******************** Im Untergrund des Paradieses von ehollecker ******************** ++++++++++++++++++++ Kurzbeschreibung ++++++++++++++++++++ Der Versuch einer Familie aus Afrika, nach Europa zu gelangen, um hier besser und sicherer leben zu können. -------------------- 1. Kapitel: In der Leere des Meeres -------------------- Das Boot schwankt. Es schwankt und rollt, auf und ab, auf und ab. Es hört nie auf. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon auf dem Meer treiben. Vor ein paar Tagen gab der Motor seinen Geist auf. Die ersten Minuten, nachdem die Maschine abgestorben ist, kam leichte Panik auf, Unruhe, während der Bootsführer fluchend versuchte, das Ding wieder anzuwerfen. Nach einer Stunde gab er erst mal auf. In den nächsten zwei Tagen versuchte er es immer wieder, wobei weder Werkzeug noch Fachkenntnisse an Bord waren, die uns weiterhelfen konnten. Jetzt treiben wir, fast schon eine kleine Ewigkeit. Die Abfahrt. Als ich zusammen mit meiner Frau und unserem kleinen Sohn mitten in der Nacht am Strand ankam und mit den anderen von dem uralten Laster stieg, der uns die letzten Kilometer unseres langen Weges durch die Wüste dorthin brachte, wusste ich nicht, wie klein das Boot und wie riesig das Meer war. Weder meine Familie noch ich wussten überhaupt, was „Meer“ bedeutete. In unserer Heimat gab es kein Meer. Wassertümpel und ein kleiner Fluss, der über das Jahr manchmal austrocknete, waren die einzigen Gewässer, die wir kannten. Nun standen wir am Strand, es war kalt und der Wind trug die Feuchtigkeit von den Wellenkämmen in unsere dürftige Kleidung, die in den Monaten, die wir nun schon unterwegs waren, immer fadenscheiniger geworden ist. Doch dort drüben, irgendwo hinter dem Horizont, da wartete das Paradies für mein Kind und meine Frau. Das Paradies, von dem die Männer erzählten. Von dem Land Europa, in dem alle genug zu essen und zu trinken hatten. In dem soviel Geld verdient werden konnte, dass die Schulden bei der Familie zu Hause beglichen und darüber hinaus geholfen werden konnte. Ich träumte davon, meinem Vater so viel Geld zu schicken, dass er ein richtiges Haus aus Ziegeln davon baute. Ich sah mich schon als Sohn, der in einem großen Wagen zurückkehrte, mit Geschenken für die Kinder des Dorfes, meine schöne Frau und mein Sohn an meiner Seite.   -------------------- 2. Kapitel: Hoffnungslosigkeit -------------------- Mir ist schlecht. Meine Frau verträgt das ewige Geschaukel besser. Unser Kind sitzt schon seit Tagen mit gesenktem Kopf da. Er hat Fieber und kann sich nicht hinlegen. Es gibt noch nicht einmal eine Decke, die ich ihm geben könnte, um ihn zu wärmen. Immerhin sorgt die drangvolle Enge dafür, dass durch die Körperwärme der anderen die beißende Kälte des Seewindes, der niemals schläft, nicht so stark an unseren Kräften zehrt. Wir haben Hunger, aber was noch schlimmer ist, es ist kaum noch Trinkwasser da. Jedem von uns klebt die Zunge am Gaumen und das Schlucken ist eine mühsame Qual. Wie groß ist die Versuchung, einfach über den Bootsrand zu greifen, um etwas Meerwasser zu trinken. Doch die anderen, die mehr Erfahrung mit dem Meer haben, warnten uns eindringlich, davon zu trinken. Ein Fischer erzählte, wie er schon einmal in die Lage kam, dass er und seine Kollegen auf dem Meer trieben und kein Frischwasser mehr hatten. Er erzählte, wie sein Freund es nicht mehr aushielt und gierig das Meerwasser nahm, um seinen Durst endlich zu löschen. Er erzählt, wie sein Freund immer mehr Wasser trank, weil sein Durst immer größer wurde und er erzählt, wie die Schmerzen kamen, als die Nieren begannen zu versagen. Schmerzen, als würde jemand beständig ein Messer im Rücken herumdrehen. Drei Tage, so erzählte der Fischer, kämpfte sein Freund und als das Ende endlich kam, hörte das Schreien und Stöhnen auf und sie gaben ihn dem Meer.Wir treiben. Wir wissen nicht, wo wir sind. Jeden Tag das dunkle Grau des Meeres, dessen Wellen mir, der es nicht kennt, bedrohlich groß vorkommen. Die Sonne