Storys > Blogpostings > Vermischtes > Stricken für den Weltfrieden

Stricken für den Weltfrieden

21
16.3.2020 13:32
In Arbeit

Autorennotiz

Hallo ihr Lieben!

Na, habt ihr die Nadeln schon gespitzt und die Wolleknäule entwirrt für ein wenig mehr Nachhaltigkeit? Wunderbar, dann kann es ja losgehen! Das heißt fast, denn vorab noch ein paar Worte: Der Blog ist vorallem aufs Stricken, Häkeln und andere Wollverarbeitung ausgerichtet, hin und wieder kommen jedoch auch andere Themen vor. Konkrete Anleitungen werdet ihr hier seltener finden, denn dazu gibt es auf Ravelry und co genug. Stattdessen findet ihr hier Wissenswertes über Materialien wie Schafwolle und co, Ideen für Resetverwertung, Upcycling und Ähnliches. Nach einem halben Jahr Recherche besitze ich auch eine umfangreiche Liste mit Bezugsquellen, die ich hier wegen der Schleichwerbungs-Regel nicht posten darf. Vielleicht übertrage ich sie auf Animexx, wo mein Blog begann und verlinke sie für euch. Bis dahin könnt ihr mich gern via PN anstubsen.

Viel Spaß beim Lesen!

Kaum startet der Blog, will ich mich schon der ersten Kernfrage widmen: Warum ist Nachhaltigkeit bei Handarbeiten überhaupt ein Thema? Ist Handarbeiten nicht schon per se "grün"?!

Nun, bei den vielen Strick- Näh- und Häkelblogs, die es im Netz gibt, steht das Selbermachen in der Handarbeit nicht nur absolut im Trend, sondern hat auch ein recht gutes Image. Nicht zu Unrecht, denn wenn ich etwas selbst stricke weiß ich, dass für das fertige Stück nirgendwo jemand anderes zu einem Hungerlohn schuften musste. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Wer Wolle und Stoffe verarbeitet, braucht Material. Und hier fangen die Probleme an. Denn die Garn- und Stoffproduktion ist Teil der Textilproduktion und so mancher Missstand kann daher leider auch auf dem Handarbeitsbereich zutreffen. Hinzu kommt noch, dass viele der bunten, hübschen Garne und Stoffe im Wollgeschäft oder in der Handarbeitsabteilung diverser Supermärkte, Kaufhausketten und Drogerien Mischgarne oder - Gewebe sind, die zumindest einen Anteil an Kunststoff enthalten oder ganz aus Acryl bestehen und somit den Plastikmüllberg mit jeder Masche und jedem Nadelstich erhöhen. Vor diesem Hintergrund schneiden Handarbeitsgarne und Stoffe in der Umweltbilanz leider nicht so gut ab wie mensch sich das wünschen würde. Im Spoiler mal eine Auflistung möglicher Probleme, die auch die Produktion für den Handarbeitsbereich betreffen könnten oder sie faktisch betreffen. 

 
 

 

Für die Umwelt: Reise um halbe Welt, weil die Plantage oder Weide in einem anderen Kontinent liegt als die Spinnerei mit Lastschiffen und Flugzeugen, die entsprechend CO2 verbrauchen; Verschwendung von Ressourcen wie zum Beispiel Unmengen an Wasser in der Produktion von Baumwolle oder dem Raubbau an Erdölvorkommen zur Erzeugung von Kunststoffen; Einsatz giftiger Chemikalien, die ins Trinkwasser gelangen können; Rodung von Wäldern für die Haltung von Schafen und Ziegen; Wiederkäuer-Herden, die Methan ausstoßen und Synthetikfasern, die nicht biologisch abbaubar und insbesondere in Vermengung mit Naturmaterialien auch schwer zu recyceln sind.

 

Für die Tiere: Industrielle Wollproduktion, die mit einer Menge an Tierquälerei einhergeht. Bei Schafen hat besonders das Mulesing für Aufsehen gesorgt, ein blutiger Eingriff, der das Einnisten von Fliegenmaden verhindern soll und heute nur noch in Australien erlaubt ist. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Regelmäßige Bäder in schädlichen Pestiziden, um Parasiten abzutöten; Kupieren von Schwänzen; Misshandlungen in Scherhallen, weil Scherer nicht nach Zeit, sondern pro abgefertigtem Tier bezahlt werden und das Verschiffen ausgemergelter Tiere zum Schlachthof auf einen anderen Kontinent, sind leider grausige Realität. Und für konventionelle Seide müssen Tausende von Seidenraupen einen qualvollen Tod sterben, da sie lebendig gekocht werden.

 

Für die Menschen: Ausbeute menschlicher Arbeitskraft in Billiglohnländern für die Textilindustrie ist schon lange ein Problem. Das betrifft nicht nur die Näherin, die für einen  Hungerlohn Kleidung zusammennäht. Kinderarbeit (zum Beispiel bei der Baumwollernte) und mangelnder Schutz beim Hantieren mit Chemikalien sind ebenfalls problematisch.

 

 

Zum Glück gibt es Alternativen, die vielleicht nicht jedes einzelne Problem lösen, doch den Berg zumindest reduzieren. Deswegen dachte ich mir, gebe ich euch hier ein paar Tipps, wie ihr faireres, tier- und umweltfreundlicheres, kurzum nachhaltigeres Material auftreiben könnt. Bitte beachtet, dass dies hier nur ein grober Überblick ist. Vieles davon werde ich in späteren Blogposts nochmal ausführlicher aufgreifen. Da ich selbst eher Strickliesel bin, sind die Tipps vor allem auf den Garnkauf ausgerichtet. Doch vieles davon ist in Ählicher Form auch fürs Nähen gültig. So sind zum Beispiel bestimmte Zertifikate sowohl bei Stoffen als auch bei Garnen zu finden.

Aufs Band geschrieben

Eine Sofortmaßnahme, wenn ihr noch keine alternativen Bezugsquellen für eure Wolllust kennt, ist ein Blick auf die Banderole oder im Falle des Onlinekaufs auf die Artikelbeschreibung. Denn diese verraten euch nicht nur die Nadelstärke und Lauflänge, sondern auch was im Garn eigentlich drin ist. Bestandteile von Textilien müssen in Deutschland ausgewiesen werden. So könnt ihr schnell erkennen, ob das Garn zum Beispiel Synthetik oder tierische Fasern enthält. Hierbei ist es wichtig, ein paar Vokabeln zu lernen, damit ihr den Begriffen auch etwas anfangen könnt und wisst, hinter welchem Wort sich was verbirgt. Einige Feinheiten sind ebenso zu beachten. Wolle zum Beispiel bedeutet zwar, dass das Garn Schafwolle enthält, doch das heißt nicht, dass diese Wolle auch aus einer Schafschur stammt. Sie kann z.B. auch von geschlachteten Tieren kommen. Allein der Begriff Schurwolle gibt hier Sicherheit. Auch weitere Informationen über das Garn sind auf der Banderole vermerkt. Das Stichwort Superwash zum Beispiel ist in der Regel ein Marker für eine chemische Aufrüstung, bei der eine Menge Chlor eingesetzt wurde. Es gibt allerdings auch Alternativen, mehr dazu weiter unten. Zudem findet ihr auf der Banderole auch Siegel, falls das Garn in irgendeiner Weise zertifiziert ist.

 

Das Wissen des World Wide Web

Banderolen sind für eine Erstauskunft sinnvoll, doch enthalten sie nicht immer alles Wissenswerte.  Daher ist es auch empfehlenswert, die Herstellerwebsite zu besuchen und sich das Unternehmensprofil oder Informationen zu einzelnen Garnen durchzulesen. So gibt es viele zum Beispiel Firmen, die nur auf ihrer Homepage darüber informieren, dass ihre Wolle mulesingfrei ist. Gerade für kleine Hersteller wie Familienbetriebe kann ein Zertifikat zudem ein großer Kostenfaktor sein, weswegen auf eine Zertifizierung verzichtet wird, obwohl die Garne nachhaltig produziert sind. Auf guten Herstellerseiten erfahrt ihr die Hintergründe eures Wollknäuels: Die Herkunft der Rohstoffe, die Standorte der Produktion, eventuell besonders nachhaltig produzierte Garnkollektionen usw. Es lohnt sich, euch dort schlau zu machen.

 

Natur pur nicht nur für Allergiker

Plastik lässt sich mit der Wahl eines Naturgarns aus 100% Pflanzenfasern oder Tierhaaren ausschließen, Tierleid mit dem Griff zu einem Knäuel ohne tierische Bestandteile. Für viele Strickprojekte gibt es im handelsüblichen Wollladen auch eine gute Auswahl an natürlichen oder veganen Garnen. In manchen Fällen jedoch kann die Sache schwierig werden. Sockenwolle zum Beispiel besteht regulär zu 75% oder 80% aus Schafwolle und zum Rest aus Synthetikfasern, eine sehr ungünstige Mischung. Falls ihr Projekte mit Sockenwolle geplant habt, aber die regulären Garne meiden wollt, solltet ihr im Laden nach Sockenwolle für Wollallergiker fragen oder in Onlineshops in die entsprechende Kategorie klicken, falls sie existiert.  Solche Sockengarne werden oft aus Baumwolle oder und anderen Pflanzenfasern hergestellt, können jedoch auch Synthetikfasern bestehen oder diese enthalten. Naturgarne aus reiner Schurwolle hingegen findet ihr zum Teil bei Herstellern, die sich auf Naturfasern spezialisiert haben oder im Hofladen beziehungsweise Onlineshop von Schäfereien. So könnt ihr je nach Garn Tierleid oder das Plastikproblem minimieren.

 

Aus alt mach neu: Recycling-Garne

Um mit etwas ruhigerem Gewissen auch Mischgarne oder reine Synthetik zu verstricken, bieten sich Recyclingprodukte an. Tatsächlich gibt es einige Hersteller auf dem Markt, die auf Wiederverwertung setzen. Nicht alles davon ist klassisches Recycling, also die Aufbereitung von gebrauchtem Material. Manchmal werden für Recycling-Garne auch Industrie-Abfälle und Ausschussstücke verwendet, die sonst in der Tonne landen würden. Es handelt sich in diesen Fällen also eher um Müllvermeidung. Zu Teil wird auch altes Material mit neuem gemischt, so dass nur Teil des Garns recycelt ist. Trotzdem sind auch diese Garne ressourcenschonender als die komplette Neuproduktion. Die meisten Recycling-Garne sind nur einzelne Kollektionen im Sortiment der jeweiligen Produzenten.  Daher ist ein wenig Recherche gefragt. Es kann sein, dass ihr euch Garne aus recht unterschiedlichen Quellen zusammensuchen müsst. Doch in meinen Augen lohnt es sich durchaus, die Augen offen zu halten und im Onlineshop vielleicht einfach mal den Suchbegriff auszuprobieren.  

 

Alternative Methoden

Inzwischen  gibt es in der Industrie auch Ansätze, trotz des Einsatzes von Polyamid und Anderem nachhaltige Garne zu produzieren. Einige Unternehmen beispielsweise experimentieren mit neu entwickelten Synthetikfasern, die biologisch abbaubar sind. Auch im Bezug auf den Einsatz von Chemie beschreiten einige Hersteller neue Wege, um schonendere Verfahren einzusetzen. Ein Beispiel: Superwash. Wie oben schon erklärt bedeutet dieses wohlklingende Stichwort in der Regel, dass Wolle mit einer Menge Chlor behandelt wurde, um sie filzfrei zu machen. Aber es gibt inzwischen auch andere Methoden, zum Beispiel das Naturetexx Plasma Verfahren, bei dem die Wolle auf physikalische Weise haltbar gemacht wird. Doch Achtung: Dass im Fertigungsprozess keine Chemie eingesetzt wurde, heißt nicht, dass auch die Erzeugung des Rohmaterials frei davon war. Das sind zwei Paar Socken. Um Chemie auszuschließen, solltet ihr auf eine ökologische Erzeugung der Rohstoffe achten. Über die neu entwickelten biologisch abbaubaren Polyamidfasern, erhaltet ihr auf Herstellerseiten Auskunft.     

 

Made in Europe

Im Bezug auf die Klimabilanz wird eine Sache immer wieder betont: der Kauf regionaler Produkte.  Durch die lokale Erzeugung der Rohstoffe und deren Verarbeitung vor Ort werden lange Transportwege quer durch alle Welt vermieden. Doch es gibt noch weitere Vorteile. Schurwolle aus Europa ist mulesingfrei und der Standort Europäische Union garantiert gewisse soziale Standards. Wie auch andere Textilien gibt es ebenso Strick- und Häkelgarne in der Version made in Europe. Regional ist hier zugegeben ein etwas dehnbarer Begriff, denn während sich Schurwolle gut direkt aus Deutschland beziehen lässt, müssen Hersteller für andere Fasern ins europäische Ausland gehen. Doch auch Spanien ist noch immer näher als Südamerika und spart Wege. Vorsicht ist allerdings bei Schlagworten wie Made in Germany und Ähnlichem geboten. Denn diese sagen nichts über die Herkunft der Rohstoffe aus und auch Teile der Produktion können außerhalb Europas liegen. Hier ist ein genauer Blick auf die Details angebracht. Falls ihr keine Garne aus europäischer Erzeugung oder aus anderen, vergleichbaren Produktionsländern findet, solltet ihr besonders darauf achten, wie viel Wert der Hersteller allgemein auf fairen Handel, Tierschutz oder Umweltstandards legt.

 

Siegel und Zertifikate

Auch Siegel können ein nützlicher Wegweiser im Dschungel der Angebote sein. Leider sind die Begriffe bio oder okö im Textilbereich nicht geschützt, was die Sache etwas erschwert. Aber es gibt auch hier Hinweisschilder. Für Textilien und damit auch für Garne ist besonders ein Zertifikat relevant:  Global Organic Textil Standard, oder kurz GOTS. Das GOTS-Siegel wird dargestellt als weißes Hemd auf grünem Grund und steht für eine Erzeugung nach großteils biologischen Kriterien (70% des Gesamtprodukts müssen danach produziert worden sein ), reglementiert den Einsatz von Chemie in der Verarbeitung und setzt soziale Mindestanforderungen zum Beispiel im Bezug auf Verbote von Zwangs- und Kinderarbeit fest. Es ist also ein wenig das Allroundsiegel für die verschiedenen Aspekte Tier, Mensch und Umwelt. Ebenfalls relevant sind die Bezeichnungen kbT und kbA, die für kontrolliert biologische Tierhaltung beziehungsweise kontrolliert biologischen Anbau stehen; Fair Trade Zertifikate für den fairen Handel und das ÖkoTex-Zertifikat, das sich vor allem auf Schadstoffprüfung bezieht, aber auch ein paar soziale und umweltbezogene Aspekte einbezieht. Diese Siegel decken also nur Teilbereiche ab, sind aber trotzdem nützlich. So ist zum Bespiel die Herstellung von kbA-Baumwolle ressourcenschonender als die konventioneller Baumwolle und bei tierisches Fasern ist kbT ein nützlicher Marker für eine artgerechtere Haltung und weniger Tierleid. Einige Onlineshops für Handarbeitswaren führen „Öko“ und ähnliches bereits als eigene Katogorie, so dass ihr dort bequem nachschlagen könnt.

