Der Sonnenaufgang

Am 19.1.2020 um 21:52 von LaurinJonas auf StoryHub veröffentlicht

„Hey... also irgendwie... naja, es tut mir leid... es war keine Absicht.“

Ihre linke Augenbraue war skeptisch hochgezogen, ihr Blick war starr.

Verunsichert wiederholte Morin: „Es tut... mir leid... wirklich...“

Sie seufzte, verdrehte die Augen und antwortete mit belegter Stimme: „Tut es nicht.“

Kurz spürte er den Drang, sich zu verteidigen, aber eigentlich hatte sie recht. Er war aufrichtig erleichtert.

Vorhin hatte er noch Kopfschmerzen gehabt, wie jeden Tag nach der Arbeit. Die Felder zogen nicht enden wollend an ihm vorbei, umrahmt vom Sonnenaufgang, aber er durfte sie nicht ansehen. Er musste die Straße vor sich fokussieren.

Er hatte sich gewünscht, wieder auf der Rückbank zu sitzen und sich vorstellen zu können, dass seine imaginären Tierfreunde neben dem Auto herliefen, um bei ihm bleiben zu können. Das hatten sie tatsächlich auf sich genommen, so sehr hatten sie ihn geliebt. Er wusste nicht, wann sie aufgehört hatten, ihm zu folgen.

Trotz dem Blick nach vorne hatten ihn seine Überlegungen etwas zu weit weggetragen und er befand sich fast mittig auf der Bundesstraße. Erst der Luftzug eines entgegenkommenden LKWs konnte ihn zurückholen. Er verriss das Lenkrad, streifte das Bankett und zwang das Fahrzeug etwas zu grob wieder ein Stück nach links. Seine Muskeln brannten vor Anspannung, während sich sein T-Shirt mit Angstschweiß vollsog. Er hielt bei der nächstbesten Gelegenheit auf einem kleinen Schotterparkplatz, um abzuwarten, dass das Zittern nachließ. Die Fremde hatte dort bereits auf ihn gewartet.

Sie lehnte an ihrem Wagen, die Arme verschränkt. Scheinbar beschützend stand sie vor dem Kind, das mit dem Kopf an der Scheibe gelehnt im Auto schlief. Sie folgte Morins Blick zu ihrem Sohn.

„Er will nicht aussteigen?“, fragte Morin zögerlich.

„Scheinbar nicht.“ Ihre Ruhe überraschte ihn, obwohl doch etwas an Zorn oder Frust mitschwang. Er konnte nicht genau sagen, was es war. Sie verstand wohl, dass Wut und Anschuldigungen nichts ändern würden.

„Warum hast du nicht den LKW gewählt? Damit wäre der Schaden geringer gewesen.“

„Tut mir-“, begann er, brach aber ab, da die Entschuldigung sowieso nicht aufrichtig gewesen wäre. „Da war ich noch nicht bereit“, sagte er stattdessen mit einem leichten Schulterzucken.

Sie nickte nachdenklich, obwohl sie sichtlich kein Verständnis dafür hatte.

Morin betrachtete den dunkelroten Lack auf ihrem sonst silbernen Wagen, den er gewaltsam in das Fahrzeug imprägniert hatte. Die Farbkombination selbst hatte etwas Beruhigendes, empfand Morin. Es erinnerte an den prächtigen Sonnenaufgang über den beiden, aber die zerfetzte Front gab dem Anblick eher etwas von einem Gewaltverbrechen.

„Bist du jetzt wenigstens glücklich?“, fragte sie.

„Eher erleichtert, denke ich. Die Kopfschmerzen sind weg.“

Wieder nickte sie träge und er konnte ihre Gedanken förmlich hören. "Das alles nur wegen Kopfschmerzen."

Ihr Schweigen gab ihm zu Verstehen, dass es nichts mehr zu sagen gab. Nichts hielt ihn mehr hier. Morin machte den ersten Schritt. Neben der stillliegenden Straße wirkte der knirschende Kies unter seinen Sohlen etwas zu laut, trotzdem fügte er sich angenehm in den Gesang der Insekten, die sich in den Feldern versteckten und dem Rauschen der Halme, das hin und wieder von aufgeschreckten Hasen und Rehen verstärkt wurde. Selbst das brechende Glas unter seinem Gewicht wirkte, als hätte es seit dem Tag seiner Produktion nur darauf gewartet, diesen Moment zu vervollständigen. Er ging bedächtig schweigend an der Fremden vorbei, den Blick gesenkt. Erst als er in dem jungen Maisfeld stand, drehte er sich zu ihr um.

„Du willst ihn nicht verlassen, nicht wahr?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Du hast keine Kinder“, stellte sie fest.

Morin betrachtete die Blutsprenkel im Gesicht des Kleinen, ein dünnes Rinnsal floss an der Scheibe hinab.

„Einsteigen kannst du nicht mehr.“

Sie warf den Kopf in den Nacken als wollte sie schreien oder beten, aber kein Ton verließ ihre Kehle. Träge und mühsam setzte sie sich in Bewegung, wieder fügten sich brechendes Glas und knirschender Kies in die Geräuschkulisse, aber bevor die lockere Erde ihre Schritte dämpfen konnte, blieb sie stehen. Morin war dieser Schritt leicht gefallen, für ihn bedeutete er Freiheit, aber während er aus einem Gefängnis herausgetreten war, führte er die junge Frau in eines hinein.

Morin konnte nur ahnen, wie sich ihre Gedanken gerade drehen und verfangen mussten und versuchte ihr, heraus zu helfen: „Wenn er so weit ist, steigt er selbst aus. Er kann das schon und er kennt den Weg.“

Wieder nickte sie, diesmal überzeugter als die vorigen Male. Morin trat zur Seite. Der Drang nach ihrem Sohn zu sehen, war in ihren Augen abzulesen, aber sie blickte erzwungen standhaft dem Sonnenaufgang entgegen. Einsteigen konnte sie ohnehin nicht mehr und das Auto würde wohl nie wieder auch nur einen Meter fahren.

Morin wartete, bis er das Gefühl hatte, einen respektvollen Abstand zu ihr zu haben, bevor er ihr durch das hüfthohe Feld, hinein in den Sonnenaufgang folgte.