******************** Fluch des Krieges von Roman95 ******************** -------------------- 1. Kapitel: Kapitel 1 Eine Stadt in Trümmern -------------------- Es war der 20. Oktober 1949, als James Carter, ein junger Geschichtsstudent und angehender Architekt aus New York, unsanft aus dem Schlaf gerissen wurde.Ungeduldig hämmerte der Schaffner gegen die Tür seines Zugabteils. „Aufwachen, wir sind gleich da!“ James fuhr sich über das Gesicht, räusperte sich und antwortete schläfrig:„Natürlich. Ich komme sofort.“Er griff nach seinem Koffer und zog den Mantel enger um sich. Als er aus dem Zugfenster blickte, zeichnete sich bereits die Silhouette von Falkenberg ab – einer kleinen deutschen Stadt nahe der Ostsee. Ein dunkler, beinahe unheilvoller Nebel lag über den Straßen und schien den Ort zu verschlingen, während der schwache Schein der aufgehenden Sonne nur mühsam hindurchdrang. Zwischen den Dächern ragten Ruinen empor, zerborstene Mauern und ausgebrannte Fassaden, stumme Zeugen eines Krieges, der erst wenige Jahre vergangen war. Über der Stadt jedoch thronte ein Bauwerk von anderer Art. Groß, prachtvoll und zugleich zurückhaltend erhob es sich aus dem Nebel, als wolle es sich dem Blick entziehen. Seine Konturen wirkten unversehrt, beinahe zeitlos. James’ Blick blieb an ihm hängen.Haus Falkenberg. Dorthin hatte ihn seine Reise geführt. „Was wollen Sie dort überhaupt?“ fragte der Schaffner, dessen Stimme schwer von einem alten deutschen Akzent war. „Ich möchte Haus Falkenberg studieren. Es ist für meine Abschlussarbeit“, antwortete James höflich. Der Schaffner grunzte leise. „Falkenberg ist kein schöner Ort, Junge. Viele Menschen sind dort während des Krieges gestorben.“Er trat näher an James heran. „Die Stadt hat sich bis heute nicht von den Bomben der Amerikaner erholt. Erwarten Sie keinen freudigen Empfang, James aus New York.“ James ging zum Ausgang des Waggons und machte sich bereit für die Ankunft.Vorn zog die alte Dampflok eine dichte schwarze Rauchspur durch die graue Landschaft, während der Zug sich langsam der Station näherte. Er lehnte sich an die geöffnete Schiebetür und blickte hinaus. Was sich vor der Stadt ausbreitete, ließ ihn erstarren. Die Felder waren kein Land mehr, sondern Narben. Zerfurcht von Schützengräben, übersät mit den ausgebrannten Wracks von Panzern und Fahrzeugen, die rostend im feuchten Boden versanken. Dazwischen lagen Körper – reglos, verwesend, von der Erde bereits halb zurückgefordert. Der vollkommen zerissene Rumpf eines Bombers lag wie ein vom Himmel gestürzter Adler auf einem Feld. Die Spuren des Absturzes waren noch deutlich zu sehen. James hob die Hand vor den Mund.„Oh mein Gott“, flüsterte er. „Ich habe viel in den Zeitungen über den Zweiten Weltkrieg gelesen“, sagte er leise. „Aber das hier… das ist schlimmer als alles, was ich mir hätte vorstellen können.“ „Das ist Krieg, mein Junge“, erwiderte der Schaffner trocken. „Darüber steht nichts in den Zeitungen.“ Der Zug hielt mit lautem Quietschen und zischendem Dampf.James stieg aus. Niemand folgte ihm. Der Bahnhof von Falkenberg lag still und verlassen da. Müll und Glasscherben bedeckten den Boden, Teile des Gebäudes waren eingestürzt, die Wände geschwärzt vom Rauch vergangener Brände. Draußen angekommen, stellte James seinen Koffer ab. Hier sollte ihn der Fahrer von Frau Falkenberg abholen. Er blickte sich um bemerkte, wie ihn ein alter Mann aus der Ferne musterte. James dachte sich erstmal nichts dabei, doch dann dieser zu ihm gehumpelt. „Habt ihr verdammt noch mal nicht schon genug Schaden angerichtet?“ fauchte er. „Ich verstehe nicht, Sir“, sagte James verwirrt. „Was meinen Sie bitte?“ „Es reicht wohl nicht, unsere Stadt zu zerstören“, spie der Mann ihm entgegen. „Jetzt wollt ihr sie uns auch noch wegnehmen, was?“ „Was meinen Sie—“ „Ihr verdammten Amerikaner!“ Der Mann brach in einen heftigen Hustenanfall aus. James’ Hände begannen zu zittern. Er brachte kein Wort hervor. Da rollte ein schwarzer Rolls-Royce an den Bordstein. Der Motor verstummte. Ein Mann stieg aus – groß, schlank, korrekt gekleidet, jede Bewegung ruhig und kontrolliert. „Herr Friedrich“, sagte er genervt. „Lassen Sie den Jungen in Ruhe. Ich habe Ihnen schon gesagt, Sie sollen aufhören, die Gäste von Frau Falkenberg zu belästigen.“ Friedrich murmelte etwas Unverständliches und humpelte davon. „Ihren Koffer können Sie mir geben“, sagte der Fahrer. Ermüdet von der langen Reise ließ James sich auf die gemütliche Lederrückbank des Wagens fallen. Der Fahrer nahm seine Mütze ab und schwang sich hinter das Lenkrad. Leise begann der luxuriöse Wagen sich in Bewegung zu setzten. James sah aus dem Fenster und konnte seinen Blick von der Verwüstung nicht abwenden. Risse und tiefe Löcher durchzogen die Straßen. Ausgebrannte Fahrzeuge standen am Straßenrand. Sandsäcke bildeten Blockaden. Läden waren mit Rollläden geschlossen worden. Hier hatten eindeutig schwere Kämpfe stattgefunden. „Was ist hier passiert?“ fragte James. Der Fahrer sah im Rückspiegel zu James. „Kurz vor Kriegsende wurde die Stadt von den Amerikanern überrannt“, antwortete er dann. „Hunderte SS-Leute wurden getötet. Auch ein hochrangiger Offizier – er hatte Haus Falkenberg besetzt.“ "Aber es gab doch internationale Hilfe, wieso sieht es hier immer noch so aus?" wunderte sich James. „Der Bürgermeister stellte Dutzende Hilfsanträge“, sagte der Fahrer. „Alle wurden abgelehnt.“ „Das ist schrecklich.“ erwiderte James „Jetzt leben nur noch wenige Menschen hier“, seufzte der Fahrer. „Und die, die geblieben sind, sind zu alt, um wegzugehen.“ „Und Frau Falkenberg?“ fragte James. „Sie will nicht wegziehen. Das Haus ist seit Hunderten von Jahren in Familienbesitz. Sie hat es erst vor Kurzem geerbt.“ „Von wem?“ Der Fahrer schwieg einen Moment.„Von ihrem Vater. Er wurde kaltblütig hingerichtet.“Eine Pause.„Von den Nazis.“ Der Wagen fuhr weiter, fort von der Stadt, hinauf in Richtung des Hauses Falkenberg.Die Straße wurde schmaler, wand sich in sanften Kurven den Berg hinauf. Nebel hing noch zwischen den Bäumen, doch mit jeder weiteren Biegung begann er sich zu lichten. Plötzlich öffnete sich die Landschaft. Zur Linken erhoben sich mächtige Berge, deren Gipfel in der Ferne lagen. Ein feiner Schleier aus Schnee bedeckte ihre Spitzen, weiß und hell wie Puderzucker im ersten Licht des Morgens. Zur Rechten erstreckte sich das Wasser – ruhig, endlos –, und die aufgehende Sonne ließ seine Oberfläche glitzern, als wäre sie mit tausend kleinen Spiegeln bedeckt. James hielt den Atem an. Nach all der Zerstörung wirkte diese Schönheit beinahe unwirklich, als gehöre sie nicht in dieselbe Welt. Er beugte sich leicht nach vorn, die Augen weit geöffnet. „Wow“, hauchte er leise.„Wie wunderschön.“ Schließlich hielt der Wagen vor dem mächtigen Eingangstor des Anwesens.Der Fahrer stieg aus und trat an das schwere Eisentor. Mit sichtbarer Anstrengung setzte er es in Bewegung. Widerwillig öffnete es sich knarrend und gab den Blick auf den Vorhof frei. Dann lief der Fahrer wieder zurück zum Wagen. Langsam ließ er ihn durch das Tor rollen. Mit einem mächtig wirkenden *Klong" fiel das Tor hinter ihnen wieder zu. Dann zeigte sich Haus Falkenberg von seiner ganzen Pracht. Die mehrstöckige Villa wirkte wie ein Monument, das für die Ewigkeit gebaut zu sein schien. Statuen von Feuerspeiern thronten ganz oben an jeder Seite des Hauses. Der Wagen kam zum Stillstand. Der Fahrer umrundete ihn und öffnete die Tür.„Herzlich willkommen, Mr. Carter“, sagte er und verbeugte sich leicht. In diesem Moment öffnete sich auch die Eingangstür. Eine Frau Mitte vierzig trat heraus und kam die breite Steintreppe hinunter. Sie trug ein perfekt sitzendes dunkelrotes Kleid, schlicht, aber von makelloser Eleganz. Ihre Haltung war aufrecht, ihre Bewegungen ruhig und bestimmt – jemand, der es gewohnt war, gesehen zu werden. „Mr. Carter“, sagte sie freundlich, während sie ihm die Hand reichte. „Wie schön, dass Sie endlich angekommen sind. Wie war Ihre Reise?“ James erwiderte den Händedruck höflich.„Frau Falkenberg, nehme ich an?“ Sie lächelte. „Ganz genau, Elisabeth Falkenberg. Benannt nach meiner Mutter“ Ein leiser Anflug von Wärme lag in ihrer Stimme. „Ich freue mich sehr, Sie nun persönlich kennenzulernen – nach all den Briefen, die wir uns geschrieben haben.“ Der Fahrer stellte James’ Koffer neben ihn ab.„Ihr Gepäck, Sir.“ „Vielen Dank“, sagte James. Frau Falkenberg wandte sich kurz an den Fahrer.„Ach, Johannes – würden Sie bitte den Wagen waschen? Er sieht ja furchtbar aus.“ Johannes nickte wortlos, verbeugte sich knapp und machte sich an die Arbeit. „Kommen Sie“, sagte Frau Falkenberg leise. „Ich führe Sie durch das Haus.“ James folgte ihr die breite Steintreppe hinauf. Jeder Schritt hallte dumpf wider, als trüge das Gemäuer selbst noch Erinnerungen in sich. Vor ihnen erhob sich die Eingangstür – aus dunklem, edlem Holz, kunstvoll gearbeitet, mit feinen Schnitzereien, die von einer Zeit erzählten, in der dieses Haus Macht und Stolz verkörpert hatte. James’ Blick wanderte nach oben. Und da stockte ihm der Atem. Über der Tür hing ein Reichsadler. Schwarz, schwer, unübersehbar – ein Relikt, das nicht hierhergehörte und doch fest mit dem Haus verbunden schien. Für einen Moment blieb James stehen, unfähig, den Blick abzuwenden. Frau Falkenberg bemerkte es sofort. „Ach …“, sagte sie und seufzte leise. „Ich muss mich entschuldigen, Mr. Carter. Wir hatten bislang noch keine Möglichkeit, diesen Schandfleck zu entfernen.“ In ihrer Stimme lag keine Rechtfertigung. Nur Müdigkeit – und etwas, das nach Scham klang. James nickte stumm. Er spürte, dass dieses Haus mehr trug als nur Stein und Geschichte.Es trug Schuld. Mit einem schweren Eisenschlüssel öffnete Frau Falkenberg die Eingangstür. Das Schloss antwortete mit einem tiefen, widerwilligen Klicken, bevor das massive Holz langsam nachgab. James trat über die Schwelle – und blieb wie angewurzelt stehen. Die Eingangshalle war weit und hoch, erfüllt von einer stillen Erhabenheit. Eine geschwungene Wendeltreppe aus dunklem Holz führte in die oberen Stockwerke hinauf, reich verziert, makellos erhalten. Jeder Schritt, jede Schnitzerei wirkte durchdacht, als hätte der Zahn der Zeit hier respektvoll Halt gemacht. Im Zentrum der Halle erhob sich eine große Marmorstatue. Sie zeigte eine Frau mit verbundenen Augen, aufrecht und würdevoll. Auf ihrer Schulter ruhte ein großes Gefäß, dessen Form an eine antike Amphore erinnerte. Behutsam hielt sie es fest, als trüge sie eine kostbare Last. Das Gefäß war leicht geneigt, als würde es Wasser spenden – nicht verschwenderisch, sondern maßvoll, bedacht. Trotz der Augenbinde lag in ihrer Haltung etwas Fürsorgliches, beinahe Beschützendes.Als versorge sie all jene, die unter diesem Dach lebten – damals wie heute. James spürte, wie sich Ehrfurcht in ihm ausbreitete. Dieses Haus war nicht nur gebaut worden, um zu beeindrucken.Es war geschaffen worden, um zu bestehen. Egal, wohin sein Blick fiel, James kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.Die Wände waren geschmückt mit perfekt gemalten Gemälden, deren Wert sich kaum ermessen ließ. Gesichter aus längst vergangenen Zeiten blickten ihm entgegen, ernst, stolz oder geheimnisvoll – als würden sie jeden Schritt beobachten, den er durch die Halle machte. Unter seinen Füßen erstreckte sich ein Steinboden von makelloser Sauberkeit. Kühl und glatt, als wäre er erst gestern poliert worden. Kein Staub, kein Schmutz, nichts erinnerte an den Verfall draußen vor den Mauern. Jemand hatte dieses Anwesen mit hingebungsvoller Sorgfalt bewahrt.Fast so, als sei das Haus selbst das Letzte, was man vor dem Vergessen retten wollte. "Mr Carter? Alles in Ordnung bei ihnen?" fragte Frau Falkenberg. "Ja ja natürlich, ich bin nur überwältigt von der Schönheit dieses Hauses" sagte James fast stotternd. „Ja, das kann ich verstehen“, sagte Frau Falkenberg mit einem leichten Lächeln. „Sind Sie gerade erst angekommen?“ fragte Mr. Carter und deutete auf die zahlreichen Koffer, die in der Eingangshalle standen. „Das ist richtig“, erwiderte sie ruhig. In diesem Moment hallten schwere Schritte aus dem oberen Stockwerk. Hastig, beinahe polternd, kamen sie die Wendeltreppe herab. James hob den Blick. Ein Mann von gewaltiger Statur stürmte die Stufen hinunter – weit über zwei Meter groß, breit gebaut, mit Schultern wie ein Ochse. Ein langer, schwarzer Bart umrahmte sein Gesicht, durchzogen von grauen Strähnen, die ihm etwas Wildes und Ungezähmtes verliehen. Er trug eine abgewetzte Latzhose, in deren Taschen verschiedenste Werkzeuge steckten: Schraubenschlüssel, Zangen, ein Hammer, alles griffbereit, als wäre er jederzeit zum Arbeiten – oder Kämpfen – bereit. „Frau Falkenberg!“ rief er aufgeregt mit tiefer, rauer Stimme, die durch die Halle dröhnte. James zuckte unwillkürlich zusammen. Frau Falkenberg hingegen verzog kaum eine Miene.„Was ist denn, Franz? “ fragte sie genervt, ohne sich umzudrehen "Unser Gast ist hier" „Der Bürgermeister hat angerufen“, sagte er völlig außer Atem.„Sie sollen sofort ins Rathaus kommen.“ „Verdammt noch mal“, fluchte Frau Falkenberg leise, doch scharf. Man sah ihr an, wie sich die Anspannung in ihr zusammenzog. Sie wandte sich abrupt um.„Wo ist Gustav?“ fragte sie ungehalten.Dann hob sie die Stimme: „Gustav! Kommen Sie sofort her!“ Aus der Küche ertönte ein lautes Poltern, als sei jemand vor Schreck gegen einen Tisch gestoßen oder habe etwas fallen lassen. Sekunden später eilte ein älterer Mann in die Halle. Er trug einen makellosen Frack, sein Rücken war gerade, seine Bewegungen ruhig und kontrolliert – ein starker Kontrast zur hektischen Stimmung. „Ja, Frau Falkenberg“, sagte er höflich und ehrwürdig und verbeugte sich leicht. „Ich möchte, dass Sie Mr. Carter auf sein Zimmer bringen“, sagte sie gehetzt. „Ich muss dringend etwas in der Stadt erledigen.“ Sie wandte sich James zu, faltete die Hände ineinander und zwang sich zu einem freundlichen Ausdruck. „Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung, Mr. Carter“, sagte sie.„Mein Butler wird Sie auf Ihr Zimmer bringen. Bitte fühlen Sie sich wie zu Hause, bis ich zurück bin" Dann stürmte Frau Falkenberg durch die Eingangstür nach draußen. „Johannes!“ brüllte sie über den Vorhof hinweg.„Fahren Sie den Wagen vor, wir müssen sofort los!“ Johannes fuhr erschrocken herum. Noch hielt er den Gartenschlauch in der Hand, mit dem er gerade den schwarzen Rolls-Royce gewaschen hatte. Wasser tropfte vom Lack auf das Kopfsteinpflaster. „Aber gnädige Frau, der Wagen ist noch—“ setzte er an. „Kein Aber!“ unterbrach sie ihn scharf. Mit einer ruckartigen Bewegung riss sie die hintere Wagentür auf und stieg ein, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen. Johannes zögerte einen Moment, dann ließ er den Schlauch fallen.Hastig eilte er um den Wagen herum. Es war klar: Das hier war kein gewöhnlicher Termin. Ratlos sahen James und der Butler dem Rolls-Royce nach, wie er eilig das Gelände verließ und hinter dem schweren Tor verschwand. Für einen Moment lag Stille über dem Vorhof, nur das entfernte Geräusch des Motors hallte noch nach. „Nun gut, Sir“, räusperte sich der Butler schließlich und straffte die Schultern.„Dann will ich Sie auf Ihr Zimmer bringen. Das ist Ihr Koffer, nehme ich an?“ James nickte angespannt. Er wollte etwas sagen, doch kein Wort kam über seine Lippen. Der Butler beugte sich hinunter und umfasste den Griff des Koffers. Er hob ihn ein Stück an – nur um ihn sofort wieder mit einem dumpfen Geräusch zu Boden sinken zu lassen. „Hm“, murmelte er und verzog kaum merklich das Gesicht.„Ich fürchte, den kann ich nicht heben.“ Er wandte sich um.„Franz, wären Sie so nett?“ Ohne ein Wort zu verlieren trat Franz näher. Mit einer Bewegung, als handele es sich um ein Kinderspielzeug, hob er den vollgepackten Koffer mühelos hoch und wartete. Der Butler machte eine knappe Handbewegung, und gemeinsam begannen sie, die Treppe hinaufzugehen. Ihre Schritte hallten gedämpft durch das hohe Treppenhaus. Neben Franz wirkte James beinahe wie ein Kleinkind. Während sie den Flur entlanggingen, warf er immer wieder vorsichtige Blicke zu dem riesigen Mann hinauf. Franz’ Präsenz war einschüchternd, selbst jetzt, wo er kein Wort sagte. Am Ende des Flurs blieb der Butler stehen. Er zog seinen Schlüsselbund hervor, suchte einen Moment und öffnete schließlich die Tür. „Ich danke Ihnen, Franz“, sagte er knapp. Franz stellte den Koffer ab, richtete sich auf und murmelte: „Ich muss zurück zur Arbeit.“ Dann drehte er sich wortlos um und marschierte zielstrebig davon, seine schweren Schritte entfernten sich rasch im Flur. „Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte Gustav ruhig.„Franz ist ein sanfter Riese. Er war Soldat, bevor Frau Falkenberg ihn aufgenommen hat.“ Er machte eine kurze Pause. „Der Krieg hat ihm alles genommen.“ „Sein Haus wurde zerbombt“, erzählte der Butler ruhig.„Seine Frau und seine kleine Tochter sind dabei ums Leben gekommen. Das hat ihn gebrochen.“ Er hielt kurz inne, als wäge er jedes weitere Wort ab. „Frau Falkenberg hat ihn aus der Obdachlosigkeit geholt. Vor zwei Jahren, um genau zu sein.“ „Das ist ja schrecklich“, sagte James leise. Seine Stimme klang kaum lauter als ein Flüstern. „Das ist es“, bestätigte der Butler kurz und knapp. Er richtete sich wieder auf, als lege er die Vergangenheit für den Moment beiseite.„Wie auch immer – hier ist Ihr Zimmer, Sir. Bitte zögern Sie nicht, mich zu rufen, sollten Sie einen Wunsch haben.“ Der Butler trat zur Seite, verbeugte sich würdevoll und stolzierte davon. Seine Schritte verklangen rasch im Flur. James blieb allein zurück. Er betrat das Zimmer. Auch dieses war wundervoll eingerichtet, gepflegt bis ins kleinste Detail – makellos, wie alle anderen Räume in diesem Haus. Nichts wirkte zufällig, nichts dem Verfall überlassen. Erschöpft von dem langen Tag stellte er seinen Koffer ab und ließ sich auf das große, weiche Bett fallen. Für einen Moment schloss er die Augen und atmete mehrmals tief durch, als müsse er all die Eindrücke erst ordnen. Schließlich erhob er sich wieder, trat ans Fenster und blickte hinunter auf die Stadt. Falkenberg lag still da.Keine Autos, keine Stimmen, keine Menschen auf den Straßen. Nichts, was auf Leben hindeutete. Von hier oben wirkte die Zerstörung noch schlimmer. Zerfallene Dächer, ausgebrannte Fassaden, leere Straßenzüge – Narben, soweit das Auge reichte. Es war, als läge der Ort im Sterben.Als würde er nur noch warten.Auf sein Ende. James begann, seinen Koffer auszupacken. Als er den Schrank öffnete, entdeckte er darin ein Paar Hausschuhe und einen sorgfältig gefalteten Bademantel, ordentlich bereitgelegt. Obenauf lag ein kleiner Zettel. Für Mr. Carter. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Nachdem er seinen Koffer vollständig ausgepackt hatte, legte er die mitgebrachten Fachbücher ordentlich auf den Schreibtisch. Schwere, in Leder gebundene Bände – sein eigentlicher Grund, hier zu sein. Sein Magen begann zu knurren.Es war Zeit fürs Mittagessen. Er schlüpfte in eine bequeme Hose und ein schlichtes T-Shirt. Die Pantoffeln waren überraschend weich, fast so, als würde er auf zwei Kissen gehen. Lautlos verließ er das Zimmer und machte sich auf den Weg hinunter in die Halle. Noch bevor er die Küche erreichte, kam ihm ein verführerischer Duft entgegen – herzhaft, warm, vertraut. Perfekt gebratenes Steak. Gustav stand bereits am Herd und richtete das Essen an, ruhig und konzentriert, als sei dies die selbstverständlichste Sache der Welt. „Mr. Carter, darf es Kartoffeln oder Gemüse als Beilage für Sie sein?“ fragte Gustav in ruhigem Ton. „Kartoffeln bitte“, antwortete James. „Nehmen Sie doch im Speisezimmer Platz“, sagte der Butler. „Das Essen ist in Kürze fertig.“ James folgte der Einladung und betrat das Speisezimmer. Kaum hatte er den Raum betreten, blieb er unwillkürlich stehen. Franz saß bereits am Tisch. Seine Arbeitskleidung hatte er abgelegt. Stattdessen trug er eine einfache Jeans und ein enges Tanktop, das seinen massigen, muskulösen Oberkörper deutlich zur Geltung brachte. Seine Arme lagen schwer auf der Tischplatte, sehnig, von Narben durchzogen. James’ Blick blieb an seinem linken Arm hängen. Dort zeichnete sich ein Tattoo ab – das Abzeichen der deutschen Armee, dunkel in die Haut gestochen, verblasst vom Alter, aber noch immer deutlich zu erkennen. Für einen kurzen Moment herrschte Stille im Raum. „Nehmen Sie doch Platz, Mister Carter“, sagte Franz in ruhigem Ton und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. Zögernd folgte James der Aufforderung und setzte sich. Seine Bewegungen wirkten angespannt, fast vorsichtig. Franz faltete die Hände auf der Tischplatte. Für einen Moment schwieg er, als suche er nach den richtigen Worten. „Mr. Carter“, begann er schließlich, „ich weiß, dass meine Erscheinung auf viele Menschen einschüchternd wirkt.“Er hob kurz den Blick, ohne James direkt anzustarren.„Aber ich versichere Ihnen, dass ich unschuldigen Menschen niemals etwas antun würde.“ Seine Stimme blieb ruhig, beinahe sachlich. „Das war auch der Grund, weshalb ich aus der Wehrmacht geflohen bin“, fuhr er fort.„Ich konnte die sinnlose Gewalt nicht mehr ertragen.“ Für einen kurzen Moment fand James keine Worte.Ein so freundliches und höfliches Benehmen hätte er von einem derart grob wirkenden Mann nicht erwartet. „Welche Position hatten Sie in der Wehrmacht?“ fragte er schließlich vorsichtig. Franz schluckte. Für einen Augenblick wirkte es, als müsste er etwas Schweres hinunterschlucken – Erinnerungen, die er lieber vergessen hätte. Sein Blick senkte sich. „Ich war in einem Aufklärungstrupp" sagte er schließlich. Er machte eine kurze Pause. „Ich habe viele Menschen sterben sehen“, fuhr er leise fort.„Freunde wie Feinde.“ Seine Stimme war ruhig, doch sie trug eine Müdigkeit in sich, die tiefer ging als jedes Wort. „Ich habe die Konzentrationslager gesehen“, sagte Franz leise.„Die Zwangsarbeit. Die Hinrichtungen.“ Er atmete tief durch, als müsse er sich selbst sammeln. Seine Hände lagen reglos auf dem Tisch, doch die Spannung darin war spürbar. „Danach wurde es mir klar“, fuhr er fort.„Ich kämpfte nicht für die gute … sondern für die böse Seite dieses Krieges.“ Er hob den Blick und sah James direkt in die Augen. „Wie Sie sehen können, Mr. Carter“, sagte Franz ruhig,„in diesem Krieg gab es mehr Verlierer als Gewinner.“ James sagte nichts. Er war überwältigt von dem, was er gerade gehört hatte. Die Worte hallten in ihm nach, schwerer als alles, was er bisher über den Krieg gelesen oder in Vorlesungen gehört hatte. Sein ganzes Leben lang hatte er sich in der Sicherheit wohlhabender Eltern gewusst – fern von Hunger, Gewalt und existenzieller Angst. Der Krieg war für ihn stets etwas gewesen, das in Büchern stattfand. In Zahlen, Daten und Fotografien. Nun saß ihm ein Mann gegenüber, der all das nicht als Geschichte erlebt hatte, sondern als Leben. Jemanden zu sehen, dem diese Privilegien verwehrt geblieben waren, war für James mehr als nur ernüchternd.Es war augenöffnend. „Darf ich Sie fragen, was Sie gemacht haben, bevor Sie bei der Wehrmacht waren?“ fragte James vorsichtig. Franz zögerte einen Moment, dann entspannte sich sein Gesicht ein wenig. „Ich war ein Bauernkind“, erzählte er ruhig.„Ich habe schon mit zwölf Jahren auf dem Feld gearbeitet.“ In seiner Stimme lag weder Stolz noch Bitterkeit – nur eine schlichte Feststellung dessen, was gewesen war. In diesem Moment kehrte Gustav zurück. Mit ruhigen, gleichmäßigen Schritten marschierte er an den Tisch und stellte zwei Teller ab. „So, bitte sehr“, sagte er freundlich.„Einmal für Sie, Mr. Carter – und einmal extra groß für dich, Franz.“ Ein Hauch von Normalität zog in den Raum ein. Das Klirren des Porzellans, der Duft des Essens, die Selbstverständlichkeit der Geste – all das wirkte beinahe tröstlich. Auch Gustav nahm Platz, holte sich seinen Teller, und gemeinsam begannen sie, ihr Essen zu genießen. Das leise Klirren von Besteck auf Porzellan mischte sich mit dem Duft perfekt gebratener Speisen. Währenddessen unterhielten sie sich über alles Mögliche. Gustav erzählte, dass er bereits seit seiner Kindheit im Haus Falkenberg lebte. Im Ersten Weltkrieg hatte er seine Eltern verloren. „Herr Falkenberg fand mich damals verängstigt in einem Waldstück“, berichtete er ruhig. „Ich hatte mich in eine kleine Höhle gezwängt, um nicht von Soldaten entdeckt zu werden.“ „Wir verdanken Herrn und Frau Falkenberg unser Leben“, sagte Franz leise, doch mit Nachdruck. „Sie haben uns eine zweite Chance gegeben.“ „Das ist wirklich schön“, erwiderte James und lächelte. Es war ein kleines, warmes Gefühl inmitten der sonst so düsteren Umgebung. Plötzlich wurde ihr Gespräch von einem lauten Donnergrollen unterbrochen. Blitze zuckten über den Himmel, Regen prasselte gegen die Fenster. Ein Gewittersturm hatte sich über das Anwesen gelegt. „Tja, das mit der Gartenarbeit wird heute wohl nichts mehr“, sagte Franz schulterzuckend und aß ungerührt weiter. Gerade als Gustav einen Bissen auf der Gabel hatte, klingelte laut das Telefon in der Eingangshalle. Gustav erhob sich, verließ das Esszimmer und hob ab. „Hier, Haus Falkenberg. Sie sprechen mit Gustav, was kann ich für Sie tun?“ Von dem Gespräch drangen nur vereinzelte Fetzen zu ihnen herüber. „Ja, ist in Ordnung.“„Ja, ich richte es ihm aus.“„Natürlich, Madam. Bis morgen.“ Ruhig legte Gustav auf und kehrte zum Esstisch zurück. „Ich bin untröstlich, aber die Dame des Hauses wird erst morgen zurückkehren“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Hat sie gesagt, warum?“ fragte Franz neugierig, während er den Blick kurz von seinem Teller hob. „Der übliche Streit mit dem Bürgermeister“, antwortete Gustav knapp. „Ach, verstehe“, murmelte Franz und wandte sich wieder seinem Essen zu. „Was will der Bürgermeister denn? Falls die Frage erlaubt ist …“ wagte James vorsichtig. „Aus irgendeinem Grund besteht er, darauf das Grundstück zu erwerben. Wir wissen einfach nicht, warum“, erklärte Gustav sachlich. „Hm, das ist tatsächlich seltsam" sagte James nachdenklich. „In der Tat“, sagte Gustav ruhig, „Frau Falkenberg will sich von diesem Haus nicht trennen. Es ist seit über drei Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie. Außerdem will der Bürgermeister ihr das Haus nur wegnehmen – um die Stadt kümmert ihn kaum" Franz nickte zustimmend. „Und wir beide würden unser Zuhause verlieren“, fügte er hinzu und ließ die Gabel für einen Moment liegen. Die Stunden vergingen nur langsam, nachdem die drei das Mittagessen beendet hatten. Gustav widmete sich wie üblich dem Haushalt, seine Bewegungen präzise und leise, während er den Boden polierte oder Geschirr verräumte. Franz hingegen schraubte hier und hämmerte dort, erledigte kleine Reparaturen, sein muskulöser Körper arbeitete konzentriert und ruhig. Draußen rumpelte das Gewitter weiterhin bedrohlich über das Anwesen. Regen prasselte in Strömen auf das Dach und die Fenster, und gelegentlich zuckte ein greller Blitz über den Himmel, der die Räume kurz in ein gespenstisches Licht tauchte. James hatte sich derweil in sein Zimmer zurückgezogen. Die Tür hinter ihm schloss sich mit einem leisen Klicken, und er versank in seinen Büchern. Die Welt draußen schien weit weg, und doch ließ ihn das ständige Grollen des Gewitters nicht ganz los. Das Haus Falkenberg war in Bewegung, aber die Ruhe in den einzelnen Räumen wirkte beinahe wie ein Gegenpol zu der Wildheit des Sturms. James konnte sich kaum vorstellen, dass ein Ort, der so geordnet und gepflegt wirkte, draußen so von Chaos durchzogen war. Als die Sonne schließlich untergegangen war, klopfte es noch einmal leise an James’ Tür. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“ fragte Gustav höflich, als James öffnete. „Nein, danke. Alles ist in bester Ordnung“, antwortete James. „Wunderbar. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht“, sagte Gustav, verbeugte sich leicht und ging den Flur entlang davon. James schloss die Tür und ließ sich zurück auf das Bett sinken. Er zog die schwere, weiße Decke über sich und spürte, wie die Erschöpfung des Tages langsam von ihm Besitz ergriff. Draußen hatte sich das Gewitter inzwischen beruhigt. Der Regen war verstummt, und bis auf das leise Zirpen einiger Grillen lag eine unheimliche Stille über dem Anwesen. James schaltete das Licht aus und schloss die Augen. Noch ahnte er nicht, dass die kommenden Tage alles verändern würden –und dass das, was vor ihm lag, der Beginn eines wahren Horrortrips war.   -------------------- 2. Kapitel: Kapitel 2 Schreie um Mitternacht -------------------- Als James am nächsten Morgen aufwachte, hörte er bereits den Rolls-Royce über den Schotter des Hofes fahren.Er stand auf und trat ans Fenster. Johannes öffnete Frau Falkenberg die Tür. James konnte nichts hören, doch ihre Körpersprache sagte alles. Sie wirkte ausgelaugt und müde, als hätte sie kaum geschlafen. Mit einer raschen Bewegung strich sie ihr Kleid glatt, mehr aus Gewohnheit als aus Eitelkeit. Johannes reichte ihr die Hand und begleitete sie zur Haustür. Ohne stehen zu bleiben, ohne sich umzusehen, ging sie ins Haus hinein. James trat vom Fenster zurück und roch an seinen Kleidern.„Puh … so kann ich nicht runtergehen“, murmelte er.„Noch schnell waschen, bevor ich hinuntergehe.“ Nach einem raschen Bad blieb James vor dem Spiegel stehen.„Hm … wird Zeit für eine Rasur“, murmelte er und fuhr sich über die Bartstoppeln an seinem Kinn. Auf der Reise hatte er kaum Gelegenheit dazu gehabt. Er griff nach seinem Rasierapparat. Das gleichmäßige Surren erfüllte das Badezimmer, und nur wenige Minuten später glitt seine Hand zufrieden über die nun glatt rasierten Wangen. Anschließend öffnete er den Schrank und nahm ein frisch gebügeltes Hemd sowie eine Anzughose heraus. Schließlich wollte er anständig gekleidet sein – so, wie es sich gehörte. Er verließ das Zimmer und ging den Flur hinunter.Schon an der Treppe hörte er Stimmen aus der Eingangshalle. Die Stöckelschuhe von Frau Falkenberg hallten durch die Eingangshalle.  Sie sprach gerade mit Gustav und Franz. „Ach, es war schrecklich, sage ich euch“, hörte er sie klagen. „Dieser Bürgermeister ist einfach nur anstrengend.“ Als James die Halle betrat, kam Frau Falkenberg ihm bereits entgegen. Entschuldigend faltete sie die Hände vor der Brust. „Mr Carter, bitte verzeihen Sie mir. Das ist bestimmt nicht der Empfang, den Sie sich erhofft haben.“Sie musterte ihn kurz und lächelte müde.„Haben Sie gut geschlafen? Sie sehen wunderbar aus.“ „Alles in Ordnung, Frau Falkenberg“, antwortete James ruhig. „Ich hatte gestern Gelegenheit, Gustav und Franz kennenzulernen. Sie haben mir erzählt, wie viel Gutes Sie für die beiden getan haben.“ „Das ist wirklich schön. Die beiden sind wie Söhne für mich – auch wenn ich selbst nie welche hatte“, sagte Frau Falkenberg freundlich. Dann wandte sie sich um.„Kommen Sie, dann wollen wir mal frühstücken.“Mit einer einladenden Handbewegung winkte sie James ins Esszimmer. Kaum trat er ein, stieg ihm der vertraute Duft von Spiegeleiern, knusprigem Speck und frischem Toast in die Nase. Für einen Moment fühlte es sich beinahe an wie Zuhause. „Wir dachten, wir machen es heute einmal typisch amerikanisch für Sie, Mr Carter“, sagte Gustav mit einem dezenten Lächeln. Als sich schließlich alle gemeinsam an den Tisch gesetzt hatten, lockerte sich die zuvor angespannte Stimmung rasch. Das Klirren von Besteck und das leise Brutzeln aus der Küche schufen eine beinahe familiäre Atmosphäre. James erzählte von der Arbeit, die er über das Haus Falkenberg schreiben wollte, von alten Bauplänen, Fassaden und der Geschichte, die in den Mauern steckte. „Wie ist es so in New York, Mr Carter?“ fragte Franz interessiert. James lächelte. Er sprach von den hohen Wolkenkratzern, die sich wie Stahlriesen in den Himmel reckten, von den unzähligen Menschen auf den Straßen und von der unaufhörlichen Lebendigkeit der Metropole – einer Stadt, die niemals zur Ruhe kam. Doch das fröhliche Gespräch fand ein abruptes Ende, als plötzlich ein schrilles Klingeln durch das Haus hallte. Der Ton schnitt durch die Luft wie ein Messer. „Da ist jemand am Tor“, sagte Johannes ruhig. „Ich sehe nach.“ Er erhob sich, trat zur Gegensprechanlage und nahm den Hörer ab.„Ja, bitte? Wer ist da?“ Einen Moment lang hörte man nur undeutliche Stimmen aus dem Lautsprecher. Johannes’ Miene verhärtete sich leicht. Er senkte den Hörer und gab Frau Falkenberg mit einer knappen Bewegung zu verstehen, näherzukommen. „Es ist der Bürgermeister“, sagte er leise. „Er besteht darauf, persönlich mit Ihnen zu sprechen.“ Frau Falkenberg schloss kurz die Augen und atmete hörbar aus.„Na wunderbar“, murmelte sie. „Vielleicht sind wir danach endlich fertig mit diesem Theater.“ Kaum hatte Johannes den Knopf gedrückt, der das Tor öffnete, war draußen bereits das Aufheulen eines Motors zu hören. Ein rostiges, altes Fahrzeug raste auf den Hof und kam abrupt zum Stehen – ein Wagen, der eines Bürgermeisters kaum würdig war. Die Tür flog auf. Der Mann stieg wutentbrannt aus und stürmte ohne zu zögern auf das Haus zu. Frau Falkenberg trat in den Türrahmen. Noch bevor sie etwas sagen konnte, stellte sich Franz schützend vor sie, breit und unbeweglich wie eine Mauer. „Wir haben nichts mehr zu besprechen“, sagte Frau Falkenberg laut und bestimmt. „Ich verkaufe nicht. Das ist mein letztes Wort, Herr Bürgermeister.“ Doch der Mann ließ sich nicht aufhalten. Er stapfte weiter die Stufen hinauf, das Gesicht rot vor Zorn. „Das werden wir ja noch sehen! Ich hole mir dieses Haus, und wenn es mit Gew—“ Weiter kam er nicht. Mit einem einzigen Griff packte Franz ihn am Kragen und hob ihn mühelos vom Boden. Die Füße des Bürgermeisters baumelten in der Luft, sein Gesicht wechselte von Wut zu blankem Entsetzen. Franz beugte sich leicht vor, seine Stimme war leise – und gefährlich ruhig.„Was werden Sie tun?“ zischte er. „Ich habe Sie gerade nicht ganz verstanden.“ „Schon gut, Franz. Lass ihn wieder runter“, sagte Frau Falkenberg ruhig, aber unmissverständlich. Angewidert ließ Franz den Bürgermeister los. Der Mann sackte unsanft zu Boden, hustete heftig und rang nach Luft, völlig perplex. „Und jetzt verschwinden Sie von meinem Grundstück“, sagte Frau Falkenberg scharf. Der Bürgermeister setzte an, etwas zu erwidern, doch dann traf sein Blick erneut auf Franz’ zornige Augen. In diesem Moment wusste er, dass dies ein Kampf war, den er nicht gewinnen konnte. Ohne ein weiteres Wort stolperte er zu seinem Wagen zurück, riss die Tür auf und ließ sich hastig hinter das Lenkrad fallen – fast so, als wolle er vor einem wilden Tier fliehen. „Das … das ist noch nicht vorbei!“ rief er schwer atmend, schlug die Autotür zu und raste davon. Einen Moment lang herrschte Stille auf dem Hof. „Was für ein furchtbarer Mensch“, sagte Gustav schließlich angewidert und schüttelte den Kopf. Frau Falkenberg wandte sich Franz zu. Er stand noch immer reglos da, die Fäuste geballt, der Atem schwer vor unterdrückter Wut. Sanft legte sie ihre Hand in seine. „Es ist alles in Ordnung, Franz“, sagte sie ruhig. „Beruhige dich wieder.“ Langsam senkte er den Blick zu ihr.„Niemand wird Ihnen jemals wehtun“, knurrte er leise. „Das schwöre ich.“ In diesem Moment glaubte James, Franz bis in seine Seele hineinblicken zu können. Ein großer Mann mit einem gebrochenen Herzen – eines, das Frau Falkenberg einst behutsam geheilt und zusammengehalten hatte. Er würde alles tun, um diese neue Familie zu schützen. Alles. Denn eine hatte er bereits verloren. „Gehen wir wieder hinein“, seufzte Frau Falkenberg schließlich. Als sie zum Frühstückstisch zurückkehrten, war den meisten der Appetit vergangen. Die zuvor so warme Atmosphäre war einer gedrückten Stille gewichen. Nur Franz aß weiter, als wäre nichts geschehen – ruhig, beinahe stoisch. " „Mr Carter“, begann Frau Falkenberg, „soll ich Sie nun durch das Haus führen?“ „Aber natürlich, sehr gerne“, antwortete James begeistert. Schon nach den ersten Schritten während des Rundgangs kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jede Wand war makellos gestrichen, kunstvoll verziert, als hätte der Zahn der Zeit hier niemals Spuren hinterlassen. Die Teppichböden in den Wohnbereichen waren so sauber, dass nicht einmal ein Krümel oder ein Staubkorn zu entdecken war. Keine Spinnweben in den Ecken, kein Staub auf den Möbeln. Alles wirkte, als wäre es erst gestern fertiggestellt worden. „Wie machen Sie das nur?“ hauchte James. Frau Falkenberg lächelte stolz.„Das ist ganz die Arbeit von Gustav, Franz und Johannes. Die drei sind wirklich einzigartig.“ Frau Falkenberg führte ihn weiter durch das Haus.Abgesehen von einigen weiteren Wohnräumen und einem Badezimmer gab es zunächst nichts, was James nicht bereits beeindruckt hätte – bis sie schließlich vor einer großen Flügeltür aus edlem, dunklem Holz stehen blieben. Frau Falkenberg legte die Hand auf den kühlen Türgriff.„Das ist das Kronjuwel des Hauses, Mr Carter“, sagte sie stolz. Dann öffnete sie die Tür. Was James erblickte, raubte ihm den Atem. Eine riesige Bibliothek erstreckte sich vor ihm. Hohe Regale reichten bis zur Decke, dicht gefüllt mit unzähligen Büchern, Reihen um Reihen, als hätten sich hier Jahrhunderte von Wissen angesammelt. Der Duft von altem Papier und Leder lag schwer in der Luft. James brachte kein Wort hervor. "Der ganze Stolz meiner Familie, Mr Carter" sagte Frau Falkenberg. James suchte nach Worten für das, was er gerade gesehen hatte.„Das müssen ja … tausende von Büchern sein“, stammelte er schließlich. Frau Falkenberg nickte nur.„Kommen Sie“, sagte sie leise. „Gehen wir weiter.“ Sie verließen das Haus durch eine Hintertür und traten hinaus in den Garten. Der Duft von nassem Gras, Rosen und unzähligen anderen Blumen lag in der Luft. Vögel zwitscherten in den Bäumen, und die warme Sonne fiel James ins Gesicht. Von dem Gewitter der vergangenen Nacht war nichts mehr zu spüren – als hätte es nie existiert. Franz war inzwischen wieder in seine Arbeitshose geschlüpft und mähte das Gras, gleichmäßig und konzentriert. James wandte sich Frau Falkenberg zu.„Darf ich Sie etwas fragen?“ sagte er respektvoll. „Natürlich, Mr Carter“, antwortete sie. „Ich weiß, dass Ihr Vater Gustav gerettet und dass Sie Franz bei sich aufgenommen haben“, begann James vorsichtig. „Aber … woher kommt Johannes?“ Frau Falkenberg blieb stehen und atmete einen Moment lang tief durch.„Johannes ist Jude“, sagte sie knapp. Sie stockte kurz.„Dieser … schreckliche Mensch, der unser Haus besetzt hatte, ließ Johannes jahrelang hier schuften. Er wurde gequält, gedemütigt.“ „Sie meinen den Nazi?“ fragte James leise. „Genau den“, antwortete sie traurig. Sie blickte einen Moment ins Leere.„Nachdem mein Vater erschossen worden war, konnte ich bis zum Kriegsende nicht mehr hierher zurückkehren. Erst als die Amerikaner die Stadt befreit hatten, bekam ich wieder Zugang zum Haus.“ Erneut holte sie tief Luft, ihre Stimme blieb ruhig, doch James sah, wie sie gegen die Tränen ankämpfte. „Ein Soldat fand Johannes im Keller“, fuhr sie fort. „Ausgehungert, verstört, verdreckt. Es dauerte lange, sehr lange, bis er mir schließlich vertraute.“ Dann lachte sie kurz, fast entschuldigend.„Ich habe seine Begeisterung für den Wagen meines Vaters gesehen“, sagte sie. „Also habe ich ihn zu meinem Fahrer gemacht.“ James schluckte unwillkürlich.„Und Franz? Wie haben Sie ihn gefunden?“ fragte er dann. Frau Falkenberg sah einen Moment lang auf den Kiesweg zu ihren Füßen.„Zuerst sah ich vor dem Rathaus sitzen. Odachlos, dreckig und verzweifelt“, begann sie. „Er war verletzt, kniete auf dem Boden und bettelte um Geld.“ Sie holte erneut tief Luft.„Die Menschen spuckten ihn an und beschimpften ihn, weil er noch Teile seiner Wehrmachtsuniform trug – völlig zerfetzt. Doch ich sah etwas anderes.“ Sie hob den Blick.„Reue. Angst. Hoffnungslosigkeit. Und dennoch einen Rest Hoffnung.“ Ihre Stimme wurde leiser.„Später fand ich ihn schwer unterkühlt mitten im Winter vor einem Einkaufsmarkt“ "Ich brachte ihn zu einem Arzt" seufzte sie. Sie machte eine kurze Pause. „Er erzählte mir, dass er geflohen war“, erzählte sie dann. „Er wollte nur nach Hause. Doch als er dort ankam, war von seinem Haus nichts mehr übrig. Nur ein Trümmerhaufen.“ Sie machte eine kurze Pause.„Eine Fliegerbombe.“ Ihre Stimme senkte sich.„Stundenlang suchte er nach seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Er grub mit bloßen Händen, rief ihre Namen – doch er fand sie nicht.“ „Monatelang hatte er sich versteckt gehalten“, erzählte Frau Falkenberg weiter. „Er ernährte sich von schmutzigem Wasser und von allem, was er finden konnte – Insekten, Abfällen, allem, was irgendwie essbar war.“ Sie hielt kurz inne.„Nur sein Überlebenswille hielt ihn davon ab, sich das Leben zu nehmen.“ James hörte aufmerksam zu, sagte kein Wort. „Ich fragte ihn, ob er bei mir wohnen wolle“, fuhr sie fort. „Ich sagte ihm, ich hätte ein Bett für ihn. Essen. Ein Zuhause.“ Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht.„Er sah mich an, als könnte er es nicht glauben. Dann brach er in Tränen aus, nickte immer wieder.“ Ihre Stimme wurde weich.„Als er aufstand, umarmte er mich. Er war unendlich dankbar.“ „Als wir schließlich im Haus angekommen waren, kehrte auch Gustav zurück“, erzählte Frau Falkenberg weiter. „Er konnte kaum glauben, wie riesig Franz war.“ Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht.„Mit der Zeit wurden er, Franz und Johannes unzertrennlich – wie Brüder.“ Frau Falkenberg seufzte leise, wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und fing sich wieder. „Wir wurden zu einer Familie“, sagte sie schließlich. James war bis ins Innerste berührt. Für ihn war Frau Falkenberg eine Heldin. Nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatten, zeigte sie ihm den Rest des Hauses.Erst spät am Abend, als die Sonne bereits untergegangen war, hatte James alle Notizen beisammen, die er für seine Arbeit brauchte. Schließlich begleitete Frau Falkenberg ihn zu seinem Zimmer und wünschte ihm eine gute Nacht. James setzte sich an den Schreibtisch und begann zu schreiben.Stunden vergingen, bis er schließlich erschöpft die Brille abnahm und den Stift zur Seite legte. Müde blickte er auf die Uhr.Kurz vor Mitternacht. Er schaltete die Schreibtischlampe aus und taumelte zum Bett. Kaum hatte er sich die Decke übergezogen, ließ ihn ein seltsames Geräusch wieder hochfahren. Zuerst war es ein metallisches Klirren gewesen – als wäre ein Schraubenschlüssel oder ein anderes Werkzeug zu Boden gefallen.Doch das Geräusch kam vom Dach. James trat ans Fenster und blickte in die dunkle Nacht hinaus.Nichts. Kein Laut. Gerade als er sich abwenden wollte, fiel sein Blick auf etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ:Ein Seil hing nahe dem Fenster von Frau Falkenbergs Zimmer. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. James riss die Zimmertür auf und stürmte auf den Flur. Direkt gegenüber lag Franz’ Zimmer. Ohne zu zögern riss er die Tür auf und packte den laut schnarchenden Mann an den Schultern. „Franz! Franz“, flüsterte er hastig.„Wach auf! Es ist jemand im Haus!“ Franz blinzelte verwirrt – doch in diesem Moment durchschnitt ein lauter Schrei aus Frau Falkenbergs Zimmer die Stille. Augenblicklich war Franz hellwach. Er sprang aus dem Bett und stürmte hinaus in den Flur.Mit schweren, donnernden Schritten marschierte er unaufhaltsam auf Frau Falkenbergs Zimmer zu. Als er im Türrahmen stand, erstarrte er. Eine Person beugte sich über Frau Falkenberg.Sie lag blutend auf dem Boden.Regungslos. Mit einem Messer im Bauch. Langsam drehte sich die Gestalt zur Tür um –und blickte direkt in die zornigen Augen von Franz. Sein Atem ging stoßweise.Wie ein Bulle schnaubend stand er da, die Fäuste geballt, jeder Muskel angespannt. Dann stürmte er los. Bevor die Person überhaupt begreifen konnte, wer da vor ihr stand, wurde sie von Franz brutal zu Boden gerissen. In diesem Moment verlor Franz jede Kontrolle. Wie ein wildgewordener Löwe schlug er gnadenlos auf die am Boden liegende Person ein. Gustav und Johannes kamen aus ihren Zimmern gelaufen.Als sie in Frau Falkenbergs Zimmer ankamen, packten sie Franz und versuchten, ihn von der Person wegzuzerren. „Franz! Hör auf!“ rief Gustav, während er den tobenden Riesen unter den Armen festhielt. „Er hat sie umgebracht! Er hat sie verdammt nochmal umgebracht!“ schrie Franz, während ihm die Tränen in die Augen schossen. Gemeinsam schafften sie es schließlich, ihn hinaus auf den Flur zu ziehen.Dort brach Franz plötzlich zusammen und fiel schwer zu Boden. Wie erstarrt stand James da, unfähig zu begreifen, was sich gerade vor seinen Augen abgespielt hatte. Gustav und Johannes lehnten Franz vorsichtig an die Wand.Er rutschte ein Stück nach unten, zog die Knie an und vergrub seinen Kopf in den verschränkten Armen. Die Wut war verschwunden.Zurück blieb nur noch tiefe Trauer – und Fassungslosigkeit. „Mr. Carter, kommen Sie her! Schnell!“ rief Johannes und winkte James zu sich. James zögerte.Wie gebannt starrte er auf Franz. Seine Hände waren blutig.Seine Kleidung zerrissen. Gustav hielt ihn fest umarmt, als wolle er ihn zusammenhalten. „Gehen Sie schon, Mr. Carter“, sagte er leise. Im Zimmer angekommen, konnte James kaum glauben, was er sah. Es herrschte das reinste Chaos.Die Möbel waren zertrümmert, das Fenster zersplittert, und überall war Blut. Hier hatte ein Kampf stattgefunden. Johannes kniete über Frau Falkenberg.„Elisabeth… hörst du mich?“ fragte er, seine Stimme nervös, fast panisch. Doch es war vergebens.Das Leben hatte Frau Falkenberg verlassen. Johannes stolperte einen Schritt zurück.Er räusperte sich, fuhr sich fahrig durchs Gesicht. Mit aller Mühe kämpfte er gegen die Tränen – gegen den drohenden Kontrollverlust. „Helfen… helfen Sie mir, dieses… diesen… diesen Kerl hier rauszubringen“, stotterte Johannes. „Aber…“ begann James. „Mr. Carter! Tun Sie es einfach!“ rief Johannes, jetzt hoch emotional. Er atmete schwer, rang nach Fassung. „Wenn die Polizei den Kerl verhaftet, kommt auch Franz ins Gefängnis.“Seine Stimme brach. „Das lasse ich nicht zu. Verstehen Sie?“ James nickte hastig. Gemeinsam mit Johannes packte er die bewusstlose Person und zog sie aus dem Zimmer. Im Flur ließ Johannes sie kurz fallen. „Warten Sie einen Moment“, sagte er hastig und ging zu Franz und Gustav. „Hör zu, Gustav – du und Franz müsst euch verstecken, klar?“ „Was ist mit…?“ wollte Gustav fragen. Doch als er in Johannes’ nasse Augen sah, verstand er. Johannes rang sichtbar mit sich.Er kämpfte weiter gegen die Tränen an. „Ihr müsst euch verstecken, klar? Wenn sie euch finden, dann…“ Er brach ab, atmete tief durch. „Franz hat den Kerl halb tot geprügelt. Die sperren ihn ein, wenn sie ihn kriegen.“ Gustav nickte nur und half Franz auf die Beine. „Versteckt euch in der Garage, klar? Kommt erst raus, wenn ich es euch sage" sagte Johannes dann. Einen Moment lang haderte James mit sich. War das richtig, was hier gerade geschah?Beging er gerade ein Verbrechen? Doch dann wurde es ihm klar. Gerechtigkeit – so wie er sie aus Büchern und Filmen kannte – gab es hier nicht. Er sah, wie eine Familie in nur einem Augenblick auseinandergerissen wurde –und gerade dadurch noch enger zusammenhielt. „Sie haben alle genug gelitten. Ich helfe ihnen“, sagte James entschlossen zu sich selbst. Gemeinsam mit Johannes schleppte er die Person die Treppen hinunter. „In den Keller mit ihm“, sagte Johannes. „Ich… ich brauche… einen Arzt“, stöhnte die Person plötzlich. „Halt die Schnauze“, antwortete Johannes nur wütend. „Da, in die Ecke mit ihm. Da machen wir ihn fest.“ James war nicht ganz überzeugt, aber er wusste auch, dass es nun kein Zurück mehr gab. Sie banden die Person mit einem Seil an einem Wasserrohr fest. „Gut, gehen wir hoch. Die Polizei rufen“, sagte Johannes erschöpft. „Eines noch, Mr. Carter“, wandte er sich an James.„Lassen Sie mich reden. Ich weiß, das hier ist eine verwirrende Situation für Sie.“ Johannes sah James direkt in die Augen. „Wissen Sie… wir drei kannten vorher nur Schmerz.“ Er atmete tief durch. „Frau Falkenberg soll nicht umsonst gestorben sein. Wir finden heraus, wer dahinter steckt.“ „Okay, in Ordnung“, sagte James nur knapp. Dann ging Johannes zum Telefon. Es dauerte nicht lange, bis die Polizei vor Haus Falkenberg stand und das Anwesen in blinkendes Blaulicht tauchte. Nachdem Frau Falkenbergs Leiche in einem Krankenwagen abtransportiert worden war, wandte sich schließlich ein Polizist an James und Johannes. Er trug keine Uniform wie die anderen Polizisten – er schien also ranghöher zu sein. „Ihre Namen, bitte“, sagte er ruhig und routiniert. „Johannes Schermann.“„James Carter.“ Der Polizist sah sie einen Moment verwundert an. „Ein Jude und ein Amerikaner in einem deutschen Haus… wir leben in seltsamen Zeiten“, sagte er nur und notierte die Namen. „Also, was ist passiert?“ fragte er dann. So ruhig wie möglich erklärte Johannes, was geschehen war.Gustav und Franz erwähnte er dabei mit keinem Wort. Der Polizist machte sich Notizen. „Und die Person ist aus dem Fenster gesprungen und geflüchtet?“ „Ja“, sagten James und Johannes fast gleichzeitig. „Gut, meine Herren. Ich möchte, dass Sie in der nächsten Stunde das obere Stockwerk nicht betreten, bis wir alle Beweise gesichert und das Zimmer untersucht haben.“ " „Ja, machen wir“, sagte Johannes, während er versuchte, seine Nervosität zu verbergen. James und er setzten sich ins Esszimmer.Sie gaben sich Mühe, nicht panisch zu wirken. Johannes versuchte, seine Gedanken zu ordnen.James sah ihn voller Sorge an. „Was machen wir mit… Sie wissen schon?“ fragte er leise. „Wir müssen abwarten, okay? Keinen Verdacht erregen“, zischte Johannes leise. Die beiden saßen eine Weile schweigend da.Keiner traute sich, etwas zu sagen – bis Schritte auf der Treppe sie zusammenzucken ließen. Angespannt gingen sie dem Polizisten entgegen. „Gut, wir sind hier fertig“, sagte er und reichte Johannes einen Zettel.„Bitte kommen Sie in zwei Tagen aufs Revier. Dort protokollieren wir Ihre Aussagen.“ Johannes nickte stumm. „Mein tiefstes Beileid. Frau Falkenberg war eine gute Frau. Sie hat viel für diese Stadt getan“, sagte der Polizist bedauernd. Er machte eine kurze Handbewegung zu seinen Kollegen. Gerade als alle das Haus verlassen wollten, ertönten seltsame Geräusche. Klong… Klong… Klong… Einer der Polizisten sah verwundert zu Johannes und James.„Was war das?“ „Ach, diese verdammten Ratten wieder“, sagte Johannes und versuchte zu lächeln. Der Polizist musterte ihn kurz, zuckte dann aber mit den Schultern und verließ ebenfalls das Haus. Als sich die Haustür schloss, blickte Johannes noch einmal aus dem Fenster, um sicherzugehen, dass alle Polizeiwagen verschwunden waren. Dann wurde sein Blick todernst. Gustav und Franz kamen angelaufen. „Schnell, kommt rein“, sagte Johannes und winkte sie zu sich. Franz hatte sich scheinbar wieder beruhigt, wirkte aber keineswegs gefasst. „Wo ist der Kerl?“ fragte Gustav ungeduldig. „Unten im Keller“, antwortete Johannes knapp. Die vier gingen zur Tür, die in den Keller führte, und stiegen die alte Holztreppe hinunter. Schon von oben hörten sie, wie der Gefangene wie wild gegen das Heizungsrohr schlug und laut schrie. „Hilfe! Hilfe! Hilf—“ Weiter kam er nicht.Johannes war zu ihm gestürmt, packte ihn am Kiefer und presste ihm mit der anderen Hand den Mund zu. Gustav, Franz und James blieben im Hintergrund. Gustav redete leise auf Franz ein, versuchte ihn zu beruhigen und hielt ihn vorsichtig zurück. James hatte auf der Treppe Platz genommen.Er wollte nicht unmittelbar beteiligt sein. Johannes blickte der Person tief in die Augen. „Wenn ich dich jetzt loslasse und du fängst an zu schreien, wird das sehr schlecht für dich enden. Verstanden?“ zischte er und drückte noch einmal fester zu. Panisch nickte die Person. Langsam lockerte Johannes den Griff, und die Person sackte zu Boden. Dann zog Johannes sich einen Stuhl heran, stellte ihn direkt vor sie und setzte sich. „Du hast heute einen großen Fehler begangen, verstehst du?“ sagte er in einem kalten Ton. Er beugte sich leicht nach vorne. „Und wenn du meine Fragen nicht beantwortest oder mich anlügst…“ Er machte eine kurze Pause. „…werde ich meinen Freund da hinten beenden lassen, was er angefangen hat.“ „Warum bist du hier? Was wolltest du in unserem Haus?“ war Johannes’ erste Frage. „Ich… ich sollte Dokumente stehlen. Besitzurkunden und solchen Kram… er hat mich gezwungen…“ stotterte die Person. Johannes sah ihn erneut an.Man sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, sich zu beherrschen. „Warum hast du sie umgebracht?“ fragte er knapp. „Das… das wollte ich nicht… sie hat mich bemerkt… als ich durchs Fenster kam. Sie hatte das Messer in der Hand… wir haben darum gekämpft und dann…“ Die Person sah Johannes flehend an.„Bitte, ich…“ Weiter kam sie nicht.Johannes verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. Er atmete schwer, rang sich zurück. „Du sagtest ‘er’. Wen meinst du damit?“ fragte er dann. „Es war ein ganz übler Typ… ein eiskalter Mensch…“ Die Person überlegte kurz. „Krüger… Krüger war sein Name.“ Franz fuhr plötzlich hoch. „Was hast du gerade gesagt?“ fragte er – wütend, gleichzeitig ungläubig. „Krüger“, wiederholte die Person ängstlich. „Schon gut, Franz“, sagte Gustav und hielt ihn zurück. „Wer ist dieser Typ? Wie sah er aus? Wo finden wir ihn?“ fragte Johannes. „Ich… ich weiß es nicht… er hatte so einen seltsamen Mantel und eine Mütze… er hat mich bei der Arbeit überrascht. Sagte, wenn ich nicht tue, was er verlangt, brennt er meinen Laden nieder und tötet alle, die ich kenne…“ Seine Stimme zitterte. „Er… er zeigte mir Fotos von meiner Frau und meinen Kindern…“ Franz trat einen Schritt nach vorne. „Schon gut“, sagte er leise zu Gustav. Er ging auf die Person zu. Seine Wut war verschwunden.An ihre Stelle traten Mitleid, Sorge – und etwas anderes. Etwas Tieferes. Johannes sah ihn verwirrt an, als Franz ihn sanft zur Seite schob. „Was ist los, Franz?“ Doch Franz antwortete nicht. Er löste die Fesseln der Person, packte sie unter dem Arm und zog sie hoch. Ohne ein Wort schleppte er sie die Treppe hinauf, durch die Eingangshalle und hinaus in den Hof. Johannes, Gustav und James liefen ihm verwirrt hinterher.Doch Franz ließ sich nicht aufhalten. Fokussiert marschierte er die Auffahrt hinunter, die Person noch immer im Schlepptau. „Mach auf, Gustav“, rief er, als sie das Tor erreichten. „Franz, was—“ „Keine Zeit für Erklärungen. Tu es einfach“, sagte Franz.Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. Das Tor öffnete sich. Franz stieß die Person von sich weg. „Lauf!“ rief er.„So schnell du kannst!“ Die Person sah ihn einen Moment lang an. „LAAAUF!“ brüllte Franz mit bebender Stimme. Die Person stolperte, raffte sich schnell wieder auf und rannte los.Hinein in die Dunkelheit. „Franz, was ist los?“ fragte Gustav völlig verwirrt.„Warum hast du das gemacht?“ fügte Johannes mit Nachdruck hinzu. „Weil es sein musste, verdammt!“ brüllte Franz. Dann sah Gustav es. Die Angst in Franz’ Augen.Eine Angst, die er nur ein einziges Mal zuvor bei ihm gesehen hatte. „Dieser Name… ‘Krüger’. Du kennst ihn, oder Franz?“ fragte Gustav leise. Franz nickte.Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Panik stieg in ihm auf. „Ich hatte gehofft, diesen Namen nie wieder hören zu müssen…“ sagte er verzweifelt. Langsam kamen die Erinnerungen zurück.Erinnerungen, die er lange verdrängt hatte… -------------------- 3. Kapitel: Kapitel 3 Ein Herz zu groß für die Uniform --------------------   29, April 1945.     Ein Außenposten der deutschen Armee, nur wenige Kilometer von Falkenberg entfernt. Schmerzensschreie erfüllten die Luft, während sich ein kleiner Trupp Soldaten zurück in das Lager schleppte. „Sanitäter! Sanitäter!“ brüllte Franz, der einen schwer verwundeten Kameraden auf dem Rücken trug. Sofort eilten zwei Männer mit einer Trage herbei. Vorsichtig ließ Franz den Verwundeten darauf sinken. Für einen Moment hielt er seine Hand fest. „Du kommst nach Hause, Gabriel… hörst du? Bleib stark.“ Kaum waren die Sanitäter verschwunden, kam ein Mann auf Franz zugestürmt. Er trug die Uniform eines Offiziers und hielt ein Klemmbrett in der Hand.Sein Blick sagte alles. „Gruber!“ schrie er.„Was zum Teufel ist los mit Ihnen? Sie haben in zwei Wochen zwanzig Männer verloren!“ Franz sah ihn ungläubig an. „Was los ist? WAS LOS IST?“ brüllte er.„Die verdammten Amis reißen uns da draußen den Arsch auf! Das ist los!“ „Nicht in diesem Ton, verstanden?“ erwiderte der Mann kühl. Franz starrte ihn einen Moment lang an. „Sie können mich mal, Krüger“, sagte er schließlich und wandte sich ab. Er stapfte davon, blieb dann aber noch einmal stehen und drehte sich halb zu ihm um. „Entschuldigung… Oberst Krüger natürlich“, fügte er sarkastisch hinzu. Dann ging er weiter in Richtung seines Zeltes. Frustriert ließ er sich auf sein Feldbett fallen. Als er auf seine Hände blickte, sah er, wie blutüberströmt sie waren. Langsam zog er seine Kleidung aus und legte seine Ausrüstung ab. Dann nahm er einen Eimer Wasser und seinen kleinen Spiegel zur Hand. Sich den Dreck der letzten Tage abzuwaschen, fühlte sich beinahe erholsam an. Er tauchte den Kopf kurz in den Eimer, fuhr sich dann mit der Hand durchs Gesicht und griff schließlich zur Bürste, um seinen langen Bart zu kämmen. Als er sich frische Kleidung angezogen hatte, trat jemand zu ihm. „Na, Franz, alles klar bei dir?