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Reine Statistik

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23.9.2019 10:21
18 Ab 18 Jahren
Homosexualität
In Arbeit

Autorennotiz

Pauschale Triggerwarnung: Solltet ihr Trigger haben, egal welcher Art, bleibt der Story besser fern. Aus Spoilergründen will ich in diesem Fall keine einzelnen, konkreten Warnungen rausgeben.

"Reine Statistik" wurde von mir 2010 begonnen und bis 2012 geschrieben. Danach folgte eine lange Pause, in der ich es immer bereut habe, die Story nicht zu Ende geschrieben zu haben. Darum habe ich sie Ende 2017 wieder aufgegriffen und führe sie seitdem fort, wenn ich auch leider deutlich weniger Zeit habe als damals direkt nach Entstehung. Auch wenn ich dem geplanten Plot immer gefolgt bin, lässt es sich nicht vermeiden, dass bei einer bald zehnjährigen Geschichte eine starke Entwicklung zu beobachten ist. Sprich, die ersten Kapitel lesen sich anders als die späteren und der Stil unterliegt einem permanenten Wandel. Insbesondere Kapitel 1-5 betrachte ich heute als "Babyfotos" und viele Dinge würde ich heute anders machen, würde ich die Story nochmal von vorn beginnen. Da ich das aber nicht vorhabe, bleibt alles wie es ist, und dient mir zumindest als nostalgische Momentaufnahme meiner damaligen Schreibe.
Es gibt teilweise Abweichungen vom Canon, teils beabsichtigte, teils unbeabsichtigte. Ein Grund dafür ist, dass ich früher noch nicht so viel über beispielsweise BC wusste, wie es heute der Fall ist oder manches einfach falsch in Erinnerung hatte. Da ich extrem auf Continuity achte und alles aufeinander aufbaut, bin ich sozusagen nachher nicht mehr aus der Nummer rausgekommen. Die gute Nachricht ist allerdings, dass es sich nur um Kleinigkeiten handelt, die nicht ganz so schwer ins Gewicht fallen.

5 Charaktere

Reno

Der Second in Command der Turks. Reno befindet sich meist an der Seite seines Partners Rude. Sein chaotisches, lässiges Auftreten täuscht leicht darüber hinweg, dass es sich bei ihm um einen Profi handelt, der loyal und zuverlässig ShinRas Interessen in die Tat umsetzt. Als Waffe bevorzugt er einen EMR - ein Teleskopschlagstock, mit dem er seinen Gegnern elektrische Schocks verpassen kann.

Rufus Shinra

Präsident des Energieversorgers Shinra Inc. Nach Meteorfall führten einschneidende Erlebnisse dazu, dass sich sein kaltes, erbarmungsloses Wesen ein wenig für Planet und Menschheit erwärmten, sodass er seine Firmenpolitik in eine etwas humanere Richtung lenkte. Trotzdem bleibt Rufus zwielichtig und undurchschaubar – eine Gefahr für alle, die sich ihm in den Weg stellen.

Elena

Elena ist das neueste, offizielle Mitglied der Turks, denen schon ihre Schwester angehört hat. Sie ist ShinRa treu ergeben und sehr ehrgeizig, legt allerdings teilweise auch ein gewisses Maß an Naivität und Unsicherheit an den Tag. Sie hat großen Respekt vor ihrem Boss Tseng, den sie offen bewundert.

Tseng

Codename des derzeit ranghöchsten Turks. Rufus' rechte Hand und Berater, nachdem die Führungsriege der Firma bei der Meteorkrise fast vollständig ausgelöscht wurde. Tseng ist praktisch für die gesamte Lebensführung des Präsidenten verantwortlich: Personenschutz, Assistenz, Gebäudereinigung ... und wäre er nicht auch ein besonders guter Freund, hätte er schon längst entnervt gekündigt.

Rude

Rude ist Renos schweigsamer Partner und mit seiner ruhigen, zurückhaltenden Art direkter Gegenpol zu diesem. Als Turk ist er professionell, fokussiert und ein exzellenter Faustkämpfer. Hinter seiner respekteinflößenden Erscheinung verbirgt sich allerdings auch eine überraschend sensible Seite.

Teil I


1. Die Hand über der Scherbe


12. Mai 2011, Midgar, unterer Sektor 4
8 Monate nach Kadajs Tod


Wir betreten eine Seitengasse, die links von einem maroden Maschendrahtzaun und rechts von den Rückfronten einiger Bruchbuden begrenzt wird. Ich trage eine zerschlissene Jeans und meine Haare stecken zur Gänze unter so einer beschissenen Wollmütze. Meine Kopfhaut schwitzt und juckt, aber ich geb nicht mehr dem Drang nach, mich zu kratzen. Zum einen, weil's sowieso nicht vorhält und zum anderen, weil es noch mehr nervt als der Juckreiz, meine verräterischen roten Strähnen wieder unter ihr verstauen zu müssen. Ich muss schon genug aufpassen, nicht aus Versehen den Abdeckstift zu verwischen, der die Tätowierungen unter meinen Augen mehr schlecht als recht versteckt. Für die spärliche, nächtliche Beleuchtung hier unten, ist die Tarnung jedoch ausreichend.

Ich haste ein paar Schritte nach vorn und kicke eine leere Weinflasche weg, die ein paar Meter lang vorwärts rotiert und dann klirrend an einer der Hauswände zerspringt. Kompensation für den Frust über die verdammte Mütze. Ich hasse es, mich beengt zu fühlen. Der Tritt hat nicht ganz ins Schwarze getroffenen und eine staubige Wolke trockener Erde aufgewühlt, die sich bitter atmet. Giftig.

Rude wedelt demonstrativ mit seiner Hand vor dem Gesicht rum und tut so, als müsse er husten. Kann ihn nicht ernstnehmen. Schon gar nicht in dem lächerlichen, kackbraunen Anzug. Ich bleib stehen, bis er wieder auf meiner Höhe ist und mir einen missbilligenden Seitenblick zuwirft.

„Sag mal, kennst du dich mit Nippelgewebe aus? Ich glaub, ich hab ein Nippelproblem." Ich bück mich, um eine Metallstange aufzuheben und klapper damit den Zaun entlang. Rude atmet tief durch. Keine Ahnung, ob ihn das Klappern nervt oder meine Frage, auf jeden Fall lässt er mich damit wissen, dass ich mal wieder völlig unmöglich und untragbar bin und er das nicht zum Lachen findet. Gut so, ich nämlich auch nicht. Ich häng an meinem Nippel nach all den Jahren.

„Ernsthaft, Mann. Können die ausleiern oder sowas?" Ich schleuder die Stange geschickt in die Luft und fang sie auf. Hab gewisse Übung mit nem ähnlichen Gegenstand, den ich heute nacht schmerzlich vermisse. Inkognito, Arschlecken.

„Kommt drauf an", lautet die knappe Antwort, die ich nicht hören will. Ich schau ihn an und wirbel dabei das Metallstück weiter hoch. Muss nicht hinschauen. Könnt's im Schlaf.

„Kommt wo drauf an?", frag ich und man kann mir wohl ansehen, was ich von der Aussicht halte.

„Stillst du?"

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich's raffe und ich mach die scheiss Mütze dafür verantwortlich, unter der mein Kopf nicht richtig atmen kann.

„Witzig, Großer. Wirklich witzig." Ich kann die Andeutung eines dämlichen, gehässigen Grinsens auf seinen Lippen sehen. Nicht, weil's da wirklich viel zu sehen gibt, sondern ich ihn gut genug inzwischen kenne. Um Rude zu lesen, braucht man ein verdammtes Mikroskop. Die ersten drei Monate, die ich mit ihm gearbeitet habe, war ich überzeugt davon, dass der Kerl nicht echt ist. Eine von den obskuren, technischen Spielereien die Reeve entwickelt hat, wie die Cait Siths. Hat sich aber geändert, meine Meinung, als ich nach ihm das Klo benutzt habe. Der bestialische Gestank war zu organisch für jemanden, dessen Innenleben ich voller Kabel vermutet hab.

Ich feg den Deckel von einer Mülltonne, an der wir vorbeilaufen und mach unseren Auftrag für meinen Energieüberschuss verantwortlich. Ich bin nicht nervös, ich bin aufgeregt. Vorfreude sozusagen. Macht mich wohl zu nem schlechten Menschen. Kommt aber auch nicht mehr drauf an.

„Reno..." Rude ergeht sich in einer wahren Orgie der Körpersprache, indem er nochmal tief durchatmet von der ‚Du bist untragbar'-Sorte, bevor er sich in der ‚Womit hab ich dich verdient?'-Manier die Augen reibt. „...Deine Nippel sind so ziemlich das letzte, was mich interessiert."

„Legitim, Mann, legitim. Weisst du, normalerweise wäre ich auch verdammt beruhigt, das zu hören. Nur, die Ladies sehen das anders, seit ich den Ring drin hab." Hey, nur die Fakten. Muss was wie unkastrierter Bulle suggerieren oder so. „Kommen gar nicht los davon. War ja auch Sinn der Sache, aber jetzt kommt mir das Teil irgendwie langsam immer größer vor. Hab keine Lust, irgendwann drüber zu stolpern und mir den Hals zu brechen." Die Stange ist langweilig geworden, also schleudere ich sie in die Dunkelheit über den Zaun hinweg und rechne fast damit, dass ein Aufschrei erfolgt. „Was wär'n das für'n scheiss Ende für nen Turk?" Zugegeben wohl eins, das zu mir passen würde. Die Vorstellung, was der gute, alte Tseng in meine Akte schreiben würde, wär's fast wert.

Eigentlich ist mir das Thema ernst, aber Rude schreit einfach danach, obendrauf noch ein bisschen provoziert zu werden; also dreh ich mich im Laufen seitwärts und greif mir ans sowieso halb offene Hemd. Wir erinnern uns: Ich mag's nicht, mich beengt zu fühlen. „Willst du's sehen?"

„Reno!" Er hält ruckartig inne und ich kommentiere meinen Erfolg mit einem trockenen, zufriedenen Lachen. „Shiva! Du hast dir vor sechs Wochen deinen Nippel durchlöchern lassen, was auch immer du für eine masochistische Freude daraus ziehst - klär mich nicht auf, ich will's gar nicht wissen - und dann deine Ladies, wie du sie nennst, daran rumfingern lassen? Soweit richtig?"

„...Ja? Ja." Ich zieh die Augenbrauen zusammen, bevor ich mein dreckigstes Grinsen hervorzaubere. Und es ist verdammt dreckig. „Denkst du, ich hab das Teil, um selber dran zu fummeln?" Ich lass die Zunge lasziv über meine Lippen fahren und leg drauf: „Macht die Vorstellung dich etwa an?"

Der Appell an die Homophobie zeigt aber nicht den erhofften Effekt, stattdessen hat er wieder zu seiner üblichen Form zurückgefunden, also lebender Stein.

„Ich denke, ohne es gesehen zu haben und zu wollen, dass es sich entzündet hat."

Von meinem Grinsen ist plötzlich nichts mehr übrig. Stattdessen zieh ich das Hemd jetzt doch zur Seite und lass meinen inzwischen wohl nervösen Blick von meiner Brustwarze zu seinen Augen hin und her wandern. „Meinst du?"

„Autsch", lautet der einzige Kommentar. Autsch! Wer will denn sowas hören? Wo ist das beruhigende ‚Das muss so, das ist alles im grünen Bereich, Reno, dir wird nichts abfaulen!'; wo ist die mütterliche Fürsorge, um die ich gebettelt habe? ... Auf meine Weise.

„Naja, es tut schon etwas weh", allerdings nur wenn jemand dran rummacht und ich bin gewissen Schmerzen durchaus nicht abgeneigt, aber diese Information behalte ich rücksichtsvoll für mich, „ich meine, da wurde eine verdammte Nadel so dick wie ein Babyfinger -" im Gegensatz zu dieser. Er saugt zischend die Luft zwischen den Zähnen ein und sieht aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Mein Grinsen flackert wieder auf. „Was denn? Sind deine so sensibel oder was?" Ich verpass ihm nen Hieb mit dem Ellenbogen, bevor wir uns wieder in Bewegung setzen.

„Du solltest es heilen", bemerkt er in einem Tonfall, von dem er sich wohl erhofft, dass er abschließend klingt. Tut er auch - aber das kann ich großzügig ignorieren.

„Nah. Geht nicht", sag ich stattdessen und kick schwungvoll nen Stein hinter einen Müllcontainer vor uns, der plötzlich aufschreit und mich als Wichser bezeichnet. Also der Container, nicht der Stein, aber das irritiert mich im ersten Moment nicht weniger, bis ich raffe, dass ich den Schlaf irgendeines Penners dahinter empfindlich gestört haben muss. Zu wenig Luft am Kopf wegen Bemützung und so weiter. „Sorry, war nicht meine Absicht!" Und zurück zu meinem Nippel. „Wenn ich Materia oder Potions benutze, heilt der Stichkanal um den Ring zu schnell und das verdammte Teil wächst einfach fest. Also lass ich die Finger davon, solange ich nicht muss." Was sich noch heute Nacht ändern könnte, das ist mir genauso klar wie Rude.

„Konzentriere dich lieber langsam auf das, weswegen wir hier sind. Dahinten ist es." Entweder hat er meine Gedanken gelesen oder versucht schon wieder abzulenken. Ich tippe auf letzteres. Wir arbeiten lange genug zusammen, dass er eigentlich wissen müsste, dass ich mich konzentriere, wenn es drauf ankommt. Noch sind wir nicht da, also gibt's nichts zu konzentrieren oder sich nen Kopf drum zu machen. So einfach ist das. Wenn wir am Ziel sind, wird sich der Schalter in mir schon von allein umlegen. Ist nicht mal was, was ich verhindern könnte, wenn ich's wollte. Es macht ‚Klick' und dann ändert sich das Zeitgefühl und alles passiert ganz automatisch, als wäre mein Körper fremdgesteuert. Die Sinne sind geschärft, das Adrenalin wird mit erhöhter Herzfrequenz durch meine Arterien gepumpt, die Reflexe greifen schneller. Man fühlt sich nie so lebendig wie in dem Moment, in dem man sein Leben riskiert. Kein Wunder, dass ich meinen Job liebe.

Ich fische eine zerknitterte Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und zünde mir im Gehen eine an. Hastige Züge, Nikotin auftanken, bevor es losgeht. Rude deutet kurz mit der Hand in Richtung des Hauses, das sich allmählich weiter hinten in der Dunkelheit vor uns abzeichnet und ich nicke bloß flüchtig zur Bestätigung, plötzlich ohne jeden Drang zu reden. Dann schnipse ich die nur halb gerauchte Kippe in einem Funkenregen zur Seite weg. Noch wenige eilige Schritte trennen uns vom Ziel: der Behausung von Aron Reyli und ihrem Mann Curt in den Ruinen vom ehemaligen unteren Sektor 4. Die gute Aron hätte genug Geld, sich mittlerweile ein Leben in Edge zu leisten, aber lehnt es aus irgendeiner idealistischen Verblödung heraus ab. Trotzdem ist es wohl verkehrt, die Frau als dumm zu bezeichnen, denn wäre sie es, wäre sie nicht so eine erfolgreiche Journalistin. Erfolgreich genug, um heute Abend beseitigt werden zu müssen.

Während ich die Handschuhe anziehe und den Schlagring überstreife, legt sich der Schalter um.

 

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Zwei Tage vorher

Ich trotte an Rudes Seite durch den Hauptkorridor des 98. Stockwerkes auf dem Weg zum Kaffeezimmer. Die offizielle Eröffnungsfeier des neuen ShinRa Towers hat am 21. Januar stattgefunden, dem dritten Jahrestag der Meteorkatastrophe. Pauken, Trompeten und Schnittchen inklusive. Es gab Champagner für die Presse und Rufus hat die längste Rede seines verdammten Lebens gehalten. Auf jeden Fall war es die längste Rede meines verdammten Lebens. Sie ging gefühlte zwei Stunden und ich schwöre bis heute, er hatte eine Erektion dabei. Durchgehend.

Wie alles, in das Rufus sein Herzblut, aber vor allem Geld fließen lässt, ist der Kasten pompös und beeindruckend. Besonders jetzt, wo die polierten, anthrazitfarbenen Marmorböden noch neu glänzen und die Pissbecken nach chemischer Frühlingsfrische duften. Alles in allem fasst er 135 Stockwerke; das sind ganze 65 mehr als sein zerstörter Vorgänger vorweisen konnte. 100 Etagen vom Himmel bis zum Boden mit dem Haupteingang und den Büros der Angestellten und Geschäftsleitung, sowie 35 unterirdische Etagen für Wissenschaft und Forschung. Keine Frage, der Koloss schreit förmlich gen Himmel, dass ShinRa Inc. nicht nur lebt, sondern mächtiger denn je ist. Und ausserdem formt er von oben betrachtet das Wort ‚Kompensation' - Ich muss es wissen.

Das Kaffeezimmer trägt eigentlich die Bezeichnung ‚kleiner Konferenzraum' oder einfach Z-Nr. 9811, aber ersteres klingt völlig schwul und zweiteres zu dämlich für den normalen Sprachgebrauch. War ursprünglich nicht als Pausenraum gedacht, sondern wie der Name verrät, als Konferenzzimmer mit dem Zusatz ‚klein', naja, um ihn von dem großen zu unterscheiden. Wie immer, wenn irgendwas neu ist und noch keine Kaffeeränder vorweist, ist man ne Weile lang bemüht gewesen, nen anderen Wind wehen zu lassen, um den Zustand so lange wie möglich zu konservieren. Soll heissen, jede Menge obskurer Regeln wie Nummer 12 des lächerlichen Merkzettels, den wir alle bekommen haben: ‚Der Verzehr von Speisen und Getränken außerhalb der zu diesem Zweck vorgesehenen Räumlichkeiten ist strengstens untersagt.' Wer denkt sich sowas aus und wer in Gaias Namen redet so?

Ich gehe also zum kleinen Konferenzraum, wohl bedacht, darin keine Speise zu verzehren, sondern mir anzuhören, weswegen Tseng Rude und mich dorthin bestellt hat. Das Ganze kam ziemlich kurzfristig; wir haben keine Idee, was der Grund sein könnte. Die Besprechung für unsere Reise nach Kalm am Freitag ist eigentlich erledigt und Fragen sind keine offen geblieben, es sei denn, es hat sich was Neues ergeben. Aber in dem Fall hätte er anrufen können wie sonst auch.

„Hab ich was angestellt, von dem ich nichts weiss?" Ich lasse Rude den Vortritt, damit er das Kaffezimmer mit seiner Keycard öffnen kann und lehne mich an die Wand neben der Tür.

„Nichts, was du nicht sonst auch tätest", und dann gemurmelt, wahrscheinlich, weil ich ihm das Aufschließen überlasse, „fauler Sack."

„Man nennt es ‚bequem'!" Ich stemm mich mit dem Fuß von der Wand ab und folg ihm schlurfend. „Das ist ein Unterschied!" Der Blick auf die Wanduhr verrät, dass es erst 1115 ist. Ich bin mehr als nur müde und es ist einer von diesen Tagen, an denen die Zeit sich wie Kaugummi dehnt und es nichts zu tun gibt, während man sich alle fünf Minuten fragt, wofür man sich eigentlich zur Arbeit quälen musste. Ausser für die paar Minuten, die Tseng uns sehen will.

Ich setz mich an den polierten Tisch, der einem ins Gesicht schreit, dass der dafür gestorbene Baum mindestens fünf Millionen Jahre alt war und einer der letzten seiner Art - wenn nicht der letzte - aber dass er es gern getan hat und freiwillig aus seiner Rinde gehüpft ist für Rufus Shinra. Meine Fingernägel kratzen auf der glänzenden Fläche vor meinem Stammplatz an einem Kaffeerand rum, denn selbstverständlich setze ich mich täglich über Regel 12 hinweg, denn Regel 12 ist dumm und ich bin toll.

Und diesem Fakt allein ist es zu verdanken, dass aus dem ‚kleinen Konferenzraum' nach und nach der Abhängraum ‚Kaffeezimmer' wurde. Wie es eben so ist, wenn der erste mit etwas anfängt, folgt der Rest der Herde nach und nach.

„Für wann hat der Boss uns bestellt?" Rude hat die Ellenbogen auf den Tisch gelegt und die Hände gefaltet, ganz aufmerksam und Profi, als wäre der Boss schon hier. Vielleicht liegt's auch nur daran, dass an seinem Platz keine Kaffeeränder zum Kratzen sind. Ich weiss nicht, wie er das schafft, denn er benutzt auch keine Untertassen. Männer tun sowas nicht.

„1115. Also jetzt", antworte ich knibbelnd ohne den Blick vom dunklen, lackierten Holz zu heben. Die hastigen Schritte auf dem Flur, die sich nähern, bestätigen einmal mehr den Ruf unseres Vorgesetzten, auf die Minute pünktlich zu sein. An dem Tag, an dem Tseng nicht pünktlich sein wird, ist er vermutlich einfach tot. Ich glaub, selbst mit Brechdurchfall würde er sich eher ne Windel umschnallen und ne verdammte Tüte vor's Gesicht binden, als zu spät zu kommen. Genau, einer von der Sorte.

Die Tür fliegt schwungvoll auf und er hetzt auf seinen langen Beinen herein, drei Akten unter den Arm geklemmt. Sein Gang ist genauso fließend wie jede seiner Bewegungen. Der Kerl hat in seiner Art etwas von einer Raubkatze, immer irgendwie geschmeidig bei allem, was er tut. Als hätte er ein Gen für Eleganz oder sowas. Keine Ahnung, ob's damit zu tun hat, dass er aus Wutai stammt. Sein Anzug sieht jedenfalls immer genauso perfekt und elegant aus wie er, und der stammt definitiv nicht aus Wutai.

„Reno, wie lange arbeitest du schon für uns?", fragt er scheinbar beiläufig, ohne dass seine ölschwarzen Augen mich ansehen, als er Platz nimmt, die Akten auf dem Tisch von glücklichen Bäumen platziert und die Ärmel seines Jacketts kurz richtet.

„Keine Ahnung, müsst ich überlegen. Anscheinend schon zu lang", grins ich dümmlich, weil ich das Gefühl hab, dass mir irgendwas entgangen ist.

„Dann solltest du erst Recht nicht mehr solche Gossenmanieren an den Tag legen, oder?" Sein strafender, ernster Blick fixiert mich und ich höre die Zahnräder in meinem Oberstübchen arbeiten, bis Rude sich erbarmt und dezent räuspernd auf meine Schuhe deutet, die ich an der Tischplatte abgestemmt habe. Ich mache das wirklich unbewusst.

„Sorry, Boss", nuschel ich und korrigiere meine Haltung, indem ich mich zurücklehne, tief in den Stuhl rutsche und die Knie öffne. Das aufkommende Gähnen kann ich gerade noch unterdrücken.

„Es reicht schließlich, dass deine Uniform aussieht als hättest du letzte Nacht in der Gosse geschlafen", kommentiert er abschließend, bevor er zum Geschäftlichen übergeht und jedem von uns eine der Akten zuschiebt. Ich beschließe, ihn nicht darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich letzte Nacht tatsächlich hinter Cramer's Pub eingenickt bin, als ich mir eigentlich nur die Beine vertreten wollte. Keine Ahnung, wie lang ich geschlafen habe, gerade noch war's dunkel und plötzlich hell und keine Zeit mehr, mich umzuziehen.

„Aron Reyli", bemerke ich überflüssigerweise, nachdem ich das Deckblatt aufgeschlagen habe. Nicht weil ich gern offensichtliche Dinge laut äußere, sondern weil die Frau mir was sagt. Ich betrachte die Kopie des Fotos, das mit einer Büroklammer an die erste Seite geklemmt ist. Lange, dunkelbraune Locken. Rehaugen.

Hab ich sie gefickt?

„Ich kenn die irgendwo her", sage ich schließlich nach Studium des Bildes.

„Spricht für dich und die Tatsache, dass selbst du mal ab und an in die Zeitung schaust." Tseng ist also noch immer angepisst über meine Schuhe an der Tischkante. An der Tischkante, sie lagen nicht mal auf dem Tisch! „Reyli arbeitet als Journalistin für die Edge Post und hat sich da in den letzten zwölf Monaten einen ziemlichen Namen gemacht", fasst er die Informationen zusammen, die wir selbst der Akte beim Überfliegen entnehmen können.

„Sie war diejenige, die aufgedeckt hat, dass der Leiter der Gainsborough Klinik einen nicht geringen Teil der Spenden zum weiteren Ausbau der Forschungsabteilung und Behandlung des Geostigmas in die eigene Tasche gelotst hat", fährt er fort.

Ich erinnere mich an die Geschichte. Das erste in Edge errichtete Krankenhaus hatte etliches an finanzieller Unterstützung erhalten, um die Übersiedler aus Midgar und die am Stigma erkrankten zu behandeln. Auch ShinRa hatte sich mit einem nicht geringen Betrag daran beteiligt. Zur Pflege des neues Images, um das Rufus sich vergeblich, aber herzerweichend bemüht. ShinRa, der große, freundliche Riese, der unter die Vegetarier gegangen ist.

Neben mir sehe ich Rude aus dem Augenwinkel heraus nicken. Keine Ahnung, ob er sich an die Geschichte erinnert oder nur zeigen will, dass er zuhört. Vielleicht ist es aber auch nur Tarnung und seine Gedanken sind bereits in der Kantine.

„Wir wissen aus zuverlässiger Quelle, dass Reyli nebenbei seit einer Weile großes Interesse an ShinRa Angelegenheiten an den Tag legt", unterrichtet Tseng uns und streicht sich mit einer grazilen Bewegung eine Strähne seines schweren, schwarzen Haares zurück über die Schulter.

„War das nicht der Punkt der Edge Post? ShinRa Skandale aufdecken", bemerkt Rude trocken. Anscheinend ist er doch noch nicht geistig beim Essen. Sollte nicht immer von mir auf andere schließen.

Tseng unterdrückt ein Lächeln, was ihm aber nur halb gelingt. „Richtig, eigentlich schon. Aber ihr Enthusiasmus geht ein wenig über das hinaus, was Rufus dabei im Sinn hatte. Sie hat leider nicht die ausgelegten Köder geschluckt, sondern die Haken darin bemerkt und die Leine bereits ziemlich weit zu ihrem Ursprung zurückverfolgt. Es kann nicht mehr lang dauern, bis sie genug zusammen hat für die Story ihres Lebens."

„Und jetzt sollen wir sie vorher aus dem Wasser fischen?", greife ich vorweg und warte nicht Tsengs Bestätigung ab. „Nur sie? Wenn die Frau wirklich cleverer ist, als ihr gut tut, hat sie bereits irgendwen zur Sicherheit in ihr Wissen eingeweiht."

„Natürlich hat sie das." Tseng lässt seinem Lächeln freien Lauf und faltet die Hände auf dem Tisch. „Die Person ihres Vertrauens ist niemand anderes als unsere Quelle."

„Wie das Leben so spielt", kommentiere ich angesichts der Ironie. Rude blättert indes weiter in der Akte herum. „Curt Reyli. Ihr Mann steht auch auf der Liste?"

„Das liegt an der Art und Weise, wie ihr die Sache durchziehen müsst." Er lässt seinen Blick zwischen uns hin und her wandern, um sicherzugehen, dass er unsere volle Aufmerksamkeit hat, für das, was nun kommt. „Es gibt da einige Dinge, die es über Reyli zu wissen gilt. Sie ist...", seine Augenbrauen ziehen sich in Richtung des tätowierten Punktes auf seiner Stirn zusammen, auf der Suche nach den richtigen Worten, „... eine Idealistin, die in völliger Armut im unteren Sektor 4 aufgewachsen ist und sich bis heute stark mit den Slums verbunden fühlt. Inzwischen würde ihr Gehalt selbstverständlich für ein gehobenes Leben in Edge reichen, aber sie lehnt es ab, den Sektor zu verlassen. Sie bleibt stur da unten, mit den wenigen anderen, die sich weigern, zu gehen."

„Klingt nach einer ziemlich lebensmüden Idealistin, wenn du mich fragst", was er selbstverständlich nicht hat, aber mich noch selbstverständlicher nicht daran hindert, meinen Senf abzugeben, „Ich meine...", spreche ich halb zu mir selbst, während ich an der Tischkante herumkratze, „Ne Frau mit Geld, deren Namen und Gesicht man kennt, würde nicht in den Slums bleiben, wenn ihr was an ihrem Leben liegt, sollte man meinen."

„An und für sich nicht", bestätigt er, „Aber Reyli ist dafür bekannt, selbst große Beträge an soziale Einrichtungen zu spenden und sich in dem Bereich ehrenamtlich zu engagieren. Mit der Aufdeckung des Klinikskandals konnte sie bei den Menschen noch zusätzliche Sympathiepunkte sammeln. Sie ist so etwas wie die Heldin des kleinen Mannes. Ihre Entscheidung, freiwillig in den Slums zu bleiben, während alle anderen, die zu Geld kommen, in der Regel wegziehen, könnte man als beinah klugen Schachzug bezeichnen, auch wenn keine Taktik dahinterstecken mag. Auf die Weise ist sie immer ‚eine von ihnen' geblieben und die Leute lieben sie einfach, sowohl in Midgar als auch Edge. Die meisten würden sich wohl eher jedem in dem Weg stellen, der ihr ein Haar krümmen wollte, als es selbst zu tun."

„Verstehe." Klingt nach einem potenziellen Mitglied für die ehemalige Avalanche - Bewegung. Mag sie damit beim kleinen Mann auch Sympathie ernten; ich bin definitiv kein kleiner Mann und so langsam kotzen mich Pseudohelden einfach nur noch an. Abgesehen von Cloud vielleicht. In meinem Buch ist er ein stilles Wasser, das irgendwo tief unten verdammt dreckig ist. Irgendwann geht er drauf und man findet auf seiner Festplatte Tierpornos oder so. Und wenn dann alle anderen ungläubig auf Dateien wie ‚Lizzy im Streichelzoo' starren, werde ich hemmungslos meinen ‚Ich hab's ja gesagt!' - Tanz aufführen. Die ungekürzte Fassung.

„...ihr Hintergrund genau die Gelegenheit, die wir ausschöpfen werden", reisst Tseng mich aus meinen Gedanken und erinnert daran, dass Cloud noch lebt. „Egal, wie viele Anhänger im Geiste sie hat; in den Slums bleiben noch genug Kreaturen, die über den Punkt hinaus sind, sich noch um etwas anderes zu scheren als die Frage, womit sie ihren nächsten Trip finanzieren."

„Heh... Schätze solche könnten ihr wirklich gefährlich werden", grinse ich.

„Ihr werdet jedenfalls zuschlagen und es wie einen Überfall irgendwelcher Junkies aussehen lassen, die auf Geld aus waren. Stehlt Wertsachen, verschreibungspflichtige Medikamente, veranstaltet ein Schlachtfeld. Und räumt ihren Mann direkt mit aus dem Weg, um den Verdacht zu erhärten, dass es nichts Persönliches war."

„Ich gehe richtig davon aus, dass wir unsere üblichen Waffen zu Hause lassen sollen?", denke ich mehr laut als dass ich tatsächlich frage.

„Korrekt. Es ist egal, wie ihr es tut, solange es ins Bild passt, das ihr zurücklassen sollt, aber ihr werdet es in jedem Fall Freitag Nacht tun."

„Diesen Freitag?" Rude hebt überrascht den Kopf, um aufzublicken und ruft uns beiden die Tatsache ins Bewusstsein, dass er ebenfalls noch unter uns weilt. Ich kenne den Grund für sein unvermitteltes Lebenszeichen. Der kommende Freitag ist der Tag, an dem wir beide nach Kalm reisen sollten wegen einer ganz anderen Geschichte.

„Elena und Ray werden für euch einspringen, was eure ursprünglichen Pläne betrifft", greift er unsere Gedanken auf.

„Ray? Die Frau ist noch ein Rookie!" Ich mache keinen Hehl daraus, was ich davon halte, unseren Neuzugang auf eine Mission zu schicken, die ursprünglich für Rude und mich vorgesehen war.

„Genau deswegen kann sie wenig Schaden anrichten, wenn sie an Elenas Seite ein Wochenende in Kalm verbringt. Die beiden können die Parker-Sache genauso gut erledigen wie ihr, aber für Reyli will ich explizit dich haben, Reno. Elena hat bis heute Probleme, ohne Rücksprache zu agieren und du verbreitest genau das Maß an Chaos, was mir für diesen Auftrag vorschwebt." Trotz der vermeintlich lobenden Worte spricht seine ausdruckslose Miene nicht gerade von Anerkennung.

„Wegen meiner Gossenmanieren, huh?", grins ich schief und leicht verächtlich, meine Freundin, die Tischkante, mit den Fingern reibend.

„Es besteht leider kein Zweifel, dass du die hast", lässt er mich in faktischem Ton wissen.

„Na und? Scheint ja offensichtlich ne gefragte Eigenschaft gerade." Ich neige den Kopf zur Seite und frage, bevor er reagieren kann: „Soll ich sie anfassen? Ich meine nur, ist ne attraktive Frau und ich könnte mir vorstellen, ein paar Junkies würden das auch bemerken."

Tseng scheint es einen Moment sorgfältig abzuwägen, bevor er antwortet: „Nein. Das ist nicht nötig. Aber du kannst es zumindest hinterher ein wenig so aussehen lassen, als hättest du... Ein derartiges Interesse gehabt."

Ich nicke. Rude wirft mir einen kurzen Seitenblick zu und richtet seine Aufmerksamkeit dann wieder zu unserem Vorgesetzten. „Die zwei verbringen die Freitage in aller Regel allein zu Hause", lässt uns dieser abschließend wissen, „die angedachte Zeit ist zwischen 2300 und 2400. Ich werde aber jemanden postieren, der die beiden observiert für den Fall, dass sie doch von ihrer Routine abweichen und ihr Haus verlassen." Sein Blick streift uns flüchtig, eventuelle Fragen abwartend. „Das wäre es dann."

In meiner Müdigkeit und mangels jeglichen Elans bleibe ich sitzen, als Tseng sich fast ätzend energisch von seinem Platz erhebt, sein Exemplar von Reylis Akte wieder nimmt und auf die Tür zusteuert. Doch dann hält er abrupt inne, weil ihm scheinbar noch etwas eingefallen ist. „Ach, Reno..."

Was?

„Direkt von hier in die 9501."

Ich hab die Zahl noch nie gehört und mache kein Geheimnis draus. „Was ist 9501?" Abgesehen davon, dass es offensichtlich eine Zimmernummer ist, sagt sie mir rein gar nichts, zumal ich keinen Raum kenne, der bei seiner tatsächlichen Bezifferung genannt wird.

Tseng lächelt seltsam zufrieden auf seine feline Weise, als hätte er nur auf die verdammte Frage gehofft. Und eine Sekunde später begreife ich auch, warum. „Die Besenkammer", setzt er mich in Kenntnis, „Du findest dort alles, was du brauchst, um deinen Platz hier sauberzumachen. Mir ist nicht entgangen, dass du dich wiederholt über Regel 12 unserer Hausordnung hinweggesetzt hast."

„Welcher verdammte Sesselfurzer ohne Leben hat sich diesen Mist eigentlich ausgedacht? Verrat mir das mal, würd ihm gerne nen Besuch abstatten und zeigen, was ich von seiner Hausordnung halte."

Rude zieht scharf die Luft zwischen den Zähnen ein und schüttelt den Kopf. Das weckt einen unguten Verdacht. Der sich erhärtet als Tseng die Arme auffordernd ausbreitet.

„... Du bist der Sesselfurzer, oder?" Ich lache nervös über meinen kleinen Misstritt, in der Hoffnung, ihn zum mitlachen zu animieren.

„Sieh trotzdem davon ab, mir einen Besuch abzustatten. Ich kenne deine Einstellung zur Hausordnung bereits, denke ich." Er lächelt noch immer, aber lacht leider nicht. „Ach... und wenn du dann schon dabei bist, vergiss bitte nicht den Schuhabdruck draussen an der Wand."

„Der ist nicht von mir!", protestiere ich lügend - was er erstmal beweisen soll. Es geht ums scheiss Prinzip. „Immer wenn irgendwo was ist, bin automatisch ich dran schuld? Ich meine, kannst du hellsehen oder was?"

„Nun gut, ich mache dir ein Angebot. Ich werde mir das Überwachungsvideo anschauen und wenn ich dich zu Unrecht beschuldigt habe, musst du ihn selbstverständlich nicht entfernen. Wenn der Abdruck aber doch auf dein Konto geht, werde ich persönlich dafür Sorge tragen, dass du die nächsten vier Wochen für die Pflege des Inventares sämtlicher Büros des 98. Stockes verantwortlich bist."

„9501, ja?"

Meine Lippen formen ein - zumindest fast - lautloses ‚Arschloch!' hinter seinem Rücken als er geht. „Und du auch!", lasse ich Rude wissen, der aufsteht und sich als Blitzableiter in seiner gesamten Größe geradezu aufdrängt. „Du hättest mir zumindest sagen können, dass ich schon wieder die Füße oben hatte, Partner!"

„Ich war zu bequem!", höre ich das gehässige Kichern, als er ebenfalls aus dem Zimmer läuft und mich eiskalt allein zurücklässt.

 

~


Zwanzig Minuten später knie ich mit einem verdammten, roten Eimer voller verdammtem, braunen Putzwasser auf dem Gang und frage mich, wieso verdammt nochmal die verdammte Scheisse nicht abgeht. Den Tisch abzuwischen war ein Kinderspiel im Vergleich, und ich hatte schon gehofft, die Sache in ein paar Minuten über die Bühne zu bringen, bevor irgendwer Notiz davon nehmen kann, dass ich mich hier auf der ganzen Linie zum Idioten mach.

Aber natürlich zu früh gefreut.

Mein Schuhabdruck klebt an der scheiss Wand wie ein einsamer, alter Mann an seinem verloren geglaubten Zwilling bei der Wiedervereinigung nach sechzig scheiss getrennten Jahren und ich frag mich, worin zur Hölle ich getreten sein muss. Mir kommt allmählich der Gedanke, dass es schneller gehen würde, den ganzen verfluchten Korridor einfach schwarz zu streichen und zu hoffen, dass es keiner merkt.

„Reno, was tust du?", höre ich's hinter mir. Sieht aus, als hätten wir akuten Scherzkeksalarm.

„Wonach sieht's denn aus, du -", ich wirbel in der Hocke herum, um zu sehen, welcher Idiot mir eine so dämliche Frage stellt und erblicke die weiss gekleideten Beine von Rufus Shinra höchstpersönlich. Kein Zweifel, heute ist mein Glückstag. „...Du Präsident, du." Ich schlucke und blicke hoch in die eisblauen Augen. „...Sir."

„Seit wann übt ein Turk, der eigentlich zur Elite des ShinRa Konzerns gehören sollte, solche Tätigkeiten hier aus?" Seine Stimme zeugt eher von ungläubiger Neugier als der schneidenden Schärfe, die er sonst an den Tag legt.

„Mann, seitdem Tseng den Arsch auf hat!" Mein Lappen peitscht frustriert gegen den Rand des Eimers mit der versifften Seifenlauge.

„Tseng hat dir aufgetragen, hier zu putzen?" Er schüttelt sich ungehalten mit einer flüchtigen Kopfbewegung eine hellgoldene Strähne aus dem Gesicht, die ihm keine Sekunde später wieder in die Stirn fällt. Dunkle Ringe unter seinen Augen zeugen von Stress oder schlechtem Schlaf.

„Ja!" Ich wring die ekelerregende Keimschleuder über dem Eimer aus, nur um sie eine Sekunde später entnervt hineinzupfeffern. „Akuter Fall von schlecht geschissen!" Es ist mir völlig egal, dass ich gerade mit dem Präsidenten von ShinRa höchstpersönlich spreche, ginge es nach mir, könnte es auch die dicke Kantinenlady mit der Warze an der Lippe sein, solange ich irgendwo meine Angefressenheit parken kann - und wenn das nicht reicht, wird es auch noch die dicke Kantinenlady sein.

„Ich verstehe", behauptet er, aber ich glaube ihm kein Wort. Einem alten Gerücht zufolge ist er der Mann, der niemals blutet oder weint und ich füge ‚scheissen' in dem Moment zu der Liste hinzu. Er ist nicht die Art Mann, die man sich mit ner Zeitung auf dem Thron vorstellen kann - nicht, dass ich es intensiv versuchen würde. Rufus Shinra gehört zu denen, die Untertassen benutzen. Und Regenschirme.

„Nun, jedenfalls kannst du damit aufhören. Meine Turks sind keine Putzfrauen. Das ordne ich höchstpersönlich an, falls dich jemand fragt."

„Danke, Sir..." Ich blicke ihm entgeistert nach, während er davonschreitet, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

 

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Aron mag nicht dumm sein, aber ihr Mann erweist sich als völliger Idiot; ich meine, wenn es nachts an der Tür klopft und man keine Kette hat, gibt es drei Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Man ignoriert es, man fragt nach, wer's ist oder man macht sie einen Spalt auf, um nachzusehen. Also öffnet der Typ tatsächlich die Tür, nur um sich selbst davon zu überzeugen, dass jemand draussen steht, den er nicht reinlassen will - meine Wenigkeit, aber ich bin nicht beleidigt. Und natürlich reicht ein Tritt aus, ihm das Teil in die Fresse zu rammen und mir Zugang zu verschaffen. Er stolpert zurück, fällt auf den Arsch und versucht wie ein Schwein blutend, seine Nase mit der Hand zu schützen, jetzt wo sie eh schon hinüber ist. Aber ich sag's ja, Idiot.

Die untere Etage besteht nur aus einem Wohnraum mit einer Tür, hinter der ich die Küche vermute. Eine Treppe gegenüber führt hinauf in den ersten Stock. Während Rude hinter mir hereintritt und die Eingangstür schließt, scannt mein Blick in Sekundenbruchteilen alle Oberflächen nach Waffen oder potenziellen Waffen ab, bevor ich zwei Schritte mache und den winselnden, penetrant nach Schweiss stinkenden Curt an seinem Unterhemd auf die Beine ziehe. Allerdings nur um ihm einen erneuten Schlag zu verpassen, diesmal genau gegen den Schädel und das Krachen klingt nicht hübsch. Das Winseln verstummt abrupt, bloß stinken tut er weiterhin munter und ich lass den ausgeknockten oder auch toten Körper angewidert zu Boden fallen. Aus dem Augenwinkel nehme ich wahr, dass Rude dabei ist, die gelben, zerschlissenen Vorhänge vor den zwei einzigen Fenstern zu schließen.

Mein Kopf fährt herum als ich die Schritte auf der Treppe höre und Mrs. Reyli höchstpersönlich im Morgenmantel erblicke. Ihre braune Mähne ist völlig zerzaust und ich frag mich auf einmal, ob wir bei einer Nummer hereingeplatzt sind, vielleicht, weil sie so durchgefickt aussieht, vielleicht, weil ihr Macker so stinkt, vielleicht aber auch nur, weil mir der Gedanke gefällt und mich irgendwie anmacht.

Aron beweist einmal mehr, dass sie ein kluges Mädchen ist und tut das einzig Richtige. Anstatt zu ihrem Mann zu stürzen und sich auf dem Silbertablett zu präsentieren, um die ‚Buhuu, nehmt, was ihr wollt, aber verschont uns'-Tirade zu starten, macht sie auf der Stelle kehrt und hastet die Treppen hoch. Versucht es zumindest, weil Rude sofort hinter ihr ist, aber den Grundgedanken ihrer Idee muss man anerkennen.

Er fixiert sie mit dem linken Arm und hat seine rechte Hand auf ihren Mund gepresst, noch bevor sie die oberste Stufe erreichen kann.

„Halt sie nur", äußere ich knapp und gebe ihm zu verstehen, dass er sie noch nicht in den Lebensstrom befördern soll. Er zieht die Augenbrauen zusammen, aber stellt keine Fragen. Mir entgeht nicht, dass sie nicht mal versucht, zu schreien; das obligatorische ‚Mmm! Mmmm!' hinter Rudes Hand bleibt völlig aus. Leider freu ich mich zu früh, denn es beginnt pünktlich als ich mich neben ihren Mann knie und die Finger an seine Halsschlagader lege, um zu prüfen, ob er's schon geschafft hat.

„Er lebt noch", sage ich faktisch, richte mich auf und schlendere langsam zur Treppe hin. Die weit aufgerissenen Rehaugen starren mich schockgeweitet an und plötzlich ziehe ich es in Betracht, dass es an meiner hässlichen Mütze liegt. „Bring sie runter", nuschel ich und spiel mit dem Gedanken, das verdammte Ding vorerst in die nächste Ecke zu schmeissen. Selbst in dieser Situation ist es mir scheisspeinlich, von einer attraktiven Frau in dem Aufzug gesehen zu werden.

Sie leistet keinen Widerstand als Rude sie die Stufen hinunter dirigiert; jetzt wo sie weiss, dass der Transpirant noch unter uns weilt, steht ihr der Sinn offensichtlich etwas mehr nach Kooperation.

Ich trete dicht an sie heran und mein Blick fällt auf die feucht schimmernde Haut zwischen dem verblichenen, rosa Stoff unter den freiliegenden Schlüsselbeinen. Ich kann den erhöhten Puls an ihrem Hals sehen, und die Art und Weise wie der Brustkorb sich zitternd hebt und senkt, hat etwas seltsam Hypnotisches. In der Tat eine hübsche Frau. Nur Rudes klobige Pranke inmitten ihres Gesichtes stören die Anmut ein wenig.

„Wenn er seine Hand wegnimmt, wirst du dich benehmen? Es könnte darüber entscheiden, ob der da", ich deute mit dem Daumen über meine Schulter in Richtung des Bewusstlosen auf den nackten Brettern, „morgen früh noch mit dir Kaffee trinkt oder nicht."

Rude räuspert sich demonstrativ und macht hinter ihrem Rücken keinen Hehl draus, dass er wenig von dem hält, was ich gerade tue. Er weiss zwar nicht, was genau es ist, aber er weiss, dass es nicht nötig ist. Aber hey, nichts im Leben, was Spaß macht, ist nötig.

Sie schafft es, soweit sein Griff es zulässt, zu nicken und ich deute ihm mit einer Kopfbewegung, die Hand von ihr zu nehmen. Er folgt, aber sein Widerwille ist ihm ins Gesicht geschrieben. Nicht, dass es Mitleid wäre. Er ist genervt von mir und meinem Vorhaben, hier auch nur eine Minute länger zu bleiben als notwendig. Jetzt, wo ihr voller Mund freiliegt und tatsächlich artig still ist, bemerke ich fasziniert, dass der vormalige Druck auf ihre Lippen sie kirschrot werden lässt, als das Blut in sie zurückweicht. Zusammen mit ihrem geräuschvollen, bebenden Atem ist es wohl nicht zu weit hergeholt, dass sich mir schon wieder der Gedanke an Sex aufdrängt.

Aber ich bin nicht hier, um sie zu vergewaltigen und auch wenn ich mich gerne in der Hitze des Momentes während eines Jobs verliere, so wie jetzt, weil die ganze Atmosphäre von Tod meine eigenen Überlebens- und Reproduktionsinstinkte weckt, halte ich mich strikt an meine Befehle. Mag sein, dass ich danach wie ein Tier das nächste willige Objekt noch auf der Toilette des Fundortes bespringe oder mir auch nur einen runterhole an Abenden, an denen es weniger gut für mich läuft, aber Dienst ist Dienst.

„Bastard", flüstert sie tonlos. Scheint, als hätte sie meinen verklärten Blick bemerkt und den falschen Schluss gezogen. Nichts, was man nicht richtig stellen könnte.

„Ich fass dich nicht an", beruhige ich sie wahrheitsgetreu oder versuche es zumindest. „Ich will dir lediglich eine Frage stellen."

„Was willst du wissen?" Die bemühte Beherrschung in ihrer Stimme kann über die zittrige Atmung nicht hinwegtäuschen. Ihre Augen sprühen Funken. Blanker Hass, weniger Angst. Ich kann es alles lesen und ich kenne es. Die Gedanken, die ihr gerade durch den Kopf gehen. Die Pest, die sie mir an den Hals wünscht, das stumme Gebet, jemand würde plötzlich zu Hilfe eilen und allem voran der nackte Überlebenstrieb, das Zimmer aus den Augenwinkeln heraus nach Waffen und Fluchtmöglichkeiten sondierend, lauernd auf eine Schwäche in Rudes Griff und Unaufmerksamkeit meinerseits. Ohne jeden Zweifel ist Arons Schalter gerade umgelegt.

„Haben wir euch beim Ficken gestört?" Ich falte die Hände im Nacken und schaue nicht schuldiger drein, als hätte ich sie gefragt ob für morgen Regen vorhergesagt wurde. In Zeitlupe verengen ihre Augen sich zu Schlitzen und erinnern mehr an Reptil denn Reh. „Ich weiss", erkläre ich, drehe mich zur Seite und laufe ein paar Schritte hin und her, „das ist eine sehr intime Frage, aber die ganze Situation ist nunmal sehr intim. Unter dem Gesichtspunkt..." Ich bleibe stehen und wende mich ihr wieder zu, „ist die Frage eher harmlos."

Ihr Lachen ist seltsam mechanisch und blechern. Manchmal tun sie das. Wenn der Faden oben drin reisst, schnappen sie über. Kommen dann auf alle möglichen, seltsamen Ideen. Ich bemerke Rude, der mich mit seinem Blick wissen lässt, dass er kurz davor ist, drauf zu scheissen, ob ich das Kommando habe oder nicht und geb ihm mit einer beschwichtigenden Geste zu verstehen, dass ich nicht mehr lange brauche.

„Ich dachte, du hängst an deinem Mann. Hatte zumindest eben kurz den Eindruck." Ich grinse plötzlich. „Oder käme es dir vielleicht sogar entgegen, wenn ihn jemand für dich aus dem Weg räumt? Vielleicht fasst er dich ja seit Jahren nicht mehr an. Oder vielleicht hat er mehr Interesse an seiner Sekretärin."

„Oh, du..!", schluchzt sie lachend und ich rechne fast damit, dass sie ein ‚Schlingel' hinterherschiebt, „Du hältst dich für so furchteinflößend und clever, nicht? Schätzchen, du wirst uns sowieso töten." Ihr Lachen wird lauter und Rude löst die rechte Hand von ihr, um sie wieder auf ihrem Mund zu parken, aber ich bremse ihn.

„Warte noch!" Und wieder an sie gewandt: „Was macht dich so sicher?" Die Antwort interessiert mich doch tatsächlich brennend.

Ihr Lachen ebbt augenblicklich ab und macht den Weg für ein dämonisches Grinsen frei. „Du! Du glaubst, du spielst hier irgendwelche intelligenten Psychospielchen mit mir, nicht? Du spielst schlecht, du bist armselig, genauso armselig wie deine Aufmachung, die darüber hinwegtäuschen soll, dass du nicht hier unten wohnst! Ich würde dir die Frage beantworten und dann würdest du ihn töten. Ist doch so, nicht?" Ein glucksendes Kichern. „Und dann wäre es an mir, zu schreien, dass du doch gesagt hast, du würdest ihn am Leben lassen, wenn ich mitspiele. Und du... Du würdest dann sagen ‚Ich habe gesagt, es könnte darüber entscheiden'." Diese letzten Worte, mehr gezischt denn gesprochen, hinterlassen einen feinen Sprühnebel ihres Speichels auf meinem Gesicht, aber noch viel mehr... Spüre ich die Scham, sie unterschätzt zu haben. Als die Wut in mir zu brodeln beginnt, flammt ihr teuflisches Lachen wieder auf.

„Bist du schon sprachlos, Kleiner? Wie wäre es, wenn du dann aufhörst Dinge zu probieren, in denen du kläglich versagst und statt-"

Weiter wird sie nie mehr kommen.

Rude und ich blicken gleichzeitig auf unsere in der Luft verharrenden Fäuste, als wären wir kurz vor einer kumpelhaften Begrüßung eingefroren und schauen dann hinab auf ihren reglosen Körper zwischen uns.

„Ich war noch nicht fertig mit ihr!", klage ich.

„Aber ich bin fertig! Fertig, mir auch nur eine Sekunde länger diesen Blödsinn anzutun!" Er geht in die Hocke, um ihren Puls zu prüfen. „Ehrlich, was ist in dich gefahren?"

„Heh, kennst du das, wenn einem der Name von nem Schauspieler ums Verrecken nicht einfällt?"

„Was in Gaias Namen soll das hiermit zu tun haben? Übrigens ist sie tot." Er richtet sich wieder auf.

„Ich frage mich seitdem ich hier reingekommen bin, ob wir bei einer Nummer reingeplatzt sind und jetzt wird mich diese Frage in den Wahnsinn treiben, weil sie mir nicht mehr sagen kann, wie der verdammte Schauspieler heisst!" Ich gestikuliere wild, während er mich ansieht als hätte ich den Verstand verloren.

„Könntest du diesen Wahnsinn wohl irgendwie auch nur annähernd sinnvoll nutzen, indem du zum Beispiel Curt endlich ausschaltest?" Rude ist gereizt, verdammt gereizt und dazu braucht es einiges. Er wirft mir einen letzten Blick zu, um sich dann daran zu machen, den Raum auf den Kopf zu stellen.

„Ach, verdammt!" Ich haste zu dem immer noch bewusstlosen Typen und lasse meinen Frust an seinem Körper aus, indem ich wahllos auf ihn eintrete. „Kannst du mir sagen, was ich jetzt in den scheiss Bericht schreiben soll, wer von uns sie erledigt hat?", frage ich zwischen zwei Tritten auf seinen Brustkorb. „Das war dein Schlag, oder?"

„Ich habe keine Ahnung!", schnaubt er, während er den Inhalt der Schubladen des Wohnzimmerschrankes auf dem Boden auskippt und durchwühlt. „Schreib doch einfach die Wahrheit! Ich zumindest werde nicht für dich lügen."

„Nah! Den Teil wollte ich eigentlich komplett weglassen." Ich platziere einen letzten Tritt gegen seine Schläfe, der es eigentlich gewesen sein sollte. Spätestens. Die folgende Kontrolle bestätigt es. Der Teil wäre abgehakt.

Ich stehe auf, lehne mich weit nach hinten und atme tief durch. Dann drehe ich mich zu Rude. „Kümmerst du dich ums Chaos, während ich die Furie etwas herrichte?"

„Ich glaube mich zu erinnern, dass man explizit dich fürs Chaos wollte."

„Und ich glaube, damit war mehr das gemeint", grinse ich, inzwischen wieder etwas relaxter und winke mit dem Daumen in Richtung Curts mitgenommener Leiche, die der Grund für meine abgekühltere Verfassung ist. „Du arbeitest einfach zu sauber! Die Lady hast du mit einem Schlag geschafft, du könntest nicht mal anders, wenn du wolltest," plappere ich auf dem Weg zu eben jener Lady und stakse dabei durch ein Meer an Papieren, Fotos und Schreibartikeln, „und mit ihm wäre es dir genauso gegangen. Und das wiederum stinkt meilenweit nach Profi." Ich greife ihren schlaffen Körper unter den Achseln und schleife ihn in Richtung der Couch. „Klar, du magst sagen, dass wir das Ganze sowieso nicht für die Polizei tun, sondern den unbescholtenen Bürger, der hier als erstes reinplatzt." Ich platziere sie liegend auf der Couch und öffne den Morgenmantel. „Also die arme Seele, die traumatisiert wird. Aber jetzt stell dir nur mal vor, diese arme Seele ist einer von ihren Reporterfreunden und hat zufällig ne Kamera dabei und fängt an, selbst etwas rumzuschnüffeln. Minimierung unnötiger Risiken." Mein Blick gleitet mit rein sachlichem Interesse über ihre nackte Haut, bevor ich ein Bein weit abgespreizt auf den Boden stelle und anschließend einen Schritt zurücktrete, um mein Werk zu betrachten. „Sag mal, wenn du dich an wem vergehen wolltest, würdest du ihn liegen oder sitzen lassen?"

„Liegen!", kommentiert er, um sich auf den Weg in die Küche zu machen.

„...Shiva, das war ne prompte Antwort."

 

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Ich lege den Kopf weit in den Nacken, inhaliere das süße, süße lang vermisste Nikotin und entlasse den Rauch anschließend in einem schwärmerischen Seufzen. Es gibt keine bessere Zigarette als die nach einem Auftrag. Gepaart mit dem Gefühl, den kalten Nachtwind wieder an meinem völlig verschwitzten Kopf zu spüren, weckt sie einen tiefen, seligen Frieden in mir. Ein ‚Alles ist gut', das durch und durch geht. Als absolute Krönung hängt meine Waffe wieder wie ein ehemals vermisstes, amputiertes Glied, von der Schlaufe an meinem rechten Handgelenk.

Wir sind gerade damit fertig geworden, unsere Uniformen, die wir in der Nähe deponiert hatten, anzuziehen und für diese Nacht zumindest können wir unserer Seligkeit freien Lauf lassen. Eigentlich spreche ich dabei nur für mich und von meiner Seligkeit, denn ich habe nie beobachten können, dass Rude sich nach einem Auftrag anders benimmt als vorher. Für die emotionale Achterbahnfahrt, die es für mich oft darstellt, hat der Knabe definitiv kein Ticket. Oder es liegt daran, dass Personen seiner Größe der Zutritt nicht gestattet ist. Steht vielleicht irgendwo in der Hausordnung.

Soweit wäre für jetzt also alles erledigt. Bleibt nur ein Gedanke, der mich seit einer Weile beschäftigt.

„Rude? Soll ich dir was sagen?" Ich wische den Abdeckstift mit einem weiteren Taschentuch von meiner Haut.

„Du hast heute schon mehr gesagt als ich für dieses Jahr von dir hören wollte."

Ich werfe ihm einen Seitenblick zu, während ich das Papiertuch zerknülle und in meine Tasche stopfe. Ihn in seiner normalen Kleidung mitsamt der Sonnenbrille zu sehen, tut fast so gut, wie meine roten Strähnen wieder im Gesicht zu spüren und den Druck meiner eigenen Brille am Haaransatz. Ich nehme einen weiteren, tiefen Zug und exhaliere langsam, bevor ich ausspreche, was mir durch den Kopf geht.

„Ich mein nur, fand's seltsam. Alles... Das Licht war unten an und der Kerl relativ schnell an der Tür. Geschlafen hat er definitiv noch nicht. Sie hingegen schon, so wie sie aussah", ich ziehe an der Kippe und lege den Mag Rod auf meiner Schulter ab, „'s sei denn, sie haben's getrieben. Was ich Dank dir nie herausfinden werde!" Den Vorwurf kann ich mir nicht verkneifen. Verdammt, er ist berechtigt!

„Nicht alle Paare gehen zusammen ins Bett." Offensichtlich ist er unbeeindruckt von meinen Überlegungen.

„Jaja...", sage ich, als wäre mir der Gedanke noch nicht gekommen und müsste ihn abwägen. „Nur... Was hat er dann gemacht? Kein Fernseher, der lief. Kein aufgeschlagenes Buch. Nicht mal ein verdammtes Kreuzworträtsel auf dem Tisch. Seltsam, seltsam..." Wie um meine Grübeleien zu untermalen, tippe ich mit der Waffe gegen meine gespitzten Lippen.

„Ich denke, du interpretierst zu viel rein." Inzwischen hat er bemerkt, dass ich nicht bloß aus reiner Langeweile rede und sein Ton trägt nicht mehr seine gespielte Genervtheit. Auch nicht mehr die echte. „Es gibt tausend Sachen, die er getan haben könnte."

„Ich hab den Raum genau unter die Lupe genommen, Rude. Es gibt tausend Sachen, die man tun kann, aber wie viele von diesen tausend Dingen hinterlassen wirklich keinerlei Spuren? Dazu hat er geschwitzt als wäre er arschnervös." Nach einem letzten Zug schnippse ich die Kippe weg. „Aber das alles wäre ich bereit zu glauben, wenn da nicht das größte Mysterium wäre."

Rude atmet tief durch. „Er hat die Tür einfach aufgemacht."

Ich lächel und werfe ihm einen zufriedenen Blick zu. So inkompatibel wir von unseren Persönlichkeiten her scheinen, gibt es eine Tatsache, die mich gern an seiner Seite arbeiten lässt: Er ist alles andere als dumm. Seine Skepsis mir gegenüber war nur der Versuch, seine eigenen Theorie auf Schwachstellen zu prüfen.

„Exakt." Ich platziere den Mag Rod wieder auf meiner Schulter, während ich beschwingt weiterschlendere. Rude denkt das gleiche wie ich und das macht die Sache noch wesentlich interessanter. „Ich glaube, du weisst, worauf ich hinaus will."

Sein Schweigen ist in diesem Fall ein Bejahen.

„Ich sag's dir, der Kerl hat uns erwartet."

 

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Es ist bereits 0120 als ich das Seventh Heaven betrete. Allein, weil mein Partner viel zu viel Pflichtbewusstsein sein eigen nennt und es vorzieht, morgens ausgeschlafen zur Arbeit zu erscheinen. Eigentlich hätten wir diesen Samstag frei, aber Tseng hat den Tick, darauf zu bestehen, dass die Berichte unmittelbar nach Erledigung unserer Aufträge geschrieben werden, solange die Erinnerung noch frisch ist. Ich hab's irgendwie im Gefühl, dass es ihn nicht beeindrucken wird, wenn ich ihm morgen früh sage, dass ich am Montag definitiv frischer sein werde als nach der durchzechten Nacht, die ich zweifellos vor mir habe. Seine Antwort würde höchstwahrscheinlich lauten, dass ich meine Nacht mit Schlaf hätte verschwenden sollen, aber das würde wiederum bedeuten, dass ich meine Freizeit strikt genommen auch in den Dienst meiner Arbeit stellen soll und irgendwas stört mich an dem Gedanken. Ich meine, um das klarzustellen, ich bin immer Turk. Sowas legt man nicht ab. Ich bewege mich privat in meiner Dienstkleidung und ich handel jederzeit im Sinne der Turks. Aber alles hat seine Grenzen und zumindest bislang gibt es nirgendwo in meiner innig verehrten Hausordnung eine Regel, dass Turks in ihrer Freizeit keine Bars aufsuchen dürfen. Sollte sich das ändern, würde ich es zum ersten Mal in Erwägung ziehen, den Job zu Wechseln. Nicht, dass das ginge.

Ich könnte selbst nicht sagen, warum ich immer wieder diesen Ort aufsuche, der voller Menschen ist, die ich als letztes sehen will; ich weiss nur, wären diese Menschen nicht mehr da, würde ich nicht wiederkommen. Scheint wohl was dran zu sein, dass gemeinsame Erlebnisse auch dann zusammenschweissen, wenn es beschissene Erlebnisse waren. Also sind die Turks und die ehemaligen Avalanche Mitglieder inzwischen auf seltsame Art miteinander verbunden. Zu verschieden, um wahre Freundschaften zu entwickeln und zu aneinandergekettet, sich aus dem Weg zu gehen. Auch wenn wir uns regelmäßig mit Worten streiten, tauschen wir hin und wieder Blicke aus, die wahre Bände sprechen. Und ich kann nicht mal sagen, was der Inhalt dieser Bände wäre. Es ist einfach diese Gewissheit, jemand versteht, was du meinst, ohne dass du selbst weisst, was du eigentlich versuchst auszudrücken. Immer dann, wenn es um Dinge geht, die kein anderer verstehen kann. Niemand, der nicht selbst dabei war. Klar, die Leute nicken immer fleissig und behaupten, sie würden verstehen. Aber sie reden bloß. Nicht wie Tifa, die stattdessen schweigt und mir diesen Blick zuwirft. Vielleicht ist das die Strömung, die mich hierhin treibt. Vielleicht brauche ich manchmal ihren Blick.

Sofern ich mich aber nicht mit einer Alternative zufrieden gebe, werde ich heute jedoch leer ausgehen, denn Tifa ist nicht da. Stattdessen sehe ich Evelyn hinter dem Tresen; ihre Vertretung. Ich schiebe meinen Arsch auf einen Barhocker und lege den Mag Rod in Griffweite auf der Theke neben der Stelle ab, wo sie das Glas platzieren wird. Die Person auf dem Hocker links von mir ignoriere ich genauso wie sie mich ignoriert. Das ist unsere Form der Begrüßung. Irgendwann wird einer von uns früher oder später etwas sagen, als hätten wir die ganze Zeit schon miteinander geredet und würden nur nach einer kurzen Pause das Gespräch wieder aufnehmen. Ich glaube, es liegt daran, dass wir jedes Mal aufs Neue versuchen, uns nicht zu beachten, aber es nicht schaffen. Und nach zehn Minuten ignorieren mit nem ‚Hallo' rauszurücken, wäre nur absurd. Warten wir ab, wer heute als erstes einknickt.

„Hey, Lyn!", grüße ich stattdessen Tifas Aushilfe, die mich inzwischen kennt. „Machst du mir nen White Cloud?"

„Aber sicher doch!" Ihr Lächeln wird immer breit, wenn sie mich sieht, aber sie ist nicht mein Typ. Rundes Gesicht, geflochtenes, langes, rotbraunes Haar, bernsteinfarbene Augen. Bisschen auf der fülligen Seite. Äußerst prominenter Arsch.

Ich fische meine Kippen aus der Tasche und beobachte sie, während sie den Cocktail zubereitet. Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Standardgetränk, weil ich dann ein lässiges ‚Wie immer!' zum Besten geben könnte. Nicht, weil's die Bestellung auf zwei Wörter reduzieren würde, sondern weil es einfach Stil hätte. In meinem Buch zumindest.

„Und, Reno? Endlich Wochenende, was?", versucht sie, ein wenig Small Talk zu starten. Ich hab keine Ambitionen, sie in meine Arbeit einzuweihen, also lächel ich bloß schief mit der Kippe im Mundwinkel und wiederhole zustimmend, während ich das Feuerzeug klicken lasse: „Endlich Wochenende, Lyn."

„Wo ist denn deine bessere Hälfte?", erkundigt sie sich scherzhaft, während sie mein Glas und zuvorkommenderweise auch einen Aschenbecher vor mir platziert. „Ihr zwei seid doch normalerweise unzertrennlich."

„Hab ihm gesagt, er soll schonmal das Bett vorwärmen", antworte ich und umspiele den Filter subtil aber anzüglich mit meinen Lippen, weil ich weiss, dass ihr das gefällt. Sie ist eine von denen. Und wie zu erwarten war, wird sie augenblicklich rot und verrät, was sie sich heute Abend in ihrem eigenen Bett vorstellen wird. Nur ein Detail scheint ihr für ihr Kopfkino zu fehlen.

„Ich frag mich ja schon die ganze Zeit, wer von euch beiden der Mann ist", kichert sie, um zu kaschieren, dass sie unbedingt wissen muss, ob ich mich in ihrer Phantasie von Rude ficken lassen soll oder umgekehrt.

„Wie's um Rude steht, kann ich dir nicht sagen, aber dass ich ein Mann bin, ist Tatsache." Ich nehme einen Schluck meines Cocktails und zögere einen Tick zu lang, bevor ich die Sahne von meiner Oberlippe lecke. Ich weiss nicht, warum ich das mit ihr mache. Vielleicht, weil es so einfach ist. Vielleicht, weil ich im Gegensatz zu ihr weiss, dass sie keine Chance bei mir hat.

Sie scheint regelrecht erleichtert, als ihr einfällt, dass ich nicht der einzige Gast bin und sie einen Grund hat, zu fliehen. „Entschuldige mich kurz", deutet sie in Richtung des Tisches, wo sie verlangt wird und eilt weg.

„Du bist ein Arschloch."

„Erzähl mir was Neues", antworte ich, ohne nach links zu schauen. Sieht aus, als hätte ich heute unser Spiel gewonnen.

„Sie ist vielleicht nicht die Hellste, aber eine wirklich gute Seele."

„Heh. Im Gegensatz zu dir hab ich nie ihre Intelligenz beleidigt, also wer ist hier das Arschloch?" Ich blase den Rauch in seine Richtung. „Im Gegenteil. Sie liebt es, wenn ich sie... inspiriere."

„Ja, weil das alles ist, was sie von dir bekommt. Also nimmt sie, was sie kriegen kann." Er schüttelt den Kopf, ebenfalls ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Ehrlich, Reno, ich werde nie verstehen, warum die Frauen sich so von deiner durchschaubaren, pubertären Masche einlullen lassen."

„Weil du nichts über Frauen weisst." Ich nehme einen großzügigen Schluck, der das Glas bis auf ein Drittel leert. „Der Trick ist, dass sie absolut durchschauen, dass es ein Spiel ist. Eine Masche. Sie sollen es auch durchschauen, darum geht es ja. Aber ihr Fehler ist, dass sie an der Stelle auch schon aufhören, nachzudenken und geistig an einem Punkt stehenbleiben, an dem sie sich überlegen fühlen." Ich spitze die Glut meiner Zigarette am Rand des Aschenbechers an, während ich weiter sinniere: „Du gibst ihnen das Gefühl, sie hätten die Zügel in der Hand und wenn sie das Gefühl haben, fühlen sie sich nicht reduziert und fangen ganz von allein an, dich zu begrabschen, in dem Glauben, sie hätten die Kontrolle und würden aus eigenem, emanzipiertem Willen handeln." Ich schlürfe die letzten, cremigen Reste meines Cocktails und kann es mir nicht verkneifen, hinterherzuschieben: „Funktioniert allerdings nur, wenn man gut aussieht."

„Und wenn man das alles als Spiel betrachtet." Er dreht den Kopf langsam zu mir und durchbohrt mich förmlich mit dem Blick seiner leuchtenden, blauen Makoaugen.

„Es ist ein Spiel, an dem beide Seiten den gleichen Spaß haben, wenn du's fair spielst, also was ist dein Problem?" Ich drücke die Kippe aus und drehe mich um, um nachzuschauen ob Evelyn sich langsam abgekühlt hat. Ich brauche Nachschub.

„Ich habe kein Problem, Reno. Aber egal, womit du versuchst, dein Gewissen zu beruhigen, es ist nicht fair. Selbst wenn du es als Spiel siehst und selbst wenn deine Opfer es auch versuchen als solches zu sehen, es bleibt die Tatsache, dass du sie regelmäßig in dich verliebt machst, um dein Ego zu stärken. Dazu musst du sie nicht mal mit Worten anlügen, du weisst, was du tust."

„Kann nichts dafür, dass ich nunmal ein Naturtalent in dem bin, was ich tue. Hab mehr den Eindruck, du solltest es auch mal wieder tun. Du wirkst so frustriert, Strife." Ich drehe das leere Glas in meiner Hand hin und her. „Würde mich nicht wundern, wenn deine Eier inzwischen so blau wären wie deine Augen."

„Ist das alles, was du hast, um mich zu provozieren?" Seine Stimme ist ätzend freundlich und ruhig. Sie ist immer ruhig. Ruhig und leise und gleichmäßig wie das verdammte, einschläfernde Plätschern eines kleinen Baches. Er könnte gutes Geld damit verdienen, Insomnie-Patienten Gute Nacht-Geschichten vorzulesen.

„Ich hab's aufgegeben, dich provozieren zu wollen. Oder sagen wir, ich hab die Hoffnung aufgegeben, dass ich es noch irgendwann schaffe", seufze ich und ernte ein schiefes Lächeln. „Ich fühle mich trotzdem geehrt, dass ein echter Held wie du sich dazu herablässt, mit einem Unmenschen wie mir zu verkehren."

„Weil ich mir sicher bin, dass du irgendwann deinem eigenen Spiel zum Opfer fallen wirst. Nicht weil ich an höhere Gerechtigkeit glaube, sondern weil du so oft spielst. Es ist...", seine Stimme reduziert sich auf ein nachdenkliches Flüstern, „Es ist reine Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung. Und somit nur eine Frage der Zeit."

„Darf's noch was sein?", unterbricht Evelyn unsere Unterhaltung.

„Noch'n White Cloud. Aber diesmal ohne die Sahne und den Likör", scherze ich ohne jeden Humor in meiner Stimme, weil mir mein eigener Witz zu lahm ist.

Sie lacht auf. „Wodka pur, kommt sofort!" Nicht lahm genug für Lyn.

 

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Samstag, 13. Mai 2011

„Reno?" Die Stimme dringt zu mir durch die weichende, tiefe, traumlose Schwärze in die ich mich augenblicklich zurückwünsche, weil der Klang in meinem Schädel dröhnt.

Das Nächste, was ich spüre ist das bleierne Gewicht desselbigen und die Kälte in meinem seltsam steifen Körper, gefolgt von dem Geschmack auf meiner völlig ausgetrockneten, pelzigen Zunge. Jauchegrube mit alten Socken.

„Shiva, Reno!", schrillt es noch lauter in meinen Ohren und sticht in meinen Schläfen. Ich fühle eine Hand auf meiner Schulter und öffne die Augen einen Spalt um als erstes in die Lache von Kotze zu starren, in der mein Gesicht liegt.

Was zur Hölle ist passiert?

Die Hand dreht mich auf den Rücken und ich blicke in Tifas aufgelöstes Gesicht vor einem grellen, blendenden Tageslichthimmel; trotz der schweren, grauen Wolken die über uns hinwegziehen. Der Wind zerrt an ihrem Haar, aber bislang scheint es nicht geregnet zu haben.

Sie nimmt ihre zweite Hand zur Hilfe als sie meinen Oberkörper langsam in Sitzposition aufrichtet. Jede Bemühung meinerseits, ihr dabei zu helfen, schickt pulsierende Schmerzwellen durch mein Gehirn und meine Knochen. Meinen Nacken mit ihrem linken Ellenbogen haltend, kramt sie mit der rechten Hand ein Taschentuch aus ihrer Hose hervor, um mir irgendwas von Wange und Mundwinkel zu wischen, von dem ich mir denken kann, worum es sich handelt. Der Scham entfliehend, wende ich den Blick von ihr ab und lasse ihn über den Boden um mich herum wandern.

Sieht aus, als hätte ich ganze Arbeit geleistet. Ich habe es nicht nur geschafft, im Radius von anderthalb Metern alles um mich herum vollzukotzen, sondern auch mich selbst, wie ich registriere als ich betreten nach unten blinzel.

„Reno..." Sie schmeisst das schmutzige Taschentuch achtlos auf den Boden der Seitengasse neben dem Seventh Heaven, in der ich mich befinde, wie ich inzwischen realisiert habe und legt die Hand an mein Gesicht. Sie ist angenehm kühl. „Was ist passiert?"

„Ich glaube, ich bin passiert, Tiff", flüster ich brüchig mit einem muffigen Akzent, der von der Trockenheit meines Mundes zeugt. Mein Kopf hämmert im Takt jedes gesprochenen Wortes. Ihre Finger streichen mir ein paar harte, verklebte Strähnen aus der Stirn - und ich merke, dass irgendwas nicht stimmt. Ein Verdacht, der sich bestätigt, als ich selbst an meinem Haaransatz nachfühle.

„Wo ist meine Sonnenbrille?" Kaum ausgesprochen, wird die Frage augenblicklich von einer wesentlich gravierenderen ersetzt, denn mein Handgelenk fühlt sich genauso nackt an. „Wo ist mein Mag Rod? Wo ist meine verdammte Waffe, Tiff?" Ich ignoriere das Reissen in meinen steifen Gliedern, als ich mich mühselig in ihrem Griff aufrichte und hektisch umherschauend die Umgebung absuche.

Sie legt meinen rechten Arm um ihre Schultern und umfasst stützend meinen Oberkörper, während sie sich ebenfalls umschaut. „Ich weiss nicht, Reno. Hier anscheinend nicht. Bist du dir sicher, dass du deine Sachen hier verloren hast?"

„Seh ich so aus?", heule ich weinerlich auf und bin tatsächlich kurz vorm verdammten Flennen, weil ich inzwischen bemerkt habe, dass sämtliche meiner Taschen ebenfalls leer zu sein scheinen. Gaiaverfickte Scheisse, ich bin erledigt. Ich bin so dermaßen erledigt. Tseng wird mich -

„Wie spät ist es?" Ich reisse den Kopf mit entsetzten, fragenden Augen zu ihr herum und mir entgeht nicht, dass sie versucht, meinem Atem auszuweichen.

„1140", flüstert sie mitleidig, genau wissend, was das für mich bedeutet.

„Ich bin erledigt", kichere ich plötzlich leise los, „Oooooh, ich bin so erledigt, Tiff! So verdammt...", und da ich das Entwürdigende meiner Lage sowieso kaum noch überbieten kann, hindere ich die Suppe in meinen Augen nicht mehr am Überkochen und bereue es keine Sekunde später, denn die Schmerzen im Schädel drohen ihn zu sprengen. „So verdammt erledigt..."

Meinen unbeholfenen wie vergeblichen Versuch, vorwärts zu wanken, bremst sie mühelos. „Was glaubst du, wo du hingehst in deinem Zustand? Du siehst aus wie eine Leiche! Und vor allem riechst du wie eine!" Sie zaubert ein weiteres Papiertaschentuch hervor und wischt mir die Tränen aus dem Gesicht.

„Ich muss zur Arbeit, Tifa!" Ich fege ihren Arm weg. „Der bringt mich sowieso schon um und jede Sekunde, die ich warte, wird die Art und Weise wie er's tun wird, grausamer machen!"

„Du fängst immer um sieben an, oder? Du bist bereits über vier Stunden zu spät und wenn du so dort aufkreuzt, hab ich sogar dafür Verständnis, wenn er dich lebendig grillt." Sie beginnt, mich mit eisenhartem Griff vorwärts zu dirigieren. „Du kommst jetzt mit rein und wirst duschen und saubere Sachen anziehen. Und wenn wir dann etwas gegen deinen Kater getan haben, dann kannst du meinetwegen gehen."

Ich gebe den Protest auf. Nicht bloß, weil man gegen Tifa sowieso keine Chance hat, und auch nicht nur, weil es mir so wehtut, zu sprechen, sondern weil ich in Wahrheit unter allem, was ich vortäusche, dankbar bin, dass sie da ist und sich um mich kümmert, meine Gegenwehr erstickt und mir erlaubt, in Selbstmitleid zu versinken.

So komme ich dazu, über die letzte Nacht nachzudenken.

Ich kann mich minutiös an unseren Job erinnern. Rude hat die Tüte mit unserer Kleidung und den wenigen gefundenen Wertsachen mitgenommen, als sich unsere Wege getrennt haben, und gaiaseidank auch die Schlagringe. Der einzige Lichtblick bisher. Hätte ich die verdammte Tatwaffe auch noch bei mir gehabt, würde ich es keine Sekunde länger verdienen, Turk zu sein und mir freiwillig das Licht ausknipsen.

Danach bin ich hierher gekommen und anscheinend nicht mehr gegangen.

Evelyn hatte Schicht; ich hab mich ziemlich lang mit Strife unterhalten. Dann... Da war eine Frau. Ich könnte nicht mehr sagen, wie sie aussah, geschweige denn hieß, falls ich sie überhaupt gefragt habe, aber in meinem dröhnenden Kopf sehe ich mich noch verschwommen mit ihr auf der Bank an einem der hinteren, abgelegenen Tische. Sie klebt an mir, wir lachen und irgendein Dialog mit den Fetzen ‚Du hast wohl keine Angst vor dem Tod?' - ‚Kann ich mir nicht leisten in meinem Job!' - ‚Und außerhalb?' - ‚Pass auf...'

Und der Film reisst.

Sie öffnet die Tür und wir betreten die leergefegte, ungewöhnlich stille Bar. Find's immer seltsam, sie tagsüber zu sehen, mit den hochgestellten Stühlen und dem leichten Echo, das die Stimmen plötzlich tragen. Tifa muss bereits drin gearbeitet haben, denn nicht nur, dass es aufgeschlossen war, die Fenster sind auch aufgerissen und die verrauchte Luft der letzten Nacht hängt nur noch als ewiger, bräunlichgelber Film über den Wänden.

Sie führt mich an den nächsten Platz neben dem Zugangsbereich der Theke. „Ich muss dich kurz loslassen", und parkt meine Hände auf der Tischfläche, offensichtlich skeptisch, ob ich mich selbstständig auf den Beinen halten kann. Dann stellt sie einen der Stühle herunter und fasst mich bei der Hüfte, um mich darauf zu platzieren. „Warte kurz", erklärt sie und ich kann hören, wie sie sich hinter mir bewegt, gefolgt von dem leisen Quietschen, als sie die Trennplatte nach oben klappt und hinter den Tresen tritt.

So absurd es scheint, mir fällt staunend auf, dass der Platz vor mir keine Kaffee- oder sonstigen Ränder aufweist.

„Du trinkst das besser jetzt gleich, sonst klappst du mir noch unter der Dusche zusammen", ertönt ihre Stimme, während sie irgendeinen Unterschrank öffnet und wieder schließt. Einen Moment später steht sie wieder neben mir und stellt die kleine Ampulle lauter als es notwendig wäre, vor mir ab, untermalend, dass es ein Befehl ist.

„Ich... Ich kann keine Potions benutzen eigentlich...", setze ich sie mit bleierner Zunge in Kenntnis, wohl wissend, dass es jetzt an der Zeit ist, ein Opfer zu bringen. Meine Speicheldrüsen haben noch nicht wieder ihre Arbeit aufgenommen und die Worte werden von klebrigen, schmatzenden Lauten begleitet.

„Was soll das heissen?" Sie stemmt die rechte Hand auf ihre Hüfte. „Reno, du siehst nicht nur verkatert, du siehst krank aus!", schnaubt sie, ihre Handfläche dann an meine Stirn legend. „Du glühst und hast völlig glasige Augen!"

„Es ist nur... Ich hab ein frisches Piercing", nicke ich in Richtung meiner Brustwarze.

„Große Shiva und Ifrits dunkler Arsch!", ruft sie aus und starrt an die Decke, als könnten die beiden ihr erklären, womit sie meine Anwesenheit verdient hat, was ihr ein Spiegel wohl eher beantworten würde. Und bevor ich realisieren kann, was sie tut, greift sie plötzlich mein schmutziges Hemd und reisst es rabiat offen. Die wegspringenden Knöpfe klackern über den Boden, während ich mit geöffnetem Mund bloß dämlich starre und zu überrumpelt bin, um zu protestieren.

„Ifrits schwarzer Arsch!", verleiht sie ihrem Entsetzen Ausdruck in erneuter Beschwörung jenes speziellen Hinterteils und ich stöhne angesichts der Lautstärke ihrer Stimme in meinen überempfindlichen Ohren. „Das ist ja furchtbar!" Ihre Finger schießen vor und ich will sie festhalten, protestieren, sie hindern, doch ich bin nicht schnell genug. Sie fasst den Ring und zieht ihn mit der reinen Kraft ihrer trainierten Hände auseinander.

Im nächsten Moment explodiert die Welt in einem bunten Farbenmeer purer Schmerzen.

„Ghhhhhhhhhhhaaaaaaaaaaa!" Ich schreie auf und mein erster Schrei geht nahtlos in einen zweiten über, weil der erste eine zweite Schmerzwelle durch meinen Kopf jagt, während meine Brustwarze sich anfühlt, als wäre sie mit einer Zange zuerst verdreht und dann aus dem entzündeten Fleisch gerissen worden. Es kommt der Wahrheit erschreckend nahe.

„Gaia...", schluchze ich, endgültig reduziert auf ein Häuflein Elend.

„Ach, stell dich nicht so an! Das kann nicht mehr wehgetan haben, als es stechen zu lassen. Hier!" Sie platziert den Ring und die kleine Kugel, mit der er verschlossen war, in meiner Handfläche und schließt meine Finger darum.

„Da war es noch nicht entzündet!", jammere ich und setze die Ampulle, die sie mir soeben geöffnet hat, an meine Lippen. Die klare Flüssigkeit befeuchtet meine völlig ausgedörrten Schleimhäute und in dem Moment, in dem ich den ersten Schluck meine Kehle hinabgleiten lasse, bricht der bestialische, rasende Durst, den ich die ganze Zeit schon gehabt haben muss, über mich herein.

„Gib mir noch was, ich sterbe vor Durst", bitte ich winselnd.

„Lass es erst etwas wirken, sonst trinkst du zu schnell und übergibst dich sofort wieder. Dann war das Ding umsonst." Sie platziert ihren Hintern auf der Tischplatte vor mir und atmet tief durch. „Komm erstmal mit nach oben, dann kannst du duschen und dich umziehen."

„Ich muss dein Telefon benutzen, Tiff. Ich muss Tseng endlich anrufen." Weiss der Henker, wo mein eigenes abgeblieben ist. Ich hege lediglich die Vermutung, dass es sich in guter Gesellschaft bei meinen restlichen Sachen befindet.

