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Nela - Nur nicht aufgeben

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28.6.2017 20:27
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

 

Langsam begann ich, Stimmen um mich herum zu hören. Was sie sagten, schien keinen Sinn zu ergeben. Mein Gehirn arbeitete auf Sparflamme, so wie es aussah. Nach und nach konnte ich zwei unterschiedliche Stimmen ausmachen, einen Mann und eine Frau. Sie kamen mir vage bekannt vor, waren aber nicht zu vertraut. Wer war da bei mir? Und wo war ich überhaupt?

Eine Weile grübelte ich vor mich hin, kam aber zu keinem vernünftigen Ergebnis. Also anders. Ich konzentrierte mich auf meine unmittelbare Umgebung. Ich lag in etwas Weichem und Warmen. Ein Bett. Ich spürte die Decke auf meinem Oberkörper und meinem linken Arm. Der rechte Arm lag offenbar auf der Decke. Als ich ihn probeweise anhob, spürte ich einen leichten Zug daran. Da ich meine Augen nicht aufbekam, versuchte ich es weiter mit Spüren.

Irgendetwas piekte in meinem Arm. Ich kannte das von irgendwoher. Da steckte etwas in meinem Arm. Eine Nadel? Eine Kanüle? Könnte stimmen, da ich nun auch das Gefühl hatte, dass etwas Kaltes in meinen Arm lief. Also war ich wohl in einem Krankenhaus. Das würde auch den seltsam sterilen Geruch erklären, den ich jetzt erst bewusst wahrnahm. Aber warum lag ich in einem Krankenhaus? Was in aller Welt war passiert? Ich konnte mich nicht erinnern.

An was konnte ich mich denn noch erinnern? Wir waren auf Klassenfahrt in London. Ja, das war es. Und das erklärte auch, weshalb mir die Stimmen bekannt vorkamen, es waren Herr Siller und Frau Kolb, zwei der begleitenden Lehrer. Dann war Frau Bauer wohl bei den Anderen.

Aber warum war ich im Krankenhaus? Und war ich die Einzige hier? In meiner Erinnerung gab es keine Erklärung dafür. Also weiter, wir waren nach England gefahren, mit dem Bus. Ich konnte mich deutlich an die Fahrt erinnern, auch an die Fähre von Calais nach Dover. Auch die Ankunft im Hotel war da. Gut. Ach ja, wir waren im Madame Toussauds gewesen und im Old Bailey, dem berühmten Gericht. Aber das lieferte mir immer noch keine Erklärung dafür, warum ich in einem Krankenhausbett lag mit einer Infusionsnadel im Arm.

Vielleicht sollte ich noch einmal probieren, meine Augen zu öffnen, damit ich mehr erkennen könnte. Doch die Augenlider waren schwer wie Blei, sie hoben sich einfach nicht an. Gut, das wurde offenbar nichts, also zurück zu den Ohren, die schienen ja gut zu funktionieren. Nur dass das, das ich hörte, keinen Sinn ergab. Es war, als wäre mein Kopf unter Wasser oder in Watte verpackt. Ich konnte nicht ein Wort verstehen.

Nun kam noch eine dritte Stimme hinzu, wieder ein Mann. Was er sagte, ergab noch weniger Sinn, aber es ließ mich aus irgendeinem Grund an David denken. Wieso musste ich gerade an David denken, meinen Gastvater in den U.S.A.? Ich war seit einem Jahr wieder zurück in Deutschland. Es machte einfach keinen Sinn. Auch der Tonfall, in dem der Mann sprach, war anders als der meiner Lehrer. Kühler, distanzierter. Professionell. Ein Arzt? Vielleicht sollte ich doch mal genauer zuhören? Dann würde ich eventuell auch erfahren, warum ich hier war. Jetzt sprach wieder die Stimme meiner Lehrerin. Fragend. Ängstlich.

Moment mal, wieso klang sie so ängstlich? Fast so, als ob sie weinen würde? Was war hier los? Ich musste es jetzt wissen. Ich wollte fragen, bekam aber nicht einmal ein Krächzen hin. Dafür spürte ich etwas Neues. Da war etwas in meinem Gesicht. Es drückte auf meine Wangen, ich spürte es an der schmalen Stelle zwischen Mund und Nase. Ich wollte danach greifen, aber mein Arm war so schwer. Es war unmöglich, den Arm anzuheben, nur die Fingerspitzen schienen sich träge zu bewegen. Zumindest fühlte es sich so an.

Also doch wieder auf das Gehör konzentrieren. Das funktionierte wenigstens ein bisschen. Die dritte Stimme war wohl wieder weg. Meine Lehrer unterhielten sich leise. Es klang traurig, verzweifelt. Wieder versuchte ich, die Augen zu öffnen, weil ich zu wenig hörte, um zu begreifen, was los war. Ich konzentrierte mich nur darauf, die Lider zu öffnen und dann – endlich – klappte es. Im ersten Moment war ich geblendet. Doch nach und nach konnte ich meine Umgebung immer deutlicher erkennen. Weiße Wände, ein x-beliebiges Bild mit Blumen an der Wand. Ein weißer Einbauschrank. Neben mir eine lange Schnur, die von oben kam. Als ich daran nach oben blickte, sah ich die Infusionsflasche. Also ein Infusionsschlauch, keine Schnur.

Träge wanderte mein Blick weiter. Ich konnte zwei Personen erkennen, die vielleicht einen Meter neben meinem Bett standen und leise miteinander redeten. Meine Lehrer. Also hatte sich mein Ohr nicht getäuscht. Ich war in einem Krankenhaus und meine Lehrer standen in meinem Zimmer. Außer uns dreien schien niemand mehr hier zu sein.

Da drehte sich Herr Siller ein wenig und sein Blick fiel auf mich. Seine Augen weiteten sich und er kam mit einem schnellen Schritt an mein Bett.

„Daniela, wie fühlst du dich?“, fragte er und nahm meine Hand in seine.

Ich verstand ihn! Hatten sie vorher einfach nur zu leise gesprochen? Oder wurde mein Gehirn langsam wieder wach? Aber warum wollte denn keiner kapieren, dass ich entweder Dana oder Nela war, aber nicht Daniela? Wie war gleich nochmal die Frage gewesen? Ach so, wie ich mich fühle.

„Gut.“, wollte ich sagen, doch nur ein Krächzen kam aus meinem Mund.

Frau Kolb war inzwischen um das Bett herum gegangen und strich mir nun mit der Hand über den Kopf.

„Gut, dass du wieder wach bist. Wir haben uns Sorgen um dich gemacht.“, murmelte sie sanft.

Ich konnte es sehen, ihre Augen sahen verweint aus. Konnten sie mir nicht einfach sagen, was passiert war und warum ich hier lag?

„Was…?“, krächzte ich nun.

„Sch, nicht reden. Ruh dich aus. Du darfst noch nichts trinken und brauchst noch ein paar Stunden Schlaf. Dann erklären wir dir alles in Ruhe.“, versprach Herr Siller.

Schlafen. Das klang nach einer guten Idee. Ich fühlte mich erschöpft. Meine Augen fielen von alleine zu und Dunkelheit umfing mich wieder. Meine Ohren hörten noch, dass die beiden Lehrer wieder anfingen, sich zu unterhalten, aber wieder ergab es keinen Sinn. Dann war auch das Geräusch weg.

 

Als ich das nächste Mal erwachte, konnte ich die Augen gleich aufmachen. Ich fühlte mich wesentlich fitter, wacher, als vorher. Es war dämmrig im Zimmer, die typische Krankenhaus-Nachtbeleuchtung war an. Draußen war es komplett finster, nur die Straßenbeleuchtung konnte ich in einiger Entfernung erkennen.

Neben meinem Bett saß jemand. Den wuscheligen dunkelblonden Haaren nach zu urteilen Frau Bauer, die dritte Lehrerin auf unserer Studienfahrt. Sie hatte ihre Arme neben meinem linken Arm auf das Bett gelegt und ihren Kopf darauf gebettet. Sie schlief tief und fest.

Na toll, jetzt hatte ich ausgeschlafen und war fit und niemand war da, der mir erklären konnte, was eigentlich passiert war. Aber vielleicht war mein Gehirn ja inzwischen wieder in der Lage, sich zu erinnern? Einen Versuch ist es wert, entschied ich. Gut, also wir waren im Old Bailey gewesen. Danach hatten wir uns in der Nähe unseres Hotels indisches Essen geholt. Ich musste grinsen, als ich mich daran erinnerte, wie Matze geflucht hatte. Indisch liebte ich schon immer, auch die Schärfe, daher hatte ich es auch indisch bestellt. Matze, oder Matthias, wie er eigentlich hieß, wollte mir nicht nachstehen und bestellte trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – meiner Warnung auch ‚spicy‘, also scharf. Tja, nach drei Happen war er knallrot im Gesicht geworden und hatte angefangen zu schwitzen. Es war ihm peinlich gewesen, dass er aufgeben musste nach nicht einmal einem Drittel seiner Portion. Aber ich hatte ihn ja gewarnt. Er hatte vor Denise angeben wollen, da er in sie verknallt war. Meine Freundin. Aber sie wollte nichts von ihm wissen, was er aber auch nach einem halben Jahr immer noch nicht kapiert hatte. Dennoch war er ein guter Freund, ein echter Kumpel für mich.

Doch was war passiert, dass ich nun hier lag? Hm, an dem Abend waren Denise, Inez und Vicky noch ins Theater gegangen. Ich hatte keine Lust gehabt und mit einen ruhigen Abend mit Matze gemacht. Er hatte mich massiert und Herr Siller war ins Zimmer geplatzt. Der Lehrer war knallrot angelaufen weil Matze hinter mir auf dem Bett kniete und mir gerade den BH-Verschluss geöffnet hatte. Allerdings musste man ihm zugutehalten, er hatte Vertrauen in uns bewiesen und Matze nicht aus dem Zimmer geworfen. Hätte ich ihm nie zugetraut, dass er so locker und entspannt sein konnte.

Am nächsten Morgen sind wir zu so einem alten Schloss gefahren, etwas außerhalb von London. Hever Castle. Die Führung war mega-langweilig gewesen, daran musste ich mich nun sicher nicht erinnern. Aber der Park, der war echt toll, so ruhig, gepflegt, viele Bäume und Blumen. Und der Rasen war einfach nur ein Rasen, kein Golfplatz. Wir hatten zwei Stunden Freizeit gehabt, erst dann sollte uns der Bus wieder abholen und zurück ins Hotel fahren. Es war herrlich gewesen, angenehm warm und sonnig. Der perfekte Tag, um im Park zu sitzen. Das hatten die meisten von uns auch getan. Wir hatten uns in eine Ecke unter einen Baum gesetzt und uns unterhalten. Total friedlich, obwohl es bei uns in der Kollegstufe nicht immer so harmonisch war. Doch dieser Nachmittag war besonders gewesen, jeder wurde so akzeptiert, wie er oder sie war.

Matze und ich hatten dann noch beschlossen, in der letzten halben Stunde vor der Abholung noch zum Andenkenlädchen vor dem Schloss zu gehen. Einfach nur mal sehen. Wir hatten die Kutschen vorbei gelassen und waren dann kurz in den Laden.

Moment, Kutschen? Da war doch was?

Langsam fing ich an, mich zu erinnern. Kurz nachdem wir wieder aus dem Laden kamen, war es auf einmal richtig laut geworden. Ein kreischender, hoher und schriller Ton war das gewesen, dazu Hufgeklapper und Geschrei. Uns umsehend hatten wir zwei Pferde auf uns zu galoppieren sehen. Sie waren offensichtlich in Panik gewesen und rannten direkt auf eine Mauer zu. Gerade noch rechtzeitig hatten sie sich gebremst, man konnte die Spuren ihrer Hufeisen im Teer erkennen. Offenbar war das Gestänge von einer der Kutschen gebrochen und die Zugpferde galoppierten nun führerlos mitsamt der Stange auf uns zu. Die Metallstange verursachte das fürchterliche Geräusch, weil sie über den Teer gezogen wurde.

Dann hatten sich die Pferde zu unserer Seite gedreht und waren panisch weitergaloppiert, sie wollten wohl weg von dem Lärm. Der Weg war schmal, die Rasenflächen rechts und links von kleinen Metallzäunen gesäumt. Matze sprang ins Gras. Ich stand erst einmal erstarrt da. Die Pferde wollten weg von dem Lärm, aber jedes in eine andere Richtung, so waren sie mal mehr links, dann wieder mehr rechts. Die Stange schleuderte dabei hin und her. Ich sah mich um, die Menschen brachten sich schnell in Sicherheit, doch ein Mann mit seinem Rollator kam nicht über die kleine Einfassung. Ohne zu überlegen rannte ich zu ihm hin und schleuderte ihn über den winzigen Metallzaun in das Gras, nahm dabei keine Rücksicht auf seine alten Knochen. Dann sprang ich selber mit einem Hechtsprung hinterher, als die Pferde schon auf gleicher Höhe mit mir waren, wollte mich abrollen.

Doch da hatte mich ein heftiger, stechender Schmerz durchzuckt. Das muss es gewesen sein. War ich deshalb hier? Was genau war passiert?

Ich versuchte, meine Gedanken über den Schmerz hinaus zu treiben, doch da war erst einmal nichts. Dann kam wieder Schmerz. Die Stange hatte mich getroffen?!

Jetzt wusste ich es wieder. Ich war auf dem Boden liegend aufgewacht und hatte geschrien vor Schmerzen. Matze hatte meine Hand gehalten und mir gut zugeredet. Was er gesagt hatte konnte ich nicht mehr nachvollziehen, aber seine Stimme war tröstlich gewesen.

Dann waren endlich ein Arzt und ein Rettungswagen dagewesen. An mehr konnte ich mich nicht erinnern.

 

 

 

 

 

 

 

Bevor ich noch weiter grübeln konnte, regte sich Frau Bauer. Erschrocken sah sie mich an. Scheinbar hatte sie nicht einschlafen wollen. Oder nicht von mir dabei erwischt werden. Konnte auch nicht sonderlich bequem sein.

„Wie fühlst du dich?“, fragte sie mich.

„Was ist passiert?“, stellte ich eine Gegenfrage.

Sie zuckte zusammen. So schlimm? Dabei hatte ich nur keine Ahnung, wie ich ihre Frage beantworten hätte sollen. Ich wusste ja selber nicht genau, wie ich mich fühlte.

Frau Bauer war aufgestanden und ging unruhig neben meinem Bett auf und ab. Also definitiv schlimm. Ich beobachtete sie aufmerksam, wollte es nun endlich wissen. Wenn ich meinen Körper so spürte, konnte ich die Nachwirkungen einer Narkose bemerken. Ich fühlte mich irgendwie wie in Watte gepackt. Aber was war denn nun?

„Also, naja, an was kannst du dich erinnern?“, wollte sie wissen.

Versuchte sie gerade, Zeit zu schinden? Wieso konnte sie es mir nicht einfach sagen? Lag ich im Sterben? Angst stieg in mit auf, blubberte in meinem Bauch wie zuviel Brausepulver. Offenbar sah sie mir meine Angst an.

„Du hattest einen Unfall. Kannst du dich an die Pferde erinnern?“, begann sie zögernd.

Ich nickte schwach.

„Nun, die Ärzte haben dich gestern den ganzen Tag operiert. Direkt nach dem Unfall vorgestern warst du nicht stabil genug dafür. Sie haben uns erklärt, dass ein Teil deines Rückenmarks unwiderbringlich geschädigt ist. Du wirst zeitlebens querschnittgelähmt sein. Es tut mir leid.“

Sie setzte sich neben mich. Ich hatte die Worte verstanden, aber zusammengesetzt schienen sie keinen Sinn zu ergeben. Was wollte sie mir damit sagen? Ich wusste, was ‚querschnittsgelähmt‘ bedeutete. Aber was hieß das für mich? Ich konnte doch alles spüren, wenn auch etwas kribbelig. Moment mal, kribbelig? Waren es Lähmungserscheinungen und nicht die Nachwirkungen einer Narkose? Entsetzt blickte ich die Lehrerin an. Sie nahm meine Hand in ihre und strich mir mit der anderen Hand über den Kopf. Nach und nach realisierte ich, was sie mir gerade gesagt hatte. Puzzleteil für Puzzleteil klickte an seinen Platz.

„Nein!“, hauchte ich.

„Es tut mir leid.“, wisperte Frau Bauer wieder, diesmal mit Tränen in den Augen.

Ich spürte, wie sich auch meine Augen mit Tränen füllten. Das durfte nicht sein! Konnte nicht sein! Nie wieder laufen? Ich war gerade 19 Jahre. Wie sollte das gehen? Judo, Ju-Jutsu, Klavier, Skifahren, Theater, Rotes Kreuz. Nein, ich wollte das nicht aufgeben. Schwimmen, Radfahren, Bergsteigen, Klettern. Ich brauchte meine Beine doch! Mein Freund, er hatte mal gesagt, er würde lieber sterben als im Rollstuhl sitzen. Nein, das durfte einfach nicht sein! Wann sagte sie endlich, dass das nicht stimmte? Wann wachte ich endlich aus diesem Traum auf? Es musste ein Alptraum sein. Aber dafür fühlte es sich einfach zu real an. Im Traum fiele mir nie ein, dass meine Lehrerin meine Hand hielt, mir über die Haare strich, mir die Tränen aus dem Gesicht wischte. Ich weinte nicht in meinen Träumen. Nie. Selbst die schlimmsten Alpträume hatten das schon Jahre nicht mehr geschafft. War das also doch real?

Jetzt, wo alle Dämme gebrochen waren, wusste ich auch wieder, wie verzweifelt der Arzt gekämpft hatte. Ich verfluchte in diesem Moment meine guten Englischkenntnisse, hatte jedes vernichtende Detail verstanden. Ich wünschte mir den Wattezustand zurück, jetzt, wo plötzlich alles so klar und deutlich war. Mein unterer Rücken begann schmerzhaft zu pochen und es fühlte sich an, als würden Abermillionen Ameisen in einem Teil meiner Beine krabbeln. Der Schrei, der sich in mir aufbaute, wollte raus, doch ich biss die Zähne zusammen. Verletzungen kannte ich zur Genüge vom Sport, auch da biss ich die Zähne zusammen. Ich habe schon ein Turnier im Judo mit zwei gebrochenen Rippen gewonnen, die mein Trainer kurzerhand mit Tape fixiert hatte. Ich würde auch hier und jetzt keine Schwäche zeigen.

Der Rettungswagen. Ich konnte mich erinnern, dass sie mich mit Hilfe einer Schaufeltrage auf die Trage umgebettet hatten. Sie hatten eine Vakuummatratze benutzt, um mich zu immobilisieren. Matze hatte meine Hand gehalten, als sie mich in das Auto schoben. Dann hatte der Arzt mich narkotisieren wollen, damit ich keine Schmerzen während der Fahrt hatte.

„Daniela? Alles in Ordnung?“, drang auf einmal Frau Bauers Stimme zu mir durch.

Wie jetzt? Meinte die das ernst? Wie sollte alles in Ordnung sein, nachdem sie mir gerade erklärt hatte, dass mein ganzes Leben nun auf den Kopf gestellt wurde?

„Es geht schon.“, antwortete ich ihr.

Als würde ich jetzt etwas anderes zugeben. Tat ich nie. Es gab nur wenige Menschen, die ich so nahe an mich heran ließ. Sie, meine Lehrerin, sicherlich nicht. Nicht mal Matze, obwohl wir wirklich eng befreundet waren.

Das Öffnen der Tür riss mich aus meinen Gedanken. Wieso in aller Welt spielte sich gerade alles in meinem Kopf ab? Ich war doch sonst nicht so ein Grübler? Eine Krankenschwester kam mit einem Tablett herein.

„I´ve got some breakfast for you. Would you like some tea, dear?“, fragte sie.

„Ich habe dir Frühstück gebracht. Möchtest du Tee?“

Frühstück. Okay. Und Tee. Klang gut, mein Hals fühlte sich extrem trocken und kratzig an.

„Yes, thank you. Earl Grey would be great. No milk, no sugar, no lemon. Just tea, please.“, antwortete ich so höflich wie möglich.

„Ja, vielen Dank. Earl Grey, bitte. Keine Milch, keinen Zucker und keine Zitrone. Einfach nur Tee, bitte.“

Engländer und ihre Höflichkeit sollte man nicht unterschätzen. Aber ich hasste dieses Brimborium, das sie um Tee machten. Ich mochte weder Zucker noch Milch oder Zitrone in meinem Tee.

Die Krankenschwester stellte das Tablett auf meinen Nachttisch und ging wieder. Nur eine Minute später kam sie mir einer Kanne Tee zurück. Ich war ehrlich dankbar. Sie erhöhte das Kopfteil meines Bettes vorsichtig, damit ich besser essen konnte, hörte aber sofort auf, als der Schmerz in meinem Rücken aufflammte. Offenbar hatte sie das kurze Zucken in meinen Augen gesehen.

„Do you need a higher dose of painkillers?“, fragte sie leise.

„Brauchst du ein stärkeres Schmerzmittel?“

„I think I´ll be okay in a minute. Thank you.“, murmelte ich.

„Ich glaube, es wird gleich wieder. Danke.“

„Call me if you change your mind!“, ermunterte sie mich und zeigte mir den Rufknopf.

„Sag Bescheid, wenn du es dir anders überlegst.“

„I´ll be back with the doctor in about an hour. He´ll want to see you first when his shift starts, now that you´re awake!“, informierte sie mich, bevor sie ging.

„Ich werde in etwa einer Stunde mit dem Arzt kommen. Er wollte dich gleich bei Schichtbeginn sehen, wenn du wach bist.“

Ich griff nach dem Tee und versuchte, mich zu beruhigen. Nach ein paar tiefen Atemzügen erinnerte ich mich, dass Frau Bauer immer noch bei mir im Zimmer war. Sie wirkte etwas verzweifelt, wusste offenbar nicht, was sie tun sollte.

„Es tut mir wirklich sehr leid!“, flüsterte sie schließlich.

 

 

 

Frau Bauer war bei mir, als der Arzt, Dr. Connolly, zur Visite kam, aber außer dass sie meine Hand hielt war sie keine große Hilfe. Meine Englischkenntnisse waren ihren weit überlegen, hatte ich doch erst ein Austauschjahr in den U.S.A. hinter mir und sie war Deutsch- und Sportlehrerin. Doch der Fachjargon war auch mir in dieser Sprache nicht so geläufig, aber Dr. Connolly war sehr aufmerksam und konnte gut erklären. Letztendlich hatte ich es so verstanden: Bei dem Unfall war meine Wirbelsäule in Höhe des 3. bis 5. Lendenwirbels geschädigt worden. Dabei waren mehrere Nervenstränge des Rückenmarks verletzt worden. Die Motorik war fast komplett durchtrennt, bei der Sensibilität waren einige Stränge erhalten worden, was dank der Notoperation auch stabilisiert werden konnte. In dieser Operation hatten sie mehrere Knochensplitter entfernt und die Wirbelsäule in dem Bereich mit Platten und Schrauben fixiert. Es tat ihm leid, dass er mir keine bessere Prognose geben konnte, aber der Schaden war einfach zu groß. Die Prognose sah so aus, dass das Gefühl, was ich momentan als Ameisenkribbeln empfand, sich normalisieren würde und ich mit viel Glück minimale Bewegungen wieder ausführen könnte. Irgendwann in der Zukunft.

Ich wollte darüber jetzt nicht nachdenken, daher war ich froh, als sich die Tür öffnete und Matze auftauchte. Auch Inez, Denise und Vicky waren da. Herr Siller und Frau Kolb komplettierten die Gruppe. Matze kam zu mir und nahm mich vorsichtig in den Arm. Ich konnte die empörten Blicke der Lehrer sehen, war aber froh, dass Matze mich so normal wie möglich behandelte.

„Hey Hobbit, wie geht´s dir?“, fragte er leise.

„Weiß nicht genau, aber ich bin froh, dich zu sehen. Danke, dass du da warst.“, antwortete ich.

Er verstand mich offenbar und hielt mich fest. Matze war einfach der beste Kumpel, den man haben konnte. Seit er über seiner Facharbeit saß nannte er mich Hobbit. Nicht nur wegen meiner Größe, die mit 1,50 m nicht allzu riesig war, sondern weil ich fast immer barfuß unterwegs war. Er gab mir in diesem Moment die Sicherheit, die ich brauchte, um all das durchzustehen. Ich hielt mich an ihm fest, drückte mich in seine beschützenden Arme. Weinen konnte ich nicht, das lag nicht in meiner Natur, aber ich ließ mich trotzdem von ihm beruhigen.

Auch die Mädels begrüßten mich, als Matze mich wieder freigab, wussten aber offenbar nicht so recht, was sie sagen sollten. Ein bedrücktes Schweigen machte sich breit. Immer wieder machte jemand den Versuch, ein Gespräch aufzubauen, aber es klappte einfach nicht, ich war noch zu benommen und die anderen waren vorsichtig, nichts Falsches zu sagen.

Schließlich mahnten die Lehrer zum Aufbruch, denn sie würden in einer Stunde aufbrechen zurück nach Deutschland. Ich musste zurückbleiben. Mit Tränen in den Augen verabschiedeten sie sich von mir. Es tat ihnen scheinbar weh, mich so zurücklassen zu müssen.

Erst als sie weg waren ließ ich meiner Verzweiflung freien Lauf. Zum ersten Mal seit Jahren weinte ich. Und ich ließ die Tränen einfach laufen, es war mir egal, ob mich jemand so sah.

 

Die nächsten Tage waren die Hölle für mich. Das Krankenhauspersonal kümmerte sich rührend um mich, sie versuchten alles dafür zu geben, dass es mir an nichts fehlte, aber sie konnten mir meine Familie nicht ersetzen. Meine Eltern riefen mich täglich an, machten mir Mut, waren stark, wenn ich es nicht war. Doch meist weinte ich mich nachts in den Schlaf. Ich schaffte es nicht, meine Tränen zurückzuhalten. Meine Wirbelsäule war fixiert und ich musste still liegen bleiben.

Täglich kam ein Physiotherapeut und bewegte meine Beine, damit die Muskeln nicht komplett verkrampften. Als ich ihn darum bat, machte er auch Übungen zur Kräftigung meiner Arme. Erstens wollte ich mir wenigstens da meine Kraft erhalten und zweitens würde ich diese Kraft in Zukunft wohl brauchen. Aufgeben war trotz allem keine Option. Nicht für mich.

Nach einer Woche kam Steve, der Physiotherapeut, nach Dienstschluss nochmal zu mir und hielt mir ein Telefon hin.

„I thought you might like to call your boyfriend. Don´t worry, I´ll take care that you won´t get into trouble for using that phone. Take your time!“, grinste er.

„Ich dachte mir, du möchtest vielleicht deinen Freund anrufen. Ich kümmer mich darum, dass du wegen dem Telefon keinen Ärger bekommst. Lass dir Zeit!“

Dankbar nahm ich es an. Steve gab mir die Durchwahl nach Deutschland und dann ließ er mich alleine. Ich hatte Michas Nummer im Kopf und wartete ungeduldig darauf, dass er endlich ran ging. Doch er nahm nicht ab. Dabei wusste ich, dass er momentan zwischen zwei Aufführungen Pause hatte. Micha war Schauspieler, hatte nachmittags und Abend Vorstellung, doch um diese Zeit war gerade nichts los. Warum ging er dann nicht ans Telefon? Traurig rief ich nach Steve und gab ihm das Telefon zurück, nachdem ich Micha eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen hatte. Meine Nummer war auch dabei, vielleicht rief er mich ja zurück. Ich hoffte es jedenfalls. Ich war ein verliebter Teenager und konnte mir schon diese eine Woche Klassenfahrt ohne ihn nicht vorstellen, aber jetzt war noch eine zusätzliche Woche vergangen und ich hatte nichts von ihm gehört. Aber Papa hatte mir versprochen, ihn anzurufen und Bescheid zu geben. Und mein Bruder sah ihn ja fast täglich, da wusste er bestimmt Bescheid. Aber warum meldete er sich dennoch nicht? War es wegen meinem Unfall? War das von ihm damals ernst gemeint und ich war für ihn gestorben, weil er sich mit mir nicht mehr blicken lassen konnte?

Diese Grübeleien begleiteten mich die nächsten Tage. Dennoch kämpfte ich mich durch die Therapie und versuchte, mich nicht aufzugeben. Mein Bruder erzählte mir am Telefon, dass meine Statistenrolle nun weggefallen war, sie hatten keinen Ersatz für mich gefunden. Er richtete mir von den meisten Schauspielern liebe Grüße aus und sie schickten mir sogar Blumen und eine Karte. Nur „mein“ Schauspieler nicht. Wieso war ich den anderen wichtiger als meinem Freund? Dann endlich bekam ich gute Neuigkeiten: Ein Rücktransport nach Deutschland war geplant in eine Unfallklinik nahe München. Es war zwar immer noch nicht zuhause, aber besser als nichts. Ich wollte nicht länger in London bleiben und so freute ich mich wirklich. Vor allem, als Dr. Connolly mir sagte, dass meine Kollegen aus dem Roten Kreuz es organisiert hatten, dass mich ein Hubschrauber abholte. Ich liebte Hubschrauber über alles und war aber noch nie geflogen.

Nur knapp drei Tage später standen dann Dr. Connolly und sein deutscher Kollege vor mir. Dr. Michael Roth war mir auf Anhieb sympathisch. Er war kein typischer Arzt, hatte schulterlange braune Haare und wirkte ein bisschen wie der typische zerstreute Professor. Aber sobald es um medizinische Belange ging war er die Ruhe und Professionalität in Person. Man musste ihn einfach mögen und ich hatte sofort Vertrauen zu ihm.

„Dr. Michael Roth, aber sag ruhig Michael zu mir.“, stellte er sich mir vor.

„Daniela Fuxx, aber meist entweder Dana oder Nela genannt.“, erwiderte ich.

„Nela?“, fragte er nach.

„Hm, mein Neffe kriegt meinen Namen einfach nicht hin und hat Nela draus gemacht und dabei ist es geblieben.“, erklärte ich.

„Nun gut, dann werde ich gerne Nela sagen. Der Name gefällt mir. Aber jetzt werde ich noch einmal mit meinem Kollegen ein paar Sätze reden und etwas essen, bevor wir in etwa einer Stunde los können. Du solltest auch noch was essen. Mein Kollege, der dafür gesorgt hat, dass du hier von uns abgeholt wirst, hat mir erzählt, dass du noch nie Helikopter geflogen bist. Ich werde sehen, dass du den Flug zumindest ein bisschen genießen kannst. Bist ja schließlich auch eine Kollegin, wir Rettungskräfte müssen ja zusammenhalten, oder?“, grinste er und ging.

Nervös und aufgeregt wie ich war, bekam ich kaum einen Bissen hinunter. Dennoch versuchte ich, zumindest ein bisschen was zu essen, denn schlecht war das Essen hier nicht. Im Gegenteil, ich mochte die englische Küche inzwischen gern. Trotzdem freute ich mich, dass ich endlich hier rauskam. Es war einfach zu weit weg, nahe München, da konnten mich meine Eltern auch mal besuchen, es waren zwar drei Autostunden, aber vielleicht mal am Wochenende…

Die Stunde verging wie im Flug und dann kam Dr. Roth, nein Michael wieder. Diesmal hatte er noch einen blonden jungen Mann dabei, der wirkte nicht viel älter als ich selber.

„So, Nela, bereit?“, fragte Michael.

„Das ist Peter, mein Sanitäter. Wir werden dich nun umbetten müssen, es könnte ein bisschen wehtun, aber wir geben uns Mühe. Wenn du eine höhere Dosis Schmerzmittel willst, dann sag mir Bescheid, und ich häng dir noch was dran.“

„Nein, danke. Ich will von dem Flug was mitkriegen!“, wiegelte ich ab.

„Du wirst was mitkriegen, keine Sorge, aber du sollst ihn auch genießen können!“, lachte Michael.

Der Sanitäter, Peter, schüttelte nur den Kopf, grinste mich aber an. Sehr gesprächig war er im Moment nicht, aber wir hatten ein bisschen Zeit vor uns. Geübte Griffe ließen seine Vorbereitungen einfach aussehen, aber ich kannte diese Handgriffe nur zu gut und wusste, dass es auf viele Kleinigkeiten ankam. Dann kamen noch Steve und ein Pfleger, die den Beiden dann halfen, mich auf die Trage umzubetten. Wieder kam eine Vakuummatratze zum Einsatz, auf die ich mit der Schaufeltrage gebettet wurde. Ich kannte das Ganze bisher nur von Übungen, bei denen ich Opfer gespielt hatte, aber jetzt war es ernst. Doch es tat nicht weh. Sie waren sehr sanft mit mir umgegangen.

Steve verabschiedete sich von mir, ebenso die Schwestern und Pfleger und Dr. Connolly. Ich mochte sie, denn sie waren mir wirklich eine große Stütze gewesen in den Wochen hier. Natürlich baut man in so einer Zeit eine gewisse Beziehung zueinander auf. Doch ich wollte nun nur noch weg, zum Helikopter, nach Hause.

 

Sie schoben mich hinaus. Zum ersten Mal seit Wochen war ich wieder draußen und konnte gar nicht genug davon kriegen, vergaß sogar, dass ein Hellikopterflug auf mich wartete. Ich schloss die Augen und atmete tief die klare Luft ein. Die Sonne schien, was in England ja angeblich so selten war, aber in der Zeit, in der ich nun hier war, hatte es nur an zwei Tagen tatsächlich geregnet. Es war Ironie des Schicksals, ich lag drinnen und das Wetter wäre völlig egal gewesen, aber die Sonne schien und schien, als würde sie mich auslachen. Nur gut, dass ich geschoben wurde, da war es nicht schlimm, dass meine Augen geschlossen waren. Aber ich genoss die Sonne auf meiner Haut so sehr, ich musste einfach die Augen zulassen. In mir wurde es endlich wieder warm. Ich hatte nicht bemerkt, wie kalt mir in den letzten Wochen gewesen war. Aber jetzt wärmte mich die Sonne und das wollte ich genießen, so lange ich konnte.

Als die Bewegung stoppte und die Ärzte letzte Absprachen trafen, öffnete ich meine Augen wieder und sah in Peters grinsendes Gesicht. Jetzt sah er sogar noch jünger aus als vorher.

„Das hier ist unser Baby und sie wird dich nach Hause bringen!“, sagte er.

„Mein Baby, wolltest du wohl sagen.“, mischte sich eine andere Stimme ein.

Ich sah mich um, so gut es ging, konnte den Sprecher aber nicht sehen, da meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Er stand offenbar hinter mir. Jetzt kam er nach vorne, sodass ich ihn sehen konnte. Er war auch noch relativ jung, irgendwo zwischen Peter und Michael vom Alter her. Ich sollte später erfahren, dass ich mit dieser Einschätzung absolut richtig lag.

„Ich bin Thomas, oder einfach Tom. Das hier ist Bekka, mein Baby. Ich bin der Pilot.“, stellte er sich vor.

„Wow, eine BK 117. Schöner Vogel!“, staunte ich.

„Du kennst dich aus?“, war Toms erstaunte Reaktion.

„Ein bisschen. 11 m Spannweite, 278 km/h Spitzengeschwindigkeit. Erstflug und Zulassung 1979, mein Geburtsjahr. Ich liebe dieses Modell, hab schon mehrere zuhause in klein. Modellbau.“, sprudelte ich heraus.

Tom lachte.

„Wow, ich bin beeindruckt! Du hast echt Ahnung. Kannst du auch fliegen?“

„Nur die Modelle. Ich hatte noch nie das Vergnügen, in einem Heli fliegen zu dürfen.“

„Okay, Kleine, dann mal rein mit dir und dann geht´s los!“, grinste Tom und schob die Trage nach hinten, damit er mich mit Peters Hilfe einladen konnte.

„Ich bin Nela.“, stellte ich mich vor.

Hatte ich wohl vor lauter Begeisterung total vergessen. Aber Tom nahm es mir nicht krumm. Er kam nach vorne und setzte mir einen Helm auf, damit ich mit den anderen reden konnte während des Fluges. Dann setzte er sich nach vorne um den Abflugcheck zu beginnen – oder wohl eher zu beenden, denn er war schließlich die ganze Zeit bei seiner Bekka geblieben. Peter und Michael stiegen zu mir in die Kabine. Es war ziemlich eng, aber da der vordere Sitz drehbar war konnte Peter zwischen vorne und hinten wechseln. Beim Start unterstützte er Tom mit der Sicherung, da Tom keine Rundumsicht hatte, dann drehte er sich wieder nach hinten.

Innerhalb von Minuten waren wir in der Luft. Tom holte sich die Freigabe für eine Runde über London und schaltete dann auf internen Funk um.

„Damit du was vom Flug hast, Kleine!“, lachte er.

Tom war entspannt. Er liebte das Fliegen so offensichtlich, da konnte man nicht umhin, ihn zu beneiden. Er hatte seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Wir flogen eine kurze Runde über die City von London. Ich konnte Big Ben erkennen, die Tower Bridge und den Tower von London. Auch Westminster Abbey und den Buckingham Palace konnte ich sehen. Dann drehte Tom die Maschine, bedankte sich bei der Flugsicherung und bekam die Freigabe für den Flug in Richtung Deutschland.

Michael hatte die Trage so eingestellt, dass ich ein wenig aufrecht war, es war nicht hoch, aber ich konnte aus dem Fenster schauen. Ich war wirklich dankbar, denn im Liegen hätte ich es nicht ausgehalten. Auch wenn die Umstände echt bescheiden waren, diesen Flug wollte ich genießen.

Irgendwie irritierend, seit ich an Bord war, hatte ich noch nicht einmal an mein neues Schicksal gedacht, ich war so entspannt und gelöst wie seit dem Unfall nicht mehr. Es lag sicher auch an der Gesellschaft, denn Peter, Tom und Michael waren echt klasse. Sie unterhielten sich mit mir, erzählten mir ein paar Anekdoten aus ihrem Alltag. Die drei waren ein eingespieltes Team, saßen tagtäglich zusammen in dem Hubschrauber. Heute wurden sie von einem anderen Team und einer Ersatzmaschine vertreten, damit sie mich abholen konnten. Da hatte sich mein „Chef“ beim Roten Kreuz ja echt ins Zeug gelegt. Dabei war ich nur ehrenamtlich dort tätig. Gewesen, so wie es aussah.

Michael erzählte mir von seinem Sohn, der nur ein wenig jünger als ich selber war. Tom war nicht nur Pilot sondern auch ausgebildeter Rettungsassistent. Er hatte sich seine Flugstunden in der Nähe seines Elternhauses verdient, indem er Maschinen gewartet hatte.

Viel zu schnell waren wir in der Nähe von München. Tom konnte keine Ehrenrunde drehen, da im Luftraum rund um München einfach zu viel los war. Er nahm also direkt Kurs auf die Unfallklinik. Inzwischen wurde es Abend und die Sonne war schon weit unten am Himmel. Es sah traumhaft aus. Aber es machte mich traurig. Jetzt war ich zwar in Deutschland, aber immer noch im Krankenhaus. Zumindest bald wieder. Und da wollte ich eigentlich nicht hin. Mein Freund hatte mich immer noch nicht zurückgerufen und meine Eltern würden erst in ein paar Tagen kommen können, da meine Geschwister ja auch versorgt werden mussten. Am Wochenende würden Mama und Papa dann kommen, aber heute war erst Mittwoch. Sie wollten meine Geschwister unter der Woche nicht alleine lassen, damit sie auch rechtzeitig in die Schule kamen. Die waren ja, mit einer Ausnahme, alle jünger als ich.

