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Fanficfreuden und Bücherblues

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12.2.2018 13:11
12 Ab 12 Jahren
In Arbeit

Autorennotiz

Hallo! Schön, dass ihr reinlest. Bevor es losgeht, noch ein paar Infos: Diese Sammlung ist noch im Aufbau, daher werden noch eins, zwei Beiträge nachgereicht werden, die vor dem aktuellen Kapitel stehen werden. Außerdem werdet ihr hier viel finden, was sich um Fanfiction und insbesondere Harry Potter dreht. Also nicht wundern. Weil ich zudem derzeit keine Reviews möchte, ist die Kommentarfunktion ausgeschaltet. Aber ihr könnt die Kolumne bewerten. Viel Spaß beim Lesen!

Wie Schludrigkeit im Umgang mit dem Canon gute Ideen zerstört

Es gibt Fanfictions, die lassen in mir das Gefühl eines Bedauerns zurück; die schenken mir mehr als einen Wermutstropfen ein; die entlocken mir am Ende nur ein tiefes Seufzen. Fanfictions, bei denen ich den Schreiberlingen gerne gesagt hätte: Schade, ich hätte deine Geschichte gern gemocht, aber so kann ich es nicht. Und ihnen allen ist eines gemeinsam: Die Stiefmütterlichkeit, mit der sie den Canon behandeln.  

Grobiane, die plötzlich die Freundlichkeit in Person sind; Erzfeinde, die sich aus heiterem Himmel in den Armen liegen, Geschwister und Kinder von Canonfiguren, die aus dem Nichts auftauchen; Figuren, die auf einmal nicht mehr Teils des Casts sind und vieles mehr. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Fanfiction-Schreiberlinge wenig darauf achten, ob ihr Geschriebenes vor dem Hintergrund des Canons Widersprüche und Ungereimtheiten produziert. Vieles davon wird wohl geschrieben, um es den Schreiberlingen einfacher zu machen. Es ist leichter, Charaktere zu verkuppeln, wenn sie nett und nicht verfeindet sind; es erspart Zeit, sich für OC nicht noch eine detaillierte Hintergrundgeschichte ausdenken zu müssen und wer will sich schon ständig mit einer Figur plagen, die er nicht leiden kann?  Im Zweifelsfall werden kritische Stimmen, die die dieses Vorgehen ankreiden mit einem Verweis auf die künstlerische Freiheit abgespeist. „Ist doch alles nur Fiktion, alles nur Fantasie“ heißt es dann, statt sich mit der Kritik auseinanderzusetzen und wenn alle Stricke reißen, bekommen die Meckerliesen eben noch ein DLDR vor den Latz geknallt. Und das ist ein gewaltiges Problem.

Ich habe schon so einige Essays darüber geschrieben, warum ein wohlüberlegter Umgang mit dem Canon für Fanfictions unerlässlich ist. Meist waren es eher theoretische Abhandlung, in denen ich argumentierte, dass Fanfictions keine unabhängigen Werke seien und daher besonderen Kriterien zu entsprechen haben. Doch weil ich das Theoretisieren allmählich ein wenig leid bin, will ich mich heute dem wichtigsten, dem wesentlichsten aller Gründe widmen. Und dieser Grund ist LESEFRUST.

Denn Unbedachtheit und Rücksichtslosigkeit  im Umgang mit dem Canon produzieren einen ganzen Haufen an Lesefrust! Und das meist völlig unnötig.

Lesefrust, der im Übrigen nicht nur jene vergrault, die die Idee zur Geschichte ohnehin nicht gemocht hätten, sondern auch potentielle Fans. Denn tatsächlich sind es zum Beispiel nicht nur die Canonfuchser, die von Fanfictions zu bestimmten Pairings kritisieren. Das DLRL, das in vielen Fällen heißt ‚wenn du mein Pairing nicht magst, dann troll dich‘ trifft gar nicht so selten das falsche Ziel. Wie oft ist es mir selbst schon so ergangen – und es wird in dieser Sammlung auch noch ein großes  Thema sein – dass ich Fanfictions abgebrochen habe wegen Schludrigkeit im Umgang mit dem Canon. Und das obwohl sie zum Beispiel eines meiner OTPs enthielten und ich sie gern genossen hätte. Doch noch frustrierender als eine schlechte Idee ist eine gute Idee, die schlecht umgesetzt wurde. Ein Zug, auf den man eh nicht aufspringen würde, lässt einen vielleicht doch eher kalt als wenn das eigene Schiff gegen die Wand gefahren wird.

Doch was ist eigentlich so schlimm an der künstlerischen Freiheit. Warum nervt es so, wenn Figuren etwas anders gezeichnet sind als im Canon oder bestimmte Fakten geändert wurden? Ist das nicht nur Erbsenzählerei? Nein! Denn es gibt einen guten Grund, warum plötzliche und willkürliche Abänderungen viel kaputt machen: Sie stören und manchmal auch zerstören das Einlassen auf die Geschichte. Warum? 

Wenn ich eine Geschichte lese, sei sie eine Fanfiction oder Freie Arbeit, weiß ich natürlich, dass sie nur Fiktion ist. Trotzdem kann ich das bei einer guten Geschichte vergessen. Das heißt, das Wissen verwandelt sich in ein Hintergrundrauschen und ich erlebe die Geschichte so als ob sie ein Tatsachenbericht wäre. Dieses Als-ob-Gefühl ist die wichtigste Grundlage, um mit einer Geschichte „mitgehen“ zu können – um mit den Figuren mitzufühlen, um die Spannung in jeder Faser zu spüren, um über den Tod der Charaktere Tränen zu vergießen und vieles mehr. Denn im Regelfall gilt: Nur wenn etwas authentisch wirkt, löst es auch entsprechende Empfindungen aus. Niemand erschrickt sich vor einer pinken Plüschspinne mit viel zu kurzen und zu dicken Beinen sowie zwei Kulleraugen aus Knöpfen im Kopf, die nur entfernt noch an eine Spinne erinnert. Doch bei einer realistischen Gummispinne sieht die Sache vielleicht schon ganz anders aus, obwohl sie genauso unecht ist wie die Plüschspinne. Glaubwürdigkeit ist also essentiell, damit eine Geschichte emotional berührt, damit sie mitreißt. Um glaubwürdig zu sein, muss sich eine Erzählung aber bestimmte Bedingungen erfüllen, anhand derer unser Verstand bewertet, ob etwas wahr sein könnte oder nicht. Eine davon ist Konsistenz, das heißt Widerspruchslosigkeit und die Freiheit von Ungereimtheiten. Wenn uns ein Freund erzählt, dass er in seinem Urlaub am dritten August von morgens bis abends bei herrlichem Wetter Bergsteigen war und dann im nächsten Augenblick berichtet, dass er am dritten August von morgens bis abends im Spa war, weil es draußen gegossen hat wie aus Eimern, wissen wir das er lügt. Denn wenn er keine Zeitmaschine besitzt kann er nicht gleichzeitig im Spa und Bergsteigen gewesen sein und selbst dann wäre noch das Problem mit dem Wetter. Die Geschichte hat ihre Glaubwürdigkeit verloren. Aber auch weniger offene Widersprüche können problematisch sein. Stellen wir uns vor, unser Freund hat angeblich eine Freundin, mit der er auch zusammenwohnt. Doch egal ob er von seinem Wochenende oder Feierabend, der Geburtstagsparty zuhause oder dem Wocheneinkauf berichtet, nie erwähnt er seine Freundin auch nur mit einem einzigen Wort. Ich wette, irgendwann werden Zweifel aufkommen. Denn es ist seltsam, dass etwas offenbar Wichtiges nie erwähnt wird. Es ist als würde die Freundin nicht existieren, was die Beziehung wie ein Lügenmärchen aussehen lässt. Und so verhält es sich auch mit Geschichten.