„Das kann ich genauso gut für dich tun, während du oben bist." Ihre Stimme ist etwas wärmer und die brutale Mütterlichkeit aus ihr gewichen. Sie seufzt und ordnet ein paar Haarsträhnen auf meinem Kopf. „Dann kann er seinen ersten Frust an mir auslassen."

Ich schließe die Augen und genieße die kleine Berührung, in der seligen Gewissheit, dass die Schmerzen und das elendige Gefühl mit jeder Sekunde ab jetzt zurückweichen werden.

„Das wird er nicht tun", antworte ich. „Er ist nicht der Typ, der's an anderen auslässt, wenn er angepisst ist."

„Komm, steh jetzt erstmal auf. Ich zeig dir das Zimmer." Sie stützt sich vom Tisch ab und streckt mir die Hand entgegen, um mir aufzuhelfen. Ein leichtes Schwindelgefühl und Schwärze vor den Augen, für einen Moment wanke ich leicht, bevor ich sicher stehe. Doch die Schmerzen, die ich befürchtet habe, bleiben aus.

„Eigentlich ist es Clouds, aber du willst dich ja nicht darin niederlassen", erklärt sie, während ich ihr die Stufen in die obere Etage hinauf folge, die eine Hand zur Sicherheit am Treppengeländer, die andere noch immer um meinen Ring geschlossen. „Spül bitte nur die Dusche aus, nachdem du sie benutzt hast."

Wir gehen über einen kleinen Flur, von dem aus vier Türen zu jetzt geschlossenen Zimmern führen. Sie kramt einen Schlüsselbund aus der Tasche und öffnet die zweite Tür links, um vor mir hereinzutreten.

„Hier hast du zwei Handtücher." Sie zieht die oberste Schublade der Kommode gleich links vom Eingang auf, während ich zu dem Nachttisch neben dem gemachten Bett schlurfe und mein heimatloses Piercing neben der kleinen Stehlampe ablege. Ich nehme die beiden gefalteten, blauen Tücher entgegen und beobachte, wie sie die zweite Schublade mit einem Ruck hervorzieht, weil sie offensichtlich klemmt. „Cloud ist ein ganzes Stück kleiner als du, aber dafür kräftiger. Abgesehen davon, dass es zu kurz sein wird, sollte es also passen", erklärt sie, während sie einen schwarzen Pullover und graue Jeans hervorzaubert, um dann die Schublade mit ihrem Hintern zu schließen. „Ausserdem ist alles besser als das", sagt sie in meine Richtung nickend und legt die Kleidung auf der Bettdecke ab.

Einen Moment schauen wir uns beide nur schweigend an.

„Im Bad sollte alles sein, was du brauchst. Komm runter, wenn du fertig bist. Deine schmutzige Wäsche kannst du hier oben lassen, dann werf ich sie in meine Maschine."

„Danke, Tiff." Im Wissen, dass ein simples ‚Danke' kaum ihrer Fürsorge gerecht wird, weiss ich doch nicht, was ich anderes sagen könnte. Und dann ist er da. Ihr verstehender Blick, der mich letzte Nacht überhaupt erst hierher geführt hat.

Sie nickt bloß kurz und lässt mich dann allein in Clouds Zimmer zurück.

 

~


Schauer jagen Schauer durch meine verfrorenen Glieder. Über meinen gänsehautüberzogenen Rücken bis hoch in den Nacken, an dem die kleinen Härchen zu Berge stehen unter meinem langen, nassen Haar. Ich lasse mich von dem wild dampfenden Wasser regelrecht kochen, in der Hoffnung, irgendwann wird das krampfende Beben meiner verspannten Muskeln endlich nachlassen und die Wärme sich in ihnen ausbreiten.

Den Mund weit geöffnet, schlucke ich gierig die Tropfen, die sich auf meiner ausgetrockneten Zunge sammeln, in dem kläglichen Versuch, den wütenden Brand in meiner Kehle zu löschen. Potions können nicht zaubern. Sie wirken wie starke Schmerzmittel und multiplizieren die körpereigenen Heilkräfte sowie das Immunsystem für eine gewisse Weile. Und sie wirken schnell. Sehr schnell. Ich habe nicht einmal bemerkt, wann die Kopfschmerzen endgültig verschwunden sind, aber ich danke der gnädigen Gaia, dass die Übelkeit nicht wieder auflebt und ich das warme, zuckersüße Wasser in mir halten kann. Es schmeckt immer so süß, wenn man zu lange den Geschmack der eigenen Magensäure und Galle auf der Zunge hatte.

Ich sammel es wieder und wieder in meinem Mund, um ihn auszuspülen und die Schleimhäute zu befeuchten, bis meine Speicheldrüsen endlich wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Schließlich seufze ich tief und lehne mich an die Kacheln.

Die Schwäche und die Kälte wollen nicht weichen. Ich fühle mich seltsam distanziert und entrückt und ahne, dass ich krank werde. Fiebrig, schläfrig, kraftlos. Wie ein unterschwellig brodelnder Vulkan, der nur darauf wartet, dass die Wirkung des Trankes nachlässt, um wieder ausbrechen zu können.

Und dazu nagt die Angst an mir. Die Gewissheit, einen unverzeihlichen Fehler begangen und eine Strafe vor mir zu haben, die gut und gern mein Tod sein könnte. Es ist zumindest kein völlig übertriebener oder abwegiger Gedanke. Wäre es nur diese Geschichte, könnte ich wohl mit einem blauen Auge davonkommen. Aber es ist die Liste an Respektlosigkeiten und Fehltritten, die sich inzwischen angesammelt hat, die mir jetzt das Genick brechen könnte. Und dabei spreche ich dieses Mal nicht von der beschissenen Regel 12. Ich spreche auch nicht davon, dass ich meine Aufträge schlecht erledigen würde, denn das ist nicht der Fall und nichts anderes hat mich immer gerettet bislang. Vielmehr könnte ich mir vorstellen, dass Tseng einfach nur die Schnauze endgültig voll hat. Entgegen allem, was ich zu Tifa gesagt habe, gehe ich nicht davon aus, dass er mich tatsächlich beseitigen würde. Nicht er. Unter all seinem Missfallen für mein Verhalten, bin ich doch sein Turk, gewissermaßen sein Baby. Für das er durchaus einen aufrichtigen Respekt hegt, sonst hätte er mich niemals zu seinem Stellvertreter ernannt.

Nein. Wenn ich sage, Tseng bringt mich um, dann meine ich damit, dass er mich ins Archiv schickt, um die Akten der letzten zehn Jahre für die nächsten sechs Wochen zu sortieren. Oder mir verbietet, den Helicopter zu fliegen, weil das zu den Dingen gehört, die ich am meisten liebe.

Ich wünschte bloß, ich könnte das gleiche von dem Mann behaupten, der noch weit über Tseng steht. Jener unberechenbare Mann, der schon einen Koch für eine im Fisch vergessene Gräte erschossen und am gleichen Abend einer besonders freundlichen Bedienung 500 Gil Trinkgeld gegeben hat.

Wenn Rufus Shinra beschließt, dass meine Zeit gekommen ist, dann kann es sogar daran liegen, dass ich keine Untertassen benutze. Doch selbst das ist nicht so grotesk wie die Wahrheit, die darunter liegt: Rufus Shinra braucht keinen Grund. Es gibt einfach niemanden, vor dem er sich rechtfertigen müsste. Nicht über ihm, erst recht nicht unter ihm und auch nicht auf Augenhöhe beim Blick in den Spiegel, wie seine stets gepflegte, perfekte Erscheinung verrät.

 

~


„Wie fühlst du dich?", fragt sie, ohne mich anzuschauen, als ich die Stufen wieder herunterkomme, und stellt eine eben aufgefüllte Schale mit gesalzenen Nüssen auf den Tresen.

„Besser", antworte ich, während ich meine frisch geföhnten Haare wieder zu einem Zopf zusammenbinde.

Sie blickt kurz in meine Richtung und verkneift es sich, loszuprusten. Ich kann mir denken, wieso. Ich weiss, dass ich ohne Gel und Spray aussehe, als hätte ich ein explodiertes und noch immer brennendes Chocobo-Nest auf dem verdammten Kopf. Keine Notwendigkeit, mich drauf hinzuweisen.

„Hast du die Dusche ausgespült?" Sie füllt eine zweite Schale auf und widmet mir dann ihre volle Aufmerksamkeit. Leider studiert sie mich dieses Mal genauer und entdeckt auch noch meine halbnackten Waden.

Und dann versucht sie es nicht mal mehr.

„Scheiss witzig!", fluche ich in ihr Gelächter, „Mein verdammter Arsch ist kurz davor auf Grundeis zu gehen, ich seh aus wie ein verfickter Clown und du lachst blöd!"

„Es ist nur -", schluchzt sie, „du bist immer so eitel!" Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Und dich jetzt... so..."

„Eitel?", fahre ich sie an, um Fassung ringend. Egal, was sie für mich getan hat, ich bin der letzte, der sich vorwerfen lassen muss, eitel zu sein, verdammt nochmal. „Ich meine, - eitel? Hast du mal gesehen, wie meine Uniform normalerweise aussieht? Geh mal zu Tseng und sag dem, ich bin eitel!"

Mir geht es zumindest wieder gut genug, dass ich mich nicht nur über die Ungeheuerlichkeit aufregen kann, sondern auch meine Zigaretten vermisse, die mir genauso gestohlen wurden, wie alles andere.

„Aber", kichert sie wie ein debiles Schulmädchen, „das machst du doch extra so. ...Aus Eitelkeit!"

„Pfff!", schnaube ich, im Bewusstsein, schonmal intelligenter in meinem Leben gekontert zu haben. „Ich mag's nicht, mich beengt zu fühlen, das ist alles!"

„Genau", grinst sie breit. „Darum machst du auch immer noch einen Knopf an deinem Hemd auf, wenn du hier reinkommst."

„Was?" Was bitte?

„Es ist das erste, was du tust, wenn du abends hier durch die Tür kommst. Du öffnest einen Knopf und ziehst dein Hemd auseinander, um deine maskuline Brust mehr zu entblößen." Ihr Lachen, das gerade im Begriff war abzuebben, flammt wieder auf.

Tu' ich das?

...Wirklich?

„Oh Gaia, du merkst es nicht mal?", spottet sie amüsiert und ich verfluche mich einmal mehr dafür, dass man mir ständig ansehen kann, was ich denke.

„Es ist heiss hier!", argumentiere ich trotzig. „Wenn ich es tun würde, dann weil es hier drinnen stickiger und wärmer ist als draussen!"

„Okay, okay, okay, ich glaub dir!", lacht sie mit einer beschwichtigenden Geste ihrer Hände, um mir offenbar einen letzten Rest meiner Würde zu lassen. „Wenn ich mit meiner Theorie Recht gehabt hätte, hätte ich dir jetzt verraten, woran man auf den ersten Blick erkennt, dass deine Nachlässigkeit bei deiner Kleidung gewollt ist."

„Woran?", frage ich skeptisch mit gespitzten Lippen.

„Ich nehme an, du fragst aus reiner Neugier, hm?", stichelt sie noch immer sichtlich belustigt. „Es sind deine Haare, Reno. Jemand, der so penibel darauf achtet, dass jede Strähne perfekt sitzt, würde das auch bei seiner Kleidung tun, wäre der Look nicht Teil eines Fashion Statements."

„Heh... Tja..." In Wahrheit habe ich keine Idee, was ich sagen will. „Füll mal lieber deine Nüsse weiter auf!" Und ich glaube, man merkt's.

Sie schüttelt grinsend den Kopf und macht sich an die dritte Schale.

„Wo sind eigentlich die Kids?" Nicht dass mich deren Abwesenheit wirklich stören würde. Marlene ist zwar noch halbwegs erträglich, aber ich mache einen Bogen um Denzel, wann immer es geht. Seine Eltern sind bei dem Fall der Platte über Sektor 7 gestorben. Er weiss nicht, dass ich es war, aber irgendwann wird er es rausfinden und ich könnte schwören, seine Blicke versprechen mir jetzt schon, dass er mich eines Tages dafür bezahlen lassen wird. Als würde er's an mir riechen oder so, auf irgendeiner unterbewussten Ebene.

„Im Waisenhaus", lässt sie mich wissen und faltet die Öffnung der Tüte mit den Nüssen wieder zusammen, bevor sie sie unter der Theke verstaut. Dann bemerkt sie meinen überraschten Blick, doch bevor ich ihr zu der Entscheidung gratulieren kann, fügt sie entrüstet hinzu: „Um mit Cloud das Mittagessen zu bringen!" Und um ihrer Empörung noch mehr Ausdruck zu verleihen, schiebt sie hinterher: „Ehrlich, ich kann nicht glauben, dass du mir das allen Ernstes zutraust!"

Und bevor ich die richtigen Worte gefunden habe, um meine fälschliche Annahme zu rechtfertigen, wechselt sie plötzlich ohne jede Vorwarnung das Thema. „Ich habe Tseng angerufen."

So. Hat sie das also.

„Das wäre nicht nötig gewesen, Tiff." Meine Augen wandern über die geputzte Theke. „Woher hast du seine Nummer?" Die Frage interessiert mich noch mehr als die nach seiner Reaktion. Vielleicht will ich auch nur Zeit schinden.

„Gar nicht. Ich hab mich von der Hauptzentrale verbinden lassen", klärt sie mich auf.

„War er wütend oder sehr wütend, was denkst du?" Ich kratze mit den Fingern an der zerklüfteten Holzkante des Tresens. Egal wie sehr man versucht, es zu vermeiden, eine Bar ist ein Ort, an dem sich schnell Spuren der Zeit einfinden.

„Ich fand, er hat ganz normal geklungen", antwortet sie schulterzuckend.

„Dann war er extrem wütend", murmel ich kratzend, mehr zu mir selbst.

„Ich hab ihm erzählt, wie ich dich vorgefunden habe, wobei ich zu deinem Schutz etwas mehr die Tatsache betont habe, dass du einen kranken Eindruck machst und ausgeraubt wurdest, als ihm deinen Suff unter die Nase zu reiben. Er hat gesagt, du sollst von hier aus sofort zu ShinRa und dich beim Pförtner melden, bevor du irgendwo anders hingehst. Achja, und er hat gefragt, ob deine Keycard auch weg ist und ich hab ihm gesagt, dass ich das nicht weiss, aber man deine Taschen wohl auch geleert hat. Ich weiss nicht, ob das richtig war, ich hatte nur gesehen, dass du sie untersucht und anscheinend was vermisst hast, kurz nachdem ich dir hochgeholfen habe."

„Hmm", nicke ich zustimmend, bevor ich wieder zu ihr aufschaue. „Dann... sollte ich ihn wohl nicht länger warten lassen."

Aber trotz meiner Worte mache ich keine Anstalten, mich zu bewegen. Stattdessen kommt sie zu mir.

„Hier", sie kramt einen Schein aus ihrer Tasche hervor und hält mir zehn Gil entgegen. „Damit du den Zug nehmen kannst. Es sei denn, du willst laufen... Aber es ist immerhin ein ganzes Stück und sieht nach Regen aus."

Ohne jede falsche Bescheidenheit nehme ich ihr Geld. Es ist Tatsache, dass ich es brauche und wir beide wissen es. Auch wenn ich nicht von allein gefragt hätte.

„Du bist eine wandelnde Katastrophe, Reno." Mir ist klar, dass sie nicht bloß meine Erscheinung meint. Die Hand an meinem Gesicht, spielen ihre Fingerspitzen mit meinem Haar. So sanft die Berührung ist, sie ist eher mütterlich als alles andere. Und auch nicht anders gemeint. „Warum tust du das?", fragt sie fast flüsternd. „Sowas ist doch nicht zum ersten Mal passiert."

„Ich weiss doch nicht mal, was passiert ist, Tiff", seufze ich in dem Bewusstsein, ihrer eigentlichen Frage ausgewichen zu sein.

„Du bist passiert."

Und es gibt nichts, womit ich kontern könnte.

 

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„24766. Ich soll mich hier melden", erkläre ich entnervt durch die Sprechanlage in dem kugelsicheren Glas. Die Fahrt ist der blanke Horror gewesen und der Nächste, der mir dumm kommt, kriegt's von mir auf die Fresse, bis er sich auf Jenovas Schoß wünscht. Da wird mich kein kugelsicheres Glas von abhalten können.

„Wie lautet Ihr vollständiger Name?"

„ID 24766. Das ist meine Personalnummer, die tut's genauso." Und jetzt sag mir endlich, was dir verdammt nochmal aufgetragen wurde und zieh den Stock aus deinem Arsch. Ich schlinge die Arme um meinen Oberkörper und wippe auf den Zehen auf und ab. Mir ist elendig kalt seit ich aus dem Zug gestiegen bin und inzwischen hat es angefangen, zu regnen.

„Ihr vollständiger Name, Sir?"

Freund, komm mir besser nicht so, nicht heute...

„Reno LeckmichamArsch."

„Es tut mir leid, Sir, ich brauche Ihren vollständigen Namen."

„Verdammte Scheisse brauchst du!", explodiere ich und schmettere die Faust gegen das zitternde Glas, das sich ansonsten aber unbeeindruckt zeigt. „Was ist dein verdammtes Problem?! Bist du wirklich so arschdämlich, dich mit nem verpissten Turk anlegen zu wollen?" Ich schlage ein zweites Mal gegen die Scheibe und ignoriere den verschmierten Blutfleck. „Bist du?!"

Die Wut betäubt den kalten Schmerz, den ich fühlen müsste. Meine Stimme vibriert genau wie das Glas, als ich die Augen schließe und nach zwei tiefen Atemzügen zische: „Es gibt nur eine verfickte Person in dieser verfickten Firma mit meiner ID, und rate mal, die steht vor dir! In den letzten sechzig Minuten hat dich Tseng oder jemand in seinem Auftrag angerufen und dir eine Nachricht für mich übergeben. Für mich. Nummer 24766. Turk." Ich lege den Unterarm an die Scheibe und lehne meine erhitzte Stirn gegen ihn. „Also..."

„Sir, ich habe explizite Anweisungen von Ihrem Vorgesetzten, auf Ihren vollständigen Namen zu bestehen."

Jetzt verstehe ich.

Ich atme ein weiteres Mal tief durch, bevor ich widerwillig flüstere: „Renato Deschayne", und im Reflex auf den polierten Marmorboden neben meinen Füßen ausspucke.

Die Demütigung liegt nicht bloß in der Tatsache, dass ich den Namen hasse, weil er peinlich ist. Er steht für einen Menschen, der nicht mehr existiert und der ich vorrangig nie hatte sein wollen. Alles Fakten, um die der Bastard sehr wohl weiss.

„Kater schon auskuriert, Reno?", höre ich es amüsiert hinter mir. Ich fahre herum und fühle, wie mir sämtliches Blut aus dem Gesicht weicht. Ich darf das nicht tun, wiederhole ich in meinem Kopf, ich habe es nicht und ich werde es nicht. Aber es ist mir noch niemals so schwer gefallen, die Scheisse nicht aus ihm rauszuprügeln, wie jetzt.

„Eigentlich hatte ich dich erlösen wollen, um dir die Peinlichkeit zu ersparen. Aber dann fand ich deine Darbietung doch zu unterhaltend." Die Hände hinter dem Rücken gefaltet, bietet er die perfekte Angriffsfläche. Ich weiss, dass ich ihm hoffnungslos unterlegen wäre im direkten Kampf, aber der kleine Vorteil würde reichen, ihm zumindest das süffisante Lächeln aus der Visage zu schlagen. Das einzige, was mich abhält, ist der Umstand, dass er genau darauf wartet. Das und...

Das und die Tatsache, dass ich mich plötzlich bei seinem Anblick abgrundtief schäme.

Tseng ist das, was einer Vaterfigur in meinem Leben immerhin noch am nächsten kommt. Der Mann, den ich nie enttäuschen wollte. Dessen Anerkennung mir immer mehr wert war als die jedes anderen. Und jetzt, da er reglos vor mir steht, die ölschwarzen Augen auf mir ruhend in stummer Herausforderung, möchte ich ihn genau dafür zusammenschlagen, während tief in mir ein kleiner Junge ängstlich zu seinem Daddy heraufblickt, mit seinen Augen fragend, da selbst ein verdammtes Flüstern zu laut wäre:

Hast du mich noch lieb?

Ich schnaube verächtlich, in dem Wissen, dass die Verachtung mir selbst gilt. Der lächerlichen Hose, dem wirren Haar. Den armseligen Tränen, die ich in Tifas stützenden Armen vergossen habe, bis hin zurück zu meiner verdammten Kotze, in der ich aufgewacht bin, wie der letzte Penner es tun würde.

Wie ein Deschayne es tun würde.

Die geballte Faust fährt erneut in die Höhe, bereit, das verdammte Panzerglas oder aber sich selbst zu zerschmettern, bevor sich im letzten Moment eine ruckartig vorschießende Hand in einem eisernen Griff um mein Handgelenk schließt und mir den Arm fixierend auf den Rücken verdreht.

„Reiss dich zusammen!", höre ich es dicht an meinem Ohr und heule auf, als mein Arm nach einem weiteren Ruck förmlich unter Feuer steht. „Ich habe keinerlei Hemmungen, ihn dir auszukugeln, wenn du dich nicht endlich zusammenreisst!"

Ich winde mich, in dem vergeblichen Versuch, seinen Griff zu lösen, nicht um zu rebellieren, nur um diese Schmerzen, diese gaiaverdammten Schmerzen nicht länger ertragen zu müssen.

„Lass los!", winsel ich und kämpfe gegen die Tränen, die mir in die Augen schießen, „Gaia... Hör auf!"

„Ich habe gesagt, du sollst dich zusammenreissen!"

„...Tseng..." Diese Schmerzen, die sich anfühlen, als würde mir der Arm aus der Schulter gerissen werden. „Ich flehe dich an, Tseng! ...Bitte!" Mein Wimmern wird dünner, als meine Stimme bricht.

Und er lässt los.

Ich falle auf die Knie und halte meinen brennenden, pochenden Arm. Schritte eilen vorbei. Eine Gruppe klackernder Absätze. Ich spüre die neugierigen Blicke auf mir und ignoriere sie, wie sie mich ignorieren. Niemand mischt sich in Turkangelegenheiten ein.

„Ich habe dich nie so sehen wollen, Reno", höre ich nach einer Pause, als die Schritte sich entfernt haben. Seine Stimme spricht plötzlich nur noch von maßloser Enttäuschung und einer seltsamen, bleiernen Müdigkeit, die ihn schon lange zu begleiten scheint, aber dennoch vor einer Sekunde noch nicht zu hören war.

„Warum hast du das dann getan?", flüstere ich tonlos und starre auf seine lackschwarzen, polierten Schuhe direkt vor mir, die genauso glänzen wie seine spiegelglatten Haare.

„Du hast das selbst getan." Er streckt mir die Hand entgegen, die mir eben noch beinah den Arm ausgerissen hätte, um mir aufzuhelfen. „Und ich schätze, das enttäuscht mich am meisten."

Ich ergreife sie mit meiner linken und lasse mich von ihm auf die Füße ziehen.

Ohne ein weiteres Wort geht er voraus und ich folge ganz selbstverständlich. Keine Kraft mehr in mir, erschöpft bis ins Mark, gebrochen für den Moment.

 

~


„Ich habe nach dem Anruf von Tifa umgehend deine Keycard sperren lassen", setzt er mich in Kenntnis. Ich starre durch das Nummernpad des Fahrstuhls hindurch ins Nichts. „Du hättest den Verlust auf der Stelle melden müssen, nachdem du ihn bemerkt hast. Du hast die Sicherheit von ShinRa gefährdet."

Ich antworte nicht. Was kann ich auch sagen. Er hat Recht.

„Nach meinem Verständnis wurden dir ausserdem deine ID Card und der EMR entwendet. Ist das soweit korrekt?" Seitdem er mir auf die Beine geholfen hat, ist seine Stimme wieder reduziert auf geschäftliche Neutralität. Ich deute ein Nicken an.

„Vermisst du sonst etwas? Abgesehen von deinen persönlichen Dingen." Er dreht den Kopf zu mir. Ich kann es im Augenwinkel sehen. „Noch irgendwas an Firmeneigentum oder dergleichen?"

„Mein Telefon, Sir", antworte ich mit heiserer Stimme.

„98. Stock. Zugang nur für autorisiertes Personal", ertönt die Durchsage, als der Fahrstuhl mit einem sanften Ruck hält. Tseng beugt sich vor und zieht seine eigene Karte durch die dafür vorgesehene Vorrichtung neben dem Nummernpad. Der Tower hat zu viele Etagen, um für jede eine eigene Taste zu verwenden. Man tippt stattdessen die gewünschte Zahl ein und bestätigt.

„Zugangsberechtigung verifiziert."

Ein grünes Licht leuchtet über dem Kartenschlitz auf und die Türen öffnen sich mit einem warmen ‚Pling!', das seltsam gedämpft in meinen Ohren klingt.

Die Stockwerke, die eine spezielle Authentifizierung erfordern, gleichen einem Hochsicherheitstrakt. Ich weiss, dass in dem Moment, in dem Tseng seine Karte benutzt hat, ein Signal im Überwachungsraum den zuständigen Diensthabenden aufgefordert hat, einen Blick auf den Monitor zu werfen, um die Identität des Karteninhabers zu prüfen. Jeder einzelne gesicherte Stock verfügt über seinen eigenen Kontrollraum in den Etagen 50 bis 52 mitsamt eigenem, autorisierten Kontrollpersonal. Überflüssig, zu erwähnen, dass im gesamten Gebäude Kameras angebracht sind, die jeden Schritt in jeder Ecke überwachen. Nur die privaten Zimmer des Präsidenten sind davon ausgenommen.

So gesehen ist der Verlust meiner Keycard nicht so sicherheitsgefährdend in der Praxis gewesen, wie es im ersten Moment den Anschein haben mag. Aber wir sind hier bei ShinRa.

Es geht ums Prinzip.

 

~


Ich laufe hinter Tseng über den Hauptkorridor auf dem Weg zu seinem Büro. Unsere Schritte hallen in der Leere. Ausser uns scheint niemand hier. Elena und Ray sind in Kalm. Rude. Ich frage mich, ob Rude noch hier ist. Ich frage mich selbst, aber ich frage nicht Tseng.

Er öffnet die Tür zu seinem Zimmer mit der gleichen Karte, die er im Fahrstuhl benutzt hat und ich betrete nach ihm den Raum, der nur durch das große Panoramafenster mit Licht versorgt wird. Tseng schaltet die Deckenlampe auch nicht ein, sondern läuft geradewegs zu seinem Schreibtisch. Ich weiss nicht, warum, aber er legt Wert darauf, Energie und Wasser nicht zu verschwenden, eine Eigenschaft, die ich vor einer Weile schon bemerkt habe. Geiz kann nicht der Grund dafür sein, denn selbstverständlich muss er hier nichts dafür zahlen.

Vielleicht liegt es an Regel 15: „Wir erwarten von allen Mitarbeitern einen angemessenen und auf Sparsamkeit bedachten Umgang mit Wasser und Strom. ShinRa legt Wert darauf, dass unsere natürlichen Ressourcen auch noch unseren Kindern zur Verfügung stehen, für eine sichere Zukunft, die wir ihnen wünschen." - Was habe ich nicht gelacht.

Vielleicht ist er aber auch einfach so. Letztendlich muss ich gestehen, dass ich nach dreizehn Jahren noch immer nichts über sein Privatleben weiss. Wahrscheinlich liegt es daran, dass er schlicht keines hat.

Er nimmt in seinem Sessel hinter dem massiven Schreibtisch Platz, der durch völlige Abwesenheit persönlicher Gegenstände glänzt, während ich mich auf den Stuhl davor sinken lasse, erst dann bemerkend, dass ich seine Aufforderung nicht abgewartet habe. Doch er sagt nichts.

Ich beobachte, wie er die Hände auf dem Tisch faltet und eine Weile auf meinen rechten Unterarm starrt, den der Ärmel des zu kurzen Pullovers mehr schlecht als recht verdeckt.

„Wenn dein Arm oder deine Hand noch schmerzen sollte, such bitte nachher die medizinische Station auf", bricht er das Schweigen.

„Ist schon wieder in Ordnung", versichere ich. Und es stimmt. Viel mehr macht mir das Rauschen in meinen Ohren zu schaffen, das ich in der Stille des bis auf uns verlassenen Flügels umso deutlicher höre. Mein Blut singt Lieder von Fieber und Schlaf. In der Mitte meiner Stirn fühle ich einen unangenehmen Druck. Und noch immer ist mir kalt.

„Ich will es kurz machen, Reno", beginnt er mit dem wesentlichen Teil unseres Gespräches und ich gebe mir alle Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, dass sich meine Eingeweide zusammenziehen. Meine Erschöpfung und das Gefühl, die Szene durch einen Tunnel zu erleben, stellen sich dabei als Hilfe heraus.

„Dir wird klar sein, dass ich selbstverständlich den Präsidenten über den Vorfall unterrichten musste", fährt er fort. „Für gewöhnlich hätte ich das nicht getan, da es mir obliegt, darüber zu entscheiden, wie ich mit meinen Mitarbeitern verfahre. Da der Verlust deiner Keycard aber ein potenzielles und vor allem akutes Risiko dargestellt hat, musste ich meiner Pflicht nachkommen, Rufus unverzüglich zu informieren. Dazu kommt die Tatsache, dass mir keine Details bekannt waren oder sind, welcher Art der Täter ist, der dich ausgeraubt hat."

„Ich kann es Ihnen nicht sagen, Sir. Ich bin ins Seventh Heaven gegangen, habe mit Cloud geredet und ein Mädchen kennengelernt, aber ich weiss nicht mal mehr, wie sie aussah." Ich reibe die Schreibtischkante vor mir nachdenklich mit dem Daumen, während ich noch einmal versuche, das verlorene Stück Film wiederzufinden. Doch vergeblich. „Dann Filmriss."

„Hältst du es für möglich, dass man dich unter Drogen gesetzt hat?"

„Ich weiss nicht. Eigentlich hab ich mich nur verkatert gefühlt." Ich ziehe die Finger von der Tischkante wieder zurück. „Aber ich kann es nicht völlig ausschließen, schätze ich."

„Gut. Ich will, dass du von hier aus in die Medizinische gehst und dir Blut abnehmen lässt. Sie sollen es auf Rückstände aller gängigen Substanzen überprüfen, die man dir gegeben haben könnte. Nimm den Fahrstuhl bis ins Erdgeschoss und dann die Treppen. Ich werde Bescheid sagen, dass du kommst, damit dich jemand an der Tür abholt, solange du keine neue Karte hast." Bei diesen Worten lehnt er sich zurück, öffnet eine der Schubladen seines Schreibtisches und platziert einen Umschlag vor mir. „Darin ist eine, die dir vorläufig zumindest diese Etage und dein Büro öffnet, bis dir voller Ersatz bewilligt wurde. Wenn du unten fertig bist, möchte ich, dass du dich an deinen Bericht für Reyli setzt. Ich habe Rudes bereits erhalten, aber du weißt, dass ich Wert darauf lege, dass alle Exemplare zügig verfasst werden."

„Ja, Sir." Ich nehme den Umschlag an mich und behalte ihn in den Händen, da ich mich halb erheben müsste, um ihn in die Hosentasche zu quetschen.

„Ich nehme an, du fragst dich, welche Konsequenzen du für dein Handeln zu erwarten hast", kommt er endlich zum Punkt. Es kostet mich alle Beherrschung, die ich noch habe, seinem Blick standzuhalten.

„Ich kann es dir leider nicht sagen, Reno, sonst hätte ich es bereits getan. Der Präsident hat darauf bestanden, die Entscheidung darüber persönlich zu treffen und mich bisher nicht unterrichtet, sofern er vorhat, das zu tun. In so einem Fall sind mir die Hände gebunden."

Die denkbar schlimmste Möglichkeit, selbst vorhin unter der Dusche nur entfernte Gedankenspielerei, bekommt plötzlich erdrückend reale Konturen. Denn würde es um eine gängige Strafe gehen, würde Rufus Shinra kaum seine kostbare, persönliche Zeit mit etwas verschwenden, was Tseng genauso gut erledigen könnte.

„Ist Rude noch hier?", frage ich nun doch noch verspätet.

„Ich habe ihn nach Hause geschickt, nachdem er seinen Bericht fertiggestellt hat. Du kannst ihn von deinem Büro aus anrufen." Und erst jetzt, nach seinem letzten Satz, begreife ich selbst, warum ich gefragt habe.

Tseng hat es offensichtlich vor mir erkannt.

„Du bist dann entlassen für jetzt", sagt er abschließend. Ich richte mich auf und kämpfe gegen den abrupten Schwindel und die Schwärze vor den Augen, die meiner Bewegung folgen. Entweder bemerkt er es nicht oder er will es nicht kommentieren.

Als ich bereits die Tür geöffnet habe, sagt er doch noch etwas.

„Ach, Reno...", beginnt er zögerlich und ich drehe mich um.

„...Vielleicht ist es besser, wenn du Elena nicht anrufst."

 

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Die Erde bebt.

Nein, realisiere ich allmählich. Es ist nur mein schlotternder, verkrampfter Körper, der mich geweckt hat. Die unkontrollierbaren Kontraktionen meiner Muskeln. Schüttelfrost.

Ich liege zusammengekrümmt auf der Seite, die Knie an die Brust gezogen und fest mit den Armen umschlungen, im vergeblichen Versuch, mir selbst im Schlaf Wärme zu spenden.

Seltsam, dass ich bloß höchstens 29 Minuten geschlafen haben soll. Aber vielleicht ist mein inneres Zeitgefühl einfach nur durcheinander. Ich habe doch den Alarm gestellt? ...Nicht?

Ich schlage die Lider hoch und vergesse auf der Stelle jeden Gedanken an die Zeit. Ich habe das Fenster verdunkelt, als ich meinen brennenden Augen eine Pause hatte gönnen wollen, doch das Zwielicht des nur vom Monitor erhellten Zimmers reicht völlig aus, um die Gestalt zu erkennen. Die Figur, die in dem herangezogenen Bürosessel vor meinem Couchtisch sitzt und stumm meinen Blick erwidert. Komplett in weiss gekleidet mitsamt seinem hellblonden Haar und den blauen Augen sieht er aus wie der Engel, als der er ohne Frage nicht hier ist.

Es sieht ihm ähnlich, dass er warten würde, bis ich wach bin, um es zu tun.

Und ich habe nicht mal Angst. Ich friere einfach nur.

„Es tut mir leid, Sie enttäuscht zu haben, Sir", flüstere ich zähneklappernd von meinem Platz auf dem Sofa herüber und meine es auch so. „Ich habe Verständnis für das, was Sie tun werden." Wenn ich auch nicht sehen kann, wie. Zumindest seine geliebte Shotgun kann ich nirgendwo entdecken. Aber ich zweifel nicht an seiner Kreativität. Dass er etwas Angemesseneres gefunden hat. „Wahrscheinlich würde ich an Ihrer Stelle genauso handeln", schließe ich meine kurze Rede und gleichermaßen wieder meine Augen.

Ich hoffe nur, es wird nicht wehtun. Ich hatte schon genug Schmerzen heute.

„Interessant", erfolgt sein Kommentar nach einer halben Ewigkeit oder auch nur einigen Sekunden. „Wenn es mich auch nicht überraschen sollte, dass dir so viel an meinem Wohlergehen liegen würde. Du warst immer ein exzellenter Bodyguard."

Ich habe keine Ahnung, wovon er redet und öffne fragend die Augen.

Er steht auf und streicht routiniert das Jackett und seinen Übermantel darüber glatt, bevor er zu meinem Computer geht und sich auf den Schreibtisch gestützt dem Monitor widmet. Ein paar seiner goldenen Strähnen fallen ihm in die Augen und er wischt sie ungehalten zur Seite.

„Ich war so frei, mir deinen bisherigen Bericht durchzulesen, während du geschlafen hast. Ich hoffe, du hast nichts dagegen", setzt er mich in Kenntnis, den Blick noch immer über meine Arbeit schweifen lassend. Im unschmeichelhaften Licht des Bildschirms wirkt er bleich und überspannt. Ein rötlicher Schatten scheint die Augen zu umranden.

„Selbstverständlich nicht, Sir." Vielmehr beschäftigt mich die Frage, wie lange er schon hier ist und ob er den Alarm ausgeschaltet hat. Die Vorstellung hat etwas zutiefst Beunruhigendes.

„Dann hast du auch sicherlich nichts einzuwenden, wenn ich dich wissen lasse, was ich davon halte", stellt er folgerichtig fest und wendet mir wieder den Blick zu, wobei ihm die Haare erneut ins Gesicht rutschen.

„Natürlich nicht, Sir."

Ich muss nicht sehen, was er tut, um es zu wissen, als seine Finger blind ein paar Tasten drücken, während sein Blick noch immer an mir haftet. Ich hasse es, wenn er das tut. Wenn man ihn zu lange anschaut, hält er einen fömlich mit den Augen fest, so dass man nicht mal mehr wegschauen könnte, wenn man wollte.

„Nimm es nicht persönlich", bittet er mit sachlicher Stimme und richtet sich wieder zu seiner vollen Größe auf, „in deiner momentanen Verfassung war nichts anderes zu erwarten. Es ist völliger Unfug, dich in diesem Zustand einen Bericht schreiben zu lassen, sofern er etwas taugen soll."

Sprachlos kleben meine Augen an ihm, während er wieder zu meinem Bürostuhl geht und seine Hände auf der Rückenlehne platziert. Nicht, dass ich erleichtert wäre. Dazu besteht noch immer kein Grund. Ich wünschte nur, er würde aufhören, mit mir zu spielen.

„Ich weiss nicht, wie Tseng es hält, aber ich ziehe sorgfältige Arbeit vor", bemerkt er und erinnert mich einmal mehr an die Tatsache, dass er sich selbst gern reden hört.

Als keine Antwort meinerseits erfolgt, weil ich schlicht nicht weiss, was ich sagen soll und mir nicht nach Small Talk gerade ist, entschließt er sich, endlich zum Wesentlichen zu kommen: „Ich bin hier, um dich auf die Krankenstation zu begleiten, wo du heute und die folgende Nacht auf meine Anweisung hin verbringen wirst. Sofern dein Zustand es zulässt, kannst du morgen nach Hause gehen. Vor Montag will ich dich allerdings nicht mehr im Dienst sehen. Selbstverständlich wirst du für deinen letzten Fehltritt entsprechende Konsequenzen tragen. Aber darüber können wir dann am Montag sprechen."

„Sie wollen mich nicht umbringen?", frage ich plump und verfluche mich im gleichen Moment selbst. Es ist einfach rausgerutscht. Oder die Ungewissheit setzt mir doch mehr zu, als ich selbst wahrhaben will.

Sein Kopf zuckt minimal zurück in offensichtlicher Irritation, die sich ebenfalls in den blauen Augen widerspiegelt. Kann es sein, dass er einfach vergessen hat, weswegen schon Menschen durch ihn ihr Leben lassen mussten? Hat er die Gräte verdrängt?

„Glaube mir", sagt er dann und nichts an ihm zeugt mehr von etwas anderem als seiner üblichen, perfekten Selbstbeherrschung, „würde ich solche Absichten hegen, hätte ich es schon vor langer Zeit getan. Deine Grenzüberschreitungen sind schließlich kein neues Phänomen. Steh auf, Reno."

 

~


Hundert Stockwerke sind selbst für einen High Speed Lift eine lange vertikale Strecke. Noch länger für den, der sich elend fühlt und nassgeschwitzt versucht, gegen die Kälte anzukämpfen, die nur er empfindet.

Aber nichts verlängert den Weg hinab in die medizinische Abteilung so sehr wie die Anwesenheit von Rufus Shinra an meiner Seite.

Die ganze Zeit nagt an mir das Gefühl, ich müsse irgendwas sagen, reden, ihm geben, was er vielleicht von mir erwartet, auch wenn ich keine Ahnung habe, was das sein könnte. Es ist zu spät, um noch aus dem Nichts mit einem simplen ‚Danke, Sir!' herauszurücken und das Wetter zu kommentieren, wäre ein schlechter Scherz, den er zurecht als Beleidigung auffassen würde.

Also tänzel ich zitternd auf meinen Füßen hin und her und feuere den Fahrstuhl an, den ShinRa - Präsidenten sowie die peinliche Stille, die uns wie eine Vakuumblase umhüllt, bestmöglich ignorierend.

Besagter Präsident jedenfalls scheint mein Problem nicht zu teilen, denn ohne jeden Zweifel befindet er sich gerade inmitten einer ausserkörperlichen Erfahrung, wie mir ein flüchtiger Seitenblick offenbart. Die kalten Eisaugen stur nach vorn gerichtet, steht sein Körper stocksteif und starr neben mir, während sein Geist auf der Damentoilette spannt oder wasauchimmer treibt.

Vier Stockwerke lang ringe ich mit mir, ob ich ihn auf das, was ich eben entdeckt habe, hinweisen soll und ergreife schließlich die Gelegenheit, das Schweigen zu brechen.

„Sie, ähm... Sie haben da eine Wimper, Sir", erkläre ich zaghaft, zur Verdeutlichung an meine eigene Wange tippend, in der Hoffnung, er gehört zu jenen, die es vorziehen, dass man ihnen so etwas sagt.

Er klimpert irritiert mit den Augenlidern, als müsse er tatsächlich erst in seine fleischliche Form zurückfinden, bevor sein Blick zu mir herüber flattert. Im nächsten Moment scheint er jedoch zu begreifen, was ich eigentlich gesagt habe und wischt sich mit dem Handrücken über die Stelle, auf die ich an mir selbst gedeutet habe. Ein fragender Blick aus den blauen Augen und ich deute ein verneinendes Kopfschütteln an.

Warum kann ich auch nie die Klappe halten. Und der Fahrstuhl nimmt heute definitiv irgendeinen Umweg durch eine Parallelldimension, in der die Deckenhöhe der einzelnen Etagen dreifach so hoch ist.

Ich sehne mich in die zerplatzte Blase gemeinsamer Wortlosigkeit zurück, während er sich erneut über die Stelle fährt, diesmal mit den Fingerkuppen, jedoch von genauso wenig Erfolg gekrönt und die Peinlichkeit sich steigert wie die Spannung in einem wirklich guten Film. Einem verflucht guten Film.

Aber lerne ich je? Unfähig, auch nur einmal die Dinge nicht schlimmer zu machen, als sie bereits sind, aber in meinem ewig naiven Optimismus, eine Situation doch noch retten zu können, schießt meine eigene Hand plötzlich vor zu seiner Wange und verharrt in letzter Sekunde in der Luft. Die Überraschung, die sich auf seinem Gesicht abzeichnet, wird von meinem eigenen Entsetzen noch übertroffen.

Man mag Mordanschläge auf Rufus Shinra verüben, aber man berührt ihn nicht.

„Äh-...", ich schlucke nervös, „Darf ich?"

Sein Kopf neigt sich unmerklich vor zu meiner Hand - eine seltsam intime Situation - und da er schweigt und ich noch lebe, interpretiere ich es wagemutig als Zustimmung. Mit gespitzten Fingern pflücke ich die ziemlich festgeklebte Wimper von seiner Haut, um anschließend den Übeltäter auf meiner Fingerspitze zu betrachten, bevor ich ihn herunterpuste.

„Sie dürfen sich was wünschen!", plappere ich erleichtert und um das bizarre Szenario aufzulockern.

„Was?" Seine Stimme und die ungewöhnlich saloppe Antwort offenbaren, dass er keine Ahnung hat, wovon zur Hölle ich rede.

„Wenn man eine Wimper verliert, darf man sich etwas wünschen", erkläre ich freimütig rumhibbelnd und lasse das Detail, dass er sie dazu selbst hätte wegblasen müssen, unter den Tisch fallen. Für den Moment scheine ich ihn genug aus dem Konzept gebracht zu haben.

„Ich glaube nicht an so einen Unsinn." Sein Blick ist wieder eisern nach vorn gerichtet, als endlich die Durchsage ertönt, dass wir tatsächlich dort angekommen sind, wo wir hin wollten, was nach dieser Fahrt plötzlich gar nicht mehr so selbstverständlich scheint.

„Es soll bloß Spaß machen", zucke ich mit den Schultern, „und was kann's schaden?"

„Eine Menge, Reno", antwortet er halb an sich selbst gerichtet, während er die Tür mit seiner Karte öffnet. Und eine blitzartige Geisteseingebung, die keinerlei Wurzel in der Realität zu haben scheint, lässt mich erahnen, was die Wimper so hartnäckig an seiner Haut hat festhalten lassen.

Wäre da nicht die Tatsache, dass dieser Mann niemals weint.

2. Honig, Eis und Kirschen


Sonntag, 14. Mai 2011

„Ich dachte, hier unten gibt es keine Fenster." Mein breitestes Lächeln umsäumt meine zuckersüßen, triefenden Worte. „Und trotzdem hat mich ein Sonnenstrahl geweckt."

Doch als sie ihren Kopf anhebt und ich die verquollenen, geröteten Augen sehe, erschlaffen meine Mundwinkel.

„Hey, ich bin bloß erkältet", scherze ich schwach, was sie mit einem gezwungenen Lächeln ihrerseits quittiert. Ihre Unterarme ruhen auf Höhe meines Bauches auf der Bettdecke neben meinem nassgeschwitzten Körper. Sie trägt ihre Uhr nicht. Ich frage mich, wie spät es sein mag, doch die besagte Fensterlosigkeit reduziert jede Einschätzung auf bloßes Raten.

Nur ihre Anwesenheit bestätigt, dass es mindestens Sonntag Abend sein muss.

Dann hab ich verdammt lang geschlafen. Die gute Verfassung, in der ich mich inzwischen wieder befinde, spricht zumindest dafür.

Sieht aus, als hätte das freundliche, medizinische ShinRa Service Team sich alle Mühe gegeben, das verletzte Glied in der Kette wieder schnellstmöglich funktionstüchtig zu bekommen. Der Schweiss, in den ich gebadet bin, ist nicht mehr eine Folge des Fiebers, sondern vertrautes Nebenprodukt der Heilmateria, die in mir wütet. Leider unterscheidet sie nicht zwischen willkommenem Freund und Feind. Als ich das Kinn an die Brust ziehe, sehe ich meinen bereits fast komplett abgeschwollenen Nippel, fröhlich und rosa wie eh und je. Und leider auch genauso ungepierced.

Der blassgelbe Fleck in meiner linken Armbeuge zeugt ebenfalls von der erfolgreichen Therapie. Gestern beim Blutabnehmen haben die Idioten mich völlig zerstochen auf der Suche nach einer geeigneten Vene, obwohl ich davon genug habe. Aber jetzt ist der Bluterguss bereits schon wieder im Rückzug.

„Reno...", beginnt sie zögerlich und es versetzt mir einen Stich, ihrer Stimme anzuhören, dass sie viel geweint haben muss.

„Was ist los, Baby?" Ich ziehe die Augenbrauen zusammen und mir kommt ein Gedanke. Es muss keineswegs schon Sonntag abend sein...

„Ray ist tot."

 

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17. Januar, 2011
4 Monate zuvor

„Kleiner Konferenzraum. Hm. Sieht das aus wie einer?" Wir stehen dümmlich wie bestellt und nicht abgeholt vor der unbekannten Tür. Ich tippe mit dem EMR an das Holz.

„Vielleicht wäre das leichter zu sagen, wenn du ihn einfach mal aufmachen würdest?" Dass Rude auch immer so praktisch veranlagt sein muss.

„Dir hat er auch keine Zimmernummer genannt, oder?", frage ich stattdessen und werfe einen Blick auf das Schild - 9811 - nur um genauso schlau wie vorher zu sein.

„Ah, ihr seid ja schon da!" Wir drehen beide die Köpfe zu Elena, die in diesem Moment in unsere Richtung den Flur entlanggeschritten kommt. „Warum steht ihr denn noch hier? Hat Tseng gesagt, wir sollen draussen warten?"

„Heh, nein. Wir haben auf dich gewartet!" Ich schiebe die Sonnenbrille ein Stück höher auf meine Stirn, um davon abzulenken, dass ich Rude diskret anstoße, der aber bloß indiskret seufzt.

„Echt? Das ist ja lieb!" Sie quetscht sich zwischen uns und öffnet den Raum mit ihrer Karte. Wir folgen weit weniger enthusiastisch in das kleine Zimmer, das praktisch nur aus einem teuer aussehenden Tisch mit den passenden Stühlen besteht, die genauso edel wie unbequem scheinen. Kann ich nicht verstehen, sowas. Ich will auf meinen Möbeln gut sitzen, nicht gut aussehen. Gut aussehen tu' ich sowieso, dazu brauch ich keinen Stuhl unterm Arsch für 1500 Gil das verdammte Stück.

Der Konferenztisch bietet Plätze für acht Personen und ich setz mich in die hinterste Ecke an der rechten Längsseite, am weitesten weg vom Kopfende, also dort, wo ich hoffentlich am wenigsten auffalle. Rude ist so nett, seinen Hintern neben mir zu pflanzen und die Sicht auf mich zusätzlich zu blockieren, wofür ich ihm heimlich danke. Nicht, dass ich irgendwas getan hätte, aber Tseng hat mich seit kurzem offenbar auf seiner schwarzen Liste, auch wenn ich keine Idee habe, womit ich es darauf geschafft haben könnte. Jedenfalls, immer wenn er mich in letzter Zeit sieht, fällt ihm irgendwas ein, was plötzlich Scheisse an mir ist, aber eigentlich noch nie anders war. Also mach ich besser einen auf unsichtbar, bis er seine Wechseljahre oder was auch immer ihn plagt, hinter sich gelassen hat.

„Gut, ihr seid da", kommt er hereingefegt, ohne uns wirklich gesehen zu haben. Er schafft es, trotz seines Tempos die Tür völlig lautlos zu schließen und schreitet zu seinem Platz. Direkt hinter seinem Stuhl bleibt er jedoch einfach stehen, die Hände auf der Lehne ruhend. „Ich will es kurz machen."

Der entscheidende Unterschied zwischen Tsengs und Rufus' Reden ist der, dass Tseng zumindest nicht lügt, wenn er sagt, er will es kurz machen. Er schafft es nur eben nie. Rufus hingegen rollt sein Gelaber regelrecht mit nem Nudelholz absichtlich platt, um mehr Worte rauszuschinden, auch wenn sie am Ende dünn genug sind, um die Zeitung durch zu lesen.

Der simple Satz ‚Morgen soll's regnen.' würde bei Tseng ungefähr zu dem hier werden: ‚Wie wir dem Wetterbericht entnehmen konnten, wurde für morgen Regen vorhergesagt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 80%. Da sich der Bericht bislang als zuverlässige Quelle erwiesen hat, empfiehlt es sich, für den morgigen Tag entsprechende Vorkehrungen in Form von angemessener Kleidung und dem Mitführen von Regenschirmen zu treffen. Achtet bittet darauf, dass diese leicht verstaubar sind, für den Fall, dass sie doch nicht zum Einsatz kommen werden.'

Bei Rufus würde es dann so anfangen: ‚Meine Damen und Herren, der morgige Tag wird ein schwarzer in der Geschichte von ShinRa. Wieder einmal ziehen dunkle Wolken über uns auf, aber wir werden auch diese Hürde überwinden, wie bereits alle anderen zuvor. Erinnern wir uns und werfen einen Blick zurück, um aus den Triumphen der Vergangenheit die nötige Motivation zu gewinnen, auch dieser Herausforderung zu trotzen...' Und es wäre nach vierzig Minuten noch immer nicht vorbei. Es wäre noch nicht mal beim Regen angekommen.

„Wie ich euch gegenüber bereits schon in diversen Einzelgesprächen zuvor angedeutet habe, werde ich in Zukunft einen nicht geringen Teil meiner Arbeitszeit als Präsident Shinras persönlicher Berater fungieren in allen Angelegenheiten, die die geplante Umstrukturierung des ShinRa Konzerns betreffen. Der Präsident bittet mich als sein langjähriger Vertrauter ausdrücklich darum, und selbstverständlich habe ich ihm meine volle Unterstützung zugesichert. Das bedeutet, dass ich nicht mehr im jetzigen Maße an Aussenmissionen werde teilnehmen können, die meine Anwesenheit nicht dringend erfordern." Er lässt seine Augen des Effekts wegen kurz zu jedem von uns wandern. Bislang hält Elena sich tapfer, aber ihre eingefrorene Miene und die minimal vorgestülpte Unterlippe sprechen Bände. Vor allem verraten sie, dass sie anscheinend bis zuletzt gehofft hat, es würde doch noch anders kommen. Es ist sowas wie ein offenes Geheimnis, dass sie seit etwa hundertfünfzigtausend Jahren einseitig in Tseng verknallt ist. Und mit ‚offen' meine ich ‚sperrangelweit offen'. Vom Personal an der Pforte über Tseng selbst bis hin zu Rufus - es weiss wirklich jeder.

„Um eines aber absolut klarzustellen", fährt er fort, jedes einzelne Wort präzise betont, um zu untermalen, wie wichtig das Folgende ist: „Ich bin weiterhin in erster Linie Turk und euer direkter Vorgesetzter. Ich trete weder zurück noch habe ich vor, in absehbarer Zeit in Rente zu gehen oder was auch immer für Gerüchte in den unteren Etagen kursieren mögen. Ob euch das erleichtert oder enttäuscht, ist mir dabei herzlich egal."

„Ähm, Sir...", ich wedel mit meiner Hand hinter Rude herum, mich vor und zurück beugend, „Geh mir doch mal aus der Sonne, Mann!", um ihn dann einfach mit meinem Mag Rod an seiner Brust nach hinten gegen die Stuhllehne zu drücken, „Sir, kriegen wir dann Frischfleisch?"

„Das kommt drauf an, wen du mit ‚wir' meinst, Reno. Du und Rude? Nein. Wir, die Turks? Ja." Ein Schmunzeln macht sich auf seinen Lippen breit, als er genau studiert, wie wir die frohe, wenn auch nicht ganz überraschende Botschaft aufnehmen. Irgendwer muss schließlich die Lücke füllen. „Ich habe diesen Tag nicht zufällig gewählt, um mit euch zu sprechen. Unser neues Mitglied wird heute aus Junon hier ankommen."

„Eh, Moment mal, Moment mal!", kräh ich empört und erheb gleichermaßen mit der Stimme meinen Hintern halb vom Stuhl. „Als ich das letzte Mal nachgesehen hab, hatte ich noch das zweite Kommando! Wieso hab ich nichts davon gewusst? Und wieso triffst du so eine Entscheidung ohne mich?"

„Weil es eine Entscheidung für den ist, der das erste Kommando hat. So einfach ist das auch schon. Ausserdem sind Gespräche mit Bewerbern für den Turk - Posten keine Gelegenheit, sich in Sadismus und Sprüchen zu üben, die du für cool halten magst", erklärt er ungerührt.

„Ach komm, Tseng! Ich hätt' sie nur aufs Leben vorbereitet!" Aber vor allem hab ich schon so geile Sprüche vorbereitet!

„Und mit ‚Leben' meinst du ohne jeden Zweifel das Leben in einer Abteilung mit dir." Bevor ich weiter protestieren kann, fügt er hinzu: „Ich bin ausserdem ziemlich zuversichtlich, dass du einverstanden sein wirst, wenn du sie heute erst einmal kennengelernt hast."

„Sie?", quietscht Elena spitz, viel lauter als sie wohl selbst geplant hat, und schafft es allein durch ihren Tonfall deutlich zu machen, dass sie im Grunde damit meint, dass sie keine verdammte Schlampe hier haben will, die vielleicht besser aussieht, talentierter ist und Tseng angräbt - und das alles verpackt in nur dem einen Wort.

„Ja, eine Frau. Ihr Name ist Ray. Ihr Vater stammt aus Wutai und arbeitet seit einer Weile in unserem Stützpunkt in Junon als Ausbilder. Sie selbst wurde lange Zeit von einem der besten Schüler Zangans unterrichtet. Unsere Standardtests hat sie zumindest mit bravour bestanden und ich gehe davon aus, dass sie sich hier in der Praxis genauso gut machen wird. Aber selbstverständlich wird sie genau wie jeder andere eine gewisse Zeit brauchen, sich hier einzuarbeiten." Seine Augen bleiben das erste Mal länger auf Elena ruhen. „Elena, ich habe vollstes Vertrauen in dich, dass du ihr als deine neue Partnerin all die Hilfe und Unterstützung zukommen lassen wirst, die du selbst als Anfängerin erfahren durftest."

Autsch.

Tseng übergeht die Grabesstille, die sich plötzlich breit macht, weil Rude und ich mit dem mitgefühlten, verbalen Tritt in die Eier kämpfen, während Elena zwar grundsätzlich keine Eier ihr eigen nennen mag, aber in diesem Moment ihrem Gesicht nach zu urteilen, definitiv zwei in der Hose hat. Mindestens zwei. Und bei Gaia, sie tun weh!

„Da ihr sie heute noch kennenlernen werdet, habt ihr ja die Möglichkeit, später alles Weitere, was euch interessiert, selbst zu fragen. Das wäre es für den Moment. Ihr könnt gehen. Du nicht, Elena, ich möchte mich mit dir noch gern unter vier Augen unterhalten", entlässt er zwei Drittel von uns und nimmt tatsächlich endlich Platz auf dem Stuhl vor sich.

Vergiss es, Junge. Das kannst du nicht mehr mit ein paar netten Worten kitten.

Draussen vor der Tür, ausser Hör- aber leider auch ausser Lauschweite, lass ich meinem Frust vollen Lauf.

„Und der Kerl hat den Nerv, mich sadistisch zu nennen? Wie kann er mir das verdammt nochmal antun!" Ich schwing den Mag Rod vor mir her wie einen Baseballschläger, bereit, irgendwelche imaginären Schädel einzuschlagen.

„Dir?" Rude wirft mir einen ungläubigen Seitenblick zu.

„Ja, Mann, mir! Ich meine, ich bin immerhin derjenige, der jetzt wieder die nächsten drei Wochen die Eimer Vanille - Eis mit ihr abends vor dem Fernseher leer fressen darf! Er könnte ja nach all den Jahren auch mal vorbeikommen und nen Löffel mitbringen, wenn er schon der verdammte Grund dafür ist, dass ich ungefähr alle sechs Monate drei Kilo zunehm!"

„Das ist also der Grund, warum man dich zweimal im Jahr tatsächlich im Trainingscenter findet?"

„Der einzige verdammte Grund! Ich könnt' ‚Die Sonne über Wutai' inzwischen im Alleingang synchronisieren!"

„Sieh bitte davon ab, es mir zu demonstrieren."

„Meine Prinzessin Lyn Chang ist vom Original nicht zu unterscheiden!"

„Ich glaub's."

 

~


Oh Elena. Arme Elena.

Das ist das erste, was ich denke, als ich den Anklopfer in mein Büro einlade - mit einem freundlichen „Verpiss dich, ich hab Pause!" - und die Tür sich öffnet.

Schief in meinem Eingang lehnend, fast so schief wie das Lächeln auf den dunklen, tief kirschroten Lippen, das ich selbst nicht schiefer hinbekommen würde, steht ohne jede Frage Ray. Nicht nur daran erkennbar, dass sie eine Turk Uniform trägt, sondern leider ist es auch so, dass bis jetzt zumindest fremde Frauen von dem Kaliber nicht von allein bei mir anklopfen, nur um sich vorzustellen.

„Darf ich reinkommen?", fragt sie, sofort erfassend, welche Wirkung sie auf mich hat und gleichzeitig offensichtlich daran gewöhnt.

„Klar." Ich mache, blöd im Raum rumstehend, eine einladende Geste mit der Hand und sie tritt mit verschränkten Armen ein.

Okay, sie ist eine Kandidatin für die B-Taktik. Die A-Taktik, die ich meist anwende, besteht aus offensivem Baggern, meinen Charme und mein Aussehen bis zum Letzten ausreizend. Aber die hier sieht selbst gut aus und verflucht, sie weiss es - Zeit, den Desinteressierten zu mimen.

Sie kommt also zu mir geschritten, um mir die Hand zu geben und ich bemerke amüsiert wie fasziniert, dass sie tatsächlich die Männervariante der Uniform trägt und so wie es scheint, auch noch eine Nummer zu groß. Die Kleidung für Frauen, die von weiblichen Turks normalerweise genutzt wird, ist etwas anders geschnitten, besonders um die Taille herum. Irgendwie bin ich mir aber fast sicher, dass sie ihre Wahl fürs falsche Geschlecht bewusst getroffen hat, denn gaiaverdammt, das zu große, über der Hose hängende Hemd und die lässig gebundene Krawatte - im Gegensatz zu mir trägt sie eine - vollbringen das Wunder, sie reizvoller wirken zu lassen als jedes enge, tief ausgeschnittene Kleid es könnte.

Ihr Händedruck ist verblüffend fest und erinnert mich daran, dass ich nicht bloß eine attraktive Frau in Turk Uniform vor mir habe, sondern einen leibhaftigen Turk. Einen kleinen. In jeder Hinsicht, denn ich schätze sie auf höchstens 1,65m.

„Du bist also Reno", stellt sie fest, „ich hab zwar schon eine Menge über dich gehört, aber wahrscheinlich sollte ich nur die Hälfte davon glauben. Hm, ich hab eigentlich nicht wirklich viel Zeit gerade, aber ich wollte dich unbedingt auch noch kennenlernen." Dann wandert ihr Blick zu meiner Pornocouch und sie verkneift sich halbherzig das Grinsen.

Was hat sie gehört? Und noch viel wichtiger: Von wem?!

„So? Was erzählt man denn so über mich?" Ich folge ihrem Blick zu dem großen, schreiend roten Sofa mit dem samtigen Stoffbezug und kann mir denken, was sie denkt. Nur, es ist wirklich nicht so. Tseng hatte uns hoch und heilig versichert, wir würden volles Bestimmungsrecht über die Einrichtung unserer Büros im neuen Tower bekommen und da ich es eben in jeder Hinsicht bequem mag, wollte ich zum einen eine Couch und zum anderen nicht so ein Ledermonster. Ich mag Leder nicht. Es ist kalt, fühlt sich nicht gut an und knarzt bei jeder verdammten Bewegung. Ich geb zu, den Bezug hab ich bloß ausgewählt, um Tseng etwas zu provozieren und es ist mir voll und ganz gelungen. Er war definitiv nicht begeistert und hat mich gefragt, ob ich vorhabe, Porno Castings in meinem Büro zu veranstalten, aber letztlich musste er zu seinem Versprechen stehen. Und so hat das Ding seinen Namen wegbekommen. Ihm gerecht werden tut es aber nicht, denn ich schwöre hoch und heilig, es ist noch niemals was drauf abgegangen, ausser diverser spektakulärer Fürze während meiner Pausen vielleicht. Die Idee mit den Castings hab ich trotzdem immer im Hinterkopf behalten. Im Alter könnte sich ein zweites Standbein rentieren.

„Dass du schon 30 wärst zum Beispiel." Sie grinst, während sich in rasendem Tempo düstere, schwarzgrüne Sturmwolken in meinem eigenen Gesicht zu einem brodelnden Gewitter zusammenziehen. Sie kann es nicht wissen, aber sie hat den einen Fehler gemacht, den man mir gegenüber nicht machen darf.

„Wer erzählt so einen Scheissdreck? Ich bin 25. Merk dir das, Lady!" Die ersten Blitze, die in meinen Augen aufzucken, können ihr nicht entgehen.

„Hey, ich hab doch gesagt, ich glaub nicht alles, was ich gehört habe. Du siehst auch eher aus wie 25 als 30", versucht sie mich mit einem Lächeln milde zu stimmen, nur um sich im nächsten Moment noch tiefer hineinzureiten: „Allerdings hat man mir auch gesagt, dass du genau so reagieren würdest."

Rude. Du verdammtes Arschloch.

„Wenn ich sage, ich bin 25, dann bin ich 25, Rookie! Wenn du so viel über mich gehört hast, dann sicher auch, dass ich direkt nach Tseng hier das Sagen habe!", weise ich sie in ihre Schranken. Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder dahergelaufene Neuling rausnehmen kann, mich auf mein Alter anzusprechen? Auch wenn dieser Neuling verflucht nochmal wirklich gut aussieht. Und mit wirklich meine ich wirklich wirklich. Das rabenschwarze, glatte Haar, das ihr fast bis zur Taille reicht, ist einen Tick feiner als Tsengs, aber trotzdem verrät es eindeutig ihre halbe Wutai Abstammung, genau wie die ausgeprägten Wangenknochen und die leichte Milchkaffeefärbung ihrer Haut. Die vollen, glänzenden Lippen scheinen das einzig Geschminkte in ihrem Gesicht zu sein, sofern ich das beurteilen kann, und ziehen dadurch umso mehr alle Aufmerksamkeit auf sich - fast wie meine Pornocouch. Ich sollte den Anblick genießen, bevor Tseng als alter Spielverderber der er ist, ihr nahelegen wird, sich angemessener zu geben. Und das kann nur eine Frage von Tagen sein. Was rede ich. Stunden.

„Okay, ich hab verstanden, Sir!" Sie senkt den Blick, aber nicht, ohne mich dabei selbst abzuchecken. Shiva, ich wette, das ist der einzige verdammte Grund, warum sie nach unten schaut.

Eine angespannte Stille macht sich breit und ich bereue meine harschen Worte fast ein wenig. Aber nur fast. Und nur, weil ich felsenfest entschlossen bin, diese Frau noch innerhalb der nächsten sieben Tage so dermaßen durchzuvögeln, dass sie danach ihr eigenes Alter nicht mehr weiss und sich glücklich schätzen kann, wenn sie noch in der Lage sein wird, geradeaus zu laufen. Ich kann jetzt schon voraussehen, dass das in jeder Hinsicht sieben verdammt harte Tage werden, also ist jede Auseinandersetzung, die meinen Erfolg herauszögert, eine zu viel.

„Oh hey, ist das ein EMR?" Ihre Augen leuchten plötzlich auf, als sie den Mag Rod auf meinem Schreibtisch entdeckt und bevor ich eingreifen kann, hält sie ihn auch schon in ihrer Hand.

„Leg den wieder hin, wenn du nicht damit umgehen kannst", warne ich sie, auch wenn es mir gefällt, dass ihr Interesse tatsächlich echt scheint.

„Ich hab die noch nie live gesehen, aber keine Sorge, ich drück nirgendwo drauf. Ich hab mir in Junon gern die früheren ShinRa Kataloge angesehen, da waren in den ganz alten Ausgaben noch welche drin. Die wurden doch eingestellt, oder? Weil die meisten sie für zu umständlich und nicht effizient genug gehalten haben, nicht?" Ihr Blick gleitet die Waffe hinab zu ihrer Hand und wieder hinauf.

„Das liegt daran, dass die meisten zu dumm sind, sie richtig zu handhaben", erkläre ich, nicht ganz ohne Stolz. „Wenn man den Umgang damit gemeistert hat, sind sie wesentlich effizienter als Handfeuerwaffen." Ausserdem kann man besser mit ihnen herumspielen, aber das zuzugeben, würde meine Professionalität signifikant verringern.

„Ist das einer aus der letzten Reihe? Der 3er?", fragt sie, um sich eine Sekunde selbst die Antwort zu geben. „Nein, der ist modifiziert, nicht? Der 3er hatte die Basis mit Gummi ummantelt. Und nur zwei Knöpfe an der Seite." Kluges, kluges Mädchen. Aber was habe ich eigentlich erwartet? Tseng stellt nicht nach Optik ein.

„Ich hab ihn meinen Bedürfnissen angepasst", äußere ich knapp, nicht mehr richtig wissend, was ich davon halten soll, dass sie mittlerweile mehr Interesse an meiner Waffe zeigt als an mir.

„So?" Sie wirft mir einen zweideutigen Blick zu. „Wieviel macht er?"

„Im Moment etwa maximal 0,12 Milliampere bei 800 Volt über 12 Sekunden. Hängt aber stark von der Materia ab", erkläre ich ganz beiläufig, aber beobachte sie sehr genau.

„Sicher, dass du nicht 0,12 Ampere meinst?" Sie zieht grinsend eine Augenbraue hoch und ich kann nicht anders, als es langsam zu erwidern. Sehr kluges Mädchen. In der Tat. „Wie ist eigentlich Shinra so?" Sie legt den EMR wieder an seinen Platz zurück und schlendert, sich weiter umschauend, durch mein Büro. Ich versuche, meine Augen nicht zu auffällig dem Fakt zu widmen, dass sie verdammt riesige Dinger hat, die sich bei jeder ihrer Bewegungen unter dem Hemd abzeichnen. Vielleicht der wahre Grund, warum sie es eine Nummer zu groß trägt. Sie sind fast schon zu riesig für meinen Geschmack, mehr als eine Hand voll brauche ich nicht, aber Gaia, ich kann darüber hinwegsehen. Im übertragenen Sinne, nicht im wörtlichen.

„Du kommst aus Junon und bist Shinra nie begegnet?" Der Kerl hat da etliche Jahre seines Lebens verbracht, vor allem die Zeit direkt bevor sein Alter einen Aerith gebaut hat. Aber dann wiederum ist sie noch ziemlich jung und Rufus' Übernahme des Konzerns liegt nun auch bereits ein paar Jahre zurück.

„Natürlich hab ich ihn schon das eine oder andere Mal gesehen, aber ich hab nie mit ihm geredet oder so." Sie kommt wieder zu mir. „Ich lern ihn gleich kennen..." Und nach einem Blick auf ihre Armbanduhr: „Eigentlich bin ich sogar schon zu spät dran. Ich dachte nur, du könntest mir sagen, was mich erwartet. Mir vielleicht ein paar Tips geben."

„Tja, also Shinra... Ich glaub..." Ich such nach den richtigen Worten. „Im Grunde ist er immer gleich. Der ist im Einzelgespräch genauso wie sonst auch in der Öffentlichkeit. Ich arbeite jetzt seit dreizehn Jahren hier und war zwei Jahre in seiner direkten Nähe als er krank war und in Healin mit uns gewohnt hat, aber ich hab ihn nie anders erlebt. Nie ne private, geheime Seite oder so... Hört sich selbst gern reden. Sei einfach respektvoll, freundlich... tu' immer so, als ob du zuhörst. ...Und vielleicht versuchst du besser nicht, mit ihm zu flirten, da kann er nicht gut drauf."

„Oh... Ja, ich hab da schon sowas gehört." Sie nagt an ihrer Unterlippe.

„Das ist bloß ein Gerücht." Vermute ich zumindest. Es geht mich nichts an und interessiert mich auch nicht. „Also,... du solltest ihn besser nicht warten lassen. Wir werden uns ab jetzt ja ziemlich häufig sehen... Wenn du sonst keine Fragen mehr hast..."

„Du arbeitest seit dreizehn Jahren für ShinRa und bist 25? Gibt es noch mehr ausser dir, die mit 12 hier angefangen haben?"

Oh, ich hasse diese Frau.

„Klar, Mann. Rude hat hier laufen gelernt", sag ich arschcool oder hoffe zumindest, dass es arschcool klingt.

„Eine letzte Frage noch." Das schiefe Lächeln stiehlt sich auf ihre Lippen zurück.

„Welche?"

„Was machst du dieses Wochenende?"

 

~


Zu einem einzigen Knoten verschlungen, stolpern wir durch die Tür, die ich mit dem Fuß zukicke, ohne mit dem Mund von ihrem abzulassen. Kaum an der Wand neben dem Eingang angekommen, zerrt sie mir das Jackett nach hinten über den Rücken und ich befreie mich hastig aus den Ärmeln, um es in die nächstbeste Ecke zu schleudern. Ich nehme meine Zunge für die zwei Sekunden zurück, die ich brauche, ihr umgekehrt das verdammte Shirt über den Kopf zu ziehen und überlasse es Ray, es hinter meinem Rücken irgendwo fallen zu lassen. Dann presse ich meine Lippen wieder auf ihre, hektisch die Knöpfe an meinem Hemd öffnend, um mich rauszuschälen, während sie mir die Sonnenbrille von der Stirn zieht und ihre Finger einen Moment später durch mein verschwitztes Haar fahren.

Ich schiebe meinen Schenkel zwischen ihre, umfasse ihren Arsch mit meinen Händen, ihre Hüfte gegen meine drückend und sofort fängt sie an, ihre Pussy an meinem Bein zu reiben, wie das kleine, willige Stück, das ich aus ihr gemacht hab.

„Reno..." Ihre Finger gleiten meinen nackten Rücken hinab zu meinem Hosenbund, um dann hineingehakt nach vorn zu rutschen, aber ich packe ihre Handgelenke und fixiere sie über ihrem Kopf an der Wand.

„Nach meinen Regeln", grinse ich gehässig und beisse ihr spielerisch in den Hals, ihre Arme wieder freigebend, weil ich sehen will, wie sie versuchen wird, sie vergeblich von mir zu lassen.

„Du... bist... ein verdammter... Bastard!" Die Arme erneut um mich geschlungen, ihre Hände ununterbrochen über meine Haut streichend, kann ich ihre Worte nicht ganz ernst nehmen.

„Darum willst du mich", provoziere ich weiter, weil ich weiss, wie sehr es sie in Wahrheit anmacht. Und um zu zeigen, was für ein verdammter Bastard bei Gaia ich bin, klemme ich auch noch das zweite Bein zwischen ihre und spreize ihre Schenkel weit mit meinen, um dann meinen inzwischen mehr als nur harten Schwanz durch den Stoff zwischen uns an ihr zu reiben.

„...Shiva..." Sie stöhnt leise und schiebt ein Knie meine Seite entlang nach oben, um ihre Pussy in eine bessere Position zu bringen, drauf und dran, es sich an mir selbst zu besorgen. Aber ich hab andere Pläne. Ich höre auf mit den Bewegungen und schlage ein langsameres Tempo ein, als ich die Träger ihres BHs einem nach dem anderen vorsichtig zur Seite schiebe, ihren Hals küssend, und das Teil aus schwarzer Spitze dann einfach hinab zu ihrer Taille ziehe, anstatt den Verschluss zu öffnen. Meine Lippen gleiten ihre feuchte Haut hinab zu ihrem linken Nippel, spielen mit ihm, um ihn dann langsam mit meinem Mund zu umschließen und daran zu saugen, den anderen mit meinen Fingern massierend, umkreisend.

Als sie beide hart sind, wechsel ich die Seiten und ignoriere ihren Körper, der sich mir wieder und wieder rhythmisch entgegenbäumt, sich anbietet, aber mir noch immer nicht laut genug bettelt. Ich beschließe, das zu ändern und wandere mit meinem Mund noch tiefer, vor ihr auf die Knie sinkend und als sie bemerkt, was ich vorhabe, verkrallt sie sich in meinem Haar und dirigiert mich in die richtige Richtung, die ich auch ohne sie gefunden hätte. Selbst wenn ich blind wäre, der Geruch ihrer Geilheit dringt durch den Stoff ihres Rockes und Slips an meine Nase. Ich ziehe beides mit einem bestimmten Ruck herunter zu ihren Knöcheln und betrachte den freiliegenden, rasierten, gestutzten Streifen vor meinen Augen, während sie aus ihrer Kleidung heraussteigt und, ihre Beine weiter öffnend, das rechte Knie über meine Schulter legt.

Shiva, sie ist so nass. Ich küsse die Innenseite ihres Schenkels an meinem Gesicht und lasse meinen Zeigefinger durch ihren Schlitz gleiten, ihn kaum teilend, kaum berührend, aber der Effekt ist umso größer.

„Bitte..." Die Hände krallen sich fester in mein Haar, schmerzhaft, aber die Art von Schmerz, die sich süß anfühlt.

Ich lache bloß leise. „Das kannst du besser", sage ich ungerührt. Aber dann habe ich doch Erbarmen oder bin selbst zu scharf drauf, es endlich zu tun, mit meinem eigenen Mund zu schmecken, wie sehr sie mich will und küsse ihre feuchten, nackten Lippen, bevor ich meine Zungenspitze zwischen sie schiebe und die Augen schließe.

„Oh, Gaia... Gaia..." Jeder ihrer Atemzüge endet in einem verzückten Seufzen, einmal mehr bestätigend, dass ich ein Meister meiner Kunst bin. Aber ich hab noch mehr zu bieten. Meine Zunge ganz ihrem Kitzler widmend, führe ich den rechten Mittelfinger langsam in sie ein, ihr Aufstöhnen nur mit einem weiteren Grinsen kommentierend, während ich mich Zentimeter für Zentimeter vortaste, bis ich den richtigen Punkt gefunden habe.

„Reno!..." Sie legt den Kopf weit in den Nacken.

„Was?", frage ich unschuldig, weiterleckend, sie mit meinem Finger fickend und lege die linke Hand auf ihren Bauch, ihn hinabgleitend, um dann sanft dagegenzuhalten und den Druck auf den Punkt von aussen noch zusätzlich zu verstärken.

„Bitte... Shiva... Bitte!", fängt sie endlich an, zu flehen, ihr Becken meiner Hand entgegenstoßend.

„Bitte was?", lasse ich sie noch ein wenig zappeln.

„Mach's mir... Mach's mir, bitte!"

„Aber ich mach's dir doch schon."

Ihre Hände in meinem Haar reissen meinen Kopf abrupt nach hinten zurück, der glasige Blick über ihren geröteten Wangen findet meinen eigenen. „Du sollst mich endlich ficken, du verdammter Bastard!", zischt sie von oben herab - und ich hab alles, worauf ich nur gewartet habe.

Meine rechte Hand fischt das verdammte Kondom aus der Tasche, um es ihr hochzureichen. Shiva, ich hasse diesen Moment. Aber nicht so sehr wie die Vorstellung, das halb Edge mich ‚Daddy' nennen könnte. Ich gesteh, ich neig trotzdem dazu, die Dinger immer mal zu ...vergessen. Besonders, wenn Alkohol im Spiel ist.

Während sie also das verhasste Teil aus der Packung befreit, befreie ich meinen Schwanz endlich aus der viel zu eng gewordenen Hose und streife schließlich hastig das verdammte Gummi über. Dann, plötzlich keine einzige Sekunde mehr warten wollend, packe ich sie wieder beim Arsch, hebe sie an und drücke sie gegen die Wand. Ihre Beine umschlingen sofort meine Hüfte und ich gehe etwas tiefer in die Knie, um mich selbst mit einer Hand in sie hinein zu dirigieren.

Der Laut an meinem Ohr scheint mein Name zu sein.

Und ich beginne in sie hineinzustoßen, als wäre es der letzte Fick meines verdammten Lebens.

 

~


„Sehen wir uns wieder?" Sie rutscht hinter mich und schlingt ihre Arme um meine nackte Brust. Ich löse mich aus ihrem Griff und erhebe mich stattdessen von der Bettkante.

„Wie sehen uns jeden Tag, Ray", antworte ich schließlich, während ich in meine Hose steige.

„Oh, stell dich nicht dumm. Das steht dir nicht, Reno." Sie rutscht wieder zurück und fischt nach den Zigaretten auf dem Nachttisch. Dann höre ich das Rädchen des Feuerzeuges und den tiefen Atemzug, mit dem sie den Rauch inhaliert.

„Vielleicht hab ich mich missverständlich ausgedrückt", erklärt sie, während ich mir ein sauberes Hemd aus dem Schrank nehme. „Ich will dich nicht heiraten. Aber wir sind beide erwachsene, freie Menschen und hatten letzte Nacht ne Menge Spaß oder sehe ich das falsch?"

„Nein", entgegne ich knapp, während ich das Hemd über die Schultern streife und die mittleren zwei Knöpfe schließe.

„Also, was spricht dagegen, es zu wiederholen?" Ich kann ihr herausforderndes Lächeln und die hochgezogene Augenbraue im Spiegel der Schranktür sehen, als ich sie wieder schließe. „Wenn dir irgendwas gefehlt hat, sag's ruhig. Ich bin ein großes Mädchen, ich kann über solche Sachen reden."

Ich drehe mich wieder zu ihr um und lehne mich gegen die reflektierende Fläche. Sie bläst den Rauch teils provokant, teils lasziv in meine Richtung. Halb zugedeckt, ein nacktes, schlankes Bein über der Bettdecke, mit dem wild zerzausten, schwarzen Haar, kann ich verstehen, was mich gestern noch so sehr an ihr gereizt hat. Was mich nur mit einer unendlichen Leere zurücklässt, ist die schale Gewissheit, dass von diesem Reiz nichts mehr übrig ist und das wiederum verstehe ich nicht. Ich weiss bloß, dass mir das nicht zum ersten Mal passiert.

„Ich weiss es selbst nicht", spreche ich langsam, „Du hast wirklich nichts falsch gemacht oder so. Es liegt einfach an mir, okay? Belassen wir's bei der Geschichte."

Sie schlägt die Bettdecke zurück, rammt die Kippe in den Aschenbecher und marschiert ins Bad. „Shiva, dass ich immer die Kaputten abbekomme!", kann ich hören, bevor sie die Tür lautstark hinter sich zuschlägt.

 

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„Es ist meine Schuld", schluchzt sie und ich frage mich, ob es mich zu einem noch schlechteren Menschen macht, dass ihre Selbstvorwürfe das einzige sind, was mich an dieser Neuigkeit berührt. Ein toter Rookie hat eben nicht zum Turk getaugt. Und wer sich auf den Job einlässt, nimmt in Kauf, dass so etwas passieren kann. Was auch immer passiert ist.

„Was ist passiert?" Selbst ich verfüge - zumindest ihr gegenüber - über genug Taktgefühl, meine Gedankengänge für mich zu behalten. Die Zeit, die sie benötigt, sich erneut zu sammeln und ihre Tränen zu trocknen, nutze ich dazu, die Steuerung des Krankenbettes zu ertasten und das Kopfende in eine angenehmere Position hochzufahren.

„Warte, ich helfe dir." Sie setzt sich kurzerhand auf die Matratze und greift nach dem Kissen. Ich beuge mich nach vorn, damit sie es mir als Stütze in den Rücken klemmen kann. Als ich mich wieder zurücklehne, zieht sie die Bettdecke etwas höher über meine nackte Haut, womit ihre mütterlichen Instinkte für den Moment befriedigt scheinen.

Dann schaue ich sie lediglich schweigend an, im Wissen, dass sie von allein beginnen wird, sobald sie die richtigen Worte gefunden hat.

„Wir haben uns gestern Nachmittag mit Maddy, der Ex-Frau von diesem Parker unterhalten und sie hat uns bestätigt, dass er Land im Wert von etwa 60.000 Gil vor zwei Jahren an Flynch verkauft hat, kurz bevor er sie sitzen gelassen hat. Er hat seine Geschäfte immer zu Hause abgewickelt und sie konnte sich noch gut an Flynch erinnern."

Damon Flynch. Der Mann, der unsere Aufmerksamkeit dadurch erregt hat, dass er inmitten der Geostigmawelle damit anfing, fleckenweise kleine Stücke Land in ganz Midgar zu kaufen, die sich durch völlige Nutzlosigkeit auszeichnen. Vor kurzem hat er dann ein Logistikunternehmen gegründet, das sicherlich ausreicht, für die breite Öffentlichkeit als Tarnung zu fungieren, aber unser Interesse an seinen wahren Absichten nur umso mehr geweckt hat. Die Standorte, die er für sein Unternehmen nutzt, liegen zwar tatsächlich alle an strategisch guten Punkten zwischen den Städten, aber es wäre dennoch praktischer, die Zwischenstationen direkt vor Ort einzurichten, anstatt auf halbem Weg. Aber was uns sogar noch wesentlich mehr interessiert als diese Stationen, sind die völlig abseits gelegenen Fleckchen Land, die er offiziell zumindest bislang nicht für seine Firma verwendet.

„Sie hatte zwar mit den Deals nie direkt was zu tun, aber sie hat eben zwischendurch mal ihrem Mann und seinen Kunden einen Kaffee gebracht oder etwas zu knabbern, weisst du?" Ich nicke, während ich ihr das honigblonde Haar aus dem Gesicht streiche und hinters Ohr klemme. „Dabei hat sie gehört, dass Flynch um den Preis verhandelt hat, er hat gesagt, zwei andere Makler hätten vergleichbare Grundstücke für ihn, aber billiger. Parker hat das natürlich für einen Bluff gehalten und darum hat Flynch ihm die Namen genannt, mit der Bitte, anzurufen, wenn er ihm nicht glaubt. Sie konnte sich noch an die Namen erinnern, weil sie den einen kannte, ein Harvington, der auch in Kalm lebt, aber eigentlich eher Stadthäuser verkauft und ein anderer namens Vaughan, das wusste sie noch, weil sie einen Cousin hat, der so heisst und der Name ja relativ selten ist."

