass er operiert werden muss. Mittlerweile waren auch Anne und Matthias da. Sie bestätigten die Durchführung der OP und nun warteten alle im Warteraum. Stundenlang. Die Zeit schien nicht zu vergehen. Dann kam eine Schwester aus dem OP. „Schwester, wie geht es ihm?“ fragte Jana als erste. „Das sagt ihnen der Arzt gleich, da kommt er ja schon.“, antwortete sie und war auch schon im nächsten Raum verschwunden. „Ihr Sohn hat sich leider ein Kreuzband gerissen, das wir operativ repariert haben. Die Schwellung am verstauchten linken Fuß wird da schneller verheilen. Die nächsten Wochen wird er erst einmal hier bleiben müssen und dann können wir entscheiden, wie es mit Reha und Physiotherapie weiter geht.“, begann der Arzt, die nicht gestellten Fragen zu beantworten. Jana, Anne und Matthias blickten den Arzt fragend an. „Er wird wieder ganz normal laufen können. Ich empfehle allerdings zu überdenken, ob er diesen Sport dann weiterhin betreiben sollte. Er ist jetzt beim Aufwachen, sie können ihn gern besuchen.“ Janas Gesicht erhellte sich zusehends. Die Schwester brachte sie in den Aufwachraum, wo sie den so stark gebeutelten Benny wieder begrüßen konnten. Nachdem er wieder voll da war und seine Umgebung wahrgenommen hatte, kamen auch gleich einige Fragen auf: „Schön, dass Ihr da seid. Was ist mit meinem Bein, werde ich wieder laufen können? Wer hat das Rennen gewonnen?“ So berichte ihm Jana, was der Arzt erklärt hatte und was ihm besonders interessiert hat. Das Rennen: Nachdem der führende Läufer bemerkt hatte, dass Benny gestürzt war hatte er gestoppt und war zu ihm zurückgelaufen, wo sich schon viele um den Verletzten gekümmert hatten. Auch Mark und die anderen Läufer beendeten in der Unglückskurve ihr Rennen. Somit gab es in diesem Jahr keinen Sieger des 5000 m-Laufs. Dies kommentierte Benny in seiner gewohnten konkreten Art mit: „Aha.“ Dann schloss er vor Müdigkeit wieder die Augen. Da Benny die letzten Schulwochen, in denen im Allgemeinen keine neuen Weisheiten an die Schüler übermittelt wurden, im Krankenhaus verbrachte, hatte er auch keine nennenswerten Wissenslücken zu verbuchen. Fast täglich begrüßte er einen Gast, mal einen Klassenkameraden, mal Mitglieder der Arbeitsgemeinschaften und meistens natürlich Jana. Die Ferien begannen und der geplagte Patient sah immer noch kein Licht am Horizont. Seine Geduld war schon längst am Ende. Bei jeder Visite erhoffte er den entscheidenden Hinweis vom Arzt, dass er zur Reha kann. Mitte Juli, wo seine Klassenkameraden schon längst ihre Zeit am Baggersee verbrachten, war es dann endlich so weit. „Wir werden Sie morgen wie verabredet zur Reha fahren, wo Sie drei Wochen große Unterstützung beim Laufen lernen haben.“ Benny lächelte, wie lange nicht mehr. Nur Jana hatte kein glückliches Gesicht, sollte sie ihren geliebten Benny nun doch drei Wochen nicht sehen können, da sich die Reha nicht in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses befand. So begannen drei lange Wochen, geprägt von vielen Telefonaten mit lustigen und traurigen Inhalten. In mühsamer Arbeit und mit besonders starkem Willen hatte Benny es gelernt, sich Schritt für Schritt einen normalen Gang anzutrainieren, aber richtig gut konnte er noch nicht laufen. Die Geduld schien ihm auszugehen. Hoffnungsschimmer war ihm nur, dass er bald nach Hause durfte, wo ihm dort mithilfe eines Physiotherapeuten der letzte „Fußschliff“ gegeben werden sollte. Zur bald beginnenden Schule durfte er noch nicht. Um den Unterrichtsausfall der ersten Wochen in der 11. Klasse auszugleichen hatten seine „Eltern“ mit Herrn Bleichinger besprochen, dass Jana ihm die Aufgaben nach Hause bringen sollte, sodass er sich selbständig die Themen erarbeiten konnte. Das Schönste an diesem Vorschlag für Benny war natürlich, dass er jeden Tag Besuch von Jana bekam. Heute sollte nun der erste Tag sein, an dem Jana die Schulaufgaben bringt und Informationen, wie sie gemeinsam die besonders vor Benny liegenden Aufgaben lösen soll. Voller Sehnsucht liegt er auf der Couch und wartet auf den Schulschluss und, dass Jana an der Tür klingelt. Wie oft hat er in den vergangenen Monaten darauf gewartet und heute scheint die Zeit zu schleichen. Laut wie noch nie schrillt die Türklingel. Benny versucht schnell zur Tür zu gehen, aber seine Beine zwingen ihn zur Gelassenheit. Endlich an der Wechselsprechanlage drückt er die Taste und ruft deutlich: „Kastner.“ Eine schüchterne Stimme antwortet leise: „Benny, bist Du das? Hier ist Jana.“ „Aber ja, komm hoch.“ Und da summt auch schon der Türöffner. Sie geht die Treppe langsam hinauf und dann steht Benny auch schon in der geöffneten Tür. Jana geht ohne ein Wort in die Wohnung, stellt ihre Tasche zur Seite und nimmt Benny mit dem Wort: „Endlich.“, ganz fest in die Arme. Sie wollen sich gar nicht mehr loslassen. Sie spüren ihren heißen Atem und ihre Hände beginnen, sich überall lieb zu streicheln. Das hatten sie schon oft gemacht, wenn sie am Baggersee oder mal allein in ihren Zimmern waren, aber so intensiv hatten sie das Bedürfnis noch nie. Seine Hände suchten den Weg unter ihr Shirt, als ob sie das täglich tun. Sie drückte ihn fest an sich und genoss seine zärtlichen Hände. „Komm, meine Eltern kommen erst viel später.“, flüstert Benny und sie setzen sich auf seinen Bettrand. Schnell entledigen sie sich ihrer Kleidung und schlüpfen unter seine Bettdecke. Seine Hände liebkosen ihre Brüste und langsam spürte sie seine zärtlichen Hände auch auf ihrem Bauch. So weit waren sie bei ihren Liebkosungen noch nie gegangen. Auch ihre Hände hatten ihr Ziel erreicht und Benny wurde nervös. „Meinst Du, wir sollten?“, flüsterte er. „Aber ja, ich möchte es, ich habe auch vorgesorgt. Da Du ja keine Gelegenheit hattest, habe ich noch etwas mitgebracht.“ Sie dreht sich zur Seite und holt aus ihrer Handtasche eine kleine Verpackung. Nun ist auch Benny wieder beruhigt und so spüren sie die ganze Innigkeit ihrer Liebe. Endlich können sie ihre lange Sehnsucht nach Sex erfüllen. Und erst, als sie beide erschöpft sind, liegen sie tief atmend nebeneinander und genießen ihre gemeinsame Zeit. „Nun sollten wir uns aber schnell frisch machen, meine Eltern kommen bald.“, findet Benny als erster zur Sprache zurück. Sie begeben sich schnell nacheinander ins Bad und stellen im Zimmer wieder Normalität her. Dann setzen sie sich an Bennys Schreibtisch und beginnen, die Schulaufgaben zu besprechen. Dabei sehen sie sich immer wieder lächelnd an und küssen sich gelegentlich. Als die Wohnungstür zu hören ist und seine Eltern nach Hause kommen, haben beide nicht mehr das Gefühl, zu erröten. Ihnen kommt es so vor, als seien sie in so kurzer Zeit reifer geworden. Es klopft an die Tür und Anne steckt nach dem „Herein“ von Benny vorsichtig ihren Kopf ins Zimmer: „Hallo Ihr beiden. Habt ihr die Aufgaben schon besprochen? Dann können wir ja Kaffee trinken. Wir haben auch Kuchen mitgebracht.“ Benny antwortet, wobei er Jana ansieht: „Die Aufgaben sind fertig, aber wir trinken lieber Tee.“ Kurze Zeit später sitzen alle im Wohnzimmer und besprechen die nächsten Wochen, besonders, weil Anne befürchtet, dass es Jana zu viel werden könnte, die Mittelsperson zur Schule zu sein. Jana kann darauf nur noch erwidern: „Aber das mache ich doch gerne.“ In den darauf folgenden Wochen lief alles wie gedacht ab. Benny hatte vormittags seine Termine mit einem Physiotherapeuten und nach dem Unterricht kam Jana mit den neuesten Informationen und Aufgaben aus der Schule. Beides festigte ihre Beziehung und half ihnen beiden, ihre schulischen Leistungen zu steigern und sich unabhängig von den Aufwänden nach dem Unfall gut auf die Zwischenprüfungen vorzubereiten. Dann war es endlich so weit. Benny war wieder genesen und so durfte er dann auch endlich wieder den regulären Unterricht besuchen, konnte so sein Ziel wieder vor Augen sehen. Bei den anstehenden Kursvergleichen konnte er sich endlich seines reellen Leistungsstandes vergewissern und war mit dem auch durchaus zufrieden. Seine Arbeit in den Arbeitsgemeinschaften, natürlich mit Ausnahme der Leichtathletik, sowie die anspruchsvollen Leistungskurse konnte er endlich wieder aufnehmen. Nach seinem Unfall hatte sich so einiges geändert. So holte er Jana immer von Zuhause ab und sie gingen gemeinsam zum Unterricht. Ihr tägliches Treffen unter der großen Linde auf dem Schulhof konnte ja weggelassen werden, da sowieso jeder Bescheid wusste. Jana und besonders Benny genossen diesen Zustand. Sie waren rundum glücklich und jeder merkte es ihnen an. -------------------- 7. Kapitel: Familienleben -------------------- Es ist Freitagabend, Benny sitzt auf einer Bank auf dem Marktplatz und versucht, Jana am Handy zu erreichen. Es ist ständig besetzt. So wird er langsam unruhig. Sie wollen am Abend ins Kino gehen und haben sich noch nicht genau verabredet. Endlich kam er durch: „Hallo Jana, mit wem redest du denn so lange? Ich habe mir schon Sorgen gemacht. Treffen wir uns denn nun, oder ist etwas dazwischen gekommen?“ Diese Frage hätte er wohl lieber nicht stellen sollen, denn Jana antwortet freundlich wie immer: „Tut mir leid, es ist etwas dazwischen gekommen und es wäre schön, wenn wir den Kinoabend auf morgen verschieben könnten.“ „Hat das etwas mit deinem Telefonat von eben zu tun?“, fragt Benny unruhig. „Ja, wir können morgen darüber reden. Es ist alles gut, ich liebe Dich“, erwidert Jana und redet weiter: „Ich muss jetzt Schluss machen, sei nicht böse, bis morgen.“ Benny kann nur noch kurz: „Bis morgen“, antworten, da hat Jana auch schon das Gespräch beendet. Das gab es noch nie. Benny ist total verwirrt. Er steht langsam auf und schlendert nachdenklich über den noch gut besuchten Marktplatz. Das weiterhin gute Wetter lockt viele jüngere wie auch ältere Leute in die Straßencafés. Hier saßen sie auch oft bei einem kühlen Getränk oder einem Glas Wein und plauderten mit Mitschülern oder auch Studenten. Danach ist ihm nun nicht. Langsam geht er zur Bushaltestelle, zum Laufen hat er keine Lust , Jana ist ja auch nicht bei ihm. Als der Bus dann kommt, lässt er ihn doch weiter fahren und geht nachdenklich weiter. Nach einer knappen halben Stunde steht er an der heimischen Haustür. So lange hat er noch nie für diese kurze Strecke benötigt. Er schließt die Tür auf und geht langsam die Treppe hinauf. Missgelaunt dreht er den Wohnungsschlüssel im Schloss und betritt die Wohnung. „Hallo Benny, ist der Film im Kino so kurz gewesen?“, begrüßt ihn Anne, die gerade etwas aus der Küche holen will. „Ist ausgefallen.“, murrt Benny zurück und verschwindet in seinem Zimmer. Das Jana keine Zeit für ihn hat lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er nimmt sich sein Telefon und ruft Jana auf dem Festnetz an. Vielleicht hat ja Janas Mutter eine Erklärung? Der Ruf geht raus und nach kurzer Zeit hört Benny eine unbekannte Männerstimme: „Sonntag bei Eger, guten Abend.“ Vollkommen verunsichert flüstert Benny in sein Telefon: „Hier ist Benny, ich hätte gern Jana gesprochen.“ Und während er spricht, bemerkt er erst, dass er diese Stimme am anderen Ende der Leitung nicht kennt. “Hallo Benny, entschuldige bitte, wir kennen uns noch nicht. Jana ist zurzeit mit ihrer Mutter noch unterwegs. Sie müssen aber bald hier sein.“ Nun ist Benny noch mehr durcheinander. Aber bevor er seine nächste Frage loswerden kann wird er auch schon eingeladen, vorbeizukommen. “Wir müssen noch einiges in der Wohnung umstellen, und da könntest Du uns gern helfen.“ „Und wer sind Sie?“, fragt Benny unsicher und am anderen Leitungsende hört er ein kurzes Lachen. „Ich bin Torsten, der neue Partner von Janas Mutter und wir haben uns kurz entschlossen, dass ich heute schon hier mit einziehe.“ „Bin gleich da.“, antwortet Benny kurz und ist schon fast an der Tür. „Gehe noch schnell zu Jana, kann später werden“, ruft er noch schnell seinen Eltern zu und springt die Stufen im Treppenhaus mit größeren Sätzen als sonst hinab. Deshalb hat sie kurzfristig abgesagt, kommt es ihm durch den Kopf und er muss lächeln. Sie hätte aber auch etwas sagen können. „Sonntag.“, knarrte es aus der Wechselsprechanlage. So schnell hatte Benny lange nicht mehr die kurze Entfernung zu Jana zurückgelegt: „Hier ist Benny“, schnaufte er in die Anlage und wartete angespannt auf den Ton des Türöffners. „Du bist aber schnell“, hörte er noch und dann sprang die Tür auf. Die Wohnungstür stand schon offen und ein großer kurzhaariger Mann mit freundlichem Lächeln erwartete ihn: „Ich bin Torsten, herzlich willkommen auch in meinem Heim“, scherzte er und Benny schlüpfte in die Wohnung. Nun erfuhr er von Torsten, wie sich das alles so ergeben hatte, dass der Umzug so kurzfristig sein musste. Torsten tritt in zwei Tagen eine Dienstreise an und in diese Zeit würde der Termin fallen, an dem er seine Wohnung räumen müsste. So hatten sie sich für diesen Schritt entschieden, was neben Jana natürlich besonders Sandra, der Mutter Janas recht war. Nebenbei freute er sich natürlich darauf, seine Jana gleich in die Arme schließen zu dürfen. Das Schloss der Wohnungstür war zu hören, die ahnungslosen Frauen gingen in die Küche und erzählten laut, was sie auf dem Rückweg vom Discounter von der italienischen Pizzeria mitgebracht haben. Sie räumten die leckeren Pizzen und den Salat in der Küche auf den Tisch und staunten nicht schlecht, dass nun ein vierter Helfer im umgeräumten Schlafzimmer von Sandra und Torsten stand. Jana brachte einen hellen Schrei: „Benny!“, hervor und hing auch schon an seinem Hals. Nachdem sich alle begrüßt hatten, kamen sie in der Küche zusammen, um das schnell besorgte Abendbrot zu genießen und dabei die weiteren Arbeiten des Umzugs zu besprechen. Dabei sehen sich Jana und Benny immer wieder verliebt an und Benny kann sich nicht bremsen, ihr leise ins Ohr zu flüstern: „Die nächste Wohnung, die wir einrichten oder umräumen ist unsere.“ Jana nickt unschlüssig und küsst ihn vorsichtig auf die Wange. Der Abend ist noch lang, da alles für den Sonnabend vorbereitet sein muss, wenn Torstens Möbel geliefert werden. Sandra schlägt vor, dass Benny doch über Nacht bleiben könnte und ruft nach einer schnellen nickenden Zusage bei Anne an. Bennys Eltern haben nichts dagegen und so wird schnell noch ein Bett auf der kleinen Couch in Janas Zimmer für Benny gerichtet. Die jungen Leute sind die schwere Arbeite nicht gewöhnt und sind demzufolge beim Zubettgehen die Ersten. Schnell noch ins Bad und dann ist es auch schon ruhig in Janas Zimmer. Die Zwei schlafen schnell ein. Die Couch für Benny ist auch am nächsten Morgen noch unbenutzt. Benny sieht neben sich und schaut in die schlafenden, geschlossenen Augen von Jana. Er küsst sie vorsichtig und geht ins Bad. Janas Mutter ist schon lange auf den Beinen, bereitet das Frühstück für drei, denn Torsten ist schon früh in seine alte Wohnung unterwegs, wo die Leute der Umzugsspedition auf ihn warten. „Habt Ihr gut geschlafen?“, begrüßt sie Benny und bemerkt gleich noch, dass ihm auf der Couch doch der Rücken weh tun müsste. „War sehr müde und habe dann aber doch bei Jana geschlafen“, erwidert Benny lächelnd und nun lächelt Sandra auch. Beim Frühstück erfährt Benny noch die letzten Informationen zum eiligen Umzug und besonders Janas Mutter sieht man an, dass sie mit der Wohnungslösung sehr zufrieden ist. „Jetzt können wir ganz normal leben und Ihr könnt Euch auf Euer ABI konzentrieren“, bemerkt sie ironisch, worauf den beiden Turteltauben keine passende Antwort einfällt. Schon bald klingelte es an der Tür. „Nanu, Torsten hat doch einen Schlüssel“, reagiert Sandra überrascht und ging zur Wohnungstür. „Eger, hallo.“ Aus der Wechselsprechanlage tönt undeutlich: „Familie Schröder, stören wir?“ „Aber nein, kommen Sie doch hoch.“, antwortet Sandra und drückt auf den Türöffner. „Wir erhalten jetzt ganz überraschenden Besuch.“, berichtet sie in der Küche. Die Zwei sehen sich fragend an. Als es zum zweiten Mal klingelt, geht Sandra zur Wohnungstür und schließt hinter sich die Küchentür. Nun hören die jungen Leute nur noch allgemeines Gemurmel. Nach der Begrüßung stehen dann Janas Mutter und die Schröders in der Tür. „Ihr?“, sieht Benny fragend seine Eltern an. „Ja wir, nachdem es so wichtig war, dass Du über Nacht wegbleibst, haben wir uns entschlossen, am Morgen ein kurzes Treffen zum Kennenlernen durchzuführen und Frau Eger hat auf unsere Frage heute Morgen sofort zugestimmt.“ Die Erwachsenen sind über diese gelungene Überraschung zufrieden und dann setzen sich alle, so weit die Sitzgelegenheiten reichen, ins Wohnzimmer und Sandra und die Schröders beginnen, nachdem sie sich auf ein “Du“ geeinigt haben, eine lebhafte Unterhaltung. Nur noch kurze Zeit, dann wird Torsten mit der Spedition zurückerwartet. Das sich die Zwei unbemerkt in Janas Zimmer zurückgezogen haben, ist dabei kaum aufgefallen. „Jetzt wird alles gut“, flüstert ihm Jana leise ins Ohr. Dann kommt Torsten. Gemeinsam packen alle mit an, die Möbel und Kisten in der Wohnung zu tragen und zu verstauen. Die Eltern der Beiden sitzen anschließend noch lange beisammen und einigen sich darauf, sich in Zukunft öfter mal zu treffen. Jana und Benny sind über diese Entwicklung sehr zufrieden und sitzen in Janas Zimmer Hände haltend auf der Couch und sehen sich strahlend an. -------------------- 8. Kapitel: Klausuren -------------------- Es ist Ende März und die letzten Klausuren der 11. Klasse stehen vor der Tür. Jana und Benny haben an den vergangenen Tagen oft noch abends lange gesessen und gemeinsam gelernt. Beide haben ein gutes Gefühl und so gehen sie heute noch ein wenig in den Straßen spazieren. Sie haben oft über Ihre Zeit nach dem Abitur debattiert und nun haben sie sich über den weiteren Lebensweg einen Fahrplan erstellt. Vorausgesetzt, dass sie die Schulabschlüsse wie erwartet erringen werden, wovon natürlich beide ausgehen, werden sie ein Studium der Medizin anstreben. Entsprechende Anträge haben sie schon in ihren Schubladen. Wenn ihre Anträge auf Bafög positiv entschieden werden, könnten sie sogar eine gemeinsame Wohnung in der Nähe der Uni anstreben. Aber so weit ist es ja noch lange nicht. Heute genießen sie erst einmal den schönen Abend. Ernst wird es erst in zwei Tagen. Während Bennys Selbstvertrauen kaum zu erschüttern ist, sieht das bei Jana anders aus. Sie schlägt sich seit Wochen mit den Gedanken herum, dass sie den Aufgaben eines Arztes nicht gewachsen sein könnte. „Guten Morgen, meine Damen und Herren.“ begrüßt sie Herr Bleichinger. “Wir haben uns in den vergangenen Wochen umfangreich auf den heutigen Tag vorbereitet. Jeder sollte gut gerüstet sein, die vor Ihnen stehenden Aufgaben lösen zu können. Und nun; bitte nur die erlaubten Hilfsmittel auf den Tischen platzieren. Alles andere hat ab sofort in der Versenkung zu verschwinden. Ich werde Ihnen jetzt die Aufgaben für die Klausur austeilen und dann haben Sie vier Stunden Zeit für die Beantwortung der Aufgaben. Bei Betrugsversuch kann ich Ihnen schon heute zusagen, dass es sehr schwer wird das Abitur zu erreichen. Aber das wissen Sie ja schon. Ich habe vollstes Vertrauen in Ihre Kenntnisse.“ Das war genau der Einstieg, den Jana befürchtet hat. Benny nickt ihr zu, als wolle er sagen: „Du schaffst das schon.