******************** Die Hure Babylons von OrigamiWeisheit ******************** ++++++++++++++++++++ Kurzbeschreibung ++++++++++++++++++++ Was lernen wir von Puffmüttern über die Gesellschaftsordnung? Was sollte man über Hurentum verstehen, um die Entwicklungen in der Gesellschaft nachvollziehen zu können? Und wie passt die Heilige Wahrheit in all das? Ein wilder Ritt von der griechischen Antike zum FBT-Theorem bis in die Apokalypse. -------------------- 1. Kapitel: Eine Annäherung/Abgrenzung -------------------- Hure. Sagt man ja nicht mehr so oft. Öffentlich. Zumindest in meinem Dunstkreis des Mittelstandes und der niederen Akademiker. Sie wissen schon, solche, bei denen man nicht ehrfürchtig mit “Ach wirklich”, sondern mit “Achso” reagiert. Denken Sie einfach kurz nach, über welche Doktoren Sie schon Fernsehserie gesehen haben, der Rest sind die ‘Achsos‘. Ob nun Akademikerinnen, Handwerker oder Freiberufliche – für alle hat man ein grobes Gefühl, mit allen hatte man schon zu tun. Aber eine Gruppe ist mir fremd. Die hohen Leute, die Räuberbarone mit ihrem Hofgesinde, die unsere staatlichen Kolonien verwalten. Wie redet man wohl dort? Vielleicht gibt es in der vornehmen Gesellschaft wieder Huren. Könnte aber auch gut sein, dass der Begriff überflüssig wird, sobald man quasi das gesamte Staatsvolk als schlechtere Leibeigene hat. Wozu Huren, wenn es Sklaven gibt? Was genau ist überhaupt eine Hure? Sie erfüllt ja nicht die Funktion einer Hetäre oder Geisha, die als Kurtisanen eine hervorgehobene, wenn auch zweifelhafte, Stellung innehatten. Sie ist aber dennoch irgendwie zu unterscheiden von Schlampen, Dirnen oder Nutten. Je nachdem, ob man die althochdeutsche Wurzel ‘huora’ für Ehebruch oder Unzucht heranzieht oder doch das indogermanische ‘hegehan’ für lieben, lüstern sein, ergibt sich wohl eine andere Nuance im Verständnis. Was zuerst sexuell freizügig meinte, wurde alsbald zur Prostitution – denn Ersteres war die längste Zeit in unseren männlich gelenkten Plutokratien fast gleichbedeutend. Freizügig wurde zu ‘freizügig gegen Geld’. Eine Ausgeburt der wirtschaftlichen Nachteile und Ungerechtigkeiten zwischen Menschen, zwischen den Geschlechtern. Eine sexuell umtriebige Frau hatte keinen Wert als Kapitalanlage, als Produzentin legitimer Nachfolger. Was sie in der patriarchalen Hierarchie in die Nähe jener gern besuchten, stets missachteten Sexarbeiterinnen brachte. (Die Diskussion über diesen Begriff sparen wir uns an dieser Stelle.) Faktisch waren die von Altertumswissenschaften nachträglich heroisierten geistreichen Gefährtinnen – jene bereits erwähnten japanischen Geishas, indischen Tawaifs, chinesischen Yijis … – nur als kuriose Ausnahmeerscheinungen klar von den Heeren rechtloser Sklavendirnen zu unterscheiden, wie Dr. Carola Reinsberg zumindest für das antike Griechenland ausführt. Anzunehmen, den Damen wäre es zu anderen Zeiten in anderen Kulturen recht viel anders ergangen, erscheint kindisch. Heute erlebt das Promiscuous Girl, wie es Nelly Furtado mit Timbaland in ihrem 2006er Hit zelebrierte, in manchen Kreisen eine Rehabilitierung. Nelly: “You looking for a girl that’ll treat you right. Have you looking for her in the daytime with the light.” Timba: “You might be the type if I play my cards right. I’ll find out by the end of the night.” Nelly: “You expect me to just let you hit it. But will you still respect me if you get it?” Timba: “All I can do is try, gimme one chance.” Der spielerische Charakter, die gegenseitige Verführung macht klar, dass dieser Frau der zentrale Makel einer Hure nicht anhaftet: die Bezahlbarkeit. Was mitnichten heißt, dass sexuelle Freizügigkeit ohne Bezahlung ungestraft davonkommt. Schließlich kommt Nutte vom niederdeutschen ‘nützliche Frau’, Dirne schlicht von Dienerin und lediglich Schlampe hat mit seiner Verwandtheit zur Unordnung einen negativen Hintergrund. Aber es hilft ja nichts, die Gesellschaft lässt sich