“ fragte der Mann und setzte sich neben ihn. Er trug – wie Krüger – eine Offiziersuniform, wirkte jedoch deutlich freundlicher. „Das ist alles nur Scheiße“, antwortete Franz erschöpft. „Ich habe gehört, was du für Gabriel getan hast“, begann der Offizier.„Zehn Kilometer hast du ihn bis hierher geschleppt, ohne einmal anzuhalten.“ Er klopfte Franz anerkennend auf die Schulter. „Dafür sollten sie dir eigentlich einen Orden verleihen.“ „Du weißt, dass ich davon nichts halte, Günter“, sagte Franz nur müde. "Ich will nur, dass meine Jungs da draußen überleben, und sicher Nachhause kommen"  Günter nickte verständnisvoll.  "Ruh dich aus okay, wir haben morgen eine wichtige Besprechung. Und hol dir was zu essen, klar? Ich will nicht das du umkippst"  Er klopfte ihm nochmal kurz auf den Oberschenkel, und verließ das Zelt.  Franz hielt nochmal kurz inne, und blickte in den Spiegel.  "Was machst du noch hier?" seufzte er, als er sein ermüdetes Gesicht sah.  Auf einem kleinen Tisch neben seinem Bett stand ein Foto.  Es zeigte Franz, ein kleines Mädchen und eine wunderschöne Frau in einem Sommerkleid.  Gemeinsam posierten die drei vor einem kleinen Farmhaus.  "Ich vermisse euch so sehr" sagte Franz leise und gab dem Bild einen Kuss.  Dann ließ er sich auf sein Feldbett fallen.  Langsam setzte die Müdigkeit ein, und die Erschöpfung holte ihn ein. Schließlich schloss er die Augen. Nach ein paar Stunden Schlaf wurde er von jemandem geweckt. „Hey, Franz. Kommst du zum Abendessen?“ fragte der Kamerad, der vor ihm stand. „Ja, natürlich“, antwortete Franz. Gemeinsam verließen die beiden das Zelt und machten sich auf den Weg zur Essensausgabe. Als Franz sich umsah, konnte er nur Leid erkennen. Einige Soldaten wurden gerade auf Tragen in die Lazarettzelte gebracht, andere saßen völlig verstört da und sagten kein Wort. In der Ferne hörte er das Donnern von Flakgeschützen, Panzern und schwerer Artillerie. Doch immer wieder durchbrachen auch verzweifelte, schmerzerfüllte Schreie die Stille des Abends. Dunkle Rauchschwaden zogen am Himmel entlang, tiefschwarz und bedrohlich. „Die Amis rücken wohl wirklich immer weiter vor“, sagte Franz schließlich. Es war keine ängstliche oder panische Aussage. Sondern eine nüchterne Feststellung der Tatsachen. Franz ging weiter zur Essensausgabe. Dort hatte sich bereits eine lange Schlange von Soldaten gebildet. Viele trugen Verbände, stützten sich auf Krücken oder wurden von Kameraden gestützt. Über allem lag eine schwere, unangenehme Stimmung. Franz stellte sich am Ende der Schlange an. Mehrere Soldaten nickten ihm anerkennend zu. Über die Zeit hatte er sich einen Ruf aufgebaut. Er galt als jemand, der für seine Kameraden durchs Feuer gehen würde, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern – und genau dafür wurde er im gesamten Lager respektiert. Einige Minuten später war Franz schließlich an der Reihe. Der Koch sah ihn an und sagte: „Für dich gibt’s heute die doppelte Portion, Franz.“ „Ach komm, das muss doch nicht sein“, lehnte Franz ab. „Nein, nein, ich bestehe darauf“, erwiderte der Koch und drückte ihm eine Schüssel Eintopf in die Hand. „Allein schon wegen dem, was du für Gabriel getan hast“, fügte er anerkennend hinzu. Widerwillig nahm Franz die Schüssel entgegen und ging zurück zu seinem Zelt. Gerade als er es betreten wollte, kam ein Sanitäter auf ihn zu. Seine Kleidung war blutverschmiert, und sein Blick ließ nichts Gutes erahnen. „Franz“, begann der Sanitäter mit bedrückter Stimme, „Gabriel hat es nicht geschafft.“ Franz nickte nur. „Tut mir leid, wir haben unser Bestes…“Er hielt kurz inne.„Nein. Du hast dein Bestes getan“, sagte der Sanitäter dann. „Danke“, erwiderte Franz knapp. Ihm fehlten die Worte. Der Sanitäter drehte sich um und ging zurück ins Lazarett. Franz betrat sein Zelt und setzte sich wieder auf sein Bett. Der Eintopf schmeckte zwar fad, doch Franz hatte solchen Hunger, dass es ihm egal war. Nach und nach kamen einige seiner Kameraden ins Zelt. Die meisten legten sich erschöpft in ihre Betten, drehten sich um und schliefen sofort ein. „Hey Franz, alles gut?“ fragte schließlich ein Soldat und setzte sich auf das Bett gegenüber. „Hab das mit Gabriel gehört“, sagte er mitfühlend.„Tut mir echt leid. Wir alle haben gesehen, was du für ihn getan hast. Du bist für viele hier ein Held.“ Franz winkte nur ab.„Ach komm, das hätte jeder von euch getan.“ Ein anderer Soldat kam hinzu, kletterte in eines der oberen Betten und legte sich auf den Rücken. „Habt ihr’s schon gehört?“ fragte er dann. „Nein, was sollen wir gehört haben?“ erwiderte Franz verwundert. „Angeblich ist Berlin mächtig unter Druck“, sagte der Soldat und drehte sich zu Franz.„Manche behaupten sogar, dass wir kurz vor der Kapitula—“ „Psssst!“, fuhr der andere Soldat dazwischen.„Bist du irre? Wenn Krüger das hört, lässt er dich erschießen. Der Typ ist ein Nazi, verdammt nochmal.“ Der Soldat beugte sich etwas vor. „Angeblich stehen wir kurz davor, den Krieg zu verlieren“, flüsterte er. „Achtung!“ wurde plötzlich in das Zelt gebrüllt. Sofort sprangen alle Soldaten – selbst die, die gerade noch geschlafen hatten – aus ihren Betten.Sie standen stramm und salutierten. „Guten Abend, meine Herren“, sagte Krüger und stolzierte ins Zelt hinein. „Guten Abend, Herr Oberst Krüger!“, riefen die Soldaten wie aus einem Mund. Langsam marschierte Krüger an ihnen vorbei, bis er vor Franz stehen blieb.Er musterte ihn ausführlich. „Nun, Herr Gruber“, sagte er und versuchte, Franz auf die Schulter zu klopfen. Dieser musste sich ein Lachen verkneifen, als er bemerkte, dass Krüger dafür schlicht nicht groß genug war.Er verzog keine Miene, blickte stur geradeaus und sah ihn nicht an. „Sieht aus, als hätten wir einen Helden in unserer Mitte“, sagte Krüger in einem verächtlichen Ton. „Also, meine Herren“, begann er, während er sich langsam umdrehte.„Morgen früh rücken Sie wieder aus.“ Ein Soldat trat leicht vor. „Herr Oberst, wir kommen gerade von einer fünftägigen Mission zurück. Die Einheit ist erschöpft.“ Krüger fuhr sofort herum. „Habe ich Ihnen erlaubt zu sprechen, Soldat?!“ brüllte er. Der Soldat erstarrte. „Auf den Boden! Alle Mann – fünfzig Liegestütze. Sie können sich später bei Ihrem Kameraden hier bedanken“, sagte Krüger hämisch und deutete auf ihn. Ohne zu zögern gingen die Soldaten zu Boden und begannen mit den Liegestützen. Krüger sah ihnen einen Moment lang zufrieden zu. Dann setzte er ein kaltes Lächeln auf. „Gehen Sie schlafen, meine Herren. Sie werden Ihre Kräfte morgen brauchen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und marschierte aus dem Zelt. „Was für ein Mistkerl“, murmelte einer der Soldaten leise. Am nächsten Morgen, beim ersten Sonnenlicht, standen die Männer bereits draußen vor ihrem Zelt.In Reih und Glied, schwer bepackt mit ihrer Ausrüstung, warteten sie still. „Also, meine Herren“, begann Krüger und trat vor die Formation.„Etwa zwanzig Kilometer von hier befindet sich ein kleines Dorf. Wir vermuten, dass sich dort feindliche Kräfte gesammelt haben und einen Angriff auf uns planen.“ „Krüger! Was soll das?“ Günter kam mit schnellen Schritten auf sie zu. „Die Männer rücken heute nicht wieder aus. So etwas wird zuerst mit mir abgesprochen, ist das klar?“ „Befehl von ganz oben“, entgegnete Krüger kühl. „Dafür brauche ich Ihre Zustimmung nicht.“ „Gruber! Herkommen!“ rief Günter und winkte Franz zu sich. Franz trat aus der Reihe und stellte sich neben ihn. „Wie sieht es aus? Sind die Männer einsatzbereit oder nicht?“ „Die Männer sind nicht einsatzbereit, Herr Oberst“, sagte Franz ohne zu zögern. „Da haben Sie es, Krüger“, sagte Günter bestimmt.„Der Einsatz wird nicht stattfinden.“ Doch Krüger verzog keine Miene. „Irrtum, Herr Oberst“, erwiderte er kalt.„Die Männer rücken aus. Befehl vom Oberbefehlshaber Steinberger.“ Für einen Moment herrschte Stille. „Das wird ein Nachspiel haben, Krüger. Glauben Sie mir“, sagte Günter mit fester Stimme. Dann wandte er sich leicht zu Franz. „Es tut mir leid“, sagte er leise. „Ich kann nichts für euch tun.“ "Also dann, auf geht’s, meine Herren" sagte Krüger und marschierte davon. Zähneknirschend setzten sich die Männer in Bewegung. „Warte kurz, Franz“, sagte Günter. Er trat ganz nah an ihn heran. „Irgendetwas stimmt hier nicht“, flüsterte er.„Alles, was ihr seht, meldet ihr mir. Verstanden? Nicht Krüger.“ Günter klopfte Franz noch einmal kurz auf die Schulter. „Dann ab mit euch.“ Franz griff nach den Gurten seines Rucksacks und marschierte los.Raus aus dem Lager.Wieder hinaus in die Hölle. Es dauerte nicht lange, bis Franz und seine Männer erneut das Grauen sahen, das der Krieg hervorgebracht hatte. Die Straßen und Häuser lagen in Trümmern.Gruppen von Zivilisten drängten sich dicht aneinander, während sie versuchten, aus den Gefahrenzonen zu fliehen. Plötzlich kam eine Frau auf sie zugelaufen. „Bitte… bitte helfen Sie mir! Ich finde meine Kinder nicht!“ Sie klammerte sich an Franz’ Jacke und sah ihn mit purer Verzweiflung an. „Ich… ich kann Ihnen nicht helfen, gute Frau“, stotterte Franz und löste vorsichtig ihre Hände von sich. Die Männer gingen weiter.Zielstrebig, den Blick nach vorn gerichtet. Hinter ihnen blieb die Frau zurück. Chaos und Zerstörung erstreckten sich kilometerweit vor ihnen.Dichter, schwarzer Rauch lag schwer in der Luft. Die Männer marschierten immer weiter, versuchten die Explosionen und Schüsse um sich herum zu ignorieren. Als sie schließlich das Dorf erreichten, blieb Franz der Atem weg bei dem, was er sah. Leichen. Überall.Nicht nur Soldaten. Zivilisten – aus ihren Häusern gezerrt und offenbar regelrecht hingerichtet. „Was zum Teufel…?“ hauchte Franz fassungslos. Ein Kamerad, noch jung, stolperte entsetzt zu ihm. „Was… was ist hier passiert?“ fragte er mit brüchiger Stimme. „Ich… ich weiß es nicht“, brachte Franz nur hervor. „Häuser durchsuchen!“ rief der Anführer des Trupps. Sofort setzte sich Franz in Bewegung. Er trat Türen ein, durchsuchte Raum für Raum, Haus für Haus. Überall dasselbe Bild. Immer mehr tote Zivilisten. Als er schließlich auf den Marktplatz trat, wurde es noch schlimmer. Die Marktstände waren zerstört, Häuser gesprengt.Trümmer und Leichen lagen wahllos durcheinander. Dann hob er den Blick. Über dem Platz, auf einem kleinen Hügel, thronte die Dorfkirche.Unversehrt. Franz winkte einige seiner Kameraden zu sich – die, denen er am meisten vertraute. „Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht“, sagte er leise. „Du hast recht, Franz“, erwiderte einer von ihnen. „Durchsuchen wir die Kirche. Die scheint unbeschädigt zu sein“, schlug ein anderer vor. Franz nickte. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg den Hügel hinauf. Die Tür der Kirche war verschlossen. Von innen verriegelt, offenbar sogar verbarrikadiert. Franz trat näher. „Hallo? Ist da jemand drin? Sie können rauskommen – wir sind keine Gefahr!“ Einen Moment lang blieb es still. Dann eine Stimme – panisch, schwer atmend: „Werfen Sie Ihre Waffen weg!“ Franz zögerte kurz. „In Ordnung!“ rief er dann. Er drehte sich zu seinen Kameraden. „Los, Männer.“ Ohne zu widersprechen legten sie ihre Waffen auf den Boden. Langsam öffnete sich die Kirchentür. Ein Priester streckte vorsichtig den Kopf nach draußen. Sein Gesicht war bleich, seine Augen voller Angst. „Ist es vorbei?“ fragte er mit zittriger Stimme.„Sind… sind sie weg?“ "Wen meinen sie?" fragte Franz. „Die NS-Soldaten… oh mein Gott…“ sagte der Priester plötzlich – und schlug die Kirchentür wieder zu. „Sie sind hier, um es zu beenden, oder?!“ „Was? Was meinen Sie?“ fragte Franz verwirrt. „Die Schandtat an unserer Gemeinde! Sie wollen die letzten von uns auch noch erledigen!“ „Herr Pfarrer, bitte“, sagte Franz ruhig, bemüht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.„Wir sind keine Gefahr, ich schwöre es Ihnen. Wer war hier?“ „Deutsche Soldaten… so wie Sie…“Der Pfarrer begann panisch zu atmen. „Sie kamen vor zwei Tagen… haben unzählige Unschuldige getötet…“ Franz versuchte weiterhin, ihn zu beruhigen und davon zu überzeugen, dass keine Gefahr mehr bestand – doch ohne Erfolg. Schließlich kam auch der Truppanführer hinzu. Franz kannte ihn gut und ging sofort auf ihn zu. „Was ist los?“ fragte der Truppanführer. „Zivilisten“, erklärte Franz leise. „Sie haben sich in der Kirche verschanzt. Sie glauben, wir hätten dieses Massaker angerichtet.“ „Was? Das kann doch nicht sein“, erwiderte der Truppanführer fassungslos. Er trat an die Tür und klopfte. „Herr Pfarrer, mein Name ist Robert, Truppanführer. Bitte öffnen Sie. Wir wollen Ihnen nichts tun – das verspreche ich.“ Es dauerte einige Minuten.Doch schließlich gelang es Franz und Robert, den Pfarrer zu überzeugen. Unter einer Bedingung. Sie sollten ihre Ausrüstung ablegen.Und nur die beiden durften die Kirche betreten. Als der Pfarrer sie schließlich hereinließ, stockte ihnen der Atem. Frauen und Kinder.Mindestens ein paar Dutzend. Verängstigt. Verstört. Zusammengekauert zwischen den Bänken. Die Luft war schwer, erfüllt von Angst und Stille. „Was ist hier passiert?“ fragte Franz leise.„Erzählen Sie uns alles… bitte, Herr Pfarrer.“ Der Priester ließ sich auf eine der Kirchenbänke sinken. Seine Hände zitterten. Dann begann er zu sprechen. Vor zwei Tagen, früh am Morgen, war ein Trupp NS-Soldaten in das Dorf eingedrungen. Sie zerrten Menschen aus ihren Häusern.Ohne Gnade. Ohne Zögern. Sie richteten sie hin. Häuser wurden durchsucht.Alles, was nicht gestohlen werden konnte, wurde zerstört. Dem Pfarrer war es gelungen, einige Dorfbewohner in die Kirche zu bringen und die Türen zu verrammeln. „Wir… wir wussten nicht einmal, was sie wollten“, sagte er mit brüchiger Stimme. Franz wandte sich an Robert. „Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht“, sagte er leise.„Wir sollten die Zivilisten in Sicherheit bringen und dann so schnell wie möglich von hier verschwinden.“ „Gut, ich melde das Krüger“, erwiderte Robert und griff nach seinem Funkgerät. „Warte – tu das nicht“, fuhr Franz dazwischen. Robert sah ihn verwundert an. „Ich glaube, dass Krüger etwas mit der Sache hier zu tun hat“, flüsterte Franz. „Bist du jetzt völlig irre?“ fragte Robert ungläubig. „Überleg doch mal“, entgegnete Franz ruhig, aber bestimmt.„Ein NS-Trupp – hier in der Gegend. Es gibt nur zwei hochrangige Leute, die so etwas anordnen können: Krüger… und dieser Steinberger.“ Franz sah Robert fest in die Augen. „Soldaten sollen ihr Land und ihre Bevölkerung schützen. Das hast du mir beigebracht.“ Ein kurzer Moment der Stille. „Bitte… lass mich Günter anfunken. Er ist der Einzige, dem wir trauen können.“ Robert zögerte. Man sah ihm an, wie er mit sich rang. Doch nach einigen Sekunden nickte er schließlich. Franz griff zum Funkgerät. Als er Günter erreichte, schilderte er ihm kurz die Lage. Eine Pause. Dann die Antwort: „Verstanden. Bleibt vorerst vor Ort. Ich schicke Sanitäter und einen Evakuierungstrupp.“ Etwa eine Stunde später fuhr schließlich ein kleiner Konvoi aus drei Militär-Lkws in das Dorf. Günter stieg aus dem vordersten Fahrzeug und ging direkt auf Franz zu. „Gut gemacht, Franz“, sagte er und schüttelte ihm anerkennend die Hand.„Der dritte Laster ist für euch. Fahrt zurück – wir kümmern uns hier um den Rest.“ Auf dem Rückweg zum Lager gingen Franz die Fragen nicht aus dem Kopf. Was hatte man in diesem Dorf gesucht?Warum war man so brutal vorgegangen?Was ging hier vor? Als sie schließlich im Lager ankamen, kam Krüger bereits auf ihn zugestürmt. „Gruber! Bericht! Was haben Sie gefunden?“ Franz sah ihn nur angewidert an. „Einen verdammten Friedhof“, sagte er knapp – und ging einfach an ihm vorbei, ohne ihm einen weiteren Blick zu würdigen. „Gruber, verdammt!“ fluchte Krüger ihm hinterher. Doch seine Stimme verlor sich, je weiter Franz sich entfernte. Franz betrat sein Zelt und ließ sich sofort auf sein Feldbett fallen. Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Essensausgabe, kam er an Krügers Zelt vorbei. Da hörte er Stimmen. Krüger telefonierte. Unauffällig blieb Franz stehen und stellte sich dicht neben das Zelt. „Ja, ich weiß“, sagte Krüger. Kurze Stille. „Das ist mir klar. Ich arbeite daran.“ Wieder Stille. Die Stimme am anderen Ende war nicht zu verstehen – aber ihr Tonfall klang scharf, ungehalten. „Es gab… Probleme. Wir konnten noch nichts finden“, erklärte Krüger. Ein Moment verging. „Ja, ich weiß, wie wichtig es ist, verdammt!“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Diesmal klang Krüger anders. „Es tut mir leid… ich wollte nicht aufbrausend klingen, mein Herr“, sagte er plötzlich deutlich leiser.„Geben Sie mir noch etwas Zeit. Bitte.“ Dann legte er auf. Sichtlich geschockt, fast schon eingeschüchtert, ließ er sich in seinen Stuhl fallen. Franz ging weiter. Rasch holte er sich seinen Morgenkaffee, bevor er in sein Zelt zurückkehrte. Als er eintrat, sah er einen seiner Kameraden auf seinem Bett sitzen. Der Soldat hielt ein Foto in den Händen.Fest. Verzweifelt. Franz setzte sich wortlos neben ihn. „Wir verlieren, Franz…“ sagte der Soldat leise. „Was meinst du?“ fragte Franz ruhig. „Den Krieg“, antwortete er. „Wir sind dabei zu verlieren.“ Seine Stimme war brüchig. „Es ist etwas passiert… irgendetwas Großes. Es gab unzählige Verluste.“ Franz legte ihm den Arm um die Schultern. Der junge Soldat schluckte schwer. „Ich hatte so sehr gehofft, sie wiederzusehen…“ sagte er und zeigte Franz das Bild. Das Bild zeigte eine wunderschöne junge Frau, die sich lächelnd auf die Motorhaube eines VW Käfers gelegt hatte. „Du wirst sie wiedersehen. So wie ich meine Familie, okay?“ sagte Franz und klopfte dem Soldaten behutsam auf die Schulter. Der Soldat nickte dankbar – doch dann brach er in Tränen aus. Vier Tage lang geschah nichts. Keine Außeneinsätze.Keine Befehle.Gar nichts. Franz klammerte sich an jede Arbeit, die er finden konnte. Betten machen.Stiefel putzen.Beim Austeilen des Essens helfen. Einfach alles. Die Stunden zogen sich endlos dahin. Doch Franz bemerkte, wie sich etwas veränderte. Das Lager wurde stiller. Immer mehr Betten blieben leer.Die Schlange an der Essensausgabe wurde kürzer. Und langsam wurde es ihm klar. Die Soldaten kehrten nicht zurück. Eines Nachts wurde Franz aus dem Schlaf gerissen. Der Wind peitschte gegen sein Zelt, während der Regen unaufhörlich niederprasselte. Von draußen drangen laute, aufgebrachte Stimmen zu ihm. Krüger.Und Günter. „Verdammt noch mal, Krüger!“ brüllte Günter gegen den Sturm an. Franz sprang aus dem Bett und rannte hinaus in den Regen. Mitten im Lager standen sich Günter und Krüger gegenüber, in eine hitzige Diskussion verwickelt. „Warum zum Teufel sollen wir noch hierbleiben, Krüger?!“ schrie Günter.„Es ist nur noch ein Drittel der Männer übrig! Wir gehen hier drauf, verstehen Sie das denn nicht?!“ Doch Krüger wich keinen Millimeter zurück. „Wir sind hier, um unser Land zu verteidigen, Sie elender Feigling!“ fauchte er und hielt ihm den Zeigefinger direkt vors Gesicht. Franz trat zwischen die beiden. „Was ist hier los?“ fragte er und zog den Kopf ein, um sich vor dem Regen zu schützen. „Das geht Sie nichts an, Gruber! Zurück ins Bett!“ befahl Krüger scharf. „Franz ist einer meiner besten Männer – das geht ihn sehr wohl etwas an!“ widersprach Günter sofort. Er wandte sich an Franz. „Ich will den Befehl zum Abzug geben“, erklärte er angespannt.„Aber Krüger weigert sich.“ „Bei allem Respekt, Herr Oberst… er hat recht“, sagte Franz schließlich. Im selben Moment kippte Krügers Stimmung. Schlagartig. Franz sah, wie die Wut in ihm aufstieg. „Sie verdammten Feiglinge!“ brüllte er.„Sie wollen einfach aufgeben?!“ Seine Stimme überschlug sich. „Dem Feind unser Land überlassen, ja? Sich wie elende Würmer niederknien?!“ Verächtlich spuckte er auf den Boden. „Ich sterbe nicht als Feigling.“ Seine Stimme wurde plötzlich ruhiger.Dunkler. „Ich diskutiere das hier nicht länger. Ihr Vorschlag ist abgelehnt, Herr Oberst.“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ging zurück in sein Zelt. Zurück ließ er Günter und Franz.Im Regen.In der Stille danach. Als Franz am nächsten Morgen aus seinem Zelt trat, lag eine bedrückende Stimmung über dem Lager. Nur noch wenige Soldaten standen an der Essensausgabe. Viele hatten den Streit in der Nacht mitbekommen.Krügers Wahn gesehen. Und im Schutz des Sturms waren einige von ihnen geflohen. Am 6. Juni 1944 wurde Franz erneut aus dem Schlaf gerissen. Sirenen heulten durch die Stadt in der Ferne. Am Himmel zeichneten sich Propellerflugzeuge und große Bomber ab. Ein Großangriff stand bevor. Krüger, Günter und die wenigen verbliebenen Soldaten stürmten aus ihren Zelten. „Bereitmachen zum Kampf!“ rief Krüger. „Was?!“ schrie Günter ungläubig.„Krüger, kommen Sie zur Vernunft, verdammt! Wir sind gnadenlos unterlegen!“ Franz sah ihn ratlos an. „Was sollen wir tun, Günter?“ fragte er. „Pack deine Sachen, Franz. Wir verschwinden von hier“, antwortete Günter entschlossen. Er drehte sich zu den anderen. „Das gilt für euch alle!“ Es dauerte nicht lange, bis Franz und seine Kameraden ihre Ausrüstung gepackt und ihre Uniformen angelegt hatten. Sie versammelten sich.Bereit, das Lager zu verlassen. „Das kann ich nicht zulassen! Niemals!“ brüllte Krüger – seinem Wahn völlig verfallen. „Es ist entschieden. Wir gehen“, sagte Günter knapp. „Halt!“ Krüger zog seine Waffe und richtete sie auf ihn. Seine Hände zitterten.Sein Blick war unruhig. Fast panisch. Günter hob langsam die Hände. „Tun Sie jetzt nichts, was Sie später bereuen, Krüger“, sagte er ruhig. Krüger atmete schwer. „Ich… ich weiß, was Sie getan haben… Sie Bastard…“ Seine Stimme brach. „Sie… Sie haben dieses Gesindel gerettet… die sich in der Kirche verschanzt hatten. Sie haben direkte Befehle missachtet!“ „Wovon reden Sie, Krüger? Das waren Zivilisten“, entgegnete Günter fassungslos. Ein krankes Lachen entwich Krüger. „He… he… he…“ Er hob den Kopf. „Sie mögen vielleicht verhindert haben, dass wir den Eingang finden…“ Sein Blick wurde fanatisch. „Aber Sie sind trotzdem gescheitert! Das Deutsche Reich wird niemals untergehen!“ In diesem Moment überschlugen sich die Ereignisse. Franz sah die Bombe nur für einen kurzen Augenblick. Dann riss ihn die Druckwelle zu Boden.Staub und Schutt nahmen ihm die Sicht. Ein ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllte die Luft. Instinktiv – ohne nachzudenken – sprang er auf und rannte los. Raus aus dem Lager. Das Adrenalin schoss durch seinen Körper und trieb ihn immer weiter. Er rannte. In Richtung Stadt.In Richtung Falkenberg. Nur ein einziger Gedanke hämmerte in seinem Kopf. „Ich muss zu ihnen… ich muss sie retten.“ Er rannte und rannte. Immer weiter. Sein Atem ging stoßweise, seine Lunge brannte, doch es war ihm egal. Er warf seinen Rucksack ab. Und lief weiter. Dann erkannte er das Ortsschild von Falkenberg, das immer näher kam. Verschwommen nahm er die Explosionen in der Stadt wahr.Dichter, schwarzer Rauch stieg in den Himmel. Dann verließen ihn die Kräfte. Er stolperte – und stürzte zu Boden. Seine Kleidung riss auf, als er über den harten Untergrund schlitterte. Sein Herz raste.Schweiß lief ihm in Strömen über die Stirn. Sein Herz schrie: Lauf weiter. Doch sein Körper verweigerte den Dienst. Er rappelte sich auf – und spürte sofort, wie der Schmerz durch seinen Körper schoss. Blut lief aus seiner aufgerissenen Lippe.Er schmeckte es in seinem Mund. Humpelnd kämpfte er sich weiter vorwärts.Immer näher nach Falkenberg. Dann sah er die Bahngleise. Von dort war es nicht mehr weit bis zu seinem Farmhaus. Plötzlich fiel ein brennender Bomber aus dem Himmel. Vor ihm. Er schlitterte über das Feld und hinterließ eine Spur der Zerstörung. Franz stand mitten im Chaos. Rund um ihn schlugen Bomben ein – in Häuser, in Straßenzüge, in Felder. Über ihm kreisten die Bomber mit einem tiefen, bedrohlichen Brummen, während Kampfflugzeuge durch die Wolken heulten. Dann sah er sein Haus. „Oh nein… oh nein…“ stieß er verzweifelt hervor, als er die Trümmer erkannte. „Maria!!!! Aveline!!!! Wo seid ihr?!“ brüllte er. Doch es kam keine Antwort. Nur das Knistern des Feuers.Die Überreste seines zerbombten Hauses. Franz sank zu Boden. Es fühlte sich an, als würde etwas in ihm zerreißen. Immer wieder rief er ihre Namen. Doch es kam nichts zurück. Nur Stille. Stille – und die grausame Erkenntnis. Seine Familie war fort.   -------------------- 4. Kapitel: Kapitel 4 Ein dunkles Geheimnis -------------------- „Versteht ihr?“ fragte Franz drängend.„Wenn er es wirklich ist…“ Seine Stimme brach. „Ich… ich kann das nicht noch einmal…“ Gustav trat näher und nahm ihn in die Arme, als er sah, wie nah Franz den Tränen war. „Wir schaffen das, Franz. Nichts kann uns auseinanderbringen.“ Er hielt ihn einen Moment fest, dann sah er ihm direkt in die Augen. „Als Familie.“ Johannes nickte zustimmend. „Lasst uns zurück ins Haus gehen. Wir schlafen eine Nacht darüber und überlegen morgen, was wir tun.“ Ein selbstsicheres Lächeln huschte über sein Gesicht. „Was soll ein einzelner Mann schon gegen uns ausrichten?“ Franz sagte nichts. Stattdessen deutete er mit dem Kopf zu James, der einige Meter entfernt stand. „Wir sollten Mr. Carter helfen, abzureisen“, sagte er leise.„Ich will ihn nicht in Gefahr sehen.“ Er atmete tief durch und wischte sich mit dem Unterarm die Tränen aus den Augen. Gemeinsam erklärten die drei James die Sachlage. Er war nicht begeistert, verstand aber, warum es sein musste. Als sie die Auffahrt zurück zum Anwesen gingen, zeigten sich am Horizont bereits die ersten Sonnenstrahlen. Vögel begannen zu singen, und ein kühler Morgennebel lag über Haus Falkenberg.Tau tropfte an den Scheiben hinab. „Wir sollten versuchen, noch ein wenig zu schlafen“, schlug Johannes vor, während sie über den Schotter des Hofes zur Treppe der Eingangstür gingen. „Gute Idee“, erwiderte Gustav. Gemeinsam betraten sie die Eingangshalle und stiegen die Treppe hinauf. Dann trennten sie sich und gingen jeweils in ihre Zimmer. Als James seine Tür hinter sich geschlossen hatte, setzte er sich auf das Bett. „Ich fasse es einfach nicht… es hätte so schön sein können“, seufzte er und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Er zog seine Schuhe aus, warf sie in eine Ecke des Zimmers und rollte sich frustriert ins Bett. Gustav war der Erste, der nach ein paar Stunden wieder auf den Beinen war. Wie gewohnt stand er in der Küche und bereitete Kaffee und etwas Gebäck vor – ein kleiner Hauch von Normalität. Kurz darauf kam Franz gähnend die Treppe hinunter. Offenbar war er noch in den Klamotten vom Vortag eingeschlafen. „Gott, du stinkst wie ein Büffel, Franz“, sagte Gustav und verzog das Gesicht. „Ach, stell dich nicht so an“, murmelte Franz und ließ sich am Küchentisch nieder. „Was gibt’s zum Frühstück? Ich verhungere“, sagte er und strich sich erwartungsvoll über den Bauch. Umso größer war seine Enttäuschung, als Gustav ihm lediglich einen Teller mit getoastetem Brot und eine Tasse Kaffee hinstellte. „Im Ernst jetzt?“ fragte er ungläubig. „Tja, mehr habe ich im Moment nicht. Es sei denn, du willst Einkaufen fahren“, erwiderte Gustav ruhig. „Bäh, was stinkt denn hier so widerlich?“ war das Erste, was Johannes sagte, als er das Esszimmer betrat. Angewidert sah er Franz an. „Du bist ja noch vollkommen verdreckt. Geh dich gefälligst waschen.“ „Von mir aus. Von dem Fraß hier werde ich eh nicht satt“, murmelte Franz genervt und ging zurück nach oben. „Unglaublich, sowas. Bei Elisabeth hätte er sich das nie getraut. Die hätte ihm erstmal eine ordentliche Standpauke gehalten“, sagte Johannes und wandte sich an Gustav. „Ja“, sagte Gustav nur zustimmend. Johannes gähnte, streckte sich und setzte sich ebenfalls an den Esstisch. Gustav stellte ihm, so wie sich selbst, eine Tasse Kaffee hin.Dann nahm auch er Platz. Eine Weile lang saßen die beiden schweigend da, nahmen ab und zu einen Schluck. „Ach… es wird ohne sie nie wieder so sein wie früher“, seufzte Gustav schließlich. Johannes nickte zustimmend, während er seine Tasse mit beiden Händen umschloss. In diesem Moment kehrte Franz zurück. Er hatte sich eine abgetragene Jeans und ein Unterhemd angezogen. „Na also, gleich viel besser“, sagte Gustav anerkennend. „Ja, ja“, murmelte Franz nur und setzte sich wieder. Dann durchschnitt plötzlich das schrille Klingeln des Telefons die Stille in der Eingangshalle. Alle drei sahen auf. „Ich geh schon“, sagte Gustav. Wie immer aufrecht und ruhig ging er hinaus in die Eingangshalle. Johannes und Franz bekamen nur Teile des Gesprächs mit. „Hier Haus Falkenberg, Gustav am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Eine ruhige, professionell klingende Stimme antwortete am anderen Ende. „Ja… das ist richtig“, sagte Gustav. Dann kurz Stille. „Heute um zwölf Uhr? Ja, das geht in Ordnung.“ Wieder eine Pause. „Gut. Auf Wiederhören.“ Gustav legte auf. Gerade als Gustav zurück ins Esszimmer gehen wollte, kam James langsam die Treppe hinunter. Gustav sah sofort, dass es ihm nicht gut ging. Lustlos hielt er seinen Koffer in der Hand, den Kopf gesenkt, eine Hand am Geländer. „Guten Morgen, Mr. Carter. Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte Gustav besorgt. Als James unten ankam, hob er den Blick. Seine Augen waren tiefrot, stark verweint. „Nein! Es ist nicht alles in Ordnung! Wie sollte es denn auch?“ rief er wütend und ließ seinen Koffer auf den Boden knallen. „Ich habe gestern einen der liebsten Menschen, die ich je getroffen habe, sterben sehen!“ James stampfte wütend auf. „Und Sie führen sich auf, als wäre nie etwas gewesen!“ Durch den Lärm aufgeschreckt, erschienen Franz und Johannes im Türrahmen. „Schon gut“, sagte Gustav ruhig zu ihnen und deutete, dass sie sich wieder setzen sollten. Dann ging er langsam auf James zu, legte ihm einen Arm um die Schultern und sagte leise: „Kommen Sie… gehen wir nach draußen, ja? Ich möchte Ihnen etwas erzählen.“ Gustav setzte sich mit James draußen im Garten auf eine kleine Bank. Er reichte ihm ein Taschentuch aus seinem Frack und ließ ihm ein paar Minuten Zeit, sich zu beruhigen. „Mr. Carter… wie war Ihr Leben bisher?“ fragte er schließlich und blickte dabei nachdenklich in den Himmel. „Was… was meinen Sie?“ fragte James verwirrt. „Ich meine: Hatten Sie alles? Ein Bett? Spielzeug? Jeden Tag warmes Essen auf dem Tisch?“ erwiderte Gustav ruhig. „Was soll das heißen?“ entgegnete James empört.„Wollen Sie sagen, ich war ein verwöhntes Kind, oder was? Sie leben hier in einer Villa!“ „Mr. Carter… Geld ist nicht alles“, sagte Gustav ruhig. Er deutete zum Fenster, durch das man Johannes am Tisch sitzen sehen konnte. „Unser Johannes hier ist Jude. Er hat mehrere Jahre in einem Konzentrationslager schuften müssen.“ „Was?“ fragte James leiser. „Jeden Tag wurden die Arbeiter aufgereiht. Und wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde erschossen.“ Gustav sah James direkt an. „Johannes hat weitergearbeitet. Jeden einzelnen Tag. Bis er zusammenbrach.“ Er machte eine kurze Pause. „Und wissen Sie, was er dann getan hat?“ „Nein… was denn?“ fragte James leise. „Er hat weitergearbeitet“, sagte Gustav knapp. „Denn hätte er aufgehört, wäre er gestorben.“ James hörte ihm nun interessiert zu.   Gustav atmete tief durch. „Als man ihn dann hierher verschleppt hat, musste er diesem furchtbaren Menschen dienen, der das Haus besetzt hatte.Er wurde erniedrigt, geschlagen und bespuckt – nur wegen dem, was er war.Und weil ein Verrückter den Menschen eingeredet hat, Juden seien an allem schuld.“ Dann zeigte Gustav auf Franz. „Und Franz…“, begann er, „Franz hat mehr Menschen sterben sehen, als er jemals aufzählen könnte.“ Gustav wandte sich wieder James zu und legte ihm ruhig eine Hand auf den Oberschenkel. „Sehen Sie, Mr. Carter… wir alle wissen sehr wohl, was Schmerz ist.Ich habe meine Eltern verloren, habe zwei Weltkriege unmittelbar erlebt.“ „Was wollen Sie damit sagen?“ fragte James leiser, nachdenklicher. „Wenn wir den Schmerz zu nah an uns heranlassen, lähmt er uns, Mr. Carter“, antwortete Gustav ruhig. „Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Wir werden Frau Falkenberg vermissen und sie immer in liebevoller Erinnerung behalten.Aber wir werden nicht daran zerbrechen. Das würde sie nicht wollen.“ Gustav machte eine kurze Pause. „Außerdem… wenn es wahr ist, was Franz erzählt – und das glaube ich zu einhundert Prozent – sind wir in großer Gefahr.“ Er sah James ernst an. „Und deshalb, Mr. Carter… müssen Sie nach Hause.“ Die beiden saßen noch einige Minuten schweigend da, genossen die warme Morgensonne, bevor sie schließlich ins Haus zurückkehrten. Dort warteten Franz und Johannes bereits auf sie. „Sind Sie soweit, Mr. Carter?“ fragte Johannes. James nickte, hob seinen Koffer auf, atmete tief durch und folgte ihm hinaus in den Hof. „Alles klar, ich geh dann mal den Wagen holen“, sagte Johannes und eilte die Treppe hinunter. Franz und Gustav blieben bei James zurück. „Sie haben recht… Elisabeth war einer der wundervollsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte.Wir werden sie in guter Erinnerung behalten“, sagte Franz und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich an Gustav. „Ach übrigens – wer hat vorhin angerufen?“ „Ihr Notar. Ein Herr Müller“, antwortete Gustav. „Ich wusste gar nicht, dass sie einen hat“, meinte Franz schulterzuckend. „Wann sollen wir dort sein?“ „Um zwölf“, sagte Gustav knapp. „Ah ja…“, erwiderte Franz. Dann rollte auch schon Johannes mit dem Rolls-Royce vor die Eingangstür. Er stieg aus, öffnete James die Tür und nahm ihm den Koffer ab. Wie zuvor verstaute er ihn im Kofferraum. „Oh Gott, ich hatte vergessen, wie eng diese Karre ist“, stöhnte Franz, als er sich auf den Beifahrersitz quetschte. Der ganze Wagen wackelte kurz. Johannes schloss den Kofferraum und ging zur Fahrertür. Gustav hatte derweil neben James Platz genommen. „Mach mal Platz, ich komme nicht an den Schalthebel“, sagte Johannes zu Franz. „Du bist witzig. Wohin denn?“ gab Franz zurück und musste den Kopf schief legen, um überhaupt sitzen zu können. „Auf der Rückfahrt sitzt du hinten, das schwör ich dir“, sagte Johannes. Als der Wagen schließlich losfuhr, blickte James noch einmal wehmütig aus dem Fenster auf das Meer hinaus. Er sah der Sonne entgegen. Doch als sein Blick weiter zum Horizont wanderte, fiel ihm etwas auf. Zuerst konnte er es kaum erkennen – nur ein schwarzer Punkt in der Ferne. James kniff die Augen zusammen, versuchte, mehr zu erkennen. „Sehen Sie das, Gustav? Ist das ein Schiff?“ fragte er und tippte ihm leicht auf die Schulter. Gustav richtete seine Brille und blickte ebenfalls hinaus. „Das glaube ich eher nicht. Der Schiffsverkehr ist hier seit Kriegsende praktisch zum Erliegen gekommen.“ Er musterte den Punkt noch einen Moment. „Wahrscheinlich jemand, der vom Kurs abgekommen ist“, sagte Gustav schließlich und wandte den Blick wieder nach vorn. Doch James konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass hier etwas nicht stimmte. Auch als sie weiter in die Stadt hineinfuhren, wurde James nicht ruhiger. Im Gegenteil. Die Stadt wirkte leer – noch leerer als zuvor. Keine Fußgänger, keine Autos, gar nichts. „Seltsam… wo sind denn alle? Ist heute ein Feiertag oder so?“ fragte Johannes verwundert. „Seht mal, selbst der Einkaufsmarkt hat geschlossen“, fügte Gustav von der Rückbank hinzu. James zuckte plötzlich zusammen, als er an einer Kreuzung für einen kurzen Moment etwas in der Ferne sah. „Was zum Teufel…?“ murmelte er und drehte sich hastig um, um durch das hintere Fenster zu sehen. „Was ist denn, Mr. Carter?“ fragte Gustav. „Haben Sie das denn nicht gesehen?“ „Was gesehen?“ entgegnete Gustav, nun etwas ungeduldiger. „Den Konvoi… Militärfahrzeuge“, sagte James nervös, während er sich wieder in seinen Sitz sinken ließ. Gustav winkte ab. „Ach… jetzt sehen Sie schon Gespenster, Mr. Carter.“ Wenige Minuten später erreichten sie den Bahnhof. Johannes stieg als Erster aus und holte den Koffer aus dem Kofferraum. „Au… mein armer Rücken“, jammerte Franz, nachdem er sich mühsam aus dem Wagen geschoben hatte. Doch auch der Bahnhof wirkte wie ausgestorben. Alle Rollläden waren heruntergelassen, nicht eine einzige Person war auf dem Bahnsteig zu sehen. „Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht“, murmelte nun auch Johannes. „Ja… ich brauch ein neues Kreuz“, stöhnte Franz und rieb sich den Rücken. „Sieh dich doch mal um, Franz“, erwiderte Johannes. Franz richtete sich langsam auf, streckte den Rücken durch und ließ den Blick über das Gelände schweifen. Dann runzelte er die Stirn. „Was ist hier denn los…?“ fragte er leise, als ihm die unheimliche Stille bewusst wurde. Schlagartig kippte Franz’ Stimmung. „Okay… gehen wir. Irgendwas stinkt hier gewaltig“, sagte er mit ernster Miene. Sie betraten den Bahnhof, setzten sich auf eine Bank und warteten. Eine Stunde verging.Dann noch eine. Nach zwei Stunden begann Franz unruhig auf und ab zu gehen. „Wo bleibt dieser verdammte Zug?“ zischte er angespannt. Plötzlich zog sich der Himmel zu. Eine dunkle Gewitterfront schob sich über Falkenberg, und kurz darauf begann es wie aus Eimern zu regnen. „Ich glaube, das wird nichts“, rief Gustav gegen den Regen an.„Lass uns zurückfahren. Wir versuchen es morgen noch einmal.“ „Was ist mit dem Notartermin?“ rief Johannes. Gustav zog seine alte Taschenuhr hervor. „Ach ja… der ist in einer halben Stunde.“ Er sah zu James. „Gut, erledigen wir das noch. Mr. Carter, möchten Sie dabei sein?“ „Sehr gerne. Vielen Dank“, antwortete James und legte dankbar eine Hand auf die Brust. Als sie zurück zum Auto rannten, war es, als wäre plötzlich Nacht hereingebrochen. Der Regen prasselte unaufhörlich auf sie nieder. Johannes warf den Koffer beinahe in den Wagen. Gustav setzte sich hastig auf den Beifahrersitz, während Franz und James sich auf die Rückbank zwängten. „Verdammt nochmal“, fluchte Johannes, als er sich hinters Steuer setzte. Alle waren bis auf die Knochen durchnässt. Er startete den Motor, schaltete die Lichter ein und setzte die Scheibenwischer in Bewegung. Der alte Rolls-Royce hatte spürbar Mühe, sich durch die Wassermassen auf der Straße zu kämpfen. Die Scheibenwischer liefen auf höchster Stufe und schafften es trotzdem nur gerade so, die Sicht halbwegs frei zu halten. Eine Viertelstunde später hatten sie sich durch das Unwetter gekämpft und hielten vor einem kleinen Bürogebäude. Draußen stand nur ein einziger Wagen – ein alter Jaguar. „Das muss es wohl sein“, sagte Gustav.„Kommt, gehen wir schnell rein.“ Kurz darauf standen sie in der Empfangshalle. „So ein Mistwetter“, fluchte Franz und schüttelte sich das Wasser aus dem Bart. Am Empfangsschalter stand eine Frau, die sich gerade mit einem Mann unterhielt. Er trug einen sauber sitzenden grauen Anzug, dazu eine schwarze Krawatte und ein weißes Hemd.Sein dunkelbraunes Haar war streng nach hinten gekämmt, im Gesicht trug er einen schmalen Spitzbart, durchzogen von einzelnen grauen Strähnen. „Hören Sie, Frau Bauer, ich weiß selbst nicht genau, was hier vor sich geht, aber bitte… fahren Sie nach Hause“, sagte der Mann ruhig, fast beschwichtigend. „Aber es fährt doch nicht einmal ein Bus“, entgegnete Frau Bauer verunsichert. Der Mann griff in die Innentasche seines Sakkos, zog seine Brieftasche hervor und öffnete sie. „Hier, nehmen Sie das“, sagte er und reichte ihr einige Geldscheine.„Sehen Sie es als kleinen Bonus.“ „Rufen Sie sich ein Taxi – oder meinetwegen eine Limousine. Aber bitte… fahren Sie nach Hause“, drängte der Mann schließlich. Sichtlich überfordert eilte Frau Bauer an Gustav, Johannes, Franz und James vorbei. Franz hielt ihr höflich die Tür auf. „Danke schön“, sagte sie verunsichert und spannte draußen ihren Regenschirm auf. „Meine Herren“, rief der Mann ihnen zu,„kommen Sie bitte – die Zeit drängt.“ „Herr Müller, nehme ich an?“ fragte Gustav und reichte ihm die Hand. „Das ist richtig“, erwiderte Müller. Gustav musterte ihn kurz. „Sie haben einen interessanten Akzent.“ Müller lächelte knapp. „Ja… das höre ich öfter.“ Dann wandte er sich Franz und Johannes zu. „Herr Gruber, es freut mich, Sie endlich einmal persönlich kennenzulernen.Frau Falkenberg hat nicht übertrieben – Sie sind tatsächlich ein beeindruckender Mann.“ Franz lächelte kurz.„Das kann ich mir denken.“ „Herr Schermann, ebenfalls eine Freude“, sagte Müller und reichte Johannes die Hand. Dann fiel sein Blick auf James. „Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“ „Ich… äh…“ stotterte James. „Ein Freund der Familie“, warf Gustav ruhig ein.„Wir möchten, dass er dabei ist. Ich bestehe darauf.“ Müller musterte ihn einen Moment. „Hm… na gut. Folgen Sie mir, meine Herren.“ Zu fünft zwängten sie sich in den Aufzug. Müller hatte sichtlich Mühe, überhaupt an die Knöpfe zu kommen. Oben angekommen hielt er kurz vor einem Büro an. „Haben Sie mir die Akten auf den Tisch gelegt?“ fragte er einen jungen Mann – offenbar sein Assistent. „Ja, natürlich“, antwortete dieser. „Gut. Dann gehen Sie jetzt. Sie haben Feierabend.“ Der Assistent runzelte die Stirn. „Aber ich habe noch so viel Arbeit vor mir“, wandte er ein. Müller seufzte hörbar, sichtlich genervt. „Muss ich jetzt mit jedem meiner Mitarbeiter diskutieren?“ fragte er scharf.„Haben Sie nicht mitbekommen, was in der Stadt vor sich geht? Gehen Sie. Sofort.“ Hastig griff der junge Mann nach seinem Aktenkoffer. Dabei stieß er sich das Knie am Schreibtisch. „Au, verdammt“, fluchte er leise. Leicht humpelnd ging er an Müller vorbei. „Bin ich… gefeuert?“ fragte er unsicher. Müller zog erneut seine Brieftasche hervor. „Hier. Nehmen Sie das und machen Sie ein paar Tage Urlaub, ja?“ sagte er und drückte ihm einige Geldscheine in die Hand. Eilig machte sich auch der Assistent davon. Hastig ging er den Flur entlang, warf Gustav, Franz, Johannes und James noch einen kurzen Blick zu. „Auf Wiedersehen“, sagte er nervös und umklammerte dabei seinen Aktenkoffer. „Was meinten Sie? Was ist denn in der Stadt los?“ fragte Gustav und wandte sich an Müller. „Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen“, antwortete dieser und winkte die vier in sein Büro. Der Raum war schlicht eingerichtet. Links und rechts standen hohe Regale bis zur Decke, vollgestopft mit Akten und Fachbüchern. Hinter Müllers Schreibtisch erstreckte sich eine große Glasscheibe, die gerade genug Licht hereinließ, um den Raum nicht völlig im Dunkeln versinken zu lassen. Müller ließ sich in seinen Stuhl fallen. „Nehmen Sie bitte Platz.“ Er deutete auf einen einfachen Klappstuhl vor dem Schreibtisch. Dann legte er eine Zeitung vor Gustav. „Hier. Lesen Sie.“ Gustav ließ seinen Blick über die Titelseite schweifen. Seine Stirn zog sich zusammen. „Erhöhte Strahlenwerte gemessen…“ Er begann laut vorzulesen, damit die anderen es ebenfalls hören konnten: „Wie von Experten bestätigt, wurden gestern Abend erhöhte Strahlenwerte festgestellt.Der Bürgermeister hat daher angeordnet, dass Falkenberg ab sofort unter Ausgangssperre steht.Sämtliche Züge aus der Stadt fallen für die nächsten Tage aus.Es wird dringend geraten, zu Hause zu bleiben und die Innenstadt nicht zu betreten.Noch ist völlig unklar, welche Ursache diese Strahlenwerte haben.“ Gustav sah Müller verwirrt an. „Was soll das bedeuten? Strahlenwerte? Etwa wie…“ „Wie von den Bomben in Hiroshima und Nagasaki“, bestätigte Müller ruhig. „Bitte was?“ sagte Franz und beugte sich ungläubig nach vorn.„Aber hier gab es doch keinen Angriff mit Atomwaffen.“ Müller lehnte sich zurück. „Nun, Herr Gruber… ich bin mir nicht sicher, wie ich Ihnen das am besten erklären soll.“Er machte eine kurze Pause.„Am einfachsten ist es wohl, wenn ich es Ihnen zeige.“ Er stand auf, ging zu einem seiner Aktenschränke und holte einen länglichen Metallbehälter hervor. Es sah aus wie ein Rohr – oder wie eine Hülle für etwas, das darin aufbewahrt worden war. Müller legte es vorsichtig auf den Schreibtisch. Dann sah er die vier mit ernster Miene an. „Meine Herren…“ begann er und räusperte sich.„Vor etwa einer Woche kam Frau Falkenberg zu mir.“ Er trat einen Schritt zurück, drehte sich kurz zum Fenster und blickte hinaus in den grauen Himmel. „Sie übergab mir diesen Behälter… und einige Dokumente, die sie in einem Wandtresor ihres Büros gefunden hatte.“ Müller wandte sich wieder zu ihnen um. Er öffnete eine der Akten auf seinem Schreibtisch. „Das hier hat ihr panische Angst gemacht“, sagte er ruhig. Gustav griff vorsichtig nach der Akte. Johannes, Franz und James traten näher heran und blickten gespannt darauf. Als Gustav sie öffnete, stockte allen für einen Moment der Atem. „Projekt Auslöschung.“ Darüber prangte das Symbol der Nationalsozialisten. Mit leicht zitternden Händen blätterte Gustav weiter. Sein Blick huschte über die Seiten. Es ging um den Aufbau eines Atomwaffenarsenals. Ein letzter Plan. Falls Deutschland kurz vor der Niederlage stand. Ziele waren klar definiert: New York, Moskau… und weitere feindliche Hauptstädte. Als Gustav auf einen detaillierten Bauplan stieß, zuckte Franz zusammen. „Das… das ist ein Entwurf für eine…“ Er schluckte schwer. „…eine Atomrakete.“ „Aber… aber so etwas wurde doch nie gebaut. Das ist unmöglich“, sagte James und versuchte, nervös zu lachen. Franz starrte weiterhin auf das Dokument. In seinem Gesicht zeichnete sich blanke Angst ab. Ganz oben auf der Seite stand: Projektleiter: Oberst Ernst Krüger „Dieser elende Bastard…“ knurrte Franz und ballte die Fäuste. „Aber es kam doch nie dazu. Und dieser Krüger ist tot“, versuchte Gustav zu argumentieren.„Franz hat es mit eigenen Augen gesehen.“ „Herr Müller… was hat das mit uns zu tun?“ fragte Johannes verwirrt. Müller antwortete nicht sofort. Stattdessen öffnete er den Behälter und zog eine zusammengerollte Papierrolle heraus. Langsam breitete er sie auf dem Tisch aus. Ein weiterer Bauplan kam zum Vorschein. Diesmal kein einzelnes Gerät – sondern eine Anlage. Ein gewaltiger Bunker. Tunnel und Abzweigungen zogen sich wie ein Spinnennetz unter Falkenberg hindurch. Müller legte einen Finger auf den Mittelpunkt der Anlage. „Das hier… hat alles mit Ihnen zu tun.“ Er sah die vier nacheinander an. Dann tippte er auf die markierte Stelle. „Der Kern dieser Anlage… liegt direkt unter Haus Falkenberg.“ Einen Moment lang schwieg Gustav nachdenklich. Dann weiteten sich seine Augen. „Deshalb also… deshalb war der Bürgermeister so versessen darauf, dass Elisabeth das Haus verkauft…“ Er schluckte schwer. „Musste… musste sie deshalb sterben?“ fragte er leise. „Was können wir tun?“ wandte sich Johannes an Müller. „Nun… es gibt eine Möglichkeit“, sagte dieser ruhig und griff nach einer weiteren Akte. „Wenn Haus Falkenberg an den nächstlebenden Verwandten vererbt wird, kann es laut Gesetz nicht in den Besitz der Stadt übergehen.“ „Aber… Elisabeth war die letzte Falkenberg. Es gibt doch niemanden mehr“, sagte Franz. „Irrtum. Es gibt noch einen“, entgegnete Müller und deutete auf Gustav. „Was? Nein… da müssen Sie sich irren“, sagte Gustav verwirrt. Doch Müller blieb gelassen. „Ich habe es schwarz auf weiß. Sie sind der Sohn von Georg Falkenberg.Damit sind Sie der Bruder von Elisabeth Falkenberg. Ein direkter Verwandter.“ Gustav krallte sich an den Armlehnen des Stuhls fest. „Aber… meine Eltern sind im Ersten Weltkrieg gestorben. Ich… ich war ein Waisenkind… ich…“Er stockte.„Kann das wirklich sein…?“ „Einen Moment mal“, warf Johannes ein.„Sie sagen, er ist der Sohn von Georg Falkenberg. Aber wer ist die Mutter? Elisabeths Mutter hieß Evelin Falkenberg.“ Müller nickte leicht. „Und genau darin liegt das Problem. Evelin Falkenberg ist nicht Gustavs leibliche Mutter.“ Er blätterte in der Akte. „Er ist das Ergebnis einer Affäre. Es gibt keinen Namen… keine Unterlagen zu dieser Frau.“ Für einen Moment kehrten die Erinnerungen zu Gustav zurück. Er sah sich selbst als Kind im Garten stehen.Elisabeth war schon ein Teenager gewesen, während er kaum fünf Jahre alt war. Evelin Falkenberg war zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren tot – gestorben an Krebs.Herr Falkenberg hatte die beiden allein großgezogen. Wie erstarrt saß Gustav da. Kein Wort kam über seine Lippen. „Gustav? Gustav? Alles in Ordnung?“ fragte Franz und rüttelte ihn leicht an der Schulter. „Ja… ja, natürlich. Ich… ich brauche nur einen Moment“, sagte Gustav leise. „Herr Falkenberg, ich weiß, das ist nicht leicht für Sie“, begann Müller und legte ein Dokument vor ihn.„Aber Sie müssen das Erbe antreten. Andernfalls fällt das Haus an die Stadt.“ Gustav räusperte sich, rang sichtbar mit sich selbst. „Und… was ist mit Franz und Johannes?“ fragte er schließlich. „Das ist hier geregelt“, sagte Müller und deutete auf einen Abschnitt des Dokuments.„Herr Gruber und Herr Schermann erhalten das lebenslange Wohnrecht im Haus Falkenberg.Ebenso gilt dieses Recht für ihre Kinder und sämtliche Nachkommen.“ Gustav nickte langsam. „Und wenn ich sterbe? Wer bekommt dann das Haus?“ „Beide Familien“, antwortete Müller ruhig.„Sowohl die Familie Gruber als auch die Familie Schermann haben Erbrecht. Das wurde vertraglich mit Frau Falkenberg festgelegt.“ „Eine Sache gibt es da noch“, sagte Johannes plötzlich angespannt. „Wenn sich unter unserem Haus wirklich eine Anlage mit… Atomwaffen befindet – wie sollen wir dort leben? Das ist doch lebensgefährlich.“ Er sah kurz zu den anderen. Müller hob beschwichtigend die Hand. „Keine Sorge. Ich habe meine Kontakte. Wir werden diese Anlage finden und unschädlich machen.“ Dann wandte er sich wieder an Gustav. „Also, Herr Falkenberg… sind Sie so weit?“ Gustav nahm den Stift, hielt jedoch kurz inne. „Sie werden sich an diese Vereinbarungen halten, ja?“ sagte er ruhig.„Ich habe hier drei Zeugen.“ Müller nickte. „Aber selbstverständlich.“ Einen Moment später setzte Gustav die Unterschrift unter das Dokument. Müller lächelte. „Meinen Glückwunsch, Herr Falkenberg.“Er reichte ihm die Hand. „Das wäre dann alles für heute, meine Herren. Fahren Sie nach Hause. Ich werde morgen mit meinem Team vorbeikommen.“ Er machte eine kurze Pause. „Alles wird gut. Versprochen.“ Gustav zögerte. „Wann ist die Beerdigung von Elisabeth?“ Müller blickte in den Kalender auf seinem Schreibtisch. „In zwei Tagen“, antwortete er knapp. Gustav nickte langsam. „Gut. Ich möchte, dass Mr. Carter auf die Gästeliste gesetzt wird.“ „Nein… das ist zu viel, das geht nicht“, sagte James leise. „Ich bestehe darauf, Mr. Carter“, erwiderte Gustav und sah ihn ernst an.„Bleiben Sie noch ein paar Tage bei uns. Beenden Sie Ihre Arbeit.“ Als die vier Müllers Büro verließen und mit dem Aufzug in die Lobby hinunterfuhren, kam ihnen bereits ein bekanntes – und alles andere als erfreuliches – Gesicht entgegen. Der Bürgermeister. Sein Gang war hastig, fast schon panisch.Man sah ihm an, wie schwer es ihm fiel, die Fassung zu bewahren. Franz ballte die Fäuste und fixierte ihn mit einem Blick, der selbst gestandene Männer hätte zittern lassen. Johannes trat einen Schritt vor. „Was wollen Sie? Wir haben nichts mehr zu besprechen“, sagte er scharf. Der Bürgermeister setzte ein gezwungenes Lächeln auf. „Ach, ich wollte lediglich die Besitzurkunde von Haus Falkenberg abholen.Da Frau Falkenberg keine Erben hat, fällt das Haus nun an die Stadt.“ Ein langsames Grinsen zog über Johannes’ Gesicht. Auf diesen Moment hatte er gewartet. „Da liegen Sie leider falsch“, sagte er ruhig.„Darf ich vorstellen: Herr Falkenberg. Rechtmäßiger Erbe des Hauses.“ Er deutete auf Gustav. „Und nun… einen schönen Tag noch.“ Der Bürgermeister blieb wie angewurzelt stehen. „Aber… aber das kann doch nicht sein!“ rief er und eilte ihnen hinterher, hinaus auf die Straße. „Warten Sie! Sie wissen nicht, was Sie tun!“ Die vier waren bereits bei ihrem Wagen angekommen. Der Bürgermeister eilte ihnen hinterher, die Fassade nun endgültig bröckelnd. „Wie kann man nur so verdammt stur sein!“ fluchte er.„Diese Sturheit wird noch Menschenleben kosten – und das hat sie bereits!“ Dann rutschte ihm etwas heraus. Etwas, das er sofort bereuen würde. „Ich wollte nicht, dass sie stirbt, klar?! Ich wollte nur dieses verdammte Dokument! Der Kerl sollte nur...." Franz erstarrte. Für einen kurzen Moment. Dann kippte etwas in ihm. Mit wenigen Schritten war er bei dem Bürgermeister. Bevor dieser reagieren konnte, packte Franz ihn am Kragen, hob ihn mühelos hoch und schleuderte ihn mit voller Wucht auf die Motorhaube seines Wagens. Ein dumpfer Schlag hallte durch die regennasse Straße. Franz beugte sich über ihn, presste ihm die Hand ins Gesicht. Seine Augen brannten vor Wut. „Dann waren Sie es!!“ brüllte er. „Sie haben einen verdammten Mörder in unser Haus geschickt!“ Gustav eilte zu ihnen. „Franz! Franz! Franz! Lass ihn los! Tu nichts Unüberlegtes, bitte!“ „Er… wird kommen…“ stöhnte der Bürgermeister unter Schmerzen. „Franz, bitte… sieh mich an“, flehte Gustav.„Lass ihn los.“ Zähneknirschend lockerte Franz seinen Griff. Der Bürgermeister rutschte von der Motorhaube und krachte auf den nassen Beton. „Nun wird er kommen“, keuchte er.„Und nichts wird ihn aufhalten.“ „Was? Wer wird kommen?“ fragte Gustav, während der Mann sich mühsam aufrichtete. Der Bürgermeister sah ihm direkt in die Augen. „Krüger.“ Einen Moment lang war es still. „Reden Sie Klartext!“ verlangte Gustav scharf. „Oberst… Krüger“, hustete der Bürgermeister. „Schwachsinn! Der ist tot!“ brüllte Franz. „Nein… er war vor zwei Wochen bei mir“, keuchte der Bürgermeister.„Er hat mir befohlen, dafür zu sorgen, dass ihr aus dem Haus verschwindet.“ „Was will er?“ fragte Gustav laut. „Das… das hat er mir nicht gesagt… bitte… er wird mich töten…“ flehte der Bürgermeister. In diesem Moment kamen auch James und Johannes hinzu. „Was ist hier los?“ fragte Johannes sofort. „Dieses Stück Dreck ist schuld an Elisabeths Tod“, knurrte Franz. Gustav trat einen Schritt vor. „Sie elender Feigling!“ schrie er plötzlich. Etwas brach in ihm hervor.Etwas, das lange unterdrückt gewesen war. Wut. „Warum haben Sie nicht mit uns geredet?! Warum dieses ganze Theater?!“Seine Stimme bebte. „Franz kennt diesen Krüger! Wir hätten eine Lösung gefunden, verdammt nochmal!“ Gustav schlug sich die Hände vors Gesicht. „Sie hätte nicht sterben müssen… wenn Sie den Mund aufgemacht hätten…“ Seine Stimme brach. Tränen liefen ihm über das Gesicht. Johannes trat zu ihm und zog ihn in eine feste Umarmung. „Kommt… wir gehen“, sagte er leise. Die drei wandten sich ab und gingen zurück zum Wagen. Doch Franz blieb stehen. Langsam drehte er sich noch einmal um. „Franz, nicht!“ rief Johannes. Zu spät. Mit wenigen Schritten war Franz wieder bei dem Bürgermeister.Er holte aus— Ein harter Schlag. Blut spritzte, ein dumpfes Geräusch hallte über den Parkplatz.Der Bürgermeister sackte reglos zu Boden. Franz stand über ihm, schwer atmend. „Das ist für Elisabeth“, knurrte er. Dann spuckte er verächtlich neben ihn. " „Fahren wir“, sagte Franz knapp und schwang sich mit finsterem Blick in den Rolls-Royce. Auf der Rückfahrt zum Anwesen sagte niemand ein Wort. Franz starrte wortlos aus dem Fenster.Der Regen peitschte unaufhörlich gegen die Windschutzscheibe, während der Wagen die Küstenstraße entlangfuhr. James saß wieder auf der Rückbank und blickte hinaus aufs Meer. „Musste das wirklich sein?“ fragte Johannes plötzlich – laut, scharf. Franz drehte langsam den Kopf zu ihm. „Hast du etwa ein Problem damit?“ schnaubte er. „Ja, verdammt!“ fuhr Johannes ihn an.„Du hast deine Wut nicht unter Kontrolle!“ Seine Stimme wurde lauter. „Du bist wie ein Berserker! Du schlägst zu, ohne nachzudenken!“ „Der Typ ist schuld an Elisabeths Tod, falls du das vergessen hast“, knurrte Franz. „Und jeden, der damit zu tun hatte, zu verprügeln oder umzubringen – bringt sie das zurück?!“ schrie Johannes. „Jungs, bitte!“ rief Gustav von der Rückbank.„Beruhigt euch!“ Doch Johannes war nicht zu stoppen. „Weißt du, seit sie weg ist, ist dir einfach alles egal geworden!“Seine Worte trafen hart. „Sie war die Einzige, die dich im Griff hatte. Und jetzt… jetzt sieht man dein wahres Gesicht, Franz!“ Franz’ Blick verfinsterte sich. „Halt dein Maul… oder ich stopfe es dir!“ brüllte er. Währenddessen hatte James draußen etwas entdeckt. „Ähm… Herr Falkenberg…“ sagte er vorsichtig und tippte Gustav an. „Nicht jetzt, Mr. Carter!“ zischte Gustav. „Bleiben Sie stehen! Bleiben Sie sofort stehen!“ schrie James plötzlich panisch. Johannes trat reflexartig voll auf die Bremse. Der Wagen kam ruckartig zum Stehen. „Was ist denn jetzt?!“ rief er. „Da draußen… sehen Sie…“ sagte James mit zittriger Stimme und zeigte hinaus aufs Meer. Johannes beugte sich nach vorne, versuchte durch den Regen etwas zu erkennen. Dann erstarrte er. Sein Atem stockte. Draußen, weit draußen auf dem Meer— Eine Flotte. Dutzende Schiffe. Große, dunkle Silhouetten, die sich durch den Regen abzeichneten. „Das… das darf doch nicht wahr sein…“ hauchte er und riss die Tür auf. „Wo willst du hin?!“ rief Franz ihm hinterher. Doch Johannes hörte nicht. Hektisch riss er den Kofferraum auf. „Wo ist es… wo ist es…?“ murmelte er und durchwühlte das Gepäck. „Ah— da!“ Er zog ein Fernglas hervor und trat näher an den Straßenrand. Mit zitternden Händen setzte er es an. Ein paar Sekunden vergingen. Dann nahm er es langsam wieder herunter. Sein Gesicht war kreidebleich. „Oh mein Gott…“ „Was ist los, verdammt?!“ rief Franz ungeduldig. Johannes sagte nichts. Er reichte ihm einfach das Fernglas. Franz griff danach, noch immer genervt— Doch als er hindurchsah, gefror ihm das Blut in den Adern. Auf den Schiffen… verblasst, aber noch immer klar erkennbar— NS-Symbole. „Wir müssen zum Haus. Sofort!“ rief Franz. Die Türen flogen auf, sie sprangen in den Wagen.Johannes gab Gas – die Reifen drehten durch, als der Rolls-Royce nach vorne schoss. „Dieser Mistkerl hatte recht, verdammt!“ brüllte Franz und schlug mit der Faust gegen die Tür. „Was… was machen wir jetzt?