******************** Stille Resonanz von PhilipGrabbert ******************** ++++++++++++++++++++ Kurzbeschreibung ++++++++++++++++++++ LumaNoxie ist Cutterin für YouTube-Videos und verlegt ihr Büro von Hamburg nach Woven City in Japan. Der Aufbruch zu einer Reise in die Komplexität seelischer Verstrickungen.                       He's a Liquid (John Foxx) Woven City war im Herbst 2025 in Japan nahe des Mount Fuji eröffnet worden. Eine smarte Stadt, die zunächst einhundert Mitarbeitern von Toyota und WbyT sowie deren Familien als Zuhause dienen sollte. Das neu entstandene Viertel in Susono war von der Toyota Motor Corporation auf dem ehemaligen Higashi-Fuji-Werksgelände errichtet worden. Das Areal besaß eine Fläche von 175 Hektar. Bei der Präsentation auf der CES 2025 gab das Unternehmen den Abschluss der ersten Bauphase bekannt. Akio Toyoda — Chairman und Master Driver — begann seine Ansprache mit: „Woven City ist ein Ort, an dem Menschen alle möglichen neuen Produkte und Ideen erfinden und entwickeln können. Es ist ein lebendiges Labor, in dem die Bewohner bereitwillig Teilnehmer sind und Erfindern die Möglichkeit geben, ihre Ideen in einer sicheren, realen Umgebung frei zu testen. Ein Ort, an dem wir Menschen und Partner aus der ganzen Welt willkommen heißen können, um sich uns bei unserem Bestreben anzuschließen, uns vorzustellen und zu verbessern, wie wir alle in Zukunft leben können." Der 1867 geborene Sakichi Toyoda hatte von seinem Vater das Zimmermannhandwerk erlernt. Sakichi nutzte dieses Wissen dazu, Spinnmaschinen aus Holz zu entwerfen und zu bauen. ATLASBINDUNG LumaNoxie arbeitete als Cutterin für populäre YouTube-Kanäle, schon seit ihrem siebzehnten Lebensjahr. Sie wohnte und werkelte in Hamburg und war über ihre Arbeit zu beträchtlichem Wohlstand gekommen. Ein Wohlstand, den sie gerne wieder präzise, direkt und vor allen Dingen sozial verteilte. Ihre Elemente waren das Feuer und die Erde. Ein Ofen, in dem immer wieder Brennstoffe nachgelegt wurden, und der seinen Nahestehenden Wärme schenkte. Ende 2027 — im Alter von dreiundzwanzig Jahren — verlegte sie ihr Büro nach Woven City. Das ambitionierte Bauprojekt war über die Zeit hinweg größer geworden, doch im Kern passte Luma dort mit ihrem Beruf eigentlich nicht hinein. Nur eigentlich, denn sie schnitt auch Videos für einen Unternehmer, der in Woven City ansässig war. So erhielt sie über Vitamin B die Möglichkeit, einen kleinen Arbeitsraum dort anmieten zu können. Für privat musste sie sich außerhalb des hochtechnisierten Stadtbezirks eine Bleibe suchen. Mit der Referenz, als Cutterin ein Büro unter Erfindern und Entwicklern erhalten zu haben, gestaltete sich das als Kinderspiel. Luma war bei weitem nicht die einzige gewesen, die wegen der neuen Smart City nach Japan strömte. Binnen weniger Jahre hatte sich um das Viertel herum eine quirlige Subkulturszene gebildet, in der selbstkonstruierte Wearables und lichtintensive Hologramm-Tattoos zu den Standardmarkenzeichen gehörten. Und Drohnen. Du besitzt keine Drohne? Ist nicht dein Ernst. MIT NINJAS WÄRE ES PRAKTISCHER LumaNoxie befand sich wieder auf einem ihrer nächtlichen Außeneinsätze und trug auffällige LED-Kleidung. Ihre Gegner durften ruhig wissen, dass sie kam. Niemand aus der Szene vermochte ihren technischen Ressourcen etwas entgegenzusetzen. Ihre Drohnen hielten die Lufthoheit. Und sie selbst verfügte über den Ruf einer gnadenlosen Killerin. Nicht von Menschen, sondern von den technischen Geräten, die sie besaßen. Lumas Zorn richtete sich gegen die Zugereisten — speziell aus Deutschland und England. Ihrer Beobachtung nach waren das Kulturen, an deren sozialen Strukturen global verbreitete Verhaltensweisen