******************** In Eternity before Consciousness - In der Ewigkeit vor dem Bewusstsein von Teichmann ******************** Fast alles, was uns ausmacht, entstand in der Ewigkeit vor dem Bewusstsein. Unsere Bewegungsmuster und unsere emotionalen Reaktionen sind Schöpfungen einer Zeit, in der kein Denken existierte. Sie liegen subkortikal gespeichert, in jenen Regionen des Gehirns, die wir mit den frühesten Wirbeltieren teilen. Dort befindet sich ein Archiv der geologischen Zeit. Die Erdgeschichte in uns – Schicht um Schicht, wie Sedimente aus Nervengewebe. Das Bewusstsein ist eine hauchdünne Kruste. Unsere emotionalen Reaktionen sind Ergebnisse evolutionärer Anpassung - gebildet, geformt, verfeinert, lange bevor sich das Bewusstsein entwickelte. Die frühen Schichten des Menschseins liegen im Untergrund des Gehirns, dort, wo der Hirnstamm und das limbische System die ältesten Funktionen des Lebens sichern. Atmen, Hunger, Angst. Diese Regionen sind organische Fossilien. Sie bewahren Bewegungsmuster, Triebe und Affekte, die aus der Vorzeit stammen. Das, was ich jeden Morgen mache, ist Archäologie. Ich öffne ein Zeitfenster und vertraue mich dem erdgeschichtlichen Momentum unserer Existenz an. Über den subkortikalen Arealen erhebt sich die Großhirnrinde, der Ort des Bewusstseins, der Reflexion, der Sprache. Sie ist kaum ein paar Millimeter stark - eine Kruste aus Neuronen, die sich über den vorsintflutlichen Schichten des Nervensystems ausbreitet. Und doch ist sie es, die die Vergangenheit betrachtet, die in sich selbst zurückschaut und erkennt, dass sie auf uralten Strukturen ruht. Wenn wir handeln, fühlen, entscheiden, dann greift das Bewusstsein in dieses Arsenal. Kein Gedanke entsteht unabhängig von evolutionären Mustern. In jedem Impuls zuckt eine Flosse, die sich einst in den Schlamm eines devonischen Tümpels stemmte. Das Erwachen der Kruste Das Bewusstsein ist eine späte Erscheinung. Es überzieht als neuronale Haut die alte Landschaft des Nervensystems. Unter ihr pocht das urzeitliche Leben weiter - die automatischen Rhythmen des Herzschlags, der Atmung, des Hungers, der Furcht. All das trägt die Erinnerung an eine Welt, in der es noch keine Gedanken gab. Mit der Ausbreitung der Großhirnrinde kam die Selbstbezüglichkeit ins Spiel. Zum ersten Mal konnte ein Organismus nicht nur reagieren, sondern sich seiner Reaktionen bewusstwerden. Das Bewusstsein formte keine neue Welt. Es begann, die alte zu sehen und erkannte, dass das, was in ihm denkt, selbst aus Schichten besteht: Reptiliengehirn, Säugetierhirn, Kortex, Neokortex - ein Organismus, der über seine eigene Vorgeschichte nachdenkt. In dieser Schichtung zeigt sich eine merkwürdige Spannung. Das Bewusstsein will verstehen, ordnen, erzählen. Doch seine Grundlagen sind nicht sprachlich, sondern rhythmisch, instinktiv, emotional. Jeder Gedanke ist durchzogen von Strömen, die tiefer reichen als Logik - von Atavismen, die sich nicht in Worte fassen lassen. Die Kruste denkt, aber der Untergrund fühlt. Das Bewusstsein leuchtet, doch sein Licht stammt aus der Dunkelheit darunter. Das Erwachen des Bewusstseins ist kein Sieg über die Natur, sondern ihre feinste Fortsetzung - das Selbstgespräch der Erde. Was mich interessiert - Zum Beispiel die Entwicklung von der Schwanzflosse über den Reptilienschwanz hin zum anatomischen Status quo, in dem alles weiterlebt, was vorher war. Wir sind ein Echo unserer evolutionären Genese. Zugleich sind wir archäologisch aufschlussreich. Aus der Schwanzflosse der frühen Fische wurde der Schwanz der Landwirbeltiere - ein Instrument des Gleichgewichts. Mit dem Übergang ans Land verschwanden die Flossenstrahlen, doch die Wirbelsäule reichte weiter, und aus dem Ruder wurde ein Anker. Bei den frühen Säugern schwang er noch frei, bei den Menschenaffen begann er zu verkümmern, bis beim Menschen nur noch das Steißbein blieb: ein kümmerlicher Rest der alten Dynamik. Doch dieses Rudiment lebt. In ihm pulsieren Bewegungserinnerungen, rhythmische Schwingungen, die einst den Körper durchströmten. Wer in sich hineinhorcht, vernimmt sie: jene feine, spiralförmige Kraft, die vom Becken ausgeht und den Leib wie eine leise Melodie bespielt. Es ist, als trüge der Körper noch immer das Echo der Flosse in sich, eine innere Welle, die uns im Präkambrischen Ozeans Vortrieb verschafft. Viele Strukturen des menschlichen Körpers beruhen auf Bauplänen, die schon bei unseren prähistorischen Vorfahren funktionierten. Die Evolution optimiert bewährte Lösungen über