 

Alles aus einer Hand

Ebenfalls eine gute Idee ist es, nicht nur das (virtuelle) Handarbeits- Fachgeschäft im Hinterkopf zu behalten, sondern sich auch nach Bezugsquellen jenseits von großen Herstellern und industrieller Fertigung umzusehen. Der Grund dafür lautet: Produktionskette. Je länger diese ist, je mehr Zwischenhändler existieren, umso undurchsichtiger wird die Sache und umso schwerer ist es, nachzuvollziehen, woher der Rohstoff eigentlich kommt und unter welchen Bedingungen er verarbeitet wurde.  Direktvermarktung wie im Schafhofladen, der mit einer regionalen Manufaktur zusammenarbeitet oder Handspinnende, die Schurwolle von Schäfereien aus der Umgebung verarbeiten und Ähnliches bieten sich hier als Alternativen an. Natürlich gilt auch hier, den Verstand eingeschaltet zu lassen und genau hinzusehen, doch ist die Transparenz oft größer als beim No Name Garn aus der Handarbeitsabteilung des Supermarkts. Hinzu kommt noch, dass gerade Manufakturen preislich nicht mit der Industrieware mithalten können und daher mit anderen Aspekten, unter anderem eben auch mit regional, öko & fair und Nachhaltigkeit werben.Falls euch aber handgefertigte Garne zu teuer sind und ihr keinen Zugang zu Direktvermarktung habt, gibt es auch einige Garnhersteller, die auf Zwischenhändler verzichten und mit Farmern direkt zusammenarbeiten. Dies kann zum Beispiel dann interessant sein, wenn ihr gern mit Fasern von Tieren oder Pflanzen arbeitet, die in Europa nicht angebaut oder gehalten werden, aber Kleinbauer sich teure Siegelverfahren nicht leisten könnten. Hier können direkte Kooperativen eine bessere Bezugsquelle sein als anonyme Garne. Doch egal, welche Variante ihr wählt: Haltet Ausschau nach kurzen, transparenten Produktionsketten.

 

Das war es soweit zur Suche nach nachhaltigen Garnen. Doch gibt es jenseits der Wahl der passenden Hersteller und Wollen noch etwas, das ihr für die Umwelt tun könnt. 

 

Online suchen, offline kaufen

Nachhaltigkeit hört nicht bei der Wahl der Ware auf. Auch durch eure Art des Einkaufs könnt ihr einen kleinen Beitrag zum Umweltschutz leisten. Und zwar indem ihr, soweit möglich, auf den bequemen Onlinehandel verzichtet. Viele industrielle Hersteller bieten auf ihren Websites eine Händlersuche an, mit der ihr Bezugsquellen in eurer Nähe auftreiben könnt. Den Wollladen nebenan zu durchwühlen spart euch Zeit, Versandkosten und Fehlkäufe (da ihr die Wolle vor dem Kauf selbst in Augenschein nehmen könnt) und für euch müssen keine Lieferwagen durch die Gegend düsen, um eure Garnknäule auszuliefern. Sollte ein Geschäft zwar die Marke generell, aber leider nicht die Serie führen, die ihr sucht, hakt trotzdem mal beim Verkaufspersonal nach. Gerade kleine Einzelhandelsläden sind auf ihre Kundschaft angewiesen und so vielleicht bereit, Extrawünsche zu erfüllen. Möglicherweise könnt ihr euch das gesuchte Garn zusammen mit der nächsten Bestellung beim Großhändler direkt in den Laden liefern lassen, ohne dass der LKW eine Extratour fahren muss (erfolgreich getestet). Auch alternative Bezugsquellen wie z.B. die Schafswolle direkt von der Schäferei, gibt es vielleicht vor eurer Haustüre. Natürlich könnt hier keine bequeme Händlersuche nutzen, aber Suchmaschinen existieren auch nicht ohne Grund. Probiert einfach mal verschiedene Schlagworte und euer Bundesland, eure Region, eure Stadt aus. Extra-Tipp: Wenn ihr Edelgarne liebt, könnt ihr es ruhig auch mal mit Alpakas versuchen, denn es gibt gar nicht so wenige Alpakahalter mitten in Deutschland. 

 

Falls ihr tatsächlich kein Wollgeschäft oder eine andere Bezugsquelle in eurer Nähe auftreiben können, dann natürlich ist das Internet besser als Garne aus schädlicher Produktion. Dabei seid ihr als Bezugsquelle aber nicht auf die bekannten Riesen angewiesen, die schon aus vielen Gründen in der öffentlichen Kritik standen. Viele Garne lassen sich direkt über die Herstellerseiten beziehen. Zudem gibt es inzwischen etliche kleinere Onlineshops, die sich auf nachhaltige Garne und anderes DIY-Material spezialisiert haben und zum Teil auch auf umweltfreundliche Lieferung achten. Manche bieten nur vegane Garne an, andere nur solche, die kontrolliert biologisch produziert wurden und wiederum andere haben jegliche Synthetikfaser aus ihrem Angebot verbannt. Teilweise gehören sie auch zu einem Ladengeschäft, das ein ähnliches Konzept verfolgt und ihr könnt so indirekt auch den lokalen Einzelhandel unterstützen, selbst wenn das Geschäft sich nicht vor eurer Haustür befindet. Handspinnereien und Manufakturen verkaufen ihre Garnkreationen ohnehin hauptsächlich übers Netz und auch viele Schäfereien und Alpakahöfe sind inzwischen online zu finden, wenn zuweilen die Bestellung der Ware auch etwas altmodisch funktioniert (die gute, alte E-Mail lässt grüßen).

 

Mit diesen Tipps dürftet ihr keine Probleme haben, bessere Garne für euer nächstes Projekt zu finden. Auf das eine oder andere Thema werde ich anderen Blogposts noch näher eingehen. Doch hiermit habt ihr schon mal das erste Rüstzeug für den Start. In diesem Sinne viel Spaß beim Stricken, Nähen und Häkeln!

type="text/css">

Kennt ihr das? Dieses Gefühl, wenn ihr ein frisches Knäuel mit echter Wolle auspackt und der Faden durch eure Finger gleitet? Ich mag es sehr. Selbst, wenn die Wollgarne, die ich früher gekauft habe, meist Mischungen waren, die einen Teil Polyamid enthielten, ist Schafwolle ein Material, das ich sehr gern verstricke. Wolle fasst sich angenehm an, ist ein natürlicher, biologisch abbaubarer Rohstoff und besitzt gute isolierende Eigenschaften. Es ist ein herrliches Material.

Manchmal, wenn ich zwischen dem Stricken eine Pause einlege und einen Spaziergang am Waldrand entlang mache, höre ich es gelegentlich blöken. Nun, ich lebe am Rande eines Naturschutzgebietes und die Landschaft hier wird mit Hilfe natürlicher Rasenmäher in Schuss gehalten. Und vielleicht geht es euch manchmal so wie mir, wenn ihr an einer Schafherde vorbeikommt, dass ihr hin und wieder ins Tagträumen geratet und euch vorstellt, wie die Wolle dieser Schafe wohl zu dem Garn versponnen wird, das sich in den Regalen eures Wolldealers stapelt. Leider ist dieses Bild aber auch nicht mehr als ein Tagtraum.

 

Fakt ist: Das meiste, was an Wolle über deutsche Ladentische wandert – sei es in Form von fertiger Kleidung oder Rohmaterial wie Strickgarn – hat mit den Schäfchen auf der Weide hinter dem Haus genauso viel zu tun wie Acrylgarn es hätte. Schafswollgarne haben oft eine lange Reise über Kontinente hinweg hinter sich. Australien, Neuseeland und Südamerika sind die großen Zentren der Wollproduktion der Welt und beliefern auch große Garnhersteller, die jedes gut sortierte Fachgeschäft im Regal hat. Und damit fangen die Probleme an.

Fast die gesamte Wollproduktion beruht, wie das leider oft so ist, auf der Zucht nur ganz weniger, ausgewählter Hochleistungsrassen, allen voran Merinoschafen, deren Wolle besonders weich ist und die zu einer maximalen Wollleistung gezüchtet wurden. Welche Probleme das für das Tierwohl und die CO2 Bilanz mit sich bringt, könnt ihr euch sicher selbst ausmalen. Das Mulesing hat schon vor Jahren für Skandale gesorgt. Von Hunderten an alten Schafsrassen, die weltweit existieren, sind etliche vom Aussterben bedroht. Die Vielfalt weicht Monokultur und die Probleme für die Umwelt und den Menschen folgen dem auf dem Fuß.  Viele deutsche Schäfereien, gerade in der Wanderschäferei, sind in ihrer Existenz bedroht und in anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus.

Vor diesem Hintergrund ist Schafwolle gar nicht mehr so flauschig und der Gedanke, ganz darauf zu verzichten, liegt nahe.  Doch Acrylgarn, Pflanzenfasern und viskoseähnliche Fasern haben ebenfalls ihre Nachteile und sind für mich kein hundertprozentiger Ersatz, auch wenn sie sich in meinem Wollkorb ebenso finden. Ist der Verzicht auf Schafwolle wirklich der einzige Weg, diese Schattenseiten zu meiden? Geht es nicht auch anders?

Tatsächlich kommt inzwischen ein wenig Bewegung in die Sache. Neuseeland hat das Mulesing im Jahre 2018 verboten. Etliche Garnhersteller sind mit ihrer Produktion nach Südamerika umgezogen, wo die Insektenwelt klimabedingt eine andere und Mulesing unbekannt ist. Und wieder Andere produzieren Wolle in kontrolliert biologischer Tierhaltung, um auch andere Probleme auszuschalten.

Doch die einfachste, nahe liegendste Lösung fehlt in dieser Kette: Wolle aus Deutschland.

Warum importieren wir überhaupt so viel? Warum nutzen wir nicht die Wolle einheimischer Herden?  Das ist die große Frage. Denn: Schafe existieren ja sehr wohl auch hierzulande. Und Schafswolle ist nichts, das extra erzeugt werden müsste, sondern wenn es sich so sagen lässt ein Abfallprodukt der Pflege, da Schafe, zumindest die allermeisten Rassen durch die uralte Domestizierung durch den Menschen ihr Winterfell nicht von selbst verlieren. Schurwolle existiert also auch dann, wenn Schafe nicht wegen ihrer Wolle gehalten werden. Und regionale Wolle hätte viele Vorteile. 

  • Umweltbilanz: Kurze Wege von der Schafweide in den Wollladen bedeuten weniger Abgase und Kraftstoffverbrauch durch Schiffe und Flugzeuge, welche die Umwelt belasten. Deutschland hat eine vergleichsweise ganz gute Methanbilanz in der Wiederkäuerhaltung und es muss kein Amazonas für Weideflächen brennen. 
  • Tierschutz: Auch wenn es in der deutschen Gesetzgebung hinsichtlich mancher Tierschutzaspekte noch Verbesserungsbedarf gibt: Mulesing ist hierzulande verboten.
  • Artenvielfalt: Die Nutzung einheimischer Wolle könnte vielen der alten, bedrohten Schafsrassen sowie deren Züchtern und Haltern das Überleben sichern. Somit könnte die Artenvielfalt erhalten werden. Viele Nutztierrassen sind durch die Fixierung auf wenige, „wirtschaftliche“ Rassen bereits ausgestorben. Dabei sind die alten Rassen oft robuster und angepasst an die jeweilige Region. Und was sie nicht an jährlicher Wollleistung erbringen, erbringen sie auf Lebenszeit. Ich finde, diese Vielfalt ist erhaltenswert.
  • Ressourcenschonung: Vom Tierleid abgesehen - die hastige Zucht schnell wieder geschlachteter Hochleistungstiere, um einen weltweiten Bedarf zu decken in bestimmten Zentren einerseits und das Vergessen lokaler landwirtschaftlicher Erzeugnisse andererseits bedeutet in doppelter Hinsicht eine Vergeudung von Ressourcen. Kein Konsum mit Sinn und Verstand giert nach knappen Materialien aus der Ferne und schröpft sie bis auf den letzten Tropfen aus, um die Güter vor der eigenen Haustüre in die Tonne zu treten. Die Nutzung einheimischer Wolle würde sowohl die Schafe wie auch die Ökosysteme ferner Regionen entlasten und den heimischen „Abfällen“ einen Sinn geben. 
  • Transparenz:  Beim Schafhof im Nachbardorf kann ich selbst mal vorbeischauen. Bei der Merinozucht in Südamerika wird eher schwierig. Die Chancen, sich hier mit eigenen Augen ein Bild zu machen, stehen bei regionaler Produktion oftmals besser.

 

Trotz dieser Vorteile wird die Wolle einheimischer Schäfereien kaum genutzt. Warum? Wissen Hersteller etwa nicht, dass es in Deutschland Schafe gibt?! Doch, natürlich! Die traurige Wahrheit ist:  Deutsche Wolle ist für die Textilindustrie wertlos.

Zu rau, zu grob, zu hart um sie gewinnbringend zu verwerten, heißt es. Und so landet, während sich im Wollladen schnieke Importknäule von Hochleistungsschafen aneinanderreihen, Jahr für Jahr tonnenweise Schurwolle von den Schafen auf der Weide nebenan auf dem Kompost und das meine ich keineswegs nur metaphorisch. Manche Schäfereien sind schon froh, wenn sie für die Entsorgung der Wolle nicht extra draufzahlen müssen.  Die Schafwoll-Dünge-Pellets, die schon in dem einen oder anderen Schäferei-Onlineshop gesehen habe, dürfte im Vergleich dazu noch lukrativ sein. 

Doch ist das, was von meiner Waldrandherde kommt, wirklich so unbrauchbar für Kleidung wie es die Fixierung der Modeindustrie auf Wolle aus Übersee weismacht? Die Tatsache, dass Menschen jahrhundertelang die Wolle einheimischer Schafe zu Kleidung verarbeiteten, sollte skeptisch stimmen.

Wolle, im Übrigen nicht nur die von Schafen, wird in Feinheitsgraden unterschieden. Es gibt sogar eine Maßeinheit dafür, Mikron. Hierbei wird die Dichte der Tierhaare gemessen. Je niedriger die Zahl ist, desto weicher und feiner ist die Wolle. Anhand der Mikronzahl wird Wolle darüber hinaus in drei große Kategorien eingeteilt, fein (< 24 Mikron), mittel (24 – 40 Mikron) und grob (> 40 Mikron). Für Kleidung geeignet sind alle Garne aus den ersten beiden Kategorien. Grobe Wolle fällt raus, kann aber zum Beispiel in der Produktion von Teppichen verwertet werden.