Doch was hat das nun alles mit Fanfiction zu tun? Nun, bei einer Freien Arbeit ist der Leser zunächst einmal wie ein Tourist, der von einem erfahrenen Reiseführer das Land gezeigt und die Sitten und Bräuche erklärt bekommt. Er weiß zu Beginn nichts über die Welt und ihre Naturgesetze, über die Charaktere oder die Vorgeschichte. All das erfährt er erst vom Schreiberling, der ihn Stück für Stück in die Geschichte einführt um mit allem vertraut macht. Fanfictions hingegen beginne ich nicht als brandneuer Leser, der vom Schreiberling erst noch ins Universum eingeführt werden muss. Fanfiction ist vielmehr ein Weiterlesen. Ich kenne die Figuren, die Handlungsorte, die Weltregeln, die Geschehnisse. Wenn ich „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ am Ende des Buchs zur Seite lege, um eine Fanfiction zu lesen, habe ich in drei Bänden schon viel erfahren. Ich weiß wie Harry Potter aussieht, wie seine Eltern gestorben sind, wie seine besten Freunde heißen. Ich weiß, dass in dieser Welt Magie in den meisten Fällen mit Zauberstäben gewirkt wird und dass Harry und Hermine Ende eine Zeitreise unternommen haben, um Sirius und Seidenschnadel zu retten. Kurzum, wenn ich eine Fanfiction beginne, bin ich eigentlich bereits mitten in der Geschichte. Vor diesem Hintergrund will ich Fanfictions lesen wie einen neuen Band, ein neues Kapitel, eine neue Seite. Ich will hinein gleiten ohne mich wie im falschen Film zu fühlen und weiterhin im Als-ob-Gefühl schwelgen.  

Entscheidend dafür, im Als-ob-Gefühl verweilen zu können wäre die Glaubwürdigkeit der Fanfiction vor dem Hintergrund des Canons. Das heißt, dass die Fanfiction die Geschichte in einer Art und Weise weitererzählen müsste, die zum Canon konsistent ist. Leider, leider ist oft das Gegenteil der Fall. Die meisten Fanfiction weisen Inkonsistenzen zum Canon auf: Es gibt auf der Nahtstelle zwischen Originalwerk und Fanfiction oft etliche Brüche, Lücken, Widersprüche und andere Stolpersteine: Severus Snape stirbt Ende des siebten Schuljahres und siebten Bandes. Wenn ich aber den siebten Band beiseitelege und die Fanfiction lese, die mit den Sommerferien nach diesem Schuljahr beginnt, ist er auf einmal quicklebendig.

Solche und ähnliche Widersprüche und Ungereimtheiten sind pures Gift für mein Lesevergnügen und ich denke nicht nur für meines. Denn sie reißen einen aus dem Als-ob-Gefühl heraus. Zumindest gilt das für wissende Leser, die den Canon kennen. Severus Snape kann nicht gleichzeitig bereits gestorben sein und noch immer leben. Es ist ein Widerspruch!  Und mit diesem Widerspruch bricht der Zauber. Ich komme ins Stolpern, falle aus der Geschichte und bin in die Realität zurückgeworfen.

Als Leser muss ich mich nun entscheiden, welcher Version ich glauben will. Denn ohne den Widerspruch aufzulösen und entweder den Canon oder die Fanfiction als unwahr zu verwerfen, ist keine Wiederherstellung des Als-Ob-Gefühls möglich.

Nun bin ich aber jemand, der sehr vom Canon geprägt ist, der ihn immer im Hinterkopf hat und schlichtweg nicht vergessen und als unwahr verwerfen kann. Eine kleine Stimme in mir wird immer wissen, wie es im Canon war und funkt mir ständig dazwischen. Und damit machen solche Brüche für mich vieles kaputt. Ich kann nicht völlig in die Fanfiction eintauchen, nicht gänzlich mit ihr warm werden. Obwohl natürlich auch das Originalwerk nur Fiktion ist, beginnt sie sich für mich wie eine Lüge, ein Flunkermärchen anzufühlen. Im besten Fall, wenn es nur Kleinigkeiten betrifft, bleibt es ein Wermutstropfen, ein einziger, kleiner, trüber Gedanke: Schade, dass es nicht wahr ist; dass es nicht Canon sein könnte. Meist jedoch sind die Auswirkungen größer, je nachdem wie wichtig die Inkonsistenz ist, wie sehr der Canon infrage gestellt wird und wie viel die Sache mir bedeutet, die von der Abweichung betroffen ist. Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass alles blockiert. Das Universum ist mir dann fremd, die Figuren sind mir fremd, die Geschichte ist mir fremd. Ich gewinne keinen Zugang mehr zu den Charakteren, die Handlung nimmt mich nicht mehr mit, kurzum ich bin völlig draußen.

Zudem versucht ein Teil von mir oft fieberhaft, die Löcher in der Brücke zum Canon zu schließen. Denn Widersprüche und Ungereimtheiten werfen oftmals einen Berg an offenen Fragen auf, die zur Wiederherstellung des Als-ob-Gefühls nach einer Antwort verlangen und dieser Prozess zieht mitunter alle Aufmerksamkeit auf sich.

Das Phänomen hat viele Gesichter und ich habe versucht, es mal ein bisschen zu sortieren. Hier sind einige Erscheinungsformen davon:

Das fehlende Puzzlestück

In Fanfictions dieser Art scheint etwas zu fehlen, das im Canon existierte. Dieses Etwas kann vieles sein: eine Person, ein Ereignis, eine Weltregel, …. Es wird nicht aktiv verleugnet, vielmehr wird es gar nicht erwähnt und taucht nicht auf an Stellen, an denen es auftauchen müsste; an denen man erwarten könnte, dass die Sprache nun darauf kommt, beziehungsweise die entsprechende Figur oder die Sache endlich in Erscheinung tritt. 

Beispiele aus Harry Potter: Rumtreiber-Fanfictions, in denen Wurmschwanz nicht verkommt; Geschichten zu Band 6, in denen der Krieg nirgends erwähnt wird

Effekt auf mich: Bei Fanfictions dieser Art sitze ich oft wie die Katze vor dem Mauseloch und harre darauf, wann das vermisste Puzzlestück denn endlich auftaucht. Ich frage mich: Wo ist es? Was ist mir ihm geschehen? Wo steckt es nur? Die Welt kommt mir ohne das Puzzlestück unvollständig vor, was in mir den Drang auslöst, sie zu vervollständigen, um wieder im Als-ob-Gefühl zu schwelgen. Je länger mich Schreiberlinge auf die Folter spannen, desto ungeduldiger werde ich. Im besten Falle bleibt ein nagendes Hintergrundgefühl beim Lesen, im schlimmsten Fall absorbiert es meine komplette Aufmerksamkeit, so dass der Rest der Geschichte an mir vorbeigeht.

Der Widerspruch

Anders als beim fehlenden Puzzlestück treten in solchen Fanfictions Widersprüche zum Canon offen zutage. Ich öffne die Fanfiction und mir wird gleich etwas präsentiert, das vor dem Hintergrund des Canons definitiv nicht sein kann oder zumindest nicht wirklich stimmig wirkt, weil es überhaupt nicht zu dem passt, wie eine Sache im Canon dargestellt wurde. Auch dies kann alles Mögliche betreffen.   

Beispiele aus Harry Potter: Albus Dumbledore hüpft quicklebendig durch Harrys siebtes Schuljahr; Severus Snape zeigt sich allen als die Höflichkeit in Person; Zaubersprüche haben eine ganz andere Wirkung als im Canon

Effekt auf mich: Fanfictions dieser Art sorgen bei mir im ersten Moment für völlige Verwirrung. Ich frage mich: ‚Huch, Was ist denn hier los? Wo bin ich gelandet? Warum ist die Sache anders als ich sie gewohnt bin‘. Dann versuche ich mich zu orientieren, den Widerspruch irgendwie mit dem Canon in Einklang zu bringen. Ist das nicht möglich, haftet der betroffenen Sache immer etwas Unechtes an: Dumbledore bleibt in meiner Wahrnehmung ein Geist, Severus Snape ein Klon, der Zauber eine Illusion. Im besten Fall sind es kleine Fehler, die sich beim Weiterlesen zu einem unangenehmen Hintergrundrauschen verwandeln, im schlimmsten stellt sich ein komplettes „Falscher Film“-Gefühl ein, das jegliches Mitgehen mit der Geschichte verhindert.  

