Der Kaiser der fliegenden Stadt

Kurzbeschreibung:

Am 15.1.2017 um 19:27 von EagleWriter auf StoryHub veröffentlicht

1. Kapitel: Prolog


Das Leben und Sterben des letzten Kaisers ist eine Geschichte um die sich so viele Legenden und Mythen ranken, lasst mich euch sagen, keine davon ist wahr und wenn doch ein wahrer Funke darin ist, so nur ein kleiner. Kellvian Belfare  war weder ein strahlender Held noch ein großer Krieger. Aber ich habe ihn als einen Mann kennen gelernt, der von seinem Tun überzeugt war. Ein guter Mann zur rechten Zeit ist  mehr Wert, als all eure Armeen und Kriegshelden, die ihr so feiert. Nein, selbst im Tod von ihm als Held zu sprechen wäre, zu Lügen um den Schein zu wahren. Und ihr fragt mich nun was ihn tötete? Was ihn zu Fall brachte war nicht das Schwert. Es war Liebe. Die närrische, nur allzu menschliche Liebe eines jungen Mannes. Nicht mehr als das.  Vielleicht mag man mich hier in Frage stellen. Die Historikerwerden am Ende ohnehin schreiben, was sie wollen.
Und jetzt wo meine Hände zittrig und meine Augen Trübe werden fürchte ich, könnte mir die Kraft fehlen alles zu erzählen. Doch ich muss am Anfang beginnen damit ihr versteht. Ihr Menschen versteht immer so wenig und liebt es eure Augen zu verschließen. Doch vor dieser Wahrheit dürft ihr es nicht.
Als ich Kellvian das erste Mal begegnete war er noch ein Säugling. Hätte ich damals geahnt, dass wir alle bereits  nichts als Fäden im Netz des Meister waren, vielleicht hätte es einen anderen Ausweg gegeben. Doch die Pläne des alten Volkes, waren eine Spinnwebe in der selbst ich mich mit meiner Klarsicht längst verfangen hatte. Und der eine goldene Faden, der das ganze Gespinst trug sollte Kellvian sein. Aber ich greife voraus….
Es war im Jahre 233 der Herrschaft der Balfare Dynastie…  

-Fragmente der Aufzeichnungen des Sehers Melchior
Geheime Verschlusssache der imperialen Archive zu Vara



Die goldenen Hallen im Zentrum der fliegenden Stadt waren noch  hell erleuchtet, obwohl der Rest der sie umgebenden schwebenden Paläste längst im Dunkeln lag. Die silbernen Brücken und gewaltigen Aquädukte, welche die schwebenden  Inseln und Gebäude miteinander Verbanden schimmerten im Mondlicht, als wollten sie mit den Sternen am Himmel wetteifern. Filigrane Türme und Bauten erhoben sich, scheinbar von nichts getragen, zu den Wolken. Konstrukte, in Schwebe gehalten von uralter, unvorstellbarer Magie. Das Land unter der Stadt lag in tiefe Schatten gehüllt, nur hier und da durchbrochen von einem Feuer, wo sich der ständige Tross welcher der Kaiserstadt auf ihrem Weg folgte niederließ.  Steinmetze, Arbeiter, Diener aber auch Bettler und Gaukler aus allen Ecken des Canton-Imperiums. 
In den goldenen Hallen des Kaiserpalastes bekam man  solche Gestalten freilich selten zu sehen. Die Wände des Thronsaales waren mit dutzenden von glühenden Kristallen besetzt, welche den Raum in warmes Licht tauchten. Der Boden selbst bestand aus weißem, vollkommen glatt geschliffenem Marmor, wie er nur in den von ewigem Eis umschlossenen Steinbrüchen von Immerson gewonnen wurde und ein gewaltiges, täuschend echtes Gemälde des Abendhimmels zierte die Decke. Goldene Wolken und Sterne aus Diamanten wölbten sich über den Köpfen der Anwesenden. Das einzige, was dem übermäßigen Prunk etwas von seinem Strahlen nahm, war die einfache Holzwiege, die neben dem Aufgang zum Thron stand.
Auf dem Bernsteinthron im Zentrum des eindrucksvollen  Saals saß Kaiser Konstantin Belfare wie die hunderte von Herrschergenerationen vor ihm.  Die dunkelblonden Haare, in denen die ersten grauen Strähnen glänzten, trug er kurz geschnitten. Ein, im Glanz  des Saals fast untergehender, Reif  aus Gold lag auf seiner Stirn. Lediglich  ein einzelner, klarer Stein war als Schmuck darin eingelassen.  
Konstantin Belfare war normalerweise niemand, mit dem man Mitleid hatte. Unter ihm waren weite Teile der heutigen Reichsgrenzen erst gesichert worden und viele sahen ihn schon jetzt als einen der größten Herrscher, welche je Canton je  regiert hatten, nur noch vergleichbar mit Simon Belfare selbst, der seine Dynastie einst Begründet und den Thron in der fliegenden Stadt erobert hatte.
Heute jedoch blickte der Gebieter über fast  die gesamte bekannte Welt voller Furcht und Stummer Wut auf den schwarz gewandeten Mann der vor der Wiege und den Stufen des Throns kniete.  Die zwei mit Musketen bewaffneten Gardisten, die neben dem Aufgang Wache hielten wirkten nervös, auch wenn keiner ein Wort sagte. Die blauen Uniformen mit den vergoldeten Uniformknöpfen wiesen sie als Mitglieder der imperialen Leibgarde aus, der persönlichen Wache  des Kaisers und damit der schlagkräftigsten Truppe, welche die ewigen Schlachtfelder  des Südens je gesehen hatten. Elitesoldaten, die ihre Waffen mit tödlicher Disziplin führten. Gegen die Worte des Mannes, der dort  so ruhig vor ihnen kniete, konnten jedoch selbst sie nichts ausrichten.  Einer der beiden war unübersehbar ein Gejarn, auch wenn   Melchior bisher selten welche gesehen hatte. Er hatte schon gehört, dass Vasallenvolk des Imperiums oft im Militär zu finden war.   Ohren und Rute  des Postens zuckten, als er merkte, dass Melchior ihn musterte. Die Gestalt des Mannes erinnerte ihn an einen Löwen  auf zwei Beinen  und er überragte seinen menschlichen Counterpart um fast die Hälfte. Die Pranken allein hätten vermutlich ausgereicht, Melchior  sofort den Schädel zu zerschmettern, sollte er auf die Idee kommen, dem Kaiser irgendwie zu nahe zu kommen. Auf einem Schlachtfeld sicher ein furchterregender Anblick, aber der Seher fürchtete ihn nicht. Er kannte die Stunde seines Todes schon seit sehr langer Zeit, hatte sie gekannt, seit seine Gabe als Junge in ihm erwacht war.
,,Es tut mir leid Herr.“ , sagte er und das tat es tatsächlich. Aber es lag nicht an ihm, das Schicksal betrügen zu wollen. ,,Ich sage nur, was ich sehe.“
Konstantin legte die Stirn in Falten.  ,,Nein.“ , sagte er entschieden. ,,Ihr irrt euch, ihr müsst euch irren.“ 
Melchior schüttelte langsam den Kopf. Der Vorsehung etwas befehlen zu wollen, das brachte auch kein Kaiser fertig. 
,,Es tut mir leid, ich wünschte selber es wäre anders.“ Der Seher erhob sich und trat mit einem traurigen Lächeln an die Wiege heran. Wie sehr er wünschte, sich zu täuschen. Der Säugling, der vor ihm unter einer Seidendecke lag tat ihm leid. Selbst wenn seine Vision nicht alles enthüllte, eines war klar. ,,Er wird die fliegende Stadt zerstören. Euer Haus wird durch sein Handeln  fallen.“ Es hatte keinen Sinn, die Wahrheit schön zu reden.
,,Ihr lügt Seher.“ Der Kaiser war aufgesprungen und seine Hände ruhten demonstrativ auf dem griff eines schweren Zeremonienschwerts mit breiter Klinge. Eine untypische Waffe, aus längt  vergangenen Zeiten, eine, die wohl schon Simon auf seinem Eroberungszug geführt haben mochte. Die Enden der Parierstange waren jeweils zum Kopf eines Adlers und eines Löwen geformt, den Wappentieren der Belfare.

Melchior seufzte. Sicher, das Schicksal war nicht festgeschrieben, wie es viele der Gelehrten glaubten. Aber es gab Fixpunkte, Dinge, die unter allen möglichen Umständen geschehen würden und geschehen mussten. 
,,Es gibt einen einzigen , sicheren Weg um meine Prophezeiung herum.“ , sagte er düster. Er musste es dem Kaiser zumindest sagen, selbst wenn er sich schrecklich dabei fühlte. Wieso hatten seine Götter ausgerechnet ihn mit dieser Gabe gesegnet?
Er wusste schon, dass die Mutter des Kleinen  bei der Geburt gestorben war.  Und damit einen Mann, der daran gewöhnt war die Welt zu beherrschen mit dem Großziehen eines  Kindes  allein ließ.  Tragisch,  aber er hatte die Schrecken der gesamten Geschichte vor sich ausgebreitet gesehen. Vielleicht war Melchior der Seher unfähig geworden, Trauer zu empfinden. Der Gedanke ließ ein müdes ausgezehrtes  Lächeln über seine  Züge wandern. Der Kaiser hatte ihn selbst aus den Einöden des Nordens hergerufen und nach der Zukunft seines Kindes gefragt. Nun , so schien es, könnte dieses sich noch heute entscheiden.
,,Sprecht.“ , befahl der Herrscher hektisch.
,,Ihr könnt  das Kind töten. Jede Zukunft, die ich überblicke endet mit dem Fall eurer Stadt. Und immer ist er es, der im Zentrum steht. Wenn euch eure Stadt so viel bedeutet, wenn euch euer Haus und eure Dynastie das Wert sind, beendet es hier. Aber wenn er lebt wird die fliegende Stadt fallen.“
Als Melchior zu sprechen aufhörte, bebte der Kaiser vor Wut. Einen Moment lang rechnete Melchior tatsächlich damit, dass Konstantin aufspringen und sich auf ihn stürzen würde. Dann jedoch, wendete er sich mit kaum verhohlener Wut an seine Wachen.
,,Entfernt diesen Mann, der offenbar vergessen hat, wo er sich befindet. Erinnert ihn daran, bevor ich mich vergesse.“ Die zwei imperialen Gardisten flankierten den Seher, der jedoch die Hände abschüttelte, die nach ihm griffen. +
 ,,Vielleicht solltet ihr mich zu Ende anhören, Herr. Ihr müsst verstehen, warum dies geschehen wird… Aus der Asche kann immer etwas Neues entstehen. So auch hier.“
Der Kaiser hörte ihm längst nicht mehr zu, als einer der Gardisten den Seher unsanft am Arm packte und  in Richtung der vergoldeten Flügeltür  stieß. Und dann weiter,  hinaus in die Nacht. Melchior blickte einen Augenblick zurück auf die hohen Mauern des Palastes. Dann erst wendete er sich ab und verschwand in den dunklen Straßen.  Er  konnte warten. Was ihm seine Gabe erträglich machte, war seine Neugier. Er würde ein Auge auf den jungen Kellvian haben, wenn die Zeit gekommen war. Ein derart verwobenes Schicksal war ihm schon lange nicht mehr untergekommen.

 

2. Kapitel: Kapitel 1 Die fliegende Stadt

 

Kellvian Belfare stand am Fenster seines Zimmers und sah der unter ihm  vorbeitreibenden Landschaft zu.

Die fliegende Stadt bewegte sich nur langsam. Mit dem gemächlichen Tempo eines Wanderers schoben sich die ,etwa in Dachhöhe eines Hauses,  über der Erde schwebenden Paläste und Prunkbauten  über Flüsse, Berge und Täler hinweg.  Im Augenblick jedoch war das Land flach. Eine grüne Ebene  lediglich unterbrochen von einigen kleinen Wäldchen und einem  einzigen, breiten  Fluss, der sich mäandert wie eine silberne Schlange dahinzog.

Kell  konnte der Aussicht jedoch grade nichts abgewinnen. Gedankenverloren hob er die Hand um sich eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen, die nicht mehr da war. Seit wenigen Stunden waren seine Haare auf der rechten Kopfseite zu einem einfachen Zopf geflochten. Ein uraltes Symbol, das noch aus der Zeit stammte, als die ersten menschlichen Nomaden aus dem Eis des Nordens kamen. Das Symbol, das er das erste Mal Blut in einer Schlacht vergossen hatte. Wenn man das so  nennen konnte… Seine Hand zitterte, als er sie langsam wieder senkte. Die Wahrheit war, dass Lore ein Massaker gewesen war. Die einfache, weiße Weste, die er trug, war übersäht mit Rußflecken. Der ganze Ort hatte in Flammen gestanden, erinnerte sich, Feuer, das zum Himmel aufloderte und die Wolken in unheilvollem, rotem Licht  illuminierte.

Langsam wendete er sich vom Fenster ab. Der Raum in dem er sich befand, war genauso prunkvoll wie jeder andere Saal in dem Palastkomplex der den Bernsteinthron umgab. Die hohen Decken und kalten mit Marmor verkleideten Wände ließen alles ungemütlich und Abwesend wirken.  Auf dem roten Samt-Tuch eines Bettes, lag ein Degen mit verziertem Korbgriff und dazugehöriger Schutzhülle. Ein passender Parierdolch daneben wies noch Blutflecke auf. Kellvian  hatte sich noch nicht Überwunden, die Waffe zu säubern. Sollte sie doch verrosten. Er wusste nicht ob er sich so bald noch einmal Überwinden konnte, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Und doch würde es von ihm erwartet werden nicht? Alleine bei dem Gedanken wurde ihm flau im Magen. Aber welche Wahl hatte er schon?

 In einer Ecke des Raumes  stand ein großer Schreibtisch, auf dem sich Bücher stapelten. Manche waren aufgeschlagen, jede freie Fläche mit Notizen übersäht. Unsicher hob Kell einen der geschlossenen Texte auf.  Wehklagen der Steine – Über die Artefakte des alten Volkes. Er ließ es achtlos an seinem Platz zurück fallen. Was nützten ihm alle Studien jetzt schon. Einen Ausweg jedenfalls gab es in diesen Büchern nicht…

Jemand klopfte an die Zimmertür und riss ihn damit aus seinen Gedanken.

,,Herr ?“ Die Stimme klang respektvoll aber auch nicht so, als würde sie sich abweisen lassen.

 ,,Kommt rein.“ , seufzte er schließlich, nachdem er kurz überlegt hatte sich taub zu stellen. Aber das war natürlich kein Gedanke, der seiner angemessen war. Aber unter Zivilisten ein Gemetzel anzurichten offenbar schon. Er unterdrückte ein Kichern, ein Laut, der viel zu sehr nach aufkommendem Wahnsinn klang, als die Tür sich öffnete. Und war es nicht genau das? Die Wände um ihn schienen ihm zu eng und drohten ihm die Luft abzuschnüren und wenn er die Augen schloss… dann waren da nur lodernde Feuer.

Ein  Gejarn  in der typischen blauen Uniform der kaiserlichen Leibgarde trat ein. Das Gesicht des Mannes erinnerte Kell auf den ersten Blick an einen Bären, wies aber auch unverkennbar menschliche Züge auf. Die Krallen des Gardisten klackten auf dem Holzboden als er in den Raum trat und sich verbeugte. Vermutlich würde irgendein armer Teufel später wieder Fluchen, wenn er die Kratzer herauspolieren musste. Ein Gejarn mit Schuhen wäre allerdings auch  ein wahrhaft seltsamer Anblick. Kells Gesichtszüge hellten sich etwas auf.

,,Was gibt es denn Syle ?“ , wollte er wissen.

,,Der Ordensoberste sucht nach euch, Herr.“ , meinte er lächelnd. Vermutlich hätte dieses Grinsen manchen Menschen Angst gemacht, ließ es doch viel zu viele, scharfe Zähne erkennen. Kell hingegen grinste Ebenfalls. Der Orden war bei den Gejarn  verhasst wie kaum etwas sonst und auch wenn er diese Abneigung nicht teilte, einem Treffen mit Tyrus sah er auch nicht unbedingt entgegen. Nicht mehr.

,,Lasst mich raten. Er hat heute ausnehmend  gute Laune?“ , fragte Kell.

Syle schien ein Lachen unterdrücken zu müssen. ,, Ihr kennt ihn, Herr. Besonders Gute. Wie immer. “

 

 

Tyrus Lightsson war eine beeindruckende Erscheinung. Wie der Rest seiner Zunft trug er einen offenen, türkisfarbenen Mantel. Während dieser schlicht und für alle Ordensmitglieder gleich war, glänzten darunter die Abzeichen seines Ranges. Ein goldenes Symbol in der Form eines Blutstropfens prangte auf weißem Grund über seinem Herzen. Dunkle Augen sahen unter einem paar ergrauter Augenbrauen hervor und die Haare fielen ihm entgegen der Mode bis fast auf die Schultern. Das Gesicht hingegen war glatt rasiert und kantig. Tyrus war kein Schreibtischmensch, wie es viele der hochrangigen Militärs und Adeligen am Hof der fliegenden Stadt gerne wurden  und obwohl das Alter auch an ihm nicht spurlos vorbei ging strahlte er nach wie vor eine Selbstsicherheit aus, wie man sie nur bei den erfahrensten Kriegern fand. Menschen, die den Tod oft genug ins Auge gesehen hatten um ihn nicht länger zu fürchten. Lediglich die schrecklichen Narben, die sich über seinen linken Arm zogen, nahmen dem Mann etwas von dieser Sicherheit. Die tiefen Gruben und das helle Narbengewebe waren mehr als nur entstellend und erstreckten sich von seinem Ellbogen bis zum Ansatz des Halses.

 Tyrus Lightsson war nicht länger in der Lage, den Arm vernünftig zu heben. Nutzlos baumelte die Hand neben seiner Hüfte. Als Krieger hatte er ausgedient, aber niemand wäre so dumm, ihm das ins Gesicht zu sagen. Und Kellvian war nicht dumm genug ihn deshalb zu unterschätzen. Da der Ordensoberste als Kämpfer ausfiel, hatte Konstantin Belfare eine neue Aufgabe für ihn gefunden. Und in dieser ging  Tyrus, sehr zum Leidwesen Kells, völlig auf.

 

Der Kampfraum in dem sie sich befanden, war erst eingerichtet worden, nachdem Tyrus in die fliegende Stadt gekommen war. Zwar war die Decke mit Stuckwerk verziert und der Boden bestand aus kunstvoll gearbeitetem schwarzem Marmor, aber  alle Möbel, ausgenommen einiger Ständer mit stumpfen  Übungswaffen, waren aus dem Raum verschwunden. Der Saal war so nüchtern, wie es nur möglich war. Drei große Fenster erlaubten einen Blick über mehrere Innenhöfe hinweg, welche die Palastgebäude umschlossen. Springbrunnen und kleine Parkanlagen reihten sich aneinander, zusammen mit Lagerhallen und Quartieren für die Gardisten, welche den Palast bewachten. Nicht, dass das nötig gewesen wäre.

Die fliegende Stadt war möglicherweise der sicherste Ort im gesamten Imperium. Eine Armee, die es wagen würde die Stadt anzugreifen sähe sich selbst mit der Aufgabe konfrontiert überhaupt erst einmal hinein zu gelangen. Und welche Bedrohung würde es wagen, das Herz des Kaiserreichs zu attackieren? Ein paar wilde Gejarn  in den Herzlanden  sicher nicht. Und die Unruhen an den Grenzen waren weit entfernt.

Kellvian und der Ordensoberste standen sich nur  wenige Schritte entfernt gegenüber. Tyrus hatte die verletzte Linke hinter den Rücken verschränkt, während er in der Rechten einen Degen hielt. Auch wenn ihm das einen Nachteil verschaffte, war es Kellvian, der sich alle Mühe gab, seine Nervosität zu unterdrücken. Die Waffe in seiner Hand fühlte sich ungewohnt an. Das hatte sie immer getan, wenn er ehrlich war und in den Wochen und Monaten die Tyrus ihn jetzt trainierte, hatte er sich auch nie sonderlich sicher damit gefühlt… aber das hier war noch einmal anders.  Als wäre das Stück geschmiedeter Stahl in seiner Hand etwas Fremdes. Aber er musste sich konzentrieren, ermahnte der junge Mann sich. Wenn nicht, würde er dafür mit ein paar blauen Flecken bezahlen.

Kell, die Waffe verkrampft umklammert, machte einen Ausfallschritt zur Seite und versuchte damit in die schwache Seite des Ordensobere zu kommen. Dieser reagierte jedoch sofort und schlug den Degen mit einer einzigen, fließenden Bewegung bei Seite. Kell spürte den kurzen Ruck, als die Waffe seines Gegners sich in seine Schulter bohrte. Auch wenn die Klinge stumpf war, Tyrus schlug mit aller Kraft zu und der Hieb ließ ihn einen Schritt zurück taumeln.

,,Ihr seid unkonzentriert.“ , meinte der Ordensoberste , während Kell seine Waffe erneut aufhob.

Und ob, dachte Kellvian. Wenn es nach ihm ginge, wäre er überhaupt nicht hier, aber Tyrus nahm natürlich keine Rücksicht darauf. Es wurde von ihm erwartet. Und von Kell erwartete Mann, das er nicht zeigte, was in ihm vorging. Von einem Kaiser jedenfalls erwartete man es.