Andre, mein großer Bruder, lebte in der Nähe von Köln. Wo die Liebe hinfällt… Andre war 8 Jahre älter als ich. Er arbeitete bei der Kripo. Er und seine Lebensgefährtin Tina hatten einen inzwischen 6 Jahre alten Sohn, Leon und Tina war schwanger mit einer kleinen Schwester für ihn. Meine anderen Geschwister waren jünger. Ich war 18, mein nächster Bruder Martin 17, meine Schwester Gina war knapp 16 und mein jüngster Bruder, Tommy, war 14. Gina ging auf die Realschule, Martin, Tommy und ich ins Gymnasium. Martin und ich waren beide in der 12. Klasse Kollegstufe. Ich hatte einmal ein Jahr ausgesetzt und in den U.S.A. erlebt, daher waren wir zusammen in einer Stufe.

Wir verstanden uns meistens blendend, aber es gab auch gewaltige Geschwisterkämpfe, wenn es denn sein musste. Andre hatte sich eigentlich immer rausgehalten, er war mit 17 ausgezogen, um seine Ausbildung bei der Polizei zu beginnen. Meistens bei Streitigkeiten ging es dann Gina und Martin gegen Tommy und mich. Aber das dauerte nie lange, wir waren uns viel zu ähnlich, teilten viele Interessen. Wir waren zu viert im Roten Kreuz und im Judo, gingen Bergsteigen oder Skifahren. Auch Radtouren unternahmen wir häufiger gemeinsam.

Wie sollte das nun werden? Wieder überwältigte mich die Verzweiflung. Ich konnte mir mein Leben so ohne Beine kaum vorstellen. Ich würde so vieles aufgeben müssen. Und wenn ich nicht rechtzeitig wieder in die Schule kam, dann machte mein jüngerer Bruder eher Abitur als ich. Das konnte doch nicht sein!

Michael spritzte irgendwas in meine Infusion, wahrscheinlich ein Beruhigungsmittel. Zu oft war ich selber schon mit im Rettungswagen unterwegs gewesen und hatte die hauptamtlichen Kollegen unterstützt. Ich wusste doch, wie es hier zuging. Wenn ich auch bodengebunden gearbeitet hatte, aber irgendwie war doch alles gleich.

Definitiv ein Beruhigungsmittel, das Wattegefühl kam zurück. In diesem Moment war es mir willkommen. Wir landeten nur ein paar Minuten später auf dem Dach der Unfallklinik und Michael und Peter übergaben mich an das diensthabende Personal. Wie der Doktor hieß, habe ich schon wieder vergessen, da war zu viel Kommen und Gehen und ich habe ihn danach, glaube ich, nicht noch einmal gesehen. Die Klinik war riesig, hatte aber einen verdammt guten Ruf bei Unfällen jeder Art, gerüchteweise ließen sogar die arabischen Scheichs ihre Frauen dort behandeln. Gesehen habe ich aber nie welche.

 

Michael brachte mich bis in den Untersuchungsraum. Dort verabschiedete er sich von mir, versprach aber, dass er bei Gelegenheit vorbeikommen würde. In dem Moment glaubte ich es ihm nicht. Wahrscheinlich sagte er das zu allen seinen Patienten. Ich wurde komplett durchgecheckt, in die Röhre zum MRT gefahren und musste noch neurologische Tests über mich ergehen lassen. Erst danach wurde ich auf Station gebracht und die Nachtschwester – inzwischen war es nach 22 Uhr – brachte mir noch eine Kleinigkeit zu Essen und ein Telefon, damit ich meine Eltern anrufen konnte.

Ich war so müde, dass ich nur noch nuschelte. Meine Eltern verstanden mich trotzdem. Ich liebe sie. Die Schwester gab ihnen meine Telefonnummer. Ich bekam noch mit, dass der Direktor meiner Schule dafür gesorgt hatte, dass ich Telefon und Fernsehen nutzen konnte. Die Schule kam dafür auf. Essen konnte ich nichts mehr, ich war einfach zu müde. Ich trank noch eine kleine Flasche Wasser, dann war ich weg.

Am nächsten Morgen wachte ich auf, weil es ziemlich laut zuging. Erschrocken riss ich die Augen auf. Zum ersten Mal sah ich mich um. Ich lag nun nicht mehr in einem Einzelzimmer sondern in einem Doppelzimmer. Meine Bettnachbarin, eine freundlich aussehende ältere Dame, wollte scheinbar aufstehen und hatte ihre Krücken umgeworfen. Entschuldigend lächelte sie mich an.

„Tut mir leid. Ich wollte sie nicht aufwecken.“

„Nicht so schlimm. Ich hab eh Hunger. Ich bin Nela. Bitte sagen sie ‚du‘ zu mir.“, stellte ich mich vor.

„Dann musst du aber auch ‚du‘ zu mir sagen. Ich bin Elisabeth oder kurz Lissy. Freut mich, dich kennen zu lernen.“, antwortete die Dame lächelnd.

Dann schnappte sie sich ihre Krücken und ging durch eine kleine Tür. Dahinter versteckte sich bestimmt das Bad. Das brauchte ich dank Katheder – eine schreckliche Erfindung – momentan nicht. Sie hatten mir sogar einen künstlichen Ausgang verpasst. Ich war sowas von begeistert. Okay, ein Hoch auf den Sarkasmus. Aber zumindest hatte Steve mir gesagt, dass das wohl ein vorübergehender Zustand sein sollte. Wenigstens war es so angedacht. Was daraus werden würde, war wohl noch nicht so sicher. Während Lissy noch im Bad war kam eine junge Lernschwester und brachte Frühstück. Mit Kaffee. Den ließ ich mal gleich zurückgehen. Kein Kaffee. Nur Tee. Ohne schwarzen Tee morgens kann man mich vergessen. Egal welche Sorte, Hauptsache schwarzer Tee. Ohne alles. Nach ein paar Minuten bekam ich tatsächlich welchen, aber nur eine einzelne Tasse. In London hatten sie mir das Zeug kannenweise gebracht. Die Schwester erklärte mir, dass ich gerne Früchte- oder Kräutertee in einer Kanne bekommen könnte, aber schwarzen Tee nicht, da er sich negativ auf die Gesundheit auswirken könnte. Ebenso sei es bei Kaffee. Okay, da musste am Wochenende Mama aushelfen!

Der Rest des Frühstücks war echt in Ordnung, Mehrkornsemmeln mit Butter, Marmelade und Honig. Sonst aß ich zwar Brot oder Müsli, aber das passte schon. Ich ließ es mir schmecken. Danach wurde ich dann gewaschen, wobei mir diesmal erlaubt wurde, mein Gesicht, den Oberkörper vorne und die Arme selber zu waschen. Ich nutzte die Gelegenheit und bestellte eine Friseurin zum Haare waschen. Die Schwestern machten das nicht, weil es zu viel Aufwand war und nicht zu schaffen. Aber die Friseurin verlangte nur ein paar Mark dafür, daher würde ich das wohl zwei oder drei Mal die Woche nutzen. Konnte ja weder ins Kino noch in die Eisdiele oder zum Italiener gehen, da war genug vom Taschengeld übrig.

Dann endlich war Visite. Lissy saß inzwischen auch wieder in ihrem Bett, sie hatte am Tisch gefrühstückt. Wir hatten uns eine Weile unterhalten und sie war dann ein bisschen auf dem Gang spazieren gegangen, als ich gewaschen wurde. Sie war echt nett und einfühlsam.

Der Chefarzt persönlich kam zur Visite. Über die Schule war ich in einer Art Privatversicherung gelandet. Auch nicht schlecht. Allerdings hatte das zur Folge, dass die Visite ziemlich schnell vorbei war. Aber ich kannte  mich gut genug aus und verstand, worum es ging. Die Untersuchungen hatten kein anderes Ergebnis gebracht wie die in London. Wenn die Fixierung gut genug verheilt war, dann konnte ich mit der allgemeinen Therapie anfangen. Bis dahin hatte ich weiterhin Bettruhe und die Krankengymnasten kamen zu mir ans Bett. Die Prognose blieb die gleiche. Also alles soweit bekannt. Der Arzt verkündete mir noch, dass er zusammen mit den Therapeuten einen Therapieplan für mich erstellen würde und war dann gleich wieder verschwunden.

„Der Arme, hat nie wirklich Zeit, alle Privatversicherten haben das Recht, dass er täglich nach ihnen sieht.“, erklärte mir Lissy.

„Ist er deswegen so kurz angebunden?“, wollte ich wissen.

Lissy nickte nur.

„Aber er ist eigentlich ganz nett.“, versicherte sie mir noch.

Wir unterhielten uns weiter. Ich erzählte von meiner Familie, sie von ihrer. Lissy war verwitwet, hatte eine Tochter und inzwischen zwei Enkelkinder. Die Tochter lebte in Neuseeland, weil sie sich in ihrem Abschlussjahr in einen Brieffreund von dort verliebt hatte und nach dem Abschluss zu ihm gezogen war. Die beiden waren immer noch glücklich und hatten inzwischen zwei Kinder, einen 3-jährigen Sohn und eine 4 Monate alte Tochter. Lissy hatte den Enkelsohn erst zweimal gesehen, die Enkeltochter noch nie. Ihr Mann war vor einigen Monaten nach langer Krankheit verstorben und nun plante sie, zu ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn zu ziehen, nachdem die beiden ihr das seit dem Tod ihres Mannes anboten. Nach dem Krankenhausaufenthalt würde sie alles in die Wege leiten. Im Krankenhaus war sie, weil sie einen Unfall gehabt und sich dabei beide Beine gebrochen hatte. Seit drei Monaten war sie jetzt hier und sie war fast komplett genesen, brauchte zwar noch die Krücken, aber auch das war absehbar.

Ich mochte ihre herzliche Art. Sie hatte ein Talent, zuzuhören. Ich vertraute ihr viel mehr an, als ich eigentlich wollte. Schon nach kurzer Zeit lachten wir um die Wette, als ich ihr von meinen Geschwistern und unseren Streichen erzählte. Unterbrochen wurden wir, als es an der Tür klopfte und sich ein bekannter brauner Haarschopf zeigte.

„Andre!“, rief ich freudig überrascht.

„Hey kleine Schwester! Ich dachte mir, dass du dich freust, wenn ich mal reinschaue. Ich hatte gerade eine Fortbildung in München und habe noch zwei Tage Urlaub dran gehängt. Wie geht´s dir?“, lachte Andre mich an und umarmte mich.

„Andre, das ist Lissy, Lissy, das ist mein ältester Bruder Andre.“, stellte ich vor.

„Ich werde überleben, wie immer.“, beantwortete ich dann Andres Frage.

„Und wie geht´s dir wirklich?“, fragte er dann ernst.

„Ich weiß nicht.“, flüsterte ich und hielt seine Hand in meiner fest.

„Hey, ich bin da. Wir kriegen das schon hin. Kann ich dir was bringen? Oder besser noch, ich hab hier was. Ich hab Mama und Papa gebeten, es an mich zu schicken. Hier!“, strahlte er mich an.

Er holte ein Paket aus seinem Rucksack, der bis dahin neben ihm auf dem Boden gelegen hatte. Ich erkannte sofort, was das war und meine Augen weiteten sich.

„Danke Andre!“

„Gerne meine Kleine. Ich wusste, du würdest dich freuen. Ich hoffe nur, dass du hier auch spielen kannst.“

Lissy hatte unseren Wortwechsel neugierig verfolgt. Ich konnte ihr deswegen nicht böse sein. Jetzt sah ich zu ihr hin und erkannte, dass sie wissen wollte, was in dem Paket war. Meine Finger schlossen sich automatisch um den Verschluss und öffneten den Kasten. Ich zeigte Lissy meine Querflöte. Schnell baute ich sie zusammen und setzte sie an die Lippen. Musik hatte mir schon immer geholfen. Ich schloss die Augen und ergab mich dem Moment. Die ersten Töne waren noch zaghaft, dann aber schlossen sie sich schnell zu einer Melodie zusammen. Ohne Gedanken spielte ich, ließ meine Gefühle entscheiden, was dabei rauskam.

„Wunderschön!“, hauchte Lissy, als ich endete.

Andre lächelte ihr zu.

„Meine Kleine hier ist ein musikalisches Genie. Sie drückt ihre Emotionen nie in Worten sondern immer mit Melodien aus. Hat sie schon immer gemacht, seit sie drei Jahre alt war. Musik ist für sie der Schlüssel zu allem.“, erklärte Andre.

„Jetzt übertreibst du. Mit den wirklichen musikalischen Genies kann ich nicht mithalten. Ich hab Spaß an der Musik und ein Gehör dafür, aber mehr auch nicht.“, bremste ich ihn.

Andre lachte nur.

„Nenn es wie du willst, für mich bist du ein Genie. Ich kann ja kaum eine Gitarre von einer Geige unterscheiden!“

„Ich fand es traumhaft schön. Was war das eben?“, kam es nun leise von Lissy.

„Ein Stück aus den vier Jahreszeiten, aus dem Winter um genau zu sein.“, antwortete ich automatisch.

„Und das spielst du einfach so auswendig?“, staunte Lissy.

Ich zuckte nur die Schultern.

„Ich spiele meistens auswendig nach Gehör.“

Wieder legte ich die Flöte an die Lippen und ließ meinen Gefühlen Freiraum. Nach ein paar Takten erkannte ich die Beatles – Let it be. Ich spielte und spielte, manchmal einem Gefühl nachgebend, dann wieder fragte ich Lissy und Andre, was sie hören wollten. Auch andere Patienten ließen über die Schwestern Wünsche ausrichten und ich merkte kaum, wie es mich innerlich stärkte. Die Musik hatte mir gefehlt. Erst als Andre sich gegen Abend verabschiedete, legte ich die Flöte weg und packte sie ein. Sie würde noch oft zu hören sein in der nächsten Zeit, das war allen klar.

 

 

 

 

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück kamen zwei Physiotherapeuten, die mit mir den Trainingsplan für die nächste Zeit besprechen wollten. Zunächst stand Muskelaufbau für die Arme auf dem Plan. Doch nachdem ich ihnen zeigte, wie kräftig meine Armmuskulatur durch das Training war (immerhin trainierte ich bisher etwa 4 Mal pro Woche Kampfsport und war mindestens zwei Mal in der Woche beim Schwimmen und am Wochenende oft in der Kletterhalle), da wurde klar, dass wir die ersten Wochen wohl überspringen konnten. Sie passten das Training insofern an, dass ich nicht Muskelaufbau sondern Muskelerhalt trainierte. Außerdem versprachen sie mir, dass sie einen Rollstuhl für mich organisieren würden, damit ich mich auch selbständiger bewegen konnte. Der Check hatte gezeigt, dass die Stabilisierung der Wirbelsäule soweit gut war. Ich würde zwar in den nächsten Monaten noch ein Korsett tragen müssen, doch das war das geringste Übel. Damit konnte ich umgehen. Dank meiner Musik entsetzte mich der Gedanke an den Rollstuhl inzwischen nicht mehr so sehr, aber er gefiel mir auch noch nicht. Ja, ich musste wohl einiges von meinem Leben aufgeben, aber meine geliebte Musik war mir geblieben.

Der Rollstuhl war eine Katastrophe, das merkte ich sofort. Er war viel zu groß für mich, ich konnte nicht richtig sitzen, da die Sitzfläche zu breit war und bewegen konnte ich ihn auch nicht richtig, weil meine Arme nicht richtig an die Griffe kamen. Jens, einer der Physios, versprach mir, dass in den nächsten Tagen jemand von einem Sanitätshaus kommen würde, damit ich meinen ersten eigenen Rollstuhl bekäme, der würde dann besser zu mir passen. Er gab mir sogar schon einen Katalog, damit ich mir ansehen konnte, welche Möglichkeiten es inzwischen gab. Ich war baff, mit solchen Modellen hätte ich nicht gerechnet. Schneller als erwartet fand ich mich mit meinem Schicksal ab. Ich konnte nichts daran ändern, aber meine Zukunft konnte ich ändern. Also begann ich zu kämpfen.

Meine Eltern kamen am Samstag schon vor dem Mittagessen. Oma und Opa passten auf Gina und Tommy auf, Martin war mal wieder in der Rettungswache. Er war Rettungssanitäter und wollte möglichst viele Stunden ableisten. Nach dem Abitur hatte er eine Zivildienststelle in Aussicht, da konnte er dann gleich weitermachen. Und danach wollte er Medizin studieren.

Meine Eltern waren erstaunt, mich so gelassen zu sehen und das sagten sie mir auch. Wir legten Wert auf Ehrlichkeit in meiner Familie. Mama und Papa hatten uns das immer vorgelebt und wir hatten es übernommen. In der Familie konnte sich jeder auf jeden verlassen und wir alle schöpften Kraft aus dem Zusammenhalt. Selbst Andre, der ja sechs oder sieben Stunden Autofahrt entfernt von uns lebte, war eng mit uns allen verbunden und wir konnten jederzeit auf ihn zählen. Ich setzte mich in meinen geliehen Rollstuhl – den eigenen hatte ich am Freitag bestellt – und zeigte meinen Eltern den Teil des Krankenhauses, den ich bereits kannte. Meine Station und die Kapelle.

In der Kapelle stand eine Orgel, an der ich mich auch schon versucht hatte. Orgel war zwar eigentlich nicht mein Instrument, aber ich konnte damit dank der vielen Klavierstunden einigermaßen umgehen. Nur mit den Pedalen wusste ich nicht soviel anzufangen, aber da ich meine Beine nicht gebrauchen konnte, störte das im Moment nicht.

Zusammen mit Mama und Papa ging ich dann in den Park. Alleine sollte ich noch nicht nach draußen, da keiner so recht wusste, wie lange meine Kraft ausreichte und die Schwestern und Pfleger, die für mich verantwortlich waren, hatten es daher verboten. Es fühlte sich gut an, endlich wieder nach draußen zu kommen. Ich wollte nicht mehr rein, mir gefiel es an der Luft viel besser. Der Krankenhauspark war ruhig und mit vielen Bäumen bepflanzt. Dennoch gab es viele sonnige Plätze und ich genoss einfach die Strahlen. Es erschien mir viel zu früh, dass meine Eltern mich wieder nach drinnen brachten, aber wir waren über vier Stunden draußen gewesen, hatten gegessen und uns unterhalten. Ich war einfach nur dankbar, dass meine Eltern es so entspannt nahmen und kein großes Tamtam um mich machten. Sie waren gewohnt, dass ich selbständig agierte und ließen es mich auch weiterhin machen.

Auch am nächsten Tag waren wir fast die ganze Zeit im Park. Vormittags besuchten wir den Gottesdienst in der Kapelle. Es war für mich ein bisschen Normalität, da wir fast jeden Sonntag zuhause in die Kirche gingen. Nur der Organist hier war eine Katastrophe, der traf nur ab und zu den richtigen Ton. Entweder musste ich selber spielen oder ich würde hier nicht mehr hingehen, entschied ich. Dann gingen wir zum Mittagessen in die Cafeteria, da meine Eltern das mit den Pflegern ausgemacht hatten und ich mein Essen dorthin bekommen würde. Ich war erstaunt, was alles möglich war. Wenn man privatversichert war, wohlgemerkt. Leider mussten meine Eltern gegen spätnachmittag aufbrechen, da sie ja meine Geschwister auch noch hatten, aber sie versprachen, am kommenden Wochenende wieder vorbei zu schauen und dann vielleicht auch noch jemand von meinen Geschwistern mitzubringen. Es waren ja bald Sommerferien.

Der Montag verging ziemlich langsam, nur unterbrochen von verschiedenen Therapien. Immerhin hatte ich positive Nachrichten: Der künstliche Ausgang und wohl auch der Katheder würden bald Geschichte sein, am Dienstag sollten sie unter einer kurzen Narkose entfernt werden. Zwar hieß das, ab 17 Uhr nichts mehr Essen und ab Mitternacht kein Trinken mehr, aber dennoch war ich eher froh. Auch wenn es bedeuten würde, dass ich ein konsequentes Toilettentraining machen musste. Aber es war wieder ein Stück Selbständigkeit, das ich mir erkämpfen würde. Da es mir ziemlich langweilig wurde, weil ich momentan alleine war – Lissy war noch bei einer Therapie und sie blieb abends häufig noch eine Weile in der Cafeteria – beschloss ich, noch einmal meinen Freund anzurufen. Wieder keine Antwort. Aber dafür bekam ich noch überraschend Besuch. Ich hätte das nie geglaubt, dass er sein Versprechen halten würde, aber auf einmal stand Dr. Michael Roth in meinem Zimmer.

„Na, Kleine, wie geht´s?“, fragte er grinsend.

„Besser.“, antwortete ich ehrlich.

Es war noch nicht alles gut, aber viel besser als noch vor ein paar Tagen.

„Ich hab nicht allzu viel Zeit, denn bei Sonnenuntergang müssen wir wieder in der Basis sein, aber im Normalfall kommt jetzt kein Einsatz mehr rein, da wir das sonst nicht schaffen. Tom hat mir eine halbe Stunde gegeben, dann müssen wir zurückfliegen.“, erklärte Michael.

„Schön, dass du kommst.“, freue ich mich.

„Aber gerne. Du warst ein richtig angenehmer Patient und ich bewundere dich ehrlich, dass du offenbar nicht aufgibst. Das hat mich neugierig gemacht, wenn ich ehrlich sein soll und darum wollte ich dich besser kennenlernen.“, erzählte Michael.

Wir unterhielten uns eine Weile, doch er musste bald wieder los. Aber er versprach, wieder mal vorbei zu kommen. Ich war froh darüber.

Der Dienstag verging wie im Traum, ich brauchte ziemlich lange, um nach der Narkose wieder einigermaßen wach zu werden, hatte scheinbar ein Medikament nicht ganz vertragen. Doch gegen Abend war ich wieder auf dem Zimmer und durfte sogar ein bisschen Suppe essen. Doch das war scheinbar nicht die beste Idee. Kaum hatte ich einen halben Teller gegessen, würgte es mich und die Suppe kam retour. Das bedeutete, dass mein Bett auch noch frisch bezogen werden musste, denn ich hatte es nicht schnell genug geschafft, mich auf die Seite zu drehen. Das Korsett engte meine Bewegungsfreiheit zu sehr ein. Auch mein Nachthemd – sowas hatte ich bisher nie getragen, immer nur Schlafanzüge – war versaut und ich musste mich umziehen. Die Schwester kümmerte sich um mein Bett, während ich im Rollstuhl wartete.

Danach wollte sie mich umziehen, doch ich wollte es alleine schaffen. Es konnte doch nicht angehen, dass ich jemanden brauchte, der mich umzog, oder? Also kämpfte ich so lange, bis ich das Nachthemd über der Hüfte hatte und nicht mehr drauf saß. Immer wieder drückte ich mich mit einem Arm etwas hoch und zerrte mit dem anderen am Stoff. Dann wechselte ich die Seite und machte weiter. Die Schwester beobachtete mich, nachdem sie das Bett bezogen hatte, griff jedoch nicht ein. Nach ein paar Minuten – inzwischen war ich schweißgebadet – hatte ich es geschafft. Grinsend deutete die Schwester auf das Bad. Ich nickte leicht, griff mein frisches Nachthemd vom Bett, wo sie es hingelegt hatte und rollte ins Bad. Nachdem ich meinen Oberkörper noch einmal gewaschen hatte, zog ich das Nachthemd über und rollte zurück zum Bett. Diesmal ließ ich mir helfen. Die Schwester griff zu und hob mich ins Bett. Ich bekam nicht einmal mehr mit, wie sie die Tür hinter sich schloss, so schnell war ich eingeschlafen.

 

 

 

Am nächsten Morgen war ich wieder wacher. Auch die Therapien fanden wieder statt, ergänzt nun durch das Toilettentraining. Das wäre sicher peinlich geworden, wenn es nicht von Steffi geleitet wurde. Doch Steffi war so unkompliziert, dass ich gar nicht erst daran dachte, dass es peinlich sein könnte. Sie hatte eine natürlich-offene Art, mit der Situation umzugehen. Im Prinzip ging es darum, regelmäßig zur Toilette zu gehen und so Blase und Darm zu trainieren, sich zu bestimmten Zeiten zu entleeren. Nachdem sie das Ganze mit mir durchgesprochen hatte und wir es auch einmal zusammen gemacht hatten (das war dann doch eher in der Kategorie peinlich gelandet), erklärte sie mir, dass ich es mit genügend Disziplin auch alleine schaffen würde, aber sie käme regelmäßig vorbei, um nach mir zu sehen. Wenn ich Fragen hätte, dann sollte ich den Schwestern Bescheid geben.

Am Nachmittag kam dann endlich mein eigener Rollstuhl. Ich hatte mich für die sportlichere Ausführung entschieden, schräg gestellte Räder und niedrigere Armlehnen, damit ich besser greifen konnte. Die erste Runde überzeugte mich, denn der ließ sich viel leichter handhaben als vorher der vom Krankenhaus. Außerdem war er nicht langweilig schwarz, sondern blau. Die Räder hatten einen Schutz, damit man nicht versehentlich in die Speichen greifen konnte. Darauf wollte ich mir noch etwas einfallen lassen, damit er nicht so langweilig aussah. Künstlerisch war und bin ich – zumindest auf dem Gebiet – eine Niete, aber wozu hatte man Freunde!

Die Bewegungen kosteten nun nicht mehr so viel Kraft und ich begann, Streifzüge im Krankenhaus zu unternehmen. Jeden Nachmittag rollte ich in den Park und genoss mindestens eine Stunde im Freien. Meinen Freund hatte ich nicht erreicht. Immer wieder hinterließ ich ihm Nachrichten und bat ihn um Rückruf, doch er reagierte nicht darauf. Tagsüber war ich abgelenkt, doch abends und vor allem nachts machte mir das zu schaffen. Hatte er mich abserviert? Oder ersetzt?

Lissy munterte mich dann meistens auf, doch zwei Wochen nach meiner Verlegung wurde sie entlassen. Sie freute sich, denn nur ein paar Tage später würde sie zu ihrer Tochter fliegen. Ich wusste, ich würde sie vermissen, sie war mir so ähnlich. Wir beide waren grundsätzlich positiv, nahmen alles wie es kommt und lebten jeden Tag. Michael hatte mir einmal gesagt, dass die wenigsten Menschen das schafften, was ich instinktiv machte: jeden Tag wirklich zu genießen und das Leben zu leben. Mich nicht durch Schicksalsschläge unterkriegen zu lassen, nicht zu verzweifeln. Dieser Optimismus hatte ihn berührt und deshalb hatte er mich nun schon mehrmals besucht.

„Deine Lebensfreude steckt einfach an!“, hatte er gelacht.

Täglich nach dem Abendessen spielte ich auf der Flöte, ließ meine Sorgen in Noten erklingen und nach kurzer Zeit wurden die Melodien, die ich spielte, immer fröhlicher und ausgelassener. Ich konnte einfach nicht lange traurig sein. Selbst in der Lage, in der ich war. Ich hatte meine Musik, alles andere würde schon irgendwie werden. Auf einem meiner Streifzüge entdeckte ich im Obergeschoß im Aufenthaltsraum ein Klavier. Ich öffnete es und schlug ein paar Takte an. Es war gut gestimmt und in Schuss gehalten. Auch hier spielte ich ein wenig vor mich hin, ließ meine Stimmung die Tasten erklingen. Erst nur zaghaft, dann immer mehr. Tschaikowskys Nussknacker war nach einer Weile zu erkennen. Der Tanz der Zuckerfee. Ich verlor mich wieder einmal in der Musik, merkte nicht, dass Menschen in den Raum kamen. Erst als ich endete und Applaus erklang, erschrak ich und sah mich um.

„Verzeihung!“, entschuldigte ich mich.

Der Oberarzt stand mit einem ausdruckslosen Gesicht vor mir. Lange sah er mich einfach nur an. Was würde das jetzt geben? War er sauer? Sein Gesicht verriet nichts. Erst nach etwa zwei Minuten begann er zu sprechen.

„Das war richtig gut. Auch wenn ich es nicht besonders schätze, dass jemand hier spielt, denn normalerweise ist das mein Platz. Ich musste es schon mehrmals stimmen lassen, weil immer wieder jemand auf die Idee kam, einfach zu klimpern, aber das war wirklich fantastisch. Und das alles ohne Noten. Wie lange spielen sie schon?“

„Seit ich meine Finger weit genug auseinander bringe, um die Tasten richtig anzuschlagen. Ich hab mit 8 Jahren angefangen.“, antwortete ich ziemlich perplex.

„Sie sind die junge Frau, die drunten auf Station immer mit der Querflöte spielt, oder?“, wollte er wissen.

Ich nickte. Irgendwie hatte ich bei seinem Gesichtsausdruck ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Es war schließlich nicht üblich, dass man als Patient im Krankenhaus Musik machte, und dann auch noch die ganze Station mehr oder weniger freiwillig mithören musste. Ich war mir etwas unsicher, ob ich mich jetzt noch einmal entschuldigen sollte oder ob das von vorhin noch galt. Oder vielleicht auch ganz falsch war. Diesen Arzt konnte ich nicht einschätzen.

„Machen sie ruhig so weiter. Es tut den Patienten gut.“, sagte er nach einer Weile ruhig.

„Danke.“, nuschelte ich.

Diese Komplimente, die er hier mit ausdrucksloser Miene verteilte, machten mich verlegen.

„Und sie dürfen gerne hier spielen. Fragen sie vorher bei meiner Sekretärin nach dem Schlüssel, normalerweise ist das Klavier verschlossen, damit nicht jeder klimpern kann. Heute habe ich auch schon ein bisschen gespielt und eigentlich wollte ich es jetzt abschließen, aber ich wollte sie nicht vertreiben. Wenn sie noch ein wenig weiterspielen wollen, dann lasse ich gerne den Schlüssel hier.“, bot er an.

„Nein, danke, ich hab in 20 Minuten einen Therapietermin. Aber ich komme gerne wieder. ‚Es ist Heilung in der Musik‘, hat mal jemand gesagt, ich weiß nicht mehr, wer. Aber der hatte Recht. Das ist für mich der einzige Weg, das hier“, ich deutete auf meinen Rollstuhl, „zu überstehen ohne durchzudrehen. Nur mit den Pedalen habe ich Schwierigkeiten, da ich sie nicht treten kann.“, erklärte ich.

„Dann sollten sie mit ihren Therapeuten sprechen, ich habe ihre Unterlagen gesehen und ich denke, dass es da vielleicht eine Möglichkeit geben könnte, da ein Teil der Nerven erhalten geblieben ist.“, ermutigte er mich.

Ich war erstaunt, dass er in einer so großen Klinik überhaupt wusste, wer ich war und auch noch meine Krankengeschichte scheinbar im Kopf hatte. Er schmunzelte ein wenig, als er mein Gesicht sah.

„Ich kenne nicht jeden Patienten, aber die Musik hat mich neugierig gemacht. Das Personal in ihrer Station ist ganz begeistert, da habe ich dann die Akte genauer angesehen. Und ich habe auch schon zugehört, als sie gespielt haben. Es berührt die Seele. Und wie gesagt, es tut den Patienten gut, die es hören, auch denjenigen, die normalerweise keine klassische Musik mögen. Also bitte, machen sie weiter. Und lassen sie sich selber davon heilen.“

Nach diesen Worten drehte sich der Oberarzt um und ging zum Klavier, um es abzusperren und dann sah er mich an.

„Hatten sie nicht einen Termin? Wollen wir gemeinsam nach unten fahren?“, bot er mir an.

 

In der Therapie sprach ich dann Jens darauf an, was mir der Oberarzt gesagt hatte. Ob es eine Möglichkeit gäbe, dass ich die Pedale am Klavier wieder benutzen konnte? Denn ich wollte eigentlich die Musik nicht nur halb weitermachen, nein, mein Klavier wollte ich weiterhin haben.

„Hm, laut der neurologischen Untersuchungen ist eine kleine Möglichkeit tatsächlich da, aber ich will dir nicht zu viel versprechen, denn das wird äußerst schwierig, wenn es überhaupt machbar ist. Aber ich zeige dir ein paar Übungen, mit denen du es versuchen kannst. Aber ob es dann auch funktioniert, kann ich dir nicht versprechen, und wenn ja, dann dauert es sicher ein paar Monate, bis du diese Kontrolle wieder hast.“, bremste er meinen Enthusiasmus.

Dennoch wollte ich es probieren. Wie gesagt, aufgeben lag und liegt mir einfach nicht. Und wenn ich auf so Vieles verzichten musste, das Klavier wollte ich nicht missen. Jens zeigte mir die Übungen, die ich dann auch alleine machen konnte, bevor wir mit meinem eigentlichen Training loslegten. Nach einer Stunde war ich schweißgebadet und rollte zurück in mein Zimmer. Dort machte ich zuerst das Toilettentraining, denn es war wichtig, immer die gleiche Zeit zu nutzen, und dann setzte ich mich auf den Duschstuhl. Die Hilfe der Schwestern brauchte ich dafür kaum noch, dennoch war immer jemand bei mir, wenn ich duschte, nur für alle Fälle. Ich hoffte, dass sie bald darauf verzichten konnten.

 

 

 

So verging wieder eine Woche. Am Wochenende waren meine Eltern mit Gina und Tom gekommen. Allerdings hatten sie dieses Mal kein Hotelzimmer genommen und mussten daher am selben Tag wieder nach Hause. Dennoch hatte ich eine schöne Zeit mit ihnen und ich merkte ihnen an, dass sie froh waren, mich so zu sehen. Ich war optimistisch und richtig gut drauf. Am Sonntag sah dann Michael wieder rein. Meine Therapie ging täglich bis an meine Grenzen und das hieß schon etwas, da ich sonst auch viel Sport gemacht hatte. Aber jetzt hing alles an meinen Armen und vor allem die Fortbewegung war abhängig davon, wie viel Kraft ich da hatte. Aber die Versicherung meiner Schule würde keinen Elektrorollstuhl bezahlen (und so etwas wollte ich auch nicht, lieber von meiner eigenen Kraft abhängig als vom Strom). Ich war zufrieden mit meinem Modell, der war zusammenzulegen und daher auch zum Mitnehmen geeignet, wenn wir einen Ausflug machten oder vielleicht sogar in Urlaub wollten. Ich hatte mein altes, optimistisches Ich wiedergefunden.

Jetzt fehlte eigentlich nur noch eines: Mein Freund. Ich rief ihn fast täglich an, und obwohl er ein Handy hatte, er ging nie ran. Das zog mich gewaltig runter. Inzwischen war es Anfang August, mein Unfall war über einen Monat her, und ich hatte nicht einmal etwas von meinem Freund gehört. Fast täglich bekam ich Post oder sogar Blumen – von meinen Klassenkameraden, von der Schule, sogar die Schauspieler aus dem Theater schickten einen Strauß und eine Karte. Meine Kampfsportler, die Kollegen vom Roten Kreuz. Alle hatten sich gemeldet, manche hatten sogar angerufen. Obwohl ich wenig erreichbar war, da ich ständig Therapien hatte oder sonst unterwegs war.

Dann, endlich, ging Micha mal ran. Schon alleine die Begrüßung war ungewohnt. Sonst hatte er mich immer Schatz genannt, jetzt war ich Dany. Er war kurz angebunden.

„Sorry, ich hab kaum Zeit, ich muss mich um mein nächstes Engagement kümmern und die Schule, du weißt ja. Meine Karriere ist sonst zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat.“, sagte er kalt.

Keine Frage, wie es mir geht, was ich fühle, was ich mache. Und dann diese Stimme im Hintergrund. Jana. Ich kannte sie. Sie rief ihn zu sich. Sie nannte ihn ‚Schatz‘. In dem Moment war es klar. Und vorbei. Ich knallte den Hörer auf die Gabel und brach in Tränen aus. Ich war so blöd. Wie konnte ich nur so dämlich sein? Ich heulte, zum Teil aus Frustration, aus Verzweiflung, und zum anderen Teil aus Wut. Wut auf mich selber. Weil ich so bescheuert war und an einen Fortbestand dieser Beziehung, oder was auch immer das war, zu glauben. Das war einfach nur bescheuert. Doch ich konnte nicht anders und heulte wie ein Schlosshund.

In dem Moment öffnete sich die Tür und ein Junge sah herein. Er war dunkelhaarig und sah mich einen Augenblick lang komisch an. Dann kam er mit ein paar langen Schritten zu mir rüber und setzte sich einfach auf mein Bett. Er strich mir über die Haare und versuchte, meine Tränen wegzuwischen, doch erfolglos. Als ich mich wegdrehen wollte, nahm er mich vorsichtig in den Arm. Ich wusste nicht einmal, wer er war, aber er beruhigte mich. Es fühlte sich gut an. Richtig.

Eine Stunde später saßen wir beide entspannt und fröhlich plaudernd in der Cafeteria. Er hatte sich mir vorgestellt und mir erzählt, wieso er bei mir aufgetaucht war. Sein Name war Tobias, er war ein Jahr jünger als ich und der Sohn von Michael Roth. Eigentlich hatte er nach seinem Vater gesucht, der immer wieder erwähnt hatte, dass er mich besuchte. Und da Tobi zufällig in der Nähe war (ich weiß bis heute nicht, warum), hat er reingesehen. Und das im genau richtigen Moment. Leider musste er bald wieder gehen, aber er versprach mir, wiederzukommen. Und am nächsten Tag war er auch schon wieder da. Wieder sprachen wir über alles Mögliche, es gab immer etwas zum Lachen. Er kam sogar mit zur Therapie und feuerte mich an, als wäre ich in einem Wettkampf. Jens grinste nur. Nur das Toilettentraining machte ich alleine. Danach gingen wir nach draußen, in den Park.

Tobi hatte eine Packung Cookies mitgebracht. Ich hatte erwähnt, dass ich die Dinger liebte seit meinem Aufenthalt in den Staaten. Sie waren einfach lecker und machten mich süchtig. So etwas Gutes gab es nun einmal nicht in der Krankenhausküche. Nicht, dass das Essen schlecht wäre, aber es war nun einmal eine Krankenhausküche. Daher genoss ich diese Köstlichkeit umso mehr. Tobi fand es scheinbar lustig, jedenfalls grinste er immer wieder, wenn er meinte, dass ich nicht hinsah. Aber ich konnte nicht wegsehen, er faszinierte mich total. Dennoch, gerade erst war ich von einem Mann so sehr verletzt worden, dass ich mich nicht traute, auf Tobi zuzugehen. Es war schön, dass er da war, aber ich war froh, dass er mich nicht bedrängte. Mehr wie Freundschaft konnte und wollte ich ihm zu diesem Zeitpunkt nicht geben. Aber ich wusste, dass da mehr daraus werden könnte, wenn wir genug Zeit dafür hatten.

Was Tobi betraf war ich froh, dass inzwischen die ersten Ferientage waren. Es kam mich fast täglich besuchen, oft kam auch sein Vater mit. Doch die beiden planten, demnächst in den Urlaub zu fliegen, und das machte mich traurig. Ich hatte mich mit beiden angefreundet, obwohl Michael mit seinen fast vierzig Jahren eigentlich nicht als typischer ‚Freund‘ gesehen werden konnte. Dennoch, er war inzwischen ein Vertrauter für mich geworden, jemand, auf den ich mich verlassen konnte, der da war, wenn ich ihn brauchte.

