Eine Hundegeschichte

Kurzbeschreibung:

Am 26.1.2019 um 12:07 von coffeequeen71 auf StoryHub veröffentlicht

Die kleine schwarze Hündin ließ den Kopf auf ihre Pfoten sinken. Es war frustrierend auf der Straße zu leben. Sie wollte auch eine Familie. Wie sie sich nach Geborgenheit sehnte!

„Das wird schon“, murmelte ihr Freund, Rumo, ein Welsh Corgi Rüde. Er hatte braunes glänzendes Fell, kurze Beine und sah einwenig wie ein Fuchs aus. Jeden Tag, wenn die Sonne ihren Zenit erreichte, besuchte er Rala in ihrer armseligen Behausung auf der Mülldeponie. Seine Familie wusste nichts davon. Er hatte sich unter den Zaun seines Grundstücks hindurchgegraben und schlich sich jeden Tag davon. Hie und da brachte er seiner Freundin einen Knochen mit oder ein Stück ranziges Fleisch oder Käse.

„Du hast gut reden, alter Freund“, erwiderte die junge Zwerghündin. „Du hast ein Zuhause. Eine Familie, die dich liebt.“

„Aber keine Freiheit“, bemerkte Rumo hechelnd. Es war ein sonniger heißer Tag und sein Pelzmantel juckte und war stickig. „Jedes Mal, wenn ich zu dir komme, habe ich Angst, dass ich ertappt werde.“

„Und wenn schon?“

„Dann muss ich im Haus bleiben, Rala! Kann nicht mehr zu den Vögeln, zu den Katzen, darf nicht mehr in der Wiese liegen oder Fliegen nachjagen.“ Er kratzte sich hinter dem Ohr. 

„Trotzdem glaube ich, du hast es besser“, raunzte Rala.

„Ich habe dir schon mehrmals angeboten, dass du mit mir in meinen Garten mitkommen kannst. Wenn dich mein Frauchen sieht –.“

„Wird sie die Nase rümpfen, weil ich nach Müll stinke und mich in das Tierschutzhaus bringen. Ja, und dort sitze ich dann in einem Käfig.“ Rala sah Rumo mit ihren kleinen schlauen Hundeaugen an. Ihr zotteliges Fell war verfilzt und sie brauchte dringend einen Haarschnitt. „Du weißt doch, dass ich meine Freiheit liebe. Ein Käfig wäre für mich der sichere Tod.“

„Aber du willst eine Familie“, gab Rumo zu bedenken. „Ich werde gebürstet, gestreichelt, gefüttert, hab einen ruhigen Schlafplatz, meinen Garten.“ Er schleckte sich über die Nase. „Mir geht`s gut, denke ich.“

„Hm, trotzdem kommst du jeden Tag zu mir und brichst aus deinem goldenen Käfig aus.“ Rala war aufgestanden und schaute sich in einen zerborstenen Spiegel. „Mich will keiner“, schniefte sie.

Rumo starrte schweigend vor sich hin. „Wie wäre es damit, wenn wir mal einwenig miteinander spazieren gehen.“

„Was!“, jaulte Rala entsetzt. „Ich war noch nie weg von da! Ich bin hier auf die Welt gekommen und –.“

„Was und?“, fragte Rumo. „Du jammerst mich an, aber hast nicht den Mumm etwas in deinem Leben zu ändern?“

Rala sah ihn stumm an. „Aber –“, stammelte sie.

„Hast du irgendwo eine Haarbürste?“

„Wie bitte?“

„Du hast mich schon verstanden“, murmelte der braune Rüde.

„Ja, ich glaube, ich hab da irgendwo eine gesehen.“ Rala lief leichtfüßig über einen Kleiderberg, der ihr als Höhle diente. Und tatsächlich kam sie mit einer Kinderbürste im Maul zurück.

Oh, sie winselte, während Rumo versuchte, ihr das Fell zu bürsten. Keine Chance!

„Lass das!“, bellte sie verärgert. „Bitte, es tut weh.“

Rumo trat mit der Bürste im Maul einige Schritte zurück und betrachtete sein Werk. „Ja, sieht einwenig besser aus. Jetzt wäre es angebracht, dir einen anderen menschenfreundlichen Geruch zu verpassen.“

„Wie meinst du das?“

„Na, wir gehen aus und ich möchte nicht, dass die Menschen vor uns flüchten.“ Gemeinsam wanderten sie über die Müllberge, Rala wühlte im Mist, Rumo sah ihr dabei zu, ohne sich die Pfoten schmutzig zu machen. 

