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Der allerletzte Ferientag

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07.09.21 10:43
12 Ab 12 Jahren
Fertiggestellt

Die letzte Nacht bevor ein Schultag beginnt ist immer von einer gewissen Schwere begleitet, die alle Organe befällt, von einer Leichtigkeit, die einen in den Kopf steigt, zwischen den Schläfen pulsiert und den Blick glühend macht wie wir an der Zigarette saugten, das Ende zum Glimmen brachten, und den gespenstischen Rauch hoch zum verschlossenen, dunstig bewölkten Nachthimmel stießen als schickten wir der Endlichkeit ein Zeichen unserer Mortalität. Dabei ist es der Zeit völlig gleich, ob wir bestehen, ob wir lebendig sind, Menschen werden zu schnell vergessen.

Meine Schwester und ich dachten an früher, wir redeten darüber während wir das Nikotin auf uns wirken ließen und am liebsten -, auch um uns Mut für alle Gedanken anzutrinken -, hätten wir den Vodkavorrat unterm Bett geplündert, ungeachtet dessen ob unsere Mum im Wohnzimmer mit unserem Stiefvater war. Auf die Stiefgeschwister achteten wir nicht, das Verhältnis ist unterkühlt, kühl wie der Abend am inneren Fenstersims.

„Ich vermisse die Zeit als wir mit Dad am Flohmarkt unterwegs gewesen sind“, schweifte sie in ihre eigenen Erinnerungen und nahm mich mit auf ihre würdige, unterhaltsame, auch familiäre Reise. Rauch entströmte ihrem Mund, weiß und durchsichtig, es roch nach Tabak, angenehm vertraut. „Wir haben früher an den Sonntagen immer die Flohmärkte unsicher gemacht, weißt du noch, das war ein Spaß. Dad hat es auch gefallen, Mum war nie dafür zu begeistern, die alte Bitch. Die hat wohl schon damals überlegt wie sie unsere Familie das Klo runterspülen kann.“

Auch ich erinnerte mich daran, es entstanden Bilder in meinem Kopf, weich auch wenn jeder Zug an der Zigarette mir im Hals kratzte, ich formte den Mund zu einem hübschen Lächeln, denn obwohl uns hinterher die Fußsohlen vom vielen Herumspazieren auf den Flohmärkten schmerzten, es war jedes Mal ein großartiges Erlebnis welches wir fast wöchentlich wiederholten, immer auf der unermüdlichen Jagd nach dem nächsten Schnäppchen. Immer auf der Suche wie Schatzjäger, denn in jeder Kiste, in jedem Karton, in jedem Berg auf den Tischen gab es Kostbarkeiten.

„Wie hätten wir sonst all unsere Bücher zusammenbekommen?“, ging ich auf ihre Gedanken ein und betrachtete ihr langes schwarzes Haar im Halbdunkel der Deckenlampe. Schwarze Haare, grüne Augen, meine Schwester und ich hatten unsere optische Erscheinung von unserem Dad genetisch vererbt bekommen und sind stolz auf unser Aussehen -, Geschwister, eindeutig, mehr als das, verbunden im Geiste und im Herzen. Nach der Trennung unserer Eltern sogar noch mehr als vorher und nach dem Umzug erst recht, verloren wir nicht bloß den heimatlichen Halt sondern unsere Wurzeln. Eine Schauerlichkeit sondergleichen sich völlig enthoben vorzukommen als würde man uns vom Nährboden unserer Geburt mitsamt den Wurzeln herausreißen. „Ich vermisse auch die Zeit und alles was war“, blinzelte ich schmachtend und pustete den Qualm aus. „Die Zeit geht weiter, die Erde dreht sich auch ohne uns und rotiert mit ihrer ganz eigenen Geschwindigkeit. Wir sind längst keine Familie mehr. Wir haben es doch geahnt, die Zeichen waren da und Mum hat alles darangesetzt, um einen Keil zwischen uns allen zu trieben.“

