Teufelsbrut

Kurzbeschreibung:

Am 25.9.2017 um 12:58 von heatherchii auf StoryHub veröffentlicht

Dröhnend verklangen die letzten Töne der Orgel über den Köpfen der Gemeinde. Das Rascheln von Klamotten startete, die Menschen erhoben sich, falteten ihre Hände zum Gebet und nur wenige Sekunden darauf erfüllte das Summen der Stimmen die hohen Hallen.

„Vater. Kann ich kurz mit Ihnen reden?“, die junge Frau schritt ehrfürchtig auf den Pfaffen zu, die Hände vor dem Bauch gefalltet.
Die anderen Besucher verabschiedeten sich flüchtig und verließen das Gotteshaus. Der Angesprochene wandte sich zu ihr um und mit einem freundlichen Lächeln nickte er: „Aber sicher mein Kind“

Sie zogen sich in die kleine Kapelle zurück. Hier war es noch kälter, als in der großen Haupthalle.
Der Pfarrer zog ihr einen Stuhl heraus: „Setze dich, Sara“
Sie tat es, die Hände noch immer gefaltet, den Blick gesenkt.
„Was gibt es mein Kind?“

Sie versuchte die Worte zu fassen, wollte alles erzählen, was ihr auf dem Herzen lag, denn seid sie klein war, wurde ihr gesagt, man spreche nicht mit einem einfachen Mann, sondern einem Stellvertreter Gottes. Jemandem, dem man vertrauen konnte.
Doch die Kapelle war so klein und kalt. Fast einengend  und mit zitternden Lippen versuchte sie einen klaren Kopf zu bekommen.
Bis sie die warmen Hände des Pastors auf ihren spürte.

„Die Schmerzen haben aufgehört, doch seid mehreren Tagen habe ich Albträume“, nervös begann die junge Frau an ihren Fingern zu knibbeln, ihre braunen Augen waren noch immer auf den Boden gerichtet.
„Grausame Albträume“
Nervös rutschte der Pastor auf seinem Stuhl herum, seine Miene spiegelte die Angst wieder, die sich in seinem Kopf ausbreitete: „Erzähle mehr davon, Kind“

In den ersten drei Monaten waren die Schmerzen unerträglich. Während das Sitzen kaum möglich war, wurde das Gehen schon bald zur Qual. Sie konnte kaum mehr das Bett verlassen und verbrachte den ganzen Tag damit sich unter den Schmerzen zu krümmen.
Ihr Mann Roy machte Tag für Tag den Tee fertig, doch war er ebenso überfordert wie die Eltern der beiden.
Es schien nicht normal zu verlaufen. Nicht so, wie bei anderen.

„In welchem Monat bist du jetzt, Sara?“
„Im Fünften“, gedankenverloren strich sie über ihren Bauch, ein Zucken war zu spüren, ein Tritt, gefolgt von einem Keuchen ihrerseits.
„Und die Träume?“

Sie irrte durch die Straßen. Ihre nackten Füße schmerzten und die Kälte schnürte ihr die Kehle zu. Blutstropfen hinterließ sie wie eine Spur im Schnee, der ihre Schenkel umwehte, als ein erneuter, eisiger Windstoß durch die Häuserschluchten brauste.
Verständnislosigkeit umnebelte ihren Verstand. Wie hatte man ihr das antun können? Ja, sie wollte ein Kind haben, unbedingt. Sie und ihr Ehemann hatten es so oft versucht.
Nun war sie schwanger.
Doch irgendetwas war nicht real. Man bot ihr keine Zuflucht, dabei war sie der Kirche immer treu gewesen. Sie brauchte doch Hilfe.
Bei dem, was man ihr angetan hatte.

Angst schlich sich durch ihre Glieder. Es fiel ihr schwer, wieder nach Hause zu gehen. Die Dunkelheit tat ihr Übriges. Sara schlang die Arme um ihren Körper, als würde es etwas nutzen, doch ihr Herz ließ sich nicht beruhigen.
Das Adrenalin pumpte durch ihre Adern und jedes Geräusch erschien viel zu Laut. Die wenigen Leute, denen sie über den Weg lief, schienen kein zu Hause zu haben.
Bei ihrem Schicksal. Warum wandten sie sich nicht Gott zu?
So wie sie es immer in ihren Träumen versuchte.

Nur warum gab man ihr keine Zuflucht?
Keine Hilfe?
Bei dem, was man ihr angetan hatte.

„Der achte Monat. Bald ist es so weit, nicht wahr?“
„Ja, Herr Doktor“
„Sind Sie schon aufgeregt, Ma'am?“
„Und wie, Herr Doktor“
Er nickte, als das einzige Geräusch der Kugelschreiber auf dem Klemmbrett war.
„Und Sie nehmen auch wie vorgeschrieben Ihre Tabletten?“
„Jawohl, Herr Doktor“
„Gab es irgendwelche Komplikationen?“
„Nein, Herr Doktor“ 

Ihr Mann war wieder nicht zu Hause. Sie fühlte sich so alleine. Die ganze Zeit über, so ging es schon viel zu lange.
Wieder ein mal zog sie die Vorhänge zu. Erdrückende Dunkelheit wucherte in den Ecken des Zimmers.
Sie schloss sich um ihre Kehle, das Atmen wurde immer schwerer. Es umklammerte ihr Herz, das anfing aufgeregt zu pumpen. Kälte kroch durch ihre Glieder. Langsam begann sie zu zittern.
Angst staute sich in ihrem Inneren.
Sie drückte gegen ihren Hals, nahm ihr die letzte Luft.
Ihre Hände verkrampften sich, ballten sich zu Fäusten und ein Wimmern kam über ihre bebenden Lippen.
Bevor der verzweifelte Schrei die Stille durchbrach.