“ Dann wird es leise im Raum und die Schüler versuchen sich auf die Aufgaben zu konzentrieren. Der eine oder andere beginnt, sich der Beantwortung der Fragen zu widmen. Benny beginnt die Aufgaben nach der Lösbarkeit aus seiner Sicht zu beantworten. Erst die Leichten, dann die Anderen, so hat er das immer gehalten. Ein kurzer Blick zu Jana verrät ihm, dass sie noch unschlüssig ist. Aber warum nur, mit diesen, in den Aufgaben gestellten Themen haben sie doch oft genug geübt? Benny versucht, sich wieder auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Eine Lösung nach der anderen wird in den Unterlagen eingetragen. Nach fast zwei Stunden kommt er dazu, sich in einer Denkpause zu besinnen. Dieser zweite Blick zu Jana beruhigt ihn. Sie scheint voll konzentriert die Lösungen der Aufgaben gefunden zu haben. Erleichtert atmet er auf und stürzt sich wieder in seine Klausur. Eine halbe Stunde vor dem Ablauf der vorgegebenen Prüfungszeit gibt Herr Bleichinger einen Hinweis, sich auf den baldigen Abschluss der Arbeiten einzustellen. Benny ist eigentlich so weit und genießt noch ein wenig die Atmosphäre, er will ja auch niemanden stören. Jana schreibt hastig ihre letzten Sätze und schaut immer noch nervös zu ihrer Uhr. Dann ist es so weit. Drei Schüler der letzten Reihen sammeln die Arbeiten ein und legen sie beim Klassenlehrer auf den Tisch. Ein lautes Gemurmel setzt ein und so kommt nur noch der offizielle Satz: „Feierabend für heute. Kommen Sie gut nach Hause!“ Jana und Benny packen ihre Sachen ein und gehen ohne jedes Wort in Richtung Ausgang. Erst als sie die Straße erreicht haben fasst sich Benny ein Herz und fragt: „Na, wie war es?“ Jana zweifelt immer noch an ihrer Leistung bei der Klausur und bringt ein hoffnungsloses: „Ich weiß es nicht.“ Im Wirrwarr der Gedanken gehen sie Hand in Hand in Richtung Janas Zuhause. Bei ihr angekommen verabschieden sie sich kurz und Benny läuft weiter mit gesenktem Kopf bis auch sein Weg endet. Da seine Eltern erst spät nach Hause gekommen waren, hatten sie keine Möglichkeit sich über den Verlauf der Klausur mit Benny auszutauschen. Am Frühstückstisch folgten dann natürlich die Fragen und Benny konnte weitgehend optimistisch antworten: „Ich denke, es ist gut gelaufen, aber“, jetzt stockte er kurz: „Jana war nicht so erbaut und wir konnten gestern nicht einschätzen, wie es bei ihr gelaufen ist.“ Diese Ungewissheit setzte sich in den nächsten Tagen weiter fort. Die Klausurergebnisse lagen noch nicht vor und Jana wurde von Tag zu Tag unruhiger. In der dritten Woche war es dann endlich so weit. Die Spanne der Ergebnisse war groß. Herr Bleichinger hatte es spannend gemacht und bei den Besten begonnen. Benny war unter ihnen und sichtlich zufrieden. Gleich danach in der zweitbesten Gruppe war dann auch Jana. Ihre Leistungen waren gut und jetzt wunderte sich Benny noch mehr darüber, dass sie sich selbst nicht gut einschätzen konnte. „Meine Klausurergebnisse sind gut, aber ich habe bei der Arbeit bemerkt, wie schwer es mir fällt, Entscheidungen zu treffen.“, erklärte Jana und fügte hinzu: „Ich werde das Ganze wohl in Ruhe auswerten müssen und dann meine Schlüsse ziehen.“ Was das heißen sollte, konnte Benny nicht ganz verstehen und stand so vor den nächsten Fragen. Das Schuljahr schleppt sich dahin und vier Wochen nach der ominösen Klausur sind Jana und Benny wie so oft auf dem Weg zur Schule. Heute wirkt sie viel gelassener als in den vergangenen Tagen, denkt Benny gerade als ihn Jana anspricht: „Benny, ich bin jetzt mit meinen Überlegungen so weit. Ich habe mich entschieden.“ „Wie entschieden?“ „Du weißt doch, dass ich meine Zweifel an mir nach der Klausur hatte. Deshalb werde ich mein Ziel, Medizin zu studieren, aufgeben und stattdessen das Examen als Krankenschwester anstreben.“ „Aber wir wollten doch gemeinsam studieren und unser Leben als Mediziner bestreiten?“ „Wir können doch auch so zusammen leben. Und ich erwarte von dir, dass Du an deinen Zielen festhältst!“ Sie stehen jetzt vor der Schule. Jana hat ein genaues Bild von der gemeinsamen Zukunft, aber Benny muss das gerade Gehörte erst verarbeiten und ist ruhig geworden. “Komm, alles wird gut. Lass uns heute den Bleichinger mal ärgern“, scherzt Jana und lächelt dabei so, dass sich Benny diesem Lächeln nicht entziehen konnte. Mit diesen Entscheidungen gingen Jana und Benny nun in die letzten Wochen des Schuljahres und irgendwie hatte sie eine positive Wirkung auf ihr Leben. Beide waren entspannt und blickten mit Zuversicht auf das Abschlussjahr. Vorher gab es aber noch die Ferien, die nach dem Willen der beiden Turteltauben etwas Besonderes werden sollten. Nicht wieder nur Baggersee war ihre Devise, aber so richtig hatten sie keine genauen Vorstellungen über ihre Feriengestaltung. In diese Planung des Sommers ging bei Benny ein überraschender Anruf ein. Es war André, der mit seiner Freundin eine Campingtour mit einem alten Transporter und Zeltausrüstung entlang der Nord- und Ostseeküste plante. Da André schon Anfang Juni seinen 18. Geburtstag feiern wird und seine Eltern ihm den Führerschein finanziert hatten, könnte er sich den umgebauten Transporter bei einem Arbeitskollegen seines Vaters ausleihen und so ist dann die Idee entstanden. "Ich wusste gar nicht, dass Du eine Freundin hast." „Du hast ja auch in letzter Zeit selten meine Nähe gesucht", scherzte André und erzählte von seiner tollen Freundin. Er lernte sie kennen, als es ihm nicht so gut ging. Die Freundschaft mit Benny befand sich an einem Tiefpunkt und so war er öfter zum Entspannen allein im Stadtpark. Dort sah er sie dann, ein kleines unscheinbarer Mädchen mit kurzem, dunkelblondem Haar, einem lieblichen Gesicht und einer wohl geformten Figur. Ihr T-Shirt betonte die nicht zu klein geratenen Brüste und auf den Lippen war ein leichtes Lächeln zu entdecken. Sie kamen ins Gespräch, trafen sich öfter, dann täglich und es war schnell zu erkennen, dass sie mehr für einander empfanden als Freundschaft. Und so haben sie ähnlich wie Jana und Benny schnell beschlossen, einen gemeinsamen Lebensweg zu beginnen. Nachdem er nun auch ein wenig von Maria gewusst hatte, fand Benny die Idee sehr gut und wollte es natürlich erst mit Jana besprechen. Also setzte er sich aufs Rad und fuhr sofort zu ihr nach Hause. Sie war nicht schlecht überrascht, als er ihr die Reiseplanungen offenbarte. „Wer ist denn Maria? Ich hätte sie gern vorher noch kennengelernt. Aber ich kann doch sowieso nicht. Das solltest Du wissen.“ „Warum nicht?“ „Ich werde nie wieder in die Nähe der Nordseeküste fahren. Hast Du schon vergessen, dass ich in der Nähe von Leer gewohnt habe?“ Erst jetzt fiel bei Benny der Groschen. „Es tut mir leid, wir könnten doch die Reise nur zur Ostsee planen und wir werden auch schnell dafür sorgen, dass Du Maria kennen lernst. Ich kenne sie doch auch noch nicht.“ „Ich muss noch mal darüber nachdenken. Ich sage Dir morgen früh Bescheid.“ Benny küsste Jana zärtlich auf ihren süßen Mund und ging ruhig zur Tür. „Ich liebe Dich.“ Langsam schloss Benny die Tür und ging die Stufen hinunter. Die Tür öffnete sich noch einmal und Jana rief ihm hinterher: „Ich Dich doch auch.“ Er blickte sich um und sah in Ihre schönen, wenn auch feuchten Augen. Mit schnellen Schritten stieg er die Stufen wieder hinauf, drückte sie zärtlich an sich und küsste sie lange auf den Mund. „Sag André, dass wir uns auf schöne gemeinsame Ferientage an der Ostsee freuen“, flüsterte sie ihm ins Ohr. -------------------- 9. Kapitel: Schulferien -------------------- „Hast Du auch nichts vergessen?“ In Gedanken ging Benny noch einmal alles durch. Taschenlampe, Schlafsäcke, Zelte, Batterien, Speisen, Getränke, Literatur, Badebekleidung, Handtücher, Waschutensilien,... „Das werden wir spätestens am nächsten Morgen auf dem Campingplatz Neustadt bei Timmendorfer Strand bemerken“, scherzte er und half André weiter beim Verstauen der vielen Taschen. Jana und Maria waren in der Küche noch damit beschäftigt, entsprechenden Reiseproviant zusammenzustellen. Nach einer kurzen Diskussion hatten sie sich in den letzten Tagen geeinigt, an einem Tag zur Küste zu fahren. Das Wetter war schon vielversprechend und der Transporter hatte keine Klimaanlage. So freuten sich alle auf den ersten Sprung ins kühle Ostseewasser. Aber so weit war es noch lange nicht. Die Sonne hatte sich gerade entschieden, aufzustehen. Eigentlich wollten sie beim ersten Hahnenschrei schon unterwegs sein, aber sie mussten feststellen, dass ihre gemeinsame Organisationsfähigkeit einige Reserven hatte. Dann war es endlich so weit. Die Kühltasche war gefüllt und verstaut. Ein letzter Blick von André und Benny in den hinteren Teil des „Ferienmobils“ und gut gelaunt nahmen alle ihre Plätze ein. „Wir wünschen Euch eine schöne Zeit. Fahrt vorsichtig und meldet Euch, wenn Ihr angekommen seid!“, sind die besorgten Worte von Anne. Sie macht sich natürlich Sorgen und muss an die Tour in den Allgäu denken. „Aber ja doch. Wir sind doch vorsichtig.“ rufen die Vier zurück und Beifahrer Benny wurde ruhig auf seinem Sitz. Die erste halbe Stunde bewegten ihn die Erinnerungen. Dann wurde die Stimmung langsam besser, Jana und Maria entpuppten sich teilweise als talentierte Stimmungsmacher und so wurde es das, was es auch sein sollte. Eine schöne Fahrt bei guter Stimmung in die Ferien. Nach einer ausgiebigen Pause in Sichtnähe des Harz´ging die Fahrt zielstrebig in Richtung Ostsee weiter. Die Sonne war schon längst in Höchstform und die Urlauber konnten es kaum noch erwarten, ihre klebrigen Körper in der Ostsee abzukühlen. Nur noch wenige Kilometer bis Timmendorfer Strand war den Verkehrsschildern zu entnehmen. Benny blickte ständig auf die Uhr, in Sorge, dass sie den Campingplatz nicht mehr vor der Mittagspause erreichen, denn dann war der Platz bis 15:00 Uhr geschlossen. Ein großes Schild mit vielen Strandszenen luden die Urlauber ein, den Campingplatz „Neustadt“ zu besuchen. Da war er dann. Der Parkplatz vor der Einfahrt in den Campingplatz hatte für ihr altes Gefährt noch genügend Platz. Während sich André und Benny schnell in die Anmeldung begaben, um sich für die nächsten Tage anzumelden, hatten die beiden Frauen schon ihre Füße im Wasser. Aber nur kurz, denn dann riefen die Männer schon nach ihnen und es ging weiter in Richtung Stellplatz. Der zugewiesene Zeltplatz für zwei Zelte und einen Stellplatz für den Transporter in unmittelbarer Nähe befand sich nur etwa 100 m vom Strand entfernt. Das Auto war gerade abgestellt, da liefen sie auch schon zum Meer. Schnell hatten sie sich ihrer durchgeschwitzten Sachen entledigt und stürmten lärmend in die Fluten. Der Badespaß war nur kurz. Erst gestikulierend und dann mit klaren Worten wurden Sie von einem Camper darauf hingewiesen, dass sich der FKK-Strand 300 m weiter westlich befindet und auch gut ausgeschildert ist. Er hatte sich wohl um die gute Erziehung seiner Kinder Sorgen gemacht. Die Nacktbader nahmen die Kritik lächelnd an und zogen sich, bewusst ihre schönen nackten Körper präsentierend, langsam die wenigen Meter zu ihren Kleidungsstücken zurück. Für die erste Abkühlung hatte es ja auch gereicht. In der Mittagspause nutzten sie die Zeit, die weiteren Vorhaben zu planen. Die gemeinsamen Entscheidungen zwischen Kultur- und Badeurlaub zu treffen war nicht immer einfach. Schließlich hatten sie aber doch einen guten Plan für die nächsten Tage beschlossen und auch, wohin die Reise anschließend gehen wird. Sie gingen davon aus, dass sie schon einen Platz auf dem ausgewählten Campingplatz erhalten werden. Nun konnten sie sich aber bei bestem Wetter erst einmal ein paar Minuten auf den Campingstühlen rekeln, bevor es daran ging, die Zelte aufzustellen. Einen Profi, der schon mehrere Zelte ohne Schaden aufgebaut hat, hatten sie ja mit André dabei, ohne zu ahnen, dass er aber immer nur Helfer seines Vaters war. Seine Helfer waren jedenfalls der Meinung, dass das ja nicht so schwer sein kann und sie sehr lernfähig seien. Ihre Vorstellungen waren aber nicht ganz so einfach zu realisieren. Die Zeltstangen im richtigen Moment zusammen zustecken und dann in den Zeltösen richtig zu platzieren war nicht ganz so einfach und so mussten die heute festgestellten Campingamateure mehrmals einen Teil ihrer stolzen Arbeit wieder abbauen und neue Ideen entwickeln. Die Zeit verging und sie hatten noch nicht einmal ein Zelt aufgebaut. Das musste ein Nachbar mit interessierten Blicken schon länger verfolgt haben. Er sprach die „Profis“ an , ob er behilflich sein konnte. Es war der Camper, der sie heute Mittag am Strand auf den FKK aufmerksam gemacht hatte. „Aber gern, ich spendiere auch gleich einen kühlen Trunk“, nahm André das Angebot an und reichte dem wirklichen Helfer ein Bier. „Danke, das lasse ich mir für nachher“, erwiderte er und packte auch schon bei den Zeltstangen an. Von nun an waren schnell Teilerfolge zu sehen. Eine halbe Stunde später stand das erste Zelt und auch das Zweite war recht bald aufgestellt. Während die Frauen beim Einräumen der notwendigen Schlafsäcke, Kissen und Decken waren, wurden sie alle durch den freundlichen Helfer zum abendlichen Grillen eingeladen. Die vier Camper hatten ihre Kenntnisse beim Zeltaufbau erweitert und waren nun baff. Gern nahmen sie die Einladung an und sicherten noch zu, ein paar Bier mitzubringen. Eine knappe Stunde später machten sie sich mit dem versprochenen süddeutschem Bier auf den kurzen Weg zum Nachbarn. Sie wurden freundlich von der Hausherrin begrüßt und vom Grill her waren auch schon angenehme Gerüche zu vernehmen. Nicht schlecht haben sie gestaunt, als sie erfuhren, dass ihre Gastgeber, entgegen der Vermutung vom Strand, keine Kinder haben. So entschuldigten sie sich noch einmal für die Aktion am Strand und dann nahmen sie an einem großen Campingtisch platz und stellten sich erst einmal richtig vor. Ihre Gastgeber kamen aus Hessen und genießen hier jedes Jahr ihren Urlaub. „Warum wechselt ihr die Campingplätze nicht? So kann man doch viel mehr kennenlernen.“; möchte Jana wissen. „Nun, wir sind beruflich viel unterwegs als Berater für Technologien in der Energiewirtschaft und deshalb sind wir im Urlaub lieber an einem Ort und ohne Fernsehen und Handy.“ „Ok, dann kann ich das gut verstehen“, antwortet Jana und so kommt die Grillrunde auch schnell wieder zur Gemütlichkeit zurück. Dann wurden Grillwürste, Steaks und Getränke genossen und es wurde ein unterhaltsamer Abend. Erst spät abends brechen die Vier in ihr neues Zuhause auf. „Vielen Dank, es war ein schöner Abend“, bedankt sich Benny im Namen der Schwaben. „Aber gern doch, hat uns auch viel Spaß gemacht. Schöne Urlaubstage in Neustadt und auch in euren nächsten Urlaubsorten.“ „Wir danken euch und wünschen auch noch schöne Urlaubstage.“ Kurz danach sitzen sie im Transporter, besprechen kurz den ersten und den nächsten Tag. Alle sind über den Verlauf des Tages sehr zufrieden und vor allem; müde. Und so suchen sie sich ihre in den Taschen noch schnell die versteckten Waschutensilien und gehen gemeinsam zum Waschhaus. Dreißig Minuten später stecken sie schon in ihren Schlafsäcken und die Zeltleuchten gehen fast gemeinsam aus. Aus beiden Zelten sind nur noch müde „Gute Nacht“-Rufe zu hören und dann wird es auch schon ganz still. Der nächste Morgen beginnt für die Urlauber recht zeitig. Viele Camper mit Zelten sind notorische Frühaufsteher, ob dies eine Folge des Berufs- oder Schulalltags ist oder einfach nur mit dem unbequemen Schlafvergnügen zu tun hat, ist dahin gestellt. Beide Paare sind beizeiten wach und beginnen ihren normalen Tagesablauf. Erst ins Waschhaus und dann wird der erste Kaffee angesetzt, während einer die Brötchen vom Kiosk holt. Heute darf Benny die Backwaren holen, während dessen die anderen Ordnung in den Zelten machen bzw. den Tisch decken. Dann endlich sitzen die vier müden Neucamper am Tisch und genießen neben dem Kaffee und den frischen Backwaren auch die wärmenden Sonnenstrahlen. Langsam erhellt sich auch die Stimmung und man scherzt über den gestrigen Tag und die geplanten Aktivitäten am gerade angebrochenen zweiten Ferientag. Nach dem gemütlichen Frühstück wird der Tisch geräumt, das Geschirr an der extra eingerichteten Waschanlage des Platzes gereinigt und dann geht es auch schon los. Alle packen ihre Badesachen und dann gehen sie zur Fahrradausleihstation. Heute wollen sie eine größere Radtour entlang der Seebäder an der Ostsee bestreiten. Besonders die jungen Männer freuen sich darauf, die Damen sehen die Länge der Tour eher skeptisch. Der Reifenluftdruck wird durch den Monteur noch einmal geprüft und dann geht die Reise los. André fährt vorn und Benny bildet das Rücklicht. So kann keiner verloren gehen. Die Radwege sind eng. Leider kann man so nicht oft nebeneinander fahren, was die Unterhaltung während der Fahrt erschwert. Schon bald werden die jungen Frauen langsamer und drängen auf eine Pause. Schließlich kennen sie sich ja kaum und wollten die Tour zum persönlichen Schwatzen nutzen. Das führt zu den ersten Unstimmigkeiten. Schon nach ca. zehn Kilometern halten die beiden an einer günstigen Stelle an und bitten um eine Pause. Benny und André sehen das locker, stellen ihre Räder bei den Mädchen ab und nutzen deshalb den ersten Pfad zur Ostsee, um sich im Wasser die Beine zu vertreten. Nach einer halben Stunde werden Jana und Maria unruhig. „Warum kommen sie denn nicht wieder? Glauben die denn, dass wir den ganzen Tag hier bleiben wollen?“, fragt Jana unsicher. „Wir sollten die Räder anschließen und die Herren suchen!“ Von Maria kommt ein bestätigendes: „Ok.“ So begeben sich die Beiden mit suchendem Blick in Richtung des Pfades, den ihre Männer aufgesucht hatten. Schnell sind sie am Strand. Ein Blick nach links und einer nach rechts. Niemand ist zu sehen. Voller Schreck versuchen sie nun ihre Situation zu erfassen. Die Jungs sind einfach weg. Da sie keine Telefone dabei haben versuchen sie als Erstes, einen Rettungsturm oder eine andere offizielle Stelle zu finden, wo sie sich vielleicht eine Auskunft holen könnten. Am linken Horizont erkennen sie einen Turm. Mit unruhigen schnellen Schritten gehen sie auf ihn zu und erreichen ihn nach ca. zehn Minuten. Die Besatzung des Turms ist nicht anzutreffen. Ratlos schauen sie in die Runde. „Wir sollten mal wieder zum Radweg hochgehen. Vielleicht ist von dort etwas zu erkennen.“, schlägt Maria vor und schon sind sie wieder unterwegs. Hinter den Dünen erkennen sie auf der rechten Seite eine größere Menschenmenge und in einer Seitenstraße stehende Autos. „Hoffentlich sind unsere Jungs dabei!“ „Ganz bestimmt, so wie ich Benny kenne.“ beruhigt Jana ihre neue Freundin. Nach wenigen Schritten sind Benny und André auch schon zu erkennen. Benny steht an einer Krankentrage und beruhigt einen darauf liegenden jungen Mann. Bennys Kleidung ist total durchnässt. „Ihr habt uns aber einen Schrecken eingejagt. Konntet ihr nicht Bescheid geben?“ „Leider nicht, wir mussten uns entscheiden. Helfen oder Bescheid sagen und ihr seht ja, wofür wir uns entschieden haben.“, antwortet Benny locker. „Was ist denn passiert?“ Auf diese Frage von Jana hat Benny gewartet, er beschreibt kurz, wie sie den Jungen Mann im Meer badend gesehen haben, der heftig gewunken hat . Dann stürmten sie ins Wasser, um ihn zu retten. Er hatte sich im tiefen Wasser an den Fetzen eines alten Fischernetzes verfangen und drohte nun weit hinausgetrieben zu werden bzw. unterzugehen. Nachdem André die Schlingen an seinem Bein mit einem Messer abgeschnitten hatte konnte er dann zu zweit ans Ufer gezogen werden. Hier wartete auch schon Hilfe, da auch andere Passanten den Vorfall bemerkt hatten. „Und wie geht es Euch?“, fragten die beiden Freundinnen fast gleichzeitig. „Uns geht es gut, nur ein wenig nass“, scherzte André. „Wir müssen bei jeder nächsten Tour auf jeden Fall unsere Handys mitnehmen“, legte nun Jana fest. „Oh ja, ganz bestimmt. Für einen Notfall sind sie im Urlaub sehr gut zu gebrauchen.