Die Lüge

Der nächste Punkt ist eigentlich eine Unterform des Widerspruchs, doch führe ich ihn gesondert auf, da meine emotionale Reaktion darauf etwas anders ausfällt. Während der Widerspruch mich ganz allgemein und oft auch auf der „Show“-Ebene mit Dingen konfrontieren, die vor dem Hintergrund des Canons mindestens zweifelhaft sind, gibt es manche Schreiberlinge, die den Widerspruch in konkrete Sätze, in Behauptungen und Aussagen packen, also als „Tell“ einführen.     

Beispiele aus Harry Potter: „Draco und Harry waren schon immer gut miteinander befreundet“; „Voldemort hatte Harrys Eltern nicht getötet“

Effekt auf mich: Während gewöhnliche Widersprüche mich zunächst verwirren, lösen Behauptungen bei mir sofort Widerspruch aus. Etwas in mir schreit den Schreiberling an: „Lügner!“ Das führt dazu, dass ich die Fanfiction mit ziemlichem Magengrollen oder zumindest einem entnervtem Augenrollen beginne, je nachdem wie wichtig mir die Sache ist, die der Satz betrifft und wie massiv sie den Canon infrage stellt. So oder so ist meine Bereitschaft, mich vom Schreiberling führen zu lassen, im Keller. Und wenn mir etwas sehr am Herzen liegt oder zu tief in den Canon eingreift kann es sogar passieren, dass so ein Satz wie eine Brille wirkt, durch den ich alles Nachfolgende betrachte und mich auf die Geschichte überhaupt nicht mehr einlassen kann.

Das überzählige Puzzlestück

Die vierte und letzte Erscheinungsform in dieser Liste ist das Gegenstück zur ersten. Während manche Schreiberlinge entscheidende Teile des Canons nicht erwähnen, fügen andere der Geschichte etwas hinzu, das in im Originalwerk nie vorkam. Damit meine ich nicht Figuren, die die Bühne betreten oder Dinge, die ans Licht kommen, weil der Fokus der Geschichte sich ändert und Neues ins Blickfeld rückt. Hier geht es darum, dass etwas scheinbar schon immer im Zentrum der Geschichte war, obwohl das im Canon nicht der Fall war.

Beispiel aus Harry Potter: Harrys Zwillingsschwester oder Snapes Tochter, die wie selbstverständlich da sind; Magische Wesen, die im Canon nie erwähnt wurden; Schulfächer, die es nie gab

Effekt auf mich: Es fällt mir oft schwer bei Fanfictions dieser Art das Hinzugefügte als Teil der fiktiven Wirklichkeit zu akzeptieren. Der Charakter oder die Sache bleiben für mich stets ein Fremdkörper. Je nachdem wie viel Raum sie in der Geschichte einnehmen, ist es schlichtweg seltsam über sie zu lesen, kann jedoch auch dazu führen, dass sich wie beim Widerspruch ein „falscher Film“-Gefühl einstellt, der mich im Endeffekt völlig aus der Geschichte herausbringt.  

So viel zu den Erscheinungsformen der Störungen des Als-ob-Gefühls. Und ich hoffe, es ist verständlich geworden, warum dass all diese Phänomene nicht unbedingt mein Lesevergnügen steigern. Ungeduld, Verwirrung und Widerwille; der beständige Eindruck, dass etwas nicht stimmt; Fremdheit; Nicht-Mitgenommen-Werden; „Falsches Film“-Gefühl und ein mangelnder Zugang zu den Charakteren sind nicht unbedingt sehr positive Emotionen. Je nachdem wie viel „Zugkraft“ der Rest der Geschichte hatte und wie groß die Brüche waren, endeten die Sache bisher jedes Mal damit, dass ich die Fanfiction entweder mit einer gewissen Unzufriedenheit zu Ende las oder – was wesentlich öfter vorkam – vorzeitig abbrach. Enttäuschung jedenfalls war bei beiden „Endergebnissen“ ein präsentes Gefühl. 

Nun könnte man sagen: Hey, leg doch nicht alles auf die Goldwaage, drück einfach ein Auge zu, dann geht es schon. Und ja, natürlich, über manches lässt sich durchaus hinwegsehen. Ich würde auch keine großartige Fanfiction abbrechen, nur weil mal irgendwo ein Zauber nicht ganz korrekt dargestellt worden ist. Das wäre ja bescheuert. Vor allem dann, wenn dem Schreiberling offensichtlich nur ein Fehler unterlaufen ist – wie oft war ich selbst schon dieser Schreiberling! Doch es ist etwas anderes, wenn ich den Eindruck gewinne, dass Faulheit oder pure Absicht am Werk sind… bei etwas, das mir sehr am Herzen liegt… und das nicht nur als einmalige Störung, sondern als Dauerzustand in der ganzen Fanfiction. 

Denn es ist leider eine bittere Wahrheit: Ich würde sehr gerne Fanfictions genießen, in denen zum Beispiel mein OTP zusammenkommt. Doch wenn die Figuren völlig out of character gezeichnet werden oder ihre gemeinsame Biografie geleugnet wird, kann ich sie nicht mehr als die gleichen Figuren wahrnehmen, die ich im Canon liebte. Wie soll ich dann meinen Spaß an ihrer Romanze haben? Es ist als würde ich über Fremde lesen, die nur zufällig den gleichen Namen tragen! 

Inzwischen bin ich es ehrlich leid, den ganzen Lesefrust hinunterzuschlucken und mir Geschichten anzutun, die am Ende bestenfalls ein getrübtes Vergnügen zurücklassen, weil Schreiberlinge es nicht gebacken bekommen, ihre Geschichte ordentlich an den Canon anzuschließen. Dann lese ich lieber gar keine Fanfiction als mich beständigen Enttäuschungen auszusetzen. Denn selbst wenn ich über Dinge hinwegsähe, würde das nichts an meiner unmittelbaren, emotionalen Reaktion auf die Geschichte ändern. Sagt über etwas hinwegsehen ja genau das aus: Nicht etwa, dass die Enttäuschung nicht da wäre, nur dass man sie doch bitteschön ignorieren soll. Und das sehe ich nicht ein.

Vor allem weil sich doch etliche Inkonsistenzen sehr leicht vermeiden ließen, würden sich Schreiberlinge nur ein Bisschen mehr Mühe mit ihren Geschichten geben. Das Zauberwort heißt: Erklärung. Wenn Severus Snape nach dem siebten Band noch leben soll, wieso kann ihn dann nicht einfach irgendwer in der Heulenden Hütte rennen? Wieso kann Dumbledore nicht beschließen, ein neues Fach einzuführen, ehe dort Unterricht stattfindet? Und wenn Wurmschwanz kein Teil des Casts sein soll, warum kann Remus dann nicht auf der Fahrt im Hogwarts Express sagen: „Wurmschwanz hat mir in den Ferien geschrieben. Seiner Mutter geht es schon besser, aber er muss noch zuhause bleiben und sich um sie kümmern. Wird wohl dieses Schuljahr nicht in Hogwarts sein“? Ein knappes Kapitel, ein Abschnitt von 200 Worten, drei Sätze - Zu viel verlangt? Ich denke nicht!

Nun könnte man natürlich fragen: Sind solche Erklärungen nicht auch Inkonsistenzen? Die Antwort lautet: Nein, sind sie nicht.  Was stimmt, ist, dass sie alternative Fiktionen sind, aber das macht noch keine Inkonsistenz. Klar bedarf auch eine alternative Fiktion der Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Wenn sehr an einem Aspekt des Canons häng, sagen wir einem bestimmten Pairing, wird mit alternativen Fiktion vielleicht nicht ganz warmwerden. Trotzdem: Rein vom Leseaspekt her lösen Erklärungen beim Übergang vom Canon in die Fanfiction keinen Bruch aus, sie produzieren keine Widersprüche, Ungereimtheiten oder Berge an offenen Fragen. Sie tun genau das Gegenteil! Sie stellen Glaubwürdigkeit her und fördern damit das Als-ob-Gefühl. 

Bleiben wir mal beim Beispiel „Severus Snape lebt nach Band sieben noch.“ Hier mal ein paar Ereignisketten, die den Unterschied verdeutlichen sollten. Grün steht für den Canon, Blau für die Ideen der Fanfiction.

