Jenseits des Zorns

Kurzbeschreibung:
Das Original dieser Geschichte gibt es hier:

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Am 30.8.2021 um 19:04 von BerndMoosecker auf StoryHub veröffentlicht

Er hatte den Eindruck, als ginge er langsam zurück – zurück an den Anfang seines Lebens. Jahr für Jahr war er, von Unruhe getrieben, vorangeschritten. Er hatte nur selten zurückgeblickt und wenn, dann war es ein Blick zurück im Zorn gewesen. In der letzten Zeit hatte sich das verändert. Er blickte nun oft zurück und es war ihm aufgefallen, nur noch selten empfand er den Zorn früherer Jahre dabei. Immer seltener war er zornig geworden, immer häufiger stimmten ihn die Vorgänge, die ihn früher belastet hatten, milde – sie zählten einfach nicht mehr.

Denen, gegen die sich sein Zorn richtete, konnte er inzwischen vergeben. Nicht immer, aber immer öfter. Seinem Vater hatte er vergeben. Es gab in diesem Fall auch nicht viel zu vergeben. Der große unbekannte Vater, dessen Abwesenheit ihn in früheren Jahren zornig gemacht hatte. Heute spielte dieser Mensch keine Rolle mehr in seinem Leben. Es war nicht die Schuld des Vaters, dass er, außer ihn zu zeugen, keine weitere Bedeutung in seinem Leben erlangt hatte. Wenn er über seinen Vater nachdachte, fand er es abartig ein Kind zu zeugen, um dann wieder an die Front zurückzukehren, um die Kinder anderer Eltern umzubringen. Doch was hätte der unbekannte Vater tun sollen? Es war schließlich Krieg und nicht jeder Mensch hat das Zeug zum Widerstandskämpfer. Er selbst schätzte sich auch nicht als besonders tapfer ein, so gab es in dieser Hinsicht keinen Groll auf den Vater. Der vergangene Zorn auf den Vater hatte sich immer aus den gleichen Quellen gespeist – die Fragen, die ihn noch heute umtrieben – wie konntest du ein verbrecherisches Regime unterstützen? Was wusstest du von den Verbrechen in diesem Krieg? Warst du direkt an diesen Verbrechen beteiligt oder hast du einfach weggeschaut?

Aus den Antworten anderer Väter auf diese Fragen wusste er es. Die Antworten waren unbefriedigend, nichtssagend, ausweichend! So erlag er auch nicht der Vermutung, gerade dieser unbekannte Vater hätte zur Beantwortung seiner brennenden Fragen beitragen können oder wollen.

Ob sie sich im Charakter so ähnlich waren, wie im Äußerlichen? Das war auch nicht mehr von Bedeutung. Legte man Lichtbilder nebeneinander, die sowohl den Vater und ihn selbst als junge Männer zeigen, war, einmal abgesehen von der Haarfarbe, kein großer Unterschied zu erkennen. Um das und anderes zu klären war es zu spät. Der Vater verschwand in den Weiten russischer Wälder und niemand hat ihn danach je wieder lebend oder tot gesehen.

Auf seine Mutter war er nicht zornig gewesen, obwohl ihn das jahrzehntelange Leugnen vom Wissen um Völkermord und Kriegsverbrechen immer wieder genervt hatte. Er hatte eines Tages einfach nicht mehr nachgefragt. Ein Regime zu unterstützen, welches den wohl größten Krieg der bisherigen Menschheitsgeschichte vom Zaun gebrochen hatte und sich nach dem Untergang dieses Regimes selbst als Opfer darzustellen, das konnte und wollte er einfach nicht mehr hören. Seine Mutter war trotzdem nicht davongekommen – seine Tochter, ihre Enkelin war wohl sturer als er es gewesen war. Vielleicht hatte sie aber auch als Angehörige einer späten Nachkriegsgeneration bessere Argumente als er gehabt. Die Wortgewandtheit seiner Tochter bewunderte er, sie war hartnäckig und durchsetzungsstark. Locker hatte sie ihre geliebte Oma als junge Erwachsene zu später Einsicht verholfen.