Tyrus war nie unhöflich, auch wenn er sich meist kühl und distanziert gab , aber auch wenn er es nicht offen aussprach, Kell war klar, was er dachte. Seit seinem sechzehnten Sommer war Kellvian erlaubt eine Waffe zu tragen und fast genauso lange hatte der Ordensobere ihm den Umgang damit beigebracht. Oder es zumindest versucht.  Aber egal, wie sehr er sich bemühte, der erfahrene Kämpfer war ihm  nach wie vor weit überlegen. Und Tyrus war nicht nur hier, um ihn Schwertkampf zu lehren.

Sobald er das Schwert wieder in der Hand hatte, griff der Ordensoberste ihn an. Kell sprang zurück, jedoch einen Moment zu spät. Die Klinge traf seine Wange und Kellvian stolperte erneut zurück. Ein Auge zusammen gekniffen und sich die Wange haltend.

,,Wofür war das denn ?“ , wollte Kell wissen. Tyrus war zu geschickt, als das ihm ein solcher Treffer aus Versehen geschehen würde. Auch wenn er es sicher behaupten würde, sollte man ihn fragen. Es war seine Art der Strafe, mehr nicht.

,,Fürs Unkonzentriert sein.“ Tyrus senkte die Waffe. ,,Genug für heute.“

Kell seufzte. Ihm konnte es nur recht sein. ,,Schön.“

,,Ich denke…“ Tyrus brach im Satz ab und griff sich an die Brust, genau dort wo das goldene Symbol über seinem Herzen war. Von einem Augenblick auf den anderen, war er aschfahl geworden und schwankte sichtlich

Kell sprang sofort herbei um ihn zu stützen, bevor er fallen konnte. Ohne weitere Vorwarnung sackte der alte Mann in sich zusammen, während er sich zu einem Stuhl in einem angrenzenden Raum helfen ließ.

,,Geht es euch gut ?“ Vorsichtig führte er dem Ordensoberen von der dunklen Marmorfläche in den angrenzenden Raum und half ihm sich dort auf einen Stuhl zu setzen.

,,Es geht vorbei.“ , sagte Tyrus schwer atmend. Nur langsam wurde er wieder ruhiger, während er sich auf seinem Platz zurück lehnte und die Augen schloss. ,, Das ist der zweite Anfall heute.“ Ein müdes Lächeln huschte über seine Züge.

Und es wurden mehr, dachte Kell. Wenn ihn seine Verletzungen plagten, wirkte der Ordensoberste plötzlich nicht mehr kalt… oder bedrohlich was das anging. Nur wie ein alter Mann, der das Ende seiner Tage vor Augen hatte. Und alles was Kellvian in diesem Moment für ihn empfinden konnte war ein seltsamer Anflug von Mitleid.   Er hob eine Hand und legte sie dem Mann auf die Stirn. Dieser ließ ihn gewähren.

,,Du weißt, du kannst das nicht heilen, Kellvian. Das haben schon ganz andere versucht.“  Und es wäre gefährlich. Die Warnung die in seinen Worten lag, war klar. Kellvian trug das Erbe seines Hauses in den Adern, das Blut des alten Volkes, die Quelle der Magie. Aber Magie war kein Werkzeug, das man Rücksichtslos gebrauchen konnte. Der Preis für diese Macht war die eigene Lebenskraft, wie Tyrus ihm von Anfang an ermahnt hatte… Und nichts konnte diese wieder herstellen, verlor man sie einmal. Zauberer konnten sich nicht selbst heilen. Sie brannten aus, wie Kerzen.

,, Eure Schmerzen lindern kann ich schon.“ Kell schloss kurz die Augen und suchte nach dem ruhigen Zentrum seines Verstandes. Ein tiefes Gefühl des Friedens überkam ihn,  und er konnte spüren, wie sich die verletzten Fasern um Tyrus Herz etwas erholten. Aber wie dieser schon Angekündigt hatte, egal wie sehr er sich konzentrierte, er konnte den eigentlichen Kern der Verletzung nicht finden. Der Heilzauber verfehlte sein Ziel.

,,Ich habe selten jemanden kennengelernt, in dem das alte Blut so stark ist wie bei dir Junge.“ Tyrus nickte anerkennend.

,,Danke.“

,, Das war kein Lob. Du kannst nicht damit umgehen.“ Tyrus richtete sich etwas auf seinem Platz auf. Jetzt wo der Anfall vorüber war, schien er sofort wieder zu seinem alten, abweisenden selbst zurück zu kehren. ,,Verfluchte Gejarn .“

,,Sitzt euer Groll so tief ?“ , fragte Kell.

,, Ich möchte dich  sehen wenn dich  eine dieser Bestien mit ihren Krallen fast ausweidet.  Die sind messerscharf, lass dich ja nie davon täuschen, das einige von ihnen  so tun als wären sie Menschen. Sie sind es nicht."

Kellvian seufzte. Egal wie sehr er Tyrus ,trotz dessen Rauer Art  schätzte, wenn das Gespräch auf den Aufstand der Gejarn zu sprechen kam, gab es kein Diskutieren für den alternden Kriegszauberer.  Und mit Tyrus darüber diskutieren zu wollen, hatte etwa genau so viel Erfolg, wie sich mit ihm zu duellieren. Am besten war es, ihn einfach reden zu lassen.

,,Ich verstehe ja auch nicht, wieso sich einige ihrer Clans plötzlich vom Reich lossagen.“ , gab er jedoch zu.

,,Also, was beschäftigt dich  so, dass du nicht mal mehr ein Schwert halten kannst ? “ Tyrus war wieder ganz der Alte, distanzierte Haudegen. ,,Und versuch erst gar nicht mich anzulügen.“

,,Glaubt ihr an Schicksal ?“ , fragte Kell. Es war mehr eine Ausweichfrage. Glaubt ihr, dass es Vergebung gibt? Glaubt ihr, dass dies alles geschehen musste, oder habe ich eine Wahl gehabt?

Tyrus schüttelte lediglich den Kopf. Kellvian konnte ihm ansehen, was er von solchen Fragen hielt. Es war nichts, womit sich ein Kaiser beschäftigen sollte…

,,Um so etwas macht ihr euch  Gedanken ?“ Eine Weile lang sah es nicht so aus, als würde der alte Zauberer  noch mehr dazu sagen. Dann jedoch seufzte er. ,, Nein. Nicht im Sinne der Gelehrten zumindest. Wir mögen alle Fäden sein, die zu einem großen Gespinst gehören. Aber wohin wir gehen ist uns überlassen. Jeder Faden kann schwingen. Oder reißen. Aber das ist es doch nicht wirklich was dich bekümmert… oder  ?“

,,Ich weiß nicht. Ich glaube ihr würdet sagen ich bin mir nicht länger sicher, was ich eigentlich will.“ Oder was er war. Er sollte eines Tages ein Kaiser sein aber… wie konnte er das?  Nicht so jedenfalls. Und er würde hier keinen Frieden finden, das wusste er so sicher, wie das Tyrus es nicht verstehen würde. Er würde ihn verlachen oder verrückt nennen. Und war es nicht genau das? Vollkommen verrückt? Er überlegte tatsächlich, alle Pflichten über Bord zu werfen.  Und er war zu Feige wenigstens dazu zu stehen…. Unverantwortlich… Aber war es nicht das, dem er entkommen wollte ? Verantwortung ?

,, Du bist der Erbe des Reiches. Du solltest nicht wegrennen. Egal vor was.“ Es war, als hätte Tyrus seine Gedanken gelesen. Doch statt ihn weiter zu tadeln, lehnte der alte Zauberer sich erneut zurück und wurde einen Augenblick ruhig.  ,, Nachdem was vorgefallen ist, wird man euch kaum einfach so aus dem Palast lassen, geschwiege denn aus der Stadt.“ , sagte er schließlich nachdenklich . ,,Wisst ihr ich bin in meiner Jugend viel Gereist und ich kann nicht sagen, dass es mich zu einem schlechteren Menschen gemacht hat. Auch wenn einige das Gegenteil behaupten mögen…“

Vor allem wenn sie keine Menschen sind, dachte Kellvian.

,,Ich hatte nicht erwartet, das ihr das gut heißt.“

,,Was bedeutet gut heißen ? Ihr wollt eines Tages Kaiser sein. Ihr solltet eure eigenen Entscheidungen treffen. “

,,Von wollen ist hier weniger die Rede,  Tyrus.“

Der Zauberer lies den Blick einen Moment in die Ferne schweifen. ,,Wenn du nach meiner Meinung fragst  Kell, tu was du nicht lassen kannst . Wenn du  aber nach einem guten Rat fragst… dann lass mich dir folgendes sagen. Wenn dich  Belastet, was während der Schlacht in Lore passiert ist,  lern damit zu leben und Freunde dich  mit dem Gedanken besser an. Dies ist, was man von dir erwartet. Leb damit. Und wenn es wegen ein paar Gejarn-Bauern geschieht, umso schlimmer.“

,,Vielleicht.“ Mit dieser Reaktion hatte er gerechnet. Ich werde mich zurück ziehen.“ , erklärte er, bevor er sich auf den Weg aus dem Raum machte.
Tyrus sah ihm einen Augenblick lang nach. ,,Sicher.“ , flüsterte er. Der erste Schritt war getan. Der Junge würde sich nicht von seinen Worten abhalten lassen, das wusste er. Ein Wort nur und er könnte das alles verhindern. Aber das war ihm nicht möglich. ,, Aber im Gegensatz zu euch, Junge, habe ich meine Pflicht nicht vergessen. „ Tyrus  erhob sich mit einem gequälten Gesichtsausdruck. Die alten Wunden schmerzten nach wie vor. Und kein Zauber, den er kannte konnte der Pein lange  Einhalt gebieten. Auch in seinen Adern pulsierte das Blut des alten Volkes. Magie in ihrer Reinform. Der ganze Sanguis-Orden existierte nur deshalb. Und die Macht, die ihnen gegeben war,  war zu sehr viel mehr zu gebrauchen, als nur zur Heilung, auch wenn er Kell niemals darin unterweisen würde. Der Junge würde die destruktive Seite seiner Kräfte noch früh genug entdecken. Und  wenn er das tat, würde er Tyrus hassen, das war ihm klar.  Mehr, als er es vielleicht ohnehin schon tat . Der Junge musste noch sehr viel lernen. Manche nenne die wilden Gejarn  Monster. Verdammt er selbst nannte  sie Monster. Aber die eigentlichen Monster waren vielleicht sie. Ein seltsam melancholischer Gedanke. ,,Gute Reise und Viel Glück.“ , flüsterte er nur wieder leise. Sie alle würden ihre Rolle spielen. So oder so.

3. Kapitel: Kapitel 2 Ein Kaiser auf der Flucht



Kellvian löste das Band aus seinen Haaren und lies es achtlos bei Seite fallen. Drei Tage war sein Gespräch mit Tyrus jetzt her… und seine Entscheidung stand. Wenn es je eine Gelegenheit gegeben hatte, den Palast unbemerkt zu verlassen, dann wohl heute. Kellvian wusste, das gestern eine ganze Gruppe der wichtigsten Adeligen des Landes eingefunden hatte. Und die meisten davon, würden kaum Zeit verschwenden um vor dem Kaiser vorstellig zu werden. Auch wenn die nächste Adelsversammlung erst in einigen Monaten stattfinden würde… Repräsentation bedeutete für diese Leute alles.  Und so würde sich heute die Aufmerksamkeit aller auf den Thronsaal, die umliegenden  Hallen und die Tore richten um sicherzustellen, dass die Gäste des Kaisers ungestört blieben… aber auch unter Beobachtung. Man würde Wachen aus den anderen Teilen des Kaiserpalastes abziehen müssen… und man ihn erst zum eigentlichen Empfang erwarten, der erst in einigen Stunden stattfinden würde.  Und mit einem hatte Tyrus sicher Recht.

Man würde ihn nicht einfach aus dem Palast spazieren lassen. Und erst recht nicht aus der fliegenden Stadt. Nicht nachdem was geschehen war.

 Auf der anderen Seite jedoch, konnte er nicht bleiben. Selbst wenn er wenig gegen das Gefühl tun konnte, das schlicht fortlief… wenn er noch länger innerhalb dieser Mauern blieb wurde er wahnsinnig. Wie oft konnte man durch die immer gleichen Gänge wandern und sich die immer gleichen Fragen stellen? Fragen, die er niemals wagen würde, laut auszusprechen, weil er die Antwort, die er bekommen würde nur zu gut kannte. Man würde ihn einen Narren schimpfen. Oder ihn nur kaltes Schweigen erwarten. Man erwartete von ihm, dass er diese Gedanken erstickte. Ein Herrscher zögerte nicht. Und zu was machte ihn es dann, wenn er es doch tat? Vielleicht gab es ja einen Weg, das heraus zu finden. Er musste, wenn er noch einmal so etwas wie Frieden finden wollte. Die Bilder waren noch ganz nah, sobald Kell die Augen schloss. Die Feuer. Das Blut. Die Schreie. Und über allem der kalte Blick seines Vaters und die stählerne Mine des Hochgenerals.

Seine Entscheidung stand fest, trotz des schlechten Gewissens. Er schlich sich davon, doch was konnte er sonst tun? offen mit dem Kaiser sprechen… das war närrisch.  

Kell  vermied es, von dem Mann auf dem Bernsteinthron als seinen Vater zu denken. Zu Fremd war ihm diese ferne Gestalt, mit der er kaum ein Wort in der Woche wechselte. Und wenn doch waren diese Gespräche in seiner Erinnerung gezwungener als die mit Tyrus. Tyrus erwartete wenigstens Ehrlichkeit von ihm. Konstantin Belfare, erwartete nur einen würdigen Erben zu sehen. Kell hatte es nur einmal mit einer ehrlichen Antwort versucht. Und die Reaktion darauf war Tyrus  Berufung an den Hof gewesen.

Kellvian schulterte seinen Rucksack, den er nur lange genug abgesetzt hatte um das Band zu beseitigen. Auf eine seltsame Art fühlte er sich bereits freier ohne dieses lächerliche Ding. Auch etwas, das man natürlich nie zulassen würde. Vor allem nicht, vor dem versammelten Adel Cantons… Der Kaiser würde ihn als seinen Erben festigen wollen. Und dazu gehörte auch, dass er sich in den Augen dieser Männer als Krieger bewährt hatte. Er hätte am liebsten laut gelacht. Mit raschen Schritten verließ er den Raum, durchquerte ein Dutzend weitere, bis er schließlich einen der Flure erreiche.   Vermutlich gab es hier sogar bei weitem mehr Räume als Angestellte. Der Palast war groß genug, das selbst er bei weitem noch nicht alle Räume kannte und manche Bereiche waren selbst ihm versperrt. Die Katakomben beispielsweise, die sich tief in den schwebenden Felsen auf dem die oberirdischen Gebäude standen, erstreckten. Und mit dem bevorstehenden Feierlichkeiten zur Begrüßung der Adelsversammlung war es nicht verwunderlich, dass die Hallen und Gänge , welche er durchquerte Größtenteils verlassen dalagen, auch wenn sie von dutzenden von Kerzen oder Kristallen hell erleuchtet wurden.

Die Kleidung die er trug, wäre gut genug. Stabil und nicht zu auffällig und in dem Rucksack auf seinen Schultern befanden sich zusätzlich genug Vorräte für ein oder zwei Tage, wenn er vorsichtig war. Zusätzlich hing an seinem Gürtel noch ein einfacher Degen, den er mit erstaunlich wenig Mühe aus den Waffenkammern hatte entwenden können. Dann wiederum, wer würde es wagen ihn in Frage zu stellen? Wenigstens diesen Vorteil hatte seine Herkunft. Eine Pistole und eine Rolle handtellergroßer Goldmünzen vervollständigten alles, was er fürs erste brauchen würde. Kurz musterte er den Siegelring an seiner Hand und überlegte, ihn hier zu lassen. Aus einer Laune heraus, ließ er ihn am Finger. Im Notfall, wenn ihm das Geld ausgehen sollte, könnte er das Stück nach wie vor verkaufen. Das in Silber und Gold gehaltene Emblem darauf zeigte einen Adler und einen Löwen, das Zwillingssymbol des Canton-Imperiums. Kellvian  wendete den Blick ab und verschnürte seine Sachen, bevor er sich das Bündel über die Schulter warf und auf den Flur hinaus trat.

Es gab genau zwei Wege aus der fliegenden Stadt. Der erste war, mit einem Seilzug oder einem der neumodischen Ballons abzusteigen. Angeblich plante einer der Fürsten im Norden sogar eine ganze Flotte großer Himmelsschiffe, aber das konnten auch nur Gerüchte sein.

Die zweite Möglichkeit war springen…  Die fliegende Stadt sank Nachts ein gutes Stück aus den Wolken herab, bis sie teilweise fast die Baumwipfel streifte. Niemand wusste genau, warum sie das tat, aber die uralten Zauber, welche die Gebäude in Schwebe hielten waren auf eine Art intelligent, die beinahe unheimlich war. Vielleicht hatte es einmal, zu Zeiten des alten Volkes, mehrere solcher schwebenden Konstrukte gegeben und es war ihre Art gewesen, im Dunkeln einen Zusammenstoß zu vermeiden. Auf ihrem Weg über die Lande wichen die levitierenden Inseln und Paläste jedenfalls jedem Hindernis aus.   In jedem Fall war ein Sprung zu schaffen, wenn er vorsichtig war. Unter der Stadt zog im Augenblick  ein Fluss entlang, welcher die bewaldete Ebene teilte, die sie grade überquerten. Im Mondlicht schimmerte das Wasser wie Quecksilber und ließ bei einem Blick aus dem Fenster die Ufer nur erahnen. Er müsste sich schon blöd anstellen um das Wasser zu verfehlen.

Innerhalb der Mauern gab es keinen Anlass für Posten, lediglich an den Zugängen und an den Türen zum Thronsaal selbst patrouillierten momentan sicher die Musketiere der imperialen Garde. Und sie waren stolz darauf, dass seit dem Aufstieg Simon Belfares zum Kaiser vor mehr als zweihundert Jahren kein Kaiser mehr innerhalb dieser Mauern Opfer eines Angriffs geworden war. Kellvian lief eine offene Galerie entlang, von deren glaslosen Fenstern aus er einen Großteil der schwebenden Stadt in der Ferne  überblicken konnte.  Fast wie Sterne erschienen ihm die in der Nacht schimmernden  Lichtpunkte, welche die einzelnen  künstlichen Inseln markierten. Die langen Silberbrücken dazwischen wirkten im Mondlicht beinahe ätherisch, jedoch wusste Kell, das fast nichts diese uralten Konstrukte beschädigen konnte. Magie, älter als sich jemand vorstellen konnte hielt die Wege sauber und jedes kleine Detail intakt, als hatten die Magier des alten Volkes darauf abgezielt, ihr Werk tatsächlich ewig zu machen. Außer der fliegenden Stadt war trotz all ihrer Macht letztlich aber nichts von ihnen geblieben. Nur einige verstreute Ruinen und Tempel kündeten noch von einer Zivilisation, die einst ,selbst über die heutigen Grenzen Cantons hinaus, die Welt beherrscht hatte.

Kell beeilte sich nun, die Galerien und Hallen hinter sich zu lassen. Sein Ziel war jetzt greifbar nah. Er wusste, dass sich am Ende des Gangs ein Zugang auf eine der vielen Silberbrücken befand, die er vom Fenster aus gesehen hatte. Das wäre sein Schlüssel zur Freiheit. Sobald er aus den Mauern hinaus wäre konnte er warten, bis die Stadt mittig über dem Fluss war und dann… musste er nur noch den Mut finden zu springen. Ein wenig mulmig wurde ihm bei dem Gedanken schon. Du schaffst das schon, sagte er sich. Die Alternative war, hier bleiben und zurück in seine Quartiere zu hechten um sich noch irgendwie rechtzeitig auf die Feierlichkeiten vorzubereiten. Das wäre schlimmer als sich einmal seiner Höhenangst zu stellen…

Trotzdem blieb Kellvian kurz stehen. Sobald er aus den Mauern herauswäre, begann doch eigentlich erst alles für ihn. Dieser Ort war in den letzten Tagen unerträglich geworden. Erstickend.  Allerdings wäre es wohl eine Lüge zu behaupten, dass das je anders gewesen war.  Diese Hallen waren ihm nie wirklich heimisch gewesen und nun  war es an der Zeit endlich allem dem Rücken zu kehren.

Bevor er das Tor nach draußen  jedoch erreichte, hörte er plötzlich Schritte. Rasch duckte er sich in eine Mauernische zwischen zwei Marmorsäulen und wartete.  Es war kein besonders gutes Versteck, aber wenn man nicht zu genau hinsah, konnte es klappen. Die Stiefelschritte kamen jetzt allmählich  näher und Kell spähte vorsichtig in den Gang hinaus.