Die Ärzte, das übersetzte Michael schließlich für mich, denn auch wenn ich im Roten Kreuz ehrenamtlich tätig war, alles verstand ich nicht, waren zufrieden mit meinen Fortschritten. Lange würde ich nicht mehr in der Klinik bleiben. Sie wollten mich in eine Reha-Klinik verlegen, denn akut war mein Fall nun schon lange nicht mehr. Operativ konnte man nichts mehr machen, alles was jetzt noch möglich war, waren Physiotherapie und angeblich Psychotherapie. Wobei ich da etwas anders dachte, ich hatte keinen Bock auf diesen Psychokram. Bisher hatte ich nur einen Psychologen kennen gelernt, der war für unsere Schule zuständig und ich glaube, der Typ war selber reif für das Irrenhaus. So jemandem meine Probleme erzählen? Darauf konnte ich verzichten. Ganz sicher. Ich redete lieber mit Tobi und Michael oder meinen Eltern und besten Freunden. Oder ich machte Musik. Ich fühlte mich eigentlich ziemlich wohl in meiner Haut, wusste zwar immer noch nicht, was ich nun mit meinem Leben anstellen würde, aber wenn ich ehrlich war, dann wusste ich das vorher auch nicht und es hatte mich nicht gestört. Jetzt wollte dieser komische Psychologe hier im Krankenhaus mir einreden, dass ich mich meinen Problemen stellen musste. Mein einziges Problem derzeit war aber, dass ich Schwierigkeiten beim Klavierspielen hatte, da ich die Pedale nicht optimal bedienen konnte. Und ich hatte Musik-Leistungskurs. Das war schwierig zu kombinieren, vor allem, da ich in weniger als einem Jahr Abitur machen wollte. Und das eine Jahr aussetzen, versuchte er mir einzureden. Das ging ja wohl mal gar nicht. Mein jüngerer Bruder sollte vor mir Abitur machen? Nein, das wollte ich ganz sicher verhindern. Egal wie.

Jedenfalls stand nach ein paar Diskussionen mit dem Oberarzt fest, dass ich eine Woche später, am 10. August, in die Reha verlegt werden sollte. Sie hatten einen Krankentransport bestellt. Und mein Bruder Martin hatte es sich nicht nehmen lassen: Er würde zusammen mit Sandra, meiner besten Freundin, kommen. Sandra war gerade mit ihrer Rettungsassistenten-Ausbildung fertig und Martin war Rettungssanitäter, er wollte nach dem Abi Medizin studieren. Eigentlich waren die Beiden sich nie nahe gewesen, aber für mich machten sie wohl eine Ausnahme. Das wärmte mich irgendwie. Ich war ihnen so wichtig, dass sie ihre Abneigung gegeneinander vergaßen. Daher freute ich mich auf die Verlegung, vor allem, weil Tobi und Michael zwei Tage danach für drei Wochen in Urlaub flogen und ich sie also nicht sehen konnte. Klar, auch meine Eltern kamen so oft wie möglich und brachten auch immer wieder meine Geschwister mit. Dennoch war ich meistens alleine gewesen unter der Woche. In der Reha war ich nahe an zuhause, da konnten mich viel mehr Freunde und auch meine Familie besuchen. Auch unter der Woche.

 

Die beiden kamen natürlich überpünktlich zum Abholen. Ich grinste wie blöd, als sie zu mir kamen um mich umzulagern. Schnell war ich auf der Trage und wurde festgegurtet. Den Teil konnte ich immer noch nicht leiden, aber es war nun mal notwendig. Sie waren zu dritt, Sandra, Martin und dann noch Volker, ein Kollege von Martin. Die beiden Männer schoben mich durch die Flure der Klinik zum Ausgang. Verabschiedet hatte ich mich gestern schon von allen, die sich immer wieder um mich gekümmert hatten. Viele davon würden mir tatsächlich fehlen, wurde mir bewusst. Ich bin sonst kein Mensch, der schnell Kontakt zu anderen Menschen bekommt, ich brauche eigentlich immer länger, aber das hier war eine besondere Situation. Diese Menschen hatten mir Halt gegeben und waren für mich dagewesen, als ich jemanden brauchte. Ich war ihnen dankbar und ja, ich würde sie tatsächlich vermissen. Jens, der Physiotherapeut, hatte mir seine Email-Adresse gegeben, dann konnte ich ihm schreiben, wenn ich wieder zuhause war.

Schnell waren wir im Auto, heute war fürchterliches Wetter, es regnete in Strömen. Gut dass die Notaufnahme außen überdacht war, so wurden wir wenigstens nicht nass, aber der Wind war eisig. Die drei hatten den Krankenwagen warm eingeheizt, sie wussten, dass ich ein Wärmemensch war. Zwar machte es mir selten was aus, wenn es kalt war, aber dennoch mochte ich die Hitze wesentlich mehr. Volker würde offenbar fahren, er stieg vorne ein. Sandra und Martin stiegen hinten bei mir ein. Die beiden kannten mich zu gut, grinsend stellte ich fest, dass sie die Trage gedreht hatten, sodass ich in Fahrtrichtung lag. Das Kopfteil war schräg gestellt, so konnte ich sogar nach draußen sehen. Da könnte man fast vergessen, in welchem Auto man war. Und warum. Die drei waren eine angenehme Gesellschaft, selbst Volker hatte beim Fahren immer mal wieder Zeit für einen Kommentar zu uns nach hinten. Wir lachten relativ viel, sowohl über das, was draußen vor sich ging als auch über Dinge, die wir uns gegenseitig erzählten. Das meiste war eigentlich gar nicht lustig, aber es war einfach unsere Art. Wir nahmen alles mit Humor. Die dreieinhalb Stunden bis zur Reha-Klinik war eine ausgelassene Stimmung im Auto.

 

 

 

In der Reha angekommen bekam ich ein Bett in einem Doppelzimmer. Das andere Bett war von einer Frau belegt, die etwas älter als ich war, so Mitte bis Ende zwanzig. Sie stellte sich als Karin vor. Sie hatte wohl einen mehrfachen Bruch ihres rechten Beines erlitten und war nun im Endstadium ihrer Rehabilitation. Ein leichtes Humpeln war noch da, wenn sie lief, aber ansonsten konnte ich nichts mehr erkennen. Sie sprach nicht viel sondern steckte ihre Nase in Bücher oder sah fern. Wir wurden nie richtig warm miteinander. Dennoch war sie keine unangenehme Gesellschaft im Zimmer. Doch es war ihr nicht Recht, dass ich Musik machte, also musste ich mir dafür bald einen neuen Platz suchen. Der erste Abend, denn bis wir da waren, war es schon fast Zeit zum Abendessen gewesen, war gezeichnet vom gegenseitigen Kennenlernen und Beschnuppern. Martin und Sandra verabschiedeten sich bald, sie mussten den Krankenwagen zu einer bestimmten Zeit wieder in die Wache bringen und Volker wollte auch wieder zu seiner Familie, schließlich hatte er drei Kinder. Dennoch hatte er seinen eigentlich freien Tag dazu genutzt, mich zusammen mit den beiden anderen abzuholen. Als ich mich dafür bedankte, meinte er nur: „Wir sind zusammen in einer Bereitschaft, wir müssen doch zusammen halten!“

Am nächsten Morgen stand die erste Visite an, dann verschiedene Untersuchungen. Nach dem Mittagessen hatte ich einen Termin in der Physiotherapie und mein Trainingsplan für die nächsten Wochen wurde erstellt. Am Ende sollte ich in der Lage sein, meinen kompletten Alltag alleine zu bewerkstelligen, inklusive kleinerer Treppen, oder zumindest einzelner Stufen. Der Plan sah pro Tag mehrere verschiedene Trainingseinheiten vor. Langweilig wurde mir hier sicher nicht. Mein Toilettentraining sollte weitergeführt werden, ansonsten müsse ich mich darauf einstellen, mir in gewissen (kurzen) Abständen einen Einlauf zu verpassen und darauf hatte ich keine Lust. Da blieb ich lieber dran und trainierte fleißig, auch wenn es nervig war.

Dazu kamen dann noch Krafttraining, Schwimmen (inzwischen waren die Wunden verheilt und ich durfte wieder ins Wasser), Übungen für die Beine, um die Restbeweglichkeit zu erhalten, und jede Menge praktisches Fahrtraining. Anders kann man es eigentlich nicht nennen, ich lernte in mühevoller, stundenlanger Arbeit, wie man den Rollstuhl in allen Situationen sicher im Griff hat, wie man ihn am besten bergauf und bergab bewegt, wie man einen Randstein überwindet. Und vieles mehr. Auch verschiedene Untergründe lernte ich kennen (und verfluchte so manchen davon).

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich bei diesen Übungen mit dem Rollstuhl umgekippt wäre, wenn die Techniker damals bei der Auslieferung nicht diesen Kippschutz hinten eingebaut hätten. Doch die Trainer waren überzeugt, dass ich den bald loswerden könnte. Ich trainierte wie besessen. Der Beginn des neuen Schuljahres rückte immer näher und ich wollte unbedingt wieder in meine Klasse.

Doch ich wurde immer wieder zurückgeworfen. Auch nach 4 Wochen schaffte ich es nicht, den Rollstuhl anzukippen und sicher auf zwei Rädern zu bleiben. Immer wieder stoppte mich der Kippschutz. Solange der noch immer wieder half, konnten sie ihn nicht abmontieren. Und vorher war es auch noch nicht sicher genug, dass ich alleine im Alltag zurechtkommen konnte. Und das wollte ich unbedingt, ich hatte keine Lust darauf, dass mir auf einmal alles abgenommen werden würde. Das lag mir einfach nicht. Ich war immer alleine klar gekommen, auch wenn meine Eltern mich immer unterstützten, aber nur dann, wenn ich es wollte. Ich wollte nicht, dass sie mir helfen mussten. Sie würden es tun, doch das wollte ich nicht. Beide gingen Vollzeit arbeiten, mein Papa war selbständig.

Tobi und Michael hatten eine Karte aus ihrem Urlaub geschrieben, auch Tom war mit seinen Kindern mitgewesen und sie hatten ebenfalls unterschrieben. Tobi hatte mir erzählt, dass sein Vater Tom angeboten hatte, mit den Kindern zu ihm zu ziehen, als dessen Frau gestorben war. Sie waren eine Art WG, die Zwillinge, sie waren gerade mal 6 Jahre alt und würden jetzt dann in die Schule kommen, waren wie seine kleinen Schwestern. Auch Tobi würde wieder in die Schule gehen, er startete jetzt mit der 12. Klasse. Am Wochenende vorher wollten sie mich in der Reha noch einmal besuchen. Ich freute mich riesig, da würde dann ganz schön viel Besuch kommen, ich musste das irgendwie koordinieren.

Meine Eltern, Tobi und Michael, meine beiden Freundinnen Denise und Minka (die hieß natürlich nicht wirklich so, aber jeder rief sie bei diesem Namen) und dann sogar noch meine Großeltern. Aber die hatte ich gebeten, ob sie nicht lieber am Dienstag kommen würden, damit es nicht so stressig würde. Oma und Opa war es egal, sie dachten nur, dass ich am Wochenende ohne Therapie vielleicht Langeweile haben könnte. Mama und Papa kamen Samstagnachmittag, vormittags wollten sie noch ins Einkaufszentrum um einige Dinge zu besorgen, die es bei uns in der Kleinstadt nicht gab. Meine Freundinnen wollten schon am Samstag in der Früh kommen und Tobi und Michael kamen dann am Sonntag. So war mein Wochenende auch ausgefüllt und wieder verbrachte ich die meiste Zeit draußen im Park. Tobi brachte mir gleich mehrere Packungen Cookies mit, die ich grinsend an mich nahm. Die erste vernichteten wir zu dritt, während die beiden mir von ihrem Urlaub erzählten. Die anderen brachte ich dann in meinem Schrank in Sicherheit. Sie würden sicher nicht allzu lange reichen, wenn ich mich richtig einschätzte.

 

Dann folgten wieder anstrengende Tage und Wochen. Erst gegen Ende September hatte ich den Dreh so langsam aber sicher raus. Karin war nach zwei gemeinsamen Wochen entlassen worden und dann hatte ich das Zimmer eine Weile für mich alleine bevor ich wieder eine Mitbewohnerin bekam. Sie war deutlich jünger als ich, gerade 15 Jahre alt geworden. Sabine ließ sich total hängen und ich schätze mal, die Schwestern und Ärzte hatten die Hoffnung, dass ich Sabine aus ihrem Tief holen konnte. Sie hatte Krebs und ein Bein verloren. Aber ich kam nicht an sie heran und war mit meiner Therapie und der Musik – ich spielte oft im Aufenthaltsraum mit meiner Flöte – ziemlich viel beschäftigt. Dennoch schien meine gute Laune irgendwann ansteckend zu wirken, denn immer wieder sah ich, dass Sabine wieder lächelte. Sie hatte meine Kontaktversuche abgeblockt und ich hatte es nach ein paar Versuchen aufgegeben. Nach drei Wochen war sie das erste Mal mit im Aufenthaltsraum, eine Zeitlang später kam sie regelmäßig und äußerte auch den einen oder anderen Wunsch. Ein Pfleger hatte, wenn Zeit dafür war, seine Gitarre dabei und wir spielten so manches Stück gemeinsam, von AC/DC bis ZZ Top, von Schlager bis Rock`N´Roll und sogar Heavy Metal. Hauptsache Spaß. Und viele sangen sogar dazu. In der Zeit lernte ich dann ein wenig Gitarre zu spielen. Pfleger Dieter brachte mir einige Griffe bei, genug, dass ich AC/DC spielen konnte, das war nicht allzu schwer, da sie nicht so viele Akkorde verwendeten. Ich nahm mir vor, das zu vertiefen, wenn ich wieder zuhause war. Meine Mama hatte auch eine Akustik-Gitarre zuhause.

Als ich am 1. Oktober zu Paul, meinem Rollstuhl-Trainier, sagte, dass ich es schaffte, ohne die Kippsicherung, machte er Kreide daran und ging mit mir zum Hindernisparcours. Er versprach mir, wenn ich ihn eine Woche lang täglich in verschiedenen Durchläufen schaffen könnte, dann würde er die Kippsicherung entfernen und dann käme ich auch bald nach Hause. Das motivierte mich total. Hochkonzentriert startete ich den Parcours und meisterte ihn fehlerfrei. Tatsächlich war ich sicher genug, dass ich es an diesem Tag sogar noch ein zweites Mal schaffte. Auch die nächsten Tage schaffte ich es. Und am Ende der Woche reichte mir Paul nach dem letzten fehlerlosen Durchgang ein Glas Sekt, zur Feier des Tages. Eigentlich mochte ich keinen Alkohol, aber dieses Gläschen trank ich trotzdem mit ihm zusammen. Es machte mich total schwummerig, aber ich fühlte mich zum ersten Mal seit Monaten wirklich gut. Paul machte mir Hoffnung, dass ich in der kommenden Woche möglicherweise nach Hause könnte, dann noch ambulante Therapie, aber die Schule könne ich dann schon wieder besuchen.

Da erst wurde mir bewusst, dass ich ein großes Problem hatte: Mein Zimmer zuhause war im ersten Stock und diese Treppe würde ich mit Sicherheit nicht alleine schaffen! Wie sollte das denn nun werden? Ich war so beschäftigt gewesen, wieder fit zu werden, dass ich die Zukunft völlig vergessen hatte. Aber ich würde doch wieder nach Hause kommen, aber wie sollte das dann klappen? Paul merkte, wie meine Freude auf einmal umschwenkte.

„Was ist los? Was hast du denn auf einmal?“, fragte er unsicher.

„Mir ist gerade erst wieder eingefallen, dass mein Zimmer im ersten Stock ist und ich schaffe zwar zwei bis drei Stufen, aber diese Treppe hat 16 Stufen und dann noch das Geländer an der schmalen Seite, das schaffe ich nicht.“, gestand ich leise.

„Keine Sorge, auch dafür wird sich eine Lösung finden, gib jetzt nicht auf, Kleine.“, beruhigte mich Paul.

Er hatte die Angewohnheit, alle ‚Kleine‘ oder ‚Kleiner‘ zu nennen, auch wenn er selber nicht größer als 1,70m war. Aber das gehörte zu ihm wie die Mütze zu Nikolaus und die Kerzen zum Weihnachtsbaum. Das war einfach Paul.

Und natürlich gab es eine Lösung. Paul hatte meine Eltern angerufen und ihnen von meinen Sorgen erzählt, nachdem er mich gefragt hatte, ob er es dürfe. Vielleicht konnte er zusammen mit Papa und Opa (der war Schreiner) eine Lösung finden. Mein Papa rief mich noch am selben Abend an.

„Hey, meine Große. Was glaubst du eigentlich von uns? Deine Schwester Gina tauscht ihr Zimmer mit dir, dann bist du im Erdgeschoß. Es ist schon alles umgeräumt. Und das Bad unten ist umgebaut, sodass du alles nutzen kannst, so wie du es brauchst. Da hat die Versicherung von der Schule mitgeholfen. Also, mach dir keine Gedanken! Wir freuen uns, wenn du wieder heim kommst!“, schimpfte Papa liebevoll mit mir.

Ich war so glücklich, dass ich erstmal heulen musste. Dann wollte ich unbedingt mit Gina telefonieren und bedankte mich herzlich bei ihr. Meine Mäuse hatte sie behalten, weil sie sich erstens sowieso die ganze Zeit um sie gekümmert hatte und außerdem waren die lieber auf dem Teppich in meinem alten Zimmer unterwegs. Mein neues Zimmer war mit Korkboden ausgestattet, da rutschten sie zu sehr und außerdem sollten sie ja nicht versehentlich unter die Räder kommen.

 

 

Nie werde ich diesen einen Tag vergessen. Es war der 22. Oktober, ein Freitag. Morgens brachte mir der Oberarzt die heiß ersehnten Entlassungspapiere. Hätte ich gekonnt, dann wäre ich vor Freude in die Luft gesprungen. Nach fast vier Monaten durfte ich endlich nach Hause! Ich hatte das Gefühl, auf Wolken zu schweben. Zurück nach Hause, in mein „Dorf“ – okay, rein rechtlich gesehen war es eine Stadt, aber die familiäre Atmosphäre bringe ich immer mit einem Dorf in Einklang – und zu meiner Familie, zurück in meine Schule, zu meinen Freunden. Ja, die meisten hatten mich nicht vergessen, ich hatte oft Briefe, Karten, Anrufe und auch immer wieder kleine Pakete bekommen. Aber gesehen hatte ich die Meisten schon seit Juli nicht mehr. In der Reha war ich zwar nicht mehr weit weg von zuhause gewesen, aber sie hatten Schule und ich Therapie, und am Wochenende war meist meine Familie oder auch Tobi dagewesen. Micha hatte ich keine einzige Träne mehr hinterhergeweint, seit ich Tobi kannte. Tobi drängte mich zu nichts, er war lieb und aufmerksam, hielt sich zurück und war einfach nur da. Ich wusste, er wollte mehr von mir, aber erst, wenn ich bereit dafür war.

Meine Eltern holten mich ab – Ehrensache. Paul zeigte ihnen noch einmal, wie sie meinen Rolli klein zusammenlegen konnten (als ob ich das nicht auch könnte) und dann schnappte sich Papa meinen Koffer. Himmel, wie konnte man nur so viel Zeug in einem Krankenhauszimmer ansammeln? Es war mir ein Rätsel, dabei hatten doch meine Eltern am Wochenende davor so gut wie alles schon mitgenommen. Dachte ich jedenfalls. Gut, Kleidung war wirklich nicht mehr allzu viel vorhanden, aber dafür hatte sich allerhand Kleinkram angesammelt: Mehrere Topfpflanzen, meine Flöte, Kuscheltiere (die hatten mir verschiedene Freunde und meine Großeltern geschickt), Discman (damals hatte ich noch keine MP3s), ein Haufen CDs, zwei Fotoalben (eines von meiner Familie, eines von meinen Freunden, das hatte Matze gemacht), meine Kuscheldecke mit AC/DC-Druck, mein eigenes Kissen (die Krankenhaus-Kissen kann man echt vergessen), Bücher und so weiter. Ich glaube, mein Papa ist mit voll bepackten Armen dreimal zum Auto gelaufen um alles einzupacken. Ein bisschen packte mich das schlechte Gewissen, aber die Freude auf zuhause überwog sehr deutlich.

Endlich stiegen wir alle ins Auto. Meine Geschwister waren nicht mit, schließlich hatten sie Schule. Ich ab Montag auch wieder. Den meisten Stoff hatte ich inzwischen nachgeholt und Prüfungen hatte ich nur vereinzelt verpasst. Mein Zeugnis hatte mein Bruder mit nach Hause bekommen, so schlecht war es gar nicht. Ich hatte nur eine entscheidende Klausur in Englisch noch verpasst im alten Schuljahr, alles andere war schon durch. Doch wegen der Klausur sollte ich mir keine Sorgen machen, meine Punkte bis dahin waren alle optimal, also würde mich das nicht weiter belasten. Einmal Null Punkte würde ich verschmerzen, ansonsten müsste ich die Arbeit nachholen und der Aufwand dafür war mir einfach zu groß. Ich hatte mit meinem Lehrer deswegen telefoniert und wir hatten uns darauf geeinigt. Gut, wenn ich meinen Schnitt von 13 Punkten wiederhaben wollte, dann musste ich mich reinhängen, aber ich würde deswegen nicht durchfallen. Selbst mit der verpassten Arbeit hatte ich im Jahreszeugnis der 12. Klasse noch beachtliche 10 Punkte stehen. Darüber wollte ich mich nun wirklich nicht beschweren.

Nur eine Stunde später waren wir zuhause und meine Eltern zeigten mir, was sich in der Zwischenzeit im Haus getan hatte. Statt der zwei Stufen vor dem Eingang war nun eine Rampe da, damit ich ins Haus kam. Auch die Haustür war erneuert worden – nicht wegen mir, das war sowieso geplant – und jetzt deutlich breiter. Gleich gegenüber war jetzt mein Zimmer, das vorher Gina bewohnt hatte. Sie hatten den schönen alten Schrank drin stehen lassen. Er war kein Schmuckstück, schlicht und einfach, aber groß genug für alle meine Sachen. Außerdem hatte ich einen Schreibtisch, der am Fenster stand, und ein großes, gemütliches Bett. Das Bücherregal war bis obenhin voll mit meinen Büchern (außer denen, die im Kofferraum von Papas Auto waren) und meinen Ordnern mit Noten. Daneben hatten sie eine kleine Kommode hingestellt und darauf meine Stereo-Anlage platziert. Mama hatte mir einen neuen, leichteren Vorhang genäht, aus einem bunt schillernden Organza-Stoff. Sie wusste, wie sehr ich bunt liebte. Die Wände waren in einem zarten Mint-Grün gestrichen und das Bett mit einer sonnig-gelben Bettwäsche bezogen. Es wirkte alles so anders. Ich war meinen Eltern so dankbar, sie hatten sich wirklich so viel Mühe gegeben und es einfach perfekt hinbekommen. Mein Dank schien sie zu überraschen. War ich früher undankbar gewesen? Nein, nur nicht so überschwänglich, erklärte Mama mir auf Nachfrage. Das brachte uns alle zum Lachen. Wobei, an diesem Tag fand ich alles zum Lachen, nicht weil es witzig war, sondern weil ich so glücklich war, dass ich einfach nur lachen konnte.

Später zeigten sie mir „mein“ Bad. Natürlich war es nicht nur für mich, meine Geschwister schliefen im oberen Stock und teilten sich das Bad dort oben, das hier unten würde ich mit meinen Eltern zusammen nutzen. Neugierig geworden machte ich die Tür auf. Schon die Lage der Tür war anders, war sie vorher am Ende des Flures auf der rechten Seite gewesen, gegenüber der Klotür, war sie jetzt mitten im Flur. Sie hatten den gesamten hinteren Raum umgestaltet, Bad und Toilette waren jetzt ein großer Raum. Da konnte ich mich leicht bewegen und auch alleine hantieren. Ein Waschbecken war in alter Höhe angebracht, eines für mich abgesenkt. Die Dusche war ebenerdig und befahrbar, die Wanne hatten sie auch für mich mit einem Sitz versehen lassen. Damit konnte ich auch selbständig baden gehen. Am liebsten wäre ich sofort in der Wanne verschwunden, seit Juli hatte ich nicht mehr gebadet. Aber das musste warten, meine Schwester kam bald aus der Schule und meine Brüder waren inzwischen da, wie man hören konnte. Also wendete ich meinen Rolli und fuhr in die Küche. Auch hier hatte sich mein Opa – das war deutlich erkennbar, den Stil meines Opas erkannte ich sofort – Mühe gegeben, mir den Alltag zu erleichtern. Die Küche an sich war die gleiche wie immer, aber er hatte an der Westseite eine neue Arbeitsplatte gerichtet, die in einer passenden Höhe für mich war und unter die ich gut fahren konnte. Nur an die Spüle und den Herd würde ich schwer rankommen, aber dann hatte ich immer eine passende Ausrede, warum ich nicht abspülen konnte. Soll ich es vielleicht erwähnen? Ich HASSE abspülen. Nur nicht kochen zu können, das ging nicht, dafür würde ich mir noch etwas einfallen lassen müssen. Kochen macht nämlich wirklich Spaß. Aber das konnte noch ein wenig warten. Jetzt waren Martin und Tom dran.

Die beiden begrüßten mich stürmisch wie immer. Gottseidank hielten sie sich nicht zurück. Ich hasste es, nur wegen dem Rollstuhl anders behandelt zu werden. Das hatte ich meiner Familie von Anfang an klar gemacht. Ich wollte so sein wie immer und sie sollten mich daran nicht hindern. Ich war kein anderer Mensch geworden, nur meine Fortbewegung war anders. Vielleicht brauchten andere mit meinem ‚Schicksal‘ dieses Mitleid, ich konnte damit nichts anfangen. Und sie sollten mich nicht anders behandeln, denn ich fühlte mich nicht anders. Ich war schon immer jemand gewesen, der den Tag so nahm, wie er kam und das würde auch so bleiben.

Martin zeigte mir, was wir in Musik und Religion gemacht hatten, das waren die beiden einzigen Kurse, die wir gemeinsam hatten. Eigentlich wollte ich Musik-Leistungskurs machen, aber dafür hätte ich an eine andere Schule gemusst und hätte einen Schulweg von mindestens einer Stunde einfach gehabt. Da hatte ich dann dankend verzichtet und nun waren Deutsch und Englisch meine Leistungskurse. Martin hatte Mathe und Bio gewählt. Ich sah mir den Stoff eine Weile an, gut, in Musik warf ich nur einen kurzen Blick darauf, das lag mir mehr oder weniger im Blut, da tat ich nie was dafür. Religion war schon kniffliger, jetzt kamen die Religionskritiker dran und ich musste eine Menge nachholen vor der nächsten Klausur. Daher nahm ich mir dafür ein bisschen Zeit, las wenigstens Martins Aufzeichnungen einmal durch. Papa hatte sie in der Arbeit für mich kopiert, damit ich nicht alles abschreiben musste, aber Martins Handschrift erinnerte jetzt schon stark an einen Arzt, sprich sie war so gut wie nicht zu entziffern. Tom dagegen war ein paar Jahre unter uns, gerade erst in der Neunten, er erzählte lieber vom Training und vom Theater, unseren gemeinsamen Leidenschaften. Naja, bisher zumindest. Mal sehen, wie das nun werden würde. Judo und Ju-Jutsu gingen schon mal nicht mehr, aber wer weiß, was sich da bot. Das würde ich sehen, wenn es soweit war. Jetzt lag erst einmal ein Wochenende vor uns, an dem wir uns wieder aneinander gewöhnen konnten.

Tom redete wie üblich ohne Punkt und Komma auf mich ein, erzählte mir einen Haufen Zeug, von dem ich schon fünf Minuten später nicht einmal mehr die Hälfte wusste. Aber so war Tom. Irgendwie hatte er da ein paar weibliche Gene zu viel abbekommen, die eigentlich unsere Schwester hätte kriegen sollen. Gina sprach so wenig, dass man manchmal vergessen konnte, dass sie da war. Ich hatte – wie sollte es auch sonst sein – nicht mitbekommen, dass Gina inzwischen zuhause war und erschrak daher, als sich plötzlich ihre Arme von hinten um mich legten und sie mir meine Mäuse in den Schoß plumpsen ließ. Die zwei rannten sofort meinen Arm hinauf und machten es sich auf meiner Schulter bequem. Okay, Mimi und Bianca, so hießen die Wüstenrennmäuse, hatten mich nicht vergessen. Auch mein Micky nicht, das war mein Zwergkaninchen. Er hoppelte inzwischen im Wohnzimmer herum. Das hatte er früher nicht gedurft, aber Mama war inzwischen damit einverstanden, da meine Schwester nicht allein dafür verantwortlich sein sollte, sich um meine Tiere zu kümmern. Die Mäuse behielt sie, aber das Kaninchen lebte nun im Wohnzimmer. Selbst auf der Terrasse hoppelte er herum, kam aber immer wieder rein. Es schien ihm bei uns zu gefallen.

„Abendessen ist fertig. Händewaschen und Tisch decken!“, unterbrach Mama uns nach einer Weile.

Wir beeilten uns, dass wir innerhalb kürzester Zeit mit gewaschenen Händen am Tisch saßen. Martin deckte den Tisch, somit war klar, dass ich mit dem Abräumen dran war, Gina musste dann die Spülmaschine einräumen und Tom war mit Ausräumen dran. Diese Einteilung wechselte wöchentlich und wir waren dafür verantwortlich, dass es in der Beziehung ordentlich war. Auch Mama arbeitete, zwar nur Teilzeit aber dafür in Schichten. Papa arbeitete Vollzeit. Heute gab es Mamas leckere Fischlasagne, ich liebte es. Aber es war eine Wahnsinnsarbeit, Mama musste dafür geräucherte Forellen entgräten und das war eine Fummelei. Und wir waren immerhin zu sechst und keiner von uns aß wie ein Spatz. Auf gut Deutsch gesagt: Wir waren verfressen. Kein Wunder, bei dem Sportprogramm, das wir Woche für Woche absolvierten. Dennoch war es keinen Moment still am Tisch, es war wie immer, jeder erzählte von seinem Tag, manchmal auch komplett durcheinander. Tom erzählte vom Fußball, seine Mannschaft hatte am Sonntag ein Heimspiel. Er war Mittelstürmer, der Kleinste in der Mannschaft (ich glaube, was die Größe betrifft haben wir beide dieselben Gene), aber auch der Schnellste. Gina war schon in der Ausbildung zur Köchin. Sie war nie auf dem Gymnasium gewesen und hatte die Schule schon geschafft. Sie liebte die Arbeit in der Küche und war nun dabei, das zu ihrem Beruf zu machen. Ich bewunderte es, wenn sie Zutaten schnippelte. Das würde ich nie schaffen, diese Schnelligkeit und Leichtigkeit. Sie musste noch nicht einmal hinsehen.

Papa erzählte mal wieder von den Streichen, die er und eine Kollegin den anderen Kollegen immer mal wieder spielten. Manchmal war er doch ein großes Kind. Aber nur manchmal. Und wenn er unterrichtete, dann wusste er genau, wozu seine Schüler fähig waren. Er war für jeden Spaß zu haben, aber wenn er anfing zu unterrichten, dann wussten die Schüler, dass sie nun aufpassen mussten. Da kannte er kein Pardon. Und so war es auch zuhause. Papa war absolut gerecht, fair und auch hier für allerlei Späße zu haben, nur wenn wir uns nicht an die Regeln hielten oder logen, dann wurde er wirklich böse. Aber das kam zum Glück selten vor. Wir hielten uns meist an die Regeln.

Nach dem Essen schnappte ich mir ein Tablett, legte es mir auf die Oberschenkel und stapelte das Geschirr darauf. Dann rollte ich damit in die Küche und stellte die Teller und das Besteck auf den Schrank. Dann rollte ich wieder zurück und räumte den Rest ab. Noch einmal ins Esszimmer, um den Tisch abzuwischen, dann war ich fertig.

„Nela, bringst du deine Wäsche dann noch? Ich will heute Nacht gleich noch waschen.“, erklärte Mama.

„Klar Mama!“, antwortete ich.

Ja, alles war beim Alten, ich war zuhause.

 

 

 

 

Am Freitag fiel ich geschafft ins Bett. Die vielen neuen Eindrücke im Haus hatten mich ziemlich erschöpft. Daher schlief ich am nächsten Morgen ungewöhnlich lange. Außerdem hatte ich jetzt wieder Jalousien am Fenster und konnte es abdunkeln. Das war weder im Krankenhaus noch in der Reha möglich gewesen. So kam es, dass Gina ausnahmsweise sogar eher wach war als ich und mich aufwecken kam.

„Hey, Nela, Mittagessen ist fertig, du solltest langsam mal aufstehen!“, lachte sie mir ins Ohr.

Mittagessen??? Mist, mein Toilettentraining! Das hatte ich heute Morgen völlig verschlafen. Na gut, das konnte ich jetzt auch nicht mehr ändern. Es war schon passiert, meine Blase und mein Darm funktionierten, wie sie sollten. Scheiße, das war jetzt peinlich. Ich scheuchte Gina aus meinem Zimmer. Dann fing ich an zu überlegen. Als erstes musste ich ins Bad. So konnte ich mich nicht blicken lassen. Ich warf mir ein altes Handtuch auf den Rolli, das zum Glück gestern übrig geblieben war von meiner Auspackaktion. Dann rutschte ich darauf und rollte ins Bad. Erst einmal duschen und anziehen. Dann nochmal auf die Toilette, jetzt war ja schon Mittag und somit wieder Zeit. Erst danach kümmerte ich mich um mein Bett. Auch hier wieder eine Überraschung. Mama – wahrscheinlich war sie es, wer sonst – hatte mir unter das Laken einen Schutz gekauft. Die Matratze hatte nichts abbekommen. Den Rest konnte man leicht waschen. Ich nicht, weil ich nicht in den Keller konnte. Obwohl, doch natürlich konnte ich. Zwar nicht wie die Anderen über die Treppe, aber außen herum ging das sicher. Ich packte also meine dreckige Bettwäsche und meine Decke zusammen und rollte damit zur Haustür. Meinen Schlüssel schnappte ich mir unterwegs auch noch. Dann ab durch die Haustür, nach links und nach unten am Haus entlang bis zur Kellertür. An meinem Schlüsselbund hing immer noch der Kellerschlüssel. Zu oft schon hatte ich da unten Partys gefeiert und irgendwann beschlossen, den Zweitschlüssel an meinem Bund zu belassen. Außerdem waren meine Inliner und meine Schlittschuhe ebenso wie die Skiausrüstung dort und ich hatte nie Lust gehabt, das durch den engen Kellerflur zu tragen.

Aber natürlich war mein Versuch zum Scheitern geboren. Mama war auch im Keller. Es war mir peinlich, dass sie sah, was passiert war, aber sie war Altenpflegerin und zuckte nur mit den Schultern. Ohne irgendwie darauf einzugehen, wusch sie die Sachen erst einmal grob aus und stopfte sie dann in die Waschmaschine. Derweil redete sie mit mir darüber, dass meine Großeltern darauf hofften, dass wir morgen kommen würden. Das war so üblich, so ziemlich jedes zweite Wochenende fuhren wir Sonntag zu den Omas und Opas. Es war nicht weit, eine halbe Stunde etwa, und die Eltern von meinen beiden Eltern wohnten im selben Ort. Mama hatte es am Ende geschafft, dass mir das Geschehen nicht allzu peinlich war. Sie ging mit einer Selbstverständlichkeit damit um, die mich beinahe vom Hocker haute. Solche Eltern waren ein Traum! Als alles in der Waschmaschine war, was reinging, ging sie mit mir nach oben zurück, außen herum. Das Mittagessen war fertig und die anderen hatten schon gegessen, da ich so lange im Bad gebraucht hatte. Das war auch typisch, keine Geduld, wenn es ums Essen ging. Aber Mama hatte mir ein Stück Pizza reserviert. Genug um satt zu werden. Danach kümmerte ich mich wieder um meine Schulsachen, damit ich am Montag nicht allzu sehr zurückhing. Meinen Stundenplan hatte Martin mitgebracht und der hing schon an meinem Schrank neben dem Schreibtisch. Also packte ich auch gleich meine Schultasche fertig. Was erledigt war konnte ich schon nicht mehr vergessen. Dann rief ich meine Freundin Sandra an, ob sie Lust hatte, vorbeizukommen. Leider hatte sie keine Zeit, wie sie mir sagte. Schade. Also rief ich Minka an, sie würde vorbeikommen. Denise, Inez und Vicky rief ich an, doch sie konnten heute auch nicht. Matze würde ich dann wohl eher nicht anrufen, Minka und er waren sich nicht so recht grün.

Minka kam gegen kurz nach drei. Wir gingen in den Garten, wo immer noch meine Hängematte hing und legten uns quer hinein, die Beine baumelten an der Seite runter. Sie erzählte mir, was rundrum so los war in letzter Zeit. Ihr ging es nicht besonders gut, aber keiner wusste, was los war. Sie hatte immer mal wieder unerklärliche Bauchschmerzen und Blähungen, manchmal sogar ziemlich heftigen Durchfall.

„Der Arzt, bei dem ich war, vermutet irgendeine Allergie. Naja, Heuschnupfen hab ich ja schon, da könnte das schon sein. Aber bisher haben wir noch nichts gefunden.“, erklärte sie mir.

Ich nahm mir vor, Michael davon zu erzählen, vielleicht hatte er eine Idee. Deshalb ließ ich mir gleich noch erzählen, was sie schon alles getestet hatte.

„Milchprodukte sind es nicht, die vertrage ich gut. Auch Gluten ist kein Problem. Es dauert halt immer ziemlich lange, bis ein bestimmtes Produkt ausgeschlossen werden kann. Ist ziemlich nervig, wenn du genau aufpassen musst, was du isst.“

Aber Minka jammerte nicht. Auch wenn es ihr nicht gut damit ging, sie war der Meinung, dass ich schlimmer dran war. Da widersprach ich ihr allerdings, denn ich wusste wenigstens was mit mir los war. Sie nicht. In dem Moment rief Mama zum Abendessen. Ich sah auf die Uhr, wir saßen schon fast drei Stunden hier draußen. Also robbte ich aus der Hängematte und schob mich in meinen Stuhl. Minka musste mir dann schließlich doch helfen, zur Haustür war der Weg leicht ansteigend, und das im Zusammenhang mit dem Gras schaffte ich nicht.

Das Abendessen war heute ziemlich mager, vor allem dafür, dass wir Besuch hatten. Normalerweise machte Mama immer mehr, wenn wir Besuch hatten, auch wenn das überraschend war. Zumindest dann noch eine Suppe oder so. Aber nichts dergleichen. Irgendwie wirkte alles ein wenig seltsam auf mich. Ich konnte das Gefühl nicht recht bestimmen, aber es war, als würden alle etwas wissen, von dem ich keine Ahnung hatte. Martin aß hektisch und kaum, dass er alles von seinem Teller gegessen hatte, sprang er auf. Was war das denn nun? Martin und beim Essen davonrennen? Da stimmte doch wirklich was nicht. Und keiner sah irritiert aus. Jetzt war ich wirklich neugierig.

„Flo wartet, wir gehen Karten!“, rief Martin noch und weg war er.

