******************** Von einem, der ohne Leitfaden lebt von ehollecker ******************** Wollt ihr mal die Kurzfassung einer Lebens-Geschichte lesen? Bringt etwas Geduld mit, denn 64 Jahre bedeuten selbst in Kurzform rund 2000 Worte. Es ist kein geschönter oder geglätteter Lebenslauf. Ich musste aber auch vieles auslassen, wenn es denn kein Buch werden sollten. Nun denn, da kommt es:   Die wichtigsten Stationen und Ereignisse meines Lebens, verfasst am 03.12.2025   Vorwort   Ich weiß nicht,wie viele „Werke“ es aus meiner Hand noch gibt. Wie sie sehen, habe ich den Begriff Werke in Anführungszeichen gesetzt, weil ich mir bei einem erheblichen Teil davon nicht sicher bin, ob es Kunst ist. Immerhin kann ich mir jedoch ziemlich sicher sein, das von mir erstellte Zeichnungen in Kohle, Kreide oder Aquarell auf fast jedem Kontinent zu finden sind. Mehr dazu in der folgenden Vita. Was ich mit vielen meiner Künstlerkollegen gemeinsam habe, ist ein gebrochener Lebenslauf. Langjährige Stabilität gab es nur selten in den jetzt 64 Jahren, seit ich in einer winzigen Siedlung zur Welt kam. Auch die Phasen, in denen ich mit Kohle, Kreide oder Aquarell tatsächlich mehr schlecht als recht meinen Lebensunterhalt verdiente, sind verteilt und von jeweils kurzer Dauer. Ich glaube jedoch, das mein kleines Talent mir geholfen hat, aufrecht durchs oft sehr harte Leben zu gehen. Das war und ist mir bis heute wichtig.   Guggenmühle   Unterhalb einer Burgruine, direkt am Hochrhein, liegt die Siedlung Guggenmühle. In der kam ich am 24. Mai 1961 als sechstes Kind zur Welt. Es sollten später noch zwei Geschwister folgen. Acht Kinder in einem keineswegs wohlhabenden Haushalt bedeutete nicht selten Hunger. Ich meine „echten“ Hunger, weil kein Essen da war. Mitunter stockten meine Brüder und ich die Vorräte auf, indem wir auf benachbarten Feldern Kartoffeln ausgruben. Das funktionierte jedoch nur zur Erntezeit. Kartoffelsuppe dominierte so den Speiseplan. Meine Schulzeit war im großen und ganzen ein Disaster. Mehrfach sitzen geblieben und letztlich mit einem Abgangszeugnis aus der achten Klasse in die Welt entlassen. Es folgten abgebrochene Ausbildungen, eine Menge Jobs in allen möglichen Branchen und viele mehr oder weniger nette Gespräche mit Mitarbeitern des Arbeitsamts.   Berlin   Irgendwann entschloss ich mich, die südbadische Heimat zu verlassen. Mein Ziel war Berlin und dort kam es dazu, das ich mit Zeichnen Geld verdiente, zum ersten Mal. Das ich einigermaßen Zeichnen konnte, hatte ich bereits in der Schule ausreichend bewiesen. Das erfassen von Proportionen und Dimensionen sowie deren Umsetzung auf Papier im richtigen Verhältnis, fiel mir schon immer leicht. In Berlin sah ich zum ersten Mal Straßenkarikaturisten, die Passanten karikierten und damit Geld verdienten. Damit nahm meine „Karriere“ als Straßenkarikaturist in der Hauptstadt ihren Anfang.   Zwischenstopp in der Heimat   Karikaturen von Menschen auf der Straße zu erstellen, ist zwar besser als Betteln, aber von der Einkommensseite her nicht weit weg davon. Als mir in Berlin zu Ohren kam, das ich in Südbaden noch eine offene Rechnung mit dem Finanzamt hatte, beziehungsweise ein Haftbefehl bestand, um eine Ersatzfreiheitsstrafe von drei Wochen wegen Steuerhinterziehung abzusitzen, machte ich mich auf den Weg zurück. So meldete ich mich eines Abends bei der Polizei, die mich sodann in den örtlichen Knast verfrachtete. Die drei Wochen gingen an mir spurlos vorbei und zur Entlassung spendierten sie mir sogar noch eine Zugfahrkarte an einen Ort meiner Wahl innerhalb von Deutschland. Der Hintergedanke dabei war wohl, das ein Subjekt meiner Art überall besser aufgehoben ist als in der südbadischen Provinz. Da stimmte ich voll und ganz mit den Behörden überein und wählte als Ziel Düsseldorf.   Düsseldorf   Die Landeshauptstadt von NRW erwies sich als Volltreffer, zumindest aus meiner bescheidenen Sicht. Ich quartierte mich in eine Obdachlosenunterkunft ein, in der die Übernachtung im Acht-Betten-Zimmer gesichert war. Tagsüber saß ich in der Fußgängerzone und zeichnete Karikaturen von den reichlich vorhandenen Touristen aus aller Welt. Der Verdienst daraus reichte natürlich nicht für das anmieten einer Wohnung, aber für Essen und Trinken, Kleidung, Kinobesuche, Museen oder Messe-Ereignisse wie die „Boot“.   