Ich kämpfe gegen das Lächeln an, das sich auf meine Lippen stehlen will im Angesicht der Ernsthaftigkeit, mit der sie mir diesen Haufen nutzloser Details unterbreitet. Aber es ist ihre Weise, ihre Geschichte zu erzählen, und ich lasse sie.

„Keine Sorge, ich versuche mich kurz zu fassen", schnieft sie und ich merke, dass ich wieder einmal in meiner ursprünglichen Absicht versagt habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich verstohlen nach einer Uhr umgeschaut habe, allerdings tatsächlich nur, weil ich endlich wissen will, wie spät es ist.

„Hey, ich kann nicht weglaufen. Die Gelegenheit solltest du hemmungslos ausnutzen." Immerhin, diese Worte verfehlen die beabsichtigte Wirkung nicht und ich höre ein kleines, leises Lachen. Nur kurz und unter Tränen, aber es ist ein Anfang. „Erzähl weiter", bitte ich und streiche ihr über den Rücken.

„Maddy konnte uns dann noch sagen, wo wir diesen Harvington in Kalm finden. Er arbeitet aber seit einer Weile nicht mehr, hat sie uns noch erzählt. Über diesen Vaughan wusste sie ausser dem Namen nichts." Sie atmet tief durch und ich ahne, dass sie jetzt zum Wesentlichen kommt. „Eigentlich waren wir somit ja auch schon fertig mit unserer Arbeit. Aber ich dachte mir, dass wir es auch sinnvoll nutzen könnten, wenn wir schon einmal da sind und ich hab es satt, vor jedem Schritt Tseng anzurufen. Und ich glaub, Tseng hat es langsam auch satt. Also hab ich Ray gesagt, sie soll sich das Haus von diesem Harvington anschauen und ich telefoniere in der Zeit mal rum und gucke, ob ich irgendwas über Vaughan rausfinden kann. Weisst du..." Sie beisst sich auf die Unterlippe. „Ich hatte wirklich nur im Kopf, dass sie sich die Adresse mal ansieht. Wo es ist, wie es da aussieht, wie der Kerl so lebt. Aber ich hab wohl mittlerweile den Ehrgeiz vergessen, den man hat, wenn man neu ist. Und dazu kommt, dass meine Anweisungen auch nicht eindeutig genug waren. Als sie dann nach einer Stunde nicht zurück war, bin ich hin, weil mir dann klar war, dass sie irgendwas Dummes angestellt haben muss oder etwas schiefgelaufen ist. Von Harvington keine Spur mehr und Ray hab ich im Wohnzimmer gefunden. Es war zu spät, um noch irgendwas zu tun, Reno..." Ihre Augen füllen sich mit neuen Tränen. „Ich hab's wirklich versucht, aber ich konnte nichts mehr machen! Und jetzt weiss dieser Bastard, dass wir Flynch hinterherschnüffeln; ich hab unsere ganzen Pläne ruiniert! Tseng wird mich hassen!"

Mir entgeht nicht, dass den Schluss ihrer Erzählung nicht der Tod ihrer Partnerin bildet, die sie nie als solche haben wollte, sondern die Tatsache, dass sie unser Vorhaben verkompliziert hat, gefolgt und gekrönt von der Angst, Tseng könnte wütend sein. Ich kann nicht mal sagen, dass ich überrascht bin. Shiva, Elena hat Ray von der ersten Sekunde an nicht ausstehen können. Ich hege die Vermutung, dass sie in Wahrheit sogar lediglich so aufgelöst ist, weil sie glaubt, jetzt noch weniger Chancen bei ihrem Boss zu haben. Aber Elena gehört zu den Menschen, die Skrupel haben, sich so etwas einzugestehen und ich verkneife mir deshalb, sie auf meinen Verdacht anzusprechen. Erstens, um sie nicht zu beschämen und zweitens, weil sie eventuell inzwischen ihre eigene Lüge glaubt.

„Komm her", flüstere ich und ziehe sie in meine Arme, Gaia einmal mehr dafür dankend, dass mir die apokrinen Schweissdrüsen unter den Achseln fehlen. Keine Ahnung wieso, scheint als hätten meine Alten einfach vergessen, die in den Einkaufswagen zu legen. Festgestellt wurde diese anatomische Kuriosität bei meiner Eingangsuntersuchung hier bei ShinRa. Ich kann jedenfalls echt nicht behaupten, dass ich die Dinger vermisse und bin mir ziemlich sicher, dass der Umstand dazu beiträgt, dass es zumindest halbwegs toleriert wird, wenn ich mal wieder in meiner Uniform geschlafen habe. Eine einzige Nebenwirkung hat die Sache allerdings...

„Sie hat dumm gehandelt. Ihr habt aus gutem Grund mit Parkers Ex geredet, statt mit ihm selbst. Bei jedem von denen, die mit Flynch Geschäfte gemacht haben, besteht die Möglichkeit, dass er von ihm gekauft wurde. Oder zumindest ne Nummer zu Hause hat, die er anrufen soll, falls plötzlich ein paar verdächtige Leute auftauchen, die etwas zu neugierig sind. Kein Mensch mit Verstand hätte sich diesen Harvington allein vorgeknöpft."

„Aber ich habe sie doch geschickt!" Sie streift die Schuhe von ihren Füßen und als ich sehe, was sie vorhat, halte ich ihr die Bettdecke auf. Sie schmiegt sich an mich, legt den Kopf an meine Schulter, so wie ich meine Arme um sie.

„Naja... Du hast gesagt, sie soll sich das Haus ansehen. Da läuft man kurz vorbei, schaut, ob er der Kerl zu Hause ist, Familie hat, welchen Wagen er fährt, sowas eben. Ich meine, wie wird das gelaufen sein? Sie hat da angeklopft und gesagt ‚Guten Tag, ich bin eigentlich Turk, aber verkaufe heute Kekse, wollen Sie Kekse kaufen oder haben Sie vielleicht einen Freund namens Flynch, der gerne Plätzchen isst?'"

Wenn das tatsächlich in der Art gelaufen ist, hätte sie einen weit langsameren Tod verdient. Und das sage ich, ohne bislang zu wissen, wie sie gestorben ist.

„So waren wir doch alle am Anfang!"

„Deswegen sind nicht mehr alle von uns noch da." Ich gebe ihr einen dicken Kuss auf die Stirn und vergrabe meine Nase in ihrem Haar. Es trägt den Duft ihres Shampoos. Milch und Honig. Davor war es Vanille mit Mandel gewesen. Ich nutze die eingetretene Stille, endlich die Frage aller Fragen zu stellen: „Hey, hast du eine Ahnung wie spät es ist?"

„Es müsste ungefähr 1130 sein", antwortet sie, während ich ihr die restlichen Tränen mit einem Zipfel der Bettdecke abtupfe. Also ist der Sonntag doch noch nicht verloren. Nach einer weiteren Weile des gemeinsamen Schweigens, äußert sie zögerlich, was ihr anscheinend gerade durch den Kopf geht. „Dir ist es egal, oder? Ich meine... Ihr beide habt immerhin..."

„Bei meiner Quote stehen die Chancen nicht schlecht, das jede einzelne Woche irgendwo irgendeine stirbt, mit der ich schonmal geschlafen habe! Wenn ich wegen jeder heulen würde..."

„Das ist herzlos", sagt sie bitter. Und nach ein paar weiteren Atemzügen: „Dann will ich nicht wissen, wie du über mich redest, wenn ich einmal dran sein sollte. Mit mir warst du schließlich noch nicht einmal im Bett."

Und das wird auch nie passieren.

Nicht bloß, weil sie Tseng anhimmelt und sowieso nicht mein Typ ist; Elena ist in jeder Hinsicht so etwas wie meine kleine Schwester - genau wie ich umgekehrt ein großer Bruder für sie bin. Die Vorstellung, mit ihr zu schlafen, ist nicht nur absurd, sie ist durch und durch... ... falsch.

„Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen dir und den Frauen, mit denen ich ins Bett gehe", stelle ich klar und suche ihren Blick.

„So? Der wäre?" Sie neigt den Kopf nach oben, um mich besser anschauen zu können.

„Na, dich lieb' ich."

Ihre braunen, großen Kulleraugen werden regelrecht riesig und leuchten auf. Auch wenn sie es längst weiss. Ich kann nicht anders, als bei diesem Anblick unser altes Spiel zu starten und drücke mit dem Zeigefinger gegen ihre Nasenspitze. „Mööp!"

Sie lacht endlich und schiebt meine Hand weg. „Mööp mich nicht! ...Sag mir lieber, wo dein Piercing eigentlich abgeblieben ist."

Hat sie es also bemerkt.

„Fand, dass es mir doch nicht steht, also hab ich's rausgenommen. Hat mehr von der Attraktivität meiner Nippel abgelenkt als sie wie geplant zu unterstreichen."

„Verstehe." Ihr Lachen geht in ein neckendes Grinsen über. „...Muss böse wehgetan haben, diese Ablenkung, was?"

 

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„Heh, Strife. Ich bin's, Reno", meld ich mich, als er nach dem sechsten Klingeln endlich rangeht.

„Was gibt es?", kommt er ohne Umschweife, aber freundlich wie immer zum Punkt.

„Ja, Mann, pass auf, also..." Ich lehne mich aufs Bett zurück und beobachte Rude, der begonnen hat, auf und ab zu laufen. Ich telefonier bloß, Partner, ich krieg nicht dein verdammtes Baby. „Also wegen Freitag nacht... Sieht aus, als hätt' ich's da etwas übertrieben und hab jetzt nen kleinen Filmriss sozusagen. Keine große Sache eigentlich, nur hat mich irgendein Arschloch beklaut als ich... etwas unpässlich war. Dachte nur, vielleicht hast du irgendwas gesehen oder so."

„Da solltest du besser Evelyn anrufen. Sie ist länger geblieben als ich."

„Ja... Naja, da gibt's wohl ein Problem. Das hab ich nämlich gerade, hab mir von Tiff ihre Nummer geben lassen... Aber sie hat sofort aufgelegt als ich gesagt hab, wer dran ist." Bei den Worten klimpere ich mit meinen nackten Zehen über der Bettdecke herum.

„Und das wundert dich? Oder ist das Stück Film auch abhanden gekommen?"

„Sieht wohl so aus. Hab ich mich schlecht benommen oder so?" Ich zieh das linke Bein an, um mir die entdeckte, schwarze Sockenfluse zwischen den Zehen herauszupulen.

„Du hast sie gefragt, warum sie ihren Händen nicht eine Pause gönnt und die Drinks auf ihrem fetten Arsch serviert."

Ich lache auf. Den muss ich mir glatt merken. Hat nur leider die Falsche erwischt. Nicht arschtechnisch - aber Lyn hat sicher nichts getan, um so einen Spruch zu verdienen. „Scheisse, davon weiss ich echt nichts mehr. Klärst du mich auf? Ich weiss nur noch, dass wir an der Bar geredet haben und ich anscheinend irgendeine abgeschleppt hab."

„Du wolltest mir deine Aufreisserfähigkeiten demonstrieren und hast tatsächlich eine Frau aufgetrieben, die beinah genauso alkoholisiert war wie du."

„Huh... War sie wenigstens hübsch?" Ich rolle die Fluse zwischen meinen Fingern zu einer kleinen Kugel, bevor ich kurz dran rieche und sie wegschnipse.

„Nicht so hübsch wie sie betrunken war. Lange, brünette Haare, leicht gewellt. Dunkle Augen. Ungefähr Mitte 20. Sie sah dieser Journalistin ziemlich ähnlich, die in der gleichen Nacht ermordet wurde, jetzt wo ich so darüber nachdenke... Ja, Aron Reyli. Sie war der gleiche Typ rein optisch." Wenn er Verdacht schöpft, lässt er es seiner Stimme zumindest nicht anmerken. „Aber bevor du fragst, nein, ich hab sie noch nie vorher in der Bar gesehen. Ihr beide habt euch in eine Ecke verzogen und ich bin gegangen, als du sie in aller Öffentlichkeit an deinem Nippelblech hast rumspielen lassen, weil ich mich zu Tode geschämt habe. Laut Evelyn musst du sie danach noch ziemlich angepöbelt haben, als sie dich gebeten hat, dich etwas zu benehmen. Nachdem du deinen Aufstand dann aber beendet hattest, seid ihr zwei wohl rausgegangen. Mehr weiss ich nicht und bin auch dankbar drum."

„Ah, Scheisse", fluch ich leise, aber mehr zu mir selbst. Sieht aus, als wäre eine Entschuldigung bei Lyn fällig. „Sag mal, ist Evelyn eher der Typ für Pralinen oder Blumen?"

„Das weiss ich nicht, Reno. Aber du hast ihre Figur beleidigt. Ich würde Blumen nehmen." Guter Punkt. Hat ja doch etwas mehr Durchblick, als ich vermutet hätte. „Achso. Tifa hat deine Uniform gewaschen und wie ich gehört habe, hast du auch noch Sachen von mir, die ich gern wieder hätte. Am Donnerstag Vormittag hab ich eine Lieferung direkt bei dir um die Ecke, wenn du Zeit hast, würde ich dann kurz vorbeischauen."

„Ja. Können wir machen. Denke, dass ich dann im Büro sein sollte, wenn nichts dazwischen kommt. Ist viel los im Moment." Mein Blick gleitet von meinen Füßen wieder zu Rude, bevor ich das Gespräch beende. „Okay, Strife. Danke."

Ich strecke ihm das geliehene Telefon entgegen.

„Fuck, Mann, meine Füße stinken wie Ifrits verdammter Arsch! Und der Doc hat mir vorhin gesagt, Shinra hat mich sogar noch einen Tag länger bis morgen hierhin verbannt, obwohl ich längst wieder fit bin! Ich will endlich nach Hause und duschen."

„Vielleicht würde es Rufus überzeugen, wenn du ihm deine Füße unter die Nase hältst." Er schiebt sich die Sonnenbrille mit dem Mittelfinger hoch und steckt sein Telefon wieder ein. „Was haben deine Bluttests ergeben?"

„Na nichts! War nur besoffen, sonst haben sie nichts gefunden. Naja, und erkältet. Aber alles kein Grund, mich hier festzuhalten für ein ganzes beschissenes Wochenende!" Ich schlüpfe wieder unter die Bettdecke. Das Arschloch von Partner hat mir nicht mal verdammte Kippen mitgebracht und langsam könnte ich die Wände hochgehen.

„Du beschwerst dich ehrlich, dass du dich hier ausruhen darfst, während im Moment im Laden die Hölle los ist?" Er schüttelt verständnislos den Kopf und geht zu dem Spind in der Ecke.

„Ich hasse es, rumliegen zu müssen! Kann ich noch genug, wenn ich tot bin. Ich wäre lieber heute mit Tseng nach Kalm gefahren. Hast du eine Ahnung, wann er zurück kommt?"

„Soweit ich informiert bin, heute Abend", setzt er mich in Kenntnis und öffnet die Tür, um einen Morgenmantel herauszuholen.

„Was machst du?" Ich zieh die Augenbrauen zusammen, als er mir allen Ernstes das hässliche Ding entgegenhält und auch noch so ein dämliches Paar Krankenhauslatschen vom Boden des Metallschranks aufhebt und vor meinem Bett platziert.

„Ich dachte, du würdest das Essen aus der Kantine oben dem Fraß hier vorziehen", erklärt er und schafft es, es wie einen Befehl klingen zu lassen.

„Heh, hast dir ganz schön Sorgen um mich gemacht, als ich gestern angerufen hab, was? Weil du nie dazu gekommen bist, mir deine Liebe zu gestehen! Und jetzt willst du mit mir essen gehen, um's nachzuholen. Aber ich sag dir was, wenn du mich so liebst, hättest du mir besser ne verdammte Schachtel Kippen mitgebracht!" Ich deute flüchtig auf die Schlappen und den Morgenmantel, den er ungerührt auf meine Bettdecke legt. „Und in so nem Aufzug lass ich mich auch nicht von dir zum Essen ausführen, Baby. Da kannst du die Geiger gleich wieder abbestellen!"

„Reno, meinetwegen kannst du auch gern wieder Clouds Kleidung tragen, aber ich werde dich nirgendwohin in Unterhose mitnehmen." Er tritt einen Schritt zurück und verschränkt die Arme.

„Ja, würd mich an deiner Stelle auch ablenken. Aber weisst du was, ich glaub, ich lauf tatsächlich lieber nochmal Strifes Klamotten spazieren, bevor ich mir die verdammte Fußfäule an den Latschen da hole! Reicht ja, wenn meine Füße jetzt schon so riechen." Ich rutsche aus dem Bett und suche meine geliehenen Sachen zusammen. Da fällt mir etwas ein. „Sag mal, Rude... Wenn wir ins Seventh gehen, hab ich da irgendwelche Rituale?"

„Du meinst, ausser dass du pöbelst, zu viel trinkst und jeden Rock anbaggerst?" Er reicht mir den schwarzen Pullover an und hängt den mit Recht verschmähten Morgenmantel wieder zurück.

„Ich mein Rituale. Sachen, die ich mach, wenn ich reinkomm oder so." Ich ziehe das Ding über und stelle fest, dass es stinkt, fehlende apokrine Schweissdrüsen hin oder her.

„Also sowas wie die Sache mit deinem Hemd?"

„Weisst du was, vergiss es einfach."

 

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Nur die schwache Notbeleuchtung brennt. Ich räkel mich versonnen und gähne herzhaft. Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so gut geschlafen habe. Ohne jeden Alkohol im Blut und vor allem lang genug, um nicht noch immer in bleierner Müdigkeit aufzuwachen. Oh, jetzt einen Kaffee und eine Kippe... Aber sieht aus, als wäre es mitten in der Nacht.

„Habe ich dich geweckt?"

Shiva!

Ich zucke wie von der Tarantel gestochen zusammen und bemerke die neben meinem Bett sitzende Gestalt. Wenn ich zuvor noch nicht ganz wach war, bin ich es spätestens jetzt.

„Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken."

Mir entgeht nicht, wie verwaschen seine Aussprache ist, kurz an der Grenze zum Lallen. Nach einem irritierten Blick durch das größtenteils im Dunkeln liegende Zimmer, um einen Grund zu finden, was Shinra hierher geführt haben könnte, finde ich zumindest den Grund für seinen Zustand. Auf dem Rollwagen neben meinem Kopfende steht eine halb leere Flasche Scotch. Das zugehörige Glas ruht in seiner rechten Hand.

„Sir...", beginne ich und verstumme, nicht wissend, was ich eigentlich sagen oder fragen soll. Nicht, dass ich keine Idee hätte, ganz im Gegenteil, nur bin ich mir nicht sicher, was ich davon besser für mich behalten sollte und was nicht.

Aber allein das eine Wort genügt, ihm ein leises, bitteres Lachen zu entringen.

„Sir", wiederholt er amüsiert und setzt zu einem neuen Schluck an, den er lautstark herunterspült. „,Sir' mich nicht, Reno. Siehst du nicht...", er verstummt und starrt in das frisch geleerte Glas in seiner Hand.

Ich sehe zumindest, dass du mich wieder im Schlaf beobachtet haben musst.

„Ich sehe, dass du genug hattest, Rufus." Es ist befremdlich, ihn nach all den Jahren beim Vornamen zu nennen. Befremdlich, wie die ganze Situation.

„Von dir hätte ich mehr Verständnis erwartet." Er greift nach der Flasche und schüttet sich nach, als wäre es verdammtes Bier, das er in sein Glas kippen würde. Seine blonden Strähnen hängen ihm vor den Augen, doch er unternimmt keinen Versuch, sie zu bändigen. „Sei's wohl drum."

Er war nie ein Mann, der je einen Drink zum passenden Anlass abgelehnt hätte. Doch wenn er getrunken hat, ist das bisher immer genauso kontrolliert vonstatten gegangen, wie alles andere, was er tut. Was könnte ausgerechnet ihn dazu bewogen haben, sich mitten in der Nacht volllaufen zu lassen? Und in diesem Zustand ausgerechnet zu mir zu kommen?

„Warum tust du das?", frage ich und lasse bewusst offen, was ich meine.

„Warum tu' ich das?", sinniert er, die Flasche wieder wegstellend. „Ich kann nicht schlafen, Reno."

Schweigend studiere ich sein überspanntes Gesicht.

Zum ersten Mal seit ich ihn kenne, sieht er keinen Tag älter aus, als er tatsächlich ist, und dass trotz oder gerade wegen seiner Mitgenommheit. Sie macht ihn menschlich, macht ihn zu dem 25jährigen jungen Mann, der er unter seinem Job, seinem Titel, den unzähligen Schichten seiner Kleidung, in Wirklichkeit ist. Und selbst letztere scheint in diesem Augenblick zu groß an seinem geschrumpften Körper zu sitzen, eher an einen kleinen Jungen erinnernd, der die Sachen seines Vaters angezogen hat, um Erwachsener zu spielen.

Ich rutsche höher und klemme mir das Kissen in den Rücken.

„Ich kann einfach nicht mehr schlafen", wiederholt er, um erneut an seinem Drink zu nippen. „Schon seit einer Weile. Am Anfang hat das geholfen." Er hält demonstrativ sein Glas hoch. „Aber jetzt tut es das nicht mehr."

Scheint ihn trotzdem nicht am Weitertrinken zu hindern.

„Das Zeug lässt einen auch nicht besonders gut schlafen", sage ich leichtmütig in einem fast kumpelhaften Ton als wären wir alte Freunde, „Man pennt zwar wie ein Toter, aber ist hinterher nicht wirklich ausgeruht." Ein schiefes Lächeln huscht über meine Lippen und zu meiner Überraschung erwidert er es.

„Das habe ich inzwischen auch herausgefunden." Dann spitzt er nachdenklich die Lippen, um nach einer kleinen Pause anzufangen: „Denk nicht..." Er bricht ab und setzt zu einem neuen Versuch an. Nach einem weiteren Schluck. „Es ist bloß... Als ich am Samstag in dein Büro gekommen bin und deinen Bericht gelesen habe, während du geschlafen hast..."

Die blauen, jetzt geröteten Augen wandern unruhig über meine Bettdecke in seinem Kampf, die richtigen Worte zu finden. Worte, die mir nichts Falsches suggerieren würden, wie ich vermute. Und ich lasse ihm die Zeit, die er braucht. Nicht zuletzt, weil ich wirklich keine Ahnung habe, was er eigentlich sagen will.

„Ich konnte deine Atemzüge hören. Sie waren friedlich... und tief... und... gleichmäßig", erklärt er langsam mit schwerer Zunge, „Der Klang hat mich beruhigt, Reno. Mich müde gemacht... Nachdem ich dich hier unten abgeliefert hatte, habe ich das erste Mal seit langem wieder für ein paar Stunden durchschlafen können, also... da hast du wohl den Grund, warum ich mitten in der Nacht hier sitze wie..." Er beendet den Satz nicht und ich kann es ihm kaum übelnehmen.

Es berührt mich.

Tiefer, als ich es je für möglich gehalten hätte. Zeuge dieser Wandlung zu sein. Zu erleben, dass Rufus Shinra hier und jetzt ein Mensch auf Augenhöhe ist und nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Und die Tatsache, dass ich dreizehn Jahre auf so einen Augenblick warten musste, macht die Erfahrung nur intensiver und kostbarer.

Shiva, ich hab nicht mal gewusst, dass ich gewartet habe.

Ich ziehe die Knie unter der Bettdecke an und umschlinge sie mit meinen Armen.

„Warum könn - kannst du nicht mehr schlafen?", wage ich mich weiter vor, fast fürchtend, ich könnte alles mit einem falschen Wort zunichte machen. Aber gleichermaßen habe ich Blut geleckt.

„Wenn ich dir das verraten würde, müsste ich... dich töten." Er grinst diabolisch mit seinen vom Alkohol feuchten Lippen und ich weiss, trotz der Abgedroschenheit des lahmen Spruches, macht er keine Witze. „Und wie ich dir bereits gesagt habe,... hege ich nicht die Absicht,... das zu tun." Er legt den Kopf in den Nacken, als er das Glas in nur einem Zug leert und ich nehme staunend zur Kenntnis, dass der Kerl trinkfester ist, als ich ihm je zugetraut hätte, denn abgesehen davon, dass er inzwischen wirklich lallt, ist seine Satzstruktur noch einwandfrei und auch seine Motorik nur leicht mitgenommen. Aber dieses neue Wissen verblasst gegen all die anderen Geheimnisse, die hier gerade zutage treten.

Er stellt das Glas neben der Flasche ab und ich bin sichtlich erleichtert, dass er wohl für den Moment nicht mehr vorhat, sich nachzuschenken. Stattdessen stützt er seine Ellenbogen auf meiner Matratze ab und reibt sich mit den Händen die Augen.

Ich ringe mit mir, ob ich sagen soll, was mir plötzlich bei dieser Geste durch den Kopf geht, als ich das „Also doch..." bereits auch schon geflüstert habe.

„Was?", fragt er schwer, ohne mit der Bewegung aufzuhören.

„Sie... Du hast geweint, nicht? Am Samstag..." Ich nage an meiner Oberlippe und warte auf seine Reaktion. Es ist nicht mal so, dass ich tue, was ich tue, weil er mir gesagt hat, er würde mich nicht töten, denn das könnte er sich jederzeit anders überlegen. Ich bin einfach wirklich nicht in der Lage, meinen Mund zu halten, wenn mich etwas ernsthaft beschäftigt. Ich mag es versuchen, bis es mich irgendwann regelrecht in den Wahnsinn treibt, aber ab einem gewissen Punkt kommen die Worte einfach von allein raus, wie ein verdammter Furz, den man nicht mehr einhalten kann.

Als er die Finger von den Augen nimmt und mich mit geneigtem Kopf fassungslos anstarrt, wirkt er nicht mal mehr wie der 25jährige Mann, sondern endgültig nur noch wie ein kleiner Junge. Ein Kind, das etwas erlebt, das es nicht begreifen kann und irgendwie an einen Ort, in eine Zeit, in ein Leben geraten ist, in das es nicht gehört.

„Woher... weisst du das?" Selbst seine kaum hörbare Stimme zeugt von kindlichem Staunen, während seine Augen hingegen plötzlich Ausdruck einer Qual zeigen, die dazu in scharfem Kontrast steht.

Ich lächel schwach, unsicher. „Nur so ein Gefühl", gebe ich nervös zu und wundere mich, ob ich mir heimlich gewünscht hatte, er würde mir meine Frage übelnehmen. Denn jetzt, da er es nicht hat, scheint diese unerwartete Vertrautheit zwischen uns noch größer als vorher und langsam weiss ich nicht mehr, ob ich das überhaupt will. Das heisst - da ist noch immer die brennende Neugier in mir, diesen mysteriösen Mann, für den ich so viele Jahre lang jederzeit mein Leben riskiert hätte - und teils habe - abseits der Fassade kennenzulernen, aber genauso verbleibt die Tatsache, dass er betrunken ist und ich bin mir alles andere als sicher, ob er das Ganze hier morgen nicht bitter bereut.

Aber es wäre das erste Mal, dass ich auf meine Vernunft hören würde. Genauso wie es das erste Mal ist, dass er es umgekehrt nicht tut. In meiner Gegenwart.

Ein langes Schweigen füllt den Raum aus. Ich kann nicht mal sagen, dass es diesmal unangenehm wäre. Seine Stirn ruht auf der Matratze zwischen seinen Ellenbogen. Ob ihm der Kopf inzwischen zu schwer geworden ist oder etwas anderes der Grund, ich weiss es nicht.

„Rufus?", frage ich schließlich leise, falls er eingeschlafen sein sollte, zu Gaia betend, dass er es nicht ist.

Er wendet mir sein Gesicht zu und öffnet die tränenverschleierten Augen.

Und ich schäme mich wie selten zuvor.

Nicht für ihn, weil er weint, sondern für mich, dass der größte, bewusste Teil von mir tatsächlich all die Zeit den ganzen Gerüchten Glauben geschenkt hat. Der Mann, der nie blutet, nie weint. Gaia, an seiner Stelle hätte ich mich schon vor Jahren ins Koma gesoffen.

Ich frage nicht, denn er wird nicht antworten.

Stattdessen bewege ich langsam meine Hand nach vorn, ihm genug Zeit lassend, mich zu stoppen, um die Haare aus seiner Stirn zu streichen, weil ich weiss, dass er es nicht mag, sie in den Augen zu haben. Und weil ich nicht weiss, was ich sonst tun, geschweige denn sagen könnte.

Er hält mich nicht auf. Im Gegenteil, er drückt sein Gesicht gegen meine Finger, wie ein vernachlässigter, geprügelter Hund, völlig ausgehungert nach Zuwendung. Ein seltsames Ziehen durchfährt meine Eingeweide.

Fuck.

Persönliches Gespräch mit Shinra nach dreizehn Jahren hin oder her, der Kerl ist jenseits des Punktes, wo er noch weiss, was er tut. Wenn etwas oberste Priorität in meinem Leben hat - ich sage Leben und nicht Job, weil ich nicht nach Feierabend damit aufhören kann - dann ist es seine Sicherheit. Ihn zu beschützen. Und sei's vor sich selbst und der entwürdigenden Situation, in die er sich hier manövriert hat.

Also schlage ich entschlossen die Bettdecke zurück und rutsche von der Matratze in die dämlichen, noch immer bereitstehenden Schlappen; zu faul, mir die Schuhe extra anzuziehen und in der Hoffnung, dass es dazu beiträgt, dass Gaia drauf achtet, dass uns niemand über den Weg läuft. Denn so gemein kann sie nicht sein. Nicht immer noch nach den letzten Tagen.

„Was.. tust... du?" Kaum mehr als ein undeutliches Nuscheln.

„Etwas, womit ich schon zu lang gewartet hab", seufze ich und fische den Morgenmantel aus dem Spind neben der kleinen Waschecke. „Du gehörst ins Bett, Mann."

„Nein...", flüstert er und ich füge seinem schwachen Protest in Gedanken das obligatorische ‚Nur noch fünf Minuten' hinzu, während ich den Mantel um meine Taille zusammenziehe und verknote.

„Doch, du musst schlafen", erkläre ich entschieden und laufe ums Bett herum zu seiner zusammengesunkenen Gestalt.

„...kann nicht."

„Oh glaub mir, du wirst." Ich drapiere seinen Arm um meine Schultern und ächze ihn hoch auf die Füße. Wir mögen beide gleich groß wirken, aber die Wahrheit ist, dass er bloß kleiner scheint als er tatsächlich ist - vielleicht, weil die unzähligen Zwiebelschichten seiner Kleidung ihn breiter wirken lassen - während ich umgekehrt regelmäßig größer geschätzt werde als ich wiederum bin, ohne jede Frage eine durchaus erwünschte Folge meiner Frisur. Schlank sind wir beide, aber am Ende des Tages unterscheiden uns immerhin ganze 8 Zentimeter und jetzt gerade spüre ich jeden einzelnen davon, als ich beginne, ihn mit mir zu schleifen. Alle paar Schritte kommt er mir zwar entgegen, indem er selbst einen tut, aber die restlichen verbringt er in komatöser Ohnmacht.

Auf dem Flur erfüllt sich der erste Teil meines Wunsches, da uns auf der kurzen Strecke zum Fahrstuhl niemand begegnet und ich hoffe, dass die Wachhabenden jenseits der Kameraaugen in den Ecken ihren gut bezahlten Dienst genauso verschlafen, wie sie es nicht sollten. Da wir bei ShinRa sind, stehen die Chancen nicht schlecht.

Rufus ist der einzige, der tatsächlich nicht nur hier arbeitet, sondern auch im Tower lebt. Die komplette 99. Etage gehört seinem Apartment und ich begreife bis heute nicht, was diesen Mann nach dem Weapon Angriff, der ihm fast das Leben gekostet hätte, noch immer in die Höhe zieht. Ausser Todessehnsucht vielleicht.

Und nach der letzten halben Stunde oder wie lang auch immer es war, ist es zumindest eine Möglichkeit, die ich ernsthaft in Betracht ziehen muss. Verdammt, es würde sogar viel zu viel im Nachhinein erklären.

„Vor allem deinen Mut", flüstere ich, in der Gewissheit, dass er mich nicht hören kann. Sein Kopf lehnt an meinem, während ich wiederum an der Fahrstuhlwand lehne, in dem verzweifelten Versuch, mich etwas zu entlasten. Die Ironie der Situation entgeht mir dabei nicht. Vor ungefähr 36 Stunden noch, hatte ich Angst, er würde mich zu Hack verarbeiten, weil ich mich erdreistet habe, die verdammte Wimper von ihm abpflücken zu wollen. Und jetzt? Jetzt nenne ich ihn Rufus, halte ihn verflucht nochmal an mich gepresst und lasse mich von seinem alkoholisierten Atem dicht an meiner Nase belästigen. Aber die größte Ironie ist wohl, dass ich es bin, der sich seine blonden Strähnen in diesem Augenblick aus dem Gesicht schüttelt und pustet.

„99. Stock. Zugang nur für autorisiertes Personal."

„Moment, Moment...", nuschel ich, während ich den Präsidenten mit meiner linken Körperhälfte zwischen mir und der Wand einklemme und ihn nach seiner Keycard absuche. „Hast du ne Idee, wie viele Taschen der Kerl hat, Lady?"

In der siebten werde ich schließlich fündig und strecke verzweifelt beide Arme von mir weg, mit dem einen nach dem Kartenschlitz fischend, mit dem anderen Rufus gegen die Wand stemmend und das alles auf einem Bein stehend in diesen dämlichen, rutschigen Latschen.

„Zugangsberechtigung verifiziert. Willkommen zu Hause, Präsident Shinra."

„Du mich auch!", fluche ich und stelle mir die Frage, ab dem wievielten Mal es mir auf den Sack ginge, wenn der Fahrstuhl mich blöd von der Seite anquatschen würde. Dann schleife ich den Präsidenten durch die geöffneten Türen in die kleine Vorhalle zwischen dem Lift und der eigentlichen Tür zu seinem Apartment.

„Sorry, Mann, ich muss dich mal parken", entschuldige ich mich, bereit für den letzten, wirklich lustigen Teil unseres Ausfluges. Selbstverständlich ist Shinras Keycard für den Rest des Gebäudes nicht auch die, die seine Wohnung öffnet. Das würde es zu einfach machen. Sowohl für mich jetzt, als auch jeden, der nicht so gutgemeinte Dinge im Sinn hätte. Also setze ich ihn mit dem Rücken an der Wand auf dem weissen, spiegelnden Boden ab und beginne erneut meine Suche durch seine Taschen, in bester Absicht, alle privaten Dinge zu ignorieren. Erweist sich aber als gar nicht nötig, denn er scheint keine bei sich zu tragen.

Mit der gefundenen Karte in der einen Hand, lege ich seinen Arm wieder um meine Schultern und ziehe ihn ein weiteres Mal auf die Beine. Seine Tür ist zweifach gesichert. Zum einen mit der Schlüsselkarte und zum anderen mit einem Fingerabdruckscanner. Eigentlich sind die etwas aus der Mode gekommen, Netzhautscanner beispielsweise sind weit schwieriger zu täuschen. Der Grund, aber solche nicht zu verwenden, ist makaberer Natur: Es ist besser, wenn der Präsident im Fall der Fälle seinen Finger verliert als den Kopf oder auch nur das Auge.

Also fahre ich die Karte durch den Schlitz, warte auf das Signal und platziere seinen rechten Zeigefinger auf der vorgesehenen Fläche, in der Hoffnung, dass er nicht aufgerüstet hat, seit ich das letzte Mal hier war, und es das nun gewesen ist. Allmählich verliere ich die Lust.

 

~


Zurück im Fahrstuhl lehne ich mich gegen die Rückwand, schließe die Augen und atme tief durch.

„Große Gaia..." Die gesamte Aktion hat sich als wesentlich aufwendiger und zeitraubender herausgestellt, als ich es mir vorgestellt hatte.

Die Müdigkeit, die nach dem Aufwachen völlig verflogen war, hat sich langsam in meine Glieder zurückgeschlichen. Auf seinem Wecker konnte ich sehen, dass es 0320 ist. Bleibt genug Zeit, mich nochmal hinzulegen.

Ich hab mich in seiner Wohnung nicht lang aufgehalten. Ihn bloß auf seinem riesigen Bett abgelegt, mich fragend, wofür zur Hölle er so viel Platz braucht. Der Kerl schläft seit ich ihn kenne allein und als ich ihn das erste Mal getroffen habe, war er noch weit von dem Alter entfernt, in dem man sich das Bett mit jemandem teilt ausser vielleicht Mama.

Den Gedanken, ihm einen Eimer bereitzustellen, den er höchstwahrscheinlich brauchen wird, habe ich verworfen. Erstens, weil ich wenig Lust hatte, sein Apartment nach einem Putzeimer abzusuchen und mir auch nicht wirklich vorstellen kann, dass er überhaupt einen besitzt und zweitens, weil sich die Idee beim genauen drüber nachdenken als idiotisch herausgestellt hat. Wenn es schon so dringend ist, dass man es nicht mehr aufs Klo schafft, schafft man es auch nicht an einen Eimer, von dem man nicht mal weiss, dass er neben dem Bett steht.

Jetzt, in der Ruhe und der Stille auf dem Weg hinab, macht sich der Nikotinteufel wieder in mir bemerkbar. Verdammt, ich könnte sterben für eine Zigarette. Das wird das erste sein, was ich morgen wieder tun werde. Rauchen. Schlafen, um die Zeit vorzuspulen und dann endlich das gesamte, beschissene Wochenende zurücklassen.

Ich lächel selig bei der Vorstellung, als der Fahrstuhl endlich im zweiten Untergeschoss zum Halten kommt. Bis...

„2b. Zugang nur für autorisiertes Personal."

Das Lächeln verschwindet schlagartig. Ich reisse die Augen weit auf. Nein. Gaia, nein!!!

„Nein!"

Jede Müdigkeit ist auf der Stelle verschwunden.

„Verdammte Scheisse!!!"

Es ist eine simple Tatsache, die mir unter normalen Umständen in Fleisch und Blut übergegangen ist, aber da die letzte Stunde alles nur keinen normalen Umstand dargestellt hat, hab ich verdammter Idiot sie völlig vergessen: Aus Brandschutzgründen kommt man zwar aus jeder gesicherten Etage heraus, aber ohne Karte natürlich nicht wieder hinein.

„Zum Zweck Ihrer Identifikation nutzen Sie bitte die Ihnen zugewiesene Keycard JETZT."

„Scheissdreck! Lass mich raus, du verdammte Fahrstuhlfotze!!!"

Wie ein Tiger auf Hyper im Käfig renne ich hin und her, die computergesteuerte Liftlady als alles Üble bezeichnend, was mir fürs weibliche Geschlecht in den Sinn kommt, bis ich schließlich sogar meine verdammten Latschen ausziehe und sie mit aller Kraft gegen die unbeeindruckten Türen schleudere.

„Zum Zweck Ihrer Identifikation nutzen Sie bitte die Ihnen zugewiesene Keycard JETZT", wiederholt die blöde Sau, die mir offensichtlich nicht zuhört.

„Hier, ich zeig dir meine verdammte Keycard!!!" Ich bück mich, um einen Schlappen aufzuheben und damit gegen die Tür zu prügeln, in der Hoffnung, irgendwer kann mich dahinter hören. Oder auch nur, weil es verdammt nochmal gut tut. „Sieh genau her!!!", schreie ich und dresche weiter drauf los.

„Zum Zweck Ihrer Identifikation nutzen Sie bitte die Ihnen zugewiesene Keycard JETZT. Sollte es dabei zu technischen Schwierigkeiten kommen oder Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unser zuständiges ShinRa Service Team für Haustechnik."

„Macht auf, ihr Bastarde!"

Aber kein verdammtes Schwein hört mich.

„Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Tag."

„Aufmachen!!!"

Nach fünf Minuten gebe ich kraftlos, völlig ausser Atem, auf.

Okay.

Ganz ruhig.

Ich stecke immerhin nicht fest. Ich kann jederzeit in die verdammten offenen Etagen und jemanden suchen, der vielleicht immer noch oder schon wieder hier ist und mich mitnehmen kann. Oder zumindest wenn es hart auf hart kommt, mir eine beschissene lauschige Ecke suchen und da die nächsten Stunden sitzen. Über den Notrufknopf sollte auch wer erreichbar sein. Hätte ich dämlicher Trottel wenigstens die Ersatzkarte auf meinen Ausflug mitgenommen, könnte ich zumindest in mein Büro und mich dort hinlegen. Aber was hilft's. Ich hab sie nicht.

Gerade, als ich die Tastenkombination fürs Erdgeschoss drücken will, geht ein Ruck durch den Fahrstuhl und er setzt sich von allein in Bewegung, nur um sogar genau dort zu halten, wo ich hin wollte. Shiva, also hat mich Gaia doch erhört.

„Erdgeschoss." Und die Computerlady ist auch nicht nachtragend!

Ich seufze erleichtert, als die Türen endlich aufgleiten...

...Und blicke genau in die Mündung der auf mich gerichteten Semiautomatik.

„Nehmen Sie die Hände hoch und langsam runter auf den Boden!"

„Soll ich auch die Waffe fallen lassen?", winke ich mit dem Schlappen, bevor mich geschätzte 26 Hände zu Boden reissen.

 

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Montag, 15. Mai 2011

„Verdammte Scheisse, das wurde aber auch Zeit, Mann!" Ich springe von der Liege auf, als die Tür sich öffnet und Tseng hereintritt. „Der kleine Reno möchte seit vier Stunden von Kasse 3 abgeholt werden!"

„Ich weiss, ich weiss!" Er hebt beschwichtigend die Hände. „Ich habe mich schon beeilt!" Ich mustere ihn skeptisch und stelle fest, dass er über alle Maße mitgenommen aussieht. Unrasiert, mit tiefen Ringen unter den Augen und einer Uniform, die jede Eleganz gerade vermissen lässt, wirkt er keinen Tag jünger als die 42 Jahre, die er ist. „Komm mit."

Er legt die Hand in meinen Rücken, um mich mit sich aus der Zelle hinaus zu schieben und ich lasse ihn, allerdings nicht ohne meinem stundenlang aufgestauten Frust weiterhin Luft zu machen. „Was bilden die Pisser sich ein? Nen verdammten Turk einzubuchten, weil er seinen verdammten Job macht! Den ganzen scheiss Tag kann jeder machen, was er will und die verpennen es, aber kaum macht einer seine Arbeit, erinnern die sich dran, dass sie auch noch nen Job haben?"

„Es war ein Missverständnis", versucht er mich zu beruhigen, allerdings denkbar schlecht.

„Missverständnis? Am Arsch!" Ich laufe zwei Schritte zurück, weil ich einen von den verdammten Latschen auf dem verdammten Gang verloren habe. Selbstverständlich befinden wir uns noch immer Tower. Man baut nicht 100 Stockwerke in die Höhe und verbuddelt auch noch 35 weitere in der Erde, nur um sie nicht zu nutzen. „Ich bin nicht irgendwer, ich bin Turk! Und nicht gerade unauffällig, wäre zu meinen!"

„Sie müssen es nun mal kontrollieren, wenn die Karte des Präsidenten benutzt wird." Er drückt den Knopf, um den Fahrstuhl zu rufen. „Die ganze Situation war hochgradig... ungewöhnlich. Also haben sie beschlossen, sicherzugehen und dich vorläufig festzuhalten bis ich da bin." Er reibt sich mit Daumen und Zeigefinger die übernächtigten Augen. Die Geste ist noch immer katzenhaft grazil, aber die Katze hat definitiv schon bessere Tage gesehen.

„Ungewöhnliche Sachen sind Turksachen, nichts für irgendwelche Sesselfurzer! Ich hab nichts falsch gemacht, Mann!" Wir treten beide in den Fahrstuhl und sind zum Glück die einzigen dort. „Hab nur geguckt, was los ist und den Kerl dann ins Bettchen gebracht." Meine Wut bekommt einen neuen Schub. „Scheisse, ich hab ihm sogar die verdammten Schuhe ausgezogen!"

„Reno!" Er stemmt die Hand neben meinem Kopf an der Rückwand ab und funkelt mich mit seinen schwarzen, rot unterlaufenen Augen an. „Ich weiss was passiert ist!", erklärt er dann aber überraschend ruhig. Er hebt die andere Hand, nur um sie dann in einer hilflosen Geste doch wieder sinken zu lassen. „Ich habe die Überwachungsbänder gesehen. Sowohl die aus der Medizinischen als auch vom Fahrstuhl und dem Vorraum. Du hast alles richtig gemacht."

„Das sag ich doch die ganze Zeit, Mann!" Ich zucke mit den Schultern und schaue ihn verständnislos an. Der Fahrstuhl hält im 72. „Die ganze verdammte Zeit sag ich doch nichts anderes!" Er zieht die Hand von der Wand zurück, bevor die Türen sich öffnen und drei Angestellte aus der Abteilung für Städteplanung eintreten, uns bestmöglich ignorierend.

„Wir reden oben weiter", lässt er mich diskret wissen, als hätte ich nur eine Sekunde mit etwas anderem gerechnet.

 

~


In seinem Büro angekommen, macht er keine Anstalten, wie üblich hinter seinem Schreibtisch Platz zu nehmen, sondern lehnt sich bloß dagegen und verschränkt die Arme. „Ich habe selbstverständlich alle... verfänglichen... Aufnahmen eigenhändig gelöscht und Sorge dafür getragen, dass dieser Vorfall unter absoluter Diskretion gehandelt wird. Das gleiche erwarte ich von dir. Ist das klar? Kein Wort zu irgendwem."

„Hey, hatte nicht vor, es rumzutratschen. Bin doch nicht verrückt." Da er sich nicht setzt, steh ich ebenfalls dumm herum, in dem bescheuerten Bademantel und binde den dämlichen Knoten vor meinem Bauch neu, um meine Hände irgendwie zu beschäftigen.

„Aber eng mit Elena befreundet und ihr beide neigt zum Tratschen, wenn ihr zusammen seid." Ich überlege mir schon meinen Protest in der kurzen, folgenden Pause, aber komme nicht dazu, ihn loszuwerden. „Was hat er dir erzählt als er bei dir war?" Seine Frage hat einen vorsichtigen Unterton, der mir nicht entgeht.

„Nichts, Mann. Nur, dass er nicht schlafen kann seit ner Weile und deshalb trinkt." Ich bin kein guter Lügner, also hoffe ich, dass ich zumindest damit durchkomme, wenn ich die Wahrheit sage und einfach einen Teil auslasse. Warum ich ihm den Rest nicht sagen will, ich weiss es selbst nicht. Oder vielleicht doch. Tseng hat Rufus sozusagen anstelle seines Vaters mehr oder weniger großgezogen. Shinra Senior hat seinen Sohn die meiste Zeit ignoriert, sofern das Auge der Öffentlichkeit nicht auf ihn gerichtet war. Und wenn er ihn privat mit Aufmerksamkeit bedacht hat, war sie immer negativ. Es wäre vielleicht zu hochgegriffen, Tseng als Rufus' Ersatzvater zu bezeichnen, aber bis heute ist er sein einziger Vertrauter, wenn er überhaupt einen hat.

Gaia, vielleicht will ich diesen winzigen Funken Vertrauen, der nach so langer Zeit bei mir gelandet ist, einfach nicht hergeben oder teilen mit wem, der Rufus sowieso besser kennt als jeder andere.

„Und warum kommt er damit zu dir?" Leider ist Tseng alles andere als blöd. Selbst wenn ich mich nicht verraten habe, die Frage ist einfach zu naheliegend.

„Ja... Nun... Warum fragen Sie ihn nicht selbst?" Ich schiebe die Hände in die Manteltaschen und verlagere das Gewicht aufs andere Bein.

„Reno..." Er neigt sich unmerklich vor, aber ich weiss, dass er mir in der Angelegenheit nichts kann, so sehr es ihn auch anpisst.

„Ich kann nicht, Mann!", platze ich heraus, es drauf ankommen lassend. „Oder weisst du was, vielleicht will ich auch einfach nicht! Ihr seid doch so dicke, also frag ihn doch einfach, wenn's dich so interessiert! Irgendwie bezweifel ich, dass ich dir ne Antwort schuldig bin, wenn mir Rufus was Persönliches im Vertrauen sagt und das ausserhalb der verdammten Arbeitszeit!"

Es ist kein neues Phänomen, dass ich Tseng gegenüber permanent vom ‚du' zum ‚Sie' und wieder zurück wechsel. Der Tatsache, dass er zum einen mein Vorgesetzter ist und bisweilen auch definitiv so behandelt werden will, steht der Fakt gegenüber, dass wir zumindest bis vor einer Weile noch ausserhalb dieser Momente so etwas wie Freunde - nein, nicht Freunde, aber immerhin etwas Ähnliches - waren. Und das versetzt mich in den dauerhaften Zustand der Schizophrenie, nicht zu wissen, wie ich mit ihm sprechen soll. Also rutscht mir immer das raus, was mir jeweils gerade angemessen scheint und er hat sich bislang niemals dazu geäußert.

„Rufus?", wiederholt er ungläubig. „Du nennst ihn Rufus?"

„Dir gegenüber! Hier unter vier Augen! Shiva, das tu' ich doch nicht zum ersten Mal!" Hat er solche Probleme damit, dass jemand anderes als er den Boss beim Vornamen nennen könnte?

„Gut. Ich muss deine Entscheidung akzeptieren", gibt er sich endlich geschlagen, „aber sei dir im Klaren, dass du allein die Verantwortung für deine Verschwiegenheit trägst und gleichermaßen die Konsequenzen, sofern sie das Wohlergehen des Präsidenten betreffen." Er atmet tief durch. „Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass du mir beim nächsten Mal, so es denn eines geben sollte, umgehend Bescheid gibst. Hältst du das für möglich?"

„Denk schon." Ob ich's tun werd, ist ne andere Frage. Wie stellt er sich das vor? ‚Hey, Rufus, wart mal kurz mit dem Herzausschütten, ich muss deinen Babysitter anrufen!'?

„Ich habe deine neuen Karten", wechselt er das Thema und greift in die Innentasche seines Jacketts. Endlich mal gute Nachrichten heute. Hat mich mehr als nur angepisst, mich nicht frei bewegen zu können, selbst in der kurzen Zeit. Ich nehme die ID- und Keycard an mich und verstaue sie in der rechten Manteltasche. Mir entgeht sein missbilligender Blick dabei nicht.

„Äh... Wegen meinem Telefon... Ich hab mir gedacht, wir können's doch einfach orten? Dann krieg ich direkt das Arschloch dran, das mich beklaut hat!" Ich rutsch mit einem Fuß aus dem Schlappen, um mit den nackten Zehen daran herumzuspielen.

„Nachdem es nach deinen Bluttests offensichtlich ist, dass du dich ohne Fremdeinwirkung ins Koma gesoffen hast und das in einem Ausmaß, dass du die Geschichte fast nicht anders verdienst, sehe ich keine Veranlassung unsere Systeme für deine privaten Rachegelüste zu missbrauchen. Davon ab, habe ich bereits ein neues für dich bestellt." Cool. „Es wird dir selbstverständlich von deinem nächsten Gehalt abgezogen." Uncool!

„Und was ist mit nem neuen Mag Rod?" Ich starre auf den Schlappen, der an meinem großen Zeh herumbaumelt und frag mich, ob ich ihn hochkicken und im Fall wieder anziehen kann.

„Der wird dir natürlich auch abgezogen." Witzig, Mann. „Am Donnerstag wird einer mit der nächsten Lieferung aus Junon für dich dabei sein. Frühestens. Es sei denn, du willst auf deine bisherigen Modifikationen verzichten."

Ich schleudere den Schlappen hoch und beobachte förmlich in Zeitlupe, wie er neben Tseng auf dem Schreibtisch landet.

„... Und genau da sollte der hin! Nicht schlecht, was?..." Ich reib mir den Nacken. „...Kann ich den vielleicht wiederhaben?" Als keine Antwort erfolgt, wage ich mich einfach vor und nehm ihn mir selbst.

„Wenn du deine orale Phase dann abgeschlossen hast, kannst du nach Hause gehen, um dich umzuziehen und mit deiner Arbeit anfangen. An deiner Genesung bestehen ja keinerlei Zweifel mehr", flüstert er, aber ohne jeden Elan, wirklich zu predigen.

„Nah. Muss noch was wissen von Ihnen." Ich schlüpfe in den wiedergeholten Schlappen und schaue Tseng direkt an. „Wegen Reyli. Sie haben jetzt Rudes Bericht ne ganze Weile und nichts gesagt."

„Erwartest du Lob dafür, dass du tust, wofür du bezahlt wirst?" Die Elanlosigkeit ist plötzlich verschwunden und die alte Wachsamkeit züngelt abrupt wieder in seinen Augen auf wie eine angesprungene Gasflamme. Ich bilde mir fast ein, das begleitende ‚Whooph!' hören zu können.

„Davon red ich nicht. Ich meine eher..." Ich kratze meine Stirn, als müsste ich drüber nachgrübeln, was ich meine, „...Na eher so die ganzen komischen Zufälle. Bin mir recht sicher, dass die in Rudes Bericht erwähnt sind. Und in meinem werden sie auch stehen. Also dacht' ich, vielleicht haben Sie etwas dazu zu sagen...?"

Uh Oh. Sieht aus, als hätte ich's etwas übertrieben. Seine Lippen formen einen einzigen, blutleeren Strich und die Art und Weise, wie sich die Haut über seinen Wangenknochen spannt, kenn ich nur zu gut.

Dann bricht es aus ihm heraus.

„Ich habe vorgestern einem Mann, der mir seine Tochter anvertraut hat, sagen müssen, dass sie tot und der Mörder spurlos verschwunden ist und nicht nur das, ich habe einen verdammten Turk mit dieser Tochter verloren! Elena ist das reinste Nervenbündel und Flynch weiss jetzt, dass wir ihn im Auge haben! Und du glaubst allen Ernstes, da interessiere ich mich für deine abstrusen Verschwörungstheorien?" Ich weiche zurück, als er sich vom Schreibtisch abstößt und auf mich zumarschiert kommt, „Oder unterstellst du mir etwa, ich hätte euch Informationen vorenthalten?" Er bleibt dicht, viel zu dicht, vor mir stehen, aber fasst mich nicht an. „Ist es das, was du sagen willst?"

„Nein...", antworte ich kleinlaut, „Nur... War halt alles etwas seltsam. Mehr wollte ich nicht damit sagen."

„Eine Frage, Reno. Beantworte mir nur eine einzige Frage!" Er stemmt die Hände in die Hüften, atmet tief durch und wischt sich über den Mund, bevor er weiterspricht. Scheisse, der Kerl ist wirklich durch. Sogar sein Atem riecht schlecht, wie ich jetzt aus nächster Nähe bemerke. War er heute überhaupt schon irgendwann im Bad ausser zum Pinkeln? „Wenn Curt Reyli euch erwartet hätte, wieso in Gaias Namen hätte er dann die Tür aufgemacht? Wieso? Wieso spricht die Tatsache, dass er seine Mörder hereingelassen hat in deiner verdrehten Phantasie dafür, dass er gewusst hat, dass sie kommen?"

Guter Versuch, Tseng, aber dazu hätte ich schon ne passende Theorie. Aber selbst ich erkenne ab ner gewissen Grenze, ab wann es besser ist, die für mich zu behalten.

„Weiss auch nicht", zucke ich also mit den Schultern, „dachte nur, könnte alles vielleicht doch noch wichtig sein und lieber zu viele Gedanken machen als zu wenig."

„Du tust was ich dir sage und überlässt das Denken mir!", schnaubt er, bevor er endlich von mir zurückweicht und zu seinem Platz hinter dem Schreibtisch geht. „Rays Beerdigung ist morgen. Ich weiss, dass dir das alles scheissegal ist, aber ihr Vater wird kommen und bei Gaia, wenn du dich nicht in seiner Gegenwart benimmst, kannst du dir direkt vor Ort dein eigenes Grab schaufeln! Da wird dich auch Rufus nicht mehr beschützen können." Er lässt sich schwer in seinen Stuhl sinken.

Ach...? Tut er das?

„Morgen schon?" Ich blicke ihn überrascht an. „Rude hat gesagt am Mittwoch."

„Sie war zuerst für Mittwoch angesetzt, aber da wird Reyli bestattet und das letzte, was wir gebrauchen können, ist ein Friedhof voller Presse und weiterer unnötiger Leute." Er schaltet seinen Computer ein und beachtet mich nicht weiter.

„Bin ich dann entlassen?", frage ich zaghaft.

 

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Ich umfasse den Griff der zweiten Kaffeetasse auch noch mit den Fingern der linken Hand, um mit der anderen anklopfen zu können.

„Es ist offen", kann ich sie hören in ihrem ‚Siehst du nicht, dass ich gerade beschäftigt bin'-Tonfall, den ich ignoriere, denn schließlich ist die Tür zwischen uns und darum kann ich so tun, als wüsste ich nicht, dass Elena in ihre Arbeit vertieft ist. Oder besser, bis vor einer Sekunde noch war.

Ich trete beschwingt herein und zügel mich bei ihrem Anblick ein wenig. Egal wie gleichgültig mir Rays Tod auf rein menschlicher Ebene ist, Elena hat die ganze Sache mitgenommen und ich will ihre Gefühle nicht verletzen, indem ich bereits zwei Tage später wieder um sie herumspringe, als wäre nichts geschehen. Auch wenn ich noch so gut drauf bin. Geduscht, gestyled und endlich in meinen eigenen Sachen, in denen sich als Krönung eine brandneue Schachtel Zigaretten befindet.

„Was ist, Reno?" Sie blickt auf und ich kann sehen, dass sie nicht nur beschissen geschlafen haben muss - wenn überhaupt - sondern auch wieder ziemlich viel geweint. Und bei dem Häuflein Elend, was sie abgibt, fällt es mir nicht mehr sonderlich schwer, meine Überschwänglichkeit zu drosseln. Scheint, als wäre ich tatsächlich der einzige, der letzte Nacht gepennt hat wie ein Baby. Zumindest bis zu einer gewissen Unterbrechung.

„Ich, uhm..." Ich halte die linke Hand mit den zwei Tassen erklärend hoch. „Milch und drei Zucker. Ich weiss, du magst Honig lieber, aber der war leer..."

Sie zwingt sich zu einem Lächeln. „Danke, das ist lieb von dir."

Ich platziere die randvolle Tasse vor ihr auf dem Schreibtisch und setze mich auf den Stuhl gegenüber, um meinen eigenen zu schlürfen.

„Ich hoffe nur, dich hat keiner gesehen", seufzt sie, bevor sie an ihrem Kaffee nippt.

„Ach, scheiss drauf, Elena!", fluche ich. „Fang du doch nicht auch noch so an! Wir haben echt verdammt größere Sorgen als verdammte Kaffeeflecken auf unseren eigenen Schreibtischen!"

„Du hast ja Recht", seufzt sie ein zweites Mal und entgegen ihres Protestes, genießt sie das heisse Getränk offensichtlich. Sie hält sich daran mit beiden Händen fest wie eine Ertrinkende am Rettungsring. Ich frag mich, seit wann sie bereits hier ist und ob sie überhaupt schon was gegessen oder getrunken hat.

„Ich mach mir Sorgen um dich. Du siehst beschissen aus", äußere ich meine Bedenken unverblümt.

„Du verstehst es, Komplimente zu machen." Ihre Augen gleiten über das Papierchaos auf dem Tisch, der das Gegenteil von Tsengs darstellt. Man kann ihm ansehen, dass er benutzt wird und er ist voll von persönlichen Gegenständen, angefangen vom Foto ihrer Schwester, dem ihrer Mutter, ihrer Katze, dem gehäkelten, über dem Monitor hängenden Püppchen, das ein Andenken aus Mideel darstellt, bis hin zu dem traurigen, kleinen Ableger einer Grünlilie, der tapfer sein Dasein in einem Wasserglas fristet, auf den Tag wartend, an dem er endlich Wurzeln schlägt. Nur um dann eingetopft und zu den restlichen Lilien auf der Fensterbank verfrachtet und vergessen zu werden. Zumindest bis er selbst Ableger bekommt und das Spiel von vorn beginnt.

„Es ist ein Kompliment, dass es mir nicht egal ist, wie's dir geht!", erkläre ich mit strengem Blick. „Hat Tseng dir Vorwürfe gemacht wegen der Geschichte? Ich meine, hat er dir etwa die Schuld gegeben?"

Sie atmet tief durch. „Nein, nicht direkt... Ich glaube, er hat zu viel damit zu tun, Schadensbegrenzung zu üben, weil Flynch jetzt wohl Bescheid weiss."

„Was will er da begrenzen? Dem Kerl ne Gehirnwäsche verpassen?" Ich nehme einen großen Schluck und bemerke, wie meine Nikotinsucht nach der zum Kaffee gehörigen Kippe verlangt. In solchen Momenten beneide ich Nichtraucher wie Elena. Sie können das eine ohne das andere genießen, während ich den Rauch jetzt schmerzlich vermisse und der Entzug mich nervös werden lässt.

„Ich hab keine Ahnung, Reno." Sie beugt sich mit der Tasse in der Hand zurück gegen die Lehne und streckt den Rücken weit durch, während ihr Blick an der Decke haftet. „Jedenfalls ist er im Moment nicht zu genießen. Ich hab ihn selten so gestresst erlebt. Aber nach den letzten Tagen ist es vielleicht auch kein Wunder."

„Er war schon vorher permanent angefressen. Zumindest mich hat er's dauernd spüren lassen."

Sie sinkt wieder zurück in eine normale Sitzposition und studiert mich grübelnd. „Stimmt. Ich hab mich sogar schon gefragt, ob in Healin irgendwas vorgefallen ist zwischen euch."

„Nein, da war nichts." Ich zucke mit den Schultern. „Nicht, dass ich's wüsste zumindest. Vielleicht ist er angepisst, dass er seit Januar vom Schreibtisch nicht mehr weg kommt und ich bin einfach ein leichtes Ziel." Aber ich glaube selbst nicht an meine eigene Erklärung, denn bislang war Tseng all die Jahre immer fair gewesen und hat seinen Frust nie an Unbeteiligten ausgelassen. Im völligen Gegensatz zu mir.

Das Thema bietet jedenfalls eine gute Gelegenheit für eine passende Überleitung zum zweiten Punkt, wegen dem ich eigentlich hier bin.

„Aber so gesehen, mit Shinra ist auch was faul", füge ich beiläufig nach einem weiteren Schluck hinzu.

Ihre schokoladenfarbenen Augen weiten sich auf Tellergröße und sie neigt sich verschwörerisch vor zu mir, als hätte sie Wanzen zu befürchten, bevor sie beinah flüstert: „Ich weiiiiiiiiiiss!", das zweite Worte dabei endlos dehnend, um ihre Zustimmung zu unterstreichen. Alles so erleichtert wirkend, als hätte sie ewig schon darüber reden wollen und es bloß nicht getan, um sich nicht - mal wieder - vorwerfen lassen zu müssen, sie würde tratschen.

Zum Glück hat sie den guten, alten Reno, der ihr eben quasi einen Freibrief erstellt hat.

„Er sieht wirklich schlecht aus in letzter Zeit, nicht?" Sie schlürft mit gespitzten Lippen hastig einen weiteren Schluck Kaffee, völlig ohne Ahnung, wie niedlich sie dabei aussieht mit ihren riesigen Mondaugen, um augenblicklich fortzufahren: „Ich glaube, er hat Schlafprobleme oder so! Angeblich wurde er schon zu den unmöglichsten Zeiten hier im Haus rumgeisternd gesehen und eine von den Bedienungen aus dem Cafe unten, aber ich darf nicht sagen wer, weil sie sonst in Teufels Küche kommt, hat gesagt, sie hätte ihn vor ein paar Wochen im Fahrstuhl getroffen und sie schwört, er war betrunken!"

Hervorragend. Zum ersten Mal seit Tagen läuft etwas besser als ich je gedacht hätte. Ich lege vorsichtig meinen entscheidenden Köder aus.

„Betrunken, eh? Ich glaube, da wollte sich nur wer wichtig machen. Ich meine, Shinra mag vielleicht beschissen pennen, aber er hat viel zu viel Selbstkontrolle, um sich die Kante zu geben und dabei erwischen zu lassen. Wir haben zwei Jahre mit ihm auf engstem Raum gelebt und davor immerhin im gleichen Haus gearbeitet, und wir stehen ihm näher als irgendwelche Kellnerinnen. Aber hast du ihn je betrunken erlebt?" Ich schüttel den Kopf und trinke meine Tasse leer, bevor ich die Frage für sie beantworte: „Nah. Nie."

Meine heimliche Zufriedenheit könnte nicht größer sein, als ich den epischen, inneren Kampf beobachte, der sich in ihrer Mimik niederschlägt. Ich zähle die Sekunden bis zu ihrer Niederlage gegen sich selbst. Meinem Blick ausweichend nagt sie betreten auf ihrer Unterlippe herum und als ich in Gedanken bereits bei 16 bin, beschließe ich nachzuhelfen.

„Oh komm, Elena!", bohre ich, „Du bist die einzige ausser Tseng, die den Kerl je ...inoffiziell... erlebt hat und du hast mir kein verdammtes Wort gesagt?"

„Ich kann nicht, Reno!" Und ihre Stimme schreit heraus, wie gern sie trotzdem würde. „Wenn ich es dir im Vertrauen sage, sagst du es Rude im Vertrauen und irgendwann landet es wieder bei Shinra und ich bin -", sie bricht ab, sich an die Tatsache erinnernd, wie unpassend der Spruch derzeit ist, „Und ich kann meine Sachen packen!", korrigiert sie sich stattdessen.

„Okay, gut, ich verstehe. Wenn du es mir nicht sagen kannst, dann..." Ich stelle die Tasse ab, gehe hinter ihrem Monitor in Deckung und greife von hinten das Häkelpüppchen, „...dann sag es mir! Hallo, ich bin Mr. Mideel!"

Ihr Kichern erfüllt augenblicklich den Raum.

„Du kannst mir alles anvertrauen!", quake ich mit verstellter Stimme, während ich das Püppchen auf dem Monitor herumhüpfen lasse in einer hoffentlich ermutigenden Geste.

„Du bist so blöd, Reno!", schimpft sie lachend und meint in Wahrheit, dass ich entsetzlich süß bin.

„Ich bin nicht Reno, ich bin Mr. Mideel, junge Dame!", quake ich weiter und bete plötzlich, dass wirklich nirgendwo Wanzen sind.

„Tut mir leid, Mr. Mideel, aber ich kann es Ihnen wirklich nicht sagen", seufzt sie und ich komme daraufhin wieder zum Vorschein. Also Plan B.

„Okay, okay. Ich verstehe und stimme zu, dass Mr. Mideel wirklich nicht vertrauenswürdig ist. Diese Typen aus dem Süden können ihre Klappe nie halten! Also wie wäre es dann mit... mit... Ha-Haaaa! Mr. Wurzelloser Ableger!", schlage ich vor und wackel mit dem Glas. Sie atmet tief durch, schließt die Augen und ich weiss, ich hab gewonnen.

„Es war in Healin. Ganz spät, gegen Ende unserer Zeit da. Ich glaub, die vorletzte Woche", fängt sie zaghaft an und ich lehne mich schweigend zurück, weil das immer wirkungsvoller ist, als jedes Nachbohren - sofern jemand erstmal mit dem Reden angefangen hat.

„24766 in 100-01, 24766 bitte unverzüglich in 100-01!"

Ifrits verdammter Arsch!

Ich starre fassungslos hinauf zu der in der Zimmerdecke eingelassenen Box, aus der die verdammte Durchsage exakt in dem Moment kommt, wo sie den größten, verdammten Schaden anrichten kann. Zum ersten Mal ziehe ich es in Betracht, dass Elenas permanente Wanzenparanoia vielleicht gar nicht so paranoide ist.

„Tja, dann lass den Big Boss besser nicht warten", grinst sie hämisch, ihre Schadenfreude offen zur Schau tragend.

„Ich werd drauf zurückkommen! Und du vergisst besser nicht, an welchem Punkt wir stehengeblieben sind! Ich werd's jedenfalls nicht!"

 

~


„Du kannst durchgehen, er erwartet dich bereits."

Ich nicke Mel, Shinras persönlicher Sekretärin, nur flüchtig zu und positioniere mich vor den Türen, darauf wartend, dass sie den Weg freigeben. Erinnern an verdammte Fahrstuhltüren, die Dinger. Als sie aufgleiten, schlucke ich und trete ein.

Hab wohl gute Gründe, nervös zu sein. Ich meine, ich bin immer nervös, wenn Shinra mich zu sich bestellt, aber normalerweise ruft er mich nicht allein zu sich. Er hat zwar am Samstag angekündigt, heute mit mir reden zu wollen, wegen der Bestrafungsgeschichte, aber mittlerweile liegt auch noch die letzte Nacht dazwischen und ich kann noch weniger einschätzen als sonst, wie er drauf sein wird.

Sein Büro ist ein Ort, an dem ich es keine Stunde allein aushalten könnte, ohne verrückt zu werden. Der weiche, tiefe Teppich hat die Farbe von frisch gefallenem Schnee, genau wie die Wände. Die Zimmerdecke besteht aus schwarzen Platten, zusammen mit seinem überdimensionalen Schreibtisch aus schwerem Glas, der auf dem erhöhten, hinteren Teil des Zimmers steht, ist sie das einzige, was nicht weiss in diesem Raum ist. Zu seinem Arbeitsplatz führen drei Stufen, die niedrig sind, aber sich zu beiden Seiten hin durchgehend bis zu den Wänden erstrecken. Die dem Eingang gegenüberliegende Rückwand ist nach Westen ausgerichtet und wird von einer in drei Scheiben unterteilten Fensterfront eingenommen, die sich von der gut vier Meter hohen Decke bis zum Boden erstreckt.

Was mich am meisten hier verstört, ist nicht mal das blendende, sterile Weiss, die überperfekte, allgegenwärtige Sauberkeit oder der Ausblick von der Fensterfront genau auf die Ruinen von Midgar. Es ist etwas ganz anderes und ich hab verdammt lang gebraucht, überhaupt herauszufinden, was es ist, weil ich es nur tief im Unterbewusstsein wahrnehmen konnte. Es ist die Tatsache, dass dieser Raum nicht riecht. Und ich rede nicht von Gestank oder sonstigem; selbst die geputztesten Zimmer verfügen über einen gewissen Eigengeruch - aber dieses nicht! Es riecht nicht nach Rufus, nicht nach den Mitteln, die hier zum Einsatz kommen müssen, um die Sauberkeit auf diesem Level zu halten und auch nicht nach den Dingen, die sich hier drin befinden und deutlich riechen, wenn man dicht mit der Nase rangeht. Und ja, ich hab's in halbwegs unbeobachteten Momenten getestet. Den Stift vor dem Unterschreiben heimlich beschnüffelt, während ich getan hab, als würde ich noch über etwas nachdenken. Mit zusammengerollten Formularen meine Wange gekratzt, um meinen Test wie mein übliches Fehlverhalten aussehen zu lassen. Im Abstand von nur wenigen Zentimetern ist alles wie es sein soll, aber dann scheinen sämtliche Gerüche einfach in der Luft zu verpuffen, ohne irgendeine Spur zurückzulassen.

Der Präsident sitzt an seinem erhöhten Platz hinter seinem gläsernen Schreibtisch und mir kommt zum ersten Mal der Gedanke, dass das Teil vielleicht an Eis erinnern soll, wenn der Teppich den Schnee darstellt. Aber eigentlich traue ich ihm so eine abstrakte, poetische Ader nicht zu, wobei ich nach der letzten Nacht nicht mehr wirklich weiss, was ich ihm zutrauen soll und was nicht.

Was ich auf jeden Fall sagen kann ist, dass es Shinra und nicht mehr Rufus ist, dessen blaue Augen mir entgegenblicken in dem Eispalast. Das Licht, das durch die Fenster hinter ihm fällt, lässt sein blondes Haar aufleuchten und an eine Wintersonne erinnern. Den Stuhl halb zur Seite gedreht, hängt er für seine Verhältnisse regelrecht lässig an seinem Platz.

„Habe ich wieder eine Wimper irgendwo?", reisst er mich aus meinen Gedanken und ich bemerke, dass ich einfach auf halbem Weg zu ihm stehengeblieben bin und ihn anstarren muss wie Sephiroths neueste Reinkarnation.

„Nein, Sir..." Ich spüre, wie meine Wangen vor Verlegenheit anfangen, zu glühen. Das passiert mir selten, aber wenn - dann richtig. Gaia, ich will nicht wissen, was er denken muss. Nicht für 1000 verdammte Gil.

„Tausend Gil für deine Gedanken, Reno", sagt er plötzlich zu allem Überfluss und ich lache nervös angesichts seines bemerkenswerten Zufallstreffers, bevor ich endlich doch noch die Stufen hinaufgehe, es gerade vermeiden kann, zu stolpern und mich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch setze, nur um sofort wieder aufzuspringen, weil er mich nicht aufgefordert hat, Platz zu nehmen.

„Setz dich", holt er es leicht gereizt nach und ich pflanze meinen Hintern also zum zweiten Mal, meinen Blick über die Fläche zwischen uns huschen lassend. Und eine einzige Spur von dem Rufus letzter Nacht finde ich tatsächlich. Das Glas mit der Flüssigkeit, die ich als Cosmo Coffee identifiziere. Whisky on the Rocks mit einem Drittel Kaffee. Fängt also früh an, der Gute. Ihm kann meine Entdeckung nicht entgehen, doch er kommentiert sie nicht.

Pass auf, was du tust. Diese Nacht schlafe ich definitiv wieder in meinem eigenen Bett. Ich schmecke mein Blut auf der Zunge bei dem harten Biss auf meine Innenbacken, um bloß das Maul zu halten.

Er streicht mit seinem Zeigefinger den Rand des Glases entlang als wäre er in Gedanken versunken, auch wenn ich jede Wette eingehen würde, dass er seit mindestens heute Morgen schon weiss, was er sagen wird. Soll heissen, sofern er da bereits wach gewesen ist. Erstaunlicherweise muss ich zugeben, dass er zumindest nicht mitgenommener wirkt als überhaupt in letzter Zeit. Spricht dafür, dass es nicht sein erster Trip in derartige Gefilde war. Sein Haar rutscht ihm ins Gesicht und ich frage mich, wie er inzwischen reagieren würde, wenn ich es jetzt zur Seite streiche. Aber ich frage es mich auf die gleiche Weise, wie man sich am Geländer einer hohen Brücke fragen mag, was passiert, wenn man einfach in die Tiefe springt.

Ein bisschen Todessehnsucht steckt wohl in jedem, der hier arbeitet.

Er fixiert mich durch die blonden Strähnen hinweg und ich schaue schnell zur Seite, bevor er mich wieder einmal mit seinen Augen festhalten kann, wie er es so oft tut.

„Reno, als ich dich neulich aus deiner Putzarbeit entlassen habe, war mir nicht bewusst, dass Tseng einen guten Grund hatte, dich dazu abzuordern. Hätte ich die Hintergründe gekannt, über die du mich wohlweisslich nicht aufgeklärt hast, hätte ich selbstverständlich anders reagiert."

Der winzige Stich in mir, den ich fühle, überrascht mich selbst. Als hätte ein Teil von mir tatsächlich bis zuletzt gehofft, dass wir jetzt die besten Freunde sind und er mich nur hierher bestellt hat, um mich auf ein verdammtes Bier einzuladen.

„Naja, es war einen Versuch wert", grins ich dümmlich, schulterzuckend, völlig im Klaren darüber, wie grenzdebil ich gerade wirken muss, aber doch nicht anders könnend.

„So?" Er wendet den Blick von mir ab und hebt das Glas an. Die halb geschmolzenen Eiswürfel klimpern leise, als er es in der Hand schwenkt. Seine Stimme trieft vor Desinteresse, das ich für gespielt halte, denn wenn es ihm wirklich so egal wäre, hätte er nicht drauf bestanden, selbst über die Konsequenzen zu entscheiden. „Ist dir nicht bewusst, dass ich regelmäßig Rücksprachen mit Tseng halte?"

„Ich hatte gehofft, das Thema würde untergehen", gesteh ich und beobachte fasziniert, wie für den Bruchteil einer einzigen Sekunde das Kind in seine Augen zurückkehrt, als er mit zwei Fingern einfach in sein Glas greift, einen Eiswürfel herausfischt und ihn sich in den Mund schiebt. Ich habe noch nie gesehen, dass er etwas aus Spaß an der Freude tut, geschweige denn herumpanscht. Es passt nicht ins Bild.

Hab ich dich überhaupt je etwas tun sehen, was dir wirklich Spaß macht?

Er saugt den Alkohol zügig von seinen Fingerspitzen, während er lautstark auf dem Eiswürfel herumknuspert und für den Moment meine Anwesenheit offenbar vergessen hat.

„Hm." Er nippt schließlich an seinem Drink und scheint sich dann wieder an mich zu erinnern. „Du bist genauso unverschämt wie dein Umgang mit Firmeneigentum nachlässig ist", erklärt er, wobei seine Augen und der größte Teil seiner Aufmerksamkeit noch immer dem Glas gebühren.

Langsam keimt der Verdacht in mir, dass sein Desinteresse eventuell doch nicht vorgetäuscht ist. Die Vorstellung, es mit irgendeiner Nonsens-Antwort zu testen, ist zumindest verdammt verführerisch. Oder aber der Kerl will mich auf eine falsche Fährte locken und am Ende die Bombe platzen lassen.

„Nein, ich bin bloß ehrlich. Sie wissen genauso gut wie ich, dass ich keine Lust auf den Mist hatte, also soll ich Sie jetzt noch anlügen? Ich bin Turk, keine verdammte Putzfrau." Ich entscheide, dass diese Antwort ein guter Kompromiss ist. Sie entspricht der Wahrheit, ist aber respektlos genug formuliert, um irgendeine Reaktion endlich hervorzulocken.

„Reno, begreifst du eigentlich, dass ich über all deine Fehltritte im Bilde bin?" Er stellt das Glas zurück, dreht den Stuhl nach vorn und widmet mir endlich seine volle Aufmerksamkeit. „Tseng mag dein direkter Vorgesetzter sein, aber er ist mein Angestellter. Ist dir in vollem Umfang klar, dass ich weiss, dass du regelmäßig zu spät kommst, dass dein Erscheinungsbild und dein Umgang mit deiner Arbeitskleidung eine Respektlosigkeit darstellen, dass du dich über alle Anweisungen, die du für überflüssig befindest, hinwegsetzt und davon ausgehst, nie die Konsequenzen dafür tragen zu müssen, weil du deine Arbeit trotz allem hervorragend erledigst und - wie du es nennst - immerhin ehrlich bist? Zu seinen Unverfrorenheiten in dem Maße zu stehen, wie du es tust, ohne jedoch etwas zu ändern, ist kein nobler Zug, sondern eine Dreistigkeit."

Auch wenn der Inhalt seiner Rede typisch scheint, ist der Tonfall es keineswegs. Die Worte werden von einer Eindringlichkeit begleitet, die untermalt, dass seine Fragen keineswegs rhetorischer Natur sind, wie sie es unter normalen Umständen wären.

Und bei Gaia, ich weiss nicht mehr, was er von mir will.

„Sir, ich... ich bin mir nicht sicher... was Sie jetzt von mir erwarten...", stammel ich, ohne jede Ahnung, worüber wir eigentlich hier überhaupt reden und wann ich den Anschluss verloren habe, obwohl ich mir eben noch sicher war, dass er derjenige ist, der nicht zuhört.

„Das weiss ich", lautet die knappe Antwort. „Also, beantworte mir einfach meine Frage: Ist dir wirklich klar, dass ich über all die Dinge, die ich aufgezählt habe, in vollem Umfang informiert bin?"

„Natürlich, Sir." Irgendwie steh ich am Bahnhof und hab definitiv die Abfahrt des letzten Zuges verpasst. Wenn er mich in eine Falle gelockt hat, hat er mich mit dem verfluchten Eiswürfel abgelenkt, soviel steht fest. Nur steht noch immer nicht fest, ob es überhaupt eine Falle gibt und ich mein Grab gerade fröhlich immer tiefer schaufel.

„Gut." Er nimmt einen großzügigen Schluck von seinem Cosmo Coffee, bevor er mir die nächste Frage stellt: „Im Weiteren meine ich mich zu erinnern, dir am Samstag versichert zu haben, ich hätte dich bereits getötet, würde ich solche Absichten hegen, ist das korrekt?"

Und nicht nur am Samstag..., ergänze ich in Gedanken. „Ja, Sir. Das haben Sie."

„Hervorragend." Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme im Nacken. „Ich bin nicht so naiv zu glauben, ich oder irgendwer sonst könnte dich durch Bestrafung ändern. So etwas funktioniert nicht. Du bist ein erwachsener Mann, auch wenn du dir bei jeder Gelegenheit alle Mühe gibst, dein Umfeld über diese Tatsache hinwegzutäuschen. Deswegen habe ich etwas ganz anderes im Sinn. Eine Hausaufgabe, könnte man sagen. Ich will, dass du dir eine Frage stellst und sie nach deinen besten Fähigkeiten beantwortest. Du musst es nicht schriftlich tun, gedanklich reicht. Deine Antwort erwarte ich für morgen Abend. Morgen wird es viel zu tun geben, also werde ich noch in meinem Büro sein, wenn du nach der Arbeit kurz vorbeischaust. Ich werde Mel Bescheid geben."

„Wie lautet die Frage?" Ich habe keine Lust auf Spiele, aber muss gestehen, dass diese ganze Entwicklung meine Neugier geweckt hat.

Seine Mundwinkel formen ein winziges Lächeln, fast eher ein aufrichtiges Schmunzeln, wenn ich je eins von ihm zu Gesicht bekommen habe. Eines von der Sorte, das Frauen schmelzen lassen würde wie das Eis in seinem Glas.

Er zieht die linke Augenbraue amüsiert hoch, als er antwortet.

3. Tunnelblick


Dienstag, 16. Mai 2011, 1040 Uhr
Edge, Zentralfriedhof


Warum lebe ich noch?

Der kühle Wind bläst mir beständig rote Strähnen vor Augen, durch die ich aber hindurchsehe. Meine Schuhe sind inzwischen halb in der aufgeweichten Erde unter meinen Füßen versunken. Heute regnet es nicht mehr, doch der Boden ist noch immer völlig durchtränkt. Der graue Himmel über uns scheint sich bislang nicht recht entschieden zu haben, ob er es vorerst gut sein lassen will oder nicht.

Bloß vierzehn Personen sind zu ihrer Beerdigung gekommen. Wir vier verbliebenden Turks, die auch ihren Sarg von der Trauerhalle hierher ans Grab getragen haben, Rufus, Rays Vater und ein aus Midgar - dem Land, nicht der Stadt - stammender Teil ihrer Verwandtschaft mütterlicherseits. Sicher wären mehr aufgetaucht, vor allem von den niederrangigen ShinRa Service Mitarbeiterinnen, zu denen sie lose Kontakte in den letzten Monaten geknüpft hatte. Doch wir haben noch niemandem gesagt, dass sie überhaupt tot ist. Die Anwesenheit ihrer Familie erfordert anstandshalber auch Rufus' Anwesenheit und je weniger Menschen wissen, wann und wo er sich ausserhalb des Towers aufhält, desto besser.

Standardvorgehen.

Er steht links neben mir, am Kopfende des Grabes, dicht genug, dass der Stoff seines Mantels den meines Jacketts berührt, und hält seinen lächerlichen Nachruf, dem ich keine Beachtung schenke. Ich bin immer direkt an seiner Seite, wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegt. Aus dem Augenwinkel heraus kann ich sehen, dass ihm ebenfalls sein Haar die Sicht nimmt, doch er kämpft erst gar nicht dagegen an. Bei dem Wetter wäre es ein sinnloses Unterfangen und hier und jetzt ist weder der Ort noch die Zeit, dem Drang nachzugeben. Dass er heute Morgen selbst wie eine Leiche aussieht, kommt seinem Auftritt wohl nur entgegen. Ich vermute, er hat höchstens zwei Stunden geschlafen bei seinen dunklen, tiefen Augenringen und der kränklichen Blässe. Aber solange man es auf den menschlichen Verlust schieben kann, den er erlitten hat, sammelt Shinra damit nur Verständnis und Sympathiepunkte.

Er hätte seine Frage anders formulieren können. Präziser wäre es gewesen, sie ‚Warum lasse ich dich trotz all deiner Fehltritte jedes Mal davonkommen?' lauten zu lassen. Aber Rufus ist gerissen. Er hat gewusst, dass heute die Bestattung ist und seine Formulierung wesentlich effektvoller sein würde. Genau wie er gewusst haben wird, dass ich in diesem Moment darüber nachdenken würde. Wenn man ihm Zynismus unterstellt, was nun wirklich keiner großen Anstrengung bedarf, könnte man sogar einen gewissen Humor darin erkennen.