„Nein! Nein, bitte, bringen Sie mich sofort ins Krankenhaus!“, die Panik und der entsetzliche Schmerz standen ihr ins Gesicht geschrieben.
„Sara, Liebes. Belass es bei der Heimgeburt. Es ist nun eh zu spät, um ins Krankenhaus zu fahren“
Ein weiteres Schreien übertönte die aufgeregten Stimmen um die baldige Mutter. Nicht nur, das der Pater mit seiner Frau hier war, auch ihre Eltern waren mit dabei.
Und ihre Mutter, welche Krankenschwester war, packte nun ihr Notköfferchen aus.
Die lange Nadel der Spritze funkelte verheißungsvoll in dem wenigen Licht, bevor sie sich einen Weg durch das dünne Fleisch suchte.

Dunkelheit.
Schon wieder.
Seid sie in dieser Situation war, fühlte es sich so an, als würde sie die Dunkelheit anziehen. Und doch fühlte es sich hier nun warm an, geborgen, flüssig.
Als würde sie schwerelos in einer undefinierbaren Flüssigkeit schwimmen.
Alles drehte sich.
Irgendwie.
In der Ferne konnte sie ein Glimmen ausmachen. Licht, das schnell herannahte, immer größer wurde.
Ein Licht, das sich rasend schnell ausbreitete und die Wärme in dem Ort nur erhöhte.
Für einen Moment schloss sie die Augen und als sie diese wieder öffnete, war sie vom Feuer umringt. Flammen züngelten nach ihrer Haut. Blasen schwollen an, platzten auf. Schwarze Rußflecken bildeten sich. Der beißende Gestank von brennendem Fleisch kroch ihr in die Nase.

Es war viel zu still in ihrem Zimmer. Das gleichmäßige Ticken des Weckers klang viel zu laut, dröhnend, fast wie die Glocken der Kirche. Außerdem schien keiner in der Wohnung zu sein. Sie war die einzige. Lag hier, vollkommen allein, eingewickelt in die schwere Decke im Bett.
Die Entbindung war doch kein Traum gewesen, oder?
Mit zitternden Fingern fuhr sie sich über den Bauch. Nichts. Keine Kugel.
Allerdings auch kein Baby.

Ein dumpfes Klopfen ließ sie aufmerken. Es kam von nebenan, aus der Nachbarswohnung. Es schien, als sei es das einzige Geräusch im ganzen Wohnkomplex.
Leise rutschte Sara aus dem Bett. Der Boden fühlte sich unnatürlich kalt unter ihren nackten Füßen an. Der schwache Schein der Nachttischlampe, verzerrte die Schatten zu grotesken Gestalten.
Die junge Frau wusste, dass es eine versperrte Tür gab, die direkt in die Wohnung nebenan führte. Ihr Mann Roy hatte den Schlüssel dafür. Er verstand sich wirklich ausgezeichnet mit den Nachbarn und verbrachte oft den ganzen Tag auf der anderen Seite. Sicherlich war er auch jetzt wieder dort und die versperrte Tür war offen.
Ihre Schritte führten sie wie von selbst dorthin. Sie merkte nicht mehr, wie ihr Herz stoppte und heißer Atem über ihre Lippen kam, als sie über die Schwelle trat.

Der stechende Geruch von Qualm schlug ihr entgegen, vermischt mit dem von süßer Milch. Nun konnte sie das leise Summen von Stimmen vernehmen, das Klirren von Porzellan und das leise Brabbeln eines Babys.
Sofort beschleunigten sich ihre Schritte.
Sie hatte es also nicht geträumt.
Doch es schien, als könnte sie nicht an ihr Ziel gelangen. Der dunkle Flur umfing sie, machte das Ende fast unerreichbar.
Sie wollte doch nur das Kind sehen.
Das Neugeborene.
Sichergehen, das es ihres war.

„Sara?“
Ihr Name echote von den Wänden wieder. Der Tränenschleier versperrte ihr fast die Sicht und ein grässliches Gefühl schnürte ihr die Kehle zu. Die Menschen, sie konnte sie kaum erkennen, ihre Gesichter waren verzogen. Sie schienen zu lachen, schienen sie auszulachen, wie absurd es doch sei, hysterisch in diese Runde zu brechen.
Und sie alle hörten nicht auf damit. Verzweiflung machte sich in ihr breit.
Sie musste sich abstützten. Und das erste, was sie zu fassen bekam, war die dunkle Kinderkrippe inmitten des Kreises.
Stille legte sich über die Gemeinschaft. Aufgeregtes Quietschen drang aus der Krippe. Fahrig streckte sie die Hand nach der Decke aus, als sie die kleinen Händchen sehen konnte, wie sie in die Luft griffen. Auf der Suche nach der Mutter.
Auf der Suche nach ihr.

Die Decke offenbarte stechend gelbe Augen, pechschwarze, schlitzförmige Pupillen.
Rassiermesserscharfe, kleine Zähne und Klauen.
Hornartige Auswüchse an den Schläfen.

„Was habt ihr gemacht? Was habt ihr mit meinem Baby gemacht?!“