******************** GUMA von Gumfet ******************** GUMA W. war fünfundzwanzig Jahre alt, als er beschloss, eine Guma zu erwerben. W. wohnte in Neu-Berlin im Villenviertel von Kreuzberg. Seine Wohnung lag im siebenundzwanzigsten Stock eines Wohnblocks von mittlerem Ansehen. Dort verbrachte W. friedliche Tage. Er erfüllte seine Bürgerpflichten, indem er täglich die obligatorischen zwei Arbeitsstunden absolvierte. Die übrige Zeit war seinen Freizeitbeschäftigungen gewidmet.W. war ruhig und sensibel. Er liebte es, zu Hause Freunde seines Alters zu empfangen, die wie er unverheiratet waren. Michael, sein bester Freund, arbeitete in der gleichen Verwaltung, doch sie trafen sich dort selten, da ihre Arbeitsstunden so gut wie nie in die gleiche Zeit fielen. Michael und W. nahmen oft die Mahlzeiten zusammen ein.Die Rechtsprechung untersagte Männern unter dreißig, mit einer Frau zusammenzuleben. Michael meinte, ein Mann müsse die Wartezeit nutzen. Er genoss Vergnügungen aller Art. W. hatte einen einfacheren Geschmack. Manchmal bedauerte er, nicht in der Vergangenheit zu leben, im zwanzigsten Jahrhundert, wo, wie man sagte, ein junger Mann schon kurz nach der Pubertät eine Familie gründen durfte. Doch damals war die Erde noch nicht übervölkert. Das katastrophale Anwachsen der menschlichen Geburtenrate hatte zu der Verordnung geführt, die gegenwärtig in Kraft war.Michael machte sich über W. lustig, als dieser gestand, dass es ihm nicht missfallen würde, wenn eine Frau sein Leben teilte. Er lachte und sagte, W. sei ein großes Kind und wisse nicht, wovon er rede. Und er veranlasste ihn, mit zum Frauenhaus in der Reservierten Zone zu gehen. Dort würde er das beste Mittel finden, um seine verrückten Ideen zu vergessen.W. begleitete Michael. Aber an manchen Tagen kam es vor, dass er keine Lust hatte, ihn zu sehen. Dann verkroch er sich in seiner Wohnung, meist im Harmonieraum, wo der Akkustikapparat durch große, in die Wand eingelassene Lautsprecher Musik ausstrahlte.W. hatte Neigungen, die seine Freunde als rückständig ansahen. Er mochte die Musik seiner Zeit mit ihrer subtilen Verbindung komplexer Tonelemente nicht. Er bevorzugte die derbere Sprache der Komponisten aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Zu enormen Preisen sammelte er die äußerst seltenen und abgenutzten Aufnahmen ihrer Werke.Zu anderen Zeiten, wenn er nicht in der Stimmung war, Musik zu hören, nahm er seinen turbinengetriebenen Wagen und machte eine Spazierfahrt an die Ostsee. Er benutzte das oberste Band der mehrstöckigen Autobahn, das am wenigsten verstopft war. Die Geschwindigkeit vermittelte ihm ein Gefühl exaltierter Trunkenheit. Er glaubte, intensiver zu leben. Dann sagte er sich, dass er die Gesellschaft von seinesgleichen hasste.Aber das war nur ein flüchtiges Gefühl. Sobald W. wieder mit Michael oder seinen anderen Freunden zusammen war, begriff er nicht mehr, wie er auf solche Gedanken hatte kommen können. Im übrigen sprach er nicht davon. Er hatte Angst, die anderen könnten ihn mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu betrachten. Und es wäre das Gerücht entstanden, er sei des Verbrechens des Individualismus schuldig. Man hatte Leute schon aus weniger triftigen Gründen eingesperrt.So war W´s Leben geteilt zwischen seiner Arbeit, der Musik, dem Wagen und der Zeit, die er mit Michael oder seinen anderen Freunden verbrachte, den Besuchen im Frauenhaus oder manchmal im Spielpalast. W. dachte nicht darüber nach, ob er glücklich oder unglücklich war. Diese Antithese existierte