Das erste, was er sah, war die große Gestalt eines Bären, der selbst die hohen Decken im Palast zu niedrig wirken lassen konnte. Die Uniform der kaiserlichen Leibgarde, die er trug war ihm ein gutes Stück zu klein und spannte sichtlich an den Knöpfen. Einen Menschen hingegen wäre der Rock vermutlich bis weit über die Knie gefallen. Syle…

In der Begleitung des Gejarn wiederum befand sich eine zweite Gestalt, die neben ihm geradezu winzig wirkte.  Kell kannte längst nicht alle Mitglieder der Palast-Garde beim Namen, aber die meisten Gesichter waren ihm vertraut. Der Mann neben Syle trug einen gewaltigen Schnauzbart im Gesicht und sah dem Gejarn damit fast ähnlicher als einem Menschen. Auf dem Kopf trug er ein Barett in der Fabre seiner Gardrobe unter dem er den frühen Haarausfall zu verbergen suchte. Die Gardisten wurden normalerweise angehalten, Bärte und Haare kurz zu halten und es gab nur wenige, die sich über diese Anweisung längere Zeit erfolgreich hinwegsetzten. Walter de Immerson jedoch konnte immerhin ein wenig Einfluss geltend machen um einer Schur zu entgehen. Er war ein  junger Adeliger aus Silberstedt, der erst seit einem halben Jahr bei der Garde war und stammte aus dem größten Fürstenhaus der gleichnamigen Provinz.

Kell atmete auf. Er kannte beide gut genug um zu wissen, dass er durchkommen würde. Obwohl er sowohl Syle als auch seinen Begleiter mochte, ihr Pflichtgefühl würde ihn davor schützen, das sie zu viele Fragen stellten.

,,Abend die Herren.“ Er trat aus seinem Versteck und natürlich wanderte der erste Blick der beiden Gardisten zu seinen verunstalteten Haaren.

,,Herr , ihr…“ Syles Augen wanderten weiter zu dem provisorischen Rucksack auf Kells Schultern. ,,Ist etwas passiert ?“

,,Ja natürlich.“ Kell wusste nicht, wie viel er riskieren konnte. Wobei es kaum eine Rolle zu spielen schien. Entweder es funktionierte oder es funktionierte nicht.

,, Wenn ihr so freundlich wärt, mir tragen zu helfen ?“ . Ohne Vorwarnung drückte er De Immerson den Rucksack in die Hände. ,,Ich habe vor einen kleinen Spaziergang zu machen.“

,,Herr, ich hoffe ihr wisst, das man euch heute Abend im Thronsaal erwartet “ , sagte Syle in dem für ihn typischen, etwas stockenden Akzent.

,,Oh…“ Kell stellte sich enttäuscht. ,,Und das an einem so schönen Abend. Und ich schätze ihr habt nicht vor zuzulassen, das ich meinen Vater enttäusche. Ich hatte ohnehin  nur vor, ein wenig die Silberbrücken entlang zu gehen.“

,,Ihr seid der Sohn des Kaisers aber ich glaube nicht… das euch viel Zeit dafür bleibt.“ , sagte nun Syles Begleiter, Walter.

,,Ich verstehe.“ Er nahm dem jungen Adeligen den Rucksack wieder aus den Händen. ,,Und ich dachte…“

,,Was ist eigentlich in der Tasche ?“ , wollte Syle wissen. Hatte er doch zu viel riskiert? Syle war aufmerksam wie ein Luch, wenn es um die Sicherheit im Palast ging

,,Nichts Besonderes. Es wird draußen kalt sein…“  Er zog einen Zipfel Ersatzkleidung  aus dem Beutel du hoffte, dass es als Umhang durchging. ,, Aber das kann ich euch zufolge ja  vergessen. Man hat euch befohlen, ein Auge auf mich zu haben, nicht wahr?“

,,Herr, ihr habt jederzeit und so gut wie möglich unter Beobachtung zu stehen. So bedauerlich das ist.“ , sagte Syle.

,,Wenn das seine Befehle sind, dann spricht doch nichts dagegen, das ich den Palast eine Weile verlasse. Solange ihr mich begleitet.“

,,Aber…“ , setzte Walter an.

,,Das heißt dann wohl ja. Also, wenn ich unter Beobachtung stehen soll, solltet ihr besser mitkommen.“

Syle zuckte mit den Achseln. ,,Eine Warnung mein Herr.“ Er lächelte. ,,Ich kenne euch jetzt lange genug.“

,,Oh keine Sorge. Ich tue nichts Unüberlegtes. Ich brauche nur dringend frische Luft.“ Das war so gesehen nicht einmal eine Lüge.

 

Als er auf die Silberbrücke hinaus trat schlug ihm kühle Abendluft entgegen. Es war nicht unangenehm lediglich belebend und der Winter lag noch in weiter Ferne. Bevor der erste Schnee fiel wäre die fliegende Stadt vermutlich ohnehin längst auf ihrer ewigen Wanderung unterwegs Richtung Süden.

 Der Boden unter Kells Füßen schien aus versilbertem, halbdurchsichtigem Glas zu bestehen. Er konnte unter sich das Band des Flusses erkennen, wenn auch nur verschwommen, wie durch Nebel. Und es war nicht tief, dachte er. 

Die Brücke selbst spannte sich in einem anmutigen Bogen von einer Terrasse der goldenen Hallen zu einer kleinen schwebenden Insel, auf der eine Kastanie in den Himmel ragte. Ein Springbrunnen war in den Stamm des Baumes eingelassen, aus dem sich ein kleiner Wasserlauf spießte, welcher den Inselgarten durchlief und an dessen Rand in die Tiefe stürzte.

,,Wirklich schön.“ , meinte Walter, der seine Muskete absetzte und sich über den Rand der Silberbrücke beugte, während Kell sich dem Garten näherte. Das Geländer der Brücke bestand aus feinmaschigem Gitterwerk, in das Blüten und Blumenmuster eingelassen worden waren.

Kell ignorierte den Gardisten. Die Insel mit dem Baum lag jetzt direkt vor ihm. Syle , der ihm immer noch folgte, zuckte nervös mit den Ohren. Vielleicht ahnte er schon seit sie einander über dem Weg gelaufen waren, was er wirklich plante. Vielleicht hatte er es nicht glauben wollen. Oder vielleicht war Syle auf seine Art schlicht auf seiner Seite und wollte ihm zumindest eine Chance geben…

,,Herr das ist weit genug.“

Jetzt hieß es schnell sein. Und vor allem nicht zu lange zögern. Er trat an den Rand des ,durch nichts abgesicherten ,Gartens. Der Abgrund vor ihm hatte etwas Anziehendes. So als forderte er geradezu jeden auf, sich ungeachtet der Höhe, einfach fallen zu lassen. Kurz schwankte Kellvian unsicher auf den Füßen. Ein letzter Schritt nur lag noch zwischen ihm und etwas Freiheit. Etwas Ruhe…  Vielleicht würde er ja seine Antworten dort draußen finden. Denn eines war sicher, im Palast hielt er es keine Sekunde länger mehr aus.

 

 ,,Ich will nur sage, dass es mir leid tut, wenn ihr deswegen Ärger bekommt.“ , bemerkte er noch.

Walter sah von seinem Platz am Brückengeländer auf.

 ,,Ach das. Ich meine jeder braucht ab und an…“ Das Plötzliche Verständnis, das in den  Augen des jungen Adeligen aufleuchtete, als er Kell am Rand des Gartens sah, ließ ihn im Satz innehalten. Zu weit entfernt um etwas zu unternehmen rief er nur: ,,Ihr seid ja Wahnsinnig, Kleiner.“

,,Die Wahrheit ist, wenn ich hier bleibe werde ich verrückt.“ , erwiderte Kell . Und machte einen letzten Schritt über den Rand des Gartens. Der Fluss war direkt unter ihm.

Syle und der junge Adelige stürzten fas gleichzeitig los, zum Ende der schwebenden Insel, während Kellvian aus ihrem Blickfeld und in den silbernen Fluten unter ihnen verschwand. Alles was blieb, war der Flusslauf und die plötzliche Stille, als sich die beiden Gardisten entsetzt ansahen.

,,Oh ihr Göttern…. bei allen meinen Ahnen. Oh verdammt… Wenn er das nicht überlebt hat…“ Walter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. ,,Warum hat er das getan?“

Syle versetzte dem stammelnden Walter einen Klapps gegen den Kopf. ,,Zusammenreißen. Wir…“

,,Der Kaiser wird uns köpfen.“ , fuhr der junge Adelige schlicht fort. ,, Nein, er wird uns Köpfen und dann  vierteilen. Er… Er verbrennt noch unsere Knochen… und das nur wenn der Junge das Überlebt hat. Ansonsten brennt er noch unsere Heimatorte nieder. Oder gleich die ganze Provinz….“

,,Außer.“ , sagte Syle gefasst. ,,Wir bringen ihn zurück.“

Walter sah skeptisch nach unten. ,,Bis wir den Seilzug erreichen ist er längst sonst wo  angespült worden. Und… Oh nein.“ Er schüttelte entschieden den Kopf. ,,Nein wenn ihr denkt was ich fürchte das ihr denkt, vergesst es.“

,,Dann erklärt ihr dem Kaiser das eben allein.“ Mit diesen Worten sprang Syle vom Rand der schwebenden Insel und verschwand ebenfalls im Wasser.

 ,,Verflucht… Na wenn es sein muss…“ Der Adelige verdammte noch einmal den Tag, an dem er sich für den Dienst in der imperialen Garde entschieden hatte. Allerdings, was waren schon seine Alternativen gewesen? Entehrt und enterbt irgendwo zu verrotten war nicht seine Art.  Dann holte er Anlauf… Er würde diesen Bengel an den Ohren in die Stadt zurück zerren, wenn es sein musste.

 

4. Kapitel: Kapitel 3 Die schwarze Garde

 


Das Kaiserreich von Canton lässt sich in drei größere Provinzen  einteilen. Die Nordlande, das Herzland und den Süden. Im Osten und Westen schließen  gewaltige, bis heute nicht erforschte Meere den ganzen Kontinent Halven ein und begrenzen damit das Territorium der Belfare-Kaiser. Zwar gibt es Gerüchte darüber, manche wagemutigen Reisende, die sich weit jenseits der heimischen Küsten gewagt haben, hätten in der Ferne einen neuen Kontinent entdeckt, aber diese Geschichten sind bestenfalls Unglaubwürdig und seit Jahren gab es keinen neuen Versuch, die Länder jenseits der Sonnensee zu finden. Im Norden hingegen endet der Einflussbereich des Imperiums an den ewigen Eisflächen der Provinzen von Immerson - Kalte und lebensfeindliche Einöden, die nur von den dort heimischen Nomadenstämmen und einigen Glücksrittern und Minenarbeitern aufgesucht werden, und  angeblich ist es einer der letzten Orte, wo Drachen noch ab und an gesehen werden, nachdem die Ordeal-Dynastie sie auf ihren großen Jagden  sonst fast überall  auslöschte.

 Die Herzlande unter der Herrschaft der Ansässigen Fürsten und den Gejarn-Clans, welche sie nie richtig in das Canton-Imperium Eingliedern ließen, sind  hingegen um einiges Einladender und bestehen zum Großteil aus weiten offenen Grasebenen, Wäldern und endlosen Getreidefeldern, die zum Ost-Meer hin in Savannen  auslaufen. Jedoch sollen Reisende auch hier vorsichtig sein, wenn sie sich  weit von den Städten entfernen. Die Gejarn mögen einen unachtsamen Wanderer passiere lassen oder auch nicht und es empfiehlt sich einen Führer zu haben, der einem die sicheren Pfade und Dörfer zeigen kann, sollte man Fremd sein.

Der Süden des Imperiums wiederum ist eine wilde, kaum gezähmte Gegend. Trockenes Klima und zersplitterte Küsten kennzeichnen das Land, nur unterbrochen von dichten Regenwäldern, in denen man sich kaum zurecht findet und den schwierig zu befahrenden Verbindungwegen zwischen den beiden Teilen der Sonnensee. Die tausenden von Inseln vor den Küsten bieten vor allem Schmugglern und Piraten Zuflucht, während das Festland noch weiter südlich bisher nur zum Teil kartographiert wurde. Zwar haben bereits etliche Kartographen und Prospektoren des  Reichs versucht, die Wüsten zu durchqueren, doch machen  die Feindseligkeit der Ansässigen Völker und das Klima jede Expedition zu einer gefährlichen Angelegenheit.  Und über Helike und die umliegenden Ländern, die man nur nach ihrem Gründer Laos nennt, ist  bis heute so wenig bekannt, wie zu den Zeiten, als die Armeen des Reichs zum ersten Mal auf die  hier ansässigen Menschen und Gejarn  trafen. Nur eines ist klar. Wer immer sich auch hier hinwagt, sollte einen wirklich triftigen Grund haben.  Die Laos sind alles andere als bekannt für Gastfreundschaft. Selbst der Versuch, sich einer Stadt nur zu nähern, kann für den unachtsamen Reisenden schnell tödlich enden. Selbst in Helike,  der Hauptstadt tief im Herzen des Lands wird manch euch kaum willkommen heißen und die Archonten haben es schon fertig gebracht, selbst offizielle kaiserliche Gesandte mit fehlenden Fingern zurück zu schicken, weil ihre Gesetze gebrochen wurde. Besser, ihr haltet euch hinter den Linien der kaiserlichen Armee, welche Sicherstellt, dass der brüchige Frieden gewahrt bleibt und riskiert nicht euer Leben.

 

 

-Geographie Cantons  : Ein kurzer Überblick

 

Cyrus sah zu der Rauchwolke am Himmel hinter sich. Der  Qualm, der als schwarze Wand hinter ihm am Horizont stand,  stammte von den Pechfeldern nahe des nur für die imperiale  Armee errichteten Provinzhafens von Kalenchor. Vor drei Jahren hatten die Krieger Helikes die Felder bei einem Angriff in Brant gesetzt und bis heute waren die Flammen nicht mehr verloschen, gespeist von den unterirdischen Ölquellen, welche vorher Pech für die Instandhaltung der Seeflotte geliefert hatten. Nur mit Mühe und Not war es der Garnison damals gelungen, die Männer Laos wieder zurück zu treiben und die Grenzen zu sichern.

Eigentlich herrschte seit dem offiziell Waffenstillstand,  aber was die Laos darunter verstanden, davon konnte er sich fast täglich selbst ein Bild machen. Und es ausbaden, dachte er grimmig, während er eine Papierpatrone aufbiss und das Pulver in den Lauf einer Muskete rieseln ließ. Die kaiserlichen Garden hatten sich  auf einer Anhöhe nahe der Hafenstadt Aufstellung genommen, sobald die erste Sonne über die bleichen Sandebenen fiel. Aus Reisig geflochtene Körbe reihten sich, mit Erde gefüllt, aneinander und boten den Gardisten dahinter Sicherheit vor gegnerischen Kugeln oder Pfeilen, während sie selber gleichzeitig ohne Schwierigkeiten feuern konnten.  Cyrus und seine Leute hingegen hatten diesen Luxus nicht. Sie standen am Fuß der Barrikaden, als Deckung nur einige hastig aufgeschüttete Erdwälle, die einen Paladin im Sturmangriff so wenig aufhalten würden, wie wenn man ihn mit Eierschalen bewarf.

Noch jedoch war zu seiner Erleichterung  nichts zu sehen. Das Land lag ruhig und ohne ein sichtbares Zeichen von Leben vor ihnen. Lediglich der Staub tanzte in bunten Fontänen in Tönen von rot und gelb und Ocker durch die Luft und brach das Licht der Sonne. Das Meer, das nur wenige hundert Meter nördlich von ihrer Position lag, glitzerte beinahe schmerzhaft grell in ihrem Licht. Der Himmel über ihnen war vollkommen klar, ohne eine einzelne Wolke und auch der Wind, brachte kaum Abkühlung. Im Gegenteil. Der Staub setzte sich in ihre Kleider und sogar zwischen die Zähne. Er hatte mal gehört, wie sich ein Mann der schwarzen Garde beschwerte, dass er im roten Tal, sogar mehr Sand als Rationen gegessen hatte. Nachdem was er bisher hier erlebt hatte, glaubte er ihm das sogar.

Cyrus schirmte einen Moment die Hand mit den Augen ab. Die blauen Uniformen der kaiserlichen Garde und die weißen Schürzten der Offiziere  bildeten einen scharfen Kontrast zu den dunkleren Mänteln seiner schwarzen Garde. Einer der Männer hatte sich sogar den Scherz erlaubt und einen verfluchten Totenschädel auf die Front seines Dreispitz aufgemalt. Nun,  vielleicht war das gar nicht mal so verkehrt. Die Truppe hie rum ihn dürfte einer Bande Piraten ohnehin ähnlicher sein als regulären Gardisten. Sie waren die wandelnden Toten. Die, für die das Reich keine Verwendung mehr im Leben hatte. Undiszipliniert, aufsässig oder wie man sie sonst noch nennen wollte. Aber jeder hier trug seine Henkerskutte mit einem gewissen Stolz oder zumindest mit genug Selbstironie um nicht vor Angst wahnsinnig zu werden. Die, die dieses Schicksal ereilte, wurden nicht durch feindliches Feuer niedergestreckt sondern durch das eigene… Über die Jahre hatte Cyrus begonnen sich in diesme Haufen Sonderlinge wohl zu fühlen. Niemand der hier war, rechnete damit besonders lange zu leben, aber sie hatten sich einen Spaß daraus gemacht, die Regeln der kaiserlichen Garden zu missachten. Mit welchen Disziplinarmaßnahmen konnte man jemandem noch drohen, denn ohnehin der Tot erwartete?  Es konnte ja kaum schlimmer werden.

Ein Leitspruch, an den Cyrus festhielt.  Zwar trug jeder der schwarzen Garde den dunklen Uniformmantel, aber ansonsten entsprach fast nichts an ihnen dem Bild eines normalen Gardisten. Sie bekamen keine Ausrüstung von der Garde gestellt und so trug jeder von ihnen nur das, was er in der Schlacht hatte erbeuten oder stehlen können.  Pistolen, Säbel, Degen, jeder verwendete, was ihm am besten lag. Ein alternder Mann, der wenn Cyrus sich richtig erinnerte aus den Nördlichen Provinzen stammte,  hatte sich neben einer Steinschlosspistole sogar ein verrostetes  Breitschwert über die Schultern gehängt.

Cyrus selbst hatte drei geladene Pistolen und eine Muskete neben sich hinter den dürftigen Schutzwall aus Erde gelegt. Die Muskete hatte er einem toten Gardisten im Sturm auf die Pechfelder abgenommen.  Die Pistolen hingegen hatte er heute Morgen mitgehen lassen, als die Späher mit der Nachricht eine bevorstehenden Angriffs zurück kehrten Er würde kaum die Zeit haben, eine der Waffen nachzuladen, wenn der Sturm begann. Jede zusätzliche Kugel verkleinerte die Chance, das er heute sterben würde…  Am Gürtel seiner Uniform hing neben einem Kurzschwert zusätzlich noch  eine kleine, aber stabile Handaxt, die er notfalls auch als Wurfwaffe  nutzen könnte. Auf dem Kopf trug er einen abgewetzten Dreispitz, mit Goldnähten, der von einem Offizier stammte, der in einer der Tavernen in Kalenchor mit ihm aneinander geraten war und ihm aus dem Nichts einen Schlag versetzt und beschimpft hatte. Wofür, da war er sich nicht einmal mehr sicher. Vielleicht war der Kerl schlicht betrunken gewesen oder er hatte schlicht über einen Gejarn herziehen wollen.  Es hatte jedenfalls  nicht lange gedauert, bis er das bereute. Cyrus  wusste nicht einmal mehr, was die anderen mit der Leiche gemacht hatten. Vielleicht lag er grade verscharrt irgendwo unter seinen Füßen. Cyrus lächelte über die Vorstellung. Manche vermuteten wohl, dass er hinter dem verschwinden des Mannes steckte. Was andere über ihn dache, hatte ihn in seinem Leben bisher allerdings selten gekümmert.

Immerhin konnte der Hut zusammen mit der schwarzen Uniform  einen flüchtigen Beobachter darüber hinwegtäuschen, dass er ein Gejarn war. Die wölfischen Züge seines Gesichts konnten ganz gut dazu herhalten,  auch einem überengagierten Offizier etwas Respekt beizubringen. Ein Hut war bei weitem genug.

,,Achtung.“ , hörte er einen Ruf von den Barrikaden hinter sich. Die ersten Staubwolken erschienen am Horizont. Und diesmal stammten sie nicht vom Wind….

Hätte er nicht bereist gewusst, was ihn erwartete, vermutlich wäre er beim Anblick der gut zweihundert Mann starken Schar, die langsam in Sichtweite kam stutzig geworden. Eine Wand aus Stahl, die besser auf ein Schlachtfeld zu Zeiten des ersten Belfare-Kaisers gepasst hätte. Es hatte schon einen Grund, dass die hohen Herrn in der fliegenden Stadt von den Bewohnern der Südlande gerne als Barbaren sprachen. Allerdings wäre ihnen das überlegene Grinsen sicher schnell im Hals stecken geblieben, wenn sie jemals einen solchen Angriff miterlebt hätten. Und erst recht, wenn sie sich an Cyrus stellen wiedergefunden hätten.  Der Gedanke erfüllte ihn mit bitterer Genugtuung. Er war auf seine Art immer noch  besser als diese Redenschwinger, die nie auch nur einen Fuß freiwillig in dieses verbrannte Land setzen würden.