Leseerfahrung Canon:  Severus Snape wird von Nagini gebissen – Severus Snape stirbt – Severus Snape ist in den Ferien nach dem siebten Schuljahr tot. Fazit: Kein Widerspruch

Leseerfahrung Fanfiction mit Erklärung: Severus Snape wird von Nagini gebissen – Hermine Granger gibt ihm ein Gegengift – Severus Snape ist in den Ferien nach dem siebten Schuljahr lebendig. Fazit: Kein Widerspruch

Leseerfahrung Fanfiction ohne Erklärung: Severus Snape wird von Nagini gebissen – Severus Snape stirbt – Severus Snape ist in den Ferien nach dem siebten Schuljahr lebendig. Fazit: Widerspruch. Severus Snape kann nicht tot und lebendig sein.

Und, habt ihr es gemerkt? Die Fanfiction mit der Erklärung weicht zwar vom Canon ab, aber sie erzeugt keinen Bruch. Sie schließt nahtlos an den Canon an und lässt sich lesen wie ein neues Kapitel, ein neuer Band. Sie hält damit das Als-ob-Gefühl aufrecht.

Natürlich ist es nicht immer so leicht. Manche Abweichungen brauchen deutlich mehr an Hintergrund als Erklärung, um keine Inkonsistenz zu erzeugen. Sei es, weil die Vorgeschichte komplexer ist, sei es weil die Auswirkungen größer wären oder vielleicht auch beides. Zudem muss eine Erklärung auch Sinn ergeben. Es gibt einen ganzen Haufen Fanfics, die die äußeren Fakten des Canons halbherzig und oberflächlich beibehalten, sie aber mit billigen Scheinerklärungen hinterlegen, die die Abweichung geschmeidig machen sollen, aber letztlich völlig hanebüchen sind. James Potter ist nie in Lily verliebt gewesen, sie war nur eine Alibibeziehung, um zu vertuschen, dass er schwul ist und Draco Malfoy ist gar kein Rassist, er benimmt sich nur wie einer, weil sein Vater es verlangt wären Beispiele dafür. Würde man das ernstnehmen, müsste man sich wirklich Sorgen um die Charaktere machen. Draco hat also so Angst vor seinem Vater, dass er selbst in einem Internat, meilenweit von dessen Einflussbereich entfernt Mugglegeborene aufs übelste beleidigt, obwohl er das gar nicht will? Bitte, irgendwer muss dem armen Jungen helfen! Und James rennt also für eine bloße Farce jahrelang einem Mädchen hinterher, das ihm die kalte Schulter zeigt anstatt mit einem von denen anzubandeln, die ihn und Sirius eh schon umschwärmen? Tja, warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? In der Regel führen solche Erklärungen jedoch dazu, dass ich denke „Ja, danke, verarschen kann ich selbst“ und was wie sich das auf das Mitfühlen mit den Charakteren auswirkt, brauche ich wohl nicht auszuführen. 

Auch wenn die Aufgabe Abweichungen gut zu erklären schwieriger ist, befreit das nicht davon, seine Arbeit ordentlich zu machen. Und ich kann es nicht mehr hören, wie immer wieder künstlerische Freiheit als Ausrede dafür verwendet wird, sich hier auf die faule Haut zu legen. Ja, der Künstler hat die Freiheit, Harry und Draco als schon immer miteinander befreundet darzustellen. Dann soll der Künstler mir aber auch gefälligst ein Kunstwerk präsentieren und keinen lieblos auf die Leinwand geklatschten Farbfleck von nicht mal halbfertigem Gemälde! Wer will, dass ich ihm die schon immer existierende Freundschaft zwischen Harry und Draco abkaufe, hat ein wenig mehr zu leisten als einen halbgaren Satz hinzukritzeln. Ich will wissen, wieso Harry Draco nach ihrer ersten Begegnung bei Madam Malkins nicht als eingebildeten Schnösel empfand, warum er sein großspuriges Freundschaftsangebot am ersten Schultag nicht erhobenen Hauptes ablehnte, wie sich diese Freundschaft entwickelte, und welches Schicksal die Freundschaft zu Hermine und Ron in diesem Alternativszenario nahm. Eine Fanfiction, die keine Inkonsistenzen und damit Risse im Als-ob-Gefühl erzeugen will, muss Fragen wie diese beantworten. Sie muss alle Widersprüche und Ungereimtheiten zum Canon klären indem sie zur Nahtstelle zurückgeht, die lose gewordenen Fäden aufnimmt und in ihrem Sinne weiterspinnt. Eine Fanfiction, die das nicht tut, ist schlichtweg eines: Schluderei. Und Schluderei verhindert sehr erfolgreich das Mitgehen mit einer Geschichte!

Mit anderen Worten: Wenn ihr Leser nicht vor dem Kopf stoßen wollt, dann macht eure Arbeit und begründet eure Abweichungen ordentlich! Für so viel Fiktion sollte die Fantasie doch reichen!

 

Warum mich meine OTPs enttäuschen... [Snupin]

Mit Pairings hat es manchmal schon seine ganz eigene Krux auf sich. Shipper bekriegen sich gegenseitig, Gen-Fans verzweifeln beim Versuch etwas ohne Pairings zu finden und Canonfuchser schütteln über eh alles verständnislos den Kopf. Doch auch, wenn man Wordwars Shipwars vorzieht, gerade mal kein Gen sucht und zumindest ein Crackpair mag, kann Fanfiction einen noch immer ziemlich frustrieren. Genau dann nämlich, wenn das Fandom darin versagt, das OTP so darzustellen wie man es gerne lesen würde.   

So geht es mir und das schon seit fünfeinhalb Jahren, wobei mir erst vor etwas mehr als einem davon die Hintergründe bewusst wurden. Jedenfalls gibt es im Harry Potter Fandom drei bis vier Pairings, die ich sehr gerne mag und daher als meine OTPs bezeichne (ja, in der Mehrzahl). Nun ist eines davon ein Crackpair wie es im Buche steht: Die Figuren sind Feinde, es gibt im Canon nicht den geringsten Hinweis auf irgendwelche romantischen Gefühle und es ist ein Slashpair, obwohl die Canon-Loveinterests heterosexuelle waren. Trotzdem shippe ich die beiden, weil mich die potentielle Dynamik zwischen ihnen schon immer irgendwo gereizt hat.

Dieses Pairing ist Snupin, also Severus Snape und Remus Lupin. Und natürlich habe ich seit Anbeginn meiner Harry Potter Zeit, dem Spätsommer 2012, schon etliche Snupin-Fics angelesen, zumindest dann wenn ich nicht gerade in meiner Phase war, in der ich Severus gar nicht geshipt lesen wollte, aber das ist eine andere Geschichte. Und nun ratet, wie viele davon ich bis heute (Stand Anfang Februar 2018) zu Ende gelesen habe…

Die richtige Lösung: Keine Einzige

Keine einzige in fünfeinhalb Jahren! Warum? Wie kam es zu dieser gigantischen Abbruchrate? Sicher nicht aus Zeitmangel! Die traurige Wahrheit ist, dass es bisher jede Snupin-Fic geschafft hat, mich zu enttäuschen, manchmal mich sogar in Ekel oder Wut zurückzulassen. Zuweilen waren es viele kleine Wermutstropfen, bei denen die Dosis auf längere Zeit das Gift machte. Manchmal wollte ich die Geschichte schon nach dem ersten Kapitel in der Luft zerreißen. Und gar nicht so selten war es sogar nur einzelne Sätze, die ich Satz-des-Todes™ getauft habe, die mich vertrieben haben. Heute möchte ich meinem ganzen Frust mal Luft machen. Denn es liegt nicht am Pairing selbst, dass mich jede Geschichte bisher vergrault hat. Alle die kleinen Momente der Frustration lassen sich in fünf großen Punkten zusammenfassen.  

Von Always zu Alibi

Beginnen möchte ich mit einer Sache, die in vielen anderen Aufzählungen vielleicht nicht als erstes genannt  würde, die ich jedoch an erster Stelle nennen will, weil sie tatsächlich den meisten Einfluss hatte, obwohl Anderes objektiv viel schlimmer ist. Jedoch trafen andere Störfaktoren meist nur auf einen Teil der Fanfictions zu. Zu diesem Punkt aber ist mir bisher noch keine Ausnahme begegnet und er ist daher Abbruchsgrund Nummer eins.