nur in den Büchern über die Vergangenheit. Jetzt war niemand mehr "unglücklich". Und das Wort "Glück" war heutzutage eine altmodische Wendung. Das Synonym dafür lautete "Wohlbefinden".Und doch empfand W. gelegentlich ein Gefühl des Unbehagens, als wünschte er sich etwas, das er nicht erreichen konnte. Er wusste nicht, was es war, und im übrigen machte er sich keine Gedanken über dieses Gefühl. Nichts fehlte ihm, wie jedermann hatte er alles, was er zum Leben brauchte.Was ihm fehlte, war keine Frau, denn im Haus der Reservierten Zone konnte er jede Frau finden, die er wünschte. Was das Zusammenleben mit einer von ihnen betraf, so hatte Michael recht: Es war kein Grund zum Neid, sondern eine kindische Utopie.Wären die Gumas nicht gewesen, hätte W. auf unabsehbare Zeit so weitergelebt. Es war Michael, der ihm zum ersten Mal von den Gumas erzählte. Zwar hatte W. schon von ihrer Existenz gehört, doch er hatte dieser Tatsache nicht mehr als zerstreute Aufmerksamkeit geschenkt. Er interessierte sich wenig für Tagesereignisse, denn er war der Ansicht, dass es nie etwas wirklich Neues gab.Die Gumas waren eine der neuesten in der Galaxis entdeckten Lebensformen. Eine Expedition hatte einige Exemplare von einem erdähnlichen Planeten im Orion-System mitgebracht. Die Gerüchte, die über die Gumas kursierten, hatten einige reiche Sammler veranlasst,diese Lebewesen zu kaufen. In der Folge hatten sich die Gerüchte noch verdichtet.Der Import außerirdischer Lebewesen war durch mehrere Klauseln geregelt. Entsprechende Untersuchungen mussten beweisen, dass es sich nicht um eine intelligente Rasse handelte und dass die Rasse keine schädlichen Keime einschleppte. Die Gumas hatten beiden Bedingungen entsprochen. Also waren regelmäßige Flüge zu ihrem Heimatplaneten eingerichtet worden, denn die Nachfrage nach ihnen hatte begonnen, den Markt zu überschwemmen und der Handel mit Gumas war ein gutes Geschäft.Die Merkmale der Gumas waren zu Anfang mehr oder weniger geheimgehalten worden, und zweifellos hatte W. deshalb keine Gelegenheit gehabt, sich dafür zu interessieren. In der Öffentlichkeit war nur bekannt, dass sie humanoide Geschöpfe waren, allerdings nicht intelligent. Doch diese partielle Unkenntnis dauerte nicht lange. Die Wahrheit über die Gumas, die zunächst nur hinter vorgehaltener Hand kursierte, wurde schließlich allgemein bekannt. W. erfuhr sie durch Michael.Michael plante, selbst eines dieser Geschöpfe zu kaufen. Er zeigte W. eine dreidimensionale Fotografie, die ihm ein Freund mit einem guten Posten bei einer galaktischen Importgesellschaft besorgt hatte. W. sah sich das Foto an und wusste, warum man solchen Lärm um die Gumas machte. Er hatte eine Frau vor sich, oder vielmehr das perfekte Abbild einer menschlichen Frau, und dieses Frauenbild war merkwürdig schön.W. sah Michael, dessen Augen glänzten, fragend an. Michael erzählte ihm, was sein Freund ihm erklärt hatte: Die Gumas waren Tiere, hochentwickelt zwar, aber dennoch Tiere, die weder Intelligenz noch eine Sprache besaßen, doch das gleiche Aussehen und - wie Michael betonte - die gleichen Funktionen hatten wie menschliche Frauen. Die Biologen der Expedition, die sie entdeckten, hatte ihre Art studiert. Diese weiblichen Geschöpfe pflanzten sich durch Parthenogenese fort. Männliche Individuen waren nicht entdeckt worden. Der Name, den man ihnen gegeben hatte, war von ihrem Ruf abgeleitet, einem sanften und rhythmischen Laut, der an die beiden Silben "gu-ma" erinnerte.Das Leben der Gumas war müßig und vegetativ. Die Anwesenheit