Der Atem, der aus meiner Lunge strömt, ist wesentlich zittriger und lauter, als ich selbst geplant habe.

Niemand beachtet es. Sie alle glauben, den Grund zu kennen. Allein ich bemerke am Rande meines Sichtfelds den minimal für einen Sekundenbruchteil hochgezogenen Mundwinkel. Er weiss exakt, was in mir vorgeht.

Ich wünschte nur, er würde es mir ebenfalls sagen.

 

~


Warum lebe ich noch?

Ich starre nicht hinunter in das Erdloch vor uns, in das Rays ehemals so attraktiver Körper eben hinabgelassen wurde. Ray, die sich diese Frage nicht mehr stellen kann. Die Seitenwände des Grabes sind mit schwarzen Tüchern von innen verhängt. Damit man die Würmer nicht sehen kann, schätze ich. Mein Blick ist nach vorn gerichtet. Ich bin nicht hier, um meinen Respekt zu zollen. Nicht nur. In erster Linie behalte ich die Umgebung im Auge, sie ständig abscannend nach allem, was eine Gefahrenquelle darstellen könnte. Verdächtige Personen und Fahrzeuge. Versteckte Sprengsätze. Auffällige Wölbungen unter der Kleidung, die auf eine Waffe hindeuten. Ich selbst trage wie jeder von uns heute die ShinRa 612 Model ‚Ifrit', eine Semiautomatik vom Kaliber 10mm, in meinem Schulterholster. Den Spitznamen ‚Ifrit' verdankt sie der mit Feuermateria aufgerüsteten Munition. Aus offensichtlichen Gründen keine Waffe für Innenräume und Gefangene nimmt sie auch keine. Vielleicht ist es weniger verwunderlich, dass ShinRa noch immer eine Abteilung für Waffenentwicklung und -Produktion in Junon hat, wenn man sich vor Augen führt, dass die Firma einst als Rüstungskonzern angefangen hat. Nur Elena trägt das abgespeckte 9mm 613er Model, das sie leichter handhaben kann als Frau. Diesen Umstand macht sie dadurch wett, dass sie der zweitbeste Schütze im ganzen Tower ist. Es war die richtige Entscheidung von ihr, nicht aus falschem Feminismus heraus auf die 612er zu bestehen, deren Rückstoß sie schlechter abfangen kann. Abgesehen von der Pistole, führen wir zwei Ersatzmagazine mit uns, sowie am linken Handgelenk ein Armband mit Heilmateria und welcher gegen Vergiftungen. Jetzt, in den Zeiten, in denen die Förderung von Mako nach und nach eingestellt wird, müssen wir jedoch etwas sensibler mit deren Verwendung sein. Der Verbrauch für das erneute Aufladen ist äußerst hoch. Aber natürlich werden alle Sparmaßnahmen ausser acht gelassen, wenn es um die Sicherheit von Präsident Shinra geht. Die einzige Person, die noch treffsicherer als Elena ist.

Es ist kein Zufall, dass jeder von uns an einer Seite des Grabes steht. Rufus und ich am Kopf, während er noch immer seine Rede über die tapfere Angestellte hält, die er nicht den geringsten Funken gekannt hat.

Rude zu meiner Rechten mit Rays Vater und dessen zweiter Frau Naomi. Ich kann schwer einschätzen, ob oder wie sehr ihm das Ganze nahe geht, aber ich hege die starke Vermutung, dass er meine Sicht zu der ganzen Sache teilt. Er ist allerdings besser darin, seine Meinung taktvoll für sich zu behalten und hat den Bonus der getönten Gläser vor den Augen, die seine fehlende Trauer verbergen.

Elena. Linker Seite mit dem Rest der Verwandtschaft. Von uns Vieren steht ihr am deutlichsten ins Gesicht geschrieben, was sie fühlt: Dass jedes Selbstvertrauen, das sie in jahrelanger Arbeit mühselig aufgebaut hat, an diesem Tag zusammen mit ihrer Partnerin begraben wird. Ich wette, sie sieht sich selbst dort unten in der nassen Erde liegen. Ihr angestrebtes Alter Ego, erfolgreich und mit jeder berechtigten Hoffnung, sich weiter als Turk zu etablieren. Vielleicht irgendwann sogar erfolgreich genug, endlich die Aufmerksamkeit ihres Vorgesetzten über ihre beruflichen Fähigkeiten hinaus zu erregen.

Und Tseng... Tseng schafft es, wie ein verdammter Krieger aus ‚Die Sonne über Wutai' auszusehen, wie er mir da gegenübersteht am Fuße des Grabes, mit seinen überkreuzten, herabhängenden Händen, dem nachdenklichen, tiefen Blick und dem elend langen, dramatisch im Wind wehenden Haar. So beschissen er zur Zeit auch dran ist, seine Haltung drückt pure Würde aus und das auf einem gaiagegebenen Level, das Rufus niemals durch Üben vor dem Spiegel erreichen wird. Tseng ist wie dafür geschaffen, schweigend und tragisch an Gräbern zu stehen. Auch wenn ich mich die meiste Zeit wundere, was eine junge, intelligente und auch noch verboten hübsche Frau wie Elena an dem alten Kerl findet, in solchen Momenten kann ich verstehen, dass sie Gefangene seiner Aura geworden ist und irgendwie nicht mehr davon los kommt. Aber wie alle großen Krieger, zieht auch dieser die Einsamkeit vor und überlässt mir das Vanille - Eis. Und Elena.

So positioniert, und das Wort trifft es am besten, hält jeder von uns eine Himmelsrichtung diskret im Blickfeld bei der Zeremonie. Wenn wir es auch auf unterschiedliche Weise tun: durch Tränen, getönte Gläser oder rote Haarsträhnen.

Obwohl es mitten in der Woche ist, sind wir bei Weitem nicht die einzigen hier. Der Zentralfriedhof von Edge ist neu, aber aus bitterer Notwendigkeit heraus entstanden und jetzt bereits gut gefüllt. Verluste durch die späten Meteorfolgen oder Bahamut Sins Angriff unter Kadaj, Opfer der Armut und des Hungers, aber die meisten gehen wohl aufs Konto der Geostigma Welle.

Die Passanten, die uns entdecken, beschleunigen ihre Schritte und gehen eilig vorbei. Tun so, als hätten sie uns, besonders ihn, nicht gesehen. Bloß nicht die Aufmerksamkeit der Turks erregen. Und schon gar nicht die von Shinra. Vier Personen innerhalb meines Radarfeldes scheinen jedoch beschlossen zu haben, ihren ursprünglichen Plänen nachzugehen, unsere kleine Trauergemeinschaft dabei angestrengt ignorierend. Umso mehr Beachtung schenke ich ihnen dafür bei jedem Schritt, den sie tun. Solange sie nur ihrer Grabpflege oder Sonstigem nachgehen, wird niemand von uns einschreiten. Edge ist offiziell eine freie Stadt und es ist niemandem untersagt, sich an einem öffentlichen Ort in Shinras Nähe aufzuhalten, sofern er oder sie kein alarmierendes Verhalten an den Tag legt.

Da hätten wir die junge Frau, die in etwa fünfzehn Metern Entfernung neben einem Grab hockt, die meiste Zeit von Tseng verdeckt, aber ich kann erkennen, dass sie eine Tüte mit frischer Bepflanzung neben sich abgestellt hat und gerade dabei ist, mit einer kleinen Schaufel die gelben Blumen um den Grabstein herum auszuheben und auf einen provisorischen Haufen zu legen. Etwas weiter rechts wäre zweimal männlich, Mitte dreissig, höchstens acht Meter von uns. Stehen wie bestellt und nicht abgeholt, die Hände in den Taschen, vor einem anderen Grab und unterhalten sich in gedämpftem Tonfall. Die Konversation scheint zäh zu laufen und wird immer wieder von langen Pausen unterbrochen. Und ein ganzes Stück links, am weitesten von unserer Gruppe entfernt und eigentlich mehr in Rudes Observationsfeld, wäre noch einmal männlich, Ende vierzig oder Anfang fünfzig, jetzt gerade mit einer Gießkanne auf dem Weg zu dem nach den letzten, kürzlichen Regenfällen wohl gut gefüllten Auffangbecken.

Ich registriere nebenbei, dass Rufus allmählich zum Ende seiner Rede zu kommen scheint und ringe mich dazu durch, ihm wieder zuzuhören.

~

„...Welt, in der Feigheit und Bequemlichkeit das Handeln der meisten bestimmt, war sie einer der wenigen Menschen, die noch den Mut haben, zur Tat zu schreiten und sich selbst für ein höheres Ziel zu opfern. Wollen wir bei ShinRa sie ehren, indem wir sie so in Erinnerung behalten: Als eine Frau, die für ihre Ideale gekämpft hat mit einer Selbstlosigkeit, die uns nur mit Respekt erfüllen und als Beispiel dienen kann."

Ja. Als abschreckendes für den nächsten, armen Rookie, wenn er nicht ebenfalls im Alter von nur 19 Jahren mit sieben Messerstichen getötet werden will. Allesamt in den Bauchbereich, aber die Aorta ist unverletzt geblieben. Kein Zweifel, dass sie elendig und langsam verreckt sein muss.

Der Applaus bleibt selbstverständlich aus und seine aufgeblasenen, völlig lächerlichen, abschließenden Worte werden nur mit einem angemesseneren, respektvollen Nicken quittiert, auch wenn ich jede Wette eingehen würde, dass zumindest Rays Alter klug genug ist, zu wissen, dass es mehr höhnisch als alles andere ist, ihrem Abgang eine Vorbildfunktion zuzusprechen. Nur gut, dass ich rechtzeitig meine Aufmerksamkeit wieder hörtechnisch eingeschaltet habe, ansonsten hätt' ich mit Pech unbewusst laut aufgelacht. Es ist bereits das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit, dass ich glaube, einen abgrundtief zynischen Humor in Rufus zu sehen und langsam kommt mir der Gedanke, dass ich damit richtig liege. Dass er tatsächlich nicht bloß sagt, was er sagt und tut, was er tut, weil er denkt, man erwartet es von ihm, sondern weil es ihn tatsächlich amüsiert und ihm völlig klar ist, wie ironisch seine Rede ist. Genauso wie ihm klar sein muss, dass er damit davon kommt, weil ihn jeder ernst nimmt und niemand auf den Gedanken käme, er würde sich einen Spaß daraus machen.

Sieht aus, als hätte ich die letzten Tage mehr über den Mann herausgefunden als in den gesamten Jahre davor.

Er tritt einen Schritt zurück und überlässt das Feld allen anderen, die noch ihren Respekt zollen möchten. Nach Rays Vater und Rufus wird das keine große Sache mehr sein und verhältnismäßig wenig Zeit in Anspruch nehmen. Das einzige, was ich fürchte, ist der Moment, an dem ich an der Reihe sein werde. Scheissdreck, ich habe keine Verbindung zu dem ganzen Kram und keinen Plan, was ich sagen oder tun soll. ‚Du warst ein guter Fick' wäre wohl das ehrlichste und größte Kompliment, was ich ihr noch machen könnte und verdammt, es wäre nicht mal böse gemeint - aber es kommt wohl kaum infrage.

Also ignoriere ich das Geschehen in meiner unmittelbaren Nähe vorerst weiterhin und widme mich wieder intensiver den anderen Friedhofsbesuchern. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dass mir bis zum Ende der verdammten Prozedur doch noch etwas halbwegs Respektvolles eingefallen ist.

Männlich, Mitte dreissig in doppelter Ausführung, unterhalten sich eine Spur angeregter als noch vor einigen Minuten. So sehr ich mich anstrenge, die restlichen Umgebungsgeräusche aus meiner Aufmerksamkeit herauszufiltern, sie machen es unmöglich, auch nur ein Wort des noch immer leise gehaltenen Gespräches zu verstehen. Der Mann mit der Gießkanne hat den Brunnen erreicht und taucht sie kurz unter, um sie zu füllen. Ich bemerke, dass er Probleme zu haben scheint, die zehn Liter anschließend wieder herauszuheben und zurückzutragen. Eigentlich sollten solche Schwierigkeiten erst in dreissig Jahren auftreten. Aber wer weiss, welche körperlichen Beschwerden er vielleicht hat, die man ihm nicht ansieht. Er wäre nicht der einzige dieser Tage. Weiblich, jung, auf Anfang zwanzig geschätzt, ist fertig mit dem ersten Teil ihrer Arbeit. Sie zieht einen Topf mit einer Pflanze, die ich als blaues Wiesenkraut identifiziere aus der bereitstehenden Tüte, scheint es sich dann aber anders zu überlegen und erst die gelben Blumen entsorgen zu wollen.

Ich trete einen winzigen Schritt zur Seite und neige mich so diskret wie möglich nach rechts, um an Tseng vorbeischauen zu können.

Sie hat Mühe, den gesamten Haufen der ausgegrabenen Pflanzen mit nur zwei Händen zu fassen zu kriegen und hochzuheben, ohne welche zu verlieren, aber schafft es dann tatsächlich und richtet sich langsam auf. Sie trägt einen braunen Rock, eine schwarze Bluse und eine dünne, lange Regenjacke. Nirgendwo unter ihrer Kleidung zeichnen sich verdächtige Ausbuchtungen ab, aber ich bin trotzdem längst stutzig geworden. Ich erhebe mich langsam auf die Zehenspitzen und versinke dabei tiefer mit den Schuhen in dem aufgeweichten Boden. Hier, wo die neuen Gräber angelegt werden, befindet sich noch Rasen statt der trennenden Kieswege. Die wenigen, gewonnenen Zentimeter reichen, ihre Turnschuhe zu entdecken. Angemessen also. Ich sinke wieder zurück auf die Fersen, aber halte sie weiterhin im Augenwinkel fest.

Tseng tritt einen Schritt nach vorn. Der wievielte Turk ist er jetzt? Scheisse, ich hab den verdammten Anschluss offensichtlich verpasst. Ich beobachte, wie er behutsam eine weisse Orchideenblüte aus der Innentasche seines Jacketts zieht, sie küsst und dann hinab auf den Sarg fallen lässt, etwas flüsternd, das ich nicht verstehe. Ich kann gerade hören, dass es auf Wutai zu sein scheint und diese Sprache verstehe ich durchaus, aber es ist schlicht zu leise. Wahrscheinlich waren die Worte genau wie die Blüte nur für sie bestimmt. Als er sich wieder vom Rande der Grube zurückzieht, läuft die junge Frau, rücksichtsvollen Abstand haltend, an unserer Trauergemeinschaft vorbei, die Hände voller Erde und Blumen.

Und alle meine Alarmglocken schrillen endgültig, als ich erkenne, um was für gelbe Blumen es sich eigentlich handelt.

Rufus legt dezent drückend seine Hand in meinen Rücken, ein Wink mit dem Zaunpfahl, während ich den Kopf nach hinten drehe und sehe, dass sie auf den großen, metallenen Container für Friedhofsabfälle hinter uns zusteuert. Er muss bemerkt haben, dass etwas meine Aufmerksamkeit erregt hat, aber er vertraut mir, früh genug einzuschreiten, wenn ich die Notwendigkeit sehe. Ich trete einen Schritt nach vorn - verdammt schlechter Zeitpunkt-, noch immer ohne den Funken einer Idee, was ich sagen oder tun soll, herabstarrend auf den braunen, unpersönlichen Sarg. Roter Lack in der Nuance ihres Lippenstifts wird mich wohl mehr an sie erinnern als dieser Ort es je könnte. Nichtssagend, anonym.

‚Sehen wir uns wieder?'

„Ich weiss es nicht", entgegne ich laut, bevor ich es selbst merke, „Vielleicht..."

Denn wie könnte ich es ausschließen?

„Vielleicht", wiederhole ich noch einmal und trete zurück in der Gewissheit, ihr gegeben zu haben, worum sie mich gebeten hat und dabei noch immer nicht fähig, sie anzulügen. Mein verunsicherter Blick wandert kurz über die Gesichter, doch die Augenpaare, die auf meines treffen, stellen keine Fragen.

Jeder eben auf seine Weise.

Die Frau kehrt zurück von ihrer Abfallentsorgung mit leeren, dafür schmutzigen Händen. Noch immer gibt sie vor, uns keine Beachtung zu schenken, als sie wieder zu dem Grab geht und sich erneut niederkniet in die Hocke, um das Kraut einzupflanzen an der freigewordenen Stelle. Unsere Zeremonie neigt sich dem Ende zu. Ich halte mir die Faust vor den Mund und räuspere mich diskret, mir Tsengs sofortiger Aufmerksamkeit gewiss. Ich schaue ihn nicht einmal an, als meine Finger an meinem offenen Jackett herumnesteln, es augenscheinlich bloß zurechtzupfen. Eine fließende, völlig unverdächtige, kleine Handlung, der ich mir scheinbar selbst nicht bewusst bin. Drei Finger, zwei Finger, drei Finger. Es dauert kaum länger als zwei Sekunden, ihm den Code 3-2-3 zu übermitteln: Verdächtige weibliche Person hinter dir, eingreifen.

Denn wenn sie ebenfalls vorhat, einzugreifen, dann wird sie es gleich tun, da unsere Gruppe im Begriff ist, sich aufzulösen.

Trotz aller Kritik an mir und seinem Hals auf mich seit einer Weile, in diesem Moment bin ich der, dem er das zweite Kommando gegeben hat und vertraut mir blind, als er sich herumdreht.

Und plötzlich verändert sich das Zeitgefühl. Mein innerer Schalter legt sich um und versetzt meinen Körper und Geist sofort in einen komplett anderen Modus. Eine Parallellwelt, in der alles um mich herum langsamer geschieht und nur ich in normalem Tempo agieren kann; eine Welt, in der jeder Eindruck mit zehnfacher Intensität auf mich einwirkt.

Jetzt, wo Tseng sich von der kleinen Trauergemeinschaft löst und zügig - mein Verstand sagt mir, dass es zumindest zügig sein muss, auch wenn sich vom Gefühl her jede seiner Bewegungen ins Unendliche dehnt - auf die Frau zugeht, die sich langsam aufrichtet. Ihre Hand greift in die Tüte und zieht im Schneckentempo die Pistole hervor. Ein hängen gebliebener Zweig des blauen Wiesenkrauts fällt endlos lang hinab auf den nassen Kies zwischen den Grabreihen, während ihr Oberkörper sich in unsere Richtung dreht; während Tseng sich ihr weiter nähert, seine eigene Hand in Zeitlupe unter sein Jackett greift, um die Waffe zu ziehen; während Elena und Rude wie auf ein unsichtbares Kommando hin beide zu seinen Flanken hin ausscheren und seine Bewegung perfekt synchron imitieren.

Ich fahre herum zu Rufus, sehe sein Profil und die blonden Strähnen, die regelrecht schwerfällig um seine übermüdeten Augen wehen. Die Lider - seltsam, dass mir jetzt erst auffällt, wie lang seine Wimpern eigentlich wirklich sind -, die bleiern nach unten sinken und schleppend ihren weiten Weg wieder hinauf in dem Moment beginnen, in dem mein rechter Arm auch schon mit seiner Brust kollidiert, noch ehe ich selbst bemerkt habe, dass ich ihn überhaupt ausstrecke. Der Aufprall presst den Atem unter einem Keuchen aus seinen Lungen heraus. Mein Griff schleudert ihn herum, bevor mein Rücken sich auch schon gleichzeitig schützend vor seinen schiebt.

Der erste Schuss fällt, als ich gerade seinen Oberkörper mit dem Gewicht meines eigenen nach unten drücke, um uns aus der Zielline zu bringen, meine Arme eng um seinen Bauch geschlungen, damit er nicht zu Boden fällt. Schreie von irgendwelchen Statisten beginnen. Ich fühle den scharfen Luftzug direkt über meinem Haar, die Stelle wo vor dem Bruchteil einer Sekunde noch sein Kopf war. Ein zweiter Knall ertönt ohrenbetäubend, der unverwechselbare Laut einer in unmittelbarer Nähe abgefeuerten Ifrit - Sie hat auf Rufus gezielt, obwohl sie gewusst haben muss, dass Tseng sie dann erledigen würde. - aber ich selbst bin auch schon in Bewegung, halb auf ihm, halb neben ihm, ihn in meiner eisernen Umarmung mit mir reissend und gleichzeitig stützend, denn wenn er jetzt auf dem durchweichten Erdboden stolpert, könnte das sein Tod sein. Die beiden Schüsse haben lediglich die Schlacht eröffnet, die plötzlich beginnt. Mit schierem Entsetzen stelle ich fest, dass es nicht bloß eine einzelne Attentäterin war, sondern mindestens noch zwei oder drei andere irgendwo weiter entfernt sein müssen und sich nicht länger Mühe geben, unentdeckt zu bleiben.

Neue Schüsse ertönen, die ich als die erkenne, die uns den Weg freimachen sollen, bis ich den Präsidenten in Deckung gebracht habe, aber ich schaue nicht zurück; alles, worauf ich mich fokussiere, ist das Grabmonument wenige Meter entfernt, das gerade hoch genug ist, um uns vorerst Schutz zu bieten. Und wenn nicht uns, dann wenigstens ihm.

 

~


Ich stoße ihn hinter den Stein, gegen den er sich augenblicklich zusammenkauernd mit dem Rücken lehnt und lass mich auf ihn herabfallen, um sofort über ihm kniend meine eigene Waffe endlich hastig hervorzuziehen. Der Platz ist ausreichend, seinen Körper zu schützen, nur meine Beine zu seinen beiden Seiten bieten noch Angriffsfläche. Gut genug.

„Fuck, der ganze Friedhof ist voll!", keuche ich durch das Donnern erneuter Schüsse hinweg, die Ifrit entsichernd. Das gehetzte Rascheln unzähliger Schritte auf den Kieswegen ordne ich Rays flüchtender Familie und den Zivilisten zu.

„Aber hinter uns ist niemand." Er blickt seelenruhig zu mir auf und pustet sich eine Strähne aus den Augen, die der Wind keine Sekunde später wieder zurück zerrt. Irgendwo vor mir steigt schwarzer Rauch auf; Funken und verbrannte Fetzen Irgendwas werden von einer wirbelnden Böe weggetragen. Ich kann den Brandherd nicht sehen, aber riechen. Der penetrante, übelkeitserregende Gestank von verkohltem Menschenfleisch ist nicht leicht zu verwechseln.

„Noch nicht!" Die Frage ist bloß, wie viele es genau sind und wie lange die anderen sie davon abhalten können, in einem Bogen um uns herum zu kommen. Inzwischen bin ich mir sicher, dass die Schüsse, die bislang nicht von Turks abgefeuert wurden, aus mindestens drei verschiedenen Waffen in unterschiedlichen Entfernungen zu uns stammen. Ich umklammere die Pistole mit beiden Händen und lehne sie unterhalb der Steinkante direkt neben Rufus' Kopf gegen das Monument vor uns, bereit, auf die nächste Angriffswelle unserer Leute zu warten, um mir einen Überblick zu verschaffen. Meine Ellenbogen an seine Brust gedrückt, bemerke ich, dass der Kerl tatsächlich völlig entspannt und tief atmet, während mein eigenes Herz im Überlebensmodus rast wie verrückt. Unter anderen Umständen würde ich ungläubig auflachen.

Eine weitere Schussreihe in unmittelbarer Nähe vor uns ertönt, ihrem Klang nach von einer Person in Bewegung - jemand von uns - auf ungefähr zehn Uhr. Elena. Ich spähe an der Seite hervor und sehe sie förmlich über die Gräber fliegen, sich selbst Deckung gebend und dabei ihr gesamtes Magazin leerfeuernd. Ich falle augenblicklich mit meiner eigenen Waffe über den Stein hinweg in ihr Feuer ein, in die Richtung zielend, in die sie selbst schießt, bevor sie den Baum, der scheinbar ihr Ziel war, erreicht und sich dahinter auf den Boden wirft, um sofort die Knie anzuziehen und sich so klein wie möglich zu machen. Nicht gut, gar nicht gut. Das Ding ist zu schmal.

„Elena!" Ich ruf sie zwischen meinen eigenen Schüssen hindurch, damit sie in meine Richtung schaut.

So abgesichert hervorspähend, entdecke ich die Leiche der Blumenfrau und die Flamme, die aus ihrer Brust lodert. Unverkennbare Folge der Materia. Die Tüte neben ihr ist versengt und zu etwas Undefinierbarem zusammengeschrumpft. Weiter weg scheint ein zweites Feuer zu sein. Ich kann es abgeschirmt von den Grabsteinen nicht sehen, doch die aus dem Brand resultierende Rauchsäule, genauso schwarz, aber stärker und anscheinend frischer. Von Tseng und Rude keine Spur.

Elena erwidert für einen Sekundenbruchteil meinen Blick und spart sich ein bestätigendes Nicken. Sie hat verstanden und verliert keinen Moment mehr, im Schutz, den ich ihr gebe, ihre Pistole nachzuladen. Ich sehe noch, wie sie mit zitternden Fingern, aber trotzdem in schier unglaublicher Geschwindigkeit ihr Magazin austauscht und die Waffe durchlädt, dann explodiert die Welt neben meinem Gesicht.

„Reno!"

 

~


Die Kugel verfehlt knapp meine Stirn, schlägt ein Stück aus der Steinkante neben meinem Kopf heraus; ich fühle etwas wie einen Peitschenschlag mitten im Gesicht, als der abgebrochene Splitter mich trifft und zwei Hände meinen Oberkörper ruckartig nach unten reissen.

„Reno!", wiederholt er und erst jetzt realisiere ich, dass es schon beim ersten Mal seine Stimme war, die meinen Namen geschrien hat. Ich höre, wie Gegenfeuer eröffnet wird - wahrscheinlich Rude - auf wen auch immer, der eben auf mich geschossen hat, damit ich weiterhin Elena absichern kann.

„Lass mich los!" Ich befreie mich aus seinem Griff, um Elena zu helfen, die wieder selbst unter Beschuss steht, während um sie herum die Rinde vom Baum splittert. Ich verschieße meine letzten Patronen; sie springt sofort auf die Beine und hastet geduckt weiter nach links, ihre eigene Waffe neu geladen und abfeuernd, bis sie ebenfalls hinter einem Grabmonument in Deckung geht.

Ich ducke mich, lasse das leere Magazin aus der Semiautomatik fallen und will nachladen, als ich plötzlich innehalte - meine rechte Hand ist glitschig vor lauter Blut und Rufus' Brust völlig durchtränkt.

Wie konnte er getroffen werden?

„Reno...", wiederholt er ein drittes Mal, bevor ich merke, dass es von meinem Kinn auf ihn hinab tropft und gleichermaßen meinen Hals herunter warm in meinen Kragen rinnt. Sein Blick versucht meinen festzuhalten, aber ich hab jetzt keine Zeit für das Spielchen und schaue zur Seite.

„Ich bin okay", antworte ich knapp stattdessen, wische mir die blutende Wange flüchtig an der Schulter ab und lade die Waffe nach. „Aber wir müssen endlich hier weg."

„Der Container." Er deutet mit einem Kopfnicken auf etwas hinter mir. Ich werfe einen kurzen Blick in die Richtung, auch wenn ich bereits weiss, was er meint. Die Distanz zum nächsten Angreifer sollte ausreichen, dass der ungefähr dreissig Meter hinter uns stehende Metallcontainer am Rande des Hauptweges genügend Schutz bieten sollte. Und er ist groß genug, um ihn und mich mit Glück vor Blicken abzuschirmen, wenn wir uns von dort aus noch weiter zurückziehen. Wenn einer von den anderen dreien Rufus und mir nur lange genug den Weg freimacht.

Falls es überhaupt noch drei sind.

Ich habe seit einer Weile nur zwei gehört; Elena und der Position nach zu urteilen wahrscheinlich Rude, weil der anfangs nach rechts ausgeschert ist. Tseng müsste dort sein, wo ich die zweite Rauchsäule hab aufsteigen sehen. Vielleicht wurde er verletzt, als er den zweiten Angreifer ausgeschaltet hat. Oder vielleicht...

...Ich vertiefe den Gedanken nicht. Es ist reine Spekulation und ich werde es früh genug herausfinden.

„Ich geb dir Deckung", erkläre ich, „und du siehst zu, dass du deinen Arsch von hier bewegst." Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu, auf eine bestätigende Rückversicherung wartend. Aber er starrt mich bloß wortlos an.

„Ich komm sofort nach, wenn du drüben bist", lasse ich ihn wissen, in der Hoffnung, seine Gedanken richtig gelesen zu haben. Und er nickt.

Habe ich gerade wirklich Shinra gesagt, er soll seinen Arsch bewegen? Und seit wann duze ich ihn wieder?

Keine Sekunde später höre ich rechts voraus weitere Schüsse, die ich noch immer Rude zuordne und springe auf die Füße, um selbst den unsichtbaren Gegner links in Schach zu halten, der Elena so zugesetzt hat, in der Hoffnung, dass es wirklich nur zwei sind, weil ich gerade die perfekte Zielscheibe abgebe. Rufus verliert keine Zeit, zwischen meinen Knien durchzurutschen und einen Sprint zu dem Container zurückzulegen. Während ich die letzten Kugeln meines vorletzten Magazins verschieße, schweift meine Aufmerksamkeit über die Gräber, in der Hoffnung, endlich eine Spur von Tseng zu entdecken, aber zwischen den ganzen Steinen, Büschen und vereinzelten Bäumen, ist es völlig aussichtslos.

Ich lasse mich wieder zu Boden fallen, um ein letztes Mal nachzuladen. Den Rücken jetzt selbst gegen die Steinplatte gelehnt, kann ich Rufus' Gesicht hinter dem Container hervorspähen sehen und lache auf. Ich kann einfach nicht anders. Wie ein verdammtes Kind, das verstecken spielt, sieht er aus. Mein Lachen verstummt abrupt, als eine Salve meinen Grabstein unter Beschuss nimmt.

Shiva, wer auch immer hier ruht, verdient post mortem einen Orden, denke ich bloß, während Steinsplitter von oben in mein Haar herunterregnen und das Blut beim Wechseln des Magazins auf meine Handgelenke tropft. Das war's. Meine letzten fünfzehn Schuss. Und wir sind längst nicht aus der Nummer hier raus. Ich müsste wahnsinnig sein, sie für mich selbst zu verschwenden. Wenn ich es nicht packe, wird er es schon schaffen, an meine Waffe zu kommen und sich allein zu verteidigen. Er ist sowieso ein Welten besserer Schütze als ich. Das einzige, was mich auszeichnet, sind meine Schnelligkeit und meine unglaublichen Reflexe. Der Grund, warum ich es bin, der immer an seiner Seite steht.

Tut mir leid, Boss. Ich weiss, du machst dir neuerdings Sorgen um mich, aber du wirst schon jemand anderes finden, den du im Schlaf bespannen kannst.

Und auf beide verlasse ich mich jetzt, als ich bei der ersten Pause aufspringe und um mein Leben laufe.

 

~


Dreissig Meter sind normalerweise keine lange Strecke, aber in diesem Moment dehnen sie sich endlos vor mir wie durch das falsche Ende eines Feldstechers betrachtet.

Ich achte nicht auf die Schüsse hinter mir, nicht darauf, ob sie mir gelten, denn jetzt während meines Sprints gibt es ohnehin nichts mehr, was ich tun kann. Alles, worauf ich meinen Blick fokussiere, ist der verdammte Container, der in Zeitlupe näherrückt, während meine Beine wie von selbst sämtliche Hindernisse überspringen, die zu schnell um sie bewusst wahrzunehmen in meinem unteren Sichtbereich auftauchen und sofort wieder verschwinden wie die unterbrochene Mittellinie einer Straße. Verschwommene, unscharfe Flecken, die unter meinen Füßen zu einem einzigen bunten Teppich zusammenfließen.

Ein scharfes Zischen an meinem linken Ohr, eine Kugel überholt mich, beantwortet mir die Frage, ob ich unter Beschuss stehe und mit einem gewaltigen Satz nach vorn überwinde ich die letzten Meter der Distanz, bevor ich mich routiniert abrolle und mit einer geschickten Drehung meines Körpers hinter dem Zielobjekt in Deckung gehe.

Ich lande regelrecht in Rufus' Armen, der mich aber nicht vor lauter Wiedersehensfreude an seine Brust drückt, sondern mit dem Rücken gegen die Metallwand neben sich schleudert.

„Bist du wahnsinnig geworden?" Seine Stimme ist noch halbwegs unter Kontrolle, aber in seinen sonst so kalten Augen lodern blaue Flammen, wie ich fasziniert feststelle. Ich hab's noch nie erlebt, dass der Kerl die Beherrschung verliert und jetzt scheint er zumindest nicht mehr weit davon entfernt.

„Nicht mehr als sonst, Boss." Ich schwenke die geladene Pistole kurz in meiner rechten Hand. „Hab uns gerade 'n ganzes Magazin gerettet", keuche ich mit einem debilen Grinsen und fühle das Blut erneut über meine Wange rinnen. Gaia, es gibt kein Gefühl wie das, dem Tod so gerade eben von der Schippe gesprungen zu sein und ihm den Mittelfinger zu zeigen. Es ist besser als Sex. Ich lasse ein endorphingeschwängertes Lachen los, weil ich merke, dass ich tatsächlich nur noch einen Fick zu meiner völligen Glückseligkeit bräuchte. Und danach eine Zigarette. Und dann meinetwegen sterben, denn besser könnte das Leben nie wieder werden.

„Schön, dass die Situation zumindest zu deiner Erheiterung beiträgt." Oh, Rufus. Immer so ernst. Ich kann kaum dem plötzlichen Drang widerstehen, ihm auf die Nase zu drücken und das Mööp - Spiel zu starten. Allein sein Gesicht wäre jede Strafe wert. Verdammt, ich würde es tatsächlich tun, wenn wir inzwischen in Sicherheit wären.

„Keine Sorge, ich hab den Masterplan", lächel ich, weiter um Atem ringend und spüre deutlich, wie die Wunde in meinem Gesicht aufklafft. Es tut nicht weh, noch immer nicht, aber das Gefühl ist eklig. Wie bei einem überdimensionierten Papierschnitt. Ich drücke ihm meine Waffe in die Hand, befreie mich hastig aus meinem Jackett und lege es auf den Asphalt neben mir, den grauen Boden dabei mit kleinen, roten Tropfen besprenkelnd.

„Was tust du?", fragt er irritiert, während ich den linken Ärmel meines Hemdes an der Schulternaht abzureissen beginne.

„Schau mal zur Seite." Er folgt meinem Nicken zur Mitte des Hauptweges direkt vor uns und scheint sofort zu verstehen. Noch während ich den Ärmel mit einem letzten Ruck löse, kriecht er vorwärts, um den massiven, runden Deckel vom Einstieg der Kanalisation zu ziehen. Ich streife das Jackett eilig wieder über, knülle das abgerissene Stück Stoff zusammen und presse es gegen die Verletzung an meiner Wange. Sephiroth soll mich holen, wenn ich wie der letzte Idiot eine praktische Blutspur zu dieser gaiageschickten Fluchtmöglichkeit hinterlasse.

„Ich hab einen weiteren Ausgang ein paar Meter hinter der Limousine gesehen, gleich auf dem Parkplatz", erzähle ich, während ich geduckt zu ihm haste und in das schwarze Loch herunterspähe, nur um rein gar nichts zu sehen, „das heisst, wir kommen nicht nur hier weg, wir laufen dabei direkt unter den verdammten Wichsern her! Schaffst du das?"

Aber die Frage war nicht besonders intelligent, denn er schwingt sich bereits hinein in die Dunkelheit und beginnt, die Metallleiter an der Seite des Schachtes hinabzusteigen. Ich verliere keine Zeit, ihm zu folgen und rutsche ebenfalls über den Rand, sobald er genug Platz freigemacht hat, dass ich meine eigenen Füße auf den alten, feuchten Sprossen platzieren kann. Es besteht die Möglichkeit, dass sie den Trick durchschauen, aber erst mal müssen sie sich hierhin vorarbeiten und Rude und Elena werden alles daran setzen, das so lange wie möglich zu verhindern, und zweitens waren wir hinter dem Müllbehälter gut genug vor Blicken abgeschirmt, um inzwischen werweisswohin geflohen zu sein. Shiva, von allen Optionen ist es immer noch die beste.

Ein tiefes, fast organisch klingendes Grollen ertönt, als ich den schweren Deckel mit ausgestrecktem Arm wieder in seine ursprüngliche Position ziehe bis er einrastet und die völlige Schwärze uns augenblicklich verschluckt.

 

~


Noch während meines Abstiegs krame ich das Feuerzeug schonmal aus meiner Hosentasche, den blutdurchtränkten Stoff an meinem Gesicht zwischen Schulter und Kopf eingeklemmt. Das Licht wird kaum der Rede wert sein, aber für den Weg wird es reichen. Ich lasse ihm keine andere Wahl.

„Alles okay?", frage ich, als ich am Ende der Leiter den glitschigen Boden unter meinen Schuhen ertaste und neben Rufus lande, ihn dabei streifend und nur daher wissend, wo er überhaupt ist. Ich wische den Schmutz und die abgesplitterten Rostkrümel, die an meiner linken Hand kleben, flüchtig an meinem Jackett ab. Die andere ist sowieso über und über mit getrocknetem Blut überzogen und fühlt sich unangenehm rauh an.

„Natürlich", entgegnet er bloß, als wäre die Frage allein schon eine Beleidigung.

„Sieh weg," warne ich, bevor ich das kleine Feuer aufflammen lasse, damit er nicht aus Versehen genau hinein blickt und geblendet wird. Es ist bloß so ein verdammtes, billiges Einwegteil aus Plastik und ohnehin halb leer, aber trotzdem stelle ich die Flamme auf höchste Stufe und stelle fest, dass man zumindest im direkten Umkreis sehen kann, was man tut. Wesentlich eindringlicher als die optischen Eindrücke sind aber die in der Nase. Es stinkt nach Wasser, Abwasser genauer gesagt, und Moder. Etwa anderthalb Meter rechts neben uns fließt der unterirdische Kanal entlang, schwarz und milchig trüb. Wahrscheinlich auch besser so.

„Verdammt, jede Wette, dass das Flynchs Leute sind!" Ich nicke mit dem Kopf, um ihn aufzufordern, loszugehen und stopfe die improvisierte Kompresse endlich in die rechte Tasche meines Jacketts. „Die Bastarde haben nur zu genau gewusst, dass Ray beerdigt wird. Ich meine, sonst haben alle dicht gehalten, nicht? Kann mir zumindest nicht vorstellen, dass ihr Alter die Geschichte angeleiert hat. Wenn Daddy Amok läuft, dann tut er's selbst mit dem guten, alten Jagdgewehr, um sein Töchterchen höchstpersönlich zu rächen." Im Laufen raste ich den kleinen Schalter an meinem Armband in die andere Position, damit die elektrischen Impulse die Heilmateria aktivieren, und sofort durchströmt ein Gefühl wie eine brennende, winzige Ameisenarmee meinen Körper. „Und Daddy würde auch nicht den Rest der Sippe einer solchen Gefahr aussetzen." Das Kribbeln erreicht die Wunde an meiner Wange und bleibt dort. Unangenehm wie ein eingeschlafenes Bein beim Aufwachen, aber nicht wirklich schmerzhaft. Störender ist der Schweiss, der mir langsam aus den Poren zu schießen beginnt. Er ist kaltes Nebenprodukt und wird nicht begleitet von einem inneren Gefühl der Wärme.

„Auch Flynch kann nicht gewusst haben, wann sie beerdigt wird", höre ich ihn ungerührt hinter mir antworten. Keine Frage, dass er inzwischen wieder völlig zu seiner üblichen, emotional reglosen Form zurückgefunden hat.

„Nah. Aber wir haben nur einen Friedhof bisher in Edge und dass es Anfang der Woche sein würde, war auch nicht schwer zu erraten. Will der Kerl also tatsächlich jetzt nen offenen Krieg mit uns, wer hätte das gedacht. Kann der Bastard haben! Das abwartende Rumgetanze um den Wichser ist mir sowieso langsam auf den Sack gegangen." Mein Blick gleitet über die Mauer des Tunnels zu meiner linken. Die Steine glänzen feucht an den Stellen, wo sie nicht von Schlick und Algen überwuchert sind.

„Reno, ich würde es begrüßen, wenn du Turkangelegenheiten mit Turks besprechen würdest. Das erscheint mir angemessener." Blah! Ich äffe seinen gelackten Tonfall in Gedanken nach, während ich vor seinem Blick geschützt die Lippen dazu bewege, und frag mich, ob ich mich plötzlich daran störe, weil ich inzwischen weiss - oder besser ahne, - dass er auch ganz anders kann. Rufus, ich würde es begrüßen, wenn du den Stock aus deinem verkrampften Rektum ziehen würdest. Das erscheint mir angemessener. Shiva, dann kann man auch befreiter verdauen, wenn man eine Speise verzehrt hat!

„Okay, dann was anderes. Das System hier ist älter als Edge, oder?" Ich fluche kurz, weil die Flamme sich durch den Luftstrom beim Laufen zu meinem Daumen hin geneigt und ihn angesengt hat. Aber langsamer gehen kommt auch nicht infrage. Es würde nicht mal was bringen, weil das Rädchen direkt an meiner Haut sich sowieso mit jeder Sekunde mehr erhitzt und mich munter weiterverbrennt. Mir entgeht nicht, dass ein Teil der Ameisenarmee sich von meinem Gesicht löst, um meinen Arm hinab in die Hand zu wandern und dort weiterzukämpfen, wenn auch gegen Windmühlen.

„Die Kanäle haben früher zu Sektor 3 gehört, als dieser sich noch weiter nach Osten hin ausgedehnt hat. Das war noch vor seiner Eingliederung in Midgar. Es hat uns eine Menge an eigenen Baumaßnahmen und Kosten erspart und war mit einer der Gründe, warum Edge ausgerechnet hier errichtet wurde." Auch wenn er keine Lust auf Turkangelegenheiten hat, Shinra liebt es jederzeit und jeden Ortes, über ShinRa zu sprechen. Und Edge ist sozusagen sein Baby. Es muss ihn bis heute jucken, dass der neue Tower nicht zentral in der Mitte steht, wie es in Midgar der Fall war, aber darüber kann man wohl hinwegsehen, wenn die ganze verfluchte Stadt auf dem eigenen Mist gewachsen ist. Ausserdem wird mir wieder einmal mehr klar, dass der Kerl schier alles weiss, was um ihn herum geschieht. Er ist nicht bloß eine Marionette, die der Öffentlichkeit präsentiert wird: Rufus hat noch immer die absolute Kontrolle über den größten Teil der Welt, auch wenn er's nicht mehr so sehr raushängen lässt... ...wie er gern würde.

Aber mein Interesse gilt inzwischen etwas komplett anderem.

Wir erreichen einen Nebentunnel linker Hand, über dessen Zulauf ein nicht besonders vertrauenswürdig aussehender Metallsteg führt. Was meine Aufmerksamkeit allerdings wesentlich mehr erregt, ist die Leiter direkt dahinter, die sich mit jedem Schritt mehr aus der Dunkelheit herausschält. Und ich habe die Idee.

Ich lege einen Zahn zu, weder die Flamme an meinem Daumen noch Rufus in meinem Nacken oder den klapprigen Steg unter mir beachtend, bis ich die morschen, rostigen Sprossen erreicht habe.

„Das kann noch nicht der richtige Ausgang sein, Reno. Wir müssten erst die Hälfte der Strecke zum Parkplatz zurückgelegt haben." Seinen Kopf dem Seitentunnel zugewandt, schenkt er meinem Fund keine weitere Beachtung.

„Eben, Mann!", erkläre ich aufgeregt, „Ich hab den ultimativen Plan! Pass auf, wir sind jetzt quasi direkt unter den Arschlöchern drunter und das letzte, womit sie rechnen, ist, dass ich da plötzlich von unten her auftauche und sie aus dem Konzept bringe! Gib mir die Ifrit zurück, du nimmst das Feuerzeug und ich lass dir nen Vorsprung, dass du's allein zum Wagen schaffen kannst. Dann misch ich oben wieder mit!" Hallo? Hört der Kerl nicht zu? Er guckt mich nicht mal an, verdammt nochmal! „Rufus?"

„Ich habe dich gehört." Er starrt noch immer völlig verloren in den Seitentunnel und ich frag mich schon, ob wir Gesellschaft bekommen haben, als er endlich den Kopf zu mir dreht. „Aber ich habe etwas anderes entschieden."

„Huh? Was denn? Meine Idee ist perfekt! Lass uns keine Zeit verlieren; gib mir die Waffe zurück!" Hat er nicht kapiert, was ich vorhabe? „Ah Scheisse, verdammte!" Ich ziehe den geschundenen Finger von dem Feuerzeug weg und schüttel es, nur um es dann in die andere Hand zu wechseln, damit ich mir den anderen Daumen auch noch verbrennen kann.

„Deine Idee ist dümmlich. Du könntest erschossen werden, noch bevor du es überhaupt aus dem Ausgang heraus schaffst."

„Selbst wenn, dann wäre wer auch immer abgelenkt und einer von den anderen könnte ihn sich vorknöpfen! Ausserdem kann ich auch an einer perfekten, gedeckten Stelle auftauchen oder den ersten Schuss haben! Und du wärst in Sicherheit, du schnappst dir die Karre und verschwindest zurück zum Tower!" Aber der Kerl dreht sich einfach zur Seite und wendet sich jetzt voll und ganz der verdammten Abzweigung zu. „Das ist die falsche Richtung, Mann! Was tust du?"

„Es ist nur die falsche Richtung, wenn man zum Wagen zurückgehen möchte. Aber ich sagte doch bereits, ich habe einen anderen Plan. Leg deine Hand auf meine Schulter." Er setzt zum Gehen an und ich krieg langsam nen verdammten Koller mit dem Typen, der nicht nur meine, seine, sowie Rudes und Elenas Zeit verschwendet, sondern vor allem Tsengs.

„Was?! Hör mal, das ist echt nicht das richtige Timing für ne verdammte Polonaise! Ich nehm dich gern am Wochenende mit zu Tifa, wenn du unbedingt den Bär steppen lassen willst, aber hör jetzt verdammt nochmal auf mit dem Unsinn und gib mir meine Pistole!" Ich weiss, dass er sie in seiner Manteltasche verstaut hat, aber noch bin ich nicht so weit, einfach dort hineinzugreifen. Aber Shiva, es fehlt nicht mehr viel! „Falls du's nicht mitgekriegt hast, Tseng ist höchstwahrscheinlich verletzt, wenn er überhaupt noch lebt, und ich dachte, zumindest an ihm liegt dir irgendwas!"

Er dreht den Kopf über seine Schulter zurück, um mich anschauen zu können. „Reno, du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du tust, was du willst und wirst es dann aber zum letzten Mal getan haben oder du begleitest mich." Sein Tonfall wird spöttisch, als er hinzufügt: „Du willst den Präsidenten von ShinRa doch nicht wirklich allein und unbewaffnet zurück zum Tower laufen lassen? Durch die Kanalisation?" Er befreit seine Stirn von einigen herabgerutschten blonden Strähnen mit einem flüchtigen Nicken.

„Zum Tower?!" Und jetzt kapier ich's - aber ich kann nicht glauben, dass er das ernst meint! Der Seitenkanal verläuft in südliche Richtung, dorthin wo auch das Hauptquartier steht, aber zum Tower sind's allein auf dem Luftweg noch mindestens vier Kilometer, wohingegen seine verfluchte Limousine nur etwa 120 Meter von hier steht! Und ich geb mir keine Mühe mehr, meine Meinung für mich zu behalten. „Ifrits Arsch, bist du verrückt geworden?! Und du nennst meine Idee dümmlich?! Das ist das Dämlichste, was ich je gehört habe! Hör mal zu, es hat nen verdammt guten Grund, dass ich dein persönlicher Leibwächter bin und du der Bürohengst und nicht umgekehrt! Wenn es nen verdammten Zeitpunkt gibt, mal zu tun, was ich sage, dann jetzt!"

Natürlich ist das der reinste Schwachsinn. Jeder Mensch, der Shinra auch nur ansatzweise kennt, weiss, dass er sich dadurch von allen anderen großen Bossen unterscheidet, dass er eben kein Sesselfurzer ist. Egal wie riesig seine Fresse sein mag, das, was er dahinter versteckt, ist noch wesentlich größer. Genau genommen traue ich es ihm mühelos zu, dass er uns im völligen Alleingang aus der verdammten Nummer da oben hätte raushauen können. Selbstverständlich tut er es nicht, denn es ist schlicht nicht sein Job und ihm viel zu lästig. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass der Kerl mehrere Entführungen, etliche beinah tödliche Verletzungen und nicht zu vergessen, einen verdammten Weapon Angriff, bei dem der komplette, verfluchte alte Tower über ihm eingestürzt ist, überlebt hat - nur um dann an Geostigma zu erkranken, Jenovas verfickten Kopf durch die Gegend zu rollen und sich mal eben sieben Stockwerke in die Tiefe stoßen zu lassen, allein in guter Hoffnung, wir würden es schon irgendwie richten - was wir auch haben, aber mit dem Resultat, dass ich am nächsten Tag die ersten vier grauen Haare an mir entdecken konnte! So gern er unterm Strich also auch redet und anderen die Drecksarbeit überlässt: Im Gegensatz zu seinem Alten hat der Mann Eier und Nerven aus Stahl, und er wäre mehr in der Lage, auf seine Person aufzupassen, als ich es je sein könnte. Shiva, wir reden über jemanden, der eine Shotgun mit nur einer Hand abfeuert! Er hat lediglich die meiste Zeit schlicht Besseres zu tun, als bei seinen Auftritten in der Öffentlichkeit auch noch auf potenzielle Attentäter achtgeben zu müssen. Also genießt er es in vollen Zügen, Präsident zu sein und überlässt uns die Dinge, die wir gut genug erledigen können - wenn auch vielleicht nicht ganz so gut, wie er selbst es würde. Nur, wenn das seine Spielregeln sind, dann soll er sich auch verdammt nochmal jederzeit dran halten und mich meine Arbeit tun lassen!

„Wie stellst du dir das überhaupt vor?", fluche ich also weiter, denn ich habe noch immer nicht genug Dampf abgelassen und ganz bestimmt nicht vor, mich auf diese Scheisse einzulassen, „Glaubst du allen Ernstes, ich trag dir jetzt fünf Kilometer lang hier die Fackel? In spätestens zehn Minuten steh ich hier selber so langsam in Flammen!"

„Du kannst das Feuerzeug wegpacken." Er beginnt, einfach ohne mich loszulaufen und ich haste hinterher wie ein verdammter Welpe, der Angst hat, zurückgelassen zu werden. Natürlich ist es genau umgekehrt. Er ist es, den ich nicht allein lassen kann. So gern ich verdammt nochmal würde.

„Was soll das heissen?" Ich schließe zu ihm auf und versuche, mit seinem Schritt mitzuhalten, während die kleine Flamme hektisch tanzt und jede Sekunde auszugehen droht.

„Ich war in dem Glauben, du wüsstest, dass ich Makobehandlungen unterzogen wurde", unterrichtet er mich, ohne dass seine Stimme durchblicken lässt, ob er mir damit gerade ein Geheimnis anvertraut hat oder mir tatsächlich etwas Wesentliches entgangen ist.

Ich hab davon gehört. Aber ich hab nie gewusst, ob es nur eines der weiteren Gerüchte um ihn ist. Auf jeden Fakt über seine Person kommen immerhin geschätzte zwölf Märchen. Wenn er tatsächlich Mako in sich hat, dann sieht man es ihm zumindest nicht an. Im Gegensatz zu Cloud zum Beispiel. Es können keine starken Dosen gewesen sein.

„Was willst du damit sagen? Dass du verdammt nochmal im Dunkeln sehen kannst?" Ich rutsche auf etwas aus und kann es gerade verhindern, nach hinten zu fallen und auf dem Arsch zu landen. Natürlich wartet er nicht auf mich.

„Exakt", höre ich ihn, noch während ich wild mit den Armen rotiere um das Gleichgewicht zu halten.

„Verfickte Scheisse!", brülle ich, sowohl an ihn als auch den verfluchten, halb verrotteten Tierkörper adressiert, in den ich getreten bin, wie ich jetzt erkennen kann. Ich streife angewidert den Fuß beim Laufen auf dem Boden ab, was so ziemlich rein gar nichts nützt, weil die Scheisse selber nass und glitschig ist und keine Reibungsfläche bietet. „Warum sagst du mir das jetzt erst?"

„Es schien mir vorher nicht nötig."

Ich lach hysterisch auf.

„Nicht nötig?! Ich veranstalte hier ne verdammte Grillparty mit meinen Fingern! Meine Daumen könntest du inzwischen mit nem verfluchten Kräuterbaguette servieren, Mann, und du kommst mir mit ‚nicht nötig'?" Bei den Worten wische ich mir mit dem rechten Ärmel den perlenden Schweiss von der Stirn. Ich weiss, es wird aufhören, sobald die Materia den größten Teil ihrer Arbeit getan hat, aber das ändert nichts daran, dass sie mich mit völlig durchtränkter Kleidung zurücklassen wird. Vor allem kommt sie Dank des verschissenen Feuerzeuges erst gar nicht an den Punkt!

„Es hätte sich für den kurzen Weg nicht gelohnt. Ich muss mich stark dazu konzentrieren."

„Oh, wow! Na rate mal, ob ich mich konzentrieren muss, um zu ignorieren, dass ich brenne!" Was ich aber jetzt mit Sicherheit keine weitere Sekunde tun werde. Ich ramme das Feuerzeug zurück in meine Tasche und lasse meine feuchte Hand fester als es nötig wäre auf seine Schulter fallen. Meine blutverkrusteten, vom Schweiss klebrig gewordenen Finger bohren sich in seinen Mantel, bei dem Versuch, ihn einerseits nicht zu verlieren und andererseits zu zwingen, das Tempo zu drosseln. Oh, und natürlich, um den Bastard auf charmante, subtile Weise spüren zu lassen, dass ich verdammt nochmal angefressen bin, falls er's noch nicht mitbekommen haben sollte!

Ohne die kleine Flamme sehe ich nicht einmal mehr die Haarsträhnen vor den eigenen Augen; die Schwärze ist regelrecht greifbar. Und wie es immer ist, wenn man nichts sieht, vermutet man auf jedem Meter des Weges plötzlich Löcher im Boden oder Laternen vor der Nase, wie auch immer die hier unten hingekommen sein sollten. Scheisse, und wenn's bloß weitere tote Viecher sind. Dass er es nicht für nötig hält, mich zu warnen, hat er bereits bewiesen.

Also stolpere ich mehr hinter ihm her, als dass ich laufe und pralle bei jedem verdammten dritten Schritt in seinen Rücken, weil mir mit der Fähigkeit zu sehen irgendwie auch der Orientierungs- und Gleichgewichtssinn abhanden gekommen ist, auch wenn das Organ dazu angeblich im Ohr sitzt und nicht in den Augen. Scheint, als hätte mein verdammtes Organ das noch nicht mitbekommen. Und sein desinteressiertes Schweigen treibt mich dabei zur Weissglut, wie eine verdammte Schaufel voller Kohlen, die in einen Ofen nachgeschüttet werden.

„Wir könnten jetzt schon fast am bekackten Auto sein!", nehme ich meine Raserei wieder auf, da er sich zum Antworten zu fein ist und ich noch jede Menge loszuwerden hab, „Aber du hast ja Besseres vor! Dir steht ja mehr der Sinn nach ner lauschigen Tour durch den Gulli als wär' das hier der verdammte Love Tunnel im Gold Saucer, während da oben vielleicht gerade Tseng krepiert! Hauptsache, du hast deinen Spaziergang und deine Bötchentour! Ist ja auch ein schöner Tag dazu heute! Kann fast hören, wie die Vögel hier unten zwitschern! Bis auf den, in den ich eben getreten sein muss." Ich zucke vorwärts, ein Ergebnis des unbewussten Stoßes, den ich drauf und dran war, ihm zu verpassen und meines bewussten Zurückhalten selbigens. Ohne seine Präsenz vor Augen, fällt es mir umso schwerer, den nötigen Respekt vor ihm zu bewahren. Shiva, jetzt gerade hab ich überhaupt keinen mehr. Wenn Tseng oder sonst einer von uns tatsächlich diesen Tag nicht überlebt, kann ich dem Bastard nur raten, keine verlogene Grabrede zu halten. „Aber weisst du was, jede Wette, der ist auch bloß im Alter von hundert glücklichen, verfickten Jahren an verdammter Altersschwäche gestorben! Schöner Tag heute! Es wurde ja auch nur ein verdammter Mordanschlag auf dich verübt!"

Ich wünschte, er würde mich stoppen, denn ich kann's nicht mehr. Meinem Hals auf ihn einmal freien Lauf lassen zu dürfen, ist zu befriedigend nach all den Jahren. Seine eigene, verdammte Schuld. Er hat mir nur zu deutlich gezeigt, dass er auch nur mit Wasser kocht, also darf er sich nicht wundern, wenn ich ihn plötzlich wie einen beliebigen, normalen Menschen behandel. Und wenn es ihm nicht passt, soll er mich halt abknallen, so wie er jedes seiner Probleme löst. Mit Geld oder einer verdammten Kugel.

„Sag endlich was!", brülle ich direkt in seinen Nacken und schüttel seine Schulter.

„Ich würde es begrüßen, wenn du leiser sein könntest. Dein Geschrei tut mir im Ohr weh." Sowohl meine kleinen, halb verdeckten körperlichen Attacken als auch die direkten verbalen sind offenbar an der kalten, nassen Eismauer, die er wieder um sich herum errichtet hat, einfach herab geglitten.

Soll das meine Strafe sein? Dass er seine menschliche Seite, die ihm vorhin in seiner Angst um mich noch regelrecht herausgerutscht ist, mir gegenüber wieder verbirgt?

Ja, ich hab gehört, wie du meinen Namen geschrien hast. Wie ne kleine Pussy! Arrogantes Stück Scheisse.

Steck dir diese Ehre sonstwohin. Ich hab sie nie gewollt.

Aber das ist natürlich nicht die Wahrheit, nicht?

In der zeitlosen Schwärze schaltet sich meine innere Stimme hinzu, lauter als je zuvor. Und sie ist wesentlich brutaler als er es je sein wird. Denn natürlich hat sie Recht. Ich hab wie ein verdammter Köter mit dem Schwanz gewedelt vor Freude, als er zu mir gekommen ist. Erbärmlich. Einfach nur erbärmlich.

Genauso erbärmlich wie an meinem Bett zu heulen und jetzt, nachdem vier Menschen ihren Arsch für ihn riskiert haben, so zu tun, als wäre ja doch alles scheissegal!

„Wie kannst du verdammt nochmal so ruhig bleiben, wenn jemand gerade versucht hat, dich umzubringen?" Ich gebe mir alle Mühe, meinen Zorn dieses Mal zurückzuhalten, denn ich will endlich Antworten.

„Weil ich damit gerechnet habe", entgegnet er auch prompt. Waren ihm meine Vorwürfe davor also anscheinend bloß zu polemisch, um drauf einzugehen. Unter seinem haushohen Niveau sozusagen. „Du etwa nicht? Natürlich hast du das, darum hast du schließlich überhaupt erst neben mir gestanden und so schnell reagiert. Also, welchen Sinn macht es in deinen Augen, überrascht zu sein, wenn zum wiederholten Male etwas eintritt, dem man eine realistische Möglichkeit eingeräumt hat? Gar keinen, Reno", beantwortet er seine eigene Frage in gelangweilten Tonfall.

„Willst du sterben? Ist es das? Ist dir deswegen alles so egal?" Ich versuche mit der Hand an seiner Schulter sein Tempo zu drosseln, doch er zieht mich mühelos mit sich. Und ich bringe es einfach nicht über mich, ihn loszulassen. „Gaia, dann sag's und du ersparst uns allen ne Menge Arbeit!"

„Wäre es das, hätte ich dich nicht neben mir stehen lassen, also rede nicht solchen Unsinn. Ich weiss, dass ich absolut sicher bin, solange du bei mir bist." Er schafft es tatsächlich, diesen Worten, die mir eigentlich schmeicheln müssten, einen derart höhnischen Beiklang zu geben, dass sie trotz des Inhalts eher an eine Beschuldigung erinnern.

„Ja, Mann, ich lass dich nicht sterben. Verdammt richtig!" Egal, wie sehr du's vielleicht willst. Was hältst du davon? „Und keine Sorge, ich erwarte nicht mal ein verdammtes Danke!"

„Wofür auch?" Die Frage wird von einem aufrichtigen, kurzen Lachen begleitet, das mich mehr trifft, als jeder aalglatte Spott es könnte. Aber es zielt nicht so sehr ins Mark wie die folgenden Worte: „Du tust das aus reinem Eigennutz, also bilde dir nichts drauf ein. Und um dir die nächste Frage gleich vorweg zu beantworten: Ohne diese Aufgabe hätte dein Leben absolut keinen Nutzen mehr und ich gehe jede Wette ein, auf irgendeiner Ebene ist dir das klar. Aber solange du jederzeit dein eigenes Leben für meines riskierst, schwebst du in der Illusion, du würdest etwas Großes, Edles leisten. Ausgerechnet du, der kleine Junge aus der Gosse, der nie die Schule besucht hat, beschützt den mächtigsten Mann der Welt. Das macht ihn selbst zu einem großen Mann, nicht? Dein Job ist das einzige, was dich von allen Deschaynes vor dir unterscheidet."

Wie eine Schlagfolge in Lichtgeschwindigkeit bohrt sich jeder einzelne Satz ungeschützt und direkt in meine Magengrube, während ich spüre, wie das Blut in mir zu kochen beginnt, eine Welle der Kälte in mir hochsteigt und meine Finger sich mit aller Kraft in seine Schulter graben, so dass die Gelenke an meinen Knöcheln förmlich zu platzen drohen. Der Zorn, der sich an meine Oberfläche gräbt, ist so ungekannt und überwältigend, dass ich keinen Laut hervorbringe und seinen Worten weiterhin ausgeliefert bin. Und sie alle treffen ihr Ziel, zeigend, dass er mit dem Mund noch ein weit besserer Schütze ist als mit der Hand:

„Ich verrate dir etwas, Renato. Jede Mutter da draussen tut das gleiche für ihr Kind, ohne die Anerkennung dafür zu verlangen, die du einforderst. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit wie das Atmen, nichts, auf das sie sich etwas einbildet. Du beschützt noch nicht einmal den Menschen Rufus Shinra, denn du kennst ihn gar nicht. Du beschützt den Präsidenten des ShinRa Konzerns, eine Variable, eine leere Hülle. Das geht sogar so weit, dass du in deiner Blindheit regelrecht entgeistert warst, als du herausgefunden hast, dass diese Hülle einen Menschen in sich trägt, der sich zu etwas Irdischem herablässt wie trinken oder weinen. Du bist eine Funktion, die eine Funktion sichert. Mehr nicht."

Er schließt seine Rede, frei jeder hörbaren Emotion oder Furcht vor meiner Reaktion. Sein konstantes, hohes Tempo hat sich genauso wenig verändert wie seine Atemfrequenz - im Gegensatz zu meiner.

Und mit dem nächsten Atemzug ist der Punkt erreicht.

Mit einer Kraft und Leichtigkeit, die so übermenschlich ist, dass ich sie bloß zu kanalisieren und nicht selbst aufzubringen scheine, stoße ich ihn vorwärts in die Dunkelheit und höre das Stolpern, aber sein Aufschlag auf dem Boden bleibt aus. Er kann es nur dem aktivierten Mako in seinem Körper zu verdanken haben, dass er sich nicht auf die Fresse gelegt hat, eine andere Erklärung gibt es nicht.

„Erzähl mir was Neues!" Ich stürme blind voraus, keineswegs fertig mit meinem Werk, sondern erst am Beginn, bereit, die Scheisse aus ihm herauszuprügeln und zu treten, bis sein arrogantes Maul zum ersten Mal in seinem verwöhnten, kleinen Leben um Gnade fleht. „Dass ich ein verdammter Bastard aus den Slums bin, ist echt nicht originell, damit bist du verdammt spät dran!"

Vorwärts marschierend, die Arme an meiner Seite, pralle ich mit dem nächsten Schritt regelrecht in ihn hinein. Dem Gefühl nach in seine Vorderseite, also muss er mich kommen gesehen haben - und trotzdem ist er nicht ausgewichen.

„Reno." Der Klang seiner Stimme, als er meinen Namen regelrecht seufzt, ist fast warm und bewirkt etwas äußerst Beängstigendes, Fremdes. Meine Wut zieht sich zurück. Nein, nicht die normale Wut, die ich schon von Anfang unserer unterirdischen Expedition an in mir getragen habe. Die Killerwut meine ich. Es ist nicht bloß ein emotionaler Prozess, der in sekundenschnelle vonstatten geht, ich kann körperlich fühlen, wie das kochende Eis in meinen Adern sich in meiner Brust zu einem schweren, verdichteten Klumpen zusammenzieht. Nicht verschwindet. Bei Gaia, sie ist noch da. Aber aus irgendeinem Grund hat sie plötzlich beschlossen, zu lauern. Das trifft es exakt. Ein lauerndes Tier, über das ich keine Kontrolle habe.

„Okay, bin ich meinetwegen blind", spreche ich wesentlich leiser und ruhiger in meiner vertrauten Angepisstheit, denn abgesehen von der seltsamen Scheisse, die in mir vorgeht, hab ich nicht vor, das alles einfach auf mir sitzen zu lassen, „Macht mich doch unschuldig, oder? Was ist mit dir? Du hast den vollen Durchblick und entschließt dich trotzdem, die Variable zu spielen? Dich hinter deinem beschissenen Image feige zu verstecken?" Ich verpasse ihm einen weiteren Stoß; ein harmloses Pöbeln im Vergleich zu dem übermenschlichen Akt zuvor. Ich kann hören, wie er einen Schritt nach hinten stolpert, aber auch diesmal nicht aus dem Gleichgewicht gerät. „Heh, Rufus, ich verrate dir auch mal was: Kein verdammtes Gesetz hindert dich am Bluten oder Weinen!", lege ich drauf, mit jedem Wort wieder lauter werdend, mich vorneigend in die Richtung, in der ich ihn vermute. Kann zumindest nicht hören, dass er weitergegangen ist.

„Ich habe niemals behauptet, dass ich selbst perfekt bin. Das ist auch nur etwas, das du mir angedichtet hast."

„Sag mal", beginne ich plötzlich, sein bisweiliges Säuseln dabei widerspiegelnd, „woran kannst du dich noch von der Nacht zwischen Sonntag und Montag erinnern?" Ich hoffe, ihn damit zumindest ein bisschen kalt zu erwischen. Bislang haben wir's totgeschwiegen, aber wozu noch? Scheint, als wäre heute hier unten live in der örtlichen Kanalisation die große ‚Bring es auf den Tisch'-Runde. Hey, da darf das nicht fehlen!

Ich lege tastend meine Hand wieder auf seine Schulter und schiebe leicht, ihn zum Weitergehen auffordernd. Scheissdreck, ich hab nicht vor, hier zu übernachten.

Er setzt zum Weitergehen an und hat sofort wieder sein ursprüngliches Tempo aufgenommen. Irgendwo neben uns im Wasser plätschert etwas auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier Fische in der Scheisse schwimmen, also tippe ich auf eine Ratte.

„An alles."

Damit hab ich nicht gerechnet und es wirft mich etwas aus der Bahn. Mich. Nicht ihn.

„Okay, dann... Vielleicht gehört es noch zu meinem Job, dich ins Bett zu bringen, aber..." Ich verstumme. Der Satz ‚sicher nicht, dir die Haare aus der Stirn zu streichen' klänge laut ausgesprochen tausendmal schwuler als die Geste es in dem Moment tatsächlich war. Also suche ich nach besseren Worten. Falls er weiss, worauf ich hinaus will, dann kommt er mir zumindest nicht entgegen. „... aber ich glaube, ich habe noch mehr getan als nur das. Dinge, die ich für deinen Vater als Präsidenten sicher nicht gemacht hätte!"

„Das wäre bei seiner Haarlänge auch schwierig geworden."

„Fuck, wer hätte das gedacht! Du säufst nicht nur und weinst, du bist auch noch verdammt komisch!" Ich erhebe die Hand und lasse sie in Imitation einer kumpelhaften Geste zurück auf seine Schulter fallen. Mein Lachen ist keine Kopie, sondern durch und durch echt. „Ah, alter Gauner, du!" Das alles ist zu absurd.

„Ich bin nicht komisch, ich bin sarkastisch", erklärt er unermüdlich in dem ewig müden, monotonen Tonfall. Als wäre der Kerl nur ein Roboter, der gezwungen ist, zu reagieren. Letzte Woche hätt' ich die Möglichkeit vielleicht noch ernsthaft in Betracht gezogen. „Du hättest etwas Ähnliches für meinen Vater getan, das liegt einfach an dem Grund, warum du es getan hast."

Der Rest seines Satzes ist durch das erneute Aufplätschern kaum verständlich. Shiva, es klingt tatsächlich wie ein verdammter Fisch, der aus dem Wasser kurz herausspringt. Fische tun sowas, aber die gibt's hier nicht. Hier gibt's Ratten - aber die tun sowas nicht.

„Erleuchte mich! Du scheinst mich ja besser zu kennen als ich mich selbst." Ich werde nen Scheiss tun und ihn fragen, ob er sehen kann, was da scheinbar neben uns herschwimmt. Er will den Führer machen, also soll er.

„Das tue ich. Ich hatte zwei Jahre lang die Gelegenheit, jeden von euch aus nächster Nähe sehr genau zu beobachten und kennenzulernen."

„Oh, wow! Und ich stecke bloß seit fünfundzwanzig Jahren in mir drin! Aber das reicht wohl nicht, um mir ein verdammtes Mitspracherecht zu geben! Also, erleuchte mich und sag mir, warum ich's getan hab!"

Der folgende Knall ist ohrenbetäubend und ich schreie vor Schreck auf wie am Spieß. Die Bewegung seines Armes war so schnell, dass ich nicht mal begreifen konnte, dass er die Pistole zieht. Der Eisklumpen in meiner Brust ist noch immer da und nicht nur das, er hat sich in dieser Sekunde weiter verdichtet und scheint kurz davor zu stehen, zu einem schwarzen Loch zusammenzufallen oder in einer Supernova aufzugehen.

„Weil du dich in dem Moment auserwählt gefühlt hast. Als etwas Besonderes", redet er weiter, als wäre rein gar nichts geschehen, aber ich gehe davon aus, dass das Plätschern neben uns sich nicht wiederholen wird. „Das Gefühl hätte dir auch mein Vater geben können. Dein Ego war in dem Augenblick so aufgedunsen, dass du dich sogar dazu herabgelassen hast, Mitleid mit mir zu haben. Beantworte mir eine Frage, ohne zu lügen: Wenn ich dich hier und jetzt mit sofortiger Wirkung fristlos feuern und dir dein Leben schenken würde, so dass du die Freiheit hättest, zu tun und zu lassen, was du willst - würdest du noch immer an meiner Seite bleiben, damit ich unversehrt im Tower ankomme oder zurückkehren, um den anderen drei beizustehen?"

Ich schweige. Nicht, weil ich nachdenken muss, sondern weil ich die Antwort sofort wüsste. Für nichts in der Welt hätte ich Elena oder Rude jetzt allein gelassen. Nicht mal Tseng, auch wenn er in der letzten Zeit zum reinsten Arsch mutiert ist. Für nichts, ausser...

„Dein Schweigen ist Antwort genug. Es ist genau, wie ich es gesagt habe. Du tust bloß deinen Job. Dein Interesse gilt einzig deiner Arbeit, nicht mir persönlich, Renato."

... ausser meiner Arbeit.

Und jetzt soll ich mir vorwerfen lassen, dass ich die einzigen Menschen, die mir nahestehen, im Stich lasse für etwas, das es nicht einmal wert ist? Fick dich selbst, Rufus! Und „Hör verdammt nochmal auf, mich so zu nennen!".

„Warum hasst du den Namen so sehr? Es ist eine Sache, wenn ein Mann sich von seinem Nachnamen distanzieren will." Und da weiss er, wovon er redet. Hat am Anfang seiner Übernahme allen Ernstes durchsetzen wollen, dass er ‚Präsident Rufus' genannt wird, statt ‚Shinra'. Nur war das auf lange Sicht jedem ausser ihm zu blöd und er musste kapitulieren. Eines der wenigen Male, wo er seinen Willen nicht bekommen hat. „Aber was stört dich so an deinem Vornamen?"

„Es gibt keinen verdammten Renato mehr, ich bin seit dreizehn Jahren Reno! Renato war ein anderer Mensch als ich. Ein verfickt nochmal anderes Leben!", schnaube ich in seinen Nacken. Ich bin das verdammte Thema leid und es immer wieder auszugraben, ist ein todsicheres Mittel, von mir einen Tritt in die Eier zu kassieren. Auch wenn sie aus Stahl sind. Hab gute Schuhe.

„Das ist äußerst ironisch, wenn man bedenkt, dass der Name ‚der Wiedergeborene' bedeutet."

Ich glaub's nicht! Ich lache wieder auf.

„Das hast du nachgeschlagen?! Scheisse, du entpuppst dich echt die letzten Tage als Stalker, Rufus! Aber könntest du mich aufklären, womit ich diese plötzliche Aufmerksamkeit verdient hab nach dreizehn Jahren?"

„Nein. Ich kann nicht deine Hausaufgabe für dich machen. Die Antwort darauf ist auch die auf die Frage, warum du noch lebst."

Und dann ist sie da. Die Supernova.

 

~


Hätte ich weniger Zeit damit verbracht, zu diskutieren und dem Gefühl hübsche, poetische Bildchen zuzuordnen, wäre mir vielleicht rechtzeitig aufgefallen, was in Wahrheit in mir vor sich gegangen ist: Ich - nicht irgendein Tier, kein Eisklumpen, ich allein - habe nur auf eine Gelegenheit zur Rache gewartet, ein Ziel am Horizont, einen winzigen Spalt in seiner Deckung, um einen einzigen, vergifteten Pfeil abzuschießen, der mich jetzt verlässt.

Ich verdammter Idiot habe viel zu sehr auf meinen Körper geachtet, um das zu hüten, was immer am schnellsten feuert: Mein Mundwerk.

Und ich kann nur hilflos zuhören, wie der Satz unaufhaltsam über meine Lippen schnellt:

„Hast dich in mich verknallt, was?"

 

~


Ich schätze, den schmetternden Schlag ins Gesicht genau auf meine gerade im Ansatz geschlossene Wunde, der mich gegen die Tunnelwand schleudert und zu Boden stürzen lässt, hab ich mir redlich verdient. In der Schwärze hab ich ihn nicht kommen sehen und keiner meiner sonst perfekten Reflexe konnte mich vor der übermenschlichen Wucht schützen.

Ich stöhne auf, denn der adrenalingetränkte Schockzustand, der mich vorhin vor den Schmerzen bewahrt hat, ist längst verflogen und Shiva, es tut weh. Bevor ich mich selbst hochrappeln kann, packen seine Hände mich beim Kragen, zerren mich in die Höhe und rammen meinen geschundenen Körper gegen die eiskalten, feuchten Steine. Keine Sekunde später fühle ich den schraubstockgleichen Griff seiner Finger um meine Kehle.

„Erinnere mich", zischt er schlangengleich in einem Ton, der zuckersüß und genauso glitschig wie die Mauer in meinem Rücken ist, „warum ich dich nicht einfach hier töten und bei den Ratten entsorgen sollte, wie das kleine Stück Gossendreck, das du bist, Deschayne." Sein Atem streift über meine Haut. „Ich weiss, ich habe dir gesagt, dass ich dich nicht töten möchte. Aber bei Gaia, ich habe den Grund dafür gerade vergessen."

„Ich hab den Grund noch nicht rausgefunden", schlucke ich gepresst. „...Aber ich schätze, jetzt gerade haben Sie auch keinen mehr."

„Hm." Die geschmeidige Glätte seiner Worte geht nahtlos in etwas Rauhes, befremdlich Vertrautes über: „Das ist eine hervorragende Antwort." Mein Magen macht einen Salto, als seine Hände auf einmal von meinem Hals ablassen und stattdessen langsam mit gespreizten Fingern meine Brust herunterfahren. „Gefällt mir..." Das gedämpfte, heisere Raunen tropft vor eindeutiger Zweideutigkeit. Und ich gefriere.

Shiva, was tust du...?

Seine Arme umschlingen eng meine Taille und mit einer Sanftheit, die fast von einer Routine zeugt, die er nicht haben kann, presst er seinen Körper dicht an meinen. Meine Nackenhaare stellen sich auf, aber der Mund, der ihn anschreien will und die Hände, die ihn wegstoßen sollen, bleiben gelähmt.

Was in Gaias Namen tust du..?

Trotz der Dunkelheit fühle ich plötzlich ein unerträgliches Schwindelgefühl und die Gewissheit, dass sich alles rasend schnell im Kreis um mich dreht. Und ich kann nicht sagen, was kälter ist, die Wand hinter mir oder Shinra vor mir. An mir. Er legt seine Wange an meine blutende rechte. Sein Haar kitzelt meine Schläfe wie sein Atem meine Ohrmuschel, als er flüstert: „Mich in dich zu verlieben, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Ich hätte einen viel zu starken Konkurrenten dabei in dir." Dann zieht er den Kopf zurück und haucht in Zeitlupe mit leicht geöffneten Lippen einen Kuss auf meine Stirn, während ich mich noch immer in völliger Schockstarre befinde. „Niemand wird dich jemals so lieben können wie du, Reno."

Er lacht plötzlich auf, tätschelt meine unversehrte Wange in einer väterlichen, durch und durch spöttischen Geste und lässt von mir ab. Meine Knie geben nach und knicken ein. Ich kann hören, wie er ein paar Schritte weitergeht, nur um nochmal kurz stehenzubleiben und amüsiert hinzuzufügen: „Ach - und keine Sorge, dein Geheimnis ist bei mir sicher."

Welches Geheimnis? Wovon redet der Kerl? Was bei Gaia ist überhaupt gerade passiert?

Shiva, das war es nicht, was ich im Sinn hatte, als ich mich auf sein Spiel eingelassen hab. Und das hab ich wohl. Ich weiss nicht, wann genau, aber ich hab's. Nur... das hier ist eindeutig gegen die Regeln.

„Du kannst sowas nicht machen!", schreie ich von meiner Position auf dem Boden in die Dunkelheit.

„Ich kann alles, Reno. Alles mit jedem zu jeder Zeit an jedem Ort." Und nach einer kurzen Pause: „Was ist? Kommst du? Du kannst dich auch künstlich aufregen, während wir weitergehen."

„Künstlich?" Immerhin katapultiert die Wut mich wieder auf die Beine.

„Natürlich künstlich. Du hast genauso wenig Kontrolle über deine Fäuste wie über deine Zunge. Würdest du es wirklich ernst meinen, hättest du längst versucht, mich umzubringen, auch wenn ich Rufus Shinra bin. So etwas ist dir egal, sobald du erst rot siehst. Du solltest dich lieber fragen, was dich so hartnäckig davon abhält."

„Da kannst du verdammt nochmal einen drauf lassen, dass ich mich das gerade frage!"

„Und zu welchem Ergebnis kommst du?"

„Dass ich ein selbstverliebtes Stück Gossendreck bin, das nur für seinen Job lebt und der sieht es nun mal vor, deinen Arsch zu retten, anstatt dir hineinzutreten!" Und wenn ich einmal mit dem Treten anfangen würde, könnte ich nie wieder aufhören, das kommt hinzu.

„So? Ich unterstelle eher Angst vor Kontrollverlust. Allerdings nicht auf die Weise, die du vermutest."

Ja. Was auch immer. Meine Wange tut beim Sprechen weh und das verdammte Kitzeln und Schwitzen geht munter von vorn los. Scheiss drauf, ich bin's müde. Alles. Sein verdammtes Gelaber, den Dreck, die Dunkelheit. Einfach alles.

Ich sag's ihm nicht, aber jetzt gerade hat er's geschafft. Ich geb auf.

Und überraschenderweise fühlt es sich gut an. Befreiend.

 

~


Ich weiss nicht, wie lange wir bereits schweigend durch die stinkenden, unterirdischen Eingeweide der Stadt laufen - die völlige Schwärze raubt jedes Gefühl für Raum und Zeit - als ich plötzlich das Geräusch bemerke. Genau genommen ist es mir schon vor einer Weile aufgefallen auf einer unterbewussten Ebene, aber erst jetzt, wo es allmählich lauter wird, beginne ich mich zu fragen, woher es stammt und stelle fest, dass Rufus selbst die Quelle ist. Ein brodelndes Schniefen mit jedem seiner Atemzüge, als hätte er sich von jetzt auf gleich völlig erkältet. Oder aber er heult mal wieder. Ich bin immer noch angepisst genug, mich dieses Mal nicht drum zu scheren. Ausserdem bezweifel ich, dass er wirklich weint, weil meine Hand noch immer auf seiner Schulter liegt und ich es eigentlich fühlen müsste, wenn er so dermaßen am Flennen wäre, dass es das Geräusch erklären würde.

„Kannst du mal damit aufhören? Das fängt echt an zu nerven!" Was immer sein Problem ist, ich kann genauso arschkalt sein wie er. Davon abgesehen geht es mir tatsächlich zunehmend auf den Sack.

„Ich werde es versuchen", entgegnet er mit einer Ruhe, die mich etwas aus dem Konzept bringt. Es ist nicht die mechanische Androidenruhe, sie hat etwas ...Humanes. Und wirklich, ich kann hören, dass er zur Mundatmung übergeht. Seine Stimme gibt jedenfalls mit Ausnahme des überraschenden, fast freundlichen Tonfalls keinen weiteren Hinweis darauf, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt.

Aber Scheisse, wenn ich so darüber nachdenke, ist seine Freundlichkeit verdächtiger als alles andere.

„Hey,... was ist los?" Ich bleibe stehen und halte ihn mit meiner Hand zurück.

„Ich bräuchte eine Pause, Reno. Wäre das in Ordnung? Fünfzehn Minuten sollten reichen. Du kannst in der Zeit meinetwegen eine rauchen." Okay. Er ist wirklich krank. Und bei Ifrits Arsch, ich schaff es nicht, es mir egal sein zu lassen. Vielleicht, weil ich zu hören glaube, dass es wieder Rufus ist und nicht Shinra.

Als hätte er eine verdammte gespaltene Persönlichkeit.

Ich kann hören, wie er zur Seite geht und sich anscheinend einfach auf den schmutzigen Boden setzt. Ich folge, bis ich die Steine ertasten kann und sinke neben ihm herunter in die Hocke.

„Wie lang hast du eigentlich letzte Nacht geschlafen? Du siehst schlimm heute aus."

Aber wenn er mir gegenüber zwei Persönlichkeiten hat... Dann habe ich sie umgekehrt wie's aussieht auch.

„Keine einzige Minute. Ich hab alles Mögliche versucht, aber nichts hat geholfen."

Er hat gar nicht geschlafen? Das erklärt, warum er rumläuft wie ein Zombie, aber dafür wundert mich, wie er sich überhaupt noch so gut auf den Beinen halten konnte bis zu diesem Zeitpunkt. Ob es das Mako in ihm ist, was ich inzwischen in Betracht ziehen muss, oder aber, was ich für wahrscheinlicher halte, er wird bloß von seinem eisernen, übermenschlichen Willen angetrieben. Das bedeutet jedoch, dass es ihm jetzt gerade wirklich verdammt schlecht gehen muss, wenn er freiwillig eine Pause einlegt.

„Ich muss dich warnen", sagt er plötzlich rasselnd und hustet kurz, „wenn du dein Feuerzeug anmachst, überleg es dir zweimal, ob du mich anschauen willst."

„Ach komm...", lach ich nervös, „du bist kein verdammter Werwolf oder so... ...Nicht?" Trotzdem flößt mir irgendwas an seinen Worten Angst ein.

„Nein. Aber du hast mich auch schon weinen sehen und es hat dich desillusioniert", seufzt er regelrecht. Seine Stimme wirkt träge und scheint begleitet von einer unendlichen Resignation. Als wäre er's schlussendlich selbst leid, sich permanent reden hören zu müssen.

Auch wenn es in der Schwärze absolut witzlos ist, reisse ich abrupt die Augen auf, als ich kapiere, dass er mir gerade indirekt zu verstehen gegeben hat, dass er blutet.

„Shiva, sag doch was!" Ich zücke auf der Stelle das Feuerzeug und lasse die hochgestellte Flamme auflodern.