“ Nachdem der Notfall vom Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht wurde und die Polizei ein paar Informationen der Retter erfasst hatte konnten sich die vier Urlauber wieder auf den Fußweg zu ihren abgestellten Rädern machen. Schon von weitem waren die Räder zu erkennen, und die Vier waren froh, dass ihre Räder keine neuen Besitzer gefunden hatten. Nun mussten sie sich aber erst einmal eine Gastwirtschaft suchen. Ihre Körper verlangten schon lange ihr Recht und es gab ja noch einiges zu besprechen. Die Serviererin im Biergarten hatte die Bestellung zügig aufgenommen und natürlich die bestellten Getränke für die durstigen Kehlen wie erwartet sofort gebracht. Dann nahm sie die Bestellung für die Speisen auf, wobei sie schon längst bei der Auswertung des Vormittags und der Planung der nächsten Urlaubstage waren. So ein Chaos durfte nicht noch einmal geschehen. Da waren sie sich einig, aber eine gemeinsame Festlegung, wie sie sicherstellen können, dass es eine erholsame Ferientour wird, war nicht ganz so einfach. Über kurz oder lang hatten sie sich, die Speisen waren schon lange verzehrt, dann doch darauf geeinigt, sich bei den Unternehmungen nicht unbedingt zu trennen. Benny fand das sehr gut, so war seine Jana schließlich immer in seiner Nähe. An dieser Festlegung wollten die Beiden als Grundlage ihrer Beziehung für ihr ganzes Leben festhalten. Für heute hatten sie jedenfalls genug Aktion und beschlossen den Tag mit Baden, Eis essen und viel Lachen ausklingen zu lassen. Die Rückfahrt zum Campingplatz verlief dann dem entsprechend locker und bald hatten alle den seltsamen Tagesverlauf verdrängt. Wieder am Campingplatz angekommen brachten Benny und André die geliehenen Räder zurück und sicherten für Abends einen Tisch im Biergarten am Kiosk. Nun luden sie die Gastgeber vom Vorabend wie mit den Frauen besprochen zu einem gemütlichen Abend ein. Der Abend war dann endlich wieder eine Zeit der Unbeschwertheit. Es wurde viel gelacht, was für eine weitere schöne Ferienzeit auch dringend notwendig war. Nach nicht ganz so langem gemeinsamen Abend, wobei sie von Ihren Gastgebern des ersten Abends wertvolle Tipps für die ausgeglichene Auswahl der Campingplätze sowie der geplanten Aktivitäten bekamen, begaben sie sich alle zu ihren Zelten. Morgen sollte es ja schließlich weiter gehen und die Route und den Zielort durften Benny und André festlegen. Da die Jungs sich aber noch nicht abschließend festlegen konnten, saßen sie noch etwas länger über den weit ausgebreiteten Karten. Dann hatten sie endlich eine gute Idee. Mit einem strahlenden Lächeln begaben sie sich zu ihren Frauen, wobei natürlich absolute Verschwiegenheit angesagt war. Jana und Maria erwarteten sie bereits und waren sehr gespannt, wo es denn am nächsten Tag hingehen würde. Zu ihrer Enttäuschung erhielten sie auf ihre Fragen nur ein liebevolles Lächeln. Am nächsten Morgen waren alle sehr zeitig wach. Auch bei der Vorbereitung des Frühstücks waren den Jungs keine Details der Routenplanung zu entlocken. So gaben sich Jana und Maria vorerst damit zufrieden, dass sie mit den Worten getröstet wurden: “Es wird euch bestimmt gefallen und es ist sehr gut durchdacht und vorbereitet. Wir werden viel Spaß haben und man kann ja immer etwas dazu lernen.“ Nun war die Anspannung erneut gestiegen, die Antworten bleiben ansonsten die Gleichen. Wortkarg saßen sie bei Kaffee und Brötchen und harrten der Dinge, die heute geschehen sollten. Dann wurde der Tisch, schneller als sonst, abgeräumt, das Geschirr gewaschen und verstaut, der Zeltplatz abgemeldet und die Fahrt in Richtung Osten begann. Viele Kilometer später, die vier Camper waren an Rostock schon vorbei, gaben Benny und André den ungeduldigen Partnerinnen endlich die ersten Hinweise, wohin es heute geht. Die Gesichter erhellten sich zusehends. „Wir haben gestern beschlossen, uns mal nicht am Strand niederzulassen. Der Wetterbericht sagte, wie ihr es ja schon bemerkt haben dürftet, nichts Sonniges für heute voraus. Somit haben wir uns entschieden, einen Stopp in Stralsund durchzuführen.“ „Und warum habt ihr uns davon nichts erzählt?“, fragt Jana dazwischen. „Weil es eine Überraschung sein sollte und wir uns gern mal in einer Pension mit euch verwöhnen lassen wollten.“ Die Pension liegt im Zentrum von Stralsund und so können wir uns Zeit nehmen, das Meeresmuseum zu besuchen und mit euch gut Essen zu gehen. Unser Fahrzeug stellen wir auf einem gesicherten Wohnmobilstellplatz ab. Wir haben das alles im Büro der Campingverwaltung telefonisch vorbereitet. Noch Fragen?“ Jana und Maria waren überrascht aber nicht unzufrieden. So viel Organisationstalent hatten sie ihren „Männern“ nicht zugetraut. Nach der Ankunft auf dem Stellplatz sortierten sie kurz ihr Gepäck für die Pension und fuhren mit dem ÖPNV, was ein Bus war, zur Pension. Nach dem kurzen einchecken nahmen sie ihre Zimmer in Beschlag, machten sich frisch und gingen in die Innenstadt um ein wohl gepflegtes Mahl einzunehmen. Anschließend suchten sie das Museum auf und es wurde ein schöner und interessanter Nachmittag. Nach einem erfüllten Tag saßen sie erschöpft im Restaurant der Pension und diesmal durften Jana und Maria den weiteren Urlaubsverlauf bestimmen. Ohne viele Geheimnisse legten die Beiden fest, dass es in diesem Urlaub nur noch Sommerurlaub im Zelt gibt. Als sie die Pension am nächsten Morgen verließen, lies die Sonne erkennen, dass sie sich wieder entschlossen hatte, den vielen Badegästen an der Ostseeküste das entsprechende Wetter zu zaubern. So zogen die Camper über die Ostküste der Insel Rügen mit ihren vielen schönen Stränden und Sehenswürdigkeiten. Dann ging es weiter zur Insel Usedom, wo sie feststellen konnten, dass die Ostsee viel mehr schöne Flecken zur Erholung bietet, als sie in dieser kurzen Zeit genießen konnten. Knapp zwei Wochen später hieß es, Abschied zu nehmen. Der Transporter wurde gepackt und mit viel Wehmut rollten sie langsam im Schritttempo der Ferienkarawane in Richtung Süden. Während der Fahrt scherzten sie immer wieder über die ihnen geschehenen Abenteuer der vergangenen Tage und fühlten zum ersten Mal so etwas wie gemeinsames Glück. Der Ferienausflug hatte die Vier fest zusammengeschweißt und ihrer Freundschaft eine besondere Stärke verliehen, worüber sich besonders Benny und André freuten, waren sie sich doch in den vergangenen Monaten schon sehr fremd geworden. Jana und Maria hatten sich kennengelernt und waren sich einig, dass sie in Zukunft besonders auf die beiden jungen Helden aufpassen würden, was als zwei besonders gute Freundinnen auch viel einfacher sein sollte. Am späten Nachmittag näherten sie sich ihrer Heimatstadt. André musste aufpassen, dass er nicht immer schneller fuhr. Schließlich wollten sie ja gut erholt und unversehrt zu Hause ankommen. Dann war es endlich so weit. Noch zwei Querstraßen und sie standen vor dem Haus von Maria. Schnell waren ihre Sachen ins Haus getragen, ein Kuss von André und Umarmungen von Jana und Benny und schon ging es weiter. Ein paar Minuten später nahmen sie auf gleicher Art und Weise Abschied von Jana und fuhren den Transporter, nun komplett geleert, zum vereinbarten Treffpunkt. Bevor sich Benny dann nach Hause in Bewegung setzte, kam noch ein überzeugendes: „Danke, es war ein schöner Urlaub und sehr schön mit Euch.“ „Danke, das sehe ich auch so. Bis bald.“ „Bis bald.“ -------------------- 10. Kapitel: Das Abitur -------------------- „Herzlich willkommen zum letzten Abschnitt ihrer schulischen Ausbildung. Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Sommer und haben sich alle auf dieses abschließende Schuljahr und die vor ihnen liegenden großen Aufgaben gut vorbereitet.“ Da war er also wieder, der schulische Alltag, mit den unverwechselbaren Worten des Klassenlehrers, auf den Punkt gebracht und so wie gesagt auch gemeint, dachte sich Benny und schaute genauso fragend in die Richtung von Jana. Sie hatten doch eine so schöne Zeit und nun stand der Ernst schon wieder in der Tür. Der Start ins neue Schuljahr war wie immer gewöhnungsbedürftig. Nachdem die jährliche Unterlagen- und Antragsfülle durch den Herrn Bleichinger bzw. seinen fleißigen unfreiwilligen Helfern an den Mann bzw. an die Frau gebracht wurden, kam auch wieder die Normalität zurück. Schließlich hatten sie sich ja viel vorgenommen und somit blickte Benny gelassen auf das, was da in diesem Jahr auf ihn zu kam. Er hatte hohe Ziele und die sollten ja auch seine Wege bestimmen. Benny hatte sich wie auch im vergangenen Jahr für die gleichen Arbeitsgruppen eingeschrieben, ohne die Leichtathletik versteht sich, und auch Jana verfolgte nun von Anfang an ihr berufliches Ziel. Hierbei kamen sie sich wie die absoluten Streber vor, was ihnen von den anderen Schulkameraden aber nicht vorgehalten wurde. Es lag wohl daran, dass sie alle irgendwie die Vorteile von besonders Bennys Können hatten. Nach den vielen organisatorischen Dingen des ersten Schultages hatten sie, entgegen ihren Hoffnungen, doch noch vier Unterrichtsstunden zu überstehen und kamen erst sehr spät dazu, den Heimweg anzutreten. Langsam schlenderten die frisch gebackenen Schüler der ABI-Klasse nach Hause. In Gedanken versuchten sie, neben den schulischen die persönlichen Höhepunkte des Jahres festzulegen. Da waren neben ihren 18. Geburtstagen natürlich auch die Hoffnung, eine kleine gemeinsame Wohnung beziehen zu können. Und auch heute scheiterten sie wieder daran, wie sie dies dann letztendlich finanzieren sollten. Mit diesen Gedanken und natürlich einem dicken Abschiedskuss trennten sie sich dann und freuten sich auf das morgige frühe Treffen an gleicher Stelle. „Benny, aufstehen! Du wolltest heute etwas früher geweckt werden.“ „Wollte ich das wirklich?“, fragt Benny noch total verschlafen, wobei er seinen Blick teilnahmslos in Richtung seiner Mutter wandte. „Ja!“, lachte diese und verschwand in der Küche. „Kaffee oder Tee?“, hörte er noch und er antwortete: „Natürlich Tee.“ Langsam dämmerte ihm, warum er heute rechtzeitig bei Jana und mit ihr in der Schule sein wollte. Auch im letzten Schuljahr hatten sie sich vorgenommen, ihren Sitzplatz in der letzten Reihe zu verteidigen. Herr Bleichinger wird sie schon unterstützen, wenn sie dort sitzen, hat er doch auch etwas davon, wenn Benny sein Wissen gern offenbart, wenn die ganze Klasse „hängt“. Schnell den Tee getrunken und dann geht es ab zu Jana. So fing das Jahr weitgehend normal an und schon bald war wieder alles wie im letzten Jahr. Nur die Anforderungen waren etwas höher gesteckt. Die ersten Wochen vergingen schnell und Bennys Geburtstag stand vor der Tür. Er hatte sich eine kleine Runde mit Pizza gewünscht, sollte die große Feier ja erst im November starten, wenn auch Jana den 18. Geburtstag feiern konnte. Also waren sie zu acht, taten sich schwer bei der Bestellung der vielen angebotenen Pizzen und planten während der Wartezeit die große Feier. Endlich wurden sie von der Klingel unterbrochen und schon bald waren die Pizzen ausgepackt und es roch im Wohnzimmer wie in einer italienischen Pizzeria. Neben Tunfisch, Shrimps, überbackenen Käse und Salami füllten scharfe Gewürze wie Chili und Peperoni das Aroma im Raum. Zu den Pizzen hatte Benny trockenen Rotwein besorgt und alle waren rundherum zufrieden. Die Eltern der beiden Geburtstagskinder erklärten dann gern, den Beiden bei der Vorbereitung und Durchführung der Party zu helfen, allerdings durften die schulischen Leistungen nicht nachlassen, stünden bis dahin doch schließlich noch drei Klausuren an. Die Realität hatten Benny und Jana damit weiterhin fest im Griff und auch ohne diese Anspielung auf den Leistungsdruck wäre es ihnen sicher auch nicht entfallen. Hauptsache bei den bescheidenen Budgets war jedoch die Kostenübernahme durch das ältere Semester. Benny sah Jana verliebt an und flüsterte ihr leise zu: „Ich freue mich schon sehr auf die Party.“ „Und ich mich erst.“ Am nächsten Tag meldete sich endlich wieder einmal André. Nach dem tollen gemeinsamen Urlaub hatte sie sich vorgenommen, wenigstens einmal im Monat ein längeres Gespräch zu führen, um den gleichen Fehler, den Bruch der Freundschaft nicht noch einmal zu riskieren. So erzählte Benny die neuesten Festlegungen zu der großen Party im November und die schon vorher gemachte Zusage wurde von André gleich noch einmal bestätigt. Schulisch gab es bei André und Maria nichts Neues. Sie wollten ihr Abi abschließen und anschließend eine Lehre bzw. ein Studium beginnen. André als geborener Handwerker hatte für diese Entscheidung lange gebraucht, Marias Berufswahl ging leichter, hatte sie doch vor Jahren ihre Vorliebe für Sprachen entdeckt und war sich sicher, dass sie eine gute Dolmetscherin sein würde. Sie hatte sich an der Uni schon informiert, ob sie mit ihrem Berufswunsch ein entsprechendes Studium aufnehmen könnte und sich auch gleich für das erste Semester beworben. Aber bis dahin ist ja noch ein wenig Zeit. Benny und Jana hingegen waren mit der Gestaltung von Einladungskarten für den Mega-Event des Jahres beschäftigt. Die Einladungslisten waren fertig. Insgesamt würden sie ca. 50 Personen sein. Jetzt müssen noch für jeden individuell auf den Typ zugeschnittene Karten gedruckt werden. „Hoffentlich können auch alle kommen?“, gibt Jana zu bedenken. „Aber klar. Es sind doch noch fünf Wochen Zeit. Da können sich alle gut auf den Termin einrichten.“ „Herr Kastner. Könnten Sie uns bei der eben gestellten Frage weiterhelfen?“ Jana stößt Benny mit dem Fuß an und zischt leise: „Benny, aufwachen!“ Vollkommen neben sich antwortete Benny: „Ähm, ja, Herr Bleichinger. Wie war die Frage noch einmal?“ Die ganze Klasse begann ein schallendes Gelächter. Das Benny gedanklich so weit weg war hatten sie noch gar nicht erlebt. „Vielen Dank für Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Könnten Sie uns bei den Grundregeln der Vererbungslehre von Kühen behilflich sein?“ Nun konnte sich auch Herr Bleichinger ein breites Lächeln nicht mehr verkneifen. Benny stand neben seinem Stuhl und sah nachdenklich nach unten. Dann holte er tief Luft und wollte gerade seine Erklärung beginnen, als er vom Klassenlehrer freundlich unterbrochen wurde: „Schon gut Benny, ich wollte nur wissen, wie weit Sie mir geistig gefolgt sind. Wir hatten heute das Thema ‚Klassische und Molekulare Genetik‘ wiederholt.“ Mit ernster Miene der Klasse wieder zugewandt: „Genug für heute. Pause.“ Die Klasse packte lachend ihre Sachen und ging dann in den nächsten Unterrichtsraum. Benny war in Gedanken immer noch bei der Party des Jahres und ärgerte sich, dass er so weit abwesend war. Er nahm sich vor, das dies nicht noch einmal geschehen darf. Es war ihm äußerst peinlich. Von nun an konzentrierte sich Benny wieder voll auf den Unterricht und schon bald hatte er sich seine vordere Stellung in der Klasse wieder erobert. Sein Wort galt etwas und viele suchten bei ihm Rat, wenn sie mit ihrem „Latein“ am Ende waren. Benny half gern und das schätzte das gesamte Klassenkollektiv sehr. Die Zeit verging schnell und schon bald lag nur noch eine Klausur vor ihnen, bis sie die, gemeinsam mit Jana geplante Geburtstagsparty, im Detail vorbereiten konnten. Heute waren beide rechtzeitig auf dem Weg zur Schule. Sie schwiegen und jeder war auf seine Art mit der heutigen Klausur beschäftigt. Während Jana dem Ganzen gelassen entgegensah, die englische Sprache gehörte ja zu ihren Vorlieben, sah Benny diese Klausur mit gemischten Gefühlen. Er war in Englisch auch gut, konnte sich aber bei dem Merken von Vokabeln nicht immer auszeichnen. Dann waren sie in der Schule angelangt. „Guten Morgen, die Herrschaften.“, begrüßte sie freundlich der Englischlehrer, der schon vor der Schule Ausschau nach sein Schäfchen hielt. Er wollte sicherstellen, dass sich niemand zu spät in den Klassenraum begab. Pünktlich schloss er die Klassentür hinter sich und begrüßte die Abiturklasse. Jetzt erfolgte die kurze Belehrung und dann ließ er die Aufgabenblätter verteilen. Nachdem jeder bedient war, stellte er den großen Wecker auf seinen Tisch und lud die Schüler mit einem freundlichem: „Bitte, meine Damen und Herren, Sie dürfen beginnen.“, zur Englisch-Klausur ein. Unter der Überschrift „My life-family, friends, hobbies and career aspiration“ dürfen die Abiturienten sich nun im feinsten Englisch produzieren und beweisen, dass die vielen Jahre Englischunterricht nicht spurlos an ihnen vorübergegangen sind. Während Benny noch die erwarteten Startschwierigkeiten hat, ist Jana hier ein wenig lockerer und strukturiert ihre Arbeit. Es ist ruhig geworden im Klassenzimmer. Jeder versucht in seinem Hinterstübchen, die gefestigten Vokabeln zu orten und recht bald haben sie alle ihren Start gefunden. So ist die Klasse tief konzentriert, unterbrochen nur von den üblichen Fragen nach dem dringend notwendigen Toilettengang. Dieser findet dann in Begleitung eines Lehrers der Unterstufen statt. Jana ist wie erwartet unter den Ersten, die mit ihrer Arbeit fertig sind. Ihre Lernstunden mit Maria haben sich wohl ausgezahlt. Eine leichte Unruhe setzt ein, was der Englischlehrer als Zeichen dafür vernimmt, dass seine Schützlinge kurz vor dem Ende der Arbeit stehen und sich nur noch bei den Klassenkameraden vergewissern wollen, dass sie sich bei den einen oder anderen Übersetzungen auf dem richtigen Weg befinden. In diesem Moment unterbricht ein lautes Rasseln die Ruhe im Raum. Der Wecker verkündet das Ende der Klausurzeit. „So, das war es. Bitte die Arbeiten beenden und Ihren Namen auf dem Deckblatt nicht vergessen.“ Dann lässt er die Arbeiten einsammeln, bedankt sich für die Ruhe und konzentrierte Mitarbeit bei der Klausur und wünscht allen noch einen schönen Nachmittag. Jana und Benny schauen sich fragend an. Ihren Augen entnehmen sie, dass wohl alles ganz gut gelaufen ist. Sie packen ihre Sachen und begeben sich zügig auf den Schulhof. Dann machen sie das, was viele ihrer Mitschüler nun auch machen. In schnellen Gedankensprüngen werden die eigenen Stilblüten der Arbeit besprochen, wissend, dass es für eine Änderung der Arbeit sowieso zu spät ist. Es bleibt ihnen nun nichts anderes übrig, als die vier Wochen bis zur Ergebnisbekanntgabe zu warten. Jana und Benny kommen zu dem Entschluss, dass die Klausur relativ gut gelaufen ist und konzentrieren sich auf die nächste große Herausforderung; Ihre Geburtstagsparty. Mit ruhigen Schritten schlendern sie in Richtung ihrer Wohnungen. „Hast Du eigentlich noch Bestellbestätigungen bei Dir zu Hause? Mir fehlen noch die schriftlichen Zusagen der Gaststätte und der Jungs von der Band.“ „Ja, habe ich beide erhalten und die Band wird wie zugesagt kostenfrei agieren, sieht den Abend als Probe vor Publikum und hat seit kurzem sogar eine Frontfrau als Sängerin. Sie soll sehr gut sein. Ich habe mich mit ihnen auch über die Musikrichtung beim Essen und auch beim Tanzen abgesprochen“, kann Benny stolz berichten. „Dann kann es ja losgehen. Alle eingeladenen Gäste haben zugesagt. Ich kann es kaum noch erwarten.“ „Es sind doch nur noch zwei Tage, die schaffen wir auch noch.“, beruhigt Benny seine Jana mit leichtem Lächeln. „Heute Abend können wir uns nicht sehen. Meine Mutter möchte mit mir noch einmal die Garderobe für Samstag durchgehen.“ „Alles klar, dann gehe ich die Gesellschaftsspiele noch einmal durch.