der Menschen der ersten Expedition hatte sie nicht verscheuchen können. Mitglieder der Besatzung hatten sich unter die Geschöpfe gemischt. Einer von ihnen war als erster der Verlockung erlegen, die später noch viele Terraner empfinden sollten. So hatten die Männer erfahren, dass die Gumas sich zur Liebe eigneten.Nachdem die ersten Exemplare auf die Erde gebracht worden waren, stellte man fest, dass die Gumas sich schnell akklimatisierten. Ihre Nahrung war fast ausschließlich pflanzlich. Die Hydroponik-Kulturen der Erde produzierten Pflanzen, die denen ihrer natürlichen Umgebung ähnelten. Es stellte sich heraus, dass die Gumas davon ausgezeichnet leben konnten. Es handelte sich im wesentlichen um die Bestandteile der früher als "Gummibäume" bekannten Pflanzen.Die Geschöpfe ließen sich ebenso leicht zähmen wie ein Hund oder eine Katze, und sie waren jeder Laune ihres Herrn gehorsam. Sie begannen rasch, gewisse Exzesse hervorzurufen. In Nordamerika lösten sie eine neue Welle von Puritanismus aus, der sich gegen sie richtete. Die Zensoren zitierten Fälle von Männern, die mit zwei oder drei Gumas gleichzeitig zusammenlebten und sie schmählichen Praktiken unterzogen. Man raunte sich zu, Gumas seien an Misshandlungen zugrund gegangen, die ihnen von brutalen, sadistischen Besitzern zugefügt worden waren. Die Kommision für Öffentliche Moral und die Gesellschaft zum Schutz der Galaktischen Tiere begannen gleichzeitig, sich darüber aufzuregen.In Europa, wo es erst seit kurzem Gumas gab, stellten sie noch kein Problem dar. Die Regierung, die einen Mann unter dreißig für das Zusammenleben mit einer Frau streng bestraft hätte, gestand demselben Mann das Recht zu, mit einer Guma zu leben. In Europa stand die Übervölkerung im Vordergrund aller Sorgen. Dieses Problem spielte aber hier keine Rolle, denn die Verbindungen mit den Gumas blieben unweigerlich steril.Michael berichtete W. all das und sagte schließlich, er werde seine Guma sobald wie möglich bestellen. Dank seiner Beziehung zu dem Freund bei der Importgesellschaft würde er rasch beliefert werden. Er fragte W., ob dieser die Gelegenheit nutzen wolle, über ihn ebenfalls eine Guma zu bestellen. W. wollte schon ablehnen und sagen, das interessiere ihn nicht. Plötzlich fiel sein Blick wieder auf das Foto, das Michael ihm gezeigt hatte. Die Guma war sehr schön und eine eigenartige, unerklärliche Faszination ging von ihrem Anblick aus. Ohne nachzudenken und fast ohne zu wissen warum, sagte W., er nehme das Angebot an. Er bekam seine Guma in der folgenden Woche. Sie wurde in einem Spezialkäfig geliefert, der mit einem undurchsichtigen Plastiküberzug bedeckt war. Man vermied es so, die Gumas beim Transport den Blicken der Leuten auszusetzen. Bei den seltenen Gelegenheiten, wo diese Vorsicht außer acht gelassen worden war, hatten die Gumas Menschenansammlungen verursacht.Als die Lieferanten fort waren, näherte sich W. dem noch zugedeckten Käfig. Mit einer einzigen Bewegung riss er die Plastikplane ab. Dann sah er die Guma. Sie kauerte in einer Ecke des Käfigs und blickte ihn an. W. war erstaunt, denn sie war noch schöner, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie glich jener, die er auf dem Bild gesehen hatte (alle Gumas ähnelten einander wie Schwestern, hatte Michael gesagt), aber ihre körperliche Gegenwart war so verführerisch, dass kein Foto das widergeben konnte.Dann fielen W. zwei Dinge auf: die Farbe der Guma und ihr Geruch. Michael hatte ihm nicht gesagt, dass die Haut der Gumas anders war als menschliche Haut (vielleicht