in dieser Sache wenig beirren. Selbst wenn diese Männer und Frauen – und es bleiben vorrangig Frauen, also bleibe ich vorrangig bei der weiblichen Form – in Amsterdam Sextherapeutin genannt werden, selbst dann bleiben die alten Stigmen aufrecht: Hure zu sein ist auch nicht viel besser als Achso-Akademiker. Wobei genau genommen die Oberhuren die großen Firmen sind – und zwar alle ohne Ausnahme. -------------------- 2. Kapitel: Puffmütter und die Bottom Bitch -------------------- Wissen Sie, was eine Puffmutter ist? Falls die Antwort tatsächlich Nein war, dann hören Sie bitte auf so zu tun, als würden Ihre Gedanken nur aus Zuckerwatte und Sonnenschein bestehen. Es ist reizvoll, über jene Milieus nachzudenken, in denen unsere bürgerlichen Regeln ausfransen und den Blick freilegen auf den unkultivierten Primaten in uns. Liegt darin nicht der Reiz von Gangsterfilmen und post-apokalyptischen Stories? Fantasien wie man wäre, wenn das Korsett der Gesellschaft zusammenbricht? Oder um es mit Freud zu sagen: Wenn das Unbehagen der Kultur überwunden ist. Witzigerweise irritiert uns die Käuflichkeit von Sex so sehr, dass es gedanklich an den Rand der Gesellschaft geschoben wird, aber die eigene Seele für immer größere Gewinne zu verkaufen, das gilt als naheliegend, notwendig – ja erstrebenswert. Wie sonst kann man in den eigenen Lieferketten Zwangsarbeit, Kinderarbeit, Sklavenarbeit, Todesfälle und weiß der Teufel was in Kauf nehmen, aber nur mit dem Schlaf kämpfen, wenn die Aktienmärkte beunruhigt sind? Ergo scheint es nicht übertrieben zu schlussfolgern, dass die Konzernmanager die eigentlichen Oberhuren, die Puffmütter sind. (Hier hält sich ein kleiner Exkurs versteckt.) (An dieser Stelle gilt: Kommando retour. Im letzten Beitrag der Reihe, habe ich für Menschen im horizontalen Gewerbe die weibliche Schreibform argumentiert, da es primär um Frauen geht. Im Konzernkontext muss ich das revidieren, denn bei der Dichte an Hodenträgern in Führungsfunktionen, wäre es wohl angemessen von Puffvätern zu reden.) Es gibt in diesen Sphären keine moralischen Einschränkungen, keine Prinzipien außer dem wirtschaftlichen Erfolg. Wenn dabei nicht die eigene Menschlichkeit und die vieler anderer verkauft wird, weiß ich auch nicht. So formulierte es der ehemalige OMV-Chef Rainer Seele unstrittig im Falter-Interview, als es um die Verstrickungen mit Russland ging. “(…) Unser Geschäft ist rein wirtschaftlich. Sie können noch so nette politische Vereinbarungen treffen, wenn sich das für eine OMV oder für einen anderen Konzern nicht rechnet, wird es nicht umgesetzt. (…) Das ist die Verpflichtung, die uns auch das Aktienrecht auferlegt. Und das ist für uns die Basis der Entscheidung, nichts anderes.” https://www.falter.at/zeitung/20190904/radikale-ziele-bringen-nichts Den Teil, wo das Heer an Lobbyist:innen auf Politik und Zeitungen Einfluss nimmt, den lässt er mal geschwind aus. Kann uns an dieser Stelle auch egal sein, wir wollten ja nur aus dem Munde der Mächtigen hören, dass alle ihre Prinzipien eine Frage des Preises und der Gesetze sind. Und direkt mit an Board hüpft die vielzitierte “Hure der Reichen” – die Verwaltung. Zumindest wenn man Thomas Schmidt und den Protokollen über seine internen Nachrichten glauben darf. So sind es schon zwei im Bunde: Puffmutter und ihre Hure der Reichen. Wer zahlt am Ende die Zeche? Sind es die Vermögenden, in deren Auftrag ja gehandelt wird? Mitnichten. Der umstrittene Kultkomiker Dave Chappelle erklärt in seinem Netflix-Special The Bird Revelation 2017, dass das eigentliche Geld mit der Bottom Bitch gemacht wird. “It’s a pimps #1 hoe. She is even the bitch that will help him keep the other bitches in line. If the pimp is McDonalds then the bottom bitch was french fries.” Also, was denken Sie, wer ist im Staate Ostarrichi die Bottom Bitch? Erraten! Ohne irgendein Sektenmitglied aus der Wirtschaft interviewt zu haben, um diese Einschätzung