Der Sensenmann

Kurzbeschreibung:
Eine ziemlich alte Geschichte von mir.

Am 23.10.2018 um 16:27 von magicblue auf StoryHub veröffentlicht

1. Kapitel: Prolog

Wenn jemand im Ernst glaubt, der Job denn ich tagaus tagein mache, sei ein leichter, dann irrt sich dieser Jemand aber immens, allein was mir schon alles untergekommen und passiert ist, da kann man nur den Kopf schütteln. Wirklich.

Wie ihr glaubt mir nicht? Dann muss ich an dieser Stelle wohl ein paar kleine Kostproben geben.

Also ich hoffe mal, das ihr keine Probleme mit dem Tod habt, weil der begleitet mich sehr häufig.

Man könnte sogar soweit gehen zu behaupten, er macht mir den Beruf erst möglich.

Eigentlich ist er auch ein ganz netter Geselle, wenn nur genügend Leute sterben und er etwas zu tun hat, mit Langweile kann man ihn sehr schlecht ertragen und meistens meide ich ihn da auch.

Ich weiß noch, ich war mal mit ihm zusammen unterwegs und er kann sich im Gegensatz zu mir nicht vor den Blicken der Leute verstecken. Das Ende vom Lied war, dass sehr viele um nicht zu sagen alle in Panik vor uns davongelaufen waren. Eigentlich wollte wir in dem Vergnügungspark doch nur Achterbahn fahren. Naja, wenigstens war's da dann nicht mehr so voll.

Der Kerl an der Achterbahn allerdings war ganz weiß im Gesicht vor lauter Panik vor dem Tod, dabei schaut er eigentlich gar nicht so schlecht aus. Ein bisschen wie George Clooney, aber vielleicht haben sie auch die Aura des Todes und der Vergänglichkeit gespürt. Wer weiß... Sterbliche halt....

Aber ich will euch nicht weiter langweilen...

Jedenfalls nicht mit diesen Spitzfindigkeiten, also lasst die Geschichte beginnen.

2. Kapitel: Die Wassermelone

Kennt ihr diese Sprichwort? Wenn man denkt es geht nicht mehr, kommt von irgendwo eine Wassermelone daher. Obwohl, ich glaube, es ging irgendwie anders.

Der Sensenmann kratzte sich an seiner nicht vorhandenen Kopfhaut.

Naja ist ja auch egal. Gerade war es noch da gewesen. Mist. Ich werde auch immer vergesslich in den letzten Jahrzehnten. Sollte vielleicht mal etwas Gehirnjogging machen.

Er war im Moment auf dem Weg zu einem seiner Klienten, der in einer sehr netten Vorstadt wohnte. Er ging eine der Straßen entlang. Es war beängstigend, jedes Haus und der dazugehörige Garten sahen gleich aus. Einzig und allein die Hausnummer machten einen Unterschied.

Ich glaube, ich könnte hier nicht wohnen, ich würde doch immer vergessen in welchem Haus ich eigentlich zuhause war. Oder regelmäßig in dem des Nachbarn stehen. Das wäre doch nicht sehr praktisch, oder?

Die Bewohner der Straße konnten das in eine schwarze Kutte mit einer Kapuze verhüllte Skelett natürlich nicht sehen, zu erschreckend wäre der Anblick doch gewesen für die schwachen Herzen der Sterblichen. Wer wollte schon einen Vorboten des Todes in seiner Straße haben?

Ich hab da neulich mal ein paar Leute gesehen. Was ich so gehört habe, hätten sie liebend gerne ein bisschen Tod und Grusel gehabt. Die waren schon so schwarz gekleidet und sahen halb tot aus mit ihrem schwarzen Make-up.

Du meinst Goths?

Ist mir doch egal wie die hießen. Fakt ist, sie hätten mich bestimmt gerne zu Besuch gehabt.

Ich rede von normalen Leuten, nicht von solche Verrückten.

Der Sensenmann schmollte mit verschränkten Händen.

Tu ich nicht.

Doch, tust du sehr wohl.

Ach erzähl du einfach die Geschichte weiter, ich hab dann noch einen Termin. Außerdem, warum gerade Präteritum als Erzählzeit? Was hast du gegen das Präsens?

Nichts, ich hab jetzt einfach mal das Präteritum genommen. Willst du mir etwa reinpfuschen?

Der Vorbote des Todes hob abwehrend die Hände.

Nichts liegt mir ferner.

Dann ist ja gut, ich bin nämlich der Erzähler. Also gut machen wir weiter. Wo waren wir nochmal?