Minka und ich gingen nach dem Essen in mein Zimmer, sie hatte es ja noch nicht gesehen. Natürlich bewunderte sie das gemütlich eingerichtete, teilweise neu gestaltete Zimmer. So sollte es ja auch sein. Wir setzten uns, mangels anderer Gelegenheiten, auf mein Bett und machten die Stereoanlage an. Da Minka mit meinem Musikgeschmack nur sehr bedingt übereinstimmte, legte ich ABBA auf, damit konnten wir uns beide anfreunden. Ansonsten gab es einfach keine Musik, die uns beiden wirklich gefiel. So ähnlich wir uns sonst waren, aber bei der Musik konnten wir es wirklich nicht abstreiten, zwei absolut unterschiedliche Persönlichkeiten zu sein. Aber das störte nicht.

Wir hatten die erste CD noch nicht zu Ende gehört, als es klingelte. Jemand klingelte Sturm an der Haustür. Nanu?

„Nela, für dich!“, rief Mama kurz darauf.

Ich hob mich wieder in den Rollstuhl und rollte nach draußen. Vor der Tür standen ungefähr 40 Jugendliche, meine „alte“ Klasse und meine Freunde.

„Überraschung!“, lachten sie und kamen nacheinander erst zu mir um mich zu umarmen und gingen dann ins Wohnzimmer.

Martin grinste von einem Ohr bis zum anderen. Er hatte diese Überraschungsparty angeleiert als Willkommen zuhause. Jeder hatte irgendwas mitgebracht, und meine Eltern – die Verräter – hatten Getränke im Keller gebunkert. Martin hatte unsere ehemalige Klasse komplett eingeladen, und bis auf eine Ausnahme waren auch alle da (und auf den fehlenden Mitschüler konnte ich gut und gerne verzichten, der hatte mich schon zu oft beleidigt und schließlich auch noch als Lügner hingestellt, seitdem habe ich kein Wort mehr mit ihm gewechselt). Außerdem noch meine ganzen Freunde dazu. Papa hatte inzwischen die Bierzeltgarnituren aus der Garage geholt und die Jungs bauten sie im Wohnzimmer zusammen. Gut, dass wir so viel Platz hatten! Auch wenn ich selber keinen Alkohol trank – mein jetzt Ex-Freund hätte es beinahe geschafft, mich zur Alkoholikerin zu machen, da war ich vorsichtig geworden – floss das Bier fast in Strömen. Schnell war eine richtig gute Stimmung und wir plauderten wie in alten Zeiten fröhlich durcheinander, jeder mit jedem. Auch Tommy und Gina waren mit da und feierten ausgelassen mit uns.

Erst gegen 3 Uhr morgens entschied Papa dann, dass jetzt alle nach Hause sollten. Gut, ein paar schliefen bei uns, da sie außerhalb wohnten und nicht mehr fahrtüchtig waren, aber alle, die im Ort wohnten, gingen nun zu Fuß nach Hause. An die einzelnen Gespräche oder sonstige Ereignisse auf dieser Party kann ich mich nur vage erinnern, ich weiß nur noch, dass die Stimmung ausgelassen und feuchtfröhlich war. Jedenfalls fühlte ich mich wirklich wieder willkommen und absolut heimisch. Diese Feten hatten wir im 11. Schuljahr regelmäßig gefeiert und nachdem ich aus den U.S.A. wieder zurück war, war ich auch bei jeder Feier dabei gewesen.

An diesem Abend jedenfalls hatten wir Popcorn, Chips, Flips, jede Menge Süßkram, ein Fass Bier, einen Kasten Cola (die großen Flaschen), zwei Kästen Limonade und einen Kasten Wasser geleert. Und eine Menge Spaß gehabt. Gegen kurz nach Mitternacht war Matze auf die Idee gekommen, wir sollten doch mal ein Möbius-Band basteln und sehen, was passiert, wenn wir es aufschneiden. Das Ergebnis war eine absolute Katastrophe, wir hatten mehrere DinA4-Seiten aneinander geklebt, daraus dann ein Möbius-Band geklebt. Dann hatten wir es erst einmal mittig halbiert mit der Schere. Das war noch interessant gewesen. Aber als wir es dann immer weiter halbierten, hatten wir irgendwann nur noch einen Wust an Papier und keiner konnte den Knoten mehr aufbekommen. Das ‚Ding‘, wie wir es nannten, haben wir dann an die Decke gehängt, so als Partydekoration. Solche Ideen konnte man auch nur mitten in der Nacht haben. Die eigentliche Idee kam aus dem Unterricht in Physik. Da hatten die anderen vor kurzem eben dieses Möbius-Band durchgenommen und wollten mir die praktische Anwendung zeigen. Ich bin mir zwar nicht ganz im Klaren darüber, welche praktische Anwendung so ein Wust an Papier hat (außer, um einen Ofen anzuheizen, das ist mit unserer Party-Deko im folgenden Winter passiert), aber zumindest wusste ich nun, was ein Möbius-Band ist und das werde ich mein Leben lang nicht vergessen! (Wer das nicht weiß, bitte gerne bei Wikipedia oder so nachlesen!)

 

 

 

 

Die Nacht war kurz, aber dennoch raffte ich mich am Morgen auf. Noch einmal wollte ich ein Desaster wie am Tag zuvor vermeiden und stand daher gegen 7 Uhr auf, um im Bad zu verschwinden. Danach hatte ich auch keine Lust mehr darauf, wieder im Bett zu verschwinden und rollte daher ins Esszimmer, wo Mama und Papa bereits am Frühstücken waren. Mama hatte – wie eigentlich jeden Sonntag – Kuchen gebacken. Und eine Kanne schwarzer Tee stand auch schon bereit. Ich grinste und rollte an den Tisch. Vor der ersten Tasse Tee war ich nicht wirklich ansprechbar, auch Mama nicht. Nur Papa wirkte wach wie immer, auch wenn die Nacht extrem kurz gewesen war. Doch er wusste um unsere Morgenmuffeligkeit und sprach uns daher auch nicht an. Ich nahm mir ein Stück Marmorkuchen und einen Klecks Sahne darauf und fing an zu essen. Nach dem Frühstück gingen Mama und Papa dann auch ins Bad und nach und nach wurden auch die anderen wach. Unsere Gäste bekamen natürlich auch Frühstück und ich erfuhr nun auch, dass ausgemacht war, dass sie gegen halb zehn abgeholt würden oder selber nach Hause fuhren.

Ich entschied, zusammen mit den anderen in die Kirche zu gehen. Früher mussten wir mit, da unsere Eltern uns schlecht alleine zuhause lassen konnten, aber inzwischen war es uns freigestellt. Dennoch gingen wir meistens mit, es war immer wieder wie nach Hause zu kommen. Seit wir den neuen Pfarrer hatten vor allem, er war so menschlich, nicht abgehoben, wie viele andere oder weltfremd. Auch dort wurde ich freudig begrüßt, wir waren wirklich eine Gemeinde, eine große Familie, fast jeder kannte jeden. Natürlich wussten die meisten schon, was passiert war, in einer kleinen Gemeinde wie bei uns sprach sich so etwas schnell herum.

Nachmittags ging es dann zu den Omas. Zuerst zu den Eltern meines Vaters, dort gab es Kaffee und Kuchen, mein Opa, ein gelernter Bäcker, hatte gebacken. Mein Papa und mein Bruder mussten mich mitsamt meines Rollstuhles nach oben tragen, da Oma und Opa eine halbe Etage über dem Eingangsbereich wohnten und die Treppe war mir einfach ein bisschen zu viel. Aber es störte mich weniger als gedacht. Opa hatte einen einfachen Sandkuchen gemacht, weil er wusste, dass ich den am liebsten mochte. Natürlich gab es auch hier Sahne dazu. Wenn die mich alle so fütterten, dann musste ich aufpassen, nicht zuzunehmen, denn das zusätzliche Gewicht musste ich schließlich auch bewegen und das war anstrengend. In der Reha hatte ich mein altes Kampfgewicht noch, aber das würde nicht lange halten, wenn ich so gefüttert wurde. Natürlich wurde ich ausgefragt, was passiert war und wie es mir ging. Alles erzählte ich nicht, aber ich gab ihnen einen groben Überblick und erzählte von den vielen Therapien. Dann, als ich schon das Gefühl hatte, dass mir alles zu viel wurde, entschieden meine Eltern, aufzubrechen, da wir auch noch die andere Oma besuchen würden.

Dort war es so ziemlich das Gleiche. Nur gab es hier keinen Kuchen, sondern Kekse und später dann Abendessen. Oma hatte kalten Braten besorgt, weil ich den so liebte. Ich bedankte mich bei Opa, weil er mit Papa zusammen so viel für mich getan hatte. Gegen kurz nach sieben Uhr abends fuhren wir dann wieder nach Hause, wir alle waren ziemlich müde von der kurzen Nacht davor.

Am nächsten Morgen war ich immer noch ein wenig unausgeschlafen, aber dennoch aufgeregt, weil ich wieder in die Schule gehen würde. Martin und Tommy hatten sich bereit erklärt, zusammen mit mir zu gehen. Meistens waren wir alle einzeln unterwegs, aber nun hielten sie zu mir. Doch das würde nicht jeden Tag klappen, da ich andere Kurse hatte als Martin und somit teilweise auch unterschiedliche Zeiten, in denen wir in der Schule sein mussten. An diesem Morgen hatte ich zusammen mit Martin erst einmal Grundkurs Religion. Unsere Lehrerin hatten wir gestern in der Kirche schon getroffen, daher ging das relativ unkompliziert von Statten. Auch die meisten Mitschüler ließen mich in Ruhe, viele hatte ich ja zwei Tage vorher getroffen. Nach Religion hatte ich eine Freistunde, dann eine Doppelstunde Deutsch Leistungskurs. Dort gab es immer eine kurze Diskussionsrunde, die die Stunde eröffnete. Meist ging es um ein aktuelles Thema, heute war ich der Mittelpunkt der Diskussion. Ich war dem Kursleiter dankbar, denn er entschied: „Wenn es dir Recht ist, dann würde ich vorschlagen, wir reden heute einmal über dich und dann muss es aber auch gut sein mit den Fragen. Einverstanden?“

Ich nickte, ich war durchaus einverstanden. Da ging auch schon ein Trommelfeuer aus Fragen auf mich los. Sie waren neugierig, aber es war auch verständlich. Außer mir gab es niemanden an der Schule, der auch nur in einer annähernd ähnlichen Situation war. Es waren meist einfach zu beantwortende Fragen, die aber dennoch zeigten, dass die anderen sich Gedanken gemacht hatten.

„Wie kommst du hierher, wirst du nun gefahren?“

„Wie gehst du auf die Toilette?“

„Wie klappt das hier mit den Treppen?“

„Hast du jetzt frei statt Sport?“

„Kannst du noch, du weißt schon, … Spaß haben?“

Die letzte Frage war eindeutig eine, die ich nicht beantworten wollte. Sie kam von einem der beiden Jungs, die mit in diesem Kurs saßen. Der Lehrer beendete die Diskussion an diesem Punkt und schimpfte, wie es denn sein konnte, dass mir so eine Frage gestellt wurde. Ich selber sah es nicht so schlimm an, aber beantworten würde ich die Frage an dieser Stelle dennoch nicht, schon allein aus dem Grund, dass ich es im Moment auch nicht wusste, wie ich sie hätte beantworten sollen. Aber ich würde es auch nicht beantworten, wenn ich es wüsste. Danach war Unterricht angesagt und ich musste mich konzentrieren, da ich schon einige Wochen verpasst hatte. Es ging um die Gedichtanalyse. Schon am Ende dieser Doppelstunde war mir klar, dass ich das nicht mochte. Aber was sein muss, muss sein. Also gab ich mir Mühe, das Ganze zu verstehen, denn in einer Woche war wieder eine Klausur angesagt. Zwar könnte ich die auch nachschreiben, aber wenn ich es schnell genug schaffte, dann konnte ich es gleich mitschreiben. Es gab noch genug, was ich nachholen musste.

Am Ende der Stunde bat mich der Lehrer, noch kurz dazubleiben. Er wollte mit mir über einiges sprechen, was ich verpasst hatte, da er auch unser Jahrgangsstufenbetreuer war.

„Mir ist klar, dass du nun nicht mehr in Sport gehen kannst. Also habe ich mich mit dem Direktor kurzgeschlossen und wir haben entschieden, dass du stattdessen in Kunst gehen wirst. Du hattest es nach der elften Klasse abgewählt, aber du brauchst das Fach nun wieder, damit du genug Kurse zusammen hast, und Kunst ist die einzige Möglichkeit, damit du die entsprechenden Anteile an den Sozialwissenschaften hast. Also habe ich mir die Freiheit genommen, das bereits für dich zu arrangieren. Du bist in Herrn Wagners Kurs, Dienstag und Freitag. Wie geht es dir sonst?“, sagte er.

Mir schwirrte der Kopf. Das war eine Menge Information auf einmal gewesen. Aber mit Herrn Wagner konnte ich leben, sein Kollege war ein absoluter Alptraum.

„Äh, ja, ich denke das passt schon so. Und mir geht es gut. Danke.“, erwiderte ich.

Er nickte und lächelte mir zu, bevor ich in die Pause rollte. Mein nächster Kurs war Musik, da musste ich nach oben. Auch wenn ich inzwischen einen eigenen Schlüssel für den Aufzug hatte, der fuhr nicht bis in den Musiksaal. Also würde ich wohl Hilfe annehmen müssen. Das war nicht leicht für mich, war es noch nie gewesen. Ich war es so sehr gewohnt, alles selbst zu machen, ich wollte einfach nicht auf andere angewiesen sein. Ich musste jetzt schnell lernen, über meinen Schatten zu springen. Also wartete ich unten an der Treppe. Ich war als einziges Mädchen im Jungs-Kurs, warum auch immer. Der zweite Kurs bestand nur aus Mädchen und war in einer meiner Freistunden. Vielleicht wollten sie mich und meinen Bruder in einen Kurs stecken. Wie auch immer es entstanden war, ich war froh darüber, denn ich hatte richtig viel Spaß in dem Kurs und fühlte mich absolut wohl unter den Jungs. Heute war es von Vorteil, die Mädchen hätten mich nicht hochtragen können.

Martin war einer der ersten, sehr untypisch für ihn. Er grinste mich an und da wusste ich, dass er wegen mir so früh dran war. Mein Bruder hatte daran gedacht, dass ich hier Hilfe brauchte und war da. Ich war so dankbar, dass es schon fast wehtat. Ohne mich lange zu fragen hob er mich hoch und trug mich die Treppe hinauf. Andy, ein anderer Mitschüler, schleppte meinen Rolli nach oben, damit Martin mich wieder absetzen konnte. Ich rollte in den Musiksaal. Normalerweise war er abgeschlossen, aber unsere Kursleiterin sperrte immer schon in der Pause für uns auf, weil wir dann noch eine Weile Musik machen konnten. Ein paar von unserem Kurs waren wirklich musikalisch und wir hatten Spaß daran, gemeinsam zu spielen. Immer wieder hatten wir schon mit dem Gedanken an eine Band gespielt, aber es fehlte einfach an der Zeit, um das ernsthaft zu betreiben. Andy gehörte dazu, auch der andere Martin in der Klasse. Mein Bruder hat Musik nur deshalb gewählt, weil er der Meinung war, dass man da mit Lernen auch noch ein paar Punkte erreichen konnte, in Kunst war wirklich Talent gefragt, und das hatte er weder da noch dort. Ich rollte an den Flügel und schlug zaghaft ein paar Töne an. Schnell hatte sich Andy ans Schlagzeug gesetzt und Martin schnappte sich eine Gitarre. Kurz sahen wir uns an.

„Nothing else matters?“, fragte Martin.

Meistens schlug einer von uns einen Titel vor und dann spielten wir. Wenn jemand da war, der den Text konnte, dann wurde auch gesungen. Andy schlug schon die ersten Takte an und Martin und ich stiegen ein. Es war, als wäre ich nie weg gewesen, wir waren immer noch ein Trio. Ich hatte Spaß und sang mit den anderen mit. Vielleicht nicht unbedingt absolut richtig, aber mit Freude. Beim Singen traf ich nicht jeden Ton, das schaffte ich nur mit meinen Instrumenten. Da aber dafür umso besser.

Mehr als einen Song schafften wir meistens nicht, dann ging der Unterricht auch schon los. Aber das war in Ordnung. Die Jungs ließen mich in Ruhe, nervten nicht mit Fragen. Wahrscheinlich hatte mein Bruder schon vorgearbeitet.

 

 

 

Die nächsten Wochen waren anstrengend. Körperlich, weil ich viel unterwegs war und trotz der Reha und den vielen Trainingseinheiten war ich darauf nicht vorbereitet gewesen. Alleine schon bis in die Schule hatte ich eine Strecke von zweieinhalb Kilometern. Klar halfen mir meine Brüder, aber manchmal klappte auch das nicht und ich war alleine unterwegs. Meistens schafften sie es, mich zumindest eine Strecke zu schieben, aber dennoch war es viel. Innerhalb der Schule musste ich ab und zu auch die kleine Treppe überwinden, die zum Sekretariat führte. Es sollte noch eine Rampe kommen, aber zunächst musste ich tatsächlich die Stufen hoch und nicht immer war jemand da, der mir helfen konnte. Ich schaffte die drei Stufen, aber es war anstrengend. Außerdem behielt ich einen Teil meiner Freizeitaktivitäten bei. Meine Musik hielt mich bei Laune, und ich hatte zwei Klavierschüler, die nun wieder bei mir anfangen wollten, die wollte ich nicht enttäuschen. Gegen die Bezahlung hatte ich auch nichts, das Taschengeld war nicht die Welt, das Geld für den Klavierunterricht konnte ich gut brauchen. Irgendwann wollte ich ja auch ein eigenes Auto, und das musste dann auch noch umgebaut werden. Hier auf dem Land konnte man sich nicht auf die öffentlichen Verkehrsmittel verlassen. Auch den Singkreis wollte ich nicht aufgeben. Also war ich wieder Freitags um fünf nachmittags bei den Proben. Weiterhin hatte ich zweimal pro Woche noch Physiotherapie und Schwimmen wollte ich auch nicht aufgeben, nur musste ich es jetzt auf Samstag verschieben, damit mich jemand fahren konnte.

Aber auch geistig war ich gefordert, da ich viel nachholen musste von dem ganzen Schulstoff. Etwa sechs Wochen hatte ich verpasst, einiges musste ich nachholen, anderes war nicht ganz so dramatisch, denn manche Fächer hatte ich zwar noch, aber ich schrieb dort kein Abitur und damit war das nicht so schlimm, wenn mir ein paar Einzelheiten fehlten. Da auch schon die ersten Klausuren anstanden, hieß es pauken, pauken, pauken.

Aufgrund dessen war ich überrascht, als plötzlich Herbstferien waren. Natürlich war auch in der Woche Lernen angesagt, aber es ging etwas entspannter zu. Am ersten Ferientag schlief ich etwas länger, aber dann musste ich doch ins Bad. Inzwischen hatte sich das Ganze sehr gut eingespielt, ich brauchte keine Einläufe mehr und auch mein Bett war trocken geblieben. Ich blieb aber dran, denn es war mir schon wichtig. Beim Frühstücken war ich alleine, Gina und Tommy schliefen noch und Martin war wieder mal im Rettungswagen unterwegs. 6/18-Schicht, sprich, er war den ganzen Tag weg. Mama und Papa waren arbeiten. Ich mischte mir ein Müsli mit Nüssen und frischem Obst, kippte einen Becher Joghurt darüber und schnappte mir ein Buch. Normalerweise duldeten meine Eltern das nicht, aber heute konnte ich es genießen, da ich ja alleine am Tisch saß.

Gegen kurz nach neun Uhr klingelte das Telefon. Da ich immer noch als Einzige wach war, ging ich ran.

„Hey, ich bin´s, Tobi. Wie geht´s?“, wurde ich fröhlich begrüßt.

„Tobi! Mir geht´s gut. Bisschen Stress, bis ich alles wieder aufgeholt hab, aber das wird. Und bei dir?“, sprudelte es aus mir heraus.

Wir plauderten eine ganze Weile, dann auf einmal wurde Tobi ernst.

„Sag mal, was hältst du davon, wenn ich dich besuchen komm? Wären deine Eltern da einverstanden?“, wollte er wissen.

„Meinst du das ernst? Das wär echt spitze! Ich würd mich riesig freuen und meine Eltern haben da bestimmt nichts dagegen, wenn du bei einem meiner Brüder im Zimmer übernachtest oder im Wohnzimmer. Wann kommst du?“

„Also, Papa spendiert mir die Zugfahrt, dauert halt ein bisschen, aber gepackt hab ich schon. Ich hatte gehofft, dass du zustimmst. Ich steig´ dann gleich in die U-Bahn und fahr zum Hauptbahnhof. Die Fahrt dauert etwas über zwei Stunden, und ich bin dann laut Fahrplan gegen 14:30 Uhr da. Meinst du, mich kann jemand abholen?“, erklärte Tobi.

„Klar, Mama muss nur vormittags arbeiten und ist dann sowieso im Nachbarort, wo du ankommst. Sie nimmt dich bestimmt mit. Ich ruf sie an. Du kennst sie ja schon, dann findet ihr euch bestimmt, ist ja nicht so groß der Bahnhof hier! Man, ich freu mich so!“

Ich konnte es kaum glauben, Tobi wollte kommen! Er war in mich verliebt, aber bisher war ich mir nicht sicher gewesen, ob ich schon bereit war für eine neue Beziehung, nachdem meine alte so abrupt geendet hatte. Aber dennoch, ich fühlte mich absolut geborgen in Tobis Gegenwart und freute mich sehr, dass er kam. Wer weiß, wie es sich entwickeln würde. Das konnten wir auf uns zukommen lassen und ganz entspannt angehen. Tobi kannte meine Geschichte soweit, er würde mich nicht drängen, da war ich mir sicher. Aber ich wusste auch, dass ich drauf und dran war, mich in Tobi zu verlieben. Aber würde ich ihm genügen? Ich hatte ja nicht mal eine kleine Ahnung, wie das laufen könnte. Ich meine, ich wusste, wie es technisch funktionierte, war auch keine Jungfrau mehr. Dafür hatte mein Exfreund schon gesorgt. Gut, es war auch nicht sonderlich berauschend gewesen, aber ich wollte auch nicht komplett darauf verzichten. Doch ich hatte keine Ahnung, ob das noch funktionierte. Gut, ein wenig Gefühl war in dem Bereich da, das konnte ich beim Waschen tagtäglich feststellen. Aber ob es zu mehr reichte, hatte ich bisher noch nicht ausprobiert. Doch ich musste es einfach wissen, konnte eine Beziehung – ob mit Tobi oder einem anderen Mann – so überhaupt funktionieren? Einerseits wollte ich es herausfinden, andererseits machte mir die Möglichkeit, dass es eben nicht funktionieren könnte, ganz schön Angst. Eigentlich mehr Angst, als ich bisher gehabt hatte. Im Rollstuhl zu sitzen hatte mich nicht so panisch gemacht.

Bevor ich komplett in Panik geriet, atmete ich mit geschlossenen Augen ein paar Mal tief durch. Mir wurde ein wenig leichter ums Herz, aber die Angst blieb. Ich musste es herausfinden. Am besten, bevor Tobi ankam. Also rollte ich zurück in mein Zimmer, schloss die Türe ab und hievte mich auf mein Bett. Nur etwa zehn Minuten später wusste ich, dass es noch genauso funktionierte, wie es sollte. Glücklich rief ich Mama an, denn mir war zwischendurch vor lauter Angst entfallen, dass sie ja Tobi abholen sollte. Glücklicherweise war sie tatsächlich in der Dienststelle, als ich anrief. Da sie in der mobilen Pflege arbeitete, war das gar nicht so leicht, sie zu erreichen. (Handys waren zu der Zeit noch nicht sonderlich verbreitet!) Sie sagte zu, dass sie Tobi mitbringen würde und bat mich im Gegenzug, dass ich das Kochen übernehmen sollte. Kein Problem, ich kochte schließlich gerne.

 

Endlich war es soweit, Mama und Tobi kamen. Ich rollte zur Haustür und umarmte Tobi, als er hereinkam. Er grinste mich an und hielt mir eine Packung mit Cookies hin. Ich musste lachen. Ja, ich denke, man kann sagen, dass ich süchtig danach war – und bin.

„Lasagne ist im Ofen!“, verkündete ich, als Mama reinkam.

Erstaunt hob sie ihre Augenbrauen an. Normalerweise gab es so ein aufwändiges Essen nur am Wochenende, vor allem, weil ich meine Nudelplatten dafür immer selber machte. Doch heute hatte ich mich nicht auf die Lernerei konzentrieren können und mich dafür in die Küche gestellt. Dann zeigte ich Tobi die untere Etage des Hauses, angefangen bei der Küche (da waren wir sowieso schon), dann gingen wir ins Esszimmer, wo ein großer Tisch, eine ausziehbare Eckbank und mehrere Stühle Gemeinschaftsgefühl verbreiteten. In einer Ecke stand ein Regal, in dem sich viele Gesellschaftsspiele sammelten.

Von dort aus ging es in das riesige Wohnzimmer, das durch eine halbe Wand in zwei Einzelbereiche aufgeteilt war, der eine war ursprünglich ein Spielzimmer für uns Kinder gewesen, wurde aber momentan nicht dafür genutzt, sondern als Lesezimmer. Wir hatten gemütliche Sessel und Sitzsäcke rumstehen, außerdem einen Hängesitz und mehrere Leselampen. Die Wände waren mit Bücherregalen vollgestellt, und am Kamin war ein Schwedenofen. Jetzt im Sommer brannte darin natürlich kein Feuer, aber man konnte die Gemütlichkeit richtiggehend spüren. Im Wohnzimmer stand natürlich die Couch und auch ein Fernseher und eine Stereoanlage. Und noch mehr Bücher. Der Fernseher lief nicht so oft bei uns, wir lasen lieber oder spielten zusammen Brettspiele. Neben dem Lesezimmer war das Schlafzimmer meiner Eltern. Das zeigte ich Tobi aber nicht, ich meine, wer will schon das Schlafzimmer der Eltern seiner – hm, ja was denn nun? Freundin? sehen. Dann zeigte ich ihm das Bad und mein Zimmer. Ich schloss die Tür hinter uns. Gina und Tommy waren inzwischen wach, waren aber im Wald unterwegs, Pilze sammeln. Gina konnte Pilze zwar nicht ausstehen, aber sammeln schon.

„Wie geht´s dir wirklich?“, fragte Tobi nach einer Weile.

Er hatte sich wortlos in meinem Zimmer umgesehen und sich dann auf mein Bett gesetzt. Beinahe automatisch hatte ich meine Anlage eingeschaltet, als ich das Zimmer betrat. Sie war fast komplett runtergedreht, aber ich hatte Kuschelrock eingelegt. Wie passend.

„Weißt du, Tobi, ich mache mir da selten Gedanken drüber. Ich nehme es, wie es kommt, schon immer. Als ich gerade mal viereinhalb war, wurde Mama ziemlich krank. Krebs. Keiner wusste, ob sie es schaffen würde und wir wurden immer wieder zu den Omas oder zu meiner Großtante geschafft. Zu der Zeit habe ich damit angefangen. Ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht, was kommen würde und lieber die Zeit mit Mama genossen. Das tat immer gut und hat mir sehr geholfen. Das habe ich mir auch dann behalten, als Mama wieder gesund war.“, versuchte ich eine Erklärung.

„Das klingt sehr weise, aber auch ziemlich schwierig. Als meine Mama damals gegangen ist, Papa verlassen hat, da ging es mir absolut schrecklich. Und dann starb auch noch Toms Frau und er und die Zwillinge standen ganz alleine da. Wahrscheinlich war Papa genauso einsam wie ich, jedenfalls hat er Tom angeboten, dass er mit den Kindern bei uns einziehen kann. Ich war froh, denn da hatte ich wieder eine Aufgabe. Ich musste ja schließlich auf Lisa und Laura aufpassen, sie wieder aufmuntern. Diese Aufgabe hat mir damals geholfen. Aber deine Einstellung, die ist noch besser, denn sie wirkt nicht nur auf einen Teil von dir sondern hilft dir insgesamt. Aber wenn ich mir jetzt vorstelle, einfach so in den Tag hinein zu leben…“, brach Tobi schließlich ab.

Ich lehnte mich zu ihm hinüber und hauchte einen Kuss auf seine Wange. Überrascht sah Tobi mich an. Ich legte ihm den Finger auf die Lippen, er brauchte jetzt nichts sagen und kuschelte mich an seine Seite. Sein Arm schlang sich um mich und wir teilten ein sehr angenehmes Schweigen, in dem wir beide zur Ruhe kommen konnten. Nach einer ganzen Weile, als die CD zu Ende war, stand Tobi auf und suchte eine neue CD aus. Zu meiner Überraschung erklangen plötzlich klassische Töne aus dem Lautsprecher, Tobi hatte die „Vier Jahreszeiten“ gewählt. Es kam mir irgendwie seltsam vor, normalerweise griff niemand in meinem Alter auf Klassik, außer man musste. Doch in dem Moment war es richtig schön. Er setzte sich wieder zu mir und ich kuschelte mich zurück in seine Arme. Dort fühlte ich mich so wohl wie noch nie. Es fühlte sich so richtig an. Das Schweigen dehnte sich aus und ließ uns zur Ruhe kommen. Erst jetzt merkte ich, wie sehr ich in den letzten Monaten aus dem Gleichgewicht geraten war. Mit Tobi an meiner Seite fand ich mein inneres Gleichgewicht wieder, ohne überhaupt danach suchen zu müssen. Sein Arm lag um meine Taille und seine Hand strich sanft über meine Seite, nur ein Hauch einer Berührung, so zart und unschuldig. Dennoch kribbelte mein ganzer Körper bei jeder Berührung. Ich wollte immer so berührt werden, wollte, dass er nie damit aufhörte. Irgendwann spürte ich das Verlangen, mich zu ihm zu lehnen, und als ich dem nachgab, konnte ich seinen Atem auf meinem Gesicht fühlen. Langsam näherten wir uns einander an, bis sich unsere Lippen ganz zart berührten. Es knisterte regelrecht. Nur ein zarter Kuss, eine Berührung der Lippen. Nicht mehr, doch ich hatte das Gefühl, auf Wolken zu schweben. Als hätte sich das Zentrum der Welt in dem Moment einfach verschoben, und nur Tobi hielt mich jetzt noch fest.

 

 

 

 

Ich genoss die nächsten Tage mit allen Sinnen. Tobi blieb bis Sonntagmorgen, dann musste er wieder zurück nach Hause. Schließlich war am Montag wieder Schule. Tobi war ein Jahr jünger als ich, aber auch kurz vor dem Abitur. Ich hatte die siebte Klasse damals freiwillig wiederholt, bevor ich gezwungen war, die achte Klasse zu wiederholen. Daher war ich in einer Jahrgangsstufe mit vielen Jüngeren. Tobi und ich unternahmen viel zusammen, wir gingen am Samstag sogar in die Therme. Martin arbeitete, Gina und Tommy entschieden sich, nicht mit uns in die Therme zu fahren. Wir mussten den Zug nehmen, da meine Eltern keine Zeit hatten, uns zu fahren und Tobi Martins Auto wegen der Versicherung nicht fahren durfte. Ich konnte nicht, da es natürlich nicht für Handsteuerung gemacht war. Mama fuhr uns zum Bahnhof, dann schob Tobi mich auf den Bahnsteig zum Zug. Da es ein Kleinstadt-Bahnhof war, gab es auch keinen Aufzug. Tobi trug mich zum Gleis drei, von da aus fuhr der Zug. Dort setzte er mich auf eine Bank und ging zurück um meinen Rollstuhl zu holen. Er musste nicht ganz zurück, denn ein älterer Mann kam ihm entgegen und lächelte ihm freundlich zu.

„Ich dachte, ich bring dir das mal hinterher. Du bist dem Mädchen ein toller Freund!“, sagte er und gemeinsam schleppten sie den Rollstuhl die Treppe hinauf.

Oben gratulierte er mir zu meinem aufmerksamen Freund und ging dann weiter zu seinem Zug. Wir mussten noch eine Weile warten, bis unser Zug ankam. Ein Bahnbeamter wurde auf uns aufmerksam. Erst beobachtete er uns eine Zeitlang, dann kam er schließlich auf uns zu.

„Habt ihr euch angemeldet?“, wollte er wissen.

„Äh, nein. Wieso?“, stellte Tobi eine Gegenfrage.

Ich verstand es auch nicht wirklich. Konnten wir nicht einfach Zug fahren? Wir hatten am Automaten ein Ticket für uns beide gelöst. Das sollte doch reichen.

„Weil es nach Voranmeldung die Möglichkeit gibt, dass der entsprechende Zug auf Gleis eins einfährt und es dann auch eine Einstieghilfe gibt. Man muss sich als Rollstuhlfahrer vier Tage vorher anmelden.“, informierte er uns.

„Das krieg ich schon hin, keine Sorge.“, versicherte Tobi.

„Das mag sein, junger Mann, aber das Problem ist, dass der Zug nur eine Minute Aufenthalt hier hat und er muss pünktlich weiterfahren. Wenn ihr also nicht so schnell einsteigen könnt, dann haltet ihr den Bahnbetrieb auf. Deshalb ist es so gedacht, dass Rollstuhlfahrer sich vorher anmelden sollen.“

Nun schien der Beamte irgendwie genervt. Aber woher sollten wir das wissen? Und wo lag das Problem? Ich wollte nicht immer vier Tage vorher entscheiden, ob ich mit dem Zug fahren würde. Und Tobi würde mich in den Zug heben und dann konnte doch sicher jemand mit hinlangen und den Rolli reinheben. Bei Kinderwägen machte doch auch keiner einen Aufstand, oder? In dem Moment verstand ich, was andere gemeint hatten, dass man ausgegrenzt und benachteiligt war, wenn man im Rollstuhl saß. Jetzt verstand ich, was sie meinten mit ‚behindert‘. Gerade eben fühlte auch ich mich behindert. Behindert in meiner freien Entscheidung. Ich war sauer, doch ein paar andere Leute mischten sich jetzt ein.

„Das wird doch wohl kein Problem sein, die Kleine kriegen wir schon in den Zug. Wie weit fahrt ihr, vielleicht kann ich euch auch beim Aussteigen helfen.“, bot ein Mann an.

Ich sagte, wie weit wir fahren und wo wir danach hin wollten.

„Da gehen wir auch hin!“, erklärte ein junges Pärchen, vielleicht etwas älter wie wir.

„Gehen wir gemeinsam, dann können wir euch helfen!“

Der Beamte zog sich grummelnd zurück. Er ließ uns zwar in Ruhe, aber beobachtete uns weiterhin genau. In dem Moment fuhr der Zug ein und hielt. Ein paar Reisende stiegen aus und der erste Mann und der männliche Teil von dem Pärchen schnappten mich mitsamt meinem Rollstuhl und hoben mich in den Zug. Ich schnappte nach Luft, als ich plötzlich in der Luft schwebte, aber bevor ich protestieren konnte, war ich schon wieder auf dem Boden abgestellt worden. Ich war im Zug, und Tobi stieg eben mit unserer Tasche ein. Die Fahrt war kurzweilig, wir unterhielten uns mit dem Pärchen und verstanden uns prima. Sie waren hier im Urlaub, lebten eigentlich in Köln und studierten dort Medienwissenschaften. Theresa und Stefan hatten im Sommer mit unserem Theater zu tun gehabt und inszenierten jetzt noch ein Stück in der Halle. Es war für sie eher ein Hobby als dass es zum Studium gehörte, aber irgendwie schien es dennoch zu ihrem Studium zu gehören. Die dreiviertel Stunde Fahrzeit war schnell um. Tobi und Stefan hoben mich nach draußen und Theresa schnappte sich unsere Tasche. Alles in allem brauchten wir weniger als dreißig Sekunden, um den Zug mit allen unseren Sachen zu verlassen. Also hielten wir den Verkehr wohl eher nicht auf. Trotzdem war ich immer noch sauer und ich würde mich beschweren bei der Bahn. Das konnte doch nicht sein, das fiel unter ‚Diskriminierung‘ und das würde ich mir nicht gefallen lassen. Vorsichtshalber hatte ich mir den Namen des Beamten gemerkt. Aber erst einmal war Entspannung und Spaß angesagt. Vom Bahnhof aus mussten wir noch etwa eine halbe Stunde laufen, dann waren wir da. Es war ruhig, schließlich war es erst kurz nach zehn Uhr morgens. Theresa bot an, mir beim Duschen zu helfen und ich nahm dankbar an. Zwar hatte ich mehrere Handtücher dabei, damit ich mich auch nass in den Rollstuhl setzen konnte, aber duschen war schwierig, schließlich konnte ich meinen Duschstuhl nicht mitnehmen. Aber Theresa machte es relativ leicht. Sie half mir, unter der Dusche zu stehen und hatte meinen Rolli in die Nachbarkabine gestellt, damit er nicht zu nass wurde. Es dauerte zwar ein paar Minuten länger als früher, aber schließlich waren auch wir fertig und gingen hinein. Es war herrlich warm und wir entschieden, erst einmal ins Wasser zu gehen. Ich rollte bis an den Rand des Beckens und setzte mich dann erst auf den Boden, um dann ins Wasser zu gleiten. Tobi hätte mich auch getragen, aber das war nicht nötig. Ich war es gewohnt, für mich selber zu sorgen und das wollte ich mir auch nicht ganz nehmen lassen. Ich hatte heute schon mehr Hilfe angenommen, als ich es normalerweise machte, aber es war angenehm gewesen. Doch das wollte ich selber schaffen.

Ich schwamm ein paar Runden, was zwar anstrengend war, weil nur die Arme dafür sorgen konnten, dass ich oben blieb und vorwärts kam, aber es tat einfach gut. Dann ließ ich mich von den Massagestrahlen verwöhnen und die Muskeln wieder entspannen. Die beiden Studenten vergnügten sich in der Zeit auf der Rutsche. Ich hatte zwar auch Lust, aber nicht darauf, da hochgeschleppt zu werden. Daher schlug ich Tobi nach einer Weile vor, in die Sauna zu gehen. Ich liebte diese trockene Hitze, wurde erst ab 85°C richtig warm. Wobei, allein schon der Gedanke, gleich nackt mit Tobi Hautkontakt zu haben, ließ Hitze in mir aufsteigen. Irgendwie musste ich ja in die Sauna kommen, denn mit dem Rolli rein war nicht gut, das Metall heizte sich zu sehr auf. Doch verzichten wollte ich auch nicht darauf. Wir entschieden uns dafür, erst einmal mit etwas weniger anzufangen, da Tobi noch keine Sauna-Erfahrung hatte und gingen in die 70°-Sauna. Tobi trug mich rein, als hätte er das immer schon gemacht. Er setzte mich auf die mittlere Bank, weiter nach oben schaffte er es nicht mit mir auf dem Arm. Nach einem kurzen Kuss setzte er sich einfach neben mich. Wie er es geschafft hatte, das Handtuch unter mich zu legen, das fragte ich mich schon. Aber er hatte es irgendwie geschafft. Wir waren nicht alleine in der Sauna und tauschten daher nur immer wieder Blicke. Doch auch so verstanden wir uns relativ gut. Die Hitze tat gut und auch Tobi schien sich dabei zu entspannen. Nach und nach bildete sich ein feiner Schweißfilm auf seinem Körper, der anziehend auf mich wirkte. Nach einer Viertelstunde reichte es uns und wir verließen das Häuschen. Unser Weg führte uns in die Dusche, wo sich ein älterer Mann sehr belästigt von uns fühlte, weil Tobi mich in die Dusche trug. Er fing schon an, sich zu beschweren und schnell kam ein Mitarbeiter der Therme auf uns zu. Der klärte den Mann nach einem Blick auf, dass wir keine ‚Spielchen‘ trieben, wie er es ausgedrückt hatte, sondern dass es eine Notwendigkeit war, weil ich meine Beine nicht benutzen konnte. Er hatte uns offenbar vorher schon bemerkt.