“, gibt Benny lächelnd zurück. Sie verabschieden sich mit kurzem Kuss und Benny trottet gut gelaunt weiter in Richtung der Wohnung seiner Eltern. -------------------- 11. Kapitel: Bennys Geburtstag -------------------- Benny und Jana haben zu ihrer Party anlässlich ihrer 18. Geburtstage geladen. Alle Verwandte und viele Freunde sind auf dem Weg zur Gaststätte „Am Stadtpark“. Die Gaststätte ist bei Jung und Alt beliebt, kann man sich hier doch im Biergarten mit Freunden treffen, im Saal der Gaststätte beim Tanz vergnügen oder junge Bands erleben. Heute haben die beiden Geburtstagskinder die Gaststätte als geschlossene Gesellschaft gemietet. Fein herausgeputzt stehen sie am Eingang, um ihre Gäste zu empfangen. Alle Gäste werden auf bestimmte Plätze geleitet, so sitzen Maria und André auf der einen Seite der Tafel neben ihnen und ihre beiden „Eltern“ auf der anderen. Nachdem alle Gäste ihre Plätze eingenommen haben klopft Jana vorsichtig an ihr Sektglas und sofort hat sie die ungeteilte Aufmerksamkeit ihrer Freunde und Familienmitglieder. „Liebe Eltern, liebe Freunde. Wir freuen uns, dass ihr alle unserer Einladung gefolgt seid und begrüßen Euch recht herzlich. Heute vor achtzehn Jahren habe ich und eine kurze Zeit vorher Benny das Licht der Welt erblickt. Lasst uns auf unser aller Wohl anstoßen und viele schöne gemeinsame Stunden bei bester Stimmung erleben.“ Nach diesem Toast wird das Büfett vom Gastwirt eröffnet und bei gediegener Musik aus der Konserve stürzen die hungrigen Gäste ans Büfett. Auch Jana und Benny sind unter den ersten, die sich anstellen. So können sie gleich noch ein paar Worte mit ihren Freunden wechseln. Wenige Zeit später wird es leiser im Saal. Jana, Benny und ihre Gäste genießen die vielfältigen Speisen des reichlich gedeckten Büfetts. Die Kellner sorgen ständig für gewünschte Getränke und schon bald kann man eine gute Stimmung unter den Gastgebern und Gästen spüren. Nachdem die Reste des Mahls von den Tischen geräumt wurden, fanden die eigentlichen Gratulationen statt. Jana und Benny hatten sich, wenn überhaupt, nur kleine Geschenke, die mit viel persönlichem Engagement hergestellt werden sollten und nicht mehr als Zehn Euro kosten durften. So erhielt Jana u.a. ein mit viel Liebe hergestelltes Blumenherz und Benny durfte sich über einen eigens auf ihn abgestimmten Kalender (seine Termintreue hatte wohl noch einige Reserven) erfreuen. „Liebe Eltern und liebe Freunde“, begann dann Benny seine kurze Dankesrede, „wir freuen uns sehr über euren Ideenreichtum bei den Geschenken und vor allem, dass ihr heute alle hier bei uns seid. Nun wollen wir uns an einigen Gesellschaftsspielen erfreuen und besonders viel Tanzen. Ein besonderer Dank geht an unsere Band, die sich kostenfrei bereit erklärt hat, uns so richtig einzuheizen. Und uns allen wünschen wir einen schönen Abend.“ Nach einem lauten Applaus übernahm die junge Band das Geschehen und schnell fanden sich die ersten Gäste auf dem Tanzboden ein. Natürlichen waren Jana und Benny bei diesem ersten Tanz mit dabei. Nachdem sich die Gäste genügend beim Tanz aus getobt hatten rief Benny zum ersten Gesellschaftsspiel auf. Es war ein Spaßquiz, bei dem die vorher bestimmten Kandidaten nicht die geringste Chance hatten, die richtige Antwort zu sagen. Die Gäste schütteten sich aus vor Lachen und auch die Kandidaten hatten ihren Spaß daran. Als Preise für die Teilnahme durften die vier Kandidaten sich einen Partner aussuchen und die nächste Tanzrunde eröffnen. Die Stimmung im Saal nahm die gewünschte Fahrt auf. Nach einigen Tanzrunden und einem weiteren lustigen Gesellschaftsspiel kam es zu einem kleinen Zwischenfall am Eingang. Drei junge Männer bestanden darauf, eingelassen zu werden, trotzdem der Wirt vor der Tür ein großes Schild mit dem Vermerk darauf, dass hier eine geschlossene Gesellschaft stattfindet, platziert hatte. Der Wirt und die beiden männlichen Elternteile versuchten beruhigend auf die jugendlichen Burschen einzuwirken und baten um Verständnis für die geschlossene Gesellschaft. Nach einigen Minuten des Dialogs drehten die leicht angetrunken wirkenden Störenfriede murrend ab. Der Wirt und die Gäste gingen wieder zur Tagesordnung über und die Party ging unbemerkt dieses Zwischenfalls munter weiter. „Bringst du mich nach Hause?“, bat Maria ihren André. „Mir geht es nicht so gut und ich möchte die gute Stimmung nicht verderben. Du kannst ja dann gern wieder weiter feiern.“ „Was ist mit dir? Bist du krank? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ André war völlig überrascht, hatte er doch nicht bemerkt, dass Maria neben ihm immer ruhiger wurde. „Nein, keinen Krankenwagen, nur ein Taxi, dass ich nach Hause komme.“ André holte ihre Jacken und sie kleideten sich an. Er hatte ein Taxi gerufen und die hatten ihm auch zugesagt, dass es gleich vor der Tür stehen würden. Während Maria schon an die frische Luft ging, wollte André den Gastgebern noch schnell Bescheid geben. Sekunden später waren von draußen plötzlich laute Motorengeräusche zu hören. Bremsen quietschten und ein dunkelblauer Wagen schleuderte auf Maria zu und sie konnte sich nur noch durch einen Sprung in die Blumenrabatte in Sicherheit bringen. Der Unfallverursacher gab Gas und fuhr davon. André und einige Gäste, die vom Lärm aufgeschreckt waren, liefen auf die Straße und sahen Maria in den Blumen liegen. Eine junge Frau rief erschrocken: „Schnell, jemand muss den Notdienst rufen.“ Inzwischen kam Maria wieder zu sich und während der herbei geeilte André ihre Hand nahm, flüsterte sie leise: „Was ist denn passiert? Wo kam denn das Auto so schnell her?“ André streichelte sie sanft und fragte beruhigend: „Fehlt Dir etwas? Bist Du verletzt?“ „Ich habe mich nur erschrocken und bin in die Blumen gesprungen. Es geht mir gut“, antwortet Maria noch, bevor der Notarztwagen hält und der Notarzt sich zu Maria hinab beugt. Mit gewohnten Handlungen klärt er Marias Zustand und legt sie dann gemeinsam mit dem Rettungssanitäter auf die Trage. Nach dem Anlegen eines Zugangs wird sie in den Rettungswagen geschoben. André steigt mit ein und mit Blaulicht und Sirene machen sie sich auf dem Weg zum Krankenhaus. Während dieser Fahrt macht sich André Vorwürfe, dass er nicht ständig bei Maria gewesen war. Zur gleichen Zeit versucht die eingetroffene Polizei die Situation zu klären und eventuelle Zeugen für den Vorfall zu finden. Die Gäste und die Belegschaft der Gaststätte werden als Zeugen befragt und schon bald haben die Ermittler die ersten Anhaltspunkte, wo sie die Flüchtigen suchen müssten. Der verantwortliche Beamte gibt nach der Aussage des Gastwirtes eine Suchmeldung nach den 3 Personen, die am frühen Abend die Gesellschaft zu stören versuchten, heraus. Im Krankenhaus angekommen wird Maria schnell in die Notaufnahme gebracht und verschwindet auch recht bald hinter einer Tür , die auch für André verschlossen bleibt. Total beunruhigt und mit vielen Selbstvorwürfen bleibt er im Warteraum zurück. Nach einer gefühlten Unendlichkeit öffnet sich die Tür zum Behandlungsraum. Der behandelnde Arzt kommt auf ihn zu. „Wie geht es ihr? Darf ich zu ihr?“, waren seine ersten Fragen an den Mediziner. „Keine Sorge, ihrer Freundin geht es recht gut und die Schwester wird Sie auch gleich zu Ihr hineinbitten. Alles wird gut.“, versucht der Arzt Andrés Sorgen zu besänftigen und hat dabei ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Kurze Zeit später erscheint die Schwester und bittet André hinein: „Aber nicht zu lange. Ihre Freundin braucht jetzt erst einmal viel Ruhe.“ Dann verschwindet sie hinter der Tür. André geht langsam auf das Bett zu. Maria lächelt ihn an und reicht ihm bittend ihre Hand. „Schön, dass Du da bist. Außer einem gehörigen Schreck, den ich erhalten habe, geht es mir gut. Die Untersuchung hat aber auch etwas Neues ergeben.“ Nun macht sie eine kleine Pause. André schaut Maria fragend an. „Wir werden Eltern. Die Ärzte sagen, dass es dem kleinen Wurm gut geht.“ Nun ist der zukünftige Vater doch überrascht. Er nimmt den Kopf seiner Maria in die Hände und mit Tränen in den Augen flüstert er ihr zu: „Ich liebe Dich.“ Währenddessen ist es im Wirtshaus ruhig geworden. Die Ereignisse auf dem Vorplatz haben alle erschüttert. Nachdem die Polizei die Befragung beendet hat sitzen alle an den Tischen und debattieren die Vorgänge. Benny hat mit Jana und den Eltern besprochen, dass es wohl besser wäre, die Party zu beenden, die Gäste für ihr Erscheinen zu danken und um Verständnis zu bitten. Da klingelt bei Jana das Telefon. Aufmerksam lauscht sie dem Gesprächspartner. Fragend sieht Benny sie an. Dann geht sie auf ihn zu und tuschelt ihm etwas ins Ohr. Gemeinsam gehen sie zur Bühne und bitten die Band um ein Mikrofon. Gespannt verfolgen die Gäste das Geschehen. Dann übernimmt Jana das Wort: „Liebe Freunde, wir haben soeben einen Anruf von André aus der Klinik erhalten. Maria geht es gut und sie wird über Nacht noch zur Überwachung dort bleiben müssen. André wird in Kürze wieder hier sein.“ Von allen erhält sie nun verwunderte Blicke. „Maria lässt schöne Grüße ausrichten. Sie ist schwanger, dem Kind geht es gut und...“ Weiter kommt sie bei ihrer Ansage nicht. Die Gäste klatschen und johlen ihr zu. Zur Band richtet sie noch schnell ein paar Worte und dann ertönen auch schon die ersten Takte von „All you need is love“. Eine halbe Stunde später findet sich auch André wieder bei der Party ein. Er hat viele Fragen zu beantworten und dabei geht ihm immer wieder ein zufriedenes Lächeln über das Gesicht. So feierten die Gäste bis weit nach Mitternacht den Doppelgeburtstag und den kleinen zukünftigen Schwaben. Die turbulente Party blieb bei allen Gästen noch sehr gut in Erinnerung. Maria war am nächsten Tag wieder zu Hause und am Nachmittag saßen die vier jungen Leute zusammen und werteten die Geschehnisse des Vortags in Ruhe aus. Alle waren froh, dass nichts Schlimmeres passiert war und besonders Maria und André freuten sich auf die Ereignisse im nächsten Frühsommer. Bis dahin war aber noch einiges zu erledigen. Die Schulzeit mit den Klausur- und Prüfungsvorbereitungen ging weiter und auch Maria konnte die Prüfungen bis zum Schluss besuchen. Das Leben der Vier war wie bei allen anderen Abiturienten vom Lernen geprägt und nach jeder Klausur oder Prüfung war die Wartezeit bis zur Ergebnisbekanntgabe schier unerträglich. Dann aber war es endlich so weit. Die Prüfungen waren abgeschlossen. Die Ergebnisse waren einigermaßen zufriedenstellend und so blieb den Abiturienten als Abschluss der Schulzeit nur noch die mehr oder weniger geteilte Freude auf die Übergabe der Zeugnisse und die eigentliche Feier auf dem Abschlussball. Vom diesjährigen Jahrgang hatte nur ein Schüler der Parallelklasse das Abitur knapp verfehlt. Nachdem alle mit Stolz das Abschlusszeugnis in den Händen hielten, durften sie sich am Büfett stärken, bevor es in eine lange Ballnacht ging. Maria und André waren nur kurz zur Übergabe gekommen und hatten sich dann auch gleich wieder verabschiedet. Maria war hochschwanger und die Geburt des Kleinen stand unmittelbar bevor. Noch vor dem Abschlussball hatten die Vier die Planungen für die Zeit nach dem Abitur beendet. Maria, ja mittlerweile mit einem stattlichen Bauch ausgestattet, hatte ihr Zimmer bei ihren Eltern in ein junge Mutter-Kind-Zimmer umgestaltet. Ihre geplante Lehrzeit wurde um ein Jahr verschoben und André freute sich auf die vor ihm stehende Lehre nach den Sommerferien in der Nähe von Marias Zuhause. Kurz nach dem Abschlussball war es dann auch bei Maria endlich so weit. Der kleine „Paul“ kam zur Welt und das junge Familienglück war perfekt. Benny war erfolgreich bei der Studienplatzsuche zum Arzt und sein ehrgeiziges Lernen hatte auch dazu geführt, dass er das angestrebte Stipendium erhielt. Jana konnte, in einer, der Universität angegliederten Bildungseinrichtung, ihr Examen zur Krankenschwester planen. Nur bezüglich einer gemeinsamen Wohnung waren sie noch nicht weiter gekommen. Alle Wohnungsangebote waren schon vergeben, bevor sie auch nur einen Besichtigungstermin hatten. Sie hatten sich schon fast damit abgefunden, dass sie die Ausbildung bzw. das Studium bei ihren Eltern wohnend beginnen würden, als bei Bennys Eltern das Telefon klingelte. Matthias nahm das Gespräch entgegen und reichte den Hörer auch gleich an Benny weiter: „Für Dich.“ „Kastner“, meldete er sich neugierig. „Guten Tag, Herr Kastner“, meldete sich eine ihm unbekannte Stimme, „mein Name ist Trautmann, ich bin der Vater von Kai, den Sie vielleicht noch von Ihrem Laufunfall her kennen könnten.“ Jetzt dämmerte es Benny. Schließlich war er ja monatelang mit dem operierten Bein lahmgelegt gewesen: „Aber ja Herr Trautmann, was kann ich denn für Sie tun?“ „Sie nichts, aber vielleicht kann ich ja etwas für Sie tun?“ Benny war für kurze Zeit sprachlos, als sein Gesprächspartner auch schon weiter fortfuhr: „Meine Frau und ich hatten unserem Sohn eine Wohnung in der Nähe der Uni besorgt, aber er benötigt sie nun leider nicht mehr.“ „Wieso denn nicht?“ „Er hat die Zusage für eine Uni in London erhalten und ist zurzeit in Spanien im Urlaub. Am Telefon erzählte er uns, dass er von Schulfreunden wusste, dass Sie noch auf der Suche sind. Falls Sie Interesse haben, können wir uns die Wohnung ja gern mal ansehen.“ „Aber ja, wann können wir uns treffen?“ Benny war voll durch den Wind und seine Eltern verstanden gar nichts mehr, als sie ihn so agierend am Telefon sahen. „Wie wäre es denn am Samstagnachmittag, vorher habe ich leider keine Zeit?“ „Aber ja, wo treffen wir uns dann?“ Benny war völlig aus dem Häuschen. Schnell notierte er sich die Adresse, verabschiedete sich von Herrn Trautmann und wendete sich seinen Eltern zu. Mit strahlenden Augen erzählte er ihnen die Neuigkeiten und brach dann auch schon kurz ab: „Ich muss schnell Jana anrufen.“ -------------------- 12. Kapitel: Im Gericht -------------------- Vor dem Gerichtssaal 09 im Amtsgericht von Pforzheim hatten sich viele Neugierige eingefunden. Maria, André, Matthias, Torsten und der Wirt der Gastwirtschaft „Am Stadtpark“ wurden neben einigen weiteren Schülern der Abiturklasse als Zeugen geladen. Für 14:00 Uhr war der Beginn der Verhandlung anberaumt worden. Den Vorsitz hatte der Richter Hermann des Amtsgerichts Pforzheim. Die Staatsanwaltschaft hatte mehrere Monate ermittelt und während dieser Zeit wurde die Anklage noch erweitert. Endlich öffnete sich der Gerichtssaal und die Besucher drängten sich hinein. Zum Beginn der Verhandlung wurden die Zeugen belehrt und nahmen dann bis zu ihrem Aufruf wieder draußen Platz. Dann wurden die drei Angeklagten durch eine kleine Seitentür in den Saal geführt. Mit gesenkten Köpfen steuerten sie ihre Plätze neben ihren Anwälten an. Beim Sitzen hielten sie ihre Blicke auf den Boden gesenkt. Das Gericht stellte die Personalien der beteiligten Parteien fest und der Staatsanwalt verlas die Anklage. Im Rahmen der darauf folgenden Beweisaufnahme wurden die Zeugen einzeln aufgefordert, die Geschehnisse des bewussten Abends zu schildern und Fragen des Staatsanwalts zu beantworten. So auch die Gruppe um Maria, André, Jana, Benny und dem Wirt. Hierbei ergab es keine neuen Erkenntnisse. Interessante Neuigkeiten kamen erst bei der Vernehmung der Angeklagten zutage. Überraschend war die Erklärung des jungen Mannes, der sich beim abendlichen Tumult vor der Gaststättentür am lautesten aufgeführt hatte. Er bedaure, dass er in angetrunkenem Zustand vor dem Lokal mit dem Pkw gefahren sei. So wollte er nur den Wirt erschrecken und habe die junge Frau leider sehr spät wahrgenommen. Um sie nicht umzufahren, riss er das Steuer herum und fuhr dann erschrocken weiter. Die Frage, warum er nicht angehalten hat und nach der Frau sah, die ja infolge des Unfalls am Boden lag, konnte er nicht beantworten. Auf die nächste Frage des Staatsanwalts, warum sie denn unbedingt ins Lokal wollten, wo doch eindeutig darauf hingewiesen wurde, dass es eine geschlossene Veranstaltung sei, meinte er nur: „ Wir wollten doch nur kurz zum Wirt.“ Der Staatsanwalt fragte jetzt energischer nach. „Hätte das nicht Zeit bis zum nächsten Tag gehabt?“ „Wir waren doch mit ihm verabredet.“ „Verabredet wofür?“ Der Wirt, der mittlerweile, wie viele andere Zeugen auch, auf den Besucherplätzen Platz genommen hatte, wurde blass im Gesicht. Mit dieser Aussage hatte er wohl nicht gerechnet, denn mit den Angeklagten hatte er gegen ein kleines Handgeld abgesprochen, dass sie nichts sagen würden. „Er wollte uns, wie jeden Samstag die vereinbarte Menge an Gras übergeben.“ Da war die Bombe explodiert. Der Wirt versuchte kurz entschlossen, den Verhandlungssaal zu verlassen, aber er wurde von aufmerksamen Polizeibeamten sofort daran gehindert. Im Saal wurde nun laut getuschelt und der Richter musste alle zur Ruhe rufen. Der nun vom Richter angesprochene Wirt bestätigte dem Gericht, dass die Aussage des Angeklagten der Wahrheit entspricht. Darauf hin wurde er festgenommen und mit dem Verweis auf eine eigene Verhandlung aus dem Saal geführt. Da sich in diesem Fall eine große Wendung ereignete, wurde auch nicht sofort das Urteil für die drei Übeltäter gesprochen, sondern ein Termin für die Verkündung des Urteils benannt. Die Zeugen und Besucher verließen stark diskutierend den Gerichtssaal. Auf dem Weg nach Hause hatten die vier Freunde noch lange über die überraschende Wende zu sprechen. Maria stellte zufrieden fest: „Gut, dass sie das Gras nicht vorher schon hatten.“ Die Runde lachte und André bedauerte nur noch die vielen Gäste, die für die nächste Zeit dort ja vor verschlossenen Türen stünden. -------------------- 13. Kapitel: Die eigene Wohnung -------------------- Der Flur und alle freien Ecken in Schröders Wohnung sind mit Umzugskartons und demontierten Möbeln voll gestellt. Einige Freunde der Beiden sind schon da, aber die Umzugsspedition mit dem Transporter fehlt noch. Langsam wird Benny nervös. Hatte er nun 7 oder 8 Uhr verabredet? Jana versucht ihn zu beruhigen: „Du hast doch 8:00 Uhr verabredet. Also bleib ruhig. Sicher werden sie gleich da sein. Der Parkplatz vor dem Haus ist gesichert und es wird schon alles gut gehen.“ Nachdem sie vor Wochen die Wohnung besichtigt und sofort zugesagt hatten, bereiteten sie sich gut auf den heutigen Tag vor, kauften verschiedene Möbel neu und ließen sie gleich in der neuen Wohnung anliefern. Das hatte alles gut geklappt. Warum sollte es heute anders sein? Endlich klingelte es. Jana blickte auf ihre Uhr und nickte Benny lächelnd zu: „7:50 Uhr. Na also, sagte ich doch. Sie werden schon kommen.“ Die Tür geht auf und André tritt herein: „Guten Morgen, wollen wir erst einen Tee trinken oder fangen wir an? Die Spediteure sind da und machen alles bereit, wir können ja schon die ersten Kisten runter tragen.“ Nun mussten doch alle lachen und machten sich an die Arbeit. Mit Hilfe der vielen Freunde, die sich wie versprochen eingefunden hatten, waren die Sachen schnell zum Fahrzeug getragen. Nachdem alles verstaut war, ging es weiter zur Wohnung von Sandra und Torsten. Auch hier ging es relativ schnell, die gepackten Sachen zu verstauen. Dann noch das Fahrrad aus dem Keller geholt, auf dem Transporter seitlich angebunden und dann konnte es los gehen. Die neue Wohnung war bereit zum Einzug. Eine kleine Küche hatte inzwischen die benötigten Möbel erhalten und ein gemeinsames Bett wurde durch die Schröders gesponsert. Zwei neue Schreibtische, die im großen Wohnzimmer an den Fenstern ihren Platz gefunden haben, erhielten sie von Sandra und Torsten. Den großen Kleiderschrank für das Schlafzimmer hatten sie im 2. Hand-Shop erstanden. So war die Wohnung im Laufe der Zeit mit wichtigen Möbeln schon gefüllt worden. Heute kamen dann noch verschiedene Kleinmöbel, die komplette Kleidung, Schulsachen, viele Geschirrteile und Sachen, die man ganz selten benötigt, aber bei jedem Umzug mit schleppt, dazu. Nicht zu vergessen die beiden Notebooks mit Drucker und einem Router. Benny und Jana waren als erste im 3. Obergeschoss. Einen Fahrstuhl gab es nicht und so lagen anstrengende Gänge vor den Helfern. Jana schloss die Wohnungstür auf, an der ein großes „Herzlich willkommen“- Schild einlud, die Wohnung zu betreten. Sie verschwand sofort in der Küche. Benny achtete darauf, dass die Kartons in den richtigen Räumen abgestellt wurden. Oft hatten sie diese Abläufe besprochen und immer wieder korrigiert. Nun schien alles reibungslos zu klappen. Nur noch wenige Kartons waren die Treppe hinauf zu tragen. Benny wollte gerade die Wohnung verlassen, um den Mitarbeitern der Spedition mitzuteilen, dass sie doch bitte noch zu einem kleinen Essen nach oben kommen möchten, als er beim hinausstürmen auf André stieß. Der in seinen Händen ruhende Drucker war darauf nicht vorbereitet und fiel mit lautem Getöse zu Boden. Viele kleine Kunststoffteile verteilten sich scheppernd auf das Treppenpodest. Benny findet als erster die Fassung zurück: „Nicht so schlimm, es war nicht Deine Schuld. Wir wollten uns ja sowieso einen Neuen anschaffen.