Die Schützenreihen über ihm standen jetzt hinter ihren Barrikaden auf und legten auf die kleine Truppe an, die sich dem Wall rasch näherte. Cyrus verstand ohnehin nicht, wieso sie trotz dutzender Rückschläge  immer wieder angegriffen wurden.  Vielleicht machte das diesen Irren am Ende noch Spaß… Aber wer Verstand schon die Laos und ihren Totenkult. Das einzige, was er wissen musste war, wie man sie tötete. Die Krieger von Laos , allen voran die Paladine Helikes, nutzten keine Feuerwaffen. Allerdings spielte das keine große Rolle, denn waren sie erst einmal Nahe genug, wurden ihre Schwerter leicht genauso tödlich… wenn nicht sogar noch gefährlicher. Der Schaden, den ein einzelner Schwertmeister in ihren Reihen anrichten konnte, war kaum in Worte zu fassen und als Cyrus das erste Mal miterlebt hatte, wozu diese Männer in der Lage waren, hatte er es kaum glauben wollen. Ein einzelner Mann, der fünfzig andere niederstreckte, bevor es endlich gelang ihn niederzuringen… Der Trick um zu überleben war also, sie erst gar nicht nahe genug an sich heran zu lassen, damit sie von ihren Klingen auch Gebrauch machen konnten. Ein Trick, den er mittlerweile ziemlich gut beherrschte, auch wenn das immer noch leichter gesagt als getan war.

Das Metall, in den sich die Männer aus Helike hüllten war anders als alles, was sie kannten. Selbst ein direkter Treffer war nicht immer in der Lage, ihre Rüstungen zu durchschlagen und jeder Versuch, erbeutete Panzerungen einzuschmelzen war bisher fehlgeschlagen. Was dieses silbergraue Metall war und wie man es bearbeitete dürften bestenfalls die Schmiede Helikes wissen und die Schnitten sich vermutlich eher selbst die Kehle durch, anstatt zu sprechen.

,,Anlegen. Feuer.“, schallte der Befehl von den Barrikaden herab

Der gewaltige Donnerhall von tausend Musketen, deren Abzüge gleichzeitig betätigt wurden erschütterte die Luft.  Sofort gingen die Männer wieder hinter ihren Körben in Deckung um nachzuladen.

Cyrus hingegen hielt sich mit seinen Leuten noch zurück. Sollten die Gardisten auf dem Erdwall oben ihnen erst einmal Luft verschaffen. Sie würden heute noch ihren Blutzoll zahlen. Und sie brauchten im Gegensatz zur regulären Garde jede Kugel.

Obwohl die Salve die nun bereits gefährlich nah herangekommenen Krieger direkt traf, stürzten nur zwei oder drei der Gestalten in den Staub. Die übrigen liefen einfach weiter, während Funken dort auf ihren Rüstungen aufblitzten, wo die Kugeln wirkungslos und ohne auch nur so viel wie eine Delle zu hinterlassen, abprallten. Dutzende von Querschlägern jagten heulend davon und über die Köpfe der schwarzen Garde hinweg, während Cyrus den Befehl zum Anlegen gab. Offiziell hatten sie keinen Anführer und keine Offiziere, aber er war der Älteste von ihnen. Oder der, der am längsten dabei war. Und in den Augen der meisten damit genau so gut wie ein Offizier.

Auf die Entfernung hatte es keinen Zweck zu Schießen.  Wenn,  hätten sie Kanonen gebraucht, aber die waren allesamt auf den Kriegsschiffen oder den Mauern, welche den Hafen sicherten. Es würde zu lange dauern, eine davon hierher zu bringen. 

Mittlerweile konnte Cyrus schon die ersten Gesichter erkennen. Es gab einige Menschen unter den Laos aber auch mindestens genauso viele Gejarn. Langsam hob er das eigene Gewehr.

,,Bereit machen.“ Er würde keine Kugeln verschwenden.

Der erste Krieger in Vollpanzer war vielleicht noch dreißig Schritte entfernt. Noch zu früh, dachte er.

,, Lasst sie näher kommen !“

Zwanzig Schritte. Er zielte. Der Helm war eine Schwachstelle, besonders das Visier. Das Metall dort war nicht so dick, wie bei der restlichen Panzerung der Paladine. Und damit hatte man zumindest eine Chance,  das eine Kugel nicht einfach daran abprallte

,, Näher.“

Zehn.

,, Eröffnet das Feuer !“ Seine letzten Worte gingen im Donner der Gewehre unter. Im gleichen Moment, in dem er den Befehl gab tauchten auch die Schützen auf dem Hügel wieder auf und eröffneten das Feuer. Pulverdampf wallte aus den Mündungen hervor, bildete einen Moment eine dichte Wand vor ihnen und machte es einen Moment unmöglich, etwas zu erkennen. Auf diese kurze Entfernung war die Wirkung des Kugelhagels allerdings verheerend. Diejenigen Angreifer, die das Pech hatten in vorderster Reihe zu stehen fielen fast alle der Salve zum Opfer und bleiben Regungslos liegen. Selbst wenn die Kugeln sie nicht töteten, es würde ihnen schwerfallen in den Rüstungen ohne fremde Hilfe wieder aufzustehen. Einige hingegen schafften es über die niedrigen Erdwälle, hinter denen Cyrus und seine Leute lagen. Dieser warf die abgeschossene Muskete weg und griff eine der Pistolen. Der erste in stahl gewandete Krieger, der sich über die niedrige Barrikade wagte, wurde mit einer Kugel in den Kopf begrüßt.  Der Rückstoß der Waffe war größer, als Cyrus abgeschätzt hatte, und er  stolperte ein Stück weit zurück. Mittlerweile brach die volle verbleibende Macht des gegnerischen Angriffs über sie herein

 Einige Schritte von ihm entfernt wurde der Mensch  mit dem Breitschwert, der ihm Anfangs ins Auge gesprungen war, von einem Laos in den Nahkampf gezwungen. Ein weiterer Schwarzgardist versuchte einen Paladin mit dem Bajonett zurück zu treiben, was ihn nach einem kurzen Schlagabtausch den Arm kostete.  Im Nahkampf  waren die Gardesoldaten ihren Gegnern hilflos unterlegen, die jetzt in immer größerer Zahl über sie hereinbrachen. Und die Gardisten oben auf den Barrikaden schienen nicht gewillt, ihnen zur Hilfe zu kommen. Oder doch ? Cyrus konnte seine Aufmerksamkeit nur einen Herzschlag lang auf die Barrikaden richten, doch eine einzelne Gestalt in blauer Uniform schwang sich soeben über die Körbe und schlitterte den steilen Hang zu ihnen herab. Er erkannte noch  einen Mann mit schlohweißen Haaren und Backenbart , der eine große Tasche mit sich Schleifte , dann nahm die Schlacht schon wieder seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch.

Cyrus zog die zweite Pistole, zielte auf einen Mann, der grade den Erdwall erklomm  und drückte ab. Ein Querschläger jagte heulend davon, als die Kugel am Helm seines Gegners abprallte. Im nächsten Moment drang Cyrus  die abgeprallte Kugel in seine linke Schulter. Er fluchte laut, als sich das Projektil durch seinen Körper bohrte und ihn halb herum warf. Blut sickerte aus der Einschusswunde, als ihm die Waffe aus der plötzlich kraftlos gewordenen Hand fiel. Mit der anderen legte er mit der letzten verbliebenen Pistole an.

,,Viel Spaß damit.“ , knurrte er, bevor er den Abzug durchzog, in der Hoffnung, zumindest etwas zu bewirken.  Der Rückstoß machte sich diesmal schmerzlich in seinem verletzten Arm   bemerkbar, aber das Projektil stanzte ein sauberes Loch durch die Rüstung seines Gegners, der noch einen Moment aufrecht stehen blieb, nur um dann wie eine Marionette mit durchgeschnittenen Fäden  in sich zusammen zu klappen.

Ein weiterer Gepanzerter Krieger  kletterte schwerfällig über die Barrikade. Cyrus griff ruhig zur Axt und ramme dem Mann die Keilförmige Klinge in den Halsschutz seiner Rüstung, der unter dem Schlag nachgab. Wenige Augenblicke später sank  Cyrus letzter Gegner im Staub zusammen.

Er atmete erleichtert auf.

Das gröbste schien vorüber. Die meisten Paladine, die noch standen, fielen zurück und die, die es nicht taten, sahen sich jetzt einer Übermacht aus Schwarzgardisten und der normalen Garde gegenüber, die sich nun auch endlich bequemte, ihnen zur Hilfe zu kommen und die Verfolgung auf zu nehmen.

Ihre Gegner zogen sich zurück… Zwanzig von ihnen waren im Staub zurück geblieben. Aber wenn sie einmal mit voller Macht angreifen würden sähe das vermutlich ganz anders aus. Das hier war kaum mehr als  ein Spiel für diese Irren.

 Langsam ließ Cyrus  die Axt sinken und sah sich um. In der Hitze der Schlacht  hatte er kaum Zeit, sich um seine Leute zu kümmern. Die meisten waren ohnehin Einzelkämpfer und brauchten keine Befehle. Deshalb waren sie ja überhaupt in der schwarzen Garde.  Er nahm den Hut ab und klopfte etwas Staub heraus. Haare im gleichen schwarzen Ton wie sein Fell fielen ihm bis fast auf die Schultern. Die meisten der Schwarzgardisten saßen oder standen im Staub, manche tranken Wasser oder Wein aus Schläuchen, die sie mit sich trugen. Cyrus wollte sie grade auffordern, ihm auch etwas zu bringen, als der Boden unter seinen Füßen zu zittern begann. Die Männer erstarrten in der Bewegung.

Oh bitte nicht, dachte Cyrus und seufzte.  Dieser Tag wurde einfach nicht besser. Er setzte sich den Hut wieder auf und wagte es langsam, den Kopf in Richtung Westen zu drehen.

Es konnte immer  schlimmer kommen. Und es sah ganz so aus, als wäre dieser Tag noch lange nicht vorbei. In diesem Moment überlegte er ernsthaft sein Motto zu ändern…  

Eine einzige, entfernt menschlich wirkende  Gestalt stürmte über die Ebenen auf die Reihen aus Schützen auf dem Hügelkamm zu. Die Gliedmaßen wirkten jedoch zu schlaksig dafür, der Körper von der Sonne ausgezehrt und nur zum Teil von grob geschmiedetem Metall geschützt.  Groß wie drei Männer war das Ding ein ehrfurchtgebietender Anblick. Und es trug einen Kriegshammer von der Größe eines Galeerenruders auf der Schulter, der geeignet war, eine ganze Formation Gardisten das Fürchten zu lehren.

Die Kreatur wirkte vielleicht auf Entfernung unförmig, aber ein Riese war deshalb keinesfalls zu unterschätzen. Ebenfalls eine Lektion, die Cyrus schnell gelernt hatte. Sie konnte unglaublich schnell sein, wenn sie wollten. Und Kugeln, schüttelten sie ab, als wären es Mückenstiche. Ob diese Wesen gezielt mit den Kriegern Helikes  zusammenarbeiteten oder ob lediglich die Aussicht auf Blut und Tod und vielleicht frisches Fleisch sie anzog, sie bedeuteten in jedem Fall Ärger.  Cyrus würde jedenfalls   nicht hier warten, bis das Wesen nah genug war um den Hammer auf seinen Schultern auch einzusetzen. Furcht flackerte jetzt in den Augen seiner verbliebenen Männer  auf. Und wenn die schon Angst hatten brach oben in den gesicherten Stellungen der  Gardisten wohl grade das blanke Chaos aus.

,,Anlegen und  Feuer.“ , ertönte der Befehl von den Befestigungsanlagen.

Hunderte von Kugeln jagten  dem Riesen nun um die Ohren, ohne jedoch mehr zu bewirken, als das das Monster sich einen Moment schüttelte. Cyrus zog seine zweite Waffe, das Kurzschwert. Mit Kugeln richtete man gegen ein solches Monster nichts aus. Allerdings waren auch Klingen kaum effektiver als Wespenstiche. ,,Männer last und den Mut dieser Kreatur mit einem raschen Tod belohnen.“ Er hoffte, ihnen ein wenig Furcht zu nehmen und sie daran zu erinnern, wer sie waren. Die schwarze Garde. Sie waren die wandelnden Toten. Im Augenblick hatte er allerdings selber Probleme, sich daran zu erinnern. Blut sickerte aus seiner Schussverletzung. Der Riese war nun schon gefährlich nah heran.

Es konnte wohl doch schlimmer komme… Er umklammerte den Griff des Kurzschwerts.

Donnergrollen ließ das herannahende Monster jedoch innehalten. Eine einzelne schwere Wolke zog so plötzlich vor die Sonne , das Cyrus im ersten Moment dachte, die Welt müsse untergehen. Ein  einzelner greller Blitz jagte daraus hervor, der den Schädel des Riesen traf und seinen Körper zucken ließ  Das Land selbst schien zu zittern, als die Kreatur langsam in die Knie ging um dann schwerfällig auf dem Boden aufzuschlagen.

Was , bei allen Göttern,  war da grade passiert? Cyrus blinzelte verwirrt, bevor er hinauf zu den Befestigungsanlagen blickte. Eine Gruppe Gestalten in türkisfarbenen Umhängen stand auf einer Anhöhe hinter den Barrikaden.  Das Symbol eines goldenen Tropfens auf ihren Mänteln glänzte in der Sonne und war so unverkennbar, wie das nervöse Kribbeln, das sich in Cyrus Eingeweiden breit machte.

Na großartig, dachte er missmutig. Der Sanguis-Orden hatte ihm zu seinem Glück grade noch gefehlt… Zauberer. Und jetzt hatte ihm auch noch einer davon das Leben gerettet. Wenn es etwas gab, das diesen Tag schlimmer machen konnte, dann war es, sein Leben einem Hexenmeister zu schulden.

5. Kapitel: Kapitel 4 Zyle

 

 

,,Wenn ihr damit fertig seid, zu Überlegen ob ihr bleibt oder geht, könnte ich eure Hilfe in der inneren Stadt gebrauchen.“

Zyle Carmine blieb äußerlich ruhig, als er die Stimme hörte. Doch das Herz schlug ihm einen Augenblick bis zum Hals. Er hatte sie nicht bemerkt, nicht einmal kommen gehört… Rasch ließ er das Fernrohr sinken, das er in der linken Hand hielt. Den versuch, es zu verstecken, wagte er erst gar nicht. Es würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

,,Archontin…“ Rasch drehte er sich um und verbeugte sich, während er das Fernglas wie beiläufig in einer kleinen Tasche verschwinden ließ. Die Rüstung, die er trug brachte ihn dabei fast aus dem Gleichgewicht, aber mittlerweile hatte er sich an das Gewicht gewöhnt. Lediglich die Temperaturen machten ihm nach wie vor zu schaffen. In der dichten Hülle aus Stahl kochte einen die Sonne Helikes langsam. Und die Schuhe brachten ihn um. Wer fertigte passende Stiefel  für einen  Gejarn an?

Egina lachte laut, als Zyle sich umständlich wieder aufrichtete. Es hatte etwas zutiefst befremdliches, einen Archonten Lachen zu hören, dachte er. Selbst Wys lachte nicht mehr, obwohl er das früher so oft getan hatte. Und er war bisher nur ein Anwärter auf diesen Posten.

Egina Nikitidou war ein der mächtigsten  fünf Personen innerhalb der Mauern von Helike wie auch außerhalb davon, bis hin zu den Grenzen des Landes. Auf dem ersten Blick jedoch hätte man ihr  das kaum angesehen. Sie hatte braune Haare, in denen sich schon die ersten grauen Strähnen eingeschlichen hatten, grüne Augen um die sich falten gebildet hatten, die nur teilweise vom Alter her stammten und eine kräftige, leicht untersetzte Statur, obwohl sie Zyle grade bis zu den Schultern reichte. Nichts an ihrer Kleidung verriet ihren Rang, außer deren  Farbe. Das Gewand im reinen Weiß der Archonten , das sie trug wies keinerlei Verzierungen auf, sah man von dem Dolch einmal ab, der kaum verborgen an ihrem Gürtel hing. Alles in  allem wirkte sie auf Zyle mehr wie eine gütige Großmutter, als eine Herrscherin. Aber dieser Eindruck täuschte, wie Zyle nur zu genau wusste. Man wurde kein Archont, weil man freundlich war. Aber Egina schien zumindest  das Kunststück fertig gebracht zu haben, sich,  trotz der erstickenden Verordnungen, dem Alter und ihrem hohen Rang ein Stück simple  Menschlichkeit bewahrt zu haben.  Aber Zyle hatte gesehen, wie schnell diese offene, freundlich hingestreckte Hand zu einem Dolch greifen konnte…  Und ihre Worte von zuvor riefen ihm nur wieder ins Gedächtnis wie sehr dies der Wahrheit entsprach. Sie wusste, weshalb er hier draußen auf den Mauern stand…

,,Ich habe nicht…“ , setzte er an, wurde jedoch von ihr unterbrochen.

Wieder lachte sie, leiser allerdings diesmal. ,,Ihr denkt  schon lange darüber nach uns zu verlassen. Wie oft habe ich euch hier mit dem Fernglas gesehen. Es nützt auch nichts, wenn ihr versucht,  es zu verstecken.“

Wieder schien sie genau erraten zu haben, was er vorhatte. Zyles Hand hielt auf halbem Weg zu seiner Tasche inne. Es wäre ein leichtes gewesen, sich des Glases zu entledigen und nun verfluchte er sich selbst innerlich, die Gelegenheit nicht eher genutzt zu haben. Hinter ihm viel die Mauer der inneren Stadt Steil ab zu den Vierteln der Handwerker. In Schwindelerregender Tiefe liefen dort ordentlich geführte Straßen zwischen tausenden von einfachen Lehmhütten und einigen größeren Gebäuden aus Sandstein und Holz . Die äußere Stadt bildete einen großen Ring um den Hügel, auf dem sich das Zentrum von Laos  befand. Der Turm der fünf Archonten mit der ihn ungebunden inneren Zitadelle. Hier oben, abgeschieden vom Rest der Welt, berieten diese fünf Auserwählten nicht nur über die Zukunft des Landes, das nach seinem Gründer benannt wurde, sondern hielten auch Gericht und legten die Schriften des alten Lehrers aus. Gewaltige Mauern, hoch genug, das selbst ein Riese sich vor ihnen klein vorgekommen wäre,  schirmten die Zitadelle  ab und solange er sich erinnern konnte, hatte niemand unbefugtes jemals einen Fuß in die innere Stadt gesetzt.

Ein einzelner Meeresarm, der bis kurz vor die Mauern von Helike reichte schimmerte blau in der Ferne, dort wo am Hafen Möwen kreisten und wenn der Wind sich drehte, der Geruch von Seetang und toten Fischen heranwehte. Keine einzige Wolke stand am Himmeln, nur einzelne Taubenschwärme, die ihre Nester auf den hoch gelegenen Türmen und Backsteinmauern der inneren Stadt bauten, kreisten über ihren Köpfen.

,,Es betrübt mich, ihr denkt ich würde auch nur denken, meinen Bruder im Stich zu lassen. Ihr wisst, das er hofft bald, selbst zu euch zu gehören.“ Wenn sie ehrlich war, konnte er es auch sein. Und es war ein offenen Geheimnis, welche Ziele Wys verfolgte. ,,  Laos Gesetze sind klar.“

Er würde seine Pflicht erfüllen, alles andere würde nur ein schlechtes Licht auf sie alle werfen.

,,Laos Gesetzte sind längst nicht mehr zeitgemäß.“ Zyle wusste einen Moment nicht, was ihn mehr entsetzte, die Worte selbst oder die Beiläufige Art der Archontin, sie auszusprechen. ,, Seht euch doch einmal um Zyle. Ihr seht  es doch selbst. Deshalb steht ihr hier auf dieser Mauer.  Wir sind eine Welt eingefroren in der Zeit und auch wenn Laos Gesetze uns ein Ziel und eine Richtung gaben…  so perfekt wie die Archonten es behaupten sind sie nicht. Am Ende war auch Laos nur ein Sterblicher.“

,,Eure Worte klingen wie Verrat.“ , sagte er ernst. Die Worte kamen fast, ohne, dass er darüber nachdenken musste. Sie waren, was von ihm erwartet wurde und er glaubte sie. Wäre sie kein Archont , er hätte ihr wohl nicht einmal länger zugehört. Doch sie stand über ihm und damit war er gezwungen ihr in allen Dingen Gehör zu schenken.  Sollte das Ganze ein Test werden? Er kannte Egina jetzt schon mehrere Jahre, Jahre, in denen er in der inneren Stadt gedient hatte. Ja,  er hatte Dinge gesehen, die nicht leicht zu akzeptieren waren. Die in einer schwachen Seele Zweifel sähen mochten. Aber am Gesetz selbst zu zweifeln… das war ein Schritt weiter.

,,Sagt der Mann, der über Flucht nachdenkt.“ Sie wollte erneut lachen, wurde aber von einem Hustenanfall unterbrochen.

 Es hatte wirklich keinen Sinn etwas zu leugnen. . Er könnte sagen, dass er die Mauern der unteren Stadt nach Schwachstellen Absuchte, aber das war weder seine Aufgabe… noch würde sie ihm glauben, nicht? Eginas Augen schienen zu funkeln, während sie auf eine Antwort wartete, die Hände zusammengefaltet.