“ fragte James panisch. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Franz starrte nach vorne, die Gedanken rasten. „Denk nach… denk nach…“ murmelte er. Dann hob er plötzlich den Kopf. „Okay! Wir verschanzen uns im Haus. Fenster, Türen – alles dichtmachen!“ „Ich rufe Müller an“, warf Gustav ein.„Er meinte, er hat Kontakte. Vielleicht kann er Waffen organisieren.“ „Gute Idee“, knurrte Franz. Mit quietschenden Bremsen kam der Wagen vor dem schweren Eisentor zum Stehen. Noch bevor er ganz stand, rissen Franz und Johannes die Türen auf und sprangen hinaus. „Gustav, ans Steuer!“ rief Johannes. Ohne zu zögern kletterte Gustav nach vorne. Franz und Johannes packten das Tor und stemmten es mit aller Kraft auf. „Los!“ rief Franz und winkte hektisch. Der Motor heulte auf.Der Rolls schoss durch die Öffnung. Kaum war er durch, warfen Franz und Johannes das Tor wieder zu – Metall krachte laut aufeinander. Sie rannten zurück, sprangen ins Auto. „Fahr!“ rief Franz. Gustav trat das Gaspedal durch. Der Wagen jagte die Auffahrt hinauf. Schotter spritzte zur Seite, als er oben erneut hart bremste.Der Rolls rutschte noch ein Stück, kam dann zum Stehen. Die vier sprangen hinaus. James griff hastig nach seinem Koffer. Ohne ein Wort rannten sie zur Haustür. Franz riss sie auf, ließ die anderen hinein und schlug sie dann mit einem dumpfen Knall hinter sich zu. Stille. Nur ihr schwerer Atem hallte durch die Eingangshalle. Franz blieb stehen. Sein Blick wanderte über Gustav, Johannes und James. In seinem Kopf war nur noch ein einziger Gedanke— Das darf nicht nochmal passieren. Ich werde sie beschützen. Egal wie. Draußen tobte der Sturm weiter. Und irgendwo da draußen… war Krüger. Ihnen allen war klar: Nicht nur sie waren in Gefahr. Sondern ganz Falkenberg. Vielleicht… sogar weit mehr als   -------------------- 5. Kapitel: Kapitel 5 Blutige Warnung -------------------- Franz rannte hastig die Kellertreppe hinunter.Sein Blick flog durch den Raum, suchte fieberhaft nach allem, was sich verwenden ließ. Bretter. Nägel. Irgendetwas. In einer Ecke entdeckte er schließlich eine alte, verstaubte Kommode.Ohne zu zögern trat er dagegen. Einmal. Zweimal.Beim dritten Tritt brach sie krachend auseinander wie ein Kartenhaus. Franz griff sich so viele Bretter, wie er tragen konnte, und hastete wieder nach oben. Keuchend ließ er sie mitten in der Eingangshalle zu Boden fallen. Gustav und Johannes kamen sofort angelaufen. „Gut“, sagte Johannes knapp und musterte das Holz.„Das sollte reichen. Damit vernageln wir die restlichen Fenster.“ „Und was ist mit der Eingangstür?“ fragte James unsicher. Gustav warf einen Blick dorthin, dann schüttelte er den Kopf. „Die hält“, sagte er ruhig.„Massive Eiche, mit Stahlstreben verstärkt. Da bräuchte man schon einen Panzer, um da durchzukommen.“ Die vier arbeiteten bis spät in die Nacht.Hämmer hallten durch das Haus, Holz splitterte, Sägen kratzten durch die Stille. Jede Tür, jedes Fenster im Erdgeschoss wurde verbarrikadiert. Währenddessen, ein paar hundert Meter entfernt vom Tor des Anwesens— schleppte sich eine Gestalt die Straße entlang. Der Anzug, den sie trug, hing in Fetzen.Blut tropfte an ihrem Hosenbein hinab und vermischte sich mit dem Regenwasser. Jeder Schritt wirkte wie eine Qual.Ihr Atem ging stoßweise, begleitet von leisen, schmerzhaften Stöhnen. Mit letzter Kraft erreichte sie das Tor.Zitternd hob sie die Hand… und drückte auf die Gegensprechanlage. Im Haus erstarrte Gustav, als die Klingel durch die Halle schnitt. „Wer kann das um diese Zeit sein?“ murmelte er irritiert. Er ging zum Apparat und hob den Hörer ab. „Ja? Wer ist da?“ Für einen Moment blieb es still. Dann—eine gebrochene, kaum verständliche Stimme: „Helfen… Sie mir… ich brauche… Hilfe…“ Gustav lief ein kalter Schauer über den Rücken. „Wer ist da?“ fragte er schärfer. „Bitte… ich kann nicht mehr… ich… ich sterbe…“ Gustavs Augen weiteten sich. „Herr Bürgermeister? Sind Sie das?“ Ein rasselnder Atemzug. „Sie… sie haben mich… gefoltert… ich…“ Ein dumpfer Schlag.Dann Stille. „Hallo? Hallo?! Halten Sie durch, wir kommen!“ rief Gustav in den Hörer. „Wer ist das?“ fragte Franz sofort. „Der Bürgermeister. Er liegt draußen vor dem Tor… er sagt, sie hätten ihn gefoltert.“ „Scheiße. Los!“ sagte Franz ohne zu zögern. Er griff nach seiner Jacke. „Ihr bleibt hier“, wies er Johannes und James an. „Wir sind gleich zurück.“ Gemeinsam stürmten er und Gustav nach draußen, sprangen in den Rolls-Royce und rasten die Auffahrt hinunter. Im Schein der Scheinwerfer zeichnete sich bereits eine reglose Gestalt vor dem Tor ab. Franz sprang aus dem Wagen, riss das Tor auf und eilte zu ihr. „Hören Sie mich? Hallo?!“ Er packte die Person und drehte sie vorsichtig auf den Rücken. Sein Atem stockte. Es war der Bürgermeister. Sein Gesicht war grün und blau geschlagen.Mehrere Zähne fehlten.Blut und Schmutz bedeckten seinen Körper, übersät mit schweren Verletzungen. „Herr Gruber… sind… sind Sie das…?“ stöhnte der Bürgermeister kraftlos. Franz beugte sich sofort zu ihm herunter. „Ja, ich bin hier. Halten Sie durch, hören Sie?“ „Es… es tut mir… so unglaublich leid… ich…“Seine Stimme brach ab.Der Kopf sackte zur Seite. „Wie sieht’s aus?“ fragte Gustav angespannt. Franz legte zwei Finger an den Hals des Bürgermeisters. „Schwach… aber er lebt noch. Er hat viel Blut verloren.“Er sah Gustav an.„Komm, wir bringen ihn rein.“ Vorsichtig hob er ihn hoch und trug ihn zum Wagen.Er legte ihn auf die Rückbank, stieg selbst dazu und stützte seinen Kopf. Während der kurzen Fahrt zurück kontrollierte Franz immer wieder seine Atmung. Flach. Unregelmäßig. Am Haus angekommen sprang Franz aus dem Wagen, hob ihn erneut hoch und trug ihn zur Tür. Johannes riss sie auf. „Was ist mit ihm passiert?“ fragte er erschrocken. „Später“, knurrte Franz. „Erstmal retten wir ihn.“ „Gästezimmer“, sagte Gustav sofort. „Ich hole den Verbandskasten.“ Franz nickte nur und trug den Bürgermeister die Treppe hinauf. Eine Blutspur zog sich hinter ihnen her—über den Boden der Eingangshalle,die Stufen hinauf,bis ins Gästezimmer. Dort legte Franz ihn vorsichtig aufs Bett. Im nächsten Moment kam Gustav zurück, den Erste-Hilfe-Koffer in der Hand. Franz zögerte nicht.Er riss dem Bürgermeister das zerrissene Sakko vom Leib, dann das blutdurchtränkte Hemd. Und erstarrte. „Verdammt…“ Der Körper des Mannes war übersät mit Schnitt- und Stichwunden.Keine davon tief—aber zu viele. Viel zu viele. Langsam begriffen sie, was das bedeutete: Er war nicht einfach verletzt worden. Er war… systematisch zum Verbluten zurückgelassen worden. Sein Gesicht wurde immer blasser. Mit letzter Kraft hob er die Hand und packte Franz am Arm. „Herr Gruber… es… es tut mir so leid…“ keuchte er.„Ich habe versagt… ich habe ihnen… die Kontrolle über die Stadt überlassen… für Geld…“ Franz beugte sich näher zu ihm. „Wer? Wer steckt dahinter?“ Der Bürgermeister rang nach Luft. „Erich Steinberger… er steckt hinter allem… er…“ Sein Blick brach.Der Kopf fiel zur Seite. „Hey! Bleiben Sie wach! Hören Sie mich?“ rief Franz und rüttelte ihn. Für einen kurzen Moment zuckten seine Augen wieder auf. Er sah Franz direkt an. Klar. Wach. Fast schon ruhig. „Bitte… vergeben Sie mir…“ Dann glitt der Ausdruck aus seinem Gesicht. Seine Finger lösten sich langsam von Franz’ Hand. Und wurden schlaff. Stille. Franz blieb noch einen Moment so sitzen, starrte ihn an. Dann ließ er die Hand vorsichtig sinken. „…Er ist tot.“ Gustav trat einen Schritt zurück, fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht. „Verdammt…“ murmelte er leise.„Das hat er nicht verdient…“ „Ich habe hier etwas gefunden“, sagte James plötzlich. Er hob einen blutverschmierten Umschlag vom Boden auf und reichte ihn Gustav. „Was ist das?“ fragte dieser und nahm ihn entgegen. Langsam öffnete er das durchweichte Papier.Das Blut hatte sich bereits in die Fasern gefressen. Gustav schluckte und begann vorzulesen: „Sehen Sie dies als Ihre letzte Warnung an.“ Einen Moment lang herrschte Stille im Raum. Dann las er weiter: „Sollten Sie Haus Falkenberg nicht innerhalb von zwei Tagen verlassen haben, wird dies ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.“ „Ich fasse es nicht… dass dieser Bastard wirklich noch lebt“, knurrte Franz. „Sag mal, Franz…“ begann Johannes nachdenklich.„Hat Krüger damals nicht irgendetwas von einem Eingang gesagt?“ Franz runzelte die Stirn, suchte in seinen Erinnerungen. Dann riss er die Augen auf. „Ja… natürlich! In diesem Dorf!“ „Einen Moment mal“, warf Gustav ein und hob die Hand.„Wenn sich der Eingang zu dieser Anlage wirklich unter unserem Haus befindet… warum hat Krüger dann woanders danach gesucht?“ Stille. „Hm… das ist tatsächlich seltsam“, murmelte Johannes. Franz sagte nichts.Man sah ihm an, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Egal“, unterbrach Gustav schließlich die Stille.„Das klären wir später. Ich rufe Müller an.“ Gemeinsam gingen die vier hinunter in die Eingangshalle. Das alte Telefon stand auf einem kleinen runden Tisch.Gustav griff nach dem Hörer und wählte. Es klingelte.Einmal.Zweimal.Dreimal. Dann ein müdes Räuspern. „…Ja, Müller hier.“ „Herr Müller, verzeihen Sie die späte Störung, aber wir haben ein Problem“, sagte Gustav ruhig, aber bestimmt. Er schilderte in knappen Worten, was geschehen war. Die Flotte.Der Brief.Der Tod des Bürgermeisters. Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Moment still. Auffällig still. „Verstehe…“ sagte Müller schließlich. Seine Stimme klang… nicht überrascht. Eher nachdenklich. „Gut. Ich werde zusehen, dass ich in etwa einer Stunde bei Ihnen bin.“ Als zwei Stunden später der alte Jaguar von Müller vor dem Tor des Anwesens zum Stehen kam, war er nicht allein. Dicht hinter ihm folgten ein Leichenwagen, ein kleiner Lastwagen und ein unscheinbarer Viertürer, bis auf den letzten Platz besetzt. Franz und Gustav öffneten das Tor. Der kleine Konvoi rollte langsam über die Auffahrt und kam schließlich direkt vor dem Anwesen zum Stillstand. Es war inzwischen fünf Uhr morgens. Der Sturm hatte nachgelassen.Nur noch ein leichter Wind strich durch die Bäume. Die ersten fahle Lichtstrahlen des Tages drückten sich durch die aufreißende Wolkendecke und tauchten das Anwesen in ein kaltes, graues Licht. Die Türen der Fahrzeuge öffneten sich fast gleichzeitig. Männer stiegen aus.Schweigend.Zielgerichtet. Müller trat aus seinem Jaguar, richtete seinen Mantel und ging auf Gustav zu. „Herr Falkenberg, ich grüße Sie“, sagte er und reichte ihm die Hand. „Entschuldigen Sie bitte die Verspätung. Wir mussten die Hauptstraßen meiden, um hierher zu gelangen.“ Sein Blick wanderte kurz über das Anwesen. Prüfend. Berechnend. „Hm… Sie haben ganze Arbeit geleistet. Das Anwesen scheint gut gesichert zu sein“, sagte er anerkennend. Dann wurde sein Ton schärfer. „Männer! Sichern Sie das Gelände. Niemand kommt hier rein ohne meine Erlaubnis!“ Die Männer reagierten sofort. Mit einer knappen Handbewegung winkte er einen von ihnen zu sich. „Holen Sie mir die Unterlagen aus dem Wagen.“ Der Mann nickte, ging zum Jaguar, öffnete den Kofferraum und holte mehrere Akten sowie den zylindrischen Behälter mit dem Lageplan. „Kommen Sie, meine Herren“, fuhr Müller fort.„Wir gehen hinein. Wir haben einiges zu besprechen.“ „Einen Moment mal“, warf Franz ein und trat einen Schritt vor.„Sie sind doch bloß ein Notar. Warum führen Sie sich hier auf wie ein Kommandant? Wer sind Sie wirklich?“ Müller hielt kurz inne. Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht. „Das erkläre ich Ihnen gleich, Herr Gruber.“ Ohne ein weiteres Wort ging er ins Haus, direkt ins Esszimmer. Dort ließ er die Unterlagen auf dem Tisch ausbreiten.Zwei seiner Männer halfen ihm dabei, Karten, Akten und Pläne sorgfältig auszulegen. Dann richtete er sich auf. „Nehmen Sie bitte Platz, meine Herren.“ Etwas zögerlich setzten sich Gustav, Johannes, Franz und James. Müller blieb stehen. „Also… meine Herren“, begann er ruhig.„Ich denke, es ist an der Zeit, reinen Tisch zu machen.“ Er machte eine kurze Pause. Dann sah er ihnen direkt in die Augen. „Mein Name ist nicht Müller.“ Stille. „Agent Derreck Johnson. Amerikanischer Geheimdienst.“ Die Worte hingen schwer im Raum. Langsam verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und begann, vor dem Tisch auf und ab zu gehen. „Dass Frau Falkenberg zu mir kam, war kein Zufall. Meine Männer und ich wurden vor etwa einem Jahr hier stationiert.“ Er blieb stehen. „Ich habe Kontakt zu ihr aufgenommen… und ihr erklärt, worum es hier wirklich geht.“ Wie gebannt hörten die vier zu. Johnson ließ eine Tafel mit einigen Fotos, Berichten und Landkartenabschnitten hereinrollen.Er nahm einen Stift in die Hand und zeigte auf ein Dokument. „Am 9. April 1944 wurde ein Befehl gegeben“, sagte er ernst.„Der Befehl zur Zündung mehrerer Nuklearraketen, um die absehbare Niederlage zu verhindern.“ „Was?“ sagte Franz ungläubig.„Soll das etwa heißen, diese Waffen waren damals schon einsatzbereit?“ „Korrekt, Herr Gruber“, erwiderte Johnson. „Warum kam es dann nie dazu?“ fragte James interessiert. „Aus diesem Grund“, sagte Johnson und holte ein Diktiergerät hervor. „Diese Aufnahme konnten wir wiederherstellen.“ Johnson legte das Gerät auf den Tisch und drückte auf „Play“. Klack „Ein lautes Seufzen …Hier… hier spricht der Leiter des Kontrollzentrums.Ein langes, erschöpftes AusatmenHeute Morgen erhielten wir den Befehl zum Abschuss mehrerer Atomwaffen…ein verzweifeltes Lachen Nach langer Beratung sind wir jedoch zu dem Entschluss gekommen, diesen Befehl zu verweigern. Für die geliebte Heimat… erneutes LachenWir sollen also die Welt zerstören? Und warum?Weil ein Verrückter nicht einsehen will, dass wir den Krieg verlieren… erneut? Jahrelang hat man uns hier eingesperrt.Hat uns gezwungen zu arbeiten.Und wenn wir nicht mehr konnten… wurden wir geschlagen. Die Wachen sind tot… Wir haben den Strom abgeschaltet.Die Anlage unbrauchbar gemacht.Alle Ein- und Ausgänge versiegelt. Niemand kann diese Anlage betreten oder verlassen… uns eingeschlossen. Aber dieses Opfer sind wir bereit zu bringen… ein leises SeufzenWenn das hier jemand hören sollte…Es tut uns leid. Wir dachten immer, wir würden etwas Gutes tun…Aber nein… Wir sind nicht bereit, jemandem, der Menschenleben nicht achtet, eine Massenvernichtungswaffe zu überlassen. Wir werden hier unten warten…Warten auf unser Ende…“ Klack Einen Moment lang überlegte Franz. Man konnte ihm ansehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. „Das hat er damals gemeint… mit ‚den Eingang finden‘“, sagte er leise. Er blickte zu Johnson. „Darf ich nochmal diesen Plan sehen? Von der Anlage?“ „Ja, natürlich“, antwortete dieser, holte ihn hervor und breitete ihn auf dem Tisch aus. Konzentriert beugte Franz sich darüber. Langsam fuhr er mit dem Finger die Linien entlang, folgte den Tunneln und Abzweigungen. Die anderen sahen ihm dabei gespannt zu. Sekunden vergingen. Dann blieb sein Finger plötzlich stehen. „Da!“ Er tippte auf eine Stelle. „Ein langer Tunnel… direkt von diesem Dorf, wo wir damals hingeschickt worden sind.“ Franz folgte dem Tunnel mit seinem Finger. „Und er führt direkt in die Anlage…“ sagte er nachdenklich. Kurz schwieg er. „War wohl ein Fluchttunnel… oder so etwas.“ Dann sah er auf. „Und genau den hat Krüger gesucht.“ „Herr Gruber, ich weiß, Sie haben unter Krüger gedient“, sagte Johnson vorsichtig. „Aber nur, weil ich musste“, knurrte Franz. Johnson nickte leicht. „Was ich Ihnen nun zeige… nun, wie soll ich sagen… wird nicht einfach für Sie, Herr Gruber.“ Er zog eine Akte zu sich. „Räumen Sie bitte die Tafel frei, ja?“ wies er einen seiner Männer an. Dieser führte die Anweisung sofort aus. Mit ernster Miene hielt Johnson die Akte einen Moment lang vor der Brust, als würde er selbst noch zögern. Dann sah er Franz direkt an. „Herr Gruber… sind Sie wirklich bereit für das, was jetzt kommt?“ Franz schluckte. „Ja… bin ich.“ Ein Hauch Unsicherheit lag in seiner Stimme. Johnson nickte knapp. Dann öffnete er die Akte und holte mehrere Fotos heraus. Eines nach dem anderen pinnte er sie an die Tafel. Ein angewidertes Raunen ging durch den Raum. „Oh mein Gott… wie widerlich“, sagte Gustav und wandte sofort den Blick ab. Die Fotos zeigten Krüger. Oder das, was von ihm übrig war. Er lag auf einem Krankenbett. Sein Gesicht war kaum wiederzuerkennen – verbrannt, entstellt.Das linke Ohr fehlte vollständig, zerfetzte Haut hing in dunklen, verkrusteten Streifen herab.Sein linkes Auge war unter dicken, blutdurchtränkten Verbänden verborgen. Der gesamte Körper war übersät mit bandagierten Wunden. „Ach du Schande…“ murmelte Johannes leise. Johnson nahm einen Krankenbericht zur Hand und begann vorzulesen: „Ernst Krüger. 49 Jahre alt.Gefangenennummer 20300. Getroffen von einer Fliegerbombe. Zahlreiche Verbrennungen, mehrere davon lebensbedrohlich.Linkes Ohr und linkes Auge zerstört. Mehrere schwere Knochenbrüche im linken Bein – vollständige Heilung ausgeschlossen.“ Er machte eine kurze Pause. Dann las er den letzten Satz. „Persönliche Bemerkung des Arztes:‚Es grenzt an ein Wunder, dass der Patient noch lebt.‘“ Stille. Schwer. Drückend. „Aber… dieser Mann ist doch… tot“, fragte James ungläubig. Johnson schüttelte langsam den Kopf. „Mr Carter… ich wünschte, ich könnte Ihnen das mit Ja beantworten. Aber nein… er lebt.“ „Nein! Niemals, das kann nicht sein!“ sagte Franz aufgebracht und trat einen Schritt nach vorne. Seine Stimme zitterte vor Wut – oder war es Angst? Johnson ließ sich davon nicht beirren. Er griff nach einem weiteren Bericht und schlug ihn auf. „Ernst Krüger wurde nach Kriegsende festgenommen und sollte den Rest seines Lebens in Haft verbringen“, begann er ruhig. Er legte das Dokument auf den Tisch. „Vor wenigen Wochen kam es jedoch zu einem… Vorfall.“ Sein Blick wurde härter. „Ein organisierter, brutaler Gefängnisausbruch.“ Franz starrte auf die Unterlagen. „Unmöglich…“ murmelte er. „Mehrere Wärter tot. Keine Überlebenden auf Seiten des Personals, die aussagen konnten“, fuhr Johnson fort.„Der Ausbruch war präzise geplant. Militärisch ausgeführt.“ „Aber wer würde so etwas tun?“ fragte Gustav verwirrt.„Wer hätte die Mittel dazu?“ Johnson antwortete nicht sofort. Stattdessen griff er nach einem weiteren Foto. Mit einer ruhigen, fast bedrohlichen Bewegung pinnte er es an die Tafel. Ein Fahndungsfoto. Ein großer, glatzköpfiger Mann.Kalte Augen.Starre Haltung. Die Uniform, die er trug, ließ keinen Zweifel. SS. „Erich Steinberger“, sagte Johnson knapp.„Nazi-Terrorist.“ Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Er steht auf so ziemlich jeder Most Wanted-Liste dieser Welt.“ Kurze Pause. „Und trotzdem… ist er praktisch ein Geist.“ Die Männer im Raum schwiegen. Jetzt hatte das Ganze ein Gesicht. Und es war keines, dass man so schnell wieder vergaß. „Die Schiffe draußen vor der Küste… gehören mit ziemlicher Sicherheit ihm“, sagte Johnson ruhig.„Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg. Versteckt… bis jetzt.“ Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern. „Nun, meine Herren… die Sache ist ganz einfach.“ Kurze Pause. „Wir müssen diese Anlage finden und sichern. Erst dann schicken meine Vorgesetzten Verstärkung.“ „Aber wie sollen wir vier einfachen Leute das schaffen?“ fragte Gustav. Johnson verzog keine Miene. „Nicht vier“, sagte er kühl.„Drei.“ Er sah zu James. „Mr. Carter… Sie fahren morgen nach Hause.“ James nickte. „Gut.“ Begeisterung klang anders – aber er verstand. „Ich möchte Ihnen zwei meiner besten Männer vorstellen“, fuhr Johnson fort.„Kelly! Ross! Antreten!“ Die beiden traten ein. Unterschiedlicher hätten sie kaum sein können. Der eine – fast zwei Meter groß, breit gebaut, mit dichtem, schwarzem Bart.Der andere – schmal, deutlich kleiner, mit Brille und wachem Blick. Beide salutierten gleichzeitig. Langsam erhob sich Franz. Er musterte sie von oben bis unten. „Was macht die beiden so besonders?“ fragte er skeptisch. Dann zeigte er auf den Schlankeren. „Kannst du kämpfen, Junge?“ „Jawohl, Sir!“ „Herr Gruber, Agent Kelly ist Meister in Karate und Martial Arts“, erklärte Johnson ruhig. Franz schnaubte. „Dann soll er’s mir zeigen.“ „Gut“, sagte Johnson knapp.„Gehen wir raus.“ Gustav griff Franz am Arm. „Was soll das denn, Franz?“ zischte er.„Du wirst ihm noch wehtun!“ Doch Franz hörte nicht mehr zu. Draußen im Hof stellte sich die Gruppe im Halbkreis auf. Der Wind hatte nachgelassen, doch die Luft war noch kühl und schwer vom Regen. Franz und Kelly standen sich gegenüber. „Kelly, Herr Gruber wird Sie angreifen. Sie verteidigen sich“, befahl Johnson. „Jawohl, Sir!“ Kelly nahm sofort Haltung an. Ruhig. Konzentriert. Franz dagegen grinste. Er ballte die Fäuste. Sein Blick wurde hart. Dann stürmte er los. Wie ein wütender Stier. „Oh nein…“ murmelte Gustav und wandte den Blick ab. Doch noch bevor Franz richtig ausholen konnte— ging alles blitzschnell. Zwei präzise Handkantenschläge. Franz taumelte. Ein gezielter Tritt gegen das Bein— und er ging zu Boden. Stille. „Hah… nicht schlecht“, lachte Franz und richtete sich wieder auf.Er klopfte sich den Staub von der Kleidung. „Aber wie wär’s damit!“ Er griff erneut an. Wilder diesmal. Härter. Doch Kelly wich aus. Elegant. Jeder Schlag ging ins Leere. Franz wurde langsamer. Schwerer. Berechenbarer. Egal, was er versuchte—er traf nicht. Kein einziges Mal. Schließlich blieb er stehen. Atmete schwer. Und hob die Hand. „Genug.“ Ein kurzes, raues Lachen. „Verdammt…“ Kelly entspannte sich sofort. „Rohe Gewalt ist nicht immer nützlich, Sir“, sagte er respektvoll.„Ihre Größe macht Sie langsam… und berechenbar.“ Franz sah ihn einen Moment lang an. Dann grinste er schief. Zum ersten Mal nicht aus Überlegenheit— sondern aus Anerkennung. „Gut, das reicht, meine Herren. Zurück an die Arbeit“, sagte Johnson bestimmt. Franz trat auf Kelly zu. Einen Moment lang sahen sie sich an. Dann streckte Franz ihm die Hand hin. „Nicht schlecht“, sagte er knapp. Kelly erwiderte den Händedruck. „Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben, mein Junge“, fuhr Franz fort. „Sparen Sie sich diesen Militärschwachsinn bei mir. Ich bin ein einfaches Bauernkind… mehr nicht.“ Kelly nickte respektvoll. „Verstanden.“ Gemeinsam kehrten sie ins Haus zurück. Im Esszimmer lagen die Pläne noch immer ausgebreitet auf dem Tisch. Johnson trat sofort wieder in seine Rolle. „Ross, haben Sie sich den Plan angeschaut?“ „Ja, Sir“, antwortete dieser und trat nach vorne.Seine Stimme war ruhig, fast schon analytisch. Er beugte sich über den Plan und zeigte auf eine auffällige, kerzengerade Linie. „Ich glaube, ich habe einen möglichen Zugangspunkt gefunden.“ Alle traten näher. Franz verschränkte die Arme. „Was soll das sein?“ Ross tippte mit dem Finger auf den Anfang der Linie. „Ein Aufzugsschacht, Sir.“ Ein kurzer Moment Stille. Dann sah er auf. „Wenn ich es genau bestimmen müsste… würde ich sagen, er beginnt—“ Er machte eine kleine Pause. „—direkt in Ihrer Eingangshalle.“ Stille. Man hörte nur noch das leise Ticken der Uhr an der Wand. Franz sah langsam zu Gustav. Gustav erwiderte den Blick. „Das… kann doch nicht sein…“ murmelte er. Doch tief in seinem Inneren wusste er bereits— dass es genau so war. „Folgen Sie mir bitte“, sagte Ross und marschierte los. Er führte alle in die Eingangshalle.Konzentriert ließ er seinen Blick durch den Raum wandern. „Hm… die einzige Möglichkeit…“, murmelte er.„…ist hier in der Mitte der Treppe. Aber da ist nur diese Statue.“ Ross kniff die Augen zusammen, als wollte er etwas erkennen.Sein Blick glitt über die Statue, über deren Rand und den Sockel. Schließlich entdeckte er etwas. „Was haben Sie da, Ross?“ fragte Johnson interessiert. „Ich bin mir nicht sicher, Sir… aber es sieht aus wie ein Schuhabdruck. Hier, sehen Sie“, antwortete Ross und winkte Johnson zu sich. „Da ist doch nichts“, sagte Johnson verwirrt. „Doch, Sir. Hier unten, an der Kante, wo der Sockel der Statue beginnt.“ Johnson hatte größte Mühe, etwas zu erkennen—doch dann sah auch er es. Ein Schuhabdruck.Ganz blass, aber eindeutig vorhanden. Die Spitze ragte hervor, der Rest verschwand unter der Statue. „Wie kommt der da hin?“ fragte Gustav verwirrt und beugte sich ebenfalls zum Sockel hinunter. „Hinter dieser Statue muss sich der Aufzugsschacht befinden“, sagte Ross überzeugt. „Gut… und wie kommen wir da rein?“ fragte Johnson. „Ich gehe C4 holen, Sir“, sagte Ross und wollte schon loslaufen. „Halt! Was soll das heißen?“ rief Gustav protestierend.„Diese Statue steht hier seit Jahrzehnten, und Sie wollen sie demolieren? Auf gar keinen Fall!“ „Es muss einen anderen Weg geben“, sagte Franz dann. James trat näher heran und betrachtete die Statue sehr genau.Sein Blick wanderte langsam über jede einzelne Stelle. Nachdenklich hielt er sich die Faust vor den Mund. „Sehen Sie das?“ fragte er in die Runde. „Nein, was denn?“ fragte Johnson. „Die Statue… etwas passt nicht. Es scheint, als wäre sie nicht auf ihrem richtigen Platz“, sagte James ruhig. Dann fiel ihm noch etwas auf. Ein Detail, das überhaupt nicht passte. Ein Fisch, unten an der Statue.Er streckte sein Maul nach oben, als wolle er Wasser auffangen. „Sie sagen, diese Statue ist uralt, Herr Falkenberg?“ fragte James. „Bestimmt zweihundert Jahre“, entgegnete Gustav überzeugt. „Das hier aber nicht…“ sagte James und beugte sich weiter vor.„Das hier ist noch recht neu.“ Langsam griff er nach dem Fisch. Vorsichtig umschloss er ihn mit der Hand… und zog daran. Klack. Der Fisch gab nach.Irgendetwas setzte sich in Bewegung. „Das muss der Aufzug sein… hören Sie das?“ sagte Gustav. Er wich ein paar Schritte zurück, als sich die Statue plötzlich mit einem lauten Rattern erhob. Vier Metallstützen drückten sie vom Boden nach oben—und in der Mitte kam die Aufzugskabine zum Vorschein. „Ich fasse es nicht…“ hauchte Franz ungläubig. „Ross, Kelly – holen Sie Ihre Ausrüstung. Wir fahren da runter“, befahl Johnson. „Ich will mitkommen“, sagte Gustav sofort. „Ich auch“, fügte James hinzu. Einen Moment lang überlegte Johnson. Dann seufzte er. „Na gut… aber Sie beide bleiben hier.“ Er deutete auf Johannes und Franz. „In diese Schachtel kriegt mich sowieso niemand rein“, erwiderte Franz trocken. Wenige Minuten später kamen Ross und Kelly zurück in die Eingangshalle. Ross trug einen großen Koffer, versehen mit mehreren Warnzeichen.Kelly hatte bereits seine taktische Ausrüstung angelegt, ein Gewehr in der einen, eine große Taschenlampe in der anderen Hand. „Wir sind soweit, Sir!“, sagten die beiden fast gleichzeitig. „Gut. Dann los.“ Die fünf zwängten sich in die Aufzugskabine—gebaut wie ein alter Minenschachtaufzug: Boden, Decke und dazwischen schwere Metallgitter. Mit einem lauten Rattern schob Johnson die Tür zu. Er drückte auf die unterste Etage. Mit einem Ruck setzte sich der Aufzug in Bewegung. Über ihnen fuhr die Statue wieder nach unten und setzte mit einem dumpfen Knall auf dem Boden auf. Zurück blieben Franz und Johannes. Der Aufzug sank tiefer. Und tiefer. Und tiefer. Niemand sprach. Die Dunkelheit verschluckte jedes Geräusch. Nach einigen Minuten hielt der Aufzug schließlich an. Ein kalter, abgestandener Luftzug schlug ihnen entgegen. Bunkerluft. Schwer. Staubig. Tot. Eine bedrückende Stille lag über allem. Kelly schaltete seine Taschenlampe ein. Ein schmaler Lichtkegel durchschnitt die Dunkelheit. Vor ihnen erstreckte sich ein stockfinsterer Gang. „Gut… gehen wir“, sagte Johnson und öffnete die Aufzugstür. Sie folgten dem Gang. Ihre Schritte hallten dumpf von den Wänden wider. „Ich habe ein ganz mieses Gefühl, Herr Falkenberg“, murmelte James. „Da sind Sie nicht allein“, erwiderte Gustav leise. Nach einigen Metern erreichten sie das Ende des Ganges. Vor ihnen erhob sich eine gewaltige Bunkertür.Meterdick. Massiv. Unnachgiebig. Johnson musterte sie. „Kriegen Sie die auf, Ross?“ „Ja, aber das wird dauern, Sir“, antwortete dieser.„Ich bohre ein Loch in die Verriegelung. Eine kleine Sprengladung erledigt dann den Rest.“ „Dann an die Arbeit.“ Ross öffnete seinen Koffer. Neben Werkzeugen, Kabeln und kleinen Sprengsätzen befand sich darin ein großer, industrieller Bohrer. „Leuchten Sie mir mal, Kelly.“ Er setzte an. Sofort sprühten Funken, als sich der Bohrer kreischend ins Metall fraß. Minute um Minute verging. Der Lärm füllte den gesamten Gang. Nach etwa einer Viertelstunde war Ross schließlich durch die Verriegelung durchgedrungen. Er wollte gerade nach dem Sprengstoff greifen— als plötzlich ein Gerät an Kellys Gürtel Alarm schlug. Ein schrilles, aufdringliches Piepen. „Ich messe erhöhte Strahlenwerte, Sir“, sagte Kelly sofort. Das Gerät wurde lauter. Schneller. Aggressiver. „Sir! Wir müssen abbrechen! Ohne Schutzausrüstung hier weiterzugehen wäre lebensgefährlich!“ Johnson zögerte keine Sekunde. „In Ordnung. Abbruch. Ross, zusammenpacken. Wir fahren nach oben und holen die Schutzanzüge.