******************** Vom Haß will ich reden. von ricoradis ******************** Vom Hass wollte Leon lange nicht reden. Hass war ein Wort aus anderen Zeiten, ein Wort der Fanatiker, der Schreihälse und Brandstifter. In seiner Welt sprach man von Konflikten, von Polarisierung, von gesellschaftlichen Spannungen. Hass galt als etwas Rohes, etwas, das man überwunden hatte. Doch je älter er wurde, desto häufiger fragte er sich, ob das stimmte. Denn während alle von Toleranz sprachen, schien die Wut überall zuzunehmen. Sie saß in den Kommentaren unter Nachrichtenartikeln, in den Gesichtern der Pendler, in den Stimmen der Politiker, in den Gesprächen seiner Freunde. Niemand wollte hassen, aber alle waren zornig. Niemand sprach von Feinden, aber jeder schien welche zu haben. Eines Abends stieß Leon auf einen alten Text. Er las ihn zunächst aus Neugier, dann mit wachsender Aufmerksamkeit. Der Verfasser unterschied zwischen einem kleinen und einem großen Hass. Der kleine Hass sei niedrig, schrieb er, geboren aus Neid, Kränkung und Eigennutz. Er richte sich gegen alles, was größer sei als man selbst. Diesen Hass verachtete der Autor. Doch dann sprach er von einem anderen Hass. Von einem Hass, der aus Liebe geboren werde. Wer wirklich liebe, müsse auch hassen können. Wer sein Land liebe, müsse dessen Feinde hassen. Wer Wahrheit liebe, müsse die Lüge hassen. Wer das Gute liebe, müsse das Schlechte bekämpfen. Leon las die Sätze immer wieder. Sie hatten einen gefährlichen Reiz. Sie waren einfach. Sie ordneten die Welt. Plötzlich schien alles verständlich. Das Gute stand auf der einen Seite, das Schlechte auf der anderen. Dazwischen gab es keine Grauzonen mehr. Keine Zweifel. Keine Unsicherheit. Nur Kampf. Nur Entscheidung. Nur Wille. Er merkte, wie sehr ihn das anzog. Nicht weil er grausam war. Sondern weil er müde war. Müde von einer Welt, die immer komplizierter wurde. Müde von Diskussionen, in denen niemand mehr recht zu haben schien. Müde von einer Politik, die jeden Tag neue Probleme produzierte und niemals Lösungen fand. Hass versprach Klarheit. Hass versprach Richtung. Hass versprach Stärke. Einige Tage später traf er Miriam. Sie arbeitete in einer Klinik und hatte die Angewohnheit, jeden Gedanken bis auf die Knochen freizulegen. Er erzählte ihr von dem Text. Von der Idee, dass Liebe und Hass zusammengehörten. Von der Behauptung, dass nur halbe Menschen glaubten, allein mit Liebe durch die Welt zu kommen. Miriam hörte aufmerksam zu. Dann fragte sie: „Und wen soll man hassen?“ Leon zuckte mit den Schultern. „Die Feinde dessen, was man liebt.“ „Wer bestimmt, wer diese Feinde sind?“ fragte sie. „Das sieht man doch.“ Miriam nickte langsam. „Genau das haben Menschen immer geglaubt.“ Leon schwieg. Sie tranken ihren Kaffee. Draußen zog Regen über die Straße. „Weißt du“, sagte sie schließlich, „das Gefährliche an solchen Gedanken ist nicht der Hass. Das Gefährliche ist die Liebe, auf die sie sich berufen.“ Leon runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“ „Niemand begeht Grausamkeiten für etwas, das ihm gleichgültig ist. Menschen tun die schlimmsten Dinge oft aus Liebe. Aus Liebe zu ihrem Volk. Zu ihrer Religion. Zu ihrer Nation. Zu ihrer Vorstellung von Ordnung. Je größer die Liebe, desto größer kann der Hass werden, wenn jemand behauptet, das Geliebte sei bedroht.“ Auf dem Heimweg dachte Leon lange darüber nach. Zu Hause las er den Text erneut. Diesmal fielen ihm andere Dinge auf. Der Autor sprach ständig von Liebe, aber noch häufiger von Feinden. Anfangs waren diese Feinde nur Eigenschaften gewesen: Faulheit, Feigheit, Verrat, Lüge. Doch je weiter der Text voranschritt, desto mehr verwandelten sich die Eigenschaften in Menschen. Aus dem Hass auf die Lüge wurde Hass auf die Lügner. Aus dem Hass auf Verrat wurde Hass auf Verräter. Aus dem Hass auf Schwäche wurde Hass auf die Schwachen. Aus dem Hass auf das Fremde wurde Hass auf Fremde. Der Feind wuchs mit jeder Zeile. Er wurde größer, konkreter, greifbarer. Und der Hass wuchs mit ihm. Plötzlich begriff Leon, dass dieser Hass nie zufrieden sein konnte. Er brauchte immer neue Nahrung. Immer neue Gegner. Immer neue Bedrohungen. Ein Hass, der sich einmal als Tugend begreift, kennt keine Grenze mehr. Denn jede Grenze erscheint ihm als Verrat an seiner Mission. Er erinnerte sich an seinen Großvater, der als junger Mann in einen Krieg gezogen war. Als Kind hatte Leon ihn gefragt, ob er die Menschen auf der anderen Seite gehasst habe. Der alte Mann hatte lange geschwiegen. Dann hatte er gesagt: „Nein. Das kam später.“ „Später?“ „Ja. Erst liebt man etwas. Dann fürchtet man, es zu verlieren. Dann erzählt einem jemand, wer daran schuld ist. Und irgendwann glaubt man, hassen zu müssen, um zu retten, was man liebt.“ Damals hatte Leon den Satz nicht verstanden. Jetzt verstand er ihn. Er saß lange am Fenster und blickte in die nächtliche Stadt. Überall brannten Lichter. Menschen gingen nach Hause, stritten, lachten, liebten, scheiterten. Niemand war nur gut. Niemand war nur böse. Niemand passte vollständig in die klaren Kategorien des Textes. Die Wirklichkeit war unordentlich, widersprüchlich und voller Grautöne. Genau deshalb war sie anstrengend. Genau deshalb sehnten sich so viele nach einfachen Wahrheiten. Der alte Text hatte den Hass gepriesen, weil er Ordnung versprach. Weil er die Welt in Freund und Feind teilte. Weil er den Menschen das berauschende Gefühl gab, auf der richtigen Seite zu stehen. Doch während Leon auf die Lichter der Stadt blickte, fragte er sich, ob nicht genau darin die größte Versuchung lag. Vielleicht beginnt der gefährlichste Hass nicht dort, wo Menschen ihre Feinde lieben lernen. Vielleicht beginnt er dort, wo Menschen überzeugt sind, aus Liebe hassen zu dürfen. ******************** Am 4.6.2026 um 13:22 von ricoradis auf StoryHub veröffentlicht (https://storyhub.de/?s=1lIHZ) ********************