sticht auf uns herab und jeder hat entzündete Augen und Pusteln im Nacken und am Kopf. Der Horizont, dieser vor ein paar Tagen noch so mit Hoffnung erfüllte Horizont, sagte uns nichts mehr. Nur eine Trennlinie in der Ferne. Schnurgerade teilt sie das Meer vom Himmel, Tag für Tag. Kein Punkt, kein Schiff, keine Küste, die dem Auge Halt und Ziel geben könnte. In der letzten Nacht ist eine Frau gestorben, in der Nacht zuvor ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter. Beide wurden sie über Bord geworfen. Die Mutter weinte nur noch still vor sich hin, keine Kraft mehr für Klagen und Schreien.   -------------------- 3. Kapitel: Sturm -------------------- In der nächsten Nacht änderte sich das Wetter. Der Wind wurde stärker und das Schaukeln des Bootes nahm zu. Der Mond, der sonst sein spärliches Licht auf uns warf, war von Wolken bedeckt und so sahen wir nicht einmal die Hand vor den Augen. Wir mussten uns an der Leine festhalten, die rund um den Bootsrand gespannt war. Die Angst um meine Familie und um mich selbst wurde riesengroß. Das Boot schaukelte nun nicht mehr, es wurde nun immer wieder hoch angehoben, um dann in ein Wellental zu fallen. Jedes Mal kam es dabei in eine Schräglage, die es fast zum Umkippen brachte und das Wasser schwappte über uns hinweg. Das Meer brüllte und tobte und wir klammerten uns an das dünne Seil des Bootes, um nicht von diesem unersättlichen Monster verschlungen zu werden. Das ging die ganze Nacht so und als endlich die Morgendämmerung anbrach, wurde es nicht besser, doch jetzt konnten wir sehen, wie die Wellen heranrollten, mehrere Meter hoch, und uns vor sich hertrieben. Wie sich jedes Mal eine Wand aus Wasser vor dem Boot aufbaute, es dann anhob, um uns wieder fallen zu lassen, damit die nächste Welle das grausame Spiel fortsetzen konnte. Es sollte noch Stunden dauern und erst als sich der Tag bereits wieder dem Abend zuneigte, wurde es ein bisschen ruhiger. Aber nicht nur das, es setzte Regen ein und wir alle hielten unsere Gesichter nach oben, um so viel wie möglich von dem kostbaren Nass abzubekommen. Wer ein Gefäß hatte, hielt es in den Regen und wer nicht, nutzte seine Hände. Nur das Wasser, das in das Boot fiel, konnte nicht getrunken werden, weil es sich mit dem Meerwasser vermischte, das den Boden bis über die Knöchel unserer Füße bedeckte. Trotzdem waren wir fast ein bisschen glücklich.Der Sturm flaute ab. Wir dankten Gott, dass wir es überlebt hatten. Das bisschen Wasser aus dem Regen erfüllte uns wieder mit frischem Mut, vor allem uns Neulinge, die das Meer nicht kannten. Allerdings kamen nicht alle heil durch die Nacht. Fünf oder sechs Menschen hat die See mitgenommen. Nun, mehr Platz für uns, die es geschafft haben. Ich habe in diesen paar Tagen gelernt, dass, wenn es um das eigene und das Überleben der Familie geht, das Mitleid mit Fremden oder auch mit Freunden auf der Strecke bleibt. Die Freude darüber, die Beine nicht mehr ständig angewinkelt halten zu müssen, wiegt mehr als ein Menschenleben. Wir beginnen, so gut wir können, das Wasser aus dem Boot zu schaufeln. Das beschäftigt uns und lenkt ein bisschen davon ab, dass wir nur durch eine dünne Wand aus Holz und Glasfaser von den Toten dieser Reise getrennt sind, deren Heimat nun endgültig die tiefe Schwärze des Meeres geworden ist.Meinem Sohn geht es immer schlechter. Er kann jetzt liegen, den Kopf in den Schoß meiner Frau gebettet, meiner tapferen Frau. Was habe ich Ihr und meinem Kind angetan? Wie oft habe ich mich innerlich selbst angeschrien, wie ich so dumm sein konnte. Wie oft habe ich daran gedacht, einfach in der Nacht über den Bootsrand zu klettern, um die Scham zu vergessen und die Stille des Todes zu genießen. Doch wer kümmert sich dann um meine Familie?    -------------------- 4. Kapitel: Das Schiff und die Insel -------------------- Plötzlich war es da, ein großes, dunkelblau angemaltes Schiff, das unsere verklebten Augen erst wahrnahmen, als wir das Motorengeräusch hörten und sahen, wie sich ein Beiboot davon löste und auf uns zukam. Zuerst umkreisten sie uns und blieben ein paar Meter entfernt liegen. Einer der Männer von dem fremden Boot rief uns zuerst auf Englisch und dann auf Französisch an. Unser Bootsführer, ein Libyer, antworte den auf Französisch gestellten Fragen. Ich verstand davon nichts. Doch das Boot kam nun näher und als es längsseits lag, verteilten die Männer Rettungswesten und Plastikflaschen mit Trinkwasser. Wie herrlich schmeckte dieses Wasser. Wie schön war es, mein Kind und meine Frau trinken zu sehen. Ich weinte.Die Insel. Nachdem wir von den Männern im Beiboot abgeschleppt und an Bord des großen blauen Schiffs gebracht wurden, steuerten wir eine Insel an. Erst später, als wir landeten und in ein Lager kamen, erfuhr ich von einem anderen, der meine Sprache konnte, dass wir auf der griechischen Insel Lesbos waren. Es war eng in dem streng bewachten Lager, aber es gab Essen, Trinken, Kleidung und mein Sohn wurde von einer Ärztin untersucht. Der, der meine Sprache konnte, erklärte mir, dass die Insel zwar Europa sei, doch erst weiter im Norden, auf dem Festland, fängt das Paradies an. Ja, nach Paradies sah es hier wahrlich nicht aus. Viele Menschen in Zelten. Jeden Tag Streit und Schlägereien. Trotzdem sollte dies nun für die nächsten Monate der Ort sein, an dem wir leben mussten. Sicher, es gab Essen und Trinken und in der Nacht ein Dach über dem Kopf, aber so viele verschiedene Menschen auf engem Raum. Wie sehr sehnten wir, meine Frau, mein Kind und ich, uns nach zu Hause, auch wenn dies oft Hunger bedeutete. Doch wartete nicht das Paradies auf uns, sobald wir die Überprüfung überstanden hätten? Sie wollten alles von uns wissen und sie nahmen Fingerabdrücke von uns, zapften uns Blut ab und machten Fotos von meinem Kind, meiner Frau und mir.   -------------------- 5. Kapitel: Der Bescheid -------------------- An einem Nachmittag rief mich der Dolmetscher des Lagers in das Verwaltungshaus und teilte mir mit, dass wir aus einem sicheren Land stammen, indem uns keine Verfolgung oder Gefahren durch Krieg drohen. Er sagte mir, dass unsere Asylanträge wahrscheinlich abgelehnt werden und wir zurückmüssten. Bis zum endgültigen Bescheid daure es aber noch ein paar Wochen. Es stimmte, in unserem Land ist kein Krieg, kein offizieller Krieg, über den Reporter berichteten und der im Fernsehen zu sehen ist. In unserem Land sterben die Menschen still aus Hunger oder weil selbst einfachste Medizin fehlt. In unserem Land, dessen Bürokratie die der offenen Hand ist, in die erst etwas hineingelegt werden muss, bevor sie Hilfe gibt oder auch nur einen Stempel auf ein Stück Papier drückt. Aber unser Land hat diplomatische Beziehungen. Es hat in Europa eine prachtvolle Botschaft und unsere Politiker reisen gerne dorthin. Wir aber, mein Kind, meine Frau und ich, wir sind Wirtschaftsflüchtlinge, wie mir der Dolmetscher sagte. Wenn wir nach Europa reisen wollen, brauchen wir ein Visum, was wir jedoch nie bekommen. Habe ich nicht das Recht, meiner Familie ein besseres Leben bieten zu können? Wenn das Land, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, mir keine Möglichkeit dazu bietet, muss ich dann gesenkten Kopfes dahin vegetieren und darauf warten, das ich sterbe? Darf ich nur am Fernseher die bessere Welt im Norden betrachten oder hin und wieder die wohlgenährten Touristen beobachten, die sich manchmal in unsere Gegend verirrten? Von denen manche, so erzählte mir ein Freund, Kameras, Handys und Uhren bei sich tragen, die mehr Wert sind als alle unsere Tiere zusammen. Die in unseren Lokalen in einer Stunde mehr Geld ausgeben, als wir in einer Woche erarbeiten können. Bin ich dazu verdammt, ein schlechtes Leben zu führen, nur weil ich zufällig hier und nicht in Europa geboren bin?   -------------------- 6. Kapitel: Die Flucht -------------------- Ich habe mich umgehört. Von Lesbos gibt es für uns keinen Weg auf das griechische Festland, zumindest keinen legalen Weg. Einen Fischer für eine Überfahrt bei Nacht und Nebel zu bezahlen, habe ich kein Geld mehr. Wenn all die Strapazen der Wanderung durch die Wüste, das Grauen der Fahrt mit dem Boot, wenn all das nicht völlig umsonst gewesen sein soll, gibt es nur noch einen Weg, ich muss meine Reise ohne meine Frau und mein Kind fortsetzen. Ich erkläre es ihr und versuche sie zu beruhigen und letztlich willigt sie ein. Was bleibt denn sonst? Die Rückkehr in unser Dorf, ohne Geld. Die Verwandtschaft wiederzusehen, die all ihre Ersparnisse und Hoffnungen in uns investierten? Die ewige Schande und Schuld?S chon in der nächsten Nacht schleiche ich mich zusammen mit einer Gruppe anderer junger Männer aus dem Lager. In einem kleinen Hafen stehlen wir ein Boot. Einer aus der Gruppe kennt das Meer und hat einen Kompass organisiert. Wir müssen rudern, denn die Motoren werden von den Griechen am Abend abgenommen und eingesperrt. Mit einem Motorboot wären wir in einer halben Stunde auf dem türkischen Festland. Mit den Rudern sind wir vermutlich die ganze Nacht unterwegs. Das wir zuerst in die Türkei müssen, lässt sich nicht vermeiden. Lesbos liegt dicht am türkischen Festland und ist weit vom nächsten griechischen Festlandhafen entfernt. Tatsächlich schaffen wir die Überfahrt, doch nun gilt es, sich an der türkischen Küste entlang nach Norden durchzuschlagen. Wir wandern nur nachts und ernähren uns von den Orangen, die hier in Plantagen wachsen. Manchmal erwischt einer ein Huhn und auch die Abfälle der großen Hotels hier an der Ägäis-Küste sind gute Quellen für Nahrung. Unser Führer, ein Tunesier, der schon einmal abgeschoben wurde, macht den Vorschlag, nicht erst nach Griechenland zu gehen, sondern gleich nach Bulgarien, durch das wir so oder so müssen, wenn wir auf dem Festlandweg bleiben und die EU nicht mehr verlassen wollen. So wandern wir über Wochen und Monate hinweg, immer in der Angst, aufgegriffen zu werden, durch Bulgarien, dann durch Rumänien und Ungarn. Selten, aber ab und zu finden wir Mitfahrgelegenheiten, wobei sich unsere Gruppe immer mehr auflöst. Als dann nach drei Monaten die österreichische Grenze vor uns liegt, sind wir nur noch zu Zweit. Ich weiß nicht, was mit meiner Frau und meinem Kind in der Zwischenzeit geschehen ist. Diese eine Grenze, weiß ich inzwischen ebenso, gilt es noch zu überwinden, dann wird der Weg ins Paradies einfacher.  -------------------- 7. Kapitel: Das Paradies -------------------- Wien. Die Hauptstadt von Österreich, es ist schön hier und das Leben recht einfach. Es gibt verschiedene Vereine und Organisationen in der Stadt, die Illegalen ohne Papiere Hilfe anbieten. Manchmal bekomme ich Arbeit als Helfer auf dem Bau oder in einer Fabrik, doch so schön Wien ist, es ist auch teuer. Zum Sparen bleibt von den paar Euro nichts übrig. Immerhin konnte ich erfahren, dass meine Frau und mein Kind immer noch in Lesbos sind. Meine Flucht hat die angekündigte Abschiebung verzögert. Nun bin ich erst einmal hier und lebe von Tag zu Tag. Ich hoffe auf die Chance, die Chance, meine Familie wiederzusehen, auf die Chance, legal hier zu leben und zu arbeiten. Ich glaube, ich habe mir dieses Recht erkämpft, auch wenn es nur Recht in meinen eigenen Augen ist und nicht Recht nach den Gesetzen der EU. Wenn ich mich für etwas schämen muss, dann dafür, meine Familie dieser Tortur ausgesetzt zu haben und diese Scham verspüre ich jede Stunde meines Lebens. Für alles andere schäme ich mich nicht. Menschlich leben zu wollen und dafür auch gegen Gesetze zu kämpfen, die dies verhindern, ist kein Grund, sich zu schämen. Ich bin nun im Untergrund des Paradieses und ich bin nicht allein. ++++++++++++++++++++ Autorennotiz ++++++++++++++++++++ Die Geschichte entstand bereits im Jahr 2020 und versucht, die Beweggründe von Asylanten darzustellen, warum sie aus ihrer Heimat weggehen und wie gefährlich ein solches Unterfangen ist. ******************** Am 13.1.2026 um 7:39 von ehollecker auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=Vxmu2) ********************