“ Dabei lächelte er verschmitzt und nickte André ermutigend zu. „Wirklich?“, fragte dieser äußerst unsicher. „Außerdem heißt es doch: Wenn bei einem Umzug nichts kaputtgeht, dann zieht man bald wieder um.“ Nun mussten beide doch lachen und Benny beeilte sich, die Spedition noch vor dem Abfahren zu erreichen. Währenddessen versuchte André die Reste des Druckers auf dem Flur zusammenzufegen. Nach dem Essen, Jana hatte für die fleißigen Helfer Pizza bestellt, verabschiedeten sich die Freunde und die Spedition begleitet von einem Schwall an Danksagungen durch die neuen Mieter. Jana, Benny und André blieben vorerst allein zurück. Jana und Benny standen fest umschlungen vor dem Chaos in ihrem Wohnzimmer, blickten André an und sagten wie aus einem Mund: „Und nun haben wir eine eigene Wohnung.“ Bevor das Räumen nun begann, öffnete Benny eine Flasche Sekt und goss drei Gläser ein. Sie wünschten sich eine schöne Zeit in der tollen Wohnung und prosteten sich mit André gegenseitig zu. Nach einigen Stunden Räumens und Packens erschienen die Räume in einem neuen Flair. Nur noch in der Küche und im Bad waren freie Stellen in den Schränken bzw. Räumen. In diesen Fällen waren sie noch nicht mit den Planungen zu Ende gekommen bzw. die fehlenden Geräte noch nicht da. Zur Kaffeezeit klingelte es dann Sturm. „Wir erwarten doch noch gar keinen Besuch“, scherzte Benny und sprang zur Tür. „Wir sollen mal beide runterkommen.“, wiederholte er die Aufforderung in André s Richtung. Kopfschüttelnd begaben sich beide vors Haus. Viele Minuten später hörte Jana schnaufende Töne aus dem Treppenhaus und dann öffnete sich auch schon die Wohnungstür. Völlig außer Atem standen Matthias, Torsten, André und Benny vor der Tür. „Sieh mal, was wir mitgebracht haben“, schnaufte Benny zu Jana und wies mit einladendem Arm auf eine Waschmaschine. Nun waren auch Anne und Sandra vor der Tür. Sie hatten in beiden Händen Körbe mit tausend kleinen Dingen für die Küche und elektrische Kleingeräte. „Das sind unsere Geschenke zum Einzug“, sagte Sandra und alle schauten in die feuchten Augen der neuen Mieter. Nach den Danksagungen machte Jana schnell Kaffee und Tee, genügend Tassen konnte sie ja jetzt anbieten. Kaum, dass er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, erhob sich André mit den Worten: „Ich glaube, es ist Zeit für mich, zu gehen. Maria und Paul warten sicher schon.“ Jana erhob sich schnell und drückte André ganz kräftig, so dass dieser um Luft ringen musste, mit den Worten: „Vielen Dank für Deine große Hilfe und wenn Du uns das nächste Mal besuchen kommst, vergiss bitte nicht, Maria und Paul mitzubringen.“ „Aber ja, Maria möchte doch auch sehen, wie ihr wohnt.“ Dann verabschiedete er sich von den anderen. Benny begleitete seinen Freund noch zur Tür: „Vielen Dank, wenn ich Dich nicht hätte.“ „Du kannst Dich ja revanchieren, wenn wir umziehen“, scherzte André noch und schon schloss sich die Tür. Mit den Gedanken, was er doch für einen tollen Freund hat, ging er langsam die wenigen Schritte zum Wohnzimmer zurück. Nach der Kaffeepause halfen alle beim Einräumen der Schränke bzw. Anschließen der neuen Geräte. Dann saßen sie im Wohnzimmer, wo in den Ecken immer noch verschiedene Kartons auf ihre Einsortierung warteten, und planten bei einem Glas Wein bzw. Bier die Zukunft der beiden Berufsstarter. Die Dämmerung hatte schon längst eingesetzt als sich die helfenden Gäste verabschiedeten. Jana und Benny begleiteten sie noch hinunter zur Haustür. Während die Frauen sich umarmend verabschiedeten beließen es die Männer bei dem gewöhnlichen Handschlag und Benny bedankte sich noch einmal bei allen für die Geschenke und die große Hilfe beim Einrichten. Dann hakten sich die beiden Frauen bei ihren Männern ein und gemeinsam verschwanden sie im Dunkeln. Jana und Benny sahen ihnen noch einen Augenblick nach und gingen dann langsam ins Haus und die drei Treppen hinauf. Beim Blick auf das Namensschild an der Wohnungstür, ‚Jana Sommer, Benny Kastner‘, sagte Benny nur kurz: „Das müssen wir auch noch abkürzen.“ Dann gingen sie hinein. Ein kurzer ein Blick ins Wohnzimmer, dann ging es ins Bad und wenige Minuten später lagen sie nach einem schönen, aber auch anstrengendem Tag schon im Bett. Die Sonne stand schon recht hoch, als die beiden durch lautes Hundegebell aus ihren Träumen gerissen wurden. So tief hatten sie lange nicht geschlafen und für die erste Nacht im neuen Zuhause wohl auch kein schlechtes Zeichen. Nach kurzer Absprache, wer wohl als Erstes ins Bad geht, sprang Benny, natürlich, nachdem er Jana geküsst hatte, auf und verschwand im Bad. Kurze Zeit später rief er schon. „Fertig.“, und verschwand in der Küche. Nur langsam war Jana aus dem Bett zu kriegen. Erst als Benny rief, dass das Frühstück gleich fertig ist, huschte sie flink ins Bad. Wenig später saßen sie beide zufrieden am Tisch, aßen die auf dem neuen Toaster gebräunten Brötchen und tranken den obligatorischen Tee. Nach diesem besinnlichen ersten Morgen in der gemeinsamen Wohnung gingen sie zu der Arbeit über, die gestern liegen gelassen wurde. Benny sortierte die Bücher und stellte sie in die dafür vorgesehenen Regale, während Jana versuchte alle noch verpackte Gewürze im Küchenschrank zu verstauen. Gegen Mittag hatten sie restlichen Kartons entleert und auf die entsprechenden Plätze in der Wohnung verteilt. Benny entsorgte die Kartons vorerst im Keller und die Wohnung wirkte nun auch schon viel wärmer. Zufrieden betrachteten sie ihr Tageswerk und Jana sagte nur kurz: „Wollen wir?“ Benny nickte mit überzeugendem Lächeln und nun machten sich die Beiden schnell noch frisch und begaben sich auf einen gemütlichen Spaziergang, der beim Italiener um die Ecke enden würde. Schon von weitem waren die Tische unter Schatten spendenden Laubbäumen zu erkennen. Nur wenige Plätze waren im Biergarten noch frei. Nachdem sie bei einem älteren Paar an einem 6-er Tisch Platz gefunden und die Bestellung bei einem freundlichen jungen Kellner aufgegeben hatten, lehnten sie sich gemütlich zurück und Benny erwähnte noch: „Ich könnte mir vorstellen, dass wir hier heute nicht zum letzten Mal sind.“ „Schon möglich.“ Dann tranken sie die inzwischen servierte Schorle und warteten, während sie sich mit dem älteren Paar, das schon viele Jahre hier wohnte, über Besonderheiten des Stadtviertels unterhielten, auf ihre bestellten Speisen. Nach nicht allzu langer Zeit, nachdem sie sich gut gestärkt hatten, begaben sie sich auf den Weg zu ihrem neuen Zuhause. Hier wartete immer noch ein wenig Arbeit. Auch wenn alle Kartons entleert worden waren, so befand sich natürlich noch nicht alles am vorgesehenen Platz. Während Jana sich noch lange mit dem Verstauen der Wäsche befasste, hatte Benny mit dem Ordnen der nun gemeinsamen Unterlagen und der Schulutensilien zu tun. Am frühen Abend konnten sie sich endlich in der Couchecke ihres noch ungewohnten Wohnzimmers bei einem leckeren Glas Rotwein und leiser Musik zur Ruhe setzen. -------------------- 14. Kapitel: Das Studium -------------------- Die letzten Tage der Sommerferien vergingen schnell. Jana und Benny verbrachten viel Zeit in ihrer neuen Wohnung und richteten sie sich bestens ein. Bei schönem Wetter schwangen sie sich oft aufs Fahrrad, radelten zum zehn km entfernten Strandbad und genossen die Kühle des Wassers. Jana lag dort gern im Schatten der dicht belaubten Bäume, sah dem bunten Treiben der Kinder zu und dachte dabei oft an Maria und ihren kleinen Paul, wobei Benny es bevorzugte, seinen Blick in Fachbücher zu stecken. Diese besinnliche Zeit änderte sich im Laufe der Ferien. Die Gedanken an den Beginn des Studiums bzw. der Ausbildung nahmen jetzt langsam Form an. Da Jana schon Ende August ihre Berufsausbildung begann, hatte sie auch schon rechtzeitig alle Vorbereitungen getroffen. Die benötigten Unterlagen für ihre Ausbildung besorgte sie sich rechtzeitig, informierte sich über die Gepflogenheiten an ihrer Schule und konnte nun den Start der Ausbildung gelassen entgegensehen. Natürlich machten sie sich viele Gedanken über ihren zukünftigen Tagesablauf. Ihr täglicher Beginn in der Berufsschule war um 8:00 Uhr, während Benny sich viel mehr Zeit nehmen konnte und auch erst im Herbst das Studium begann. Die freien Tage des Sommers waren schon bald vorbei. Während Jana nun zur Schule ging, hätte er noch relaxen können, aber er stand sehr früh auf und bereitete das Frühstück. Anschließend versuchte Benny, sich weiter zu entspannen, was ihm aber nur selten gelang. In seiner Unruhe war er schon mehrmals in der Uni, um sich über die Termine für die Begrüßung der Erstsemester, der Einführungswoche oder des allgemeinen Vorlesungsbeginns zu informieren. In vorbereitenden Gesprächsrunden hatte er sich über Lerninhalte, Teamarbeiten, internationale Austauschprojekte oder auch Lernmethoden schlau gemacht. Und dann war er endlich da, der erste Tag des Wintersemesters. Benny hatte nicht besonders gut geschlafen und war zeitig aufgestanden. Seine Sachen wurden natürlich schon am Vortag gepackt und mehrfach geprüft, ob er auch nichts vergessen hätte. Bereits beim Vorbereiten des Frühstücks kamen ihm aber schon wieder die Zweifel. Jana versuchte ihn zu beruhigen. „An dem ersten Tag benötigst Du doch kaum etwas. Warte ab, was Du beim heutigen Start neues erfährst. Du wolltest doch immer Medizin studieren. Freue Dich doch, jetzt beginnt es endlich.“ „Du hast schon recht, aber nervös bin ich trotzdem. Lass uns frühstücken.“ Dann saßen sie endlich am Tisch, aßen ihre Brötchen und tranken den obligatorischen Morgentee. Anschließend wurde Jana mit einem dicken Kuss als erste auf den Weg geschickt. So war es schon seit Wochen und sollte es auch für die nächste Zeit wohl meistens sein, denn er hatte, und nicht nur heute, ja erst um halb zehn seine Termine in der Uni. Rechtzeitig schulterte er seinen Rucksack und machte sich zum ersten Mal offiziell auf den Weg zur Uni. Schon am Anfang des Uni-Geländes hingen große Info-Tafeln, die den Erstsemestern helfen sollten, wenigstens an den ersten Tagen, den richtigen Saal zu finden. Auf dem Weg über den Uni-Vorplatz suchten seine Augen nach bekannten Gesichtern. Einige ehemalige Mitschüler aus den Parallelklassen hatte er schon gesehen, aber niemanden aus seiner alten Klasse. Erst jetzt bemerkte er, dass er recht wenig von den anderen Mitschülern wusste. Was wollten sie mal werden? Wo hatten sie sich beworben oder in der Uni eingetragen? Während er so vor sich hin grübelte, schlug ihm eine Hand leicht auf die Schulter: „Na Herr Doktor, schon alle wesentlichen Stellen und Personen der Uni entdeckt?“ Erschrocken blickte sich Benny um. Es war ein hochgewachsener ehemaliger Mitschüler, den er in den Jahren am Gymnasium kaum wahrgenommen hatte. „Hallo Malte, ich wusste ja gar nicht, dass Du auch hier studieren wirst.“ „Du wusstest so manches nicht. Vielleicht sehen wir uns ja ab und zu. Ich bin immer dort zu finden, wo Computer stehen. Wenn Du mal Probleme in der Informatik hast, kannst Du mich ja gern aufsuchen.“ Dabei lachte er laut und war auch schon in der Menschenmenge verschwunden. Neben der Haupteingangstür hing ein großer Lageplan des Universitätsgeländes, auf dem quer ein Aufkleber mit der Aufschrift: ‚Erstsemester treffen sich in der Aula‘ flatterte. Dorthin folgte er den vielen jungen und ein wenig unsicher wirkenden Studenten. Er nahm einen Platz am Rande einer Stuhlreihe ein und beobachtete das Geschehen. Langsam wurde es unruhig im Saal, die Plätze auf dem Podium waren fast alle besetzt und am Stehpult übte sich jemand in der Handhabung des Mikrofons. Jetzt wurde es still im Saal. Die Person am Pult musste wohl der Rektor sein. Er schlug das Mikrofon kurz mit einem Finger an und begann seine Begrüßung der vielen Neulinge des neuen Studienjahres. In seiner kurzen, aber treffenden Begrüßung der Studenten sprach er vielen aus dem Herzen, denn sie hegten zwiespältige Gefühle. „Sicher bewegt vielen von Ihnen eine große Ansammlung von Fragen. Was kommt da auf mich zu? Werde ich es bis zum Examen schaffen? Wie soll ich bloß diese riesige Stoffmenge bewältigen? Ich kann Ihnen sagen, dass dieses Gefühl noch eine Zeitlang anhalten wird. Am Beginn des Studiums kommt man sich wie in einer kargen Landschaft vor, und aller Anfang ist steinig. So ist das eben. Halten Sie einfach durch. Ich wünsche Ihnen bei Ihrem großen Vorhaben viel Erfolg und sage Ihnen schon heute zu, dass sie auf vielfältige Unterstützung unsererseits bauen können. Nur neugierig sein und studieren müssen sie selbst.“ Die Erstsemester applaudierten lautstark zu dieser Aufmunterung und dann gab er das Mikrofon auch zügig an den nächsten Redner weiter, der sich dann detailliert mit den Studienabläufen befasste. Nach ca. zwei Stunden kamen die Redner zum Schluss. Benny hatte sich viele Notizen über Abläufe, Ansprechpartner, Termine und vieles andere mehr gemacht und trottete dann zur Bibliothek, letzte fehlende Bücher zu „erstehen“, doch diese Idee hatten leider auch viele andere und somit brauchte er mehr Zeit als er dachte, die fehlenden Studiengrundlagen zu erhalten. Als er dann endlich zu Hause war, wartete Jana schon und er musste ihr von den Ereignissen des ersten Tages berichten. So sollte es auch in den nächsten Monaten ablaufen. Nachdem sie beide endlich zu Hause waren, wurden die Neuigkeiten ausgetauscht. Manchmal nutzten sie dazu das schöne Wetter und suchten den Stadtpark zum Bummeln und Relaxen auf. An einem solchen Tag, sie saßen an einem späten Nachmittag auf einer Parkbank und sahen den Kindern auf dem Spielplatz zu, als sie eine bekannte Stimme von hinten ansprach: „Ihr habt wohl nichts zu tun? Und ich dachte, das Studium ist anstrengend.“ Gleichzeitig wendeten sie beide ihren Kopf und waren nicht schlecht erstaunt, als dort André stand. „Wie kommst Du denn hierher?“, fragte Benny und sah auch gleich die Antwort zu seiner Frage, denn hinter André kam Maria mit ihrem Kinderwagen über die Wiese geschoben. „Wir wollten das schöne Wetter nutzen, um auch einmal raus zu kommen.“ Während Benny und André sich nun anregend über die Ausbildung bzw. das Studium unterhielten, war für Jana und Maria natürlich Paul das Wichtigste. Jana konnte ihre Augen kaum vom Kinderwagen lassen und stellte mit liebevollem Blick zu Maria fest: „Er wird aber auch immer süßer.“ An diesem Nachmittag hatten sich die Frauen verabredet, öfter gemeinsam Zeit zu verbringen. Jana freute sich bei jedem Abschied schon auf das nächste Mal, wenn sie den kleinen Paul mal kurz halten oder mit ihm scherzen konnte. Benny war das nicht entgangen. In den ersten Wochen seiner Studienzeit hatte er gelernt, den Personen zuzuhören und in ihren Gesichtern zu lesen. So sah er es kommen, dass Jana bald über ein eigenes Kind nachdenken wird. Zurzeit machte ihm das noch Sorgen. Als sie am frühen Abend wieder daheim waren, achtete Benny genau auf Janas Worte, aber sie war wie immer. Keine Andeutung, dass es ein schöner Nachmittag und Paul einfach zum Knuddeln war. Sollte er sich so getäuscht haben? Das Thema verschwand in den nächsten Tagen schnell wieder im Hintergrund, denn die Anforderungen, denen sie sich beide täglich stellen mussten, waren hoch. So vergingen die nächsten Wochen und Monate für beide mit viel Lernen und sich mit den täglich ändernden Herausforderungen auseinander zu setzen. Beide hatten viel Freude an der Ausbildung bzw. dem Studium. Während sich Jana stets im Klassenverband zurückhielt, hatte sich Benny schon bald in Studentenkreise begeben, die sich als Sprecher und Berater der Studentenschaft hervortaten. Benny war recht bald erster Ansprechpartner für Erstsemester, die sich in medizinischen Berufen beraten lassen wollten. Die Konsequenz dieser erhöhten Anforderungen waren natürlich eine Verkürzung der gemeinsamen Freizeit, die, wie zu erwarten, zu kleineren Diskussionen in ihrer Partnerschaft führte. Aber auch diese kleinen Unstimmigkeiten waren schnell vergessen, hatten sie doch ein gemeinsames Ziel.   Die Ausbildung bzw. das Studium machten beiden Spaß und so verging die Zeit sehr schnell. In der weniger gewordenen Freizeit trafen sie sich so oft wie möglich mit Maria, André und Paul, besuchten Kulturveranstaltungen, soweit dies ihr Budget zuließ oder trafen sich mit Ausbildungs- bzw. Studienkollegen. Die Zeit verging. Benny hatte seine ersten vier Semester der Vorklinik inkl. Praktikum und ärztlicher Prüfung erfolgreich abgeschlossen und freute sich nun auf den Studienabschnitt Klinik. In den Semesterferien hatte er sich, um sein Taschengeld aufzubessern, um einen Job im Krankenhaus bemüht und verkürzte somit gleichzeitig seine Freizeit, da Jana für ihren Urlaub nur 3 Wochen im Sommer zur Verfügung standen. In diesem Urlaub hatten sie sich mit Maria und André für eine Woche verabredet. Sie unternahmen kurze Städtereisen oder lagen einfach am Badesee. Benny war einfach glücklich. Sein Leben hatte sich so entwickelt, wie er es sich oft vorgestellt hatte. Er hatte eine schöne Lebensgefährtin, die intimen Momente kamen auch nicht zu kurz, sie hatten kulturelle Höhepunkte, in dem sie verschiedene Konzerte besuchten oder einfach mal mit Freunden im Biergarten saßen und sein Leben an der Uni war ja sowieso super. Jana sah hier einige Punkte anders, sprach aber darüber nicht mit ihm. Kurz vor dem Ende der Semesterferien plante Benny eine kleine Anschaffung und so suchte er an einem Abend, Jana war gerade von der Spätschicht gekommen, eine Aussprache dazu. Nach der Begrüßung und Janas kleinen Körperpflege lud er sie zu einem Glas Wein in ihre Couchkuschelecke ein. „Bitte setz Dich.“ „Was gibt es denn zu feiern?“ „Wir müssen uns mal kurz unterhalten“, begann Benny und berichtete von seinem Vorhaben, die beiden alten Computer gegen neue Laptops auszutauschen. Jana war gleich begeistert, hatte ihr Rechner doch in den letzten Wochen öfter mal geschwächelt. „Wir sollten die Rechner aber in einem Netzwerk verbinden, damit wir Dateien besser gemeinsam verarbeiten können und auch den Drucker einrichten. Ich kann das leider nicht. Vielleicht sollten wir uns Hilfe holen.“ „Du hattest doch Malte an der Uni getroffen. Frag den doch mal.“ „Stimmt, ich werde ihn fragen.“ So kam es, dass sie neue Rechner kauften und dann suchte Benny Malte auf. Der war über den seltenen Besuch sehr erstaunt und nachdem er gewusst hatte, worum es geht, sagte er auch gleich zu: „Ich hatte Dir doch gesagt, dass ich Dir gern behilflich bin. Wann geht es los?“ „Nun ja, wir haben 2 neue Rechner, einen Drucker und ein Modem. Wahrscheinlich brauchen wir noch Verbindungskabel?