******************** Erfreulich indiskret von Teichmann ******************** ​​​​​​„La Fornarina“ heißt ein1518/19 entstandenes Meisterwerk der Hochrenaissance. La Fornarin - die kleine Bäckerin. Der Name der barbusig Dargestellten wurde Jahrhunderte als Marginale gehandelt. Man identifizierte die Porträtierte als Tochter eines Bäckers; geboren um 1490 in Siena. Margherita Luti war die als Hausgenossin akkreditierte Geliebte des schon zu Lebzeiten den Unsterblichen zugeordneten, vom Papst begünstigten, ewig mit der Kardinalstochter Maria da Bibbiena verlobten, offiziell nie verheirateten Raffaello Sanzio da Urbino. Raffael vollendete das Bild in seinem letzten Lebensjahr. Vereinzelt behauptet wird, die Porträtierte sei nicht Margherita, sondern Francesca Chigi, die 1518 zur Gattin aufgestiegene, langjährige Geliebte des toskanischen Magnaten Agostino Chigi. Francesca hatte mit dem Bankier des Papstes fünf Kinder.  Agostino ließ in Trastevere einen Palast errichten, der als Villa Farnesina (nach dem späteren Besitzer Alessandro Farnese) zu einer römischen Sehenswürdigkeit wurde. Raffael übernahm Ausgestaltungsaufgaben. Agostino starb kurz nach der Hochzeit mit Francesca, nur vier Tage nach Raffaels überstürztem Ableben. Gelegentlich verwies eine Koryphäe auf (vermutlich von Raffaels Schüler und Werkstatt-Nachfolger Giulio Romano) übermalte Zeichen einer heimlichen Ehe mit dem Genie. Im 21. Jahrhundert werden Wissenschaftler bei einer Röntgenanalyse einen retuschierten als (Ehebeweis bewerteten) Rubinring und weitere in postumer Verdunklung untergegangenen Liebessymbole entdecken. Hinzu kommt der deutlich sichtbare, mit dem Künstlernamen signierte Armreif. Eine legitime Verbindung mit Margherita wäre für den Superstar nicht ohne massive soziale Nachteile zu haben gewesen. Für Gustav Klimt steht außer Frage, dass Margherita dem Meister Modell stand. Sie verband die Darstellung ihres Liebreizes nicht mit dessen Veröffentlichung nach Maßgabe der Reproduzierbarkeit von Kunstwerken im technischen Zeitalter (Walter Benjamin). Eine Verletzung ihrer Scham fürchtete sie nicht. Für Margherita vollzog sich das Geschehen in einem privaten Rahmen. Diese Vorstellung lässt sich leicht auf jene „frischen Wiener Mädel“ (Arthur Schnitzler) übertragen, die Klimt in seinem Atelier zeichnet und vögelt. Mit Schnitzler konkurriert er zu seinem Nachteil auf dem Minenfeld des plaisir érotique rapide. Von mancher Niederlage korrumpiert, wird der Verlierer mitunter zum Verleumder. Er suggeriert, Schnitzler vergreife sich über Gebühr an den reschen Maderln. Das berührt ein Wiener Bohème-Genre. Man wildert in Gefilden fern der eigenen Kreise. Man kneift und klopft die Hinterteile der niedrigen Stände. Klimt wohnt mit seiner Mutter zusammen und verehrt die - über die Begriffe der Zeit hinaus - emanzipierte Emilie Flöge. Die Konstellation entgeht nicht dem Wiener Schmäh. Sigmund Freud erwähnt „vagierende Sprachbilder ... die nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind“, sich aber trotzdem Wege in den öffentlichen Raum suchen. Sie lungern auf Bewusstseinsschwellen und offenbaren sich im Versprechen. Mit Freud berühmt wurde Vorschwein anstelle des Vorscheins. Schön finde ich draut als Vermengung von dauern und traurig. Draut beklagt einen anhaltend-traurigen Zustand. Lange vor der Prägung psychoanalytischer Begriffe erfasste die Renaissancemalerei schlagartig seelische Valeurs, die in den Jahrhunderten zuvor lediglich poetisch begriffen worden waren. Vielleicht korrespondiert Margheritas auf den Künstler (wohl eher als auf eine Betrachterin) reagierende Zugewandtheit mit der Erwartung, in einem Akt gemalter Minne geadelt zu werden. Immerhin geriet sie so in einen Aufmerksamkeitswettbewerb mit den prominentesten Persönlichkeiten ihrer Zeit.    ******************** Am 6.2.2026 um 9:26 von Teichmann auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=l3K8h) ********************