Bei meiner Unsichtbarkeit.

Das Skelett schaute sehr verdrießlich und machte trocken diese Bemerkung. Ach ja richtig. Schau nicht so grantig.

Wer wollte schon einen Vorboten des Todes in seiner Straße haben?

Jedenfalls wollte es niemand wissen. Und so konnte man den Sensenmann nur sehen, wenn man etwas mit ihm zu tun hatte, ihn etwa erwartete, oder er gesehen werden wollte. Was nicht sehr oft der Fall war.

Sein Ziel war eines der Häuser, in dem allerdings kein Licht brannte und der Briefkasten davor war heute noch nicht geleert worden.

Hast du eigentlich schon meine schöne Sense erwähnt, weswegen ich auch den Namen SENSENMANN habe? Du hast sie vergessen, hab ich Recht?

Der Sensenmann hatte in der einen Hand eine große Sense mit einem geschwärzten Blatt, dass das Schärfste auf der Welt war.

Er beschritt den kleinen mit Kies bestreuten Gartenweg, nachdem er durch das niedrige angelehnte Gartentor gegangen war, und passierte dabei viele Gartenzwerge, die den Pfad flankierten.

Ich hasse Gartenzwerge. Welche Leute stellen sich bloß so hässliche Dinger freiwillig in den Garten? Und dann auch noch so viele. Schrecklich. Den Tag kann man schon wieder in die Tonne treten. Dabei hat er noch nicht mal richtig angefangen.

Die Laune des Sensenmannes sank in diesem Moment um etliche Niveaus, trotzdem rang er sich dazu durch an der Tür zu klingeln und nicht gleich wieder zu verschwinden.

Ich hab nämlich Disziplin, auch wenn ich keine Lust darauf habe zu arbeiten.

Ich bin sehr stolz auf dich.

Als sich nicht tat und der Vorbote des Todes es noch ein paar mal mit dem Klingeln versuchte, seufzte er entnervt und ...

Ich möchte dich mal sehen, als Sensenmann macht dir kein Schwein die Türe auf, oder wenn doch bekommst du sie gleich wieder vor der Nase zugeschlagen. Du kennst doch bestimmt die Folge der Simpsons, in der Homer die Tür aufmacht, der Sensenmann davor steht und Homer dann meint: Der Tod? Den Tod brauchen wir hier nicht! und dann die Türe wieder zuhaut. So läuft das immer ab. Motivierend ist was anderes.

Wir haben alle gaaanz viel Mitleid mit dir. Ich erzähl' jetzt trotzdem weiter.

… und schaute sich das Haus genauer an. Dabei überlegte er sich, wie er wohl hineinkommen konnte.

Sowas ist immer nicht so einfach, ich kann ja schlecht mit der Türe ins Haus fallen und durch Wände kann ich nicht gehen. Leider. Das wäre ganz schön cool.

Der Knochenmann erspähte ein geöffnetes Fenster im Erdgeschoss und kraxelte mehr oder weniger behände durch die Öffnung,...

Natürlich bin ich graziös und sehr elegant.

… dabei schmiss er mit dem Fuß einen der Blumentöpfe auf dem Fensterbrett herunter. Er fiel mit einem Klirren auf den Boden und verteilte die Erde und die gelbe Primel über den Boden. Der Lärm hätte selbst einen Toten aufwecken können.

Mist. Das mit dem anschleichen kann ich also vergessen. Warum müssen diese Sterblich auch immer Gemüse auf die Fensterbank stellen?

Sagt der mit den Totenschädeln auf dem Fensterbrett.

Du bist eine Heimsuchung.

Gerne doch. Du wirst mich sowieso nicht los.

Das Skelett setzte eine gequälte Miene auf und führte ein kleines Theater auf. Hör auf mit den Späßchen.

Ist ja gut.

Er schaute sich um. Anscheinend war er in der Küche seine Klienten gelandet. Sie war modern eingerichtet und sehr aufgeräumt. In der einen Wand war eine weiße Tür.

Dahinter befand sich das Esszimmer mit einem großen hölzernen Tisch und um ihn herum verteilt standen acht Stühle ebenfalls aus Holz.

Die Wand zur rechten des Sensenmannes fehlte und stattdessen befand sich dort ein Durchgang zum Wohnzimmer des Menschen.

Ich muss schon sagen dieser Mensch hatte einen Sinn für Inneneinrichtung.

Ein paar Schritte in den Raum hinein und der Vorbote blieb stehen.