“ „Weiß schon Bescheid. Bringe ich preiswert mit.“ „Super, kannst Du denn samstagnachmittags kommen?“ „Sag mir Deine Adresse und ich bin da.“ Benny beschrieb Malte noch schnell, wo er wohnt und dann verabschiedete er sich. „Woher wusstest Du eigentlich, wo ich wohne?“, fragte Malte noch schnell, bevor Benny gehen wollte. „Du hast doch sicher schon gehört, dass ich Studentensprecher bin. Da kriege ich alle Adressen raus.“ Malte lachte laut, während Benny noch kurz grüßte und dann wie in alten Zeiten zügig die Stufen der Treppen hinuntersprang. Zuhause wurde er gleich von Jana befragt: „Und, was sagt Malte?“ „Er hilft uns gern und ist am Samstag nachmittags hier.“ „Toll, dann hab ich ja bald einen funktionierenden neuen Rechner.“, triumphierte Jana und verschwand darauf in der Küche. Benny setzte sich entspannt in die Sitzecke und freute sich, dass alles so gut klappen würde. Es war Samstag kurz nach dem Mittag essen. Jana stellte das Geschirr in den Spülautomaten und Benny sorgte für Ordnung auf dem Esstisch, als die Türklingel lange läutete. „Nanu, wer hat es denn da so eilig? Kann doch jetzt noch nicht Malte sein?“, murmelte Benny vor sich hin und ging zur Tür. „Hallo Benny, ich bin doch nicht zu früh? „Nein, aber staunen muss ich doch. Wir sind gerade mit dem Essen fertig. Ich hoffe, du hast schon gegessen?“ „Aber ja, ich lebe doch allein, da geht das alles schneller. Wo ist denn Jana? Ist sie schon bei den Rechnern?“ Benny war von Maltes schneller Art überrascht. Gar nicht lange drum herum reden, sondern gleich auf den Punkt kommen. „Komm mit zur Küche.“ Dort war Jana gerade mit ihrer Arbeit fertig. Malte stürzte auf sie zu, zog sie an sich und gab ihr rechts und links ein Küsschen. „Hallo Malte, schön, dass Du so schnell Zeit für uns hattest“, begrüßte sie ihn und ist von seiner forschen Art beeindruckt. Dann zeigten sie ihm die Schreibtische und er machte sich sofort an die Arbeit, schloss die Rechner an und baute das Netzwerk auf. Zwei Stunden später waren die benötigten Programme installiert und die Generalprobe verlief auch super. Das angebotene Erfrischungsgetränk lehnte er mit den Worten ab: „Danke, ich muss noch zu einem anderen Notfall, aber wenn ihr Probleme mit Eurer Technik habt, gern mal wieder.“ Benny bezahlte noch schnell die mitgebrachten Kabel und Adapter und schon verabschiedete sich Malte wie bei der Begrüßung mit kleinen Küsschen von Jana und klatschte sich noch kurz mit Benny ab. Sekunden später schloss sich schon die Tür hinter ihm. Den Auftritt von ihrem Gast fand Benny ein wenig gewöhnungsbedürftig, nur Jana war angenehm überrascht. So impulsiv und direkt kannte sie den ehemaligen ruhigen Mitschüler nicht. Nach dieser Episode ging ihr Leben wieder in die Normalität über. Jana steckte viel Kraft und Zeit in ihre Ausbildung und die wenige Freizeit, die ihr aufgrund der Schichtarbeit während ihrer praktischen Arbeit blieb, versuchte sie mit gemeinsamen Unternehmungen mit Benny zu verplanen. Besonders Benny befand sich im Hamsterrad des Alltags. Da das Studium im Bereich Klinik andere Ausmaße angenommen hatte, war bei Benny kaum noch Zeit für Jana übrig. In dieser stressigen Epoche ergab es sich, dass Jana Benny von der Uni abholen wollte. Direkt vor dem Haupteingang stand ein ihr bekannter, groß gewachsener junger Mann, der mit einem blonden, locker gekleideten Burschen diskutierte. Als er Jana bemerkte, beendete er sein Gespräch mit dem jungen Mann abrupt und wendete sich mit strahlendem Lächeln Jana zu. „Herzlich willkommen im Tempel der Allwissenden.“ Dabei zog er Jana an sich heran und gab ihr, wie schon beim letzten Treffen, zwei Küsschen auf die Wangen. „Hallo Malte. Habe ich Dich bei einem wichtigen Gespräch gestört?“ „Aber nein, er wollte sowieso gerade gehen.“ Das sah für Jana eben nicht so aus. Dann begann für beide eine Unterhaltung der besonderen Art. Nachdem sich Malte nach der Funktionalität der von ihm eingerichteten Rechner erkundigt hatte, kamen sie zu persönlichen Themen, die dann ausgiebig erörtert wurden. Dies wunderte Jana schon ein wenig, galt Malte in der ehemaligen Abi-Klasse doch eher als wortkarg. Auf die Fragen nach Maltes Leben, wo er seine Kindheit verbrachte oder was er denn so alles besonders gern macht oder gar nicht mag, antwortete er ihr sehr ausgiebig. Dadurch aufgefordert berichte Jana auch von ihrem Leben und in der kürze der Zeit lernten sie sich näher kennen. Noch bevor Benny dazu kommen konnte verabschiedete er sich in der gleichen Art von ihr, wie sie es gewohnt war und diesmal genoss sie es, von ihm gedrückt und geküsst zu werden. Einige Minuten später bog Benny um die Ecke und freute sich, dass Jana ihn von der Uni abholen wollte. „Wartest Du schon lange?“ „Nein, nur ein paar Minuten. Und ich hatte ja auch eine nette Unterhaltung.“ „Mit wem?“ „Ich habe Malte hier getroffen und wir haben über alte Zeiten gesprochen. Aber nun zu uns. Was machen wir mit dem angefangenen Nachmittag?“ „Wir könnten doch die Gaststätte ‚Am Stadtpark‘ besuchen. Der neue Wirt hat den Biergarten ausbauen lassen und zur Eröffnung bietet er in dieser Woche jeden Tag Livemusik an.“ „Gern, bin neugierig, wie es dort jetzt aussieht.“ Dann machten sie sich auf den Weg. Es ist Ende Oktober und das Wetter meinte es immer noch gut. Die Blätter der Bäume im Park haben rote und gelbe Farbe angenommen und leuchteten von weitem. Endlich im Biergarten angekommen, wurden sie schon mit lauten Rufen empfangen. Eine Gruppe von jungen Leuten saß an einem großen Tisch am Rande des Gartens unter Platanen und unterhielt sich lautstark. Es waren neben André und Malte noch vier ehemalige Klassenkameradinnen. „Ihr habt Euch wohl verlaufen?“, kam von der Clique fast gleichzeitig die Frage. „Wir haben uns das verdient, hier zum Feierabend einen Absacker zu nehmen.“, scherzte Benny zurück. Nach der Begrüßung setzten sie sich zu den anderen. Benny saß bei den Frauen und Jana hatte zwischen André und Malte Platz gefunden. Nun wurden bei bester Stimmung ausgiebig die vergangenen Wochen und Monate besprochen und Erinnerungen an die Schulzeit hervorgekramt. Während Benny sich bei bester Stimmung mit den Damen unterhielt, lies sich Jana von André das Neueste von Maria und Paul berichten. Als letztes kam sie dann mit dem wieder äußerst charmant auftretenden Malte ins Gespräch, der es wieder einmal bestens verstand, sie humorvoll zu unterhalten. Nachdem die Zeit dann schon weit fortgeschritten war brachen sie alle gemeinsam in Richtung Stadtzentrum auf. Schon bald hatten sich die Damen und Herren der illustren Runde mal einzeln und mal zu zweit in anliegende Nebenstraßen verabschiedet. Übrig blieben Jana und Benny. Sie gingen wie immer Hand in Hand, aber sie schwiegen, jeder resümierte die Gespräche mit den ehemaligen Schulfreunden für sich. -------------------- 15. Kapitel: Der private Scherbenhaufen -------------------- Die praktische Arbeit in mehreren Stationen des Klinikums verlief für Benny sehr gut. Er zeigte in allen eingesetzten Bereichen seine fachlichen Kenntnisse und war immer recht schnell auf der Höhe der Themen. Seine schnelle Auffassungsgabe, seine Bereitschaft, über Grenzen zu gehen sowie seine persönliche Art, mit Patienten wie auch mit Mitarbeitern umzugehen, fand großen Anklang. Auf ihn war verlass und jeder arbeitete gern mit ihm. Anders lief es zuhause. Sein Hauptaugenmerk nur noch auf die Klinik zu legen erschütterte seine Beziehung zu Jana. Im Gegensatz zu seinem Verhalten in der Klinik hielt er Versprechungen und Termine kaum noch ein. Es kam vor, dass Jana an vereinbarten Orten vergeblich auf ihn wartete und er auch nach deren Ansprache bei sich keinen Fehler sah. Die Klinik und damit sein Studium gingen halt vor. So war es auch an diesem Tag. Jana saß in der City auf einer Bank vor einer Ausstellung, die sie schon seit längerer Zeit besuchen wollten. Wer nicht da war, war Benny. Anfangs redete sich Jana noch ein, dass er sicher gleich kommen würde. Dann griff sie aber doch zum Telefon. „Orthopädie, Schwester Anne.“ „Hier ist Jana, ich hätte gern Herrn Kastner gesprochen.“ „Es tut mir leid, Herr Kastner ist gerade mit dem Chefarzt auf Visite. Kann ich ihm anschließend etwas bestellen?“ „Nein, nicht nötig, aber vielen Dank.“ Jana war stinksauer. Er hatte ihren Termin wieder vergessen bzw. wegen seiner Unersetzbarkeit sich auf anderes eingelassen. Sie wollte sich gerade auf den Weg nach Hause machen als sie eine wohl bekannte Stimme nach dem Gefallen der Ausstellung fragte. „Malte!“, rief Jana erstaunt und auch ein wenig erfreut aus. „Hast Du Dich verlaufen, oder warum stehst Du vor einer Ausstellung?“ „Die Ausstellung zeigt nicht nur Plastiken und Gemälde der Neuzeit. In einer Sonderausstellung wollte ich mir Grafiken zur IT-Entwicklung ansehen.“ „Ich bin leider versetzt worden. Wollen wir beide einen Rundgang starten?“ „Ist mir eine Freude.“ So kam es, dass Jana doch noch zu ihrem Ausstellungsbesuch kam. Nachdem sie die zeitgenössischen Themen besichtigt hatten, schlenderten sie auch noch in den Ausstellungssaal der IT-Entwicklung. Jana war davon begeistert, dass sich Malte als ein Kenner der feinen Sinne herausstellte. Anschließend saßen sie dann noch eine Weile in einem kleinen Kaffee bei einem Glas Wein. Die sanften Worte, die Malte während ihrer Unterhaltung benutzte, hatte sie nie zuvor an ihm bemerkt. So geschah es, dass sie sich in ihn verliebte, auch wenn sie sich das noch nicht eingestehen wollte. Beim Abschied nahm er sie in seiner persönlichen Art in den Arm, drückte sie und gab ihr einen Kuss, diesmal aber auf den Mund, was sie gern geschehen ließ. Benny kam erst spät abends nach Hause. Neben einer kurzen Begrüßung kam dann noch ein sporadisches: „Tut mir leid, dass ich nicht zur Ausstellung kommen konnte. Der Chefarzt hatte mich gebeten, ...“ Dem Rest hörte Jana schon nicht mehr zu, denn den kannte sie schon. „Benny, wir müssen miteinander reden, so geht das nicht weiter.“ „Jana, Du weißt doch, wie wichtig die jetzige Zeit für mein Examen ist.“ „Ja, aber mein Leben geht doch auch weiter und Du lässt mich einfach an deiner Seite stehen. Wenn Du nicht mehr für mich da sein willst, dann sag es und vielleicht sollten wir uns dann trennen!“ Der letzte Satz traf Benny tief. Er wollte, konnte aber nicht darauf antworten. Er brauchte Zeit, es zu verarbeiten. So kam von ihm nur ein: „Bitte lass uns morgen darüber sprechen.“ Dann gingen sie schweigend zu Bett. Am nächsten Morgen begann für beide ein normaler Arbeitstag. Jeder machte seine übliche Tagesvorbereitung und erst am Frühstückstisch kamen sie endlich dazu, eine kurze Unterhaltung zu führen. Zuerst ergriff Benny die Möglichkeit, eine kurze Erklärung für den gestrigen Tag zu geben. Nachdem er diese beendet hatte und sichtlich nicht auf die wirklichen Probleme eingegangen war, holte Jana tief Luft und begann ihre Meinung zur Beziehungskrise zu erörtern. „Benny, wir haben diese Probleme miteinander doch nicht erst seit heute. Jedes Mal, wenn ich Dich dazu anspreche, weichst Du aus. Ich kann und will so nicht weiter leben. Ich muss Dir etwas erzählen.“ Und dann erzählte sie ihm, dass sie in den letzten Wochen Malte öfter getroffen hat. Dabei hat es sich ergeben, dass sie gemeinsam in der Ausstellung waren und anschließend auch ein Glas Wein getrunken haben. So sind sie sich näher gekommen. Den Kuss verschwieg sie und fügte abschließend hinzu, dass ja noch nichts passiert sei. Benny fehlten die Worte. Wie konnte es so weit kommen? Er hatte sich nur auf seine Arbeit konzentriert und Jana total vernachlässigt. Das war ihm jetzt bewusst. Konnte er ihr weiterhin trauen und wollten sie beide diese Krise überhaupt überwinden oder war es schon alles zu spät? „Gibst Du uns denn noch eine Chance?“, fragte er vorsichtig. „Ich glaube, dass wir über kurz oder lang diesen Punkt wieder erreichen werden.“ Das war dann das Ende einer langjährigen Beziehung, die so verheißungsvoll begann. In den kommenden Wochen gingen beide ihren beruflichen Aufgaben nach und Jana war bemüht, sich eine neue Unterkunft zu suchen. Diese hatte sie mit Glück auch bald gefunden. Als zukünftige examinierte Krankenschwester stellte ihr das Krankenhaus gern ein Zimmer zur Verfügung. Hatten sie doch dadurch eine gute Fachkraft weiterhin ans Haus gebunden. Jana hatte auch ein Angebot von Malte, zu ihm zu ziehen. Dies schlug sie aber aus, sie wollte sich nicht sofort wieder in eine neue Beziehung stürzen. Beim Umzug in das Zimmer im Krankenhaus half ihr Benny. Er war froh, dass sich trotz Trennung ein normaler Umgang eingestellt hatte. Ihm war auch klar, dass sich der Spruch: „Wir können ja Freunde bleiben.“, nur in schönen Geschichten bewahrheitet. In den kommenden Tagen kam ihm seine Wohnung sehr leer vor. Oft musste er an die vergangenen Jahre mit Jana denken, wie er sie kennengelernt hatte und wie kompliziert die Anfangszeit war. Heute steht er allein da und weiß, dass er in Zukunft beide Seiten besser zusammenhalten muss, das berufliche und das private Leben. Diese Einsicht kam leider zu spät. Jana war nun nicht mehr da. Voller Bestürzung vergrub er seinen Kopf zwischen den Händen. Nur langsam kam er über diese Situation hinweg. Aber vorerst hatte er ja noch sein Studium. So galt seine ganze Kraft dem Erringen seines großen Ziels. Benny hatte in den vergangenen Jahren mit den Aufgaben während seines Studiums viele Erfahrungen und Wissen sammeln können und seine Herangehensweise an Probleme hatte sich sehr positiv entwickelt. Seine Zeit während des zweiten Abschnitts der ärztlichen Prüfung ging dem Ende entgegen. Nur noch wenige Tage trennten ihn vom Hammerexamen. Er bereute es nicht, die letzten praktischen Monate bzw. Jahre in der städtischen Klinik, die er auch schon während seines Schulpraktikums kennen lernen durfte, für die Erringung der praktischen Fertigkeiten eingesetzt gewesen zu sein. Viele Schwestern und Ärzte kannten ihn noch von damals und waren über seine außergewöhnliche fachliche Entwicklung erstaunt. Die Ärzte arbeiteten gern mit ihm zusammen, da er sehr gewissenhaft, ruhig und konzentriert bei der Arbeit war und stets das Patientenwohl im Blick hatte. So gingen sie auch davon aus, dass die anstehenden praktischen Prüfungen ein Leichtes für ihn sein sollten und im Geheimen hofften einige, dass er in einem Jahr, nach dem Staatsexamen, eine Stelle in ihrer Station im Klinikum annehmen würde. Aber noch war es ja nicht so weit. Nach einem langen Arbeitstag wurde er Zuhause mit einem freundlichen Lächeln empfangen. „Hallo mein Schatz, wie war Dein Tag in der Klinik?“ „Hallo Julia, er war wie immer: interessant, lehrreich, wegweisend und schön.“ „Weißt Du endlich, wann in den kommenden Wochen Deine Termine für die schriftliche Prüfung sind?“ „Ach, hatte ich Dir das nicht erzählt. Den Brief mit der Ladung hatte ich vor 2 Wochen erhalten, ihn aber erst mal zur Seite gelegt, da ja noch Zeit war. Die Termine stehen fest und daran hat sich auch nichts geändert. Somit beginnt der Ernst des Lebens morgen früh und dann die 2 Tage danach, jeweils 5 Stunden.“ „Gut, Du hättest es aber auch früher sagen können, denn ich will ja schließlich bei den entscheidenden Stunden für Dich da bzw. in Deiner Nähe sein und Dich abholen.“ „Du bist lieb, ich wollte Dich nicht auch noch nervös machen“, antwortet er, wobei er Julia fest in seine Arme nahm. Julia ist eine eher klein gewachsene, junge Frau mit großen Augen und kurzem schwarzen Haar. Ihre weichen, wohl geformten Körperformen, gepaart mit einem süßen Mund und einer klaren, hochdeutschen Aussprache hatten ihn von Anfang an begeistert. Mittlerweile wohnte sie seit ca. einem halben Jahr bei ihm. Während des zweiten Abschnitts seines Studiums im städtischen Klinikum hatte er sie kennengelernt. Sie war zu dieser Zeit recht neu im Klinikum. Nach ihrem Examen in der Uni Köln verschlug es sie als Assistenzärztin nach Pforzheim in die Kinderabteilung. Begegnet waren sie sich zum ersten Mal in der Bibliothek. Benny und Julia waren auf der Suche nach einem Fachbuch der Kinderheilkunde und sind sich zwischen den hohen Regalen der Bibliothek dabei erstmals begegnet. Hierbei war Benny sofort von ihrer spontanen Art und ihrer sanften Stimme begeistert und so ergab es sich, dass sie sich in den nächsten Tagen, von Benny bewusst arrangiert, rein zufällig trafen. Am dritten Tag dieser zufälligen Treffen bemerkte Julia dies mit einem charmanten Lächeln. „Ich glaube nicht an Zufälle, aber es ist schön, Dich wieder zu sehen.“ So begann eine Zeit des Kennenlernens. Sie ließen sich dafür viel Zeit. Benny wollte nach seiner Trennung von Jana nichts falsch machen. So konzentrierte er sich auf das Examen und ließ dabei Julia nicht aus den Augen. Julia ihrerseits versuchte, ihn mit ihrer großen Spontanität nicht zu überfordern. Die sich häufenden Treffen in den folgenden Wochen führten auch dazu, dass Benny zu einem Kaffeetrinker wurde. Oft saßen sie in einem Café und redeten stundenlang. Sie sprachen über ihr bisheriges Leben und wie sie sich die Zukunft vorstellten. So führten ihre gemeinsamen Lebensvorstellungen zu einer harmonischen Partnerschaft, die nach einigen Monaten mit dem Einzug von Julia bei Benny den vorläufigen Höhepunkt fand. -------------------- 16. Kapitel: Die Abschlußprüfungen -------------------- Am heutigen Dienstag stand für Benny und viele andere Studenten der erste Tag des schriftlichen Teils der Prüfung auf dem Programm. Die Themen hatte Benny oft selbständig oder auch gemeinsam mit Julia wiederholt. So hatten sie immer wieder die geforderten wichtigsten Krankheitsbilder sowie die fächerübergreifenden und problemorientierten Fragestellungen erörtert. Aus allen Bereichen hatten sie Fallstudien bearbeitet. Aber das alles war jetzt Vergangenheit. Jetzt kam es darauf an, das in den vergangenen Jahren erarbeitete Wissen abzurufen. Benny war besonders früh aufgestanden. Zum Frühstück trafen sie sich dann beide in der Küche. Der Kaffee war schon fertig (Benny hatte sich angewöhnt, auch Kaffee zu trinken, schwarz und ohne Zucker). Julia küsste ihn im Vorbeigehen auf den Mund und setzte sich wortlos auf ihren Platz. „Schön, dass Du auch schon auf bist, obwohl Du diese Woche frei hast.“ „Ich liebe Dich und bin immer bei Dir.“ Dann packte sich Benny noch ein wenig Obst, Snacks und Getränke in seine Tasche und begab sich auch schon zur Tür. Julia drückte ihn ganz fest, küsste ihn und sagte dann noch: „Du hast dich gut vorbereitet und du wirst es schaffen!“ Wenige Minuten nach 8:00 Uhr war er in der Uni. Um 9:00 Uhr begann die Prüfung und er musste sich ja noch registrieren lassen. Dann fand er sich pünktlich vor dem Prüfungsraum ein, wo sich schon fast alle „Prüflinge“ eingefunden hatten. Nach dem Einlass steuerte er auf seinen Platz zu, stellte sich eine Getränkeflasche zurecht und legte seinen Pausensnack für den Hunger zwischendurch ab. Dann brachte er seine Tasche zur Ablage auf einem Tisch an der Wand. Mehr brauchte er nicht, denn Stifte, Radiergummi, ein Aufgabenheft, eine Bildbeilage inklusive der Laborparameter-Tabellen und einen Antwortbogen wurden gestellt. Sein Name, die Prüfungsnummer und die Auflagenkennung standen auf dem Antwortbogen. Und nun konnte es losgehen. Die 320 Fragen der schriftlichen Prüfung waren auf die 3 Tage verteilt, sodass an jedem Tag ca. 106 Fragen zu beantworten waren. Für jede Antwort blieben ihm somit knappe 3 Minuten. Benny begann, die Fragen der Reihe nach zu beantworten. Wenn er sich nicht sicher war, verschob er die Frage, um die Zeit nicht zu verlieren. Er hatte das Richtige gepaukt. Die Fragen entsprachen seinen Vorstellungen und so hatte er bis zur Pause schon mehr als die Hälfte beantwortet. Bei unsicheren Antworten notierte er seine Antworten in das Prüfungsheft, dass er ja nach Abschluss der Prüfung mit nach Hause nehmen konnte. So konnte er das noch einmal nachvollziehen. Eine halbe Stunde vor Ablauf der Prüfungszeit war er fertig. Er gab seinen Antwortbogen ab, lehnte sich ruhig zurück und ging in Gedanken die Fragen noch einmal durch. Dann war Schluss. Nachdem alle Antwortbögen abgegeben waren, ging er zu seiner Tasche, packte seine leere Getränkeflasche ein und schon war er draußen. Er war nicht der Typ, der sich mit anderen über den Prüfungsverlauf austauschte. Am Uni-Tor wartete Julia äußerst ungeduldig. „Und, wie ist es gelaufen?