Sie zuckte mit den Schultern und trug lediglich ein langes T-Shirt mit breiten Schulterausschnitt und keinen BH. „Wir haben noch uns“, erklärte sie daraufhin mit süßer Stimme und stupste mich mit den Zehen an, damit ich sie ihr massiere, das tat ich dann auch mit einer Hand und hielt in der anderen die Zigarette fest. Für ihre 13 Jahre ist sie ziemlich tiefsinnig geworden, die Trennung hat uns Beide verändert und obwohl ich mit meinen 15 Jahren älter als meine Schwester bin, kann sich ihr Denken mit meinem messen und emotional verbindet uns die emotionale Lebenserfahrung. „Solange wir noch zusammen sind ist unsere Familie nicht ganz im Arsch“, resümierte sie richtig. „Wir haben uns, was brauchen wir mehr? Ich hab dich lieb und du hast mich lieb. Mum schert sich einen Dreck um uns und hat nur noch Augen für das Stiefgesindel draußen.“

Aus der Seele sprach sie mir und seit dem Umzug ist viel kaputt gegangen, was nicht mehr zu kitten ist, familiär, sozial, auch mit Mum streiten wir fast nur noch und wenn nicht, dann reißen wir uns schauspielerisch zusammen und rücken unsere Masken auf der Lebensbühne perfekt zurecht.

Tief inhalierte sie das Nikotin, ich tat es auch, spürte das Kratzen, das gut tat, ein Zeichen das ich noch selber lebendig bin und die Lungen fleißig nach Sauerstoff verlangten. „Die frühen Sonntage auf den Flohmärkten fehlen mir schon jetzt“, klagte ich ehrlich. „Das Umherstreifen und neugierig über die Tische schweifen, das war ein richtiges Abenteuer, und dann, ganz unverhofft, fanden wir in einem schäbigen Karton einen Schatz.“

Ein Kichern drang zu mir her, niedlich und mit einem malerischen Lächeln begleitet. „Unsere Büchersammlung kann sich sehen lassen, Lily“, wandte sie sich um, schielte hin zum Regal, auf die Jugendbücher und erwachsenen Romane, wovon wir einen Großteil billig um 1 Euro abstaubten. „Die Klamotten waren doch auch schick, vor allem haben wir kein Vermögen für Markensachen ausgeben müssen“, berichtete sie weiter, entspannt während ich ihre Füße weiter massierte, sie den letzten Zigarettenzug nahm und den Stummel raus zum Fenster schnippte, wo er wie ein rotierendes Glutauge in der Nacht verschwand und vom Wind davongetragen wurde. Den vorletzten Zug gönnte ich mir und schenkte meiner Schwester den Letzten, danach schnippte sie auch den zweiten Stummel fort und wir schickten weißen dicken Lungenqualm hinterher.

„Mit Mum werden wir auf keinen Flohmarkt gehen, das können wir vergessen“, raunte ich geschlagen. „Und Dad wohnt nun zu weit weg.“

Sie zuckte wieder mit den Schultern. „Dann müssen wir eben alleine gehen, das klappt schon, die Alte braucht doch keiner und mittlerweile, seit Dad nicht mehr bei uns ist, sind wir doch auch ganz gut ohne sie zurechtgekommen, meinst du nicht auch? Vergiss sie einfach, Lily, vergiss sie!“

Tragisch, ganz sicher, doch Familien zerbrechen jeden Tag wie Sterne vom Himmel fallen, wie das Virus noch Jahre bestehen bleiben wird und unschuldige Kinder durch islamische Flüchtlinge den Tod finden. Alles ist einer grausamen Gewissheit untergeordnet und nicht aufzuhalten.

Als sie die Hand ausstrecke und ich sie ergriff, lächelten wir einander an, weil wir uns nicht loslassen, wir uns nicht aufgeben, ganz gleich was kommen wird. Blut ist dicker als Wasser und Geschwisterbande sind enger miteinander verwoben als viele meinen. Unsere Nähe, unsere Wärme, wenn wir uns in die Augen schauen oder uns im Bett aneinanderkuscheln atmen wir im Gleichtakt und jeder Herzschlag formt unseren Lebensrhythmus. Was auch immer in Zukunft passieren wird, uns am ersten Schultag erwartet, wir versuchen trotz allem am Leben zu bleiben.

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