Geht es um Crackpairings scheint es oft nur zwei mögliche Standpunkte zu geben: Entweder der Canon oder das Crackpair. Und dementsprechend gestalten sich auch Fanfictions. Die einen folgen dem Canon und schließen das Crackpair aus, die anderen beinhalten das Crackpair und brechen dafür den Canon.  Angesichts dieser Lage fühle ich mich schon lange zwischen zwei Stühlen. Denn obwohl ich mit Snupin ein Crackpair fane, ist mir der Canon verdammt wichtig. Zumindest bei Severus. Denn wenn wir über Severus Snape sprechen, gibt es eine ganz entscheidende Figur, die nicht unter den Tisch gekehrt werden kann: Lily Evans.

Ich brauche dazu wohl kaum mehr sagen, ihr alle kennt die Geschichte. Sogar Leute, die mit dem Fandom nur wenig zu tun haben, ist sie meist bekannt. Nun ist es so, dass Always für mich eine sehr, sehr, sehr große Bedeutung hat, auch wenn ich darin gewiss keine Hollywoodromanze sehe, aber das ist ein anderes Thema. Always war eines der Dinge, die mich überhaupt erst zum Fandom brachten. Der Hype ging lange an mir vorüber. Ich hatte seinerzeit „die Kammer des Schreckens“ gesehen, ohne dass der Film mich sonderlich mitriss und die Bücher nie angerührt. Erst als mein Bekanntenkreis mich zum achten Teil ins Kino schleppte, ich ob Snapes Rolle verwirrt war, weil meine Allgemeinbildung (man bekam ja doch einiges auch als Außenstehende mit) mir sagte, dass der böse sei und die Bekannte eines Bekannten mir später die ganze Hintergrundgeschichte erzählte, hatte J.K Rowling mich am Haken. Sie hatte mich am Haken - wegen Always. Always ist zwar nicht das einzige, aber eines der Kernstücke meiner Faszination für meine Lieblingsfigur. Und ein Severus Snape ohne Always ist für mich nicht mehr die gleiche Figur, nicht mehr der Charakter, der mich in den Bann zog.

Doch genau da liegt das Problem und der Grund, warum ich Snape-Pairings jahrelang gemieden habe wie der Teufel das Weihwasser: Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, das besagt, dass Always gefälligst dem Rotstift zum Opfer zu fallen hat, sobald ein neues Loveinterest die Bühne betritt. Die Methoden, die Schreiberlinge anwenden, um Lilys aus Severus‘ Herz zu scheuchen und ihren Platz neu zu vergeben sind zahlreich, vielgestaltig und unvergänglich. Sie sind wie ein vielköpfiges Ungeheuer, dem jedes Mal, wenn man ihm einen Kopf abschlägt, ein neuer nachwächst oder so. Jedenfalls: Würde ich alles aufzählen, was mich in dieser Hinsicht schon aus Fanfictions gejagt hat, würde ich morgen noch hier sitzen. Deswegen beschränke ich mich darauf, womit mich Snupin-Fics jedes Mal wieder vergrault haben. Und das ist vornehmlich die Abstinenz Lilys als Loveinterest in Severus‘ Perspektive. Entweder wird sie gar nicht in diesem Sinne thematisiert oder sie ist  – Applaus, Applaus - nur eine Alibibeziehung. In diesem Zusammenhang darf ich auch meinen ersten Satz-des-Todes™ präsentieren: „Severus ist schwul. Er empfindet einfach nichts für Mädchen“ in sämtlichen Variationen. Komisch, in jener Szene unten am Fluss, in der ein kleiner Junge rot anläuft und nervös Blätter zerfetzt, wirkte das irgendwie anders…

Nun könnte man natürlich sagen: Ja gut, aber das ist Fanfiction, du kannst von Schreiberlingen doch nicht erwarten, dass sie in ihr Geschichte jedes Pairings packen, nur weil es dir gefällt, den Luxus haben andere Fans mehrerer Pairings auch nicht. Nein, kann ich nicht. Tue ich auch nicht. Denn die Frage nach Severus und Lily ist für mich keine nach realen Pairings, sondern nach dem Umgang mit Severus‘ Biografie; mit dem, was ihm prägt; mit seinem Charakter und seiner Psyche. Snily ist für mich kein Konkurrenz-Pairing. Ich erwarte nicht, dass es in einer Snupin-Fic als wirkliches Ship vorkommt. Aber ich erwarte, dass der Canon ernstgenommen wird. Severus hat Lily im Alter von etwa 10 Jahren kennengelernt und im Alter von 37 Jahren nimmt sein Patronus die Gestalt des Ihren an. Er war fast sein gesamtes Leben lang in sie verliebt. Sie war der Grund weswegen er die Seiten wechselte und für Dumbledore spionierte! Und so verkorkst und obsessiv diese Gefühle auch waren – sie waren verdammt prägend, sie waren charaktertragend!

Gut, zugegeben, die Offenbarung kam erst ganz am Ende der Reihe und ich weiß, dass nicht alle sie mochten. Es mag Fanfictions geben, die einen schwulen Severus glaubwürdig aufziehen. AUs, in denen er Lily nie kennenlernte und die den Canon in dem Sinne ernst nehmen, dass sie alles, was sechs Bände lang geschah, mit einer anderen passenden Hintergrundgeschichte erklären. Aber erstens wären auch die nicht mein Butterbier, weil ich wie gesagt an Always hänge und zweitens sind sie mir noch nicht in Natura begegnet. Überall wo der Satz fiel, wirkte er auf mich gedankenlos dahin geklatscht -  weil sexuelle Orientierung ja nur zwei Schubladen kennt und so etwas wie zum Bleistift Bisexualität nicht existiert; weil alle Jungen und Männer, die sich ins eigene Geschlecht verlieben, Frauen hassen müssen oder weil es ja die Gefühle schmälern und ihre Größe infrage stellen könnte, wenn das aktuelle Loveinterest nicht das erste und einzige ever war. Und das macht mich fuchsteufelswild: Ein unbedachtes, sinnloses Opfern eines Teils des Canons, der mir sehr am Herzen liegt, für absolut dämliche Klischees!

Ich möchte endlich mal Geschichten sehen und sei es nur eine einzige, die Always weniger als Konkurrenzpairing betrachtet, sondern als etwas behandeln, das genauso zu Severus gehört wie seine Hakennase. Man würde ihm auch seinen Zinken nicht abhacken, um ihn zu shippen. Das heißt nicht, dass Always seine Form nicht wandeln dürfte, dass der erwachsene Severus keinen ordentlichen Trauerprozess, sei es über ihren Tod oder ihre Entscheidung gegen ihn, durchlaufen darf. In meinen Augen braucht er sogar einiges an Entwicklung, um sich überhaupt auf eine neue Beziehung einlassen zu können. Doch wer sagt, dass dieser Prozess mit der Bedeutungslosigkeit Lilys enden muss? Es würde auch niemand für Harry verlangen, dass er sie und James zu vergessen hat, ehe er in anderen Charakteren so etwas wie Elternfiguren sehen kann. Zu glauben, dass romantische Liebe als einzige Form der Liebe nach dem Ausschlussprinzip funktioniert, ist der größte Nonsense. Vor allem wenn es um Gefühle für eine Tote geht, die meist sowieso auf einer anderen Ebene liegen als eine reale Liebschaft. Jede Beziehung, jede emotionale Bindung ist einzigartig und so wird Lily für mich immer einen besonderen Platz in seinem Herzen haben, egal wer sonst noch an seine Seite hinzutritt. Dass Fanfictions sich dagegen in einem Entweder-Oder verlieren, frustriert mich immens. Ich will nicht den Canon oder das Crackpair. Ich will den Canon und das Crackpair!