wusste er es selbst nicht). Das war in der Tat der einzige Punkt, in dem sie sich von der menschlichen Rasse zu unterscheiden schienen. Diese Haut, glatt und glänzend, war blass safranfarben mit goldenen Reflexen. Der sehr ausgeprägte Geruch des Geschöpfs erinnerte an.....Latex.W. öffnete die Käfigtür. Die Lieferanten hatten ihm gesagt, er brauche nichts zu befürchten, die Guma sei, wie alle ihre Artgenossinnen, vollkommen harmlos, selbst wenn sie auf den ersten Blick etwas wild erscheine. Er streckte die Hand nach ihr aus und sie ließ sich streicheln, ohne sich zu rühren. Ihre glänzende Haut fühlte sich seltsam weich und geschmeidig an. Er spürte, dass unter dieser Haut ein dumpfes Leben pulsierte und Schauer bis an die Oberfläche schickte. Es war ein unendlich verwirrender Kontakt. Bei einer irdischen Frau hatte er noch nie etwas Ähnliches empfunden.Die Guma sah ihn immer noch an. Zum erstenmal blickte W. in ihre Augen und bekam einen Schock. Die Augen des Geschöpfes waren von einem äußerst blassen Türkis, die Iris riesengroß. Ihr feuchter Blick schien den seinen absorbieren und verdünnen zu wollen. Doch eine noch seltsamere Wirkung ging davon aus, dass diesem Blick jeder menschliche Ausdruck fehlte. Er verriet weder Freude noch Furcht noch Schmerz. Er schien leer.W. ließ die Käfigtür offen und nach einigen Minuten stand die Guma auf und kam heraus. Sie war klein, ihre Füße und Hände waren zierlich, ihre Gelenke schmal. Ihr nackter, glänzender Körper glich bis auf die Schambehaarung dem einer menschlichen Frau. Doch ihr Gesicht war von etwas umgeben, das mehr nach goldenem Pelz als nach Haar aussah. Ihre Formen waren harmonisch und makellos, mit einem deutlichen Kontrast zwischen ihren gewölbten Hüften und der schlanken Taille. Die Brüste, hoch und aufrecht, wirkten im Vergleich zu dem übrigen Körper sehr entwickelt. Die Brustwarzen waren bräunlich gefärbt. Und schließlich war da das Gesicht der Guma. Ein dreieckiges Gesicht mit den großen, feuchten, türkisfarbenen Augen, von animalischer Grazie und seltsamem Charme. Der kleine Kopf erhob sich über einem langen, schlanken Hals und erinnerte an eine Blume auf ihrem Stängel. Das Geschöpf hatte den Kopf zur Seite geneigt, wie in Erwartung, und betrachtete W.. Seine Haltung schien nach Zärtlichkeit zu verlangen. Alles an der Guma war anziehend. W. begriff, warum man sich auf der ganzen Erde um die Gumas riss.Die Guma gewöhnte sich schnell an W. Er nannte sie Rubba und begann, sie zu zähmen, indem er ihr zu Essen gab. In einem Spezialgeschäft für Gumas hatte er die beste Nahrung gekauft. Nach dem Essen dankte sie ihm, indem sie zu ihm kam und ihre Wange an ihm rieb. W. streichelte sie mit der Hand. Man hatte ihm empfohlen, die Guma anfangs nicht zu erschrecken, sondern sich mit Streicheln zu begnügen. Sehr bald war sie es, die diese Zärtlichkeiten verlangte.Am Abend des zweiten Tages nahm W. Rubba mit in sein Bett. Dann gewöhnte er sich an, es jeden Abend zu tun. Später führte er sie zu der Pritsche, die er für sie in einem leeren Zimmer aufgestellt hatte. Eines Abends war er zu müde, um sie in ihr Bett zu bringen, und so schlief sie bei ihm. W. entdeckte, dass es ihm Freude machte, die Nacht mit der Guma zu verbringen. In der Folge ließ er sie mehrmals in seinem Bett übernachten. Wenn er morgens aufwachte, roch er ihren Latexduft. Er streckte den Arm aus und berührte ihren Körper, der an ihn geschmiegt war. Mit einem leisen Stöhnen erwachte sie ebenfalls. Er zog sie an sich und umarmte ihr warmes, williges Fleisch. Ihr