abzusichern, scheinen bei uns die Konsumsteuern vor Lohnsteuer und Sozialbeiträgen den Großteil der Staatseinnahmen auszumachen. Zu meinem und eventuell auch Ihrem Erstaunen werden besagte Pimps und Puffmütter jedoch nicht durch die Straßen getrieben wie die Königinmutter Cersei Lannister aus der Serie Game of Thrones, die für ihre herzlosen Spielchen den Zorn der Stadtbewohner auf sich zieht. (SHAME gloing SHAME gloing SHAME gloing) Schlimmer noch: Menschen aus allen Lebenslagen verteidigen das soziopathische Vorgehen der Konzernbosse – eine Tatsache, die mich stutzig macht. Kamen hier sowjetische Gehirnwäsche-Taktiken zum Einsatz oder wurde beim letzten Saufurlaub doch zu viel Vorlauf vom Absinth erwischt? Leider liegt das Problem viel tiefer begraben und – das muss ich gleich vorausschicken – historisch gesehen ist die einzige Lösung dafür auf jede erdenkliche Weise gescheitert. -------------------- 3. Kapitel: Pandora, das Dummchen -------------------- Da sitzt sie mit hängenden Schultern…Pandora und ihr Pithos… Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber um Zeit zu sparen, halte ich an dieser Stelle eine gezielte Assassinierung für angebracht. Glücklicherweise muss kein Blut fließen. Rufmord wird reichen und die Hoffnung selbst bekommt man eh nicht tot, lediglich ihre Freier. Sie merken, wir sind schon wieder auf Kurs! Aber nach der wilden Achterbahnfahrt der letzten beiden Episoden durch das Hurentum, gönnen wir uns einen Moment der Ruhe im antiken Griechenland. [Der Autor konnte auf seinen Expedition nicht weiter südlich vorstoßen als Venedig, daher entspringen die nachfolgenden Beschreibungen völlig seiner lebhaften Phantasie. Ähnlichkeiten mit dem Küstenstaat sind purer Zufall oder von Reiseprospekten beeinflusst.] Einzelne Salzkristalle bröckeln dem Fischer aus dem Bart, als er sich mit den schwieligen Händen übers Gesicht fährt. In den vollen Körben zappelt seine glitschige Beute vergeblich vor sich hin. Einer seiner Söhne springt hinter ihm aus dem Einbaum und rückt ihm die Tunika zurecht. “Weinst du etwa, Vater?” “Wie könnte ich nicht, Perikles? Liebkost die Sonne nicht das Anwesen des Epimetheus, von ihrer Schönheit nur übertroffen von Poseidons Wellenspiel am Fuße der Wohnstätte des Titanen?” “Gewiss Vater! Selbst das kühle Blau, wo es des makellosen Weiß der Küste habhaft wird, schäumt vor Leidenschaft und ahmt die Göttin nach.” “Kypris, Ruhm und Glanz aller Zyprioten… aAAhHhh” Wie vom Blitz getroffen, fasst er sich an den Rücken und lässt einen martialischen Schrei los. Zur selben Zeit brechen die Körbe, die Beute entflieht, Wolken ziehen auf und bissige Winde peitschen ihnen die Gischt ins Gesicht. Es ist geschehen – Zeus hat seine Rache bekommen. Kein fröhliches Tagwerk mehr, sondern Schinderei im Schweiße des Angesichts. Und wer ist schuld? Pandora, das Dummchen. Macht da mir nichts dir nichts aus Neugier das Gefäß auf, in dem der gerissene Göttervater alle Übel gepfercht hat und die Leidtragenden in der Geschichte sind nicht die Götter oder Titanen, sondern die arbeitende Bevölkerung. Sie wissen schon, die bottom bitch. Hurra! Oder besser: Heureka? Aber halt, lassen Sie uns noch ein Weilchen bleiben und Pandora in ihrem Anwesen besuchen, um den Fall näher zu untersuchen. Dort finden wir kein Dummchen, dass Oopsie-Doopsie alle Übel und Plagen freilässt. Die Gute ist von ihrer göttlichen Familie unter anderem gesegnet mit Verschlagenheit und Tücke, ist trickreich wie Hermes. Das Gegenteil von naiv, wenn Sie mich fragen. Rosa Reuthner zeigt in ihrer Arbeit zum Mythos, dass es sich auch gar nicht um eine Büchse handelte, sondern um den Pithos – ein Vorratsgefäß, das in der Renaissance fälschlich mit pyxis übersetzt wird. Hesiod, der Autor der Geschichte, wirft seiner Protagonistin laut Reuthner nicht vor, eine verbotene Büchse zu öffnen, sondern vielmehr als trophy wife die Vorräte zu verschleudern und selber keinen Finger