Sie kam mit einer alten Spraydose, auf der Blüten abgebildet waren zurück. „Das habe ich erschnuppert. Riecht seltsam, wäre das was für mich?“

„Oh ja. Bleib stehen, ich versuche dich anzusprayen. Ich kenne das von meiner Familie. Aber verstecke besser deinen Kopf unter den Pfoten. Die Sachen der Menschen sind echt ätzend.“

Rala hörte auf ihren Freund und nach einigen Versuchen hatte es der Rüde tatsächlich geschafft, seiner Freundin einen erfrischenden Duft zu verpassen. „Fertig“, bellte er begeistert und schnüffelte in der Luft. „Lass uns aufbrechen. Ich habe heute etwas länger Zeit“, erklärte er und schaute auf die Sonne. „Mein Frauchen kommt heim, wenn die Sonne untergeht.“

„Ich habe Angst!“, murmelte Rala, als sich die beiden Hunde auf den Weg machten. Sie zitterte am ganzen Leib, als sie unter den großen Gittertoren der Mülldeponie hindurchkletterten. Argwöhnisch starrte sie auf die Autos, die vorbeisausten.

„Komm schon, Rala. In dieser Richtung liegt die Stadt. Die wird dir gefallen.“

„Wird sie das?“, stotterte die kleine schwarze Hündin. 

„Sei mutig! Ich bringe dich auch wohlbehalten hierher zurück.“ 

Rala nickte halbherzig und folgte ihrem Freund.

Hintereinander im Straßengraben trotteten die beiden Tiere einher. Es war heiß und Rala sehnte sich nach Wasser. Auf der Mülldeponie trank sie immer aus alten Töpfen. Da gab es stets genug Wasser und auch genügend Abwechslung. Zum Beispiel konnte sie, wann immer sie wollte Elstern jagen, oder nach Mäusen oder Ratten Ausschau halten. Obwohl Ratten unfreundliche gruselige Kameraden waren. Auch Katzen fanden sich öfters in ihrem Zuhause ein. Das war ein Riesenspaß. Rala bereute mit jedem weiteren Schritt ihre Entscheidung. 

Als sie von der Hauptstraße in eine Gasse abbogen, wurde Ralas Herz leichter. Gärten, Häuser. Sie hatte all das in alten Zeitungen gesehen. Kinder!? 

„Das ist ein Spielplatz“, bemerkte Rumo. „Da dürfen wir nicht hin.“

Das sah lustig aus. Zu gerne hätte sie mitgespielt. Wieso? Sie sehnte sich danach, als würden diese kleinen Menschen sie rufen, sie magisch anziehen. Rala rührte sich nicht von der Stelle, sie schaute verträumt auf die spielenden, tobenden Kinder. 

„Komm weiter“, meinte Rumo ungeduldig und blickte auf den Stand der Sonne.

Rala war verwirrt. Sie fühlte eine tiefe Sehnsucht in sich. Wieso nur? Mehr, denn jäh wollte sie eine Familie, Menschen, die sie liebhatten. 

„Was ist los?“, fragte Rumo, dem die Traurigkeit seiner Freundin auffiel.

„Ich weiß es nicht. Ich würde am liebsten bei diesen kleinen Menschenkindern bleiben. Ich –.“ Sie wischte sich über die Schnauze. „Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“

„Schon gut. Das ist sicher die Hitze und die Aufregung.“

Rala schüttelte den zotteligen Kopf. 

„Weißt du was, ich bringe dich mal zu mir.“

„Ist es weit von hier?“

„Nein. Gleich zwei Gassen weiter. Da trinkst du mal was und ruhst dich im Schatten des alten Kirschbaumes aus. Einverstanden?“

Rala nickte und trottete weiter. Ihr Schwanz hing zu Boden, ihre Haltung war gebückt.

„He, was hast du hier verloren mit dieser Streunerin. Die stinkt ja furchterregend!“, bellte ein Schäferhund wutentbrannt. Er lief am Zaun hin und her und fletschte die Zähne.

„Geht dich nichts an!“, keifte Rumo zurück und setzte seinen Weg fort. „Ganz ruhig. Er kann hier nicht raus. Geh weiter!“, rief er Rala zu, die nicht wagte, vorbeizugehen.

Minuten später befand sich Rala unter einem mächtigen Baum im Schatten. Oh, sie war mit den Nerven total am Ende. Sie zitterte wie Espenlaub, hechelte wie verrückt. Nie wieder, schwor sie sich. Sie wollte nicht einmal das angebotene Wasser trinken. Doch plötzlich spitzte sie die Ohren. Eine helle Kinderstimme schrie herzzerreißend. Rala stand auf, lauschte. Woher kam sie? Dann flitzte sie los.