wie Respektlosigkeit und Unhöflichkeit kondensierten und dadurch klarer lesbar wurden. Schamloses Benehmen. Und wo hätte sowas deutlicher zu Tage treten können, als in einem Land wie Japan? Die Bewohner von Susono litten unter diesen Vandalen. Es war abstoßend. Doch die Tradition gebot: Wir haben sie eingeladen, wir haben ihnen Heimat gegeben — und jetzt werden wir sie gut behandeln. Wir können sie nicht ermahnen, wenn sie unsere Sammlergeschäfte gierig für ihr Statusgehabe leerkaufen. Wir können sie nicht dazu auffordern, auch einmal Danke zu sagen. Das unbarmherzige Konsumverhalten, die mangelnde Resonanz, die verlorene Ehrfurcht — all diese Eigenschaften waren ein Makel, auf dessen Hinweis sie ihre Gesichter verlieren würden. Obwohl sie eigentlich schon auf den Gesichtern liefen, so tief wie diese gesunken waren. Jeder erkannte das, und niemand sprach es aus. Und dann noch dieser starke Alkoholkonsum, der sie zusätzlich entfesselte... Heute hatte LumaNoxie wieder fette Beute gemacht, die sie in halbseidenen Nebenstraßen in Yen umtauschen würde. Yen für die gute Seite. Spenden. Mitunter gab sie die gelooteten Geräte auch an Familien weiter, die sich sowas nicht mehr leisten konnten. Japan war innovationstechnisch wieder aufgestiegen, doch sozial ging es bergab. Arbeitslosigkeit trat als spontan sich verbreitendes Geschwür auf, dem erst einmal nichts entgegengesetzt werden konnte. Das KI-Zeitalter fraß seine Kinder. Zuhause angekommen prüfte Luma die erbeuteten Wearables und Smartphones, die noch intakt geblieben waren. Sie besaß ein Faible dafür herauszufinden, was deren Eigentümer für Musik hörten. Sie scannte nach Playlisten und ähnlichen Details. Dabei stolperte sie über den Track „Arcade Blaster" von Rivael. Den hatte sie doch schon mal... Doch ganz sicher. Moment... Den hatte sie auch schon vor ein paar Tagen auf einem Gerät aus einer anderen Vergeltungsaktion gefunden. Und hier jetzt gleich auf zwei Smartphones und einem Wearable von unterschiedlichen Besitzern. Wer war Rivael? Und für was wurde sein Song benutzt? War das ein Code? Wie eine Markierung, die man trug, um die Mitgliedschaft in einer Gang auszudrücken? Erhielt man irgendwo Zutritt, wenn man den Track beim Torwächter vorspielte? Luma würde es herausfinden wollen. Sie würde ihn festnageln. In einer Stadt wie dieser hinterließ jeder Spuren. Es war ihr Quartier, sie trug hier die Verantwortung, und sie zog die Fäden. Selbst die Polizei wusste das: Sie ließ LumaNoxie stillschweigend in Sympathie agieren. Nicht, dass Rivael bisher irgendwie den Eindruck auf sie erweckt hätte, zu dieser gottlosen Verschwörung westlicher Einwanderer zu gehören, aber so ging das nicht. Wer Rivael missbrauchte, der musste zur Rechenschaft gezogen werden. Doch jetzt widmete sie sich erst einmal ihrer neuen Idee: Sie brauchte Unterstützung. Sie schaffte das alles nicht mehr alleine. Es gab noch so viel zu tun, und darunter hätte ihre reguläre Arbeit gelitten. LumaNoxie beschloss, den Erlös aus ihren Einsätzen nicht mehr zu spenden, sondern in das Anheuern von — wie sie es nannte — Ninjas zu investieren. KENNY KOMMT ZU BESUCH Ein alter Bekannter von Luma war im Februar 2029 siebzehn Jahre alt geworden. Der kleine Bruder von Russel aus Hamburg: Kenshin, Spitzname Kenny, Sternzeichen Fische. Sie standen immer mal wieder lose in Kontakt über eine Discord-Gruppe. Genauer gesagt ließ Luma sich in der Gruppe nur noch sporadisch blicken. Sie wollte ihm das Ticket für Hin- und Rückflug schenken, doch als seine Eltern davon erfuhren, bestanden sie darauf, die Hälfte der Kosten zu übernehmen. Schließlich waren sie es gewesen, die Kenny einen japanischen Vornamen gegeben hatten. Was getan werden