Und was ist mit Remus? Immerhin hatte auch der in den Büchern sein Loveinterest. Nun, an Remus und Tonks liegt mir persönlich nicht so viel. Trotzdem ist es Canon und „Er ist schwul. Er empfindet einfach nichts für Mädchen“ für mich auch bei ihm ein Satz-des-Todes™. Nur die Gründe sind etwas anders. In diesem Fall ist es mehr die allgemeine Widersprüchlichkeit zum Canon, die es für mich zerstört. Ich kann nicht vergessen, was ich durch die Bücher weiß und auch keine Geschichte genießen, bei der ein Teil von mir immer sagt: Du lügst, du lügst, du lügst,…. Wenn es wenigstens ein „Bisher hatte er sich noch nie in ein Mädchen verliebt“ wäre oder im Show verbliebe – aber so? Nein! Nun sind Remus und Tonks, anders als Severus und Lily, ein reales Pairing und da ich Severus nicht ganz für den Menschen halte, der gut mit einer Dreiecksbeziehung umgehen kann, habe ich nichts dagegen, wenn der Canon hier gebrochen wird, sollte eine Geschichte ab Band 5 spielen. Das heißt aber nicht, dass es ohne jede Rücksicht geschehen sollte! Die Ignoranz und Abstinenz des weiblichen Loveinterest oder die Erklärung zur Alibi-Beziehung geht mir auch hier mächtig auf den Schnürsenkel. Ohnehin ist diese Alibi-Beziehungsgeschichte eine furchtbare Trope! Als ob eine aufrichtige Liebschaft der Vergangenheit der neuen Liebe eine Zacke aus der Krone würde…. Was ich im Bezug auf Tonks erwarte, ist entweder ein gründlich aufgezogenes AU, in dem sich die Dinge sowieso von Anfang an anders entwickeln oder nachvollziehbares und bedachtes Auflösen dieser Beziehung. Es gibt da einige Stellen an denen man ansetzen könnte, warum es zwischen den beiden vielleicht nicht auf Dauer klappt, obwohl sie sehr wohl wirklich ineinander verliebt sind. Remus selbst liefert da schon einiges an Material, man müsste halt nur was damit anfangen.

Zweitens: Friede, Freude, Feindesfreunde

Den zweiten Wegklickgrund habe ich in einer ähnlich hohen Häufigkeit erlebt wie den ersten, jedoch fuchste er mich nicht in dem Ausmaß, weil er nichts zerstört, das mir am Herzen liegt. Wohl aber fällt diese Sache in ebenso in die Kategorie Widersprüchlichkeit“ und verhindert so sehr erfolgreich, dass ich mit der Geschichte mitgehen kann. Worüber ich rede? Über das Verhältnis zwischen Remus und Severus im Canon. Ein Verhältnis, das alles andere als rosig ist. Auch wenn Remus diesen Kleinkrieg nie wollte, kann man die beiden getrost als Feinde bezeichnen. Denn Severus sah in ihm einen Feind und Remus war eng mit drei Jungen befreundet, die wiederum Severus als solchen sahen.  

Nun erfordert das Verkuppeln von Feinden aber besonderes Fingerspitzengefühl und Vorarbeit. Wenn Feinde sich glaubhaft ineinander verlieben sollen, dann müssten sie einen ganzen Rattenschwanz an Entwicklung, an Umdenken, Aufarbeitung und gegenseitiger Vergebung durchlaufen…

…tun sie aber nicht! Zumindest nicht in einem Großteil der Fanfictions. Und damit bin ich beim nächsten Punkt, der mir jedes Mal wieder die Haare zu Bergen stehen lässt: Friede, Freude, Eierkuchen, wohin das Auge sieht und zwar von Beginn der Geschichte an.

Es gibt verschiedene Methoden, wie Schreiberlinge eine Feindschaft unelegant aus dem Weg schaffen, oft läuft es auf Eigentlich-ganz-anders und schon-immer hinaus: Canonfakten, die dem Pairing im Wege stehen, waren eigentlich ganz anders, dafür herrschte schon immer irgendein begünstigendes Faktum. Snupin bildet da keine Ausnahme und natürlich gibt es auch hier ein paar Sätze-des-Todes™: „Severus und Remus waren schon immer gut befreundet“ oder gar „Er war schon immer heimlich in ihn verliebt“

Nein, verdammt, war ER nicht. Severus hat die Rumtreiber allesamt gehasst – selbst zwanzig Jahre später drohte Remus damit, ihn den Dementoren auszuliefern! Und was Remus angeht, sagte der Harry im sechsten Band ziemlich klar, dass er Severus zwar nicht hasse, aber auch nicht sonderlich möge. Verliebtheit sieht echt anders aus. Und für das Thema Freundschaft gilt das Gleiche. Ob Dumbledores Worte zu Harry im Krankenflügel Ende des Steins der Weisen, ob der erste Showdown im dritten Band in der Heulenden Hütte oder Severus‘ Erinnerungen während der Okklumentikstunden: Jede verfluchte Stelle im Canon bezeugt, dass Severus und Remus vieles waren – aber gewiss keine Freunde! Und wenn ein Schreiberling das ändern will, dann soll er mir die Geschichte bitte gründlich neu erzählen, dann soll er sich auf den Hosenboden setzen und ein glaubwürdiges AU schreiben, das erklärt wie sich die Dinge anders entwickelt haben oder sich während der Geschichte entwickeln und nicht einfach einen Satz vor den Latz knallen nach dem Motto „friss Vogel oder stirb!“

In Fanfictions aber ist Severus entweder schon seit jeher voll knorke mit den Rumtreibern (ein Fall von Eigentlich-ganz-anders), die Freundschaften werden gar nicht thematisiert oder aber Remus bricht mit seinen Canon-Freunden, weil es natürlich unmöglich ist, mit jemanden zu gehen, den deine Freunde nicht leiden können und die sowieso nur böse sind. Armer Remus, ich weine mit dir und ich fühle deinen Schmerz darüber, Krone, Tatze und Wurmschwanz für ein Stell-dich-ein im Slytherinschlafsaal aufgeben zu müssen! Solche Freunde findest du kein zweites Mal!

Doch es ist, wie im letzten Satz schon angeklungen ist, auch nicht nur die Widersprüchlichkeit, die mich in jeder dieser Geschichten stört. Es ist auch eine riesige Vergeudung von Potential. Viele Schreiberlinge scheinen in einer Feindschaft nur ein Hindernis für das Pairing zu sehen, das schnell aus der Welt geschafft werden muss und merken dabei gar nicht, dass sie das Kind mit dem Bade ausschütten.  

Remus zwischen zwei Stühlen bedeutet einen Loyalitätskonflikt, der die Beziehung bedrohen kann, ja. Aber Konflikt heißt in Geschichten zugleich auch Chance. Wie wäre es, wenn Remus mal nicht mit seinen Freunden bricht? Wenn er stattdessen zum Brückenbauer wird, der die verhärteten Fronten auflöst und die Feinde an den runden Tisch bringt?! Das wäre mal Stoff für eine spannende Story. Doch in der Realität: Pustekuchen! 

Und für „schon immer verliebt“ gilt das Gleiche: Abgesehen davon, dass ich das mindestens für erklärungsbedürftig halte, ist es auch einfach so: Eine Liebesgeschichte verfolgt das Ziel aus zwei Menschen, die erst mal nichts füreinander empfinden, ein Liebespaar zu machen. Wenn diese Menschen nun aber schon immer heimlich verliebt sind, ist die Hälfte des Weges bereits geschafft. Und dann wundern sich Schreiberlinge, warum ihnen nach drei Kapiteln der Stoff ausgeht.

Ehrlich, ich wünschte mir, es gäbe mehr Fanfictions, die die Feindschaft mit gebührendem Respekt behandeln; Severus einen ordentlichen Grund geben, sein Bild von Remus zu überdenken und die Romanze langsam aufbauen. Doch Satz mit X.

Drittens:  von Ungezwungenheit und Zwängen

Den nächsten Punkt bereitet mir zugegeben ziemliche Bauchschmerz, weil er an vielen Stellen die Grenze von „schlecht“ hin zu „ethisch zweifelhaft“ überschreitet. Er steht an dritter Stelle, weil ich es zum Glück nur in einem Teil der Fanfictions lesen musste (was nichts zu heißen hat, wahrscheinlich kickten mich oft auch nur die Sätze-des-Todes™ schon vorher raus), aber er brachte mich immer dazu, mir die Haare raufen zu wollen. Und ich weiß gar nicht, wie ich dieses Fass öffnen soll. Denn in meinen Augen gleicht es der Büchse der Pandora.