Nach diesem Vorfall hatte ich erst einmal die Lust an der Saunawelt verloren und wir gingen – nachdem wir uns auf der Ruhewiese ausgeruht hatten – zurück in den Badebereich. Theresa und Stefan trafen wir unterwegs, sie hatten inzwischen genug von der Rutsche und wollten nun in der Sauna entspannen. Wir gingen noch einmal schwimmen und dann in den Whirlpool. Später riskierten wir noch einmal einen Besuch in der Sauna. Erst nach etwas über vier Stunden beschlossen wir, die Therme zu verlassen. Theresa und Stefan waren schon wieder weg, sie hatten nur drei Stunden bezahlt, wir dagegen fünf. Wir gingen gemütlich zurück zum Bahnhof und kauften uns unterwegs noch eine kleine Brotzeit beim Bäcker, Mama machte schließlich noch Abendessen. Und das war eigentlich immer lecker. Naja, ab und zu gab es auch etwas, das mir persönlich nicht so schmeckte, ich mochte keine Zucchini oder Oliven. Aber ansonsten war es eigentlich super. Unterwegs plauderten wir über die Schule, über unsere jeweiligen Freunde, Hobbies und vieles mehr. Wir hatten einige Gemeinsamkeiten, allerdings weder im Sport – außer Schwimmen – noch in der Musik. Tobi hörte gerne Musik, war aber selber total unmusikalisch. Ich liebte es, Musik zu machen, nur das mit dem Singen ist nicht ganz meine Stärke. Da traf ich die Töne nicht so sicher wie mit meinen Instrumenten. Und so war der Tag schneller vorbei als gedacht und ich lag auf einmal in meinem Bett, ohne recht zu wissen, wie ich dahin gekommen war. Tobi schlief bei Tommy, da Martin am andern Tag wieder früh raus musste um zu arbeiten. Und dann war diese wunderschöne Ferienwoche leider auch schon wieder vorbei. In dieser Woche war ich mir selber gegenüber ehrlich geworden: Ich liebte Tobi und wollte meine Zukunft mit ihm verbringen. Dennoch würde ich es diesmal langsamer angehen lassen, ich hatte die Erfahrungen mit meinem Ex-Freund nicht vergessen.

 

 

Nach den Ferien ging es wieder zurück in den Alltag. In der Ferienwoche war mir absolut klar geworden, dass ich meine Zukunft planen wollte. Zusammen mit Tobi. Bisher hatte ich Vieles einfach auf mich zukommen lassen und mir nur wenige Gedanken über die Zukunft gemacht. Für mich war klar gewesen, dass ich weiter Musik machen wollte, entweder studieren oder auch in einem Orchester professionell spielen. Doch das war seit dem Unfall nicht mehr mein primäres Ziel, vor allem, weil meine Füße das Ganze nicht so mitmachten, wie es in dieser Zukunft notwendig wäre. Komischerweise störte mich das nicht so sehr, wie es sollte. Musik war für mich immer das Wichtigste gewesen, aber meine Wahrnehmung hatte sich geändert. Wann war das denn passiert? Ich glaube, es war Tobi, aber ganz sicher bin ich mir bis heute nicht. Aber dazu beigetragen hatte er ganz sicher.

Drei Tage nach den Ferien entschied ich mich, noch einmal zur Berufsberatung zu gehen. Wir hatten das in der zehnten Klasse schon einmal gehabt und da war ich mir auch noch sicher gewesen, dass ich Musik zu meinem Leben machen würde. Hatte nicht wirklich zugehört, was damals besprochen wurde. Jetzt war ich für mich selber an dem Punkt, dass ich einen Rat annehmen wollte. Ich meldete mich bei meinem Kollegstufenbetreuer und vereinbarte einen Termin für eine weitere Berufsberatung. Schon am folgenden Tag hatte er Zeit für mich.

„Okay, dann wollen wir doch mal sehen, wo deine Stärken liegen. Oder hast du schon eine Idee, was du machen willst? Aber so wie ich dich kenne, wärst du nicht hier, wenn du wüsstest, was du willst.“, begann er.

Ich musste lächeln. Er hatte mich ziemlich genau beschrieben. Den Nagel voll auf den Kopf getroffen. Er gab mir einen Fragebogen, den ich ausfüllen sollte. Anhand dessen würden wir meine Stärken und Schwächen bestimmen. Das fand ich zwar echt blödsinnig, denn warum brauchte es dafür einen Test. Ich kannte meine Stärken. Musik war eine davon. Bisher war Sport eine andere. Außerdem konnte ich Sprachen ganz gut, auch wenn ich immer nur Englisch gelernt hatte und mich mit Latein nie angefreundet hab. Meine Schwächen? Ganz eindeutig das Mathematische. Außerdem war ich kein Mensch, der andere führen konnte. Aufgrund meines Unfalles und der Folgen war auch klar, dass ich manche Berufe nicht würde ausüben können. Aber das war für mich nicht das Problem. Ich wollte wissen, was für mich in Frage kam. Nicht, was nicht ging. Warum sich auf das Negative konzentrieren? Das war doch nur deprimierend. Ich bin ein Mensch, bei dem das Glas immer halb voll ist. Unser Betreuer gab mir nach der Stunde noch ein Buch mit, in dem die verschiedensten Ausbildungsberufe aufgelistet und beschrieben waren, denn ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich studieren wollte. Der Test brauchte eine Weile, um ausgewertet zu werden und er würde mir das Ergebnis dann mitteilen, wenn er es hatte.

Am Wochenende musste ich zwar lernen, dennoch schmökerte ich immer wieder in diesem Buch. Manche Berufe fielen gleich weg, entweder, weil ich sie nicht ausüben konnte oder wollte, oder weil sie völlig überbevölkert waren. Wer wollte schon einen Beruf, wo die Wahrscheinlichkeit, arbeitslos zu werden, bei mehr als 50% lag? Trotz des Lernens hatte ich nach dem Wochenende schon ein paar Berufe herausgesucht, die vielleicht in Frage kommen würden. Ich würde mich darüber genauer informieren. In Informatik hatten wir immer mal wieder die Chance, das Internet zu nutzen. Dort würde ich sicher fündig werden. Seit ich in den U.S.A. gewesen war, wusste ich die Vorzüge des WWW sehr zu schätzen. Zuhause hatten wir noch kein Internet, aber Papa wollte das demnächst ändern. Doch bis dahin musste ich das in der Schule erledigen. Aber unser „Onkel Helge“, wie wir unseren Informatik-Lehrer spaßeshalber nannten, hatte nichts dagegen, wenn wir solche Dinge in seinem Unterricht machten, vorausgesetzt, wir hatten vorher unser Programm geschrieben. Also beeilte ich mich und strengte mich an. Diese Programmiererei fiel mir nicht leicht, aber an diesem Tag hatte ich ein Ziel. Also strengte ich mich an und schaffte es auch tatsächlich, so fertig zu werden, dass ich noch fast zwanzig Minuten für meine Recherche hatte. Ich druckte mir einige Seiten aus und entschloss mich, zuhause noch mehr zu lesen. Das alles schien deutlich interessanter als ein Studium, zumindest in meinen eigenen Augen.

Martin und Tobi waren sich sicher, sie wollten beide Medizin studieren, Ärzte werden. Aber für mich war höchstens Tiermedizin interessant, aber im Rollstuhl erschien mir das nicht unbedingt die beste Idee. Und auch vorher schon hätte ich mir das nicht so ganz vorstellen können. Daher fiel das auch jetzt aus. So sehr hatte mich der Unfall nicht verändert, dass ich auf einmal etwas machen würde, was mir vorher nicht zugesagt hätte. Doch ich musste nicht sofort eine Entscheidung treffen. Obwohl, für eine Ausbildung sollte ich mich bald entscheiden. Die Ausbildungsplätze waren nicht so einfach zu bekommen um diese Zeit. Ein Jahr vorher sollte man sich schon entschieden haben. Also was tun? Ich wusste es einfach nicht. Das war das erste Mal, dass ich mich so intensiv mit meiner eigenen Zukunft befasste. Ich konnte meine ‚Genieße den Tag‘-Philosophie nicht mehr so beibehalten. Tobi wusste genau, was er wollte, ebenso Martin. Auch viele meiner Freunde hatten schon genaue Pläne. Sie hatten mir immer wieder eingeredet, dass ich mich auch damit befassen sollte, aber ich hatte mich immer geweigert. Wie dämlich war das eigentlich gewesen? Jetzt saß ich da und wusste, ich musste nun viel nachholen. Dennoch konnte ich diese Entscheidung nicht von heute auf morgen treffen. Zuerst musste ich mein Abitur schaffen, ansonsten wäre eh alles für die Katz. Also konzentrierte ich mich wieder aufs Lernen. In der folgenden Woche standen Klausuren in Deutsch und Englisch an. Eigentlich unfair, so viel Schreiberei.

Am Dienstag war Deutsch dran, von acht bis dreizehn Uhr. Gedichtanalyse. Davor fürchtete ich mich ein wenig, das war so ziemlich das Einzige, was mir nicht lag. Aber da musste ich durch, es half ja nichts. Wir hatten entschieden, dann Pause zu machen, wenn auch in der Schule Pause war. So minimierten wir die Störfaktoren. Die Schüler auf dem Gang waren laut und würden stören, und wenn jeder von uns einzeln seine Brotzeit auspackte, dann würden die anderen auch gestört werden. Somit war es für uns alle am besten, wenn wir mit der restlichen Schule Pause machten. Dazwischen analysierten wir – natürlich jeder für sich – ein Gedicht von vorne bis hinten. Zwischendurch musste ich immer mal wieder an die elfte Klasse denken, da hatten wir auch Gedichtanalyse gemacht. Einer unserer Klassenkameraden hatte damals das Ganze auf die Spitze getrieben und ein Analyse-Referat von einer ganzen Schulstunde gehalten über folgendes Gedicht:

Trinkt ein Bier der Wanderer, dann haut´s ihn umeinanderer.

Trinkt kein Bier der Wanderer, dann trinkt es halt ein anderer.

Flo hatte es damals tatsächlich geschafft, fast sämtliche Wortklaubereien da reinzupacken. Und dabei auch noch ernst zu bleiben. Wir hatten uns allesamt gekugelt vor Lachen. Doch so lustig ging es natürlich in der Klausur nicht zu, schließlich hing auch unsere Abiturnote davon ab. Irgendwann nach etwa vier Schulstunden fing mein Arm an zu ziehen. Das lange Schreiben am Stück war ich einfach nicht mehr gewohnt. In der zweiten Pause ließ ich mir von einer Klassenkameradin den Arm massieren, und danach ging es wieder besser. Aber ich war auch fast fertig. Das Ganze dann noch einmal korrekturlesen, und dann abgeben. Ich war immer froh, wenn ich eine Klausur los hatte. Der Kursleiter nickte mir zufrieden zu, als ich meine Arbeit abgab. Er raunte mir noch zu, dass ich nach dem Ende nochmal zu ihm kommen sollte, weil er meine Auswertung hatte.

Neugierig wie ich war, fand ich mich natürlich am Ende der sechs Stunden wieder am Klassenzimmer ein. Die Zeit dazwischen hatte ich genutzt, um im Pausenhof ein wenig frische Luft zu schnappen. Auch wenn ich dafür den Aufzug nutzen musste. Ich hatte an meinem ersten Tag zurück in der Schule einen eigenen Schlüssel für den Aufzug bekommen. Der Aufzug war normalerweise nicht für Schüler gedacht, aber ich hatte meinen eigenen Schlüssel. Dennoch konnte ich Aufzüge nicht ausstehen, mir wurde jedes Mal schwindelig, wenn ich damit fuhr. Mein Arzt hatte es mir damit erklärt, dass mein Gleichgewichtssystem eine andere Information an das Gehirn lieferte als mein Auge. Das brachte mein Gleichgewicht durcheinander und mich schwindelte.

Als der Kursleiter sich alle Arbeiten geben hatte lassen und alle verabschiedet hatte, winkte er mich zu sich in den Klassenraum. Er gab mir das Ergebnis kommentarlos. Ich riss den Umschlag auf und überflog das Ganze. Im Prinzip stand da nichts Neues, ich kannte meine Stärken und Schwächen. Aber es standen auch Vorschläge darauf, welche Berufe für mich in Frage kämen. Hmm, so ganz realistisch war das nicht, denn an erster Stelle stand die Krankenschwester. Na toll, ganz sicher nicht, auch nicht vor meinem Unfall. Ja, ich liebte es, Menschen zu helfen, aber ausgenutzt werden wollte ich bestimmt nicht, und das war bei Krankenschwestern viel zu oft der Fall. Im Rettungsdienst konnte ich nun sicher auch nicht anfangen. Bisher war ich in der Sanitätsbereitschaft gewesen und hatte ehrenamtlich immer wieder Dienste übernommen. Ich war zwar nur ein einfacher Sanitäter, aber bei vielen Veranstaltungen hatte ich die Absicherung übernommen. Und das alles ehrenamtlich. Einen Teil dieser Aufgaben konnte ich heute auch noch übernehmen, aber nicht hauptamtlich. Also fiel das auch aus. Den Rest ignorierte ich erst einmal und sah meinen Kollegstufenbetreuer an. Er schüttelte nur den Kopf.

„Sieh es als Anregung, aber nimm es nicht so ernst. Du wirst deinen Weg finden, und dafür brauchst du kein Buch. Versuch dir darüber klar zu werden, was du willst. Und wenn du Hilfe brauchst, dann kannst du gerne kommen.“

Herr Walter war einfach nur angenehm in solchen Situationen. Ich war froh, in seinem Jahrgang zu sein, seine Kollegin, die für die momentane zwölfte Klasse zuständig war, war mir nicht so sympathisch. Bei ihr hätte ich das nie gemacht. Ich würde einfach mal abwarten. Wenn ich darüber grübelte, dann würde ich bestimmt keine Lösung finden.

 

Das restliche Jahr verlief eigentlich ruhig und es passierte nichts Erwähnenswertes. Weihnachten verbrachte ich erst bei meiner Familie und dann bei Tobi und Michael. Tom und seine Zwillinge waren bei Toms Mutter zu Besuch, die irgendwo an der Nordsee lebte. Wir lernten zusammen für die Prüfungen und arbeiteten am Feinschliff der Facharbeit. Ich hatte den Wilden Westen als Thema gewählt, hatte aber schon vor den Sommerferien fast alles fertig gehabt. Im Leistungskurs Englisch war ich die Einzige, die tatsächlich auch auf Englisch schrieb. Außer mir schrieben nur noch zwei andere in meinem Englisch-LK, die anderen hatten ihr anderes LK-Fach ausgewählt. Tobi schrieb irgendwas über den menschlichen Körper im Zusammenhang mit Farben. Ich hatte es nie ganz verstanden, aber er musste in den Weihnachtsferien noch daran arbeiten, da der Abgabetermin langsam aber sicher näher rückte. Am 1. Februar war Schluss. Die letzte Chance. Daher musste Tobi noch ein bisschen Zeit in seine Arbeit stecken, während ich bei ihm war. Michael nutzte diese Zeit, um mir die Basis zu zeigen, von wo aus er mit dem Rettungshubschrauber startete. Er hatte sich frei genommen, um Zeit mit seinem Sohn zu haben. Oder vielleicht auch als Anstandswauwau. Wer weiß. Ich durfte den Helikopter noch einmal rundum ansehen und fachsimpelte eine Weile mit dem Techniker. Der Pilot vom Dienst erklärte mir die verschiedenen Hebel und ich durfte mich sogar einmal auf den Pilotensitz setzen. Ich war an dem Tag völlig überdreht und strahlte und grinste in einem Fort. Michael fand mich so lustig, er lachte mich ständig an, oder aus. Keine Ahnung.

Silvester verbrachten wir zu dritt, zuerst mit heißem Stein, dann spielten wir Trivial Pursuit. Ich liebe dieses Spiel. Kurz vor Mitternacht gingen wir nach draußen, in den Park, und sahen uns das Feuerwerk an. Wir stießen mit Sekt an und wünschten uns ein „Frohes neues Jahr“ und ich wusste, es würde ein gutes Jahr werden. Das würde ich mir nicht nehmen lassen. Ich erlebte diesen Neuanfang so intensiv, als wäre es mein erster, als wäre ich neu geboren. Zum ersten Mal seit langem hatte ich Tränen in den Augen. Tränen der Freude, Tränen der Angst, Tränen der Trauer. Freude darüber, dass ich hier bei Tobi war und mir endlich eingestanden hatte, dass ich ihn liebte. Eigentlich schon, seit ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Angst darüber, was nun in meiner Zukunft passieren würde. Ich hatte mich noch immer nicht entschieden, was ich nun machen sollte. Und ich wusste auch nicht, wie ich weitermachen wollte. Trauer darüber, dass mein altes Leben nun doch endgültig zu Ende war. Bis zu dem Punkt hatte ich mir nie eingestehen wollen, dass es nicht mehr so weiterging wie bisher. Alles hatte sich verändert, aber wäre das nicht gewesen, dann hätte ich Tobi nie kennen gelernt. Und doch, die Erkenntnis, dass alles anders war, überrannte mich in diesem Moment.

„Tobi!“, flüsterte ich.

Ich brauchte ihn in diesem Moment, brauchte seine starken Arme um mich. Er verstand sofort, als er mich anblickte und mit zwei schnellen Schritten war er bei mir, hielt mich fest. Er gab mir die Stärke, die mir in diesem Moment fehlte. Und da löste sich etwas in mir und zum ersten Mal weinte ich um meine verlorene Zukunft. Es erleichterte mich unendlich und nahm mir eine große Last von den Schultern. Tobi schien zu verstehen, was ich wollte, was ich brauchte. Er hielt mich einfach wortlos im Arm und strich mir beruhigend über den Rücken. Michael schien uns abzuschirmen, denn die Nachbarn, die sich mit ihm unterhielten, kamen nicht zu uns. Es dauerte über eine halbe Stunde, bis ich mich langsam wieder beruhigte. Michael schob mich anschließend nach Hause, während Tobi meine Hand hielt. In dieser Nacht schliefen wir zum ersten Mal in einem Bett, aneinander gekuschelt. Erst gegen Morgen fiel ich in einen ruhigeren Schlaf, bis nach vier Uhr hatte ich mich schlaflos gewälzt und dabei auch Tobi vom Schlafen abgehalten. Doch er hielt mich einfach nur fest und zeigte mir, dass er da war und mich unterstützte.

Am Morgen wartete Michael mit heißer Schokolade und frisch aufgebackenen Croissants. Er sprach mich nicht auf die letzte Nacht an, aber er zeigte mir wortlos, dass auch er da war. Eigentlich wollte er mit uns ins Museum, aber das verschob er und wir machten einen gemütlichen, langen Spaziergang an der Isar entlang. Nach und nach kam ich wieder zur Ruhe, fand meine Mitte wieder. Irgendwann wurde ich mir wieder meiner Umgebung bewusster, beobachtete die Enten auf dem Wasser, die Schwäne, die Hunde auf der Wiese. Als zwei angeleinte Hunde, ein Dalmatiner und ein Dackel umeinander schwänzelten und dabei ihre Besitzer in die Leinen einwickelten, musste auch ich lachen. Ich war wieder ich, ich war wieder da.

„Danke!“, sagte ich zu den beiden Männern, mit denen ich unterwegs war.

Am Nachmittag saßen wir dann beieinander und überlegten, welche Wege ich einschlagen könnte. Die Auswertung des Testes in der Schule konnte ich vergessen, ich konnte mir keinen einzigen Beruf davon wirklich vorstellen. Also musste ich selber nachdenken. Und Michael und Tobi waren da und halfen mir. Michael gab mir einen Rat.

„Du wolltest immer Musik machen. In einem Orchester? Oder studieren und dann unterrichten? Wenn dir die Musik so viel bedeutet, dann musst du das machen. Warum versuchst du es nicht einfach, dann weißt du, ob es geht oder nicht. Und wenn es nicht geht, dann kannst du immer noch etwas anderes machen. Aber wenn du dir jetzt auf Biegen und Brechen etwas aussuchst, wo du nicht voll dahinter stehst, dann wirst du nicht glücklich. Und das sollte dein Ziel sein. Glücklich zu werden.“

„Und das geht?“, wollte ich wissen.

Ich meine, mein Papa war sehr zufrieden mit seiner Arbeit, aber er steckt so viel Zeit in sein Büro, war viel zu selten zuhause.

„Ja, das geht. Ich war als Arzt in einer Klinik, war dort Chefarzt, einer der jüngsten. Aber ich war nicht zufrieden mit dem, was ich machte. Jetzt, im fliegenden Rettungsdienst, bin ich viel zufriedener, auch wenn ich nur noch die Hälfte von dem verdiene, was ich dort hatte. Das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, auch wenn sich meine Ex-Frau deshalb von mir getrennt hat. Sie wollte einen karrieregeilen, verdienstsüchtigen Ehemann zum Präsentieren. Das war nicht ich, wollte ich nie sein. Jetzt bin ich zufrieden und wenn du Tobi fragst, sicher auch ausgeglichener als früher.“

Tobi nickte nur und lächelte seinen Vater an. In dem Moment entschied ich mich. Ich würde mich bei verschiedenen Orchestern bewerben, Violine und Querflöte sollten kein Problem darstellen, auch wenn ich im Rollstuhl saß. Das war es, was ich immer wollte. Musik war einfach schon immer mein Lebensinhalt.

Zufrieden und glücklich, dass ich endlich eine Entscheidung getroffen hatte, hinter der ich absolut stehen konnte, rollte ich zu dem alten, halb verstaubten Klavier, das bei Michael im Wohnzimmer stand. Es gehörte wohl Tom, aber er spielte schon eine Weile nicht mehr, da es eigentlich von seiner verstorbenen Frau war und er selber kaum mehr als eine Tonleiter zustande brachte. Ich öffnete es und schlug ein paar Töne an. Es klang erstaunlich gut dafür, dass es schon zwei Jahre lang nicht mehr gestimmt worden war und auch noch einen Umzug mitgemacht hatte. Ich fing an zu spielen, erst einfach nur ein paar Fingerübungen, dann richtig. Ich wusste, dass Tobi Metallica liebte und spielte „The Unforgiven“ und „Nothing Else Matters“. Dann sah ich Michael an.

„Was magst du eigentlich?“

„Michael Jackson. Stevie Wonder. Queen.“, begann Michael.

Ich wandte mich wieder dem Klavier zu und ließ meine Finger über die Tasten gleiten. Erst suchte ich nur nach einem Anfang, dann fingen meine Finger fast von selber an mit „Heal the World“, danach kam „Black or White“ und „We are the Champions“. Von Stevie Wonder hatte ich gerade in dem Moment nichts im Kopf.

„Du spielst wahnsinnig gut!“, komplimentierte Michael mein Spiel.

Er sah aus, als hätte er Tränen in den Augen, als er sich umwandte und in die Küche ging. Während er Abendessen kochte, spielte ich weiter. Einfach so, was mir gerade in den Sinn kam, oder auch was Tobi sich wünschte. Bisher hatte ich Angst gehabt, die Pedale treten zu wollen und hatte sie einfach ignoriert. Doch jetzt, an diesem Nachmittag, in diesem Moment, als Michael in der Küche werkelte und Tobi neben mir auf dem Sofa saß, da wollte ich es probieren. In der Physiotherapie hatte ich nun monatelang trainiert. Jetzt war ich so weit. Ich nahm meinen Fuß von der Stütze und setzte ihn mit Hilfe meiner Hände auf das Pedal. Dann versuchte ich es. Ich spielte und dann machte ich genau das, was ich so lange trainiert hatte: Ich schob mit meinem Becken und das Pedal bewegte sich. Ich konnte das Pedal treten! Es war anstrengend, aber es klappte! Ich konnte es nicht fassen. Schon wieder hatte ich Tränen in den Augen, aber diesmal waren es Freudentränen.

„Herzlichen Glückwunsch!“, murmelte Tobi und sah mich an.

Ich begegnete seinem Blick und versank in seinen blau-grünen Augen. Wir blickten uns einfach nur an, minutenlang, vielleicht sogar stundenlang. Wie in Zeitlupe näherten wir uns einander an, unbewusst, nur nicht darüber nachdenken. Erst als sich unsere Lippen berührten, schloss ich meine Augen. Ich schlang meine Arme um Tobis Nacken und zog ihn noch ein wenig zu mir, vertiefte diesen Kuss. Es kribbelte wie noch nie, und das nur, weil ich Tobis Lippen ganz sanft auf meinen spürte. Nicht drängend, einfach nur sanft und liebevoll. Perfekt.

 

 

 

Nach den Weihnachtsferien gab es kaum einen Abend, an dem ich nicht mit Tobi telefonierte. Oft nur wenige Minuten, aber ich ging selten schlafen, ohne von ihm gehört zu haben. Er hatte viel zu tun, war immer noch nicht ganz mit seiner Facharbeit fertig. Meine hatte ich inzwischen gedruckt und Papa versprach, sie zu binden. Tobi arbeitete noch am Feinschliff. Aber im Grunde genommen hatte er sie Mitte Januar endlich fertig. Am Abend des 31. Januar erzählte er mir, dass er sie bereitliegen hatte und am Morgen abgeben konnte. Ich musste einfach stolz sein. Es klang gut, was er mir erzählte, auch wenn ich die Hälfte davon nicht verstanden hatte. Ich hatte meine Arbeit schon ein paar Tage vorher abgegeben, da ich es hinter mich bringen wollte. Dann konnte ich es schon nicht mehr vergessen. Am Abgabetag stand ich trotzdem vor dem Sekretariat, freute mich, wenn ich meinen Freunden die Abgabe erleichtern konnte. Wir alle waren ziemlich nervös.

„Hey, Hobbit!“, begrüßte mich Matze.

„Na, alles klar?“, fragte ich zurück.

Er sah übermüdet aus.

„Naja, der Drucker wollte nicht und ich musste zu meiner Schwester zum Ausdrucken und da wurde es dann doch ein bisschen knapp. Aber ich habs geschafft!“, lachte er am Ende.

„Offensichtlich! Na dann rein mit dir!“, kommentierte ich trocken.

Minka hatte ihre Arbeit auch schon vor ein paar Tagen abgegeben. Sie hatte im Biologie-Leistungskurs über Schwäne geschrieben. Bei ihr zuhause gab es einen kleinen Teich, dort lebte ein Pärchen Schwäne, die inzwischen relativ zutraulich waren, wir konnten sogar die Jungen mit der Hand füttern. Heute konnte sie daher relativ entspannt neben mir stehen und mit mir plaudern.

„Mama fragt schon, ob du mal wieder rauskommst zu uns.“, erklärte sie mir gerade.

„Hm, Lust hätte ich schon. Ist immer schön bei euch. Aber ich muss erstmal sehen, dass mich jemand fahren kann, mit dem Bus ist keine gute Idee, der Busfahrer killt mich wahrscheinlich!“, entgegnete ich.

Wir kicherten beide, erinnerten uns an einen Tag im Herbst, als ich sie zum Bus gebracht hatte. Wir standen an der Bushaltestelle und unterhielten uns als der Bus anhielt. Da wir nachmittags Unterricht gehabt hatten, war Minka die Einzige, die einsteigen wollte. Der Busfahrer hatte mich mit eiskalter Miene gemustert und dann kühl gefragt: „Ihr beide? Rollstühle müssen zwei Tage vorher angemeldet werden.“

Ich hatte ihn nur angesehen und gesagt: „Ich habe es nicht nötig, mit einem unfreundlichen Chauffeur zu fahren.“

 

Mittags entschieden wir, dass wir zur Feier des Tages ruhig essen gehen könnten und setzten uns zum Italiener. Matze, Inez, Minka, Denise, Vicky und ich. Die anderen bestellten Pizza, ich lieber Pasta. Ich liebte Pasta. Der Nachmittagsunterricht entfiel an diesem Tag aufgrund der Abgabe der Facharbeiten. Da waren unsere Lehrer einfach zu beschäftigt. Wir hatte nichts dagegen, genossen das leckere Essen und tranken dazu Coke und zum Teil auch Lambrusco. Dann entschieden wir, noch eine Runde Billard spielen zu gehen oder Dart. Ich ging zum Dart, denn bei Billard hatte ich noch nie gut abgeschnitten. Und jetzt kam ich kaum an den Tisch. Also war Dart die deutlich bessere Idee. So schlecht war ich dann gar nicht, von uns vier, die spielten, wurde ich zweite. Matze und Vicky spielten lieber Billard. Aber gegen kurz nach vier mussten wir uns dann doch verabschieden, da Minka und Vicky mit dem Bus nach Hause fahren mussten. Minka sprach mich noch einmal an, dass ich auch ja demnächst mal wieder zu ihr kommen sollte. Ich versprach, mit meinem Papa zu reden und dann konnten wir ja telefonieren.

Als ich an dem Tag ziemlich fertig zuhause ankam – meine Brüder waren schon lange nach Hause gegangen und ich musste alleine heimrollen – fand ich ein Päckchen in meinem Zimmer. Irritiert sah ich es an. Ich hatte nichts bestellt, und erwartete auch sonst nichts, mein Geburtstag war ja im Herbst und nicht jetzt im Februar. Gina hatte Geburtstag, aber da stand eindeutig mein Name auf dem Päckchen. Jetzt erst sah ich nach dem Absender und fing an zu strahlen: Tobi. Obwohl er Stress mit seiner Facharbeit gehabt hatte, hatte er sich die Zeit genommen und mir ein Päckchen geschickt. Schnell riss ich es auf, ich vibrierte richtig vor Spannung. Was hatte er nur geschickt? Es war schwer, fühlte sich fest an. Als ich den Deckel aufmachte, sah ich, es waren Bücher. Ich griff mir das erste heraus. „The Lord of the Rings“

Tobi hatte mir die englische Ausgabe geschickt, nachdem ich ihm immer wieder erzählt hatte, dass Matze Hobbit zu mir sagte und ich keine Ahnung hatte, was das sein sollte. Und er hatte auch zugehört, als ich von englischen Büchern geschwärmt hatte. Schade nur, dass ich nicht gleich mit dem Lesen anfangen konnte, da wir immer gemeinsam auf Abend aßen. Das musste ich erst noch machen. Klausuren hatte ich in den nächsten zwei Wochen keine, da konnte ich also dann gleich nach dem Essen mit dem Lesen anfangen! Ich war total hibbelig. Vorher rief ich noch schnell Tobi an und bedankte mich bei ihm. Ich liebte ihn über alles und freute mich, dass er in den Osterferien kommen wollte. Die Faschingsferien hatten er und sein Vater schon verplant, sie wollten Skifahren und Michael hatte eine Fortbildung zum Thema Winterrettung, das passte gut zusammen. Aber Ostern kam er zu mir. Dafür sollte ich schon mal Pläne machen. Lernen mussten wir zwar auch für unser Abitur, aber wir hatten sicher genug Zeit für den einen oder anderen Ausflug.

Trotz meiner Aufregung und Freude auf Tolkien hatte ich dann doch fast eine Stunde mit Tobi telefoniert und kam erst nach acht Uhr dazu, mit dem ersten Buch anzufangen. Vom ersten Moment an war ich gefangen in dieser Welt, die war so lebensnah beschrieben, dass ich mich sofort darin wiederfand. Ich konnte es in meinem Kopf sehen. Ich verschlang das Buch regelrecht. Seite für Seite las ich und konnte nicht aufhören. Erst als ich auf die Uhr sah und bemerkte, dass es schon nach ein Uhr morgens war und ich die Hälfte vom ersten Buch schon durch hatte. Seufzend legte ich es beiseite und kuschelte mich unter meine Decke, bevor ich das Licht ausmachte. Der Wecker klingelte morgens um sechs.

Morgens war ich dementsprechend müde, aber da kannte Papa keine Gnade. Wer abends lang auf- oder ausbleibt, muss morgens auch aufstehen können. Punkt. Keine Ausnahmen. Auch wenn ich alt genug war um mich selber zu entschuldigen, daran hielt ich mich eisern, sonst könnte ich Papa nicht wieder in die Augen sehen. Und das wollte ich ganz sicher verhindern. Papa sollte stolz auf mich sein, ich liebte meinen Papa. Mama auch, aber ich war (und bin) ein absolutes Papa-Kind. Also ging ich in die Schule. Obwohl ich die Augen kaum offen halten konnte. Ich riss mich am Riemen, die paar Stunden heute würde ich wohl hinter mich bringen. Erdkunde, und das bei einem Lehrer, der eh keine Ahnung hatte. Normalerweise strickte ich in seinem Unterricht, war da schon ganz weit gekommen. Aber an diesem Tag war es verhext. Wir waren dabei, die amerikanischen Bundesstaaten zu besprechen und er wollte uns weißmachen, dass Dallas die Hauptstadt von Texas sei.

„Nein, Austin ist die Hauptstadt von Texas!“, meldete ich mich zu Wort.

Damit kannte ich mich aus, die Hauptstädte aller amerikanischen Bundesstaaten hatte ich drauf. Da machte mir keiner was vor, auch kein Erdkunde-Lehrer.

„Das kann nicht sein, Austin ist doch viel zu klein, Dallas ist die Hauptstadt von Texas.“, widersprach er mir.

Ich schüttelte nur den Kopf.

„Tut mir leid, aber Austin ist tatsächlich die Hauptstadt von Texas. Hier, im Atlas ist es entsprechend gekennzeichnet, und ich habe das vorletzte Schuljahr in Arkansas gelebt, was ein Nachbarstaat von Texas ist und kenne mich dort aus. Austin ist ganz sicher die Hauptstadt.“

Am Ende bestand er darauf, dass wir einen anderen Erdkunde-Lehrer hinzuzogen, denn er wollte mir nicht glauben. Meine Mitschüler mussten sich sämtlich das Lachen verbeißen. Diesen Lehrer hatte noch keiner von uns für voll genommen und jetzt war es endgültig vorbei. Das Ende vom Lied war, dass ich – natürlich – Recht hatte und mir mündliche 15 Punkte geholt hatte.

Die nächste Stunde kam ich dann in Ruhe zum Stricken, mehr oder weniger, in Bio mussten wir ziemlich viel mitschreiben. Aber dennoch hatten wir kursintern einen Wettkampf laufen, wer das meiste seiner Strickerei schafft. Schreiben, aufpassen und Stricken gleichzeitig waren schon eine Herausforderung, und dann wurde man ja auch noch aufgerufen. Aber wir lernten enorm viel und fühlten uns ausnahmslos gut vorbereitet, vor allem diejenigen, die wie ich Abitur in Bio machten. Dann hatte ich eine Doppelstunde Englisch, das ging heute irgendwie an mir vorüber. Danach dann noch Religion und den Nachmittag hatte ich frei.

Nachmittags legte ich mich dann ins Bett und las weiter. Es war einfach zu spannend. Die Geschichte, die sich eigentlich nur um einen kleinen goldenen Ring drehte. Etwas so Einfaches und dennoch so Gefährliches. Die Überraschung von Tobi war mehr als gelungen. Ich konnte nicht mehr aufhören. Als Mama mich zum Essen rief, hatte ich den ersten Band fast komplett durch. Daher entschied ich, nur noch dieses Buch zu Ende zu lesen und dann zu schlafen. Das hatte ich mehr als nötig, mir fielen die Augen regelrecht zu.

 

 

Auch in den nächsten Tagen verkroch ich mich mehr oder weniger in meinem Zimmer und in der Trilogie von Tolkien. Innerhalb einer Woche hatte ich alle drei Bücher komplett gelesen. Es war wie eine Sucht gewesen, ich hatte es einfach nicht stoppen können. Auch sonst war ich ein Bücherwurm, aber das war schon extrem gewesen. Selbst für meine Verhältnisse. Aber irgendwann kam auch ich nicht mehr ums Lernen herum, schließlich war inzwischen Mitte Februar und nur noch etwas über zwei Monate Zeit, bevor die Abitur-Prüfungen starteten. Gut, in den Leistungskurs-Fächern machte ich mir keine Gedanken, Deutsch und Englisch waren nicht wirklich Lernfächer. In Deutsch konnte man ein bisschen lernen, die Stilmittel und ein paar Fachbegriffe zur Gedichtanalyse vielleicht, aber alles in allem war es nicht der Rede wert. Aber Biologie, damit würde ich anfangen, denn das hatte ich als schriftliches Fach gewählt und dann noch Religion, für das Colloquium. Die Vorbereitung von Seiten der Lehrer war inzwischen auch intensiviert worden. In vielen Fächern hatten wir schon den Stoff komplett durch und die Kursleiter begannen nun mit Wiederholungen und mit dem Durcharbeiten alter Abiturprüfungen. Die Anwesenheit ließ dementsprechend auch immer mehr zu wünschen übrig, aber die meisten Lehrer in den Grundkursen sagten nichts, sie waren mehr darauf aus, ihre Prüflinge gut vorzubereiten.

Die Zeit rannte mehr oder weniger dahin und schon bald standen die Osterferien ins Haus. Eigentlich hatte ich die mit Tobi verbringen wollen, aber dann meldete sich die Berliner Philharmonie, ich sollte zu einem Vorspielen kommen. Es waren mehrere Tage geplant, in denen sie mich einzeln und zusammen mit dem restlichen Orchester hören wollten. Das war eine Chance, die ich auf jeden Fall wahrnehmen musste. Daher entschied ich, die erste Woche der Ferien zum Lernen zu nutzen, um mich dann in der zweiten Woche in Berlin richtig auf die Musik konzentrieren zu können. Tobi bot an, mich zu begleiten, aber ich wusste, dass er mich ablenken würde, auch wenn ich das sonst gerne hatte, aber in diesem Moment war ich zu nervös dafür. Ich zögerte einige Tage, es Tobi zu sagen, denn ich wollte ihn nicht verletzen. Wieder einmal wurde er mir unheimlich, als er nach vier Tagen am Telefon damit anfing.

„Nela, wenn du mich nicht mitnehmen willst nach Berlin, dann kannst du es sagen. Ich verstehe, wenn ich dich in dem Moment nervös mache und du lieber ohne Ablenkung dort bist. Du musst deswegen kein schlechtes Gewissen haben.“, meinte er ruhig.

„Tobi, ich hab dich gerne um mich, hätte dich am liebsten immer bei mir, aber in dem Fall bin ich sowieso schon ein nervöses Wrack, da ist deine Anwesenheit vielleicht nicht die beste Idee. Vielleicht würdest du mich beruhigen, aber vielleicht würde es damit auch immer nur noch schlimmer, ich weiß es nicht.“, versuchte ich eine Erklärung.

„Hey, schon gut. Es ist wirklich okay. Gib dein Bestes, zeig denen in Berlin, wo der Hammer hängt! Zeig denen, dass du die Beste bist!“

„Danke Tobi. Ich liebe dich!“, wisperte ich.