musste, das musste getan werden — und sie kannten Kennys große Leidenschaft für Auslandsreisen. Ihr Sohn brachte sich immer ein ausgesuchtes Souvenir mit aus dem Urlaub. Er sammelte, nein, er verwahrte sie in einer von seinem Großvater vererbten Mahagoni-Cassette. Und in ihr war noch reichlich Platz für weitere Archivstücke vorhanden. Als Kenny aus dem Taxi stieg, erhielt er zusätzlich zu einer länglichen Tragetasche von Adidas, die ihm über die Schulter hing, seinen Rollkoffer mit Bügelgriff aus dem Kofferraum. Er trug ein weißes T-Shirt ohne Print, eine ehemals in der Färberei militärgrün getauchte und durch Crafting stark ausgeblichene Cargohose sowie hellgraue Sneaker. Schlicht. Von der Passform loose fit und wie angegossen. Sein von Natur aus kupfer-rotes Haar leuchtete im Tageslicht. Als sie sich zuletzt gesehen hatten, war Kenny dreizehn gewesen. Der junge Mann, der jetzt auf Luma zulief, war vier Jahre lang gewachsen. Sein Gesicht hatte das Weiche behalten. Die Sorte Jungs, die ein Staunen in ihrer Physiognomie trugen — leise vergraben und jederzeit bereit hervorzutreten. Für Luma gab es nichts Süßeres, als staunende Jungs. Wenn sie dabei ihren Mund etwas öffneten und entrückt nach oben schauten. Drop-Dead-Posing. Durch sein Gepäck behindert nahm nur Luma ihn in den Arm. Er schmiegte sich kurz an sie — nicht mehr so stark wie früher, doch es war der gleiche Moment. „Gutes Wetter heute", verwies Kenny auf den großartigen Frühlingstag, den er bei seiner Anreise erwischt hatte. Er richtete seinen Kopf nach oben, zur Sonne gewandt. LumaNoxie antwortete: „Gutes Wetter, reiche Ernte. Komm rein, du altes Wiesel." In der Wohnung stellte Kenny erst einmal sein Gepäck ab. Sie nahmen platz auf einer Futon-Couch. Vor ihnen stand ein Chabudai, ein niedriger japanischer Tisch, auf dem Luma noch keinen Tee bereitgestellt hatte. Während sie wieder aufstand, um ihn schnell zuzubereiten, unterhielten sie sich. Über Russel, Anita und Angelo. Und später wieder vereint auf der Couch über all die anderen Dinge. Kenny erzählte auch von seinem Flug. Als der Abend gekommen war, hatte Luma noch etwas Wichtiges an ihrem Rechner zu erledigen, wie sie es formulierte. Kenny könne ja schon mal sein Gästezimmer einrichten. Bettwäsche fände er in der Kammer neben dem Bad. Essen im Kühlschrank und im Bambuskorb auf der Arbeitsfläche. Das war ja eine tolle Begrüßung. WO BIST DU? Während Kenny sein Zimmer in Beschlag nahm und darin nach dem Beziehen des Bettes umgehend in den Schlaf gefallen war, suchte Luma etwas im Netz: Rivael. Sie erwartete die üblichen Treffer der großen Musikportale. Doch da war nichts. Nur ein Link zu SoundCloud. „Was tust du, Bruder?", flüsterte LumaNoxie. Sie ging davon aus, dass er ein Mann war, genauer gesagt von einer männlich geprägten Yang-Energie geleitet wurde. Sein Song „Arcade Blaster" deutete darauf hin. Es war ein extrovertierter Track. So als würde man ein Kind auf den Schultern tragend — mit seinem unschuldigen Gesicht nach vorne gerichtet — in die Welt hinaus begleiten. Gemeinsam durch das Licht. Doch dann wurde es komplexer. In der rechten Spalte seines Profils auf SoundCloud fand sich der Eintrag: FKA - Arcade BlasterNow RIVAEL ("Rivel") War das ein Joke? Rivel statt River? Rivael hatte die Angabe „Frankfurt, Germany" hinterlassen. Wenn das ein Hinweis auf R-und-L-Witzeleien über Asiaten war, dann ein charmanter ohne rassistische Note, sondern schlichtweg mit einer realen Komponente. Cute. Aber nicht gesichert. Es war nur ein Eindruck. „Du fließt. So wie ich. Aber bei dir ist es Wasser, und bei mir sind es Flammen", dachte Luma, „Du bist Yin. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Kerl." KIRSCHBLÜTE Am Morgen darauf war Luma einkaufen gewesen. Revierkontrolle. Kenny brauchte etwas Kräftigendes und Belebendes nach seinem Flug. Balance. Sie bereitete ihm ein Frühstück aus Onigiri, Tamagoyaki und Tsukemono. Sie hatte ihm auch ein kostenpflichtiges Date mit einem japanischen Mädchen über einen Escort Service gebucht. Während Kenny das Frühstück dankbar verschlang, teilte sie ihm das mit. Kenny überkam dabei ein enttäuschtes Gefühl. Es war eine kurze Reise, nur für wenige Tage. Luma wirkte so beschäftigt. Trotzdem würde er ihr den Gefallen tun, zu diesem komischen Date zu gehen. Mädchen. Es sind Mädchen. Immerhin. Luma führte Kenny noch in die Art und Weise ein, wie man in Japan bezahlte. Kleine Beträge nur in bar. Das Geld nicht einfach in der Hosentasche tragen — erst recht nicht die Scheine —, sondern in einem Naga-Saifu, einer Geldbörse für Noten ungefalteter Größe. Mit Kartenfächern und einem Münzfach. Sie hatte Kenny so eine Brieftasche aus ihrem Bestand geliehen. Das von Luma arrangierte Date für ihn gestaltete sich creepy. Er saß mit seiner japanischen Begleiterin in einem knallbunten Tretboot, das wohl so etwas wie einen Schwan darstellen sollte. Das ausgebreitete Gefieder aus Fiberglas wölbte sich großzügig als Regenschutz über ihre Köpfe. Die Menschen hier waren wirklich verklemmt, dachte Kenny. Und sehr nett. Ganz anders als in Hamburg, wo Freundlichkeit oft beiläufig wirkte. Weil man sich danach halt den Hintern abwischen muss. Da führt kein Weg dran vorbei. Insofern empfand er seinen Urlaub jetzt nicht mehr unbedingt als einen Reinfall: Er erhielt neue Eindrücke. Während sie beide fleißig auf den Pedalen strampelten und das widerspenstige Federvieh seine Bahnen über den weitläufigen See vorbei an anderen Exoten mit jungen Paaren zog, versuchten sie sich neben ihrem ständigen verlegenen Kichern zu unterhalten. Das Englisch seiner Begleiterin war gut. Besser als sein eigenes. Sprachen hatten zu Kennys schlechtesten Fächern in der Schule gehört. Glücklicherweise lag das jetzt alles hinter ihm mit der Schule. Keiko erklärte ihm: „Wakarimasu. It means: I understand. Change end. And it means: I don't understand. Wakarimasen." Kenny wiederholte: „Wakarimasu." Sie kicherten wieder. Am Ufer standen drei Kolleginnen von Keiko und beobachteten die beiden schon die ganze Zeit über neugierig in ihrem Gefährt. Sie machten Fotos, als das Tretboot zum Steg zurückkehrte. Kenny nutzte seine Chance: Nachdem sie ausgestiegen waren — er hatte Keiko höflich und distanziert die Hand dafür angeboten — holte er sein Smartphone heraus, um ein Selfie von sich zwischen den vier hübschen und fröhlichen Mädchen zu machen. Geplant war die Ablichtung dieses unmissverständlichen Moments für seinen drei Jahre älteren Bruder Russel. Siehst du, wie das geht? Wo ist dein Problem? Das Date war absolviert, und sie verabschiedeten sich. Für Kenny galt der Tag damit noch nicht als beendet. Die Sonne stand schon tief, doch das machte nichts. Geschäfte in Japan hatten mindestens bis 20 Uhr geöffnet, sein anvisiertes Ziel sogar bis 22 Uhr. Er fuhr mit der Bahn in einen anderen Stadtteil, um einen Card-Shop aufzusuchen, der ihm in seiner Discord-Gruppe NachtmahrHashes empfohlen worden war. Das innere des Geschäfts präsentierte sich dicht gepackt mit Spielkarten von Pokémon, Magic The Gathering und für Kenny weitaus interessanteren Motiven aus Anime- und Manga-Kultur. Es war beeindruckend, was es hier alles gab, und wie klar es sortiert und ausgestellt wurde. Er stöberte lange herum, nicht weil er ein Spielkartenkenner war, sondern weil er ein Souvenir suchte. Etwas, dass das Erleben konservierte und ihn ansprach. Er stieß auf ein Booster-Pack zu Attack on