Wie jetzt reicht es noch nicht einmal mehr für „Der Vorbote des Todes“?

Also, der Vorbote des Todes blieb stehen. Passt's jetzt so?

Viel besser.

Sein Blick wanderte in die Mitte des Zimmers, in der sich ein großer weißer Teppich befand.

Der sich an vielen Stellen rot und rosa verfärbt hatte.

In nicht allzu weiter Entfernung von seinen Füßen...

Habt ihr euch schon mal Gedanken gemacht, welche Schuhe der Sensenmann eigentlich trägt? Dann kann ich euch einiges Kopfzerbrechen ersparen. Ich trage nämlich KEINE. War nicht mehr im Budget vom Tod drinnen. Egal bei welchem Wetter immer muss ich barfuß herumlaufen.

Kannst du jetzt vielleicht mal deine Klappe halten? Ich versuche hier ernsthaft eine Geschichte zu erzählen und durch deine ewigen Unterbrechungen wird sie nicht besser. ALSO HALT DEINE KLAPPE.

Der Vorbote des Todes duckte sich.

Sorry.

… von seine Füßen lag eine zerborstene Wassermelone, einige ihrer Kerne waren in alle Richtungen um sie herum verstreut. Das Fruchtfleisch verfärbte den schönen Teppich in einem zarten Rosa.

Der Sensenmann kickte ein Stück der zerbrochenen Wassermelone aus dem Weg und ging zu der Quelle der roten Farbe auf dem Boden.

Vor ihm lag ein Mann mittleren Alters seinen Kopf auf eine Pfütze des Blutes gebettet auf dem weißen Teppich. Okay, also war sein Klient schon gestorben. Eigentlich lief das ja ein bisschen anders. Er stattete den Ausgewählten einen Besuch ab, bei welchen er sie mit dem Gedanken bekannt machte, dass sie bald zu sterben hatten und dann von ihm abgeholt wurden. Er nahm ihre Seele dann mit und übergab sie dem Tod.

Dieser Mann hier hätte eigentlich noch ein bisschen Zeit bis zu seinem Tod gehabt. Der Vorbote des Todes war nur zu dem ersten Besuch gekommen.

Naja, auch nicht schlecht, dann hatte er wenigstens weniger zu tun.

Augenscheinlich hatte der Sterbliche sich das Leben selbst genommen. Aber mit was war das wohl gewesen?

Er überlegte, Tabletten und andere Sachen, die den Tod innerhalb des Körper herbeiführten, schieden aus, immerhin war der Teppich voll Blut gewesen. Er schaute sich den Menschen noch einmal genau an. Aus einer Wunde am Kopf war anscheinend das ganze Blut gekommen. Und da klebte etwas matschiges rosanes an seiner Stirn.

Sein Blick fiel auf die Wassermelone. Nein, das konnte jetzt nicht sein oder? Wie konnte man sich bitte schon mit einer Wassermelone das Leben nehmen? Davon hatte er noch nie gehört. Noch nicht einmal gedacht, das das möglich war. Wie hatte der Mensch das angestellt?

Er nahm ein Stück der Frucht in die Hand und betrachtete sie.

Diese Menschen hatten sie doch nicht mehr alle. Kopfschüttelnd ging er mit der Wassermelone aus dem Wohnzimmer.

Er kramte in seine Kutte nach dem Handy, das ihm der Tod gegeben hatte.

Endlich hatte er es gefunden. Er tippte eine Nummer ein.

„Du glaubst nicht, was ich bei dem Typen, zu dem du mich geschickt hast, vorgefunden habe. Er hat sich doch tatsächlich mit einer Wassermelone umgebracht. Die Sterblichen werden auch immer verrückter. Eine Wassermelone.“ Er schüttelte den Kopf und fing zu lachen an.

3. Kapitel: Geister

Dieser Mythos geht mir allmählich ernsthaft auf den Senkel, man könnte aber auch sagen auf den Geist. Jaaa, ich bin ja so lustig. Ich sollte über eine Karriere als Komiker nachdenken.

Jedes Jahr an Halloween wieder verkleiden sich so ein paar Sterbliche als Gespenster.

Und vermiesen mir damit den ganzen tollen Tag.

Warum? Also an Halloween ist eben der einzige Tag im Jahr – neben Fasching, aber ich nicht unbedingt so ein Faschingsfan, spätestens als sich eine Krankenschwester (keine echte, eine verkleidete!) mir aufgedrängt hatte, nicht mehr – an dem ich ohne mich verstecken zu müssen, aus der Tür gehen kann. Und die Menschen auch nicht gleich, nachdem sie mich nur erhascht haben, Panik bekommen und das Weite suchen oder in Ohnmacht fallen.