Die Wolle von Merinoschafen aus Neuseeland, Südamerika und Australien fällt, wenig überraschend, in die Kategorie fein, viele andere Wollen von alten Schafsrassen in die Kategorie – Trommelwirbel-  mittel. Die Wolle ist also sehr wohl noch für Kleidung geeignet, nur halt ein wenig gröber. Will heißen, für den flauschigen Kuschelpulli, den weichen Schal oder anderes, das direkt auf der Haut getragen wird, ist diese Wolle vielleicht nicht die allerbeste Wahl. Aber für Outdoorkleidung wie Strickjacken und Ponchos, Socken, die ohnehin etwas robuster sein sollten und überhaupt alle Strickwaren, die keine Kleidung sind, ließe sich die Wolle einheimischer Rassen ohne Probleme verwenden. Zudem gibt es auch in Deutschland Merinoherden. Deren Wolle ist zwar etwas gröber als die der Nachbarn aus Übersee, doch mit einer Mikronzahl von unter 30 noch immer im unteren Mittelfeld.  Die pauschale Beurteilung, dass einheimische Wolle unbrauchbar sei ist also falsch und das aus mehr als einem Grund. So viele Produkte ließen sich aus der Wolle deutscher Schafe herstellen, doch findet diese in der Industrie kaum Abnahme, während Synthetik und Wolle aus Übersee die Läden dominieren, weil wir, die Verbrauchenden, alles angeblich nur in extraweich wollen.

Ihr schüttelt den Kopf? Ich auch! Diese Vergeudung von Rohstoffen bei zeitgleicher Ausbeutung macht mich wütend und traurig. Zum Glück aber gibt es Alternativen.

Ein paar bekannte Garnhersteller haben regionale Wolle bereits wiederentdeckt und produzieren zumindest einzelne Garnserien mit Schurwolle aus Deutschland, im Regelfall von deutschen Merinos.

Doch damit nicht genug. Abseits von den Marken, die in jedem gut sortierten Wollladen im Regal stehen, existiert eine ganze Reihe an Bezugsquellen für regionale Schurwollgarne. Besonders in Schäferei-Hofläden oder ihrem virtuellen Pendant lassen sich Wollknäule entdecken, die auf den Rücken der Herde hinterm Haus wuchsen. Vieles davon stammt aus kontrolliert biologischer Tierhaltung oder von Archehöfen, also Höfen, die gezielt vom Aussterben bedrohte Nutztierassen züchten und erhalten. Sogar Wolle von Gnadenhöfen habe ich schon entdeckt. Die Verarbeitung der Rohwolle (Wäscherei, Spinnerei und Färberei) findet oft in Kooperation mit kleinen Betrieben und Manufakturen in Deutschland und den Nachbarländern statt, manchmal werden einzelne Fertigungsschritte sogar direkt unter dem eigenen Dach ausgeführt. Auch kleine, regionale Unternehmen, die zwar keine Direktvermarkter sind, aber ausschließlich regionale Wolle verarbeiten, existieren.

Solche Wollgarne stammen also aus Kleinstrukturen mit einer relativ kurzen und transparenteren Produktionskette und sind auch noch 100% biologisch abbaubar, denn das meiste besteht aus reiner Schurwolle und enthält keine synthetischen Beimischungen, mit denen ihr bei „Ladenwolle“ oft nahezu erschlagen werdet.  Darüber hinaus ist Wolle made in Germany auch noch sehr freundlich zu schmalen Geldbeuteln. Bis auf einige, wenige Ausnahmen kosteten alle von mir aufgetriebenen Garne, auch die aus kontrolliert biologischer Tierhaltung, im Durchschnitt gerade mal fünf bis zehn Euro für das 100g-Knäul. Das sind ziemlich günstige Preise. Ich habe schon für Mischungen mit billigem Polyacryl und Wolle unbekannten Ursprungs deutlich mehr ausgegeben als einen kleinen, grünen Schein. Besonders preisgünstig sind hier ungefärbte Garne in den Naturfarben der Wolle. Und glaubt nicht, dass Schafwolle nur schwarz oder weiß ist. Schwarz, Weiß, Braun, Grau und die unterschiedlichsten Schattierungen dazwischen sind möglich.

Damit bietet Regionalwolle die beste Kombination: Nachhaltigkeit zum erschwinglichen Preis. Die Industrie mag sie verschmähen, weil sie vielleicht nicht so leicht zu verarbeiten ist wie Merinowolle und ihr der Flauscheffekt fehlt. Aber wenn wir selbst das Nadelspiel auspacken, haben wir die Wahl, auf die Vorstellungen der Textilbranche zu pfeifen und unsere eigene Masche durchzuziehen.

Klingt gut! Wo finde ich deutsche Wolle?

Adressen von Schäfereien lassen sich über verschiedene Wege finden. Gerade im Bezug auf Wolle von bedrohten Schafrassen bieten sich die Händlersuchen von GEH e.V. und VIEH e.V. an. Beides sind Vereine, die sich für die Erhaltung bedrohter Nutztierrassen einsetzen. Zur Suche nach Wolle aus kontrolliert ökologischer Tierhaltung empfehlen sich die Websites und Händlersuchen der bekannten Bioverbände, insbesondere Bioland ist hier gut vertreten. Auch über Schafzuchtverbände lassen sich zuweilen Adressen herausfinden. Zu den einheimischen beziehungsweise in Deutschland, Österreich und Schweiz gehaltenen und zum Teil bedrohten Rassen gehören zum Beispiel: Alpines Steinschaf, Bergschaf, Brillenschaf, Coburger Fuchsschaf, Deutsches Karakulschaf, Gotlandschaf, Guteschaf, Heidschnucke, Krainer Steinschaf, Moorschnucke, Leineschaf, Ostfriesisches Milchschaf, Rauwolliges Pommersches Landschaf, Rhönschaf, Skudde, Suffolk, Walachenschaf und Waldschaf. Wenn ihr diese Schafrassen in eine Suchmaschine eingebt, eventuell noch Zusatzbegriffen wie „Wolle“ oder „Strickgarn“, dürftet ihr recht schnell Adressen finden. Um noch mehr Wege zu sparen, würde ich euch außerdem raten: Sucht einfach mal alles Mögliche an Schäferei- und Strickbegriffen kombiniert mit eurem Wohnort, eurem Bundesland, eurer Region. Vielleicht findet ihr eine Schäferei direkt vor eurer Haustüre.

Etwas schwieriger wird es, die größeren und kleinen Anbieter zu finden, die keine Direktvermarkter sind, aber Garne mit Wolle aus Deutschland produzieren. Doch mit den richtigen Suchbegreiffen lassen sich auch diese recht gut ausfindig machen.

 

Mit ein wenig Recherche werdet ihr so bald mehr Bezugsquellen für deutsche Wolle finden als ihr je verstricken könntet. Bevor ihr jedoch ein Großprojekt plant, solltet ihr euch gut über die einzelnen Schafsrassen informieren, denn Schafwolle ist sehr vielfältig - zum Glück.

 

 

Hallo zusammen!

Nach dem ziemlich langen Blogpost zu Schurwolle aus Deutschland will ich mich heute mal eurem ganz persönlichen Wollkorb zuwenden und damit dem Garn, das ihr schon zuhause habt. Falls ihr selbst strickt, häkelt oder sonstwie Wolle verarbeitet, kennt ihr das sicherlich: Ihr habt dieses bestimmte Projekt geplant, habt euer Garn gekauft, macht euch an die Arbeit und dann am Ende bleibt etwas übrig, dieser kleine Rest an Wolle, den ihr eigentlich nicht mehr braucht. Mit der Zeit können solche Miniknäuel an Übrigbleibseln mehr Platz im Wollkorb einnehmen als alles andere. Wohin also mit dem ganzen Fadensalat? Die Mülltonne wäre eine Möglichkeit, aber im Sinne der Nachhaltigkeit vielleicht nicht gerade die beste Lösung. Darum will ich micht heute ein wenig der Verarbeitung von Wollresten widmen. Ich selbst hab inzwischen den Bogen raus, meine Wollknäul restlos zu verwerten und wenn ich sage restlos, meine ich restlos. Hier bleibt nicht mal ein Wollstück in Größe eines Daumennagels übrig. Die folgenden Tipps hab ich schon 2018 im Forum eines anderen Geschichtenarchivs gepostet. Doch ich denke, sie können vielleicht auch für einige von euch nützlich sein. Heute auch mit offenen Kommentaren.

Hinweis: Die meisten Tipps beziehen sich auf Reste relativ gewöhnliche Garne wie  Baumwollgarn, Schnellstrickgarn, Lacegarn, Sockenwolle ect. in Nadelstärke 2-6. Tipps für Effektgarne und Dicke Wolle finden sich nur im entsprechenden Abschnitt.

 

Allgemeiner Tipp für jede Menge

Grundsätzlich ist immer eine gute Idee, Wollreste mit gleicher Nadelstärke und ähnlicher Beschaffenheit zu sammeln. Denn mit vielen kleinen Resten lassen sich größere Projeke realisieren. Zwar hab ich hier für fast jeden Rest auch "Einzelarbeiten", für die ihr nur einen Wollrest braucht, aber mit mehr lässt sich mehr anstellen. Wenn das Häkeldeckchen einen Verbrauch von 50 Gramm hat, gehen auch 5x 10 Gramm ^^. Ich hab z.B. mal eine Farbverlaufmütze gemacht mit einer Grundfarbe (schwarz) und bunten Resten, von denen jeder vielleicht 3 Gramm wog. Auch im alten Schulwebrahmen lassen sich selbst kleine Reste zu einem schicken Resteprojekt verarbeiten.

 

Reste zwischen 5 und 50 Gramm

Mit Resten, die pi mal Daumen 5 Gramm oder mehr wiegen, lässt sich eine ganze Menge anstellen. Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt mehr Anleitungen dazu als zu "großen" Projekten. Armbänder (gehäkelt), Babysöckchen, Brillenetuis, Eierwärmer, Handyhüllen, Katzenspielzeug, Kaufladensachen, Lesezeichen, Mugrugs, Puppenkleidung, Pulswärmer Säckchen, Schlüsselanhänger, Taschentüchertaschen, Tassenwärmer, Weihnachtsdeko, Windlichter und und und. Es gibt eine Vielzahl von Häkel- und Strickbüchern, die sich nur mit Resteverwertung beschäftigen und das Internet ist natürlich auch voll davon. Schaut doch mal in eurer Bücherei vorbei oder bei Ravelry, hier werdet ihr mit Sicherheit fündig. Wer Lust hat, kann Reste nahe der 5er-Grenze auch in die Strickliesel packen. Strickschnüre lassen sich recht dekorativ einsetzen.

 

Reste unter 5 Gramm

Mit einem einzelnen Rest unter 5 Gramm wird es dann langsam schwierig, noch ein ganzes Objekt zu stricken. Schöne Sachen lassen sich daraus trotzdem zaubern. Reste, die mindestens 2 Meter (bei Nadelstärke 2,5-3 auch 1,5 Meter) lang sind, nutze ich gern für Applikationen. Gehäkelte und gestrickte Blüter, Blätter und andere Dinge sind herrliche Verzierungen für Strick- und Häkelaccessoires und manchmal auch Näharbeiten. Auch hierzu gibt es Bücher oder Anleitungen im Netz. Prima sind solche Reste auch für Häkelränder für kleine Projekte. Oder ihr nehmt sie fürs Weben.

 

Fadensalat und andere Leckerbissen

Aber auch aus Fäden, die weniger als 2 Meter lang sind, lässt sich noch was Schickes zaubern. Dann allerdings nicht mehr allein, sondern in einer Sammlung. Beispielsweise um Bänder zu flechten oder Bommeln zu machen oder sie für kleinere Arbeiten zusammen zu verarbeiten. Ich hab zum Beispiel schon kleine Schallesezeichen gemacht: Etwa 6 Maschen anschlagen und dann lauter Minireste zusammenstricken bis ein Schal entstanden ist, der als Lesezeichen verwendet werden kann. Einzelne Fäden sind noch als Nähfäden oder Stopfgarn zu gebrauchen, wenn sie nicht allzu kurz sind. Denn manchmal muss man auch beim Stricken nähen. Oder ihr verwendet sie als Knotfaden für Bommeln, als Aufhängfaden und mehr.

 

Der Wurstbendel

Und was ist mit jenen kleinen Endstücken, bei denen gar nichts mehr geht, weil sie vielleicht gerade noch 5 cm lang sind? Auch die sind kostbares Rohmaterial! Ich hab mir inzwischen angewöhnt, jeden kleinen Fadenschnippels zu Flocken zu zerschneiden und alles in einer Büchse aufzuheben. Mit der Zeit (auch wenn das laaaange dauert) sammelt sich so gutes Füllmaterial für kleine Handschmeichler und Ähnliches an, das den Kauf von Füllwatte erspart. Ihr solltet allerdings viel Geduld mitbringen, denn das dauert. Wer ganz pfiffig ist, kann mit den Schnippeln, Kleber und Farben sicher auch moderne Kunst auf die Leinwand bringen ^^

Soweit zur Verarbeitung normaler Garne. Werfen wir einen Blick auf die Besonderheiten im Wollkorb.

 

Dicke Dinger

Extradickes Garn erreicht die Grenze, an der es mit dem Verstricken schwierig wird, natürlich früher. Ein 20 cm langer Faden in Nadelstärke 12 cm ist kaum noch zu verarbeiten, während sich bei Nadelstärke 2 noch etwas Kleines flechten lässt. Natürlich lassen sich auch dicke Garne zu Flocken zerschneiden, doch das sollte die letzte Lösung sein. Davor gibt es auch noch Möglichkeiten. Gerade dicke Fäden können sehr gut als Dekoelemente eingesetzt werden und zum Beispiel Schmuckschachteln zieren. Vielleicht gefällt euch folgende Idee: Als ich mal von einer Weihnachtsstrickerei Reste in Nadelstärke 20 übrig hatte, habe ich sie in Schnecken auf eine Stofftasche (aka Jutebeutel) gesetzt und mit einem silbernen Nähfaden festgenäht. Das sah dann so aus:

Mit dicken Fäden lassen sich noch viele andere Muster legen, wie übrigens auch mit Stricklieselschnüren.

 

Reste effektvoll inszeniert

Effektgarnreste sind noch anspruchsvoller als Reste extradicken Garns, da sich bestimmte Effektgarne kam verstricken oder verhäkeln lassen außer strikt nach Anleitung. Aber wie das Wort Effektgarn schon sagt: Auch sie können eine sehr schicke Dekoration abgeben. Netzgarn zum Beispiel könnt ihr auseinanderziehen und dann die Netze als Verzierung einsetzen, zum Beispiel indem ihr Schmuckschachteln beklebt oder sie ähnlich wie Borten fürs Nähen verwendet. Für Pompom-Wolle gibt es zudem noch eine weitere Verwendungsmöglichkeit: In manchen Strickanleitungen für Weihnachtsengel und andere Figürchen werden zwei verbundene Pompoms als Arme und Beine eingesetzt. So kommen auch die schwer zu verarbeitenden Reste von Effektwolle zu ihrem Zweck.

 

Das war es so weit mit ein paar kleinen Anregungen. Sicherlich ist das nur ein Anfang und vielleicht fällt euch noch mehr ein, um denn Wollkorb zu leeren. In diesem Sinne: Auf Ein frohes Resteverwerten!

Hallo ihr Lieben! Nach dem kurzen Exkurs zur Resteverwertung geht es weiter mit der Materialkunde und der Frage, wie ihr nachhaltige Garne und Stoffe auftreiben könnt. (Und ich sage gleich schon, es wird nicht der letzte Blogpost dazu sein). Heute will ich mich einer Fasergruppe widmen, deren Name ihr möglicherweise noch nie gehört habt, die ihr aber vielleicht doch häufiger benutzt als ihr denkt, sei es auf der Nadel oder in eurem Kleiderschrank: Den Regeneratfasern. Und weil mich ein wenig fuchst, dass die Industrie hier teilweise nicht Klartext redet, will ich euch erklären, was es damit auf sich hat.