Sein gellender, schmerzerfüllter Aufschrei wird von meinem eigenen fast übertönt.

 

~


Trotz seiner Warnung hat er es offensichtlich nicht kommen sehen und keine Zeit gehabt, die Augen zu schließen, während ich umgekehrt keine Ahnung hatte, was mich erwartet. Ich weiss nicht, was mich mehr erschrocken hat, die übermenschlich geweiteten Pupillen, die kein Blau der Iris mehr zurückgelassen und fast den gesamten sichtbaren Bereich zwischen den Lidern eingenommen haben, oder seine untere, komplett blutüberströmte Gesichtshälfte. Ich habe das Feuerzeug im Affekt fallen lassen, aber der Anblick hat sich als Negativ regelrecht in meine Netzhaut gebrannt und schwebt vor mir in der Schwärze, egal wohin ich schaue.

„Gaia!", stöhnt er auf - und es ist kein Wunder. Das plötzliche Licht muss in seinen der Dunkelheit angepassten Augen schmerzen wie Messerstiche.

„Scheisse, das tut mir leid, Mann... Echt, das wollte ich nicht! Ich dachte, du hättest es gesehen!" Ich lege in einer besorgten Geste meine Hand kurz an seine Schulter, aber ziehe sie dann doch schnell weg. „Ich mach's nochmal an, okay?"

„Jetzt bin ich sowieso blind," antwortet er trocken und zieht geräuschvoll die Nase hoch. Die Ursache für das ganze Blut. Ich konnte erkennen, dass es förmlich aus ihr heraussprudelt.

Ich ertaste das Feuerzeug und als die Flamme zum zweiten Mal aufflackert, hat er trotzdem vorsorglich die Augen geschlossen.

„Gaia... Was ist los mit dir?"

„Kopfschmerzen. Es geht gleich wieder. Ich muss nur meine Augen etwas ausruhen." Er lehnt den Hinterkopf gegen die feuchten Steine und schluckt. „Es bedarf einer Menge an Konzentration, das Mako zu nutzen, um im Dunkeln zu sehen. Stell es dir vor, als würdest du ein Buch lesen, das zu dicht vor deinen Augen ist. Kopfschmerzen und Nasenbluten sind gängige Nebenwirkungen, die auftreten können."

„Shiva, du hast gewusst, dass das passieren kann? Ich verstehe einfach nicht, wieso du meinen Vorschlag überhaupt abgelehnt hast. Warum in aller Welt wolltest du dir das hier antun? Du hättest längst zu Hause sein können!" Ich lege das Feuerzeug kurz neben mich zur Seite, um blind das Armband von meinem linken Handgelenk zu lösen. Ich kann fühlen, dass die Materia noch in mir arbeitet, aber damit kann sie auch später weitermachen. Er geht vor. Er geht immer vor. Trotz allem.

„Ist dir noch nicht der Gedanke gekommen, dass ich genau das vielleicht nicht will?"

Ist das sein Ernst? Für ne Midlife Crisis wäre er ungefähr zehn Jahre zu früh dran.

„Rufus, du bist der reichste Mann der Welt, du kannst dir jederzeit ne verdammte Auszeit nehmen, wenn du's zu Hause nicht mehr aushältst. Du kannst alles tun, zu jeder Zeit an jedem Ort! Deine Worte! Schon vergessen?" Ich taste in der Dunkelheit nach seinem Handgelenk und nehme es, um ihm das Armband umzulegen. Er protestiert nicht. Seine Haut ist eiskalt und erinnert mehr an ein totes Stück Fleisch.

„Hm. Ich habe wohl gelogen. Und das solltest du eigentlich wissen. Ich kann nicht einmal zu einer Beerdigung gehen, von der niemand etwas weiss, Reno."

Ich ziehe mein Jackett aus und beginne, mir den anderen Ärmel auch noch abzureissen. Das Hemd ist eh hinüber - nachlässiger Umgang mit Arbeitskleidung und so weiter, ich weiss - und so sieht's zumindest beinah gewollt aus. Aber natürlich ist das nicht der eigentliche Grund dafür.

„Naja,... was würdest du denn gern tun?", frage ich, löse die letzten Nähte und drücke ihm das Stück Stoff in den Schoß, damit er die Blutung zumindest ein wenig auffangen und sich saubermachen kann. Dann taste ich nach dem Feuerzeug auf dem Boden und krame endlich meine zerknitterte Schachtel Zigaretten aus den Taschen. Ich schirme die Flamme vorsorglich mit meiner Hand von ihm ab, bevor ich die Spitze ins Feuer tauche und einen tiefen, dankbaren Zug nehme.

„Über so etwas denke ich nicht nach. Welchen Nutzen hätte es?"

„Ich weiss nicht... ich find, man sollte immer ein paar Wünsche und Träume im Hinterkopf haben. Plan B, verstehst du?" Ich drehe mich herum und lehne mich an seiner Seite gegen die Mauer hinter uns. Der regelmäßig orange aufglühende Punkt in der Dunkelheit vor mir hat etwas Tröstendes.

„Besser als du denkst. In meiner Position würden mir aber derartige Phantasien keinen Gefallen erweisen. Ganz im Gegenteil." Er lehnt ohne jedes Zögern in einer völlig selbstverständlichen Geste seinen Kopf an meine Schulter und genauso selbstverständlich lege ich als Antwort meinen nackten Arm um ihn. Es scheint so natürlich, dass ich nicht einmal darüber nachdenke.

Sein Gesicht schwebt noch immer vor mir, selbst wenn ich die Augen schließe. Violettes Haar, weisse Pupillen, grünes Blut.

Ich atme tief durch. „Jetzt versteh ich."

„Was verstehst du?"

 

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‚Es soll bloß Spaß machen und was kann's schaden?'

‚Eine Menge, Reno.'


"Ash and Ivory" by Inge Faber for Deschayne / Reine Statistik

Die Fertigstellung hat sich damals leider genau mit meiner langen Schreibpause überschnitten und so bin ich nie dazu gekommen, dieses wundervolle Werk im Kontext meiner Story zu posten. Vielleicht kennt ihr es bereits; es geistert seit ein paar Jahren durchs Netz. Wie's halt immer so ist.
Es gehört jedenfalls zu dieser Geschichte, konkreter, zu diesem Kapitel.

 

4. Geisterstunden


„He, kann ich mich drauf verlassen, dass du duschen und dann sofort ins Bett gehst? Will mir nicht auch noch um dich Sorgen machen müssen."

Vor wenigen Augenblicken haben wir endlich ShinRa erreicht und lehnen, beide ein Bild des Schreckens abgebend, an der Rückwand des Fahrstuhls, der uns in die Höhe befördert.

„Du musst dir um mich keine Sorgen machen", entgegnet er streng, aber aus dem Augenwinkel heraus kann ich sein schiefes Lächeln sehen. Eine exakte Kopie meines eigenen. Er kann erst kürzlich damit angefangen haben, es zu üben, denn früher hab ich es nie an ihm gesehen. Das einzige Mal zuvor war es, als er nachts an meinem Krankenbett gehockt hat.

„Du hast letzte Nacht nicht geschlafen! Ich will, dass du endlich ins Bett gehst und es zumindest versuchst, Mann. Irgendwann wird dein Körper schon schlappmachen und ich hab keine Lust, dass du dir den Kopf irgendwo anschlägst und ich dich wieder zwei Jahre lang durch die Gegend rollen darf." Verdammt, das waren zwei harte Jahre. Besonders deswegen, weil er den größten Teil davon gespielt hat und ich mehr als nur einmal versucht war, ihn einfach die nächste Böschung runterzustoßen, um ihn dran zu erinnern, dass er verflucht nochmal selbst laufen kann!

Im 48. Stock wird unsere Aufwärtsfahrt unterbrochen. Die bemitleidenswerte Angestellte, die hinzusteigt, versucht ihr Entsetzen zu verbergen und grüßt klugerweise bloß mit einem Kopfnicken und „Sir." anstatt den Nerv zu haben, ihm einen guten Tag zu wünschen. Es schreit gen Himmel, dass er keinen hat. Wir beide sind über und über voller getrocknetem Blut, Dreck und müssen stinken wie die letzten Kanalratten. Ich vermute es zumindest; meine eigene Nase ist dem Geruch gegenüber inzwischen regelrecht taub geworden.

„Ich verspreche es dir, wenn du umgekehrt sofort in die medizinische Station hinabfährst und deine Wunde versorgen lässt", antwortet er, als die Frau im 63. wieder ausgestiegen ist und die Türen sich hinter ihr geschlossen haben.  

„Blödsinn, ich bin völlig okay!" Zumal er mir das Materia-Armband wenige Minuten nachdem seine Kopfschmerzen und das Bluten aufgehört haben, zurückgegeben hat. Ich wünschte, ich wüsste endlich, dass die anderen, besonders Tseng, genauso in Ordnung sind. Und jetzt, wo wir uns wieder im Tower befinden, hab ich nicht vor, noch länger zu warten, um's herauszufinden. Das einzige, was mich noch zögern lässt, ist meine ewige, oberste Priorität. Rufus. Ich kann keine Zeit für mich verschwenden, wenn Tseng etwas passiert sein könnte, aber genauso wenig kann ich Zeit für Tseng verschwenden, wenn Shinra mir tatsächlich Sorgen bereitet. Seine neu entdeckte Todessehnsucht ewig im Hinterkopf, kann ich nicht zulassen, dass der Kerl sich in seinen eigenen, verdammten Mauern zugrunde richtet. Ich wünschte nur, er wäre nicht so stur und würde mich so sehr an mich selbst darin erinnern.

Fuck, er braucht einfach eine verdammte Pause und wenn er nicht will, muss ich ihn irgendwie zwingen.

„98. Stock. Zugang nur für autorisiertes Personal."

„Deine Etage, Reno", erinnert er mich überflüssigerweise. Ich glaube, eine Spur von Neugier in seiner Stimme zu hören, als ich jedoch einfach stehenbleibe, die Hände genau wie er im Rücken, und keine Anstalten mache, mich zu bewegen.

„Hab's mir anders überlegt, Boss. Hab was Wichtigeres vor." Wenn du glaubst, du wärst stur, hast du mich noch nicht erlebt. Und ich hab den Vorteil, dass ich weiss, womit man mich in diesem Zustand rumkriegt.

„Zum Zweck Ihrer Identifikation nutzen Sie bitte die Ihnen zugewiesene Keycard JETZT."

Mit der Taste, mit der man die Zahlenkombination fürs gewünschte Stockwerk bestätigt, lässt sich auch der Wartemodus abbrechen. Aber keiner von uns rührt sich, einen stillen Kampf ausfechtend. Er atmet tief durch und verschränkt die Arme vor der Brust, bevor die Durchsage zum zweiten Mal ertönt. Ich hingegen bewege mich keinen einzigen Zentimeter.

„Reno, ich kann nicht schlafen."

„Ja, Mann, glaub ich dir ja auch. Ist aber nicht das Problem, weisst du? Also ist schon ein Problem, aber ich will nur vermeiden, dass du irgendwo zusammenklappst, wo's gefährlich werden könnte. Du siehst aus wie ein verdammter Geist und ich hab nach der ganzen Sache ein ungutes Gefühl. Werd ich schließlich für bezahlt, dem nachzugehen", versichere ich unbeeindruckt. „Also lass mich meinen Job machen und knatsch nicht rum. Meinetwegen kannst du auch noch irgendwelche Finanzmagazine lesen oder den verdammten Pornokanal einschalten. Will nur sichergehen, dass du okay bist."

„... oder Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unser zuständiges ShinRa Service Team für Haustechnik."

„Ich erinnere mich, dir zugesichert zu haben, ich würde mich an deine Empfehlung halten, wenn du dafür Sorge für deine eigene Gesundheit trägst."

„Nah. Dein Vorschlag ist Mist. Ich hab nur nen verdammten Kratzer, der schon fast abgeheilt ist; ich droh nicht jede Sekunde aus den Latschen zu kippen. Ich schlag dir nen Kompromiss vor, okay?" Ich werf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Der Fahrstuhl setzt sich endlich wieder in Bewegung. „Du legst dich hin und ich such den Doc auf, sobald ich rausgefunden hab, was mit den anderen ist. Deal?"

Der Lift hält nur ein Stockwerk über uns und Rufus tritt vor, um die Türen mit seiner Karte zu entriegeln.

„Und wie lange soll ich deiner Ansicht nach herumliegen und darauf warten, dass mein Körper sich entscheidet, zu holen, wonach es ihm verlangt? Falls dir bislang noch nicht der Gedanke gekommen ist, du bist nicht der einzige, der Arbeit zu erledigen hat." Er tritt hinaus in den Vorraum zu seinem Apartment und ich stoße mich mit dem Fuß von der Rückwand ab und folge ihm selbstverständlich.

„Du wolltest mich heute Abend sowieso sehen, nicht? Wegen der Hausaufgabe. Ich hol dich ab, in Ordnung? Und bis dahin bleibst du hier und ruhst dich aus."

Er öffnet die Tür mit Hilfe seiner persönlichen Zugangskarte und dem rechten Zeigefinger, dreht sich aber dann noch einmal zu mir um, bevor er hindurchtritt. Seine eisblauen Augen blicken auf mich herab, aber seltsamerweise sagt er überhaupt nichts, sondern scheint abzuwarten, ob ich noch etwas loswerden will. Und das ist tatsächlich der Fall.

„Wenn du dich jetzt erst mal um dich kümmerst, werd ich dafür sorgen, dass du wieder schlafen kannst. Okay?" Ich weiss nicht, welcher Teufel mich reitet, das mehr oder weniger zu versprechen. Immerhin habe ich noch immer keine Ahnung, was ihn überhaupt davon abhält, Ruhe zu finden. Ich weiss bloß, dass er definitiv nicht vorhat, es mir anzuvertrauen. Dann müsste er mich töten und so weiter - ich hab's keineswegs vergessen. Und ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wie ich also mein Versprechen einlösen soll, wenn es dazu kommt. Ich weiss nur, dass mein Mund wieder einmal schneller war als mein Kopf und ich offensichtlich wirklich vorhabe, mir irgend etwas einfallen zu lassen. Gaia allein weiss, was. Ich hoffe bloß, es wird mir genauso spontan ohne Vorwarnung in den Sinn kommen, wie meine leichtfertige Zusage, wenn es soweit ist.

Ich erwarte eine Bestätigung oder ein spöttisches Nein, womit ich jedoch nicht rechne, ist das, was er stattdessen fragt: „Kommst du mit rein?"

„Auf nen Kaffee? Hör mal, da fall ich nicht drauf rein, die Nummer hab ich viel zu oft selbst schon gebracht!" Ich kann nicht leugnen, dass ich gelinde gesagt etwas verdutzt über seine Einladung bin.

„Um sicherzugehen, dass ich auch brav bin, dachte ich vielmehr." Er lehnt sich seitlich in den Eingang. „Immerhin scheinst du dich nicht abwimmeln lassen zu wollen."

„Oh.... Nein, wenn du's versprichst, dann werd ich's dir schon glauben." Ich trete plötzlich nervös von einem Fuß zum anderen. Vielleicht, weil ich selbst bemerkt habe, wie penetrant ich mich benehme und darin unabsichtlich tatsächlich ein wenig einem liebeskranken, schwulen Lover ähnel.

„Und wenn ich es dir nicht verspreche, wirst du mich ins Bett bringen?" Aber scheiss drauf, spätestens jetzt ist klar, dass er längst ein Spiel draus gemacht hat. Nur der eröffnende Zug ist mir irgendwie entgangen. Wäre nicht das erste Mal, oder?

„Da träumst du von, was?" Und wie bei den Malen zuvor, hat er nen denkbar beschissenen Zeitpunkt für seine Spielchen gewählt.

„Was wäre, wenn?" Die noch immer vom verkrusteten Blut umrandeten Lippen formen ein angedeutetes Lächeln, ähnlich dem, das er mir geschenkt hat, kurz bevor er mir verraten hat, welche Frage ich ihm bis heute Abend beantworten soll.

„Dann würde ich denken, dass deine Schlafprobleme erstunken und erlogen sind, wenn du noch solche Träume haben kannst!" Ich mache frustriert auf der Stelle kehrt und gehe zurück zum Fahrstuhl. Bin ich eben sturer als er, aber wenn er mit diesem Mist hier anfängt, geb ich mich freiwillig geschlagen. Vor allem, wenn ich denkbar Wichtigeres zu tun habe. „Ich hol dich heute Abend ab", füge ich abschließend hinzu und warte darauf, dass die Türen des Fahrstuhls sich wieder öffnen. Noch währenddessen kann ich hören, wie die zu seinem Apartment sich schließt.

Und ich kann nicht anders, als auf irgendeine Art und Weise enttäuscht zu sein. Weswegen... verdammt, ich weiss es nicht.

 

~


‚Reno.
Tseng verletzt, mit Elena im KH.
Triff mich im 53., falls Präsident okay.

Rude.'


Oh, wie ich mich auf mein verdammtes, neues Telefon freue. Ich reisse den an mich adressierten Zettel von meiner Bürotür ab, knülle ihn in meine Tasche und mache auf der Stelle kehrt, um die Hälfte der Stockwerke, die ich eben erst hochgekommen bin, wieder herunterzufahren.

Wie üblich hat mein Partnerherz es tatsächlich geschafft, mir mit so wenig Worten wie nur irgend möglich, alle Informationen zukommen zu lassen, die ich für den Moment wissen will. Tseng ist also wie befürchtet verletzt, aber weilt gaiaseidank noch unter uns, genau wie Elena. Und die Tatsache, dass er mich in den 53. Stock bestellt, lässt eine weitere gute Nachricht erahnen: Da unten befinden sich ein paar niedliche Verhörzimmer und Zellen, die noch immer in den letzten Monaten seit Eröffnung nicht wirklich zur Geltung gekommen sind und nur auf mich warten wie ein paar verdammte Spießerkinder abends auf ihren Daddy. Abgesehen von meinem ausserplanmäßigen Aufenthalt dort in der Nacht zum Montag, denn diese Art der Verwendung war nicht im Sinne des Erfinders, sondern inkompetenter Scheissdreck. Scheint jedenfalls, als hätte einer von den drei anderen es geschafft, mir endlich den passenden Spielkameraden zu besorgen, auch wenn die Ifrit normalerweise eben keine Gefangenen nimmt. Elena traue ich zu, das Kunststück vollbracht zu haben. Würde jederzeit mein Geld auf ihre Treffsicherheit setzen. Zumindest solange ihr Gegner nicht Rufus heisst.

Während ich mich also wieder auf den Weg nach unten mache, trauere ich aufrichtig meinem geliebten, alten Mag Rod nach, der diese frohe Stunde nicht mehr mit mir erleben kann. Heisst also, dass ich doch nicht so ein kaltes Arschloch sein kann, wie so manche Dame mir unterstellt hat. Hab vielleicht nicht um Ray getrauert, aber den schmerzlichen Verlust meiner Waffe empfind ich in solchen Momenten durchaus. Verhöre machen ohne ihn nur halb so viel Spaß. Und dabei mein ich nicht mal, dass ich gern Menschen brate. Er ist einfach so verflucht prima zum Schlagen, Drohen oder auch nur, um ein auf die Brust gesunkenes Kinn wieder nach oben zu stemmen. Ein wundervolles Ding. Selbst wenn ich einen neuen bekomme, irgendwie ist es nicht das gleiche. Es fehlt mein eingeätzter Schweiss am Handgriff und die gemeinsame Geschichte. Scheisse, mein alter hat Shinra Senior noch gekannt und tapfer gegen Cloud gekämpft. Wie soll ich dem Neuen erklären, was das für ein Gefühl war?

Ich ertappe mich dabei, wieder an Rufus denken zu müssen. Ich glaube, ich kann verstehen, wie es ihm gegangen sein muss, als er Dark Nation verloren hat. Mit dem Unterschied, dass ein Rod nicht auf den Teppich sabbert. Seltsame Sache mit den beiden. Hat eigentlich überhaupt nicht zu ihm gepasst, so ein Viech, das von allen Möglichkeiten ausgerechnet pechschwarze Haare überall verliert und das bei seinem Fetisch für frühlingsfrische, weisse Sauberkeit. Aber dann wiederum war der optische Effekt dafür natürlich umso größer, wenn er sich mit ihr in der Öffentlichkeit hat sehen lassen. Die zwei waren in jeder Hinsicht der perfekte Kontrast und haben vielleicht genau deswegen so gut zusammen funktioniert. Fast wie... Nah. Mein Tentakel ist nicht lang genug, um der toten Großkatze Konkurrenz zu machen. Was aber auch nicht heissen soll, dass er kurz wäre. Ganz und gar nicht.

Heh, erinnert mich glatt an diese völlig verplante Kuh aus der alten Abteilung für Städteplanung, die ich mal gekannt hab. Hat mir doch echt nen Vortrag gehalten, mein EMR wäre Ausdruck meines übersteigerten Sexualtriebs und Penisersatz. Richtig, Ersatz! Als hätte ich keinen verdammten Penis! Aber Schusswaffen würden auch nur für den Phallus stehen, und zwar, haha, weil sie ihre Opfer penetrieren! Das müsste man sich auf der Zunge zergehen lassen, wenn's nicht schon auf hundert Metern gegen den Wind so sehr nach Scheisse stinken würde. Im Ernst, ich meine, sie hat irgendwie nicht begriffen, dass es immerhin um Waffen geht. In der Regel fangen die keine Diskussionen an, sondern kommen dann zum Einsatz, wenn Diskussionen zu nichts geführt haben, oder Shiva, wenn man einfach keine Lust oder Zeit für ein verdammtes Kaffeekränzchen hat. Nur eine Frau, genauer gesagt eine, die's zu lang nicht mehr bekommen hat, kann überhaupt so besessen von Schwänzen sein. Entweder das oder ich diagnostiziere Penisneid. Ist immerhin die gleiche idiotische Schiene. Oder aber, und das halt ich für am Wahrscheinlichsten, sie war lediglich angepisst, dass sie nie das Ziel meines übersteigerten Sextriebs geworden ist, obwohl ich bereits drei ihrer Kolleginnen durchgebumst hatte. Eine davon sogar mit gravierenden Folgen. Aber nicht so gravierend, dass man sie mit 10.000 Gil nicht aus der Welt hat schaffen können.

 

~


„He, Cole!" Ich kann ihn hinter seinem Empfangstresen wie ich das Ding nenne, weil es an einen erinnert, nicht erkennen, aber ich weiss, dass er Schicht hat. Cole ist ehemaliger ShinRa Soldat, sogar zweiter Klasse und Leiter der Abteilung für hausinterne Sicherheit. Oder etwas weniger elegant umschrieben, Oberhaupt der Wachmützen im Tower. Ganz richtig, die gleichen Idioten, die mich eingebuchtet haben.

Die meisten, die hier arbeiten, kommen von Soldier. Haben aus irgendeinem Grund dort versagt, sind nicht mehr fit genug für die Einsätze oder haben gecheckt, dass sie nicht das Zeug haben, da Karriere zu machen. ShinRa Soldaten und Turks hassen sich seit jeher bis aufs Blut und sprechen dem jeweils anderen jede Kompetenz ab, aber beide sind sich einig, dass die Wachmützenfront die unterste Stufe der ShinRa Sicherheitshirarchie darstellt und lediglich ein armseliges Auffangbecken für gescheiterte Existenzen ist. Shiva, sie gehen einmal die Woche zum Training und sitzen den Rest der Zeit auf ihren Ärschen vor den Überwachungsmonitoren. Dazu braucht's weder Kopf noch Muskeln.

Stan Cole ist eine Ausnahme. Hab nen gewissen Respekt vor dem Kerl. Immerhin war er Zeit seines Lebens Soldat, nie gut genug, es in die erste Reihe zu schaffen, aber hat sich auch nie ernsthafte Fehltritte geleistet. Im Alter von 40 Jahren, hat er dann etwas getan, was nur die wenigsten bringen und wovor ich nen imaginären Hut ziehe: Er hat eingesehen, dass er zu alt geworden ist und freiwillig die große Bühne verlassen, bevor man ihn würdelos entlassen konnte. Das war wiederum vor ungefähr acht Jahren.

„Reno!" Er kommt zum Vorschein, als er sich von seinem Stuhl aufrichtet. „Du wirst schon erwartet."

Ich schlendere zu ihm und lege meine Unterarme auf den hohen Tresen. Genau genommen erinnert die ganze Etage mit den weissen, verzweigten Linoleumfluren und Zimmerchen mehr an ein verdammtes Krankenhaus als alles andere. Und Cole ist die Oberschwester. Ironisch, wenn man bedenkt, dass die Patienten hier so ziemlich das Gegenteil einer Genesung erwartet.

„Na wenigstens einer, der weiss, wen er vor sich hat!", motze ich ohne jede Ambition, mich vom Acker zu machen, solange ich mit dem Kerl noch ein Hühnchen zu rupfen hab und kratze an der rauhen Kunststofffläche unter meinen Händen herum.

„Ja, ich hab gehört, was passiert ist." Er reibt sich verlegen den Nacken und scheint sich zu seinem Glück tatsächlich etwas zu schämen. Wird sogar rot, der Gute, was sein schütter gewordenes, grauweisses Haar noch heller wirken lässt. Seltsam. Er ist bloß sechs Jahre älter als Tseng und Tseng ist weit davon entfernt, grau oder kahl zu werden. Vielleicht auch wieder nur so eine Sache der mysteriösen Wutai Genetik. „Glaub mir, ich hab deswegen schon ein paar Köpfe rollen lassen", fügt er entschuldigend hinzu.

„Und? Hast du sie irgendwo schön sauber für mich aufgereiht?" Ich schaue mich demonstrativ um.

„Leider schon entsorgt. Vielleicht kann ich's mal mit einem Bier nach Feierabend gutmachen?"

„Nah. Viel zu tun. Kannst mir aber nen Gil für den Automaten geben", schlag ich stattdessen vor und winke mit dem Daumen über meine Schulter hinweg in Richtung des Ungetüms an der Flurwand. War ein perfekt harmloser, netter Entschuldigungsversuch von ihm, aber ich hab echt nicht die Zeit im Moment und selbst wenn ich sie hätte... Es ist eine Sache, Respekt für wen zu haben, aber drum muss ich ehrlich nicht gleich mit ihm einen trinken gehen.

Er zieht tatsächlich eine passende Münze aus der Hosentasche seiner Uniform und mich wundert keine Sekunde, dass er das Kleingeld sofort bereit hat. Bei Ifrits Arsch, ich wette, dass Shinra die Hälfte seines Vermögens durch die regelmäßige Leerung der Kaffeeautomaten einnimmt. Gerade hier in den Abteilungen, die permanent besetzt sind und wo es nichts zu tun gibt, ausser Tag und Nacht Kaffee zu saufen. Scheussliche Brühe. Bin froh, dass wir Turks unsere eigene kleine, richtige Filterkaffeemaschine im 98. stehen haben.

„Geht es dir eigentlich gut? Ich dachte schon, dass es deinen Partner ziemlich erwischt hat, aber du siehst ja nochmal eine Spur härter aus."

„Sieht nur so aus. Alles in bester Ordnung", wimmel ich seinen Small Talk Versuch, falls es einer war, ab und nutze die Gelegenheit, den blutigen Ärmel, der noch immer halb aus meiner rechten Jacketttasche hängt, in dem Mülleimer neben dem Automaten zu entsorgen, bevor ich einen der Plastikbecher aus der Halterung ziehe und unter die Düse auf das Auffangblech stelle. Der Automat ist so ein Wunderwerk für sich. Serviert 26 verschiedene heisse und kalte Flüssigkeiten, ich sag extra Flüssigkeiten, weil nicht nur Getränke, sondern sogar verdammte Hühner- und Tomatensuppe abzapfbar sind, und mindestens genauso viele Bakterienstämme. Und alles kommt aus der gleichen verfluchten Düse. Heisser Kakao, eiskalte Cola, sowie besagte Tomatensuppe. Alle lediglich von einem mickrigen Wasserstrahl getrennt, der kurz das Endstück ausspült, wenn man seinen vollen Becher wieder hervorzieht. Aber manchmal verlangt der Körper nach genau so einem Dreck. Vielleicht, wenn er mal wieder die Muße hat, neue Antikörper zu bilden und sein Immunsystem auffrischen will oder auch einfach nur, wenn's einem schon zu lange zu gut geht und es mal wieder an der Zeit für eine solide Lebensmittelvergiftung ist.  

Ich schmeiss die Münze ein und fühle mich heute wagemutig genug für eine heisse Vanillemilch. Hab Lust auf was Süßes. Milchgetränke hier zu ziehen, auch noch erwärmte, ist nur was für echte Draufgänger. Kommt direkt nach einem Becher roher Eier. Die gibt's zwar noch nicht, aber kann nur eine Frage der Zeit sein. Und die Salmonellen sind ja schon da. Da ich heute nach den ganzen, überlebten Strapazen spendabel bin, zieh ich von dem restlichen halben Gil auch noch nen schwarzen Kaffee für Rude.

„Wo ist mein werter Partner eigentlich?" Ich dreh mich mit der brühwarmen, dampfenden Milch in der Hand, die man gerade mal so ganz oben am Becherrand überhaupt anfassen kann, kurz zu Cole herum.

„Im Überwachungsraum von Zimmer 6." Er zeigt in den entsprechenden, weissen Flur zu seiner Linken. So. Überwachungsraum. Bestehen also spätestens jetzt keine Zweifel mehr, dass uns tatsächlich einer von den Bastarden ins Netz gegangen ist. Ich puste in die heisse Milch, bis der Kaffee fertig ist und greife ihn dann genauso vorsichtig. Als hätte ich ne verdammte Bombe in den Händen, schlurf ich schließlich langsam los.

„Warn mich, wenn da einer angeschossen kommt!", sag ich, bevor ich um die Ecke biege. Bei meinem Glück läuft nämlich irgend so ein Idiot genau jetzt in mich rein.

„Alles frei!"

Zimmer 6 ist das dritte auf der linken Seite und der Überwachungsraum kurz dahinter. In Ermangelung freier Hände zum Anklopfen, trete ich kurz ein paar mal mit der Schuhspitze gegen die Tür. Nicht zu laut. Unser Ehrengast muss nicht wissen, wann exakt der Einwegspiegel in seinem Zimmer besetzt ist.

„Da bist du ja endlich!", werde ich mit gedämpfter Stimme begrüßt. Warum so vorwurfsvoll? Schneller ging's nicht!

„Ja, Mann, halt mir mal die Tür auf." Ich quetsch mich an ihm vorbei und parke die beiden Becher sofort auf dem Tisch unterhalb der auf unserer Seite durchsichtigen Scheibe zwischen den beiden Räumen. Nicht ohne zu bemerken, dass dort bereits ein halb geleerter Kaffeebecher steht. „Ah Scheisse, hättest du mir nicht sagen können, dass du schon einen hast?! Und ich Idiot mach einen auf nett nach dem verdammten Vormittag und dachte, ich tu' dir was Gutes!"

„Kann ich davon ausgehen, dass der Präsident in Ordnung ist, wenn du keine größeren Sorgen hast?" Rude schließt hinter mir leise die Tür und ich werfe einen ersten Blick auf unseren an den Stuhl gefesselten Fang im Nebenzimmer.

Schätzungsweise Ende zwanzig bis Anfang dreissig. Schwarzes, zerzaustes Haar in verwegenem Einklang mit Dreitagebart. Das grüne, ärmellose Shirt gibt freie Sicht auf die muskulösen Oberarme. Die fehlende Hose zerstört sein Image aber ziemlich - sie wurde ihm hier bei ShinRa offensichtlich ausgezogen, um den rechten Oberschenkel zu verbinden, die Stelle wo er getroffen worden sein muss.

„Klar! Ich schlepp sicher nicht lustig Vanillemilch durch die Gegend und einen völlig überflüssigen Kaffee, wenn der Boss eben krepiert wäre oder sonstwas!" Ich schwing mich mit dem Rücken zum Spiegel auf den Tisch hoch und baumel mit den Beinen. „Ist oben in seinem Apartment! Wir haben die Abkürzung durch die Kanalisation genommen. Sind gerade erst zurückgekommen und wie man mir ansehen kann, hab ich noch nichts gemacht ausser die Milch zu ziehen. Oh ja, und den ungewollten Kaffee! Sag mir lieber, was mit Tseng ist." Meine Hände wandern in meine Tasche, um die Kippen und das überanstrengte Feuerzeug hervorzuzaubern. Rauchen ist so ziemlich überall im Haus streng verboten, aber ich hab das Gefühl, mir gerade durchaus was gönnen zu dürfen und Cole wird im Moment der letzte sein, der mir deswegen blöd kommt.

Er lehnt sich von innen gegen die geschlossene Tür und verschränkt die Arme. Nicht als Abwehrhaltung, wie irgendwelche idiotischen Psychologen ihm anhand der kleinen Kopffibel andichten würden. Er findet's einfach bequem. Abgesehen davon, dass seine Uniform schon bessere Zeiten erlebt hat und hier und da ein wenig schmutzig ist, scheint er im Gegensatz zu mir ohne jede Schramme davongekommen zu sein. Umso besser. Hab genug Sorgenkinder gerade. Aktuell hinzugekommen mein Feuerzeug, das ums Verrecken ausgerechnet jetzt nicht mehr anspringen will.

„Er hat einen Treffer in die Brust abbekommen. Wir haben ihn sofort in die Gainsborough Klinik gebracht, nachdem das Feld wieder sicher war." Ich schaue mit meiner noch immer unangezündeten Kippe zwischen den Lippen fragend auf und stoppe für einen Moment meinen Kampf mit dem Feuer. „Er wird im Augenblick noch operiert. Elena ruft an, sobald die OP vorbei ist."

„Ah, Scheisse." Ich starre hinab auf meine vor und zurück schwingenden Schuhspitzen. „Ist ernst, huh?"

„Vergiss nicht, dass er die Materia bei sich hatte, die ihn über Wasser gehalten hat, bis wir zu ihm konnten. Er war sogar noch bei Bewusstsein, als wir ihn den Ärzten übergeben haben. Der wird's schon packen." Er stemmt sich von der Tür ab und setzt sich neben mir auf einen Stuhl an den Tisch. Dann schielt er kurz über die Ränder seiner Sonnenbrille hinweg zu mir hoch. „Was ist mit dir?", fragt er, in Richtung meiner Wange nickend.

„Ist nur altes Blut. Sieht schlimmer aus, als es ist. Schon fast wieder okay." Ich schaue eine Sekunde auf die Kippe, die ich zwischen meinen Fingern umherdrehe, stecke sie wieder in die Schachtel zurück und hebe stattdessen die Vanillemilch an meine gespitzten Lippen, um vorsichtig zu testen, ob sie inzwischen genug abgekühlt ist. Ist sie nicht. Natürlich nicht. Also puste ich weiter drin rum.

„Wir haben uns schon gedacht, dass ihr unten her gelaufen seid, nachdem ich den Einstieg entdeckt habe. Aber warum seid ihr nicht zum Auto gegangen? Hast du nicht gewusst, dass auf dem Parkplatz ein Weg nach oben war?" Er verschränkt die Hände im Nacken. „Ganz in der Nähe sogar. Er ist mir aufgefallen, als wir Tseng zum Wagen gebracht haben."

Rude redet für meinen Geschmack gerade zu viel. Er kennt meine Taktiken und Gedankengänge viel zu gut und weiss, dass ich normalerweise das Auto als erstes angesteuert hätte. Genau wie er weiss, dass ich bei solchen Ausflügen sehr wohl von vornherein allen eventuellen Fluchtmöglichkeiten Beachtung schenke.

„Der Boss wollt' nicht", antworte ich knapp, „Wäre auch zu riskant gewesen, in der Nähe wieder hochzukommen. Also war's sicherer, direkt die Biege zu machen, als wir einmal unten waren." Ich weiss nicht, warum ich Rufus verteidige. Oder vielleicht weiss ich es doch. Er hat sich idiotisch benommen, aber ich kann nachvollziehen, wieso. Will ihn nicht bloßstellen.

„Gibst du mir meinen Kaffee?" Er lehnt sich gegen die Stuhllehne zurück und streckt die Arme weit von sich, als hätte er den ganzen verdammten Tag bis jetzt auf dem Arsch gesessen. Zumindest gibt er sich mit meiner Erklärung zufrieden. Aber Gaia allein weiss, was er hinter seiner ewig undurchsichtigen Miene in Wirklichkeit denkt.

„Nah. Hast selber einen!" Ich schlürfe geräuschvoll den gerade eben so trinkbaren Schaum von der Oberfläche. Mein Magen knurrt nach dem ersten Schluck plötzlich lautstark und ruft mir ins Gedächtnis, dass ich heute noch nichts gegessen habe.  

„Der ist kalt geworden!" Er hebt den Becher demonstrativ hoch, als könnte man der Brühe ansehen, wie kalt oder warm sie ist.

„Na dann kann dir ja nicht besonders der Sinn nach Kaffee stehen! Aber hast Glück, dass ich kein Kollegenschwein bin." Ich reiche ihm den vollen, dampfenden Becher herüber. „Vorsicht, heiss!" Nach einem weiteren, kleinen Schluck von meinem eigenen Getränk, versuch ich mein Glück ein zweites Mal mit der Zigarette und diesmal funktioniert's. Ich klau Rude den kalten Kaffee als Ersatzaschenbecher und zieh die Füße hoch auf die Tischfläche, um mich zur Seite drehen zu können. „Okay, klär mich auf, wen haben wir da?", frag ich, mit der Milch auf unseren speziellen Gast durch die Scheibe deutend, bevor ich sie zugunsten der Kippe erst mal neben mich stelle.

Bevor er antwortet, schiebt er meine Füße von dem Platz vor sich weg und ich bin so höflich, sie näher an mich ranzuziehen. Bin immerhin heute in irgendwas Totes getreten, da will ich mal nicht so sein. „Elena hat ihn erwischt. Er hatte natürlich nichts bei sich, das ihn ausweist oder mit dem wir sonst irgendwas anfangen könnten. Genauso wenig wie die anderen." Er trinkt einen großzügigen Schluck von dem frischen, halb kochenden Kaffee und verzieht keine Miene. „Bislang hat er mich wissen lassen, dass sein Name Clide ist. Mit ‚i'." Er dreht den Kopf in meine Richtung und nickt langsam in einer spöttischen Nachahmung von Anerkennung mit vorgewölbter Unterlippe und hochgezogenen Brauen.

„Wie, mit ‚i'? Spricht sich das anders als mit ‚y'? Ich hör keinen Unterschied! Wozu bei Ifrits Arsch müssen wir das wissen?! Hat er nen Zwillingsbruder, der sich regulär schreibt?! Oder denkt er, der kriegt nen Grabstein von uns, wenn wir mit ihm fertig sind?" Die Schläfe an die Scheibe gelehnt, nehme ich einen langen Zug von meiner Zigarette, während ich Clide mit ‚i' zum zweiten Mal mustere.

Ich stelle fest, dass die Augen unter den schwarzen Brauen eine ungewöhnliche Farbe haben. Ein wässriges Hellgrün, das viel zu hell scheint, um natürlich zu sein. Trotz seiner plumpen Macher-Erscheinung, die normalerweise mit Idiotie einhergeht, spricht der Blick von einer reptilienhaften Intelligenz. Genau wie sein Verhalten. Er muss Schmerzen haben von dem Schuss selbst und den daraus resultierenden Verbrennungen, aber er lässt sich nichts anmerken. Die gesamte Zeit, in der ich jetzt hier bin, hat er sich aufs reine Atmen beschränkt. Der Kerl lauert wie eine verdammte Echse im Dickicht.

„Weder noch. Er hält sich offensichtlich für clever."

„Oho! Sag bloß, wir haben nen verdammten Scherzkeks an Land gezogen!" Ich grinse über beide Ohren und schnipse die Asche in den Plastikbecher, wo sie zischend ertrinkt. Auch wenn ich den Typ nicht unterschätzen werde - das wäre ein Anfängerfehler - habe ich selbstverständlich keine Angst vor ihm. Ich kenne genug Methoden, auch einen wie ihn weichzuklopfen. Was das angeht, bin ich mit ziemlich ausgeprägter Kreativität gesegnet. „Heh, die sind mir die liebsten! Hab schon ne prima Idee." Shiva, und was für eine!

„Ich hab mir bereits gedacht, dass dir das gefallen würde, deswegen habe ich auf dich gewartet." Ein kleines, verschmitztes Lächeln umspielt seine Lippen. Dann scheint er sich plötzlich an etwas zu erinnern und zieht sein Telefon hervor, um es mir entgegenzustrecken. „Elena wollte, dass du dich bei ihr meldest, sobald ihr wieder aufgetaucht seid."

„Nah. Ich fahr lieber direkt zu ihr hin. Schätze, sie braucht jetzt wen, der ein bisschen nach ihr schaut. War alles ein bisschen viel in letzter Zeit für die Arme." Ich ziehe an der Kippe und lasse den Rauch in Richtung Decke strömen. „Kannst sie aber gleich anrufen und sagen, dass ich auf dem Weg bin, damit wir uns nicht verpassen."

„Und was ist mit ihm?"

„Guck ihn dir an, den werden wir mit dem Standardspiel nicht beeindrucken können. Ich denk, ich kann ihn knacken, aber das braucht etwas an Vorbereitung und Zeit. Allerdings nicht unsere, also können wir genauso gut andere Sachen erledigen, bis er soweit ist." Ich asche ein weiteres Mal in den Becher neben mir. „Schätze, das könnte bis morgen Abend dauern. Vielleicht etwas länger, vielleicht etwas kürzer", zuck ich mit den Schultern. Schließlich kann ich nicht hellsehen. „Ich geb Cole gleich seine Hausaufgaben, dann kann er alles Nötige veranlassen."

„Wie steht es mit meinen Hausaufgaben?" Er trinkt den restlichen Kaffee in einem einzigen Schluck leer und erinnert mich daran, dass meine Milch inzwischen auch genießbar sein müsste.

„Hä?" Ich schlürf aus meinem Becher und katapultiere den Inhalt meines Mundes keine Sekunde später prustend gegen die Scheibe, den Tisch und auf Rudes kahlen Schädel. „Scheisse!!!" Ich spring auf und spucke angewidert auf den Boden neben mir und ignoriere, dass Clide mit ‚i' trotz der schalldichten Zwischenwand wahrscheinlich meinen Ausbruch gehört hat. Rude zieht seelenruhig ein Taschentuch hervor, tupft sich die Glatze sauber und nimmt seine Brille ab, um die Gläser von den dort ebenfalls gelandeten Milchspritzern zu befreien.

„Warum hast du verdammt nochmal nichts gesagt, Mann?!?" Als hätte er nicht gesehen, dass ich in den falschen Becher geascht hab! Der Rest meiner Kippe landet aufzischend in dem ungenießbar gewordenen Automatenrotz.

„Ich fand es lustig", gibt er unverblümt zu, ohne dass seine steinerne Miene auch nur den Hauch von Humor zeigt. Oh, sie würde, sobald er allein wäre. Der Kerl hamstert lustige Augenblicke in seinem Kopf, um dann kollektiv einmal im Monat zum Lachen in den Keller zu gehen. Fragt sich nur, was genau hier dran lustig sein soll.

Er hält seine Brille prüfend gegens Licht, bevor er sie wieder aufsetzt. „Was ist mit mir? Jetzt, wo du mich hier unten nicht brauchst." Er steht selbst auf und wartet auf eine Antwort.

„Was fragst du mich?! Meinetwegen versohl dir den Arsch, weil ich dir nen Kaffee schenk und du nichts Besseres zu tun hast, als mich zum Dank aus nem verdammten Aschenbecher saufen zu lassen!" Ich zieh die Tür auf und verlasse das Zimmer, ohne mich nach ihm umzudrehen. Aber ich kann hören, dass er mir folgt.

„Reno." Ich fühle seine Hand auf meiner Schulter und wirbel herum: „Was denn?!"

„Reno", wiederholt er, als wäre ich zu begriffsstutzig, meinen eigenen Namen zu erkennen, „Tseng wird mindestens die nächste Woche lang nicht im Dienst sein." Er wartet, ob der Satz bereits ausreicht, es bei mir klicken zu lassen und erst als das nicht passiert, hält er es für nötig, weiterzusprechen: „Du bist sein Stellvertreter."

Oh. Achja. Da war ja was.

Und jetzt kapier ich. Aber gefallen tut's mir bei Gaia ganz und gar nicht. Egal wie gern ich raushängen lass, dass ich das verfluchte zweite Kommando habe - ich wollte nie das erste! Als Zweiter kann man den Ersten anscheissen, ohne dessen Verantwortung tragen zu müssen und mit der Position war ich bislang immer verdammt zufrieden.

„Heh..." Ich kratz mit meiner schmutzigen Hand in meinen verklebten Haaren rum. „Werd hier jetzt sicher nicht in sieben Tagen den Laden umkrempeln oder sowas. Käm mir irgendwie vor, als würd Tseng nicht zurückkommen, weisst du?" Ich schau ihn fragend an und er nickt langsam. „Also... warten wir, was wir aus Clide mit ‚i' morgen rausbekommen und dann schauen wir weiter. Ausserdem solltest du die Bullen informieren, dass du ab jetzt ihr Ansprechpartner wegen Harvington bist. Kannst dann heute den Bericht schreiben oder... Ach Scheisse, mach was du willst."

Tseng hat uns gestern Nachmittag kurz zusammengerufen, um mit uns wegen der ganzen Flynchsache zu sprechen, aber Dank allem, was heute passiert ist, ist das null und nichtig. Harvington bleibt bislang wie vom Erdboden verschwunden; bei seinem Aufenthalt in Kalm konnte der Boss bloß herausfinden, dass der Kerl allein gelebt und offensichtlich seit einer Weile ein Doppelleben geführt hat. Nachdem er seinen Job als Makler hingeschmissen hat vor einiger Zeit, hat er zumindest in Kalm am öffentlichen Leben kaum noch teilgenommen. Allerdings doch noch genug, um nicht als Einsiedler zu gelten und Gerede zu starten.

Auf den ersten Blick scheint's komisch zu sein, dass Tseng sich daraufhin mit dem Polizeinetzwerk von Midgar zusammengeschlossen hat, aber nur für den, der nicht in Midgar aufgewachsen ist. Unser Land hatte nie Politiker und ein demokratisches Staats- und Rechtssystem wie andere, freiere Länder. ShinRa hat bis vor ein paar Jahren noch sämtliche Instanzen in sich vereint wie ein gigantischer Krake, der nie schläft. Wenn man sich den Präsidenten als steuernden Kopf vorstellt, sind die einzelnen Arme die ausführenden Abteilungen gewesen, die ihre glitschigen, flexiblen Finger um alles geschlungen haben: ShinRa hatte die absolute Kontrolle über die Energieversorgung, Städtebau und -Planung, bis hin zur verdammten Armee des Landes mit Soldier. Dann gab es Gebiete, in denen ShinRa aus dem einfachen Grund führend war, weil niemand sonst das Geld dazu in der Summe ausgeben konnte, wie beispielsweise in den Bereichen Wissenschaft und Forschung. Und selbstverständlich hat der Konzern dafür Sorge getragen, dass er in allem, an das er Interesse hatte, auch die Monopolstellung bekommen und behalten konnte.

Was die Politik und die Justiz angeht, ist das ganze Theater etwas verdeckter und eher hinter der Bühne abgegangen, um das Volk nicht unnötig anzustacheln, aber am Ende des Tages hatte auch hier letztendlich der Präsident, beziehungsweise seine Vertreter, immer das Sagen. Klar, der kleine Bürgermeister irgendwo im gemütlichen Dörfchen in den Wäldern durfte frei gewählt werden und genauso frei drüber entscheiden, ob das neue Rathaus rot oder blau gestrichen wird. Der Krake hätte keine Zeit für solchen Unsinn gehabt. Aber wenn er der Meinung war, am Platz des Rathauses sollte ein neuer Reaktor errichtet werden, dann war der Bürgermeister innerhalb kürzester Zeit der gleichen, verdammten Ansicht. Oder aber er trat zurück aus ‚persönlichen Gründen', die meist eine Drohung gegen seine Familie, also tatsächlich immerhin etwas Persönliches, involvierte.

Egal, was man von Rufus hält und welches Motiv man ihm unterstellt, es bleibt die Tatsache, dass er im Zuge der letzten Jahre mit der Umstrukturierung des Konzerns dem Volk einen gigantischen Teil seiner Freiheit zurückgegeben hat. Nicht, dass ich denke, dass er am Ende noch eine Wahl hatte. Die Leute standen nach Meteor mehr als einmal kurz davor, ihn mit Fackeln und Mistgabeln zu jagen und in Kalm haben sie's sogar geschafft, ihn in die Enge zu treiben. Eine Masse lässt sich eben nur eine gewisse Zeit mit Angst regieren, so wie er's versucht hat. Irgendwann aber macht Angst blind und wird zu rasendem Zorn. Und wenn genug Daddys ihre Kinder verloren haben, dann greifen sie zur Selbstjustiz und schließen sich zusammen. Einen großen Teil seiner Macht herzugeben, war also seine einzige Möglichkeit, überhaupt noch die Macht über das Land zu behalten.

Warum das Volk ihn überhaupt noch akzeptiert, ist wohl die größte Ironie bei der ganzen Geschichte und ein Grund dafür, warum ich die meisten Einwohner für verlogene Kanalratten halte: Rufus erlaubte ihnen also, ein unabhängiges Polizeiwesen einzuführen; er gab den lokalen Politikern mehr Macht in ihren Regierungsbezirken; er gestattete Firmen, in direkte Konkurrenz zu ShinRa zu treten, um die Wirtschaft anzukurbeln, und er gab den Medien mehr Freiheit. Das Volk sah sich bei der praktischen Umsetzung der neuen Pläne aber mit einem verdammt riesigen Problem konfrontiert: Keiner hatte genug Geld dazu. Keiner.

Ausser Rufus.

Also trat er als Wohltäter auf und finanziert ihnen bis heute ihre Unabhängigkeit von ihm.

Was das im Alltag bedeutet?

Dass der leitende Turk sich beispielsweise dann und wann vertrauensvoll an die Polizei wenden kann, wenn er Unterstützung zur Bestimmung des Aufenthaltsortes einer Person braucht. Oder auch, wenn es darum geht, den Mord an einer Journalistin zu vertuschen. Der Krake hat seine Tentakel tatsächlich nicht mehr um die Justiz geschlungen. Er steckt seine glitschigen Finger nur noch ab und zu diskret von hinten rein.

Zurück zu Rude.

Der einzige Grund, warum ich ihm überhaupt naheleg, sich an den Computer zu hocken, ist die Tatsache, dass ich weiss, dass es ihm rein gar nichts ausmacht im Gegensatz zu mir. Nicht, dass er scharf drauf wäre, aber wenn es nichts Besseres zu tun gibt, macht er es lieber als gar nichts, während ich umgekehrt immer irgendwas finde, was besser ist als Schreibkram. Ich sag's also nicht, um in den ersten fünf Minuten meiner neuen, wenn auch nur vorrübergehenden Position den gleichen Scheiss wie Tseng zu machen oder den Boss raushängen zu lassen, sondern wirklich nur, weil ich ihn mit dem Vorschlag nicht bestrafe oder beleidige. Auch wenn er's gerade mehr als nur verdient hätte! Aber Gaia, ich bin nicht der Chef hier und werd's auch nicht für ne verdammte Woche sein. Sobald Tseng wieder sprechen kann, tape ich ihm ein verfluchtes Telefon an den Mund! Soll er uns meinetwegen von seinem Krankenbett aus in die Ärsche treten.

„Cole!", wende ich mich stattdessen an den Sicherheitschef, weil mir das Ganze unangenehm ist, „Gib mir mal was zum Schreiben!"

„Was sollen wir mit dem Kerl machen?", fragt er, während er mir ein Blatt und einen Kugelschreiber auf seine Krankenhaustheke legt. Anscheinend ist ihm nicht entgangen, dass ich im Moment der Ansprechpartner für solche Fragen bin.

„Dazu wollte ich ja gerade kommen", erklär ich mit Rude in meinem Rücken, der mir über die Schulter auf die Liste späht, die ich zügig kritzel. Die goldene Spitze des Kulis fängt das Licht von der kalten Deckenbeleuchtung ein und ich frage mich plötzlich, ob Rufus sich wirklich hingelegt hat. „Ich will, dass seine Verletzung medizinisch versorgt wird mit allem drum und dran, inklusive Materia. Er soll auch Schmerzmittel bekommen, aber nichts, was über morgen Abend hinaus noch wirken könnte. Gebt ihm ausreichend zu trinken, aber nichts zu essen. Und lasst ihn die ganze Zeit am Stuhl gefesselt."

„Oh Shiva", hör ich meinen Partner, der sich anscheinend den richtigen Reim auf die von mir aufgeschriebenen Objekte gemacht hat, leise wie ungläubig hinter mir. Ah, er kann nicht wirklich überrascht sein.

„Okay, zum Wichtigsten: Er soll die gesamte Zeit über permanent überwacht werden und zwar solange, bis er sich in die Hose pisst, egal wie lang oder kurz es dauert bis es soweit ist! Verstanden? Sobald es passiert ist, will ich sofort benachrichtigt werden! Und mit sofort meine ich auf der Stelle, egal ob ich im Dienst bin oder zu Hause." Ich schieb Cole die fertige Liste rüber. „Bis dahin müssen all diese Dinge hier bereit sein."

Er runzelt die Stirn, als er entweder versucht, meine Schrift zu entziffern oder dahinterzusteigen, was bei Gaia ich mit dem Zeug vorhabe. Da er nicht fragt, tippe ich auf letzteres.

„Ich hab im Moment kein Mobiltelefon, also versucht's im Büro oder bei Rude oder bei mir zu Hause oder lass mich ausrufen oder schick meinetwegen auch ein verdammtes singendes Telegramm." Ich heb kurz die Hand und mach mich mit Rude auf den Weg zu den Fahrstühlen.

„Will ich wissen, wo du die Idee dazu herhast?" Er faltet die Hände auf dem Rücken, während er neben mir herschlendert.

Ich lach auf. „Na, hast du dich etwa noch nie so gefühlt? Hab mich bloß gefragt, was passiert, wenn man's bis zum Maximum treibt." Ich bin kein Sadist, wie ich immer wieder betone. Ich bin bloß ein neugieriger, kreativer Mensch, dem auf dem Mitleidssektor der Rasen nicht gescheit wächst. Ich steh mehr drauf, wenn man mich anbettelt, mit was auch immer ich tue weiterzumachen, als aufzuhören. Darum gehen mir wohl auch sämtliche Vergewaltigungsphantasien völlig ab. Ich brauch das Gefühl, mehr als alles andere auf der Welt gewollt zu werden, um in Fahrt zu kommen.

 

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Der Herzmonitor gibt ein konstantes ‚Mii-düp!' von sich, das signalisieren soll, dass alles okay ist. Frag mich, warum dieses nervenzehrende Geräusch überhaupt nötig ist, solange keine Komplikationen auftreten. Der Laut hat sowas von Drama und Tod und ich an ihrer Stelle könnte keine Minute hier verbringen, ohne permanent zu lauschen, ob sich irgendwas verändert. Aus dem gleichen Grund hasse ich den Klang von Herzschlag. Sowohl den anderer Menschen als auch meinen eigenen - ich kann deswegen nicht auf der linken Seite einschlafen, solange ich nicht absolut todmüde bin. Ich find ihn alles andere als beruhigend, eher hochgradig verstörend.

Elena hat nicht bemerkt, dass ich hereingekommen bin und seit einiger Zeit hinter ihr stehe. Es ist mir unangenehm, sie in diesem Moment unentdeckt zu beobachten. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sie keine Notiz von mir nehmen würde und weiss nicht, wie ich sie jetzt noch auf mich aufmerksam machen kann, ohne sie zu erschrecken. Oder zu beschämen.

Tseng befindet sich noch im seligen Land der Narkose und ich schätze, da ist er gerade am besten aufgehoben. Linker Seite führt ein Drainageschlauch aus seiner Brust heraus, dessen Inhalt ich absichtlich keine Beachtung schenke. Ein Venenzugang versorgt ihn stetig tropfend mit irgendeiner Infusion. Das Stückchen seines nackten Oberkörpers, das nicht von der Decke verhüllt ist, ist voller Kompressen, Bandagen und den verkabelten Saugnäpfchen der Elektroden des EKGs.

Das hätte er sein können.

Eine Erinnerung drängt sich auf: Rufus, der mich einäugig zwischen Kopfverbänden und Haarsträhnen heraus fixiert. Aber selbst mit nur einem Auge kann er mich mühelos festhalten. „Nun, niemand kann zu diesem Zeitpunkt sagen, ob ich diesen Tag erleben werde, Reno." Ich zwinge mich, das Bild beiseite zu schieben. Es gehört nicht hierher.

Mein Blick wandert seinen schlanken, aber durchtrainierten, rechten Arm entlang, der über der Bettdecke liegt.

Ihre zierliche, junge Hand, die seine hält wirkt so entsetzlich klein im Vergleich. Und das, obwohl er selbst eher grazil als grob gebaut ist. Ich verfolge über ihre Schulter hinweg, wie ihr Daumen unermüdlich, gedankenversunken über seine Haut streicht, während die Finger der anderen Hand seinen Unterarm streicheln. Der Kontrast ihrer beider Hautfarben ist nicht so groß wie die sichtbare Altersdifferenz. Eine Differenz, die Elena kaum weniger interessieren könnte, wie die Zärtlichkeit ihrer Berührungen einmal mehr verrät. Was immer Tseng in ihren Augen ist oder hat, scheint sie bei keinem anderen finden zu können. Warum sonst würde sie über Jahre hinweg so hartnäckig und geduldig bleiben?

Aber Shiva, das erste, was er tun wird, wenn er aufwacht, wird es sein, sie nach Hause zu schicken. Und wahrscheinlich weiss sie das und kostet die gestohlene Nähe unter diesen beschissenen Umständen dafür umso mehr aus.

„Wie geht's ihm?", flüstere ich so leise, dass meine Stimme wegbricht. Entgegen meiner Befürchtung, zuckt sie kein bisschen zusammen. Sie atmet lediglich tief durch, bevor sie antwortet, ohne den Schlafenden auch nur mit den Augen loszulassen, geschweige denn mit den Händen.

„Die OP ist gut verlaufen, hat der Arzt gesagt. Sie haben ihn vor etwa zwanzig Minuten erst zurückgebracht. Die-", sie bricht ab und sammelt sich, bevor sie erneut ansetzt: „Die Kugel hat seinen linken Lungenflügel erwischt und ist im Schulterblatt stecken geblieben. Die Materia hat ihm das Leben gerettet, aber als wir ihn hierher gebracht haben, war die Wunde schon zu weit zugewachsen und sie mussten sie nochmal öffnen."

Das gleiche Problem, was bei meinem Piercing hätte auftreten können. Durch die zügige Wirkung der Heilmateria, drohen Fremdkörper einfach im Gewebe einzuwachsen und sich dort im Laufe der Zeit natürlich zu entzünden.

Ich beuge mich herunter, lege von hinten meine Arme um sie und mein Kinn auf ihren Kopf. Ich hatte keine Zeit zum Duschen, bevor ich mich auf den Weg gemacht hab, aber zumindest um mir die Hände und das Gesicht gründlich zu waschen. Sie muss sich nicht auch noch Sorgen um mich machen. Doch bis jetzt hat sie mich nicht einmal angeschaut.

„Aber er ist überm Berg, oder?", frage ich in ihr blondes Haar hinein. Sie trägt ihr Jackett nicht, dafür noch immer das Holster und die Waffe darin. Ihre restlichen Habseligkeiten liegen auf dem Tisch in der Zimmerecke, wie ich jetzt bemerke. Ich kombiniere - eine Berufskrankheit, die sich nicht ablegen lässt - und komme zu dem Schluss, dass sie die Jacke höchstwahrscheinlich geopfert haben wird, um Clide mit ‚i' zu löschen, nachdem sie ihn ausser Gefecht gesetzt hat.

„Das sagt der Arzt, aber... guck ihn dir an, Reno."

Das hab ich bereits. Ja, er sieht beschissen aus. Verbraucht und auf einen Schlag zehn Jahre älter, nur - das darf er auch direkt nach so einer OP, oder? Er wird sich wieder berappeln und in absehbarer Zeit der alte sein. Wir reden hier immerhin von Tseng.

„He, keiner von uns würde an seiner Stelle ne gute Figur abgeben!", versuch ich sie aufzumuntern, „Die Ärzte sind objektiv im Gegensatz zu dir, die wissen schon, was sie erzählen. Du machst dir Sorgen und deswegen kommt dir alles zehnmal so tragisch vor. Der hat schon weit Schlimmeres weggesteckt."

„Aber wie lange kann ein Mensch das? Wie lange kann man so etwas immer wieder wegstecken, bevor es irgendwann zu viel ist? Er muss nicht erst sterben, um nicht mehr zurückzukommen." Sie löst eine Hand von ihm, um sie trostsuchend an meinen Arm zu legen. Ich drücke sie fester an mich und küsse ihren Schopf. Der Honigduft ist schwach, aber noch immer wahrnehmbar.

Ich lass mir nicht anmerken, dass sie meine schlimmste Befürchtung gerade anspricht. Ich hab nie ernsthaft drüber nachgedacht, dass die Ära Tseng irgendwann enden könnte. Ich hab auch nie drüber nachgedacht, dass ich eines Tages tatsächlich Chef der Turks sein könnte. Weil ich das nicht will, verdammt nochmal!

Wenn einer solange zum Dienst und aufs Feld kriecht, wie er sich noch auf allen Vieren halten kann, dann ist er das. Und er tut besser daran, irgendwann mit siebzig in einem spektakulären Feuerwerk unterzugehen, als wie ein ausgedienter Köter in Pension zu trotten und das Bild kaputt zu machen, dass er über Jahre hinweg in uns allen aufgebaut hat!

„Er hat seine Deckung aufgegeben, um den zweiten Angreifer vor ihm zu erwischen. Damit du Shinra in Sicherheit bringen kannst." Absicht. Das hatte ich nicht in Betracht gezogen. Tseng handelt niemals leichtsinnig, aber wenn es um Rufus' Leben geht, riskiert er sein eigenes jederzeit, genau wie ich. Ich hätte damit rechnen müssen. Ihre Stimme wird leiser. „Es war die Hölle, Reno. Ich hab gesehen, dass er getroffen wurde und konnte nicht zu ihm hin."

Ich nehme mein Kinn von ihrem Kopf und lege es stattdessen auf ihre Schulter. „Ich kann mir vorstellen, dass das abartig hart für dich war... Ihm nicht sofort helfen zu können. Aber Elena, er ist nicht mehr in Lebensgefahr. Es ist vorbei. Und hey, wenn er sein Leben absichtlich aufs Spiel gesetzt hat, ist das was ganz anderes, als wenn er... naja, wenn er versagt hätte. Da stehen die Chancen gleich viel kleiner, dass er meint, deswegen noch aufhören zu müssen. Hm?"

Ich tippe sanft gegen ihre Nasenspitze, aber das erhoffte Lächeln bleibt aus. Zumindest nickt sie schwerfällig, während ihre Augen verloren ins Nichts starren.

„Shinra hat angerufen", beginnt sie nach einer Weile plötzlich und findet wieder ins Hier und Jetzt zurück. Mein Körper versteift sich unwillkürlich. Mii-düp! ... Mii-düp! ... Mii-düp!

„Shinra mit großem oder kleinem ‚R'?", frage ich zur Sicherheit nach, obwohl es überflüssig ist.

„Mit kleinem. Der Big Boss. Kurz nachdem Rude mich angerufen hat, dass du auf dem Weg zu mir bist. Er will Tseng, wenn er stabil genug ist, noch heute Nacht zum Tower verlegen lassen, damit Schaefer sich um ihn kümmern kann. Er stellt sogar einen Helicopter bereit. Ist wohl sein Glück, dass Shinra selbst irgendwie an ihm hängt. Ich hatte mir sogar schon überlegt, die Nacht hierzubleiben. Denkst du nicht, es wäre zu gefährlich, ihn hier allein zu lassen ohne Wache?"

Und wie Shinra an ihm hängt. So sehr, dass er mir verboten hat, Tseng zu helfen... Immerhin zeigt er jetzt etwas mehr Verstand. Doc Schaefer ist Rufus' persönlicher Arzt und eine medizinische Koryphäe. Er hat es zuerst abgelehnt, für ShinRa zu arbeiten, egal wie viel Geld ihm geboten wurde, aber sich dann überzeugen lassen, als ihm alle Möglichkeiten eröffnet wurden, seine eigenen Forschungen zu betreiben. Wir reden hier von normalen Forschungen mit maximal kleinen Äffchen und ner Menge Reagenzgläser. Nicht die kranke Hojo-Scheisse. Macht zwar keinen Unterschied für die Äffchen, aber allen kann man's nie recht machen.

„Ach... Und ich soll dir etwas von ihm ausrichten. Etwas Merkwürdiges", fügt sie hinzu. Mii-düp-mii-düp-mii-düp!!!

Ich weiss nicht, warum ich solche Angst habe. Vielleicht, weil ich Shinra mittlerweile alles zutraue seit dem... Zwischenfall in der Kanalisation. Auch, dass er Dritte benutzt, um sein Spiel mit mir unterhaltender für sich zu gestalten.

„Was denn?", frag ich so beiläufig wie möglich und ertappe mich dabei, nun selbst über ihre Schulter hinweg angespannt ins Nichts zu starren. Sie kann es zumindest nicht sehen.

„Warte... Ich muss überlegen, wie seine genaue Wortwahl war. Achja. Ich soll dir sagen, dass er eine Stunde lang brav geblieben ist und jetzt keine Lust mehr hat und dich um 2115 in seinem Büro erwartet. Er hat vorher noch viel zu tun, daher so spät."

Ich atme erleichtert durch. Das kann ich wenigstens erklären. „Tja, er hat sich wohl etwas bemuttert gefühlt, weil ich wollte, dass er sich hinlegt, als wir zurückgekommen sind. Ihm ging's ziemlich schlecht wegen seiner Übermüdung und dem ganzen Stress."

Nicht, dass ich mich überhaupt rechtfertigen müsste. Aber aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht genau bestimmen kann, will ich es von vorn herein vermeiden, dass sie wittert, dass mein Kontakt zum Präsidenten in letzter Zeit den gewöhnlichen Rahmen sprengt. Zumindest nicht solange ich selbst nicht einmal weiss, was eigentlich vor sich geht. Mit Glück wird er mir heute noch die Antwort auf die Frage geben. Ich habe sie noch immer nicht gefunden. Seit dem Friedhof habe ich nicht einmal mehr darüber nachgedacht. Obwohl Tsengs Anblick es mir leichtmachen sollte, mich zu fragen, warum ich noch lebe. Weil ich deine zweite Chance bin, Rufus?

„Hey, sag mal...", wechsel ich das Thema, und das nicht bloß, um abzulenken, „möchtest du heute Nacht vielleicht bei mir schlafen? Dann wärst du nicht ganz so allein." Ich geb ihr einen Kuss auf die Wange und streichel kurz ihre Oberarme. „Ich mach mir Sorgen um dich nach all dem Scheiss der letzten Tage." Sie weiss, dass mein Angebot rein freundschaftlicher Natur ist und erspart mir damit alle Erklärungsarien, die ich ansonsten jetzt starten müsste. Es wäre bei weitem nicht das erste Mal, das einer von uns beim anderen übernachtet. Und zu etwa sechzig Prozent ist Tseng der Grund, statt meiner soliden Gastgeberqualitäten.

„Wenn es dir nichts ausmachen würde... Dann wäre es sehr lieb." Die Tatsache, dass sie gar nicht erst den fünf minütigen Bescheidenheits-Tango startet, zeigt nur einmal mehr, wie sehr sie auf dem Zahnfleisch läuft.

Und wie auf ein unsichtbares Kommando hin, startet mein noch immer leerer Magen lautstark eine neue Protestwelle, vermutlich um drauf aufmerksam zu machen, dass sie nicht das einzige verdammte Sorgenkind hier ist.

„Hast du überhaupt schon was gegessen heute?" Sie beugt sich vor und dreht den Kopf zur Seite, um mir endlich ins Gesicht schauen zu können. Ihr Blick mustert die geschlossene, aber immer noch geschwollene, rote Wunde an meiner Wange.  

„Ich besorg mir nen Happen auf dem Rückweg. Versprochen. Und heute Abend koch ich für uns, also... ich schieb uns was in die Mikro, mein ich." Mein Mundwinkel verzieht sich zu einem schiefen Lächeln. Mein Markenzeichen, das Rufus mir so erfolgreich gestohlen und sich zu eigen gemacht hat. Ich kann nur für ihn hoffen, dass der Mistkerl nicht vorhat, es in der Öffentlichkeit zu benutzen, weil ansonsten jeder ganz selbstverständlich annehmen wird, dass ich es mir abgeschaut hätte.

„Es gibt unten einen kleinen Laden beim Eingang, wo du auch Snacks bekommst. Du riechst ziemlich streng", gesteht sie betreten und beisst sich auf die Lippen. Seltsamer Themenwechsel. Sie sollte ausserdem inzwischen mitbekommen haben, wo ich mich den Vormittag rumgetrieben habe, nicht?

„Hey... Ich war stundenlang im Gulli unterwegs! Da dufte selbst ich nicht mehr nach Sonne und Schmetterlingen!" Ich richte mich empört auf. Da lad ich sie gerade zum Essen ein und sie kritisiert zum Dank meinen Körpergeruch?!

„Das meine ich nicht. Du hast Mundgeruch, weil dein Magen leer ist." Ihre schüchterne Erklärung trifft mich peinlich. Ich lauf meinetwegen durch ganz Edge und stink nach Abwasser, aber Mundgeruch ist wirklich nicht... sexy. Meine Wangen fangen augenblicklich an zu glühen. Und sie glühen noch dreimal heller, als mir allen Ernstes die Frage durch den Kopf schießt, ob Shinra deswegen unten von mir abgelassen hat. Nah. Selbst wenn. Sollte froh drum sein.

„Oh... Naja. Werd dann wohl was essen. Hab ja zum Glück nicht vor, auf dem Weg zum Ausgang noch rumzuknutschen. Die Schwestern hier sind nicht so besonders scharf, von dem her, was ich so gesehen hab." Ich trete noch einen weiteren Schritt zurück, um mich auch wirklich ausser Riechweite zu bringen, denn was sowas angeht, kann ich schnell paranoide werden. Es gibt sowas wie lässige, verführerische Schmuddeligkeit und abstoßende und von beiden kultiviere ich nur erstere. Nach dem Sex nicht zu duschen und den Geruch an sich durch die Gegend zu tragen, kann beispielsweise zu sehr angenehmen, interessanten Situationen führen. Besonders, wenn der Duft nur noch unterschwellig wahrnehmbar ist und die Frauen selbst nicht wissen, dass gerade Milliarden von Pheromonen wie süße Versprechen auf sie einprasseln, während sie in meiner Nähe sind und ach-so-unruhig werden. Versuch das gleiche mit stinkenden Füßen und Ohrenschmalz und das Ergebnis ist ein völlig anderes. „Du willst noch hierbleiben?"

Eigentlich eine mehr als nur überflüssige Frage. Ihre zweite Hand hält inzwischen wieder seine. Die Finger der anderen streicheln unermüdlich den Unterarm weiter, ohne dass die Geste an Zärtlichkeit verliert.

„Bis er verlegt wird. Und wenn er heute Nacht noch nicht verlegt werden kann... Dann warte bitte nicht auf mich."

„Hey, das ist Unsinn! Ich mach dir nen Vorschlag. Du kommst rüber zu mir, sobald er verlegt ist, und wenn er heute Nacht noch nicht stabil genug ist, rufst du mich zu Hause an und ich übernehm die zweite Schicht. Du musst auch ein bisschen schlafen. Ich bin jetzt der Turk Chef, weisst du? Zumindest bis er wieder fit ist", füge ich hastig hinzu, bevor sie meinen Spruch, der aufmunternd gemeint war, völlig falsch versteht, „Und als dieser befehle ich, dass du dir den Job mit mir teilst!"

Sie reckt den Kopf nach hinten, um mir ein dankbares Lächeln über die Schulter hinweg zu schenken. „Danke, Reno. Ich hoffe, es wird nicht dazu kommen, dass wir uns hier abwechseln müssen."

„Hoff ich auch. Also... Den Code für meine Tür hast du ja. Komm dann einfach vorbei und falls ich noch bei Shinra bin, vertreib dir irgendwie die Zeit, bis ich da bin."

Sie nickt. Ich zögere und trete noch einmal an das Bett heran und stupse Tseng sachte an die Schulter. „Und du sieh zu, dass du wieder auf die Beine kommst! Kannst nicht wirklich wollen, dass ich das Kommando hab, mein Lieber. Denk nur mal an all die Kaffeeränder!"

Eigentlich will ich ganz andere Dinge sagen. Eigentlich liegt mir eine Entschuldigung auf dem Herzen.

Es tut mir leid, dich im Stich gelassen zu haben.

Allein Elena zuliebe überspiele ich, was wirklich in mir vorgeht und gebe mich optimistisch. Gaia weiss, ich bin es nicht.

 

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Die Türen zu seinem Büro stehen bereits in Erwartung offen. Mel hat längst Feierabend. Er ist allein hier oben.

Ich war gerade lang genug zu Hause, um schnell zu duschen und mir frische Sachen anzuziehen. Selbst meine Haare sind noch etwas feucht, aber immerhin gestyled. Die Strähnchen haben nur nicht den Schwung, den sie hätten, hätte ich mehr Zeit gehabt.

Elena war noch nicht da. Mein Apartment befindet sich im eigenen Wohnkomplex für die ShinRa Mitarbeiter direkt neben dem Tower. Die Anlage wurde gleichzeitig mit dem Hauptgebäude errichtet und verfügt über etliche Wohnungen mit nicht nur erstklassiger Ausstattung, sondern auch angemessener Sicherheitstechnik für höherrangige Angestellte wie mich. Meine Tür ist mit einem Nummerncode gesichert. Auf diese Weise muss ich keinen Schlüssel mit mir herumtragen, den ich verlieren und dabei meine eigene Sicherheit gefährden könnte. Eine Tatsache, die mir letztes Wochenende sehr entgegengekommen ist nach meinem Erwachen hinter Tifas Bar.

Neben mir ist Elena der einzige Turk, der sich dort eingenistet hat. Sie lebt zwar in einem anderen Gebäude, aber ist trotzdem bloß wenige Minuten von mir getrennt. Ein Vorteil, den wir beide hemmungslos ausnutzen. Eigentlich nutzt sie ihn wesentlich öfter aus als ich. Tseng und Rude leben beide in Edge und hatten keinen Grund, ihre bisherigen Wohnungen zu verlassen. Mir hingegen kommt die Nähe zu meinem Arbeitsplatz mehr als nur gelegen. Sorgt regelmäßig dafür, dass die Zeit, die ich morgens zu spät komme, nicht die Dimension erreicht, die sie ansonsten zweifellos annehmen würde.

Ich trete in das weisse Zimmer. Von Rufus ist nichts zu sehen. Einzig seinen Mantel und das Jackett sehe ich beim genaueren Hinschauen über seinem Bürostuhl hängen. Ich räuspere mich demonstrativ.

„Ich bin hier", höre ich ihn irgendwo aus der gleichen Richtung sagen. Und jetzt entdecke ich ihn auch. Er sitzt, halb von seinem Arbeitsplatz verdeckt, auf dem Boden dahinter vor den Fenstern.

Ich komme langsam näher, gehe die drei Stufen hinauf und um den gläsernen, schweren Schreibtisch herum. Er schaut nicht auf. Seine Augen haften auf den Ruinen von Midgar in der Abendsonne. Ich bemerke, dass sein Haar die Farbe ihres Lichtes angenommen hat. Ein warmes Orangegelb. Er hat ebenfalls geduscht und selbst seine nach hinten gekämmten Haare sitzen ausnahmsweise anstandslos perfekt. Etwas an ihm scheint anders als sonst. Und natürlich, noch bevor ich den Gedanken beendet habe, bemerke ich auch, was es ist. Durch das abgelegte Jackett liegt die schwarze Weste über dem weissen Hemd frei, was seine sonstige Farbverteilung komplett ins Gegenteil umkehrt. Fast wie sein Negativ unten in den Tunneln. Seltsam, dass eine solche Kleinigkeit einen so starken Effekt haben kann. Das Schwarz lässt ihn schmaler wirken. Oder vielleicht zeigt es auch nur, wie schmal er in Wahrheit ist.

Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, setze ich mich im Schneidersitz einfach neben ihn und folge seinem gedankenverlorenen Blick hinaus.

Soweit das Auge reicht das metallene Skelett einer Geisterstadt. Die bereits lang gewordenen Schatten lassen die untere Ebene von Midgar komplett im Dunkeln verschwinden, obwohl die Sonne erst in einigen Minuten untergeht. Ich erinnere mich nur zu gut, dass es in meiner Kindheit keine Sonnenuntergänge gab. Das heisst, natürlich gab es sie und man hat auch erlebt, wie Tag zur Nacht wurde, aber den eigentlichen Untergang haben wir in den Slums niemals zu Gesicht bekommen. Genauso wenig wie die Sonne selbst in ihrer eigentlichen Form, Dank der Stadtmauer, der oberen Platte und der Luftverschmutzung, die das bisschen sichtbaren Resthimmel so getrübt hat, dass man direkt in ihr Licht hineinsehen konnte, ohne geblendet zu werden. Ein dumpfer, verschwommener, kränklich gelber Fleck in einem einheitlichen, ewigen Hellgrau.

„Deprimierende Aussicht", bemerke ich.

„Wenn du dich etwas geduldest, siehst du es." Er schaut mich genauso wenig an wie ich ihn.

Also schweigen wir wieder.

Und dann sehe ich's schließlich.

Die hellrot gewordene Sonne schiebt sich mit jeder Sekunde ein Stück mehr hinter die halb zerstörte, in die Höhe ragende Ruine des alten ShinRa Towers. Und im letzten Moment, bevor sie im Westen versinkt und exakt hinter den Überresten steht, bringt sie diese zum Leuchten, färbt sie in allen Nuancen eines wilden, feurigen Rotes, genau wie Rufus Haare in diesem Moment. Der optische Effekt ist verblüffend. Zusammen mit der Luftbewegung erweckt es den Anschein, dass das alte ShinRa Gebäude auf einmal wieder in Flammen stehen würde. Wenn auch rauchlos. Es sind die ausgeschlagenen Fenster, die Zwischenräume in den Mauern, die freiliegenden Stahlträger, der Dschungel aus Kabeln; durch jeden Spalt flutet von hinten das letzte Tageslicht und erzeugt das Trugbild, in jedem Winkel würden Kohlen glühen.

Ich staune ungläubig und lache kurz auf. Nicht nur wegen des Schauspiels - meine Frage, ob Rufus eine poetische Ader hat, ist hiermit beantwortet. Und Shiva, es kann keine kleine Ader sein. Er hat den verdammten, verfickten Tower absolut präzise ausrichten lassen müssen, um diesen Effekt zu erreichen! Ein Zufall ist ausgeschlossen. Dass er viel von architektonischen Spielereien hält, hat er bereits mit der Aussenfassade des neuen Hauptgebäudes bewiesen. Die weisse Verkleidung reflektiert das Sonnenlicht so gnadenlos, dass es unmöglich ist, den Turm hinaufzublicken an wolkenlosen Tagen, mit dem Ergebnis, dass niemand zu ihm hinaufschauen kann, ohne geblendet zu werden. Ich bin mir sicher, dass die meisten Einwohner von Edge diesen Clou noch nicht einmal bewusst durchschauen, aber ich hab's von Anfang an. Ich weiss, wie sehr ihm sowas gefällt. Genau sein Ding.

„Mann, und das soll nicht deprimierend sein?! Da brennt dein Imperium! Und das schaust du dir jeden Abend an?!" Ich wende ihm mein Gesicht zu und bemerke das kleine Lächeln auf seinen Lippen. Ob es schon vorher da war oder durch meine Worte hervorgerufen, hab ich nicht mitbekommen.

„Es ist das Imperium meines Vaters." Das Lächeln wird breiter. „Ich schaue es mir nicht täglich an, aber ich könnte durchaus. Ich werde es bislang zumindest nicht müde."

Dass er seinen Alten gehasst hat, ist kein Geheimnis. Aber dass es noch immer solche Dimensionen erreicht, wundert mich tatsächlich etwas. Es stört mich sogar. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass jemand Macht über den Präsidenten von ShinRa hat. Selbst wenn es der Ex Präsident ist. Das ‚Ex' ist das entscheidende dabei. Es macht ihn zu einem bedeutungslosen Nichts, das meinetwegen in Geschichtsbücher gehört, aber nicht mehr in die Gegenwart. Seine Zeit ist lange abgelaufen und es ist nicht richtig, dass er noch immer Einfluss hat. Vor allem nicht, weil ich genauso wenig wie Rufus vergessen hab, was für ein schmieriger, ekelhafter Bastard der Kerl war. In jeder Hinsicht das Gegenteil von seinem Sohn.

Ob er überhaupt sein leiblicher...

Es würde zwar den Hass erklären, aber - Nah. Ich verwerfe den Gedanken. Der alte Shinra hätte kein Kuckucksei großgezogen. Und er war auch paranoide genug, sicherzustellen, dass ihm keins untergejubelt wird.

„Ich sollt dir jetzt eigentlich ne Predigt halten und du weisst, wieso!", wechsel ich das Thema. „Denk ja nicht, ich seh nicht, dass du noch immer nicht gepennt hast, nur weil du duschen warst und deine Haare mal zur Feier des Tages sitzen! Hätt' dich lieber hier mit Bettfrisur und dafür ohne Augenringe wie Autoreifen!"

Er wendet mir abrupt sein Gesicht zu. „Dessen bin ich mir bewusst." Sein rechter Mundwinkel entspannt sich und lässt den linken allein weiterlächeln. „So wie es scheint, haben wir beide unsere Aufgaben nicht erfüllt. Zumindest gehe ich davon aus, dass du deine Hausaufgabe nicht fertiggestellt hast."

„Nah. Ich hab aber drüber nachgedacht. Hab letzte Nacht selbst kaum einschlafen können, weil ich keine plausible Antwort gefunden hab." Die reine Wahrheit. Es ist zu viel in zu kurzer Zeit passiert, um das Kopfkarussell einfach abschalten zu können. Sein Ratespielchen hat meinen Einschlafversuchen dann bis ungefähr 0330 endgültig den Todesstoß verpasst, ehe die pure Erschöpfung gesiegt hat. „Nur weitere Fragen."

„Nun, eine plausible Erklärung hast du durchaus gefunden", erinnert er mich undurchsichtig an den fatalen Vorfall und ich senke sofort peinlich berührt den Blick, „Sie ist zwar nicht die korrekte Antwort, aber würde ohne jeden Zweifel Sinn ergeben. Mir gefällt sogar die Denkweise dahinter gewissermaßen. Es hat gezeigt, dass du ernsthaft überlegt und nicht bloß deine Zeit damit verbracht hast, darüber nachzudenken, womit du Eindruck schinden könntest oder was ich wohl von dir hören will."

„Du hast ne seltsame Art, zu zeigen, dass dir was gefällt!" Ich blicke trotzig auf. „Hat ziemlich wehgetan, deine Anerkennung!" Ich reibe meine Wange, um die Worte zu bekräftigen, auch wenn dort längst nichts mehr schmerzt.

Er hebt die Hand, wie um mich zu stoppen. „Reno - du denkst nicht wirklich, ich hätte dich geschlagen, weil du mir unterstellt hast, ich wäre in dich verliebt, oder?" Sein Kopf neigt sich unmerklich zur Seite in einem Ausdruck von Ungläubigkeit, die er nicht zu verbergen versucht.

„Naja... doch..? Weswegen sonst?!" Ich zieh die Augenbrauen zusammen und schüttel flüchtig den Kopf, betend, dass hier nicht gerade ein neues Spiel beginnt. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es bis jetzt das erste Mal, dass wir uns ganz normal unterhalten. Ausserhalb jeder Extremsituation und ohne jeden Alkoholeinfluss. Selbst seinem Blick kann ich in diesem Moment standhalten. Eigentlich bin ich sogar völlig entspannt, trotz seiner Gegenwart und er macht bisher den gleichen Eindruck. Wäre fast schade, wenn er's wieder mit irgendner Psychonummer kaputt machen würde.