Ihr versteht wie wunderbar so ein Tag für mich sein könnte.

Wohlgemerkt sein KÖNNTE, denn da gibt es ja immer noch die Menschen.

Diese Sterblichen … wann begreifen sie endlich, dass es einfach keine Gespenster oder Geister gibt?

Ich glaube, ich werde es nicht mehr erleben und ich bin unsterblich!!

Ich erinnere mich da an ein ganz bestimmtes Jahr...

Fragt mich nicht wann es war, ich schätze irgendwann in den letzten hundert Jahren vielleicht?

Der Sensenmann trat beschwingt aus seiner Haustüre.

Da wundert ihr euch, was? Auch der Sensenmann hat ein Zuhause. Ein sehr schönes sogar, obwohl da bin ich wahrscheinlich etwas voreingenommen bei der Beurteilung. Ist ja auch egal. Ich sag euch, wenn ich immer mal wieder umziehe, ist das vielleicht ein Ärger! Wie der Tod existiere ich nämlich schon seit die Welt besteht und habe keine Geburtsurkunde und mein Job ist vielleicht auch ein bisschen ausgefallen. Ach ja , einen Ausweis hab ich leider auch nicht. Deswegen muss man den Vermieter als Vorbote des Todes erst einmal etwas überzeugen. Keine Angst, ist noch keiner dabei gestorben, sie sahen ein, was ich für eine tolle Partie bin. Meistens jedenfalls.

Kannst weitermachen, Erzähler.

Sehr liebenswürdig. Warum erzähle ich eigentlich deine Geschichte?

Weil du nett bist?

Weil ich blöd bin. Aber ich hab sie schon angefangen, jetzt erzähle ich sie auch zu Ende. Ich hasse unvollendete Sachen.

Er ging den kurzen gepflasterten Weg bis zum Gehweg hinunter und ließ seinen Blick auf der Straße ruhen. Hier war nie viel Verkehr, darauf hatte er geachtet, als er sich dieses Haus ausgesucht hatte. Immerhin konnte er nur sich unsichtbar machen, nicht etwa die Haustüre, die er jeden Tag benutzte.

Bei zu vielen Menschen, die vorbeikamen, wäre das dann doch mal einem aufgefallen.

Eigentlich glaube ich da ja nicht so daran, aber sicher ist sicher. Ich will schließlich nicht, dass in meinem Haus irgendwann Geisterjäger stehen um dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Das wäre unpraktisch.

Es war der 31. Oktober. In der Nachbarschaft standen ganze Horden von Halloweenkürbissen, die in der beginnenden Dämmerung wegen der Kerzen in ihnen, flackernd leuchteten.

Mache Leute hatten auch Plastikskelette an die Tür gehängt.

Die Sterblichen sind ja sowas von lustig; eigentlich müssten sie schon echte nehmen. Aber dazu sind sie viel zu verklemmt. Die haben ja keine Ahnung von echtem Grusel. Oder Spaß.

Auch Gummispinnen und künstliche Spinnweben hingen über einigen Gartentoren.

Irgendwie hab ich das Gefühl, ich habe nur Halloween- und Faschingsfans in meiner Straße. Das war mir allerdings erst aufgefallen, als ich schon eingezogen war und nochmal diesen Zirkus mit der Wohnungssuche und dem Einziehen wollte ich mir nicht antun. Dann nehme ich doch lieber das in Kauf.

Der Sensenmann schritt durch das Gartentor und wurde von einem kleinen Spiderman und einer Prinzessin aufgehalten. Das rosane und etwas ausladende Ballkleid der Prinzessin war mit viel Glitter verschönert worden und wie es sich gehörte, hatte sie eine silbernen Krone auf dem Kopf.

Sie schaute das Skelett grinsend an. „Süßes oder Saures!“

Der Spiderman stimmte in ihren Spruch mit ein. Sie schauten den Sensenmann erwartungsvoll an

Was schauten die mich bloß so an? Diese Sterblichen waren schon kompliziert.

Der Vorbote des Todes sah sie seinerseits an. Hätte er Gesicht und damit auch Augenbrauen gehabt, hätte er sich hochziehen können, so war allerdings unmöglich seine Frage in dem Blick mit auszudrücken.