“ Benny tat besonders cool und blickte verlegen zu Boden, bevor es aus ihm heraus sprudelte: „Ich denke, es war gut. Ich bin zufrieden.“ Julia fiel ihm um den Hals und küsste ihn. „Ich freue mich für Dich.“ Dann gingen sie Hand in Hand nach Hause. Der erste Prüfungstag lag hinter ihm. Ähnlich verlief der 2. Prüfungstag. Auch in diesem Themenkomplex lagen ihm die Fragen. Die Prüfung fand seinerseits ohne große Nervosität statt und so konnte er nach fünf Stunden seinen Bleistift mit einem beruhigenden Gefühl zur Seite legen. Auch an diesem Tag wartete Julia sehnsüchtig am Uni-Eingang und sie gingen nach einer innigen Begrüßung und der ersten kurzen Auswertung des Tages gut gestimmt nach Hause. Am 3. Tag hatte Benny unruhig geschlafen. Ihm war klar, dass die heutige Prüfung ein Meilenstein bei seinem Studium der Medizin sein konnte. In seinen Träumen wendete er sich den offen stehenden Bereichen der Medizin zu und versuchte, die vorkommenden Fragen zu erahnen. Als dann endlich sein Wecker die Nacht endgültig beendete, wusste er nicht, ob er sich darüber freuen sollte, dass der Albtraum ein Ende hatte oder traurig, weil er noch recht müde war. Mit langsamen Schritten schlenderte er ins Bad, formte mit seinen Händen eine große Schüssel und ließ dass kalte Wasser hineinlaufen, um es sich mit großem Schwung ins Gesicht zu schütten. Nun war er wirklich wach. „Julia?“, rief er ins Schlafzimmer. „Du kannst jetzt ins Bad, ich mache inzwischen Frühstück.“ Langsam öffnete sich die Schlafzimmertür und er sah in ein müdes Gesicht. „Ich glaube, ich brauche heute länger. Die Nacht war sehr durchwachsen. Ich habe totalen Unsinn geträumt.“ Nun musste Benny doch lachen. „Ich auch, wir sollten heute einen starken Kaffee zum Frühstück bevorzugen.“ Dann ging Benny in die Küche und Julia schloss die Tür zum Bad hinter sich. Eine ganze Weile später erschien sie mit einem lächelnden Gesicht in der Küche und ging zielstrebig zu ihrem Stuhl. „So, nun bin ich auch fit.“ Da die Zeit mittlerweile fortgeschritten war, musste Benny zügig frühstücken und sich auf den Weg zur Uni machen, wollte er seinen 3. Prüfungsteil nicht verpassen. Eine kurze Verabschiedung und schon war er auf dem Weg. Pünktlich nahmen die Studenten ihre Plätze ein und zum 3. Mal lief das bekannte Prozedere ab. Beim Überschlagen des Antwortbogens war er allerdings leicht geschockt. Gleich bei den ersten Fragen traute er seinen Augen kaum. Ausgerechnet die Infektiologie, ein Thema, wo er annahm, dass es hier nur peripher berührt würde, umfasste 20 Fragen. Er hatte sich damit auch befasst, aber nicht so gründlich wie in den anderen Bereichen. Nach kurzer Denkpause entschloss er sich, den altbewährten Weg einzuschlagen. Erst die Themen beantworten, bei denen er zügig vorankommt und zum Schluss versuchen, den Rest zu lösen. Zur Pause hatte er schon mehr als die Hälfte beantwortet und als er sich vorsichtig umsah, bemerkte er, dass die meisten Mitstreiter ein sorgenvolles Gesicht zeigten. Er war mit dem Problem wohl nicht allein. Dann ging es zügig weiter. Heute werde ich es bestimmt nicht schaffen, wollte er sich gerade einreden, als ihm ein rettender Einfall kam. Er versuchte sich auf die Vorlesungen der Infektiologie zu erinnern und an das, was die Dozentin damals an der elektronischen Tafel in Stichpunkten notierte. Das half aber auch nicht. Sein Langzeitgedächtnis war wohl doch nicht so stark ausgeprägt. Benny war ärgerlich über diese Schwäche. Dann versuchte er sich an die Arbeitsgänge in der Klinik zu erinnern. Das war es. Stück für Stück kamen ihm die Erinnerungen an die Tätigkeiten beim Umgang mit den Patienten. Seine Fragen konnte er damit nicht alle aufs Beste beantworten aber es sollte in der Gesamtheit sicher reichen. Zum Schluss notierte er sich wieder seine Antworten und war diesmal einer der Letzten, die den Antwortbogen zur Seite legten und die offizielle Beendigung der Prüfung erwarteten. Nachdem er seine Tasche gepackt hatte und langsam den Raum verlassen wollte sprach ihn einer der anwesenden Dozenten an. „Sie sahen heute aber sehr nachdenklich aus, Herr Kastner. Gab es Probleme?“ „Nein, nein, Herr Professor. Aber ich habe heute wieder viel hinzugelernt.“ „Sieh an, Sie lernen sogar in der Prüfung dazu.“ „Die theoretische Basis ist sehr wichtig, aber entscheidend können die praktischen Erfahrungen sein.“ Lächelnd grüßte er den Professor zum Abschied und verließ mit erhobenem Kopf den Prüfungsraum. Mit zielstrebigem Schritt ging er zum Ausgang des Universitätsgeländes, wo ihn Julia auch heute sehnsüchtig erwartete. Schon von weitem erkannte sie an seinem Gesichtsausdruck, wie es gelaufen war. Nach einer kurzen Begrüßung begann er sofort, ihr den Verlauf des Prüfungstages zu berichten. In einer kurzen Pause unterbrach sie ihn mit einer einfachen Frage: „Wohin gehen wir jetzt essen und feiern?“ „Gleich um die Ecke hat ein neuer Italiener aufgemacht. Hast Du Lust?“ Sie nickte eifrig und schmiegte sich an seinen Arm. Kurz darauf bogen sie um die Ecke und sahen das neue Schild der Pizzeria leuchten. In der mäßig besuchten Gaststätte suchten sie sich in einer Fensterecke einen freien Tisch. Kaum das sie saßen, steuerte der aufmerksame italienische Ober zielstrebig auf ihren Tisch zu. Nach einer italienischen Begrüßung, der Ober begrüßte sie, als ob sie schon jahrelang Stammkunden wären, gingen sie zur Bestellung über. Benny hatte heute große Lust, mal richtig exzellent zu speisen. So bestellte er als Erstes je zwei Glas Weißwein und Wasser und dann steckten sie ihre Köpfe in die stilvoll eingerichtete Speisekarte. Nachdem sie die Karte mehrmals vor- und wieder zurückgeblättert hatten stand ihr Wunsch fest. Benny rief den Kellner, was nicht notwendig war, denn der hatte bereits vernommen, dass sie mit der Auswahl fertig waren: „Herr Ober, wir hätten gern zweimal als Vorspeise den Rucolasalat mit Cherrytomaten und Parmesan, für den Hauptgang möchten wir die Pesce Misto (Gemischte Fischplatte vom Grill) und als Abschluss dann zwei Tartufo Eis con Baileys (Schokoladen-Trüffeleis in Baileys getränkt).“ Der Ober nahm die Bestellung gern an und begab sich, nachdem er eine kleine Verbeugung gemacht hatte mit der Bemerkung: „Eine gute Auswahl, aber einen Moment wird es dauern.“, sofort in Richtung Küche. „Ist schon recht“, antwortete Benny höflich. Julia und Benny nahmen ihr Glas Wein, dass ein weiterer Angestellter inzwischen am Tisch serviert hatte, und prosteten sich liebevoll zu. Nun lehnten sie sich entspannt zurück und genossen für ein paar Augenblicke das Ambiente und die Atmosphäre im neu eröffneten Lokal. „So früh am Nachmittag schon im Lokal? Benny blickte sich überraschend um und staunte nicht schlecht. Hinter ihm standen Malte und Jana. -------------------- 17. Kapitel: Janas Geschichte -------------------- Janas Ausbildungszeit ging ihrem Ende entgegen. Nach drei Jahren stand sie endlich vor der letzten Prüfung. Nach ihrer Trennung von Benny hatte sie in einem Zimmer im Klinikum gewohnt. Ihre Unternehmungen in der Freizeit waren immer weniger geworden. Sie nutzte jede freie Minute, sich auf die Prüfung vorzubereiten. Dann war es endlich so weit und sie stand vor der Prüfungskommission, die ihr Wissen in den Pflegevoraussetzungen und in der Hygiene prüften. Die Prüfung schien kein Ende zu nehmen. Bei jeder beantworteten Frage hatte sie den Gedanken im Kopf, das es doch bestimmt aussagekräftig genug war, sodass sie sich ein abschließendes Bild von ihrem fachlichem Wissen machen konnten. Doch erst, als ihr Unterbewusstsein diese Gedanken nicht mehr betonte, war es endlich auch so weit. „Vielen Dank, Frau Eger. Bitte warten Sie draußen. Wir werden ihre Leistungen kurz besprechen und Sie dann wieder hereinbitten.“ Jana drehte sich langsam um und ging zur Tür. Draußen setzte sie sich auf einen der auf dem Gang befindlichen Stühle. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. War ihre Leistung so schlecht, oder warum dauerte es so lang? Ihr Zeitempfinden war relativ, denn nach kurzer Wartezeit öffnete sich die Tür wieder: „Bitte, Frau Eger, würden Sie noch einmal in den Prüfungsraum kommen?“ Eine freundliche Mitarbeiterin der Prüfungskommission bat sie vor die Kommission. Dann übernahm die Vorsitzende das Wort: „Sie haben es uns mit Ihrer Leistung nicht einfach gemacht, aber wir haben uns gern dazu entschieden, ihre mündliche Prüfung mit dem Prädikat ‚Sehr gut‘ zu bewerten. Wir gratulieren Ihnen zum bestandenen Examen. Ihr schriftliches Zeugnis erhalten Sie am Tag der feierlichen Übergabe.“ Jana viel ein großer Stein vom Herzen, sie bedankte sich freundlich und ging mit schnellen Schritten zur Tür. Vor der Tür und auch vor der Schule wartete aber niemand auf sie. Sie wischte sich vorsichtig die Tränen der Freude und des Leids aus den Augen, damit die anderen Absolventen des Examens diese nicht sehen. In diesem Moment der Einsamkeit beschloss sie, diesen Zustand zu beenden und dachte dabei besonders an Malte, den sie in den vergangenen Monaten ein paar mal getroffen hatte, aber das war auch schon alles. Am Abend, sie hatte sich gerade ein Glas Wein eingegossen und wollte den freudigen Anlass feiern, als ihr Telefon lautstark um Aufmerksamkeit bat. „Eger.“ „Hallo Jana, ich bin’s , Malte. Hast Du am Samstagabend schon etwas vor?“ „Hallo Malte, leider ja. Was wolltest Du denn mit mir unternehmen?“ „Eigentlich nichts Besonderes. Vielleicht könnten wir essen gehen?“ „Das geht leider nicht, aber vielleicht willst Du mich ja begleiten? Am Samstag ist die feierliche Zeugnisübergabe und anschließend gibt es ein kaltes Büfett und natürlich geht es dann mit Tanz weiter.“ „Aber gern, entschuldige, ich hatte ganz vergessen, nach Deinem Prüfungsausgang zu fragen.“ „Schon gut, wir reden leider zu wenig miteinander. Ich bin sehr glücklich über mein gutes Ergebnis.“ Dann verabredeten sie sich und Jana war sehr glücklich, dass der Tag noch einen so guten Abschluss hatte. Der Samstagabend versprach dann das, was Jana von ihm erhofft hatte. Sie war bei der Überreichung der Examensurkunde als eine der Besten ihres Jahrgangs ausgezeichnet worden und hatte somit alle Gründe, einen fröhlichen Abend zu haben. Dieser Abend war dann der Beginn ihrer Beziehung und führte dazu, dass Jana nach einigen Wochen doch noch zu Malte zog. Seitdem war viel Zeit vergangen und sie planten neben einer Hochzeit auch den schon lange von Jana gehegten Wunsch nach einem Kind zu verwirklichen. -------------------- 18. Kapitel: Das Ziel vor den Augen -------------------- Benny hatte sich so auf einen schönen Abend nur mit Julia gefreut, aber die Frage von Malte, ob sie sich am Tisch hinzusetzen dürfen, wollte und konnte er nicht verneinen. „Aber ja doch, schön Euch mal wieder zu sehen.“ Nachdem Benny Julia und auch Jana und Malte gegenseitig vorgestellt hatte konnte er sich neben der Antwort auf Maltes Frage eine Gegenfrage nicht verkneifen: „Ich habe gerade mein Hammerexamen absolviert, das ist für uns ein schöner Grund und was treibt Euch um diese Zeit in ein Restaurant?“ Jetzt übernahm Jana die Beantwortung der gestellten Frage mit einem freudigen Leuchten in den Augen. „Unseren herzlichen Glückwunsch, Benny, aber das sollte für Dich doch nur eine kleine Anstrengung gewesen sein.“ Benny schaute verlegen drein, aber Jana fuhr schon weiter fort: „Wir werden uns heute und hier verloben.“ Das war aber ein Paukenschlag. Julia und Benny gratulierten den beiden für diese Entscheidung, wobei Julia Jana zwei Wangenküsse gab, als ob sie beste Freundinnen wären. Benny rief erst einmal den Kellner. Der stand schon auf Abruf, wollte aber die Begrüßung nicht stören. Benny bestellte eine Flasche Sekt und vier Gläser während Malte ganz stolz ein kleines Schmuckkästchen aus der Tasche zog. Jana zeigte dann ganz stolz die beiden Ringe, die mit dem Vornamen des Partners und dem aktuellen Tagesdatum graviert waren. Nachdem Jana und Malte auch noch ein 3-Gänge-Menü bestellt hatten, kamen sie auf die alten Zeiten zu sprechen. So erfuhren beide Seiten was in den vergangenen Monaten geschehen war. Das schon bald servierte schmackhafte Essen geriet durch den überraschenden Besuch in den Hintergrund. Es schmeckte allen vorzüglich, aber keiner hätte anschließend sagen können, was das Beste am Menü war. Nach dem Essen wurde es dann feierlich. Die beiden Turteltauben versprachen sich die ewige Liebe und Treue und die Ringe wurden getauscht. Beiden Frauen standen dabei die Tränen in den Augen. Nach den üblichen Gratulationen konnte sich Benny eine bewundernde Bemerkung an Malte nicht verkneifen: „Ich hätte nicht gedacht, dass Du so romantisch sein kannst.“ „Hatte ich Dir nicht gesagt, dass Du so manches nicht weißt?“, konterte Malte und alle fingen an zu lachen. Die anschließende spontane Feier fand aber nicht in der Pizzeria statt. Dazu hatten Jana und Malte spontan die Beiden anschließend zu sich in ihre gemeinsame Wohnung eingeladen. Dieser Überraschungseinladung folgten sie gern. Dann saßen sie in einer modern eingerichteten Wohnung und Malte bemühte sich eine Flasche Sekt zu öffnen, ohne dabei einen Tropfen des edlen Getränks auf den Tisch oder Boden zu spritzen. Dies und das Füllen der Gläser gelang ihm natürlich vorzüglich. Jana erhob ihr Glas und prostete zuerst ihrem Verlobten und dann Julia und Benny zu. „Auf meinen Verlobten und auf uns.“ Nun gab es einen feuchtfröhlichen Abend und natürlich wurde viel geredet. Benny freute sich besonders, dass es nach der Trennung von Jana wieder möglich war, gut gelaunt gemeinsam am Tisch zu sitzen und zu feiern. Am fortgeschrittenen Abend verabschiedeten sich Julia und Benny mit einem herzlichen Dankeschön für den gelungenen Abend und einem Versprechen, sich bald wieder für ein geselliges Zusammensein zu treffen. Nach der überraschenden Feier mit Jana und Malte hatte sie recht schnell der Alltag wieder ein. Julia ging ihrem normalen Klinikalltag in der Kinderabteilung nach und für Benny begann einer Woche später die letzte Etappe des Studiums, sein praktisches Jahr mit anschließender zweitägiger Prüfung. Er hatte sich bezüglich seiner drei Pflichtabschnitte für Einsätze in der Chirurgie, der Geriatrie und der Notaufnahme entschieden. So nahm er am täglichen Geschehen in den Abteilungen und besonders in den Patientenzimmern teil. Er führte Erstuntersuchungen durch und war bei vielen Operationen dabei, wobei er oft die Möglichkeit erhielt, sein Können zuerst bei kleineren und später bei komplexeren Eingriffen nachzuweisen. Sein großer Einsatz während des gesamten Studiums hatte sich schon längst bewährt. Das erlernte Wissen in den vielen Bereichen der Medizin konnte er in der praktischen Arbeit täglich anwenden und auch erweitern. Benny hatte sich im Laufe dieses Jahres in der Chirurgie zu einem verlässlichen Partner der Ärzte und des Pflegepersonals entwickelt und so kam es nicht selten vor, dass er unter Kontrolle der verantwortlichen Ärzte komplizierte Eingriffe vornehmen durfte und sich dabei enorm weiter entwickelte. Die Zeit war vergangen und so nahm er an einem sonnigen Morgen bei seinem letzten Abschnitt, der Notaufnahme, die Arbeit auf. Bewältigt hatte er schon seit längeren Zeiten die quälenden Erinnerungen an seinen Krankenhausaufenthalt, als er sich mit vierzehn Jahren nach dem tödlichen Unfall seiner Eltern in der Notaufnahme und anschließend in der Intensivstation der Klinik behandelt wurde. Die erste Woche durfte er in der Notfallambulanz des Krankenhauses seinen Dienst antreten. Er war den diensthabenden Ärzten behilflich und stand den vielen Patienten bei der Erstbehandlung in der Notaufnahme zur Seite. In der letzten Woche seiner praktischen Zeit in der Notaufnahme war er für einen Einsatz in einem Notarztwagen eingeteilt worden. Wie an jedem Tag erschien er pünktlich in der Klinik und begab sich zur Umkleide. Seine Dienstkleidung war schnell angezogen und er begab sich zum Aufenthaltsraum in der Notaufnahme. Kaum dass er sich einen Kaffee nehmen und zu den anderen Kollegen setzen wollte, war die Ruhe auch schon vorbei. Fast gleichzeitig ertönten ihre elektronischen Melder in den Taschen der Kittel, Hemden bzw. Shirts. Dann ging alles wie so oft schon durchgeführt sehr schnell. Die Mitarbeiter sprangen auf, liefen zu ihrem Einsatzwagen, die elektrische Tür öffnete sich und sie waren auf dem Weg zum Einsatzort. Nähere Informationen erhielten sie während der Fahrt von der Leitstelle. Sie wurden zu einem Auffahrunfall auf der Autobahn gerufen. Nur mühsam hatten sie sich durch den dichten Verkehr der Innenstadt den Weg gebahnt. Das sah auf der Autobahn wegen der nur teilweise gut funktionierenden Rettungsgassen auch schwierig. Dann sahen sie das ganze Ausmaß des Unfalls. Die Polizei und weitere Rettungswagen waren bereits vor Ort. Ein verantwortlicher Einsatzleiter gab ihnen erste Anweisungen, welche, der teils schwer verletzten Patienten, sofort ärztlicher Hilfe bedürfen. Benny hatte seinen Einsatzkoffer in der Hand und sprang, kaum dass sie gehalten hatten, aus dem Wagen und lief auf einen schwer beschädigten Pkw zu. Die Sanitäter waren dicht hinter ihm. Ein grüner Kombi war durch den starken Aufprall auf einen Lkw derart zerstört, dass man denken könnte, in diesem Fahrzeug kann kaum jemand überlebt haben. Doch weit gefehlt. Die beiden Insassen hatten durch die Airbags nicht den harten Aufprall erfahren müssen. Dann ging alles, wie so oft geübt, sehr schnell. Jeder kannte seine Aufgaben und so wurden die Verletzten zügig versorgt. Eine junge Frau wurde dann mit dem Hubschrauber sofort zum nächsten Krankenhaus geflogen. Plötzlich wurde Benny von einem älteren Mann angesprochen, der mit leichten Verletzungen am Kopf und an den Armen am Autobahnrand saß: „Sind sie Benny?“ „Ja, aber woher kennen Sie mich?“ „Ich habe mich an ihre roten Haare und die vielen Locken erinnert. Damals hatte ich meine Frau im Krankenhaus am Rande der Stadt besucht und Sie waren noch sehr jung und hatten dort wohl ein Praktikum.“ „Ja, aber das ist doch schon ewig her. Wie können Sie sich denn daran noch erinnern?“ „Nun, manche Erinnerungen erscheinen wie eben geschehen und andere sind für immer weg.“ Dabei lächelte der alte Mann verschmitzt. Benny versorgte die Wunden des Herrn noch schnell und ließ sich, da sie keine weitere Zeit mehr hatten und noch andere Verwundete auf Hilfe warteten die Adresse durch einen Sanitäter notieren. „Alles Gute Herr ..„ „Schubert.“, antwortete dieser leise. „Ich werde mich bald bei Ihnen melden, Herr Schubert“, versprach Benny noch und sein Team zog zum nächsten Patienten. Erst am frühen Nachmittag hatten sie alle Verwundeten versorgt und fuhren wieder zum Standort zurück. Während der Fahrt musste Benny viel an den alten Herrn und seine Erlebnisse von damals denken. Zu Hause erzählte er Julia von seiner Begegnung während des Einsatzes auf der Autobahn und von seiner Praktika-Zeit im Klinikum am Rande der Stadt. „Das hast du ja in jungen Jahren schon einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, scherzte Julia. Dann schlug Julia vor, das ältere Paar demnächst unbedingt zu besuchen, was Benny gern bestätigte: “Das wollte ich auch gerade vorschlagen.