 

Es schien mir, als wäre nur Tage später schon die Abreise nach Berlin. Ich war nervös wie noch nie in meinem Leben. Würde sich in den nächsten Tagen mein zukünftiges Leben entscheiden? Tobi hatte schon angedeutet, dass er sich nach dem Zivildienst (Wehrdienst hatte er schon verweigert) auch in Berlin an der Uni anmelden könnte. Wenn ich dort in der Philharmonie spielen könnte, dann würde er mit nach Berlin kommen, das hatte er mir versprochen. Das war so ziemlich der einzige beruhigende Gedanke, den ich momentan hatte. Andre hatte sich bereit erklärt, mit mir nach Berlin zu fahren, hatte sich dafür extra Urlaub genommen. Irgendwie war ich froh darüber, er war ein Ruhepol in meinem Leben, schon immer gewesen. Er holte mich am Ostermontag abends ab und wir stiegen in den Zug nach Berlin. Mit dem ICE schafften wir die Strecke schneller als mit dem Auto, und Parken in der Innenstadt von Berlin wäre somit auch kein Problem. Wobei das auch so kein Problem darstellen würde, da unser Hotel wahrscheinlich eine Parkgarage hatte, aber so genau hatte ich das nicht recherchiert. Erst gegen kurz nach 22 Uhr waren wir endlich im Maritim Hotel angekommen und bezogen unsere Zimmer. Oma und Opa hatten uns den Zug und das Hotel gesponsert und darauf bestanden, dass wir zwei Einzelzimmer nahmen. Es war nicht weit bis zur Philharmonie und am nächsten Tag gegen zehn Uhr sollten wir dort sein, daher waren wir auch schon am Tag davor angereist.

Als wir am Dienstag pünktlichst vor der Philharmonie standen – also fast eine Viertelstunde früher – empfing uns nach ein paar Minuten Wartezeit der Dirigent persönlich. Claudio Abbado wollte sich selber einen Eindruck meiner Fähigkeiten verschaffen. Auch wenn er vermutlich nicht mehr allzu lange der Dirigent sein würde, da sein Vertrag 2002 auslief und er wohl nicht vorhatte, den zu verlängern. Er brachte mich in einen ruhigen Raum der akustisch perfekt ausbalanciert war und zu Andre sagte er, dass er mich gegen Abend wieder abholen könne. Dann wollte er erst einmal ein paar Stücke hören. Ich sollte mit der Querflöte beginnen und er legte mir Noten für ein Solo von Mozart hin. Ein bekanntes Stück, nicht allzu schwierig im ersten Moment, aber ein paar trickreiche Stellen waren dabei. Nach einem kurzen Blick auf das Stück begann ich zu spielen und bemühte mich nicht einmal mehr, auf die Noten zu achten, was mir einen erstaunten Blick von Abbado einbrachte. Wieder und wieder legte er mir Abschnitte einzelner Stücke vor, die nach und nach immer anspruchsvoller wurden. Dennoch waren sie mir fast alle bekannt und ich konnte sie spielen. Dann kam er zu einem Stück von einem eher unbekannten Komponisten, das ich überhaupt nicht kannte. Ich zögerte kurz, beschloss dann aber, ehrlich zu sagen, dass es mir unbekannt war. Merken würde er es sowieso. Dennoch wollte er, dass ich es spielte. Er wollte offenbar wissen, wie schnell ich mich in ein Stück einfügen konnte und ob ich vom Blatt spielen konnte. Ich brauchte drei Versuche, um wirklich in das Stück zu kommen, da es sehr anspruchsvoll war, aber dann lief es relativ gut. Dennoch unterliefen mir einige Fehler, als es plötzlich sehr schnelle Wechsel gab. Das wiederum ärgerte mich, denn normalerweise gelang es mir relativ gut, vom Blatt zu spielen. Doch Abbado schien damit gerechnet zu haben. Wieder und wieder spielte ich diesen Abschnitt, bis ich ihn dann doch fehlerfrei schaffte.

„Gut, sie geben nicht gleich auf, junge Frau. Machen wir eine kurze Pause, ich habe mir die Freiheit genommen, in der Cafeteria einen Imbiss herrichten zu lassen. Danach würde ich gerne ihre Fähigkeiten auf der Violine hören. Und für morgen würde ich sie dann einmal mit dem Orchester zusammen spielen lassen, um zu sehen, wie sie zusammen mit anderen agieren. Wenn sie mich heute Nachmittag auch wieder so überzeugen wie gerade, dann wieder mit beiden Instrumenten, Vormittag Flöte, Nachmittag Violine. Kommen sie mit, ihre Instrumente können sie hier lassen, ich werde abschließen. Brauchen sie Hilfe?“

„Nein, danke. Sie müssten mir nur sagen, wohin, aber dann schaffe ich es alleine.“, beantwortete ich seine letzte Frage.

Während wir schweigend zur Cafeteria gingen, schien er mich zu beobachten. Ganz sicher war ich mir nicht, da er ein wenig hinter mir blieb, mir nur immer wieder anzeigte, wohin es weiterging. In der Cafeteria warteten Sandwiches und Getränke auf uns. Ich nahm mir ein Wasser und suchte mir ein Schinken-Sandwich aus. Schweigend setzte er sich zu mir und sah mich eine Weile nachdenklich an. Schließlich wurde ich neugierig. Etwas, das ich noch nie lange unterdrücken konnte.

„Darf ich sie etwas fragen?“, wollte ich wissen.

Er nickte.

„Sie sehen mich so an, als wüssten sie nicht recht, was sie von mir halten sollen. Was geht ihnen durch den Kopf? Wenn sie etwas wissen wollen, dann fragen sie ruhig.“

„Ich bin tatsächlich etwas verwirrt.“, gab er zu.

„Ich hatte noch nie ein Orchestermitglied, das im Rollstuhl saß und weiß daher nicht recht, ob das Einschränkungen bedeutet und wie sich das mit dem restlichen Orchester vereinbaren lässt. Verzeihen sie, wenn das nun ein bisschen benachteiligend klingt, so ist es nicht gemeint, ich will nur wissen, womit ich rechnen muss.“

Ich lächelte ihn an. Er schien sich wirklich Gedanken zu machen.

„Naja, ich sitze erst seit letztem Sommer im Rollstuhl. Aber ich habe nicht vor, mich dadurch einschränken zu lassen. Natürlich brauche ich in manchen Fällen Hilfe, aber das Meiste schaffe ich alleine. Treppen bis zu vier Stufen sind kein Problem, wenn ein festes Geländer vorhanden ist. Mehr Stufen schaffe ich von der Kraft her nicht. Bei Zugfahrten brauche ich eine Einstieghilfe, aber wenn es rechtzeitig bei der Bahn angemeldet wird, dann ist das kein Problem. Ansonsten kann ich nicht viel sagen, da ich ehrlich gesagt nicht genau weiß, was mich erwartet.“, erklärte ich.

Schweigend saß er dann wieder vor mir und überlegte. Nach einer Weile merkte er, dass ich mit Essen fertig war und wir gingen zurück. Der Nachmittag war eigentlich das Gleiche wie am Vormittag, nur das Instrument ein anderes. Seine Miene war undurchschaubar. Ich war mir nicht sicher, was er von meinem Spiel hielt.

Am Mittwoch traf ich dann auf das Orchester. Meine Nervosität steigerte sich wieder. Das war schon etwas anderes. Aber ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Die meisten sprachen mich kurz an und fragten kurz nach meinem Namen. Eigentlich alle schienen überrascht, dass ich mit zwei Instrumenten hier war, aber keiner sagte etwas dazu. Ich wurde angewiesen, mich zu den Querflöten zu setzen und wir bekamen die Noten für die selben Stücke, die er mich gestern hatte spielen lassen. In dem Moment, als ich anfing zu spielen, war die Nervosität fast weg. Wie immer. Die Musik beruhigte mich unglaublich, ich konnte es fließen lassen. Mir war bewusst, dass Abbado mich intensiv beobachtete, auch wenn er das ganze Orchester gleichzeitig im Blick, oder besser im Ohr, hatte. Dennoch, sobald ich spielen konnte, reduzierte sich meist meine Nervosität auf so gut wie nichts. Musik hat heilende Kräfte, das war nicht nur ein Sprichwort für mich. Ich gab alles, legte mein ganzes Sein in die Musik. Dachte an Tobi und spielte für ihn.

Beinahe drei Stunden spielte ich mit dem Orchester, bemerkte aber kaum, wie lange wir schon musizierten. Dann wurde eine Stunde Pause angekündigt. Abbado kam zu mir und erklärte mir, dass er bisher sehr zufrieden mit meiner Leistung war und dass ich nach dem Essen noch einmal mit der Violine im Orchester spielen sollte. Ich ging mit den anderen Flötisten zum Essen und unterhielt mich ein wenig mit ihnen, war neugierig, wie man als Mitglied der Philharmonie so lebte. Sie waren viel in Berlin, aber auch immer wieder auf Tour und dann möglicherweise monatelang nicht zuhause. Das war der Teil, der mir selbst nicht so gut gefiel, wenn ich ehrlich sein sollte. Ich war gerne mit meiner Familie zusammen und vor allem mit Tobi, von ihm wollte ich mich nicht so lange trennen müssen. Aber wenn ich dafür im Philharmonie-Orchester spielen konnte, dann war ich bereit, das auf mich zu nehmen. Die drei Flötenspieler, mit denen ich am Tisch, unterhielten sich angeregt mit mir und nahmen mich anschließend wieder mit in den Saal. Ich verabschiedete mich von ihnen, da ich nun mit zu den Geigen sollte.

Auch dort wurde ich freundlich begrüßt und sie machten mir Platz, dass ich zwischen zwei von ihnen spielen konnte. Wieder spielten wir die gleichen Stücke, wie am Tag zuvor und ich hatte keine Schwierigkeiten, mich in das Orchester einzufügen. Ich hatte schon immer ein Gespür für Musik besessen, das ich nicht erklären konnte, und bisher hatte das auch niemand erklären können. Es hatte angefangen, dass ich mich als Vierjährige an ein Klavier bei einer Freundin meiner Eltern gesetzt hatte und einfach eine Melodie gespielt, nachdem ich ein paar Mal über die verschiedenen Tasten geklimpert hatte. Da wurde mein Talent entdeckt und da ich meine Finger noch nicht weit genug spreizen konnte, um Klavier zu spielen, fing ich kurz darauf an, Flötenunterricht zu nehmen. Noten lesen lernte ich erst Jahre später, bis dahin habe ich nach Gehör gespielt und das mache ich heute noch meistens. Die anspruchsvolleren Stücke mit mehreren Stimmen jedoch schaffte ich auch nicht ganz ohne Notenblätter, zu leicht verrutschte man in der Melodie. Daher konzentrierte ich mich im Orchester dann schon auf die Noten.

Gegen 17 Uhr schickte Abbado das Orchester dann nach Hause. Mit mir wollte er noch einmal sprechen. Zusammen mit noch einigen anderen Entscheidungsträgern, oder wie man so schön sagt. Ein Bewerbungsgespräch, wenn man so wollte. Sie stellten mir viele Fragen zu meiner musischen und schulischen Ausbildung, zu meinen Interessen und so weiter. Außerdem erklärten sie mir, was auf mich zukäme, wenn ich bei ihnen im Orchester spielte und wie das mit den Tourneen ablief. Ich beantwortete die Fragen ehrlich und meist ausführlich. Außerdem ermutigten sie mich, auch selber Fragen zu stellen, doch das Meiste hatten sie mir sowieso schon beantwortet. Auch über das mögliche Gehalt klärten sie mich auf. Am Ende stand dann noch die entscheidende Frage im Raum: „Falls wir uns entscheiden sollten, dass sie bei uns einsteigen können, könnten sie sich dann vorstellen, das alles auf sich zu nehmen? Und wenn ja, wann könnten sie anfangen?“

„Ja, ich könnte mir das vorstellen, und mir ist auch durchaus bewusst, dass ich anfangs, so wie sie vorhin andeuteten, nur als Ersatz dabei bin und nicht regelmäßig zum Einsatz komme. Und anfangen könnte ich nach dem Abitur, sobald ich hier eine Wohnung gefunden habe, was in meiner Situation allerdings etwas schwieriger ist, da ich bestimmte Voraussetzungen unbedingt brauche, wie ihnen wahrscheinlich bewusst sein dürfte. Ansonsten wäre es kein Problem für mich.“, antwortete ich ehrlich.

„Gut, das war es dann von unserer Seite. Haben sie abschließend noch Fragen?“, wollte Abbado nach einem Blicktausch mit den anderen wissen.

„Nein, ich denke, für den Moment ist alles klar.“, erwiderte ich nach kurzer Überlegung.

Damit verabschiedeten wir uns voneinander. Andre wartete schon im Eingangsbereich auf mich. Er nahm mir den Geigenkoffer ab und steckte den Flötenkoffer in meinen Rucksack, der hinten am Rollstuhl eingehängt war. Dann fragte er mich, ob ich zurück ins Hotel wollte, oder ob wir noch ein bisschen Berlin unsicher machen sollten.

„Meine Instrumente bringen wir zurück, dann ziehe ich mich um und dann legen wir los!“, strahlte ich ihn an.

 

 

 

Andre und ich brauchten nicht lange, dann zogen wir los und suchten uns einen Club, in dem wir feiern wollten. Zum Glück kannte sich Andre in Berlin so einigermaßen aus (deshalb hatte er mir auch das Angebot gemacht, mit mir zu fahren) und wir landeten in einem ziemlich angesagten Laden mitten auf dem KuDamm. Wir tanzten und tranken ziemlich viel an diesem Abend, wobei ich es bei alkoholfreien Cocktails beließ. Ich hatte schon seit letztem Sommer nichts mehr getrunken, seit mein Ex-Freund so nebenbei mit mir Schluss gemacht hatte. Mit ihm zusammen hatte ich immer relativ viel getrunken, und das hatte mir am Ende schon richtig Angst gemacht. Da hatte ich beschlossen, ganz auf Alkohol zu verzichten, denn ich hatte bemerkt, wie schnell es gehen konnte, dass man immer mehr trank und immer weniger Wirkung spürte. Noch einmal wollte ich es nicht soweit kommen lassen.

Andre hatte nicht so viele Bedenken, doch auch er kannte seine Grenzen ganz genau. Außerdem würde Tina ihm ganz schön einheizen, wenn er sich so unverantwortlich verhalten sollte. Leon, und seine kleine Schwester, die vor vier Wochen auf die Welt gekommen war, brauchten einen vernünftigen Vater, und dafür würde Tina mit Sicherheit sorgen. Elena war ein Sonnenschein und ihr Papa und ihr großer Bruder liebten sie über alles. Die Kleine hatte die beiden jetzt schon um den Finger gewickelt.

Doch an diesem Abend gab es nur uns beide. Die meisten, die uns sahen, hielten uns für ein Paar. Wir klärten niemanden auf, denn wir wussten, dass es schnell gehen konnte, dass wir angebaggert wurden. Darauf hatte keiner von uns beiden Lust, wir wollten Spaß haben und uns nicht den ganzen Abend irgendwelche Mädels oder Typen vom Hals halten. Daher flirteten wir auch ein bisschen miteinander. War ein komisches Gefühl, dass ich mit meinem eigenen Bruder flirtete, aber es half. Die Leute ließen uns in Ruhe. Wir tanzten fast die ganze Zeit, nur wenn wir etwas zu Trinken geholt hatten, dann machten wir eine Pause, bis es leer war. Gerade Andre wusste, wie schnell jemand uns was in Glas kippen konnte, arbeitete er doch für die Kripo. Daher ließen wir unsere Gläser nie aus den Augen. Auch mit dem Rollstuhl konnte man tanzen, stellte ich an diesem Abend fest. Bisher war ich nie der Disco-Gänger gewesen, aber das hier machte richtig viel Spaß. Ich schätzte, dass ich das demnächst wiederholen würde. Mal sehen, wen ich davon überzeugen konnte.

Erst gegen kurz vor Sonnenaufgang gingen Andre und ich zurück ins Hotel. Wir hatten vielleicht noch Zeit, zwei Stunden zu schlafen, dann frühstücken und abreisen. Oder aber das Frühstück ausfallen lassen und drei Stunden zu schlafen.

„Frühstück!“, entschieden wir beide gleichzeitig und mussten lachen.

Wir verabredeten uns für halb Acht im Restaurant und dann verschwand ich in meinem Zimmer. Andre ging erst, als die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war. Ohne mich erst auszuziehen ließ ich mich ins Bett fallen. Ich machte mir nur noch die Mühe, die Schuhe von den Füßen zu ziehen und schlief dann sofort ein. Etwas über zwei Stunden später riss mich der Wecker aus dem Schlaf. Ich stöhnte, krabbelte dann aber doch aus dem Bett und rollte ins Bad. Das Hotel war gut, sie hatten sogar einen Duschstuhl für mich organisiert. Etwa eine halbe Stunde später war ich wieder halbwegs ansprechbar und präsentabel. Wach war ich nicht wirklich. Aber was sollte es, wir mussten heute nur rechtzeitig zum Zug kommen, danach konnten wir zumindest ausruhen, wenn nicht sogar schlafen.

Im Speisessaal angekommen sah ich, dass Andre auch ziemlich fertig aussah. Er grinste mich trotzdem an, als er sah, wie klein meine Augen waren. Seinen Kaffee hatte er schon vor sich stehen und ich beeilte mich, mir einen starken schwarzen Tee zu bestellen, dazu Orangensaft. Dann gingen wir zum Frühstücksbüffet und ich holte mir eine Schale Müsli und dazu frisches Obst. Andre bevorzugte Brötchen und Wurst.

„Und es ist echt nicht zu stressig für euch, wenn ich noch zwei Tage mit zu dir komme?“, wollte ich zum ungefähr tausendsten Mal wissen.

„Hey, Tina hat eindeutig gesagt, ich solle ja nicht ohne dich kommen, Leon und sie mögen dich sehr. Und Elena wird dich auch lieben. Wir schaffen es nicht so schnell, euch zu besuchen, aber ich weiß, wie sehr du Kinder magst. Außerdem haben wir die Zugtickets schon. Und dein Ticket für die anschließende Heimreise hast du auch schon, willst du das alles verfallen lassen?“, argumentierte Andre.

Ich musste gegen meinen Willen lachen. Er hörte sich an wie ein Anwalt. Aber ich war auch beruhigt. Egal wie sehr ich diese Familie liebte, ich war mir nie sicher, ob sie nicht so schon genug zu tun hatten, ohne dass ich auch noch da rumrollte. Und sie hatten eine kleine Wohnung.

„Komm, wir müssen langsam los.“, merkte Andre schließlich an.

Wir gingen noch einmal auf unsere Zimmer und holten unser Gepäck, dann checkten wir aus. Andre schnappte sich meinen Koffer zusätzlich zu seinem Rucksack, den Geigenkoffer trug er in der anderen Hand und die Flöte war in meinen Rollstuhl-Rucksack gepackt. So bepackt machten wir uns auf den Weg zum Berliner Hauptbahnhof. Von dort aus hatten wir eine Direktverbindung nach Köln, daher gingen wir davon aus, dass wir im Zug ein wenig schlafen konnten.

 

Stunden später empfing uns Tina mit Elena im Arm und Leon sprang Andre um den Hals. Erst dann wurde auch ich begrüßt. Elena war wirklich goldig, sie hatte Andres dunkle Augen geerbt, aber blonde Locken dazu. Sie sah Andre erstaunlich ähnlich, fand ich. Bisher kannten wir sie nur von Fotos, das war kein Vergleich. Und sie roch so gut nach Baby. Dieser Geruch ist so einmalig, ich liebe ihn einfach, ich konnte nicht genug von der Kleinen bekommen. Tina hatte bereits das Abendessen auf dem Tisch stehen, da sie ahnte, dass wir nicht viel gegessen hatten. Wir hatten die Zeit eher zum Schlafen genutzt.

Nach dem Essen hieß es für Leon ab zum Baden. Andre ging mit ihm, immer wenn er keinen Dienst hatte, dann übernahm er es, seinen Sohn zu baden. Tina stillte Elena und wir unterhielten uns dabei leise. Sie fragte nach, wie es in Berlin war und ich erzählte es ihr. Auch sprach ich von meinen Gedanken, die mich seitdem bewegten.

„Weißt du, Tina, ich hab denen zwar gesagt, dass das Reisen und so kein Problem ist, bin mir da aber selber inzwischen nicht mehr so sicher. Ich war immer gerne nahe bei meiner Familie, dieses eine Jahr in den U.S.A. hat mir gezeigt, dass es nichts für mich ist, wenn ich sie nur ab und zu sehen kann. Will ich dann nach Berlin ziehen? Und das auf Dauer, denn wenn ich dort spielen kann, dann will ich ja auch nicht gleich wieder aussteigen. Aber darf ich die Chance einfach ignorieren, wenn sie sich mir bietet?“, zweifelte ich.

„Hat da ein gewisser Tobi etwas mit deinen Zweifeln zu tun?“, wollte sie wissen.

„Nein. Tobi hat schon angeboten, dass er mit nach Berlin geht und dort studiert. Ich bin mir einfach unsicher, ob das das Richtige für mich ist. Und das ganz ehrlich auch ohne dass es dabei um Tobi geht.“

„Dann schlaf darüber ein paar Nächte und höre dann auf dein Gefühl. Bisher hast du eigentlich Alles aus dem Bauch heraus entschieden. Damit bist du bisher ganz gut gefahren, und warum änderst du das jetzt? Hat es mit dem Unfall zu tun? Oder ist Tobi der Auslöser dafür?“

Tina nahm Elena von ihrer Brust und nach einem fragenden Blick von mir gab sie sie in meinen Arm. Ich legte sie auf die Schulter, damit sie ihr Bäuerchen machen konnte. Dabei dachte ich über das nach, was Tina mich gefragt hatte.

„Weißt du, Tina, ich bin mir da nicht sicher. Ich denke, es spielt vielleicht beides mit hinein. Ich habe mich verändert, auch wenn es vielleicht nicht so offensichtlich ist. Aber mir ist inzwischen klar, dass ich nicht immer alles einfach auf mich zukommen lassen kann. Ich habe eine Verantwortung mir selber gegenüber. Natürlich auch gegenüber meiner Familie und Tobi. Aber ich muss mir klar darüber werden, was ich will.“, überlegte ich leise, während ich Elena den Rücken klopfte.

Tina nahm mir Elena wieder ab und ging mit ihr ins Kinderzimmer. Ich rollte ihr hinterher und übernahm das Wickeln ohne weitere Worte. In Gedanken war ich immer noch bei meinem Problem, doch Tina ließ mich in Ruhe nachdenken. Elena brabbelte leise vor sich hin und gluckste fröhlich, als ich ihren Bauch kitzelte. Sie war ein Sonnenschein und munterte mich automatisch auf. Ich lachte mit ihr zusammen und fühlte mich gleich viel besser. Jetzt war Leon fertig gebadet und kam im Schlafanzug und mit noch feuchten Haaren ins Kinderzimmer. Die beiden teilten sich ein Kinderzimmer, da Andre und Tina keine so große Wohnung hatten. Ich beobachtete das tägliche Ritual mit Genuss. Tina kuschelte sich mit Leon in den Sessel und las ihm eine Geschichte vor. Andre hatte Elena übernommen und gab sie mir nach einigen Minuten.

„Ich hab sie fast jeden Abend!“, murmelte er dabei und grinste.

Er wusste, wie sehr ich es genoss, ein Baby im Arm zu halten. Es war schon immer so gewesen, seien es unsere jüngeren Geschwister oder unsere Cousins und Cousinen. Die kleine Maus kuschelte sich in meinen Arm und brabbelte noch eine Weile vor sich hin, dann fielen auch ihr die Augen zu und sie schlief langsam ein. Andre grinste mich an und nahm sie nach einer Weile aus meinen Armen, um sie in ihr Bettchen zu legen. Dann legte sich auch Leon in sein Bett und wir verließen das Kinderzimmer. Tina und Andre setzten sich an den Kamin und deuteten mir an, mich zu ihnen zu setzen. Tina war Halbspanierin, hieß eigentlich Cristina und war abwechselnd in Barcelona bei ihrem Vater und in Köln bei ihrer Mutter aufgewachsen. Ihre Eltern hatten einige Jahre eine lose Beziehung geführt, aber nie geheiratet, doch sie waren immer beide für sie dagewesen. Daher war sie auch nicht so der Typ zum Heiraten. Nicht dass Andre es nicht versucht hätte, er hatte ihr schon mehrere Anträge gemacht. Sie hatte nie ‚Nein‘ gesagt, aber auch nicht ‚Ja‘. Inzwischen war es schon ein Grund für uns zu wetten. Wann würde sie endlich ‚Ja‘ sagen? Wie viele Absagen handelte er sich noch ein? Welche Reaktion kam als nächstes? Wann fragte er mal wieder?

Da Andre und ich ziemlich fertig waren, ging ich früh schlafen. Tina hatte mir ihr Schlafzimmer angeboten, aber das hatte ich sehr nachdrücklich abgelehnt. Da ich nun auf der Couch schlafen würde, gingen auch Tina und Andre gleich ins Bett. Tina würde sowieso in spätestens vier Stunden wieder zum Stillen aufstehen müssen und hatte daher auch nichts dagegen, mal ein bisschen mehr Schlaf abzubekommen.

In dieser Nacht schlief ich unruhig. Mir ging Vieles durch den Kopf. Das Gespräch mit Tina hatte mir klargemacht, dass es eine wichtige Entscheidung war, die ich nicht einfach so treffen sollte. Klar, mein Bauchgefühl war bisher immer gut gewesen, aber wollte ich meine komplette Zukunft von einem Bauchgefühl bestimmen lassen? Klar konnte ich mich auch später noch anders entscheiden, aber wenn ich von vornherein die richtige Entscheidung treffen konnte, war das dann nicht sinnvoller? Aber was war die richtige Entscheidung? Gab es überhaupt ein wirkliches ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘? Und was bedeutete das für mich? Sollte ich vielleicht doch etwas komplett anderes machen? Aber was dann? Schließlich hörte ich, wie Elena anfing zu weinen und Tina aufstand, um sie zu stillen. Also langsam sollte ich wirklich mal schlafen. Eine Entscheidung konnte ich im Moment sowieso nicht treffen, dafür war ich zu müde. Also schloss ich meine Augen und versuchte, alle Gedanken zu verdrängen, um schlafen zu können. Natürlich klappte das nicht wirklich und ich träumte wirres Zeug, das nicht gerade hilfreich war, aber eindeutig mit meinen Grübeleien vom Abend in Zusammenhang stand. Morgens war ich dann dementsprechend unausgeruht.

Doch Leon und Elena nahmen darauf keine Rücksicht. Kurz nach sechs kam Leon zu mir und forderte: „Liest du mir was vor, Tante Nela?“

Natürlich machte ich das. Welche Tante kann diesen kleinen, strahlenden Augen schon widerstehen? Leon hatte gleich seine Lieblingsbücher mitgebracht und so las ich ihm nacheinander ‚Peter Pan‘, ‚Froschkönig‘ und ‚Das Dschungelbuch‘ vor. Der Kleine kuschelte sich zu mir unter die Decke und lehnte sich an mich. Ich hatte meine Arme um ihn gelegt und er blätterte immer weiter, wenn ich eine Seite zu Ende gelesen hatte. Wir bemerkten nicht einmal, wie Tina den Frühstückstisch herrichtete, so gefangen waren wir in den Geschichten. Erst als Andre uns lachend an den Tisch holte, schauten wir auf. Elena war schon fertig angezogen und gefüttert, sie brabbelte vor sich hin in ihrer Babyschaukel. Tina hatte Kaffee und Tee auf den Tisch gestellt, brachte jetzt Kakao für Leon. Der sprang schnell an den Tisch und wollte das erste Stück Kuchen, denn weil ich da war, hatte er gestern mit seiner Mama Kuchen backen dürfen, wie er mir nun stolz erzählte.

 

Für den Tag hatte Leon dann entschieden, dass ich unbedingt einmal mit dem Schiff fahren sollte. So gingen wir zu einer Anlegestelle und buchten eine zweistündige Rundfahrt. Es war ein sonniger Tag und Andre half mir zum Oberdeck. Einer der Matrosen war dabei sehr hilfsbereit und schnell war ich oben.

„Jetzt ich, Papa!“, rief Leon da übermütig.

„Na warte!“, antwortete Andre spitzbübisch und schnappte sich seinen Sohn.

Er wirbelte Leon ein paar Mal herum und warf ihn sich dann über die Schulter. Lachend trug er ihn dann auch nach oben, während Tina kopfschüttelnd und grinsend mit Elena im Tragetuch hinterherkam. Die meisten anderen Passagiere schmunzelten dabei, aber auch ein paar giftige Blicke gab es für Andre. Doch der ließ sich davon nicht stören, er hatte viel zu wenig Zeit für solche Dinge. Heute Abend musste er schon wieder in die Nachtschicht. Daher würde er uns auch nach der Schiffsfahrt alleine weiterziehen lassen und noch eine Runde schlafen. Wir sahen ziemlich viel während der Fahrt, aber noch lustiger war es in jedem Fall, Leon zu beobachten, der mit seiner kindlichen Freude einfach ansteckend war. Meine Sorgen, die mich die letzte Nacht nicht hatten schlafen lassen, waren für den Moment vergessen. Elena genoss die Nähe und den Herzschlag ihrer Mama und schlief seelenruhig.

Zwei Stunden später war der ganze Spaß schon wieder vorbei. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Andre verabschiedete sich von uns und verschwand, während Tina entschied, dass wir uns eine Brotzeit holen und dann zu einem Spielplatz in der Nähe gehen würden. Leon war begeistert. Wir holten uns nur eine Kleinigkeit, ein paar Sandwiches und Wasser zum Trinken, dann zerrte Leon uns schon zum Spielplatz. Er konnte es kaum erwarten. Während er zielsicher zur Schaukel rannte setzte sich Tina auf eine Bank und ich ‚parkte‘ daneben. Elena hatte inzwischen auch wieder Hunger und so war Tina eine Weile mit ihr beschäftigt. Danach drückte sie mir die Kleine wieder in die Hand.

„Du siehst aus als würdest du sie mir gleich aus der Hand nehmen, also bitteschön!“, lachte sie.

„Maaamaaaa!“, rief da Leon, „ich will endlich richtig schaukeln. Schiebst du mich bitte an?“

Tina warf mir einen Blick zu und ich nickte ihr zu. Elena und ich würden schon klar kommen. Zum Glück fremdelte sie noch nicht, dafür war sie noch zu jung. Das kam sicher in ein paar Monaten, aber bis dahin konnte ich es genießen, wenn ich sie schon so selten sah. Gerade deswegen hatte ich die Einladung gerne angenommen. Und morgen würde ich schon wieder abreisen. Tobi wollte das Wochenende wenigstens noch mit mir verbringen wollen, da wir uns schon die ganzen Ferien nicht gesehen hatten. Er würde dann in den Zug zu mir steigen, weil sich unsere Verbindungen an einem gewissen Punkt trafen.

„Na, kleine Maus? Ganz schön anstrengend hier, hm?“, murmelte ich Elena zu.

In dem Moment stieß sie auf. Ich musste lachen. Das war mal eine eindeutige Antwort gewesen! Vielleicht sollte ich sie öfter um Rat fragen?

„Was meinst du, soll ich der Philharmonie zusagen, wenn sie mich nehmen?“, fragte ich nun leise.

Elena sah mich angestrengt an und drückte dann. Ich konnte spüren, dass die Windel mit einem Mal um einiges schwerer und voller war als vorher. War das die Antwort? Ich sollte drauf schei…? Na, ob das so eine gute Idee war? Wieder musste ich lachen.

„Ich glaube, du willst mir gerade höchstens sagen, dass ich mich um dich kümmern soll, Elena. Aber einen Moment warten wir noch, nicht dass da noch mehr kommt! Und dann kriegst du eine frische Windel, kleine Maus.“, beruhigte ich Elena, die nun anfing zu quengeln.

Tina hörte das Quengeln und warf mir einen Blick zu.

„Keine Sorge, ich krieg das hin, sie will nur eine frische Windel. Genieß die Zeit mit Leon!“, rief ich zu ihr hinüber.

Windeln wechseln war eine leichte Übung für mich, machte ich oft genug, wenn ich auf meine jüngste Cousine aufpasste, die war gerade mal ein Jahr älter als Elena. Und ich fast von Anfang an ihr Babysitter. Also suchte ich mir nur schnell alles zusammen, was ich brauchte und legte dann die Wickelunterlage auf die Bank. Schnell hatte ich die Kleine sauber gewischt und dann wieder angezogen. Es war zwar sonnig und nicht wirklich kalt, aber für ein Baby immer noch ziemlich frisch. Sie sollte ja nicht krank werden.

Kurz danach schlief die Kleine wieder in meinen Armen. Es war ein beruhigendes Gefühl. Ich kam selber zur Ruhe und konnte nun auch besser darüber nachdenken, was ich wollte. Nach und nach wurde mir klar, dass ich es eigentlich schon lange wusste. Das Orchester war nicht das Richtige für mich, auch wenn die Musik eine große Bedeutung in meinem Leben hatte und weiterhin haben würde. Aber dennoch war dieses Leben nichts für mich. Bisher hatte ich immer aus Spaß Musik gemacht, aber nie mit dem entsprechenden Ernst. Ich gestand mir selber ein, dass das nicht das Richtige war. Dabei würde ich bald den Spaß daran verlieren, und das wollte ich vermeiden. Die Musik hatte mir schon so sehr geholfen in meinem Leben, wenn ich dann auf einmal keinen Spaß mehr daran hatte, das wäre zu hart.

„Danke Elena!“, murmelte ich.

Tina hörte es, da sie gerade mit Leon kam, damit wir nach Hause gehen konnten. Sie lächelte mich an, wissend, dass ich meine Entscheidung getroffen hatte. Heimwärts schob sie mich, damit ich Elena weiter im Arm halten konnte.

 

 

 

Am nächsten Morgen kam Andre gerade rechtzeitig aus der Nachtschicht, um mich zum Bahnhof zu bringen. Die beiden hatten kein Auto, kamen in der Stadt ohne ganz gut zurecht, und wenn sie verreisen wollten, dann nutzten sie den Zug oder liehen sich ein Auto. Diesmal hatten wir die Fahrt angemeldet und der Zug kam dementsprechend auf dem ersten Gleis an und die Einstieghilfe war bereit.

„Mach‘s gut, Kleine, und sag daheim liebe Grüße!“, trug Andre mir auf. „Ach und ich hab noch einen Umschlag mit Fotos in deinen Rucksack, für Mama und Papa. Leon und Elena!“

„Danke für alles, Andre! Ich bin echt froh, dass du mit mir in Berlin gewesen bist und dass ich noch ein bisschen bei euch sein konnte. Sag Tina, Leon und Elena nochmal liebe Grüße!“, rief ich, als ich schon im Zug war und er nach draußen musste, damit der Schaffner die Türen schließen konnte. Ich winkte noch, dann war er auch schon verschwunden, kaum dass der ICE losgefahren war. Der Schaffner zeigte mir den Platz, an dem ich mitsamt meinem Rollstuhl bequem sitzen konnte und dann wollte er auch gleich meine Fahrkarte sehen. Dann lehnte ich mich ein wenig zurück, soweit es ging jedenfalls, und zog ein Buch aus meinem Koffer. Ich war die ganze Zeit bisher nicht dazu gekommen, es zu lesen, aber jetzt hatte ich viel Zeit. Die Fahrt dauerte Stunden, und erst gegen Ende würde Tobi einsteigen. Den Herrn der Ringe hatte ich ja inzwischen durch, aber ich war auf den Geschmack gekommen, was Tolkien anbelangt und hatte mir ‚Das Silmarillion‘ besorgt. Nicht ganz einfach als Lektüre, aber äußerst interessant, stellte ich nach etwas über einer Stunde fest. Begeistert las ich immer weiter, bis ich umsteigen musste. Der Schaffner war nett, half mir hier beim Aussteigen und mit meinem Koffer. Nur zehn Minuten später saß ich im nächsten ICE wieder über meiner Lektüre.

„Muss spannend sein!“, wurde ich irgendwann unterbrochen.

Ich sah verwirrt auf. Wie lange war ich schon unterwegs?

„Tobi?“, sagte ich irritiert.

„Wer sonst?“, wollte er wissen.

„Tobi! Ich hab total vergessen, wie spät es schon ist! Das ist richtig spannend!“

Jetzt erst war ich wirklich wieder in der Realität angekommen und Tobi küsste mich lachend.

„Dir ist schon klar, dass du daran Schuld bist.“, machte ich Tobi klar.

„Häh? Wieso?“

„Na, ganz einfach. Du hast mir die Trilogie geschenkt und dadurch einen Wahn auf Tolkien in mir ausgelöst!“, erklärte ich.

„So war das aber nicht gedacht gewesen!“, lachte er.

Ich steckte das Buch zurück in den Koffer, wollte nicht in Versuchung geführt werden. Tobi und ich hatten nicht sehr viel Zeit miteinander, die wollten wir auch zusammen verbringen. Ich erzählte ihm von den letzten Tagen, von der Philharmonie und Berlin an sich, von Leon und Tina und vor allem Elena. Davon, wie Elena mir klar gemacht hatte, dass ich dieses Leben nicht wollte, aber dass ich nun wieder da stand und nicht wusste, wie es nach dem Abitur weitergehen sollte. Und dass mir im Prinzip die Zeit weglief, schließlich war das Abitur nur noch ein paar Wochen entfernt.

„Hey, nun mal ganz ruhig. Dann machst du halt ein Aus-Jahr mit einigen Praktika, dann wird dir vielleicht auch klarer, was du willst.“, holte Tobi mich langsam wieder runter.

Auf die Idee war ich noch gar nicht gekommen. Das war gar nicht mal so schlecht, Praktika konnten tatsächlich helfen, vielleicht fand ich dann heraus, was ich eigentlich wollte. Und dann konnte ich auch gleich sehen, ob die Berufe dem entsprachen, was ich mir darunter vorgestellt hatte.

„Tobi, du bist genial!“, strahlte ich ihn an und küsste ihn.

„Nana, diese jungen Leute heutzutage!“, empörte sich da eine ältere Dame, die in unserer Nähe saß.

Das löste eine heftige Diskussion mit einigen Mitreisenden aus. Viele waren der Meinung, dass es nicht so schlimm sei, wenn ein Mann seine Freundin in der Öffentlichkeit küsste, aber andere meinten, dass Küssen schon ein Teil der Sexualität sei und daher in die eigenen vier Wände verbannt sei. Auch ich konnte mich nach einigen ziemlich gemeinen Bemerkungen nicht mehr raushalten und sagte auch etwas dazu. Doch mit der Reaktion hätte ich nicht gerechnet. Die ältere Dame vom Anfang empörte sich: „Das ist doch wohl nicht ihr Ernst, junge Dame. Da müssen wir schon solche Krüppel wie sie in der Bahn akzeptieren und ihretwegen auch noch zu einem anderen Bahnsteig als gewöhnlich gehen, und dann werden sie auch noch frech! Haben ihre Eltern sie eigentlich gar nicht erzogen?“

„Jedenfalls haben meine Eltern mir beigebracht, jeden Menschen so zu akzeptieren wie er ist und nicht mit Vorurteilen um mich zu werfen. Im Gegenteil, sie haben mir immer gezeigt, dass man mit Ruhe und Höflichkeit weiter kommt.“, erwiderte ich mit erzwungener Ruhe.

Mir war nur zu klar, dass ich ruhig bleiben musste, damit das Ganze hier nicht eskalierte. Doch das fiel mir extrem schwer. Ich zitterte vor Wut und Anstrengung, Wut auf die ‚Dame‘ und Anstrengung, mich zu beherrschen. Tobi hielt meine Hände fest und strich mir beruhigend über die Handrücken. Er war nicht der Mensch, der sich hinstellte, er war mehr der Friedensstifter im Hintergrund, derjenige, der im Nachhinein alle verarztete. Zum Glück stand in dem Moment ein ziviler Polizist auf und sorgte für Ruhe.