Großen Zorn, er selbst hatte es als einen heiligen Zorn empfunden, hatte er seiner Schwiegermutter entgegengebracht. Fast wäre die Ehe mit seiner großen Liebe an deren Verhalten gescheitert. Der Schmerz darüber war immer bohrend, wenn ihm die Anfangsjahre der großen Liebe in den Sinn kamen. Es hatte Jahrzehnte gedauert, bis es überhaupt möglich war darüber zu sprechen. Auch dieser Zorn war fast vergangen, aber die Erinnerung an die diese lange vergangene Zeit schmerzte. Ein dumpfer Hintergrundschmerz, ähnlich einem abklingenden Muskelkater, der nur noch bei unbedachten Bewegungen wehtat. In der langjährigen Liebesbeziehung, die die beiden verband, spielte dieser Zorn inzwischen keine Rolle mehr. Liebe, Zuneigung und gegenseitige Achtung waren die tragenden Säulen ihrer Lebensgemeinschaft. Die Mutter spielte im Leben seiner Partnerin keine Rolle mehr, sie hatte sich eines Tages schaudernd von ihrer Mutter abgewandt. Ihn wunderte das ab und zu, aber meist nahm er das einfach als feststehende Tatsache hin.

Manchmal war er auch voll Zorn auf seine Liebe gewesen – wirklich ausgesprochen selten. Das hatte er hinter sich gelassen. Zornig auf seine Liebe zu sein empfand er inzwischen als abartig. Der Zorn war immer dann in ihm aufgestiegen, wenn er bemerkte, dass diese starke und hochintelligente Frau sich unter Wert verkaufte. Auch in ihrer Beziehung konnte es passieren, dass sie sich zurücknahm, damit er sich verwirklichen konnte. Diese Vorfälle machten ihn eigentlich nicht zornig, sondern erfüllten ihn zuerst mit Trauer, die er dann durch Zorn ersetzte, damit die Trauer nicht die Oberhand gewann.

Ein weiterer Zorn verfolgte ihn, er wusste dieser Zorn würde ihn bis zum letzten Atemzug verfolgen. Er war zornig auf Kindheit und Jugendzeit, er fühlte sich um Bildung betrogen. Da half es ihm nicht, dass er im Freundeskreis als gebildeter Mensch galt. Zorn auf die Lehrer, die ihm nicht die Möglichkeit gegeben hatten, seine Heimatsprache in all ihren Feinheiten zu erlernen und die großen Literaten zu begreifen. Die es versäumt hatten, ihm die Begriffe der Grammatik zu verinnerlichen. Zorn kam in ihm auf, wenn er gezwungen war, nachzulesen, was ein Adjektiv ist und dann, jetzt im Alter, nach einigen Tagen vergessen hatte, was er nachgelesen hatte – wieder und wieder nachlesen machte ihn dann eher traurig – ein Gefühl, dass er gar nicht liebte, da war er lieber zornig. Der Zorn auf die Lehrer, die es versäumt hatten, ihn in die Geheimnisse der Mathematik einzuführen, der hatte sich gelegt – in seinem Alter beschränkten sich mathematische Überlegungen auf das Zählen der vorhandenen Reserven an Bargeld.

Der Zorn, das wusste er, würde ihn nie mehr beherrschen. Er empfand sein Alter nicht als Belastung – eher erfüllte ihn das unaufhaltsame Altern mit Neugier. Neugier auf das, was noch kommt. Neugier auf die kommende Nacht – auf den kommenden Tag – auf den kommenden Monat. Weiter wagte er nicht mehr zu denken – mehr als einen Monat oder gar ein Jahr vorauszudenken, erschien ihm als verwegen, wenn nicht gar tollkühn. So hatte er sich angewöhnt in kleinen Zeiträumen zu denken und zu planen.

Wenn ihn auch die Rückblicke milde stimmten, als alters milden Menschen schätzte er sich nicht ein. Dazu war er viel zu wütend auf das, was er menschliche Dummheit nannte. Er selbst nahm sich davon nicht aus. Menschliche Dummheit, so seine feste Überzeugung, wohnt allen Menschen inne. Wie oft er im Leben menschlicher Dummheit gefrönt hatte, wusste er nicht, aber er vermutete, das war weitaus häufiger geschehen als es ihm lieb war. Von zornig hatte er sich immerhin zu wütend gewandelt, für ihn machte das einen Unterschied. Da sich seine Wut eigentlich nur noch gegen menschliche Dummheit richtete, war er mit sich im Reinen. Dummheit ist eben unausrottbar, er wollte lernen das hinzunehmen.

Ein anderes Gefühl machte sich mit immer weiter fortschreitendem Alter in ihm breit. Ein Gefühl, das sich oft dann einstellte, wenn er zu später Stunde noch einmal resümierte, wie sein Tag verlaufen war. Ihn plagte dabei oft die Sorge, dass er seine Mitmenschen nicht genug geliebt hatte.

Autorennotiz:
Das Original dieser Geschichte gibt es hier:

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