lange Zeiträume hinweg. Ein Beispiel ist der Skelettbau des Arms. Oberarmknochen, Speiche und Elle, Handwurzel- und Mittelhandknochen, Phalangen. Diese Anordnung findet sich in ähnlicher Form bei Säugetieren, Reptilien und bei manchen fischartigen Vorfahren. Die Evolution moduliert Strukturen. So können wir unsere Hände in unzähligen Bewegungen einsetzen, obwohl sie ursprünglich vor allem der Fortbewegung im Wasser dienten. Beispiele: Die Wirbelsäule stammt von vierbeinigen Vorfahren. Die S-Form ist eine Anpassung an den aufrechten Gang - ein Designkompromiss. Gaumenbögen und Zähne - Unsere Kiefer stammen vom Säugerbauplan, passen aber nicht perfekt zu modernen Ernährungsgewohnheiten, daher Zahnfehlstellungen. Blinddarm (Appendix) - Ursprünglich ein Verdauungsorgan für pflanzliche Nahrung, heute oft überflüssig, aber anatomisch noch da. Evolutionäre Schaltkreise Die Evolution agiert wie eine archaische Ingenieurin, die an einem alten Gerüst immer wieder kleine Modifikationen vornimmt - oft clever, manchmal schräg. Vor vierhundert Millionen Jahren, im Devon, demZeitalter der Fische, dominierten Strahlenflosser und Panzerfische die Meere. In Ufernähe lebten die Fleischflosser (Sarcopterygii). Die Flossen der tristen Tümpeltaucher waren muskulöse Stummel, die sich abstützen konnten. Aus dieser Baureihe in einem Randgeschehen entstand ein Skelett mit Oberarmknochen (Humerus), Speiche (Radius), Elle (Ulna) und Handknochen - der Grundplan unserer Gliedmaßen. In der ältesten Ebene unseres Gehirns befinden sich evolutionäre Schaltkreise - Strukturen wie das limbische System und der Hirnstamm. David Sinclair bezeichnet sie als „Urschaltkreise”, da sie grundlegende Funktionen steuern: Herzschlag, Atmung, Flucht- oder Kampfreaktionen. Diese Systeme arbeiten meist unterhalb der bewussten Wahrnehmung und liefern automatische Schnellreaktionen auf Umweltreize. Dersubkortikale Impulswirkt unterhalb der Sprache, da, wo Wahrnehmung noch immer Bewegung ist. Ein Herzschlag, der sich beschleunigt, bevor der Gedanke „Gefahr” entsteht. Ein Körper, der zurückweicht, bevor er versteht. Ein Lächeln, das sich formt, bevor es beschlossen wird. Erst danach erwacht der Kortex – nicht als Auslöser, sondern als Erzähler dessen, was der Körper längst wusste. Die drei Hauptzustände des autonomen Nervensystems Stephen W. Porges’Polyvagal-Theoriebeschreibt, wie das autonome Nervensystem (ANS) zwischen Stress und Entspannung unterscheidet. Der US-amerikanische Neurophysiologe und Psychologe erkennt drei hierarchische Reaktionsmuster - abhängig von Nervensystem-Schichten und deren Einschätzung vonSicherheit und Bedrohung. Der ventral-vagale Zustand – Soziale Verbundenheit Vermittelt durch den myelinisierten, ventralen Ast des Vagusnervs. Aktiv, wenn Sicherheit empfunden wird – in Momenten von Ruhe, Vertrauen und Ko-Regulation. Hier öffnet sich der Organismus zur Welt: Mimik, Stimme und Herzrhythmus schwingen im Einklang. Der Mensch ist verbunden – mit sich selbst und mit anderen. Der sympathische Zustand – Mobilisierung Gesteuert vom sympathischen System. Aktiv, wenn Gefahr wahrgenommen oder Leistung gefordert ist. Der Körper mobilisiert Energie. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, Aufmerksamkeit fokussiert sich. Es ist der Zustand von Kampf oder Flucht – ein Aufbruch in die Welt, getrieben von Antrieb und Wachsamkeit. Der dorsal-vagale Zustand – Erstarrung und Rückzug Vermittelt durch den unmyelinisierten, dorsalen Ast des Vagusnervs. Aktiv, wenn Bedrohung überwältigend wird und weder Flucht noch Kampf möglich ist. Der Organismus zieht sich zurück. Puls und Atmung verlangsamen sich, Bewusstsein trübt sich ein. Es ist der Zustand des internalen Shutdowns – ein vorzeitliches Schutzprogramm, das Leben im Rückzug bewahrt. Weitere Kernelemente Neurozeption: Das Nervensystem scannt unbewusst ständig Sicherheit oder Bedrohung - ohne kognitive Bewertung. Hierarchisches Modell: Die Zustände folgen einer evolutionären Reihenfolge. Bei Bedrohung wird zuerst die soziale Verbindung deaktiviert, dann in Kampf/Flucht gewechselt, schließlich in Erstarrung. Ko-Regulation: Sicherheit entsteht oft in Beziehung zu Stimme, Mimik, Haltung anderer Menschen. Dies aktiviert den ventralen Vagus. Nur im ventral-vagalen Zustand sind feinmotorische Steuerung, Balance, Atmungsintegration und soziale Interaktion voll zugänglich. ******************** Am 6.2.2026 um 7:05 von Teichmann auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=aMzrC) ********************