„Einen Moment mal. Ich bin Andreas Müller, Bundespolizei. Ich denke, ich habe genug gehört. Junge Dame“, er sah mich an, „wollen sie Anzeige wegen Beleidigung erstatten?“

Ich schüttelte den Kopf. Es brachte ja doch nichts außer einem Riesen-Zirkus und am Ende einer Verwarnung für die Frau. Aber er hatte dafür gesorgt, dass der Rest der Fahrt ruhig und friedlich verlief. Das war die Hauptsache.

Mama holte uns vom Bahnhof ab und nur wenig später waren wir zuhause. Das Abendessen war bald fertig und so machten sich Tobi und ich nur noch ein bisschen im Bad frisch und gingen dann gleich ins Esszimmer. Nach dem Essen sahen wir uns die Fotos an, die Andre mir mitgegeben hatte. Leon wie er leibt und lebt und Elena von Anfang an. Sogar ein paar mit mir drauf, die hatte Andre wohl noch in der Nacht entwickeln lassen. Ich war gerührt. Auf einem der Bilder waren Leon und ich, wie wir am Morgen beim Vorlesen auf der Couch aneinander gekuschelt waren. Leon hatte vor Spannung rote Backen und kuschelte sich fest an mich. Ein anderes zeigte die friedlich schlafende Elena in meinen Armen. Ich sah ziemlich glücklich auf dem Bild aus, fand ich. Ich schnappte mir die beiden Bilder und verschwand damit in meinem Zimmer, Tobi folgte mir einfach. Die Bilder pinnte ich an meine Kork-Wand, die eine Seite des Zimmers einnahm. Dort hängte ich alles auf, was mit wichtig war.

In dieser Nacht blieb Tobi bei mir. Irritierenderweise sagten weder Mama noch Papa irgendwas. Tobi kuschelte sich an mich und wir testeten aus, wie weit meine Nerven funktionierten. Die Antwort war, wie soll ich sagen, mehr als zufriedenstellend. Doch leider konnten wir dieses Wissen nicht weiter vertiefen, da Tobi schon am nächsten Tag wieder zurück nach Hause musste, schließlich hatte auch er bald Abitur-Prüfungen.

Die Zeit verging schneller als gedacht und schon stand die schriftliche Prüfung in den Grundkursen an. Ich hatte Biologie gewählt, was mir nicht so schwierig erschienen war, aber es hatte sich eine Menge Lernstoff in den zwei Jahren angesammelt und so hatte ich Wochen damit verbracht, das alles immer wieder zu wiederholen. Am Ende war ich ziemlich sicher, dass ich es konnte und kam ruhigen Gewissens in die Prüfung. Eine gewisse Aufregung war natürlich auch noch vorhanden, aber das gehörte schließlich dazu. Am Morgen hatte ich nochmal mit Tobi telefoniert und wir hatten uns gegenseitig Glück gewünscht. Jetzt wurde es ernst. Unsere Lehrerin kam rein und brachte die Prüfungsbögen mit. Nach einem Blick auf die Uhr teilte sie die Bögen aus und wünschte uns: „Viel Erfolg. Glück brauchen nur diejenigen, die nichts gelernt haben, und das trifft auf sie ja nicht zu.“

Die Fragen waren nicht einfach, aber das waren auch die Klausuren nie gewesen. Unsere Kursleiterin hatte diesmal zum ersten Mal seit Jahren einen Grundkurs unterrichtet, sonst immer nur Leistungskurse. Nun, das hatten wir relativ schnell bemerkt. Das Niveau unseres Grundkurses war teilweise höher gewesen als das des Leistungskurses meines Bruders und von Minka. Jetzt kam uns das zugute. Am Ende gestanden wir einander, dass wir nicht so viele Schwierigkeiten mit den Fragen gehabt hatten als Anfangs befürchtet.

Dennoch war es nicht leicht gewesen, aber schließlich war das bayerische Abitur angeblich eines der schwersten. Beide Leistungskurse waren auch noch vor den Pfingstferien angesetzt, nicht lange auseinander, nur zwei freie Tage waren dazwischen. Ein wenig Bedenken hatte ich da schon, vor allem wegen der Schreiberei, was ja in beiden Fächern doch recht viel werden konnte. Dennoch war ich zuversichtlich, ich hatte vor Bio mehr Angst gehabt und ging sowohl in Deutsch als auch in Englisch wesentlich gelassener in die Prüfung.

Am Ende der beiden Prüfungen stand ich jeweils mit einem schmerzenden Arm vor meinem Bruder. Der grinste nur und hatte schon einen Zink-Lein-Verband besorgt, den er mir umwickelte, damit mein Arm ruhiggestellt war. Er ließ nur ein bisschen Bewegungsfreiheit zu, damit ich meinen Rollstuhl zumindest ein bisschen selber schieben konnte. Aber Rennen fahren konnte ich damit nicht. Dafür brachten mich meine Eltern dann ein bisschen öfter dahin, wo ich hinwollte. Endlich schaffte ich es dann auch, Minka zu besuchen. Mein Papa brachte mich hin, als er zu einem Mandanten fuhr. Er wollte mich dort am Abend wieder abholen, bei dem Mandanten stand eine Steuerprüfung ins Haus, das würde wohl länger dauern.

Minkas Eltern, Reinhold und Gisela, begrüßten mich herzlich. Sie hielten es genau wie meine Eltern und boten den Freunden ihrer Kinder relativ schnell das ‚Du‘ an. Reinhold war Polizist und als ich Minka die Geschichte im Zug erzählte, hörte er aufmerksam zu.

„Du hättest sie anzeigen können, aber im Prinzip hast du Recht, meist bringt es nicht allzu viel.“, meinte er am Ende.

„Ich wollte mich in Ruhe aufs Lernen konzentrieren und nicht auch noch irgendwo vor Gericht auftauchen müssen.“, erklärte ich.

In dem Moment sprang mir Blacky, die Familienkatze auf den Schoß und beendete das Gespräch damit erfolgreich. Den Nachmittag verbrachten wir dann bei verschiedenen Spielen und unterhielten uns weiter, aber auf die Zugfahrt kamen wir nicht mehr zu sprechen, wir wollten schließlich keine schlechte Stimmung, sondern uns freuen, da wir den schriftlichen Teil des Abiturs hinter uns hatten. Jetzt war Zeit zum Fröhlich-Sein. Egal wie es ausging, aber die Prüfungen waren geschrieben, und wenn wir uns nicht ganz und gar dämlich angestellt hatten, dann müsste es auch bestanden sein. Gut, in Deutsch war ich nicht begeistert von meiner Leistung, aber die Themen waren mehr als bescheiden gewesen. Doch Herr Walter hatte noch gesagt, er und seine Kollegin, die den anderen Leistungskurs unterrichtet hatte, hatten schon die besseren Aufgaben rausgesucht. Da wollte ich die anderen Themen lieber gar nicht erst sehen.

Doch auch über die Prüfungen sprachen wir nicht lange. Es gab ja viele andere Dinge, über die wir sprechen konnten. Minka würde nach der Schule nach Bamberg ziehen und dort studieren, sie wollte Sozialpädagogin werden. Ich erzählte von Tobi und seiner Idee, dass ich erstmal mit Hilfe einiger Praktika herausfinden sollte, was ich denn nun eigentlich machen wollte. Außerdem erzählte ich von der Berliner Philharmonie und von dem Dirigenten, der es gar nicht hatte verstehen können, als ich angerufen und meine Bewerbung zurückgezogen hatte. Mein Spiel hätte ihn begeistert gehabt und ich wäre schon in der engeren Auswahl. Dennoch war ich dem Rat von Tina gefolgt und hatte meine innere Stimme zu Wort kommen und eine Entscheidung treffen lassen. Es war mir, auch nach mehrmaligem darüber Schlafen und einem intensiven Gespräch mit Tobi, richtig vorgekommen und daher hatte ich dann abgesagt.

Minkas Eltern, die immer wieder bei uns saßen, wollten wissen, was ich denn dann nach dem Abitur vorhätte. Ich erklärte, dass Tobi mich darauf gebracht hatte, in verschiedenen Berufen Praktika zu machen und so gewisse Erfahrungen zu sammeln um dann entscheiden zu können, was ich denn nun in Zukunft machen wollte. Außerdem hatte ich vor, privaten Klavier-, Geigen- und Querflötenunterricht zu erteilen. Bis zum Ende der zehnten Klasse hatte ich das gemacht, dann aber damit aufhören müssen, da ich nach Amerika gegangen war. Seitdem hatte ich die Zeit nicht mehr gehabt, weil ich zu sehr mit Stoff aufholen und lernen fürs Abitur beschäftigt war. Außerdem war da ja noch mein Unfall gewesen. Auch dieser war ein Thema bei dem Besuch, sowohl Minka als auch ihre Familie, die aus ihren Eltern, ihren beiden Schwestern und ihren Großeltern bestand (die alle in einem Haus lebten) waren sehr interessiert, was passiert war und wie sich mein Leben seitdem verändert hatte. Sie waren dabei aber sehr vorsichtig, nie verletzend, und es machte mir nichts aus, darüber zu reden. Ich war ein Teil ihrer Familie und sie würden mir nie wehtun.

So verging die Zeit, bis Papa wiederkam, relativ schnell und wir saßen gerade beim Abendessen, als er mich abholte. Die beiden Väter unterhielten sich noch eine Weile, bis ich fertig mit dem Essen war, und trugen mich dann wieder nach unten. Schon als ich angekommen war, hatten sie mich zu zweit nach oben getragen, denn schon um ins Erdgeschoß zu kommen, wo Minkas Großeltern lebten, musste man acht oder zehn Stufen nach oben steigen, und ich hatte Minka besucht, die mit ihren Eltern im ersten Stock wohnte.

 

Kurz danach waren Pfingstferien und ich machte mich ans Lernen für das Colloquium. Religion war jetzt nicht unbedingt das schwerste Fach, aber ganz einfach war es auch nicht, es war eine Menge zum Lernen, was in den zwei Jahren drangekommen war. Tobi und ich lernten vormittags, nachmittags unternahmen wir dann gemeinsam etwas. Ich verbrachte die beiden Wochen bei ihm, war sonst eigentlich in der ersten Woche immer beim Zelten gewesen, aber das ging bei dem Zeltplatz nicht. Meine Geschwister waren dort und ich war, wenn ich ehrlich sein soll, ziemlich neidisch. Tobi hatte angeboten, zu mir zu kommen, aber ich wollte nicht zuhause sein, wenn die anderen auf dem Zeltplatz waren und war daher froh, zu ihm kommen zu können. Micha musste arbeiten, Thomas ebenso, daher waren die Zwillinge auch noch da. Die beiden, Lisa und Laura, waren sieben und wollten ihre Ferien auch genießen, jedoch sicher nicht so wie wir. Vormittags mussten wir lernen, da mussten die beiden dann auch was für die Schule machen, damit wir Ruhe hatten, auch ihr Vater bestand darauf. Nachmittags gingen wir dann mit ihnen schwimmen in der Isar, oder zum Spielplatz, einmal auch ins Aquarium, in den Zoo oder auch ein Museum, wenn das Wetter mal nicht mitmachte, was aber eigentlich selten der Fall war. Micha und Thomas spendierten die Eintritte, meistens jedenfalls. Manchmal zahlten auch Tobi oder ich.

Abends zog ich mich immer häufiger zurück, da ich mich absolut kaputt und erschöpft fühlte. Ich schob es darauf, dass ich ständig am Lernen war und mein Kopf eigentlich ein wenig Ruhe brauchte, außerdem war es schon eine Weile her, dass ich meine Tage zum letzten Mal gehabt hatte und ich rechnete jeden Tag damit. Micha brachte mir nach drei Tagen Kräuterblut-Dragees mit, weil er einen Eisenmangel vermutete. Doch auch damit wurde es nicht besser und er nahm mich mit zu einem befreundeten Kollegen, damit der mich untersuchte. Die körperliche Untersuchung blieb ohne Ergebnis, aber das hatte Michael auch nicht anders erwartet, wie er mir sagte. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sollten wir nach den Pfingstfeiertagen bekommen. Der Arzt riet mir, dass ich meinem Körper ruhig etwas Ruhe gönnen sollte. Also verfrachtete mich Micha zuhause angekommen aufs Sofa und entschied, ich sollte diesen Nachmittag dort bleiben. Er hatte sich extra für mich diesen Tag freigenommen. Tobi war mit den Mädchen unterwegs, damit ich ausruhen konnte. Michael kochte derweil Essen und ich war einfach nur froh, schlafen zu können. So erschöpft war ich noch nie gewesen, nicht einmal die Krankengymnastik nach dem Unfall hatte mich so geschafft. Irgendwie war es erschreckend, aber Micha riet mir, mich nicht fertig zu machen sondern auf die Ergebnisse der Blutanalyse zu warten.

So entschieden die anderen, das Wochenende etwas ruhiger anzugehen. Ursprünglich hatten sie geplant, segeln zu gehen, denn Thomas hatte ein kleines Segelschiff – das Wort Yacht wollte er nicht hören – auf einem der Seen südlich von München liegen. Ich hatte es noch nicht gesehen und war seit Jahren nicht mehr segeln gewesen, was mir Spaß gemacht hatte. Stattdessen machten wir einen Kino-Nachmittag mit Filmen, einen Familien-Spielenachmittag und einen Nachmittag im Park. Abends kuschelte ich mich zu Tobi auf das Sofa, wollte nicht alleine ins Bett, sondern die Zeit mit meinem Freund genießen. So anhänglich war ich noch nie gewesen. Mit ein bisschen Glück hatten es Thomas und Michael geschafft, das lange Wochenende frei zu bekommen, sie hatten eine Reihe von Gefallen bei ihren Kollegen eingetauscht, damit sie bei uns zuhause sein konnten. Doch am Dienstag konnte Michael nicht mehr mit zum Arzt gehen, um die Ergebnisse abzuholen, aber die Zwillinge waren bei einer Freundin eingeladen und deshalb konnte Tobi mich begleiten. Im Wartezimmer mussten wir eine Weile sitzen, bevor der Arzt uns endlich zu sich rief.

„Also, ich habe das Ergebnis bekommen. Im Prinzip ist es nichts Schlimmes, aber ich denke, sie sollten dennoch einen Facharzt aufsuchen. Junge Frau, ich denke, ich sollte ihnen gratulieren. Sie sind schwanger.“, erklärte der Arzt nach der Begrüßung.

Wie? Was? Sprachlos starrte ich den Arzt an. Tobi ging es nicht viel besser. Er nahm meine Hand und drückte sie, fast so als müsste er sich versichern, dass es kein Traum war. Mir ging es genauso. Wir hatten doch bisher nur einmal? Und das war schon eine ganze Weile her. Am Ende der Osterferien, um genau zu sein, also fast sieben Wochen her. Und wenn ich genau überlegte, hatte ich auch seither keine Periode mehr gemacht. Ach du Sch…

„Schwanger?“, versicherte ich mich irgendwann leise.

„Ja, schwanger. Wie weit kann ich ihnen nicht sagen, dafür sollten sie baldmöglichst ihren Frauenarzt aufsuchen.“, bestätigte der Mediziner.

„Nun, diese Frage kann ich beantworten. Es sind knapp sieben Wochen.“, erwiderte ich trocken.

Tobi bekam immer noch keinen Ton heraus. Er war ziemlich weiß geworden, wobei ich schätze, dass meine Farbe auch nicht viel besser sein konnte.

Ich habe keine Ahnung, wie wir es schafften, nach Hause zu kommen. Ich glaube, wir saßen den restlichen Tag ziemlich schockstarr auf dem Sofa und warteten darauf, aufzuwachen. So fanden uns Thomas und Michael, als sie abends aus der Arbeit kamen.

„Hey, alles klar bei euch? Was ist passiert?“, wollte Thomas wissen, der als erster ins Wohnzimmer trat.

Sein alarmierter Ton beim zweiten Teil ließ Michael ins Wohnzimmer eilen. Er wurde blass, als er unsere Gesichter sah.

„Was ist los? Was sagen die Blutergebnisse?“, wollte er ruhig wissen.

Mediziner halt, professionell und die Ruhe selbst.

„Schwanger.“, brachte Tobi es leise auf den Punkt.

„Du bist … schwanger?“, fragten beide unisono und starrten mich an.

„Mhm.“, antwortete ich leise.

„Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung.“, kam es irgendwann knochentrocken von Thomas, an Michael gewandt.

Das war´s. Michael klappten die Beine weg. Thomas konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er auf dem Boden aufkam.

„Und ich dachte, ich wäre schlecht auf den Beinen.“, konterte ich.

Plötzlich kicherten wir alle vier. Es löste den Schock und wir brauchten ziemlich lange, bis wir uns wieder beruhigten. Immer wieder versuchten wir es, doch einer fing wieder an und weiter ging es. Erst als ich einen heftigen Schluckauf bekam, stoppte das Lachen. Tobi brachte mir ein Glas Wasser. Ich nutzte meinen alten Theater-Trick: Tief Luftholen, Luft anhalten und ein Glas Wasser auf Ex, dann erst ausatmen. Es half, der Schluckauf war weg.

„Wow, das ging ja fix!“, kommentierte Thomas.

„Was meinst du? Schwanger werden oder Schluckauf stoppen?“, wollte ich wissen.

„Äh, beides?!“

„Naja, ich denke mal, wie eine Frau schwanger wird, brauche ich dir nicht erklären, oder? Und das mit dem Schluckauf ist ein Theatertrick, funktioniert meistens. Ich hab bis letzten Sommer öfter Theater gespielt, als Komparse auf einer Profi-Bühne. Jetzt ist das wohl nicht mehr möglich, denn so viele Treppen, wie es dort gibt, kriege ich nicht hin. Aber die Tricks, die ich dort gelernt habe, werde ich sicher nicht so schnell vergessen.“, erklärte ich.

Ich hatte meine Humor wieder und meine Ruhe. Ich hatte zwar noch keine Ahnung, wie ich das meinen Eltern beibringen sollte, aber irgendwie würden wir auch das schaffen. Tobi war immer noch ziemlich blass, aber er lächelte inzwischen schon wieder.

Michael hatte sich wieder gefasst, saß aber immer noch auf der Couch, neben Tobi. Ich war inzwischen wieder in meinen Rollstuhl gewechselt, da ich damit einfach beweglicher war. Nach der Starre, die uns befallen hatte, bekam ich nun einen enormen Bewegungsdrang.

„Hey, Micha, alles okay?“, fragte Thomas irgendwann leise und zärtlich.

Der nickte geistesabwesend. Thomas setzte sich neben ihn und küsste ihn. Moment mal, was war jetzt los? Ich glaube, ich war zum zweiten Mal an diesem Tag schockstarr. Die beiden… Okay, das kam überraschend. Ich hatte nie darüber nachgedacht, egal wie oft ich schon da gewesen war. Für mich war das eine Art WG gewesen. Ich musste wohl ziemlich doof aus der Wäsche geguckt haben, denn Thomas lachte auf einmal.

„Nela, dein Gesicht ist fast so geschockt wie eben. Wir waren anfangs tatsächlich eine WG, aber irgendwann hat es dann zwischen uns beiden gefunkt. Wir sind seit knapp eineinhalb Jahren ein Paar. Ich dachte, Tobi hätte das schon erzählt. Alles okay?“, wollte er wissen.

„Ja, ich denke schon. Heute ist wohl internationaler Tag der Überraschungen oder wie?“, kam es von mir.

Soso, also waren Micha und Tom schwul, und mein Freund, der Sohn eines der beiden, hatte mal eben vergessen, das mir gegenüber zu erwähnen. Na gut, es änderte wohl nichts an ihren Persönlichkeiten, die mochte ich ja schon lange, aber mein Kopf versuchte das gerade alles unter einen Hut zu kriegen, und das war ein bisschen viel. Ich brauchte ein bisschen Zeit, um all das zu verdauen. Spontan entschied ich mich, eine Runde in den Park zu gehen, um den Kopf wieder frei zu kriegen. Ich bekam langsam aber sicher Kopfschmerzen und dagegen half meistens frische Luft.

„Ich bin `ne Runde im Park. Ich brauch ein bisschen Luft.“, rief ich noch und verschwand auch schon durch die Haustür.

Etwas über zwei Stunden später erst ging ich zurück. Die Männer hatten sich inzwischen wieder gefangen und stießen gerade mit Sekt an. Ich selber fühlte mich auch wieder besser, meine Kopfschmerzen waren zwar nicht weg, aber zumindest nicht mehr so bohrend. Ich hatte über diesen Tag nachgedacht und war zu dem Entschluss gekommen, dass wir es nehmen mussten, wie es war. Auch wenn es ein bisschen schnell ging, ich freute mich inzwischen auf das Baby. Keine einzige Sekunde hatte ich darüber nachgedacht, dass ich es nicht wollte. Selbst wenn Tobi nicht wollte, das Baby liebte ich bereits so sehr, ich würde es auf jeden Fall bekommen. Doch ich hätte mir wegen Tobi keine Sorgen machen müssen. Als ich zurückkam, umarmte mich Tobi mit glänzenden Augen und flüsterte: „Wir bekommen ein Baby!“ in mein Ohr. Er strahlte vor Glück. Jetzt musste ich es nur noch meiner Familie beibringen. Na toll.

 

Tobi und ich entschieden, am nächsten Tag den Zug zu mir nach Hause zu nehmen. Wir meldeten uns gar nicht erst bei der Bahn an, sondern nur meine Fahrt am Sonntag ab. Vier Tage vorher müsste man Fahrten anmelden wegen der Einstieghilfe. Blödsinn, wenn Tobi mitfuhr, der schaffte das auch ohne Einstieghilfe, und da wir einen Zug nahmen, bei dem wir nicht umsteigen mussten, war es nur einmal ein- und einmal aussteigen. Das würden wir wohl schaffen, Zeit genug dafür hatten wir, da der Zug jeweils um die zehn Minuten Aufenthalt in den entsprechenden Bahnhöfen hatte. Wir riefen Mama an, sie versprach, dass uns jemand abholen würde.

Je näher wir meiner Heimat kamen, desto nervöser wurde ich, was würden sie sagen? Hibbelig begann ich, mit den Fingern auf der Lehne des Rollstuhles zu trommeln. Bis Tobi irgendwann seine Finger mit meinen verschränkte.

„Ganz ruhig, sie werden dir den Kopf schon nicht abreißen. Und wenn doch, ich nehm dich trotzdem!“, versuchte er zu scherzen.

Ich fand es nicht besonders gelungen, aber er gab sich Mühe, mich abzulenken. Martin holte uns ab, er hatte endlich sein Auto. Spätestens im Sommer, wenn er seinen Zivildienst leistete, brauchte er es, um zur Rettungswache zu kommen, die eine war etwa fünfzehn, die andere knapp dreißig Minuten entfernt und den öffentlichen Nahverkehr kann man bei uns vergessen. Auch wenn sich mein Heimatort ‚Stadt‘ nennt, so ist es eigentlich nur ein besseres Dorf. Ohne Auto ist man absolut aufgeschmissen. Mama hatte lange keines und wir waren es von jeher gewohnt, überall zu Fuß hinzukommen. Jetzt war ich froh, dass sie eines hatte und mich ab und zu wohin fahren konnte. Aber nur selten, meistens war sie mit Arbeit oder Haus beschäftigt.

Viel zu schnell waren wir zuhause. Heute war sogar Papa schon daheim. Oh oh, er hatte offenbar Lunte gerochen. Er kannte mich zu gut, wenn ich am Sonntag heimkommen will, aber dann auf einmal schon am Mittwoch wieder da bin, dann war etwas passiert. Und er war da. Alle waren da, meine beiden Brüder, die noch zuhause wohnten und meine Schwester. Jetzt saßen wir zu siebt am Tisch und schwiegen uns an. Bis Papa das Schweigen mit einem kleinen Schmunzeln brach.

„Also, was ist los, Große? Hast du was angestellt, dass dein zukünftiger Schwiegervater dich rausgeschmissen hat, was ich mir nicht vorstellen kann, auch wenn du manchmal ganz schön frech bist.“

„Heh, dafür kann ich nichts, das hab ich geerbt. Das ist in meinen Genen!“, beschwerte ich mich.

„Von wem denn? Von mir kann es nicht sein, ich hab das selber noch!“, konterte Papa. „Gut, dann nicht. Also bist du schwanger.“

Ich sah entgeistert Papa an. Moment, wieso wusste der das nun schon wieder? Er lachte, als er mein Gesicht sah.

„Also hab ich Recht?“

„Herzlichen Glückwunsch, du wirst demnächst befördert.“, murmelte ich, den Spruch von Thomas wiederholend.

„Vom Vater zum Großvater. Soso. Das heißt, ich bin demnächst nicht nur Erziehungsberechtigter, sondern auch noch Verziehungsberechtigter!“, grinste er.

DAS war Papa. Ich glaube, man sieht, wo ich meine positive Art herhabe. Er hatte es einfach auf den Punkt gebracht. Schnell stand er auf und ging in den Keller, kam mit einer Flasche Sekt wieder.

Jeder bekam ein Glas, nur mir gab er Traubensaft, was Anderes war nicht da.

„Außerdem brauchen Schwangere viel Eisen.“, erklärte er trocken.

Dann stießen wir an. Ich war immer noch nicht ganz angekommen, meine Gedanken wirbelten noch. Auch meine Geschwister kamen erst langsam mit, dass es wirklich wahr war, ich bekam ein Baby, sie wurden Tante und Onkel. Naja, eigentlich waren sie das schon zweimal, aber von Andre, der ja sechs Jahre älter als ich war.

 

 

 

Am Sonntag ging Tobi mit uns zusammen in die Kirche. Mein Papa, der nebenberuflich Diakon ist, hatte Dienst. Er predigte über das Gleichnis mit dem Weinberg, in dem der Herr des Weinberges alle drei Stunden zum Markt geht und immer wieder Arbeiter mitnimmt, die bei der Ernte helfen sollten. Am Ende bekommen alle den gleichen Lohn, egal ob sie nun den ganzen Tag oder nur drei Stunden gearbeitet haben. Ich fand es spannend, wie Papa das auslegte, das war immer wieder interessanter als die hochtheologischen Predigten unserer Pfarrer. Wobei, ganz so schlimm waren sie nicht, ich hatte schon deutlich schlimmere Priester erlebt. Aber wie auch immer, ich hörte an diesem Tag jedenfalls aufmerksam zu. Nach dem Mittagessen musste Tobi auch schon wieder los, es waren ja nur noch wenige Tage bis zu den mündlichen Abiturprüfungen. Auch ich wollte noch ein bisschen lernen, schließlich war es in der zweiten Ferienwoche irgendwie untergegangen, dass ich ja auch noch Abitur hatte.

Montagabend hatten sich alle, die Colloquium in Religion machten, bei unserer Kursleiterin verabredet für die letzte Vorbereitung. Wir trafen uns um 17 Uhr, meine Freundin hatte ihre Mama überredet, mich mitzunehmen und so kamen sie bei mir vorbei und luden mich mit ins Auto. Der Weg zu der Lehrerin war nicht weit, wir wohnten im selben Ort, aber sie wohnte oben in der Siedlung und das hieß von mir aus nur bergauf, und das ungefähr vier Kilometer. Da bräuchte ich einen motorisierten Rollstuhl, nein danke. Aber meistens gab es ja auch jemand, der einen mitnahm und irgendwann würde ich sicher ein eigenes Auto haben, meinen Führerschein hatte ich ja immerhin schon.

Nun saßen wir also zu siebt um den Tisch, und unsere Lehrerin, ich nenne sie mal Frau Flanders (natürlich heißt sie nicht wirklich so, aber ihr Mann, der auch bei uns am Gymnasium unterrichtet, sieht aus und benimmt sich wie Ned Flanders aus den ‚Simpsons‘ und hat daher diesen Spitznamen bekommen) bot uns Kaffee an. Ich lehnte dankend ab und sie fragte mich, ob ich lieber Tee wollte. Das nahm ich gerne an und sich verschwand kurz in der Küche. Dann begannen wir unsere Besprechung und ich vergaß erstmal auf den Tee. Irgendwann klingelte dann die Küchenuhr.

„Ihr Tee ist fertig. Ich hab ihn extra 15 Minuten ziehen lassen!“, strahlte Frau Flanders mich an.

„Welchen Tee haben sie denn gemacht?“, fragte ich vorsichtig nach.

Fünfzehn Minuten ziehen lassen, das musste was Besonderes sein.

„Darjeeling, ich hab mitbekommen, dass sie gerne schwarzen Tee trinken.“, erklärte sie mir.

Oh oh.

„Ähm, könnte ich vielleicht Zucker dazu bekommen?“, bat ich.

Schwarzer Tee, fünfzehn Minuten gezogen, da brauchte sogar ich Zucker, um das runterzukriegen. Natürlich bekam ich den Zucker dazu, und naja, ich schaffte es dann auch, den Tee zu trinken, aber ich schwor mir, dass ich nie, nie, nie wieder einen Tee bei den Flanders trinken würde. Nicht dass ich vorhatte, nochmal dorthin zu gehen. Warum auch, ich hatte nicht vor, mein Abitur nicht zu bestehen und bisher sah es eigentlich auch ganz gut aus, dachte ich.

Frau Flanders gab uns nun noch ein paar letzte Tipps, dann bekam jeder von uns ein Thema und wir sollten uns in einer bestimmten Zeit dazu Notizen machen und die passenden Bibelstellen raussuchen. Still arbeiteten wir vor uns hin. Ich stand kurz vor einem Lachkrampf. Wahrscheinlich zu viel Zucker in dem Tee. Jedenfalls verbiss ich mir krampfhaft ein Kichern. Jedes Mal wenn ich aufsah und alle sich konzentriert über ihre Bibeln beugten, stand ich kurz davor, lauthals loszulachen. Ich konnte nicht mal genau bestimmen, was daran so lustig war, aber das Blubbern in meinem Bauch reizte mich immer mehr. Vielleicht lag es daran, dass hier Leute ihre Nasen in die Bibeln steckten, die sonst mit Religion überhaupt nichts zu tun hatten. Zu meinem Glück war die Zeit bald um und ich hatte es erfolgreich geschafft, den Lachreiz zu unterdrücken.

Ich war nicht immer so erfolgreich, jetzt wo ich hier sitze und das alles aufschreibe, kichere ich wieder vor mich hin, in meinem Kopf spielt sich eine Szene aus dem Lateinunterricht in der neunten Klasse ab, der absolut bezeichnend für mich ist: Wir übersetzten einen Text aus dem Lateinischen ins Deutsche, ich weiß nicht mehr genau um was es ging, und einer meiner Klassenkameraden war aufgerufen worden, weil er offensichtlich mit anderen Dingen beschäftigt war. Unser Lehrer damals war berüchtigt für solche Bestrafungen. Er las also den Satz auf Latein vor: …Caligula negligere… und übersetzte: Caligula im Nachthemd Gut, ich war damals nicht die Einzige, die lachte, aber mein Lachkrampf hielt an und steckte die ganze Klasse immer wieder an, sodass ich am Ende aus der Klasse geworfen wurde, damit der Unterricht fortgesetzt werden konnte.

Zurück zur Abiturvorbereitung bei Frau Flanders. Wir saßen also da und sollten reihum unsere Erkenntnisse vortragen. Allerdings nicht ganz original, denn sie wollte von uns an diesem Abend nur die Kurzfassung, denn sonst würde es zu lange dauern. Also hatte jeder von uns fünf Minuten, in denen die Notizen kurz vorgetragen wurden. Ich glaube in der Prüfung an sich waren es dann fünfzehn Minuten für den Vortrag. Anschließend stellte sie uns verschiedene Fragen zu den Themen, die wir im Unterricht behandelt hatten und dann war der Abend geschafft. Zwei Stunden, und irgendwie fanden es alle, die dabei waren, absolut für die Katz. Minkas Mama nahm mich wieder mit nach Hause. Ich überlegte hin und her, ob ich Minka erzählen sollte, dass ich schwanger war oder nicht. Ich tat es an diesem Tag nicht. Irgendwie sträubte sich etwas in mir, ich wollte es erst einmal selber noch verdauen. Mich an den Gedanken gewöhnen. Noch nicht mal meine Großeltern wussten davon. Das würde ich demnächst mit Tobi zusammen machen, noch kannten sie nicht mal Tobi. Aber erstmal war die mündliche Abiturprüfung angesagt.

Mein Termin war am Donnerstag um 9:15 Uhr. Dann bekam ich mein Thema. Also war ich pünktlich um 9 Uhr da und wartete noch ein paar Minuten, dann durfte ich auch schon in das Klassenzimmer. Mir war schlecht, ich weiß nicht genau, ob es Schwangerschaftsübelkeit oder die Nervosität war. Mit zitternden Fingern zog ich mein Thema und las den Zettel. Ich las ihn nochmal und ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Jackpot. Mein Thema war das Gleichnis mit den Arbeitern im Weinberg. Konnte man so viel Glück haben? Das durfte doch nicht wahr sein! Mit einem breiten Grinsen holte ich mir eine Bibel, schlug schnell die entscheidenden Stellen nach und markierte sie mir, dann machte ich mir nur ein paar ganz kurze Notizen, hauptsächlich, damit ich in der Prüfung was zum Festhalten hatte. Auch wenn ich nun keine Angst mehr hatte, nervös war ich trotzdem, denn immerhin saß ein Prüfer von der Regierung da drin und wenn ich Pech hatte, dann blieb er bei mir sitzen. Und nicht nur Frau Flanders sondern auch ihr Mann waren die Prüfer. Das allein schon machte mich absolut nervös.  Doch die Zeit verging schnell und am Ende hatte ich kaum Zeit, mir viele Gedanken darüber zu machen, denn ich wurde aufgerufen. Ich rollte in das Klassenzimmer und Ned Flanders sprang auf, um mir freundlicherweise den Stuhl wegzuschieben. Bei anderen Menschen wäre das eine freundliche Geste gewesen, bei IHM fragte man sich, was er vorhatte. Es machte mich jedenfalls irgendwie wahnsinnig, wie er da so rumhüpfte wie ein überzuckertes Gummibärchen.

Der Beisitzer von der Regierung tat mir natürlich nicht den Gefallen und verschwand, sondern stellte sich höflich vor, auch wenn er es hätte sein lassen können, denn kaum hatte er ausgesprochen hatte ich seinen Namen schon wieder vergessen. War auch egal. Sie fragten mich nach meinem Thema und ich gab den Zettel ab. Dann hielt ich mein Colloquium und fing an zu reden. Ich glaube, als ich den ersten Satz noch nicht zu Ende gesprochen hatte, wussten Flanders schon, was da kam. Auch sie waren an besagtem Sonntag in der Kirche gewesen. Während meines gesamten Vortrages schafften sie es, von einem Ohr bis zum anderen zu grinsen. Der Beisitzer wirkte irritiert, fragte aber zum Glück, oder soll ich sagen Gottseidank, nicht nach. Ich vergaß nicht, die entsprechenden Bibelstellen zu erwähnen und zum Teil vorzulesen und schaffte es fast auf eine Punktlandung. 14 Minuten. 15 Minuten sollte der Vortrag sein, plus minus zwei Minuten. Dann folgten noch verschiedene Fragen zu den Themen der zwei Jahre, aber daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Am Ende der Prüfung ging ich jedenfalls mit einem ebenso breiten Grinsen raus, wie es die Flanders in der Prüfung hatten. Noch heute werde ich manchmal darauf angesprochen von Frau Flanders. Und wahrscheinlich erzählt sie es jedes Mal, wenn sie wieder eine Klasse zur Abiturvorbereitung bei sich zuhause hat.

Martin und ich beschlossen an diesem Abend, wir wollten feiern. Er nahm mich mit in unsere Schülerkneipe, dort würden wir sicher noch jemanden treffen, mit dem wir anstoßen konnten. Erst überlegte Martin, mit dem Auto zu fahren, aber das ließ er dann doch lieber sein. Er schob mich in die Stadt, nachdem wir Abend gegessen hatten und dann gingen wir ins Denni, so hieß die Kneipe. Wir wurden sofort lautstark von einigen angeheiterten Kollegstuflern begrüßt und setzten uns dazu. Sofort kam Martin, einer der Besitzer des Denni, und fragte nach unseren Wünschen. Martin (mein Bruder) wie immer „A Halbe erstmal“, und mir wollte er eine Sekt oder Prosecco andrehen, zur Feier des Tages, aber ich blieb bei „Arbeiterwein, ich muss ja noch fahren“. Mit solchen Bemerkungen hatte ich irgendwie immer die Lacher auf meiner Seite und keiner dachte mehr darüber nach, warum ich keinen Alkohol trank. Naja, die meisten wussten ja, dass ich mir aus Alkohol nicht mehr viel machte, aber meistens hatte ich doch ein Bier mitgetrunken. Sekt oder so hatte ich noch nie gemocht. Aber so bemerkte es erstmal niemand und wir hatten einen echt lustigen Abend. Erst als Martin gegen drei Uhr morgens zusperren wollte, warf er uns raus und wir gingen nach Hause. Wobei ich da eher meinen Bruder heimbrachte, der hielt sich hinten am Rollstuhl fest und ich hab geschoben. Ich hatte nicht gewusst, dass der Kerl so schwer ist! Dementsprechend waren wir erst kurz nach vier Uhr zuhause und Mama war schon wieder auf, weil sie heute die Frühtour fahren musste und um kurz nach fünf das Arbeiten anfing. Also setzten wir uns spontan mit ihr an den Frühstückstisch und plauderten noch eine Weile, bis sie los musste. Dann fiel ich aber ins Bett und entschied, frühestens zum Abendessen wieder aufzustehen.

 

 

Aber dieser Plan war wohl von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn mein Papa weckte mich gegen Mittag auf.

„Na, Schlafmütze! Wer abends feiern geht, kann morgens aufstehen. Also los, raus jetzt und mach dich fertig.“, zog er mir die Decke weg.

„Wieso denn, Papa? Ich hab jetzt frei!“, maulte ich.

„Von wegen frei. Du hast in einer Stunde einen Frauenarzttermin und hattest mich gefragt, ob ich dich fahren kann, schon vergessen?“

Mist, das hatte ich tatsächlich vergessen. Oh nein! So schnell war ich schon lange nicht mehr mit Duschen und Anziehen gewesen. Die Haare mussten wohl an der Luft trocknen, dafür hatte ich keine Zeit mehr. Aber wir schafften es rechtzeitig zum Termin. Papa wurde mehr als ein wenig seltsam angesehen im Wartezimmer. Gut, komische Blicke waren wir gewohnt, das war nicht das erste Mal, dass Leute grübelten, wie wir zusammen gehörten, aber hier in dieser Umgebung war es reichlich blöd.

„Papa, hast du Mama auch immer zum Frauenarzt begleitet, als sie mit uns schwanger war?“, fragte ich daher unschuldig.

Sofort waren die Blicke weniger feindselig und die Ladys sahen wieder in ihre Zeitschriften. Hah. Und Papa erzählte mir von den Schwangerschaften und den Terminen bei verschiedenen Frauenärzten. Immer noch gab es ein paar Neugierige, die weiterhin lauschten, aber was sollte es. Wir hatten nichts zu verbergen.