Wieder Zwischenstopp in Südbaden, aber ohne Gefängnis   Warum ich diesen Job damals annahm, weiß ich nicht mehr. Aus Düsseldorf vertrieben wurde ich eigentlich nur aufgrund des deprimierenden direkten Umfelds. Wer sich täglich mit den Existenzen in einer Obdachlosenunterkunft abgibt, wird von deren Hoffnungslosigkeit mit hinabgezogen. Mein ausgeprägtes Helfersyndrom machte es nicht besser. Also nahm ich Job und Unterkunft in Südbaden an, wobei sich der Job in der Schweiz befand. So wurde ich zum Grenzgänger. Aber nach immerhin rund 5 Jahren täglichem Pendeln war mir das alles auch wieder zu viel. Ich setzte mich in mein Auto und machte eine kleine Europarundreise. Rom, Paris und Barcelona waren unter anderem die Ziele, bis ich auf die Idee kam, mir die USA anzusehen. Nachdem ich mein altes Auto verkauft und das Flugticket nach L.A bezahlt hatte, blieben mir noch 50 DM.   Einmal Südstaaten und zurück   Los Angeles   Los Angeles kann man sich ansehen, zu empfehlen ist es nicht. Schon gar nicht mit sehr knapper Reisekasse. So blieb ich dort nur wenige Wochen, zeichnete am Venice Beach für den Lebensunterhalt und schaute mir die Gegend an. Doch bald zog es mich nach Süden, nach San Diego.   San Diego   San Diego gefiel mir wesentlich besser. Ich zeichnete in einem Park, fuhr hin und wieder mit der Bahn nach Tichuana in Mexiko und freute mich des Lebens. So nach rund drei Monaten zog es mich jedoch wieder weiter. Nächste Station war Phoenix.   Phoenix   Für Straßenkarikaturisten eine Katastrophe, denn in dieser Stadt geht niemand zu Fuß. Also jobbte ich als Minute-Men (sowas ähnliches wie eine Tagesjobvermittlung). Im Straßenbau, habe auf Autoauktionen den Staub von den Fahrzeugen gewischt, auf einer Pferderanch Ställe ausgemistet oder Rigipswände in Neubauten hochgezogen. Fast hätte ich dort eine Navajo-Indianerin geheiratet. Nicht zu vergessen, in Phoenix aß ich den besten Burrito der Welt. Irgendwann war aber auch Phoenix abgehakt. Ich ging zur Greyhound-Station und fragte nach dem Preis für ein Busticket nach New Orleans.   New Orleans   Die Fahrt dauerte fast zwei Tage, weil etliche Stationen dazwischen lagen, bis der Big Easy erreicht war. Ich richtete mich mit meiner Staffelei am Jaksonsquare ein und verdiente ein paar Wochen ganz gut. In der Zeit hatte ich Geburtstag, den ich natürlich in der Bourbonstreet feierte. Für Karikaturisten ist es leicht, Geburtstag zu feiern, wenn der Skizzenblock dabei ist. Nach kurzer Zeit hatte ich eine ganze Batterie an Whisky- und Biergläsern vor mir stehen, spendiert von anderen Gästen für ein paar kleine Zeichnungen. Das führte aber auch zu einem recht schnellen Blackout meinerseits. Gut die Hälfte dieser Nacht ist unwiederbringlich aus meinem Gedächtnis gelöscht. In Düsseldorf ist mir ähnliches einmal am Geburtstag im Ürige und an Weihnachten im Eisbär passiert. Abgesehen von den Moskitos ist New Orleans schön. Fast hätte ich einen Job als Rezeptionist in einem Hotel angenommen, winkte aber letztlich ab. Nach ein paar Monaten war auch dieser Zauber verflogen.   Miami   Mit dem Greyhound ging es weiter Richtung Süden, nach Miami. Wie New York oder New Orleans besitzt auch Miami einen Spitznamen, der mit Big anfängt. Die Stadt wird gerne als Big Evil bezeichnet, das große Böse. Tatsächlich landete ich nach zwei Wochen für eine Nacht im Knast, weil ich auf der Straße Karikaturen zeichnete. Dieses Ereignis lässt sich bis heute im Internet nachlesen, auf den Seiten der Miami Newtimes: https://www.miaminewtimes.com/news/not-a-pretty-picture-6359704/ Danach verging mir mehr und mehr die Lust an Miami. Meist fing ich zusammen mit einem anderen „Gestrandeten“ Krebse im Hafen, die wir an die umliegenden Restaurants verscherbelten. Einmal noch hatte ich ein Erlebnis der vielleicht typisch amerikanischen Art. Ich zeichnete in einem Park, als ein Mann auf mich zukam und fragte, ob ich ein Bild von Jesus zeichnen könnte? Da ich mit der Wesensart der Amerikaner inzwischen vertraut war, sagte ich einfach ja. Ich zeichnete einen Jesus, wie er in unzähligen Kirchen von seinem Kreuz herabblickt. Ein eher dünner Vollbart, Mitte 30, leident und leicht ausgezehrt. Ich brauchte dafür 10 Minuten und bekam 20 Dollar. Zwei umstehende Frauen sahen das und wollten auch je eines. In einer halben Stunde 60 Dollar verdient und das mit Jesus, gezeichnet von einem eingefleischten Atheisten. Später sponsorte mich noch ein Kunsthändler, der wirklich exakt gleich wie John Lennon aussah. Aber Miami hat keinen Zauber, kein Flair und letztlich jobbte ich bei einem Autohändler, bis ich das Geld für ein Ticket nach Deutschland zusammen hatte.   