Falls ihr handarbeitet und besonders, falls ihr vegan handarbeitet, habt ihr es sicherlich mitbekommen: In den letzten Jahren kommen im Textilbereich immer mehr Garne und Stoffe auf den Markt, die auf neue Fasern setzen, die als grüne Alternative zu Polyacryl und anderer Synthetik regelrecht gefeiert werden. Eines der bekanntesten Beispiele dafür ist Bambus. Bambusfasern gelten als umwelt- und tierfreundlich, da sie aus einem natürlichen Rohstoff gewonnen werden und es werden ihnen allerlei positive Eigenschaften nachgesagt. Das Stichwort Bambus erzeugt dann auch gleich ein schönes Kopfkino: Bambusrohr wird geerntet, das Holz aufgespalten und in einzelne Fasern zerteilt, aus denen dann das Garn gesponnen wird, das am Ende zur Socke verstrickt wird. Alles 100% Natur.

Leider entspricht dieses Bild nicht ganz der Wirklichkeit. Denn wo Bambus draufsteht, sind häufig Regeneratfasern drin. Doch was sind Regeneratfasern eigentlich?

 

Was es damit auf sich hat

Regeneratfasern sind Fasern, die erst durch chemische Prozesse entstehen. Bei ihrer Herstellung wird ein natürlicher Basisstoff (meist Zellstoff von Pflanzen) so mit Chemikalien behandelt, dass sich Fasern ausbilden, die von aus Natur nicht vorkommen. Die Faser wird also aus einem Material wiedergewonnen, regeneriert. Daher der Begriff Regeneratfaser. Es handelt sich also keineswegs um natürlich vorkommende Fasern wie zum Beispiel Baumwolle oder Tierhaare, die nur aufbereitet werden müssten.  Regeneratfasern sind damit Halb-Synthetik.

Ihre Basis ist ein natürlicher Stoff und die Fasern sind auch biologisch abbaubar, jedoch handelt es sich um chemisch verändertes Material. Die bekannteste Regneratfaser dürfte Viskose sein aus Baumwolle sein. Doch es gibt noch viele weitere Regneratfasern auf dem Markt. Im Handarbeitsbereich sind mir bisher nur fünf echte Pflanzenfasern begegnet: Bananenfaser, Baumwolle, Hanf, Leinen und Nesseln (zum Beispiel Ramie, ägytpische Brennessel). Bei allem anderen handelt es sich höchstwahrscheinlich um Regneratfasern. Dazu zählen auch die beliebten Bambusfasern. Oftmals steckt in Wirklichkeit um Viskose aus Bambus dahinter. Und für Viskose wird ziemlich viel an Chemie gebraucht.

 

Sind Regeneratfasern schlecht?

Die Herstellungsbedingungen werfen die Frage auf, ob die neuen Fasern wirklich so nachhaltig sind wie ihr Ruf oder ein Verzicht darauf nicht besser wäre. Fakt ist: Viskose ist nicht gerade umweltfreundlich, was den Einsatz der Chemikalien betrifft und daher mit Vorsicht zu genießen. Einige Websites, die ich sah, rieten daher von Bambus explizit ab. Andere hingegen, die andere Schwerpunkte setzen (zum Beispiel beim Tierwohl), listeten Bambusfasern als gute Alternative auf. Letztlich ist die Frage, wo ihr eure Prioritäten setzt. Wenn ihr vegan lebt und Tierleid absolut ausschließen wollt, dann ist ein Garn aus einem nachwachsendem und biologisch abbaubarem Stoff sicher die bessere Wahl als Plastikgarn, das auch eine Menge Chemie erfordert, aber zusätzlich noch Erdöl verbraucht und den Müllberg vergrößert. Und seien wir ehrlich: Auch in der industriellen Herstellung von Schurwollgarnen und konventionellen Baumwollstoffen sind etliche Chemikalien im Einsatz. Jedoch solltet ihr euch bewusst sein, dass auch Regeneratfasern ihre Schattenseiten haben. Die perfekte Faser gibt es nicht. Aber es gibt bessere Fasern, die Probleme reduzieren und mehr Plus- als Minuspunkte sammeln.

Viskose, aus welchem Rohstoff auch immer gefertigt, ist zum Glück nicht die einzige Regeneratfaser auf dem Markt. Unter der großen Nachhaltigkeitsdebatte wächst der Druck auf die Industrie, Fasern mit einer besseren Ökobilanz zu entwickeln. Dies hat dazu geführt, Verfahren zur Herstellung von Regeneratfasern zu verbessern und auch auf andere Materialien als Basis zu setzen.

 

Nachhaltige Regneratfasern

Im Folgenden möchte ich euch daher noch ein paar Regeneratfasern vorstellen, die ich für empfehlenswerter halte als klassische Viskose.

Lyocell ist wie Viskose ein bestimmtes Herstellungsverfahren für Regeneratfasern. Im Gegensatz zum Viskoseverfahren aber sind die Lösungsmittel, die bei Lyocell zum Einsatz kommen, ungiftig und es besteht ein geschlossener Kreislauf, das heißt, die Chemikalien werden aufgefangen und wiederverwertet. Darum erhielt das Lyocellverfahren schon einen Umweltpreis der Europäischen Union. Wie auch bei Viskose können für Lyocellfasern verschiedene Ausgangsstoffe verwendet werden.

Milchseide (auch Milcheiweißfaser) ist eine besondere Regeneratfaser. Denn es ist eine der wenigen, deren Ausgangsmaterial tierischen Ursprungs ist. Wie der Name schon sagt, wird Milchseide aus Molke gewonnen. Dabei werden Rohstoffe verwendet, die nicht für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Bei Milchseide handelt es sich also um Resteverwertung. Dass sich aus Milch Kaseinfasern herstellen lassen, ist schon lange bekannt, doch wurde für die Herstellung lange Zeit Chemie benötigt. Die neuen Milchfasern jedoch sind chemiefrei. Zur Herstellung wird heutzutage Zink und Honig eingesetzt.

Seacell ist ein Beispiel für den praktischen Einsatz des Lyocellverfahrens. Gewonnen wird die Faser aus Algen, die zum Beispiel an den isländischen Fjorden abgebaut wird. Außer durch das Lyocellverfahren wird Seacell auch durch das Modalverfahren, ein verändertes Viskoseverfahren gewonnen. Das Verfahren wird aber in der Regel mit ausgewiesen. Seacell ist eine eingetragene Marke.

Sojaseide (auch Sojafasern) ist ein weiteres Beispiel für das Recycling von Lebensmittelresten in der Textilindustrie. Beim Pressen vom Sojaöl bleiben Pflanzenreste zurück. Diese können zu sehr feinen Regeneratfasern verarbeitet werden. Beim Herstellungsprozess von Sojaseide kommen ebenfalls ungiftige Lösungsmittel wie bestimmte Alkohole zum Einsatz.

Tencel ist ebenfalls eine Regeneratfaser, für die unter anderem das Lyocellverfahren eingesetzt wird. Ausgangsstoff sind auch bei Tencel Reste, doch diesmal handelt es sich nicht um Lebensmittel, sondern um Holz. Genauer gesagt Holz von Eukalyptus, Buchen, Fichten, Birken und Pinien. Dieses wird nachhaltig gewonnen und stammt nicht aus den Regenwaldregionen der Erde. Tencel ist eine eingetragene Marke.

Das war es so weit zu den nachhaltigen Regeneratfasern. Sicherlich ließe sich die Liste noch verlängern, doch ich habe beschlossen, mich auf Fasern zu beschränken, die ich zumindest schon als Beimischung in Strickgarnen oder bei Stoffen entdeckt habe.

Leider ist die Industrie bisher noch wenig kreativ, was den Einsatz nachhaltiger Regneratfasern angeht, zumindest was die liebe Wolllust betrifft. Bei Garnen werden Lyocell und co nämlich zumeist als Beimischung in Schurwollmischgarnen eingesetzt und mindern dort nicht etwa den Plastik- sondern den Schurwollanteil. Für ein veganes, plastikfreies Stricken und Häkeln sind sie so in doppelter Hinsicht verloren. Dennoch sollte das nicht entmutigen, denn ein paar Ausnahmen bestätigen dann doch die Regel. Im Bereich der Stoffe, in der ja viel an Baumwolle verarbeitet wird, sieht es etwas besser aus, hier sind Baumwollmischungen recht häufig vertreten. Wenn ihr also das nächste Mal in ein Wollgeschäft oder einen Stoffladen geht: Haltet die Augen offen!

Hallo ihr Lieben!

Nachdem ich jetzt schon einen Post über Schurwolle und einen über Regeneratfasern geschrieben habe, bin ich gerade so richtig schön in der Materialkunde-Flow drin. Und da ich mich im letzten Blogpost so ernüchtert über das Angebot an veganen Garnen zeigte, bot sich das Thema für den heutigen Blogpost an. Reden wir also mal ein wenig über Pflanzenfasern und ihre Nachhaltigkeit.

Zunächst muss ich sagen, dass ich Pflanzenfasern an sich sehr toll finde. Ein natürlicher Rohstoff, frei von vermeidbarem Tierleid, biologisch abbaubar und eine nachwachsende Ressource. Viele Pflanzengarne und Stoffe empfinde ich gerade für leichte Sommerprojekte als herrliches Material, während ich mich im Herbst oder Winter doch lieber in mollig warme Schurwolle hülle. Eine Pflanzenfaser ist dabei in deutschen Wollgeschäften und Stoffläden überproportional häufig vertreten und das ist Baumwolle.

Fast alle veganen Garn und Stoffe, die ihr im Laden kaufen könnt und das nicht zum Löwenanteil aus Synthetikfasern bestehen, bestehen aus zum Hauptteil aus Baumwolle. Ich muss zugeben, dass auch ich, wenn ich von Pflanzenfasern spreche, meistens Baumwolle meine. Denn mit anderen Fasern habe ich zwar schon ein wenig gearbeitet, doch in so geringem Maße, dass es kaum ins Gewicht fällt. Leider, leider hat der beliebte Rohstoff eine nicht zu unterschätzende Schattenseite.

Konventionelle Baumwolle ist nicht sehr umweltfreundlich

Der Einsatz von Chemikalien wie Pestiziden und in Düngemitteln sowie der massive Wasserverbrauch fallen stark ins Gewicht. Zudem wächst Baumwolle nicht in unseren Breitengraden und neben dem Transport nach Mitteleuropa gab es in der Vergangenheit auch schon Probleme mit Kinderarbeit in der Baumwollernte.

Zum Glück gibt es auf viele der genannten Probleme eine Antwort und die lautet GOTS-Siegel. Sehr viele Garnhersteller haben mindestens eine so zertifizierte Garnreihe im Programm oder bieten zumindest Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau beziehungsweise fairem Handel oder kleinen Kooperativen an. Es scheint inzwischen zum guten Ton zu gehören. Manche Anbieter führen nur eine Serie, andere gleich sechs oder sieben, die sich in Onlineshops leicht durch Suchbegriffe wie Bio, Öko, Eco oder GOTS finden lassen. Im Bereich der Stoffe gibt es einige Hersteller, die sich auf GOTS-zertifiziere Baumwollstoffe spezialisiert haben.

Doch sein wir ehrlich: Nur Bio-Baumwolle ist auf Dauer auch etwas langweilig. Darum will ich hier mal einen Blick auf die anderen Pflanzenfasern werfen, die es so gibt und die euren Wollkorb und euer Nähkäsctchen bereichern könnten, auch wenn es nur vier Stück an der Zahl sind. Zertifikate wie das GOTS-Siegel sind im Bezug auf andere Pflanzenfasern übrigens eher eine Seltenheit ebenso wie regionaler beziehungsweise mitteleuropäischer Anbau, trotzdem finde ich sie empfehlenswert, immerhin handelt es sich um natürliche Stoffe ohne Tierleid. Die meisten Infos zu den Pflanzen stammen von wikipedia.

 

Bananenfaser

Als mir Bananenfasern das erste Mal über den Weg liefen, hielt ich sie zugegeben für Viskose, die aus Bananenresten gewonnen wird. Erst ein Artikel im Blog eines Onlineshops für Bioprodukte klärte mich darüber auf, dass dem keineswegs so ist. Bananenfasern sind echte Pflanzenfasern und sie stammen auch nicht aus der Bananenfrucht selbst, sondern werden aus Bananenstauden gewonnen. Genauer gesagt handelt es sich ähnlich wie bei Tencel um die Verwertung von Holzresten. Bananenstauden tragen, so jedenfalls die Website, nur einmal Früchte. Danach werden sie abgeschlagen. Die Überreste einer solchen Abholzung können zu Fasern für die Textilproduktion verarbeitet werden. Bananenfasern sind so zwar wie Baumwolle kein regionales Produkt, doch ich denke, dass der Ansatz der Resteverwertung durchaus ein guter ist. Leider habe ich bisher noch kein Garn aus oder mit Bananenfasern gefunden. Einzig die Fasern selbst waren aufzutreiben. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. Was Stoffe angeht, ist in wenigen Onlineshops für Natufstoffe Bananenfaser als Beimischung vertreten.

 

Leinen

Leinen ist ein uraltes Material für die Textilproduktion mit einer langen Tradition in Europa. Leinen ist zudem eines der wenigen Pflanzengarne, dessen Rohstoff auch hierzulande sowie in den direkten Nachbarländern vorkommt. Gewonnen wird Leinen aus Flachs, einer strohartigen Pflanze. Wenn Rumpelstilzchen Stroh zu Gold spinnt, ist damit vermutlich Leinen gemeint. Flachs stellt wenige Ansprüche, Pestizide und Dünger sind kaum nötig, einzig Staunässe verträgt er nicht. In der Aufbereitung kann es bei der Methode der Warmwasserröste, die besonders in Asien und Osteuropa eingesetzt wird, zu Abwasserbelastungen kommen, jedoch gibt es noch andere Aufbereitungsformen. Leinen wirkt eher kühlend, ist unempfindlich gegen Schmutz und Bakterien, knittert aber leicht. Zu Beginn ist Leinen eher rau und störrisch und wird erst mit der Zeit weicher. Auch als Beimischung kommt Leinen öfter vor, besonders gern, wenn das Garn ein grünes Image bekommen soll. Als Stoff ist Leinen natürlich noch weitaus beliebter und bekannter denn als Garn. Leinenstoff aufzutreiben, dürfte kein Problem darstellen, lediglich die Region könnte Schwierigkeiten bereiten.

 

Hanf

Hanf ist vielen eher aus anderen Kontexten bekannt ^^, doch hat er ebenso wie Leinen eine lange Tradition. Früher wurde er zum Beispiel für Segel, Taue oder Seile benutzt. Der Nutzhanf, der hierfür statt der rauchbaren Verwandten verwendet wird, braucht gegenüber Getreide nur wenig Stickstoffdüngung und verträgt ebenso wie Leinen keine Staunässe und keine sauren Böden. Auch Hanf wächst in Europa, kommt allerdings auch in anderen Teilen der Welt vor. Reines Hanfgarn habe ich bisher nur bei einem Anbieter gefunden. Ansonsten wird auch Hanf hin und wieder anderen Garnen beigemischt, allerdings ist mir bisher kein Pflanzengarn damit bekannt. Hanf findet sich eher als Beimischung in Schurwollgarnen. Und was ist mit der Meterware? Hanf ist vielleicht nicht ganz so verbreitet wie Leinen, doch in Onlineshops für Naturfaserstoffe durchaus beliebt.