Der Frauenarzt bestätigte meine Vermutung, wobei es ja keine Vermutung sondern Gewissheit war, dass ich inzwischen Ende der achten Woche war. Auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes konnte ich das kleine Herz schlagen sehen, als der Arzt den Bildschirm in meine Richtung drehte. Das war ein berauschendes Gefühl. Ich hatte das Gefühl, auf Wolken zu schweben. Erst jetzt, in diesem Moment realisierte ich, dass in mir ein neues Leben heranwuchs. Es war einfach so unglaublich, wunderschön. Ich fühlte mich wie auf Wolken. Mein Frauenarzt freute sich über mein glücklich lächelndes Gesicht.

Er stellte mir meinen Mutterpass aus und erklärte mir die verschiedenen Dinge, auf die ich achten sollte. Das Übliche halt, nicht schwer heben, gesunde Ernährung, Jod-Tabletten sollte ich nehmen, aber die hatte Michael mir schon besorgt. Außerdem bekam ich gleich eine Liste mit Hebammen, als ich mich danach erkundigte und einen neuen Termin. Insgesamt war er zufrieden. Und ich erst. Ich hätte platzen können vor Glück.

Tobi hatte heute erst Prüfung, daher konnte er nicht mitkommen, aber er würde morgen oder spätestens übermorgen zu mir kommen. Und dann wollten wir gemeinsam zu meinen Großeltern fahren. Dafür bekam er sogar das Auto von seinem, ja was denn nun? Stiefvater? Naja, von Thomas halt. Damit fuhren Thomas und Michael normalerweise in die Arbeit, aber sie hatten es organisiert, dass Peter, der eigentlich immer mit ihnen die gleiche Schicht hatte, sie mitnahm. Bis vor dem Termin war ich noch total nervös gewesen, aber jetzt war es mir eigentlich egal, was sie sagen würden. Ich liebte dieses Würmchen in mir jetzt schon und wer das nicht konnte, den brauchte ich nicht.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich damit, das Ultraschallfoto anzusehen und meinen Bauch zu streicheln. Es war das größte Glück, das ich mir vorstellen konnte. Auch wenn nach und nach die Gedanken darum kreisten, wie das denn gehen sollte, Tobi begann im Sommer seinen Zivildienst und wollte danach studieren, ich lebte hier zuhause bei meinen Eltern und hatte auch keine Ausbildung. Dennoch war ich zuversichtlich, die Probleme musste ich nicht heute lösen und auch nicht alleine. Ich war sowieso der Überzeugung, dass die meisten Probleme selbstgemacht waren. Jetzt war erst einmal das Wichtigste, dass dieses Würmchen gesund war und blieb, und das konnte ich ihm auf jeden Fall bieten. Tobi rief mich an, um mir zu erzählen, wie sein Colloquium war und fragte mich auch, wie es beim Frauenarzt gewesen war. Wir redeten an diesem Tag fast vier Stunden am Telefon, dann war der Akku leer. Er versprach mir, am nächsten Tag schon früh loszufahren, damit er bald bei uns sein konnte. Uns. Das hörte sich so schön an.

 

Tobi kam wie versprochen am nächsten Tag noch vor dem Mittagessen. Er umarmte und küsste mich, als er im Haus war und Mama hatte nicht einmal etwas dagegen, so konservativ sie sonst auch war. Aber sie schien etwas in uns zu sehen, das ich damals noch nicht sehen konnte. Nach Jahren hat sie mir einmal verraten, dass ihr in dem Moment klar wurde, dass wir beide einfach zusammen gehörten, egal ob mit oder ohne Trauschein. Und Tobi war wirklich einfach nur lieb. Er hasste es, wenn ich das zu ihm sagte, aber es war einfach die Wahrheit. Ich hatte am Abend vorher noch bei meinen Großeltern nachgefragt, ob ich heute Nachmittag kommen könnte und jemanden mitbringen.

Wir fuhren nach dem Mittagessen los, wobei ich nun doch wieder so nervös war, dass ich nur Salat essen konnte. Zuerst zu den Eltern von meinem Papa, die hatten uns zum Kaffee eingeplant (mein Opa auf dieser Seite hatte Bäcker gelernt und dementsprechend lecker waren auch seine Kuchen) und die Eltern meiner Mama hatten uns Abendessen versprochen.

Mein Schatz half mir aus dem Auto und die Treppe nach oben. Opa wollte auch helfen, aber Tobi hatte es im Griff. Ich stellte ihn vor und Oma musste ihn natürlich gleich ausfragen.

„Wo kommst du her? Wie hast du Nela kennen gelernt? Was machst du denn so? Was willst du studieren?“ und so weiter.

„Warum hast du denn deinen Schauspieler gehen lassen? Der wird sicher nochmal berühmt, den hättest du dir behalten müssen!“, kamen dann die Vorwürfe an mich.

„Dieser Möchtegern-Schauspieler hat mich betrogen und mich alleine in der Klinik gelassen, obwohl er in nur zehn Minuten zu mir hätte kommen können. Egal wie berühmt der mal wird, wenn überhaupt, der kann mich mal. Und wenn du noch einmal mit diesem Idioten anfängst, Oma, dann gehen wir sofort. Verstanden?“, fauchte ich.

„Schon gut, beruhig dich doch. Deine Oma hat es sicher nicht böse gemeint!“, versuchte Tobi die Wogen zu glätten.

Dennoch funkelte ich Oma immer noch böse an. Sie musste wissen, dass es mir verdammt ernst war, dieses Thema brauchte sie nicht mehr anschneiden, schon gar nicht, wenn Tobi dabei war.

„In Ordnung, tut mir leid.“, entschuldigte Oma sich.

„Lass diesen Kerl außen vor und wir sind wieder gut.“, machte ich nochmal klar, aber diesmal deutlich freundlicher.

Opa schaffte es, uns beide zu beruhigen, indem er einen lecker aussehenden Sandkuchen und eine Schale Sahne auf den Tisch stellte, eine Kanne Tee und eine mit Kaffee dazu. Opas Sandkuchen war einfach nur göttlich, dazu die Sahne, ich konnte nicht mehr böse sein oder mich auf irgendwas anderes konzentrieren. Schnell setzte ich mich auf die Eckbank und zog meine Beine unter den Tisch, da es im Zimmer einfach zu eng war, als dass ich mit dem Rolli am Tisch sitzen konnte. Wie wenn er es schon immer machen würde nahm Tobi den Rollstuhl und schob ihn auf den Flur. Oma und Opa akzeptierten es diesmal ohne Kommentar.

„Oma, Opa, wir müssen euch da noch was erzählen.“, begann ich, als beide die erste Tasse Kaffee getrunken hatten.

Jetzt würden sie in Ruhe zuhören und nicht gleich ausflippen. Ich kannte sie schließlich auch ein wenig. Neugierig und auffordernd sahen sie mich an.

„Also, wir haben hier ein Foto, das ich euch gerne zeigen möchte. Das ist euer Urenkel Nummer drei, der im Januar auf die Welt kommen soll!“, verkündete ich und reichte ihnen das Ultraschallfoto.

Verdattert sahen sie auf das Bild, dann auf mich und Tobi, der sich zu mir gesetzt hatte und mich im Arm hielt. Nur wir beide spürten, dass ich zitterte. Eine Weile sagten beide nichts.

„Aber bitte keinen Schneesturm bei der Geburt!“, bestimmte Oma dann.

Erleichtert lachte ich, was zu verständnislosen Blicken von Tobi führte.

„Mein kleiner Bruder ist auch im Januar geboren und Oma und Opa wollten auf uns aufpassen, damit Papa bei der Geburt dabei sein konnte. Und gerade an dem Tag, den er sich ausgesucht hat, um geboren zu werden, tobte ein heftiger Schneesturm und sie haben fast drei Stunden zu uns gebraucht, und du hast ja heute gemerkt, dass der Weg hierher eigentlich nur eine halbe Stunde braucht. Das hält Oma immer noch irgendjemandem vor.“, erklärte ich, als ich mich wieder beruhigt hatte.

Der restliche Nachmittag verlief relativ entspannt und ich weiß heute gar nicht mehr genau, worüber wir geredet hatten. Nach zwei Stunden verabschiedeten wir uns und fuhren die paar Minuten zu meiner anderen Oma. Dort wiederholte sich das Spielchen fast genauso, nur dass sie Tobi nicht so sehr ausfragten. Sie waren insgesamt eher ruhiger. Doch auch sie waren ziemlich verblüfft und freuten sich schließlich, als sie sahen, wie glücklich wir waren. Ja, auch Tobi war inzwischen sehr glücklich und freute sich auf unser Krümelchen, wie er es nannte. Opa bot mir an, einen Wickeltisch zu schreinern, mit dem ich arbeiten konnte, da ein gekaufter kaum in Frage kam, denn da kam ich nicht hoch (deshalb hatte ich Elena entweder auf der Parkbank oder zuhause auf dem Sofa gewickelt) und wenn man ihn einfach nur erniedrigte, dann konnte man den Unterbau vergessen und ich musste ja auch meine Beine irgendwohin stecken, während ich das Krümelchen wickle. Also freute ich mich einfach über dieses Angebot, auch wenn ich noch nicht wusste, wo der dann am Ende stehen würde. Aber das hatte zumindest noch etwas Zeit.

 

Abends, als Tobi und ich endlich im Bett lagen, war ich völlig fertig. Tobi massierte mir sanft den Rücken und die Arme. Mit geschlossenen Augen genoss ich diese Behandlung und entspannte mich langsam wieder. Bis zu dem Moment war mir nicht klar gewesen, wie verspannt ich eigentlich war nach dem heutigen Nachmittag. Nachdem wir meiner Oma mütterlicherseits alles erzählt hatten, gab es ein leckeres Abendessen mit kaltem Braten. Oma wusste, wie sehr ich diesen liebe und meistens, wenn ich zum Abendessen dort war, gab es das extra für mich. Schließlich mussten wir aber doch über verschiedene Dinge reden.

„Tobi, was machen wir nun? Wo werden wir unser Krümel auf die Welt bringen und wo wollen wir dann leben?“, begann ich leise.

„Hey, Süße, mach dir jetzt keinen Stress deswegen. Papa hat schon angeboten, dass wir bei ihnen leben können, so lange, bis wir selber etwas haben, und zumindest die Zivi-Stelle habe ich schon. Bis zum Ende dieser Zeit bist du bei uns herzlich willkommen. Und auch danach, wenn wir entscheiden sollten, in München zu bleiben. Ich will auf jeden Fall studieren, aber vielleicht kann ich nebenbei als Rettungssanitäter arbeiten, und damit unseren Unterhalt zumindest zum Teil bestreiten. Wir werden das schon schaffen, vor allem mit der Unterstützung unserer Familien, und ich denke, die haben wir.“, beruhigte mich Tobi.

„Ja, aber ich will nicht, dass wir von ihrem Geld leben!“, klagte ich.

„Wir werden sehen, dass wir es schaffen, aber die Unterstützung, die ich meinte, war nicht unbedingt auf das Geld bezogen, und das können wir sicher annehmen.“, erklärte Tobi.

„Da hast du Recht. Und du musst nicht alleine arbeiten, ich habe schon immer wieder Musikunterricht gegeben und dabei verdient man auch nicht ganz schlecht, und wenn wir in München sind, dann kann ich das sicher auch weiterhin machen, auch mit Baby. Da allerdings werde ich dann die Unterstützung deiner Väter brauchen.“, überlegte ich.

„Und die wirst du sicher bekommen. Die werden sich darum reißen, weil unser Baby wird so süß sein, dass es alle um den Finger wickeln wird!“, versicherte Tobi.

Ich musste lachen. Ja, das war sicher, denn alle Babys schafften das im Handumdrehen. Dann wurde ich wieder ernst und wechselte das Thema.

„Am Samstag ist bei uns hier Abi-Ball. Was hältst du davon, mit mir hinzugehen? Ich habe mir schon vor Wochen ein wunderschönes Kleid gekauft, knielang, damit ich nicht darüber rolle. Wäre schade, wenn ich es nicht ausführen könnte!“, lockte ich.

Jetzt war Tobi dran mit einem leisen Lachen.

„Du brauchst mich nicht zu locken, ich könnte mir nichts Besseres vorstellen, als mit dir dahin zu gehen! In der Woche darauf ist bei mir Abschlussball, willst du da mit mir hingehen? Dann kannst du dein Kleid gleich zweimal ausführen und keiner wird es merken!“, konterte er.

Wieder lachte ich.

„Gerne. Eigentlich müsste ich jetzt protestieren, dass ich auf keinen Fall das Kleid zweimal anziehen kann, aber ich habe noch eine Alternative, die ich dafür dann nutzen kann! Ich habe noch mein Kleid vom Abschlussball in den U.S.A. und ich denke, das kann ich noch einmal anziehen, dann habe ich mein neues Kleid und ein schickes kleines Schwarzes, das passt dann auch zu zwei Bällen! Und meine Schuhe passen zu beiden Kleidern, also passt das auch! Dann fahren wir nächste Woche zu dir?“, erkundigte ich mich.

„Ich musste Tom versprechen, dass ich spätestens am Montag wiederkomme, da er am Dienstag das Auto braucht, da Peter am Dienstag frei hat, weil er irgendeinen wichtigen Termin hat.“, erklärte Tobi.

„Gut, dann am Samstag der Ball und am Montag fahren wir nach München. Ich hoffe, du hast was zum Anziehen dabei!“, grinste ich.

„Dafür hat Papa schon gesorgt, er meinte, dass ich dich einladen soll zu deinem Ball, er wusste wohl, dass der am Samstag ist, und damit ich was Ordentliches hab, war er sogar noch Einkaufen mit mir. Also ja, ich bin versorgt!“, lachte er.

Wir plauderten noch eine Weile entspannt, dann schliefen wir ein.

Den nächsten Tag verbrachten wir damit, meine Freunde zu besuchen. Tobi kannte sie nur vom Hören-Sagen und sie hatten ihn auch noch nicht gesehen. Wir verabredeten uns bei Minka zuhause, die hatten einen großen Garten, in den wir uns setzen konnten und den Teich hinter dem Haus, wo die Anderen gerne baden gingen. Und ihre Eltern freuten sich, wenn wir kamen. Ich entschied mich, einen Kuchen zu backen und machte eine Biskuittrolle, die ich mit Hilfe von weißer und dunkler Schokolade in eine Babyflasche verwandelte. Auch Gina würde mitkommen, sie gehörte zum Freundeskreis dazu, wir waren (und sind) uns sehr nahe. (Hab Dich lieb, Schwesterchen!)

Als wir alle im Garten saßen, packte ich dann auch meinen Kuchen aus. Ich hatte ihn auf ein Küchenbrett gelegt und mit Hilfe von Smarties und Zuckerguss noch das errechnete Geburtsdatum, den 07.01.2001, draufgeklebt, neben die Flasche. Dazu mit Schnullern und Babyschühchen ein kleines bisschen dekoriert. Wenn das nicht alles sagte. Und ja, es sagte alles. Meine Freunde und Minkas Eltern erkannten sofort, was es zu bedeuten hatte und starrten uns überrascht an. Im ersten Moment sagte keiner etwas, dann redeten alle durcheinander.

Lachend hob ich meine Hände, als das Chaos über uns hereinbrach.

„Also, alles der Reihe nach. Ja, ich bin schwanger, und nein, das war nicht geplant. Ich weiß es seit den Ferien und es war für uns erst einmal ein Schock. Aber wir freuen uns auf unser Krümelchen. Ich werde erst einmal zu Tobi und seinem Vater ziehen und dort sehen wir weiter. Und um die Frage, die sich keiner stellen traut, zu beantworten: Ja, ich habe noch Gefühl und es klappt sehr gut. Tobi und ich lieben uns, wir werden damit zusammen klar kommen. Habe ich was vergessen? Ach ja, wir wissen natürlich noch nicht, was es wird, ich bin erst in der neunten Woche, das dauert noch eine Weile!“, beantwortete ich die Fragen, die ich aus dem Gewirr herausgehört hatte.

Gina grinste nur, es war irgendwie fast wie zuhause. Der Nachmittag wurde dann noch relativ entspannt, als sich alle wieder beruhigt hatten und sich langsam an den Gedanken gewöhnten, dass ich schwanger war.

 

 

Der Samstag kam irgendwie schneller als erwartet. Ich war eigentlich nie der Typ Mädchen, die Make-Up und Co brauchten, aber für den Ball wollte ich mich auch herrichten. Gut, dass Denise sich da richtig gut auskannte, sie kam am Nachmittag vorbei und wir machten uns zusammen hübsch. Die wenigsten aus meinem Freundeskreis hatten eine Verabredung für den Ball, nur Matze hatte seine neue Freundin eingeladen und Vicky brachte ihren momentanen Freund mit.

Denise und ich waren in meinem Zimmer beschäftigt, ich hatte mein Kleid bereits angezogen, damit ich mir nicht am Ende noch die Frisur und das Make-Up ruinierte. Meine Haare locken sich von Natur aus schon gerne, heute hatten wir mit Spray noch ein wenig nachgeholfen und es geschafft, dass sich meine Haare wie Korkenzieher kringelten. Bis morgen hielt das nicht, aber das war auch in Ordnung. Denise schminkte mich, sodass es immer noch sehr natürlich aussah, die Augen verzierte sie mit grün und silber, passend zu Kleid und Schuhen. Auch wenn sich das Grün von meinem Kleid ein wenig mit dem Blau des Rollstuhles biss, das war mir egal. Smaragdgrün sah einfach toll aus, obenherum war das Kleid relativ eng geschnitten und mit Spaghetti-Trägern, der glockenartige Rock kam nicht so zur Geltung im Sitzen, aber es sah wirklich toll aus.

Denise trug ein selbstgenähtes Ballkleid, das an die Gotik-Zeit erinnerte. Sie konnte einfach fantastisch mit Stoffen und der Nähmaschine ihrer Mutter umgehen. Das dunkle Lila des Stoffes changierte, je nach Lichteinfall wirkte es dunkelblau, lila, oder auch schwarz. Denise trug dazu silberne Schuhe, genau wie ich auch, und silbernen Schmuck. Ich selber hatte kaum Schmuck, aber trug meine geliebten Delfin-Ohrringe.

Gegen kurz nach sieben waren wir endlich fertig. Natürlich machten meine Eltern erst noch ein paar Fotos, bevor wir dann endlich loskamen. In der Festhalle der Stadt trafen wir unsere Klassenkameraden. Meine Freunde hatten bisher offenbar dicht gehalten, jedenfalls hörte ich noch keine Gerüchte über meine Schwangerschaft. Aber Tobi, der mit seinem dunklen Anzug und dem weißen Hemd wahnsinnig gut aussah, zog die meisten Blicke auf sich. Sein Vater, der das Kleid schon gesehen hatte, war über seinen Kleiderschrank hergefallen und hatte tatsächlich eine Fliege in einem passenden Grünton gefunden. Selbst mein Bruder, sonst immer nur mit Birkenstock-Latschen und bequemen Jeans unterwegs, hatte sich schick gemacht, er kam mit Lederhose und passendem Hemd und Schuhen. Dazu noch seine langen Haare, sein schelmisches Grinsen und sein kurzgeschnittener Bart… Mit anderen Worten, er sah einfach umwerfend aus.

Wir suchten uns erst einmal einen etwas größeren Tisch am Rande, damit wir zusammen sitzen konnten. Martin hatte sich gefreut, dass wir ihn mitgenommen haben, aber er war ziemlich schnell auch wieder verschwunden. Tobi versorgte uns mit Getränken, natürlich alkoholfrei für uns beide. Dann kamen erst einmal diese ganzen langweiligen Festreden, die wir leider über uns ergehen lassen mussten, doch als Flo, einer unserer Kollegstufensprecher, seine Rede hielt, da hörten alle genau zu. Flo war für seine Späße bekannt und wir erwarteten so Einiges von ihm. Er enttäuschte uns nicht. Seine Rede war im Stil eines Berichtes verfasst und ging über eine Wanderung mit Alkohol und mehr. Diejenigen von uns, die mit ihm in der elften Klasse gewesen waren und damals seine Gedichtinterpretation gehört hatten, mussten sich bereits am Anfang das Lachen verbeißen. Doch es war keine Neuauflage, sondern etwas völlig Neues geworden und er hatte es geschafft, jeden Lehrer-Namen in der Geschichte unterzubringen. Am Ende brüllte der Saal vor Lachen und ich schätze, Flo hat mit Sicherheit den lautesten und längsten Applaus dieses Abends bekommen, und das verdientermaßen.

Irgendwann war dann natürlich auch Tanzen angesagt, doch da hielt ich mich zurück. Das war etwas, das mir überhaupt nicht behagte, und daher wollte ich auch nicht. Ich hatte Tanzen schon nicht gerne gemocht, als ich noch auf meinen Beinen stand, aber jetzt im Rollstuhl, das konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Doch Tobi gab nicht auf, und irgendwann hatte er mich dann doch auch noch auf die Tanzfläche bekommen. Die meisten Schüler (und die noch anwesenden Lehrer) waren in der Zwischenzeit dazu übergegangen, wild zu Disco-Musik zu hüpfen und irgendwie bewegten sich auch Tobi und ich mit allen mit.

Ich glaube, wir kamen nicht spät, sondern eher früh nach Hause. Wie ich es geschafft habe, mich noch abzuschminken, ist mir ein Rätsel, aber weil Tobi kam, hatte ich mein Bett frisch bezogen gehabt und ich hatte keine Lust, das gleich wieder machen zu müssen, weil ich es mit Make-Up eingesaut habe.

 

Die nächste Woche verlief völlig ereignislos und wir machten uns am folgenden Samstag fertig für den nächsten Ball. Tom und Micha wollten mitkommen, die Zwillinge waren bei ihrer Patentante. Diesmal versuchte ich das Make-Up alleine, Denise hatte mir etwas mitgegeben, damit ich nicht völlig hilflos war. Ich zog, wie geplant, mein schwarzes Kleid vom ‚Prom‘ an, zu dem ich auch die silbernen Schuhe gekauft hatte. Diesmal nutzte ich nur das silber für meine Augen, es glimmerte richtig schön. Meine Haare hatte ich wieder lockig, es gefiel Tobi ziemlich gut, zumindest bis zu dem Moment, in dem ich früh aus dem Bett kroch.

Tom war Fahrer für diesen Abend, was bedeutete, dass Micha und Tobi auch was Trinken konnten. Es gab wohl auch eine Bar bei diesem Ball, anders als bei uns eine Woche zuvor. Als wir ankamen, war ich ziemlich baff: der Ballsaal war festlich geschmückt und es war wunderschön. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: Die 1920er. In dem Stil waren auch die meisten Kleider der Mädchen, oder besser der jungen Frauen. Auch viele Mütter hatten sich in diesem Stil gekleidet und auch die Haare und das Make-Up passten meist dazu. Naja, bei mir nicht, was unter anderem daran lag, dass ich mir nicht die Mühe gemacht hatte, mich genauer zu informieren. Aber ich war nicht die Einzige, wenigstens etwas.

Wieder suchten wir uns erst einmal einen Sitzplatz. Tobi stellte mir seine Schulfreunde vor, fast alle waren zusammen mit ihren Eltern da. Ganz anders als bei uns. Meine Eltern waren bei der offiziellen Entlassfeier dabei gewesen, auch da war getanzt worden und es gab ein Buffet, aber der Abschlussball war traditionell eigentlich den Schülern und Lehrern vorbehalten. Hier fiel man schon auf, wenn die Eltern nicht dabei waren. Wobei, unsere Gruppe fiel auch mit Eltern auf, da Micha und Tom doch ein eher ungewöhnliches Paar waren, was sie selber aber relativ gelassen sahen. Wahrscheinlich waren die Blicke sogar noch mehr als sonst, denn ich mit meinem Rollstuhl fiel sogar in der Großstadt auf, zumindest in dieser Gesellschaft, denn laut Tobi hatte es an seiner Schule nie jemanden mit einer körperlichen Beeinträchtigung gegeben. Toll.

Dennoch hatten wir letztendlich viel Spaß. Tobis Freunde, Dirk, Stefan, Nick und Bene (der eigentlich Benedikt hieß, was aber keiner sagte, wenn man keinen Ärger mit ihm wollte) verschwanden immer wieder in der Bar und brachten für jeden immer was mit. Thomas hatte es leicht, als Fahrer konnte er Alkohol ablehnen, ohne dass Fragen gestellt wurden, aber bei mir war es dann doch auffällig. Anfangs noch nicht so, da die Jungs glaubten, dass ich den Schnaps lieber nicht pur trinken wollte, doch als sie mir Cocktails mitbrachten (die sehr lecker aussahen) und ich immer noch ablehnte, da wurden sie misstrauisch. Dummerweise hatten wir zumindest Nick schon an Silvester getroffen und da hatte ich auch was getrunken, also konnte ich nun nicht wirklich glaubhaft machen, dass ich aus Prinzip keinen Alkohol trank.

Am Ende rückten Tobi und ich dann mit der Wahrheit raus, allein schon deshalb, weil Tobi seine Freunde nicht anlügen wollte und sie waren immerhin seine besten Freunde. Meine Freunde kannten unser Geheimnis inzwischen auch, warum dann nicht auch seine. Obwohl, ich war mir nicht ganz sicher, ob sie sich am nächsten Morgen noch daran erinnern würden, da sie auf diese freudige Nachricht immer wieder anstoßen wollten. Schließlich brachten sie mir dann alkoholfreie Cocktails, damit ich wenigstens mit ihnen anstoßen konnte, denn mit Wasser, das ging ihrer Meinung nach gar nicht. Benes Freundin Sophie schloss sich mir an und trank dann auch keinen Alkohol mehr.

„Wir Frauen müssen zusammenhalten!“, zwinkerte sie mir zu.

„Haha, sehr witzig.“, brummelte Tom, der in dem Moment neben uns stand und sich offenbar angesprochen fühlte.

Doch er war nicht beleidigt, sondern prustete mit uns beiden los. Natürlich sahen uns die anderen dann fragend an, aber wir lachten nur weiter und sparten uns die Erklärungen. Das war unser Spaß.

Auch hier war dann irgendwann tanzen angesagt und ich ließ mich schließlich überreden, mit Tobi auf die Tanzfläche zu gehen, auch wenn man das, was wir da machten, ganz sicher nicht als Tanzen bezeichnen konnte. Aber wir hatten Spaß, und angeblich kam es genau darauf an.

Sophie und ich verstanden uns an dem Abend richtig gut und wir beschlossen, irgendwann demnächst einmal ein Doppeldate zu organisieren und zusammen ins Kino zu gehen. In die Disco hätte Sophie mich zwar gerne mitgenommen, aber ich war so schon kein großer Partygänger (außer mit  Andre in Berlin, aber das machte ich sicher auch nicht jede Woche) und jetzt, schwanger, hielt ich es auch nicht für die beste aller Ideen. Doch ins Kino und die Eisdiele oder Essen, warum nicht?

Erst als sich der Saal langsam leerte und es draußen schon dämmerte, gingen auch wir vier. Ich war ziemlich geschafft, aber es war ein schöner Abend gewesen und ich war sicher, dass ich den noch lange in Erinnerung behalten würde.

 

 

 

Die restliche Schwangerschaft verlief so ereignislos, das man es in wenigen Sätzen zusammenfassen kann. Ich wurde immer runder und unbeweglicher, aber strahlte ständig wie ein Atomkraftwerk mit Leck. Im Herbst war ich zu Tobi gezogen und er begann seinen Zivildienst abzuleisten, während ich mir neue Klavierschüler suchte, die ich dann ab Oktober unterrichtete. Das brachte zumindest ein bisschen Geld von meiner Seite ein.

Micha passte ständig auf, dass ich mich nicht übernahm und alle drei Männer nahmen mir beinahe jeden Handgriff ab, wogegen ich regelmäßig protestierte, aber es änderte kaum etwas. Tina, meine Schwägerin, lachte nur und erklärte mir, das sei bei der ersten Schwangerschaft noch normal, würde sich aber beim zweiten Mal wieder normalisieren. (Das scheint – im Nachhinein betrachtet – zu stimmen, bei der zweiten Schwangerschaft habe ich nicht mal von meinem Frauenarzt mehr irgendwelche Hinweise bekommen, dass ich nicht schwer haben solle oder so.)

Die neun Monate vergingen wie im Flug und auch die Geburt war nicht sehr spannend. Für uns schon, war schließlich unser erstes Kind, aber dennoch nicht groß erwähnenswert. Auf einmal war dieses kleine Wesen da und passte einfach perfekt in unsere Arme. Nach ein paar Tagen kamen wir aus dem Krankenhaus nach Hause, wo Tobi uns erwartete. Warum war er nicht mit zum Abholen gekommen? Eigentlich dachte ich, er müsse arbeiten, aber er war zuhause. Das irritierte mich ein wenig. Tom hatte mich abgeholt, brachte mich nach drinnen und verschwand dann mit einer gemurmelten Entschuldigung wieder, er hätte noch was vor. Was sollte das denn nun?

Tobi übernahm unsere Kleine und brachte sie ins Wohnzimmer, wo eine Wiege stand, legte sie hinein, da sie gerade schlief, und wandte sich dann zu mir um.

„Ich habe gekocht, und es sind heute nur wir drei anwesend. Lisa und Laura sind bei ihrer Patentante, Tom und Papa genießen mal wieder einen Abend zu zweit, das wird sicher spät, oder eher früh werden, da sie morgen frei haben. Komm, lass es dir schmecken, du hast es dir verdient!“, lächelte Tobi.

Und er hatte sich wirklich Mühe gegeben, einen Salat mit Nüssen, dann Lachsrisotto, anschließend noch selbstgemachtes Tiramisu mit Ananas. Den Tisch hatte er mit Blumen und Kerzen dekoriert und im Hintergrund lief leise Kuschelrock. Immer wieder warf ich ihm fragende Blicke zu, aber entweder lächelte er mir dann zu oder aber er ignorierte sie einfach. Erst, als er die Schalen von der Nachspeise weggeräumt hatte und wieder an den Tisch zurückkam, ahnte ich es langsam. Tobi ging neben mir in die Knie und hielt ein kleines Samtkästchen in der Hand.

„Nela, als ich dich kennen lernte, hatte ich keine Ahnung, was da auf mich zukam. Wie ein Wirbelwind bist du in mein Leben geflogen und hast es seitdem immer wieder zum Guten verändert. Unsere kleine Tochter krönt das Glück, das ich mit dir habe, nun noch. Aber ich möchte nicht nur so zu dir stehen, sondern mich auch an dich, an euch beide, binden. Deshalb möchte ich dich fragen: Willst du mich heiraten?“

Am Ende öffnete er das Kästchen und zeigte mir einen schmalen, goldenen Ring mit einem kleinen grünen Smaragd darin. Wie erstarrt brauchte ich einen Moment, bevor ich reagieren konnte.

„Ja!“, antwortete ich schließlich leise und ließ  mir den Ring anstecken.

Tobi zog mich an sich und küsste mich, doch bevor wir noch weitergehen konnten, meldete sich unser Sonnenschein. Perfektes Timing, das haben alle Kinder… Sie hatte Hunger.

 

In den nächsten Tagen fingen wir an zu planen. Die Taufe und die Hochzeit. Warum eigentlich nicht beides auf einmal, also Trauung+Taufe=Traufe? Ja, warum eigentlich nicht. So entschieden wir, mit der Taufe noch ein wenig zu warten und dann im Juni beides zusammen zu feiern. Gemeinsam mit Mama und Gina ging ich dann ein paar Tage später schon los, Brautkleid aussuchen, wer wusste schon, wie schnell sich das finden ließ. Wir brauchten tatsächlich ein paar Anläufe, aber dann war das passende Kleid gefunden. Im Stil von Galadriel im Herrn der Ringe, allerdings so abgeändert, dass ich nicht versehentlich darüberfahren konnte. Auch die Ärmel mussten wir ein wenig ändern, sie waren einfach zu lang. Dank Speichenschutz konnten sie sich nicht im Rad verfangen, aber unter die Räder sollten sie nach Möglichkeit auch nicht kommen.

Die Gästeliste musste erstellt werden, Einladungen geschrieben, Kirche und Standesamt und der Saal zum Feiern gebucht werden. Jede Menge zu tun, und das in relativ kurzer Zeit. Doch wir schafften es.

 

Endlich war es so weit, der große Tag war gekommen. Gina und Mama halfen mir, mich herzurichten, während sich Martin und Micha um unsere Tochter kümmerten. Tom half Tobi beim Herrichten, oder eher dabei, nicht durchzudrehen, vermute ich mal. Gina war meine Trauzeugin, Bene würde an Tobis Seite stehen. Martin war der Taufpate unserer kleinen Maus, war er doch schon bei der Geburt dabei gewesen.

Papa fuhr uns zum Standesamt, wir hatten es geschafft, alles auf einen Tag zu legen. Der Standesbeamte hielt seine Rede, erzählte noch einen lustigen Schwank – keine Ahnung mehr, daran kann ich mich ehrlich nicht erinnern – dann sprachen wir die magischen Worte: „Ja ich will!“, und waren nun vor dem Gesetz verheiratet. Zack bumm, ganz einfach. Die Ringe wollten wir erst in der Kirche tauschen, daher war das nun wirklich schlicht gehalten. Es gab für jeden ein Gläschen Sekt, ich bekam Orangensaft, da ich immer noch stillte, und das wars dann auch schon.

Nach einer kurzen Verschnaufpause, die ich zum Stillen nutzte, ging es dann auch schon in die Kirche. Papa würde mit vorne stehen, aber die Trauung übernahm der Pfarrer, erst die Taufe machte dann Papa. Auch wenn er eigentlich beides durfte, so wollte er bei der Trauung einfach nur ‚Papa‘ sein. Wir hatten den Singkreis dabei, der den Gottesdienst musikalisch gestaltete und damit einfach wunderschön machte. Die Gäste sangen mit und ließen sich mitreißen.

Auch von dieser Zeremonie habe ich nicht viel in Erinnerung behalten, ich war einfach zu aufgeregt an diesem Tag. Aber wann immer ich daran zurückdenke, wird mir warm ums Herz. So viele Menschen waren da, auch viele, die zur Feier gar nicht eingeladen waren, weil wir uns eine große Hochzeit einfach nicht leisten konnten. Dennoch hatten sie es sich nicht nehmen lassen und waren gekommen, auch manche Freunde, die man sonst nie im Leben in eine Kirche bringen würde (und die ich weder vorher noch danach jemals in einer gesehen habe). Heute noch habe ich Tränen der Rührung im Auge, wenn ich daran denke.

Unsere kleine Natalie verschlief alles, bis es zu ihrem großen Auftritt kam. Zuerst schworen sich Tobi und ich die Treue – bei dem Teil mit den Kindern schmunzelten alle – und dann ging es zu dem Taufbecken. Martin, der seine Nichte die ganze Zeit im Arm gehalten hatte, stellte sich nun neben den Taufbrunnen mit ihr. Papa taufte sie mit dem Wasser, das er mit der Hand schöpfte und vorsichtig über ihr Köpfchen fließen ließ. Es gefiel ihr nicht besonders, sie verzog das Gesichtchen ziemlich unwillig, aber sie weinte nicht. Ihr Opa hat ihr dann vorsichtig das Köpfchen abgetrocknet und sie mit dem Öl gesalbt. Das Taufkleidchen wurde nur aufgelegt, das macht es deutlich stressfreier für die kleinen Mäuse. Unsere Hochzeitskerze und die Taufkerze wurden nun beide an der Osterkerze entzündet, was große Augen bei Natalie hervorrief.

Am Ende warfen Lisa, Laura und meine Cousine Blumen, über die wir dann nach draußen gingen, wo uns einige Kollegen vom Roten Kreuz mit einer Sperre aus Mullbinden erwarteten, die wir mit einer uralten Schere durchschneiden sollten. Sie haben die Schere wohl noch absichtlich gelockert, sodass wir kaum eine Chance hatten, aber am Ende schafften wir es dann doch. Danach wurde gefeiert, mit Kuchen, Torten und später Abendessen. Mit Bedacht hatte ich einen Saal gewählt, in dem man keinen Platz zum Tanzen hatte, ich tanzte immer noch nicht gerne, außerdem wäre laute Musik nun wirklich nicht das Richtige für unser Baby gewesen.

Natalie war dann auch der Grund, warum wir uns relativ zeitig verabschiedeten, die meisten älteren Gäste waren auch früh gegangen und meine Brüder entschieden sich, im Denni noch ein wenig weiter zu feiern.

 

 

Und was ist heute? Ich habe noch zwei tolle Jungs dazu bekommen, dazu drei weitere Neffen (zwei sind von meiner Schwester, einer von meinem kleinen Bruder) und eine Nichte (ebenfalls mein kleiner Bruder). Wir leben im Haus meiner Eltern, die sich in die Einliegerwohnung zurückgezogen haben und sich – wann immer nötig – um ihre Enkel kümmern.

Martin hat noch keine Kinder, aber wenn ich seine Freundin richtig einschätze, dann liegt die Betonung auf ‚noch‘. Er hat seinen Traum wahrgemacht und ist inzwischen Arzt.

Zu meinen besten Freunden von damals habe ich heute noch Kontakt, Minka, Vicky und Sandra sind mir immer noch sehr wichtig. Denise treffe ich ab und zu mal, aber wir sind inzwischen einfach zu verschieden, um noch so eng wie damals befreundet zu sein. Inez und Matze dagegen sind aus meinem Leben verschwunden, Matze vor allem, weil seine Freundin – jetzt wohl Frau – immer eifersüchtig auf mich war und ihn daher gebeten hat, jeden Kontakt mit mir abzubrechen. Sandra ist inzwischen in der Rettungsleitstelle, hat ihren Job im Rettungsdienst aber nicht ganz an den Nagel gehängt.

Mein jüngster Sohn trainiert inzwischen Judo bei meinem ehemaligen Trainer, den ich daher regelmäßig treffe, wenn ich Junior abhole.

Zu manchen Lehrern von damals habe ich ebenfalls Kontakt, Herr Walter ist leider inzwischen verstorben, aber Frau Flanders treffe ich regelmäßig in der Kirche. Sie weiß bis heute nicht, was sie mir damals mit dem schwarzen Tee angetan hat, aber wie schon damals gesagt, bei ihr würde ich keinen Tee mehr trinken, höchstens Wasser! Aber in diese Verlegenheit kam ich bisher nicht mehr.

Alles in allem kann ich sagen, auch wenn das Leben manchmal seltsame Wege zu gehen scheint, irgendeinen Sinn hat es meistens und man muss nur die Geduld aufbringen, herauszufinden, wohin es geht! Aufgeben war und ist keine Option für mich. Ich musste damals offenbar einen Irrweg gehen, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Erst nach der Geburt meines Jüngsten habe ich herausgefunden, was mir wirklich Spaß macht und habe beruflich noch einmal neu begonnen. Vor vier Jahren habe ich meine Gesellenprüfung als Hörgeräteakustikerin bestanden und freue mich nun darüber, einen Job zu haben, der mir wirklich Spaß macht. Auch wenn das Schreiben dem auch sehr nahe kommt, aber ganz aufgeben will ich die Arbeit mit den Menschen sicher nicht!

 

ENDE

Autorennotiz

Eine Art Biographie - nicht alles daran ist wahr, aber eine Menge Wahres steckt darin...

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Autor

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Kapitel:26
Sätze:3.362
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Kurzbeschreibung

Meine Geschichte - jedenfalls ein Stück weit. Es beginnt in einem Londoner Krankenhaus im Jahr 1999. Ein Unfall, der alles verändern sollte und der Weg zurück ins Leben.