„Was erwartet ihr jetzt genau von mir?“

Die Kinder verzogen ihre Gesichter. „Süßigkeiten natürlich! Das weiß doch jeder!“

„Und sehe ich so aus als hätte ich welche?“

Jetzt sahen sie ihn verblüfft an. „Haben Sie denn keine?“

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.“

Ich wollte das Sprichwort schon immer mal anwenden.

Der Spiderman, der mich gefragt hatte, schaute enttäuscht drein.

„Dann müssen wir Ihnen wohl Saures geben“, meinte jetzt die Prinzessin und auf ihrem Gesicht konnte man die Vorfreude ablesen.

Der Sensenmann aber blieb einfach ruhig stehen, völlig unbeeindruckt von der Ankündigung. Eigentlich hatte er für diesen Blödsinn auch keine Zeit.

Ich war da gerade auf dem Weg zu einer Klientin, eine nette alte Dame, die mir immer Kaffee und Kuchen anbot. Schade, dass sie dann auch bald gestorben ist.

Was tat er also?

Warum fragst du so blöd? Du weißt es doch ganz genau, genauso wie ich, wir waren da beide dabei.

Er rief die Schatten, die um ihn waberten an diesem Abend und beschwor sie sich den Sterblichen zu zeigen, wenn er ihnen das Signal gab.

Dann sammelte er den ganzen Horror, denn er gerade zu Verfügung hatte und ließ ihn zusammen mit der Enthüllung seiner wahrhaften Gestalt – Genau, ich seh nämlich um einiges schrecklicher aus als ihr es euch vorstellt, nur verberge ich das... sind schon viele tot umgefallen bei dem Anblick, aber heute ist ja Halloween, obwohl das sind immerhin Kinder..... vielleicht doch nicht so viel Horror und wahrhafte Gestalt – los.

Mit ein bisschen Enthüllung der wahrhaften Gestalt und ein klein wenig Horror, der durch die umgebende Luft flirrte, untermauerte er nun sein lautes „Buh!!!“.

Die Schatten lösten sich aus seinem Umriss auf dem Boden und flogen den Kindern entgegen. Sie umkreisten vorsichtig ihre Gestalt und kringelten sich dabei immer mehr.

In dem Schädel des Sensenmannes flackerte eine bedrohlich aussehende blaue Flamme, seine Sense, die er immer mit dabei hatte, glänzte scharf in dem bereits schwindenden Licht und es schien, als würde einem der Umhang leise zu flüstern, dass das Leben doch keinen Wert hatte, da man eh sterben würde.

Das mit dem Umhang finde ich ziemlich schwach. Ich sollte mich mal bei dem Tod beschweren, damit ich was besseres bekomme. Hey, wie wärs mit einem Umhang aus gequälten Seelen? Oder Seelen von Verbrechern?

Sowas wäre erste Klasse.

Doch der Umhang tat der Gruseligkeit des Vorboten des Todes keinen Abbruch, denn der Auftritt verfehlte seine Wirkung keinesfalls.

Die Kinder rannten schreiend davon, sie hatten sogar ihre Taschen mit Süßigkeiten stehen gelassen.

Na, das war doch mal eine halloweenwürdige Vorstellung. Denkt bloß nicht ich hätte sie mitgenommen. Etwas derartiges mache ich nicht, ich hab ja schließlich Anstand und kann auch gar nichts zu mir nehmen, weder Essen noch Flüssigkeiten. Geht nicht. Schade eigentlich.

Da der Sensenmann die Kinder nun endlich losgeworden war, konnte er endlich weitergehen.

Er war kaum zehn Meter gegangen, als er an einer Bank mit drei Halbstarken, die als Geister verkleidet waren, vorbei kam.

Sie sprangen auf die Füße und standen so schnell, dass er es fast nicht gesehen hatte, vor ihm.

„Man das war echt cool von dir.“

„Ja, diese kleinen Kinder haben doch keine Ahnung von der wahren Bedeutung von Halloween.“

„Genau, Halloween ist zum Erschrecken da, Alter.“ Falsch, genau genommen hat es was mit den Seelen der Verstorbenen zu tun, genauso wie Allerheiligen und Allersselen.

Bevor der Sensenmann etwas sagen konnte, schlug ihm einer der Geister auf die Schulter.

Er spürte nur das Knochengerüst.

Dass, die Sterblichen einen immer anlangen müssen, wirklich!

Aber sie sind selber schuld daran, dass ich sie jetzt erschrecken muss und zwar um einiges mehr als die Kinder.