Okay, machen wir es kurz und knackig: Es geht um die Wege der Verkuppelung. Denn bevor ein Pärchen in Glückseligkeit versinken komm, muss es ja erst mal irgendwie zusammengebracht werden. Und leider muss ich – ich, die kaum Romanze schreibt – einem Großteil meiner lieben Mitschreiberlinge hier attestieren, einen ziemlich schlechten Job  zu machen. Denn die beliebtesten Wege, Pairings zu verkuppeln schwanken zwischen b und b: blöde und bedenklich. Weil es in diesem Bereich einfach so viele Tropes gibt, will ich mich nur auf ein paar beschränken, die sich mir bei einigen Snupin-Fics ins Gedächtnis eingebrannt haben. Und zur Schonung meiner Nerven – zumindest noch für ein paar Augenblicke – fange ich mit blöde an: Dem Klischee der Wette und ähnlichem Käse. Doch wovon rede ich da eigentlich?

Meist spielte diese Art von Fanfictions in der Rumtreiberzeit und der Plot lässt sich herunter brechen auf „Remus und Severus müssen irgendwelchen Gründen einen auf Liebespaar machen“. In den Fics, die ich anlas, steckten dahinter nicht selten verlorene Wetten. Also tun die beiden einfach mal so als wären sie zusammen und wie durch ein Wunder wird aus dem Spiel ernst. Au Backe! Dieses Wette-Klischee ist so ausgelutscht, nervig und dämlich, dass ich nicht einmal mehr Worte habe, um zu erklären, warum das einfach nur falsch ist. Außer der allgemeinen Erkenntnis, das Zwang immer eine ganz, ganz blöde Idee und es einfach unlogisch ist; dass zumindest auf einer Seite tief verwurzelte Antipathien sich gewiss nicht mal eben durch die Arschkarte beim Flaschendrehen auflösen!

Im Übrigen, um gleich mit einem Vorurteil aufzuräumen: Es sind nicht immer nur jugendliche Schreibanfänger, die sowas fabrizieren. Ich habe den Murks auch schon von Twens und noch älteren Schreiberlingen gelesen. Und es sind gar nicht so selten auch die älteren Semester, die eine Verkupplung der Marke bedenklich fabrizieren. Und wenn ich bedenklich sage, dann rede ich von keiner Zwangsverkupplung durch Dinge, die die beiden mehr oder weniger freiwillig eingehen (wie eine Wette abzuschließen), sondern die sexuelle Beziehung wird ihnen durch äußere Faktoren aufgezwungen… oder sogar durch sexuelle Gewalt des Einen am Anderem. 

So ist da beispielsweise folgende Trope sehr beliebt: Remus ist als Werwolf auf den Wolfsbanntrank angewiesen. Und wer ist einer der wenigen Tränkemeister, die den zu brauen wissen? Na…? Natürlich Severus Snape. Also sucht Remus ihn auf und bittet ihn um die Medizin. Und Severus lässt sich seine Hilfe natürlich gut bezahlen, mit „gewissen Gefälligkeiten“ nämlich. Mit anderen Worten: Er begeht sexuelle Nötigung unter Ausnutzung einer Zwangslage, was zu Recht Straftatbestand erfüllt und oft massive Spuren in der Psyche des Opfers hinterlässt. Und das ist dann die Grundlage der großen Liebe. Wie romantisch!

Nein, verdamm, ist es nicht!

NÖTIGUNG. IST. NICHT. ROMANTISCH

Und es widert mich an, dass so einige Fanfictions eines meiner OTPs benutzen, um sexuelle Gewalt als Verkupplungsinstrument zu missbrauchen.

Entschuldigt mich, ich bin kurz brechen…

Und wenn es keine sexuelle Gewalt ist, dann sind es die Gene in irgendwelchen absurden AUs(reden), in denen jeder Charakter irgendein Genunfall ist und man den Fandombezug wie die Nadel im Heuhaufen suchen darf, dann sind Remus und Severus durch die Macht der Biologie Bindungspartner  oder aber die Regierung erlässt irgendwelche strunzdummen Vorschriften, die sie in eine Ehe zwingen (ich weiß, das Klischee des Heiratsgesetzes ist eher die Standard-Trope für Snamione, ich habe es aber auch schon bei Snupin erlebt). Ganz egal, Hauptsache eines geschieht nicht: Dass die Charaktere völlig ungezwungen Gefühle füreinander entwickeln und tatsächlich einfach aus freien Stücken eine Beziehung eingehen. Wäre ja noch schöner! Liebe auf der Grundlage von Freiwilligkeit und echten Gefühlen...

Bei Merlins geblümter Unterhose! Wenn ich Snupin lesen will, dann will lesen wie sich die Charaktere verlieben, nicht wie sich vor Widerwillen windend das Bett teilen, weil der Druck durch die Feder zu groß war!  

Manchmal frage ich mich schon, ob Schreiberlinge einfach nicht wissen, wie sich Romanzen entwickeln, ob sie den ganzen Murks wirklich so kawaii finden oder schlichtweg zu faul für Charakterentwicklung sind.  

Wie auch immer. Um ein Geheimnis zu verraten: Liebe entsteht nicht durch erzwungene Küsse. Sie entsteht dadurch, dass Menschen etwas am Anderen bemerken, was sie interessiert, fasziniert, in den Bann zieht. Natürlich braucht es Raum und Zeit, damit Menschen diese Seiten aneinander entdecken können und gerade, wenn sie vorher verfeindet waren und das Bild voneinander sehr negativ ist, mehr denn je. Insofern ist durchaus okay, Umstände zu schaffen, die die Charaktere zwingen, sich noch einmal neu kennenzulernen und in anderem Licht zu sehen.  Aber dieser Zwang muss und sollte nicht sexuell konnotiert sein! Himmel! Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen „zwingen, sich mit dem Anderen auseinanderzusetzen“ und „zwingen, mit dem Anderen ins Bett zu steigen“! 

Die Fanfictions, die mich nicht schon mit einem Satz-des-Todes™ rauskickten, lieferten stattdessen zu 90% letzteres. Und diese Zwangskupplung kotzt mich gelinde gesagt an. Mit Romanze hat das nichts mehr zu tun. Doch es ist leider noch nicht alles…

Viertens: The Bat and the Beast

… denn wie heißt es so schön: Es gibt für alles noch eine Steigerung.

Der vierte Punkt hätte eigentlich verdient an erster Stelle zu stehen, denn er ist - zusammen mit sexueller Gewalt und dem Mate-Zeugs- mit Abstand das Schlimmste, was ich zu Snupin lesen musste. Und dass er so tief steht, ist nur dem Umstand zu verdanken, dass ich dem seltener begegnet bin als den bisher genannten Phänomenen... oder die tatsächliche Anzahl einfach nur erfolgreich verdrängt habe, was durchaus sein könnte.

Ich hatte ja schon diese ganzen Slash-AUs angesprochen – eine weitere Büchse der Pandora, von der ich den Deckel nur leicht anzuheben wage - in denen alle Charaktere irgendwelche MagischeWesen™ sind. Nun ist Remus – leider, leider – bekanntermaßen aber auch im Canon ein solches Wesen, nämlich ein Werwolf. Und während J.K. Rowling die Lykanthrophie eher wie eine schreckliche Krankheit darstellt, bei der Betroffene an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und Remus nie das Biest sein wollte, in das er sich bei Vollmond verwandelt, tut das Fandom andere Dinge.

Um es kurz und schmerzvoll zu sagen: Remus wird auf sein „pelziges Problem“ reduziert. Und natürlich hat Severus, der sich schon immer für die Dunklen Künste interessierte, eine kleine Schwäche für Werwölfe. Eine Schwäche, die gewisse Körperteile hart werden lässt.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Und ja, es ist genauso ekelhaft wie es klingt! Severus sabbert Remus an, weil der ein Werwolf ist

Erst neulich stieß ich mal wieder auf einen Klappentext, der mir sinngemäß Folgendes erzählte, dass sich Severus einen Werwolf als Haustier [sic!] anschafft und dann das Pairingskürzel. Ich hab die entsprechende Fanfiction zugegeben nicht gelesen, aber allein der Klappentext sprach Bände. Bände darüber, dass hier gewaltig was schiefläuft.