“ Es dauerte nicht lange, bis Ross seinen Koffer wieder gepackt hatte. Zielstrebig eilten sie zurück durch den Gang. „Moment mal… hört ihr das?“ fragte James plötzlich. Alle blieben stehen. Dann— ein entferntes Rattern. Metall auf Metall. „Der Aufzug…“ flüsterte Gustav. Johnson riss die Augen auf. „Der Aufzug! Er bewegt sich!“ Er rannte los. Erreichte die Kabine. Riss an der Tür. Doch sie war zu. Unbeweglich. „Nein… nein! Das darf nicht sein! Verdammt!“ brüllte er und hämmerte gegen das Metall. Das Geräusch des Aufzugs entfernte sich. Wurde leiser. Und verschwand schließlich ganz. Stille. Schwer atmend taumelte Johnson einen Schritt zurück. „Was… was tun wir jetzt, Sir?“ fragte Kelly angespannt. Johnson starrte auf die geschlossene Tür. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich… ich weiß es nicht…“ Dunkelheit. Stille. Und die grausame Gewissheit— sie waren nun hier unten eingeschlossen.   -------------------- 6. Kapitel: Kapitel 6 Die Heldin des Volkes -------------------- 10. September 1945 Ein dichter, kühler Nebel lag über Falkenberg. Die Stadt lag in Trümmern.Die Spuren der brutalen Schlacht um den Ort waren noch deutlich zu erkennen. Zerstörte Gebäude.Ausgebrannte Fahrzeuge.Überall Narben des Krieges. Zwischen all der Verwüstung standen Zivilisten—verzweifelt vor dem, was einst ihre Häuser gewesen waren. Trucks und Fahrzeuge der US Army rollten langsam durch die Straßen.Trupps von Soldaten marschierten umher.Rettungskräfte halfen, wo sie nur konnten. „Mein Gott, Gustav…“ sagte Elisabeth leise, während sie aus dem hinteren Fenster des Rolls Royce blickte.„Es ist so viel schrecklicher, als ich es mir vorgestellt habe.“ Gustav saß am Steuer. Ruhig.Konzentriert. Langsam lenkte er den Wagen durch die zerstörten Straßen, wich Schlaglöchern und aufgerissenen Asphaltstücken aus. Sein Blick blieb nach vorne gerichtet. Doch seine Hände am Lenkrad waren fester, als sie sein sollten. „Diese armen Leute…“ seufzte Gustav leise.„Sie haben alles verloren.“ „Ich werde tun, was ich kann, um zu helfen, Gustav. Das verspreche ich dir“, sagte Elisabeth leise, während sie sich umsah. Einige Menschen erkannten sie.Sie winkten ihr mit müden, erschöpften Lächeln zu. Plötzlich lief eine Frau auf die Straße. „Halt mal kurz an, Gustav.“ Der Wagen kam zum Stehen. „Warte hier kurz, ja?“ sagte Elisabeth und stieg aus. Langsam ging sie auf die junge Frau zu. „Anna… bist du das?“ Die Frau sah furchtbar aus.Ihr Kleid war zerrissen, verdreckt.Es wirkte, als hätte sie seit Tagen weder geschlafen noch etwas gegessen. „Oh mein Gott… Elisabeth… ich dachte, du bist tot…“ sagte Anna und fiel ihr in die Arme. Elisabeth hielt sie fest. Dann sah sie ihr in die verweinten Augen. „Bist du etwa ganz allein?“ Anna nickte nur—und brach in Tränen aus. Langsam stieg auch Gustav aus dem Wagen. „Wer ist das?“ fragte er vorsichtig. „Das ist Anna. Die Tochter eines Geschäftspartners meines Vaters“, antwortete Elisabeth. „Gib mir bitte meinen Koffer.“ Gustav nickte sofort. Er öffnete den Kofferraum, nahm einen braunen Lederkoffer heraus und stellte ihn neben sie. „Hier.“ Elisabeth griff ohne zu zögern in ihre Handtasche und zog ein Bündel Geld hervor. Dann wandte sie sich um. „Hey! Sie da! Kommen Sie mal her!“ Ein Soldat der US Army kam herübergelaufen. „Ja, Ma’am, was kann ich für Sie tun?“ Elisabeth drückte ihm die Hälfte des Geldbündels in die Hand. „Ich möchte, dass Sie diese junge Frau zum Bahnhof bringen“, sagte sie ruhig, aber bestimmt. Der Soldat zögerte kurz—doch als er sah, wie viel Geld er in der Hand hielt, nickte er sofort. „Natürlich, Ma’am.“ Elisabeth wandte sich wieder Anna zu. Sie reichte ihr den Koffer und drückte ihr die andere Hälfte des Geldes in die Hand. Dann legte sie sanft ihre Hände auf Annas Schultern. „Hör mir gut zu, ja?“ sagte sie leise.„Nimm den nächsten Zug aus der Stadt. Fang mit diesem Geld ein neues Leben an.“ Anna schluchzte. „Vielen… vielen Dank…“ Sie fiel Elisabeth erneut um den Hals. „Schon gut“, flüsterte Elisabeth.„Geh jetzt. Geh mit dem Soldaten. Er bringt dich in Sicherheit.“ Als die beiden gegangen waren, dauerte es nicht lange, bis sich eine kleine Menschenmenge um den Rolls Royce versammelte. Leises Flüstern ging durch die Reihen. „Das ist sie… die berühmte Frau Falkenberg…“ „Unglaublich, dass sie zurück ist…“ Ein älterer Mann mit Gehstock trat vor. Freudig reichte er Elisabeth die Hand. „Wir sind so froh, dass Sie wieder da sind“, sagte er bewegt. Er fasste sich ans Herz. „Wir waren erschüttert, als wir gehört haben, was Ihrem Vater zugestoßen ist.“ Dankbar nickte Elisabeth. „Ihre Familie hat so viel Gutes für diese Stadt getan“, fuhr der Mann fort.„Das werden wir Ihnen nie vergessen.“ Dann zog er sich wieder in die Menge zurück. Elisabeth räusperte sich und hob leicht die Hand, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen. „Ich werde alles tun, um diese Stadt wieder aufzubauen!“ Ihre Stimme war fest, klar – voller Entschlossenheit. „Meine Vorfahren haben sie gegründet… und ich werde dafür sorgen, dass sie weiterbesteht!“ Die Menge jubelte und klatschte. "Okay, das reicht jetzt, macht die Straße frei!" rief schließlich ein Soldat. Als sich die Leute dann langsam verteilten, stiegen Gustav und Elisabeth wieder in den Wagen. "Fahren wir zur Bank, Gustav" sagte Elisabeth. Behutsam lenkte Gustav den Rolls Roys weiter durch die völlig verwüsteten Straßen. Der Schutt zerbombter und ausgebrannter Häuser erstreckte sich kilometerweit vor ihnen. Gustav wusste überhaupt nicht, wo er zuerst hinsehen sollte. Seine Hände begannen zu schwitzen. "Es ist einfach alles weg…." hauchte er geschockt. "Gustav, pass auf!" schrie Elisabeth plötzlich. Gustav schreckte hoch. Instinktiv trat er auf die Bremse. Der Rolls Roys kam ruckartig zum Stillstand. Mit lautem Hupen raste ein Militärlaster nur wenige Zentimeter an ihnen vorbei. "Bist du irre? Hast du keine Augen im Kopf?" rief ein Soldat, der auf der Ladefläche des Lasters saß. Gustavs Atem wurde schneller, verkrampft hielt er das Lenkrad fest.Elisabeth beugte sich nach vorne und legte sanft ihre Hand auf seine Schulter. "Ist alles in Ordnung, Gustav?" fragte sie besorgt. "Ja…. ja natürlich…. das ist nur alles gerade sehr viel" stotterte Gustav. "Soll ich fahren?" fragte Elisabeth. "Nein, geht schon" lächelte Gustav schwach und legte den ersten Gang wieder ein. Nach einer Viertelstunde kamen sie im Zentrum der Stadt an. Auch hier herrschte das reinste Chaos. Die einst prachtvolle Statue, die in der Mitte des Hauptplatzes gestanden hatte, war kaum noch wiederzuerkennen. Gustav parkte den Rolls Roys vor der Stadtbank. "Warte kurz hier, ja? Bin gleich wieder da" sagte Elisabeth und stieg aus. Gustav nickte, ohne ein Wort zu sagen. Ein paar Minuten lang saß er einfach nur da und starrte ins Nichts. Dann sah er sich weiter um. Überall auf dem Hauptplatz waren Soldaten dabei, Schutt wegzuschaufeln und auf Lkws zu verladen. Sein Blick fiel schließlich auf einen Mann. Einen großen Mann. Traurig, mit gesenktem Kopf, saß dieser auf einer Bank. In seinen riesigen Händen hielt er scheinbar ein Foto. Gustav konnte seinen Blick einfach nicht von ihm abwenden. "Ist…. ist das ein deutscher Soldat?" fragte er sich, als er die zerfetzte und schmutzige Kleidung des Mannes sah. Ein kleiner Trupp amerikanischer Soldaten kam auf den Mann zu. Gustav konnte kaum hören, was sie sagten, also rollte er sein Fenster hinunter. "Na, wollen wir nicht mal arbeiten, Großer?" fragte ein Soldat den Mann in einem unfreundlichen Ton. Dieser reagierte nicht. "Bist du taub? Are you deaf, Motherfucker?" rief der amerikanische Soldat. "Hey, guck mal, ein scheiß Kraut" sagte dann ein anderer. "Ach was, haben wir wohl nicht alle erwischt, was? Und was ist das hier?" fragte der Soldat und riss dem riesigen Mann das Foto aus der Hand. "Das ist wohl deine Alte und deine Göre, was?" Wütend stand der Mann auf. "Du hast jetzt genau zwei Sekunden, um mir dieses Foto wiederzugeben, oder ich breche dir jeden deiner Drecksgriffel einzeln" drohte er. "Hübsch die Alte. War sie gut im Bett?" spottete der Soldat. Mit einem wütenden Schrei packte der Mann den Soldaten am Hals und hob ihn mühelos hoch. Er schnaufte vor Wut und sein Gesicht wurde knallrot. "Hey, lass ihn los, sofort!" brüllte der andere Soldat und richtete seine Waffe auf den Mann. Der Mann lockerte den Griff und ließ den Soldaten auf den Boden fallen. Dann packte er mit einer Hand das Gewehr, das der andere Soldat auf ihn richtete. "Los, drück ab, Junge. Ich habe eh nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt" sagte der Mann in einem müden Ton und presste den Lauf des Gewehrs gegen seine Brust. In diesem Moment riss Gustav die Fahrertür auf. "Lasst den Mann in Ruhe!" rief er in einem etwas unsicheren Ton. "Mischen sie sich nicht ein, Zivilist!" befahl ihm ein Soldat. Schließlich kam ein Offizier anmarschiert. "Was ist hier los?" brüllte er wütend. "Was wollt ihr von diesem Zivilisten?" "Sir…. er ist ein deutscher Soldat" stotterte einer der Soldaten. "Na und? Der Krieg ist vorbei!" rief der Offizier. Der Offizier wandte sich dem Mann zu. "Hier, ihr Eigentum" sagte er und reichte ihm das Foto, das er vom Boden aufgehoben hatte. "Und jetzt Abmarsch! Dafür werde ich euch noch bestrafen, verlasst euch darauf!" befahl der Offizier seinem Trupp. Noch etwas durcheinander blickte Gustav dann zu dem Mann hinüber. Tief seufzend setzte dieser sich wieder auf die Bank. Einen Moment lang betrachtete er erneut das Foto in seinen riesigen Händen, dann brach er plötzlich in Tränen aus. Wie gebannt starrte Gustav ihn an, während er sich an die Tür des Rolls Roys lehnte. Er schreckte hoch, als Elisabeth zum Wagen zurückkam. In ihrer Hand hielt sie einen silbernen Aktenkoffer. „Können wir los, Gustav?“ fragte sie, öffnete die hintere Tür und setzte sich rasch in den Rolls Roys. „Fahren wir zum Rathaus. Ich habe etwas mit dem Bürgermeister zu besprechen.“ Erneut legte sie Gustav sanft eine Hand auf die Schulter, als dieser sich zitternd hinter das Lenkrad setzte. „Ich weiß, das ist nicht leicht für dich. Aber ich bin für dich da“ sagte sie tröstend. Gustav nickte nur, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr langsam aus der Parklücke. Das Rathaus befand sich nur ein paar Straßen vom Hauptplatz entfernt. Erstaunlicherweise schien es den Krieg beinahe unbeschadet überstanden zu haben. Gustav parkte den Wagen vor dem imposanten alten Gebäude. „Gut, gehen wir“ sagte Elisabeth entschlossen und stieg aus. In der Eingangshalle des Rathauses angekommen, ging sie ohne zu zögern direkt zum Schalter. Die junge Frau hinter dem Tresen war gerade dabei, einige Akten und Unterlagen zu ordnen. „Ich möchte mit dem Bürgermeister sprechen“ sagte Elisabeth knapp. „Das geht im Moment nicht. Bitte machen sie sich einen Termin aus“ erwiderte die Frau, ohne aufzusehen, während sie weiter durch ihr Papierchaos blätterte. Doch Elisabeth ließ nicht locker. „Sagen sie ihm, Frau Elisabeth Falkenberg will ihn sprechen“ sagte sie bestimmt. Die Frau blickte sofort auf. Verwundert sah sie Elisabeth an. „Frau Falkenberg? Etwa….die Frau Falkenberg?“ fragte sie leicht nervös. „In Fleisch und Blut. Und jetzt rufen sie ihn an“ erwiderte Elisabeth ungeduldig. Hastig griff die Frau schließlich zum Telefon, das auf dem Tresen stand. "Ja, sie ist es wirklich, Herr Bürgermeister. Soll ich sie zu ihnen hochkommen lassen?" Eine kurze Pause entstand. "Ist in Ordnung" sagte die Frau schließlich und legte auf. "Gut, die Treppe hoch, zweiter Stock…" "Ich weiß wo, danke" unterbrach Elisabeth sie knapp. "Was wollen wir denn hier?" fragte Gustav, während sie die breite Steintreppe hinaufgingen. "Ich werde nicht zulassen, dass unsere Stadt den Bach runtergeht. Ich werde einen Teil von Vaters Erbe für den Wiederaufbau spenden" sagte Elisabeth überzeugt. "Das ist…wirklich großzügig von dir" sagte Gustav bewundernd. Eine große Flügeltür aus massivem Holz führte in das Büro des Bürgermeisters. Ohne zu zögern drückte Elisabeth sie auf. Mit einem lauten Knarzen, das durch den ganzen Raum hallte, öffnete sich die Tür langsam. Ein kleiner, rundlicher Mann Anfang vierzig erhob sich hinter dem riesigen Schreibtisch, der mitten im Raum stand. "Frau Falkenberg, was verschafft mir die Ehre?" fragte er freundlich und kam auf sie zu. "Es geht um die Stadt, Herr Bürgermeister" sagte Elisabeth und reichte ihm die Hand. "Wollen sie vielleicht eine Tasse Tee?" fragte er höflich. "Ein anderes Mal, ich habe leider nur wenig Zeit" lehnte Elisabeth ab. Der Bürgermeister setzte sich wieder auf seinen Schreibtischstuhl. "Bitte, setzen sie sich" sagte er und deutete auf die beiden Holzstühle vor dem Schreibtisch. Die beiden nahmen Platz. "Ich will nicht lange um den heißen Brei reden" begann Elisabeth. "Was wird getan, um die Stadt wieder aufzubauen?" "Nun, wir haben bereits einige Anträge gestellt, allerdings wird das noch dauern" antwortete der Bürgermeister. Elisabeth holte ihr Scheckheft aus der Manteltasche. "Also, wie viel?" fragte sie. Der Bürgermeister lachte etwas unsicher. "Bei allem Respekt, Frau Falkenberg, ich weiß, dass sie wohlhabend sind. Aber wir reden hier von einer gewaltigen Summe." "Sie haben gesehen, wie viele Menschen dort draußen obdachlos sind. Wie viel also, um ihre Häuser wieder aufzubauen?" fragte Elisabeth nun deutlich ungeduldiger. "Von mindestens 100 Millionen…" begann der Bürgermeister. Doch mitten im Satz verstummte er. Elisabeth hatte den Scheck bereits wortlos ausgefüllt. "Gut, das sollte reichen, um zumindest das Nötigste wieder aufzubauen" sagte sie ruhig und riss den Scheck ab. Sie reichte ihn dem Bürgermeister. "Aber…das sind 150 Millionen" sagte er geschockt, nachdem er den Betrag gelesen hatte. "Ganz genau. Und damit geben wir den Leuten ihr Leben zurück" sagte Elisabeth überzeugt. "Das ist viel zu viel, das kann ich nicht annehmen" stotterte der Bürgermeister. "Mein Vater war einer der reichsten Männer der Welt, Herr Bürgermeister. Genau das hätte er gewollt" erwiderte Elisabeth ruhig. Ich….ich…mir fehlen die Worte" sagte der Bürgermeister gerührt. "Vielen, vielen Dank" sagte er dann und schüttelte Elisabeth die Hand. "Sorgen sie nur dafür, dass unsere Stadt wieder aufblüht ja?" sagte Elisabeth. "Aber selbstverständlich" sagte der Bürgermeister und legte ehrfürchtig die Hand auf seine Brust. Elisabeth und Gustav verließen das Rathaus wieder. "Fahren wir jetzt zum Haus?" fragte Gustav, als sie in den Rolls Roys stiegen. Elisabeth nickte. "Ja" sagte sie nur knapp, seufzte und ließ sich in den Sitz fallen. Auf der Fahrt zum Haus sagte sie kein Wort. Betroffen sah sie nur aus dem Fenster. Hinaus in das Chaos. Als der Wagen dann die Küstenstraße hinauffuhr, glitzerte die Sonne über dem Meer. Draußen hatten immer noch zahlreiche Schlachtschiffe der Amerikaner geankert, darunter auch ein riesiger Flugzeugträger. Vor dem Tor zum Anwesen stand ein Trupp Soldaten. Das schwere Eisentor war demoliert, verbogen und hing nur noch spärlich in den Angeln. Ein Soldat hob die Hand und deutete Gustav anzuhalten. "Wir haben sie bereits erwartet" sagte er und winkte den Wagen durch. Als der Wagen dann die Auffahrt hochfuhr, wurde Elisabeth ein wenig nervös. "Damals hätte ich nicht gedacht, jemals wieder zurückkehren zu können" sagte sie bedrückt. Das Anwesen war immer noch von Soldaten eingekesselt. Ein großer Kampf hatte scheinbar stattgefunden. Fenster waren zertrümmert, die Eingangstür eingetreten. Eine düstere Atmosphäre lag über dem ganzen Haus. Kaum war der Rolls Roys auf dem Schotter im Hof stehen geblieben, kam auch schon ein Soldat angelaufen. Er trug eine Offiziersuniform. "Frau Falkenberg, nehme ich an?" fragte er in gebrochenem Deutsch. Elisabeth stieg langsam aus und sah sich um. "Ja, die bin ich" sagte sie etwas nervös. "Wir sind hier so gut wie fertig, wir ziehen bald ab" lächelte der Offizier. "Was…was ist mit der Person geschehen…" Elisabeth schluckte. "Die…die hier gelebt hat… ist sie tot?" Einen Moment lang sagte der Offizier nichts. "Ich….ich fürchte, er konnte fliehen, Ma’am" "Wir haben jemand anderen gefunden" sagte der Offizier. "Was? Wen denn?" fragte Elisabeth verwundert. "Er sagt, sein Name sei Johannes. Wir haben ihm etwas zu trinken und zu essen gegeben. Sein Zustand ist…" Der Offizier suchte kurz nach den richtigen Worten. "Schwierig. Er scheint einiges durchgemacht zu haben" "Wo ist er jetzt?" fragte Elisabeth in einem besorgten Ton. "Im Speisezimmer, Ma'am" erwiderte der Offizier. Elisabeth und Gustav folgten dem Offizier die Steintreppe hinauf zur zertrümmerten Eingangstür. Elisabeth blieb beinahe die Luft weg, als sie das Chaos in der Eingangshalle sah. Überall auf dem Boden lagen Glassplitter und Patronenhülsen verstreut. Ein kühler Luftzug drang durch die zerbrochenen Fenster herein. Trotzdem war die Luft stickig und roch verbrannt. Dann fiel Elisabeths Blick ins Esszimmer. Am Tisch saß ein Mann in gekrümmter Haltung, der einen schwarz-weiß gestreiften Sträflingsanzug trug. Völlig verängstigt umklammerte er einen Becher Wasser. "Um Gottes Willen, sieh nur Elisabeth" sagte Gustav leise und deutete auf den Judenstern, der auf das Oberteil des Mannes genäht war. Langsam und vorsichtig näherte sich Elisabeth. Der Mann schreckte sofort auf. "Nein! Nein! Bitte, es tut mir leid. Ich hatte Durst…" sagte der Mann, während seine Atmung immer schneller wurde. Hastig warf er den Becher zu Boden, sprang auf und kniete sich hin. Er beugte den Kopf nach unten, scheinbar eine Strafe erwartend. "Es ist alles in Ordnung. Du bist jetzt in Sicherheit. Du heißt Johannes, richtig?" sagte Elisabeth mit ganz sanfter Stimme. Sie beugte sich langsam zu ihm hinunter. Zitternd blickte Johannes auf. "Ja… ja… so heiße ich" stotterte er panisch. "Hier, trink etwas" sagte Elisabeth und reichte ihm den Becher, den sie aufgehoben hatte. Ängstlich nahm Johannes ihn entgegen und trank mit zittrigen Händen den letzten Rest Wasser daraus. "Und? Geht es etwas besser?" fragte Elisabeth sanft. Mit einem freundlichen Lächeln sah sie ihn an. "Es ist alles gut. Was auch immer dir angetan wurde… das hat jetzt ein Ende." "Woher kommst du? Hast du ein Zuhause?" Johannes schluckte schwer. "Sie… sie haben mir alles genommen… haben mein Haus niedergebrannt…" erzählte er mit brüchiger Stimme. "Ich… ich komme aus einem Dorf nicht weit von hier…" Er schluckte erneut. "Sie haben mich entführt… in dieses Lager… ich musste arbeiten oder… oder ich würde sterben. Jeden Tag haben sie uns in einer Reihe aufgestellt…" Er verstummte kurz. "Schon gut, beruhige dich. Den Rest kann ich mir denken" sagte Elisabeth leise. "Sie… haben mich hierher verschleppt. Ich musste jeden Tag schuften…" erzählte Johannes weiter, während seine Hände immer noch zitterten. Behutsam halfen Elisabeth und Gustav ihm wieder auf die Beine. "Komm, setz dich wieder hin" sagte Gustav beruhigend. "Wir holen dir etwas zu essen aus der Küche" sagte Elisabeth und deutete Gustav mitzukommen. Als sie die Küche betraten, senkte Gustav die Stimme. "Was machen wir mit ihm?" flüsterte er. "Ich weiß es nicht… aber wir können ihn unmöglich einfach wieder wegschicken" antwortete Elisabeth leise. "Wir nehmen ihn erstmal auf. Zumindest für ein paar Tage." Gustav nickte zustimmend. "Ich werde mal sehen, was noch zu essen da ist" sagte er dann. Wenig später saßen die drei gemeinsam am Esstisch. Elisabeth hatte Johannes ein paar alte Kleidungsstücke ihres Vaters gegeben. Nach einem ausgiebigen Bad hatte Johannes sich etwas beruhigt. Langsam hatte er verstanden, dass er nun in Sicherheit war. Einige Tage vergingen, dann Wochen und schließlich ein halbes Jahr. Falkenberg befand sich noch immer im Wiederaufbau, allerdings nur sehr schleppend. Straßen wurden freigeräumt, Schutt abtransportiert. Einige Häuser konnten repariert oder neu aufgebaut werden, doch der Großteil der Stadt lag weiterhin in Trümmern. Manche Läden konnten ihren Betrieb wieder aufnehmen und die Menschen zumindest mit dem Nötigsten versorgen. Doch Elisabeth wurde das Gefühl einfach nicht los, dass etwas nicht stimmte. Sie hatte ein Vermögen in die Stadt investiert. Eigentlich hätte Falkenberg längst wieder aufblühen müssen. Doch keine Schiffe liefen im Hafen ein. Keine Truppen kamen. Keine Helikopter brachten Waren oder Material. Nur einmal pro Woche hielt ein einzelner Güterzug am Bahnhof. Johannes hatte sich inzwischen gut in Haus Falkenberg eingelebt. Er hatte sich entschieden zu bleiben, und Elisabeth hatte nichts dagegen. Johannes erwies sich als talentierter Handwerker. Gemeinsam mit Gustav reparierte er kaputte Fenster und andere Schäden im und am Haus. Er schaffte es sogar, die schwere Eingangstür vollständig herzurichten. Eines Tages, als er gerade im Hof arbeitete, kamen Gustav und Elisabeth vom Einkaufen zurück. "Was für ein toller Wagen" staunte Johannes, als er den Rolls Roys sah. "Gefällt er dir?" lächelte Elisabeth. "Er hat meinem Vater gehört." Johannes kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. "Mein Onkel hatte eine Werkstatt. Dort habe ich oft aushelfen dürfen" sagte er, während er jedes Detail des Wagens betrachtete. Elisabeth lächelte erneut. "Hier, willst du mal eine Runde fahren?" fragte sie und reichte Johannes den Autoschlüssel. "Aber absolut, vielen Dank" sagte Johannes begeistert und nahm den Schlüssel entgegen. Wie ein Kind an Weihnachten strahlte er vor Freude, als er sich hinter das Steuer setzte und den Motor startete. Elisabeth nahm auf dem Beifahrersitz Platz. "Komm Gustav" sagte sie. "Aber die Sachen sind doch noch im Kofferraum" antwortete dieser. "Ach komm, das hat später noch Zeit" winkte Elisabeth lachend ab. Die drei fuhren hinaus aus Falkenberg. Ein bilderbuchhafter Sonnenuntergang ließ den bewölkten Himmel in einem strahlenden Orange leuchten. Johannes schien die Zeit seines Lebens zu haben, als er den Rolls Roys über die Landstraße gleiten ließ. Für einen kurzen Moment hatte er scheinbar all die Qualen und Schrecken vergessen, die er hatte durchmachen müssen. Seine Freude wirkte ansteckend, denn auch Gustav und Elisabeth hatten sichtlich Spaß. "Du liebst diesen Wagen echt, was?" fragte Elisabeth lächelnd. "Aber absolut" erwiderte Johannes sofort. "Was würdest du davon halten, mein Fahrer zu werden?" fragte Elisabeth dann. "Im Ernst jetzt?" fragte Johannes ungläubig. "Aber natürlich. Gustav fährt nämlich gar nicht so gern, und ich habe keinen Führerschein" erklärte Elisabeth. Ohne zu zögern willigte Johannes ein. Ein weiteres Jahr verging. Falkenberg lag weiterhin in Trümmern. Die Stadt schien nach und nach zugrunde zu gehen. Häuser standen verlassen da, und die Straßen waren beinahe ausgestorben. Zahlreiche Briefe hatten Elisabeth erreicht. Bewohner der Stadt baten sie verzweifelt um Hilfe. An einem grauen, verregneten Montagnachmittag reichte es Elisabeth schließlich. Sie beschloss, den Bürgermeister zur Rede zu stellen. Gemeinsam mit Johannes und Gustav fuhr sie zum Rathaus. Als sie das Büro des Bürgermeisters betraten, stand bereits jemand vor dessen Schreibtisch. Ein aufgebrachter Mann, scheinbar ein Landwirt. "Was soll das heißen, sie können mir nicht helfen?" fragte er wütend. Er knallte einen Stapel Papiere auf den Tisch. "Ich habe dutzende Anträge gestellt, und trotzdem liegt seit Kriegsende dieses Wrack auf meinem Acker!" "Ich verstehe sie ja" versuchte der Bürgermeister zu beschwichtigen. "Einen Dreck verstehen sie!" brüllte der Mann. "Ich kann nichts anbauen, verdammt! Ich bin pleite!" "Mir reicht's" knurrte er schließlich. "Ich verlasse diesen Ort. Für mich gibt es hier nichts mehr." Wütend stürmte er davon und knallte die Bürotür hinter sich zu. "Frau Falkenberg, ich begrüße sie" sagte der Bürgermeister schließlich mit einem nervösen, sichtlich erzwungenen Lächeln. Doch Elisabeth war alles andere als freundlich. "Warum ist meine Stadt immer noch ein Trümmerhaufen?" fragte sie in einem ernsten Ton. "Nun ja, wissen sie, das ist alles nicht so einfach" versuchte der Bürgermeister zu erklären. "Was genau ist nicht einfach?" fragte Johannes streng. "Baumaterial und Arbeiter zu bekommen" antwortete der Bürgermeister nervös. "Es sind über eineinhalb Jahre vergangen. Veruntreuen sie etwa mein Geld?" fragte Elisabeth scharf. "Was erlauben sie sich, mir so etwas vorzuwerfen?" erwiderte der Bürgermeister empört. "Beantworten sie die Frage!" rief Johannes laut. "Ich muss mich hier nicht vor ihnen rechtfertigen" sagte der Bürgermeister wütend. "Raus mit ihnen. Allesamt." "Das wird ein Nachspiel für sie haben" drohte Elisabeth. Gemeinsam mit Gustav und Johannes verließ sie das Büro, wenn auch widerwillig. Jänner 1947.   Ein eiskalter Schneesturm tobte seit Tagen über Falkenberg. Die Stadt war zu einem trostlosen, verlassenen Ort geworden. Nur noch in vereinzelten Häusern brannte Licht oder stieg Rauch aus den Schornsteinen. Falkenberg war verloren. Johannes hatte große Mühe, den Rolls Roys auf den verschneiten Straßen unter Kontrolle zu halten. "Verdammt nochmal" fluchte er, als der Wagen erneut drohte, ins Schlittern zu geraten. "So ein Wetter habe ich echt schon lange nicht mehr erlebt" sagte Elisabeth, die auf der Rückbank saß und sich festhielt. Nach ein paar Minuten erreichten sie den Parkplatz des Einkaufsladens. Der starke Wind ließ die Schneeflocken wild durch die Luft tanzen. Auf dem Parkplatz standen nur wenige Fahrzeuge. Elisabeth zog ihren Mantel so fest zu, wie sie nur konnte, und verbarg ihr Gesicht unter einem Wollschal. Rasch gingen sie zu dem kleinen Vordach, das sich vor dem Laden befand. Schon von Weitem sahen sie eine Person, die sich in eine kleine Ecke vor dem Laden gekauert hatte. Elisabeth kniff die Augen zusammen. Sie hätte schwören können, diese Person schon einmal gesehen zu haben. Als eine ältere Frau an der Gestalt vorbeiging, spuckte sie verächtlich auf den Boden. "Das du dich nicht schämst, elendes Nazi-Gesindel" sagte sie. "Ich bin kein Nazi, du alte Schachtel!" rief die Person wütend zurück. Die alte Frau ging kopfschüttelnd weiter. Als Johannes genauer hinsah, erkannte er etwas. Unter einigen zusammengenähten Fetzen blitzte noch immer eine Militäruniform hervor. Schließlich entdeckte er einen Aufnäher mit einem Namen. "Gruber." "Unfassbar" hauchte Johannes. "Was ist denn?" fragte Elisabeth. "Guck mal, ein deutscher Soldat. Was macht der hier? Es wurden doch alle Truppen abgezogen" sagte Johannes und deutete auf die Person. Dann wurde Elisabeth klar, woher sie das Gesicht kannte. Es war derselbe Soldat, den sie damals vor dem Bankgebäude gesehen hatte. Vorsichtig näherte sie sich ihm. "Dich kenne ich doch" sagte sie. "Nein, tun sie nicht. Hauen sie ab" knurrte die Person. "Doch, ich habe dich damals vor der Bank…" begann Elisabeth. Wütend stand die Person auf. Johannes zuckte zusammen, als er sah, wie groß der Mann war. "Ich sagte, sie sollen ab…hauen" sagte er bedrohlich. Dann hielt er plötzlich inne. "Sie meinen Gustav?" fragte Elisabeth. "Ja, so ein…Pinguin mit einem Frack" antwortete der Mann. "Was tun sie noch hier?" fragte Johannes schließlich. "Wurden sie zurückgelassen?" Der Mann griff sich nachdenklich an den Kopf. "Nein, ich…ich bin geflohen…ich konnte sie nicht retten" sagte er leise. "Welches Jahr haben wir?" rief er plötzlich. "1948" antwortete Johannes verwundert. "Willst du etwa sagen, dass du seit über zwei Jahren auf der Straße lebst? Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?" fragte Elisabeth besorgt. Als sie ihn genauer betrachtete, sah sie, wie schwach er wirkte. Er taumelte und konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Sein Gesicht war blass, sein Blick kraftlos. "Johannes, hol aus dem Markt etwas zu essen, ja? Irgendwas Warmes" sagte Elisabeth. Johannes nickte und lief sofort los. "Wie heißt du?" fragte Elisabeth den Mann. "Franz Gruber" antwortete er. "Hör zu, Franz" begann Elisabeth. "Wir müssen dich zu einem Arzt bringen. Du scheinst mehrere Erfrierungen zu haben." Wenig später kam Johannes aus dem Markt. Er reichte Franz ein paar aufgewärmte Stücke Brot. Dieser aß sie so schnell, dass er sich beinahe verschluckte. Als er fertig war, war ihm die Erleichterung deutlich im Gesicht anzusehen. "Vielen…vielen Dank" nuschelte er mit vollem Mund. "Keine Ursache" sagte Elisabeth sanft. "Und jetzt komm. Wir bringen dich zu einem Arzt." Gemeinsam halfen sie Franz auf die Rückbank des Rolls Roys. Elisabeth nahm vorne neben Johannes Platz. Nach etwa zehn Minuten Fahrt erreichten sie eine kleine Arztpraxis. Johannes und Elisabeth hatten große Mühe, Franz zu stützen und auf den Beinen zu halten. Die Praxis schien leer zu sein, niemand saß im Warteraum. Vorsichtig halfen sie Franz, sich auf einen Stuhl zu setzen. Er atmete schwer und begann zu schwitzen. Elisabeth ging sofort zur Anmeldung. "Ich habe hier einen Notfall" sagte sie. "Dieser Mann braucht Hilfe." "Das sehe ich" erwiderte die Sekretärin ernst. Sie läutete die kleine Glocke, die auf ihrem Schreibtisch stand. Es dauerte nicht lange, bis der Arzt aus dem Behandlungszimmer kam. Sofort wandte er sich Franz zu. Gemeinsam mit Johannes half er ihm, sich auf ein Krankenbett in einem kleinen Nebenraum zu setzen. Behutsam half der Arzt Franz dabei, seine Kleidung auszuziehen. Konzentriert untersuchte er jede Wunde, jeden Kratzer und mögliche weitere Verletzungen. Nach etwa einer halben Stunde kam der Arzt wieder ins Wartezimmer zu Elisabeth und Johannes. "Wie geht es ihm?" fragte Elisabeth sofort. "Nun, er ist ein großer, starker Mann" begann der Arzt. "Körperlich wird er sich vermutlich erholen. Sein Geisteszustand macht mir allerdings mehr Sorgen." "Was meinen sie, Herr Doktor?" fragte Johannes. "Momentan ruft er immer wieder zwei Namen. Helga und Maria" berichtete der Arzt. "Außerdem habe ich an seinem Hals die deutlichen Abdrücke eines Seils gefunden. Das deutet auf einen Selbstmordversuch vor wenigen Tagen hin." Einen Moment lang herrschte Stille im Raum. "Ich habe seine Uniform gesehen. Ich habe mit vielen Soldaten gesprochen, die wie er traumatisiert waren. Ich fürchte, alleine wird er nicht mehr lange überleben" sagte der Arzt in einem ernsten Ton. "Dann nehme ich ihn bei mir auf" sagte Elisabeth entschlossen. Johannes nickte sofort zustimmend. "Ich denke, das ist eine gute Idee" sagte der Arzt. "Lassen wir ihn sich erst einmal ein paar Tage hier erholen. Ich werde dafür sorgen, dass es ihm gut geht." Dankbar schüttelte Elisabeth dem Arzt die Hand. Gemeinsam mit Johannes verließ sie die Praxis und sie fuhren zurück zu Haus Falkenberg. Dort berichteten sie Gustav, was passiert war. Nach einigen Tagen meldete sich schließlich der Doktor bei Elisabeth. Er berichtete, dass sich Franz’ Zustand deutlich gebessert hatte. Als Elisabeth, Gustav und Johannes wenige Stunden später das Krankenzimmer betraten, sah Franz sie mit einem erschöpften, aber freundlichen Lächeln an. "Ich weiß, wer du bist" sagte Franz zu Elisabeth. "Elisabeth Falkenberg. Ich habe die Geschichten über deine Familie schon als Kind von meinem Vater gehört." Er lächelte schwach. "Ich weiß auch, was damals in Haus Falkenberg passiert ist. Die ganze Stadt wusste davon." Sanft nahm Elisabeth seine Hand. "Erzähl mir, was dir passiert ist" sagte sie und sah ihm tief in die Augen. Es dauerte eine Weile, doch schließlich begann Franz zu erzählen. Er berichtete von seiner Zwangsrekrutierung, seiner Zeit im Lager der deutschen Armee, von Krüger und seiner Flucht. Als er schließlich erzählte, was mit seiner Familie geschehen war, hatte Elisabeth große Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. Als sie ihm schließlich vorschlug, ihn bei sich aufzunehmen, zögerte Franz keine Sekunde. Unendlich dankbar nickte er. Wenige Stunden später fuhren sie gemeinsam zurück zu Haus Falkenberg. "Willkommen in deinem neuen Zuhause" sagte Elisabeth zu Franz und führte ihn hinauf in sein Zimmer. Über die Jahre begann Franz, sich immer mehr in Haus Falkenberg einzuleben. Er erledigte jede Arbeit, die anfiel, und mit der Zeit entstand zwischen Gustav, Johannes und ihm eine Verbindung, die der von Blutsbrüdern ähnelte. Während in Haus Falkenberg also langsam eine neue Familie entstand, blieb die Stadt weiterhin ein Trümmerfeld. Und die Hoffnung, dass Falkenberg jemals wieder aufblühen würde, wurde mit jedem Tag kleiner.     -------------------- 7. Kapitel: Kapitel 7 Massengrab in 30 Metern Tiefe. -------------------- „Was ist los, verdammt?“ fluchte Franz und ging nervös auf und ab. Inzwischen waren zwanzig Minuten vergangen, seit Gustav, James, Derreck Johnson und seine Männer in den Aufzug gestiegen waren. Franz wurde immer nervöser. Vor Kurzem hatten er und Johannes draußen bereits eine Reihe seltsamer Ereignisse mitbekommen. Wie aufgescheucht liefen Johnsons Männer vor dem Anwesen hin und her und riefen panisch in ihre Funkgeräte. Einer von ihnen gestikulierte wild herum. Franz marschierte schnurstracks zur Haustür und riss sie auf. Doch sofort blieb er stehen. Ihm stockte der Atem, als er die Fliegerstaffel am Himmel sah. Hubschrauber. Kleine und große. Alle schwer bewaffnet. „Nein… das kann nicht sein“ hauchte er. „Gehen sie zurück ins Haus!“ brüllte einer von Johnsons Männern. Franz sah zu ihm. Er zuckte zusammen, als in der Ferne ein dumpfer Knall ertönte. Wenige Sekunden später schlug ein Mörsergeschoss im Hof ein. Die Druckwelle erfasste Franz und schleuderte ihn zurück. Mit voller Wucht prallte er gegen die offenstehende Haustür. „Franz! Fraaaanz!“ brüllte Johannes und eilte zu ihm. Franz stöhnte vor Schmerzen und wand sich am Boden. Johannes half ihm, so gut er konnte, auf die Beine. Doch Franz konnte sich nicht halten und fiel sofort wieder zu Boden. Nach Luft ringend hielt er sich den Rücken. „Ich… ich spüre meine Beine nicht… ich… ich kann mich nicht bewegen“ sagte Franz panisch. „Franz! Bitte steh auf, wir müssen…“ Doch weiter kam Johannes nicht. Schon erschütterte der nächste Einschlag das Anwesen. Die Schreie, die von draußen kamen, hallten durch die ganze Eingangshalle. Johnsons Männer, die eben noch den Hof gesichert hatten, lagen nun in einem Trümmerfeld aus zerborstenem Metall, Schotter und verbrannter Erde. Die Fahrzeuge brannten, und Funken flogen durch die Luft. Aus dem dichten Rauch hörte man, wie ein Mann nach dem anderen starb. Dann Stille. Nur das Knistern der brennenden Fahrzeuge war noch zu hören. „Du musst... gehen... Johannes... bring dich... in Sicherheit“ stöhnte Franz. „Nein, ich lasse dich nicht zurück“ weigerte sich Johannes. Mit Tränen in den Augen beugte er sich zu Franz hinunter und nahm seine Hand. Dann setzte er sich neben ihn. „Ich habe keine Angst mehr, Franz. Egal, was kommt, ich bleibe an deiner Seite“ sagte er entschlossen. „Bald... bald sehe ich sie wieder...“ lächelte Franz. „Ja, das tust du“ nickte Johannes. Die beiden warteten. Einige Minuten lang geschah nichts. Doch dann hörte man in der Ferne, wie das Eingangstor des Anwesens niedergerissen wurde. Ein lautes metallisches Krachen hallte über das Gelände. „Sie kommen, Franz“ sagte Johannes. Nicht panisch. Sondern feststellend. Sie hörten, wie mehrere Fahrzeuge die Auffahrt hinauffuhren. Kurz darauf hielt ein Panzer vor der Eingangstür. Mit einem Ruck kam der Koloss zum Stehen. Autotüren wurden aufgerissen, Stimmen waren zu hören. „Zwei Überlebende!“ brüllte der erste Soldat, der durch die Tür kam. Sofort richtete er sein Gewehr auf Franz und Johannes. Johannes blickte ihn an. Der Soldat trug grüne Tarnkleidung und schwere Ausrüstung. An seinem Arm trug er eine Binde mit einem Hakenkreuzsymbol. „Lassen Sie mich sehen“, sagte dann eine Stimme, die Johannes durch Mark und Bein ging. Rau und krächzend. Als die Gestalt im nächsten Moment im Türrahmen erschien, stieg die Angst in Johannes hoch. Sie stützte sich auf einen Gehstock. Das Gesicht war vernarbt und verbrannt. Der lange schwarze Mantel, den sie trug, hing in Fetzen herab. Mit schweren, langsamen Schritten betrat die Gestalt die Eingangshalle. Sie kam direkt auf die beiden zu. Schützend legte Johannes sich sofort auf Franz. Langsam trat der Mann näher. „Wer sind Sie?“ fragte er mit schwerem Atem. Doch Johannes drehte sich nicht um. Er verbarg sein Gesicht an Franz' Rücken. Mit einer raschen Handbewegung gab der Mann einen Befehl. Ohne zu zögern zerrte der Soldat neben ihm Johannes von Franz weg. „Nein! Nein!“ schrie Johannes und wehrte sich. „Lassen Sie ihn!“ Der Mann musterte Franz eingehend. Als Franz zu ihm hochblickte, wurde er kreidebleich im Gesicht. „Krüger...“ sagte er leise. „Sind... sind Sie das?“ „Franz Gruber?“, sagte Krüger verwundert. Für einen Moment starrte er ihn einfach nur an. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie dreckiger Bastard noch leben“, fügte Krüger schließlich hinzu. Franz lachte schmerzerfüllt. „Das kann ich nur zurückgeben“, sagte er und hustete. „Ich hatte gehofft, Sie schmoren bereits in der Hölle.“ Ohne ein weiteres Wort zog Krüger eine Pistole aus seinem Mantel. Er richtete sie direkt auf Franz. „Nein! Nein! Tun Sie das nicht!“ brüllte Johannes verzweifelt. Er wehrte sich und trat nach dem Soldaten, der ihn festhielt. Für einen Moment konnte er sich befreien, doch sofort wurde er wieder zu Boden gerissen. Die Soldaten pressten ihn auf den Boden, sodass er sich nicht mehr rühren konnte. Krüger ignorierte das Flehen und die Schreie von Johannes. „Auf diesen Moment habe ich lange gewartet“, sagte er mit kalter Stimme und drückte den Abzug. Der Schuss hallte durch das ganze Haus. Eine bedrückende Stille folgte. „Nein! Nein! Sie kranker Mistkerl!“ brüllte Johannes mit aller Kraft. Regungslos blieb Franz in einer Blutlache liegen. Kaum hatte Krüger seine Waffe weggesteckt, kam ein anderer Mann in die Eingangshalle gestürmt. „Krüger! Was ist hier los?“ brüllte er. „Ich... ich... ich...“ stotterte Krüger nur, ohne die richtigen Worte zu finden. Der Mann blickte sich um und entdeckte die Leiche von Franz. Mit zornigem Blick ging er auf Krüger zu. Er trat ganz nah an ihn heran. „Was fällt Ihnen ein, meine Autorität zu untergraben?“ knurrte er. „Sie hatten Befehl zu warten, und jetzt richten Sie dieses Chaos an?“ Krüger drehte den Kopf weg. Der Mann musterte die Leiche von Franz noch einmal genauer. „Wer ist das?“ fragte er scharf. Doch bevor Krüger eine Antwort geben konnte, fiel der Blick des Mannes auf Johannes. „Einen Moment mal“, sagte er und musterte ihn. „Hochheben!“ befahl er. Die beiden Soldaten richteten Johannes auf. „Ich kenne dich“, sagte der Mann zu ihm. „Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!“ Einer der Soldaten packte Johannes am Kinn und hob seinen Kopf an. Seine Augen waren tiefrot verweint, doch seine Lippen bebten vor Wut. „Du hast hier gearbeitet, richtig? Du bist ein Jude“, sagte der Mann mit einem bösartigen, zugleich erfreuten Ton. Johannes spuckte ihm voller Verachtung ins Gesicht. „Wie kannst du es wagen?“ knurrte der Mann und verpasste Johannes eine Ohrfeige. „Na los! Töte mich! Töte mich auf der Stelle!“ brüllte Johannes. „Mit dem größten Vergnügen“, sagte Krüger und zog erneut seine Waffe. „Nein, wir brauchen ihn noch“, sagte der Mann und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht. „Was soll das, Steinberger?“ fragte Krüger verwundert. „Er ist unser Druckmittel“, antwortete dieser. Mit einer raschen Handbewegung gab Steinberger seinen Soldaten einen Befehl. Zielstrebig ging er auf die Statue zu, während Johannes festgehalten wurde. Ungläubig sah Johannes, wie Steinberger den Hebel für den Aufzug zog. „Meine Herren, es wird Zeit, unser Schicksal zu erfüllen“, sagte er triumphierend, während sich hinter ihm die Statue langsam anhob. Inzwischen, dreißig Meter tiefer. Gustav schreckte hoch. „Habt ihr das gehört? Der Aufzug kommt“, sagte er. „Bereitmachen“, befahl Johnson. Kelly und Ross standen ebenfalls auf. Fast eine halbe Stunde lang hatten sie in der Dunkelheit gesessen, angelehnt an die kalte Betonwand. „Schnell, hoch mit Ihnen, Mr Carter“, sagte Kelly zu James. „Alle Mann zurück“, befahl Johnson. Sie versteckten sich in dem Gang, der zur Bunkertür führte. Angespannt pressten sie sich gegen die Wand. Johnson, der vorne stand, blickte vorsichtig um die Ecke zum Aufzug. Mit einem lauten Rattern öffnete sich die Gittertür. „Verdammt noch mal“, flüsterte Johnson, als er sah, wie fünf Männer aus dem Aufzug stiegen. „Wir wissen, dass ihr hier unten seid!“ rief einer von ihnen. „Kommt raus, oder euer Freund hier ist tot!“ „Was machen wir jetzt?“ sagte Gustav leise. „Was ist jetzt?“ rief die Stimme ungeduldig. „Sie haben Franz getötet!“ schrie plötzlich Johannes. „Das ist Johannes“, sagte Gustav ungläubig. „Schnauze, verdammt!“ rief eine andere Person. „Folgen Sie mir, meine Herren“, sagte Johnson dann. Mit erhobenen Händen trat er hervor. Direkt in das Licht einer Taschenlampe. Gustav, James, Kelly und Ross folgten ihm langsam. „Ganz ruhig“, sagte Johnson zu den Männern. „Sparen wir uns unnötiges Blutvergießen, ja?“ „Die Waffen auf den Boden! Sofort!“ rief einer der Männer. Johnson machte eine kurze Handbewegung. Ross und Kelly legten ihre Waffen langsam auf den Boden. Einer der Männer trat aus dem Licht heraus. „Agent Johnson, nehme ich an?“ fragte er mit einem bösartigen Grinsen. „Erich Steinberger mein Name, aber ich denke, das wussten Sie bereits.“ Ein angewiderter Blick fuhr über Johnsons Gesicht. „Die ganze Welt sucht Sie schließlich. Ein Monster, wie es im Buche steht. Kalt und herzlos“, zischte er. Steinberger grinste nur. „Und das da hinten ist wohl Ihr Lakei, was?“ sagte Johnson und deutete auf Krüger. „Ein Gesicht, das Kindern Albträume bringt.“ Empört trat Krüger hervor. „Ich gebe Ihnen gleich...“ knurrte Krüger. „Sie haben schon genug getan, Krüger“, sagte Steinberger streng und hielt ihn zurück. „Ich übernehme jetzt.“ „Das können Sie nicht machen“, protestierte Krüger. „Kann ich sehr wohl“, erwiderte Steinberger nur knapp. „Und jetzt vorwärts. Wir haben schon genug Zeit verschwendet!“ befahl er seinen Soldaten. Johnson, James und Ross wurden von einem Soldaten angewiesen, loszugehen. Johannes wurde immer noch festgehalten. Kelly ging allerdings nicht sofort los. „Warten Sie, wir können da nicht...“ wollte er sagen, doch schon bekam er einen Stoß. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Ein Teil seiner Ausrüstung fiel auf den Boden und lag überall verstreut. „Verdammt“, sagte er, als er den kaputten Geigerzähler vor sich liegen sah. „Na los, aufstehen!“ rief der Soldat hinter ihm und verpasste ihm einen Tritt. „Sie... Sie verstehen nicht! Wir können da nicht rein!“ rief Kelly. Der Soldat packte Kelly unter dem Arm und schleifte ihn zur Bunkertür, wo die anderen bereits warteten. Steinberger drückte Ross gegen die Tür. „Sprengen Sie die Tür auf! Na los!“ befahl er. „Tun Sie es nicht, Ross!“ rief Kelly. „Schnauze, verdammt!“ sagte der Soldat und schlug Kelly mit seinem Gewehr in den Rücken. Dieser fiel erneut zu Boden. Steinberger packte Ross am Kragen. „Sie holen jetzt Ihren Sprengstoff und öffnen die Tür, verstanden?“ „Das geht nicht“, weigerte sich Ross. Steinberger verlor sichtlich die Geduld. Mit zornigem Blick stürmte er auf Johannes zu, packte ihn und hob ihn hoch. Er zog seine Pistole und hielt sie ihm an die Schläfe. „Sie haben jetzt genau zwei Sekunden, um zu beginnen, oder er ist tot.“ Doch Ross weigerte sich weiterhin. „Gut. Ihre Entscheidung“, sagte Steinberger kalt. Er stieß Johannes zu Boden, zielte und drückte ab. Der Schuss hallte durch die Tunnel. Dann Stille. Einige Sekunden später schrie Johannes panisch vor Angst. Er rollte sich auf dem Boden zusammen. Johnson, James und Gustav standen wie erstarrt da. Steinberger hatte absichtlich daneben geschossen. „Ich hoffe mal, das war verständlich“, sagte Steinberger und steckte seine Waffe wieder weg. Wortlos machte Ross sich an die Arbeit. Kelly sah ihm ängstlich dabei zu. „Wir werden alle sterben“, sagte er leise zu sich selbst. Nach etwa fünf Minuten war Ross fertig. Er hatte mehrere Sprengsätze in die Löcher gelegt, die er zuvor gebohrt hatte, und diese mit einer Zündschnur verbunden. Mit zittrigen Händen hielt er den Zünder in der Hand. Ross schluckte. „Zurücktreten bitte“, sagte er. Alle Mann gingen zurück in den vorherigen Gang. Kelly sah Ross flehend an, als wolle er sagen: Tu es nicht. Ross blickte sich um. Er sah die ängstlichen Gesichter von Johannes, Gustav und James. „Na los, drücken Sie den Knopf!“ befahl Steinberger. Ross schloss die Augen. „Tut mir leid“, sagte er leise und drückte den Knopf. Eine Reihe kleiner Explosionen ließ den Tunnel erzittern. Schutt wurde durch die Luft geschleudert. Ein lautes, metallisches Geräusch war zu hören. Dann folgte ein dumpfer Aufschlag. Alle husteten, als die Druckwelle ihnen den Staub ins Gesicht warf. "Na los! Vorwärts!" rief Steinberger. Der Sprengstoff hatte ganze Arbeit geleistet. Die zentimeterdicke Stahltür hing verbogen in den Angeln. Dort, wo sich das Schloss befunden hatte, klaffte ein riesiges Loch. Der Schutt bröckelte von den Wänden und der Decke. Dahinter, ein langer, dunkler Gang. Eine bedrückende Stille herrschte, als der Trupp den Gang betrat. Steinberger ging voran, neben ihm ein Soldat mit einer Taschenlampe. Dicht dahinter folgten Gustav, Johannes und Johnson. Kelly und Ross gingen am Ende der Gruppe, neben ihnen ein weiterer Soldat, ebenfalls mit einer Taschenlampe ausgestattet. Ihre Schritte hallten durch den Gang. Die flackernden Lichtkegel warfen lange Schatten an die Wände. Nach einigen Metern erreichten sie eine Kreuzung. Nach links führte ein Weg zum Verlade- und Lagerbereich. Rechts ging es zu einem Flugzeughangar. Geradeaus lagen die Wohnbereiche, die Labore, die Schaltzentrale und die Abschussrampe. Wortlos ging Steinberger geradeaus weiter. Er machte lediglich eine kurze Handbewegung, ihm zu folgen. Schließlich erreichten sie einen Checkpoint. Plötzlich blieb Gustav stehen. Seine Atmung wurde schneller. „Seht... seht ihr das?“ fragte er zitternd und wurde kreidebleich im Gesicht. Am Ende des Tunnels hing etwas von der Decke. Ein Skelett in einer Militäruniform. Um seinen knochigen Hals trug es ein Schild. Darauf stand nur: „Vergebt uns.“ "Wenigstens hatten die Feiglinge den Anstand, hier unten zu sterben" murmelte Krüger, der hinter Steinberger gegangen war. Als das Licht der Taschenlampen schließlich den Checkpoint ausleuchtete, blieben Gustav und James der Atem weg. Vor dem Eingangstor zum Bunker lagen dutzende Leichen. Manche trugen Laborkittel, andere zivile Kleidung. Zwischen der Schranke und dem Wärterhäuschen lagen hingegen mehrere schwer gepanzerte uns bewaffnete Wachen. Er herrschte das reinste Chaos. Überall lagen Patronenhülsen auf dem Boden verteilt. Scheinbar hatte eine große Gruppe von Menschen versucht, durch den Kontrollpunkt zu brechen. Sie wurden alle von den Wächtern niedergestreckt. Geschockt hielt Gustav sich die Hand vor den Mund. "Wie furchtbar" sagte er leise. Als sie weitergingen, sahen sie nicht weit entfernt von Tor einen Lkw stehen. Dieser war regelrecht durchlöchert worden und benutzt um durch das Tor zu brechen. Auf der riesigen Motorhaube war ein Schild montiert worden. "Lasst uns frei" Als sie dann tiefer in die Anlage vordrangen, wurde es nicht besser. Überall an den Wänden stand geschrieben. "Kein Ausweg" "Wir sterben hier unten" Der Gestank von Verwesung kam ihnen entgegen, als sie schließlich die Wohnbereiche erreichten. In den Wohnräumen herrschte Chaos. Möbel und andere Gegenstände lagen wild verstreut. Papier lag überall auf dem Boden. Und dazwischen. Leichen. Dutzende von Leichen. Manche erschossen, manche erschlagen, manche hingen von der Decke mit einem Seil um den Hals. Immer wieder stolperte man über leere Essensdosen. "Sie haben um die letzten Lebensmittel gekämpft" sagte Johnson geschockt. „Das war ihre Entscheidung“, sagte Krüger nur kalt. „Sie widern mich an, Krüger!“ warf Johnson zurück. „Wollen Sie sich zu ihnen dazu legen, Johnson?“ fauchte Krüger. „Ruhe!“ fuhr Steinberger dazwischen. „Sie beide sind jetzt still, oder ich verliere meine Beherrschung, klar?“ Er sah die beiden mit strengem Blick an. „Wir müssen das Büro der Forschungsleitung finden“, sagte Krüger dann. „Sollte nicht weit sein.“ „Richtig. Dort befinden sich die Schlüssel für den Abschuss“, erwiderte Steinberger. Gustav und James zuckten zusammen. „Was... was haben Sie vor?“ stotterte Gustav. „Er will die Raketen abschießen...“ hauchte James fassungslos. „Damit kommen Sie niemals durch!“ rief Johnson zornig. Doch Steinberger grinste nur. „Oh doch, das werde ich“, sagte er. „Denn während die Welt erst einmal im Chaos versinkt, werden meine Männer und ich uns hier unten einrichten.“ Er trat einen Schritt näher an Johnson heran. „Die Großstädte dieser Welt werden im nuklearen Feuer brennen. Die Weltmächte werden zusammenbrechen.“ Er sah Johnson mit einem bösartigen Blick in die Augen. „Und am Ende werden nur die Stärksten übrig bleiben" Er machte eine kurze Pause. „Die Welt wird sich mir beugen oder sie wird vernichtet.“ „Aber diese Waffen wurden nie gebaut“, versuchte Gustav zu argumentieren. „Und genau da liegen Sie falsch, Herr Falkenberg“, erwiderte Steinberger. „Was? Woher wissen Sie...?“ fragte Gustav verwirrt. „Das tut nichts zur Sache“, antwortete Steinberger ausweichend. „Krüger, Sie suchen den Funkraum und stellen die Stromversorgung wieder her“, befahl er dann. „In Ordnung“, sagte Krüger darauf. Die Gruppe teilte sich auf. Krüger ging mit zwei der Soldaten. Der Rest folgte Steinberger. Auf dem Weg zum Büro der Leitung blickte Gustav sich immer wieder um. Er wurde zunehmend nervöser. Irgendetwas stimmte nicht. Plötzlich wurde ihm übel. Sein Magen krampfte sich zusammen. Er blickte zu Johannes, Johnson, James, Kelly und Ross. Auch ihnen schien es schlecht zu gehen. Schließlich konnte er es nicht mehr zurückhalten. Er würgte. Musste aufstoßen. Dann übergab er sich. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ fragte Johnson besorgt. Gustav merkte, wie seine Kräfte ihn verließen. Seine Knie gaben nach. Johnson konnte ihn gerade noch auffangen. Dann kam es zu einer regelrechten Kettenreaktion. Zuerst übergab sich Johannes. Dann die beiden Soldaten, die ihn festhielten. Dann Johnson. James. Kelly und Ross. „Was ist hier los, verdammt?“ fluchte Steinberger. „Strahlenkrankheit...“ hustete Kelly. „Ich... ich habe es Ihnen gesagt... aber Sie wollten ja nicht hören.“ Erneut übergab sich Kelly. „Dieser Ort ist radioaktiv verseucht.“ „So ein Blödsinn“, winkte Steinberger ab. „Das ist nur der Gestank hier drin, nichts weiter.“ Kelly versuchte immer wieder, Steinberger davon zu überzeugen, nicht weiterzugehen. Doch seine Worte stießen auf taube Ohren. Steinberger ließ sich nicht davon abbringen, in die Forschungsbereiche vorzudringen. Eine kleine Luftschleuse trennte die Labore von den Wohnbereichen. Die Glastüren waren zertrümmert und überall lagen Scherben verstreut. Als sie die Schleuse passiert hatten, blieb Gustav, James, Johnson, Johannes, Kelly und Ross erneut die Luft weg. Steinberger hingegen setzte ein bösartiges, zufriedenes Lächeln auf. Neben den Labortischen und Werkbänken standen Regale. Prall gefüllt mit Material und Werkzeug. Und dazwischen: Bomben. Hunderte von Bomben. Munition, Granaten, Waffen — alles, was tödlich war, wurde in den Regalen gelagert. „Das ist genug für eine ganze Armee“, sagte Johnson fassungslos. „Ganz genau so ist es“, erwiderte Steinberger und rieb sich zufrieden die Hände. Als sie einen weiteren Lagerraum betraten, fanden sie etwas noch viel Schlimmeres. Johnson stolperte entsetzt zurück. „Nein, nein, das darf nicht wahr sein. Das ist unmöglich“, stammelte er. Eine riesige Halle erstreckte sich vor ihnen in der Dunkelheit. Im Licht der Taschenlampen erkannten sie das, wovor fast alle im Raum Angst gehabt hatten. Atombomben. Nicht eine. Nicht zwei. Dutzende. Alle in Halterungen gelagert. Bereit für den Einsatz. Johnson hielt sich geschockt die Hand vor den Mund. „Wie ... wie ist das möglich?“, stotterte er. „Die Deutschen müssen weiter gewesen sein, als wir dachten“, sagte Kelly. "Das ist großartig", sagte Steinberger erfreut. "Sie... sie sind ein krankes Schwein", rief Gustav angewidert. Doch Steinberger ignorierte ihn und ging weiter. Mit einer Handbewegung deutete er an, ihm zu folgen. Doch James ging nicht sofort los. Sein Blick fiel auf eine Leiche. Er stellte sicher, dass Steinberger ihn nicht sah, und winkte Kelly unauffällig zu sich. "Was ist denn, Mr. Carter?" fragte dieser leise. James deutete auf die Leiche. Diese saß an eine Wand gelehnt. "Der Kittel, sehen Sie?" fragte James Kelly. Auf dem Namensschild stand: Leitung Kontrollzentrum Kelly erinnerte sich. "Der Mann von der Tonaufnahme", sagte er leise. "Er hat sich erschossen", stellte James fest. In seiner linken Hand hielt der Tote eine Pistole. In der anderen Hand ein Diktiergerät. Neugierig nahm James es der Leiche aus der Hand. "Worauf warten Sie noch?" drängte Kelly. "Drücken Sie die Abspieltaste." Wie bereits zuvor begann die Aufnahme mit einem leisen Rauschen. Dann erklang eine geschwächte, traurig klingende Stimme. "Hier... tiefes Seufzen ...hier spricht Doktor Gabriel Meier... unterdrücktes Schluchzen ...Leiter des Kontrollzentrums. Es... es ist nun über ein Jahr her, seit wir uns hier unten eingeschlossen haben. Uns... uns sind die Vorräte ausgegangen. Viele haben versucht, herauszukommen, aber erfolglos. tiefes Luftholen Ich habe die Anlage auf Anweisung der Forschungsleitung versiegelt. Die Ausgangstüren lassen sich ohne Strom nicht öffnen. Wir wissen, dass wir nicht mehr lange zu leben haben. Ich... ich habe die Atomraketen so manipuliert, dass sie starten, sobald die Anlage wieder Strom hat. Allerdings habe ich die Halteklammern verriegelt und den Öffnungsmechanismus zerstört. Die Raketen können die Anlage nicht verlassen und werden nach zwanzig Minuten zünden. Dieser Prozess kann nicht gestoppt werden. Sollte jemand diese Aufnahme jemals finden, seien Sie gewarnt. Schalten Sie nicht den Strom ein! Ich habe es unmöglich gemacht, die Raketen zu bergen. Diese Anlage ist nutzlos. Die Bomben in diesem Raum sind entschärft und unbrauchbar. Egal, was Sie also vorhaben, es wird nicht funktionieren. Wir bereuen, was wir getan haben. In welche Gefahr wir die Welt gebracht haben. Das hier ist unsere Wiedergutmachung. Hitler wollte Gott spielen. Die Welt zerstören, als er merkte, dass er sie nicht haben konnte. Doch wir sind anders. Wir sorgen dafür, dass niemand diese Macht in die Hände bekommt. Das hier ist unsere Wiedergutmachung. Und auch unser Tod." Ein leises Summen folgte, dann endete die Aufnahme. Kelly und James sahen sich gegenseitig an. "Wir müssen hinterher, los!" rief Kelly. Die beiden eilten durch das Labor. Hastig sahen sie sich um. "Da!" deutete Kelly auf ein Schild. Wohnräume Bereichsleitung Kelly und James hetzten weiter durch die Dunkelheit. Schließlich erreichten sie eine Treppe. Sie hasteten sie hinauf und stolperten dabei mehrmals. Völlig außer Atem kamen sie oben an. Eine große Tür aus edlem Holz befand sich vor ihnen. Sie stand offen. Kelly und James stürmten hindurch und blieben erstaunt stehen. Sie standen in einem riesigen, luxuriösen Raum. Überall waren Sesselreihen aufgestellt, und am Ende befand sich eine gewaltige Leinwand. "Ein Kinosaal", sagte Kelly erstaunt. Die beiden rannten weiter über den roten Teppichboden. Nachdem sie den Saal verlassen hatten, führte ihr Weg durch mehrere luxuriöse Wohnräume – kein Vergleich zu denen, die sie zuvor gesehen hatten. Im Licht ihrer Taschenlampen sahen sie schließlich Steinberger aus einem Raum kommen. In seiner Hand trug er einen Aktenkoffer. "Steinberger! Halt!" rief Kelly mit aller Kraft. "Wo waren Sie beide denn?" fragte Steinberger überrascht. Völlig außer Atem reichte Kelly ihm das Diktiergerät. "Bitte ... hören Sie sich das an", schnaufte Kelly und drückte den Knopf auf dem Gerät. Steinberger sah die beiden zunächst zweifelnd an. Dann hörte er zu. Als Johannes, Gustav und die anderen Soldaten aus dem Raum traten, sahen sie etwas in Steinbergers Gesicht, von dem sie nie geglaubt hätten, es jemals zu sehen. Angst. „Das hier ist eine Todesfalle“, hauchte Steinberger. „Wir müssen hier sofort…“ Doch weiter kam er nicht, als sich plötzlich der Gang erhellte. Lampe für Lampe sprang an und hüllte die Wände und den staubigen Boden in ein helles, warmes Licht. „Krüger! Verdammt nochmal!“, rief Steinberger. Die Gruppe rannte sofort los. Als sie den Kinosaal erreichten, hörten sie bereits von unten die Alarmsirenen. Doch plötzlich blieb Gustav stehen. Etwas wurde auf der Leinwand abgespielt. Eine Aufnahme. Scheinbar heimlich aufgenommen. Sie war zusammengeschnitten und zeigte immer wieder dieselben kurzen Szenen. „Wir haben doch schon darüber gesprochen, Alice …“, sagte eine männliche Stimme. „Ich kann euch nicht gehen lassen …“ Dann war eine wütende Frauenstimme zu hören. „Du … du hast aber die anderen, die verdammten Anzugträger, gehen lassen!“ „Was? Woher weißt du das?“, fragte die männliche Stimme. Dann ein kurzer Schnitt. Im nächsten Moment sah man die Frau blutend am Boden liegen. Der Mann war über sie gebeugt und hielt einen Revolver in der Hand. „Es tut mir leid, Alice …“, sagte der Mann. In diesem Moment wurde Gustav klar, was in der Anlage geschehen war. Die Aufnahme war der Auslöser für den Aufstand. Der Mord war die Motivation zur Flucht. Die Menschen in dieser Anlage waren erst bereit gewesen zu sterben, bis sie erfahren hatten, dass man sie belogen hatte. Dass nur die Menschen mit Geld und Einfluss in die Freiheit gelassen worden waren. Und dass das einfache Volk zurückgelassen wurde. Gustav wurde klar: Wenn das stimmte, was auf dem Diktiergerät zu hören gewesen war, blieb bis zur Katastrophe nicht mehr viel Zeit. Ihnen blieben nur noch wenige Minuten, um die Anlage lebend zu verlassen. -------------------- 8. Kapitel: Kapitel 8 Weltenzerstörer -------------------- In der bisher totenstillen Anlage herrschte nun das reinste Chaos. Alarmsirenen heulten, Warnleuchten blinkten. „Krüger! Krüger!