Ich würde ja jetzt mit den Schultern zucken, aber das seht ihr eh nicht.

 

Die drei Pseudogespenster rissen die Augen und die Münder in stillen Entsetzten und Angst auf. Sie schrien nicht, viel zu verängstigt waren sie dazu von der Gestalt vor ihnen.

Als sie versuchten zu fliehen, fielen sie immer wieder hin, ihre Beine gehorchten ihnen nicht. Zwei von ihnen flossen Tränen über die Wangen und tropften aus den Boden. Auch hatte sich einer in die Hose gemacht vor Schreck und Panik.

Es lag sogar das weiße Laken von einem von ihnen auf der Straße.

Der Sensenmann hinter ihnen lachte, er hatte wirklich nichts verlernt in den Jahrzehnten, Jahrhunderten, die bereits hinter ihm lagen.

Langsam trat nun von hinten eine flimmernde Gestalt an ihn heran.

„Ach, Marti, schön dich mal wieder zu sehen. Wie ich sehe hast du immer noch viel Spaß beim Erschrecken von Sterblichen.“

Der Vorbote des Todes zuckte leicht zusammen, bevor er sich umdrehte.

„Jack, warum schleichst du dich eigentlich immer von hinten an mich heran?“

„Ich schätze mal, Gewohnheit.“ Er zuckte mit den Schultern.

Jack ist einfach ein netter Kerl, schade eigentlich, dass ich ihn so selten treffe. Er ist eine Seele und sammelt die anderen Seelen von den frisch Verstorben ein und geleitet sie an den Ort, wo sie alle die restliche Unendlichkeit fristen können.

Nur um es mal anzumerken Seelen sind anders, als diese Geister von den Sterblichen. Meistens, außer in so Fällen wie Jack, haben sie keine Gestalt, sie sind nicht weiß und können Menschen auch nur sehr selten beeinflussen. Die anderen Unterschiede oder was genau sie sind kann ich euch sowieso nicht erklären, das verstehen nur sehr wenige Sterbliche.

„Diese Sterblichen mit ihren Geistern bringen mich noch auf die Palme.“

„Das musst du ganz gelassen sehen.“

„Dich behelligen sie ja auch nicht dauernd damit. Außerdem bist du, wenn es nach ihnen geht, selbst einer.“

„Dein hartes Schicksal. Tja, wer kann, der kann. War schön dich mal wieder zu sehen“, sprach er und verschwand.

Wie ich ihn darum beneide, dass er einfach an einem anderen Ort auftauchen kann, wenn er will. Das wäre ab und zu ganz praktisch. Vor allem das Nicht-endeckt-werden wäre um einiges einfacher.

Der Sensenmann seufzte und machte sich wieder auf den Weg.

Im Vorbeigehen köpfte er einen Halloweenkürbis samt Kerze.

4. Kapitel: Das Problem mit dem Handwerken

Es gibt sogar Zeiten, da im Hause oder besser gesagt in der Wohnung des Sensenmannes einmal das Licht ausgeht. Nicht, weil er die Stromrechnung nicht bezahlt hatte, sondern einfach aus dem Grund, dass die Glühbirne kaputt gegangen war. An der Stelle möchte ich gerne anmerken, dass es keinen Himmel für Glühbirnen gibt, wenn sie tot sind. Das ist Unsinn.

Wie jeder Normalsterblicher musste unser Vorbote des Todes, bitte die Glühbirne austauschen.

Ja, immer ein sehr toller Spaß. Ich weiß schon, warum ich kein Handwerker geworden bin.

Ja, stimmt. Da war doch dieser lustige Vorfall mit dem Hammer, als du versucht hast ein Bild von den Bergen aufzuhängen.

Wehe, du erzählst das, dann sag ich dem Tod, er soll dich holen.

Jedenfalls hatte der Sensenmann damals bei einem Einrichtungsgeschäft ein wunderschönes Bild – ich hasse dich, der Tod soll dich holen!!!! - gesehen und es für seine noch etwas kahle Wohnung, er war gerade erst eingezogen, gekauft.

Dummerweise musste er zuhause zu seiner Enttäuschung feststellen, dass er in der ganzen Wohnung keinen einzigen Nagel hatte um es aufhängen zu können.

Also kam er auf die großartige Idee einfach selbst einen Nagel für das Bild in die Wand zu schlagen. Der Vorbote des Todes besorgte in nahen Baumarkt eine Hammer und Nägel. Eigentlich hätte er ja nur einen gebraucht, aber leider gab es nur 50 und 100 Packs.