Latexduft wurde dabei stärker und in der dritten Woche erkannte er den Grund ihrer betörenden Ausdünstung: Ihre Haut bestand aus Gummi! Aus feinstem, streichelweichen Latex, das der menschlichen Haut so ähnlich war und von der eine umwerfend sinnliche Faszination ausging. Eine Faszination, der sich W. nicht verschließen konnte und die ihn in einen Strudel der Ereignisse riss.Michael kam zu Besuch. Er war von seiner Guma entzückt. Sie stellte ihn, wie er sagte, vollkommen zufrieden. Er war überrascht und schien schockiert, als W. ihm sagte, seine Guma schlafe manchmal bei ihm. Dann fasste er sich wieder. "Du behandelst sie wie eine richtige Frau", sagte er lachend. W. dachte über diese Behauptung nach; er fand sie unpassend. Dennoch hatte Michael gut daran getan, diese Bemerkung zu machen: Er würde von nun an darauf achten, dass er der Guma nicht zu viele Freiheiten zugestand.Doch nach mehreren einsamen Nächten merkte er mit einem gewissen Erstaunen, dass die Gegenwart Rubbas an seiner Seite ihm fehlte. Ihr Duft, ihre sinnliche, weiche Haut und ihr Stöhnen, wenn er sie umarmte. Eines Tages erwachte er im Morgengrauen. Sein Bett kam ihm kalt und leer vor. Er stand auf, um die Guma zu holen. Sie schlief auf ihrer Pritsche, in ihrer Lieblingsstellung zusammengerollt. Mit einem Streicheln weckte er sie auf. Sie hob die Lider und enthüllte ihre feuchten und verlangenden Augen. Er wollte sie veranlassen, aufzustehen und mit in sein Schlafzimmer zu gehen. Doch während sie sich unter seinen Blicken langsam und mit katzenhaften Bewegungen reckte, wollte er sie plötzlich sofort besitzen. Er ließ sich auf die von ihrem herrlichen Latexduft durchtränkte Pritsche fallen. Sie öffnete ihm ihren Körper, auf dem sich das Licht spiegelte.Von diesem Tag an ließ er Rubba manchmal bei sich schlafen, manchmal suchte er sie morgens auf ihrer Pritsche auf. Außerdem begann er unmerklich, auch tagsüber ihre Nähe zu suchen. Er ging nie mehr ins Frauenhaus oder in den Spielpalast. Michael wunderte sich, dass ihm so wenig an Zerstreuung lag. Außerdem war er gekränkt, weil W. ihn seltener als früher in seiner Wohnung besuchte.Michael war immer noch mit seiner Guma zufrieden und lieh sie manchmal an Freunde aus, denen er den Schlüssel zu seiner Wohnung überließ. Eines Tages fragte er W., ob er nicht für einen Abend dessen Guma haben könne: Seine eigene war schon an einen Freund vergeben, und ein anderer Freund wartete auf den gleichen Dienst. W. weigerte sich empört und Michael war verblüfft. Schweigen breitete sich aus, dann sagte Michael mit angewiderter Stimme:"W., du bist in dieses Tier verliebt!"W. fuhr auf und sah ihn an. Michael betrachtete ihn mit Abscheu. Mit tonloser Stimme, ohne auf seine Worte zu achten, sagte W.:"Ich verbiete dir, sie als Tier zu bezeichnen."Michael antwortete nur: "Du bist verrückt geworden."Dann ging er und warf die Tür hinter sich zu. W. war blass geworden. Er ging zu Rubba und nahm sie in die Arme. Während er ihr üppiges, goldenes Haar streichelte, sagte er immer wieder: "Du bist kein Tier. Du bist kein Tier." Rubba rieb ihre Wange an ihm wie am ersten Tag, als er ihr zu Essen gegeben hatte. Sie rief leise: "Gu-ma."W. stellte sich vor, dass sie diesen Laut von sich gab, wenn sie sich wohl fühlte.Von da an teilte Rubba W.