Die Wahrheit war… das er es leid war, Gefangen zu sein. Innerhalb dieser Mauern jedenfalls. Die Tag in der inneren Stadt verliefen alle gleich. Jeder Schritt verlief ritualisiert und es kam selten genug vor, das einmal etwas vom Plan abwich. Selbst der Gedanke daran, nur seine Pflicht zu erfüllen, trug mittlerweile nur noch wenig dazu bei, die gähnende Leere zu füllen. Selbst mit dem Titel eines Schwertmeisters, war es ihm nicht vergönnt, zu gehen wohin er wollte. Stattdessen wartete er hier auf den Willen der Archonten, die festlegen würden wo… und ob seine Dienste und die der tausenden von anderen Soldaten, Handwerker und Arbeiter am besten gebraucht wurden.

Zyle hielt es für besser, das Thema schnellstmöglich zu Wechseln. Wie Egina die Gedanken der Leute in ihrer Umgebung zu lesen schien hatte beinahe etwas unheimlich, beinahe magisches.

Aber das war natürlich Blödsinn. Innerhalb der Mauern Helikes gab es keine Magie.  Die Archonten hatten sie vor langer Zeit aus der Stadt verbannt, schon zu den Zeiten kurz nach dem Tod von Laos. Und was an magischen Artefakten innerhalb der Stadt gefunden wurde, wurde weggeschlossen, tief im Felsen auf dem sich der Archontenturm erhob. Und es wurde viel gefunden. Helike selbst stand angeblich auf einer großen , ehemaligen Stadt des alten Volkes und das spiegelte sich auch vielerorts noch in der  Architektur der inneren Stadt wieder. Große Hallen aus Marmor und altem Stein , die auf den Grundmauern der einstigen Paläste errichtet worden waren. Aber Magie machte nur weich und schwach. Was am Ende eine Schlacht entschied war immer blanker Stahl gewesen. Und auch nicht Feuer und Schwefel und Gewehrmündungen…

,,Ihr sagtet, ihr braucht meine Hilfe ?“ , versuchte Zyle nun schleunigst das Thema zu wechseln.

,,Genauer gesagt , reichen mir eure Augen und Ohren. Da ihr diese aber sicher behalten wollt, werdet ihr wohl oder übel selbst kommen müssen. Ich werde mich heute Nacht mit jemanden treffen. Einer gefährlichen Person.“

,,Welche Person in dieser Stadt kann für einen Archonten gefährlich sein ?“ , fragte er halblaut. Die Frage beantwortete sich von selbst. ,,Ihr fürchtet….“

,,Ein anderer Archon, richtig. Die Person, die ich treffen möchte, könnte  ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und das ist um jeden Preis zu vermeiden. Deshalbe frage ich auch euch und nicht euren Bruder.  “ Egina lächelte, aber das grinsen wirkte diesmal gestellt und angestrengt.  ,,Ihr müsst nicht fürchten, das ich euch in die Politik Helikes mit hereinziehe . Aber ich  will ich, das mir jemand den Rücken freihält.“

Er nickte langsam. Dem Befehl eines Archonten konnte er sich so oder so kaum wiedersetzen. Auch wenn er bezweifelte, das diese hier sich im Einklang mit Laos Gesetzen befanden. Warum diese Geheimnistuerei ? Wenn  die Archonin Verrat fürchtete, dann sollte sie gleich ein dutzend Leibwächter mitnehmen, nicht nur ihn.  Also ging es ihr nicht um ihre eigene Sicherheit.. Nur um was dann ?

 

Wenige Stunden Zyle lief auf dem  Platz vor dem Turm der Archonten auf und ab. Der dunkle Steinbau wirkte im Mondlicht noch düsterer, so als ob jemand ein rechteckiges Stück des Himmels einfach weg geschnitten hätte. Bei Tag waren die Buntglasfenster in der Fassade sichtbar, doch jetzt bei Nacht brannte kein einziges Licht mehr und die gesamte Mauer wirkte wie ein durchgehendes, schwarzes Stück Stein. Um ihn herum war es menschenleer. Lediglich auf dem Weg hierher hatte er einige Paladine gesehen, die sich um Wachfeuer gruppierten oder auf den Stufen der Mausoleen und der großen Treppe zur unteren Stad wache hielten.

Der Platz selbst war im Grundriss eines Sterns angelegt worden und von einem weiten Säulengang umlaufen. Mit Kies ausgestreute Wege führten darum herum und in seinem Zentrum, nur wenige Schritte von dem Platz entfernt, an dem Zyle nun stand, erhob sich ein großer Kasten aus Kristall. Der Sarg des Laos. Zyle regte sich und lief langsam die umstehenden Säulen ab, hauptsächlich, um sich warm zu halten. Nach wie vor gab es kein Zeichen von Wolken und der Mond am Himmel über ihm war fast voll. Diese Nacht war genau so kalt, wie die Tage  warm waren und so zog er den Umhang, den er trug, fester um sich. Unten in den Straßen würde es hingegen warm bleiben, dachte er. Die Hitze staute sich und wurde von den Lehmfassaden aufgenommen, doch hier oben waren die Straßen breit, die Gebäude aus abweisendem, knochenbleichen Stein… und alles wirkte wie aus Eis und Schnee und Kristall geformt.

Immerhin würde er in den Schatten zwischen all diesem Prunk nur schwer auffallen. Egina hatte auf Diskretion bestanden und so war er die schwere, auffällige Rüstung losgeworden. Lediglich einen Schild und das Breitschwert hatte er behalten. Für den Fall der Fälle. Egina mochte behaupten, sie brauchte nur ein zweites paar Augen und Ohren aber, sie fürchtete um ihr Leben. Der schwarze Umhang, den er zusätzlich trug, würde hoffentlich genügen, um ihn in der Dunkelheit zu verbergen und das Glitzern der Waffen zu verdecken. Darunter befand sich lediglich ein leichtes Kettenhemd, überdeckt von einem braunen Hemd, Hosen und Stiefeln in der gleichen Farbe. Mehr, konnte er nicht tun. Hätte die Archontin ihm mehr mitgeteilt, hätte er wenigstens abschätzen können, ob es zu einem Kampf kommen würde. So jedoch, konnte er nur abwarten und hoffen, dass sie überhaupt auftauchen würde. Gab es etwas schlimmeres, als die Unsicherheit des Wartens? Kurz überlegte er, einfach zu gehen. Niemand würde ihm einen Vorwurf daraus machen. Sich mitten in der Nacht mit jemanden, und sei es ein Archont, zu treffen  war nicht grade etwas, das man als ehrenhaft ansehen konnte. Zwielichtige Gestalten und die Schmuggler auf den Inseln vor der Küste  taten so etwas. Aber nicht ein Schwertmeister.  Und  erst Recht kein  Archont .

Langsam trat er an den großen Kristallsarg in der Mitte des Platzes. Der Leichnam darin war bereits vor Jahrtausenden zu nichts weiter als blanken  Knochen zerfallen. Darüber spannten sich noch die Überreste von Stoff, der einstmals violett und rot gewesen sein mochte, nun jedoch grau und verblichen war und vermutlich unter der kleinsten Berührung zu Staub zerfallen würde. Die Knochenhand des einstigen Herrschers war zur Faust geballt, als hätte er im Tod noch versucht etwas festzuhalten. So wie seine Worte und Gesetze heute noch alles zu umklammern schienen. Der Quarz des Sarkophags und des niedrigen Sockels, auf dem er stand schien im Mondlicht von innen zu glühen.

Zyle musste Egina teilweise zustimmen. Sie würden Reformen brauchen. Langsam zwar, denn nichts in dieser Stadt hatte sich je schnell verändert, aber auf lange Sicht blieb den Archonten selbst wohl kaum eine Wahl. Aber wer sollte so etwas in die Wege leiten?

Schwach spiegelten sich Zyles eigene Gesichtszüge im Kristall.  Struppige graue  Haare standen von seinem Kopf ab und gingen in schmutzgraues Fell über. Dunkelbraune Augen spiegelten das Mondlicht sanft  wieder. Es war närrisch hier zu sein, sagte er sich.

Leise Schritte holten ihn endgültig zurück in die Wirklichkeit. Sie waren noch zu weit entfernt um ihren Verursacher sehen zu können und menschlichen Ohren wären sie wohl einfach entgangen. Aber Zyle lauschte ihnen mit wachsender Anspannung, je näher sie kamen.

Egina trat alleine  unter dem Säulengang gegenüber von Zyle hervor. Langsam entspannte er sich wieder etwas. Immerhin… sie war hier. Langsam ging er ebenfalls ins Licht und hob eine Hand zur Begrüßung und damit sie ihn erkannte.

,, Ich war mir nicht sicher, ob ihr wirklich kommen würdet.“ , meinte sie mit einem dünnen Lächeln auf den Lippen. ,, Es tut mir leid, euch hier mit rein zu ziehen, aber ich fürchte, ich habe keine andere Wahl. Wenn alles gut geht, wird euch nichts geschehen.“ Vorsichtig sah sie über die Schulter, als wäre dort etwas gewesen, das Zyle nicht bemerkt hatte.

,, Es tut euch leid ?“ Was ging hier nur vor. ,, Mit allem Respekt, Archontin, aber was geht hier genau vor ?“

,, Wie ich schon sagte, ich treffe mich mit jemanden. Und so gefährlich sie ist, sie ist vielleicht die größte Hoffnung auf Veränderung, die diese Stadt je hatte. Wenn alles gut geht, wird es in den nächsten Tagen einige Leute geben, mit denen ihr euch treffen solltet, Zyle. Ich glaube, sie werden euch noch ein oder andere über diese Stadt beibringen können, das ihr nicht wisst. Besser als ich das könnte.“

,, Wie meint ihr das ?“ Mit wem bei Laos wollte sie sich hier treffen? Nicht mit einem Archonten, das war klar, auch wenn sie ihre Einmischung ohne Zweifel fürchtete. Und welche Rolle sollte er dabei spielen? Ein Verdacht beschlich ihn.

,, Ihr trefft euch mit niemanden aus der inneren Stadt.“ , stellte er fest.

,, Ich erwarte allerdings so oder so komplettes Stillschweigen von euch , über das, was heute hier geschieht.  Auch den anderen Archonten gegenüber. Wir verstehen uns?“

Wieso hatte er nur das Gefühl, das sie ihn töten würde, wenn sie auch nur so etwas wie den leisesten Zweifel an seiner Antwort haben würde? Aber da musste sie sich keine Sorgen machen… Er war ein  Schwertmeister. Das Wort eines Archonten war genauso sein Gesetz, wie das von Laos.

Langsam nickte er. Wenn Egina wollte, dass er Schwieg, würde er das tun.

,,Gut. Bald werden sich viele Dinge ändern müssen. Es gibt Dinge, die ihr Wissen müsst. Auch Dinge über die Archonten. Wisst ihr, das in den letzten Wochen immer wieder Artefakte aus den Archiven verschwunden sind?“

,, Dann solltet ihr mir vielleicht erklären, worauf genau wir hier war…“ Er kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden. Er konnte das Geräusch der Sehne hören, bevor der Bolzen traf, ein durchgehendes Surren, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Egina zuckte zusammen, als das Projektil sie in den Rücken traf.  Die Wucht des Einschlags wirbelte sie herum, der Bolzen war wieder halb aus ihrer Brust ausgetreten. Mit großen Augen sah sie Zyle an, mehr überrascht als verletzt, so schien es ihm, dann ging sie zu Boden.

Zyle sah im Augenwinkel eine Gestalt, die sich mit einem Mal bewegte, ein vermummtes Phantom, das urplötzlich losrannte. Das einzige, was er sehen konnte, waren schwere, blaue Roben in den Farben eines Archivars.  Sein erster Instinkt war, hinterherzurennen, doch ehe er mehr als zwei Schritte machen konnte, wurde der Fremde erneut langsamer… und hob eine Hand. Der Schlag kam so unerwartet, das er ihn erst registrierte, als er sich Rücklings im Staub liegend wiederfand.

Magie, dachte er. Und gleichzeitig schien dieser Gedanke so absurd, so undenkbar… Ein Zauberer in der inneren Stadt ? Aber das war nicht das einzige Rätsel, dachte er, als er sich aufrappelte und auf Egina zustürzte. Zyle sollte jedoch keine Zeit bleiben, nach ihr zu sehen. Der Bolzen war nicht von hinter ihm gekommen, wo der fremde Magier gestanden hatte… sondern aus der anderen Richtung, dort, wo der Sarkophag stand.

Drei Gestalten lösten sich aus den Schatten, ein jeder gehüllt in einen schweren, dunklen Samtmantel, der ihre Formen und auch ihre Züge verbarg. Lediglich die Panzer, die darunter schimmerten waren deutlich zu erkennen, genauso wie die Armbrust, die in der Hand des mittleren Mannes lag. Als er Zyle jedoch sah, ließ er die Waffe fallen und zog stattdessen ein Schwert. Seine zwei Begleiter taten es ihm gleich, während Zyle begann, langsam zurück zu weichen.

Sie griffen ihn gleichzeitig mit erhobenen Klingen an. Aber er war darauf vorbereitet. Er hatte früh gelernt, seine Gegner zu lesen, auf Kleinigkeiten zu achten um einen Angriff vorhersehen zu können. Sie verrieten sich, dachte er. Durch ihre Bewegungen und ihre Eigenarten. Doch dieses Wissen nützte ihm wenig, wenn er derart in der Unterzahl war. Und im Gegensatz zu seinen Gegner trug er nicht einmal Rüstung. Stahl traf klirrend in rascher Folge auf Stahl, als Zyle sofort in die Defensive gezwungen wurde. Er fing eine Klinge mit dem eigenen Schwert ab, blockierte einen weiteren Hieb mit dem Schild ab, musste aber zurückweichen, sobald der dritte Mann in Reichweite kam. Lange hielt er das nicht durch, dachte er. Seinen Gegner waren nicht irgendwelche Straßenräuber, das war klar. Alleine ihre Ausrüstung war zu hochwertig dafür und ihre Art zu kämpfen war seiner mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar darüber. Paladine ?  Viel Zeit, sich darum Gedanken zu machen blieb ihm allerdings nicht. Rasch parierte er einen weiteren Hieb, der trotzdem einen tiefen Schnitt in einer seiner Armschienen hinterließ. Doch dieses Mal wich er nicht zurück. Die Klinge jagte knapp an ihm vorbei, bevor er sie mit Schild und Waffe einklemmte und sich mit aller Kraft herumwarf. Sein überraschter Gegner wurde mitgerissen und stolperte, seine Hände ließen die Waffe los. Zyle warf Seinerseits den Schuld bei Seite und fing das Schwert auf, ehe es zu Boden fallen konnte.

Sein entwaffneter Gegner versuchte derweil, davon zu kriechen, während die anderen beiden  ihn erneut attackierten. Mit zwei Klingen zu kämpfen war Wys Spezialität, nicht seine, aber er hatte oft genug mit ihm geübt. Damals, vor ihren Prüfungen… in den staubigen Gärten und Hinterhöfen der Unterstadt.

Mit raschen Schlägen trieb er seine Gegner nun  zurück, parierte Hiebe und konnte endlich selber einen Treffer anbringen. Einmal traf er den ersten Vermummten an der Brust, wobei das Schwert jedoch wirkungslos abglitt, ein anderes Mal versetzte er dem zweiten einen Schlag mit der flachen Schwertseite gegen den Schädel.  Er wollte sie nicht töten. Zumindest einen von ihnen nicht. Irgendjemand würde ihm heute Rede und Antwort stehen und wenn nicht Egina, dann  ihre Mörder. Und langsam aber sicher gewann er die Oberhand. Immer weiter trieb er die zwei Gestalten vor sich her, über den Platz bis zum Rand des Säulengangs.   Einer seiner Gegner stolperte, als er versuchte einem von Zyles Hieben auszuweichen und befand sich plötzlich eingekeilt zwischen ihm und einer der Säulen. Bevor Zyle jedoch dazu kam, ihn endgültig unschädlich zu machen, wurde er selber getroffen. Nicht von einer Klinge. Nicht von einem der zwei Männer. Etwas Schweres traf krachend auf seinen Kopf und einen Moment wurde es schwarz um ihn.  Als er wieder sehen konnte, schien ihm alles immer noch verschwommen und er fand sich am Boden wieder. Er versuchte aufzustehen, wohlwissend, dass er es kaum mehr schaffen würde, bevor ihn der nächste Hieb erledigte. Aber da war niemand mehr. Als er es irgendwie geschafft hatte, sich auf einen Ellenbogen hoch zu stützen,

war der Platz um ihn herum dunkel und leer. Nur Eginas Körper lag noch wenige Schritte von Laos Sarg entfernt, genau dort, wo sie gefallen war. Irgendwie schaffte er es, sich an ihre Seite zu schleppen, suchte an ihrem Hals nach einem Puls… Nichts. Oder war da etwas? Ganz schwach…

,, Zyle…“ Das Sprechen schien ihr Schmerzen zu bereiten. ,,  Man hat uns hintergangen. Ihr müsst sie warnen.“
,, Wen warnen ? Die Archonten ?“

,, Jemand muss sie warnen…“ , murmelte sie, kaum hörbar… und war mit einem Mal still.

,,Archontin ?“ Sie hatte aufgehört zu atmen, rührte sich nicht mehr. Eine Weile lang saß Zyle einfach nur da, ohne sich zu bewegen. Ihre Worte waren ihm ein Rätsel, genauso wie alles andere was grade geschehen war. Warum lebte er überhaupt noch?

Zumindest auf diese Frage sollte er eine Antwort erhalten, als er erneut Schritte hörte. Eine Gruppe Paladine, die wohl durch den Kampflärm alarmiert worden waren, stürmten auf den Platz hinaus und umstellten ihn.

,, Zyle Carmine…

Zyle stand auf. ,,Der bin ich.“ , erklärte er. Ihm war vielleicht nicht klar, was hier vorging, aber er wusste, dass er die Archonten darüber informieren musste.  ,, Ich muss sofort…“

,,. Ihr werdet schweigend mit uns kommen. Solltet ihr versuchen zu fliehen, werdet ihr das nicht überleben.“

,,Wieso sollte ich fliehen wollen ?“

,,Ihr seid hiermit verhaftet, wegen des Mordes an Archontin Egina Nikitidou.“

Er lebte noch, weil man in ihm einen Schuldigen hatte…

 

 

6. Kapitel: Kapitel 5 Es könnte immer schlimmer sein


 

,,Wieso sollte ich ihn nicht töten lassen ? Wir können das Risiko nicht eingehen, ihn am Leben zu lassen, das weißt du so gut wie ich.“ Die in schwarze Samtgewänder gekleidete Gestalt, sah aus einem der Fenster hinaus auf die Dächer Helikes. Die Sonne ging grade erst auf und tauchte die Straßen in rotes, goldenes und violettes Licht. Einige ihrer Strahlen fanden ihren Weg bereits durch die Buntglasfenster im Archontenturm und zeichneten weitere, bunte Muster auf den Boden des Raums.

,, Samiel wird es nicht zulassen.“ , meinte eine zweite Gestalt. ,,Und wie würdest du ihm das erklären? Er hat unser Vorgehen gegen Egina gestützt, weil er davon überzeugt war, das sie einen Umsturz plant. Vom Rest weiß er nichts und darf es auch nie erfahren. Unterschätz den Alten nicht, Bruder. Er und Jona werden ein Auge auf uns haben. Er traut keinen von uns und der Händlerkönig hasst uns.“

Der zweite Mann legte derweil den schwarzen Umhang ab. Darunter kam reines weiß zum Vorschein, feiner Stoff, wie für einen Archonten geschaffen. Langsam nahm sie einen  kleinen Weinkrug  von einer Anrichte, füllte einen kleinen Kelch damit.

,, Was schlagt ihr also vor ?“

,, Unsere Freunde vom Orden haben nicht bloß Interesse an Artefakten. Tyrus fragt  schon lange an, ob wir ihnen nicht auch Schwerter für ihre Pläne zur Verfügung stellen können. Er braucht Männer, die man niemals mit ihm und den Zauberern in Verbindung bringen würde.  Nur natürlich ist uns  das unmöglich, ohne, dass jemand etwas davon erfahren würde. Bis jetzt.“

,, Du willst ihn fortschicken ?“

Er nickte. ,, Wir werden uns gegen die Hinrichtung von Zyle Carmine aussprechen. Das wird endgültig jeden Verdacht von uns lenken.  Stattdessen werden wir eine andere Strafe vorschlagen….“

 

 

 

 

Er hatte den dritten Mann vergessen, dachte Zyle, während er vorsichtig nach der schmerzenden Stelle an seinem Hinterkopf tastete. Vermutlich hatte ihn der Kerl eins mit einem Stein übergezogen.

Zyle zog die Hand zurück und musterte das Metallband an seinem linken Arm.  Das schwache Licht, das durch ein Fenster hoch über seinem Kopf hereinfiel reichte kaum aus, den Schriftzug darauf  zu entziffern. Aber er kannte ihn ohnehin. Verräter. Mörder. Der Stahl war direkt über seinem Handgelenk zusammengeschmiedet worden und solange er sich nicht die Hand abhackte, würde er dort auch für den Rest seines Lebens bleiben. Sie hatten ihn verurteilt. Ohne Anhörung, ohne ein Wort von ihm. Aber so fällten die Archonten nun einmal ihre Beschlüsse. Nach den Worten der Gesetze, nicht nach denen von Menschen oder Gejarn.