„Weil du versucht hast, es als Waffe gegen mich zu verwenden! Tätest du Recht haben mit deiner Vermutung, hättest du mir damit einen gnadenlosen Schlag unter die Gürtellinie verpasst und das war dir absolut bewusst. Nicht nur das, es war deine Absicht, mich und meine eventuellen Gefühle für dich vorzuführen. Dafür habe ich dich geschlagen. Nicht für deine Erwägung." Seine Miene ist offen und scheint durch und durch ehrlich in der aufkommenden Dämmerung neben uns. Es ist wohl lediglich seine formale Art sich auszudrücken, die immer irgendwelche Hintergedanken suggeriert. Er stellt das linke Bein auf und legt den Ellenbogen auf sein Knie, bevor er fortfährt: „Im Gegenteil. Ich begrüße es, dass du mir gegenüber endlich beginnst, frei zu sprechen. Ausgerechnet du hast dich damit von allen Turks immer am Schwersten getan."

Ich weiss nicht, ob er damit Recht hat. Von Elena kann ich mit Sicherheit sagen, dass sie höllischen Schiss vor ihm hat, sie funktioniert in seiner Gegenwart nur besser als ich. Tseng zählt nicht, denn der hat sowieso eine Ausnahmestellung. Und Rude... Rude ist immer Rude. Auch vor Shinra. Ich bin wohl lediglich derjenige, der seine Nervosität am schlechtesten verbergen kann.

„Mich beim Vornamen zu nennen, ist dennoch ein Privileg. Ich weiss, wie schwer du deine Zunge hüten kannst, aber ich erwarte trotzdem, dass du mich in Gegenwart anderer genau wie Tseng in der formellen Variante ansprichst." Bei diesen Worten kehrt ein Anflug seiner sonstigen schneidenden Schärfe in seine Stimme zurück. Und ich frag mich noch immer, womit ich all diese Privilegien nach so langer Zeit verdient hab. Oder ist es genau das? Darf ihn jeder nach dreizehn Jahren Rufus nennen?

„Klar. Kein Problem." Ich zucke mit den Schultern. Mehr als es zumindest versuchen, kann ich sowieso nicht. Wenn meine Klappe mal wieder schneller ist als ich, werd ich's eh nicht ändern können, denn dann könnt ich sie ja auch in erster Linie hüten.

„Ich weiss, was dir durch den Kopf geht und ich will dir endlich eine Antwort geben." Er reckt sich zur Seite und fischt mit einer Hand etwas vom Schreibtisch, dem ich bislang keine Beachtung geschenkt habe. Ein Ordner, wie ich jetzt sehe. Und darin soll die mysteriöse Antwort liegen? Ich beobachte gebannt, wie er das Ding neben sich platziert und werde langsam doch wieder etwas nervös. Zurecht, denn als er die Klappe zur Seite schlägt, erblicke ich als erstes ein uraltes Foto von mir. Heh, wenigstens seh ich noch immer genauso jung aus.

„Deine Personalakte." Die ersten Strähnen starten auf ein Neues ihren ewigen Kampf gegen seine Zähmungsversuche und fallen ihm ins Gesicht, als er den Kopf senkt, um das Bild zu studieren. Ein kurzes, verschmitztes Lächeln huscht über seine Lippen. „Aber ich gehe davon aus, dass du dich bereits vor Jahren das erste Mal in unser System gehackt hast, um sie zu lesen, und der Inhalt dir vertraut ist."

Ich reibe nervös meinen Nacken. „Nah, würd ich doch nicht machen sowas... Kann höchstens sein, dass ich mal über die Hardcopy gestolpert bin aus Versehen. So beim Staubwischen, ohne was Böses im Sinn." Ich erwidere seinen Blick mit einem dümmlichen Grinsen. Oh Shiva, lass das jetzt nicht alles wieder ausarten.

„Wie das Leben eben manchmal so spielt", kommentiert er mein indirektes Geständnis bloß, um mit seiner Erklärung, die bis jetzt noch nichts erklärt, fortzufahren, „Nun, dann wirst du auch dein psychologisches Profil kennen, das vor deiner Aufnahme hier erstellt wurde?"

„Hab ich nie gelesen!", antworte ich wahrheitsgemäß. „Hat mich nicht interessiert, was irgendein dahergelaufener Seelenklempner nach ner Stunde Gelabere über mich zu wissen glaubt!"

Mittlerweile ist es draussen endgültig dunkel geworden und die Fensterscheibe zeigt nur noch die eigene Reflexion. Die künstliche, weisse Deckenbeleuchtung des Büros lässt seine Haut Welten kränker und bleicher aussehen als das warme, rotgoldene Licht der Abendsonne zuvor. Sein Haar hat wieder die übliche, hellblonde Tönung angenommen, inzwischen fast mehr ein aschblond ohne jeden Gelbstich.

„So? Ich hatte angenommen, du wärst neugierig."

„Warum sollte mich interessieren, was jemand von mir denkt, der mich umgekehrt nicht interessiert?! Heh, selbst wenn die Meinung von dem Kerl mich jucken würde, nach einer Stunde kennt man einen Menschen nicht! Könnt ich auch mein verdammtes Horoskop lesen!" Ich kratze in Ermangelung einer Tischkante mit den Fingerspitzen in dem makellosen, sauberen Teppich herum. Er rutscht plötzlich herum, um direkt neben mir zu sitzen und zieht die dicke Akte so heran, dass wir beide hineinschauen können. Sein Oberarm berührt meinen. Ich verkrampfe mich unwillkürlich, doch er schenkt mir keine weitere Aufmerksamkeit.

„Ich weiss, dass du dich wunderst, warum ich dir nach dreizehn Jahren diese Aufmerksamkeit widme, aber das ist der falsche Ansatz. Du übersiehst, dass ich den größten Teil dieser Zeit genauso wenig mit dir zu tun hatte wie du mit mir. Ich darf dich daran erinnern, dass ich erst zwölf war, als du bei ShinRa angefangen hast."

Rufus mit zwölf. Ich erinnere mich durchaus. Ein schmächtiger, bleicher Junge mit einem irgendwie maushaften, feinen Gesicht. Zu allem Überfluss hatte sein Haar damals noch einen unübersehbaren Rotstich. Eins von den Kindern, das man auf dem Spielplatz früher verprügelt hat, einfach weil es zu der Sorte gehört, bei der es schlicht Spaß macht, draufzuschlagen, weil sie einen allein durch ihre entsetzliche Schwächlichkeit zur Weissglut treiben.

Eine Sekunde später schäme ich mich für den Gedanken, denn genau aus diesem Grund hat Shinra Senior ihn wohl so gehasst und verachtet. Ob das der Grund für die Makobehandlungen war? Sollten sie einen würdigeren Nachfolger aus Rufus formen?

Er ist nie wesentlich maskuliner geworden im Laufe der Jahre, nur ein bisschen kräftiger und attraktiver. Heh. Den alten Shinra muss das erst Recht wahnsinnig gemacht haben. Ein intelligenter und auch noch schöner Sohn. Nein, die beiden hätten wirklich nicht verschiedener sein können.

„Ich habe dir lange Zeit Unrecht getan, Reno. Meine Einschätzung von dir hat nicht der Realität entsprochen." Seine Augen haften weiterhin auf dem leicht mitgenommenen Foto. Siebzehn war ich da erst, aber eigentlich hat sich nichts verändert. Ich hatte mir noch nicht die Haare im Nacken lang wachsen lassen, doch die schiefe Pose und das selbstbewusste, noch schiefere Grinsen sind gleich geblieben. Vielleicht hab ich damals noch mehr Unsinn gemacht als heute. Wie Rookies so sind. Das Bild ist jedenfalls nicht halb so interessant, wie das, was er gerade zugibt und ich schweige, weil ich mehr davon hören will.

„In meinen Augen warst du immer ein Draufgänger, nicht mit viel Intelligenz, aber umso mehr Talent gesegnet. Triebhaft, sprunghaft, primitiv. Deine permanenten Erfolge während deiner Missionen, habe ich einem gewissen Können, aber in erster Linie dem maßlosen Glück der Dummen zugeordnet. Ich gestehe, ich konnte nicht nachvollziehen, weswegen jeder in deinem direkten Umfeld dir so wohlgesonnen schien. Intelligente Menschen wie Tseng, die ich durchaus respektiert habe." Er wirft mir einen kurzen Seitenblick zu, wohl um festzustellen, ob ich wütend bin. Bin ich nicht. Hör sowas nicht zum ersten Mal und immerhin hat er angedeutet, dass er seine Meinung über mich geändert hat. Jetzt bin ich bloß Gossendreck. Also schweige ich einfach weiter, damit er schneller zu dieser entschädigenden Stelle kommt. Ich hoff nur, er wird dem Part genauso viele Worte widmen!

„Wenn man sich erst einmal ein Bild von einer Person gemacht hat, ist es schwer davon abzurücken. Auch ich bin vor solchen Fehlern nicht gefeit. Es bedarf einer Menge an Charakterstärke, seine Meinung zu revidieren." Merkt er überhaupt selber, dass er es gerade schafft, ein Kompliment an mich in eines an sich selbst zu wandeln? Shiva, der Kerl ist der Hammer. Ich verkneife mir das Grinsen, während ich seine Handflächen diskret nach Schwielen vom Wichsen absuche. Ich selbst mach es mir etwa viermal die Woche und habe immerhin schon den Stempel der Selbstverliebtheit nach seinen Maßstäben an mir haften, also müsste er mich darin um Längen - im übertragenen Sinne - übertreffen. Aber alles, was ich sehe, sind seine schlanken Finger und die perfekt manikürten, gepflegten Nägel. Er hat beinah Frauenhände.

„In Healin hatte ich genug Zeit dazu, Reno." Healin. Wieder einmal Healin. In Healin hat er schon getrunken, wie ich Dank Elena weiss. Tseng behandelt mich seit Healin anders. Anscheinend bin ich der einzige, der nicht bemerkt hat, dass dort in den Bergen etwas passiert sein muss. Kombinieren wir doch mal. Fakt A: Rufus ist mir also seit Healin wohlgesonnen und hat davon abgesehen, irgendwelche Probleme – seit wann, ist nicht sicher – die ihn um den Schlaf bringen, Fakt B. Fakt C: Tseng ist mir nicht mehr wohlgesonnen. Ist es möglich, dass C die Folge von A ist? Ist Tseng tatsächlich eifersüchtig oder in seiner Ehre gekränkt?

„Das erste Mal bin ich aufmerksam geworden, als ich beobachten konnte, wie du Rude beim Schach hast gewinnen lassen und das wiederholt." Er dreht sein Gesicht zu mir und zieht fragend eine Augenbraue hoch. Mir fällt auf, dass mir seine unmittelbare Nähe nicht mehr unangenehm ist. Hab mich mit jeder Sekunde etwas mehr dran gewöhnt und wieder entspannen können. Wie, wenn man in ein zu heisses Bad gestiegen ist. Verdammt komischer Vergleich, aber irgendwie trifft er's genau. „Ich gebe zu, ich war anfangs zu überrascht darüber, dass du das Spiel überhaupt beherrschst, um diese Tatsache zu bemerken", fügt er hinzu und blättert zügig suchend die Seiten durch.

Ich erinnere mich. Es gab so unendlich viel Zeit totzuschlagen. Rude und ich haben oft draussen auf der Terrasse gespielt und Shinra hat mehr als einmal in unserer Nähe gesessen mit seinem Laptop oder gelesen. Dass er uns beobachtet hat, ist mir allerdings entgangen. Klar, er hat hin und wieder mal rübergeschaut, aber um zu erkennen, dass ich absichtlich verloren habe, muss er jeden verdammten Zug heimlich verfolgt und meine Spieltechnik exakt durchschaut haben. Stalker, ich sag's ja!

„Hey, ich wollte seine Gefühle nicht verletzen!", verteidige ich mich und starre wieder fummelnd auf den Teppich. Ich kann nicht sagen warum, aber es ist mir mehr als nur peinlich, dass er mich durchschaut hat. „Hab ihn schon beim Pokern abgezogen bis auf die Unterhose!"

Er scheint inzwischen gefunden zu haben, wonach er gesucht hat und tippt auf eine Seite, die ich als meinen Aufnahmebericht identifiziere. Seine rechte Hand fährt flüchtig durchs Haar im vergeblichen Versuch einer Bändigung, wobei sein Arm meinen streift. Es stört mich nicht mehr. Neben mir sitzt gerade nur ein weiterer Mensch wie jeder andere, keine Eisskulptur mit mechanischem Getriebe. Okay, vielleicht nicht ganz wie jeder andere.

„Hier haben wir es. Ich habe mir nach meiner Entdeckung deine Personalakte einmal genauer vorgenommen, weil der Widerspruch meiner Einschätzung deines Intellektes und deiner an den Tag gelegten logischen Fähigkeiten meine Neugier geweckt hat. Offenbar habe ich ihr niemals zuvor die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet, was eigentlich als Präsident ein unverzeihlicher Fehler ist. Zumindest dieser Abschnitt hier muss mir entgangen sein", erklärt er und beginnt zu lesen, was meine Augen selbst entziffern können: „ID 24766 verfügt nach Standardtest 1.2 des Aufnahmeverfahrens für Personal der Abteilung 24 ("Turks") über einen Intelligenzquotienten von 143. Seine sprachlichen, mathematischen und technischen Fähigkeiten sind überdurchschnittlich ausgeprägt, genau wie seine Auffassungsgabe für komplexe Problemstellungen sowohl theoretischer als auch praktischer Natur, dabei sind besonders seine Kenntnisse im Bereich der Mechanik hervorzuheben. Trotz seiner Herkunft und der Tatsache, dass er nie schulische Bildung erfahren hat, erarbeitete er eigenständig und effizient Lösungen für sämtliche Aufgaben, die ihm in den Testreihen gestellt wurden und zeigte dabei ein außerordentliches Maß an Kreativität in der Umsetzung abstrakter Konzepte. Auf Nachfrage hin gab er an, sich seine mathematischen Fähigkeiten sowie das Lesen und Schreiben autodidaktisch ab dem Alter von 14 Jahren beigebracht zu haben; diese Aussage konnte weder verifiziert noch falsifiziert werden."

„Hätt' wohl meine alten Tagebücher nicht wegschmeissen sollen", murmel ich und rupfe wieder am Teppich herum. Nach dem ersten Satz hab ich aufgehört mitzulesen und meine Aufmerksamkeit so gut es geht abdriften lassen. „Waren mir irgendwann peinlich geworden."

Er lehnt sich etwas zurück und stemmt seine Hände dabei hinter sich auf dem Boden ab. Sein rechter Arm ist direkt in meinem Rücken und ich kauere mich weiter nach vorn zusammen. Irgendein Arsch hat heisses Wasser in die Wanne nachgelassen.

Er legt den Kopf kurz in den Nacken und atmet tief durch, bevor er antwortet: „Deine Reaktion ist äußerst interessant in Anbetracht dessen, was bei den Aufnahmetests über deine Persönlichkeit geschrieben wurde, noch bevor dein psychologisches Profil erstellt worden ist. Oder hat dich dieser Teil auch nicht interessiert?"

„Weiss nicht mehr. Ist schon ne Weile her, seit ich das letzte Mal Staub gewischt hab." Ich zuck mit der Schulter und erinnere mich selbst dabei an ein Kind, das etwas angestellt hat. Aber der Grund liegt nicht darin, dass ich den Inhalt meiner Akte kenne, sondern am verdammten Inhalt selbst. Das Ganze nervt allmählich. Ich wünschte, er würde aufhören in meinem Profil rumzustochern und endlich zum Punkt kommen. Verdammt, es hat mit einer Frage angefangen. Wie schwer kann es sein, in einem Satz ne simple Antwort zu geben?! Aber Halt, der Redner ist Rufus. Und er hat längst sein dämliches Nudelholz rausgeholt.

„Dann werde ich deine Erinnerung auffrischen: ‚Auch wenn er im direkten Kontakt auffällig bemüht war, seine überdurchschnittliche Intelligenz zu verbergen, versuchte er dies niemals in den Testreihen.'", liest er weiter vor und mein Magen zieht sich zu einem steinharten, handlichen Bällchen zusammen.

„Du wirst gern unterschätzt, nicht wahr? Darum regt es dich auch nur halb so sehr auf, wie du vorgibst, wenn du einmal mehr als Gossenkind bezeichnet wirst." Ich will protestieren, doch er legt plötzlich seine Hand an meinen Rücken. Cleverer Schachzug, um mich aus dem Konzept zu bringen und zurückzuhalten. „Als ich das begriffen habe, habe ich begonnen, dein vermeintlich asoziales Verhalten und das, was Tseng so gern als deine Slum-Manieren bezeichnet, genauer zu studieren."

„Rufus..." Ich sehne mich plötzlich in die Zeit zurück, die keine Woche her ist, in der ich ihn ‚Sir' genannt habe und eine Eismauer zwischen uns stand. Ihm die Sicht auf mich genommen hat - aber das hat sie nicht wirklich, oder? Ganz und gar nicht, wie unsere Begegnung hier zeigt. Vielmehr war es einer von diesen verdammten Einwegspiegeln, wie die in den Verhörräumen unten im 53. Stock. Und ich komme mir vor wie ein verfluchtes Insekt unter dem Mikroskop.

„Hör mir nun besser gut zu, weil ich zum Wesentlichen kommen möchte." Da er sich jetzt sicher sein kann, meine volle, stille Aufmerksamkeit zu haben, zieht er seine Hand wieder von mir weg. „Ich habe mit großer Faszination festgestellt, dass du nicht einfach willkürlich Regeln missachtest, Reno." Er klappt den Ordner zu und schmeisst ihn mit gestrecktem Arm auf den Schreibtisch zurück. „Wann immer eine Gruppe von Menschen zusammenleben oder -arbeiten muss, ist es leider notwendig, Regeln aufzustellen. Diese Regeln berufen sich auf den kleinsten, gemeinsamen Nenner des gesunden Menschenverstandes, über den alle Individuen verfügen. Um je mehr Menschen es sich handelt, desto allgemeiner werden die Regeln. ShinRa beschäftigt Hunderte von Arbeitnehmern allein hier im Hauptgebäude. Die Vorschriften müssen so gestaltet sein, dass selbst die Personen, die kaum gesunden Menschenverstand ihr eigen nennen, sie verstehen. Vieles, was jemandem wie dir selbstverständlich scheint, würde von ihnen nicht begriffen werden. Du brichst die Regeln, die dich in deiner Vernunft beleidigen, Reno. Du weisst, dass sie in Wahrheit nicht für dich aufgestellt wurden und es keinen Sinn macht, dass du dich ebenfalls dran halten sollst, abgesehen von starren Prinzipien." Er steht auf und deutet mir mit der Hand, mich ebenfalls zu erheben.

„Nehmen wir ein kleines Beispiel, das gut geeignet ist, zu verdeutlichen, was ich meine." Er setzt sich an seinen Platz hinter dem Schreibtisch, aber hält mich zurück, als ich um ihn herumgehen und mich an der anderen Seite setzen will. Also bleibe ich neben seinem Stuhl stehen, etwas ratlos, wozu. „Es ist untersagt, in seinem Büro Essen oder Getränke zu sich zu nehmen. Nicht wegen dir, auch wenn du kein Freund von Ordnung bist, sondern wegen dem geringen Prozentsatz an Mitarbeitern, die es ansonsten tatsächlich schaffen würden, auf täglicher Basis eine Tastatur zu ruinieren. Es macht in deinen Augen keinen Sinn, dass du, ausserhalb ihrer Sichtweite ebenfalls in deinem Büro keinen Kaffee trinken darfst und darum tust du es." Er dreht sich in seinem Chefsessel zur Seite und schaut zu mir auf. Es ist ungewohnt, auf ihn herab blicken zu müssen. Zumindest seit wir nicht mehr in Healin sind.

„Was soll ich jetzt sagen? Du hast Recht mit allem. Seh trotzdem nicht den Zusammenhang, warum das erklärt, wieso du mich nicht bestrafen willst."

„Reno, wenn ich morgen die Regel erlassen würde, alle Mitarbeiter müssten mit bunten Hüten zum Dienst erscheinen, würden sie es nicht hinterfragen, sondern blind tun. Es sind Schafe. Die wenigen, die keine Schafe sind, sind von mir zu eingeschüchtert und zu feige, sich zu widersetzen. Der einzige, der ohne Hut erscheinen würde, wärest du. Und somit der einzige, den ich respektieren und ernst nehmen könnte. Also, antworte du mir umgekehrt: Warum sollte ich meinen einzigen Angestellten, der ein gesundes Maß an Vernunft an den Tag legt und die Courage zeigt, diese walten zu lassen, bestrafen, geschweige denn töten?" Seine Stimme hat mittlerweile einen schnarrenden, müden Unterton. Ganz sicher nicht vom vielen reden, ich führe ihn mehr auf die Erschöpfung zurück.

„Hab wohl gedacht... Naja... Dass du ein ziemlicher Prinzipienreiter bist." Ich starre hinunter auf meine schmutzigen Schuhspitzen und frag mich plötzlich, ob ich seinen Teppich ruiniert hab. Ich war mit den Dingern immerhin in der Kanalisation unterwegs. Der gröbste Schlamm ist zwar eingetrocknet und im Laufe des Tages abgebröckelt, aber auf dem strahlenden Weiss wird man jeden kleinen Fleck sehen. „Und ausserdem komm ich ja auch oft zu spät... und solche Geschichten."

„Du kommst an den Tagen zu spät, an denen es morgens ohnehin nichts zu tun gibt für dich." Er seufzt und legt den Kopf zur Seite. „Natürlich lassen sich nicht sämtliche deiner Fehltritte auf diese Weise entschuldigen, aber der größte Teil. Das Ausmaß deiner tatsächlichen, ernsthaften Verstöße verblasst, wenn man ihnen deine überdurchschnittliche Arbeitsleistung gegenüberstellt. Am Ende bleibt noch immer eine beachtlicher Gewinn für ShinRa durch dich."

Ich schweige.

Ausgerechnet er, von dem ich es von allen am wenigsten erwartet hätte, versteht meine Denkweise und die Gründe, warum ich so handel, wie ich es tue, besser als jeder andere. Selbst mir waren gewisse Dinge nicht bis zu diesem Moment völlig klar. Zumindest nicht bewusst genug, sie in Worten formulieren zu können. Und nun hab ich gerade in Shinra einen Verbündeten gefunden? Jemanden, der meine Ansichten und Maßstäbe teilt? Hätte ich nicht die gesamten letzten Tage mit ihm eine Überraschung nach der anderen erlebt, müsste man mich wohl jetzt reanimieren. So ist es bloß ein weiterer Schock in einer endlosen Reihe. Wenn auch kein unangenehmer. Eher...

Ich hab nicht gewusst, dass wir uns darin so ähnlich sind.

Bist wohl nicht der einzige, der seine Meinung revidieren muss, Rufus.

„Sag mir, verstehst du jetzt, warum es mich gestört haben könnte, dass gerade du mir gegenüber vom vernünftigen Menschen immer zum Schaf geworden bist, im direkten Gespräch mit deinem ‚Ja, Sir', ‚Nein, Sir' Gestammel? Ich habe das als sehr respektlos empfunden, ungeachtet der Tatsache, wie ironisch dir das erscheinen muss. Vielleicht bin ich deswegen dazu übergegangen, dich in letzter Zeit so sehr zu provozieren."

Ich nicke langsam. Trotzdem - hätte er das Ganze nicht irgendwie... einfacher machen können? Vielleicht kann er tatsächlich nicht. Vielleicht sucht er tatsächlich auf seine verschrobene Art und Weise meine Freundschaft. Woher soll er auch gelernt haben, wie man so etwas angeht? Er hat gelernt, wie man Geschäftsgespräche führt und einen Hummer ohne Sauerei zerteilt, aber was Zwischenmenschliches angeht, war er immer nur der Beobachter.

Er steht auf, legt seinen Arm um meine Schultern und führt mich mit sich. „Es war ein langer Tag, selbst für jemanden, der nicht unter Schlafmangel leidet."

„Ja", sag ich leise, noch immer in Gedanken versunken. „Also ist das der Grund, warum ich noch lebe? Dass ich dein bester Chocobo im Stall bin?"

„Natürlich." Er begleitet mich zur Tür, aber kann nicht vorhaben, selbst Feierabend zu machen. Zumindest hat er sein Jackett und den Mantel über dem Stuhl zurückgelassen. Seine Stimme trägt plötzlich den altvertrauten Spott: „Oder hast du etwa gedacht, mein Interesse an dir wäre persönlicher Natur und wir würden uns zukünftig an den Wochenenden treffen und Sportsendungen schauen?"

Der Stich, den er mir versetzt, ist nicht der erste, aber verdammt nochmal der tiefste bislang! Und Shiva, ich hab keine Lust mehr auf sein Spiel. Ich bleibe ruckartig stehen und winde mich aus seinem Arm heraus.

„Weisst du was?! Vielleicht hab ich das gedacht! Ja, Mann, ich hab's sogar tatsächlich gedacht! Oh, was bin ich ein dummer, kleiner Junge, nicht?! Komm schon, leg noch eins drauf! Erzähl mir, wie naiv ich sein muss und hol dir nachher einen drauf runter!"

Ich schnaube verächtlich und schüttel bloß den Kopf, als sein - nein, mein! - schiefes Lächeln auf seinen Lippen erscheint.

„Ich wollte dir bloß demonstrieren, wie es sich anfühlt, auf eine Funktion reduziert zu werden. Als ich in der Kanalisation versucht habe, es dir vor Augen zu führen war das Ergebnis nicht so zufriedenstellend. Nicht so wie jetzt. Es tut weh, nicht?" Der zweite Mundwinkel gesellt sich zu dem Lächeln. Seine Augen verraten, dass er nichts Amüsantes an dem Gesagten findet, sondern damit bloß überspielen will, dass ich ihn offenbar tatsächlich getroffen haben muss.

Ich schiebe die Hände in die Hosentaschen und verlagere mein Gewicht von einem Bein aufs andere. „Heh, hab dir doch gesagt, ich hab mehr getan als nur meinen Job! Ich..." Wie sagt man sowas? Normale Freundschaften wachsen einfach ohne die Notwendigkeit, solche Dinge auszusprechen. Aber hier dran ist nichts normal. „Naja, ich find dich wirklich... okay. Also, was ich bisher von dir so kennenlernen konnte. Bist eigentlich ganz in Ordnung. Klar, ich mach die meiste Zeit wirklich einfach meine Arbeit, aber... ich mach sie für dich anders als für deinen Vater."

Das ist selbst für meine Verhältnisse völliger verbaler Müll. Scheisse, zwei erwachsene Männer sollten sich nicht gegenüberstehen und so einen Dialog führen. Freundschaften zu schließen ist für mich im Gegensatz zu ihm kein Neuland, aber auf diese Weise darüber zu sprechen ist durch und durch... schwul.

„Dann sehen wir uns nächstes Wochenende?", fragt er unschuldig und setzt dem Ganzen die Krone auf.

„Ehm..." Ich blicke wild in der Gegend umher. Elena verbringt öfter mal Wochenenden bei mir. Selbst mit Rude würde ich jederzeit meine Freizeit verbringen. Der redet zwar nicht, aber Männer müssen sowas auch nicht immer! Aber verdammte Scheisse, wenn er es formuliert, klingt es wie ein verfluchtes Date und nicht wie ein Treffen, um ein Bier zu trinken und abzuhängen! Nicht, dass ich mir vorstellen könnte, dass er sowas tut. Gaia, was soll ich allein mit dem Kerl in meiner Wohnung in aller Welt denn machen?!? „Klar. Kein Problem", grins ich nervös.

Auf unbewusster Ebene geh ich offensichtlich davon aus, mir was Gescheites einfallen zu lassen. Cool. Soll meine unbewusste Ebene dann am Wochenende mit mir tauschen und Rufus bitte allein daten... treffen, verdammt nochmal, treffen!  

„Dann wäre das abgemacht." Er lehnt sich lässig gegen den Türrahmen. „Gute Nacht, Reno." Sein Schmunzeln kenne ich inzwischen. Es ist das, was sich nicht mit Eiswürfeln verträgt. Der zur Seite geneigte Kopf, verwandelt es zusätzlich in etwas Laszives.  

„Ja... Nacht." Ich flieh aus den noch immer offen stehenden Türen hinaus in Richtung des rettenden Fahrstuhls. Nur weg von hier, von ihm, weg von dem Gute Nacht-Kuss, den er wohl als nächstes eingefordert hätte.

Natürlich als Teil seines ewigen Spiels.

Ich selbst spiel dauernd mit Rude auf diese Weise. Bagger ihn spaßeshalber an. Ich würd's sogar vertragen, wenn er nicht nur einstecken, sondern auch austeilen würde. Nur... das hier ist es etwas völlig anderes. Und ich weiss nicht, was es ist, das ist der Punkt. Ich bin bei Gaia nicht homophob. Ich wurde selbst mehr als einmal von schwulen Kerlen angemacht, selbst mit denen kann ich flirten und ne gute Zeit dabei haben, wenn die Grenzen abgesteckt sind, ohne an meiner Männlichkeit zu zweifeln oder mir nen Zacken aus der Krone zu brechen.

Also, was ist es an Shinra, das mich ernsthaft nervös werden lässt?

 

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„Das Wasser kocht", weise ich sie müde auf den blubbernden Wasserkocher hin. Nicht, dass sie ihn nicht genauso hören kann wie ich, aber das Teil springt von allein nicht aus und blubbert bis zum Wohnungsbrand lustig weiter, wenn man es lässt.

Sie schält sich schwerfällig aus meiner Umarmung und steht auf. Ich bleibe dankbar auf der Couch liegen und verfolge unter halb geschlossenen Lidern das Treiben auf dem Fernsehbildschirm, ohne ihm wirklich meine Aufmerksamkeit zu widmen. Bin zu erschöpft.

Ein flüchtiger Blick auf die alte Stereoanlage in der Ecke verrät, dass es erst 2340 ist. Shiva.

Elena ist erst vor ungefähr vierzig Minuten aufgetaucht. Tseng ist tatsächlich kurz aufgewacht und die Ärzte haben gaiaseidank grünes Licht gegeben für einen Transport. Immerhin scheint es sie genug beruhigt zu haben, dass sie jetzt ein wenig bei mir abschalten kann. Zumindest macht sie einen etwas besseren Eindruck als noch im Krankenhaus. Abgesehen davon, dass sie genauso übermüdet ist wie ich. Verdammt, heute ist einfach zu viel auf einmal passiert. Überhaupt die letzten Tage. Der einzige Grund, warum wir noch vor dem Fernseher hängen ist der, dass wir beide noch etwas Zerstreuung und Ablenkung brauchen, um runterzufahren.

Sie kommt lautstark in der Tasse rührend wieder um den Tresen, der die Küche vom Wohnbereich trennt, herum. Irgendein spektakulärer Pulverkaffee, den man nur aufgießen muss. Mandel-Sahne-Zimt-Nussbaum-Blumenerde oder sowas in der Art, inklusive Schaum, und das alles in einem einzigen, homogenen Substrat harmonisch vereint. Sie hat die Packung schon vor Monaten bei mir gebunkert und dann einfach hiergelassen. Für mich angeblich. Also übersetzt, für sich selber, wann immer sie hier schläft. Keine Ahnung, ob das Zeug überhaupt noch gut ist. Ich hab's einmal probiert. Schmeckt nach warm und süß. Sonst nichts.

Sie schlufft vorsichtig in ihren dicken, plüschigen Haussocken - ja, sie besitzt sowas - wieder zu mir heran in dem knielangen, rosa Nachthemd mit den Schäfchen vorne auf der Brust drauf, die über einen Zaun hüpfen. Sie hat offensichtlich wieder die Tasse zu voll gemacht und beim Wasserkochen nicht miteinkalkuliert, dass sie noch immer Milch hinzugibt und muss in Zeitlupe laufen, um nichts zu verschütten. Warum sie so viel Wasser nimmt? Weil sie sich schon bei der Pulvermenge immer verschätzt.

Gaia, manchmal hab ich das Gefühl, wir wären verheiratet. Und das nicht erst seit einer Woche.

Sie platziert die Tasse behutsam auf dem schwarzen Tisch vor der ehemals blauen, abgewetzten Couch, damit die Brühe abkühlen kann und legt sich wieder in Löffelchenposition vor mich. Ich stütze den Kopf auf der unteren Hand ab, um über ihre Schulter hinweg den Fernseher noch sehen zu können und schlinge den anderen Arm wieder um ihre Taille. Ich schiebe allerdings nicht mein Bein von hinten zwischen ihre. Für sowas sind wir definitiv zu lang verheiratet.

„Bist du nur müde oder nachdenklich?, fragt sie nach einer Weile. „Du bist so auffällig still heute Abend."

„Beides", antworte ich knapp wie leise, zu kaputt, mich auf ein ernstes Gespräch einzulassen.

„Worüber denkst du nach?" Sie fischt nach der Decke am anderen Couchende, die ich mal wieder waschen müsste, und zieht sie über uns. Mir ist nicht kalt, aber wenn ihr kalt ist, geht sie ganz selbstverständlich davon aus, dass die Raumtemperatur objektiv zu niedrig ist, anstatt in Erwägung zu ziehen, dass sie eine ganz subjektive, permanente Frostbeule ist.

Rufus, denke ich und sage: „Alles Mögliche."

Sie tut so, als würde sie nicht bemerken, dass ich nicht drüber reden will, genau wie ich umgekehrt so tue, als würde ich nicht begreifen, dass die Deckenaktion eine indirekte Aufforderung an mich war, aufzustehen und die Heizung höher zu drehen. „Zum Beispiel?", bohrt sie, sich unschuldig gebend.

Ob wenigstens er inzwischen schläft.

Ich seufze, und weil ich weiss, dass sie keine Ruhe geben wird, lasse ich sie an etwas teilhaben, zu dem ich tatsächlich ihre Meinung hören möchte. „Elena... Denkst du, ich bin selbstverliebt? Ernsthaft, meine ich."

Sie dreht sich augenblicklich zu mir herum und starrt mich mit großen Augen an, auf der Stelle etwas wacher als Sekunden zuvor. „Was ist denn mit dir los?!" Sie lacht und ich bereue es zutiefst, nicht mein Maul gehalten zu haben. Und dieses Mal kann ich nicht mal sagen, mein Mund hätte einfach von allein losgeschossen. „Wie kommst du ausgerechnet jetzt darauf?"

„Ist doch völlig egal. Also, denkst du, ich bin selbstverliebt? Oder egoistisch?" Meine Augen wandern unruhig über ihr Gesicht, bereit, jedes kleinste, verräterische Anzeichen für eine Lüge zu entlarven.

„Du meinst das wirklich ernst, oder? Shiva..." Ihr Grinsen geht in ein liebevolles Lächeln über. Sie legt ihre Hand an meine unverletzte Wange. „Reno, glaubst du, ich wäre mit dir befreundet, wenn du so wärst? Ich weiss nicht, wieso du dir auf einmal darüber Gedanken machst, aber ich halte dich für einen Menschen, der im Grunde das genaue Gegenteil von selbstverliebt oder egoistisch ist. Ich weiss, dass ich immer mit allem zu dir kommen kann und du bist der treueste Freund, den ich mir wünschen könnte und einfach nur... durch und durch lieb. Und wegen dem selbstverliebt..." Ihr leises Lachen ertönt erneut. „Wer dich als selbstverliebt bezeichnet, kennt dich wirklich schlecht oder ist sehr dumm. Jeder Mensch mit einem Funken Intelligenz, durchschaut dein Image Gehabe doch in den ersten Minuten." Sie fährt mit ihren Fingerspitzen die Tätowierungen unter meinen Augen entlang. „Ich halte dich eher für extrem sensibel und sogar etwas unsicher. Egal, welche Sprüche du dabei bringst, was du machst, ist es, was deinen wahren Charakter verrät."

Großartig. Was, wenn der Mensch, der es mir vorgeworfen hat nun alles andere als dumm ist? Und was, wenn ich durchaus denke, dass er mich zu kennen scheint? Gaia, es macht keinen Sinn!

Und ich kann es ihr nicht erklären, ohne ins Detail zu gehen.

Sie kann mir offensichtlich ansehen, dass mich ihre Antwort weder beruhigt noch zufrieden stellt. „Ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht die ganze Geschichte erzählst, Reno. Normalerweise würde es dir doch nichts ausmachen, wenn andere sowas von dir behaupten. Oder denkst du plötzlich selbst so über dich?"

„Nein", entgegne ich abwehrend. „Du wolltest mir noch erzählen, was in Healin passiert ist, als Shinra betrunken war."

„Was hat das denn jetzt damit zu tun? Ich erzähl's dir ein anderes Mal, in Ordnung? Ich bin wirklich zu müde und geschafft." Sie zieht die Hand von meinem Gesicht gibt mir einen Kuss auf die Nasenspitze.

„Siehst du, und ich bin zu müde, dir die ganze Sache zu erklären, die mich beschäftigt. Vertagen wir's. Ja?" Ich würde gern mit irgendwem drüber reden, aber es ist keine Lüge, dass ich kaum noch die Augen offenhalten kann. Vor allen Dingen brauche ich jedoch etwas Zeit, mir zu überlegen, wie ich alles so umbastel, dass ich es ihr tatsächlich auch erzählen kann. Shinra darf jedenfalls nicht drin vorkommen, so viel ist sicher.

„Okay." Sie seufzt und kuschelt sich in meine Umarmung. Ich schließe die Augen. Minuten gemeinsamen Schweigens vergehen, nur untermalt von der eintönigen Klangkulisse des Fernsehers im Hintergrund.

„Vergiss dein Pulverdings nicht. Ist bestimmt schon abgekühlt", nuschel ich in ihre Haare.

„Mhm. Trink ich... gleich." Ihr Atem wird regelmäßiger. „Gleich..."

 

~


„Rufus!!" Gaiaverdammt, er soll endlich stehenbleiben.

Ich weiss nicht, wie lange ich ihm schon durch die Tunnel hinterhetze und mich in Wahrheit in Zeitlupe bewege, damit das Feuerzeug in meiner Hand nicht ausgeht.

„Scheisse, warte auf mich!"

Was ich aber weiss, ist, dass ich träume. Ich weiss sogar, dass ich ihn nicht einholen werde. Aber dieses Wissen ändert nichts. Nimmt mir nicht den Drang - nein, Zwang - ihm folgen zu müssen. Ihn auf keinen Fall verlieren zu dürfen, weil sonst...

... Ich weiss nicht, was sonst passiert. Aber wenn er mich allein lässt oder wenn auch nur die Flamme in meiner Hand erlischt und mich in absoluter, dichter Schwärze zurücklässt, geschieht etwas so unsagbar Schreckliches, dass ich unermüdlich weiterhaste.

Wann immer er für einen kurzen Moment vor mir in meinem kleinen, zitternden Lichtkegel auftaucht, rufe ich nach ihm. Wieder und wieder. Aber er scheint mich nie zu hören. Oder er ignoriert mich. Oder er spielt mit mir. Jedenfalls begreift er nicht, wie ernst die Lage ist. Dass er nicht allein sein darf. Dass er mich nicht allein lassen darf!

Auch jetzt verschwindet er wieder aus meiner Sicht, indem er abrupt in einen Seitentunnel abbiegt.

Ich folge ihm um die Ecke und schnelle noch eiliger hinter ihm her, bis ich wieder vage seine Umrisse in der Dunkelheit ausmachen kann. Das Feuer flackert gefährlich.

„Rufus!", ich schreie verzweifelt seinen Namen und meine Kehle brennt wie meine Augen. Ich kann das nicht mehr lang. Shiva, er muss auf mich warten, bevor...

Und ich beginne, entgegen meiner Vernunft zu rennen.

Die Flamme erstirbt und mit der Dunkelheit kommt die absolute Kälte. Und das Wissen, dass er zusammen mit dem Feuer endgültig verschwunden ist. Mich allein hier zurückgelassen hat.

Ich stolpere, als ich in vollem Lauf in etwas Glitschiges, Weiches trete. Ich versuche, das Gleichgewicht zu halten, doch vergeblich. Als ich ungeschützt auf dem nassen Boden aufschlage, nehme ich den penetranten, süßlichen Gestank war.

Und die Angst, die in mir hochkriecht, ist so stark, dass ich fühle, wie mir jedes Haar zu Berge steht und in der eisigen Kälte ein warmer Strahl in meine Hose schießt. Ich fürchte mich zu sehr, um mich zu schämen.

Ich will es nicht... Gaia, ich will, will, will es nicht... Aber mein Daumen fährt von selbst über das abgekühlte Rädchen und die Flamme springt entgegen meiner Resthoffnung sofort an.

Jetzt will ich nicht mehr sehen, jetzt ist mir die Schwärze lieber.

Aber ich kann nur wie ein Zuschauer im eigenen Körper beobachten, wie selbiger sich trotz meiner inneren Schreie auf dem Boden herumdreht, um nachzuschauen, was da im Weg liegt.

Meine Zähne beginnen unkontrolliert zu klappern, als ich mit weit aufgerissenen Augen Rays aufgedunsene, halb verweste Leiche erblicke, die entgegen aller Logik die Lider hochschlägt und zu flüstern beginnt:

„Also sehen wir uns wieder."

 

~


„Reno!"

Ich reisse ruckartig die Augen auf und stöhne - Gaia, mein Körper gehorcht mir nicht!

„Reno, du träumst!"

Nein. Es sind Hände, die mich schütteln. Ich setze mich auf und blicke desorientiert umher.

„Es war nur ein Traum!" Die Hände schütteln nicht mehr, sondern streichen mir die verschwitzten Haare aus der Stirn. Elena?

„Elena?" Ich drehe mich zu ihr herum, am ganzen Leib zitternd.

„Schhhhhh... Es ist alles okay, du hast nur geträumt." Sie zieht mich in ihre Arme. Über ihre Schulter hinweg sehe ich mein eigenes Apartment. Wir sitzen auf der Couch. Der Fernseher läuft. Natürlich. Wir sind beide davor eingeschlafen. Ich weiss es wieder. Aber das macht es nicht besser. Macht das Gefühl nicht weg.

„Alles ist gut, es war bloß ein Alptraum", wiederholt sie immer wieder, während sie meinen Rücken durch das nasse Hemd streichelt.

„Scheisse..."

Ich lasse sie gewähren, bis die Realität um mich herum festere Konturen angenommen hat. Irgendwo hab ich einmal gehört, ein Traum verblasst deutlich nach den ersten acht Minuten nach dem Aufwachen. Acht Minuten. Bloß acht Minuten warten, versuche ich mich zu trösten. Dann muss es besser werden. Mein Blick sucht die Stereoanlage. 0055. Um 0103 wird es besser sein. Nur acht Minuten. Gerade mal eine...

„Elena... Ich brauch eine Kippe", flüstere ich bebend.

„Ich hol dir deine Zigaretten." Sie steht sofort auf, um zu dem Barhocker vor dem Küchentresen zu gehen, über den ich mein Jackett achtlos beim Hereinkommen geworfen habe wie jeden Tag.

Während sie mir den Rücken zugewandt hat, greife ich mir in den Schritt, um sicherzustellen, dass dieser Teil auch nur geträumt war. Aber etwas anderes als noch mehr Schweiss finde ich nicht. Shiva, das wär's noch gewesen...

Sie findet die Schachtel und das Feuerzeug und kommt damit zu mir zurück. „Hier..." Ich nehme beides entgegen und halte inne, als ich gerade das Rädchen betätigen will. Stattdessen drehe ich das kleine Plastikding zwischen meinen Fingern umher und starre darauf.

Also sehen wir uns wieder.

„Elena...?" Mein Blick findet ihren. Sie sitzt wieder neben mir auf der Couch und ihre Verwunderung über mein Verhalten steht ihr ins Gesicht geschrieben.

„Ja?"

„Denkst du... Meinst du, ich hab Ray... irgendwie Unrecht getan?", frage ich unsicher, die Antwort plötzlich fürchtend. Es kann nur der Traum sein. Es muss der Traum sein. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Nicht?

Sie zieht die Augenbrauen zusammen. „Hast du deswegen gefragt, ob du selbstverliebt und egoistisch bist?"

Nein. Oder vielleicht doch? Nein, nicht direkt. Aber es gehört dazu, nicht wahr?

„... Hab von ihr geträumt", geb ich zu und schmeiss das Feuerzeug achtlos mitten ins Zimmer. Ich sollte hier noch genug andere haben. Das Ding war sowieso fast leer.

„Naja, du weisst, dass ich persönlich mit diesen Wochenendgeschichten nichts anfangen kann im Gegensatz zu dir. Aber falls es dich tröstet, ich bin mir ziemlich sicher, dass Ray genauso getickt hat wie du in der Hinsicht. Sie war echt sauer und beleidigt, als du sie nicht mehr wiedersehen wolltest und hat sich bei mir mehr als einmal Luft gemacht. Und sie klang wirklich mehr in ihrem Stolz verletzt als alles andere... oder verliebt." Sie zieht die Beine an, umschlingt ein Knie mit den Armen und legt ihr Kinn darauf. „Ich wollte dir nicht wehtun... Frag mich nicht, warum, weil ich ja weiss, dass du auch nicht verliebt warst, aber jedenfalls... Ich kann's dir ja jetzt sagen, in den Wochen danach kamen und gingen noch etliche andere."

„Verstehe." Und es tröstet mich tatsächlich etwas. Meine Augen wandern zur Uhr. 0101. Noch zwei Minuten. Doch es wird bereits besser. Ray... Ich horche in mich hinein, aber ich finde wirklich keine Schuldgefühle ausser denen, die mir der Alptraum injiziert hat.

Aber was ich stattdessen fühle, ist ein unerklärliches wie starkes Bedürfnis, sicherzustellen, dass es Rufus gut geht.

„Reno... Du hast immer wieder nach Rufus gerufen."

Gedankenübertragung, was?

„Weil er nicht stehengeblieben ist." Ich hänge mich mit dem Oberkörper über den Rand des Sofas und taste darunter herum. Wenn ich irgendwo garantiert noch ein Feuerzeug habe, dann dort. Meine Hand ignoriert die Dreckwäsche, die verklebten, zusammengeknüllten Taschentücher mit eingetrockneter Wichse, zwei Kugelschreiber, die wohl leer waren, bis ich endlich etwas finde, das sich immerhin wie eine Streichholzschachtel anfühlt. Ich schüttel sie, bevor ich mir die Mühe mache, sie hochzuholen und ein paar Hölzer scheinen noch darin zu sein. Ich komme wieder hervor. „Wir waren wieder in den Tunneln da unten und er ist einfach abgehauen. Und ich wollte auf ihn aufpassen, aber konnte ihn nicht einholen." Ich mache eine kurze Pause. Ein Ratschen ertönt, gefolgt von intensivem Schwefelgeruch, als der Tabak unter meinem ersten Zug aufglüht. „Irgendwann hab ich ihn verloren und bin gestolpert. Über Rays Leiche." Ich schüttel das Streichholz aus und blase den Rauch Richtung Zimmerdecke, damit er nicht direkt in ihrem Gesicht landet.

„Es war ein Traum. Kannst du mit Sicherheit sagen, dass es überhaupt um deine Geschichte mit Ray ging? Vielleicht hat dein Kopf sie nur ausgesucht, weil heute... gestern... ihre Beerdigung war und in Wahrheit verarbeitest du das nur oder sie steht für etwas komplett anderes und ist nur ein Symbol."

Ich schaue einmal mehr auf die Uhr und hangel den übervollen Aschenbecher vom Tisch, um ihn auf der Decke über meinem Schoß zu platzieren. 0104. Und ja, es geht mir besser. Nur kann ich jetzt nicht mehr sagen, ob es die acht Minuten waren oder die Tatsache, dass ich ihr eben den Inhalt grob erzählt und mir somit Luft gemacht habe.

„Kann sein." Mein Drang zu reden ist merklich kleiner geworden. Ich wünschte, ich wäre allein und deswegen habe ich durchaus ein verdammt schlechtes Gewissen. Es ist nur... Gaia, ich will ihn anrufen. Ich kann erst wieder Ruhe finden, wenn ich weiss, dass mit ihm alles okay ist. So verrückt es ist, und das ist mir durchaus selbst klar. Aber ich kann es nicht, solange sie hier ist. Zumindest nicht, solange sie hier und wach ist.

Ich rauche nervös weiter und schweige.

„Soll ich dir einen Kaffee machen?", fragt sie, wohl in der Annahme, es wäre immer noch in erster Linie der Traum, der mir in den Knochen steckt.

„Nein. Wir haben morgen genug zu tun, wir sollten gleich ins Bett gehen und noch etwas Schlaf rausholen. Ich rauche nur zu Ende. Okay?" Ich zwinge mich zu einem Lächeln.

„Okay." Sie erwidert das Lächeln. Vielleicht ist sie erleichtert, dass sie jetzt nicht wirklich aufstehen und Kaffee kochen muss. Aber das ist wohl zu sehr von mir auf sie geschlossen. Ihr hätte es bestimmt tatsächlich nichts ausgemacht. Elena ist ein besserer Mensch als ich. Auch wenn sie mich für noch so lieb und sensibel hält. Ihr gegenüber vielleicht.

Aber erzähl das Denzel.

 

~


Ich ziehe so vorsichtig es geht meinen Arm unter ihrem schlafenden Körper hervor und robbe unter der Decke weg. Es hat nicht wirklich lang gedauert, bis sie wieder eingeschlafen ist. Auch wenn's einem natürlich doppelt so lang vorkommt, wenn man nur drauf lauert.

So leise ich kann, schleiche ich durch das Zimmer, öffne die Tür in Zeitlupe und husche in die Dunkelheit des Wohnraums. Als würde ich ein verdammtes Verbrechen begehen. Aber wenn ich ihr erzählt hätte, dass ich noch eben schnell Rufus mitten in der Nacht anrufen will, hätte sie mich für völlig verrückt erklärt. Und das mit Recht. Shiva, es ist völlig verrückt, ihn anzurufen, nur weil ich schlecht geträumt habe! Aber der Traum ist nur vordergründig wichtig. Es ist das nagende Gefühl, wissen zu müssen,... Was? Dass er noch da ist? Dass alles in Ordnung ist? Naja, das ist nicht weniger verrückt, oder?

Ich hebe den Hörer ab und zögere. Ich kenne seine Nummern auswendig; die für sein Mobiltelefon und das Festnetz im Apartment. Ist mir lieber, als sie irgendwo permanent bunkern oder mitschleppen zu müssen. So kann ich sie höchstens verlieren, wenn ich auch meinen Kopf verliere. Und in dem Fall hätte ich mit Sicherheit größere Sorgen als Rufus. So weit ist's dann doch noch nicht.

Ich atme tief durch und zucke zusammen, weil es mir plötzlich irrsinnig laut vorkommt. Blödsinn. Dann wähle ich hastig, um es endlich hinter mich zu bringen. Ich kann mein Herz schlagen hören - Mii–düp! - und mit jedem Klingeln am anderen Ende, schnürt sich meine Kehle etwas enger zusammen.

„Reno?", höre ich ihn schließlich. Er kann nicht hellsehen, meine Nummer erscheint lediglich auf seinem Display.

Shiva, er klingt beschissen.

„Heh... Ja...", flüstere ich und verstumme.

„Ist etwas passiert?" Natürlich ist das sein erster Gedanke. Vielleicht sogar der Grund, warum er sich überhaupt die Mühe gemacht hat, ranzugehen.

Er hört sich nicht an, als hätte er geschlafen. Einfach nur... verbraucht.

„Nein, ich..." Wie soll ich das in aller Welt erklären? „Das wollt ich eigentlich dich fragen. Hatte plötzlich son komisches Gefühl, weisst du?!"

„Nein, Reno. Ich weiss nicht." Ein heiseres, leises Lachen folgt. „Aber lass mich dran teilhaben. An deinen Gefühlen."

„Hast du getrunken?", frage ich, bevor ich drüber nachdenken kann.

„Hm. Ich schätze, das habe ich. Sei froh, dass ich getrunken habe und nicht geschlafen. Wenn du mich wegen nichts geweckt hättest, wäre ich jetzt äußerst ungemütlich."

„Wie lange willst du das noch durchziehen?" Ich setze mich halb mit dem Hintern auf einen der Barhocker.

„Von wollen kann keine Rede sein!", fährt er mich erheblich lauter als vorher durch den Hörer an. Ich kann die Verzweiflung darin hören.

„Geh ins Bett, Rufus", bitte ich und verfluche es, dass ich nicht selbst frei sprechen kann, sondern gezwungen bin, leise zu bleiben.

„Ja. Nachher." Ich kann hören, wie er tief durchatmet. „Es ist alles in Ordnung, Reno. Ich habe nicht vor, mich nach allem ausgerechnet von Schlafstörungen kleinkriegen zu lassen."

„Okay", antworte ich, weil ich nicht mehr weiss, was ich sonst noch sagen kann. Ich würde mich nur wiederholen und er würde mit jedem Mal genervter werden.

„Gute Nacht", verabschiedet er mich und ich möchte protestieren. Aber ich habe kein einziges Argument auf meiner Seite.

„Nacht", flüstere ich deswegen nur und höre das leise Klicken am anderen Ende. Dann die Stille der toten Leitung.

Ich hänge auf. Zu dumm, dass ich keineswegs beruhigt bin, sondern sich das nagende Gefühl nur verstärkt hat. Das Gefühl, dass er mich braucht. Oder will ich's nur? Shiva, was weiss ich!

Ich rutsche vom Hocker und suche in der Dunkelheit, an die meine Augen sich gut genug gewöhnt haben, einen Zettel und einen Kugelschreiber, der noch halbwegs funktioniert, zusammen.

Guten Morgen, Baby! :)
Tut mir leid, bin wachgeworden und hab nicht mehr einschlafen können, also bin ich schon rüber zu ShinRa. Schmeiss den Zettel nicht weg und merk dir diesen Tag, du wirst Tseng erzählen müssen, dass ich es tatsächlich vollbracht habe, Stunden vor Arbeitsbeginn zu erscheinen! Das werd ich ihm für den Rest meines Lebens unter die Nase reiben und dich brauch ich als Zeugin!
Hoffe, du hast besser geschlafen als ich!

Bis später,
Reno


Das fertige Werk klemme ich mit nem Magneten an den Kühlschrank.

Gaia steh mir bei für mein Vorhaben.

 

~


Ich drücke auf die Klingel und frage mich, ob er mich für endgültig übergeschnappt erklären wird, um 0155 morgens vor seiner Tür zu stehen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, mir diese Frage früher zu stellen, aber gerade eben noch war ich überzeugt, das einzig Richtige zu tun. War mir sicher, dass er nicht Protest einlegen und mich für verrückt halten wird. Gaia... Im Gegenteil, ich hätte schwören können, dass er im Grunde darauf hofft, dass ich seinen Zustand nicht einfach ignoriere. Und auch wenn er sein nicht direkt gegebenes Versprechen sich hinzulegen früher am gestrigen Tag gebrochen hat, ich werde meinen Teil der Abmachung halten. Und das hier ist die einzige Art und Weise, wie. Die einzige, die mir im Moment einfällt.

Die Tür gleitet zur Seite und gibt die Sicht auf ihn frei. Er lehnt gegen den Rahmen, das frische, weisse Hemd scheinbar erst gerade eben übergestreift. Es ist nicht einmal zugeknöpft. Ansonsten stelle ich fest, dass er lediglich eine schwarze Unterhose trägt. Ist er also der Typ für Retroshorts. Es gibt Dinge, die ich eigentlich nie wirklich herausfinden wollte und der Fakt gehört dazu. Auf der anderen Seite - erwarte ich ernsthaft, dass er sich in seine sämtlichen hunderttausend Schichten hüllt, wenn er mitten in der Nacht die Tür öffnet?

Aber... Gaia, er ist darunter so zierlich.

Er nippt an seinem Whisky, den er obligatorisch in der rechten Hand hält. Mehr Strähnen als üblich hängen in seiner Stirn, aber seine deutlich überreizten Augen verraten, dass er bestimmt nicht aus dem Bett kommt.

„Also?", fragt er, als würden wir lediglich ein für kurze Zeit pausiertes Gespräch wiederaufnehmen. Selbstverständlich ist er nicht überrascht, mich zu sehen. Neben seinem Eingang ist ein Monitor innen, der ihm nur zu genau zeigt, wer vor seiner Tür steht. Und plötzlich bin ich mir sicher, dass er niemand anderem ausser mir überhaupt aufgemacht hätte. Im Gegenteil. Etwas sagt mir wieder, dass er mich erwartet hat. Selbst wenn's nur seine Hoffnung war. Oder meine.

„Hab dir was versprochen, glaub ich." Ich verlagere mein Gewicht aufs andere Bein.

„Eine Pyjamaparty? Kann ich mich nicht dran erinnern." Trotzdem tritt er zur Seite und gibt den Weg frei. Ich laufe herein und taste mit einer Hand nach dem Knopf, der die Tür hinter mir wieder zugleiten lässt.

Direkt von der Eingangstür aus kommt man in das riesige Wohnzimmer. Der gleiche weisse Teppich wie in seinem Büro, die gleiche deckenhohe Fensterfront gegenüber. Linker Hand eine frei stehende Sitzecke mit einer massigen, wuchtigen Couch aus ebenfalls weissem Leder und zwei passenden Sesseln, einem Glastisch und gleich an der Wand der stylishe Designerkamin mit dem Fernseher darüber, sowie die Tür zum Schlafzimmer. Auch wenn seine Wohnung interessanterweise im Gegensatz zu seinem Arbeitsbereich einen dezenten Geruch verströmt, ist sie genauso steril und kalt. Wenige, wohl durchdacht platzierte Gemälde hängen an den Wänden, stilisierte Winterlandschaften in Schwarzweiss und ich gehe jede Wette ein, er würde es niemals bemerken, wären die Motive jeden Tag ein klein wenig anders. An seinem persönlichsten Aufenthaltsort gibt es keine Spur, die verraten würde, was für ein Mensch hier lebt.

Schräg vor der Ecke in der die linke Zimmerwand und die, in der sich die Eingangstür befindet, aufeinandertreffen, steht eine polierte Theke aus hellgrauem Stein mit einer dunkelgrünen, filigranen Maserung. Seine Hausbar, zu der er jetzt geht, mich ignorierend und mit einer Zange ein paar weitere Eiswürfel aus dem entsprechenden Behälter fischt, um sie in sein Glas zu füllen.

„Willst du etwas trinken?" Er schenkt sich selbst nach und ich beobachte, wie die bernsteinfarbene, klare Flüssigkeit das Eis flutet.

„Ich bin nicht hier, um mich mit dir zu besaufen, Rufus." Gaia, er hat jetzt mindestens 36 Stunden nicht geschlafen und ist schon wieder am Saufen. Was glaubt er eigentlich, wie lang er das durchhält?! Es ist eine Sache, mal am Wochenende die Sau rauszulassen, da bin ich Profi, aber wenn der Kerl sich ernsthaft angewöhnt, seine Probleme wegzutrinken, hat er in absehbarer Zeit weit größere als die, die ihn überhaupt dazu getrieben haben. Und auch wenn ich genauso wenig sein Babysitter bin wie Tseng - ich kann's nicht zulassen. Vor allem nicht mehr jetzt, wo ich nach unserem Gespräch am Abend unfreiwillig eine tiefe Verbundenheit zu ihm fühle. Eine noch tiefere, als sich über die letzten Tage hinweg ohnehin schon unaufhaltsam entwickelt hat, angefangen mit der Nacht zum Montag. Was hilft's noch, es zu leugnen?!

„Von besaufen sprichst du. Ich habe dir lediglich einen Drink angeboten." Seinen eigenen leert er zu einem Drittel und macht keine Anstalten, wieder von der Bar abzurücken. Heh, wozu auch?! Lohnt sich wohl nicht, was?

„Ich glaub, du hast genug für uns beide intus." Und ich hab nicht vor, ihm weiterhin die Zügel zu überlassen. Eigentlich hatte ich das hier als Überfall geplant, bis er mich mal wieder von meinem ursprünglichen Kurs abgebracht hat. Aber Schluss jetzt damit.

Ich laufe zu ihm und nehme das Glas aus seiner Hand, bevor er protestieren kann. „Ich kipp den Dreck jetzt ins Klo und wenn du dich nicht mitten in der Nacht mit mir prügeln oder deine restlichen Vorräte auch noch verlieren willst, dann versuchst du nicht, mich dran zu hindern."

Er hebt in einer aufgebenden, spielerischen Geste die Hände und scheint eher amüsiert als alles andere. Ja, du mich auch. Ich marschiere geradewegs durch das nebenan liegende Schlafzimmer in das große, keimfreie Bad und leere das Glas über der Toilette aus, die so sauber ist, dass man fast denken könnte, es wäre völlig ungefährlich, draus zu trinken. Und als würde ich diesen wirklich abstrusen Gedankengang tatsächlich für eine realistische Möglichkeit halten, betätige ich auch noch demonstrativ die Spülung, um das Zeug wirklich restlos zu vernichten.

Dabei bemerke ich etwas wirklich Kurioses. Hing gerade eben noch der Geruch des ausgeschütteten Whiskys als Wolke in der Luft, so ist er jetzt spurlos verschwunden. Nicht bloß wegen des Wassers, das nachgeflossen ist. Der Gestank des Alkohols sollte trotzdem noch eine Weile bemerkbar sein. Was immer in seinem Büro zum Einsatz kommt, wird offenbar auch irgendwo im Zulauf der Toilette verwendet. Immerhin macht es hier zumindest Sinn. Shiva, ich könnt's selbst für meinen Thron gebrauchen, vor allem, wenn ich mal wieder im Scheisshaus geraucht habe. Die Kombination fällt unter Biowaffe. Ich muss den Kerl echt mal fragen, wenn's sich ergibt und lache allein bei der Vorstellung auf, weil's mir ganz genau vor Augen schwebt wie eine verfickte Dauerwerbesendung:

‚Hey, Rufus! Wie machst du das eigentlich, dass dein Pott nie nach Scheisse stinkt?'
‚Ganz einfach, Reno! Ich verwende das neue ShinRa Shiny. Nur eine halbe Maßeinheit hat die Kraft, das gesamte Bad nicht bloß zu reinigen, sondern auch tagelang von schlechten Gerüchen zu befreien!'
‚Aber ist das nicht schlecht für die Umwelt?'
Hier muss jetzt irgendwas mit Kindern hin, die auf einer Wiese Ball spielen oder so. Am besten mit Rufus. Nein, nein, das ganze Setting muss draussen sein und bei dem Umweltstichwort fliegt dann der Ball in seine Richtung, den er lässig und lustig wie der pädophile Onkel Balduin von nebenan fängt und zu den Kiddies zurückwirft. Nur wie schlag ich die Brücke von Shinras Klo zu der Wiesenkulisse?  
‚Aber Reno! Wie bei allen ShinRa Produkten, wird auch bei Shiny darauf geachtet, dass alle Bestandteile biologisch abbau-'


„Was ist so lustig?" Er lehnt plötzlich im Badezimmereingang, während mir endlich selbst auffällt, dass ich wie der letzte Idiot lachend vor seinem verdammten Klo stehe. Und ich will nicht wissen, wie lang schon.

Ich wirbel verlegen zu ihm herum und schäme mich sogar noch mehr, weil mir sein Anblick in Erinnerung ruft, dass ich immer noch der großen Shinra Illusion erlegen bin beizeiten, auch wenn ich hier und jetzt nur zu deutlich die Wahrheit vor mir habe. Ein halbnackter, verstörend zerbrechlich wirkender Kerl, der eine Alkoholfahne hat und dessen dunkel umrandete Augen vom Schlafmangel tief in den Höhlen liegen. Und warum? Vielleicht, weil er seit Jahren Tag für Tag nichts anderes tut, als sich genauso zu verkaufen wie in meiner albernen, kleinen Phantasie.

Oh Shiva, es war bloß eine harmlose Gedankenspielerei, die sich fast von selbst aufgedrängt hat und einfach zu naheliegend war. Also warum hab ich jetzt so ein verdammt schlechtes Gewissen? Und nicht bloß das...

Es tut weh.

Meine Augen wandern wie fremdgesteuert seinen Körper hinab, angefangen bei dem zerzausten, strähnigen Haar, einen ausweichenden Bogen um den fragenden Blick machend, die jugendliche, glatte Brust herunter und die wegweisende, schmale Spur mittelblonder Haare - die gleiche Farbe wie die seiner Brauen - unterhalb des Nabels entlang, eine weitere Kurve beschreibend, bis ich an der jetzt erst entdeckten, riesigen Narbe an seinem Bein hängen bleibe. Sie zieht sich vom linken Knie die komplette Außenseite seines Oberschenkels schräg entlang und scheint irgendwo hinten an seiner Hüfte, verdeckt vom Hemd, zu enden. Sie muss alt sein. Die weisse, schillernde Farbe des verheilten Gewebes verrät es.

„Cloud", antwortet er leise auf meine ungestellte Frage, um seine eigene dann zu wiederholen: „Was ist so lustig?"

„Nichts." Von meinem Lachen ist nichts mehr übrig, weder akustisch noch mimisch. Mit seinem Glas noch immer in der einen Hand, gehe ich zu ihm und umfasse seinen rechten Arm mit der anderen, um ihn zurück ins Wohnzimmer zu führen. „Komm mit." Er folgt wie ein Lämmchen. Vielleicht aus Neugier, vielleicht aus Müdigkeit oder vielleicht fällt ihm einfach gerade kein sarkastischer Kommentar mehr ein.

Ich stelle das Glas im Vorbeigehen auf seiner Bar ab und dirigiere ihn zu einem der Ledersessel gegenüber des Sofas.

„Was machst du?" Er scheint noch immer nicht wirklich begriffen zu haben, mit welchem Vorsatz ich hergekommen bin.

„Dir helfen. Hoff ich." Ich drück ihn an seinen schmalen Schultern herunter auf die Sitzfläche, beinah als hätte ich vor, ihm einen verdammten Lap Dance vorzuführen und genauso ungläubig staunend schaut er auch zu mir auf. Scheint, als würd's langsam bei ihm Klick machen.

Ihn dort geparkt, wo ich ihn haben wollte, gehe ich um den Tisch rum und streife mir hastig die Schuhe von den Füßen. Mein Jackett fliegt eine Sekunde später auf den zweiten, leeren Sessel.

„Also... Genieß die Show!"

Und damit schmeiss ich mich auf seine Couch und roll mich zusammen.

Überflüssig, zu erwähnen, dass man unter solchen Bedingungen selbstverständlich alles kann, ausser schlafen. Egal wie beschissen hart der Tag gewesen ist.

Ihm den Rücken zugewandt, kann ich sein leises Lachen hören. Zum ersten Mal ohne jede Bitterkeit, ohne jeden Sarkasmus, und es ist ansteckend. Ich verkneife mir jeden Ton, aber lasse schließlich zumindest meinem Grinsen vor seinem Blick geschützt freien Lauf. Shiva, es ist so absurd. Das alles hier ist so dermaßen absurd.

Und dann platze ich selbst los.

Es tut so verflucht gut. Die verdammte, ewige Anspannung in seiner Nähe löst sich auf. Jetzt gerade, während wir lachen, kann ich mir vorstellen, mit ihm ein Bier zu trinken.

Nach einer Weile kann ich hören, dass er sich erhebt und zu der Couch kommt, um sich vor ihr hinzuknien. Eine Zeit lang passiert gar nichts. Dann kann ich plötzlich fühlen, wie seine eine Hand vorsichtig meinen Zopf am Ansatz festhält, um mir nicht wehzutun, während die andere langsam das Haargummi herunterstreift, darauf bedacht, mir keine Strähne einzuklemmen. Genau aus diesem Grund lasse ich das sonst eigentlich keinen anderen Menschen machen. Sie passen nicht genug auf und ziepen mich dabei.

Ich verkrampfe mich dieses Mal nicht. Ich warte einfach nur ab, was - ob - etwas folgt.

„Ich nehme an, unter normalen Umständen schläfst du auch nicht damit. Ich stelle es mir zumindest unbequem vor."

Shiva, unter normalen Umständen schlafe ich auch nicht in meiner Uniform. Aber ich ziehe es vor, ihn auf diese offensichtliche Tatsache nicht noch extra hinzuweisen, um ihn nicht auf irgendwelche sonderbaren, weiteren Ideen zu bringen. Also sage ich gar nichts. Höchstwahrscheinlich startet er sowieso gerade wieder das Spiel mit mir und wartet nur darauf, dass ich drauf anspringe. Aber es ist ein unpassender Moment.

Seine Fingern fahren abschließend durch mein Haar, um es aufzulockern und dann beiseite zu streichen. Ich kann seinen Atem im Nacken fühlen, als er tief seufzt.

„Ich habe einen großen Fehler gemacht, Reno. Da unten in den Kanälen."

Wie bitte?! Es ist nicht so, dass ich zum ersten Male höre, dass er einräumt, etwas falsch gemacht zu haben. Dieser Tage kann man öfter Zeuge davon werden, als einem lieb ist - aber es ist etwas völlig anderes, ob er sich als Präsident von und für ShinRa aus taktischen Gründen entschuldigt oder als einfacher Mensch, ohne Publikum, das er damit beeindrucken kann.

„Ich hätte dich nicht anfassen dürfen", fährt er erklärend fort.

„Ich hab mich nicht vergewaltigt gefühlt oder so, nur... Es war einfach nicht fair, Mann!", sag ich leise, als er anscheinend auf eine Reaktion wartet.

„Ich weiss. Jedenfalls will ich nicht, dass du... Ich will nicht, dass du denkst, alles, was ich tue, wäre Teil eines Spiels. Es war das erste und einzige Mal, dass ich es je auf diese Weise ausgetragen habe und ich gebe dir mein Wort, dass das auch so bleibt. Kannst du meine Entschuldigung annehmen?"

Hat er also meine Gedanken eben gelesen.

„Ja. Denk schon."

„Würdest du mich dabei ansehen, wenn du mir verzeihst?" Er gibt sich alle Mühe, es als freundliche Bitte zu formulieren, auch wenn die gewählten Worte leicht als Befehl misszuverstehen sind. Er kann wohl einfach nicht anders. Vielleicht hab ich aber auch inzwischen ein Ohr für die subtilen Nuancen in seinem Tonfall, die ich neuerdings immer öfter heraus höre.

Ich drehe mich herum auf die andere Seite und schaue ihm in die Augen. Ein Fehler, denn sein Blick scheint meinem nur aufgelauert zu haben und fängt ihn sofort ein. Doch ich kämpfe diesmal nicht, mich loszureissen. Ich kämpfe, ihm standzuhalten. So widersprüchlich es klingt und auch ist.

Wenn er vorhat, es zu versuchen... Dann jetzt. Aber weitere endlose Sekunden vergehen und er versucht es nicht. Stattdessen stellt er eine Frage, die mich völlig kalt erwischt.

„Warum starrst du mich immer wieder so an?"

... Was? Ich starre ihn an?! Ist das ein Witz oder ein Test?

„Ich versteh nicht...", antworte ich, gefangen von seinem Blick.

„Entweder, du vermeidest es komplett, mich anzusehen oder du starrst, Reno."

Ich winde mich wie ein Insekt im Spinnennetz, doch er gibt mich nicht frei. Und es gibt nichts, was ich sagen kann, denn sein Vorwurf stellt gerade mein gesamtes Bild der Sache auf den Kopf.

„Ich würde gern wissen, wieso." Die ruhige, eindringliche Stimme bohrt sich tiefer in mich hinein.

„Du... Du machst sowas mit deinen Augen. Du hältst... Ich weiss nicht wie, aber du kannst einen mit den Augen festhalten. Ich dachte, du machst es bewusst. Ich... wollt nie unhöflich sein und dich anstarren", stammel ich völlig verwirrt.

„Es soll also an mir liegen?" Seine Augen weiten sich überrascht unter den hochgezogenen Brauen.

„Ich dachte... Naja, dachte, es wäre eine Taktik von dir." Mittlerweile befinde ich mich in einer Welt, die nur noch aus dem Eisblau seiner Iris besteht. Er hat mich mitgenommen an diesen kalten, monotonen Ort. Und jetzt behauptet er, ich wäre freiwillig dorthin gegangen.

„Hast du je beobachten können, dass ich diese Taktik anderen gegenüber anwende?" Seine Stimme ist beinah genauso hypnotisierend wie sein Blick. Wie fremdgesteuert tauchen unzählige Szenen aus der Vergangenheit vor meinem inneren Auge auf und ziehen vorbei. Shinra, immer wieder Shinra. In Verhören, privaten Gesprächen, bei Meetings, bei Drohungen, bei seinen Reden, bei Besprechungen mit uns Turks - Gaia, er hat Recht. Abgesehen davon, dass etliche Menschen vor Furcht den direkten Augenkontakt mit ihm vermeiden, wie sie es manchmal auch bei mir tun, hat er diesen nonverbalen Kampf niemals mit anderen ausgetragen.

„Nein...", flüstere ich ehrlicherweise, auch wenn ich es lieber leugnen oder ablenken würde. Aber ich kann nicht und schiebe es auf die Hypnose.

„Schließ deine Augen", bittet er.

Und ich tue es, folge dem Befehl. Also wird er es doch versuchen. Nur etwas später, als ich gedacht hatte. Und ich wehre mich nicht, weil es meine einzige Chance ist, herauszufinden, ob er in dieser Hinsicht auch lediglich mit mir spielt, oder nur spielt, um eine Wahrheit dahinter zu verschleiern.

Ich bin blind wie in den Tunneln und kann wieder nur abwarten, wohin er mich führen will.

Er drückt plötzlich auf meine Nasenspitze und als ich das leise „Mööp!" höre, reisse ich abrupt die Augen wieder auf und schiele ungläubig auf seine Fingerspitze hinab.

„Ich hole dir eine Decke." Er richtet sich auf, als wäre rein gar nichts gewesen und schlendert ins Schlafzimmer. Ich bilde mir ein, ein schlecht unterdrücktes Lachen hören zu können.

Das... kann nicht wahr sein. Ich taste auf dem Boden vor der Couch herum, um meine Kinnlade wiederzufinden. Dass ich nicht gehört hab, wie sie runtergefallen ist, schieb ich auf den Teppich.

Er kommt zurück mit einer Bettdecke in den Armen, sichtlich amüsiert, dass ich noch immer so perplex bin, dass ich nicht einmal stammeln kann.

Shiva, nicht viele schaffen es, mich sprachlos zu machen.

Die Decke landet schwungvoll auf meinem reglosen Körper. „Gute Nacht, Reno." Auf seinem erneuten Weg ins Schlafzimmer löscht er das Licht. Allein die subtile, indirekte Beleuchtung unterhalb der Theke seiner Bar erhellt den Raum noch. Dann fällt die Tür zum Schlafzimmer hinter ihm zu.

Noch eine gefühlte Ewigkeit starre ich hinter ihm her, bevor ich schlucke und meine Sprache wiederfinde.

„Du... Du hast mich gemööpt..."

 

~


Ich erwache in bleierner Müdigkeit. Die gleiche, die mich kurz nachdem Rufus gegangen ist, überfallen hat. Ich kann aber nicht lang geschlafen haben. Es ist noch immer mitten in der Nacht.

Er ist das erste, was ich sehe, als ich die Augen aufschlage. Seine zusammengerollte Gestalt in der Halbdunkelheit auf dem Sessel mir gegenüber. In Foetusstellung liegt er auf der Seite, den Kopf auf der Armlehne gebettet. Und er schläft tief und fest.

Ich lächel und spüre, wie sich eine wundervolle, ungekannte Wärme in meinem Magen breit macht und von dort in Wellen durch den Rest meiner Eingeweide pulsiert.

Ohne jeden Laut stehe ich vorsichtig auf und gehe langsam zu ihm herüber. Auch wenn ich kaum die brennenden Augen offenhalten kann. Direkt vor dem Sessel bleibe ich stehen und betrachte ihn. Er trägt das Hemd nicht mehr. Seine Haut ist von einem goldenen, samtigen Schimmer überzogen. Es muss das Licht sein.

Ich bemerke die Hand, die neben seinem Gesicht ruht. Die Finger sind zur Handfläche hin zusammengekrümmt, allein der Daumen ist abgespreizt und deutet verräterisch zu den völlig entspannten, leicht geöffneten Lippen. Ein Speichelfaden zieht sich von der Fingerkuppe zu seinem Mundwinkel.  

Die Hingezogenheit, die mich plötzlich überwältigt, ist so stark, dass ich ihr körperlich folge und vor ihm auf die Knie sinke.

Hinter den geschlossenen Lidern mit den endlos langen, hellbraunen Wimpern bewegen sich die träumenden Pupillen. Die nackte Brust hebt und senkt sich in einem perfekten Rhythmus der Ruhe. Und ich verstehe ihn plötzlich. Verstehe, was ihn zu mir getrieben hat: Der Frieden, den er schlafend atmet, ist ansteckend.  

Ich verliere mich hilflos in dem Anblick, der mir auf einmal wie ein Wunderwerk scheint und alles in mir drängt danach, dieses Wesen zu beschützen. Dieses fremdartige, seltsame, goldene Wesen, das noch viel fremdartigere, seltsamere Gefühle in mir weckt - auch wenn es tagsüber auf den Namen Rufus Shinra hört und zu einer Eisskulptur mutiert wie eine verwunschene Märchengestalt.

Gaia, ich weiss nicht, was mit mir passiert.

Ist es, weil ich ihm so oft das Leben gerettet habe, dass ich plötzlich das Gefühl habe, ich müsste auch dafür sorgen, dass es ihm gut geht?

Nein. Ihn zu beschützen ist meine Berufung, aber darüber geht sie nicht hinaus. Ich werde dafür bezahlt, dass er am Leben bleibt, nicht dass er glücklich ist. Mein Job ist nicht der Grund.

Oder ist es einfach nur verfluchtes Mitleid, wie er mir unterstellt hat am Anfang unserer Wanderung durch die Eingeweide der Stadt?

Shiva, ich habe sonst auch mit niemandem Mitleid! Nicht mit Aron, nicht mit allen anderen, die ich getötet habe und bei Ifrits schwarzem Arsch, nicht mit dem gesamten Sektor 7 und der Platte oben drüber. Ich habe gelacht. Ich habe gelacht bei dem verdammten Anblick. Es war großartiges, großes Kino! Ich hätte mir wohl in der gleichen Nacht noch einen drauf runtergeholt, wenn Cloud, der Bastard, mit seinen Ökojüngern mich nicht zu Brei geschlagen und für die nächste Zeit ausser Gefecht gesetzt hätte.

Wahrscheinlich, fürchte ich allmählich, ist es so, wie es schon in einem uralten Buch heisst, das ich einmal in Sektor 6 im Dreck gefunden habe: Ich habe ihn mir vertraut gemacht, ob ich es wollte oder nicht. Und jetzt werde ich bis ans Ende meiner Tage für das Stück seines Lebens, auf das ich Einfluss habe, mitverantwortlich sein.

Gaia weiss, ich habe mir dreissig Jahre lang alle Mühe gegeben, genau in diese Lage nicht zu geraten. Dabei hätte mir schon Elena zeigen sollen, dass man nicht einmal gefragt wird, wenn es dann trotzdem passiert.

Ein verdammt hoher Preis für meine Neugier auf Shinra.

Cloud.

Bei dem kurzen Gedanken an ihn ist mein Blick zu der schillernden Narbe auf dem oben liegenden Schenkel gewandert. Der übergroße Makel an diesem sonst perfekten Bild.

Ich fühle wie heisse, brodelnde Wut aus den tiefsten Tiefen meiner Eingeweide hochsteigt. Es ist nicht richtig. Gaia, es ist nicht richtig, dass ein Nichts, ein verdammter Niemand wie Cloud Rufus so ein übergroßes Andenken verpasst und ihn regelrecht... penetriert hat. Ich lache ohne jeden Laut und Humor auf, als ich merke, welches Wort ich gedanklich da eben verwendet habe. Aber es scheint auf einmal doch so passend. Er hat ihn markiert, entstellt, befleckt. Es wäre etwas anderes, würde die Narbe aufs Konto des Weaponangriffs gehen. Shiva, dann könnte er sie mit Stolz tragen. Aber Cloud... Ein dahergelaufenes Stück Scheisse, das nicht mal aus Idealismus gegen ihn gekämpft hat, während ich, der seit Jahren sein Leben für Rufus riskiert, nie eine Spur hinterlassen werde. Nie einen sichtbaren Abdruck. Im Gegenteil, meine Aufgabe ist es, ihn vor genau solchen Verletzungen zu bewahren.

Meine Fingerkuppen fahren langsam den weissen, leicht von der umgebenden Haut abgesetzten Streifen entlang, angefangen beim Knie. Ich sollte das nicht tun. Ich könnte ihn aufwecken. Aber ich kann auch nicht aufhören. Genauso wenig, wie ich den Makel einfach wegstreichen kann, egal wie gern ich es würde.

Mein Zorn ist inzwischen weit genug aus dem bodenlosen Abgrund in mir an die Oberfläche gekrochen, einen vertikalen Meter mehr mit jedem berührten Zentimeter, um sein leises Flüstern in meinem Ohr hören zu können. Und es räumt alle Zweifel beiseite, dass dieses Wesen, das ich in mir beherberge offensichtlich den Verstand verloren hat, denn seine Worte zeugen von purem Wahnsinn:

Ich wünschte, er hätte sie von mir.

Wie bereits in der Nacht von Sonntag auf Montag, nutze ich meinen letzten Funken Selbstkontrolle, das einzig Richtige zu tun. Der Funke ist dieses Mal noch wesentlich kleiner, aber dafür die Alternative, wenn ich ihn ignoriere, umso... beängstigender. Also spring ich schwungvoll auf und laufe schnell zur Couch zurück, um die Decke zu holen. Ich hab sie sowieso nicht wirklich gebraucht.

Ich gebe mir alle Mühe, sie so vorsichtig wie möglich über seinen Körper zu legen und etwas an den Seiten festzustecken, damit sie nicht gleich bei der ersten Bewegung verrutscht. Als ich zufrieden bin mit meinem Werk, streiche ich ihm abschließend die Haare aus der Stirn, darauf achtend, seine Haut nicht zu berühren.

Dann verharre ich bloß, unfähig, jetzt schon zum Sofa zurückzugehen, um mich selbst wieder hinzulegen. Ich brauche noch einen Moment. Nur ein paar Minuten länger mit diesem Anblick.  

„...Was machst du mit mir?"

5. Here be dragons


„Mmmmmmm... hmmmm – hmm – hm." Ich seufze versonnen, wickel mich enger in die Bettdecke und drücke meine Nase hinein. Der schwarze, weiche Satinbezug riecht nach ihm.

Rufus.

Ich weiss, ohne die Augen öffnen zu müssen, dass er nicht mehr hier ist; genau wie ich weiss, dass er die Decke wieder über mich gelegt hat nachdem er aufgestanden ist. Ich hab's im Halbschlaf mitbekommen. Seine Schritte durch die Wohnung. Das bemüht leise Öffnen und Schließen der Türen. Den sanften Kuss auf meine Schläfe, bevor er das Apartment verlassen hat. Den unsanfteren, scharfen Geruch von Zahnpasta und Aftershave dabei. Heh, letzteres mit Sicherheit kein Duft, den ich bislang mit einem Kuss verbunden habe. Ich hab immer einen weiten Bogen um die Ladies gemacht, die sich das Gesicht rasieren müssten.

Mein Grinsen, das mir jetzt erst so richtig bewusst wird, wird breiter und ich fühle, dass meine verdammten Wangen bereits schmerzen. Seltsam, dass mir so dermaßen die Sonne aus dem Arsch scheint, bloß weil ich ihm geholfen hab. Ich meine, ich mag's, den Menschen, die mir wichtig sind, ne Freude zu machen. Aber eigentlich fällt da zum größten Teil sowieso nur Elena drunter. Rude, Tseng und Tiff sind mir auch nicht gleichgültig, aber trotzdem ist mein Verhältnis zu denen distanzierter. Rufus gehört eigentlich ganz und gar nicht zu diesem Kreis, auch nicht nach unserer Unterhaltung gestern, daher wundert's mich umso mehr.

Ah, Scheisse, was soll's?! Mir geht's gut und ich hab nicht vor, deswegen ne Reklamation auszufüllen.

Mir geht's sogar schlagartig noch besser, als ich den unverkennbaren, wenn auch schwachen Duft von Kaffee witter und der bringt mich auch dazu, endlich mal die Augen zu öffnen.

... Shiva!

Ich starre ungläubig auf die Geschenkbox, die direkt vor meiner Nase auf dem Glastisch steht. Sie ist etwa zwanzig Zentimeter lang, zehn hoch und mit weissem Papier umwickelt, um das sich ein schwarzes Seidenband zieht, das oben in einer perfekten Schleife endet. Allein die Verpackung sieht edler und teurer aus als der Inhalt der Schachteln, die ich so verschenke. Weil meine Einpackkünste auch jedes Mal in einer zerknitterten Katastrophe enden, da ich entweder immer zu viel Papier nehme oder zu wenig, bin ich schon vor geraumer Zeit dazu übergegangen, aufs Drumherum komplett zu verzichten.