Frankfurt am Main   Der Flieger aus Miami spuckte mich im hessischen Bankenzentrum aus und da ich schon mal da war, blieb ich auch gleich in Mainhattan. Die ersten zwei Jahre zeichnete ich auf der Zeil, der Frankfurter Einkaufsmeile. Dann nahm ich an einer Weiterbildung des Arbeitsamtes teil und bekam so meinen offiziell abgeschlossenen Beruf. Ich wurde zur Fachkraft für Lagerlogistik. Schlicht der Job für jeden mit meinen Schulzeugnissen. In Frankfurt mit dem größten Flughafen des Landes ein durchaus gefragter Job. Ich bekam eine Anstellung als Leiharbeiter bei der Lufthansa im Lager. Die nächsten 13 Jahre machte ich tatsächlich Karriere. Erst Festanstellung, nebenbei IHK-Meister und Ausbilder. Betreuung von neuen Mitarbeitern und deren Einweisung. Qualitätsmanagement ISO 2001 ff, Disponent und dann Einkäufer für Flugzeugersatzteile. Darüber kam das Jahr 2012 ins Land und mich packte es wieder. So sehr, das ich die Gewissheit meiner Karriere bei der Lufthansa Knall auf Fall vergaß und mich plötzlich auf dem Weg in die Dominikanische Republik befand.   Dominikanische Republik   Mein weniges bis dahin erspartes Geld investierte ich in Möbel, um die angemietete Wohnung in Maranatha auszustatten, meinem ersten Wohnsitz auf der Insel Hispaniola. Als weißer Gringo aus dem Ausland sind die Möglichkeiten in der Domrep, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, recht eingegrenzt. Reich zu sein ist die beste Option, was ich nie war und auch nicht bin. Irgendwie im oder mit dem Tourismus tätig zu sein, das ist die häufigste Option für Leute meines Schlages. Ich meinerseits begann Texte für Auftraggeber aus dem Internet zu schreiben. Ich wurde zu dem, was heute als digitaler Nomade bezeichnet wird. Tatsächlich hielt mich dies die folgenden 12 Jahre auf der Tropeninsel über Wasser. Dann kam der April 2024. Symptome wie Herzrasen und Schmerzen in der Seite traten auf. Aus ein paar unangenehmen Erfahrungen heraus mied ich die Dominikanische Ärzteschaft und flog zurück nach Deutschland.   Wieder in Südbaden   In der Notaufnahme des Krankenhauses dann der zunächst vorläufige Verdacht: Leukämie. Leider bestätigte sich dieser Verdacht. Mein Knochenmark produzierte und produziert noch immer schadhafte Blutzellen. Im Juni 2024 die erste von sechs Chemotherapien. Danach noch eine Stammzellentransplantation und weil dies alles nicht genug ist, erwischte mich im Februar 2025 auch noch eine Lungenentzündung, die mir nochmal vier Wochen Krankenhaus einbrachte.   Seit März 2025 klettert mein Gesundheitszustand ganz langsam wieder aufwärts. Die erste Genesungszeit brauchte ich einen Rollator, um auch nur vom Bett ins Badezimmer zu kommen. Die Ärzte sagten, das es gut drei Jahre mit Medikamenteneinnahme und wöchentlicher Blutkontrolle dauert, wenn es keinen Rückfall gibt. Überstehe ich die ersten 5 Jahre nach der Leukämie-Diagnose, sind meine Chancen gut, auch die nächsten Jahre zu erleben. Laut Statistik steht es 60:40 für mich. Das ist nicht schlecht. Ich hatte schon Situationen erlebt, in denen meine Chancen zu überleben weit geringer waren.   Natürlich sind die oben aufgeführten Stationen meines Lebens an dieser Stelle nur als kurzer Abriss dargestellt. Im Detail wäre jede einzelne dieser Wegmarken gut für ein ganzes Buch. So manches habe ich in ein paar Kurzgeschichten verewigt, genauso in Skizzen und Gemälden, die aber oft den jeweiligen Situationen zum Opfer fielen. Mein Archiv an Artikeln für Kunden aus meinem Ghostwriter-Job, das rund 14.000 Texte umfasst, ist glücklicherweise digitalisiert.   ******************** Am 18.1.2026 um 6:48 von ehollecker auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=lzinE) ********************