,,Haben sie euch also auch noch gebrandmarkt ?“ Die Stimme, die  von den Zellentüren ihm fast gegenüber stammte, dröhnte so tief, das sein Kopf erneut zu Schmerzen begann. ,, Seht ihr eure Verbrecher schon als Vieh?“

Das schallende Lachen der Kreatur in der Zelle gegenüber ließ die Wände des kleinen Gefängnisses erbeben. Auch wenn Zyle seinen Zellenachbarn in der Dunkelheit nicht sehen konnte, es war klar, wer dort drüben eingesperrt war.  Oder besser Was. Und er kannte den zuweilen äußerst eigensinnigen Humor der Riesen.

Es gab kein offizielles Bündnis zwischen ihnen und den Bewohnern der weiten Ebenen im Süden,  aber zumindest hatten sie den gleichen Feind. Trotzdem blieben Konflikte nicht aus. Ihre ganze Kultur basierte am Ende darauf. Die Lehren von Laos geboten ihnen, dem Stahl zu gehorchen. Und im Zweifelsfall auch damit zu antworten. Und Riesen besaßen zuweilen ein sehr eigenes Ehrgefühl.

Zyle ignorierte die Worte des Riesen, so gut es geben ging und  zog sich in seine eigenen Gedanken zurück. Wenn er wenigstens wüsste, wofür Egina hatte sterben müssen. Er weinte nicht um sie, das wäre entehrend gewesen, aber verdammt er hatte die alte Frau gemocht. Selbst wenn sie ihm in ihren letzten Stunden mehr Rätsel aufgegeben hatte, als er würde Lösen können. Zumindest in der kurzen Zeit, die ihm noch blieb. Und viele Optionen blieben ihm nicht.  Er könnte alle vier verbliebenen Archonten zu einem Duell um sein Leben  herausfordern, auch wenn seine Überlebenschancen dabei eher gering ausfielen. Nein, drei der noch Lebenden Archonten waren selbst  Schwertmeister wie er und dabei  noch nicht alt genug um abzustumpfen. Er würde in Stücken auf dem Kampfplatz enden. Selbst Laos persönlich hätte vermutlich  Schwierigkeiten gehabt einen solchen Kampf zu gewinnen. Mal davon abgesehen, dass der alte Kriegerphilosoph seit  Jahrtausenden stetig weiter zu Staub zerfiel…

,,Wartet ihr darauf, das euer großer Lehrer aus seinem Kristallsarg steigt und eure Archonten unter den Tisch säuft ?“ Wieder der Riese.

Es hieß, wenn das letzte Kind des Nordadlers einst Helike betrat würde Laos von den Toten auferstehen um sein Volk zu retten. Unwahrscheinlich, das das ausgerechnet jetzt passieren würde, aber es schien das einzige, was ihn retten könnte. Er würde in einem Kampf auf jeden Fall sterben.

 Aber wenigstens überlegte Zyle, hätte dieses Ende etwas mehr Würde als hier unten langsam zu vermodern. Oder in die Wüste hinaus geschickt zu werden. Es gab nur selten echte Hinrichtungen innerhalb der Mauern Helikes. Aber Verbannung nach Süden, bedeutet genauso sicher den Tot.

Flucht konnte er in jedem Fall vergessen. Nicht nur, das die Gitterstäbe, der nur wenige Schritte durchmessenden Zelle, fest verankert  waren, selbst wenn er irgendwie ins Freie gelangen würde, er war bereits gezeichnet.

,, Wieso seit ihr hier ?“ , fragte er schließlich, hauptsächlich um nicht länger mit seinen Gedanken alleine zu sein. Und um seinem Zellengenossen wenigstens eine andere Beschäftigung zu geben.

,, Für einen ehrenvolleren Grund als ihr, möchte ich meinen.“

,, Und woher wollt ihr das wissen ?“

,, Die Leute reden. Auch als sie euch her gebracht haben.“ Die Gestalt in der Dunkelheit rührte sich und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Oder zumindest, soweit ihr das mit dem Begrenzten Platz und den niedrigen Zellendecken möglich war. ,, Ich bin hier weil ich Veränderungen wollte.“

,, Veränderungen ? Wodurch, denn ?“ Was hatte Egina gesagt? Das sich bald viele Dinge ändern würden?

,, Es gibt genau einen Namen, der euren Archonten den Schlaf rauben kann.“

Nun war es an Zyle zu lachen. ,, Phönix ist nur ein Gerücht. Und selbst wenn nicht, ist er bestenfalls ein Verrückter, der nichts erreichen wird.“

,, Ich bin sicher, das euch dieser Gedanke gefällt. Ihr kleinen Leute denkt immer wir verstünden nichts. Aber wir verstehen sehr gut. Ihr jedoch scheinbar nicht. Wer glaubt ihr kann einem Archonten gefährlich werden?“

Ein anderer Archont. Erneut geisterten Eginas Worte durch seinen Kopf. Vielleicht hatte sie doch weniger in Rätseln gesprochen als er glauben wollte. Zyle richtete sich auf. Der Metallreif an seinem Handgelenk funkelte schwach im Licht einer der wenigen Fackeln, die hier unten Licht spendeten.

Was er auf dem Platz beobachtet hatte ging gegen jedes einzelne von Laos Gesetzen, dass ihm bekannt war. Es gab klare Regeln für den ewigen Machtkampf zwischen Archonten. Dieser sollte sie bei Kräften und scharfen Sinnen halten und nicht dafür sorgen, dass sie sich untereinander heimtückisch ermordeten. Duelle waren in Ordnung. Kämpfe mit gleichen Waffen oder von Angesicht zu Angesicht.  Aber jemand Unbewaffneten einen Bolzen in den Rücken zu schießen ?

Er musste wissen, wer es gewesen war. Vorsichtig ließ Zyle sich auf den Boden der Zelle gleiten.

Die drei Archonten-Schwertmeister ?  Sicher nicht.  Niemand von ihnen würde sich jemals gegen Laos Gesetze stellen. Nicht in einer solchen Weise. Er weigerte sich, das zu glauben.  Aber wer blieb dann noch? Jona Vilaras vielleicht. Ein älterer Mann, der sich schon oft genug den Tadel der anderen Archonten zugezogen hatte. Mehr ein Händler als ein Krieger und so hatte er sich seinen Rang wohl auch mehr erkauft als erkämpft. Ja, das schien zu passen…

Nur dass ihm das alles wenig nützte, selbst wenn er sich sicher wäre, dachte er und stieß ein sarkastisches Lachen aus. Schritte auf dem Gang rissen ihn aus seinen Gedanken. So schnell sollte es also Enden. Wenn sie ihn jetzt holten wäre wenigstens in spätestens einer halben Stunde alles vorbei.

Zyle zwang sich, aufzustehen. Von dem langen Sitzen auf dem kalten Steinboden wurde ihm höchstens kalt und seine Beine verkrampften sich. Und er wollte wenigstens noch selbst laufen können. Aber die Gestalt, welche den Gang entlang kam, war alleine. Und kein Henker. Ganz im Gegenteil.

,,Hallo kleiner Bruder.“ , brachte er nur hervor, während er zu verstehen versuchte, was eigentlich los war.

Wys Carmine hatte auf den ersten Blick nicht die Statur eines typischen Krieger. Hochgewachsen und drahtig, schien er kaum in der Lage zu sein, ein Breitschwert zu halten. Trotzdem hatte er sich wie er, als Krieger  einen Namen gemacht, der, wie Zyle wusste allerdings vor allem auf einen beinahe Gesetzeswidrigen Kampfstil zurückzuführen war. Wys verzichtete auf die schweren, althergebrachten Waffen und nutzte die leichten Stahldegen des Canton-Imperiums. Das aber mit einem Geschick, das es den Archonten fast unmöglich machte,  ihn deshalb zu Tadeln. Im Gegenteil, er war vor kurzem zum Schwertmeister berufen worden. Wenn er das überhaupt noch war. Haare und Fell, die normalerweise den gleichen schmutzgrauen Farbton aufwiesen wie Zyles, verschwanden unter einer fast bodenlangen, weißen Robe. Und doch  wirkte Wys niedergeschlagen, was Zyle ihm auch nicht verübeln konnte. Wenn Wys statt ihm hinter diesen Gittern stünde, sähe die Sache kaum anders aus. Aber was suchte er hier

,,Man…“ , Wys stockte, als wüste er einen Moment nicht, was er sagen sollte , ,,Man hat mich zum Archon gemacht.“

Zyle konnte kurz gar nichts sagen. Er hatte gewusst, das Wys die Aufmerksamkeit zumindest zweier der Schwertmeister auf sich gezogen hatte. Aber das hier doch ein großer Sprung.

,,Ich weiß das du Egina nicht getötet hast.“ , fügte Wys hinzu, als er keine Antwort erhielt. ,, Die anderen davon zu überzeugen, war mir allerdings nicht möglich. Wir… haben eine Entscheidung getroffen. Was dich betrifft.“

,,Und sie senden dich hierher, um mir mein Todesurteil zu überbringen ?“ , fragte Zyle. Das wäre geradezu ironisch. Stoff für Geschichten und Lieder . Er lächelte trotz der Situation.

,,Eigentlich nicht…“ Ein dünnes Lächeln huschte über Wys Züge, ein Spiegelbild seines eigenen.

,,Die Gesetze sind wohl klar, fürchte ich.“

Diesmal war es Wys, der breit grinste. ,,Ein Archont steht manchmal über dem Gesetz.“

Zyles eigenes Lächeln gefror und verschwand dann. ,,Hast du alles vergessen, was man dich gelehrt hat ? Am Ende steht niemand über dem Gesetz. Und schon gar kein Archont.“

,,Vielleicht hast du recht. Und doch, manche Dinge sind nicht so perfekt wie sie uns erscheinen.“
Zyle nickte. ,,Das musst du mir nicht  sagen. Du musst Vorsichtig sein Bruder. Es gibt mindestens einen Verräter in Helike und bedauerlicherweise bin das nicht ich.“

Wys nickte.

,,Du wirst ins Canton-Imperium geschickt.“ , erklärte er schließlich.

,,Was ?“

Wys Hand beschreib eine Wegwerfende Geste. ,,Die Archonten haben beschlossen, deine Loyalität zu testen. Sie…“ Er zog einen Fetzen Papier aus der Tasche, auf dem er sich offenbar Notizen gemacht hatte. ,,Sie wollen eine einzige Person. Den Fürsten einer Stadt namens Vara. .  Stirbt er durch deine Hand, zeigst du deinen Nutzen, ist alles vergessen. Du hast Schuld auf dich geladen, aber du bist nicht verloren. Sie können es sich nicht leisten, einen Schwertmeister zu verlieren. Ihnen ist klar, dass im Kaiserreich irgendetwas vor sich geht und sie jeden Mann brauchen werden, sollte der Sturm losbrechen.“

Zyle schüttelte den Kopf. ,,Ich bin kein Meuchelmörder. Das wissen die Archonten auch.“

Wys nickte. ,,Offenbar ist das alles schon lange geplant. Wenn du in Canton bist, reise in Richtung der Stadt Vara.Du wirst auf dem Weg dorthin einem Menschen begegnen, der das Siegel des Kaiserreichs trägt. Das Zwillingswappen. Der Adler der Menschen  und der Löwe der dort lebenden Gejarn.“ Das letzte Wort spuckte er geradezu aus. Das Canton-Imperium, das waren nur Barbaren und die Gejarn dort konnten ohne die Führung Laos doch kaum mehr als Tiere sein. Nicht nach dem, was sie über die Clans dort wussten.  ,,Dieser Mann ist dein  Schlüssel. Das darf er aber nie erfahren. Das heißt wenn du dich dazu bereit erklärst. Ich kann dich vielleicht auch so aus der Stadt bringen aber…“ Wys zuckte mit den Schultern. Es würde endgültige Verbannung bedeuten. Zumindest in Helike konnte er sich nicht mehr sehen lassen. Und was blieb hier draußen sonst noch? Sich in irgendeines der Fischerdörfer an der Küste zurück zu ziehen war nicht grade, was er sich für den Rest seiner Tage ausgemalt hatte.

Zyle schüttelte den Kopf. Die Entscheidung war klar. ,,Nur wie soll ich nach Canton gelangen ? Die Reise zu Fuß dauert Monate. Das heißt, wenn ich mich durch die Garnisonen der imperialen Gardisten schleichen kann.“

,,Nun wir haben dir eine etwas unkonventionelle Überfahrt organisiert. Ich hoffe du hast nichts gegen Piraten...“

 

,,Jetzt haltet doch mal still.“ Cyrus zuckte zusammen, als der verrückte Kerl mit einer Pinzette in seiner Schusswunde herumstocherte. Die Sonne stach ihm ins Gesicht, aber er konnte auch schlecht aufstehen, solange jemand versuchte, eine Kugel aus seinem Körper zu schneiden.

,,Ist das wirklich nötig ?“

Der Wundarzt sah auf. Er war der Irre gewesen, der als einziger von den Barrikaden gesprungen war, als  der Angriff begann. Seit dem hatte er sich darum bemüht, das, was von Cyrus Schwarzgardisten geblieben war, wieder zusammen zu flicken, so gut es ging. Den Stumpf des Mannes, der einen Arm verloren hatte, hatte er bereits versorgt. Der Mann hatte, ihm wirr vom Kopf abstehendes, weißes Haar, das an den Schläfen bereits ausfiel. Ein üppiger Backenbart in derselben Farbe vervollständigte das skurrile Aussehen. Zusätzlich trug der Mann noch eine Brille auf der Nase, die an mehreren Scharnieren dutzende von Linsen besaß, welche er sich eine nach der anderen vors Auge schob. Vergrößerungsgläser. Noch so eine Verrücktheit. Dazu viel dem Kerl ein blauer Mantel über die Schultern, der ihm bei weitem zu groß und zu lang war und seinen Körperbau noch schlaksiger und knochiger wirken ließ. An den Innenseiten und in den Taschen des Mantels  hatte er dutzende verschiedene Metallklingen, Pinzetten und Tinkturen in kleinen, undurchsichtigen Fläschchen verstaut, genauso wie in der großen Ledertasche, die neben Cyrus aufgeklappt auf dem Boden lag.

,,Oh keine Sorge, ihr habt nur eine Bleikugel zwischen eurer zweiten und dritten Rippe direkt über dem Herzen, das ist keine beeindruckende Verletzung oder so, nein das wird schon wieder… Wenn ihr drauf geht, kann ich euch dann ausstopfen und an die Universität nach Vara bringen? Die Studenten da sollten so eine Verletzung erst mal sehen.“

Cyrus war sich unsicher, ob der Mann seine Frage ernst gemeint hatte. Irgendwie jedoch mochte er die seltsame Art des Menschen auf Anhieb.

,, Ich glaube es ist eine Weile her, das sich ein Wundarzt um einen Schwarzgardisten bemüht hat.“ , meinte er.

Der Arzt zog lediglich eine Augenbraue hoch. ,, Glaubt mir ich habe gute Gründe, euch noch ein bisschen am Leben zu erhalten. Tut mir also nur einen gefallen und versucht, nicht plötzlich  zu sterben. Das hatten wir beim letzten Mal schon und ich brauche so was wirklich nicht zweimal.“

Irgendwie schien nur jedes zweite Wort des Mannes für Cyrus einen Sinn zu ergeben. Der quirlige Arzt zog eine der zahlreichen Ampullen aus seiner Tasche und hielt sie Cyrus hin.

,,Was ist das ?“, wollte der Wolf wissen.

,,Branntwein. Aus bestem Tropfen aus Risara. Da ihr ja beim besten Willen nicht stillhalten könnt, Prost. Hat bisher jeden Verletzten zum Ruhigsein gebracht. Alles nur eine Frage der Dosis.“

 Mittlerweile war Cyrus sich doch sicher, dass der Kerl sich einfach über ihn lustig machte.

,,Nein danke.“  Er wollte nachher noch geradeaus gehen können.  Vielleicht vertrugen Menschen es besser, sich selbst zu vergiften, aber ihn würde das garantiert nicht gut bekommen. Auch wenn der Schmerz wohl weg wäre. Nein das war die Kopfschmerzen nicht wert.

Der Arzt zuckte mit den Schultern, setzte die Phiole selbst an die Lippen und trank die goldene Flüssigkeit in einem Zug aus.

Cyrus schluckte. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sich den Heilern des Sanguis-Ordens anzuvertrauen aber…

Er hatte schon gesehen wie die verdammten Zauberer selbst schwerste Verletzungen in wenigen Augenblicken kurierten und wie sie ihre eigenen  Leute  vom Rand des Todes zurück rissen. Aber die Schreie… Der Sanguis-Orden scherte sich wenig um seine Patienten. Ihre Heiler waren Geschickt  aber auch verdammte Sadisten.  Nein, dann besser der offenbar irre Wundarzt.

,,Wie heißt ihr eigentlich ?“ , fragte er um sich abzulenken.

,,Erik Flemming.“ Der Weißhaarige zog ein schweres  Messer aus seinem Mantel, betrachtete die Klinge einen Moment und legte sie dann zu Cyrus Erleichterung wieder weg.

,,Erik… Ihr kommt also aus den Nordprovinzen?“

,,Korrekt. Ich bin nach dem alten Erik Svensson benannt. Einem Waffengefährten von Simon Belfare.“

,, Ihr wisst schon, dass der von einem Drachen gefressen wurde, oder ?“

,, Und wenn ein Drache an einem erstickt ist man auch irgendwie ein Held.“ , erwiderte der Arzt.

Cyrus wollte den Kopf schütteln, überlegte dann aber, dass das nicht die beste Idee wäre, wenn Erik grade  versuchte seine Wunden zu versorgen. ,,Ihr Nordländer seid ja alle Wahnsinnig.“

,,Muss an der Kälte liegen Herr Wolf. Sagt mir, was macht eure Clans im Herzland verrückt genug, sich mit dem Kaiser anzulegen? “

,,Meine Leute sind einfach so. Viele der städtischen Gejarn mögen die Clans nicht, aber…“

Ein plötzlicher Schmerz ließ ihn im Satz innehalten.

,,Hab ich dich.“ Erik hielt triumphierend eine kleine, blutverschmierte Bleikugel ins Licht, bevor er sie Cyrus zuwarf, der sie mit einer Tatze auffing.

,,Nettes Souvenir.“ Er ließ sie in der Tasche verschwinden. ,,Das ist Nummer sieben.“

,,Da seid ihr ja noch gut dabei.“ , meinte der Wundarzt lachend.,, Der Rekordhalter dürfte der arme Jensen sein. Dreiundzwanzig Bleiküsse seit er hier ist. Das sind mehr Kugeln, als er bisher Lebensjahre hat.“

,,Ich meinte sieben  diesen Monat.“ , erwiderte Cyrus und setzte sich auf. Sein Hut lag neben ihm und er setzte den Dreispitz wieder auf. Das würde ihn zumindest etwas vor der Sonne schützen.

Mittlerweile war wieder Ruhe eingekehrt und die meisten Soldaten der Garde waren zurück im  Hafen von Kalenchor. Nur einige Posten besetzten noch die Barrikaden und hielten von dort Ausschau nach weiteren eventuellen Angriffen. Aber die große Ebene vor den Erdwällen war wieder ruhig und verlassen wie eh und je. Lediglich das nahe Meer du die Silhouette Kalenchors hinterließen einen Farbstreifen in der braunen Ödnis, die sich von Horizont zu Horizont erstreckte.

 Er verstand nicht, warum das Kaiserreich diese  Angriffe einfach durchgehen ließ. Vielleicht hatte Kaiser Konstantin kein Interesse an einem direkten Konflikt. Die letzten größeren Offensive hatten kaum Land gewinnen können und mit jedem Meter verloren sie Männer. Obwohl  sie keine Feuerwaffen, geschweige denn Magie nutzten waren die Krieger Helikes  Tödlich, wenn sie es einmal nah genug heranschafften.

,,Ihr verrückten Schwarzgardisten.“ Der Arzt schüttelte nur langsam den Kopf, während er seine Instrumente säuberte und zusammen räumte. Das Blut schien ihn kaum zu stören.

,,Ihr wahnsinnigen Nordländer.“

Schritte hinter ihm veranlassten Cyrus, den Kopf zu drehen. Eine Gestalt im türkisfarbenen Mantel des Ordens trat auf sie zu. Einen Moment bedachte der Magier Erik mit einem seltsamen Blick, bevor er sich an Cyrus wendete.

,, Schwarzgardist Cyrus?“

Er nickte lediglich.

,,Der Befehlshaber des Sanguis-Ordens möchte euch sehen.“

,,Weshalb ?“

,,Das weiß ich nicht.“ , erwiderte der Ordensbote ruhig.

Einfach Großartig. Nicht mitgehen würde bedeuten, es sich mit dem Orden verscherzen. Etwas, das man schlicht nicht tat, wenn man vorhatte, länger am Leben zu bleiben.  Es war keine gute Idee, die Zauberer gegen sich zu haben, egal ob er sie mochte oder nicht. Es konnte immer schlimmer sein, erinnerte er sich, innerlich fluchend, während er dem Türkis gewandeten Fremden  einen Hügel zwischen den Schützenstellungen und Barrikaden hinauf folgte.