´s Leben. Er nahm sie mit in den Harmonieraum und sie lag ihm nackt zu Füßen, während er der Musik lauschte, die er liebte. Sie schloss ihre schrägen Augen halb und beobachtete ihn durch den Spalt. W. nahm sie auch im Auto mit. Er fuhr, geschützt vor indiskreten Blicken, über die am wenigsten belebten Straßen. Rubba kuschelte sich in den Sitz. Ihr Haar flog im Wind. W. brach in lautes Lachen aus und merkte, dass er vorher nicht gewusst hatte, was es bedeutete, so zu lachen. Er hatte den Eindruck, etwas Unbekanntes zu entdecken; er verstand, dass es vielleicht das war, was er früher gesucht hatte.Eines Tages nahm er Rubba mit ans Meer an einen einsamen Strand. Er wusste nicht, wie das Meer auf dem Heimatplaneten der Gumas war, aber Rubba wirkte fröhlich. Sie schwamm und planschte im Wasser, dann spielte sie im Sand und ihr beweglicher, gummierter Körper glänzte in der Sonne. W. sagte sich, dass sie zweifellos gelacht hätte, wenn sie dazu fähig gewesen wäre. Dann streckte sie sich neben ihm aus und leckte mit ihrer kleinen, rauhen Zunge seinen Hals. Mit der Hand, deren Fingernägel er regelmäßig schnitt, streichelte sie seinen verlangenden Körper.Ein anderes Mal amüsierte er sich damit, sie zu kämmen. Sie wich zurück, als er begann, mit dem Kamm durch ihren rebellischen Schopf zu fahren. Mit sanften Worten und einem Streicheln beruhigte er sie. Da ließ sie ihn gewähren. Er kämmte ihr Haar zurück und band es am Hinterkopf mit einem Band zusammen. Als er sie so im Profil sah, erinnerte sie ihn an ein altes Bild. In seiner Mikrofilmsammlung fand er eine Reproduktion: Es war eines der Portraits der jungen Frau mit dem Pferdeschwanz von Picasso aus dem Jahre 1954, ein geometrisches Profil mit reinen Linien auf hellem Hintergrund. Es erinnerte ihn an kretische Fresken. W. war entzückt.Die Tage vergingen und er trennte sich nicht mehr von Rubba. Er merkte, dass er begann, sich von der Welt zurückzuziehen, in der er gelebt hatte, und diese Welt zu verwerfen; aber er wusste nicht, wie er dem abhelfen sollte. Er war Rubba verfallen, ihrem intensiven Duft nach Latex, ihren ekstatischen Umarmungen, ihren immerwährend nach Liebe lechzenden Blicken, dem Gefühl, wenn sie sich an ihn drängte und er ihre weiche und doch so lüsterne Gummihaut genoss.Seine Freunde aber gingen ihm aus dem Weg. Man sprach von seiner verwerflichen Leidenschaft für seine Guma, von seinem Abgleiten auf eine tierische Stufe. Er war zum Objekt einstimmiger Missbilligung geworden. Die Leute, die er kannte, wandten den Blick ab, wenn sie ihn trafen. W. ging immer seltener aus.Eines Tages besuchte Michael ihn und redete ihm im Namen ihrer alten Freundschaft ins Gewissen, beschwor ihn, seine Verirrung aufzugeben. Lächelnd hörte W. ihn an. Als Michael geendet hatte, ließ er Rubba kommen, streichelte sie in Gegenwart des Freundes und erklärte:"Michael, erinnerst du dich, dass ich dir einmal sagte, ich würde gern mit einer Frau leben? Hier ist diese Frau.""Du bist verrückt", rief Michael aus, "du verlierst jeden Maßstab. Sie sind Tiere, Objekte des Vergnügens, nicht mehr. Sie sind noch weniger wert als die Einwohnerinnen des Frauenhauses. Und du wagst zu sagen, dass du eines dieser Geschöpfe liebst?"W. war vor Zorn blass geworden. Er begnügte sich damit, Rubba ohne ein Wort an sich zu drücken und Michael dabei verächtlich anzusehen. Michael gab auf. Er verließ W., nachdem er ihn vor den Konsequenzen seiner Haltung gewarnt hatte. "Die Gesellschaft lässt derart abartiges Verhalten nicht zu", sagte er. Als er gegangen war, küsste W. Rubba.Einige Zeit später musste W. wegen Verstoßes gegen das Schamgefühl eine Geldbuße bezahlen. Er war angeklagt, sich öffentlich mit einer Guma gezeigt zu haben. Zu dieser Zeit begannen sich nach amerikanischem Beispiel auch in Europa