 

Nesseln

Nesselgewächse wie zum Beispiel Ramie (ostasiatische Brennesselart) sind ebenfalls Lieferanten von natürlichen Pflanzenfasern. Ramie, um bei der häufigsten Pflanze zu bleiben, ist recht resistent gegen Krankheiten und Schädlinge und wächst wie unsere heimischen Brennesseln schon mal an Straßenrändern. Allerdings braucht sie ein warmes Klima, weswegen sie hierzulande eher selten vorkommt. Reine Garne aus Ramie sind eher selten, da die Fasern nicht sehr widerstandsfähig sind. Doch als Beimischung tauchen Nesseln hin und wieder auf.  Mir selbst sind keine Nesselgarne bekannt, doch als Zusatz in Schurwollgarnenkommen insbesondere Ramie und co hin und wieder vor, teilweise sogar aus europäischem Anbau (Baltikum). Bei Stoff sind mir Nesseln als Beimischung dagegen bisher nicht aufgefallen.

 

Das war es soweit mit dem Ausflug in die Welt der Pflanzenfasern. Ich hoffe, dass euch Bananenfaser, Leinen, Hanf und Nesseln ein wenig inspirieren konnten. Falls ihr selbst nach Garnen stöbert, bedenkt, dass jede Pflanze ihre eigenen Eigenschaften und die Garne vielleicht nicht die gleiche „Konsistenz“ haben wie Baumwolle.

Hallo ihr zusammen. Nachdem ich eh schon auf dem Materialkunde-Trip bin, dachte ich mir, bleibe ich mal auf der Spur und wende ich mich neben Schafwolle, Regeneratfasern und Pflanzenfasern der letzten Fasergruppe zu, die ich in diesem Blog behandle: den Edelfasern sowie ihren Vorteilen und Schwierigkeiten. Zwar betrifft dieses Thema vor allem Garne, doch da es eine große Ausnahme gibt, die auch fürs Nähen relevant sein könnte, habe ich es mal als allgemein ausgewiesen. Und das führt mich zur großen Frage: Was sind Edelfasern eigentlich?

Schafwolle ist die wohl die bekannteste tierische Faser, die auf Nadelspielen, Häkelnadeln und Webrahmen zu schicken Textilien verarbeitet wird. Die Welt der Tierhaare, die zu Garn versponnen werden können, hat jedoch noch viel mehr zu bieten. Angora, Alpaka, Mohair, Moschus, Kamel, Kaschmir, Yakhaar und noch ein paar weitere finden sich ebenso in den Wollgeschäften wieder wie Merinowolle. Viele dieser Tierhaare sind feiner als Schafwolle und stehen manchmal nur in einer geringen Menge pro Tier zur Verfügung.  Sie bilden sie die Kategorie der Edelfasern, zusammen mit einer Ausnahmefaser, die auch fürs Nähen relevant ist: Seide. Neben ihrer Weichheit sind Edelfasergarne oft auch wegen ihrer Struktur begehrt. Mohairgarne zum Beispiel sind mit ihrem typischen Flausch unverwechselbar und bringen gerade im Lace-Bereich interessante Strickergebnisse hervor. Auch hinsichtlich anderer Eigenschaften lohnen sich Edelfasern. Alpaka beispielweise wirkt temperaturausgleichend und isolierend und enthält anders als Schurwolle kein Wollfett, auf das manche Menschen allergisch reagieren.  

Als nachwachsener Rohstoff und biologisch abbaubares Naturmaterial könnten Edelfasern eine wunderbare Ergänzung zu Pflanzengarnen, Regeneratfasern und Schurwolle darstellen. Doch wie gesagt: könnten. Denn auch im Bereich der Edelfasern gibt es Probleme.  

Vieles an Edelfasern im deutschen Handel stammt ebenso wie die Merinowolle aus anderen Kontinenten, wird importiert. Zu den Produktionsländern gehören auch Regionen, in denen große Armut herrscht oder in denen kein oder gerade einmal erste Ansätze eines Tierschutzgesetzes existieren. Doch während es für Merinowolle im Wollgeschäft inzwischen ein durchaus nicht kleines Angebot an GOTS-zertifizierten Garnen gibt, kommt bei Edelfasern hinzu, dass diese, selbst wenn sie aus einer artgerechten Haltung stammen, nur selten nach den bekannten Siegeln zertifiziert werden. Der Grund dafür ist, dass hinter solchen Tierhaltungen oft Kleinbauernhöfe stecken, die sich teure Zertifizierungsprozesse nicht leisten könnten. Bei GOTS-zertifizieren Mischgarnen aus Schafwolle und Edelfasern ist daher anzunehmen, dass oft nur der Schurwollanteil zertifiziert ist, was sich meist auch in der Materialangabe spiegelt. 70% Schurwolle, 30% Edelfaser sind gar nicht so selten und  entsprechen den GOTS-Richtlinien, die 30% Nicht-Bio-Fasern erlauben. Woher die Edelfasern stammen, ist also oft ein großes Fragezeichen.

Die Parallelexistenz von Kleinproduktionen einerseits und der Massentierhaltung andererseits ohne einen Wegweiser durch den Dschungel macht die Sache undurchsichtig. Dadurch entsteht eine große Unsicherheit: Stammt die Faser von einem Kleinbetrieb, in denen eine Familie sich mit  der Haltung weniger Tiere den Lebensunterhalt sichert? Oder aus einer Großfabrik, in der Menschen und Tiere gleichermaßen für die Garnproduktion leiden? Und selbst, wenn die Fasern nach den besten Tier- und Menschenschutzkriterien produziert wurden, lässt sich ein Problem nicht aus der Welt schaffen: Irgendwie müssen die Fasern über den großen Teich transportiert werden und das bedeutet Flugzeug oder Frachtschiff. 

Diese Probleme erschweren es, Edelfasern zu finden, die sozial, tierfreundlich und nachhaltig produziert sind. Doch auf Edelgarne und auch Seidenstoff zu verzichten wäre für mich auch nicht die Lösung aller Probleme, denn die Plastikalternativen haben auch ihre Schattenseiten. Falls auch ihr gerne Edelfasern verstrickt, sind hier ein paar Tipps, um aus der Misere herauszukommen. 

 

Offene Augen oder auch: Eins ist besser als Keins

Die erste Devise lautet natürlich: Auch wenn das Angebot gering ist, haltet trotzdem die Augen offen und werdet nicht müde, nach Edelfasern aus regionaler beziehungsweise europäischer, fairer oder kontrolliert biologischer Produktion zu suchen. Mitunter müsst ihr sehr viel Geduld mitbringen, bis ihr fündig werdet. Und es kann sein, dass ihr Quellen findet, die nur ein Kriterium erfüllen. Rechnet also damit, dass ihr möglicherweise Kompromisse eingehen und euch fragen müsst, welcher Aspekt für euch die höchste Priorität hat. Dennoch ist die Erfüllung eines Kriteriums besser als keines und zuweilen gehen die Kriterien auch Hand in Hand. Mir selbst sind inzwischen einige, vor allem regionale Bezugsquellen für Edelfasern bekannt, die zum Beispiel das völlige Gegenteil der grauenvollen Berichte über die chinesische Angora-Massenproduktion sind. Fast alle davon waren Zufallsfunde, die mir oftmals auf der Suche nach Schafwolle über den Weg liefen, zum Beispiel, weil ein Betrieb sowohl eine bedrohte Schafsrasse wie auch Edelfasertiere hielt. Von daher kann ich nur sagen, dass es sich lohnt, geduldig zu bleiben.  Manchmal kommen die Adressen von selbst, wenn ihr erst einmal in einen bestimmten Dunstkreis eintaucht. Angora aus Deutschland zum Beispiel lässt sich auch über die Initiativen zur Erhaltung bedrohter Nutztierrassen auftreiben, die ich in diesem Blogpost schon erwähnte, denn Angorakaninchen wurden auch hierzulande gehalten. Allerdings habe ich darüber bisher eher Rohfasern gefunden. 

 

Vertrauenswürdige Anbieter

Solltet ihr keine Garne aus regionaler oder zertifiziert fairer beziehungsweise ökologischer Produktion finden, dann kann es eine Alternative sein, euch bewusst  für einen Anbieter zu entscheiden, der euch insgesamt vertrauenswürdig erscheint. Siegel und Zertifikate sind an sich tolle Erfindungen. Doch bedeutet kein Zertifikat auch nicht zwangsläufig, dass eine Sache unter den denkbar schlechtesten Bedingungen produziert wurde. Gerade in einem Bereich, in dem Zertifikate vor besondere Herausforderungen stellen. Unternehmen, die bewusst auf Zwischenhändler verzichten und direkt mit Kleinbauernhöfen zusammenarbeiten; Regionale Direktvermarkter, die neben den Garnen eigener Tiere auch Edelfasergarne aus einer Kooperation anbieten oder das Unternehmen, das sonst nur Schafwolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung verarbeitet und ausnahmsweise mal etwas Edelgarn im Programm hat, bieten vielleicht keine 100% Sicherheit, aber auf jeden Fall ein kleineres Risiko als das Knäul im Discounter.  

 

Recherche, Recherche, Recherche

Eine weitere Idee wäre es natürlich auch die soziale und tierschutzrechtliche Lage in den jeweiligen Produktionsländern genauer zu recherchieren. Auf diese Weise könnt ihr möglicherweise auch Garne finden, die euren Maßstäben entsprechen.  Nicht alle Fasern werden in Ländern produziert, die auf der Liste der üblichen Verdächtigen zu finden sind, wenn es um Tierquälerei oder Hungerlöhne geht. Und nicht immer sind die üblichen Verdächtigen auch die wirklichen Missetäter. Eine solch eingehende Recherche setzt aber natürlich noch mehr Aufwand voraus als die vorhergehenden Tipps.

 

Vegane Alternativen

Edelfasern berühren, wie schon geschildert, mehrere Aspekte. Wenn für euch allerdings das Tierwohl am meisten zählt, ist auch dann, wenn ihr nicht vegan lebt, der Griff zu einer veganen Alternative vielleicht eine Überlegung wert. Ich will hier nicht die vielen, vielen Synthetikgarne nennen, die euch ohnehin in jedem Ladengeschäft anspringen und über die ich ja gerade erst schimpfte, sondern auf Garne eingehen, die biologisch abbaubar sind. Als gute Alternative zu Seide und Seidenmischungen eignen sich zum Beispiel Tencel (Lyocell), auch wenn ich die rein vegangen & synthetikfreien Garne, die ich bisher mit Lyocell gefunden habe, an einer Hand abzählen konnte. In einem Onlineshop fand ich zudem eine Kaschmiralternative aus Baumwolle. Dies sind zwar nur ein paar wenige Garnserien, aber immerhin existieren sie. Wenn es euer Geldbeutel erlaubt, lässt sich über Plattformen wie Etsy noch mehr finden, denn Handspinnereien sind meiner Erfahrung nach experimentierfreudiger als die Industrie. Mit etwas Glück findet ihr sogar eine Auftragsspinnerei. Wenn es nicht um die Struktur, sondern nur um die Weichheit geht, finden sich im Bereich der Baumwolle und recht neuer Fasern wie zum Beispiel Viskose aus Bambus biologisch abbaubaren Alternativen, auch wenn manche davon den Einsatz von Chemie erfordern. Mercersierte Baumwolle zum Beispiel hat auch einen wunderbaren Glanz.

 

Sonderfall Seide

Klassische Seide, auch Maulbeerseide, genannt, nimmt unter allen Edelfasern noch einmal einen Sonderplatz ein und das aus mehreren Gründen. Erstens ist es kein Tierhaar, aber sehr wohl ein tierisches Produkt, nämlich die Konkonfaser des Seidenspinners. Zweitens ist es eine der wenigen Naturfasern, die nicht nur weich und glatt ist, sondern auch einen natürlichen Glanz und Schimmer besitzt und drittens bringt die Produktion von Maulbeerseide anders als andere Edelfasern, die durch Schur gewonnen werden können, immer Tieren den Tod und das in einer schwindelerregenden Zahl. Für nur ein Gramm Seidenfaden werden etwa zwölf Kokons benötigt. Wie viel das für ein Wollknäuel macht, könnt ihr euch selbst ausrechnen. Zum Glück ist Seide aber viertens ein Edelgarn, das sich leicht auch in einer tierfreundlichen Alternative auftreiben lässt. Hier gibt es gleich mehrere Möglichkeiten. Peace Silk, Friedensseide oder Ahimsa Silk sind alles Bezeichnungen für eine bestimmte Ethik der Seidenproduktion, die entweder auf das Töten der Seidenraupen ganz verzichtet oder aber die Puppe wird entfernt und dient der ärmeren Bevölkerung als Nahrung, wodurch zumindest ein Tod bloß für Mode verhindert wird. Falls die Seidenraupen nicht getötet werden, dürfen sie ihre Verwandlung zum Falter vollenden. Der Seidenfaden lässt sich vom leeren Kokon nicht mehr in einem Stück abwickeln, weswegen diese Seide versponnen werden muss und kleine Unebenheiten aufweist, doch das sollte das Leben der Falter wert sein. Eine andere Alternative ist Wildseide, bei der ebenfalls die Kokons erst nach dem Schlüpfen der Falter verwendet werden, nur dass diese im Unterschied zu Peace Silk aus Wildsammlungen stammen. Zu den Wildseiden zählen zum Beispiel Eri Seide, Muga Seide oder Tussahseide, wobei sich für Tussahseide in den letzten Jahren auch kleine Zuchten entwickelt haben, die der armen indischen Landbevölkerung als Einkommensquelle dienen und meist nach der Ahimsa Ethik arbeiten. Garne aus Tussahseide lassen sich manchmal im Sortiment hochwertiger Garnmarken finden. Für Peace Silk gibt es einen Onlineshop, der auch Bioseide und Fair Trade Seide führt. 

 

Die große Ausnahme: Alpaka

Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und so gibt es auch bei den Schwierigkeiten mit den Edelfasern Gott sei Dank die berühmte Ausnahme. Denn es gibt es gibt ein Edelgarn, das sich sehr leicht aus regionaler Produktion und damit auch aus recht fairen Handel und unter deutschen Tierschutzbedingungen auftreiben lässt. Und das ist Alpaka. Tatsächlich habe ich bei meiner Suche nach nachhaltigen Garnen manchmal den Eindruck gewonnen, dass es hierzulande mehr Alpakas als Schafe gibt, denn egal nach welchem Schaf ich suchte, die Suchmaschine spuckte mir garantiert mit dem dritten Suchergebnis noch einen Alpakahof aus. Alpakas werden in Deutschland meist im Freizeit bzw. Erlebnisbereich (als Trekkingtiere für Alpakawanderungen) oder als Therapietiere gehalten, der Wollverkauf ist ein lukratives Nebengeschäft für die Halter. Die Haltung erscheint mir vergleichsweise artgerecht,  bis auf die Schermethoden, die noch verbessert werden könnten, wobei es auch hier unterschiedliche Vorgehensweisen gibt. Und da fast alle Bezugsquellen für deutsches Alpakagarn aus Direktvermarktung stammen, sind die Möglichkeiten hinter die Kulissen zu blicken, recht groß. Wer also kein weiches Merinogarn aus Übersee will: Deutsches Alpaka ist eine gute Alternative, wenn auch keine besonders preisgünstige. Bei Lama bin ich noch am recherchieren, möglicherweise gibt es in Deutschland auch einiges an Lamawolle.