“, brüllte Steinberger. „Krüger! Wo sind Sie?“ Ein Soldat kam ihnen entgegengelaufen. „Hier lang, mein Herr!“, rief er und winkte sie zu sich. Die Gruppe folgte dem Soldaten. Auch Gustav eilte ihnen hinterher. „Gustav! Wo warst du? Was geschieht hier?“, fragte Johannes. Doch bevor er eine Erklärung geben konnte, erreichten sie einen weiteren riesigen Raum. „Ach du....“ Geschockt blieb Gustav stehen. Vor ihnen erstreckte sich ein gewaltiges Schaltpult. Knöpfe und Schalter, so weit das Auge reichte. Dahinter befand sich eine riesige Glasscheibe. Als Gustav die Raketen sah, die dahinter in Abschussvorrichtungen eingespannt waren, blieb ihm beinahe das Herz stehen. Steinberger stürmte auf Krüger zu, der mit den beiden anderen Soldaten vor dem Schaltpult stand. „Sie verdammter Idiot, was haben Sie angerichtet?“, rief er wütend. „Ich sollte doch den Strom einschalten!“, erwiderte Krüger empört. „Zu ihnen komme ich noch“, drohte Steinberger. Er öffnete den Koffer, den er bei sich trug. „Kelly, kommen Sie her. Sofort!“ „Was ist hier los, Steinberger?“, rief Johnson. Kelly lief zu ihm. „Sir, wir müssen wohl den Weltuntergang verhindern“, sagte er knapp und eilte weiter zum Schaltpult. „Hier, nehmen Sie den und machen Sie genau, was ich sage“, sagte Steinberger und reichte Kelly einen Schlüssel. In der Mitte des Schaltpults befanden sich zwei Schlüssellöcher, genau parallel zueinander angeordnet. Steinberger blickte zu Kelly. „Auf drei stecken wir die Schlüssel gleichzeitig hinein und drehen sie um, verstanden?“, rief er. Kelly nickte. Für einen Moment herrschte bedrückende Stille. Angespannt standen alle hinter Kelly und Steinberger. „Drei! Zwei! Eins!“, rief Steinberger. Gleichzeitig steckten er und Kelly ihre Schlüssel in die Schlösser und drehten sie um. Ein lautes Klacken war zu hören. Und dann … Stille. Die Alarmsirenen verstummten, die Warnleuchten erloschen. „Wir haben es geschafft“, sagte Kelly erleichtert. „Nicht ganz“, erwiderte Steinberger. „Das ist nur eine Notlösung. Sobald einer der Schlüssel wieder gedreht wird, wird der Startvorgang fortgesetzt.“ Steinberger zog eine ernste Miene auf. „Ein zweites Mal lässt er sich nicht abbrechen.“ „Krüger, geben Sie das Signal. Die Männer sollen alle hier herunterkommen“, sagte Steinberger. Krüger befolgte den Befehl sofort. Er nahm sein Funkgerät in die Hand. Als er fertig war, nickte er Steinberger kurz zu. „Jetzt!“, rief Steinberger plötzlich. Bevor einer von ihnen reagieren konnte, geschah es auch schon. Krüger zog seine Waffe und erschoss Johnson ohne zu zögern. Dann Kelly. Dann Ross. Geschockt stolperten Gustav und James zurück. Doch ohne Vorwarnung stürmten zwei Soldaten auf sie zu. Im Augenwinkel sah Gustav den Gewehrkolben noch auf sich zukommen, bevor er zu Boden geschlagen wurde. Er spürte einen stechenden Schmerz. Dann merkte er, wie ihm das Bewusstsein entglitt. Dumpf hörte er noch, wie auch James zu Boden fiel. Seine Ohren dröhnten, und ihm wurde schwarz vor Augen. „Fesseln“, hörte er Steinberger noch sagen, bevor alles dunkel wurde. Als er wenig später wieder zu sich kam, hörte er viele Schritte und Stimmen um sich herum. Mühsam öffnete er die Augen. Sofort spürte er die Seile, die seine Arme und Beine zusammenpressten. Ein weiteres Seil schnürte sich um seinen Bauch und nahm ihm beinahe die Luft. „Gustav! Gustav! Wach auf!“, rief eine Stimme neben ihm. Gustav fuhr hoch. „Gustav! Gustav! Bist du in Ordnung?“, fragte Johannes besorgt. „Ja … ja, mir geht’s gut“, sagte Gustav. Er hob den Kopf und sah sich um. James, Johannes und er saßen gefesselt an eine Wand gelehnt. Nicht weit von sich hörte Gustav schmerzvolles Stöhnen. „Oh mein Gott, Mr. Kelly“, rief er. „Herr Falkenberg …“, stöhnte Kelly. „Ich … ich konnte ihn nicht aufhalten …“ Er hustete und spuckte Blut. „Nichts … nichts kann ihn jetzt noch aufhalten … wir … wir haben versagt.“ Gustav sah sich um und bemerkte, dass sich nun zahlreiche Soldaten im Raum befanden. Einige schleppten gerade die Leichen von Ross und Johnson fort. Steinberger stand am Schaltpult und diskutierte mit jemandem. Er gestikulierte heftig und deutete immer wieder auf die Raketen, die noch immer hinter der Glasscheibe in ihren Vorrichtungen eingespannt waren. „Herr Falkenberg …“, ächzte Kelly. „Hier … nehmen Sie … nehmen Sie das …“ Unauffällig schob er Gustav ein kleines Klappmesser zu. „Ich gebe Ihnen genau zwei Stunden!“, brüllte Steinberger von der anderen Seite des Raumes. Gustav versuchte angestrengt, das Messer zu erreichen. Steinberger setzte sich in Bewegung und ging auf sie zu. Gustav wand sich unruhig hin und her. „Komm schon, komm schon“, zischte er leise. Seine Fingerspitzen erreichten beinahe schon den Griff des Messers. Panisch blickte Gustav zu Steinberger, der unaufhaltsam auf sie zumarschierte. Dann passierte es. Ein Soldat ließ eine Kiste zu Boden krachen. Wütend fuhr Steinberger herum. „Aufpassen, verdammt!“, schrie er. „Das ist empfindliche Ausrüstung!“ Gustav spürte, wie Kelly zu ihm herankroch. Nach Luft ringend und unter großen Schmerzen richtete er sich noch einmal auf, packte das Messer und ließ es in Gustavs Jackentasche verschwinden. Röchelnd und kraftlos sackte Kelly wieder zu Boden. Mit schnellen Schritten kam Steinberger auf sie zu. Er deutete zwei Soldaten heran. Diese folgten seinem Befehl sofort. Steinberger ging wortlos an James, Gustav und Johannes vorbei. Scheinbar interessierte ihn nur Kelly. „Aufrichten!“, befahl er. Die beiden Soldaten packten Kelly unter den Armen und zogen ihn hoch. Blut tropfte von seiner Kleidung auf den Boden. Mehrere Schusswunden zeichneten sich an Bauch und Brust ab. Es grenzte an ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. Allerdings sah Gustav ihm an, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Steinberger betrachtete Kelly mit einem genervten, zugleich wütenden Blick. „Wie bricht man den Start ab?“, fragte er. „Mir wurde gesagt, Sie kennen sich mit so etwas aus.“ Doch Kelly lachte nur. „Sie wollen … sie wollen … sie wollen, dass ich Ihnen helfe? Nach … nach allem, was Sie mir angetan haben?“ Seine Stimme wurde zorniger. Verächtlich spuckte er Steinberger ins Gesicht. „Sie … Sie haben meine Freunde getötet … und unzählige Kollegen.“ Seine Atmung wurde schneller, sein Gesicht lief rot an. „Fahren Sie zur Hölle, Steinberger.“ Dieser wischte sich zornig Blut und Spucke aus dem Gesicht. Man sah ihm an, wie sehr er sich beherrschen musste. In diesem Moment trat Krüger hinzu. „Beenden wir es doch einfach“, sagte er. „Offensichtlich hat er nicht mehr lange.“ Doch Steinberger ignorierte ihn. Er packte Kelly am Kragen. „Entweder Sie sagen mir jetzt, was ich wissen will, oder ich töte Sie und die anderen drei“, drohte er. Doch Kelly schwieg. Mit letzter Kraft hob er den Kopf und sah Steinberger direkt in die Augen. „Ich sehe die Angst in Ihren Augen …“, stöhnte er. „Sie können das hier nicht stoppen. Nicht zu Ihrer Waffe machen …“ Ein schmerzerfülltes Lachen entfuhr ihm. Dann begann er zu husten. Sein Gesicht wurde kreidebleich. „Sie … sie … sie haben verloren … Stein … berger.“ Dann schloss Kelly die Augen und sackte leblos zusammen. Die beiden Soldaten konnten ihn gerade noch festhalten. „Nein! Verdammt, nein!“, brüllte Steinberger. „Aufwachen, Sie Bastard!“ Steinberger bekam einen regelrechten Tobsuchtsanfall. Minutenlang brüllte er herum und schleuderte alles, was er zu fassen bekam, durch den Raum. „Dann wird es Zeit für Plan B“, knurrte er schließlich und ballte die Fäuste. Er winkte den Mann zu sich, der die ganze Zeit am Schaltpult gearbeitet hatte. Der Mann war dürr, etwas kleiner als Steinberger, trug einen langen grauen Bart und eine dicke Brille. „Ja ... ja, mein Herr“, sagte er nervös, beinahe ängstlich. „Wir demontieren die Raketen“, erklärte Steinberger entschlossen. Ein fassungsloser Ausdruck glitt über das Gesicht des Mannes. „Aber das ist lebensgefährlich“, sagte er mit zitternder Stimme. „Wir wissen viel zu wenig darüber. Das könnte für uns alle fatal enden.“ Steinberger trat dicht an ihn heran. „Machen Sie sich an die Arbeit“, sagte er in einem kalten, drohenden Ton. Über Stunden saßen James, Gustav und Johannes einfach nur da. Hilflos mussten sie mit ansehen, wie jede einzelne Atomrakete Stück für Stück auseinandergebaut wurde. Die Einzelteile wurden sorgfältig in Transportkisten verladen. Nicht weit von ihnen entfernt wurde schließlich eine große Bunkertür geöffnet. Sie war unscheinbar in die Wand eingelassen. Dahinter erstreckte sich ein riesiger, langer Tunnel. In der Ferne waren mehrere Fahrzeuge zu erkennen, die langsam aus der Dunkelheit näher kamen. Es dauerte nicht lange, bis zwei große Lastwagen in die Halle fuhren. „Riechen Sie das?“, fragte James plötzlich. „Ja“, antwortete Gustav. „Meeresluft. Das muss ein direkter Tunnel zum Hafen sein.“ „Ich will, dass sofort alles verladen wird!“, befahl Steinberger. „Irgendetwas müssen wir doch tun können“, flüsterte Johannes. „Wir dürfen ihn nicht davonkommen lassen.“ Einen Moment lang überlegte Gustav. Er sah sich noch einmal genau um. Zwei der Raketen waren scheinbar noch nicht abgebaut worden. Da erinnerte er sich an das, was Steinberger gesagt hatte. „Wird dieser Schlüssel erneut gedreht, wird der Startvorgang fortgesetzt.“ „Ich habe eine Idee, aber die wird euch überhaupt nicht gefallen“, sagte Gustav leise. „Was hast du vor?“, fragte Johannes. „In meiner Jackentasche befindet sich ein Messer. Wenn ihr mich losschneidet, bin ich vielleicht schnell genug, um zum Schaltpult zu laufen“, antwortete Gustav. „Um was zu tun?“, fragte James verwirrt. „Um die Raketen zu zünden“, erwiderte Gustav. „Was? Das können Sie doch nicht ernst meinen“, zischte James leise. Doch Johannes hatte sofort begriffen. „Es muss sein, Mr. Carter. Steinberger darf nicht gewinnen. Nicht nach allem, was er uns angetan hat.“ „Seht ihr den Lastwagen?“, fragte Gustav. „Ich verschaffe euch Zeit, und ihr schnappt ihn euch.“ „Und was ist mit Ihnen?“, fragte James. „Nachdem ich den Schlüssel gedreht habe, laufe ich zum Lastwagen, und wir fliehen“, erwiderte Gustav. Einige Minuten lang überlegte James. „Na gut. Das scheint wohl unsere einzige Chance zu sein“, sagte er schließlich, nicht ganz überzeugt. "Sehen sie positiv, Mr Carter" sagte Gustav. "Wenn wir hier rauskommen, haben sie Zuhause etwas zu erzählen"             -------------------- 9. Kapitel: Kapitel 9 Der einzige Weg -------------------- Johannes’ Herz begann immer schneller zu schlagen. Er dachte an die vergangenen Tage. An all die Verluste, all die Tränen und all den Schmerz. Immer wieder ließ er seinen Blick durch die Halle schweifen. Er beobachtete Steinbergers Soldaten bei der Arbeit. Er sah Steinberger, der mit einem zufriedenen Ausdruck dastand. Als Johannes zu Krüger blickte, bebten seine Lippen vor Wut. Der Mann, der Franz gnadenlos hingerichtet hatte. Der Falkenberg und seine Bewohner unterdrückt hatte. „Gut, ziehen wir es durch. Halten wir diesen Mistkerl auf“, knurrte Johannes entschlossen. Unauffällig drehte Gustav sich zu ihm. Mit seinen gefesselten Händen tastete Johannes hinter seinem Rücken nach Gustavs Mantel. „Ich habe es“, flüsterte er, als er den Griff des Klappmessers spürte. Vorsichtig schob er das Messer aus der Manteltasche nach oben. Dann ließ er es in seine Hände gleiten. Es war schwierig, die Klinge aufzuklappen, doch nach einigen Versuchen gelang es ihm. Behutsam begann er, Gustavs Fesseln aufzuschneiden. „Nicht ganz durchschneiden“, flüsterte Gustav. „Nur so weit, dass ich sie zerreißen kann.“ „Gut“, antwortete Johannes leise. Nach einigen Minuten war Johannes fertig. Die Fesseln hielten nur noch an wenigen dünnen Fasern. Ein kräftiger Ruck würde genügen, um sie zu lösen. Anschließend drückte er Gustav das Messer in die Hand. Danach schnitt Gustav unauffällig die Fesseln von Johannes an. Zuletzt war James an der Reihe. Wenig später saßen die drei wieder da, als wäre nie etwas geschehen. „Krüger!“, rief James plötzlich. „Herr Krüger, ich möchte Sie etwas fragen!“ Krüger blickte kurz zu ihnen herüber, wandte sich dann jedoch wieder ab. „Wie fühlt es sich eigentlich an, immer nur die Nummer zwei zu sein?“, fragte James provozierend. Die Worte trafen ihr Ziel. „Was hast du gerade gesagt, Junge?“, knurrte Krüger und humpelte auf sie zu. James grinste. „Ich meine, wie fühlt es sich an, ständig in Steinbergers Schatten zu stehen?“ Krügers Gesicht verfinsterte sich. „Das heißt Oberst Krüger, verstanden?“ „Und ich stehe in niemandes Schatten!“ Er trat ganz nah an James heran. Genau auf diesen Moment hatte James gewartet. Mit einem Ruck riss er seine Fesseln auseinander und trat Krüger mit voller Wucht gegen das verletzte Bein. Mit einem Schmerzensschrei ging dieser zu Boden. „Los, Herr Falkenberg!“, brüllte James. Gustav sprang auf und rannte los. So schnell ihn seine Beine trugen, stürmte er an den überraschten Soldaten vorbei und direkt auf das Schaltpult zu. Noch bevor Steinberger begriffen hatte, was geschah, hielt Gustav bereits den Startschlüssel in der Hand. Die Soldaten richteten ihre Waffen auf Gustav, Johannes und James. „Halt!“, rief Steinberger. „Was glauben Sie, da zu tun, Herr Falkenberg?“ „Lassen Sie meine Freunde gehen, oder ich drehe diesen Schlüssel!“, rief Gustav völlig außer Atem. Verwundert sah Steinberger ihn an. „Sind Sie wirklich bereit, dieses Opfer zu bringen?“, fragte er in einem langsamen, bedrohlichen Ton. „Kommen Sie nicht näher!“, rief Gustav. „Ich glaube, Sie verstehen Ihre Lage nicht ganz. Ich habe hier die Kontrolle.“ Mit einer kurzen Handbewegung gab Steinberger einen Befehl. „Bringt mir den Juden her.“ Drei Soldaten packten Johannes und zerrten ihn zu Steinberger. Grob warfen sie ihn vor dessen Füße auf den Boden. Mit kaltem Blick zog Steinberger seine Pistole und richtete sie auf ihn. „Weg von dem Schlüssel“, drohte er. „Diesmal werde ich nicht danebenschießen.“ „Tu es, Gustav!“, rief Johannes. „Denk an Elisabeth, an Franz und an all die anderen, die er getötet hat!“ Gustavs Herz begann zu rasen. Mit schweißnassen Händen hielt er den Schlüssel fest umklammert. Er sah zu James, der mit erhobenen Händen dastand. Dann blickte er zu den Soldaten, die ihn umringten. „Wissen Sie eigentlich alle, was passiert, wenn ich diesen Schlüssel drehe?“, rief er durch den Raum. Steinberger lachte. „Als ob Sie meine Männer gegen mich aufbringen könnten.“ „Wir werden alle sterben, wenn er den Schlüssel dreht!“, rief plötzlich der Mann mit dem langen Bart. Ein Raunen ging durch die Halle. „Davon war nie die Rede“, sagte einer der Soldaten und senkte seine Waffe. „Hat er Ihnen von seinen Plänen erzählt?“, rief James. „Sie hier unten einzusperren, genau wie die anderen?“ „Ruhe!“, brüllte Steinberger. „Ich gebe Ihnen genau drei Sekunden, um von diesem Schaltpult wegzutreten.“ Er presste Johannes die Pistole noch fester an den Kopf. „Eins.“ „Zwei.“ Doch bis drei kam Steinberger nicht mehr. Mit einer blitzschnellen Bewegung zog Johannes das Messer aus seiner Hosentasche, sprang auf und rammte es ihm in den Hals. Blut spritzte. Steinberger taumelte zurück. „Das war Ihr letzter Fehler“, schnaufte er. Der Schuss hallte durch die Halle. Gustav stand wie erstarrt da. Johannes brach zusammen und blieb reglos liegen. „Und jetzt ... weg von dem Schalter ...“, knurrte Steinberger. Dann verzog sich sein Gesicht zu einer hasserfüllten Grimasse. „Ach, drauf geschissen.“ Er drückte erneut ab. Die Kugel traf Gustav mitten in die Brust. Der Schmerz, der seinen Körper durchfuhr, raubte ihm den Atem. „Verdammt nochmal!“, brüllte Steinberger, als er sah, dass Gustav sich noch immer auf den Beinen hielt. Er feuerte ein weiteres Mal. Die Kugel traf Gustav in die Schulter. Gustav stöhnte. Sein Körper schwankte. Er spürte, wie ihn seine Kräfte verließen. Und dann drehte er den Schlüssel. „Nein ... nein ...“, hauchte Steinberger. Gustav sackte zu Boden. Im selben Moment brach Chaos aus. Alarmsirenen heulten erneut auf. Warnleuchten begannen hektisch zu blinken und tauchten die Halle in rotes Licht. "Start in 15 Minuten" sprach eine Stimme aus einem Lautsprecher. In der gesamten Anlage begannen die Lichter zu flackern. Funken sprühten, als eine der Raketen automatisch in Startposition gefahren werden sollte. „Kritischer Fehler! Startabbruch empfohlen!“ „Evakuieren! Sofort evakuieren!“, brüllte einer der Soldaten. Panik brach aus. Die Soldaten sprangen auf die Lastwagen und warfen Kisten von den Ladeflächen, um Platz zu schaffen. Steinberger taumelte durch die Halle. „Ihr verdammten Feiglinge!“, brüllte er voller Hass. Mit quietschenden Reifen rasten zwei der Lastwagen los und verschwanden im Tunnel. James wollte die Gelegenheit nutzen und auf den dritten aufspringen. Doch plötzlich packte Krüger ihn am Arm und riss ihn zurück. „Sie gehen nirgendwo hin“, sagte er kalt. James stürzte zu Boden. Sofort verpasste Krüger ihm mit seinem Gehstock einen heftigen Schlag in die Magengrube. Keuchend krümmte sich James zusammen. Der letzte Lastwagen setzte sich ebenfalls in Bewegung und verschwand. „Start in zehn Minuten.“ Langsam ging Steinberger auf James zu. Eine beinahe unbändige Wut hielt ihn noch auf den Beinen. „War es das wert, Mr. Carter?“, zischte er. „Jetzt werden Sie hier unten sterben. Genau wie Ihre Freunde.“ Er wandte sich an Krüger. „Knallen Sie ihn ab.“ Krüger zog seine Pistole. Doch noch bevor er abdrücken konnte, wurde sein Körper von einem Hagel aus Kugeln durchlöchert. Das Rattern eines Maschinengewehrs hallte durch die Halle. Krüger wurde nach hinten geschleudert und fiel wie ein nasser Sack zu Boden. „Das kann nicht sein ...“, ächzte Steinberger. Ungläubig blickte er auf die Gestalt am anderen Ende des Raumes. Derreck Johnson. Mit beiden Händen hielt er das Maschinengewehr, das sie zuvor beim Aufzug zurückgelassen hatten. Ohne zu zögern drückte er erneut den Abzug. Die Kugeln trafen Steinberger in Brust und Bauch. Der Mann taumelte zurück und brach zusammen. Johnson ging langsam auf ihn zu. „Das ist für Ross und Kelly“, sagte er voller Verachtung. Dann spuckte er auf Steinbergers reglosen Körper. Anschließend eilte er zu James. „Kommen Sie, Mr. Carter. Zeit zu verschwinden.“ Er half ihm auf die Beine. „Start in fünf Minuten.“ „Aber ... wie kann das sein?“, fragte James verwirrt. Johnson klopfte sich auf die Brust. „Meine Schutzweste.“ Sein Blick wurde traurig. „Leider hatten Ross und Kelly nicht so viel Glück.“ Dann sah er sich um. „Um Gottes willen ...“ Sein Blick fiel auf die Leichen von Gustav und Johannes. Für einen Moment herrschte Stille. „Wie kommen wir hier raus?“, fragte James panisch. „Damit!“, rief Johnson und deutete auf einen kleinen Geländewagen, der zurückgelassen worden war. Die beiden sprangen hinein. Johnson trat das Gaspedal durch. Mit einer scharfen Handbremswendung drehte er den Wagen und raste in den Tunnel. „Zwei Minuten bis zum Start ...“ Die Durchsage brach abrupt ab. Die gesamte Anlage begann zu beben. Warnsirenen heulten. Immer mehr rote Kontrollleuchten flackerten auf dem Schaltpult. James hielt sich verzweifelt fest, während der Geländewagen durch den Tunnel schoss. Schließlich erschien vor ihnen Tageslicht. Als sie den Ausgang erreichten, legte Johnson eine Vollbremsung hin. Sie waren am Hafen. „Da! Ein Motorboot!“, brüllte Johnson. Er brachte den Wagen zum Stehen. Die beiden sprangen heraus und rannten zum Steg. Johnson warf den Motor des Bootes an. Keine Sekunde zu früh. Eine gewaltige Explosion erschütterte Falkenberg. Der Boden riss auf. Straßen brachen auseinander. Häuser versanken in der Tiefe. Eine Welle der Zerstörung raste durch die gesamte Stadt. Wie bei einem gewaltigen Erdbeben wurde Falkenberg Stück für Stück von der Erde verschluckt. Auch Haus Falkenberg stürzte in die Tiefe. „Oh mein Gott ...“, hauchte James. Entsetzt blickte er zurück. Dort, wo einst Falkenberg gestanden hatte, befand sich nun nur noch ein riesiger Krater. Johnson holte alles aus dem kleinen Bootsmotor heraus. „Da! Ein Schiff!“, rief er plötzlich. „Ähm ... Mr. Johnson?“ James tippte ihm hektisch auf die Schulter. „Sehen Sie!“, rief er panisch. „Was ist denn—“ Johnson blickte zurück. „Oh mein Gott ...“ Über dem riesigen Krater war ein gewaltiges Feuer ausgebrochen. Dichter schwarzer Rauch stieg in den Himmel. Ein greller Blitz fuhr über die Meeresoberfläche. Eine weitere Explosion erschütterte die Küste und färbte den Himmel blutrot. Langsam begann sich über den Trümmern ein gewaltiger Atompilz zu erheben. Obwohl sie bereits mehrere hundert Meter vom Festland entfernt waren, spürte James die Druckwelle der Detonation. Das Motorboot wurde von den Wellen durchgeschüttelt. „Verflucht nochmal!“, schrie Johnson. Ungläubig starrte er auf die gewaltige Wolke. „Wie viele verdammte Bomben waren in diesem Bunker?“ Das Schiff, das nicht weit vor ihnen fuhr, gab ein Signal. Kurz darauf verlangsamte es die Fahrt und kam schließlich zum Stillstand. Ein Matrose ließ eine Strickleiter an der Bordwand hinunter. Johnson manövrierte das kleine Fischerboot längsseits des gewaltigen Schlachtschiffs. Dutzende Matrosen standen an Deck und starrten auf den gigantischen Feuerball. Noch immer regneten brennende Trümmer und Erdbrocken vom Himmel und schlugen zischend ins Meer ein. Nachdem James und Johnson an Bord geklettert waren, wurden sie bereits vom Kapitän erwartet. Er trat auf Johnson zu und reichte ihm die Hand. „Normalerweise hätte ich euch Amis einfach absaufen lassen“, sagte er mit ernster Miene. Verwundert blickte Johnson ihn an. „Aber ohne euch wäre meine Mannschaft jetzt dort drüben in diesem Höllenfeuer gelandet. Also will ich mal nicht so sein.“ Der Kapitän sah noch einmal hinüber zur Rauchsäule am Horizont. „Um das klarzustellen“, sagte er schließlich. „Ja, wir wollten Krieg. Und wir dachten, Krüger und Steinberger würden uns zum Sieg verhelfen.“ Sein Blick wurde düster. „Aber wir hatten keine Ahnung, dass sie zu so etwas fähig waren.“ James verschränkte misstrauisch die Arme. „Wollen Sie immer noch kämpfen?“ „Nein“, antwortete der Kapitän ohne zu zögern. „Nicht nach diesem Desaster.“ Für einen Moment herrschte Schweigen. „Wissen Sie, Herr Falkenberg wollte nur ...“, begann James. „Ich weiß, was er wollte, mein Junge“, unterbrach ihn der Kapitän. Langsam nickte er. „Er wollte verhindern, dass ein Wahnsinniger die Welt zerstört.“ „Und jetzt kommen Sie“, sagte der Kapitän. „Wir haben eine lange Reise vor uns. In Europa können wir uns wohl nicht mehr blicken lassen.“ „Was halten Sie von Hawaii, Kapitän?“, fragte James mit einem müden Lächeln. Der Kapitän strich sich nachdenklich durch seinen weißen Bart. „Meinen Ruhestand mit Cocktailschirmchen und hübschen Frauen verbringen?“, murmelte er. Zum ersten Mal seit Langem huschte ein ehrliches Lächeln über sein Gesicht. „Warum eigentlich nicht?“ Langsam setzte sich das Schiff wieder in Bewegung. Es verließ die Küste und schloss sich der übrigen Flotte auf dem offenen Meer an. James trat an die Reling. Der gewaltige Rauchpilz war noch immer am Horizont zu sehen. Dort, wo einst Falkenberg gestanden hatte, war nun nichts mehr. Kein Hafen. Keine Straßen. Kein Haus Falkenberg. Nur Rauch, Feuer und ein gewaltiger Krater. James senkte den Blick. Er dachte an Elisabeth. An Franz. An Johannes. An Gustav. An all jene, die ihr Leben gegeben hatten, damit die Welt weiterbestehen konnte. Ein leiser Seufzer entfuhr ihm. „Mögt ihr in Frieden ruhen.“     -------------------- 10. Kapitel: Kapitel 10 Und zurück blieben nur die Erinnerungen -------------------- 2 Jahre späterNew York, 7. September 1951 James saß auf einer Parkbank im Central Park. Mit einem müden Lächeln beobachtete er die Menschen um sich herum. Manche trieben Sport, andere führten ihre Hunde spazieren. Die milde Herbstbrise strich durch die Bäume und wirbelte das bunte Laub über die Wege. James hatte es geschafft. Er hatte sein Studium abgeschlossen. Doch die Freude darüber würde nicht lange währen. Plötzlich musste er husten. Er zog sein Taschentuch hervor und blickte auf die roten Flecken, die darauf zurückgeblieben waren. Vor einigen Monaten hatte er die Diagnose erhalten. Krebs. Eine Spätfolge der Strahlenkrankheit. Die Ärzte gaben ihm noch höchstens ein halbes Jahr. Dann würde auch er sterben. Langsam erhob sich James von der Bank. Er verließ den Park und winkte ein Taxi heran. Der Wagen hielt neben ihm. „Wohin soll's gehen?“, fragte der Fahrer. „Zuerst zu einem Blumenladen und danach zum Friedhof, bitte“, antwortete James. Das Taxi setzte sich in Bewegung. Der Fahrer schaltete das Radio ein. Gerade liefen die Nachrichten. „Es ist nun fast zwei Jahre her, seit sich die schreckliche Katastrophe in der mitteleuropäischen Stadt Falkenberg ereignete ...“ James blickte auf. „Könnten Sie das etwas lauter stellen?“, fragte er. „Natürlich.“ Der Fahrer drehte am Lautstärkeregler. „Nach neuesten Erkenntnissen waren die beiden Nazi-Terroristen Ernst Krüger und Erich Steinberger für die Ereignisse verantwortlich. Das Gebiet um den ehemaligen Ort Falkenberg bleibt weiterhin Sperrzone. Bislang hat die deutsche Regierung keine Erklärung abgegeben, ob die Region jemals wieder bewohnbar sein wird.“ Ein kurzes Rauschen folgte. „Und nun zum Wetter ...“ „Hier bitte anhalten“, sagte James, als er den Blumenladen entdeckte. Das Taxi hielt am Straßenrand. „Warten Sie bitte einen Moment“, sagte James und stieg aus. Vor dem Geschäft waren Blumen und Pflanzen in allen möglichen Größen und Farben ausgestellt. Doch James ging ohne zu zögern hinein. „Guten Tag, Mary“, begrüßte er die junge Frau hinter dem Tresen. „Hallo, James“, antwortete sie freundlich. „Das Übliche?“ James nickte. Wenig später verließ er den Laden mit einem wunderschönen Strauß roter Rosen. Er stieg wieder ins Taxi. Nach wenigen Minuten erreichten sie den Friedhof. Ein kühler Wind strich über die langen Reihen von Grabsteinen. In der Ferne krächzten einige Krähen. James bezahlte den Fahrer, öffnete das eiserne Tor und betrat den Friedhof. Ohne Umwege ging er auf ein bestimmtes Grab zu. Er kannte den Weg inzwischen auswendig. Vor dem Grab blieb er stehen. Auf dem Grabstein stand: Derrek JohnsonGeliebter Vater zweier Töchter Einen Moment lang sagte James nichts. Die ganze Überfahrt nach Amerika hatte Johnson schwer krank in seinem Bett gelegen. Die Strahlung hatte seine Organe unwiderruflich geschädigt. Kurz nach ihrer Ankunft in New York war er gestorben. James kniete sich langsam vor den Grabstein. Behutsam legte er die Rosen nieder. „Guten Tag, Mr. Johnson“, sagte er leise. Bedrückt stand James vor dem Grab und faltete die Hände. Trotz aller Opfer. Trotz aller Anstrengungen. Weder er noch Mr. Johnson waren jemals als Helden gefeiert worden. Alles musste geheim bleiben. Die Wahrheit würde vermutlich mit ihnen sterben. James atmete tief durch. „Dann bis nächste Woche, Mr. Johnson“, sagte er traurig. Langsam machte er sich auf den Weg zurück zum Friedhofstor. Als er zum Himmel hinaufblickte, sah er dunkle Regenwolken über New York ziehen. Er griff in die Tasche seiner Jacke. Vorsichtig holte er eine alte, zerkratzte Taschenuhr hervor. Das Glas war gesprungen, die Kette längst abgerissen. Gustavs Taschenuhr. Das Einzige, was James noch von ihm geblieben war. Behutsam hielt er sie mit beiden Händen fest. Dann schloss er die Augen. Vor seinem inneren Auge sah er noch einmal Gustavs freundliches Lächeln. Den Mann, der bereit gewesen war, sein Leben zu opfern, damit andere weiterleben konnten. „Danke für alles, Herr Falkenberg“, flüsterte James. Ein kalter Wind strich über den Friedhof. Die ersten Regentropfen fielen vom Himmel. Am 21. November 1951 verstarb James Carter im Alter von nur fünfundzwanzig Jahren. Seinen Eltern hatte er niemals erzählen können, was wirklich geschehen war. Das Risiko war zu groß gewesen. Mit seinem Tod verschwand der letzte Zeuge der Ereignisse von Falkenberg. Und so blieb die Wahrheit für immer begraben. Die Welt würde niemals erfahren, wie nahe sie ihrer eigenen Vernichtung gekommen war. ++++++++++++++++++++ Autorennotiz ++++++++++++++++++++ Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und freue mich über eure konstruktive Kritik. :) ******************** Am 24.6.2026 um 21:15 von Roman95 auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=KYcsj) ********************