Titan. Die Serie kannte er. Und das war doch mal was anderes: Ein Souvenir, das sich noch unter Verschluss befand. Ein ihm innewohnendes Geheimnis, das Kenny nie erkunden würde. Perfekt. Auf der Schutzhülle des Booster-Packs befand sich oben rechts ein kleines weißes Preisschild, rot eingerahmt: ¥900. Das konnte Kenny locker bezahlen. Er legte das Produkt auf den Tisch an der Kasse, hinter dem ein Japaner mittleren Alters stand, der den Blickkontakt vermied und ihm auf die Hände sah. Kenny zückte sein Smartphone und richtete es körpersprachlich fragend auf das nahestehende NFC-Sensor-Gerät. Nun blickte ihm der Händler kurz in die Augen: „Sumimasen, sen en kara ni narimasu. Genkin de onegaishimasu." Kenny bemerkte, das etwas nicht funktionierte. Irgendwas machte er falsch. „Wakarimasen. I understand not", antwortete er. „No digital when price is low", sprach ihn ein Junge hinter ihm an, der ungefähr im gleichen Alter war wie Kenny. Kenny dachte nach. Der Verkäufer nahm einen Geldschein aus der Kasse und legte ihn neben das Booster-Pack. „Ah. Richtig", verstand Kenny. Er verbeugte sich leicht vor seinem Verhandlungspartner — ohne es geplant zu haben. Es kam automatisch, das taten hier ja alle so. Er nahm sein Naga-Saifu aus der Jacke, zählte das Kleingeld passend in Münzen ab und legte sie in die Schale, bei der er sich zu einhundert Prozent sicher schien, dass sie für das Geld vorgesehen war. So wenig Nähe wie möglich, hatte Luma ihm als wichtigste Regel mit an die Hand gegeben. Immer auf die Distanz achten. Kenny erhielt sein Booster-Pack in einer kleinen neongrünen Tüte aus kartonartigem Papier. Auf ihr befanden sich in schwarz ein Logo abgedruckt sowie ein paar wenige japanische Schriftzeichen darunter, die weit voneinander ausgestellt angeordnet waren. Die Tüte hing an einer ebenfalls schwarzen Kordel in der Hand des Verkäufers. Er stellte das Teil auf den Ladentisch. Kenny hatte die ganze Zeit wertschätzend auf die edle Verpackung gestarrt, dann blickte er den Händler an und sagte, wobei er ungezwungen lächelte: „Thank you." „Domo arigato", verbeugte sich der Verkäufer. Der japanische Junge stand jetzt neben Kenny und sprach ihn beinahe unbeteiligt an: „I want visit Maid-Café. You want see and go with me?" „Yes. Nice", reagierte Kenny. „Follow", sagte der Junge. Auf der Straße, stellte er sich Kenny vor: „Ah, I am Ashitaka. Nice meeting you." „I am Kenny", er grübelte nach wie im Physikunterricht, „My...", du schaffst das, „My parents...", weitersuchen, „My parents give name Kenshin to me." „Okay, Kenshin. I call you Kenny, yes?" „Yes. All do." Es wurde ein ganz besonderer Abend im Maid-Café mit den Freunden von Ashitaka. Kenny verstand zwar nicht das Japanisch, mit dem Ashitaka ihn der Runde vorstellte, doch er bemerkte, dass er das Detail mit „Kenshin" und „Kenny" erklärte. Sie schauten sich alle überrascht an, redeten darüber wild durcheinander drauf los, lachten und gaben Handzeichen, dass Kenny sich setzen sollte. Als die Bedienung an den Tisch kam, bestellte er sich einen Oolong-Tee. NICHTS FÜR KLEINE JUNGS Am vierten Tag von Kennys Besuch traf LumaNoxies Verstärkung ein: Motorräder in Signalrot tauchten auf, gesteuert von zwei Gestalten in schwarzen Synthanzügen und schwarzen Helmen. Als sie alle gemeinsam im Wohnbereich standen, nahmen die beiden Fremden ihre Helme ab. Ein Mann und eine Frau. Kenny überlegte, ob er die Frau begrüßen sollte. „Kenny, du gehst jetzt mal vor die Tür, das hier ist nichts für kleine Jungs", wurde ihm von Luma befohlen. Wie bitte? Hatte sie noch alle Tassen im Schrank? Klein? Kenny würgte es runter und verstand, dass jetzt geheime Dinge besprochen wurden, an denen er nicht beteiligt sein