FETISCHISIERUNG. IST. NICHT .ROMANTISCH

Kam ich gerade vom Kotzen? Ich verschwinde dann nochmal. Die Sache ist so widerlich dass ich dafür nichtmal Worte finde. Und das fängt nicht erst mit der sexuellen Konnotation an. Allein, dass man sich einen Menschen – nämlich genau das und nichts anderes ist Remus – anschafft. Dass er zum Tier reduziert wird. Nein. Nein. Ich will nicht weiter darüber nachdenken und die Sache auch nicht vertiefen.  Es schmerzt mich. Es schmerzt mich zu sehen, wie großartige Charaktere dermaßen in Dreck gezogen und benutzt werden. Überflüssig zu erwähnen, dass Remus dann auch noch als die Bestie dargestellt wird, die er nie sein wollte und es genießt als wäre er Greyback…

Fünftens: Männer unter sich

Der letzte Punkt auf meiner Liste erscheint nach dem Ausflug mir in die Abgründe der Entmenschlichung auf den ersten Blick fast schon harmlos. Aber nur fast. Denn auch er kann sehr, sehr unschön werden (und wenn ich unschön sage, meine ich bedenklich) und ist eine Trope, bei dermir die Haare zu Berge stehen. Deswegen möchte zum Abschluss etwas aufgreifen, das ich bisher ausgeklammert habe: Die Tatsache, dass Remus und Severus beides männliche Charaktere sind, dass das das Ship ein Slashpair ist.  

Wer sich nur ein bisschen in der Fanfictionwelt auskennt, weiß, dass Slash nicht nur für ein gleichgeschlechtliches Paar steht, sondern, zumindest im schwulen Fall, auch mit eigenen Tropes einhergeht. Und die machen natürlich auch vor Snupin nicht halt.

Was hier in doch in einigen Fanfictions auf die Nerven ging, ist das leidige Thema Seme/Uke. Ein Begriff welcher – ursprünglich mal ausgehend von der Vorstellung stets gleichbleibender Rollen in schwulen Schlafzimmern - eine Schablobe für eine Rollendynamik beschreibt, in die zwangsweise alle Männerpaare reingepresst werden müssen, ob es zu den Charakteren passt oder nicht. Einer ist der Aktive, der Andere der Passive; Einer ist der Starke, der andere der Schwache usw. Man könnte nun meinen, dass es sich dabei einfach nur um die Projektion klassischer heterosexueller Rollenvorstellungen auf eine schwule Beziehung handelt und vielleicht war es irgendwann auch mal so gemeint.  Doch in vielen, wenn auch nicht allen, Fällen heißt Seme/Uke noch etwas ganz anderes: Eine Beziehung mit einem enormen Machtgefälle nämlich, in denen der Uke mehr wie ein kleines Kind erscheint und den Seme kaum noch lebensfähig ist. Das Verhältnis wird abhängig und missbräuchlich gezeichnet und fußt darauf, dass der Uke erst mal ordentlich gebrochen werden muss, um dann vom Seme „getröstet“ zu werden. Und Trost heißt in diesem Fall, eine sexuelle Beziehung eingehen. Die Fanfictionwelt hat dafür das treffende Wort „Gesundvögeln“ erfunden.

Na, spürt ihr auch, wie sich euch die Nackenhaare aufrichten? Ich hoffe doch! Das Ganze ist auf so vielen Ebenen falsch, dass ich wieder zu brüllen anfangen möchte. Sicher: Charaktere in Krisen einander beistehen zu lassen kann ein Mittel sein, um emotionale Nähe zu zeigen und ist ein wichtiger Faktor in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen. Aber doch nicht so! Nicht auf diese Weise! Wenn Figuren erst mal gebrochen werden müssen, weil sie sonst nicht geshipt werden können; wenn die ganze Beziehung darauf basiert, dass Einer am Boden liegt und der Andere ihn „therapiert“, dann läuft etwas gewaltig schief. Abhängigkeitsbeziehungen sind nicht romantisch!

Bei Snupin erinnere mich da konkret zum Bleistift an einen ziemlich weinerlichen 16-jährigen Severus Snape, der in irgendeiner Hurt & Comfort Fic Lucius Malfoy wie kleines Kind anbettelte (und das meine ich wörtlich), in die coole Clique aufgenommen zu werden und nur gemobbt wurde bis sein Seme-Remus ihn tröstete. Allein über diese OOCnes hätte ich am liebsten lauter einzelne Tränen vergossen! Über den Rest will ich gar nicht erst reden.

Wisst ihr, was mal romantisch wäre? Wenn die beiden sich gegenseitig helfen würden, ohne dass die Beziehung darauf reduziert würde. Remus hat viel durch, Severus hat viel durch. Natürlich spielt das auch in meiner Fanfic eine große Rolle und trotzdem besteht die Beziehung nicht nur aus Gesundvögeln. 

Aber auch die mildere Ausgabe von Seme/Uke, das heterosexuelle Rollenschema, ist Blödsinn. Jede Beziehungsdynamik, egal in welcher Geschlechterkonstellation, entwickelt sich entlang der Persönlichkeiten der Charaktere und nicht nach Schema F. Übrigens auch nicht im Bett. Denn – kleines Geheimnis – es gibt mehr als eine Sexualpraktik, Stellungen lassen sich wechseln und eine Auskunft über das Leben jenseits des Schlafzimmers gibt das eh nicht.  

Ein ernstgemeinter Ratschlag, liebe Schreiberlinge: Werft Seme/Uke in den Mülleimer. Schaut euch die Charaktere an, schaut euch ihre Persönlichkeiten an und baut ihre Dynamik danach auf. Alles andere führt nur zu Käse und zum Teil ziemlich bedenklichem.

Und mit diesem Tipp und knappen 5K Text schließe ich dieses kleine Kabinett des Grauens, das mich bisher aus jeder Snupin-Fic vertrieb. Sicher gäbe es noch andere, oft kritisiere Tropes zu nennen, die ebenso das Potential hätten, mich zu vergraulen und die man sicher auch bei Snupin en masse findet, immerhin ist das Pairing ja nicht ganz unbeliebt. Doch ich habe mir vorgenommen, mich auf das zu beschränken, was ich selbst schon lesen musste. Und vor der schlechten Sex-Szene, zum Beispiel, hatte ich bislang wohl schon längst das X geklickt und blieb verschont. Inzwischen lese ich keine Snupin-Fics mehr, aus Gründen, obwohl ich das Pairing mag. 

Was bleibt, ist die eine große Frage:

WARUM?

Remus und Severus sind beide ganz wunderbare Charaktere und ich sehe da viel Potential in ihrer Verbindung. Logisch, denn sonst wären sie keins meiner OTPs. Aber was der Fandom aus ihnen macht, ist mehr als die Vergeudung von Potential. Zu viele Fanfictions verderben die Charaktere und ihre mögliche Verbindung grundlegend. Zugegeben, Severus zu shippen und dabei Always ernst zu nehmen, ist vielleicht nicht ganz leicht, genauso wie der glaubwürdige Abbau einer Feindschaft Fingerspitzengefühl erfordert. Doch für den Rest fehlt mir jedes Verständnis. Und ich habe es ehrlich satt, wieder und wieder den gleichen Mist vorgesetzt zu bekommen.

Falls jemand eine Fanfiction kennt, die nicht einen der fünf Punkte erfüllt und auch nicht die Klischees, auf die ich hier nicht einging: Ich bin offen für Empfehlungen.

Ansonsten bleibt mir am Ende wohl nur die bittere Erkenntnis:

Es gibt nichts Gutes außer man tut es.

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Kapitel:2
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Kurzbeschreibung

Fanfictions, E-Books und das übervolle Bücherregal in der Ecke. Wer viel liest, kann viel erleben: Spannung und Genuss ebenso wie Langeweile und Frust. Diese Textsammlung ist ein Streifzug durch meine Lesefahrungen und meine Gedanken zum verschlungenen Stoff. Keine Renzensionen, aber Essays und Beiträge rund ums geschriebene Wort. Mal lobend, mal nachdenklich und manchmal auch mit scharfer Kritik.