Und was soll ich mit den restlichen machen, ich hab doch keine 50 Bilder, die ich an die Wand hängen will!!

Und so stand er kurze Zeit später in seinem Wohnzimmer an der Wand, die in Zukunft dieses Bild schmücken sollte, in seiner Hand, die eigentlich nur aus Knochen bestand, den Hammer und in der anderen einen Nagel.

Er hielt die beiden Gegenstände krampfhaft fest, hatte er doch schon festgestellt, dass das fehlen jeglicher Haut und Muskeln für diese Tätigkeit nicht gerade von Vorteil war. Das erste Mal als er den Hammer ohne die Verpackung in die Hand nahm, war er ihm fast augenblicklich aus der Hand gerutscht und beinahe auf einen seiner Zehen gefallen.

Ihr könnt euch vorstellen, wie das geendet hätte. Meine armen Zehenknochen!

Nun setzte er den Nagel mit der linken Hand an die Wand an und versuchte so gut es eben mit dem Hammer ging zu zielen, dann holte er in einem weiten Bogen aus und ließ den Hammer auf sein Ziel niedersausen.

Welches nicht der Nagel war.

Sondern der knochige Daumen neben der Nagel.

Es knackte und der Sensenmann schrie ohrenbetäubend.

Der Eisennagel fiel klirrend auf den Boden zusammen mit zwei Knochenstücken, die einmal ein Daumen gewesen waren.

Der Vorbote des Todes machte große Augen und einen Moment später schrie er : „Scheiße!!! Verdammt noch mal!! Das kann doch nicht sein! Was zu Tod soll ich jetzt machen!!“

Es war nur gut, dass die Nachbar zu dieser Zeit gerade im Urlaub waren.

Da kam dem Sensenmann eine Idee, er hob die Bruchstücke seines Daumenknochens vom Boden auf und klebte sie in der Küche mit Tesafilm wieder aneinander und an seine Hand.

Bist du nun endlich fertig mit der Geschichte!!!??? Ich kann nur sagen, dass das ganz anders abgelaufen ist, als der liebe Erzähler es hier erzählt hat. Ganz, ganz anders.

Stimmt doch gar nicht! Du willst bloß besser darstehen, die Geschichte zeigt dich nicht im besten Licht.

Ach, halt doch die Klappe.

So würde es dir passen.

Das Bild stand immer noch im Flur auf dem Boden, als der Vorbote des Todes mit der Leiter aus dem Abstellraum kam. Auf dem Weg ins Wohnzimmer, wo sich die defekte Birne befand, räumte er mit dem Ende der Leiter, das er nicht sehen konnte, eine teuer aussehende blaue Vase von der Kommode neben der Türe.

Es klirrte und der Sensenmann fluchte vor sich hin.

Die Vase hatte ich aus China. Und sie war sehr teuer.

Im nächsten Schritt beim Auswechseln der Glühbirne, stellte der Sensenmann die Leiter in der Mitte des Wohnzimmers neben dem Sofa und dem Glastisch auf. Hah! Siehst du, der Tisch ist noch ganz und ohne Kratzer.

Aber betrachtete man den Boden unter der Leiter, auf dem kein Teppich mehr lag, konnte man tiefe Kratzer in dem wertvollen Parkett sehen. Mist.

Nun kletterte der Knochenmann mit der neuen Glühbirne in der Hand auf die Leiter und fiel auf dem Weg nach oben ein paar Mal fast herunter.

An der Spitze angekommen, drehte er die kaputte Glühbirne heraus und bekam einen Schlag. Manchmal finde ich es richtig praktisch nicht sterben zu können.

Er schüttelte den Kopf über sich selbst und ihm fiel die kaputte Glühbirne aus der Hand.

Patsch. Wie heißt dieses Sprichwort? Scherben bringen Glück.

Er drehte die neue Glühbirne in die Lampe und die Leiter kippelte.

Der Sensenmann versuchte sie wieder in Balance zu bringen und brachte sie dadurch nur noch mehr zu wackeln, bis sie schließlich mit Scheppern umfiel und nach mehr Kratzer in den Parkettboden machte.

Indessen hatte sich der Knochenmann an der Lampe festgeklammert. Einige Minuten hing er da so.

Er wollte sich nicht fallen lassen, denn obwohl ich nicht sterben kann, fühle ich trotzdem den Schmerz wie ganz normale Menschen.

Hey, ich erzähle! Okay, okay.