sollte. Luma, die er sonst immer Noxie nannte, war nicht mehr die Freundin, die er kannte. Sie hatte sich verändert. Und — verdammt — was heckten die hier aus? Er war schon den gesamten Urlaub über immer schweigsamer gegenüber Luma geworden. Jetzt erreichten sie beide den Gipfel des Abgrunds. Es führte dazu, dass der Abschied tags darauf so stumpf verlief wie ein Katana, das ohne Klingenschliff ausgeliefert worden war. „Wir sehen uns, Kenny. War schön", sagte sie. „Ich weißt nicht, Noxie", antwortet Kenny und stieg in das Taxi. Er ließ sich nicht mehr in den Arm nehmen, das spürte sie. Ganz anders als noch vor vier Jahren, wo er sich in einer Umarmung eng an sie gedrückt hatte, um seinem großen Bruder Russel zu zeigen, wie das funktionierte mit den Frauen. Und nicht bloß das: Er genoss es auch, wie Jungs das zu Beginn der Pubertät taten. Zum Abschied versuchte Kenny ein Winken hinter der Scheibe des Autos auszuführen. Es war mehr ein erhobenes Körperteil, das nicht wusste, was es zu tun hatte, als eine auf Wiedersehen hoffende Abschiedsgeste. Luma legte sich eine unbekannte Hand um den Hals, die ihr die Luft raubte. Sie konnte noch nicht einmal mehr vor Erschütterung schlucken. Sie wurde förmlich ergriffen von der Situation. „Was passiert mit mir?", dachte sie Abends suchte sie Zerstreuung über das Aufspüren neuer Songs. Sie stieß auf „The End (feat. Zosia)" von Ki:Theory. Das gab ihr den Rest. BÜROARBEIT Am nächsten Morgen stand Luma dicht gedrängt in einem Bahnabteil auf ihrem Weg zum Büro. Sie hatte kaum geschlafen. Sie war in etwas hineingeraten, das ihr richtig erschienen war. Und das fühlte sich nicht gut an. Es war finster. Es war kalt. Das war nicht sie. Es war, was sie wollte, aber nicht so. Nicht so verkrampft. Sie erinnerte sich an die Szene, in der Kenny als Dreizehnjähriger auf dem Beifahrersitz ihres blauen Subaru eingeschlafen war, während die Sonne aufging. Anita, Angelo und Russel auf dem Rücksitz. Der Freitag, den sie alle nie vergessen würden. Das ist der Punkt, Süße. Da musst du wieder hin. Wenn alles um dich herum dunkel wird, dann ist das der Punkt, der dich hält. Speicher das ab. Als Bild. Sie blickte sich im Abteil um. All die Gesichter. Was trugen sie hinter ihnen verborgen? Welche Bilder leiteten sie durch diese Welt? Der andere Weg, den sie einzuschlagen sich jetzt als Ziel setzte, würde lang sein. Er begann mit dem ersten Schritt. Den Move und alle folgenden würde sie planen müssen. Keine Pläne für die Welt, sondern für sich und jene, die sie liebgewonnen hatte. Ich kann nicht eure Therapeutin sein. Die Bahn lief in Lumas Haltestelle ein. Es war einfacher, mit dieser dorthin zu fahren, als mit dem Auto. Obwohl auf dem Gelände, wo sich ihr Büro befand, autonome Fahrzeuge keine Seltenheit waren. Diese ständigen Kontraste... Als die Türen öffneten, riss einem der aussteigenden Passagiere eine Papiertüte. Die darin enthaltenen Orangen rollten über den Bahnsteig. Die umstehenden Menschen nahmen kaum Notiz davon. Luma hastete einer Frucht hinterher, die auf die Gleise zu rollen drohte. „Hiergeblieben", murmelte sie abwesend aber deutlich vernehmbar, sammelte die Orange auf und überreichte sie beiläufig ohne ein Wort zu erwähnen dem Herren. Er verbeugte sich kurz, nahezu unmerklich und sagte: „Danke, dass du mir beim Wiedereinfangen geholfen hast. Du bist auch aus Deutschland? Ich aus Frankfurt." — Er streckte ihr die Hand entgegen: „Ich heiße Rivael."   - - -   Hinweis des Autors:Achtung - wer Japanisch mit Google übersetzt, der landet im Monty-Python-Universum. ******************** Am 5.1.2026 um 4:50 von PhilipGrabbert auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=fyOSV) ********************