Ich weiß, dass diese Tipps vielleicht nicht alle Probleme lösen, aber sie sind zumindest ein Anfang, oder? Viel Spaß beim Stricken!

Hallo ihr Lieben, wieder einmal.

Dass ich stricke und mich viel mit nachhaltigen Garnen befasse, habt ihr ja schon mitbekommen. Heute verrate ich euch ein weiteres Geheimnis über mich: Ich spinne. Ja, ja, ich weiß. Einmal kurz Applaus für die schlechten Wortwitze und weiter im Programm. Natürlich meine ich das alte Handwerk der Garnherstellung. Vor etwas weniger als einem Quartal hielt ich mein erstes selbstgemachtes Knäuel in den Händen und bin inzwischen süchtig danach. Da ich mit meiner Begeisterung nur schwer hinter dem Berg halten kann und hoffe, dass ich noch mehr von euch anstecken kann, möchte ich euch heute erzählen, was am Spinnen eigentlich so cool ist und warum auch ihr vielleicht mal ein Auge darauf werfen solltet. Denn auch wenn Spinnen wie jedes Handwerk viel Zeit kostet, gibt es einige gute Gründe, warum sich die Mühe lohnt, sowohl für euch selbst wie auch für die Umwelt.  Dabei gilt: Wenn ich hier vom Spinnen rede, meine ich damit nicht nur das Spinnen direkt, sondern den ganzen Weg der Wollaufbereitung vom frisch geschorenen Schaf  (oder anderem Faserlieferant) bis hin zum fertigen Garn. Also schauen wir uns die Sache mal an.

 

Geldbeutelfreuden

Der erste Grund, warum es sich lohnt zu spinnen, ist eine nüchterne Kalkulation: Es ist schlichtweg billiger als Garn zu kaufen und zwar erheblich. Die eingesparten Arbeitsschritte wirken sich sehr auf den Preis aus. Bei so gut wie allen Quellen, die ich bisher auftreiben konnte, kosteten 100 Gramm spinnfertige Wolle allenfalls halb so viel wie das fertige Garn im Sortiment. Einzig handgefärbte Spinnwolle kann mitunter sogar teurer werden als industriell gefertigtes Garn, ist allerdings auch eine Besonderheit. Nochmal günstiger wird es bei Rohwolle, die erst noch aufbereitet werden muss ehe sie versponnen werden kann. Hier gibt es auch Angebote von unter einem Euro für 100 Gramm Schurwolle und auch Edelfasern liegen oft in einem noch recht moderaten Bereich. Allerdings verkaufen Anbieter Rohwolle oft nur in größeren Einheiten, meist kiloweise und bei der Aufbereitung muss oft auch ein guter Teil der Fasern aussortiert werden, da sie sich nicht zum Spinnen eignen. Doch selbst unter Berücksichtigung dieser Einschränkungen ist der Endpreis für das fertige Garn noch immer sehr niedrig. Ich habe bisher noch nie geplant, ganze Kleidungsstücke aus Naturfasern zu stricken, da es mir immer zu teuer war. Doch mit dem Spinnen ist das inzwischen realistisch geworden. 

 

Wissen was drin ist

Wer Garn selbst herstellt, kann auch selbst entscheiden, was drin ist. Dies ist besonders dann interessant, wenn industrielle Garne Fasern enthalten, die ihr euch so eigentlich nicht in eurem Garn wünscht. Einige Erfahrungen in dieser Hinsicht waren für mich überhaupt erst der Anlass, mit dem Spinnen zu beginnen. Wie zum Beispiel meine relativ erfolglose Suche nach Effektgarnen ohne Plastik. Die Auswahl tendiert hier gegen Null. Wie schon im Rantpost erzählt, las ich oft in Onlineshops, dass eine Fertigung ohne Synthetik nicht möglich sei. Ich wollte das nicht glauben, googelte und fand tatsächlich Spinnanaleitungen zu Effektgarnen, die Beimischungen wie Polyamid nicht unbedingt erforderten. Mag sein, dass eine industrielle Herstellung nur schlecht funktioniert und reine Naturgarne weniger haltbar sind, aber es ist möglich.  Ein weiteres Problem war, dass Mischgarne oft Fasern enthielten, mit denen ich vom Material keine Probleme hatte, deren Erzeugungsbedingungen mir aber nicht zusagen: Australische Merinowolle (mit Mulseing), Edelhaare unbekannter Herkunft oder Maulbeerseide. In einem Fall war es echt zum Verrücktwerden: Vier Arten von Fasern in einem Garn, drei davon absolut meine Ansprüche treffend und die vierte das genaue Gegenteil. Mein Fazit für die Zukunft: DIY. 

 

Bunter Wollkorb

Die Kontrolle über die eingesetzten Fasern ist keine Einbahnstraße. Sie hat noch einen zweiten Vorteil: Fasern verwenden, die sonst selten in Reinform zum Einsatz kommen. Gerade hinsichtlich des veganen Handarbeitens öffnet Spinnen hier Welten. Ihr erinnert euch sicherlich an die Blogposts über Pflanzengarne und Regeratfasern. Es gibt eine Reihe an nachhaltigen Fasern. Leider sind die Garnunternehmen in der Hinsicht wenig kreativ. Baumwolle en Masse und ein wenig Leinen, das war’s dann auch schon. Alles Andere habe ich bis jetzt fast nur in Kombination mit Tierischen Fasern oder Plastik gefunden und die wenigen Ausnahmen waren oft teuer. Mich persönlich betraf es nur am Rande, da ich nicht einmal Vegetarierin bin, doch wollte ich mal aus Neugierde Beilaufgarn aus einem Seidenersatz ausprobieren. Pustekuchen! Die Fasern aufzutreiben war dagegen ein Kinderspiel. Aber auch bei der Verarbeitung tierischer Fasern ist die Spielwiese beim Spinnen viel größer. Im Ladengeschäft bedeutet Schurwolle eben meist Merinowolle. Beim Spinnen habt ihr die Auswahl mit zig Rassen allein nur bei Schafen. Das  eröffnet zahllose Möglichkeiten, ganz neue Garnkreationen auszuprobieren, zum Beispiel Leinen mit Soja oder Coburger Fuchs mit Kamelhaar. Sicher werdet ihr eure ganz eigenen Marktlücken entdecken. 

 

Grenzenlose Kreativität

Für alle, die DIY-mäßig unterwegs sind, ist es natürlich kalter Kaffee, trotzdem will ich auch auf diesen Punkt eingehen: Selbermachen bedeutet, etwas ganz nach dem eigenen Willen gestalten zu können. Das gilt natürlich nicht nur für das verwendete Material, sondern auch für die Aufmachung. Denn industrielle Garne aus nachhaltigeren Fasern nachzuahmen, ist nur die halbe Miete. Selbst zu spinnen, erlaubt es auch, Garne nach einer Machart herzustellen, die es so im Handel gar nicht oder nur als kuriose Ausnahme gibt. Sehr beliebt sind zum Beispiel nach einigen Blogs, Websites und Büchern zu urteilen, Effektgarne, bei denen Rocailles, also kleine Glasperlen, mit eingesponnen werden. Es mag sein, dass ich bisher mit Scheuklappen durch sämtliche Wollläden gestolpert bin, doch bisher ist sind mir solche Perlengarne erst ein einziges Mal im Handel begegnet. Und das ist nur die unscheinbare Spitze eines kunterbunten Wollbergs. Googelt mal nach „Art Yarn“. Ich verspreche euch, ihr werdet Bauklötze staunen, was alles möglich ist, wenn ihr euer Garn selbst herstellt. 

 

Vom Kompost in den Wollkorb

Spinnen schmälert den Müllhaufen. Hierzu spielt neben der Frage, Was ins Garn wandert auch das Woher eine große Rolle. Ihr erinnert euch sicher an die Problematik, über die ich im Blogpost zu Wolle aus Deutschland schrieb. Nun, es gibt Abhilfe. Schurwollgarne made in Germany existieren und das aus Strickfansicht nicht zu knapp. Aber: Nicht jede kleine Schafhaltung kann sich die Wollverarbeitung leisten und das bedeutet für viel einheimische Wolle noch immer Endstation Kompost. Wer das Handwerk der Wollverarbeitung beherrscht, ist nicht beschränkt auf fertiges Garn und kann auch die kleine Tierhaltung unterstützen. Doch damit nicht genug. Ein Gedanken, den ich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig fand, doch inzwischen im Sinne der Müllvermeidung für eine sehr gute Idee halte:  Einige kleine Spinnereien im Netz bieten Katzen- und Hundefans an, die bei der Fellpflege angesammelten Haare ihrer vierbeinigen Lieblinge zu verspinnen. Warum das nicht auch selbst tun? Katzen- und Hundehaar ist oftmals sauberer als „wilde Wolle“ und hält viel wärmer. Informationen welche Haare eigentlich geeignet sind und was sonst noch zu beachten ist, findet ihr leicht, wenn ihr „Katzenwolle“ oder „Hundewolle“ googelt. Auch Tencel, Sojafasern, Milchseide und Bananenfasern reduzieren den Komposthaufen, da hier zumindest teilweise Abfälle und Reste verwendet werden.

 

Ein Herz für Tiere

Was der letzte Punkt auch zeigt: Spinnen öffnet die Tür zu einer viel größeren Zahl an potentiellen, auch ungewöhnlichen Quellen für tierische Fasern. Dies kann auch dafür genutzt werden, Fasern nach Aspekten des Tierwohls auszuwählen, die für Garne nur eingeschränkt möglich sind. Mein Problem mit Mischgarnen habe ich ja schon erwähnt. Ein weiteres Beispiel: Schurwolle an sich wird von lebenden Tieren gewonnen, es muss dafür direkt also eigentlich kein Schaf sterben, jedoch sind viele Schäfereien landwirtschaftliche Betriebe, die durch den Verkauf tierischer Produkte ihre Existenz sichern. Und wo das der Fall ist, liegt eine Aussortierung unwirtschaftlicher Tiere unter finanziellen Zugzwängen nicht in allzu weiter Ferne, wenn die Wolle nicht ohnehin nur ein Nebenprodukt eines fleischproduzierenden Betriebs ist.  Dieser Schatten des Schlachthauses hält viele davon ab, Schurwollgarne zu verwenden. Es reicht ihnen nicht aus, dass ihr Produkt kein totes Tier enthält, sie wollen Schlachtung auch nicht indirekt unterstützen. Wer selbst spinnt, hat mehr Möglichkeiten, sich nach kreativen Lösungen umzusehen. Fasern sind überall, wo entsprechende Tiere leben, Garn nicht unbedingt. Ich werde nochmal einen Extrapost verfassen, deswegen sei hier nur so viel gesagt: Katzen- und Hundehaare sind längst nicht alle Möglichkeiten.

 

Über die Straße statt Übersee

Wer die Haare eigener Haustiere verspinnt oder alternative Quellen nutzt, spart allerdings nicht nur Tierleid ein, sondern auch noch etwas Anderes: Wege. Wege und alle damit verbundenen Umweltkosten für den Transport. Nicht alle haben das Glück, eine Schäferei oder Edelfasertierhaltung, die auch Garne anbietet, vor der eigenen Haustür zu haben. Doch sehr viele kommen durchaus vor der wortwörtlichen eigenen Haustür hin und wieder an Schafherden vorbei. Mit etwas Glück und Initiative kann sich hier vielleicht  eine Quelle auftun. Einige Schäfer sind sehr froh, wenn sie ihre Wolle loswerden können. Mein erster Kontakt in dieser Hinsicht endete damit, dass mir angeboten wurde, Wolle so viel ich will, kostenlos mitzunehmen. Regionaler geht es wirklich nicht! Zudem habt ihr beim Spinnen die Gewissheit, dass alle Schritte der Garnherstellung lokal unter einem Dach stattfinden, nämlich eurem eigenen.

 

Der Umwelt zuliebe

Wege sind jedoch noch nicht alles. Auch in Hinsicht der Verarbeitung sammelt Spinnen so einige Pluspunkte im Bereich Ressourcenschonung und Umweltbilanz: Handspinnen erfordert anders als industrielle Verarbeitung keinen Strom und ihr habt einen gewissen Freiraum, welche Mittel ihr einsetzt, um die Wolle zu reinigen. Das bedeutet in der Praxis, dass ihr der Umwelt einiges an Chemiebelastung ersparen könnt. In der industriellen Produktion wird Wolle oft mit giftigen Beizmitteln behandelt, um auch die letzten Grashalme zu entfernen. Dieser Schritt kann zum Beispiel durch ein sehr langsames, sehr sorgsames Kämmen per Hand ersetzt werden. Eine Superwash-Behandlung braucht eure Wolle auch nicht und wer zusätzlich selbst färbt, hat auch bei den Beizmitteln freie Wahl. Ich selbst verwende dafür Essigessenz, also ein Mittel, dass ich mir auch über den Salat kippe. Wobei, wenn vorher Wolle drin lag, dann vielleicht nicht mehr ;-). 

 

Gerechter Lohn

Die Schritte der Verarbeitung und die Beschaffung der Rohwolle berühren auch noch einen anderen Aspekt, nämlich den des fairen Handels. Der effektivste Weg die Ausbeute menschlicher Arbeit zu verhindern heißt DIY. Wer sein Garn selbst spinnt, weiß, dass dafür niemand Anderes zu einem Billiglohn schuften musste. Die Sache fängt aber noch viel früher an. Stichwort Rohwollpreise. Ich weiß, ich hab das Thema schon mal durchgekaut, aber es ärgert mich nachwievor. Die Schäferei ist kein Beruf, in es sich reich werden lässt und die Schur für viele ein finanzielles Ärgernis. 80 Cent bis 1,40 Euro pro Kilo sollen Wollabnehmer nach einigen Quellen für einheimische Rohwolle zahlen, wenn überhaupt. Mancherorts kommt Erleichterung auf, wenn Scherer die Wolle kostenlos mitnehmen. Wenn aber die Industrie deutsche Wolle so schnöde behandelt, wer zahlt dann einen angemessenen Preis?  Für viele Strickfans sind Preise von unter drei Euro für 100 Gramm Wolle ein sehr günstiges Angebot, von weniger als einem Euro wären sie eine Preissensation. Für etliche Schäfereien hingegen ist es ein Vielfaches des üblichen Erlöses. Selber Spinnen schafft so eine Win-Win-Situation - weniger Ausgaben für uns, bessere Einnehmen für Schäfereien.  