Und ihm stand derzeit nicht der Sinn sich irgendetwas zu verstauchen oder zu brechen.

In dem Moment hörte der Vorbote des Todes die Haustüre schlagen und leise Schritte, die sich dem Wohnzimmer näherten.

Ein großer Mann in einem schwarzen Anzug mit schwarzem Hemd betrat das Wohnzimmer und lehnte sich an den Türrahmen.

„Warum bist du immer in Schwierigkeiten, wenn ich dich besuche, Marti? Und das schon seit einigen Jahrhunderten?“

Er hatte eine auffallende Ähnlichkeit mit George Clooney. Sag ichs doch.

„Vielleicht suchst du dir nur immer ungünstige Momente aus?“

„Kann sein. Aber den richtigen Moment für den Tod gibt es eh nicht.“ Das kann sein. Die Leute kamen mir immer mit Ausreden, warum es jetzt ganz ungünstig ist.

„Ähm... würde es dir viel Mühe machen, mir hier runter zu helfen?“

„Ehrlich gesagt, ja. Wenn du hochklettern kannst, kannst du auch alleine wieder herunter.“ Okay, er hatte schlechte Laune.

„Ich mag dich nicht.“

Mit eine lauten Plumps landete der Sensenmann auf dem Boden. Zum Glück hatte er sich nicht gebrochen.

„Niemand mag den Tod. Damit hab ich mich schon abgefunden.“

Sein Gesicht verfinsterte sich. Defintiv, er hatte schlechte Laune.

„Mal wieder zu wenige Menschen, die sterben?“ Die schlechte Laune lag immer an diesem Sachverhalt. Schon seit ich ihn kenne, was richtig lange ist.

„Du hast ja gar keine Ahnung. Und seit fast einem Jahrhundert kein richtig guter Krieg mehr. Schrecklich.“

„Ja.... Die Menschen sind da anderer Meinung.“ Das ist übrigens unsere Variante von Smalltalk, den ziehen wir jedes Mal durch, wenn der Tod mich besucht.

„Die Menschen mögen mich ja auch nicht. Immer wünschen sie sich länger zu leben und nach Unsterblichkeit sehnen sie sich seit es sie gibt.“

„Mag sein.“

Mit diesen Worten stand der Sensenmann unter leisen Schmerzenslauten auf und ging in die Küche um für den Tod einen Tee zu machen. Natürlich trank der Tod schwarzen Tee und genauso logisch war es, dass der Vorbote des Todes, der ja ein Skelett war, keinen Tee trinken konnte.

Ich bin schon arm dran.

 

Als der Knochenmann mit dem Tablett, auf dem eine Kaffeekanne, eine Tasse und ein Teller mit den Lieblingskeksen der Todes in das Wohnzimmer kam, stand die Leiter zusammengeklappt an einer Wand und die Scherben der Glühbirne, die ihm heruntergefallen war, befanden sie zusammengekehrt auf einer Schaufel neben der Leiter.

„Wie ich sehe, hast du aufgeräumt.“

„Nicht, das du dich dabei noch verletzt, Marti.“ Manchmal war der Tod ja so lustig...

Der Vorbote des Todes nahm das Tablett mit einer Hand und drückte mit der anderen den Lichtschalter. Endlich ging das Licht wieder. Es war schon ein paar Tage her gewesen, als er gemerkt hatte, dass es nicht mehr ging, aber er hatte es immer wieder vergessen oder keine Zeit dafür gehabt. Viele Klienten, die ich besuchen musste.

Währenddessen bildete sich bei dem Tablett ein Ungleichgewicht aus, und es kippte.

Bevor der Sensenmann reagieren konnte fiel es und landete auf dem Boden.

Wie es schien war ich auch nicht für die Hausarbeit geschaffen. Aber das mit dem Vorbereiten auf den Tod und den anderen Dingen meines Job kann ich wirklich gut.

„Marti, manchmal bin ich froh, dass du nicht sterben kannst, sonst müsste ich mir einen neuen Mitarbeiter suchen und der wäre nicht halb so amüsant wie du.“ Und der Tod lachte.

 

 

Jaja, mein Leben als Sensenmann. Tut mir leid, aber ich muss jetzt weg und einem der bald stirbt einen Besuch abstatten. Tschüss.

Vielleicht besuche ich euch ja auch mal. Hoffentlich nicht in nächster Zeit, aber so in 80 Jahren?

Und grüßt den Tod von mir.

Autorennotiz:
Eine ziemlich alte Geschichte von mir.