******************** Die Veto-Geschwindigkeit des Hirnstamms von Teichmann ******************** ​​​​​​Das Nervensystem ist hierarchisch organisiert. In Gefahrensituationen übernimmt der archaische Hirnstamm das Kommando vom Kortex. Dieser ist auf Schnelligkeit optimiert, nicht auf präzise biomechanische Steuerung. Unter extremem Stress feuert er „Ganz-oder-gar“-Signale, die die motorischen Endplatten überfluten. Anstatt die feine Abstimmung der Muskulatur aufrechtzuerhalten, die den aufrechten Gang stabilisiert, erzeugt er einen globalen Hypertonus. Die biomechanische Struktur ist für solche groben Signale nicht gebaut; die koordinierte Umsetzung der Kräfte versagt. Die energetische Dimension verschärft das Problem. Ein handelnder Mensch benötigt präzise Blut- und Sauerstoffversorgung in der Peripherie, um Muskeln gezielt einsetzen zu können. Unter extremem Stress kann die autonome Schutzlogik den dorsalen Vagus aktivieren – eine Art „Not-Aus“ des Systems. Blutdruck und Muskeltonus sinken. Was für ein Reptil im Schlamm sinnvoll ist, ruiniert den Menschen unter Druck. Die biomechanische Funktionsfähigkeit ist blockiert, weil die Energieversorgung reduziert wird. Die Evolution arbeitet langsam. Der aufrechte Gang und die Stressoren des modernen Menschen existieren erst seit einem erdgeschichtlichen Wimpernschlag. Die Schutzlogik bleibt konservativ. Millionen Jahre lag ein Überlebensvorteil darin, lieber einmal zu viel zu erstarren, statt einmal zu wenig. Dass diese Starre in Zivilisationsmilieus kontraproduktiv ist, konnte der Selektionsdruck noch nicht korrigieren. Die systemische Überforderung entsteht in der Gleichzeitigkeit von struktureller Komplexität und atavistischer Gefahrenbewertung. Das Nervensystem kann im maximalen Alarmzustand die fein abgestimmte Statik des Menschen nicht mehr aufrechterhalten. Der „Not-Aus“-Knopf wird gedrückt, und die Paralyse ist das Eingeständnis der Überlastung. Die Schutzlogik obstruiert sich selbst und blockiert die Handlungsfähigkeit genau in dem Moment, in dem Stabilität und Kontrolle die einzige reale Sicherheit bieten würden. Dagegen hilft nur Training. Das Nervensystem exekutiert Vermeidungsreaktionen, die einer autonomen Schutzlogik folgen, aber das Gegenteil von Schutz bewirken. Sie lassen die biomechanische Struktur kollabieren. Das Leben ist ein dynamischer Prozess der Aufrechterhaltung von Ordnung gegen den allgegenwärtigen Zerfall. In den Kampfkünsten finden wir eine physische Manifestation dieses biologischen Grundgesetzes: die Fähigkeit, externen Druck nicht als Bedrohung, sondern als Quelle für die eigene Wirksamkeit zu nutzen. Die Gelenkfunktion als mechanischer Transformator Die Grundlage jeder effektiven Interaktion ist die Gelenkintegrität. Gelenke fungieren als Drehpunkte und Lastenverteiler. Wenn wir die Gelenkfunktion realisieren, bringen wir unsere Knochenstruktur in eine optimale biomechanische Ausrichtung (Zentrierung). In diesem Zustand wird eine externe mechanische Kraft nicht mehr abgebremst. Stattdessen wird die kinetische Energie des Gegenübers in das eigene fasziale System eingespeist. Hier findet eine entscheidende Umwandlung statt. Die mechanische Arbeit des Gegners wird in elastische Spannungsenergie innerhalb unserer Sehnen und Faszien transformiert. Der Körper wird zur Feder. Wir gewinnen in diesem Moment Kraft, weil wir die physikalische Arbeit des anderen nutzen, um unsere eigene Struktur vorzuspannen, ohne dafür vermehrt ATP (chemische Energie) verbrennen zu müssen. ******************** Am 17.2.2026 um 7:55 von Teichmann auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=D9wvi) ********************