Was ein verdammter Spinner!

Ich setze mich debil grinsend auf. Scheint, als wäre ich nicht der einzige, der sich etwas unverhältnismäßig über meine kleine Geste letzte Nacht freut, was? Neben der Box liegen ein Zettel und mein Haargummi, von dem er mich so vorsichtig befreit hat. Ich greife die an mich adressierte Nachricht. Seine Handschrift ist gestochen scharf, aber trotzdem fast verspielt geschwungen. Ausserdem benutzt der Kerl Füllfederhalter; Kulis sind offenbar meilenweit unter seinem Niveau.

‚Guten Morgen, Reno.

Ich gehe davon aus, dass Dir mein Geschenk gefallen wird.
Betrachte es bitte nicht als Lohn für Deinen Gefallen.

R.S.

PS: In der Küche findest Du Kaffee und einen Aschenbecher.'


Kurz und auf das Notwendigste reduziert. Schreibt offenbar nicht halb so gern wie er redet, auch wenn er sichergestellt hat, dass die zweite Zeile groß genug ist, um sein aufgeplustertes Ego reinquetschen zu können.

Ich zieh das Geschenk auf meinen Schoß und drehe es umher. Das Papier fühlt sich seltsam weich an, beinah als wäre es Stoff. Glaubt er also wirklich, meinen Geschmack zu kennen, nur weil er mich beim Schach beobachtet hat? Ein verdammtes Brett passt da zumindest nich rein, höchstens vergoldete Figürchen. Vielleicht liegt auch nur ein weisser, handgeschnitzter König drin, für den er selbst Modell gestanden hat. Schwer ist das Teil zumindest ganz und gar nicht.

Meine Neugier frisst mich auf, aber gleichzeitig zögere ich. Was, wenn es mir nicht gefällt? Wenn es völlige Scheisse ist?! Ich war schon immer beschissen darin, meine Gefühle zu verbergen, und erst Recht kann ich nicht so tun als würde ich mich über etwas freuen, das ich am liebsten im nächsten Mülleimer entsorgen würde. Und er wird's mir anmerken.

Shiva, ich hoffe er kennt meinen Geschmack. Ich will ihm nicht vor den Kopf stoßen.

Ich ziehe vorsichtig an dem schwarzen Seidenband, das sich sofort perfekt löst und wie von selbst zu den Seiten herunter gleitet, wie Dessous in einer unrealistischen Liebesschnulze. Das unbekannte Stoff-Papier-Zeug ist oben nur zusammengesteckt wie ich jetzt sehe. Nichts mit Gefummel und Scheren suchen. Ich atme tief durch. Der Kaffee wird vom noch länger Warten nicht besser, also beschließe ich, es hinter mich zu bringen und befreie die weisse, schlichte Schachtel, die zutage kommt, von ihrer Geschenkverpackung. Nirgendwo ein Aufdruck, der den Inhalt vorwegnimmt. Offensichtlich ist es nicht der Originalkarton. Ich öffne vorsichtig den Deckel und schiebe ihn dann in einem Ruck weg.

Ich lache auf. „Du Spinner!!"

„Gaia, was ein Spinner!" Das Grinsen sprengt mein Gesicht endgültig.

Ich ziehe die Sonnenbrille fassungslos aus der Schachtel und stelle fest, dass es wirklich exakt das gleiche Modell ist, das mir am Samstag gestohlen wurde. Eine ‚Black Out' Fliegerbrille, die mit einem elastischen Riemen am Kopf befestigt wird anstatt mit Bügeln, was mir tausendmal lieber ist, weil man sich damit besser bewegen kann und sie nicht so schnell von der Stirn verrutscht. Black Out hat die Produktion schon vor Urzeiten eingestellt; die Dinger sind deswegen nicht ganz so leicht aufzutreiben; meine alte hatte ich vor unzähligen Jahren in einem Laden in Rocket Town gekauft, der sich auf die Ausstattung von Piloten und Hobbyfliegern spezialisiert hat. Das Geschäft gibt es nicht einmal mehr!

Erst jetzt entdecke ich die kleine Karte, die auf dem Boden des Kartons liegt und fische sie heraus.

‚Damit Deine Tätowierungen wieder Sinn ergeben.'

Ich lache ein zweites Mal auf - vielleicht lache ich auch bloß immer noch - und schüttel grinsend den Kopf. Die roten Male unter meinen Augen imitieren tatsächlich die Abdrücke der Gläserrahmen, die ich immer hatte, wenn ich das Ding mal ausnahmsweise nicht auf der Stirn getragen hab.

Fuck, er weiss alles! Der verdammte Stalker weiss wirklich einfach alles!

Und wie genau er mich beobachtet haben muss, um sich zu hundert Prozent zu merken, welches Modell ich trage, obwohl er damals noch gar nicht gewusst haben kann, dass dieses Wissen ihm einmal gelegen kommen könnte! Mann, ich wette, selbst Rude wüsste das nicht mit Sicherheit!

Er hätte mir alles schenken können, sogar ein Replikat aus Platin und Diamant, aber er hat's nicht. Er hat auf allen bedeutungslosen Prunk und Protz verzichtet und mir einfach nur geschenkt, was mich wirklich glücklich macht. Ich hätte ihm nicht zugetraut, dass er dazu in der Lage ist.

Mein Spiel mit dem Geschenk in meinen Händen wird nachdenklicher.

Das Ganze ist ein Liebesbeweis, nicht?...

...Ist es auch ein Liebesbeweis, es anzunehmen?

Für diesen Teil des menschlichen Miteinanders wurde mir keine Gebrauchsanweisung mit auf den Weg gegeben. Ich hab keine Erfahrungswerte. Wäre er einfach irgendeine Frau, würde ich ihn eiskalt abblitzen lassen und die Sache hätte sich. Aber er ist weder eine Frau, noch irgendeiner. Er ist nicht mal bloß mein verdammter Boss, er ist Rufus Shinra. Aber in erster Linie ist er jemand geworden, den ich tatsächlich... dem ich einfach nicht wehtun möchte.

Doch ich werd kaum drum herum kommen, mit ihm zu reden, was?

Es gibt niemanden, dem ich es jemals gesagt hätte und keiner, der mich ansonsten noch so gut kennt, scheint es bisher von selbst bemerkt zu haben, aber...

...Ich weiss, ich war noch niemals verliebt.

Meine Hände binden routiniert die Haare in meinem Nacken wieder zusammen. Dann stehe ich auf, um mir die Schuhe anzuziehen und mein Jackett zu nehmen.

 

~


Seine Küche, die dem Schlafzimmer auf der anderen Seite des Wohnzimmers genau gegenüberliegt, ist so sauber, dass man Tseng bedenkenlos hier hätte operieren können. Kein Wunder, er wird sie kaum großartig für etwas anderes ausser zum Kaffeekochen benutzen, aber ich geh davon aus, dass sie trotzdem regelmäßig von seinem eigenen Reinigungspersonal geputzt wird. Der ShinRa Shiny Armee. Selbst der schwere Kristallaschenbecher sieht mehr aus wie ein antikes Stück aus einer königlichen Schatzkammer, mit dessen Benutzung man ein Sakrileg begehen würde. Aber das ist nicht der Grund, weswegen ich nicht rauche. Ich Idiot hab gestern Abend mein Feuerzeug mitten in mein Wohnzimmer geschleudert, weil es mir plötzlich wie ein Werk des Bösen schien und es versäumt, Ersatz auf meine nächtliche Tour mitzunehmen.

Der bereitgestellte Kaffeebecher mit dem ShinRa Logo passt nicht in sein restliches Inventar. Anscheinend bin ich des guten Porzellans nicht würdig. Ich erkenne ihn als eines der billigen Ungetüme, die man unten im Erdgeschoss im Merchandising Laden bekommt. Ja, ShinRa verfügt über so etwas. T-Shirts, Tassen, Buttons, Mützen. Die Käufer sind meist die gleichen verwirrten Personen, die auch Geld dafür bezahlen, an einer der Führungen durch ausgewählte Etagen des Towers an jedem ersten Samstag des Monats teilzunehmen. Das angebliche Personal, das ihnen dabei begegnet und scheinbar der alltäglichen Arbeit eines Megakonzerns nachgeht, besteht im Wesentlichen aus ShinRa Mitarbeitern, die eigens für diesen Zweck von der hausinternen PR und Marketing Abteilung nach ihrer Optik und zur Schau gestellten Freundlichkeit aus allen erdenklichen anderen Abteilungen munter zusammengestellt wurden und sich mit dem Theater einmal im Monat ein paar Gil extra verdienen.

Dem Hörensagen zufolge sind in jeder dieser Gruppen von Schaulustigen mindestens immer drei bis vier Frauen dabei, die einzig darauf hoffen, Rufus zu begegnen, um in die große, kuschelige ShinRa Familie einzuheiraten oder alternativ die eigenen Töchterchen mit ihm zu vermählen. Durch meine ständige Nähe zu ihm wenn er sich in der Öffentlichkeit bewegt, kenn ich den Schlag inzwischen. Keine von denen fällt wegen seines Charismas in Ohnmacht, aber sein Geld macht ihnen feuchte Höschen.

Meine Finger wandern zu dem linken Glas an meinem Haaransatz und rücken es an der Fassung in eine bequemere Position. Komisch. Auch wenn ich mich zuerst nackt ohne die Brille gefühlt habe, haben ein paar Tage gereicht, mich erst wieder an den permanenten Druck auf meiner Haut gewöhnen zu müssen.

Laut der Uhr an dem scheinbar noch niemals benutzten Herd ist es 0948. Er hat mich ausschlafen lassen. Mich nicht geweckt. Es bloß mit seinem Kuss in Kauf genommen, nicht anders als ich letzte Nacht bei der Berührung seiner Narbe. Aber das war etwas völlig anderes, nicht?

Ich drehe die hässliche, weisse Tasse zwischen meinen Händen hin und her und verschmiere dabei den frischen Kaffeerand auf der keimfreien, glänzenden Tischfläche. Hat die Armee wenigstens was zu tun bei ihrem nächsten Besuch. Werden wohl denken, dass der gute Präsident ernsthaft krank geworden sein muss.

Das Grinsen stiehlt sich bei dem Gedanken auf meine Lippen zurück.  

„Hast du gut geschlafen?"

Ich zucke zusammen und bemerke seine Gestalt in der Türschwelle. Shiva, ich hab nicht mal gehört, dass er seine Wohnung betreten hat. Ohne mir weitere Beachtung zu schenken, schlendert er zur Kaffeemaschine und öffnet die Tür des Hängeschrankes darüber, um sich selbst eine Tasse zu nehmen.

„Heh... Ja..." Das Spiel mit meinem eigenen Becher zwischen den Händen wird nervöser. „Doch, ganz gut... Und du?"

Ich höre das Geräusch, als der Kaffee in seine Tasse plätschert, aber mehr auch nicht. Er schweigt. Und die Stille könnte sich kaum erdrückender anfühlen. Er greift nach der Milch auf der Küchenzeile, die ich noch nicht weggeräumt habe und gibt in aller Ruhe einen Schuss hinzu, ohne mich anzuschauen.

„Danke, Mann! Also für..." Ich tippe an die Brille auf meiner Stirn, auch wenn er es nicht sieht. „Ist echt ein Ding, dass du noch so eine aufgetrieben hast!" Ich lache unsicher. „Nur... ich werd sie besser heute noch nicht tragen vor den anderen... Ist etwas seltsam, weil ich sie letzte Nacht noch nicht hatte und wenn ich jetzt damit aufkreuze... Ist irgendwie komisch, weisst du?"

„Ich weiss." Er setzt sich ums Eck neben mich an den Tisch und stellt seine Tasse ab. Sein Blick haftet für einen Moment an der neuen ringförmigen Pfütze an meinem Platz, doch er kommentiert sie nicht. Abgesehen davon, dass er geistesabwesend wirkt, macht er einen guten Eindruck. Die Augenringe sind nur noch blasse Spuren und seine Hautfarbe wirkt gesünder als die ganzen letzten Tage zuvor.

Er schaut mich nicht an. Trinkt seinen Kaffee, als wäre ich nicht anwesend.

Ich sammel all meinen Mut, um es endlich hinter mich zu bringen. Es führt sowieso kein Weg dran vorbei und die Gelegenheit ist ideal. Wer weiss, wann sich die Möglichkeit das nächste Mal ergibt; ich weiss bloß, dass es mir bis dahin keine Ruhe lassen wird. Also lieber jetzt.

„Rufus, wir... sollten mal reden..." Ich starre in meine leere Tasse. Tue ich das Richtige?

Will ich diese Tür zuschlagen?

„Ich weiss", wiederholt er knapp und irritiert mich langsam mit seiner ungewohnten Wortkargheit, „Nicht jetzt."

„Ehm... Okay..."

Erneutes Schweigen. Dichter und drückender als eben noch. Gaia, ich ertrag es nicht.

„Wie geht's Tseng? Ich find's -"

„Ich möchte jetzt auch nicht über Tseng reden", unterbricht er mich bestimmt und nimmt einen Schluck aus seiner Tasse. „Ich möchte überhaupt nicht reden."

Gut, du bist also hergekommen, um abgestandenen Kaffee zu trinken. Wie auch immer.

Ich stehe auf und stelle meinen leeren Becher in die Spüle. „Okay, wenn du's dir anders überlegst... Du weisst, wo du mich findest." Ich drehe mich wieder zu ihm herum, doch er behandelt mich weiterhin als wäre ich Luft. Mein Blick wandert über seinen Rücken. Die gekrümmte, zusammengesunkene Haltung passt nicht zu ihm. Eine erneute Welle der Hingezogenheit flutet über mich hinweg. Wäre er Elena, wüsste ich, was ich jetzt zu tun hätte. Das wäre vertrautes Terrain. Aber hier dran ist nichts vertraut. Es ist ein unbekanntes Minenfeld. Neuland. Hier seyen Drachen.

Ich lasse mich noch ein paar Sekunden länger von ihm ignorieren, dann wird mir das alles endgültig zu beklemmend.

„Tja, also... Man sieht sich." Ich gehe aus der Küche heraus und steuere auf die Eingangstür zu. Das flehende „Bleib!", das hinter mir erklingt, ist so leise, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich's mir nicht nur eingebildet habe. Und da es leicht zu überhören war, tu' ich genau das, als ich aus seinem Apartment heraustrete.

 

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​​​​​‚Reno.

Wo steckst du? Komm sofort in mein Büro!

Rude.'


Scheisse, ich vermisse mein verdammtes Telefon inzwischen wirklich! Aber selbst wenn er mich auf Shinras Couch wachgeklingelt hätte... Was hätt' ich sagen sollen?!

Ich klopfe flüchtig an und betrete sein Büro, ohne eine Antwort abzuwarten. Rude hockt an seinem Computer und ist offensichtlich in irgendeine Arbeit vertieft. Gewesen. Er stößt sich ruckartig in seinem Stuhl zurück als er mich sieht.

„Wo in Gaias Namen bist du gewesen? Laut Elena hast du früher angefangen. Ich hab dich mehrmals ausrufen lassen!" Die in Furchen gelegte Stirn verrät anstatt der Augen hinter den verspiegelten Gläsern, dass er verärgert ist. Und wohl zurecht. Ich hab halbherzig versucht, mir auf dem kurzen Weg nach unten was auszudenken, wo ich gesteckt haben könnte. Aber mein Kopf ist völlig leer.

Also zucke ich bloß mit den Schultern. Rein menschlich müsste ich mich vor ihm rechtfertigen, aber faktisch als jetziger Vorgesetzter nicht und ich beschließe, nur einmal als Joker den Boss raushängen zu lassen. Zumindest bis mir doch noch etwas eingefallen ist, was ich hinterher nachliefern könnte.

„Was machst du? Den Bericht schreiben?", frage ich stattdessen und gehe um seinen Schreibtisch herum, um meinen Hintern gegen die Kante zu lehnen.

In Wahrheit könnte mich die Antwort im Moment kaum weniger interessieren. Ich frage mich vielmehr, ob Rufus noch immer in seiner Küche sitzt. Ob er hofft, dass ich noch immer in der Vorhalle zwischen ihm und dem Fahrstuhl stehe und mit mir ringe. Ob er drauf wartet, dass ich zurückkomme und um seinen Hals falle, wie am Ende eines billigen Films.

„Den habe ich dir schon gestern Nachmittag geschickt." Er schüttelt den Kopf.

Shiva, ich hab nicht vor, ihm um den Hals zu fallen. Ich bin nicht ohne Grund abgehauen. Hab's keine Sekunde länger da ausgehalten. Aber die Vorstellung, dass er noch immer zusammengekauert dort hockt... tut weh.

„Oh... Na dann. Also?", frage ich automatisch und versuche, mich zu zwingen, ihm zuzuhören. Meine Finger kratzen neben meinem Arsch an der Tischkante herum.

‚Bleib!'

Er hat so elendig geklungen. Warum hab ich ihm nicht zugehört - er wollte am Ende reden, nicht?! Er hätte mir sowieso nichts Neues sagen können, oder? Nichts, was ich nicht längst weiss. Gaia, letzte Nacht noch hätten mich keine sechs Chocobos von ihm wegbewegen können und jetzt flieh ich feige wie ne kleine Pussy? Verdammte Scheisse, ich weiss gar nichts mehr und nichts macht mehr Sinn. Ich kann nicht mal mit Sicherheit sagen, ob ich vor ihm geflohen bin oder vor mir. Vor der Hingezogenheit, die mich fast dazu getrieben hätte, von hinten an ihn heranzutreten und meine Arme um ihn zu legen wie ich es bei Elena getan habe. Aber Elena ist einfach nur eine Freundin. Rufus ist...

„Reno!"

Huh? Scheisse, ich hab kein einziges Wort mitbekommen. Die Furchen auf seiner Stirn haben an Zahl und Tiefe merklich zugenommen.

„Ja, Mann, ich hör dir doch zu!", verteidige ich mich und frag mich, wieso überhaupt. Langsam werde ich selbst angepisst.

„Was habe ich denn erzählt?" Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, faltet die Hände im Nacken und lächelt. Arschloch.

„Lauter interessante Sachen! Scheisse, ist es echt so abwegig, dass mich auch mal was beschäftigt, das ausnahmsweise wichtiger ist als Turkangelegenheiten?!", platze ich heraus und bereue es sofort bitter, weil...

Er zieht ungläubig die Augenbrauen hoch. „Seit wann gibt es in deinem Leben Dinge, die wichtiger als Turkangelegenheiten sind?"

...genau deswegen. Er hat Recht. Es ist verdammt nochmal abwegig.

Ich drehe den Kopf so weit es geht zur anderen Seite, um seinem Blick auszuweichen. Meine Schlagfertigkeit hat sich akut verabschiedet.

„Zuerst verschwindest du den ganzen Morgen an irgendeinen mysteriösen Ort und jetzt sowas?" Er seufzt, nimmt die Sonnenbrille ab und klappt die Bügel langsam zusammen. Klack. Klack. Dann legt er sie neben der Tastatur ab und atmet tief durch. „Wie heisst sie?"

Rufus Shinra.

Ich fühle, wie mir das Blut sofort kochend in die Wangen schießt. In letzter Zeit passiert das offenbar auf täglicher Basis. Und Rude ist es Antwort genug. Auch wenn es weit hergeholt ist, dass ich nach all den Jahren, die er mich kennt, zum ersten Mal... verliebt sein soll. Nicht, dass ich es bin. Ich starre hinab auf meine Hände und lasse langsam einen Fingerknöchel nach dem anderen knacken. Wenn ich es wäre, würde ich es wissen. Auch wenn ich's noch nie war. Das zu erkennen, wird einem doch in die Wiege gelegt, oder? So ne genetische Geschichte. Sobald man's ist, weiss man es.

„... dir einen verdammt schlechten Zeitpunkt gesucht für die Entdeckung deiner amourösen Seite", höre ich ihn noch sagen, als ich meine Aufmerksamkeit wieder einklinke.

Ich fahre abrupt zu ihm herum. „Ich bin nicht verliebt!" Mein Protest ist zu ernst, zu laut und zu heftig. Ich weiss es selbst. Er hebt beschwichtigend die Hände.

„In Ordnung, Partner. Du bist nicht verliebt. Falls du es dir anders überlegst und eine Schulter zum Ausheulen brauchst..." Er grinst zur Feier des Tages offen und schiebt hinterher: „... Dann wird Elena sicher Feuer und Flamme sein!"

„Verdammt witzig, Mann. Echt." Ich deute flüchtig auf seinen Monitor. „Also, was machst du?"

Natürlich interessiert es mich noch immer nicht. Ich will nur schnellstmöglich von Elena und dem ganzen Thema ablenken. Aber von Elena besonders. Wenn sie Wind davon bekommt... Von dem Gerücht, meine ich, dann wird sie sich auf mich stürzen wie ein irrer, hungriger Geier und solange mit ihren Fragen auf mich einhacken, bis sie alles an Informationen aus meinem rohen, lebenden Fleisch rausgepickt hat, was sie wissen will. Wenn sie nur in Verhören diesen sadistischen Enthusiasmus an den Tag legen würde.

„Hab mal geschaut, ob ich über diesen Vaughan noch etwas herausbekomme, solange Harvington verschollen bleibt. Ich fand es ungewöhnlich, dass jemand wie Flynch seine anderen Geschäftspartner namentlich erwähnt, und sei es, um vor Parker den Preis zu drücken."

„Du glaubst also, dass die beiden schon länger mit ihm unter einer Decke stecken?"

„Es wäre eine einfache wie wirksame Taktik. Er verbündet sich einfach mit zwei nachweisbaren Maklern, die ihm jederzeit am Telefon zur Verfügung stehen und in Geschäftsgesprächen behaupten, sie hätten bessere Angebote für ihn. Auf die Weise hätte er regelmäßig die Preise entscheidend drücken können." Anscheinend ist ihm die Welt ohne UV Filter auf der Nase doch ein wenig zu bunt und freundlich, denn er setzt sich seine Brille wieder auf.

„Hast du was rausgefunden? Elena ist doch schon alles durchgegangen, ohne was zu finden." Meine Finger nesteln in meiner Tasche an meiner eigenen Sonnenbrille herum. Sie zu fühlen, hat etwas Tröstendes.

„Das ist auch kein Wunder. Vaughan hat sich vor Jahren eine Maklerfirma mit seinem damaligen Partner Fisher geteilt. Er war Teilhaber und Mitinvestor, er hat auch dort gearbeitet von Zeit zu Zeit. Aber das Geschäft war ausschließlich nach diesem Fisher benannt. Fisher ist jedenfalls kurz vor Meteor Pleite gegangen und Vaughan ist finanziell mit den Bach runter. Beide sind insolvent und mit einem Berg voller Schulden geendet." Er rutscht wieder an den Tisch heran. Seine Finger fliegen kurz über die Tastatur und wie mein Blick auf den Monitor offenbart, erscheint ein kurzer Zeitungsartikel, der das Ende des Geschäftes offensichtlich zum Thema hat. Nibelheimer Kurier.  

‚Schlechte Zeiten für alle: Lokales Maklerbüro schließt die Pforten.'

„Nibelheim also? Schau an", geb ich mich halbwegs interessiert. Normalerweise wäre ich Feuer und Flamme und würde dem nächsten Ausflug förmlich entgegenlechzen. Drauf brennen, mal wieder rauszukommen, vor allem, weil ich schon seit etlichen Wochen hier festsitze. Auf der einen Seite tue ich das auch, nur der Zeitpunkt ist kein guter. Oder vielleicht doch. Vielleicht kann etwas Ablenkung wieder Ordnung in meinen Kopf bringen.

„Das ist das, was Tseng bisher rausgefunden hatte und ich hab es bloß fortgeführt", unterrichtet er mich mit einem etwas vorwurfsvollen Unterton.

Scheisse, dann hätte ich es auch längst wissen können. Ich hab Tsengs Nachforschungen und Berichten in letzter Zeit etwa so viel Aufmerksamkeit gewidmet wie meinen eigenen. Am Montag hat er all das in der Besprechung zumindest nicht erwähnt. Er hat wahrscheinlich die Nacht auf Dienstag Überstunden gemacht und uns dann den neuen Stand über die Computer zukommen lassen. Ich glaub, ich hab meinen eigenen gestern kein einziges Mal eingeschaltet. Zum ersten Mal in all der Zeit, bin ich auch in wichtigen Angelegenheiten schlampig geworden.

Habe ich eine Ausrede? Meine Fingerkuppen streichen versteckt über die Gläser.

Ich zwinge mich, den Hintern von seinem Tisch zu nehmen und mich herumzudrehen, um gemeinsam mit ihm auf den Bildschirm schauen zu können. Daneben steht ein Foto seiner Mutter. Der einzige persönliche Gegenstand an seinem Arbeitsplatz. Ich weiss, dass er ein enges Verhältnis zu ihr hat und sie regelmäßig besucht.

„Nach dem Meteorchaos und dem Run auf Land danach, muss ihm jedenfalls das Fell ziemlich gejuckt haben. Er wollte wieder mitmischen, aber solange er als insolvent galt, konnte er unmöglich sein eigenes Geschäft eröffnen. Also hat seine verheiratete Schwester die neue Firma gegründet und Vaughan arbeitet dort offiziell nur als Angestellter. Durchschaubar, aber sie können ihm nichts." Er wirft mir einen kurzen Seitenblick zu und ich sehe ein minimales Lächeln, „Rate mal, wie der Name seiner werten Schwester seit ihrer Hochzeit lautet? Rosenberg. Und das ist wiederum interessant, weil ihr Mann, Simon Rosenberg, eine Schwester hat, die mit einem Harvington verheiratet ist!"

„Ifrits Arsch!" Und jetzt hat er tatsächlich meine volle, ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Dieser Mann ist niemand anderes als Joseph Harvington, Cousin von dem Harvington, der uns solche Bauchschmerzen bereitet."

Eher Ray, korrigiere ich ihn makabererweise in Erinnerung an ihre tödliche Verletzung.

„Was ein inzüchtiges, verdammtes Rattennest!", platze ich raus, „Aber umso besser, macht es leichter, an den Rest zu kommen, wenn man erstmal einen hat." Familienbande sind in der Tat immer ein Vorteil für uns. Wenn die Beziehungen untereinander nicht nur geschäftlicher Natur sind, sind die Kandidaten, die uns ins Netz gehen eher gewillt zu reden und Aussenstehende zu verraten, um ihre Lieben dafür zu schützen. Bleibt nur zu hoffen, dass Flynch nicht selbst der Halbbruder des Cousins der Frau des Schwagers vom Hund des Metzgers in Nibelheim ist.

Rudes Mobiltelefon am anderen Ende des Schreibtischs klingelt.

„Geh ran", nickt er knapp in die Richtung.

„Wieso soll ich für dich ans Telefon gehen, bin ich deine verdammte Sekretärin?!" Ich nehm es lediglich, weil ich näher dran bin und streck es ihm entgegen.

„Reno, es ist dein neues Telefon. Heute Morgen gekommen, während du nicht verliebt warst", seufzt er.

„Oh. Achso. Cool!" Verdammt, es ist mehr als nur das! Die ganzen scheiss Zettel und die ewige Unerreichbarkeit sind mir inzwischen echt auf den Sack gegangen!

„Hallo?"

Es ist Cole.

„Ah... Okay. Hast du alles, was ich dir aufgeschrieben hab? ... Gut, ich will, dass du den Kerl auf nen Tisch fesseln lässt, er muss liegen. Und das Zeug soll in Reichweite bereit sein. ... Wir kommen dann in zwanzig Minuten runter!" Ich leg auf und grinse Rude an. „Heh, unser Freund mit dem ‚i' hat sich nassgemacht. Sieht aus, als könnten wir gleich zur Tat schreiten."

Gaia, endlich etwas Action. Hatte davon zwar mehr als genug die letzten Tage, aber nur die wenigsten Momente davon waren Action nach meinem Geschmack. Nicht, dass ich genießen werde, zu tun, was ich vorhabe - ganz im Gegenteil. Ich bin nicht pervers. Aber auf das Ergebnis bin ich äußerst gespannt. Es scheint mir ein absolut sicherer Weg, einen Menschen zu brechen und ich will sehen, ob ich Recht habe.

 

~


„Wie geht's Tseng? Warst du heute schon bei ihm unten?", erkundige ich mich, während wir über den Flur im 53. hasten.

„Nur kurz, er hat geschlafen. Aber ich hab mit Schaefer gesprochen und er sagt, er ist stabil und über den Berg."

„Kann ich ihm auch nur raten!" Ich stoße schwungvoll die Tür vor uns auf. „He, Clide mit ‚i', Mann! Wie geht's?!", grüße ich kameradschaftlich beim Eintreten.

Er liegt in seinem ärmellosen, grünen Shirt auf dem metallenen Untersuchungstisch, seine Arme und Beine jeweils an den Ellenbogen, beziehungsweise Kniekehlen zu beiden Seiten der Tischfläche nach unten hin abgewinkelt und unterhalb allesamt stramm aneinandergefesselt. Jede kleinste Bewegung einer Extremität würde durch den Zug und die Tischkante große Schmerzen in den drei anderen nach sich ziehen - nicht, dass er in der Position überhaupt so etwas wie Bewegungsspielraum hätte. Nur der Kopf ist nicht fixiert, aber das geht in Ordnung. Soll er ihn ruhig anheben und mir bei dem, was ich vorhabe, ein wenig zuschauen. Es kann meinem Anliegen nur in die Hände spielen und darum habe ich's nicht angeordnet.

Auf meine Begrüßung hin legt er den Kopf auf die Seite und schaut mich und Rude bloß seelenruhig an. Aber seine Ruhe ist nur taktische Spielerei, genau wie meine, jetzt wo ich lässig zu ihm schlendere, als wäre rein gar nichts Sonderbares an seiner Position.

Ich starre direkt herab auf seine durchnässte Unterhose und den ebenso nassen, gelblich verfärbten Verband an seinem Oberschenkel. Über ihm hängt eine eingeschaltete OP Lampe an einem Metallarm herab, den ich unterhalb seines Scharniergelenks etwas nach oben drücke. Das kalte, grelle Licht lässt sein Malheur eher wie ein medizinisches Problem wirken statt eines hygienischens.

„Tut mir leid wegen der Sauerei, Mann! Wirklich." Ich parke meinen Hintern in Sicherheitsabstand zu seiner Pisse neben seinem Bauch auf der Tischkante. Das Ding rollt augenblicklich ein Stück zurück, bringt mich ins Stolpern und beraubt mich jeder Coolness.

„Hoppla!", grinse ich und überspiele meine Verlegenheit. Seine wachsamen Reptilienaugen beobachten mich scheinbar gelangweilt. Rude hat mittlerweile seine Position an der Wand eingenommen und sieht mit seinen verschränkten Armen, der steinernen Miene und den getönten Gläsern vor den Augen durch und durch böse aus. Und er weiss es.

Ich ziehe den Tisch wieder in seine ursprüngliche Stellung und raste dieses Mal klugerweise mit dem Fuß die Bremse unten ein. „Ich kann mir denken, dass sowas sehr unangenehm ist, aber die Alternative wäre gewesen, dir nen verfluchten Katheter reinzuschieben und ich hab mir gedacht, das würd dir und vor allem mir noch weniger gefallen." Mein Grinsen wird breiter, „Hatte es quasi so im Urin."

„Und ihr zwei Gestalten wollt mir jetzt mit der ‚Guter Bulle, böser Bulle' - Geschichte kommen?", fängt er an zu reden und übergeht dabei mein grandioses Wortspiel in unbeeindrucktem Ton, der etwas Schnarrendes hat, weil er vermutlich nicht mehr gesprochen hat, seit er Rude gestern seinen Namen genannt hat.

„Nah. Nicht ganz." Ich verschränke selbst die Arme und laufe langsam um den Tisch herum. „Der da ist der böse Bulle", deute ich auf Rude, „und ich bin der ganz böse. Und dummerweise bin ich auch noch sein Vorgesetzter."

„Überrascht mich nicht", kommentiert Clide trocken, „ShinRas Spitze wird nach oben hin immer verrückter."

Ich lasse mich nicht auf die Provokation ein, auch wenn ich unterschwellig von meinem Gespräch mit Rude noch durchaus gereizt genug bin, dass es mir gut täte, ein wenig Dampf abzulassen. Aber ich habe viel an Zeitverlust in Kauf genommen, um den Knaben auf eine Weise zu foltern, die gänzlich unnötig ist. Effektiv, aber es gäbe schnellere Methoden. Und warum? Nun, warum nicht? Ich hatte einfach diese Idee und keine schnellere, andere zur Hand. Mehr steckt nicht dahinter.

Er kneift die Augen minimal zusammen und mustert mich etwas genauer, als ich meine zweite Runde um seinen Tisch beginne. „Ich kenn dich."

„Mich kennen viele", antworte ich prompt und schlender weiter. Scheissdreck, ich vermisse meinen Mag Rod, der mir dabei immer treu auf der Schulter lag. Was hatte Tseng gesagt? Am Donnerstag soll einer kommen. Das ist morgen, immerhin.

„Du bist Shinras Schoßhund. Der rothaarige Psycho-Turk. Du wedelst doch immer hinter ihm mit dem Schwanz durchs Bild, wann immer der Schizo im Fernsehen ist", führt er aus.

„Das macht mich zu seinem persönlichen Wachhund, nicht Schoßhund", korrigiere ich ruhig, aber seine ursprüngliche Bezeichnung hat mir einen kleinen Stich versetzt in ein Zentrum, das derzeit sehr sensibel ist. Ich lasse es mir nicht anmerken, genauso wie er sich nicht anmerken lässt, dass sein Unterleib vollgepinkelt ist. Es ist völlig normal, dass er in seiner Lage beginnt, mich verbal nach Schwachpunkten abzutasten. Tun die meisten. „Aber Psycho-Turk gefällt mir. Hat was. Könnt ich mir glatt ein Shirt mit drucken lassen."

„Wenn du mit ‚Wachhund' besser leben kannst, mach das, Psycho. Ihr verschwendet jedenfalls eure Zeit mit mir."

„Oh, komm, Clide mit derzeit ganz groß geschriebenem ‚Ihh'!", stöhne ich laut auf und starte meine dritte Runde, „Bis eben dachte ich echt, du hast eventuell was auf dem Kasten und jetzt kommst du mir mit der abgedroschenen ‚Ihr verschwendet eure Zeit mit mir'-Nummer?! Ist dir das nicht selbst zu langweilig? Heh, deine Situation ist so dermaßen beschissen, an deiner Stelle würd ich wenigstens versuchen, sie originell zu gestalten!"

Shiva, warum nimmt mich keiner mehr ernst?! Erst Reyli, jetzt der Pisser hier.

„Du verstehst nicht. Ihr verschwendet nicht eure Zeit, weil ich nicht reden werd, im Gegenteil. Ich würd euch sofort alles sagen, was ihr wissen wollt, nur scheinst du nicht in der Lage zu sein, endlich eine verdammte Frage zu stellen. Nochmal: Ihr verschwendet eure Zeit. Nicht ich." Er grinst. „Kranker Psycho."

Ich erinnere mich, dass Rude mir erzählt hat, er ist einer von denen, die sich für furchtbar clever halten. Spätestens jetzt wäre ich von selbst draufgekommen.

„Huh, und warum solltest du einfach so reden? Und wenn du redest, wieso sollte ich davon ausgehen, dass du uns keine Scheisse erzählst?"

„Weil du keine andere Wahl hast, oder? Ihr hirnlosen Kläffer werdet mich sowieso töten und ich freu mich sogar drüber, dass ihr mich regelrecht bittet, euch ShinRa Abschaum vorher nochmal wenigstens die Meinung zu sagen. Psycho. Denkst du, ich hätt' versucht, dein Herrchen abzuknallen, wenn ich nicht bereit wäre, dafür draufzugehen?"

Sein maßloser, offen zur Schau getragener ShinRa-Hass irritiert mich mit jeder Minute mehr. Ich beginne, ein viertes Mal um den Tisch herumzulaufen. Flynchs Leute und Flynch selbst mögen vielleicht gegen ShinRa sein, aber bislang haben wir eher geschäftliche, rationalere Gründe dahinter vermutet. Der persönliche Groll, den unser Freund hier an den Tag legt, passt eigentlich nicht dazu. Er passt eher zu den Freaks von Avalanche. Nun, Flynchs Einstellung sagt nichts über die geistige Verfassung seines kleinen Fußvolkes aus, nicht? Es könnte immer noch zusammenpassen.

Ah, selbst wenn Flynch mit der ganzen Sache nichts zu tun hat - und die Chance besteht noch immer - der Kerl hier hat versucht, ein Attentat auf den Präsidenten auszuüben und allein das macht unser Vorgehen nicht nur legitim, sondern absolut notwendig.

„Ja. Vielleicht würdest du uns alles sagen. Vielleicht auch nicht. Manchen fällt durchaus noch was ein, wenn sie Schmerzen haben. Manchmal sind's Märchen, aber das werden wir dann schon rausfinden. Einen Versuch ist's immer wert." Ich bleibe endlich stehen und blicke auf zu Rude. „Nicht, Partner?"

„Mhm", brummt er seine Zustimmung, so grummelig und böse, wie er nur kann.

„Er ist nicht so redselig wie ich, das musst du ihm nachsehen. Ich red gern in netter Gesellschaft und noch lieber vor Abschaum. Hab wohl zu viel Zeit mittlerweile auf dem Schoß meines Herrchens verbracht."

Die lähmenden Bilder, die bei diesen Worten vor meinem inneren Auge plötzlich ungebeten aufblitzen, während ich wer-weiss-wie-lang ins Nichts starre, werfen mich völlig aus der Bahn, genau wie das begleitende, süße Ziehen in mir und die rasant wachsende Erektion. Als wäre ich wieder ein verdammter, hirnloser Teenager, der seine Hormone nicht unter Kontrolle hat. Ich drehe mich schnell zu dem Rollwagen mit den bereitliegenden, bestellten Gegenständen für meinen kleinen Eingriff herum, um mir nichts anmerken zu lassen.

Oh Gaia, nicht jetzt...

... und verdammt nochmal auch nicht zu nem anderen Zeitpunkt!

Aber der Film in meinem Kopfkino lässt sich nicht ausschalten, genauso wenig, wie das Kitzeln in meinem Magen und der Drang, der sich mehr wie ein Zwang anfühlt, alles stehen und liegen zu lassen und zu ihm zu stürmen.

Sekunden vergehen, in denen ich ernsthaft dagegen ankämpfen muss, genau das zu tun.

„Reno, ich hätte noch eine Frage, bevor wir anfangen." Rude hat sofort gemerkt, dass etwas nicht stimmt und rettet mich diskret. „Könnten wir kurz unter vier Augen reden?"

„Klar. Wenn's sein muss", springe ich in bemüht genervtem Tonfall sofort auf den zu Hilfe eilenden Zug auf. Ich fahre herum und laufe eilig aus dem Zimmer heraus und lehne mich draussen an die Wand. Er folgt und schließt die Tür hinter uns.  

„Was ist los mit dir?"

„Weiss nicht, fühl mich plötzlich komisch." Es ist immerhin keine echte Lüge. Ich versuche, mich zusammenzureissen und meine volle Aufmerksamkeit dem Hier und Jetzt zu widmen. „Hab heute Morgen was gegessen, was mir von Anfang an nicht ganz geheuer war." Das hingegen ist eine waschechte Lüge, aber vielleicht lässt er mich damit durchkommen.

„Wo und mit wem auch immer du dieses Essen zu dir genommen hast." Er atmet tief durch, aber bohrt nicht weiter. „Geh nach Hause und zieh deine Mittagspause vor. Unser Gast wird dich in deinem Zustand sowieso kaum ernst nehmen."

Ich zögere, bevor ich leise antworte: „Danke, Mann."

Ich protestiere erst gar nicht. Seine Idee ist gut.

 

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„Shiva..."

Meine Hand bearbeitet routiniert meinen eingeseiften, steifen Schwanz, während das heisse Wasser meinen Nacken herunterströmt. Dass ich dabei die Eisdämonin beschwöre, ist alles andere als Routine. Was angefangen hat als Standardritual wie das Duschen, Zähneputzen und Rasieren, wegen dem ich in zweiter Linie nach Hause gegangen bin, ist zusammen mit meinen Gedanken währenddessen abgedriftet. Ich mach's mir mit der linken Hand. Die, mit der ich fremdwichse, wann immer ich in Stimmung bin, mein Kopfkino dabei zu besuchen, anstatt mir bloß mechanisch das Rohr durchzuspülen. Wann immer ich mir vorstelle, es wäre nicht meine.

Ich bin zu geil, den ablaufenden Film zu kommentieren oder den Regisseur zu kritisieren. Ich brauche ein Ventil. Nur eine harmlose, kleine Phantasie, die nichts bedeutet. Es macht mich nicht schwul, dass er darin vorkommt. Es ist nur naheliegend, nach allem, nicht? Es ist nur naheliegend, dass er mir von hinten fest in die Schulter beisst, seinen rechten Arm eng um meine Taille geschlungen, während seine linke es mir besorgt.

Sein Biss geht in kleine Küsse über, die meinen Hals hinaufwandern und ich neige einladend den Kopf zur Seite. Er leckt das Wasser von meiner erhitzten Haut und seine - meine - rechte Hand gleitet langsam herab und umfasst zusätzlich meine rasierten Eier. Ich spüre und höre seinen schweren Atem in meiner Ohrmuschel.

„Shiva...!"

Sein Streichen wird schneller und der Griff um meinen Schaft fester. Ich lege meine Arme nach hinten um seinen Nacken und presse meinen Rücken an die Brust, von der ich nur zu genau inzwischen weiss, wie sie aussieht. Die blonden Haare unter dem Nabel müssen dunkler wirken, wenn sie nass sind. An meinem Arsch spüre ich den einzigen Teil von ihm, den ich noch nicht gesehen habe. Aber ich muss ihn mir nicht bildlich vorstellen können, um zu wissen, wie er sich wohl anfühlen würde.

„Shinra!", stöhne ich nochmal auf und bemerke unterschwellig, dass irgendwas daran nicht stimmt. Mein Kopf rollt zurück als ich explodierend komme und die rhythmischen Kontraktionen mich wieder und wieder abspritzen lassen, bis der letzte Tropfen förmlich aus mir herausgepresst ist. Die Woge der Erlösung ist so stark und süß, dass ich mich träge und nach Luft ringend an die weissen Kacheln seitlich lehne. Mein Puls hämmert in meinem gesamten Körper.

„...Shiva", beschwöre ich sie ein letztes Mal flüsternd.

Stille Sekunden unter den heissen Schauern vergehen.

Ich öffne die Augen. Die milchigen Fäden auf Hüfthöhe fließen langsam die Kacheln herunter, bevor immer mehr Wassertropfen gegen sie spritzen, sich mit dem Sperma vermischen und es schneller herabrinnen lassen. Mit jedem Atemzug weicht die Lust aus meinem Körper wie das Blut aus meinem Schwanz und die ersten Zweifel kommen.

Scheisse.

Das war... nicht richtig.

Die sich ausbreitende Leere in mir ist anders als die, die mir von unzähligen Morgen danach vertraut ist. Es ist mehr die plötzliche Abwesenheit aller Dinge, die ich bislang als selbstverständlich betrachtet habe. Ich weiss nicht mehr, was mit mir los ist und ich weiss nicht mehr, ob ich der Mensch bin, für den ich mich immer gehalten hab. Wenn ich einfach nur auf Männer stehen würde, wäre alles simpel. Wär' ich eben schwul, hätt' kein Problem damit. Aber ich bin es eben nicht. Ich stehe durch und durch auf Frauen.

Und Rufus.

„Nein, Mann! Nein", antworte ich laut meiner inneren Stimme, als ich aus der Duschwanne heraustrete und das verwaschene, schwarze Handtuch greife. Eine einzelne, verdammte homoerotische Phantasie in dreissig Jahren macht mich nicht schwul oder auch nur bisexuell. Ein kleiner Ausrutscher, nicht die Welt. Ausserdem kenn ich den Kerl viel zu lang, um jetzt noch aus heiterem Himmel scharf auf ihn zu werden.

‚Du übersiehst, dass ich den größten Teil dieser Zeit genauso wenig mit dir zu tun hatte, wie du mit mir', erklingt die Erinnerung an seine Worte in meinem Kopf.

Fein. Dann hast du mich mit deiner offensiven, subtilen Baggerei in letzter Zeit eben auf die Idee gebracht und ich hab mich einmal gehen lassen, aus reiner Neugier. Wird mich nicht um den verfluchten Schlaf bringen, im Gegensatz zu dir!

Warum macht es dir dann so zu schaffen?, fragt die leise Stimme, während ich mich zügig abtrockne und meine Haare durchrubbel.

Wenn ich das wüsste. Und wenn ich wüsste, wieso ich zum ersten Mal in meiner Phantasie passiv war. Macht es die Sache weniger schwul, wenn er mich anfasst statt ich ihn?

Die Bürste, die ich zu lang nicht mehr saubergemacht habe, rupft gnadenlos durch mein zerzaustes, nasses Haar, reisst etliche schmale, verknotete Strähnen schmerzhaft hinaus und pappt dabei wahrscheinlich genauso viele aus den verwollten Metallzähnen wieder hinein.

Erinnerst du dich an Sam?

Gaia, natürlich. Er war jahrelang mein bester Freund. Bis... Aber das war etwas völlig anderes. In dem Alter zählt sowas nicht.

Nicht? Du hast ihn deswegen verloren!

Das hab ich. Und ich hab ihn geliebt wie man als Junge einen besten Freund nur lieben kann.

Ich blicke meinem Spiegelbild mit den feuchten, roten Strähnen, die in dem ungewöhnlich ernsten Gesicht kleben, in die aquamarinfarbenen Augen, als könnte ich der Stimme in mir dadurch einen Körper geben. Aber das ist wohl schizophren gedacht. Sie weiss auch nicht mehr als ich.

„Und es hat verdammt wehgetan", füge ich hinzu und die Reflexion bewegt zustimmend ihre Lippen, scheinbar den gleichen Gedanken hegend. Sieht aus, als wären meine innere Stimme und ich zumindest in dem Punkt einer Meinung.

 

~


Ich bleibe auf dem schmalen, von gepflegten Rasenflächen eingegrenzten Fußweg zwischen der Wohnanlage und dem seitlichen Personaleingang des ShinRa Towers stehen und lege den Kopf weit in den Nacken. Die Sonne ist von Wolken verdeckt und der Wind spielt mit meinen frisch geföhnten, in Form gebrachten Strähnen, wenn auch etwas müder als gestern noch. Trotz des grauen Wetters ist es unmöglich, zu ihm hinaufzublicken. Ich bin zu dicht vor seinem weissen Turm. Als würde es etwas ändern, trete ich zwei Schritte zurück, die Augen weiterhin wehmütig in die Höhe gerichtet, mich fragend, ob er an seiner riesigen Fensterfront in diesem Moment steht. Selbst wenn er wüsste, dass ich hier unten bin, wäre alles, was er umgekehrt sehen könnte, die rostige Leiche von Midgar.

Er würde unmöglich noch immer in seiner Küche sitzen. Nicht wahr?

Bei der Vorstellung werden meine Knie weich und ein Kloß formt sich in meinem Hals. Meine Finger streicheln die Brille in der Aussentasche meines Jacketts. Das Geschenk, das noch niemand sehen darf. Und selbst wenn, werde ich über die Herkunft lügen müssen.

Heh. Sollte mir vielleicht wirklich ne imaginäre Freundin ausdenken. Würde manches so langsam einfacher machen. Aber nur, bis Elena auf den Plan käme. Und das würde sie.

Oh, wie sie das würde.

 

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„Clide, Mann! Tut mir echt leid, dass ich dich und dein ‚i' warten lassen musste!" Meinem lockeren Tonfall lässt sich nicht anmerken, dass ich gerade absolut keinen Kopf für solche Geschichten habe. Klar, der Körper ist wieder entspannt, nur die Gedanken wirbeln weiterhin umher wie die weissen Plastikkrümel in einer durchgeschüttelten Schneekugel. Aber genau wie jeder andere Angestellte oder sogar der selbstständige Bauer auf ner lauschigen Farm bei Kalm, muss ich meine Arbeit machen. Unser Gast hier kann genauso wenig warten wie die Kuh im Stall, der der verdammte Euter platzt, wenn sie nicht endlich gemolken wird.

Immerhin zaubert der treffende Vergleich ein winziges Lächeln auf meine Lippen.

Rude nimmt wieder böse an der Wand Stellung und ich zieh mir einen Schemel aus der Ecke und den kleinen Metallwagen mit den Instrumenten heran. Dann richte ich die riesige OP Lampe besser für meinen Zweck aus. Ich habe nicht vor, zu schlampen, um es schneller hinter mich zu bringen, aber genauso wenig ist mir noch nach verbalem Kräftemessen und weiterer Zeitverschwendung.

„Ich mach dir nen Vorschlag", beginn ich und setze mich auf Höhe seiner Oberschenkel neben seinem Tisch auf den Hocker, „du erzählst mir einfach alles, was du meinst, was wir wissen wollen. Hast ja gesagt, dass du so scharf darauf bist, deinen Scheiss loszuwerden, also wirst du meine volle Aufmerksamkeit bekommen. Und ich werde währenddessen einen kleinen Eingriff vornehmen. Keine Bange, der wird nicht wehtun, aber uns beiden wohl ziemlich peinlich sein, also lenk uns ruhig ein bisschen ab mit dem, was du so auf dem Herzchen hast, mein Guter!"

Ich ziehe einen Latexhandschuh aus der Schachtel, puste hinein und streife ihn mir sorgfältig über. Ein nicht unangenehmer Talkumgeruch steigt mir in die Nase. Sein funkelnder, grüner Reptilienblick beobachtet mich dabei, wie ich mit den ausgestreckten Fingern klimpere, aber er fragt nicht, was ich vorhabe und ebensowenig protestiert er. Er weiss, dass er weder eine Antwort noch Erbarmen von mir zu erwarten hat und rettet damit einen Restfunken seiner Würde.

Er fängt an, zu reden, als ich mir den zweiten Handschuh überstreife.

„Wir waren bloß vier und ihr habt alle erledigt, bis auf mich. Es gibt keinen verdammten Menschen, den du damit erpressen könntest, dass du mich lebendig gefangen hast, Psycho."

„Doch, dich!", antworte ich prompt, ohne ihn anzuschauen, weil meine Aufmerksamkeit voll und ganz der Verbandsschere gilt, die ich in die Hand genommen habe. Ich drehe mich damit seitlich zu ihm herum und fange an, die eingesaute, schwarze Unterhose vorsichtig von ihm loszuschneiden, zuerst an seiner rechten Hüfte, dann stehe ich kurz auf, um mich rüberzubeugen und den Schnitt an seiner linken ebenfalls vorzunehmen.

„Mir ist egal, was ihr mit mir macht. Ich dachte, das hätte ich schon vorhin klargestellt."

„Ja, Mann, und ich hab klargestellt, dass so manchem unter den richtigen Umständen dann doch noch etwas eingefallen ist. Und diese richtigen Umstände schaffe ich gerade, also red endlich oder ich rutsch mit der Schere eventuell ab. Stille macht mich manchmal nervös." Natürlich hab ich nicht ernsthaft vor, ihm den verdammten Schwanz oder die Eier abzuschneiden. Egal ob er's verdient. Das würd ihn nicht zum Reden bringen, sondern zum Schreien bis er einfach verblutet ist. Ausserdem bezweifel ich, dass ich das könnte. Allein bei dem Gedanken ziehen sich meine eigenen Eier in den Schutz meines Bauches zurück.

Ich greife mit spitzen Fingern den vollgesogenen Stoff seiner Unterhose und ziehe das Ding unter und gleichermaßen von ihm weg, um es achtlos in die Ecke zu werfen. Innerlich verziehe ich angewidert das Gesicht, aber ich hab mich genug unter Kontrolle, meiner Mimik nichts anmerken zu lassen.

„Da hättest du nichts von", spricht er grinsend meine eigenen Gedanken aus. „Wir haben schon länger versucht, deinen Schizo-Boss aus dem Verkehr zu ziehen, aber der Kerl ist feige wie ne kleine Sau und versteckt sich immer hinter euch Schoßhündchen. Entschuldige. Wachhündchen, meine ich."

„Aha." Gähn. „Und was ist euer Grund? Ökoterrorismus? Finanzielle Verluste durch ShinRa? Menschliche Verluste? Oder vielleicht sogar mal was Originelles?" Ich versuche, seine freigelegten Genitalien genauso zu ignorieren wie den Gestank vom kalten Urin. Im Moment gelingt mir das noch, da ich jetzt erstmal mein weiteres Vorgehen vorbereiten muss.

„Sektor 7", antwortet er scharf und ich halte fast inne. Fast. Ich kann den Aussetzer in meinem Hantieren gerade vermeiden.

„Mann, das ist echt Käse, weisst du? Die Sektor 7 - Sache wurde vom alten ShinRa Präsidenten angeleiert und der ist bereits tot. Rufus –" Ich verstumme den Bruchteil einer Sekunde und hänge rettend den Nachnamen an, „- Shinra hat damit überhaupt nichts zu tun. Der Kerl hat nicht mal ne Familie, die an seinem Grab trauern würd!"

Aber ich würde inzwischen. Ich stelle fest, dass ich nicht mal daran denken kann, ohne dass sich mir die Kehle sofort eng zusammenschnürt. Gut, dass ich es immer in der Hand haben werde, nicht? Und ich lass dich nicht sterben, mein seltsames, goldenes Wesen.

Die warme Flut der Gefühle kehrt zurück. Shiva, was ist aus mir geworden? Ein schwülstiger Ritter im Reich der Drachen. Das ist keine Poesie, das ist lupenreiner, hochkarätiger Kitsch.

Aber... nichts anderes war er nun einmal in dem Moment als seltsam, fremdartig und von einem absolut realen Goldschimmer überzogen. Es war das Licht, natürlich, aber es war trotzdem echt und keine metaphorische Umschreibung. Und er hat nicht gewirkt, als –

Rude räuspert sich.

Ich versuche, gedanklich von meinem edlen, weissen Chocobo herunterzusteigen, das heilige Schwert beiseite zu legen und aus dem Drachenreich ins Hier und Jetzt zu finden. Der Rückweg gestaltet sich nur immer wesentlich schwieriger als der Weg hinein.

Aber dann wird der Chocobo unter meinem Arsch wieder zu einem Rollhocker und das Schwert in der Hand zu der Spritze mit der dicken Hohlnadel.

„Ja, Mann, ich muss eben nachdenken", adressiere ich meinen Partner, um ihm zu signalisieren, dass ich wieder zurück bin und alles okay ist. „Wegen der verdammten Menge. Ah, lieber zu viel, als zu wenig!" Ich zucke mit den Schultern, schraube den Deckel von der kleinen Tube in meinen Händen und ziehe die Schutzfolie vorn ab. Die erste Komplikation tritt auf, als ich bemerke, dass der Durchmesser der Hohlnadel größer ist als der der Tubenspitze.

„Red weiter, Clide. Bin ganz Ohr. Ihr habt also alle wen durch die Sektor 7 - Geschichte verloren, nehm ich an." Ich leg die Spritze nochmal beiseite, greife die Verbandsschere und schneide vorsichtig das hintere, flache Ende der Tube ab. Jetzt darf ich nicht mehr herumtrödeln. Es liegt in der Natur von dem Zeug, dass es schnell eintrocknet. Da verhält sich chirurgischer Kleber nicht anders als der, mit dem man lustige Fensterbilder bastelt. Oder auch nicht bastelt.

„Da nimmst du ganz richtig an, Psycho. Tja, und am Sonntag Morgen klingelt glatt bei Sarah das Telefon und wir bekommen einen Tipp, dass der Schizo mit seiner ganzen Köterbande am Dienstag einen seiner Hunde auf dem Zentralfriedhof zu Grabe trägt. Hab nicht gewusst, dass man dort Tierkadaver bestatten darf, aber Schizoshinra kann sich sowas wohl rausnehmen."

Seine Provokation interessiert mich nicht halb so sehr wie seine erste Lüge, bei der ich ihn ertappe. Am Sonntag Morgen war Rays Beerdigung definitiv noch für Mittwoch angesetzt. Tseng hat sie erst viel später im Laufe des Tages vorziehen lassen wegen Reylis Beisetzung. Ich lasse mir nichts anmerken und ziehe ruhig die Spritze mit dem Kleber auf. Und jetzt wird es heissen, Augen zu und durch. ...Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich stehe auf. „Wer ist Sarah und wer war der Anrufer?" Ich umgreife seinen schlaffen Schwanz und wünsche mir in diesem Augenblick, ein anderer Mensch mit einem anderen Job an einem anderen Ort zu sein. Vielleicht ein Vieh-Hirte in den Hügeln von Mideel oder ein Chip-Einsammler in Gold Saucer. Wenn ich mir vorhin nicht auf Rufus einen runtergeholt hätte, und das habe ich nun einmal, egal wie ich es drehe und wende, wäre ich mir in dem Moment zu hundert Prozent sicher, dass ich zu hundert Prozent heterosexuell bin. Aber ich kann es nicht sein nach der Geschichte, oder? Mit etwas zeitlichem Abstand ist es leichter, es mir einzugestehen. Gut, hab ich halt eine minimalste bisexuelle Ader. Hat doch eh angeblich jeder, also was soll's?!

„Sarah hat den ersten Schuss auf dein Herrchen abgefeuert. Wir haben keine Ahnung, wer uns angerufen hat. Er ist anonym geblieben", erzählt er und noch immer zeugt nichts an seiner Stimme von der unangenehmen, entwürdigenden Lage, in der er sich mehr denn je befindet.

Ich blicke hinab auf den fremden Schwanz zwischen meinen Fingern. Fänd ich das Teil geil, wenn es Rufus' wäre? Wenn es seiner wäre und er nicht nach alter Pisse stinken würde?

Ich ziehe die überaus lange Vorhaut etwas zurück, um die Eichel genug freizulegen, dass ich gut an die Harnröhre komme. Argh! Es ist nicht seiner, ich ekel mich gerade zu Tode und damit hat sich die bizarre Fragestellung für mich erledigt. Aber sechstausend weitere schießen hinterher. Könnte ich einen Schwanz überhaupt geil finden? Ihn freiwillig anfassen wollen? Nur wenn es seiner wäre? Oder nur wenn er ästhetisch wäre? Was, wenn er ein hässliches Teil hat? Kann man jemanden des gleichen Geschlechts wollen, aber nicht sein Geschlechtsteil? Könnte ich sein Ding in meinen Mund nehmen oder meins in seinem Arsch parken?

„Was ist, überlegst du, ob du mir lieber einen blasen willst?!", reisst Clide mich aus meinen philosophischen Gedanken.

Shiva, der Kleber wird hart!!!

...Aber gaiaseidank dieses Mal nur der.

„Hättest du gern, was?", kontere ich lahm, aber immerhin gekontert. Bei so einer Provokation ist es eine Frage des Prinzips. „Ich muss dich enttäuschen, das Zeug braucht nur eine Minute um anzuhärten, sonst ist die Konsistenz zu flüssig." Ja. Genau. Und Sephiroth fährt im Planetinneren mit Zack und Aerith Dreiradwettrennen. Und alle tragen sie lustige Partyhütchen dabei. Ich will auch eins.

So vorsichtig ich kann, führe ich die Nadel langsam in seine Harnröhre ein. Ich will ihn nicht dabei verletzen.

„Ich soll also glauben, dass euer privater Club, der nur aus vier Zivilistenkaspern besteht, die keine Sau kennt, plötzlich das Interesse eines anonymen Auftraggebers weckt, der mal eben eine Jahrtausendchance, den Präsidenten zu erledigen, in eure unerfahrenen Hände legt? Ach, Clide", seufze ich und schiebe die Nadel tiefer. „Denk nochmal drüber nach, dann fällt dir vielleicht ein, dass deine liebe Freundin Sarah dir gesagt hat, dass der Mann Flynch hieß. Euer guter, alter Freund Flynch."

Ich schaue flüchtig hoch, um seine Reaktion aufzusaugen. Aber es kommt keine. Das Glitzern in den halb geschlossenen Augen ist das gleiche wie schon die ganze Zeit.

„Psycho, selbst wenn das so wäre, warum sollte ich es dir sagen, wenn du sowieso denkst, dass ich lüge? Du bist nicht so gut im Verhören wie du als Schoßhündchen taugst. Du musst mir doch wenigstens irgendwas in Aussicht stellen, für das es sich zu reden lohnt."

Bin dabei, Mann. Bin dabei. Die volle Länge der Nadel eingeführt, beginne ich, den Inhalt der Spritze in ihm zu entleeren.

„Ah, das kann warten. Ist wirkungsvoller, wenn man leidet, weisst du? Im Moment leidest du noch nicht. Wenn's soweit ist, wirst du noch ein Angebot bekommen." Ich ziehe die Nadel nach getanem Werk wieder heraus und lege die Spritze weg. „Rude, guck mal auf die Uhr. Zwei Minuten." Das Zeug ist teuflisch. Nicht wasserlöslich und dazu konzipiert, Wunden zu schließen, die nicht genäht werden können oder sollen. In 120 Sekunden ist sein Hahn völlig dicht.

Gaia, endlich fertig mit der Scheisse. Theoretisch hätte ich irgendeiner armen Seele befehlen können, den Job zu erledigen. Ich hab's nicht, weil es meine Aufgabe ist, Verhöre durchzuführen inklusive entsprechender Maßnahmen, um mehr Informationen herauszuquetschen. Und wenn ich zu unkonventionellen Maßnahmen greife, ist das mein Bier und mein Problem. Ausserdem ist es mir lieber, die Dinge selbst zu tun und dann wenigstens zu wissen, dass sie meinen Vorstellungen entsprechen.

Die Idee zu dieser schier sensationellen Folter ist mir gekommen, als ich das letzte Mal nicht sofort aufs Klo konnte in einer Besprechung und das Gefühl hatte, meine verdammte Blase würde platzen. Am gleichen Abend hab ich beim gelangweilten herumzappen im TV einen Bericht erwischt über diesen Typen, der Harnsteine hatte und meinte, die Schmerzen waren die Hölle. Hab's sofort als Wink des Schicksals verstanden. Falls ich das Schicksal missverstanden hab, soll es das selber mit Clide klären.

„Mein lieber Clide, du wirst dir in den nächsten Tagen aussuchen können, ob du verdurstest oder dich unter Schmerzen, wie du sie noch nie gefühlt hast, selbst vergiftest. Vielleicht stirbst du dran, vielleicht macht auch vorher deine Blase einfach ‚Peng!' und die Putzfrauen werden ne Gehaltserhöhung verlangen. Ich hab keine Ahnung, ich bin nur ein Psycho Turk und hab nicht Medizin studiert." Ich ziehe die Handschuhe aus und schmeisse sie beim Aufstehen achtlos auf den Metallwagen neben mir. „Auf jeden Fall wirst du mehr als einmal darüber nachdenken, ob dir doch noch etwas einfällt, was du uns mitteilen möchtest und dann vielleicht wird dir unser Angebot, dich gnädig abzuknallen, verführerisch erscheinen. Jetzt noch nicht, das ist mir klar."

„Zwei Minuten sind rum", brummt es aus Rudes Richtung. Er geht jedes Mal voll in seiner Rolle auf und ich muss mir mal wieder das Grinsen verkneifen, um ihn nicht zu verraten.

„Dann mach's mal gut!" Ich tätschel im Gehen kurz die Schulter des Gefesselten und folge meinem Partner hinaus auf den Gang.

Elena lehnt an der gegenüberliegenden Wand und hat offensichtlich nur auf uns gewartet. Sie lächelt breit als sie mich sieht und eine Sekunde später weiss ich auch, warum.

„Ich hoffe, du hast ihm den Arsch aufgerissen!" Ihre Augen funkeln voller katzenhaftem Sadismus, aus dem sie keinen Hehl macht. Wenn es um Tseng geht, ist sie nicht mehr ganz die Frau mit dem rosa Nachthemd und Clide hat entschieden dazu beigetragen, dass ihr Angebeteter ne harte Zeit durchmacht. Sie könnte ihn durchaus zusammenschlagen, aber gezielte Folter ist nicht ihr Ding, Tseng hin oder her. Umso mehr verlässt sie sich also auf mich.

„Heh, den Arsch nicht, aber dir wird's gefallen! Keine Sorge, er wird leiden, Baby", grinse ich zurück und drücke sie kurz. Einfach so. Vielleicht auch, weil ich stolz bin, sie so hart zu erleben. Besser so, als das von Selbstzweifeln geplagte Wrack.

„Ich komm gerade von Tseng", teilt sie mir mit und löst sich aus meinem Griff, „er will dich sehen, Reno. Du brauchst gar nicht erst zu fragen, ich hab keine Ahnung, wieso." Sie zuckt entschuldigend mit den Schultern und wir schlendern zu dritt den Flur entlang.

„Nur ihn?", fragt Rude hinter uns.

„Nur ihn", bestätigt sie und hakt sich im Laufen bei mir ein.

„Gut. Ich hatte nämlich noch keine Pause."

Ja, Mann, reib's mir unter die Nase. Oder noch besser, reib's Elena unter die Nase! Aber anscheinend werde ich schon paranoid, denn sie findet an seiner Bemerkung nichts Ungewöhnliches. Und dann hab ich eben mal eine Pause vorgezogen! Dass ich es getan hab, um mir auf Rufus einen runterzuholen, ist nicht gerade die naheliegendste Schlussfolgerung, oder?!

Wenn nur endlich das Gefühl verschwinden würde, man könnte mir regelrecht ansehen, was mit mir los ist. Vielleicht sollte ich jemanden fragen und ihn dann umnieten, denn ich selbst weiss es noch immer nicht.

„Ah! Weisst du, was ich dich die ganze Zeit schon fragen wollte?" Sie lehnt den Kopf an meine Schulter. „Woher hast du gewusst, dass die Frau auf dem Friedhof eine Verdächtige ist? Mir war sie nicht aufgefallen."

„Das würde mich auch interessieren. Ich hatte den Kerl im Auge, der mit der Gießkanne herumgelaufen ist, obwohl es die ganzen Tage davor geregnet hat."

„Hah! Seht ihr, darum hab ich das zweite Kommando und nicht ihr." Ich wachse auf der Stelle ein gehöriges Stück und aale mich in meiner Genialität. „Die Gießkanne? Guter Gedanke, Rude. Aber manche Leute sind echt pingelig und nehmen die nicht zum Blumengießen, sondern um flache Grabsteine nach Regenfällen etwas sauberzumachen von der Erde. Alles schon gesehen. War trotzdem wert, ihn zu beobachten", lasse ich mich zu einem kleinen Lob herab. Wie heisst sowas in der Codesprache, die Chefs untereinander benutzen doch gleich? Genau, er war stets bemüht. Betonung auf das verdammte ‚bemüht'.

„Hör auf, wie Rufus rumzueiern und sag's einfach!" Sie rempelt mich im Gehen an. „Also was war's?"

„Die Goldlippchen, Mann!", antworte ich prompt.

„Die... was?", fragt sie irritiert.

„Die Goldlippchen! Die kleinen, gelben Blumen! Ja kennst du keine Goldlippchen?! Die sind arschteuer und nur einjährig und haben diesen Monat erst angefangen, zu blühen! Wer zur Hölle rupft die dann nach nur höchstens zwei Wochen in voller Blüte raus, um ausgerechnet blaues Wiesenkraut stattdessen reinzusetzen, das gratis an jeder Ecke wächst?! Ich sag's dir, kein Mensch, Elena! Kein einziger Mensch!", führe ich aus.

Zuerst halte ich das Schweigen für ein Zeichen dafür, dass ich sie beeindruckt habe. Dann habe ich einen unguten Verdacht und schaue in ihre beinah betretenen Gesichter.

„Reno...", beginnt Rude in ernstem Ton, „Gibt es da etwas, das du uns vielleicht sagen möchtest?"

„Wir werden dich trotzdem noch lieben und auch respektieren", fügt Elena mit gleichermaßen ernster Miene hinzu.

„Kein Zweifel daran,... Goldlippchen!" Mein eigener Partner, der lebende Stein, prustet los und meine beste Freundin stimmt sofort mit ein.

„Ach, heult doch auf Jenovas Schoß!" Ich befreie mich aus ihrem Griff, um beleidigt davonzustiefeln. „Irgendwann wird meine breitgefächerte Allgemeinbildung euch auch nochmal den Arsch retten", rufe ich über meine Schulter hinweg.

„Und wenn nicht, kriegen wir als Strafe nur Wiesenkraut auf unser Grab?", lacht sie.

„Ihr verdient nichts anderes! Cole!" Er hebt den Kopf, als wir uns seiner Schwesternzentrale nähern. „Hör zu, ich hab den Kerl fertig. Pack ihn in eine der Zellen mit Klo und Waschbecken, drei Mahlzeiten täglich, trinken so viel er will. Aber gebt ihm bloß keine Gläser oder Flaschen, der wird noch versuchen, sich selbst das Licht auszuknipsen, wenn er kann. Kein Klopapier, nen frischen Verband, ne saubere Unterhose und einen Waschlappen. Mehr nicht. Kannst du dir das alles merken?"

„Das meiste davon ist doch sowieso Standard, Reno." Er lächelt. „Ich hab mir einfach die Besonderheiten gemerkt."

„Heh, legitim. Alter Fuchs!" Ich merke, dass Elena etwas sagen will, aber noch bin ich nicht ganz zu Ende mit meinen Anweisungen. „Ach... Cole? Eine Sache noch. Könnte man's einrichten, dass der Wasserhahn tröpfelt oder sogar permanent in nem dünnen Strahl fließt? Das wäre großartig!"

„Ich denke, das lässt sich sicher einrichten. Ich schick einfach den Klempner vorher rein! Keine Sorge, Reno, wir kümmern uns gut um euren Gast. Im Überwachen sind die Jungs spitze", versichert er in einem Versuch, die kürzlich angeschlagene Ehre seiner Abteilung zu retten. Wie spitze seine Jungs im Überwachen sind, hab ich dabei durchaus gemerkt.
   
„Soll das eine psychische Folter werden mit dem Wasser?" Sie schaut mich neugierig an, während wir zum Fahrstuhl gehen.

„Ich mach dir nen Vorschlag, wenn ich bei Tseng unten fertig bin, komm ich hoch und erklär dir alles, okay?" Ich drücke den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Rude steht wie ein ewiger Schatten hinter uns.

„Warum soll er kein Klopapier haben dürfen?", bohrt sie weiter, offenbar den Gedanken äußernd, der ihr eben durch den Kopf gegangen sein muss. „Erhängen kann er sich damit doch wohl kaum?"

„Nicht erhängen. Wir hatten aber vor vielen Jahren tatsächlich den irren Fall, wo sich ein wichtiger Zeuge selbst mit Klopapier erstickt hat. Kein Witz. Hat sich das verdammte Zeug einfach so lang die Kehle runtergestopft und -gewürgt, bis er dran krepiert ist. Abgefahren, was?" Vor allem muss der wirklich Schiss gehabt haben! Ob vor uns oder seinem Boss, den wir drankriegen wollten, weiss nur Gaia selbst.

 

~


Tseng sieht aus, als wäre er beidseitig in Öl gewendet worden und reif für die Pfanne. Sein Haar ist so kletschig und schweisstriefend, dass seine Kopfhaut zwischen den zählbar wirkenden Strähnen zu sehen ist. Der Hals ist voller roter Striemen, vermutlichen von seinen Nägeln, als er das Kribbeln der starken Materiadosis nicht mehr ausgehalten hat. Ein venöser Zugang versorgt seinen Körper mit der Flüssigkeit, die er wie ein geplatztes Wasserrohr fast im gleichen Moment schon wieder verliert und bewahrt ihn vor einer Austrocknung, die tödlich wäre.

Aber er ist wach und seine schwarzen Augen lebendig wie eh und je.

„He, dir geht's ja glänzend!", scherze ich mehr als nur lahm und lass mich auf den Stuhl neben seinem Bett fallen, der schon eine Mulde im Plastik in Form von Elenas kleinem Hintern hat.

„Reno. Mir tut das Atmen weh. Erspar mir das." Zwischen jedem kurzen Satz ein langer, schwerer Atemzug.

„Das Atmen?! Hey, kann ich dir nicht ersparen! Hättest dir mehr Mühe geben müssen, als du in die Kugel gehüpft bist, um nur einmal so cool zu sein wie ich!", witzel ich gnadenlos weiter und grinse. Er kann mir wohl ansehen, dass ich unter meiner Fassade ehrlich froh bin, wieder mit ihm zu reden, denn zum ersten Mal nach langer Zeit lächelt er mich aufrichtig an.

So sehr es mich freut, so sehr schmerzt es einmal mehr, nicht zu wissen, warum eigentlich alles anders geworden ist. Es wäre ein guter Zeitpunkt, einfach zu fragen - würde ihm das Sprechen nicht noch immer so schwerfallen. Also werde ich den nächsten guten Zeitpunkt abwarten müssen, in der Hoffnung, dass der nicht wieder monatelang auf sich warten lässt.

Ich will ihm dennoch irgendwie sagen, wie erleichtert ich bin, dass er nochmal die Kurve gekriegt hat, aber noch während ich nach Worten suche, fängt er selbst an zu sprechen.

„Rude hat mich auf den neuesten Stand gebracht. Fahr morgen Vormittag los nach Nibelheim. Nimm dir Vaughan vor und schau, ob du Harvington auch aufspüren kannst. Elena wird dich begleiten. Sie sitzt sonst nur hier und treibt mich in den Wahnsinn. Deine Nähe wird ihr gut tun. Hol sie etwas aus ihrem Loch raus. Das ist ein Befehl. Ich hoffe, du hast den einen Tag als Chef genossen. Ab jetzt gilt wieder mein Wort." Er schluckt und ich kann sehen, dass ihn die kurze Rede erschöpft hat. Seine Lippen sind spröde, ausgetrocknet und von einem zähen Schleim zusammengepappt in den Mundwinkeln.

Ich greife die Mineralwasserflasche von dem Rollwagen neben seinem Bett und fülle das bereitstehende, leere Glas für ihn.

„Hier, trink nen Schluck." Ich halt es ihm an die Lippen und er ist sich nicht zu stolz dafür. Er würde nicht mal protestieren, wenn er leichter reden könnte, im Gegensatz zu mir. Dazu ist er einfach zu vernünftig.

Normalerweise würde ich erleichtert sein, dass er wieder die Verantwortung übernimmt... und das bin ich auch. Es ist mehr die Fahrt, über die ich nachdenke. Nach Nibelheim. Mit Elena statt Rude unterwegs zu sein, ist nicht das Problem. Klar, es wird wesentlich anstrengender, aber selbstverständlich arbeiten auch wir perfekt zusammen, wenn's drauf ankommt. Ausserdem ist es eine Tatsache, dass sie nicht in der Lage sein wird, ein Auge auf Clide zu halten wie Rude es würde. Das Problem ist eher der Zeitpunkt, zu dem das alles kommt.

Rufus; sag's doch einfach.

Verdammt. Vielleicht werden mir die Tage ohne ihn dabei helfen, meinen Kopf endlich freizukriegen von allem.

Oder ich werde endgültig an nichts anderes mehr denken können.

Nachdem er das kohlensäurefreie Wasser zügig bis auf den letzten Tropfen geleert hat, stelle ich das Glas wieder weg.

„Danke", spricht er leise und klingt etwas besser.

„Kein Problem", antworte ich reflexartig. Eine Möglichkeit, trotz meiner Abwesenheit für Rufus zu sorgen, habe ich. Sie missfällt mir zutiefst, aber um mich geht's schließlich nicht dabei, nicht wahr?

„Tseng...", beginne ich zögerlich und weiche seinem Blick aus, „Kannst du... Kannst du etwas auf Shinra aufpassen, während ich weg bin?"

Er schweigt und ich ahne, dass sein Zustand dieses Mal nicht der Grund dafür ist.

„So, du sorgst dich um ihn?", fragt er äußerst langsam und es klingt mehr wie eine Feststellung. Ich bilde mir sogar ein, einen drohenden Unterton zu hören.

Mir schießt plötzlich die Idee durch den Kopf, dass er mich nur nach Nibelheim sendet, um mich aus Rufus' Nähe zu schaffen, aber das ist völlig absurd. Es gibt tausend gute Gründe, seine Turks derzeit dorthin zu schicken. Falls es ihm persönlich entgegenkommt, ist es nur ein Zufallsbonus.

„Naja, er sieht mies aus mit seinen Schlafproblemen und so." Das ist ja auch nicht gelogen. Aber ich weiche trotzdem noch immer seinem Blick aus und das kann ihm nicht entgehen.

Eine weitere Weile schweigt er, dann sagt er etwas, mit dem ich nicht gerechnet hätte.

„Ich nehme an, er hat die Zeit genutzt. Als ich bewusstlos war. Geschlafen habe." Er atmet tief und zittrig durch. „Dummer Junge."

„Wie genutzt?" Ich schaue endlich wieder zu ihm auf. Ich bin mir nur zu drei Vierteln sicher, ihn richtig verstanden zu haben. Er macht sich nicht die Mühe, die es für ihn derzeit darstellt, die Worte auszuformulieren. Sein Blick spricht für sich.

Und ich weiss nicht, was ich sagen soll und das ist ebenfalls Antwort genug.

„Reno. Wahrscheinlich bist du in seinen Augen so etwas wie ein Rebell, ...der für die Freiheit steht, die er nie hatte", flüstert er mit erneut trockener Kehle, als wäre sein letzter Schluck Wasser bereits Wochen her. Seine Stimme wird mit jedem Wort brüchiger, aber er ignoriert es. Dazu ist ihm das, was er zu sagen hat, offensichtlich zu wichtig. „Wenn du wirklich... Sympathie für ihn hegst, machst du einen weiten Bogen um ihn. Benutz ihn nicht... für irgendwelche Experimente nach denen... dir der Sinn vielleicht plötzlich steht... im Zuge einer Midlife Crisis oder dergleichen."

„Hatte ich nicht vor, Mann!", protestiere ich. Was glaubt er eigentlich?! Gut, vielleicht fühlt der Kerl sich verpflichtet, auf Rufus zu achten und sieht in ihm noch immer den kleinen Jungen, dessen einzige Bezugsperson er war. Aber der kleine Junge ist inzwischen auch fünfundzwanzig, genau wie ich. Glaubt er ernsthaft, ne Anstandsdame könnte da noch irgendwas ausrichten? Nicht, dass ich unanständige Pläne hegen würde, aber...

Meine Gedanken werden jäh unterbrochen von seinen abschließenden Worten.

„Er liebt dich. Wie du wohl weisst."

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Das noch nicht weit ausgebaute Schienennetz durch Edge ist brandneu wie alles in dieser Stadt. Sofern eben Dinge, die aus den wiederverwerteten Teilen der Midgar Ruinen errichtet wurden als neu bezeichnet werden können. Die hierhergeschafften Züge stammen direkt aus der toten Hauptstadt und waren dort schon Ewigkeiten im Einsatz. Warum sollte ShinRa sie auch ersetzen, wenn sie noch immer ihren Dienst tun? Das einzige, was sich geändert hat, sind die fehlenden Kontrollstationen, an denen die Passagiere auf ihre ID geprüft werden. Die Zeiten sind vorbei.

Es ist ungefähr 1730. Schichtende für mich heute. Den Rest des Arbeitstages hab ich mit längst überfälligem Papierkram rumgebracht. Die letzte halbe Stunde bevor die Läden schließen, will ich nutzen, etwas Aufgeschobenes zu erledigen, bevor ich morgen wegfahre.

Die Füße überkreuz, lehne ich gegen den Pfosten, der die zusammengeschusterte Wartehütte an einer Seite stützt und vertreibe mir die Zeit mit einer zweiten Kippe. Die Wolken sind mittlerweile aufgerissen und die Frühabendsonne, die durch die Fetzen strahlt, ist stark geworden. Typisch, dass sich das Wetter bessert, jetzt wo ich morgen von hier verschwinde. Könnte drauf wetten, dass es in Nibelheim dafür pisst.

Er liebt dich.

Aber die Erkenntnis beschäftigt mich nicht wirklich, weil sie in erster Linie keine ist. Zumindest keine neue. Ich weiss nicht, seit wann es mir unbewusst klar ist, aber als Tseng es mir gesagt hat, war es bereits keine Neuigkeit mehr. Bloß das erste Mal, dass irgendwer es laut ausgesprochen hat.

Kann ich ihn im Moment wirklich zurücklassen? Auch noch mit Tseng? Der würde zwar auf seinen Alkoholkonsum achtgeben, soweit er es vom Bett aus kann, aber je mehr er mit ihm redet... Desto mehr wird er sich gleichzeitig einmischen in unsere, nennen wir es Freundschaft. Shiva, es muss mir egal sein. Wir sind nicht verheiratet. Ich muss meine Arbeit machen, wie sonst auch. Mein derzeitiger Beschützerinstinkt ist eine rein private Sache, objektiv besteht keine Veranlassung, in seiner Nähe zu bleiben. Und alle Argumente sind auf Tsengs Seite. Fuck, ich weiss es doch selbst.

Auf den drei Sitzschalen unter der Bretterüberdachung sitzen zwei alte Weiber, die sich ohne Luft zu holen lautstark unterhalten, sowie ein Junge, schätzungsweise dreizehn. Sie beachten mich nicht, ich beachte sie nicht. Am hellichten Tag sieht man selten einen einzelnen Turk durch Edge spazieren, besonders unter der Woche. Haben anderes zu tun. Tagsüber ist es für uns allerdings nicht so tragisch. Man erntet zwar mehr Blicke, aber wird nicht so oft angepöbelt wie von den wenigen, dafür meist alkoholisierten Gestalten, die man nachts so antrifft. Die meisten sind harmlose Spinner, die sich genug Mut angesoffen haben, mir ein ‚Scheiss ShinRa!' hinterherzubrüllen, und solang's dabei bleibt, ignoriere ich sie. Und dann gibt's noch die, die nen richtigen Hals schieben. Solche wie Clide. Wenn die einem in ner Seitengasse nach Mitternacht begegnen, ist der Stress vorprogrammiert.

Freundlich grüßen tut jedenfalls niemand. Die einzigen, die uns hin und wieder mit Respekt ansprechen, sind ausgerechnet Kinder oder Jugendliche, die meistens zu Soldier wollen, wenn sie groß sind und fragen, wie sie das am besten anstellen. Je nach Alter und Eindruck, den sie machen, bekommen sie von uns die Nummer der Informationszentrale in Junon. Ich gehe aber davon aus, dass der Großteil von ihnen ShinRa auch noch hassen lernt, bevor sie alt genug für eine Bewerbung sind. Oder aber sie taugen nicht als Soldat und landen in einem der unzähligen, anonymen ShinRa Büros im Tower stattdessen. Weitere Drohnen im Bienenstock, die nie Ruhm und Ehre erlangen werden und deren brutalste Action darin bestehen wird, Akten zu zerschreddern.

Für den Turk Posten kann man sich nicht bewerben. Wenn er neues Personal braucht, tritt Tseng von selbst auf die Kandidaten zu, die er für geeignet hält. Meist stellt er aus ihnen kleine Gruppen zusammen, aus denen er dann seine Auswahl trifft. Es ist jedenfalls schier unglaublich, an welchen absurden Orten der Kerl zum Teil Ausschau hält. Aber täte er das nicht, wäre ich heute nicht hier.

Ich muss grinsen, als ich so an unsere erste Begegnung zurückdenke.

Der Zug kommt in Sichtweite und ich schnipse nach einem letzten, monströsen Zug bis zum Filter die Kippe zur Seite weg. Der Rauch strömt noch immer aus meiner Nase, als ich nach einem Sprung über die Stufe durch das vermüllte Abteil haste und mich auf einen freien Platz an der leeren Seitenbank schmeisse. Die Polster sind zerschlissen und fleckig. Auf dem Boden liegt eine Bierdose, die ihren schalen Restinhalt bereits im gesamten Waggon verteilt hat. Es stinkt wie die Pest. Ich bleib nur sitzen, weil ich weiss, dass es im nächsten Wagen nach Kotze riechen könnte oder ich sogar vielleicht das Glück hätte, eine vollgeschissene Windel in einer Ecke zu finden. Wäre nicht das erste Mal. Der Biergestank ist harmlos.