 

Rein ins Vergnügen

And last but not least: Spinnen ist superentspannend und superästhetisch. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber sicher spreche vermutlich nicht nur für mich, wenn ich sage, dass ich beim Stricken das sinnliche Erlebnis sehr genieße. Das Wollknäuel auspacken, die Farben mit den Augen aufsaugen, die Fasern zwischen den Fingern spüren und zu sehen wie das Strickstück wächst, all das macht das Stricken so reizvoll.  Beim Spinnen ist das alles noch gesteigert. So finde ich zum Beispiel sehr interessant, wie sich Multicolorfasern bei der Verarbeitung auswirken. Manche Eigenschaften von Fasern sind im fertigen Garn auch gar nicht mehr auszumachen, wie zum Beispiel die Faserlänge. Und ich schwöre, es gibt nichts Tolleres als ein flauschiger Haufen sauberer, unversponnener Fasern. Nebenbei lernt ihr noch unglaublich viel über Fasern und darüber, wie Garn eigentlich aufgebaut ist und bekommt eine große Vielfalt an herrlichen Materialien in die Hände. Und da Spinnen wie einfache Strickmuster aus vielen Wiederholungen besteht, hat es mit etwas Übung bald etwas Meditatives. Mit anderen Worten: Spinnen ist ideal, um nach einem stressigen Tag abzuschalten. 

 

Das war es soweit mit den Vorteilen des Spinnens und ich hoffe, ich konnte euch ein wenig dafür begeistern, am Rad zu drehen ;-). Im nächsten Blogpost will ich noch auf ein paar FAQs und Spinnlatein eingehen und euch so den Einstieg erleichtern. Zwar bin ich selbst noch Anfängerin, aber ein wenig kann ich euch schon erzählen.

Heute gibt es ein Novum. Denn wie im letzten Post schon versprochen, will ich euch heute ausnahmsweise mal nicht erklären, wo ihr nachhaltigeres Strick- und Häkelmaterial herbekommt oder wie ihr die Wollkörbe restlos leeren könnt, sondern euch das tolle Handwerk des Handspinnens vorstellen und ein wenig Spinnlatein erzählen. Bitte bedenkt, dass ich hier nur einen ganz, ganz groben Überblick gebe, wie ihr überhaupt mit dem Hobby beginnen könnt und ihr eine genaue Anleitung der Techniken von der Wollaufbereitung bis zum Zwirnen an anderer Stelle findet. Da ich es selbst aber großartig finde, mein Garn selbst herstellen zu können, hoffe ich doch, dass ich doch etwas motivieren kann, es auch zu probieren. Aus einer Umfrage, die ich neulich gestartet habe, weiß ich, dass manche von euch gerne spinnen würden, aber nicht wissen, wie sie damit beginnen könnten. Ich hoffe, dass dieser Blogpost hilft, Hürden abzubauen. Denn mit dem Spinnen anzufangen ist einfacher als ihr denkt - zumindest, was die Besorgung der Ausrüstung angeht. ;-)

 

Die ersten Schritte

Bevor ihr anfangen könnt zu spinnen, braucht ihr natürlich erst mal das passende Equipment. Viele denken beim Stichwort spinnen sofort an Spinnräder, den Dachbodenfund aus Uromas Zeiten und den Platz im Wohnzimmer, den sie dafür freimachen müssten. Doch so weit muss es gar nicht kommen. Eine Handspindel tut es ebenso. Handspindeln verhalten zu Spinnrädern etwa so wie Nähnadeln zu Nähmaschine und sie sind recht preisgünstig. Die einfachsten Modelle kosten zum Teil noch unter 10 Euro und passen in jeden Rucksack. Bevor ihr euch also überlegt, für teures Geld ein Spinnrad anzuschaffen (es gibt auch heute noch Firmen, die Spinnräder produzieren), probiert erst das Spinnen einmal mit der Handspindel aus.

Ein weiterer Irrtum über das Spinnen, dem ich selbst lange aufsaß, ist die Annahme, dass Spinnen zugleich bedeutet, die Wolle direkt vom geschorenen Schaf mitzunehmen und erst einmal in einem langwierigen Prozess aufbereiten zu müssen. Abgesehen davon, dass ich nicht wusste, wie ich an Schäfer herankomme, hielt mich mein Unwissen in dem Bereich lange vom Spinnen ab, obwohl ich auf einem Museumsfest schon vor Ewigkeiten eine Handspindel gekauft hatte. Heute weiß, dass das zum Glück nicht die Wirklichkeit ist. Zwar gibt es etliche Handspinner*innen, die Wolle vom Schaf ab aufbereiten und auch entsprechende Gerätschaften für den Hausgebrauch gibt es zu kaufen, doch ist das keineswegs kein Muss.

Gerade für Neulinge bietet der Handel sogar Startersets an, bei denen ihr Handspindel und Wolle gleich als Kombipaket kaufen könnt. Solche Angebote findet ihr zum Beispiel in manchen Onlineshops von Schäfereien oder im Spinnereibedarf. Leider enthalten einige Statersets Merinowolle unbekannten Ursprungs. Deswegen könnt ihr euch alternativ auch das Handspindelmodell eines solchen Pakets und Wolle separat besorgen. Für den Einstieg ist Wolle mit langen Fasern gut geeignet wie zum Beispiel Coburger Fuchs, Eiderwolle, deutsche Merinowolle und Rauhwolliges Pommersches Landschaf. Auch diese lassen sich in bereits genannten Aufbereitungsformen kaufen, die ich später noch erkläre.

Sobald ihr eine Handspindel und Wolle habt, bleibt noch die Frage: Wie funktioniert das eigentlich? Startersets liegt meist eine Anleitung bei. Ansonsten und darüber hinaus gibt es auf YouTube tolle Video-Tutorials, die euch Schritt für Schritt erklären, wie das Spinnen mit der Handspindel funktioniert und auch bei Problemen weiterhelfen. Was ihr auf jeden Fall wissen solltet: Spinnen besteht aus mehreren Schritten. Nach dem eigentlichen Spinnen, der Fertigung des Fadens, folgt das Zwirnen, bei dem mehrere Fäden miteinander verdreht werden, weil sie allein nicht gerade reißfest wären. Danach empfiehlt sich noch ein Entspannungsbad, damit die Fasern in ihrer Form fixiert werden. Ich selbst habe die ersten Schritte beim Spinnen mit einem einzigen Video gelernt:

Für alles Weitere (Entspannungsbäder, Zwirnen ect. pp.) kann ich euch die wunderbaren Videos von chantimanou empfehlen. Mit etwas Geduld und Frustrationstoleranz werdet ihr den Dreh bald raushaben.

 

Veganes Spinnen

Sicher habt ihr gemerkt, dass sich einige meiner Anmerkungen im letzten Blogpost vor allem auf das Verspinnen von Schurwolle beziehen. Beispielsweise, wenn es darum geht, regionale Wolle zu verarbeiten oder Schäfer*innen gerecht zu entlohnen. Das lässt die Frage aufkommen, ob sich  Spinnen auch für Verganer*innen lohnt und der Mühe überhaupt wert ist. 

Es stimmt, dass etliche positive Effekte beim veganen Spinnen tatsächlich kleiner ausfallen als beim Verspinnen von Schurwolle. Einige Punkte erübrigen sich, wenn wir von veganen Fasern sprechen. Zudem ist es beim veganen Spinnen schwieriger, regionales, faires oder ökologisches Material aufzutreiben als beim Stricken. Während viele Baumwollgarne nach GOTS zertifiziert sind, habe ich bisher nur ein Angebot für Baumwollfasern gefunden (bei Wollhandwerk). Dennoch lohnt es in meinen Augen auch für Veganer*innen, spinnen zu lernen, zum Beispiel, um Plastik zu eliminieren und generell mehr Abwechslung in den Wollkorb zu bringen. Dass die Industrie bisher wenig kreativ darin ist, die neuen Regeneratfasern zu nutzen und sie lieber ungünstig mit Schurwolle und Synthetik mischt, habe ich mich ja schon neulich beschwert. Und natürlich verbraucht auch das Spinnen veganer Fasern keinen Strom.

Allerdings gelten viele vegane Fasern als herausfordernd. Profis bekommen alles gesponnen, doch für den Anfang bedeutet das zusätzliche Hürden. Falls ihr tierische Fasern für euch nicht kategorisch ablehnt und Alternativen zur Nutztierhaltung wie zum Beispiel die schon erwähnte Wildeinsammlung verlassener Seidenraupenkokons für euch noch okay wären, rate ich euch den Blogpost zu schlachtfreier Wolle abzuwarten. Möglichweise findet ihr dort Übungswolle für die ersten Schritte, die ihr mit euren Prinzipien vereinbaren könnt. Andernfalls solltet ihr besonders viel Geduld mitbringen und eine große Menge Ausschuss mit einrechnen, wenn ihr versucht mit Pflanzen- und Regeneratfasern das Spinnen zu erlernen. Viele sind entweder sehr weich, fein und glatt oder umgekehrt rau und störrisch. Sie sind schwer auszuziehen, weil sie aneinanderkleben oder zerfallen euch leicht in der Hand und Baumwolle besitzt extrem kurze Fasern. Da ich beim besten Willen nicht sagen kann, welche vegane Faser noch am leichtesten zu handeln ist, würde ich euch raten, ein Set an Faserproben zu kaufen. Manche Shops bieten Schnupperpakete mit Pflanzen- und Regeneratfasern an, die gleich mehrere Faserarten enthalten. Solche Pakete sind zwar nicht ganz billig, doch könnt ihr so selbst herausfinden, welche Faser euch noch am ehesten von der Hand geht.

 

Bezugsquellen

Das bringt mich auch schon zu letzen Punkt, der großen Frage, die ihr euch vielleicht auch schon gestellt habt: Wo bekomme ich die Fasern und die Handspindel her?

Bevor ich diese Frage beantworte, will ich wie oben schon angekündigt, kurz darauf eingehen, in welcher Form ihr Fasern eigentlich kaufen könnt. Denn Wolle ist nicht gleich Wolle. Hier stelle ich euch die häufigsten Formen vor, in denen euch Fasern angeboten werden.

 

  •  Rohwolle (auch Flocke genannt, seltener Vlies) ist Wolle direkt vom Schaf beziehungsweise ganz selten auch Regenerat- und Pflanzenfasern, die noch nicht weiterverarbeitet wurden. Auch wenn es möglich ist, direkt aus der Flocke zu spinnen, ist hier im Regelfall noch Aufbereitung angesagt: Sortieren, Waschen und zum Spinnen kämmen.

  • Vlies (kardiert) sowie Kardenband ist spinnfertige Wolle. Kardieren ist eine Art des Kämmens der Wolle. Hierbei werden die einzelnen Haarbüschel der Wolle aufgespalten und ausgerichtet, so dass sich eine Fläche ergibt, bei der die Fasern zwar platt, aber noch immer kreuz und quer liegen. Weil beim Spinnen Luft eingeschlossen wird, entstehen aus kardierter Wolle weichere, etwas unregelmäßigere Fäden, sogenanntes Streichgarn. Falls ihr Wolle selbst kardieren wollt, sind Handkarden die günstigste Anschaffung. Diese gibt es ab etwa 40 Euro zu kaufen. Fürs Kardieren werden kürzere Fasern verwendet.

  • Kammzug, der, ist ebenfalls spinnfertig. Hier werden die Fasern klassisch gekämmt und liegen im Gegensatz zu Kardenband und Vlies parallel zueinander. Kammzüge lassen sich gut der Länge nach teilen, bis ihr Stücke habt, die nur wenig breiter sind als euer Garn. Da ihr bei Kammzügen andernfalls schnell Faserstau in eurer Hand bekommt, solltet ihr das auf jeden Fall auch tun. Aus Kammzügen wird festeres Garn gesponnen, sogenanntes Kammgarn. Zum Kämmen wird eigentlich ein Wollkamm verwendet. Von einer Handspinnerin habe ich aber den Tipp erhalten, dass es bei kleinen Mengen mit Kämmen und Bürsten aus dem Haustierbedarf gehen soll. Diese sind auch preisgünstiger als Wollkämme. Fürs Kämmen werden längere Fasern verwendet.

 

Nachdem das geklärt ist, schauen wir uns an, woher ihr eure Fasern bekommen könnt. Auch hier gibt es mehrere Möglichkeiten.

  1. Der virtuelle Spinnereibedarf: Das Internet ist ja bekanntlich die Fundgrube für alles Mögliche und Unmögliche, so auch für alles, was mit dem Spinnen zu tun hat. Es gibt einige Onlineshops, die sich auf das Spinnen spezialisiert haben. Hier findet ihr einfach alles: Handspindeln, Fasern, Handkarden, Wollkämme und vieles mehr. Regeneratfasern und bis auf wenige Ausnahmen auch Pflanzenfasern gibt es nur hier. Das gleiche gilt für gefärbte Spinnwolle. Auch findet ihr in solchen Shops GOTS-zertifizierte Schurwolle oder Schurwolle aus Deutschland und den europäischen Nachbarn. Genaues Hinsehen ist jedoch wichtig, denn solche Onlineshops haben auch alles andere im Programm. Da sich die Transparenz meist auf eine Herkunftsangabe der Fasern beschränkt, kaufe ich hier nur, was ich nicht aus anderen Quellen bekomme. Doch für diese Sachen bin ich froh, dass diese Shops existieren.

  2. Direktvermarkter im Netz: Einheimische Schäfereien und andere Züchtereien, die die Wolle ihrer Tiere vermarkten, haben oft neben Garnen auch Spinnwolle im Sortiment. Und auf der Webpräsenz eines Hofs lässt sich schon eher ein Bild von den Haltungsbedingungen gewinnen als durch eine anonyme Herkunftsangabe. Die Kanäle sind hier dieselben wie bei der Garnsuche: Die Ökoverbände, die Schafzucht- und Alpakazuchtvereine, die Initiativen zur Erhaltung bedrohter Nutztierrassen und ausgewählte Stichworte in der Suchmaschine. Zusätzlich könnt ihr auch Höfe einbeziehen, die kein Garn anbieten.

  3. ·Hersteller und Onlineshops: Einige wenige Garnanbieter haben ebenfalls Spinnfasern im Programm. Dies sind insbesondere die Hersteller und Onlineshops, die sich auf regionale Wolle spezialisiert haben. Im Bereich der Edelfasern und Pflanzengarne gibt es auch ein paar wenige Anbieter

  4. Tiere vor Ort: Wie oben schon erwähnt ist die nachhaltigste Bezugsquelle natürlich die Tierherde vor der eigenen Haustüre. Hier ist etwas Eigeninitiative gefragt. Adressen von Schäfereien und Anderen lassen sich zwar leicht durchs Netz herausfinden, doch rechnet nicht unbedingt damit, dass jede Schäferei in eurer Nähe einen Hofladen mit Wollangebot führt. Oftmals bin ich bei der Suche nach Schäfereien aus meiner Region nur auf E-Mail-Adressen und Handynummern gestoßen. Hier heißt es, anrufen oder anschreiben und höflich nachfragen. Mehr als ein Nein kann es nicht geben. Und geschuldet der Lage ist eine positive Überraschung gar nicht so unwahrscheinlich. Solltet ihr übers Netz nichts in eurer Nähe finden, kann vielleicht etwas Mundpropaganda helfen. Erwähnt euer Anliegen ruhig im Freundeskreis, im Bauernhofladen oder im Strickcafe. Irgendwer kennt immer irgendwen, der irgendwen kennt und am Ende habt ihr mehr Adressen als ihr braucht. Nur eines dürft ihr auf diesem Weg natürlich nicht erwarten: Dass ihr hier     schon kardierte oder gekämmte Wolle bekommt. Der inoffizielle Weg führt im Regelfall zu Rohwolle.