Anti-Guma-Ligen zu bilden. An einem anderen Tag wurde W. beim Nachhausekommen von hasserfüllten Nachbarn beschimpft und mit Steinen beworfen. Er beschloss, Rubba nicht mehr mit nach draußen zu nehmen.Rubba teilte jetzt sein Schlafzimmer. W. hatte die primitive Pritsche, die er für sie aufgestellt hatte, weggeworfen. Die Guma folgte ihm in der Wohnung überall hin und beobachtete aufmerksam jede seiner Gesten. W. liebte es, tief in ihre rätselhaften Augen zu blicken. Manchmal glaubte er darin etwas Ungewöhnliches, Undefinierbares zu sehen, wie eine Bewegung auf einer glatten Wasserfläche, die vielleicht nur eine flüchtige Manifestation dieses fremdartigen Lebens auf der Erde war.W. wusste jetzt, was das alte Wort "Glück" bedeutete. Er konnte Stunden in Rubbas bloßer Gegenwart verbringen, mit ihr spielen oder sie ohne ein Wort beobachten. Er litt nicht darunter, dass er nicht mit ihr sprechen konnte. Ihr Schweigen war ihm sogar angenehm. Morgens badete und frisierte er sie. Abends schlief er ein, während er sie in seinen Armen hielt und ihren süßlichen Latexduft einatmete. Manchmal machte er nachts geräuschlos Licht, um sie schlafen zu sehen.Einmal wurde Rubba krank und er dachte, sie würde sterben. Tag und Nacht saß er an ihrem Bett, entwaffnet von dieser unbekannten Krankheit, für die er kein Heilmittel kannte. Rubba befand sich in einem seltsam matten Zustand. Ihre Augen waren wie ihre Latexhaut glanz- und farblos, und sie hatte nicht die Kraft, sich zu bewegen. W. streichelte sie langsam, küsste sie, wie um ihr sein eigenes Leben einzuhauchen. Er hatte den Eindruck, sie sei sein Kind. Sie wurde gesund, ohne dass er es wusste. Eines Nachts war er eingeschlafen und als er erwachte, hatte sie sich an ihn geschmiegt und mit ihren Beinen umschlungen. Ihre Augen und die Haut waren wieder glänzend und sie sah ihn einladend an.Der Sommer kam. Die Stadt war verlassen, die Einwohner hatten sich für die Ferien in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut. Die großen Wohnblocks waren still. Durch die weit geöffneten Fenstertüren floss Sonnenschein in die Wohnung. W. und Rubba legten sich auf den Boden, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Er hatte sich angewöhnt, wie sie nackt zu leben. Bald war sein Körper kupferfarben und passte gut zu Rubbas Teint. Eines Tages, als sie vor einem Spiegel standen, sagte er sich, dass er begann, ihr zu ähneln, dass er ihr gleich wurde.Im Halbschlaf in der Sonne ausgestreckt, hing W. seinen Träumen nach. Er wäre gern fortgegangen, mit Rubba zusammen in ihre Heimat gereist. Dort würden sie ohne jeden Zwang zusammenleben. W. würde weder der Gesellschaft noch sonst jemandem Rechenschaft schuldig sein. Im Innersten wusste er, dass es nur ein Traum war, aber es gefiel ihm, sich diesem Traum hinzugegeben.Immer stärker hatte er das Gefühl, in einer separaten Welt zu leben, einer Welt, wo er mit Rubba allein war. Das äußere Universum war für ihn in den Hintergrund getreten. Die Stadt, deren geometrische Blocks und abgestufte Terrassen er durch die geöffneten Fenster sah, war durch eine Grenze von ihm getrennt. Sie war nur noch ein Bild ohne Bedeutung. Rubba gehörte nicht mehr zu dieser Stadt und nicht mehr zu diesem Universum. W. war Rubba und ihrer Latexhaut total verfallen.Manchmal, wenn er sich über die Brüstung der Terrasse beugte, wurde er von einem Schwindelgefühl ergriffen, als würden sich die breiten Straßen fünfzig Meter unter ihm plötzlich zu ihm emporheben. Er zog sich zurück, Schweiß auf der