“ Zum Abschluss des praktischen Jahrs hatte Benny den ersten Teil der zweitägigen Prüfung in der Uni schon hinter sich gebracht. Nun stand die praktische Prüfung in der Klinik noch bevor. „Herr Kastner, bitte.“ Die Stationsschwester der chirurgischen Abteilung der Universitätsklinik rief Benny zur mündlichen Prüfung in den Prüfungsraum. Benny hatte sich dem Dresscode entsprechend in einen Anzug gedrängt. Natürlich mit weißem Hemd und Krawatte, wie es der prüfende Professor gern sieht. Den weißen Kittel hatte Julia besonders vorsichtig gebügelt und so war er schon rein optisch gut auf die Prüfung vorbereitet. Nachdem die Schwester ihm noch ein paar kurze Verhaltensregeln zu getuschelt hatte, gingen sie zu dem schon wartenden Personenkreis der Visite. Neben ihm waren noch zwei weitere Prüflinge und eine Sekretärin des Büros des Professors für die Dokumentation der Prüfung dabei. Dann begann streng nach Visiten-Plan der Gang durch die Patientenzimmer, wobei die Fragestellung des Professors an die Studenten im Allgemeinen immer so gerichtet war, dass es mehrere Möglichkeiten des Befundes oder der durchzuführenden Behandlungen gab. Bei den Fragen zu Beschwerden der Patienten erwartete der Professor von den Examensprüflingen eventuelle Behandlungsmöglichkeiten oder Vorschläge, wie man die genaue Ursache für Beschwerden ergründen kann. An Benny wandte sich der Professor bei einem Gallenproblem und wollte genau erklärt haben, wie er jetzt vorgehen würde. Bennys Vorschläge, wie er die Gallensteine entfernen würde, kamen beim Professor gut an. Bei einem anderen Prüfling konnte sich der Professor nach dessen Antwort mit seiner Bemerkung: “Ich gehe davon aus, dass es dem Patienten jetzt viel schlechter gehen wird.“, nicht zurückhalten. So lief die Prüfung in ca. vier Stunden ab. Benny war nur einmal ins Stocken geraten, hatte aber dann die richtigen Antworten parat. Zum Abschluss der Prüfung gab es noch die Erklärung, dass die Prüfungsaussagen noch ausgewertet und als gemeinsames Ergebnis aus beiden Prüfungstagen und der Diplomarbeit in zwei Tagen verkündet werden. Benny holte tief Luft, lockerte seine Krawatte und ging bedächtig in den Umkleideraum. Nachdem er sich wieder „normal“ angezogen hatte, machte er sich zielstrebig auf den Weg, das Universitätsklinikums zu verlassen. Vor dem Haupteingang wartete Julia schon ungeduldig. Mit fragendem Blick sah sie ihn an. „Und, wie ist es gelaufen?“ „Ich denke, ganz gut. Das Ergebnis gibt es in zwei Tagen.“ Dann hakte sie sich bei ihm unter und sie schlenderten langsam, aber zufrieden wie ein älteres Ehepaar nach Hause. -------------------- 19. Kapitel: Bei Schuberts -------------------- Die Kaffeemaschine in der Küche war im Wohnzimmer nur leise bei ihrer gewichtigen Tätigkeit zu hören. Frau Schubert deckte den Kaffeetisch in gewohnter Gründlichkeit. All zu oft kam es nicht mehr vor, dass sie Besuch empfangen konnten. Eine weiße Tischdecke mit farbigen Blumen an den Rändern war die Grundlage eines einladenden Ambientes. Heute sollte alles besonders freundlich aussehen. Aus der Küche roch es nach frisch gebackenen Pflaumenkuchen. Der Hausherr war gerade dabei, den Kuchen zu handlichen Stücken zuzuschneiden und auf einem bunten Glasteller zu platzieren, als die Klingel den erwarteten Besuch ankündigte. Nach dem überraschenden Treffen von Benny beim Notfalleinsatz auf der Autobahn mit Herrn Schubert und seinem Versprechen, sich ganz sicher in der nächsten Zeit zu melden, hatte sich Benny mit Julia kurz darüber abgestimmt und Julia dann auch gleich mit Frau Schubert einen Besuchstermin verabredet. „Schubert“, sprach sie leise in die Wechselsprechanlage. „Guten Tag, hier ist Benny Kastner.“ „Bitte nehmen Sie den Fahrstuhl bis zur 7. Etage, Herr Kastner. Mein Mann holt Sie ab.“ Julia und Benny stiegen in den Fahrstuhl und schon bald ruckelte sich dieser mühevoll nach oben. Als sich die Tür öffnete, sahen sie in das lächelnde Gesicht des alten Mannes. „Ich freue mich, dass Sie es in so kurzer Zeit ermöglichen konnten, uns zu besuchen.“ „Nachdem Sie sich nach so langer Zeit noch an mich erinnern konnten, wollte meine Partnerin Sie unbedingt kennen lernen.“ Nach der kurzen Vorstellung führte sie Herr Schubert auf einen Nebengang, an deren Ende schon seine Frau in der offenen Tür stand. „Bitte kommen Sie doch herein.“ Dabei reichte sie Julia und Benny mit einem Lächeln die Hand und öffnete die Tür ein weiteres Stück. Die beiden Gäste betraten einen breiten Flur, den sie in diesem Mietshaus so nicht erwartet hätten. Und auch beim Weitergehen ins Wohnzimmer bewunderten sie die stilvollen alten Möbel. Nur die Couch und ein dazu gehöriger Sessel passten nicht in die Zeit der anderen Möbel. Die alten Möbel waren wohl im Laufe der Zeit doch zu sehr abgesessen gewesen und mussten den neuen, in beige gehaltenen Sitzmöbeln Platz machen. Die Gastgeberin bot ihnen Plätze auf der Couch an. Ihr Mann setzte sich auf den Sessel. Schon beim Eintreten hatten sie den angenehmen Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Pflaumenkuchen bemerkt. Als sich die Hausfrau kurz in die Küche verabschieden wollte, bot Julia, schon im Aufstehen, ihre Hilfe an. „Aber gern.“, erwiderte die alte Dame und schon waren beide in der Küche verschwunden. Herr Schubert begann die Unterhaltung mit der, ihn sehr interessierenden, Frage, warum er damals in noch so jungen Jahren schon einen derart festen Berufswunsch hatte. Kaum, dass Benny auf diese Frage eingehen konnte, öffnete sich die Wohnzimmertür wieder und die beiden Frauen erschienen mit einer Porzellankanne und einem großen Teller mit dem selbst gebackenem Pflaumenkuchen. Nachdem sie alle Platz genommen hatten, wobei Frau Schubert an Julias Seite auf der Couch Platz nahm, wurde der Kaffee eingegossen und der wohl riechende Kuchen auf die schön verzierten Glasteller aufgetragen. Nun wollte auch Frau Schubert ein wenig über die Umstände von damals erfahren. Benny begann zu erzählen. Über seine Kindheit und dann über die Urlaubsfahrt in den Allgäu. Zwischendurch trennte er sich ein Stück von seinem Pflaumenkuchen ab und schob den Kuchen mit der Gabel genussvoll in den Mund. Besonders aufmerksam wurde Herr Schubert, als Benny von seinem Praktikum erzählte und warum er es damals beim Besteigen und Verlassens des Busses so eilig hatte. Benny erzählte ein wenig von seiner Schulzeit und vom bisherigen Studium. Julia berichtete dann, nachdem ihr der Kaffee nach geschenkt wurde, wie sie sich kennen gelernt hatten und was sie sich für die Zukunft vorstellten. Frau Schubert hatte kurz von ihrem Aufenthalt im Krankenhaus berichtet und was sie danach alles in ihrem Leben umgestellt hatte. Dabei wirkte sie ein wenig stolz, dass es ihnen im fortgeschrittenen Alter gut geht und was sie alles unternehmen. Der Nachmittag war schon sehr weit fortgeschritten, als sich die Beiden von ihren Gastgebern verabschiedeten. Alle waren über den geglückten Nachmittag zufrieden und während Julia und Benny im Fahrstuhl standen, stellte Frau Schubert mit einem zufriedenen Blick in Richtung ihres Mannes abschließend fest: „Die Zwei sind ein hübsches und glückliches Paar.“ -------------------- 20. Kapitel: Der Abschluß -------------------- Bennys Studienzeit ging mit schnellen Schritten seinem Ende entgegen. Nur noch wenige Tage, die er wie gewöhnlich in der Notaufnahme seinen Dienst versah, standen vor ihm. Dann waren die Prüfungsergebnisse dokumentiert und er hatte endlich die Bestätigung in den Händen. Das, wovon er schon lange ausging, stand vor ihm geschrieben: ‚BESTANDEN.‘ Er war über den Verlauf der letzten Wochen zufrieden. Nun brauchte er nur noch die Approbation beantragen und seinem Ziel, die Tätigkeit als Doktor aufzunehmen, stand nichts mehr im Wege. Wenige Wochen nach der Beantragung hatte er die Urkunde in Händen. Er meldete sich bei der Ärztekammer an und trat dem Ärzteversorgungswerk bei. Er hatte es geschafft. Er war Arzt. Mit Tränen in den Augen dachte er in dieser Sekunde an seine Eltern. Die letzte Hürde war nur noch die Verteidigung seiner während des Studiums geschriebenen Doktorarbeit. Diese Doktorarbeit befasste sich natürlich mit einem Thema der Notfallmedizin. Der leitende Arzt der Intensivstation sagte ihm auf seine Anfrage gern zu, ihn als Doktorvater bei diesem Schritt zu begleiten. Seine Arbeit über neun Monate in dessen Abteilung half ihm dabei natürlich auch. Benny arbeitete seitdem er das Studium abgeschlossen hatte in der Chirurgie und bereitete sich konzentriert auf seine Verteidigung der Arbeit vor. Julia war ihm dabei natürlich eine große Hilfe. Nach einigen Monaten war es dann endlich so weit. Der Termin für die Verteidigung stand vor der Tür und Benny warf sich in seinen besten Anzug. „Alles in Ordnung?“, fragte Julia am Frühstückstisch und sah, dass Benny stark in Gedanken versunken war. „Ja, ich gehe nur noch einmal wesentliche Stellen meiner Arbeit durch.“ „Du musst Dir keine große Sorgen machen.“, versuchte sie ihn zu beruhigen. „Du bist gut und bisher ist Dir doch immer im richtigen Moment alles eingefallen.“ Benny lächelte und trank seinen Kaffee langsam aus. Dann zog er die Anzugjacke über, blickte kurz in den Spiegel, nahm seine Tasche und ging zur Tür. Dort stand Julia schon für den Abschiedskuss bereit. „Alles Gute, toi, toi, toi.“ Dann gab sie ihm einen dicken Kuss und Benny ging, die Tür hinter sich ran ziehend, zu dem wichtigsten Termin seiner Ausbildung. Normaler Weise wäre sie jetzt mit ihm gemeinsam zur Arbeit gegangen, aber sie wusste, dass er jetzt allein sein wollte. So entschied sie sich, einen Augenblick später aufzubrechen. Wenn sie wieder nach Hause kommen würde, hätte er die Verteidigung hinter sich und würde sie sicher mit einem Lächeln an der Tür begrüßen. Den Weg nach Hause ging Julia heute besonders schnell. Die wenigen Stufen bis vor die Wohnungstür flog sie förmlich hinauf. Sie hatte angenommen, dass Benny nun strahlend öffnen und ihr die Neuigkeiten berichten würde. Aber niemand war da. Unruhig suchte sie ihren Schlüssel in der Tasche. Das Öffnen der Tür war ihr schon leichter gefallen. „Benny!“, rief sie aufgeregt in den Flur, aber es antwortete niemand. Was war geschehen? Ist Benny vielleicht mit Kollegen feiern gegangen, aber das passte nicht zu ihm. Schnell verdrängte sie diesen Gedanken. Irgend etwas musste geschehen sein. Dann riss sie das Telefon aus ihren Zweifeln. Ob das Benny ist? Schon war sie am Telefon, wo sich eine unbekannte Stimme meldete. „Hallo Frau Dr. Hansen, ich bin Schwester Beate aus der Notaufnahme. Dr. Kastner hat hier noch bei einem Notfall helfen müssen und mich gebeten, Sie zu informieren.“ „Danke, geht es ihm gut?“ „Aber ja, er müsste auch bald bei Ihnen zu Hause sein und Ihnen dann sicher alles erzählen.“ „Vielen Dank für die Nachricht.“ „Aber gern doch, tschüss.“ „Tschüss.“ Langsam erholte sich Julia von diesem Schreck und dann hörte sie auch schon einen Krankentransporter vorm Haus halten. Benny stieg aus, grüßte den Fahrer noch und ging ins Haus. Seine Krawatte hatte er abgebunden und in die Jackentasche gesteckt. Aber das war nicht alles. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Hose am rechten Knie zerrissen war und er ein wenig abgehangen aussah. Vor der Wohnungstür wartete Julia sehnsüchtig auf ihn und war über sein Aussehen total erschrocken. Das hatte sie am Fenster nicht gesehen, war sie doch froh, dass er endlich kommt. Ohne Worte fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn dann sehr lange, bis er sich langsam von ihr lösen konnte. „Ich freue mich auch, Dich zu sehen, lass uns hinein gehen.“ „Aber ja, herzlich willkommen, Dr. Kastner.“ Überrascht, dass Julia das Ergebnis seiner Verteidigung schon wusste, betrat er die Wohnung. „Woher weißt Du das mit dem Dr.- Titel?“ „Die freundliche Krankenschwester, die mich informiert hat, sprach von einem Dr. Kastner.“ Nun konnte auch Benny lächeln. Er hängte seine Jacke in die Garderobe und begann langsam, von den Geschehnissen des Tages zu berichten. Von seiner Verteidigung der Doktorarbeit, die ihm trotz anfänglicher Nervosität sehr gut gelungen war. Als er dann, überglücklich über diesen Erfolg, schon auf dem Weg nach Hause war, wurde er Zeuge eines schweren Verkehrsunfalls. „Zwei Kinder waren mit dem Fahrrad unterwegs und beim unaufmerksamen Fahren hatten sie eine abbiegende Straße nicht beachtet und dabei wurde einer von ihnen von einem Fahrzeug erfasst und schwer verletzt. Nach der Erstversorgung musste ich ihn zum Krankenhaus begleiten und dort operieren, da der verantwortliche Kollege in einer anderen OP tätig war. Der Junge kommt durch. Und nun möchte ich gern duschen.“ Nun war Julia auch zufrieden und ging in die Küche, während Benny schon beim Gang ins Bad begann, sich auszuziehen. Benny stand unter der Dusche und genoss es, den Stress des Tages abzuspülen, als Julia mit einem Lächeln die Tür des Bades öffnete und fragte: „Möchtest Du auch ein Glas?“ Sie hatte in der einen Hand eine Flasche Sekt und in der anderen zwei Gläser. „Aber ja, es gibt schließlich etwas zu feiern.“ Während Benny weiter duschte, goss sie die Gläser ein und legte auch ihre Kleidung ab. Dann stand sie vor ihm und toastete ihm zu: „Auf den jungen Herrn Doktor und uns.“ „Auf uns.“ Sie tranken einen großen Schluck. Anschließend nahm er die Gläser und stellte sie behutsam zur Seite. Nun zog er sie vorsichtig unter das weiter sprudelnde Wasser und küsste sie am ganzen Körper ohne je aufhören zu wollen. Am nächsten Morgen war Benny zuerst wach. Tief durchatmend sah er zuerst auf den Spiegel am Kleiderschrank, aber er konnte nicht sehen, ob Julia noch schlief. Leise schlug er die Bettdecke zurück und wollte gerade aufstehen als ihn eine warme, weiche Hand daran hinderte. Du wirst doch wohl nicht aufstehen, ohne mir einen Gute-Morgen-Kuss zu geben! „Aber nein, ich dachte nur, du schläfst noch. Meine Gedanken waren nur noch bei einem Thema. Wie wird der heutige Tag ablaufen? Wird alles so ablaufen wie bisher oder wird es Veränderungen geben?“ Mit einem Lächeln und nachdem sie ihn fest an sich herangedrückt hatte, antwortete sie als ob es das natürlichste auf der Welt sei: „Du wirst wie jeden Tag deinen Kittel anziehen und dich bei einer Mitarbeiterin der Notaufnahme informieren, was es Neues gibt. Niemand wird dich an deinen gestrigen Tag erinnern, denn es gibt Patienten, denen schnellstmöglich geholfen werden muss.“ Dann drückte sie ihm einen dicken Kuss auf den Mund und schob ihn zum Bettrand. „Ab ins Bad, Herr Doktor.“ So begann dieser Tag mit einem normalen morgendlichen Ablauf und nach einem ausgiebigen Frühstück machten sich beide für ihren Arbeitstag fertig. Benny verabschiedete sich mit einem gewohnt dicken Kuss und verließ, immer noch leicht beunruhigt, was der Tag wohl bringen würde, wie so oft als Erster das Haus. In der Klinik schien alles wie immer. Er ging sich umziehen und auf dem Weg zur Notfallannahme kamen ihm noch die Sätze von Julia in den Sinn wonach alles normal ablaufen würde. Als er die Tür zur Notfallannahme hinter sich geschlossen hatte, sah er die Bemerkungen von Julia bestätigt. Kaum, dass er von den Mitarbeitern gesehen wurde, kam eine Schwester schon auf ihn zu und er begann sofort, einen neu eingelieferten Patienten zu untersuchen. Dann ordnete er die weiterführenden Untersuchungen an und auch die Einweisung in die entsprechende Abteilung. Er war wieder im normalen Tagesablauf angekommen und die erste Fahrt zu einem Patienten ließ auch nicht lange auf sich warten. Während der Fahrt begann er zu Lächeln. Seine Frau hatte wieder einmal die richtige Ahnung gehabt. So verlief sein erster Tag als Dr. Kastner wie jeder andere Tag auch. Vielen Patienten hatte er helfen können und bis er jetzt zum Feierabend seinen Kittel ausziehen konnte, war er vielen Schwestern, Pflegern und Ärzten begegnet, aber niemand hatte etwas, und sei es auch nur beiläufig, zu seiner bestandenen Prüfung verlautbart. Darüber ein wenig betrübt schnappte er sich seine Tasche, grüßte noch die anwesenden Pfleger und verließ den Aufenthaltsraum. Während des Gangs nach Hause hatte er kaum noch Gedanken an den Tag in der Notaufnahme, sondern er plante den Abend mit Julia. Die Stufen bis zur Wohnung nahm er wie in alten Zeiten schwungvoll und nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte stand auch schon Julia mit einem strahlenden Gesicht vor ihm. Anstatt zu fragen, wie denn sein Tag verlaufen war, begann sie überraschend mit einer von ihm nicht erwarteten Frage: „Hallo mein Schatz, ich habe mir heute Mittag überlegt, was wir am Abend unternehmen könnten. Dabei habe ich dann darüber nachgedacht, ob wir nicht mal wieder in die Pizzeria gehen sollten?“, dabei drückte und küsste sie ihn ganz lieb. „Ja, das würde mir sehr gut gefallen, da mein Arbeitstag auch nicht soll toll war. Ich denke, wir haben ja etwas zu feiern und deshalb hatte ich über einen ähnlichen Vorschlag nachgedacht.“ „Oh ja, dann lass uns so einen schönen Tagesausklang finden. Ich liebe dich.“ „Ich dich auch.“ So hatten sie sich schnell entschieden und nachdem sich beide frisch gemacht und umgezogen hatten, machten sie sich bei bester Laune auf den Weg zum Restaurant. Schon von weitem war zu erkennen, dass die Pizzeria sehr gut besucht war und der Traum von zwei Plätzen an einem Tisch im Freien schien gerade zu platzen, doch als Benny das Gartentor öffnete, sah er den Grund für den außergewöhnlichen Besuch des Gartenrestaurants. Er sah Julia an, lächelte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. An einem großen, extra zusammengestellten Tisch saßen, d.h. standen viele seiner Freunde mit Partnern, Anne und Matthias und ein paar Kollegen aus der Klinik. Er blickte ungläubig zu Julia und hatte nur eine Frage: “Hast du das gewusst?“ „Naja, ich habe es organisiert, dass unsere besten Freunde, Verwandten und einige Kollegen von dir an diesem Tag mit uns gemeinsam feiern. Und nun lass uns erst einmal alle begrüßen.“ „Danke, mein Schatz. Mir fehlen die Worte.“ „Aber gern.“ Mit strahlenden Gesichtern gingen sie auf ihre Gäste zu, begrüßten alle herzlich und Benny wurde gleichzeitig von ihnen herzlich zum Erreichen seines großen Ziels gratuliert. Nachdem dann alle ihren Platz am Tisch wieder eingenommen hatten und jeder ein Getränk in der Hand gehalten hatte, stand Benny auf und versuchte einen kurzen Toast und ein Dankeschön auszusprechen. Da Benny vor lauter Emotionen aber kein klares Wort mehr herausbekam, übernahm Julia kurzerhand die Ansprache: „Wir freuen uns, dass ihr alle unserer Einladung gefolgt seid. Lasst uns gemeinsam einen schönen Abend erleben.“ Mit dem Glas Sekt in der Hand, Benny und auch den Gästen zuprostend: “Herzlichen Glückwunsch Benny und uns allen viel Spaß heute Abend. Prost! Ein schöner Abend hatte begonnen. Alle Gäste waren bester Stimmung. Neben Speisen und Getränken gab es natürlich viele Unterhaltungen und Erinnerungen an viele gemeinsame Erlebnisse mit seinen Freunden oder auch die nicht vergessenen Geschichten der Schul- und Ferienzeiten. Aber auch der weniger schönen Zeiten wurde gedacht und Benny stellte dabei fest, dass sein zeitiges Setzen eines Ziels nicht verkehrt gewesen war. ******************** Am 21.6.2026 um 16:05 von Heimatfreund auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=yiJsF) ********************