In diesem Sinne: Viel Spaß bei allen Spinnereien! ;-)

Hallo ihr Lieben! Nach der Laune am Spinnen und einer kleinen Pause melde ich mich heute mal zurück bei Fäden for Future mit einem ernsten Thema. Einige von euch werden angesichts des Titels vielleicht erschrocken sein. Stricken? Schlachthaus? Oh mein Gott, steckt in Wolle etwa totes Tier?! Um euch zu beruhigen: Ihr müsst euer Wollknäuel nicht gleich auf Knochensplitter untersuchen. Schurwolle wird von lebenden Tieren gewonnen, nämlich, wie der Name schon sagt, durch die jährliche Schur. Aber es gibt Fälle, in denen Garn totes Tier enthält oder enthalten kann. Der Begriff Wolle (ohne Schur) ist da schon nicht mehr so sicher. Wolle kann auch von Schlachttieren stammen. Und für klassische Seide, die sogenannte Maulbeerseide, müssen definitiv Tiere sterben. Doch auch die Schurwolle kann indirekt das Schlachthaus bedeuten, nämlich dann, wenn nicht mehr wirtschaftliche Tiere ausgemustert werden oder die Wolle ohnehin nur ein Nebenprodukt eines fleischproduzierenden Betriebs war. Und damit sind wir bei den Gründen für diesen Blogpost angekommen.

Ich selbst bin zwar keine Vegetarierin, doch sicher gibt es da draußen so einige Handarbeitsbegeisterte, die tierische Fasern durchaus gern verarbeiten würden, aber aus genau diesen Gründen darauf verzichten. Darum dachte ich mir, euch hier ein paar Anregungen zu möglichen Alternativen mitzugeben. Anregungen für schlachtfreie Wolle und Seide. Denn diese existieren durchaus, auch wenn das in der Kontroverse um Massentierhaltung und veganer Lebensweise manchmal etwas untergeht. Wenn ich hier von schlachtfrei rede, heißt das zwar nicht, dass hier neben Wolle keine tierischen Produkte  genutzt werden.  Aber es heißt, dass hier kein Tier getötet wird, das noch ein langes Leben vor sich hätte. Bitte beachtet, dass die Alternativen nur Ideen sind. Nur wenige davon sind ganz klar 100% schlachtfrei. Alles andere sind mehr Anregungen zum Weiterforschen, da hier Wirtschaftlichkeitsfragen weniger eine Rolle spielen und die Chancen besser stehen, schlachtfreie Bezugsquellen zu finden.  Selbst nochmal nachhaken ist aber auf alle Fälle geboten. Zur besseren Übersicht habe ich die Alternativen nach Tierarten geordnet. Pro-Tipp außerdem: Es wäre kein Fehler, wenn ihr spinnen könnet ;-).

 

Tierische Fasern allgemein

Im Fäden for Future- Blogpost zu den Vorteilen des Spinnens schrieb ich Fasern sind überall, wo entsprechende Tiere sind und das stimmt. Einige Tiere wie Alpakas, die meisten Schafsrassen und weiße Angora-Kaninchen müssen regelmäßig geschoren werden, da sie durch entsprechende Züchtung seit Urzeiten ihr Winterfell nicht von selbst verlieren. Insofern fallen auch dort Fasern an, wo eigentlich niemand die Absicht hegt, Tiere zur Produktion irgendwelcher Güter einzusetzen. Solche Tierhaltungen sind gute Orte, um nach schlachtfreier Wolle zu suchen und nur das zu verwenden, was von selbst da ist. Die ersten beiden Ideen beziehen sich auf alle Tiere, deren Haar zur Garnherstellung verwendet wird. Vielleicht findet ihr hier eine vertretbare Quelle. 

 

Gnaden- und Schutzhöfe

Gnadenhöfe und Schlachtung sind so weit von einander entfernt wie Südpol und Nordpol, denn diese existieren ja gerade, um Tiere vor dem Schlachthof zu retten und ihnen ein Leben bis zum natürlichen Tod zu ermöglichen. Auch Wolltiere finden immer wieder mal auf Gnadenhöfen ein Exil, oft handelt es sich um Tiere, die heimatlosen wurden, weil die Schäferei oder andere Tierhaltung aufgegeben hat. Obwohl Gnadenhöfe keine landwirtschaftlichen Zwecke verfolgen, sind einige doch bereit, die übrige Wolle ihrer Schützlinge abzugeben, wie ihr weiter unten nachlesen könnt. Ein kleiner Obulus für die Unterbringung und Pflege der Tiere ist letztlich auch sinnvoller als der Mülleimer. Auch Schutzhöfe, die Tiere aus prekären Verhältnissen aufnehmen und in ein neues Heim vermitteln, in dem es ihnen gut geht, beherbergen Tiere, die geschoren werden müssen. Fragt einfach mal freundlich an, vielleicht findet ihr so eine Quelle, die für euch vertretbar ist.   

 

Hobbyhaltung

Manche Menschen halten sich Hunde oder Katzen als Haustiere, andere Meerschweinchen und Hamster. Doch die wirklich Hartgesottenen halten sich Schafe, Alpakas, Angora-Kaninchen und andere Wolllieferanten. Hobbyhaltung von sogenannten Nutztieren bedeutet natürlich nicht automatisch, dass hier kein Tier geschlachtet wird. Auch Hobbyhalter*innen sind nicht alle Vegetarier*innen. Doch wenn jemand ein Tier oder eine kleine Herde allenfalls für Eigenbedarf und sonst aus Spaß an der Freude hält, ohne dass Vermarktungsinteressen mit hineinspielen, erhöht es zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere lange leben dürfen. Leider finden sich Hobbyhaltungen selten mit einer schönen Webpräsenz im Netz wieder. Deswegen mein Rat: Nutzt die Mundpropaganda und schaut, wohin sie euch bringt. 

 

Schafwolle

Schafwolle ist das bekannteste und beliebteste Tierhaar für die Garnherstellung. Gleichzeitig werden Schafe aber auch anders als andere Tiere abseits ihrer Wolle als Nutztiere für die Lebensproduktion gehalten. Die Erzeugung von Milch und Fleisch unterscheidet Schafe zumindest hierzulande von anderen Wolllieferanten und macht die Sache für Stricker*innen, die schlachtfreie Garne verwenden möchten, undurchsichtig. Doch zum Glück gibt es auch hier alternative Bezugsquellen. 

 

Landschaftspflege

In Deutschland hat einheimische Schurwolle wie schon im Blogpost zu deutscher Wolle geschrieben an Bedeutung verloren. Schafhaltung für Milch und Fleisch existiert natürlich nachwievor, doch nicht jede Rasse eignet sich aus Züchtereisicht gut als Lebensmittellieferant. Die Schafarten, die nicht für Milch und nicht für Fleisch gehalten werden, werden daher heutzutage vielerorts als natürliche Rasenmäher eingesetzt. Sie halten die Grasnarben kurz, befestigen mit ihren Tritten Deiche und erhalten so die Landschaft. Da Schafe in der Landschaftspflege nicht im gleichem Maße Leistung erbringen müssen wie Milch- oder Fleischschafe, bestehen hier denke ich, bessere Chancen, Schäfereien zu finden, in denen die Tiere alt werden dürfen. Falls ihr also über die Website einer Schäferei stolpert und dort keine Schafmilchprodukte oder Fleisch angeboten wir, könnt ihr mal nachfragen.

 

Spezielle Anbieter

Die Frage, ob die Verwendung von Schurwolle denn immer indirekt auch mit den Tod von Schafen einhergehen muss und sich nicht Wege finden ließen, ein natürlich vorhandenes Material ohne Tierleid zu nutzen, beschäftigt auch Andere. Inzwischen gibt es einige wenige Anbieter (Firmen, Onlineshops, Schäfereien), die sich auf explizit schlachtfreie Schafwolle spezialisiert haben. Gegründet wurden sie oft von Menschen, die selbst vegetarisch oder vegan leb(t)en, die grundsätzliche Ablehnung tierischer Produkte jedoch auch nicht für den Königsweg hielten und selbst nach Alternativen suchten. Die Preise liegen zum Teil deutlich über dem Durchschnitt, doch kauft ihr euch damit auch gleichzeitig viel Tierwohl. Bekannt sind mir in diesem Bereich bisher drei Bezugsquellen, von denen zwei sowohl Garn als auch Spinnfasern anbieten und eine nur Garn anbieten. Außerdem kenne ich eine Schäferei, die zwar mit einem Metzer zusammenarbietet, aber Tiere wenn überhaupt, erst dann schlachten lässt, wenn Gebrechen ihr Leben zu sehr belasten und nicht aus wirtschaftlichen Gründen.

 

Alpaka, Kamel und Lama

Bevor ich mich intensiver mit nachhaltiger Wolle befasst habe, ahnte ich nichts davon, doch gibt es in Deutschland ziemlich viele Alpakas und deren Verwandte. Teilweise leben die Tiere in Hobbyhaltung, zum Beispiel weil ihre Besitzer*innen ein Alpaka-Faible haben. Oft jedoch verdienen Menschen an den Tieren auch zumindest ein wenig Geld, jedoch nicht oder nicht hauptsächlich durch die Vermarktung tierischer Produkte. Hier können sich Gelegenheiten auftun, schlachtfreie Fasern zu finden. Darum mal die zwei Säulen, nach denen ich suchen könnt. 

 

Freizeit-Tiere

Die meisten Alpakas, Kamele und Lamas, die mir bisher im übertragenen Sinne über den Weg gelaufen sind, wurden für den Erlebnis-Bereich eingesetzt und damit meine ich keine Zirkus-oder Zootiere, sondern Trekking. Da die Tiere in Deutschland nicht heimisch sind, sind Wanderungen oder andere Begegnungen mit Kameliden als Erlebnisgeschenk recht beliebt. Und da Kamele, Alpakas und Lamas zufällig auch Edelfasern produzieren, ist der Wollverkauf für viele Anbieter ein lukratives Nebengeschäft. In ihrer ursprünglichen Heimat werden Kameliden als Nutztiere gehalten und auch für den Fleischverzehr geschlachtet. In Deutschland gibt es dafür keinen Bedarf, daher bestehen Chancen, hier schlachtfreie Wolle zu finden. Ich habe auf manchen Websites schon Aufzeichnungen von Radiointerviews gehört, in denen die Halter*innen erklärten, dass es keinen Sinn mache, ein Tier, das eine Edelfaser produziert zu schlachten oder das Rentner-Gehege vorstellten. Auf einer anderen Homepage sprachen sich die Halter*innen entschieden gegen den Fleischverzehr aus. Ich denke, das sind insgesamt sehr gute Zeichen.  

 

Tiergestützte Therapie

Alpakas und Lamas werden zudem ebenso wie Delfine oder Pferde als Therapietiere eingesetzt. Bei Therapietieren ist die Sache etwas schwierig, da an diese hohe Anforderungen hinsichtlich des Charakters gestellt werden. Doch denke ich, dass es sich durchaus lohnt, die Fühler auch in diese Richtung auszustrecken, sich zu informieren und die Augen offen zu halten.

 

Seide

Seide gilt vielen als der Inbegriff grausamer Tierquälerei und sinnlosen Tötens für Mode. Und das nicht zu Unrecht, denn für nur ein Gramm Seide müssen etwa 12 Raupen sterben. Dennoch: Seide muss kein Tierblut vergießen. Was ich zu erzählen habe, ist keine Neuigkeit, sondern nur eine Wiederholung dessen, was ich schon im Blogpost über Edelfasern schrieb. Doch da vielleicht nicht alle besagten Blogpost gelesen haben, wiederhole ich mich gern. Es ist möglich, Seide zu finden, für die keine Raupen sterben müssen, auch wenn das auf den ersten Blick unglaublich erscheint. 

 

Wildseide

Maulbeerseidenspinner wurden schon seit vielen Jahrhunderten von der Menschheit domestiziert. Doch es gibt auch heute noch wild lebende Verwandte der bekanntesten Seidenraupen und auch diese werden zur Herstellung von Seide verwendet, zum Beispiel für Muga Seide und teilweise Tussahseide, jedoch auf ganz andere Weise. Bei Wildseide werden lediglich die zurückgelassenen Kokons von bereits geschlüpften Faltern in der Wildnis eingesammelt. Da diese durch den Schlupf beschädigt sind, lässt sich die Seide nicht in einem Endlosband abwickeln und muss zu Fäden versponnen werden, die kleine Unregelmäßigkeiten aufweisen. Das ist ein kleines Manko, doch noch immer besser als der grausame Tod zahlloser Tiere. Allerdings sollte es eurem Geldbeutel gut gehen, wenn ihr zu Wildseide greifen wollt, denn diese ist oft recht teuer.

 

Peace Silk

Doch auch in der Seidenzucht ist es möglich, andere Wege zu beschreiten und keine Millionen von Raupen für Mode umzubringen. Die Antwort auf das Töten im Kokon heißt Peace Silk, Ahimsa Silk oder auch Friedensseide. Hierbei handelt es sich um eine besondere Ethik in der Seidenproduktion, die besagt, dass die Seide erst gewonnen wird, wenn der Falter geschlüpft ist. Im Fall von Tussahseide wird für die Tiere ein kleines Loch geschaffen, durch das sie schlüpfen können ohne den Kokon allzu sehr zu beschädigen. Auch Peace Silk besteht nicht mehr aus einem Endlosfaden, muss versponnen werden und weist daher kleine Unregelmäßigkeiten auf, ist dadurch jedoch schlachtfrei. Zu kaufen gibt es die Friedensseide in jeder Form bei Seidentraum, als Spinnfaser auch im Spinnereibedarf. 

 

Das war es so weit zu den alternativen Quellen für schlachtfreie Wolle und Garne und ich denke, es gibt hier doch so einige Möglichkeiten. Natürlich ist Schlachtung nicht das einzige brisante Thema in Sachen Tierschutz und vielleicht werde ich demnächst in einem zweiten Post noch auf ein paar andere Aspekte eingehen. Doch fürs erste war das genug am Tobak und es folgen erst mal wieder ein paar harmlosere Themen.

Insofern hoffe ich fürs Erste, dass hier einige brauchbare Anregungen für euch dabei waren.

Viel Spaß beim Spinnen und Stricken! :-)

Feedback

Logge Dich ein oder registriere Dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

Augureys Profilbild Augurey

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Kapitel:9
Überschriften:42
Sätze:852
Wörter:15.783
Zeichen:102.479

Kurzbeschreibung

Do it Yourself lautet das neue Motto bewussten Lebens. Selbstmachen ist gerade bei Handarbeiten nicht nur in, sondern hat auch einen ziemlich grünen Ruf. Um diesem gerecht zu werden, kommt es aber auf noch mehr als das pure Handwerk an. Welches Material belastet den Planeten am wenigsten? Wie lassen sich Ressourcen sinnvoll nutzen? Und welche tollen DIY-Ideen machen unser Leben ein wenig besser? In diesem Blog dreht sich alles ums nachhaltige Handarbeiten - einschließlich der Fragen nach fairem Handel und Tierwohl