Stirn, nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren. Eine heimtückische Schwäche breitete sich in seinen Gliedern aus. Er musste sich an eine Wand lehnen, sonst wäre er gefallen. Anfangs kümmerte sich W. nicht um diese Symptome, doch nach einigen Wochen musste er erkennen, dass sie immer häufiger auftraten. Die Schwäche schien seinen ganzen Körper zu erobern, als wollte sie ihn lähmen. Er musste sich hinlegen. Rubba kam zu ihm und sah verständnislos zu, wie er von einem Unwohlsein ergriffen wurde, das sich in ihm ausbreitete, als werde er in eiskaltes Wasser getaucht.Eines Morgens fühlte er sich noch schlechter und stand nicht auf. Um sich zu zerstreuen, stellte er das Fernsehgerät in sein Schlafzimmer. Er hatte sich schon lange nicht mehr dafür interessiert, sondern sich nur mit Rubba beschäftigt. Von seinem Bett aus sah er auf dem Bildschirm die Nachrichten aus aller Welt, er tat das zum ersten Mal, seit er sich ganz zurückgezogen hatte. Und so erfuhr er die Wahrheit, die die ganze Erde schon kannte.Reglos sah er die aufeinanderfolgenden Bilder und hörte die Stimme des Sprechers. Die Rubbas hatten den Tod auf die Erde gebracht, sagte die Stimme in dramatischem Ton. Die Wissenschaftler waren unruhig geworden, als die allerersten Besitzer von Gumas Opfer einer fremdartigen Krankheit wurden, der sie bald erlagen. Danach starben nach und nach alle Besitzer von Gumas. Die Geschöpfe waren Träger eines Virus, dessen Existenz den Experten bei der biologischen Kontrolle entgangen war. Auf lange Sicht war dieser Virus für Menschen tödlich.Auf dem Bildschirm erschienen unter dem Mikroskop aufgenommene Fotos von dem Virus, den man endlich hatte isolieren können. Der Sprecher setzte seinen Vortrag fort. Die Gumas übertrugen den tödlichen Keim beim Geschlechtsverkehr auf die Menschen. Jede neue Vereinigung verstärkte die Ansteckung. Diese Ansteckung erfolgte durch ein heimtückisches Gift, das unerbittlich den Organismus durchdrang und ihn nach und nach zerstörte. Doch die Wissenschaftler hatten ein Mittel gefunden, der Krankheit Einhalt zu gebieten.Die Epidemie war zuerst in Amerika aufgetreten, wo man die ersten Gumas importiert hatte. Doch jetzt breitete sie sich auch in Europa aus, die ersten Todesopfer waren bereits gemeldet. Alle Besitzer von Gumas sollten sich also unverzüglich ihrer Tiere entledigen und sie beim Hygiene-Dienst abgegebn, der die Gumas reihenweise in Gaskammern tötete. Die Besitzer sollten sich sofort zur Behandlung in Speziallaboratorien begeben, andernfalls könnten die Ärzte keine Verantwortung für ihr Schicksal mehr übernehmen.Der Sprecher schwieg jetzt. W. schaltete über die Fernsteuerung von seinem Bett aus den Apparat ab. Lange blieb er bewegungslos liegen. Sein Gesicht verriet nichts. Als er aufstehen wollte, schien sich der Boden unter seinen Füßen zu drehen. Noch nie hatte er sich so schwach gefühlt. Beim Gehen musste er sich an jeder erreichbaren Stütze festhalten. Schweiß lief über seinen Körper.Rubba schlief auf einem Divan im Nebenzimmer. W. näherte sich ihr und betrachtete sie lange. Seine Glieder zitterten, als habe er Fieber. Er beugte sich vor, um Rubbas Latexhaut mit den Fingerspitzen zu berühren. Sie erwachte und sah ihn mit ihren sanften, nicht menschlichen Augen an."Rubba, meine kleine Rubba", murmelte er und legte sich neben sie. Er wusste, dass er bald sterben würde.Ihr Latexduft umfing ihn und sie rief leise: "Gu-ma."  ******************** Am 15.3.2026 um 10:04 von Gumfet auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=Hyc5E) ********************