******************** Von der Liebe will ich reden. von ricoradis ******************** „Liebe ist Schwäche“, sagte die Stimme aus dem Video. Kalle wischte weiter. „Liebe macht abhängig. Liebe macht blind. Liebe macht weich.“ Das Video hatte schon hunderttausende Aufrufe. Unter den Kommentaren sammelten sich Zustimmung, Wut und Begeisterung. Kalle legte das Handy weg und sah aus dem Fenster des Cafés. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, Menschen eilten über die Kreuzung, ein alter Mann half einer Frau mit Kinderwagen über eine Bordsteinkante. „Woran denkst du?“, fragte Lucie. Sie saß ihm gegenüber und rührte in ihrem Kaffee. „Daran, dass Menschen offenbar seit Jahrhunderten darüber streiten, was Liebe eigentlich ist.“ Lucie lächelte. „Und? Hast du eine Antwort gefunden?“ Kalle schüttelte den Kopf. „Nur viele falsche Antworten.“ Einige Tage zuvor hatte er einen alten Text gelesen. Darin wurde behauptet, Liebe sei nicht das Höchste. Höher stünden Ehre, Kampf und Pflicht. Menschen sollten vor allem ihr Volk lieben, ihre Gemeinschaft, ihre Herkunft. Die Liebe zwischen Menschen erschien darin fast wie ein Werkzeug, nützlich nur, wenn sie einem größeren Zweck diente. Selbst die Liebe zwischen Mann und Frau wurde beschrieben wie ein Vertrag über Aufgaben und Rollen. Der Mann kämpft, die Frau wartet. Der Mann erobert die Welt, die Frau schenkt ihm Heimat. Kalle hatte den Text mehrmals gelesen. Nicht weil er ihm gefiel, sondern weil er ihn faszinierte. Wie konnte jemand so oft von Liebe sprechen und gleichzeitig so wenig Vertrauen in sie haben? „Vielleicht hatten sie Angst vor ihr“, sagte Lucie, als er ihr davon erzählte. „Angst?“ „Na ja. Liebe lässt sich schlecht kontrollieren. Sie fragt nicht nach Herkunft, Status oder Grenzen. Sie hält sich selten an Vorschriften.“ Kalle dachte darüber nach. Vor ihnen setzte sich ein junges Paar an einen freien Tisch. Die beiden stritten leise, lachten plötzlich wieder und teilten sich anschließend ein Stück Kuchen. Es war nichts Besonderes. Und gerade deshalb wirkte es schön. „Weißt du“, sagte Lucie, „wenn ich solche Texte lese, habe ich immer das Gefühl, dass Liebe dort etwas ist, das in den Dienst von etwas anderem gestellt werden soll. Nation. Ehre. Pflicht. Irgendein großes Ziel.“ „Und was ist sie für dich?“ Lucie blickte hinaus auf die Straße. „Etwas, das Menschen verbindet, ohne sie gleichzumachen.“ Kalle musste lächeln. Das klang einfacher, als es war. Als sie das Café verließen, begann es leicht zu regnen. Sie gingen langsam durch die Stadt. Vor einer Schule spielten Kinder Fußball. In einem Park saß eine Gruppe Jugendlicher auf nassem Gras und diskutierte lautstark über Politik. Ein Lieferfahrer hielt an, um einer älteren Frau ihren Einkauf bis zur Haustür zu tragen. Überall kleine Gesten, die niemand filmte und die wahrscheinlich nie in einer Zeitung erscheinen würden. „Vielleicht reden wir zu oft über die großen Formen der Liebe“, sagte Kalle. „Und übersehen die kleinen.“ Lucie nickte. „Die großen Ideen versprechen immer, die Welt zu retten. Die kleinen sorgen dafür, dass sie überhaupt bewohnbar bleibt.“ Sie gingen weiter. Kalle dachte an den alten Text. Dort war die Welt in Freund und Feind geteilt worden. In Starke und Schwache. In Menschen, die dazugehören, und Menschen, die draußen bleiben müssen. Die Liebe hatte dort Grenzen gehabt. Unsichtbare Mauern. Lucie schien seine Gedanken zu erraten. „Das Schönste an der Liebe ist doch“, sagte sie, „dass sie ständig solche Mauern übersteigt.“ „Manchmal jedenfalls.“ „Oft genug, um Hoffnung zu machen.“ Es wurde dunkel. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Vor einem Hauseingang verabschiedete sich eine Familie. Zwei Freunde umarmten sich an einer Bushaltestelle. Jemand lachte hinter einem geöffneten Fenster. Die Stadt wirkte plötzlich weniger anonym, weniger kalt. Kalle blieb stehen. „Weißt du, was mir an diesem alten Text am meisten auffällt?“ „Was denn?“ „Dass er Liebe immer als Mittel beschreibt. Als Kraft für etwas anderes. Für Kampf. Für Pflicht. Für irgendeine Sache.“ Lucie sah ihn an. „Und vielleicht ist genau das der Unterschied.“ „Welcher?“ „Dass Liebe kein Mittel sein muss. Vielleicht darf sie einfach ein Ziel sein.“ Kalle dachte an all die Menschen, die er liebte. Seine Eltern. Seine Freunde. Lucie. Keiner von ihnen war perfekt. Keiner gehörte zu einer Idee oder einem Programm. Sie waren einfach Menschen. Menschen, die sein Leben heller machten. „Dann ist Liebe vielleicht gar nicht schwach“, sagte er. „Vielleicht braucht es sogar ziemlich viel Mut, einen anderen Menschen wichtig zu nehmen, ohne ihn besitzen oder verändern zu wollen.“ Lucie lächelte. „Das klingt schon eher nach einer Antwort.“ Gemeinsam gingen sie weiter durch die Nacht. Nicht mit großen Gewissheiten, nicht mit Parolen und nicht mit fertigen Wahrheiten. Aber mit dem Gefühl, dass Liebe vielleicht gerade deshalb so wertvoll ist, weil sie niemandem dienen muss außer den Menschen selbst. ******************** Am 4.6.2026 um 19:00 von ricoradis auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=ioLo6) ********************