krumm zu machen. Die misogynen Ansichten der alten Griechen beleuchte in meiner anderen Blogreihe, hier sei nur darauf verwiesen, dass Hesiod zwar beweint, dass die armen Männer ihren – vom Schicksal zugeteilten Ehefrauen – in dieser Sache ausgeliefert sind, dabei aber geflissentlich übersieht, dass es die Männer sind, welche die Frauen in ein enges Korsett aus Möglichkeiten steckten. Stellt sich mittlerweile heraus, dass sie so wenig vom wirklichen Pandora-Mythos wissen, wie ich von Griechenland? Zurück zur Sache: Was war nun mit der Hoffnung im Pithos? Reuthner deutet sie auf die wiederkehrende Ernte als zentrales Motiv in einer Agrargesellschaft. Anderen positiven Auslegungen steht der Gedanke gegenüber, die Hoffnung wäre das letzte Übel. Was sich spießt mit dem Gedanken, dass die Übel ja in die Welt entweichen müssen, um zu wirken. Ich sehe noch eine weitere Option: Die Hoffnung bleibt ja vermeintlich nur eingesperrt, weil die Pandora den Deckel draufknallt. Sie kann nicht nachschauen, ob es geklappt hat – nein, nein. Wie Schrödingers Katze ist die Hoffnung da, solange es keiner kontrolliert. Sobald sie reinschaut: Schwupp, tot. Arme Elpis. Das ist das Heimtückische daran: Man darf niemals wissen, ob die Hoffnung begründet ist oder nicht, sonst ist sie schon vergebens. Es bleibt uns nur eines übrig: Um den Kreislauf zu durchbrechen, müssen wir ihr Gefäß zerschlagen, den Pithos in tausend Teile spalten. Damit wir nicht danebenhauen, eine kurze Rückschau in die vorhergehenden Beiträge: Unser Problem besteht darin, dass der arbeitende Mensch sich abrackert unter der grauslichen Herrschaft der Reichen und Mächtigen. Statt diesen aber den Prozess zu machen, werden moralisch aufgeladenen Nebenthemen ins Zentrum gerückt. Statt über die verhurten Aktienspekulanten zu reden, wird über das vermeintliche Fehlverhalten von Frauen geschimpft. Fragen sie doch mal Pandora! Um diese Missstände zu bekämpfen, hat einige Jahrhunderte nach Hesiod ein gewisser Jesus von Nazareth gepredigt: “Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!” Zweitausend Jahre später hat sich am Grundproblem trotzdem nichts geändert. Das erkannte bereits im 18. Jahrhundert ein findiger Deutscher, der die Formel verfeinerte und vollmundig ausrief: „Wenn Mensch lernen, sich ihres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen, das würde sie frei machen, das würde ihr selbstverschuldetes Unvermögen aufheben.“ Gut, ertappt, das ist gelogen. Das ist eine sinngemäße Wiedergabe. Was kann ich dafür, dass Kant so sperrig schreibt? Derart aufgeklärte Menschen würden schrittweise eine bessere Zukunft herbeiführen. Das kleine Schlitzohr! Wie soll ich denn lernen, selber zu denken, wenn der Schlüssel zum Lernen ja im Selberdenken liegt? Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Nein, auf gesellschaftlicher Ebene sind die Wahrheit und ihre Kinder – Aufklärung und Bildung – allesamt erwiesenermaßen gescheitert. Das letzte große Übel ist nicht die Hoffnung in der Büchse, es ist der Pithos selbst, der die falsche Hoffnung ermöglicht. Es ist der Glaube an die Wahrheit, der geradewegs verhindert, dass wir angemessen reagieren, indem er uns vertröstet. Und greift das Menschlein in einer glorreichen Epiphanie zum Hammer und meint sich ihrer zu entledigen, hüpft die Wahrheit mit dem nächsten Potentaten ins Bett. Altes Spiel in neuen Gewändern. Eine Wahrheit jagt die nächste und doch bleibt alles beim Alten. Wer zahlt für den bunten Reigen? Sie kennen die Antwort doch! So bleibt: Ohne Zweifel ist die Wahrheit die Mutter aller Huren. ++++++++++++++++++++ Autorennotiz ++++++++++++++++++++ Eine Essay-Reihe als Kritik, als Anregung zum Nachdenken, als Provokation. Trotzdem nur ein Spiel.Das ist der erste Teil meiner Blutfehde mit der Wahrheit. ******************** Am 19.3.2026 um 22:47 von OrigamiWeisheit auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=uqy5S) ********************