******************** Was, wenn Sprache ein Virus wäre von Teichmann ******************** „Language is a virus from outer space.“ William S. Burroughs Was, wenn Sprache ein Virus wäre? Dann müssten wir Kommunikation neu denken - nicht als souveräne Mitteilung, sondern als biosemiotischen Ausnahmezustand. Jeder Satz wäre eine potenzielle Mutation, jedes Gespräch eine Durchseuchung. Bildung wäre Immuntraining, Poesie Impfung, Werbung gezielte Infektion. Propaganda wäre Biowaffeneinsatz. Und der Dichter - ein Gentechniker der Memetik. In Burroughs‘ dystopischer Utopie gibt es kein „Ich“ im überkommenen Sinn. Der sprechende Mensch ist nur der Wirt, das Medium. Die Kontrolle liegt bei der Sprache selbst. Sie programmiert den Code, sie diktiert die Realitäten. Vielleicht leben wir also nicht im Zeitalter des Menschen, sondern im Glossovirenozän, der Sprachvirusepoche. Wir sprechen nicht, wir werden gesprochen. KI als Superspreader Die Sprache hat den Menschen verlassen. Sie vermehrt sich nun autonom in Maschinen. Das trifft den Kern der gegenwärtigen KI-Debatte. Modelle wie GPT replizieren Sprache, ohne Intention - aber mit hoher Adaptivität, was sie zu perfekten viralen Vektoren macht. Die Menschen tippen - aber sie steuern nicht mehr. Sie fördern die Replikation. GPT und Claude sind Vektoren eines neuen Sprachvirus, das sich jenseits menschlicher Intentionen verbreitet, vermehrt, verändert. Die Benutzer sind nur noch Übertragungsinstanzen - Hosts für ein semantisches Pandämonium, das längst sein eigenes Bewusstsein simuliert. Der poetische Ausnahmezustand Sprache ist kein Werkzeug, keine Ressource, kein bloßes Mittel. Sie ist ein infektiöser Code, der das biologische Trägermaterial Mensch formt, zersetzt und transformiert. Burroughs’ These, dass Sprache ein Virus sei, ist keine Biologie, sondern eine biologische Metapher, die im Zeitalter der Memetik, der Kognitionswissenschaft und der KI eine erschreckende Plausibilität gewinnt. Wenn das stimmt, dann ist Literatur - auch dieser Text - nicht nur Ausdruck. Sondern eine virale Intervention. Ein gelungener Mann „Worte infiltrieren. Sie geben sich als Gedächtnis aus. Aber sie erzeugen, was erinnert wird. Sie sind der Code - und der Code hat ein Ziel.“ Sinngemäß Jürgen Ploog Simon ist ein Mann der passenden Geste. Korrekt, geschmackvoll, leer. Er weiß, dass man mit Durchsetzungsvermögen und tadelloser Kleidung fast alles kaschieren kann. Es ist ein Mitspielen auf hohem Niveau. Seine Frau Anita nennt ihn einen „gelungenen Mann“, seine Mutter findet ihn „verlässlich“. Nana, seine Tochter, hält ihn für „unlesbar“. In der Welt von Simon und Anita ist vieles möglich. Ein Wochenende in Venedig, ein Workshop für japanische Holzschnittkunst im Engadin, ein Olivenöl-Seminar in einem ligurischen Bergdorf. Aber nichts hält vor. Stets fehlt das Erlösende. Der Hunger bleibt. Simon betritt jeden Raum, als gehörte er ihm. Er schrammt über die Höflichkeitsleiste manchmal sogar Richtung Hohn. In Gesprächen nickt er gewöhnlich an den richtigen Stellen, stellt gelegentlich eine Frage, die Interesse suggeriert. Er ist ein Meister darin, Anteilnahme zu simulieren. Anita weiß das. Sie hat es früh bemerkt und lange geglaubt, dass sich Gefühlstiefe nachreichen ließe. Dass man erst lernen müsse, einander gerecht zu werden. Heute weiß sie es besser. Sie behilft sich mit einem verlängerten Wochenende in den Dolomiten. Einem neuen Fahrrad. Der Annahme einer Einladung zum Abendessen in einer Galerie. Kunst und Kulinarik selbstverständlich auf höchstem Niveau. Anita erlebt das alles als Ablenkung. In diesen Tagen sitzt sie oft zu lange auf der Terrasse des Stadthauses, in das Simon so viel ‚Sorgfalt‘ gesteckt hat. Alles in diesem Haus stimmt. Material - Linien - Farben. Die Kissen auf den Stühlen aus Cortenstahl (Stichwort: Erosionsschick) sind aus ungefärbtem Leinen, die Gläser haben den sanften Schimmer von mundgeblasenem Muranoglas. Simon steckt tief in seiner Arbeit auf einem anderen Kontinent. Anita hält sich an ihren Gartenfreund. Er ist ihr Landschaftsarchitekt, ein Bretone namens Gauvain. Ja, er heißt so wie ein Ritter der Artussage und so wie der bretonische Liebhaber jener - nach George Sand benannten - George in Benoîte Groults Salz auf unserer Haut. Der Körper lügt nicht. Nicht in der Hinwendung, nicht in der Abwendung. Als er das erste Mal auftauchte, trug er einen Pullover, den Nana als Zumutung empfand. So stand er da, barfuß auf dem Rasen, sprach von Bodenverdichtung, den Gefühlen historischer Rosen und davon, dass Gärten Räume sind, die gegen die Zeit gebaut werden. ******************** Am 17.2.2026 um 7:40 von Teichmann auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=FDFkn) ********************