7. Kapitel: Kapitel 6 Freiheit

 

Er konnte von hier oben fast die gesamte Ebene um Kalenchor überblicken. Die Stadt selbst zeichnete sich als dunkel Silhouette gegen die Sonne ab, die soeben den Horizont erreicht hatte.

Und vor ihm ausgebreitet, in der anderen Richtung, lagen die Steppen, welche die Jünger Laos nach wie vor nicht preisgaben. Nun, wo er nicht länger alles über die Barrikaden und Dreckgefüllten Reisig-Körbe hinweg betrachtete, schien dieses Land tatsächlich eine eigene Schönheit zu besitzen. Es war karg, ohne Frage ,aber bei weitem nicht leblos, wie man zuerst annehmen mochte. Einzelne Pflanzen und grüne Helme hielten sich im Staub des Bodens und er wusste aus Berichten, das es nahe Helike wohl sogar ganze Wälder gab. Seltsame Bäume mit Nadeln, wie man sie sonst nur im Norden fand, nicht die gewaltigen, ausladenden Laubbäume seiner Heimat. Er vermisste die Bäume, auch wenn er das nie zugegeben hätte. Die Schatten, in denen es selbst im Sommer angenehm kühl blieb, den Geruch von Harz und Blättern, der nicht in der Nase brannte wie der Staub der Steppen. Es war lange her, dass er das Herzland gesehen hatte und vermutlich würde er nur in einem Sarg dorthin zurückkehren. Wenn überhaupt. Der Gedanke daran, in einer stickigen Holzkiste zu verrotten, war nicht grade verlockend. Da war es doch besser, hier draußen zu sterben. Sollten sich die Geier um das kümmern, was von ihm blieb.

Aber warum dachte er überhaupt über das Sterben nach? Cyrus schüttelte die untypisch melancholischen Gedanken ab. Noch hatte er, aller Wahrscheinlichkeit nach, einige Jahre vor sich, solange er aufpasste.

Der kleinwüchsige Magier an seiner Seite schien immerhin nichts von seinen Gedanken mitzubekommen. Und so viele Gerüchte über den Sangius-Orden kursierten er hoffte, das zumindest keiner von ihnen wirklich in die Gedanken eines anderen eindringen konnte. Obwohl er jetzt schon einige Zeit mit den Magiern Seite an Seite kämpfte, bescherten ihn die unnahbaren Figuren in ihren weiten Roben nach wie vor eine Gänsehaut. Magie war nichts, mit dem sich sein Volk beschäftigte, zumindest nicht in der Art, wie sie von den Männern des Ordens praktiziert wurde. Es gab heilige Städten und Orte, denen eine eigene Macht inne wohnte, doch kein Gejarn hatte je eine Begabung für die Magie gezeigt, über die der Orden gebot. Und wenn Cyrus sich seinen Begleiter so ansah, war er ganz froh darüber. Zauberei hatte einen Preis.

Der Zauberer der ihn begleitete, war, trotz seiner Jugend , bereits vollständig ergraut. Seine dunklen Augen wirkten eingefallen und blickten müde, wie die eines viel älteren Mannes und seine Hände…

Blaue Adern zeichneten sich unter weißer, fast durchscheinender Haut ab und seine Finger zitterten sichtlich.

Cyrus kannte die Symptome zu gut, fand man sie doch fast immer bei den Zauberern des Ordens. Zu viel Magie war bereits durch den Körper des jungen Mannes geströmt und hatte ihn vorzeitig altern lassen und nun rang er bereits mit dem Tod, sich nur durch eisernen Willen noch ans Leben klammernd, denn so zerbrechlich ihre Körper auch wirkten, ihr Geist war es, der ihnen Kraft gab Auch wenn sich der Zerfall, der sie heimsuchte angeblich nicht immer nur auf ihre Körper beschränkte. Wenn Cyrus in die gehetzten trüben Augen des Zauberers sah, glaubte er das sofort. Er konnte sich einem Anflug von Mitleid nicht erwehren, wohlwissend, dass der Weißhaarige Mensch ihn dafür bestenfalls verlachen oder auslöschen würde, sollte er je etwas davon mitbekommen. Mitleid und Gnade waren nichts, das der Orden verstand. Und wenn Cyrus ehrlich war, hatte er selbst wenig genug davon erfahren.

Eine einzelne Gestalt erwartete sie auf der Hügelkuppe, ebenfalls ein Magier, doch wirkte er bereits Älter und stützte sich auf einen schweren, knorrigen Stab um sich auf den Beinen zu halten. Selbst die weiten Roben im Türkis des Ordens konnten kaum darüber hinwegtäuschen, dass der Körper darunter kaum mehr war, als ein Skelett.

,, Ihr könnt euch entfernen.“ , meinte er ohne sich umzudrehen. Der jüngere Mann verneigte sich kurz, was ihm sichtlich Mühe bereitete, dann verschwand er auch bereits wieder den Hügel hinab und ließ Cyrus alleine mit seinem Meister zurück.

,,Manche werfen uns vor, einseitig zu sein, weil wir nur Menschen aufnehmen.“ , begann dieser, nach wie vor mit dem Rücken zu Cyrus. Seine Stimme war überraschend hell und spiegelte mehr sein wahres Alter wider, als sein verfallender Körper. Erst jetzt drehte er sich zu ihm um.

Aurelius , der Großmagier der die Männer des Ordens hier befehligte , war normalerweise kein Mann, den man oft außerhalb der Garnisonsfestung in Kalenchor antraf. Und so ehrfurchtgebietend die Macht auch war, über die er gebot, Cyrus sah letztlich nur einen alten Mann. Der Gejarn sah an ihm vorbei hinaus auf die Ebene, wo der Leichnam des Riesen in der Sonne langsam Geier und Fliegen anzog. Alles kehrte am Ende nur in einen Kreislauf zurück. Am Ende war alles nur dem Prinzip von Actio und Reactio unterworfen, wie die Menschlichen gelehrten vielleicht gesagt hätten. Aber Magie schien etwas aus diesem Kreislauf zu reißen. Und das geschah nicht ohne Folgen. Er musste nur in das vorzeitig verwitterte Gesicht des Oberen Zauberers sehen. Ein türkisfarbener Mantel umhüllte die ausgemergelte Gestalt und auf seiner Schulter prangte das goldene Symbol des Bluttropfens.

,,Das stimmt nicht.“ , fuhr dieser grade fort. ,,Euer Volk Cyrus hat schlicht nicht was wir suchen.“

Cyrus hätte sich diese Diskussion am liebsten erspart. Er war Müde, die Schusswunde in seiner Brust schmerzte jämmerlich und wenn er es zurück nach Kalenchor schaffte, konnte er sich auch guten Gewissens betrinken um den Schmerz zu betäuben. Er würde diesem Arzt, Erik, vielleicht ein Bier ausgeben, wenn er ihn fand. So verrückt der Mann wirkte, er hatte ihm heute vermutlich das Leben gerettet. Ihm und anderen.

,,Lasst mich raten, Spuren des Bluts des alten Volkes ?“ Glaubte Aurelius, das er erklärt bekommen musste, das es unter seinem Volk keine Magier gab?
Der Großmagier nickte. ,,Ihr seid schlicht nicht von Wert für uns, auch wenn einige von euch die alten Artefakte nutzen können, eigene Zauber weben ist etwas völlig anderes.“

,,Jetzt fühl ich mich viel besser.“ , erwiderte Cyrus sarkastisch. ,, Also, was wollt ihr von mir ? Ich habe verflucht noch mal besseres zu tun als mir anzuhören, was ich schon weiß.

,,Von euch ? Ich weiß nicht. Vielleicht nur eine Meinung.“

Geister, verstehe einer Zauberer. Cyrus seufzte. Vermutlich war das Gehirn des Großmagiers schon vom Magiebrand zerfressen.

,,Und welchen Rat ?“

Ohne Vorwarnung zog der Ordenszauberer ein Fernglas und deutete auf die See hinaus. ,,Seht selbst, Schwarzgardist.“

Cyrus nahm das Metallrohr skeptisch an sich. Es ließ seine Füße kribbeln. Magie. Er setzte es ans Auge und richtete es aufs Meer. Es war ganz offensichtlich verzaubert, wenn auch nur schwach. Er konnte sehr viel weiter sehen, als er es für möglich gehalten hätte. Hinter den Horizont sogar, denn was er sah war ganz sicher noch nicht mit bloßem Auge zu erkennen. Ein Schiff….

Ersetzte das Glas ab. ,,Und was soll das sein ? Irgendein Handelsschiff eben.“

,,Ein Handelsschiff ? Aus dem Süden ? Von Helike ?“ , fragte der Zauberer spöttisch. ,, Glaubt ihr etwa, nur weil mein Körper langsam zerfällt bin ich völlig verrückt geworden ?“

,,Was ist es dann und warum zeigt ihr das mir und nicht einem Feldmarschall ?“

,,Ich weiß noch nicht was es ist. Und ihr wärt leicht zu beseitigen wenn es wichtig wäre. Die Garde ist nur der Amboss, für das Reich. Wir jedoch, wir sind der Hammer, der seine Zukunft schmiedet. “ Die Kälte, mit der der Mann zugab ihn ohne zu zögern zu ermorden, wenn er darin einen Vorteil für sich sah ließ Cyrus schaudern. Er legte eine Hand an das Kurzschwert an seiner Seite. Er war nicht zimperlich, ganz sicher sogar nicht, aber das war etwas zu gradeheraus. Und er hatte nicht vor heute zu sterben. Auch ein Magier konnte nicht mit durchgeschnittener Kehle leben.

,, Aber ich glaube man kann euch gebrauchen. Der Zauberer warf ihm etwas zu, das er grade noch Auffangen konnte. Ein würfelförmiger, roter Kristall, dessen inneres zu glühen schien. ,,Ein Kleiner Schutzzauber, falls ihr euch noch einmal eure eigene Kugel einfangen wollt.“ Ein wissendes Lächeln huschte über Aurelius Züge, ehe er sich wieder umdrehte und weiter das Schiff beobachtete. Cyrus hingegen beeilte sich, möglichst schnell etwas Abstand zwischen sich und den Hexenmeister zu bringen. Der Mann war schlicht irre, das war alles. Wie viel Schaden konnte ein einzelnes Schiff anrichten, selbst wenn es voller Soldaten oder Sprengpulver wäre? Sie hatten eine verdammte Flotte in Kalenchor liegen. Das Schiff würde in Stücke geschossen werden, wenn es auch nur in die Nähe der Hafenfestung kam. Aber immerhin eine Sache hatte ihm das ganze eingebracht, dachte er, während er den roten Kristall betrachtete. Der war bestimmt einiges Wert…

 

 

 

Kellvian zog sich aus dem Wasser des Flusses ans Ufer. Einen Augenblick blieb er schlicht benommen im Sand der Böschung liegen und starrte nach oben. Sonnenlicht schimmerte sanft durch die Zweige der Bäume, die auf der abschüssigen Böschung zwischen Schilf und Sumpfgräsern halt gefunden hatten. Ein dünnes Lächeln huschte über seine Züge, während er eine Weile einfach nur so dalag. Der harte Kiesstrand war alles andere als bequem aber im Augenblick spürte er die spitzen Steinchen nicht einmal, die sich in seinen Rücken gruben. Er war frei… zum ersten Mal seit langem hatte er nicht mehr das Gefühl, jeden Moment zu ersticken. Und doch blieb der bitter Beigeschmack, ein Feigling zu sein. Er hatte es wirklich getan. Er war weggelaufen… In Tyrus Augen hatte er damit wohl endgültig versagt. Und in denen seines Vaters…

Langsam hob er den Kopf und sah sich um. Er war an einer Stelle an Land gespült worden, an der das Flussbett tiefer und der Strom des Wassers langsamer wurde. Sand und Kiesel hatten sich auf einem breiten Streifen entlang des Ufers angesammelt, auf dem vereinzelte Bäume und Büsche wuchsen. Dahinter jedoch lag dichter Wald, dessen Blätterdach nur wenig Sonnenlicht hindurch ließ. Vögel zwitscherten irgendwo über ihm und im Unterholz raschelte es. Irgendwelche Tiere. Zumindest hoffte er das, als er sich auf dem Weg das Ufer hinauf zu einem größeren Felsen machte, der eine bessere Sitzmöglichkeit abgab als der bloße Boden. Er war nass bis auf die Haut und das gleiche gilt für seinen Rucksack. Wenn er die Sachen nicht bald trocken bekam, würde er vermutlich nicht weit kommen. Und so setzte er sich auf den von der Sonne warmen Stein und zog die Stiefle aus, in denen sich bereits das Wasser sammelte. Erstaunlich, wie weit die Strömung ihn mitgerissen haben musste, als er gesprungen war. Am Himmel war nichts mehr von der fliegenden Stadt zu sehen, nur endlosen Reihen von Baumwipfeln, die sich scheinbar in alle Richtungen erstreckten.

Hinter ihm wiederum zog sich ein ausgetretener Pfad das Ufer entlang. Offenbar kamen hier zwar ab und an Menschen vorbei, aber wenn er sich den Zustand des Wegs besah, sicher nicht viele. Nun ihm konnte es recht sein. Er hatte es nicht eilig auf jemanden zu treffen. Geschweige denn wusste er überhaupt genau, wie es jetzt weitergehen sollte. Vielleicht würde er für den Anfang dem Fluss folgen. Irgendwann würde er dann in jedem Fall eine Siedlung erreichen.

Kellvian zog den ebenfalls mit Wasser durchtränkten Rucksack zu sich heran und ging die Sachen durch. Das Zelt, das er eingepackt hatte, musste trocknen und so breitete er es kurzentschlossen auf den Steinen aus. Sein Hemd, Socken und die Schuhe folgten. Das letzte was er hier draußen gebrauchen konnte, wäre, sich zu Erkälten oder eine Blase zu laufen. Lediglich die Hosen behielt er an, selbst wenn es nicht so aussah, als ob in den nächsten Stunden jemand hier vorbei kommen würde. Und doch, höfischer Anstand und Scham ließen sich nicht überwinden, nur weil er die Mauern des Palastes hinter sich gelassen hatte. Der Gedanke war ernüchternder, als er zugeben wollte. Manche Mauern waren anscheinend mehr in seinem Kopf als Real.

Wenigstens schien nichts beschädigt, lediglich dem Degen würde das Wasser kaum gut bekommen, aber es gab wenig, das er dagegen tun konnte. Sollte die Klinge doch verrosten, dachte Kellvian. Er hatte ohnehin gezögert, überhaupt eine Waffe mit zu nehmen. Und doch hatte er es getan… Mauern in seinem Kopf, dachte er. Tyrus hätte ihn nie Unbewaffnet gehen lassen, wenn überhaupt. Aber Tyrus war jetzt weit weg, genau wie alles andere. Und das Gewicht der Waffe hätte ihn im ersten Moment, als er im Wasser aufschlug, fast ertränkt.

Kellvian schon die Gedanken von sich und sah eine Weile einfach nur dem Lauf des Wassers zu, während die Sonne am Himmel ihren höchsten Stand erreichte und seine Kleider trocknete.

Es gab nichts, wo er hin musste, kein Ziel, keine Aufgabe. Nichts. Nur ihn und etwas Ruhe. Das hatte er sich doch gewünscht… seit der Schlacht. Und doch fand er genau das immer noch nicht. Ruhe.

Ob ihm jemand folgen würde? Vermutlich. Sein Vater… Er unterbrach sich selbst in Gedanken. Nein, der Kaiser, konnte es sich gar nicht erlauben, nicht nach ihm suchen zu lassen. Bloß würde wohl niemand den Erben des Kaiserreichs an einem verwilderten Flussufer erwarten. Und vermutlich wussten auch die wenigsten Menschen außerhalb der fliegenden Stadt, wie er überhaupt aussah. Und dann war da natürlich noch die Sache mit seinen Haaren. Kurzentschlossen schnitt er, was von seinem Zopf geblieben war, ab und ließ die Büschel vom Wind verwehen oder von der Strömung davon treiben.

,,Seltsam, jemanden so weit draußen anzutreffen.“

Kell drehte sich ohne sonderliche Sorge zu der Stimme um. Hier draußen wusste niemand wer er war. Es gab keine Intrigen und niemanden, der sein Feind wäre. Nun , vielleicht ein Wegelagerer, aber bis auf das Gold trug er kaum etwas von Wert bei sich und wirklich daran hängen tat er nicht. Das Kaisergold und der Siegelring an seiner Hand waren die letzten Dinge, die ihn noch mit der fliegenden Stadt verbanden.

Ein Mann in dunkler Kleidung stand hinter ihm, immer noch einig Schritten entfernt, auf dem Kiesstrand und stützte sich , scheinbar genauso gelassen wie Kellvian, auf einen verzierten Holzstab. Der Knauf des Stocks schien aus Bernstein gefertigt und an mehreren dünnen Drähten baumelten aus Knochen geschnitzte Talismanen daran.

Kellvian hatte nicht einmal gemerkt, wie oder wann sich der Fremde genähert hatte und halb hörte er schon Tyrus warnende Stimme in seinem Kopf, die ihn dafür schalt, dass er seine Umgebung vernachlässigt hatte.

Der Mann trug einen weiten blau-schwarzen Mantel, der ihm bis zu den Knien fiel. Die Dunklen Haare, trug er zu einem kurzen Zopf im Nacken zusammengebunden. Vereinzelte, silbrige Strähnen glänzten darin. Helle, wache Augen um die sich dutzende dünne Fältchen zogen, musterten Kell, als wäre sich der Mann nicht sicher, was er von ihm halten sollte. Nun, das beruhte immerhin auf Gegenseitigkeit, dachte der junge Mann, bevor er Aufstand und den Neuankömmling begrüßte

,, Ich würde sagen, es ist dann auch seltsam, euch hier zu sehen.“ Er lächelte. Der Alte hatte etwas Seltsames an sich, das konnte er nicht leugnen, aber nichts davon schien ihm bedrohlich. ,, Ich bin Kell.“ Solange er konnte, würde er seinen Vollen Namen besser für sich behalten. ,, Verratet ihr mir auch euren Namen ?“

Der Fremde lächelte ebenfalls Mit einer Hand, an der ein schwerer Saphirring glänzte, stützte er sich immer noch auf den Gehstock. Dann jedoch streckte er Kellvian eine Hand hin.

,,Ich bin Melchior.“
Kell ergriff die angebotene linke zögernd. ,, Ihr seht nicht wie jemand aus, den man hier draußen erwarten würde.“

,,Oh tue ich das ?“ Der Mann der sich als Melchior vorgestellt hatte, kicherte einen Augenblick in sich hinein. Ein ehrliches Lachen, auch wenn seine Augen zu verraten schienen, das er mehr wusste, als er jemals zugeben würde. Wissen, das ihn vielleicht ein wenig verschroben hatte werden lassen. ,,Ich bin eigentlich nur jemand, der gerne die Dinge beobachtet um zu sehen, wie sie sich entwickeln.“ , fuhr der Fremde fort. ,,Manchmal tue ich auch meinen Teil dazu sie etwas interessanter zu gestalten.“

,,Kennt ihr die Gegend hier ?“ , wollte Kell wissen. Der Mann mochte ein wenig seltsam sein, war aber offenbar ganz in Ordnung.

,,Diese und viele andere. Es gibt wenige Orte auf dieser Welt, die mir unbekannt sind. Und sogar einige…. Jenseits dieser Welt.“

Langsam war Kell sich nicht mehr sicher, ob Melchior nicht ein Spiel mit ihm spielte. In jedem Fall schien er sich köstlich zu amüsieren. En feines Lächeln schien ständig um die Mundwinkel des Mannes zu spielen, als ob das hier alles ein Witz wäre, den nur er verstand-

,,Dann könnt ihr mir vielleicht sagen, welche Straße zur nächsten Stadt führt ?“ , fragte Kell.

,,Das Ende ist dasselbe, welchen Weg ihr auch nehmt. Die Welt ist immerhin rund. Ein Pfad ist nur etwas länger.“

Kellvian runzelte die Stirn. ,,Das ist mir durchaus klar.“

  1. dann geht dort entlang.“ Melchior deutete den Fluss hinab und wendete sich zu gehen. ,,Es ist letztlich egal, aber dieser Weg dürfte um einiges interessanter werden. Ihr werdet schon sehen.“
    Kell konnte dem Mann nur einen Augenblick schweigend nachsehen, während er zwischen den Bäumen des Ufers verschwand. Was auch immer das grade war…Unsicher sah er den Fluss in die Richtung hinab, die ihm Melchior gewiesen hatte. Auf den ersten Blick jedenfalls konnte er nichts erkennen, das diesen Weg von dem Flussaufwärts unterschied. Nun, da er nicht wusste, wohin, konnte er für den Beginn auch durchaus dem Rat eines verschrobenen Alten trauen. Aber einen Augenblick fragte er sich trotzdem, was wohl wäre, wenn er Flussaufwärts weiterzog.