„Nein!“, bellte Rumo hinter ihr, als sie zwischen den Zaunstäben hindurch auf die Straße schlüpfte. Rumo konnte ihr nicht nach. Er war zu dick. Sollte er ihr folgen und durch sein Loch unter dem Gartenzaun kriechen? Nein, entschied er sich. Er war zu langsam und zu müde. Sorgenvoll schaute er seiner Freundin nach, die die Straße hinunterlief. Kinder, dachte er. Kein Wunder, Rala war ja auch fast noch ein Kind. Kaum ein Jahr alt ... Ihn selbst, mit seinen neun Hundejahren nervten Kinder ... Sie waren laut und ungestüm. Ja, wie er jung war, war auch das anders gewesen ...

Die Straße führte in einen großen weitläufigen Park. Es war schön dort und ja, das Kindergeschrei kam genau von dieser grünen Oase. Sogar Wasser gab es dort. Sollte er Rala doch folgen? Vielleicht brauchte sie ja Hilfe. Er lauschte angestrengt, dann erhob er sich schwerfällig und glitt unter dem Gartenzaun hindurch.

 

Oh nein!, dachte Rala. Ein Kind war mit seinem Rad von einer unbefestigten Brücke in einen Bach gestürzt. Es konnte aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Wasser. Es weinte und schrie, aber niemand hörte es. Rala sah sekundenlang hinunter zu dem Mädchen und handelte instinktiv. Sie fing, wie ein Wolf zu heulen an, bellte, winselte und quietschte. Nützte ihr gesamtes Stimmrepertoire. Das Kind wurde still, sah zu der kleinen schwarzen Hündin hinauf. 

Rumo hatte die Situation schnell verstanden. Er stimmte auch ein Wolfsgeheul an. Und siehe da, die Tiere hatten Erfolg. Menschen, Spaziergänger, wurden auf die zwei Hunde aufmerksam. Dann auf das Kind. Ein Mann, er hatte ebenfalls einen Hund dabei, eine wunderschöne Retrieverhündin, stürzte sofort zum Bach hinunter, watete durch die Wassermassen und versuchte das Kind zu bergen. Andere Leute eilten hinzu und halfen mit.

Rumo, der alles beobachtete, wedelte mit dem Schwanz, als sich die schöne Hündin neben ihn setzte. Er kannte sie. „Hi Fe, wie geht`s so?“ 

„Bestens, mein Lieber“, säuselte die Hündin. „Was ist denn da los?“

„Oh, ein Notfall, aber ich denke, es wird alles gut.“ Rumo warf einen Blick zu Rala, die ihm zunickte. Dann lief sie hinunter zu dem Kind, das jetzt am Ufer des Baches saß, weinte und sich sein blutendes Knie hielt. Es war umringt von einigen Erwachsenen und anderen Kindern. Rala bahnte sich den Weg durch die Menschenmenge und stupste das Mädchen mit ihrer kleinen feuchten Hundenase an. 

„Hi“, murmelte es und schaute mit geröteten Augen das Tier an. Rund um die Beiden herrschte Aufregung. Eine Frau schrie aufgebracht: „Wo sind die Eltern dieses Kindes?“ Eine ältere Dame fragte das Mädchen nachdenklich: „Du bist doch die Kleine von –.“

„Von mir!“, rief eine Frau mit roten Wangen. „Lisa, was ist passiert?“, fragte sie vollkommen aufgeregt.

„Ich bin gestürzt und dieser kleine Hund hat mich gerettet“, sagte das Mädchen und strich Rala über ihr zotteliges Fell. 

„Was sagst du da?“, fragte ihre Mutter. Auch die anderen Menschen betrachteten die Zwerghündin. 

„Ja, das stimmt“, bemerkte ein älterer Herr, der sich mühsam den Weg ans Ufer bahnte. Er war auf einen Stock gestützt. „Ich habe diese Hündin beobachtet. Sie hat Lisa gerettet, indem sie so viel Lärm gemacht hat, dass andere Hunde und Menschen auf die Kleine aufmerksam geworden sind.“ 

Rala hatte in diesem Moment keine Angst. Sie schaute von einem zum anderen, wedelte mit dem Schwanz. 

„Oh, ist die süß!“, hörte sie Lisas Mutter sagen. „Wenn du willst, können wir ja deine Lebensretterin mit nachhause nehmen und ihr eine Belohnung geben. Mal sehen, was wir zuhause haben.“ Sie zwinkerte ihrer Tochter zu.

„Gerne, Mama.“

 

Rumo schaute zufrieden zu seiner Freundin. Ja, sein Plan war aufgegangen. Er hatte immer gespürt, dass Rala zu den Menschen gehörte. Zufrieden trottete er nach Hause.