So oder so, es wäre nicht verkehrt, sich langsam auf den Weg zu machen. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand längst überschritten und wenn er nicht im freien Übernachten wollte, fand er besser eine Unterkunft. Auch wenn Kellvian insgeheim fürchtete, das es dafür ohnehin zu spät war. Er war irgendwo im Nirgendwo gestrandet. Eilig packte er das Zelt zusammen und verstaute alles wieder in seinem provisorischen Rucksack. Dann zog er sich Hemd und Schuhe wieder an und blickte einen Augenblick zurück. Von Melchior war nichts mehr zu sehen. Um ihn herum gab es nur das Rauschen des Wassers und den Wind in den Bäumen und die Sonne, die auf ihn herab brannte. Es versprach noch ein schöner Tag zu werden. Er schulterte den Rucksack und machte sich auf den Weg, immer dem Fluss nach.

 

,,Er wird auf diesem Weg nur unnötig leiden.“ , hörte Melchior eine Stimme neben sich. Er brauchte sich nicht umdrehen. Die Präsenz des Wesens, das neben ihm getreten war kannte er zu gut. Sie kannten sich zu gut, wussten seit langer Zeit voneinander. Und doch erhob keiner die Hand gegen den anderen, war der Ausgang einer solchen Konfrontation doch mehr als ungewiss. Sie kämpften auf andere Weise…

,,Leid ?“ , entgegnete der Seher. ,,Nein. Das was ihr als Leid empfindet lässt andere Wachsen. Und ich sehe so viel mehr. Wisst ihr, das war immer eure Schwäche…“

,,Ich sehe den Tod. „ unterbrach sein gegenüber ihn. ,,Alles verläuft so, wie es geplant ist. Das Netz ist lange gespannt. Und ihr werdet nichts daran ändern.“

Nun drehte sich Melchior doch um. Er sah in kein Gesicht, nur einen Lebendig gewordener Schatten, der an einem Baum in der Nähe lehnte.

,,Eure Schatten werft ihr voraus, das bezweifle ich nicht. Aber vielleicht sollten wir einmal auf Vorhersagen verzichten. Was meint ihr?“

Der Schatten antwortete nicht, sondern verschwand, davongetragen von einem Windhauch. Ein kalter Schauer lief Melchior über den Rücken.

Allesverlief nach Plan… Aber er hofft grade einen neuen Faktor in die Gleichung eingebracht zu haben.

8. Kapitel: Kapitel 7 Das Treffen

 

Die Festung des Sanguis-Ordens thronte in einem breiten Tal, zwischen hoch aufragenden Berggipfeln. In den Bergen gelegen, die die Grenze zu Immerson bildeten, wurde es hier, trotz des noch fernen Winters, bereits empfindlich kalt. Einzelne Schneeflocken wurden vom Wind von den Schneebedeckten Gipfeln ins Tal getragen und sammelten sich als feiner, weißer Flaum auf Wehrgängen und Zinnen. Feine Risse durchzogen das dunkle Mauerwerk der Festungsanlage und einzelne Quarzeinschlüsse schimmerten im Licht der untergehenden Sonne. Rote , leblose Augen, die den Weg und die umliegenden Berge misstrauisch beäugten. Die Mauern umliefen eine weitläufige Ansammlung von Gebäude, Türmen und Kreuzgängen, welche mit dem Orden über die Jahrhunderte gewachsen waren und keine feste Struktur zu haben schienen. Es gab einfache Wirtschaftsgebäude, die neben einem Bibliotheksflügel aufragten, weitläufige Hallen in denen Zeremonien und Bestattungen stattfanden , denn wer einmal zum Orden gehörte, blieb ihm bis zum Tod verpflichtet und einen großen, klobigen Bergfried, der von filigranen Türmen flankiert wurde und dadurch nur noch größer und ungastlicher wirkte.

Die einzelne Gestalt, die aus einem Fenster im oberen Stockwerk jenes Bergfriedes sah, blickte nüchtern über die uralten und neueren Anlagen, die ohne klare Grenzen ineinander zu fließen schienen. Wann immer es dem schnell wachsenden Sanguis-Orden an Platz gemangelt hatte, waren einfach neue Gebäude und Wehranlagen hinzugekommen und so mit der Zeit ein regelrechtes Labyrinth entstanden. Die meisten brauchten Jahre, bis sie sich wirklich hier zu Recht fanden und selbst dann kannte man möglicherweise noch immer nicht alle Winkel und Durchgänge auf den Mauern und zwischen den Gebäuden. Die Wehranlagen mochten alt sein, aber sie waren nach wie vor stark und der labyrinthische Aufbau der Festung selbst machte es einem potentiellen Angreifer zusätzlich schwer. Seit der Entdeckung von Schwarzpulver boten Mauern alleine , außer sie waren durch Erdwälle verstärkt, allerdings kaum noch Schutz.

Tyrus Lightsson wusste jedoch zu gut, dass der Orden den Schutz durch Steinmauern kaum nötig hatte. Die wenigen Wachen, welche sich auf den Zinnen sehen ließen hatten die türkisgrünen Mäntel eng um sich geschlungen und standen um die, hier und da aufgestellten, Kohlenfeuer herum. Nicht, das die Flammen viel gegen die Kälte ausrichten konnten, die von den Bergen herab kam. Tyrus verspürte jedoch kaum Mitleid mit ihnen. Es waren Niedere Zauberer, deren Macht zu unbedeutend war, um in die inneren Zirkel des Sanguis-Ordens Aufzusteigen. Sie waren die Trittsteine der wahrhaft begabten Zauberer, nicht mehr. Waren sie nicht mit Dienstarbeiten beschäftigt, schickte man sie hinauf auf die Mauern zum Wachdienst. Eine unnötige Aufgabe, dachte Tyrus. . Niemand, der bei klarem Verstand wäre, würde jemals den Sitz des Ordens angreifen. Jede einzelne Person innerhalb der Mauern trug das Blut des alten Volkes in seinen Adern und selbst die schwächsten unter ihnen waren Gegner, die einem gewöhnlichen Sterblichen weit überlegen waren. Sie brauchten keine Wachen…

Gegründet offiziell um jene zu Schulen, in denen die Gabe der antiken Zivilisation schlummerte, welche einst über die Welt geherrscht hatte, waren sie eine der, wenn nicht die mächtigste Institution im Canton-Imperium. Aber nur die wenigstens wussten, über wie viel Macht der Orden tatsächlich verfügte. Und doch war es nicht genug, dachte Tyrus bitter, als er sich zu den Gestalten umwandte, die mit ihm im Saal warteten.

Der Raum war, bis auf das Fenster in Tyrus Rücken, in tiefe Schatten getaucht, so dass er keinen der Anwesenden erkennen konnte. Alle anderen Lichtquellen hatte man verhängt oder gelöscht und auch vom Feuer, das in einem der Kamine gebrannt hatte, waren nur noch vereinzelte Glutpunkte geblieben. Tyrus konnte nur die Schemen der Männer und Frauen ausmachen, die auf ihn warteten. Und sie wiederum würden nur seine Silhouette gegen das Licht der Sonne sehen. So war es sicherer. Wen man nicht kannte, den konnte man nicht verraten. Und war es nicht verrat, was sie hier taten? Der Kaiser würde es sicherlich so sehen. Aber was Verstand der Kaiser schon von bloßer Notwendigkeit?

Nicht alle seiner Gäste waren Magier, das spürte er, selbst wenn er sie nicht sehen konnte. Tyrus verabscheute dieses Versteckspiel. Er war zu alt um sich noch vor Furcht in die Schatten ducken zu wollen. Ihr Ziel war fast erreicht , aber noch nicht nahe genug, das er wissen durfte, wer zum Netz des Meisters gehörte. Und ihm war klar, dass sie am Ende alle nur Puppen waren. Marionetten, deren Fäden man zog, wenn man sie brauchte. So wie jetzt.

,,Ist der junge Belfare tot ?“ , fragte eine Stimme aus dem Dunkel. Sie war verzerrt und schien aus großer ferne zu kommen. Der Zauber, welcher die Männer und Frauen hier versammelt hatte war nicht von hoher Qualität. Sie konnten es sich nicht erlauben, eine der Magiequellen des Ordens für diese Treffen anzuzapfen. Wenn der restliche Sanguis-Orden herausfand, was sie hier taten, würden nur wenige Zögern ihn an die fliegende Stadt auszuliefern. Und sei es nur, weil sie dann selbst die Chance hätten, an seiner Stelle die Führung des Ordens zu übernehmen.

,,Wir waren uns einig, es reicht aus wenn der Junge aus dem Weg ist.“ , erwiderte Tyrus. Was geschehen wird, wenn er zurückkehrt ist grausam genug, dachte er. Er hatte nicht vor, dem Jungen mehr weh zu tun als nötig. Und sei es nur, weil ein entfernter Teil von ihm Sympathie für ihn empfand.

,,Die Pläne haben sich geändert. Der Meister wird kein Risiko eingehen.“ , sagte jemand anderes. Der Sprecher hatte einen seltsamen Akzent. Ein Gejarn ? Tyrus kniff die Augen zusammen, meinte grauen Pelz zu erkennen. Wie gerne würde er einfach eine Fackel entzünden. Mehr als ein Gedanke seinerseits wäre dazu nicht nötig und diese Scharade wäre vorbei. Aber dann, das wusste er, würde er bis zum Morgengrauen sterben. Es würde wie ein Unfall aussehen, ein harmloser Treppenabsatz vielleicht, den der alternde und gebrechlich werdende Ordensobere nicht gesehen hatte…

Es hätte eine gewisse Ironie. Er stand so sehr hinter den Plänen ihrer kleinen, verschworenen Gemeinschaft, dass er ohnehin bereits alles dafür riskierte. Er wusste, wo ihnen Spione zur Verfügung standen. In welchen Institutionen sie Fäden hatten, die man ziehen konnte. Er hätte sie längst verraten können, hätte er es gewollt.

,,Von Mord war nie die Rede.“ Tyrus hatte Mühe, seine Stimme ruhig zu halten. ,,Der Plan steht längst. Wir müssen nur noch warten. Es gibt kein Risiko.“

,,Vielleicht ist es unser Sache dienlicher, wenn Kellvian die Stadt erst gar nicht wieder betritt.“

Tyrus spürte, wie sich die alten verletzten Muskeln in seiner Schulter zusammenzogen, als sie sich anspannten. Seine Hand ballte sich zur Faust. Er holte einmal tief Luft, entspannte sich. Es wäre zum Besten für alle. Er würde im Zentrum der Macht stehen, wenn ihr Plan aufging. Das durfte er nicht vergessen. Und wenn er das tat… dann konnte er alles zum Besten lenken. Aber nur, wenn er keine Schwäche zeigte, sonst würde man ihn ersetzen. Tyrus hatte lange genug in den Reihen des Ordens überlebt um das zu wissen.

,,Wir haben nicht die Ressourcen, uns seiner Anzunehmen.“ , meinte eine neue Stimme. ,,Die Garden werden misstrauisch werden, wenn wir ihnen Befehl geben, Jagd auf einen Mann zu machen, der seltsamerweise Aussieht, wie der Erbe des Kaiser.“

,,Das wird Konstantin das Herz brechen.“ , meinte Tyrus nachdenklich. Auch wenn der Kaiser sich immer wenig um Kellvian zu scheren schien, Tyrus wusste es besser. Wie gerne hätte er dem Jungen das auch gesagt, aber… ihre Ziele erlaubten es nicht. Er musste von selbst fort wollen. Ihn aus der Stadt zu entführen um ihn aus der Schussbahn zu bringen wäre Wahnsinn gewesen.

,,Wir werden dem Kaiser noch viel mehr brechen, bevor das alles vorbei ist.“ Die Stimme, die nun Sprach klang beinahe Schadenfroh. ,,Also, kann der Orden die Aufgabe übernehmen, Kellvian Belfare unschädlich zu machen ?“

,,Ja. Das können wir.“ Tyrus seufzte schwer. Irgendwie hatte der Junge, das ihn immer an sich selbst erinnert hatte und das war nicht nur das Blut des alten Volkes, das alle Magier zu entfernten Brüdern und Schwestern machte. ,, Aber seit gewarnt ihr unterschätzt Kell vielleicht. Das alte Blut in seinen Adern… Ihr wisst nicht, was geschehen könnte.“ Nicht wenn einer dieser Narren weckte, was in seinem Geist schlummerte. Vielleicht war es doch besser, wenn der Junge starb, bevor das geschah. Es würde ihn genauso sicher zerstören, wie eine Klinge im Herz.

,,Die Gefahr, die von ihm Ausgeht ist uns allen hier bekannt.“. Das war wieder die schadenfrohe Stimme. ,,Und sie ist geringer, als die Gefahr, die er auf dem Bernsteinthron darstellen würde. Wir haben zu lange auf das hier hingearbeitet um es jetzt dem Zufall zu überlassen.“

,,Gut. Ich werde diejenigen Ordenszauberer benachrichtigen, denen ich vertrauen kann. Kell ist bei Sichtung zu verhaften…. Oder bei Wiederstand zu töten.“

Offenbar waren damit alle zufrieden. Einer nach dem anderen lösten sich die Schatten in der Halle auf, als der Zauber, der sie hier zusammengebracht hatte verflog.

Tyrus machte eine Geste mit der Hand und die Lichter im Raum entzündeten sich wieder und die Vorhänge glitten von den Fenstern zurück. Dann trat er langsam an den großen Eichentisch nder die Rückwand des ansonsten schmucklosen Saals einnahm. Verschiedenste Papiere, Bücher und Schreibutensilien lagen durcheinander darauf verstreut.

Auch das Feuer im Kamin war wieder aufgelodert, trotzdem kroch ihm die Kälte in die Glieder als er die Hand nach Schreibfeder und Pergament ausstreckte. Mit einem seufzten ließ er sich auf einem Stuhl in einem Winkel der Halle nieder. Er tat, was getan werden musste. Auch wenn es nicht leicht war. Und doch fühlte er sich nur wie jemand, der ein Todesurteil unterzeichnete. Für jemanden, von dessen Unschuld er überzeugt war. Einen Moment zögerte er, tippte mit der Spitze der Feder an den Rand des gläsernen Tintenfasses. Federkiele waren überall sonst schon vor langer Zeit zum Großteil von Schreibfedern aus Holz und Metall abgelöst worden, aber hier oben veränderten sich die Dinge langsamer. So wie es sein sollte, dachte er. Veränderung brauchte Zeit. Hier jedoch hatten sie genau das nicht. Und so war er grade dabei, einen Brief aufzusetzen, der das Schicksal des Reichs innerhalb weniger Tage völlig verändern könnte. Er wollte das nicht, fuhr es ihm durch den Kopf. Aber ihm blieb keine Wahl… Alles für den Frieden. Tyrus tauchte die Feder ins Tintenfass, verharrte noch einen Augenblick und begann dann zu Schreiben.

 

Walter de Immerson wrang sein Barett aus, ehe er es sich wieder aufsetzte und das steinige Ufer entlang blickte. Die blaue Uniform die er trug war ebenfalls klatschnass und das Wasser stand ihm in den Stiefeln.

,,Nun, seid ihr glücklich ihr großes Pelzvieh ?“ , fragte er seinen Gefährten, der sich ebenfalls umsah. Er wünschte er könnte die Mine des Gejarn besser lesen, aber das war ihm noch nie sonderlich leicht gefallen. Wasser troff dem Bären aus dem Fell, doch wenn Walter seinen Gesichtsausdruck richtig einschätzte, schien ihn das kaum zu stören. Im Gegenteil, Syle schien sich im Wasser fast wohler zu fühlen als an Land. Ganz anders als ich, dachte Walter grimmig. Allein das Gewicht der Waffen, die er trug, hätte ihn fast ertränkt… Langsam drehte er sich um und spähte in den Wald jenseits des Kiesstrandes.

Die grünen Bäume, die sich im Abendwind sanft wiegten hatten etwas Beruhigendes. So wie die ganze Gegend hier. Viele Siedlungen konnte es hier wohl nicht geben, denn die Bäume wirkten uralt, so als hätten nur wenige Holzfäller oder Kohler bisher die Mühe auf sich genommen, diesen Teil der Herzlande zu erschließen.

Syle brummte nur irgendetwas unverständliches, während er sein Gewehr aufhob und die Waffe überprüfte. Natürlich war das Pulver nass geworden und nicht mehr zu gebrauchen… Ohne Waffen mitten im wildesten Teil der Herzlande. Das konnte ein Spaß werden. Und das alles nur wegen dieses Jungen.

,,Hey, ich rede mit euch.“ , wiederholte Walter säuerlich, als ihn der Bär scheinbar ignorierte und nur prüfend die Luft einsog und weiter den Wald beobachtete.

,,Und ich würde euch bitten, leiser zu sprechen.“ , erwiderte der Gejarn. ,,Das sind die Herzlande mein Freund. Die Chancen stehen gut, das man einen kaiserlichen Gardisten hier aufknüpfen wird.“

,,Ich dachte eure abtrünnigen Clans seien unter Kontrolle.“

,,Noch. Ich würde es trotzdem nicht darauf anlegen, einem zu begegnen. Freundlich dürfte man uns kaum begrüßen.“ Er deutete den Fluss hinab. ,,Solange wir uns Flussaufwärts halten ist alles bestens. Da kommen wir in sicheres Gebiet. Kaiser-loyale Clans und einige Siedlungen. Aber Flussabwärts…“ Syle schüttelte den Kopf.

  1. verstehe.“ Walter fischte seine eigene Muskete aus dem Wasser. Wenigstens das Bajonett wäre noch zu gebrauchen. Zwei einsame Gardisten der kaiserlichen Leibgarde , ohne Vorräte oder funktionierende Waffen. Die Gejarn würden sich wirklich freuen. ,,Und ihr könnt nicht zufällig sagen, wohin Kellvian gegangen ist ?“ Wenn er überhaupt an Land gespült wurde wie sie und nicht ertrunken am Grund des Flusses lag . Aber darüber wollte der junge Adelige erst gar nicht nachdenken. Die umliegenden Wälder schienen ihm zu dicht, um leicht hindurch zu gelangen. Eigentlich blieb nur der Fluss.
    kann ihn nicht riechen. Oder hören. Nur ich hoffe mal flussaufwärts.“ , entgegnete Syle.
    Walter seufzte. ,,Dann ist er flussabwärts gegangen.“

,,Seit wann seit ihr ein besserer Fährtenleser als ein Gejarn ?“

,,Er weiß sicher nicht, was wir wissen und selbst wenn… Der Junge hat nichts als Flausen im Kopf Syle. Zumindest seit…“

,,Ihr braucht nichts sagen. Ich bin dabei gewesen. Hässliche Geschichte, aber wir mussten ein Exempel statuieren.“

,,Und das macht euch nichts aus ? Gegen eure eigene Art zu kämpfen?“ , wollte er wissen und zog einen seiner Stiefel aus um das Wasser auszugießen. Wenigstens trockene Füße wollte er haben.

Syle lachte bitter. ,,Und ob es das tut. Aber das Canton-Imperium hat uns seit über acht Jahrhunderten zusammengehalten. Ich glaube nicht, dass die Clans jeweils auf sich gestellt überleben könnten. Wir haben zu viele eigene Fehden, die ihr vermutlich nicht einmal verstehen würdet. Manche gehen noch auf die Lebzeiten von Simon Belfare zurück, oder sogar davor.“

,,Und warum sagt ihr euren Leuten das nicht einmal ins Gesicht ?“

,,Mein Clan würden mich am nächsten Baum aufhängen, bevor ich zwei Sätze herausbringe. Ich diene in der Garde, sie haben sich den Abtrünnigen angeschlossen. Für mein eigenes Volk bin ich ein Blutsverräter, “ Syle schulterte das Gewehr und setzte sich in Bewegung. Für ihn war die Sache damit wohl beendet. ,,Kommt, bringen wir das hinter uns. Flussabwärts also.“

,,Bei genauerer Überlegung…“ , setzte Walter an.

,,Ihr habt doch nicht etwa Angst ?“

Walter schüttelte den Kopf. Er würde sich alles vorwerfen lassen, aber das er feige war sicher nicht. Nicht mehr jedenfalls. Er hatte seine Fehler gemacht. Er war ein De Immerson. Seine Familie war im Norden eine Legende für sich und mehr als ein Kaiser war direkt oder indirekt mit seinem Haus verwandt gewesen. Walter amtete tief durch. Nun , vielleicht konnte er das alles hir einfach als seine Chance sehen, seine Familienehre zu retten.

,,Da hätte ich ja einen Ruf zu verlieren. Und wenn er nicht dort ist ?“ , gab er trotzdem zu bedenken.

,,Dann ist er flussaufwärts gegangen und so oder so erst mal in Sicherheit.“ , erwiderte Syle.

Walter de Immerson gab es auf. Es blieb ihnen wirklich nur, sich endlich auf den Weg zu machen. Wenn es dunkel wurde, würden sie Kellvian sicher nicht mehr finden. Und wer wusste schon, ob sie ihn dann noch einholen würden. Oder ob ihn nicht jemand vor ihnen fand…

Walter schüttelte den Kopf, ehe er sich daran machte, Syle den leicht abschüssigen Kiesstrand entlang zu folgen. Immer wieder warf er dabei misstrauische Blicke zum Waldrand. Wenn sie entdeckt wurden, dann konnte das tatsächlich schnell sehr ungemütlich werden. Was würde er jetzt dafür geben, einen Sanguis-Magier dabei zu haben. Niemand, der bei klarem Verstand war, griff einen Zauberer an. Und niemand, dem sein Leben lieb war stellte ihn in Frage.