Ich lege meine Ellenbogen hinter mir auf die Lehne und sehe, wie die beiden alten Frauen ebenfalls langsam angeschlichen kommen. Ein schreiender Widerspruch zu dem Tempo und der Lautstärke, mit der sie sich noch immer unterhalten oder nach normalen Maßstäben vielmehr ankreischen. Entgegen meiner Hoffnung steuern sie die Bank mir gegenüber an. Der zuletzt einsteigende Junge biegt nach rechts ab und verschwindet durch die Tür in den nächsten Wagen. Kann's ihm nicht übelnehmen und wünsch ihm in Gedanken viel Glück und wenig Windel.

„Warst' heut auch auf dem Friedhof?", fragt eine der beiden die andere mit Gebrüll. Der Zug setzt sich in Bewegung. Die Bierdose rollt abrupt mit einem hohlen, blechernen Klang zurück und die beiden Alten fallen mit ihren faltigen, dicken Ärschen auf die Bank vor mir. Über ihren Köpfen am Fenster entdecke ich die uralten Überreste eines kleinen Werbeaufklebers.

‚Schu.....chluss in der Tasche und trotzdem keinen Arbe...... ?

Du bist teamfäh.....lexibel und ........en Job, der sowohl krisensicher als ........en Tag aufs Neue herausfordernd ist?

Wir be.. ShinRa su........ ch! Wenn .............ewirbst, erwarten d...........

.....mationen unter 0777-0.........'


Ich kann mich erinnern. Damals wurden Mitarbeiter für die neuen Makoreaktoren gesucht. Treffender wäre es gewesen, auszuschreiben: ‚Wenn dein Abschluss zu schlecht war, um irgendwo anders genommen zu werden, du in einem stickigen Menschenpulk ohne jedes Tageslicht schichtarbeiten willst und dich nach dem täglichen Abenteuer gravierender Sicherheitsmängel sehnst, bewirb dich bei ShinRa und wir lassen dich erst wieder gehen, wenn du einem fatalen Arbeitsunfall zum Opfer gefallen bist; so verflucht krisensicher sind wir!'

Ich muss da etwa 24 gewesen sein. Wie die Zeit vergeht. Aber bevor ich so ende wie die zwei Teigtaschen vor mir, fass ich lieber frühzeitig ans falsche Ende meines Mag Rods. Sitzt wenigstens meine verdammte Frisur, wenn sie mich runterlassen.

„Ach! Beim Arzt war ich doch gewesen heut Morgen! So hörst' zu!", schreit die Gefragte vorwurfsvoll zurück. Ich lehne den Kopf nach hinten an die zerkratzte Scheibe und schließe die Augen.

„Ich hör doch zu! 76 Jahre bin ich, komm du erst in mein Alter und merk dir alles! Sehen will ich das aber!" Ihr Gekreische wird einen Tick leiser. „Die Beerdigung von der Reporterin war heut! Erinnerst' dich? Die, die sie ermordet haben!"

Meine Aufmerksamkeit nimmt schlagartig zu und ich verdamme es zutiefst. Es ist ein Automatismus, den meine Arbeit nach so vielen Jahren mit sich bringt, immer dann zuzuhören, wenn es um etwas geht, in das ich involviert bin. Selbst, wenn sich bloß zwei alte Schachteln unterhalten, von denen es keinerlei interessante Informationen zu erwarten gilt. Ich beobachte die beiden zwischen halb gesenkten Lidern und wünschte, sie würden einfach das Thema wechseln. Nicht mal die unfreiwillige Komik kann das Generve ausgleichen.

„Natürlich erinner ich mich! Bin ja nicht so alt wie du!", protestiert die andere, leider ohne ihre Stimmgewalt ebenfalls zu drosseln. „Hab's in der Zeitung gelesen und im Fernsehen geschaut."

„Du, dann will ich dir was verraten, das haben's nicht in der Zeitung gebracht!" Sie greift ihre Begleitung am Ärmel des bunt karierten Wollmantels und neigt sich einen symbolischen Zentimeter näher zu ihr. „Meine Enkelin hat einen Arbeitskollegen, der mit dem Mann befreundet ist, der sie aufgefunden hat. Bei der Polizei haben's nicht rausgegeben, was ich dir verrat'! Das machen die manchmal, wegen falschen Geständnissen, hab ich gehört."

„Falsche Geständnisse? Ach du liebe Güte, es gibt Menschen, die so tun, als wären's die Mörder?" Sie legt ihre Hände auf die der anderen.

„Jaja, aber das ist's nicht! Hör doch mal zu! Nach allem, was meine Enkelin mitbekommen hat, hat sich der Täter wohl auch se-xu-ell an Mrs. Reyli vergangen. Man darf das gar nicht sagen..."

Man darf nicht, aber man muss letztlich doch. Ist schließlich viel zu großes Kino für solche vertrockneten Schabracken, die ihr eigenes Sexleben vor 49 Jahren beendet haben und vor lauter Frust darüber im Dreck anderer suhlen.

„Große Shiva! Was denn?"

Ich kann den Sabber regelrecht aus dem alten Maul tropfen hören.

„Aber behalt's für dich! Sie wurde entblößt auf der Couch vorgefunden und..." Sie dämpft die Stimme und ich würde jede Wette eingehen, dass sie glaubt, tatsächlich zu flüstern. Nur sind die zwei offensichtlich so dermaßen schwerhörig, dass ihr Flüstern nicht die Kriterien eines Flüsterns nach normalen Maßstäben erfüllt und ich jedes Wort hervorragend verstehe.

„Und?" Sie kapiert offenbar nicht, dass ihre Freundin oder Bekannte oder wasauchimmer nur eine dramatische Pause einlegt und hegt wohl die Befürchtung, sie könnte stattdessen diese wichtige, reisserische Information an einen spontanen Schub Demenz verloren haben. „Ja red doch!!!"

Ich fahre halb vom Sitz aufspringend zusammen und verziehe leidend das Gesicht.

„Ah schrei mich doch nicht an, du blödes Rind! Bin doch nicht schwerhörig!", schreit sie zurück und geht dann wieder über in ihren Flüstertonfall, der gut durchs ganze Abteil zu hören ist. Ausser uns ist es allerdings leer und mich haben sie bis jetzt keines Blickes gewürdigt. „Sie hatte.... sie hatte tatsächlich eine Gurke... da unten, weisst schon!"

Eine Zucchini, korrigiere ich in Gedanken. Großer Unterschied. Versuch mal, eine Gurke mit Käse zu überbacken.

„Gnädige Gaia, die arme Frau! Ah, die Welt ist doch voller Gelump, ich sag's! ...War's denn vorn unten oder hinten unten?"

 

~


„Guten Abend!" Sie tritt aus der offenstehenden Ladentür heraus und an mich heran. „Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie vielleicht Blumen für Ihre Freundin?" Sie hat zwei schulterlange, blonde, geflochtene Zöpfchen, aber der Haaransatz verrät, dass sie gefärbt ist, und trägt ein dunkelgrünes, knappes T-Shirt. Sehr schlank, kleine Titten. Kaum zwanzig, schätze ich. Grüne Katzenaugen, zuckersüße Grübchen als sie mich jetzt anlächelt. Ihre Freundlichkeit ist durch und durch echt.

„Danke, ich komm zurecht. Schau mich erst etwas um", antworte ich ebenso nett, lächel zurück und wende mich wieder dem kleinen Holztisch draussen mit den Topfblumen zu.

„Okay, wenn Sie Hilfe brauchen, einfach melden!" Sie grinst und macht sich wieder auf den Weg in den Laden.

Sie hat nicht mit mir geflirtet. Wahrscheinlich hat sie ohnehin einen Freund, so wie sie aussieht. Scheint einfach zu diesen Menschen zu gehören, die immer so strahlen und gut drauf sind. Perfekt für einen Verkaufsjob. Was ich wesentlich faszinierender finde, ist die Tatsache, dass ich auch nicht versucht hab, sie anzubaggern. Und es gibt eigentlich keinen Grund, es nicht wenigstens zu probieren, im Gegenteil. Mein letzter Fick ist ne Weile her und ab morgen werd ich kaum Zeit für sowas haben, bis ich wieder in Edge bin. Und sie ist absolut scharf. Aber... Scheisse, ich hab einfach keine Lust. Eigentlich fühl ich genau das, was ich sonst immer an den Morgen danach fühle - nur eine Nacht zu früh.

„Möchtest du vielleicht etwas kaufen, Sir?"

Hm? Wer, ich? Ich schaue zur Seite und sehe das etwa sieben- oder achtjährige Mädchen, das mir deswegen beim Näherkommen entgangen ist, weil Kinder sich grundsätzlich unterhalb meines Radars bewegen, im wörtlichen wie auch übertragenen Sinne.

Ihr oft geflicktes Kleid ist genauso schmuddelig und schmutzig wie ihr Gesicht. Die langen, braunen Haare sind oberflächlich gekämmt, aber darunter voller verfilzter Matten wie nach einem verdammt schiefgelaufenen Toupierversuch. Sie ist unterernährt und ihre Hautfarbe spricht dazu von Mangelerscheinungen.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass Kinder wie sie ein seltenes Bild in Edge darstellen. Nur normalerweise begegne ich ihnen recht selten. Um die Zeit, um die ich frei habe und um die Häuser ziehe, sind sie längst wieder in ihren Verstecken.

„Möchtest du etwas kaufen?" Sie hält mir einen kleinen Pappkarton entgegen, den sie wie einen Bauchladen auf ihren Unterarmen vor sich herträgt und der schon auf den ersten Blick offenbart, dass er voller Müll und Ramsch ist. Obenauf liegt in einer Ecke ein kleiner Kinderschuh. Der zweite fehlt. Ich weiss nicht, warum ich es tue, denn normalerweise ignoriere ich so etwas, aber jetzt drehe ich mich zu ihr herum. Sie beginnt, zu strahlen, als sie merkt, dass ich sie tatsächlich beachte. Ich bin mir bewusst, dass die meisten Bürger von Edge Kinder von ihrem Schlag gekonnt ignorieren, nicht weniger als ich. Und sie wird sich dessen umso mehr bewusst sein.

„Hier sind die teuren Sachen", erklärt sie ernst und nickt zu ihrer linken Seite hin, „und in der anderen Ecke die billigen."

„Hm", ich durchstöbere etwas hilflos den Karton mit meinen Fingern. Ich und Kinder, da prallen Welten aufeinander. Seltsamerweise lieben die meisten mich aber nach kürzester Zeit, meinen wenigen, bescheidenen Erfahrungen nach. Jedenfalls kann ich keinen Unterschied zwischen dem Plunder und Kram in den beiden Kartonhälften entdecken. Kaputter Plastikschmuck, schmutzige Schleifen, ein alter, rostiger Schlüssel. „Sag mal, wo ist denn der andere Schuh? Den brauchst du doch zum Verkaufen", frage ich, um Zeit zu schinden.

„Mh-Mh!" Schüttelt sie bestimmt den Kopf und erklärt faktisch: „Der gehört meinem Bruder und mein Bruder ist da rausgewachsen und er braucht den anderen auch nicht, weil der hat nur noch ein Bein!"

Ich verschlucke mich an einem imaginären Getränk. „Er... hat nur noch ein Bein?!", wiederhole ich, auch wenn mir klar ist, dass sie nicht lügt. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie es erzählt. Es hat so etwas unglaublich Absurdes.

„Ja, weil wegen der Weapon in Midgar. Kennst du Midgar? Da haben wir früher gewohnt! Aber hier in Edge ist es viel schöner, weil hier die Sonne so richtig scheint, findest du auch, Sir?", plappert sie los.

„Heh, ja! Da hast du Recht. Weisst du was, ich hab auch als Kind in Midgar gewohnt!"

„Echt?!" Ihre Augen werden groß. „Hast du auch einen Bruder?"

„Ich hatte eine Schwester, als ich klein war. Sie ist gestorben, da war sie noch ein Baby. Sie ist krank geworden, weil es so kalt bei uns zu Hause war."

Die Worte sind wie von selbst aus meinem Mund gekommen.

Ich rede niemals über Alessa. Ich will mir die geheuchelten, mitleidigen Blicke und bedauernden Worte, die Jahrzehnte zu spät kommen, ersparen. Aber aus irgendeinem Grund spüre ich instinktiv, dass ausgerechnet dieses kleine Mädchen vor mir, eine hervorragende Zuhörerin für solche Erinnerungen ist und ich von ihr weder das eine noch das andere zu hören bekommen werde.

„Achso", kommentiert sie auch bloß, „Bei uns war das auch oft so kalt und das Baby von meiner Tante ist auch gestorben einmal. Vielleicht war das ja auch weil es kalt war!"  

Genau wie Tiff kann sie mich rein mit ihrem Blick verstehen. Absolut faszinierend. Dann finde ich plötzlich etwas auf dem Boden der Schachtel, das sich maßgeblich von dem restlichen Zeug unterscheidet.

„Hey, weisst du, was das ist?", frage ich und halte ihr den goldenen Herren-Ehering zwischen Daumen und Zeigefinger aufgestellt hin. Ich kann sogar einen 750er Stempel an der Innenseite erkennen.

„Das ist ein Ehering! Wenn man heiratet, dann macht man sich den gegenseitig an die Finger", klärt sie mich geduldig auf. Was frag ich Trottel auch. „Möchtest du heiraten, Sir?"

Nein, ich will nicht heiraten. Und schon gar keinen Mann.

Jedenfalls gehört das Teil nicht in ihre Kiste. Wenn der Falsche ihn sieht, ist er einfach weg. „Hat der deinem Vater gehört?", lenke ich ab.

„Ja, aber der ist schon ganz lange weg und Mama hat gesagt, jetzt braucht der auch nicht mehr wiederkommen, und darum kann ich den verkaufen. Aber der ist schon etwas teurer, also da muss ich schon zehn Gil für haben!", lässt sie mich mit ernster und wichtiger Miene wissen.

Shiva, der ist wesentlich mehr wert. Ich habe eine Idee.

„Okay, pass auf - Wie heisst du überhaupt?"

„Amily!" Sie zieht eine Hand unter dem Karton hervor und hält sie mir prompt hin. Ich schüttel sie irritiert.

„Ich bin Reno. Also, hör mal zu, Amily, ich kauf dir den Ring ab. Und ich geb dir auch dafür, was der wert ist, das ist nämlich viel mehr als nur zehn Gil. Aber du musst mir dafür hoch und heilig etwas versprechen, mit großem Ehrenwort auf Gaia!"

„Oh, was denn?", fragt sie neugierig und ihre Augen leuchten in der Aussicht auf einen Verkauf. Vermutlich ihren ersten heute. Wenn nicht seit Tagen oder mehr.

„Du musst mir versprechen, dass du so schnell du kannst sofort nach Hause zu deiner Mutter läufst und ihr das Geld gibst! Das ist nämlich viel zu gefährlich, wenn du allein als kleines Mädchen mit so viel Geld hier rumläufst, hörst du?!" Ich schaue sie eindringlich an und sie begreift.

„Na klar! Ich kann ganz schnell rennen, sogar viel schneller als mein Bruder. Also der andere, nicht der, der nur ein Bein hat!", kichert sie und ich lache mit. Ich kann einfach nicht anders.

Ich ziehe meine Brieftasche hervor, fische einen Hunderter diskret heraus und schließe ihre Finger fest darum. Sie hat die aufgedruckte Zahl gesehen und ist auf der Stelle kreidebleich geworden. Noch kreidebleicher als ohnehin. Ich verstaue den Ehering in meiner rechten Hosentasche. Für mich wird es kein Problem sein, den tatsächlichen Preis irgendwo dafür zu bekommen, aber für normale Zivilisten ist das fast ein Ding der Unmöglichkeit in diesen Zeiten.

„Noch etwas, Amily. Wenn das Geld aufgebraucht ist und ihr ganz dollen Hunger habt, dann geht in die Bar Seventh Heaven und fragt dort nach Tifa. Und dann sagt ihr der, dass Reno euch geschickt hat. Okay?"

Sie nickt stumm und ist noch immer zu überwältigt, ihren Dank auszudrücken. Es ist mir unangenehm.

„So, also, dann zeig mir mal, wie schnell du rennen kannst!" Ich verschränke die Arme und nicke auffordernd mit einem Grinsen. Sie erwidert es von einem Ohr zum anderen, dreht sich um und stürmt los. Ich blicke ihr hinterher, bis sie ausser Sichtweite ist.

„Heh..."

Dann widme ich mich wieder dem Tisch neben mir.

Meine Augen studieren die Blümchen in den schwarzen Plastiktöpfchen. Federschwänzchen, rote Frühlingslieschen, Sumpfveilchen, gelbe und pinke Löwensprossen. Ich weiss, ich sollte mir einfach für zwanzig Gil irgendein buntes Kraut zusammenstellen lassen und gut - Aber den Sinn und Zweck von Schnittblumen hab ich noch nie verstanden, auch wenn Frauen drauf stehen. Shiva, die Dinger sind nach drei Tagen verblüht, was hat man davon? So ein Vieh, was noch Wurzeln unten hat, hält sich wenigstens ne Weile und ist viel billiger!

Aber ich bin nicht hier, um mich selbst mit Gemüse einzudecken, also sollte ich wohl lieber danach gehen, was Evelyn gefallen würde. Und ich vermute stark, sie zieht das teure Zeug vor. Vermutlich ist das der Grund, warum Frauen Schnittblumen wollen. Sie wollen sehen, dass sie uns gutes Geld wert sind. Also lasse ich die putzigen Federschwänzchen stehen und schlender in den Laden.

Die blonde Verkäuferin ist ausser mir die einzige Person innen. Sie hebt kurz den Kopf, als ich eintrete, schenkt mir ein weiteres Lächeln und macht sich dann wieder daran, den Arbeitsplatz neben der Kasse von irgendwelchen abgeschnittenen Grünzeugresten zu säubern.

Ich entdecke einen kleinen Tisch mit Kakteen aller Größen, die auf gelben Servietten dekoriert sind und trete fasziniert näher. Kakteen mag ich, die werden uralt, brauchen so wenig Pflege, dass sie selbst einen Aufenthalt bei mir überleben würden und haben oft lustige Formen. Aber ich bin nicht so blöd, die Todsünde zu begehen, Evelyn einen Kaktus schenken zu wollen. Das wäre sechs Stufen unter einer Topfblume! Für einen Moment kommt mir der Gedanke, was die gute Amily wohl von der Problematik halten würde. Wahrscheinlich wäre es in ihren Augen Verschwendung, überhaupt Blumen zu kaufen, die doch gratis draussen wachsen. Und sie hätte wohl Recht. In der letzten Reihe, bei den ganz großen Kakteen, steht einer, der aussieht wie ein Kaktor. Er hat zwei abgewinkelte Seitenärmchen, einer zeigt nach oben, einer nach unten. In den mittleren Reihen ist wiederum einer, der aussieht, als wäre er verschimmelt, und komplett in eine flauschige, weisse Wolle gehüllt ist. In dieser Wolle erkenne ich beim genaueren Hinschauen eine Billiarde haarfeiner, fast durchsichtiger Stacheln. Und ganz vorne stehen in winzigen Minitöpfchen seltsame kleine, graue Knubbel, die nicht einmal Stacheln haben.

„Warum haben die Jungs hier vorn keine Stacheln?" Ich zeig auf die eingetopften Gebilde. „Kommen die erst mit der Pubertät? Der Knabe in der Mitte ist dann wohl ziemlich alt, was?! Der hat schon nen weissen Bart!"

Sie lacht auf. Herzlich und durch und durch warm. Ihre Grübchen sind endlos tief dabei. „Das sind Lebende Steine!"

Meine Augen werden groß. Lauter kleine Rudes, Mann! Shiva, ich hab ihn schon tausendmal so genannt, aber noch nie echte Lebende Steine selbst gesehen bislang.

„Machen die was?!", frag ich umso faszinierter, während ein weiterer Kunde den Laden betritt.

„Naja, sie leben," grinst sie. „Und sehen dabei eben aus wie - SHIVA!"

Von ihrem Aufschrei und dem erschrockenen Blick hinter mich alarmiert, will ich herumfahren, aber bekomme nur eine halbe Drehung zustande, bevor ich den Schlag in meinen Rücken und den zeitgleichen Schlag in meinem Körper spüre. Immerhin. Diese halbe Drehung bewahrt mich davor, direkt in die Kakteen zu stürzen.

 

~


Einen Schlag dieser Art hab ich nur wenige Male zuvor in meinem Leben gespürt, aber dafür umso öfter ausgeteilt. Und selbst das allein würde reichen, sofort zu wissen, was mich getroffen hat. Ein Mag Rod. Ein ziemlich altes Exemplar aus der 2er Reihe, wie ich ohne jeden Zweifel erkenne, als mir die Spitze der Waffe direkt vor mein auf der Seite liegendes Gesicht gehalten wird. Da mein verkrampfter, schmerzender Körper noch von der Elektrizität gelähmt ist, kann ich meiner Wiedersehensfreude mit seiner Art derzeit keinen gebührenden Ausdruck verleihen.

Die zwei klobigen, schmutzigen Arbeiterstiefel, die sich ausserdem in meinem Sichtbereich befinden, geben keinen Hinweis darauf, wen ich vor mir habe.

Ich höre den erstickten, hilflosen Schrei der netten Verkäuferin und irgendwie tut sie mir furchtbar leid, auch wenn mir Zivilisten und Zeugen sonst am Arsch vorbeigehen. Nur, Mann, was auch immer hier vorgeht hat rein gar nichts mit ihr zu tun und sie war... nett.

„Hab ich eine Ratte in deinem Geschäft erledigt! Harrr!", kreischt eine zahnlose Altmännerstimme. „Eine von den ShinRa-Ra-Ratten!"

Oh Shiva, ein völlig Irrer. Und offensichtlich ein verflucht alter Irrer. Wie peinlich.

„Brauchst nicht so entsetzt zu gucken! Ist nur eine Ratte! Eine ShinRa-Ra-Ratte! Hah!" Offensichtlich versucht er, die junge Frau mit seiner Rede daran zu hindern, die Polizei zu rufen oder die Aufmerksamkeit der wenigen Passanten draussen auf sich zu lenken. Aber letztere schreiten erfahrungsgemäß nie ein, wenn ein Verbrechen geschieht und wenn ein Turk zum Opfer wird, drücken sie wohl eher beide statt nur dem üblichen, einen Auge zu. Die Schuhe verschwinden aus meinem Sichtbereich und er fängt an, mich mit dem Mag Rod wahllos zu verprügeln. Die meisten Schläge treffen nur meinen Rücken und die Schultern. Für sein geschätztes Alter sind sie verblüffend fest.

„Na, Ra-Ra-Ratte! Wo ist deine Sippe?", schreit er schrill herum und ich teste vorsichtig meine Bewegungsfähigkeit, indem ich versuche, sachte mit den Zehen zu wackeln. Es klappt noch nicht zufriedenstellend, also warte ich weiter ab. Ich hab keine Zweifel, dass ich ihn in zwei Sekunden ausschalten kann, sobald mein Körper mir wieder gehorcht. Auch wenn er verrückt ist. Er ist einer von jenen Verrückten, die ihre Zeit mit verrücktem Unsinn verplempern, anstatt mir einen zweiten Stoß in den Arsch zu jagen, wie ich es umgekehrt langsam mal tun würde. Ah, der Kerl hat keine Ahnung, wie man mit nem verdammten EMR umgeht. Ich wüsste genug Menschen, die es als regelrechte Verschwendung ansehen würden, dass ausgerechnet so einem dämlichen, alten Scheisser ein Turk aus Versehen ins Netz gegangen ist. Nun, ich werde mich nicht drüber beschweren.

„Hng", antworte ich kläglich, unabhängig davon, ob ich wieder Intelligenteres vortragen könnte oder nicht. Eigentlich ist mir mehr nach einem hysterischen Lachkoller. Shiva, ganz Edge ist eine einzige Klapsmühle.  

„Jaaahahahaarrarara! Die Ratte krepiert! Die krepiert, die Ratte!" Er lacht debil ...oder vielleicht doch eher senil. Ich weiss nicht mal, ob ich mir wünschen sollte, dass mich wie durch ein Wunder einer von ShinRa hier findet und einschreitet oder ich lieber keine Zeugen haben will für diese kolossale Groteskheit.

Ich klimpere ein zweites Mal mit den Zehen und diesmal funktioniert es einwandfrei. Die leichten Schmerzen sowie das stechende Kribbeln lassen sich ignorieren. Ich spanne prüfend wie unauffällig meine Oberschenkelmuskeln an und auch die wollen mir wieder gehorchen. Wenn ich mich nicht auf Gaia verlassen kann, dann immerhin auf mich selbst. Bin mir sowieso sympathischer. Ich wette, ich seh auch besser aus. Heh, könnte der Grund sein, warum sie mich nicht leiden kann! Frauen hassen Männer, die schöner sind als sie, nicht?

Kosmisches Rätsel gelöst, zurück zu weltlicheren Problemen.

In einer Breakdance - würdigen, blitzschnellen Bewegung, stemme ich meinen gesamten Körper auf die Unterarme gestützt in die Luft, springe auf die Hände und wirbel herum, um seinen Kopf mit meinen Füßen zu rammen. Er stolpert zur Seite und ich lasse mich genauso schnell wie ich hochgesprungen bin, zurück auf meinen Hintern zu Boden fallen und trete gegen seine Knie. Wie erwartet verliert er endgültig das Gleichgewicht - leider nicht den Mag-Rod - und stürzt neben den Tisch mit den Kakteen.

„Ahhhrrrratte! Du Ratte! Die Ratte will weg!"

Keine Sekunde später knie ich auf seiner Brust und versuche, an die Waffe in seiner ausgestreckten, rechten Hand heranzukommen, was sich schwieriger gestaltet, als ich gedacht hätte, weil er originellerweise mit der linken nach meinem Zopf gegriffen und ihn sich ums Handgelenk gewickelt hat und das pisst mich wirklich an. Auch meine Faust, die ich unablässig in sein Gesicht ramme, beeindruckt ihn nicht. Im Gegenteil, er lacht sein sinnentleertes „Ra-Ra-Ra!". Sein kariertes Hemd, aus dessen Kragen einzelne, lange graue Brusthaare ragen wie lose Drähte, stinkt stechend nach antikem Schweiss. Am Rande des oberen Sichtfelds sehe ich wirres, schütteres Haar auf seinem Kopf und sein Grinsen, das nicht komplett zahnlos ist, wie ich dem Klang seiner Sprache nach zuerst vermutet habe. Er hat noch die zwei unteren und oberen Schneidezähne, lange, gelbe Hauer, die ihn wirken lassen wie eine Kreuzung aus einem tollwütigen Hasen - oder einer Ratte - und einem greisen Säugling. Aber was mich beinah eine Sekunde aus der Bahn wirft, sind seine intensiv blauen, fluoreszierenden Augen. Makoaugen.

Dann erinnere ich mich an etwas und plötzlich macht die bizarre Begegnung Sinn. Soweit sie das eben kann.

Kurz bevor ich bei ShinRa angefangen habe, gab es einen großen Skandal um Reaktor 6. Über Monate hinweg waren die Arbeiter aufgrund gravierender Sicherheitsmängel verunreinigtem Mako ausgesetzt worden - damals wusste man noch nicht, dass bloßer Hautkontakt über längere Zeit hinweg ausreicht, um kontaminiert zu werden. ShinRa war aufgrund der Verunreinigung davon ausgegangen, dass die Beschäftigten lediglich den zugefügten Chemikalien zum Opfer fallen und einfach sterben würden. Aber das taten sie nicht. Je nach Grad der Vergiftung erkrankten die Arbeiter an chronischer Migräne, Epilepsie oder geistiger Verwirrung bis hin zu regelrechtem Wahnsinn. Und das Mako, das entgegen den Erwartungen in ihre Systeme gelangt war, tötete sie nicht, sondern hielt sie genau genommen trotz der chemischen Vergiftungen am Leben und verlieh ihnen ein zusätzliches Maß an Stärke.

Wochenlang war man bemüht, die Sache zu vertuschen und alle Betroffenen zu beseitigen, aber als man damit anfing, waren viele bereits wegen ihrer Verfassung nicht mehr zur Arbeit erschienen und haben sich in den Slums versteckt. Bis heute hat man nie alle gefunden und auch längst aufgehört, die Geschichte aktiv zu verfolgen.

Beim Anblick meiner Turk Uniform muss in ihm die letzte intakte Sicherung durchgebrannt sein.

Er stößt plötzlich den EMR ausserhalb unserer Reichweite nach hinten und seine freigewordene Hand umfasst meine Kehle.

„Stirb, du Ra-Ra-Ratte! Du ShinRa-Ratte! Stirb wie eine ShinRa-Ra-Ratte!", kreischt er geifernd. Sein Atem stinkt nach Verwesung, als wäre sein Innenleben schon seit geraumer Zeit tot.

Die Kraft, mit der er mir die Luft abdrückt, legt meinen inneren Schalter um, der sich bis jetzt nicht bewegt hat. Ich hab den Bastard schlicht unterschätzt. Ein Fehler, den ich nicht länger begehe und es mir auch nicht mehr leisten könnte. Ich strecke die linke so weit ich kann seitlich nach oben, bis ich ertaste, was ich gesucht habe. Den Topfrand des großen Kaktus mit den zwei lustigen Seitenärmchen in der letzten Reihe. Er ist etwa fünfzig Zentimeter hoch und hat einen geschätzten Durchmesser von fünfzehn Zentimetern. Ich kann nur hoffen, dass er nicht hohl innen ist. Meine Fingerspitzen krallen sich in die Erde, als ich das erleichternd schwere Teil mit größtmöglicher Wucht über die Tischkante reisse und genau in seine Fresse schleudere.

„Ratte! Ahhaaaaaaaaaaarr! Ratte! Ratte! Haaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarratteratteratte!"

Er verkrallt sich tiefer in meinem Haar und ich fürchte, dass ihm mehr als eine Strähne gerade zum Opfer fällt, aber die Finger an meiner Kehle lösen ihren Griff, während er weiterhin schreit wie am Spieß. Ich umfasse den Topf mit beiden Händen und beginne, immer wieder mit dem Kaktus auf sein Gesicht einzudreschen.

„Aaaaaararararaaaaatte! Araaraaaraa!"

„Lass! Los!" Ich hau ihm die Stacheln ein weiteres Mal um die Ohren. Das Ausmaß ist verheerend. Seine Visage ist blutüberströmt und ich kann erkennen, dass einige der vielen, abgebrochenen Nadeln, die ihn nun verzieren, sein rechtes Augenlid in geschlossenem Zustand an den Augapfel getackert haben. „Lass! Los! Ver! Dammt! Noch! Mal!"

Er lässt nicht los. Er ist so weggetreten, dass er nichts mehr zu raffen und zu fühlen scheint. Und sein pausenloses Gekreische zerrt mittlerweile an meinen eigenen Nerven. Ich lasse den Kaktus liegen und fische nach dem bärtigen Gesellen aus den mittleren Reihen.

Okay. Das wird unschön.

Ich umschließe den Topf fest mit der Hand, drehe ihn herum und ramme ihn mit aller Kraft den alten, aufgerissenen Schlund herunter. Die andere Hand lässt endlich los und ich wickel mich nach hinten greifend hastig von seiner Klaue los.

„Hb-pf! Hb-pf! Hb-pf!", gibt er gedämpft von sich und versucht mit beiden Händen den Kaktus aus seinem Rachen zu ziehen.

Ich springe auf die Füße und stoße ihn stattdessen mit einem gezielten Tritt noch tiefer in sein Maul, bücke mich und breche den Topf ab.

„Hb-pf!... Hb-pf!... Hb-pf!" Der Laut ist leiser als sein Gekreische aber wesentlich verstörender. Seine Hände fallen zur Seite und sein ganzer Körper fängt an, zu zittern. Das rote Gesicht läuft violett an und das linke Auge, das er noch öffnen kann, ist leicht aus der Höhle getreten. Er ist dabei, zu ersticken.

„Und du hast's eigentlich verdient!", flüstere ich seufzend. Aber da ich aus einem unerfindlichen Grund heute anscheinend meinen sozialen Tag habe, taumel ich erschöpft zwei Schritte über seinen Kopf hinweg und hebe den alten EMR vom Boden. Er wird nicht viel Power haben, aber genug.

„Hb-pf!....... Hb-pf!......... Hb-pf!"

Zum ersten Mal seit ich mich nach den Lebenden Steinen erkundigt habe, schaue ich die Verkäuferin wieder an. Sie steht blass und reglos hinter ihrer Theke und jede Spur ihrer offenen Freundlichkeit ist aus ihrem Gesicht verschwunden.  

„Sieh weg", sag ich müde und drehe den Saft an dem Mag Rod auf die höchste Stufe. Sie bleibt reglos so stehen. Gut, dann halt nicht. Ich drücke die Spitze der Waffe an seine rechte Wange, drehe den inzwischen rhythmisch auf den Boden aufschlagenden Kopf auf die Seite und presse den EMR gegen seine Schläfe. Gute Nacht.

Ich zähle innerlich bis vier, bevor ich aufhöre. Und mit mir, wie erhofft auch alles andere.

Die Mischung aus Seufzen und Stöhnen, die mir in der seligen Stille entfährt, kommt aus tiefster Seele. Ich schiebe den EMR aus Gewohnheit zusammen - Ich habe vor, ihn zu behalten. Er ist besser als gar keiner zur Zeit. -, schaue mich um und sehe die gelben, fröhlichen Servietten, auf denen die Kakteen ausgestellt sind. Ich nehme diejenige, auf der der große, den ich zweckentfremdet habe, stand und beuge mich herab, um sie auf das verzerrte, entstellte Gesicht zu legen.

Dann wende ich mich ein zweites Mal der armen Verkäuferin zu.

„Ich ruf wen an, der sich um ihn kümmert. ShinRa übernimmt mit großem Bedauern die Verantwortung für diesen Zwischenfall und alle damit verbundenen Unannehmlichkeiten für Sie. Wir wären Ihnen für Diskretion verbunden und werden Sie für Ihre Aufwände angemessen entschädigen", nudel ich auswendig herunter und füge danach noch auf den Ärmchenkaktus zeigend etwas Persönliches hinzu: „Achja... Ich nehm den Kaktus!"

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Es klingelt.

Ich erwarte niemanden, aber wenn's um kurz vor 2000 bei mir ohne Voranmeldung schellt, ist es fast immer Elena. Die einzige Überraschung wird sein, ob sie Eis mitgebracht hat oder nicht. Ich lege den EMR auf den Küchentresen und rutsche mit dem Hintern vom Hocker. Die letzte halbe Stunde hab ich den fremden Mag Rod gewissenhaft geputzt und desinfiziert, damit er sich wie meiner anfühlt und kein einziges Molekül von dem Rattenmann, wie ich ihn gedanklich getauft hab, mehr an ihm haftet.

Hatte eigentlich vor, den letzten Abend vor meiner Abreise noch so gemütlich wie möglich herumzugammeln. Bisschen was auf der Couch trinken, eine Pizza in den Ofen schieben, nen Film reinziehen und zuguterletzt vielleicht noch einen Porno zum besseren Einschlafen. Und vor allem noch einen Abend lang frei herumfurzen, bevor ich tagelang in Elenas Nähe bin und mir je nachdem mit Pech in dem einen oder anderen Gasthaus ein Zimmer mit ihr teile. Dass sie da auch jedes Mal ne große Sache draus machen muss. Egal, ob es einer von der lauten oder stinkenden Sorte ist, sobald sie es hört oder riecht, kommt ein empörtes „Reno! Du hast gefurzt!". Ich meine, was soll das?! Wie soll man auf sowas denn reagieren? Soll ich versuchen, ihn mir zurück in den Arsch zu wedeln? Beim nächsten Mal eine Blockflöte in meinen Anus schieben, damit es wenigstens harmonischer klingt? Irgendwas muss sie doch in dem Augenblick von mir erwarten, weil dass ich gefurzt hab, weiss ich doch selbst...?! Das Schärfste ist aber, dass sie mir genauso zumindest einen strafenden Blick zuwirft, wenn ich rülpse. Ja, ist ihr denn nicht klar, dass jeder Rülpser ein Darmwind ist, den ich ihr erspart hab? Wo soll ich denn bitte sonst noch mit der Luft hin? Rektal per Schlauch in einen Ballon absaugen und mit ner lustigen Grußkarte dran in den Himmel steigen lassen? ‚Stell dir vor, mein Kantineneintopf von letzter Woche ist bis zum verdammten Nordkrater geflogen!'

Ich versteh auch nicht, warum sie umgekehrt nie in meiner Nähe knattert, wenn sie wach ist. Als würde ich nicht wissen, dass Frauen auch sowas tun. Vor allem muss das nach ner Weile doch echt unbequem werden und die ganzen erlittenen Strapazen sind sowieso völlig umsonst, weil alles im Schlaf dafür rauskommt. Ich teile mir mit ihr desöfteren freundschaftlich ein Bett, ich muss es wissen. Aber hab ich sie je aufgeweckt, um ihr mitzuteilen, dass sie gerade mal wieder so krachend eine angestaute Bombe fahren gelassen hat, dass mein Bett noch fünf Minuten später vibriert wie eines aus den billigen Stundenhotels, in die man nen halben Gil schmeisst?! Shiva, Nein! Würd ich das tun, wäre ich völlig unmöglich und absolut kein Gentleman!

Ich schlurfe halbnackt zur Tür. Auf meinem Rücken spüre ich bei jedem Schritt das Kitzeln der langen, freien Strähnen. Ich mag das Gefühl, aber tagsüber sind offene Haare zu unpraktisch. Dass ich sie jetzt bereits nicht mehr zusammengebunden habe, liegt einzig daran, dass ich vorhin die rausgerissenen Büschel ausgebürstet und bitterlich um jedes geweint hab.

„Ich hoffe, du hattest -" bloß Sehnsucht nach mir und nicht, dass Tseng wieder irgendwas angestellt hat. Wollte ich sagen. Aber ich verstumme. Denn es ist nicht Elena.

Es ist Rufus.

Ich versuche, der Tatsache, dass ich hier nur in meinen hellblauen Boxershorts mit den tanzenden Mogs drauf stehe, keine Aufmerksamkeit zu widmen, in der Hoffnung, dass er dann meinem Beispiel folgt und das Teil ignoriert. Es ist schwer zu ignorieren. Es hat zwei kleine, angenähte, rote Moogle-Flügel hinten an den Arschbacken und einen roten Moogle-Bommel an einem Bändchen vorne am Hosenbund.

Ein von Elena geschenkter, völlig unlustiger Scherzartikel, den ich selbst dann nicht tagsüber tragen würde, wenn er nicht die störenden Anhängsel hätte, die sich etwas seltsam unter der Hose abzeichnen würden. Aber wenn alles saubere bereits im Koffer und alles andere dreckig ist, weil ich regelmäßig zu faul zum Waschen bin und das Monstrum nur zum Schlafen anziehe - zum allein schlafen - ist es in Ordnung, meine ureigensten Kupo-Nüsse darin zu verstauen. Dachte ich zumindest bis zu diesem Moment.

Natürlich ignoriert er es nicht. Er ignoriert genau genommen den gesamten Rest der Welt, während er auf die Shorts starrt und ich allmählich imaginäre Grillen zirpen höre.

„Ja... Da bist du neidisch, was?!" Ich versuche mich an einem coolen, überspielenden Grinsen und lasse den Stoffbommel an dem Bändchen neckisch kreisen. „Wenn du lieb bittest, schenk ich dir so eine zum Geburtstag, dann kannst du jetzt auch aufhören, mir meine mit den Augen auszuziehen!"

Er zwingt sich, seinen Blick wieder nach oben zu richten. „Darf ich reinkommen?" Die Stimme verrät nichts ausser seiner neutralen, geschäftlichen Höflichkeit, aber auf seinen Lippen sehe ich den Hauch eines Lächelns, das sofort zu einem Grinsen werden würde, wenn er's ließe.

„Ehm... Klar." Ich trete zur Seite und mache eine einladende, kurze Geste. Shinra war noch niemals bei mir zu Hause, weder seit ich hier in dem neuen Komplex wohne, noch vorher. Ich schließe hinter ihm die Tür und frage mich, was mir die Ehre verschafft... Ausser eventueller Sehnsucht nach mir und meiner erotischen Aura, die gerade einen massiven Triebwerksschaden erlitten hat.

Er zieht sein Jackett aus, während er in den Wohnraum tritt und schaut sich hilflos nach einer Garderobe um, die er natürlich nicht findet, weil ich sie in erster Linie nicht besitze.

„Äh... Da...", deute ich auf den von Wäsche überquellenden Hocker vor meinem Küchentresen. Er schlendert zu ihm und reicht mir meine eigenen Sache, die ich vorhin nach dem Nachhausekommen dort rübergeworfen habe.

„Die möchtest du vielleicht wieder anziehen", stellt er fest und es gleicht eher einer Bitte. Ich glaube sogar, einen verzweifelten Unterton wahrnehmen zu können. Shiva, wenn Shinra will, dass ich mich anziehe, muss meine Aura nicht bloß ein Triebwerk verloren haben! Ich steige also in meine Hose und merke in der nächsten Sekunde, dass das keine gute Idee war, weil der Bommel gegen meine sensiblen Teile drückt, aber Sephiroth soll mich holen, wenn ich mich wie der letzte Idiot jetzt nochmal ausziehe, meine Shorts wechsel und wieder anziehe. Also schlucke ich alle Unbequemlichkeiten wie ein echter Turk herunter und bleib einfach so.

„Was machst du hier überhaupt?! Find's nicht gerade gut, wenn du ganz allein draussen unbewacht herumläufst!" Ich streife mein bereits getragenes Hemd nochmal über und schließe die mittleren zwei Knöpfe, während er sorgfältig sein Jackett über meinem eigenen auf dem Hocker ablegt.

„Reno, es sind keine zwei Minuten. Und zu der Frage, was ich hier will-," bei den Worten dreht er sich zu mir herum und verstummt eine Sekunde später. Sein Blick haftet an meinem Schritt. Besser gesagt, der fast tennisballgroßen Wölbung darin.

Ich ziehe den Reissverschluss an meinem Hosenschlitz auf, hole den Bommel hervor, und ziehe den Reissverschluss wieder hoch, so dass das Teil fröhlich an seinem Bändchen frei herumbaumeln kann und weder gegen mich drückt, noch zweideutig meine Hose ausfüllt.

Dann bemerke ich, dass das mit Abstand die idiotischste Idee meines Lebens war und ich jetzt hier stehe wie der allerletzte Trottel aus einem seit Generationen inzuchtgeschädigten Dorf.

„Magst du ein Eishörnchen?", fragt er unschuldig.

„Heh, klar immer!", sag ich aalglatt und schiebe lässig die Hände in die Hosentaschen, auch wenn ich keine Ahnung habe, was ich mit einem verdammten Eishörnchen soll. Aber das überspiel ich genauso wie alles andere. Wenn ich ihn aus dem Konzept bringe, merkt er nicht so sehr, dass ich komplett neben mir stehe.

„Was soll ich mit nem verdammten Eishörnchen?!?", platze ich drei Millisekunden später heraus und ziehe die Hände wieder hervor.

„Ich dachte, du könntest es zwischen deine Beine klemmen und dann fangen spielen. Es scheint mir wie eine Beschäftigung, an der du Freude haben dürftest."

Scheisse, hätte ich. Würd ich sofort machen, wenn ich allein wäre und Eishörnchen zur Hand hätte. Klingt nach nem verflucht guten Partyspiel. Hast diesbezüglich wohl so deine Geheimnisse, alter Knabe, was? Auch wenn er keine Miene verzogen hat und man seine Worte als Beleidigung verstehen könnte, ist mir inzwischen klar, dass er tatsächlich nichts anderes als einen Witz gemacht hat, so schwer es zu glauben scheint.

„Du unterschätzt meinen Hüftschwung, Mann! Keine verdammte Herausforderung!", feuere ich zurück und gehe mit dem bei jedem Schritt hin und her wackelnden Bommel zur Couch, als wäre es das normalste der Welt, Gaia heimlich dafür dankend, dass ich keine Katze besitze, die bei dem Anblick jetzt meinen Genitalbereich attackieren würde.

„Also, was verschafft mir die Ehre? Heute ist Mittwoch, wir waren fürs Wochenende verabredet!" Ich schmeisse mich auf meine Couch und lege die Füße weit von mir gestreckt auf den Tisch, um ihm gleich zu zeigen, dass hier meine Sitten gelten.

Er schweigt und ich beuge mich nach vorn, um meine Zigaretten und das Feuerzeug zu fischen. Ein anderes, nicht mehr das, das Unglück bringt. Als er nach meinem ersten, langen Zug und nachdem ich beides wieder zurückgelegt und stattdessen den Aschenbecher genommen habe, noch immer schweigt, schaue ich ihn fragend an. Er wirkt irgendwie entsetzlich verloren in diesem bewohnten Chaos und völlig Fehl am Platze, während ich hier der King bin. Und er weiss es.

Scheisse, er wirkt durch und durch verunsichert unter seiner dünnen Maske.

„Hey, ich fress dich nicht." Auch wenn dir das wohl passen würde. „Du wolltest einfach vorbeischauen, was? Bevor ich morgen wegfahr'." Es fällt mir schwer, es ihm nicht unter die Nase zu reiben wie ich es zweifellos mit Rude tun würde. Er würde es falsch verstehen.

„Ich schätze, das wollte ich", gibt er zu und steht noch immer herum wie bestellt und nicht abgeholt. Moment mal... Er wartet nicht wirklich darauf, dass ich ihm anbiete, sich zu setzen, weil es meine Wohnung ist, oder?! Shiva...

„Cool. Wenn du Hunger oder Durst hast, nimm dir was aus dem Kühlschrank; guck nur besser aufs Haltbarkeitsdatum. Die wirklich schlechten Sachen rennen aber von selbst davon, wenn das Licht angeht. Ansonsten..." Ich tappe mit der Handfläche auf den Platz neben mir, als würde ich einen Hund herbeirufen und wie ein solcher kommt er sofort heran und setzt sich. Seine Körperhaltung ist noch immer völlig angespannt. Genau genommen sogar noch angespannter. Er knetet an seinen Händen herum und schaut mich nicht an. Der Grund ist nicht so sehr meine Wohnung, begreife ich. Es ist meine Nähe.

Ich hangel nach der Fernbedienung in der Couchritze auf meiner Seite und schalte ein beliebiges Programm ein. Vielleicht lockert die Berieselung ihn etwas auf.

„Willst du nicht die Schuhe wenigstens ausziehen?" Den Kopf ihm zugewandt, verziehe ich die Lippen beim Ausatmen zur Seite, um ihm nicht den Rauch ins Gesicht zu blasen. Er nickt und gehorcht artig. „He, das war ein Vorschlag, Mann, kein Befehl! Dachte nur, ist bequemer und irgendwie... häuslicher. Dann kannst du auch die Beine auf den Tisch legen. Kann dir beibringen, wie das geht!" Ich stoße ihn leicht mit dem Ellenbogen an und immerhin lächelt er.

Er stellt die Schuhe sorgfältig beiseite und zieht die Beine tatsächlich auf die Couch. Eine Sekunde später rollt er sich plötzlich aus heiterem Himmel neben mir zusammen und legt den Kopf in meinen Schoß. So ohne jede Vorwarnung, dass ich noch gerade rechtzeitig den Aschenbecher stattdessen auf die Lehne neben mir stellen und den dämlichen Bommel etwas beiseite schieben kann.

Ich kommentiere es nicht; ich lege einfach meine linke Hand auf seinen Kopf und kraule spielerisch mit den Fingerspitzen in seinem Haar herum. Und wieder scheint es das normalste der Welt. Nicht ganz. Wenn es so normal wäre, hätte ich nicht das kleine Lächeln auf den Lippen und das warme Gefühl in meinem Bauch.

Er liebt dich.

Unser beider Augenpaare haften auf dem Bildschirm, ohne ihm wirklich Beachtung zu schenken. Minuten des Schweigens, in denen ich nur regelmäßig an meiner Zigarette ziehe und er sich ein einziges Mal bewegt, um näher an mich heran zu rutschen und den Kopf etwas bequemer zu positionieren. Und jetzt streicheln meine Fingerkuppen direkt sein Gesicht.

Bei einem flüchtigen Blick nach unten sehe ich, dass er die Augen geschlossen hat.

„Hab dich zu sehr verwöhnt, was? Und jetzt willst du jede Nacht in meiner Nähe schlafen", flüstere ich, weil ich nicht sicher bin, ob er schon weggedämmert ist.

„Vielleicht", antwortet er träge. Ich drücke die Kippe aus und beuge mich kurz über ihn hinweg nach vorn, um den Aschenbecher wieder auf den Tisch zurückzuschubsen. Die zweite freigewordene Hand findet ihren Weg ebenfalls sofort zu seinem Kopf.

Weitere stille Minuten vergehen und ich spüre, wie seine Atmung unter meinen Berührungen langsamer und regelmäßiger wird. Ich selbst bin gefangen - im ganz wörtlichen Sinne. Ich traue mich nicht mal, mir die Nase zu kratzen, geschweige denn, mich anders hinzusetzen, obwohl die Flügel an meinem Arsch langsam unangenehm drücken.

Dann geschieht etwas Bemerkenswertes.

Im Fernsehen beginnen die 2000 Uhr Hauptnachrichten und wie ein konditionierter Hund, öffnet er reflexartig die Augen und hebt den Kopf etwas an, um den Bildschirm besser sehen zu können.

„Nah! Pfui, aus!", schimpfe ich laut und füge erklärend hinzu: „Du hast Feierabend!"

„Die Nachrichten machen auch keinen Feierabend", seufzt er resigniert.

„Dann schicken wir sie einfach in den Feierabend! Guck!" Ich ziehe die Fernbedienung wieder hervor und schalte auf den nächsten Kanal, wo eine harmlose Quizsendung läuft. „Und schon herrscht Frieden auf der Welt! Die hohe Kunst der Verdrängung! Schlaf weiter!", befehle ich und er schließt mit einem kleinen Grinsen wieder die Augen. „So ist's brav," lobe ich und tätschel ihn kurz.

„... einer Million Gil machen? Wie auch immer Ihr Traum aussieht, wenn Sie keinen reichen Erbonkel haben, der auf die 100 zugeht, sollten Sie es lieber mit einer Teilnahme bei uns versuchen und mit etwas Glück kämpfen auch Sie bald um eine Million Gil - Ja, das ist durchaus einen Applaus wert, haha! – so wie Jennifer Klein in diesem Augenblick!

Jennifer, Sie haben keinen Joker mehr, sind Sie bereit für die alles entscheidende letzte Frage?"

„Nein! Ich werd aber zumindest einen Blick draufwerfen, hm."

„Nochmal zur Erinnerung, Jennifer hat keinen Joker mehr und kann wie schon bei der letzten Frage einfach ihr Glück riskieren, oder aussteigen und immerhin mit fünfhunderttausend Gil - einer halben Million - nach Hause gehen! So, Jennifer, und hier ist Ihre letzte Frage für EINE MILLION GIL:

Welcher deswegen exekutierte Politiker verfasste das Werk ‚Vom Rechte des Volkes', das von Historikern als erstes humanistisches Schriftstück angesehen wird und die Grundlage der Demokratie des alten Vereinten Großreiches Midgar bilden sollte?

a) John C. Edgar, b) Harold Linth, c) William Cunningham d) Paul Steller."

„Also, ...vom Gefühl her würde ich zu A tendieren, der Name sagt mir was."


„B. Linth. Edgar ist bekannter, weil er sich nach dem Fall der Monarchie bei der demokratischen Umstrukturierung des Staates auf Linth berufen und die Rechte durchgesetzt hat", flüstert er im Halbschlaf, „Aber Edgar hat den Text nicht geschrieben, er war nur der erste, der ihn angewandt hat."  

„Ooooooooooh, letztes Wort? Dann sage ich herzlichen Glückwunsch, Jennifer Klein, zu fünfhunderttausend Gil! Aber wollen wir noch einen Blick auf die richtige Antwort werfen und sehen... Ah, Sie haben die richtige Entscheidung getroffen! Korrekt wäre gewesen b, Harold Linth, dessen Werk John C. Edgar erst 73 Jahre nach Linths Tod als Grundlage für seine Staatsreform diente!"

„Heh! Schau an, du bist ein Millionär", necke ich ironisch.

„Nein, dann hätte ich Verluste gemacht. Ich bin ein Milliardär", seufzt er desinteressiert und öffnet die Augen. „Ich sollte noch nicht schlafen. Es ist zu früh."

Und umso weniger haben wir voneinander...

„Okay", antworte ich leise zu ihm herunterlächelnd und streiche die Haare aus seiner Stirn. „Bist ein Milliardär und kannst dir kein Gel leisten, das deine Haare bändigt."

„Es existiert keins, das meinen Ansprüchen gerecht wird und ich bin noch nicht so weit, dafür einen Forschungsauftrag zu erteilen." Er dreht sich auf den Rücken und spielt mit der Spitze der taillenlangen, offenen Strähne, die mir über die Schulter gerutscht ist. Gestern hab ich noch geschwiegen, weil es echt unpassend war und er sich wirklich verdammt vorsichtig angestellt hat, aber eine meiner Macken ist es, dass ich extrem empfindlich darauf reagiere, wenn jemand diesen Teil meiner Haare berührt. Und es wird Zeit, das klarzustellen.

„Nimm's mir nicht krumm oder so... Aber ich mag's lieber wenn du dich an die anderen fünfundneunzigtausend Strähnen oben hältst, okay? Liegt nicht an dir, ist so ein Tick irgendwie von mir, ich kann das nicht haben", erkläre ich so freundlich wie's mir nur möglich ist.

„Hmmm. An die komme ich jetzt schlecht heran." Er schmollt, aber es ist durch und durch gespielt. Ich atme innerlich auf, weil er meine Bitte offensichtlich nicht persönlich genommen hat.  

„Heh, ich hab aber nen tollen Bommel in Spielweite!" Ich nehme das Teil und wedel damit so weit es das Bändchen zulässt vor seiner Nase herum, als hätte ich eine Katze auf dem Schoß liegen und nicht den Präsidenten des ShinRa Konzerns.

Und dann klingelt es an der Tür.

Wir reagieren beide unterschiedlich, aber wir reagieren. Während er heftig zusammenzuckt, gefriere ich regelrecht in meiner Wedelbewegung.

„Erwartest du jemanden?" Er überwindet den Schreck als erster und schaut von der Tür zu mir auf.

„Nein, aber..." Ich erwidere unsicher seinen Blick. „Das kann nur Elena sein. Die kommt manchmal vorbei. Sie weiss auch, dass ich heute Abend zu Hause bin."

Und sie wird auch nicht lockerlassen.

„Ich verstehe. Willst du, dass ich gehe?" Ich kann ihm die Angst vor meiner eventuellen Antwort nicht anhören, aber in seinen Augen sehen.

„Nein!", antworte ich wie aus der Pistole geschossen. „Nein, bleib! Ich – ...Muss mir nur was einfallen lassen."

„Öffne einfach die Tür und überlass das Reden mir." Sein selbstbewusstes Gewinnerlächeln ist genauso echt wie die Angst Sekunden zuvor. Aber ob er lächelt, weil ich unfreiwillig verraten habe, wie sehr ich ihn hierbehalten will, oder ob er nur zuversichtlich ist, Elena abwimmeln und die Situation mühelos retten zu können - ich kann's nicht sagen.  

Ist mir auch völlig egal, als ich aufstehe und über ihn hinwegklettere. Immerhin ist er hier uneingeladen aufgekreuzt, also darf er auch bitte die Suppe auslöffeln! Heh, bin nur gespannt, wie er das hinbekommen will. Ich zweifel aber keine Sekunde daran, dass er es wird.

„Elena!" Ich ziehe die Tür auf und blockiere den Spalt mit meinem Körper. Vergeblich und ausserdem unnötig, wie ich bemerke, als sie die Augen tellerweit aufreisst und über meine Schulter hinwegspäht. In ihrem Arm hält sie einen 1kg-Eimer Eis. Ich folge ihrem Blick auf Rufus, der gefasst und locker - oder unlocker - wie eh und je, in der Mitte des Zimmers steht. Ich hab nicht gehört, dass er sich bewegt hat.

„Möchtest du deine Partnerin für die nächsten Tage nicht hereinbitten? Reno?"

Seine Stimme jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Kann ich in so kurzer Zeit vergessen haben, wie er noch bis vor wenigen Tagen all die Jahre mit mir gesprochen hat? Es scheint auf einmal so undenkbar. Selbst wenn er auch jetzt noch ab und an den ihm eigenen, kalten Sarkasmus an den Tag legt - es ist nur ein Zug an einem Charakter, der so viel komplexer, größer und tiefer ist.

„N-Natürlich, Sir", stammel ich, was unserem Schauspiel zugute kommt. Sie kennt schließlich meine Nervosität in seiner Nähe. Sie wird nicht drauf kommen, dass genau genommen ihre plötzliche Nähe in diesem Fall eher der Anlass ist.

Ich trete zur Seite und lass sie herein. Dann folge ich zögerlich und komplettiere unsere mitten im Raum herumstehende Dreierrunde. Wenn ich nicht nach unten sehe, wird sie vielleicht nicht bemerken, dass mir noch immer der schreiend rote Bommel aus der Hose hängt und Rufus auf Socken ist. Und zu allem Überfluss stehen seine Schuhe gut sichtbar neben der Couch statt wenigstens der Tür. Gaia, wenn ich nur eine Minute die Zeit anhalten könnte, um meinem plötzlichen Drang, vor Verzweiflung zu lachen, nachzugeben.

„Elena, du entschuldigst, dass ich auf diese Weise in eure kostbare Freizeit eindringe." Nur Rufus scheint in all dem kein Problem zu sehen. Seiner Haltung nach könnte er gerade auch vor einer Menschenmasse stehen und von Kamerateams, die live übertragen, umzingelt sein. Seine Worte klingen glatt und geschäftlich, als wäre an der Situation rein gar nichts Absurdes.

Und Elena, mit ihrem Eis-Eimer, steht nur da und wartet auf die Erklärung, was ihn nach all den Jahren bewogen haben könnte, auf diese Weise in unsere kostbare Freizeit einzudringen.

„Ich bitte um dein Verständnis, dass ich noch einige wichtige Angelegenheiten mit Reno zu besprechen habe, die keinen Aufschub dulden. Solange Tseng aus gesundheitlichen Gründen verhindert ist, wird er sich mit etlichen zusätzlichen Aufgaben befassen müssen." Eine Hand in der Tasche, schlendert er zur Tür und öffnet sie ihr kaum eine Minute, nachdem sie eingetreten ist, wieder zum Hinausgehen. Seine Bitte um Verständnis ist nichts anderes als ein direkter Befehl, sich unverzüglich vom Acker zu machen.

„Das ist nicht wirklich die Moogle-Hose, oder?!" Sie nutzt die kurze Gelegenheit, mich auf das anzusprechen, was sie wohl am zweitstärksten aus der Bahn wirft.

„Mann, was sollt ich machen?! Der stand plötzlich vor der Tür!", zische ich flüsternd zurück. Und so wirklich gelogen ist es ja auch nicht.

„Aber warum hast du nicht wenigstens -"

Ich winke ab. Ja, warum hab ich nicht wenigstens. Weil's gegen die Weichteile drückt, die du nicht hast, aber diesen Unterschied zwischen uns beiden erkläre ich dir morgen nochmal in Ruhe.

„Guten Abend, Elena." Das Lächeln ist kalt und süß wie das Eis in ihrem Arm. Sie tut mir leid in diesem Augenblick, als sie mich noch einmal verwirrt anschaut und ich nur achselzuckend, entschuldigend zurückblicken kann.

„Guten Abend, Sir." Sie nickt ihm im Herausgehen zu. „Bis morgen, Reno", verabschiedet sie sich von mir und trottet aus meiner Wohnung heraus. Er schließt die Tür hinter ihrem Rücken.

„Große Klasse!", motze ich sofort los. „Weisst du, die Story hätte ich so gerade eben auch noch zusammengeschustert bekommen! Ich hab gedacht, du lässt dir was einfallen, wieso du bei mir rumhängst, anstatt mich zum Reden wie sonst auch in dein Büro zu bestellen!"

„Weshalb?" Er läuft zu mir. „Ich bin Rufus Shinra. Seit wann rechtfertige ich mich? Es wäre wesentlich verdächtiger, wenn ich plötzlich damit anfangen würde, oder?"

„Ja... Nur... Mann, sie wird fragen!"

„Dann sagst du ihr eben, dass du auch nicht weisst, was in mich gefahren ist. Ich glaube nicht, dass es dir schwerfallen wird, Wut auf mich vorzutäuschen." Seine Finger wandern aus heiterem Himmel an mein Hemd und knöpfen es auf.

„Hey, was machst du?!" Ich protestiere verbal, aber hindere ihn nicht daran, es mir auszuziehen.

„Du hast mir besser so gefallen", erklärt er platt, öffnet meine Hose und streift sie ebenfalls herunter. „Wenn ich schon in deine kostbare Freizeit eindringe, sollte ich ausserdem wenigstens deinen Hang zur Bequemlichkeit respektieren."

Ich weiss nicht, was es ist, aber irgendwas muss ihn gerade ziemlich anmachen oder angemacht haben. Elenas Besuch? Das Risiko, erwischt zu werden?

„Du stehst echt auf meine Moogle-Shorts, kann das sein?", frag ich, während ich aus den Beinen heraussteige und wieder halbnackt vor ihm stehe. „Hast anscheinend ne Weile gebraucht, dir das einzugestehen! Mach dir nichts draus, ging mir auch so!"

„Schau, Reno: Sie sind albern, aber äußerst praktisch." Er greift nach dem Bommel und zieht mich daran mit einem Ruck in seine Richtung. „Und von der anderen Seite funktioniert es auch." Seine Hände umfassen meine Schultern, drehen mich herum und dann fühle ich, wie er die Flügel an meinem Hintern festhält.

Auch wenn er bloß harmlos mit mir spielt, es ruft mir ins Gedächtnis, wieviel stärker er ist als ich.

„Ich... Ich muss aufs Klo", stottere ich leise in Ermangelung besserer Ausreden, um mich aus seinem Griff herauszuwinden.

„Natürlich. Geh." Er gibt mich sofort frei. „Du hättest aber auch einfach sagen können, dass ich dich loslassen soll."

Ich bleibe stehen und atme tief durch. „Es ist..." Ich drehe mich zu ihm herum, um ihm tatsächlich den wahren Grund für mein Unbehagen zu nennen. Eine volle Blase ist es jedenfalls nicht. „Ich mag's nicht, unterlegen zu sein, okay? Entweder faires Spiel oder ich hab die Zügel."

So läuft das bei mir. So ist es immer gelaufen.

„Nun, es wäre wohl faires Spiel und somit angemessener, wenn ich mich ebenfalls freimachen würde, nicht wahr?" Seine Hände wandern an die eigene Brust, um die Knöpfe dort zu öffnen. Reflexhaft protestiere ich um ein Haar. Allein aus Gewohnheit. Das einzige, was mich abhält, ist sein hypnotisierendes, winziges Eisbrecherlächeln.

Und die Tatsache, dass ich es will. Ich kratze mir die Schulter. Angespannte Übersprungshandlung.

„Wär's wohl", murmel ich und schleiche zur Couch zurück. „Dann... Mach mal."

Ich kann ihm nicht zusehen. Obwohl ich ihn schon halbnackt gesehen habe - es ist so viel intimer, wenn sich jemand erst auszieht vorher, selbst wenn das Endergebnis das gleiche ist.

Kurze Zeit später - verblüffend kurz, gemessen an der Tatsache, wie dick er immer eingepackt ist - liegt sein Kopf wieder in meinem Schoß. Meine rechten Finger in seinem Haar, die linke Hand dieses Mal seinen nackten Oberarm streichelnd.

Und so ist es okay.

Ohne das Bedürfnis, ein weiteres Wort zu wechseln, haften unser beider Augenpaare gleichermaßen verzweifelt wie desinteressiert an dem Bildschirm, einzig dankbar für die Zerstreuung, die uns gerade genug voneinander ablenkt.

 

~


Ich bemerke ihn im Augenwinkel, als ich mir gerade die Zähne putze. Er lehnt im Türeingang und wackelt erklärend mit einem schiefen Grinsen mit der Zahnbürste in seinen Händen.

„Hasch isch verhammt ohimischisch hon hir, heich he herhammhe Hahnhürschhe mihu'ing!", stelle ich putzend fest.

„Du entschuldigst?"

Ich nehme die Bürste aus dem Mund und spucke ins Becken. „Ich hab gesagt, das ist verdammt optimistisch von dir, gleich ne verdammte Zahnbürste mitzubringen!"

„Ich würde es eher realistisch nennen", antwortet er ungerührt und schleicht barfuß zum Klo, um sich wartend bis das Waschbecken frei wird, auf den Deckel zu hocken. „Ist das der Kaktus?" Er deutet mit seiner Zahnbürste auf die stachelige, blutbefleckte Pflanze in der Ecke. Selbstverständlich hat er von der Sache gehört.

„Heh, ja, Mann! Hat sich das quasi verdient. Hat mir immerhin vielleicht das Leben gerettet", erkläre ich, mir den Mund immer wieder ausspülend. „Wollt ihn bisschen saubermachen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich den einfach abbrausen kann. Ist ja 'n Kaktus."

„Du könntest ihn austopfen und die Wurzeln von der Erde befreien, damit er hinterher nicht im Wasser steht. Natürlich müsstest du dir danach die Mühe machen, ihn in neue, trockene Erde zu setzen und er dürfte nicht in die Sonne, solange er noch nass ist, sonst würde er verbrennen."

„Dazu müsst ich das Viech ja anfassen! Ah, Scheisse, ist fast so schlimm, als hätt' ich mir'n verdammtes Kind ins Haus geholt." Ich lege den Kopf in den Nacken, gurgel und spucke erneut aus. Dann greif ich das Handtuch und trockne mir den Mund ab. „Woher kennst du dich in der Botanik aus?"

„Das tue ich nicht. Es sagt mir lediglich die Logik", zuckt er lächelnd mit den Schultern.

„Damit willst du mir sagen, ich hätte von allein draufkommen können, eh?" Ich schlage mit dem Handtuch nach ihm und er weicht spielerisch aus.

„Ich frage mich allerdings vielmehr, was es damit auf sich hat." Er deutet auf mein zweites Mitbringsel aus dem Blumenladen, das sein Dasein vorübergehend in einem gefüllten Plastikeimer in der Duschwanne fristet. Ein vorgefertigter Strauss, den ich mir, nachdem ich 50 Gil für beides auf den Tisch gelegt habe, im Herausgehen noch geschnappt hab. Ich hab den ganzen Stress sicher nicht erlitten, um ohne den eigentlichen Grund, wegen dem ich losgefahren bin, abzuhauen. Das wär's noch gewesen!

„Der ist für Cloud", erzähl ich unschuldig und bemerke erst bei seinem eindeutigen, argwöhnischen Blick, was ich da gerade von mir gegeben hab. „Ah, Shiva! Er soll ihn bloß mitnehmen für Evelyn aus Tifas Bar. Er kommt morgen kurz vorbei in mein Büro, um was abzuholen, dann kann er ihr das Ding direkt geben, wenn ich weg bin."

Aber sein Blick wird entgegen meiner Erwartung sogar noch eine Nuance finsterer. Er macht sich keine Mühe, wie üblich zu verbergen, was in ihm vorgeht.

„Und wer ist Evelyn?!", bohrt er weiter.

Ich grinse und werfe das Handtuch wieder über den Haken. „Heh, da ist wer ganz schön eifersüchtig, was?" Ich stelle mich vor ihn, lege die Arme um seinen Nacken und beuge mich runter, um einen Kuss auf seine Stirn zu drücken. „Sie ist bloß ne Aushilfe dort, die ich Freitag Nacht im Suff ein bisschen unfair behandelt hab. Ich hab vor, da weiterhin hinzugehen, also ist ne Entschuldigung wohl nicht verkehrt." Ich ziehe die Arme wieder zurück und massiere vorsichtig mit den Fingern seine Schultern. Er lehnt den Kopf an meinen Bauch und seufzt entzückt. Kein Wunder, er ist völlig verspannt.

„Das tut gut", nuschelt er gegen meine Haut. „Ist sie hübsch?"

„Ja und nein. Ja, es tut gut, nein, sie ist nicht hübsch. Und nochmal nein, ich hab auch nicht mit ihr geschlafen, auch wenn's dich nichts angeht!" Ich löse mich von ihm und ignoriere seinen gestöhnten Protest. „Waschbecken ist frei!"

Er steht widerwillig mit seiner Zahnbürste auf und geht ans Becken. „Würdest du mich gleich massieren?", fragt er ganz nebenbei, während er das Wasser aufdreht.

„Du suchst nur nach nem Grund, einen Fuß in mein Bett zu setzen!" Aber natürlich bin ich nicht ernsthaft davon ausgegangen, dass er auf der Couch schläft. Selbst wenn wir beide der Form halber so tun würden, würde er nach spätestens einer Stunde sowieso zu mir unter die Decke schlüpfen; da mach ich mir nichts vor. Und es ist nicht so, als würde mich die Vorstellung noch stören, oder? „Ja... Du bekommst deine verdammte Massage", lenke ich kleinlaut ein und schleich davon, bevor er mir seinen Sieg unter die Nase reiben kann.

 

~


Er kriecht auf allen Vieren wie eine verdammte Raubkatze über die Matratze in meine Richtung und bleibt neben meinem ausgestreckten Körper stehen.

„Ich fordere dein Versprechen ein", schnurrt er regelrecht und reibt seine Stirn an meinem nackten Oberarm.

„Da brauchst du gar nicht so mit dem Schwanz zu wedeln; das wird keine erotische Geschichte! Nur eine rein nüchterne Massage, aufgrund medizinischer In... Indi.... Induktion", stelle ich klar und würde mir selbst bei meinem schwachsinnigen Gestammel kein einziges Wort glauben. Zumal ich, bevor ich es selbst merke auch schon meine Hand kraulend in seinem Haar habe.

„Indikation", korrigiert er mich knapp und ich zieh sofort die Hand weg.

„Hör mal, wenn ich Induktion sag, dann mein ich Induktion!" Ich setze mich auf und knipse die zweckentfremdete Schreibtischlampe auf dem Nachttisch an meiner Seite an.

Shiva.

Seine Haut ist im schwachen, gelben Licht wieder mit dem Goldschimmer überzogen. Und ich will schreien und alle Leute von der Straße holen, die mich für einen verkitschten Romantiker mit rosa Brille gehalten haben, um sie alle in mein Schlafzimmer zu stopfen und ihnen zu beweisen, dass ich nicht spinne! Bloß, dass diese riesige Menschenmenge im Grunde nur aus mir besteht...

„Reno, das Wort ergibt absolut keinen Sinn in dem Zusammenhang."

„In meiner Welt schon!", motz ich und reisse meinen Blick von seiner Haut los. Verdammter Klugscheisser. „Und jetzt leg dich auf den Bauch und halt ausnahmsweise den Rand, sonst hör ich auf, bevor ich angefangen hab!"

Er sinkt unterwürfig herab auf seine Vorderseite und ich knie mich neben ihn. Einen Moment überlege ich, mein Öl zu holen, immerhin ist es dazu angeschafft worden vor Urzeiten. Nur habe ich letztendlich nie damit massiert, sondern es so oft zum Wichsen missbraucht - ob allein oder mit Beihilfe - dass ich den Geruch von dem Zeug inzwischen untrennbar mit sexueller Aktivität verbinde. Und das verträgt sich nicht mit rein medizinischen Massagen. Auch nicht in meiner Welt.

Ich umfasse seine Schultern und fange vorsichtig an. Es überrascht mich nicht besonders, dass seine Muskeln wirklich steinhart sind. Das Aufstöhnen unter meinen Berührungen klingt auch mehr gepeinigt als genussvoll. Ich denke nach. Seine Nägel sind manikürt, also hat er keine Probleme damit, sich prinzipiell von anderen pflegen zu lassen und auch keine Angst, sein männliches Ego könnte Schaden nehmen dadurch. Wenn er wollte, hätte er längst eine Masseuse. Also, wieso will er nicht, wenn er offensichtlich eine gebrauchen könnte? Hat er solche Angst, berührt zu werden? Auch unter klar abgesteckten, tatsächlich medizinischen Umständen? Seltsam, wenn man bedenkt, wie ausgehungert er in meiner Nähe wirkt.

Ich könnte einfach fragen und mittlerweile gehe ich sogar davon aus, dass er mir eine ehrliche Antwort geben würde. Vielleicht etwas verschlüsselt und verblümt, aber deutlich genug, sie zu verstehen. Wenn auch wohl nicht auf Anhieb.  

„Du fährst also morgen mit Elena nach Nibelheim", beginnt er aus dem Nichts, während ich die Daumen zu seinem Nacken schiebe, um zusätzlich die Knoten darin zu entwirren. Er beugt ihn mir dankbar entgegen.

„...Ja", antworte ich leise, als wäre ich bei etwas ertappt worden, für das ich mich schämen müsste. Meine Handballen wandern etwas mehr nach innen. Meine Finger kreisen fest über seine Halswirbelsäule. „Muss sein. Würd auch lieber hierbleiben, aber so ist es tatsächlich die beste Variante. Mann, deine Muskeln sind verheddert wie Elenas Geburtstagsparty-Lichterkette!"

Die kreisenden Bewegungen wandern etwas herab zwischen seine Schulterblätter. Solange ich mich auf die Knoten konzentriere, achte ich nicht so sehr auf die weiche, warme, Haut unter meinen Händen.

„Warum würdest du hierbleiben wollen? Ich war der Ansicht, du liebst Ausseneinsätze", flüstert er gedämpft in mein hellblaues Bettlaken hinein.

„Klar, schon. Ist nur... 'n schlechtes Timing gerade irgendwie, verstehst du?" Als würde irgendwer das besser verstehen als er.

Er räkelt sich ein wenig und ich beobachte fasziniert das Spiel der Schulterblätter unter seiner Haut. Wie zwei Flügel, die versuchen, herauszubrechen. Ehe ich es verhindern kann, lege ich meine Hände auf die Stellen. Ich tarne meinen Ausrutscher, indem ich dort weiterknete, als hätte ich's sowieso als nächstes vorgehabt. Auch wenn er viele Verspannungen und Knoten hat, hat er nicht viel Fleisch auf seinen Knochen. Ich kann sie deutlicher spüren, als mir lieb ist.

„Du bleibst artig, wenn ich weg bin, ja? Ich meine, du trinkst dich nicht ins Koma oder so, nicht?" Ich frage nicht, um weiterzureden oder Small Talk zu betreiben. Ich frage, weil jetzt gerade mein Beschützerinstinkt wieder über alle Maße stark ist, jetzt, wo ich seine vermeintliche Zerbrechlichkeit so überdeutlich mit den eigenen Händen fühle.

Du hast ihn den Mann mit Nerven und Eiern aus Stahl genannt, Reno. Er ist härter und stärker, als du es je sein wirst.

Ja, aber auch dünner und verspannter!

„Wenn ich ‚doch' sage, bleibst du dann?" Er dreht den Kopf auf die Seite und ich sehe die herausfordernd hochgezogene Augenbraue und den schmunzelnden Mundwinkel.

„Das ist emotionale Erpressung!" Meine Hände wandern tiefer in Richtung seiner Taille.

„Ich bin ein skrupelloser Mensch, Reno. Faszinierend, wie schnell du das zu vergessen haben scheinst." Das Schmunzeln wird zu einem Grinsen. „Etwas tiefer."

„Heh, dann erpress ich dich zurück!" Ich folge seiner Bitte prompt und lasse meine Hände noch tiefer gleiten zu seinen Lendenwirbeln. Mit meiner Massage aufzuhören, wäre zwar sicher auch ein gutes Druckmitteln, aber damit würde ich mir glatt ins eigene Fleisch schneiden. „Gut so?"

„Wie willst du das bitte bewerkstelligen?", fragt er hörbar amüsiert und siegessicher. „Ja, so ist es fast gut."

„Ganz einfach. Wenn du mich nicht morgen beruhigt fahren lässt, werd ich jeden deiner Anrufe wegdrücken, solange ich unterwegs bin", drohe ich und weiss, dass ich ihn damit in der Hand habe. „Wieso nur fast? Willst du's fester? Shiva, wenn ich mit dir fertig bin, brauch ich selbst wen, der mir die Arme durchknetet!"

„Warum sollte ich dich anrufen wollen? Ihr werdet höchstens ein paar Tage wegbleiben", gibt er sich unbeeindruckt. „Nicht fester, nur ein Stück tiefer."

„Du wirst mich brauchen, um einzuschlafen und das weisst du genauso gut wie ich. Du wirst jede Nacht anrufen, nur um meine Stimme zu hören!", stichel ich. „Sag mal, du erwartest nicht wirklich, dass ich dir den Hintern massiere, oder?"

„Und wenn ich dich mit meinem Wort gehen lasse, wirst du jeden einzelnen meiner Anrufe annehmen und mit mir reden?" Sein Grinsen verschwindet. „Nein, das erwarte ich nicht. Hier." Er verrenkt den Arm nach hinten und tippt sich kurz oberhalb des Kreuzbeins auf den Rücken. „Da tut es weh, wenn ich lange gesessen habe."

Ich mustere ihn skeptisch, aber er scheint es tatsächlich ernst zu meinen. Also fange ich an, den gezeigten Punkt mit meinen Fingern zu bearbeiten und er saugt prompt die Luft scharf zwischen den Zähnen ein. Okay, er spielt nicht. Er hat wirklich Schmerzen.

„Klar, werd deine Anrufe entgegennehmen. Solange ich nicht im Einsatz bin. Aber ich leg sofort auf, wenn ich höre, dass du getrunken hast. Abgemacht?" Die eine Hand unten lassend, bearbeite ich mit der anderen wieder die Stelle unterhalb seines Nackens, genau zwischen den Schultern.

„Abgemacht", stöhnt er auf. „Nicht so fest!"

„Du bist lustig, anders krieg ich dich nicht weich! Weisst du was? So wie du dich anfühlst, solltest du dir mal überlegen, dir ne private Masseuse anzuschaffen. Aber nicht so eine junge, aufgetakelte, die dich sofort wieder heiraten will, ich rede von einer richtigen Masseuse! Du brauchst so eine dicke, alte Olga mit Oberlippenbart, die dich ordentlich rannimmt bis du winselst!"

„Ich habe doch jetzt dich."

„Ja, aber mir steht kein Oberlippenbart! Shiva, weisst du, was ich dir zum Geburtstag schenken werde? So einen ergonomischen, aufblasbaren Sitzball für dein Büro! Bin sicher, die gibt's auch in weiss! Du bist zu jung, um den ganzen Tag nur rumzuhocken und dir den Rücken kaputtzumachen."

„Ich würde dir raten, die Idee schnellstmöglich zu vergessen." Er greift erneut nach hinten, um meinen Arm sachte wegzuschieben und rutscht zur anderen Seite des Bettes. „Es ist gut für jetzt. Mehr ertrage ich nicht. Danke."

„Heh, wenn du freiwillig genug von mir hast, musst du wirklich leiden wie ein Tier!" Ich schlüpfe unter die Bettdecke auf meiner Seite und halte sie ihm auf. Ich hab nur die eine, wenn auch zwei Kissen. Da wäre zwar noch die auf der Couch im Wohnzimmer, aber... dann... wäre er ja nicht so nah bei mir.

„Ich habe nicht sagen wollen, dass ich genug von dir habe, sondern nur von deiner Massage. Das ist ein Unterschied." Er rückt mit seinem Kissen hinter mich mit etwas Abstand und ich drehe ihm den Rücken zu. Meine Hand fischt nach dem Schalter der Lampe auf dem Nachttisch und knipst das Licht aus.

Und seltsamerweise macht die Dunkelheit mich schlagartig wacher. Ich lauere, genau wie er es tun wird.

Aber von ihm wird nichts mehr kommen. Ich weiss nicht, woher ich diese absolute Sicherheit habe, aber ich habe sie. Er hat genug erste Schritte gemacht. Ich weiss, dass er in diesem Moment zu Gaia betet, dass endlich etwas von mir ausgeht. Ich habe ihm den Rücken zugewandt, deutlicher könnte ich ihm nonverbal nicht zeigen, dass ich nicht will. Aber das ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, ich habe nicht vor, ihn weiterhin abzuweisen. Mein Verstand, an dem ich mich bislang orientiert habe, konnte mir keine Antworten liefern. Heute Nacht folge ich meinem Gefühl. Und wenn ich an der Reihe bin, den ersten Schritt zu tun... Faires Spiel.

Ich schlucke und befeuchte mir die Lippen in der Schwärze. In meinem Nacken kann ich schwach seinen Atem fühlen. Zügig, nicht entspannt und schläfrig.

Die Wahrheit ist, dass ich die Antwort nicht suchen muss, sondern längst kenne.

Ich will ihn.

Einmal eingestanden, einmal offen gedacht, kostet es plötzlich keine Überwindung mehr, mich zu bewegen, sondern es geschieht wie von selbst.

„Komm her." Ich drehe mich auf den Rücken und ziehe ihn in meine Arme, in die er sich sofort fest schmiegt, als hätte er ein Leben lang auf den Moment gewartet und nie wieder vor, loszulassen. Sein Kopf auf meiner Brust ruhend, kauert er sich zusammen und gleichermaßen an mich wie ein Ertrinkender.

„Gaia...", kann ich ihn seufzen hören und der Laut scheint aus den tiefsten Tiefen seiner Seele zu kommen. Ich glaube zu ahnen, was es ist.

Er liebt dich.

Nicht bloß das - Er wird noch niemals in seinem Leben Haut an Haut mit jemandem so dagelegen haben. Noch niemals so gehalten worden sein wie jetzt. Ich winkel den linken Arm an, um die Finger meiner Hand in seinem seidigen, weichen Haar zu vergraben. Die andere streichelt seinen Rücken.

„Du hast sowas noch nie getan, oder?", frage ich flüsternd und hebe den Kopf leicht an, um einen Kuss auf seinen Schopf zu drücken. Kein Honigduft, stattdessen ein unbekannter, kühler, scharfer Geruch. Männershampoo.

„Wer hätte mich halten sollen?", antwortet er genauso leise.

Sollen? Vielleicht deine verdammten Eltern! Nicht ganz so wie jetzt zwar, aber eben auf ihre Weise!

„Wie fühlt es sich an?" Ich frage nicht, um Bestätigung zu bekommen. Ich frage, weil es für mich so normal ist - die Sache an sich, nicht mit einem Mann so dazuliegen - und ich nachvollziehen will, was in ihm vorgeht.

„Wie nach Hause kommen", nuschelt er. „Ein Zuhause, in dem noch jemand anderes lebt und mit brennendem Licht auf dich wartet."

Alter, verdammter Poet.

Er reibt seinen Nasenrücken kurz an meiner Brust und winkelt das oben liegende Bein an, bis der Schenkel auf meinem Bauch zum Ruhen kommt. Eine Geste, die ich mehr als gut kenne, - aber das überraschend schwere Gewicht dabei ist etwas Neues. Nicht unangenehm, bloß durch und durch ungewohnt.

Den linken Arm noch immer fest um ihn geschlungen, lasse ich die rechte Hand unter der Decke herabwandern, um die Narbe, die er mir gerade regelrecht anbietet, zu streicheln. Er seufzt erneut, dieses Mal definitiv von etwas anderem als bloßem, frohen Heimkehren gefärbt und räkelt sich minimal. An meiner Seite fühle ich durch den dünnen Stoff seine wachsende Erektion und schlucke hart. Nicht aus Angst. Zumindest nicht aus Angst vor seinem Schwanz. Eher...

‚So? Ich unterstelle eher Angst vor Kontrollverlust. Allerdings nicht auf die Weise, die du vermutest', höre ich seine Worte aus dem Tunnel in meinem Kopf. Er kann es unmöglich da schon gewusst haben...

Wolltest du nicht deinem Gefühl folgen?, schaltet sich meine innere Stimme ungefragt hinzu.

Schon, aber... Ich kann nicht sagen, wie weit mein Gefühl noch gehen wird. Was, wenn es stehen bleibt und ich's einhole?

„Rufus, ich... bin mir nicht sicher, ob ich dir geben kann, was du brauchst." Und es ist völlig logisch und normal, dass er's braucht. Der Kerl ist gesunde 25 Jahre alt. Das trifft zwar auch auf mich zu, aber ich bin nicht... ich bin mir nicht sicher, was ich damit meine, wenn ich sage, ich will ihn - ob ich ihn auf die gleiche Weise will wie er mich. Was das angeht, herrscht in mir noch Chaos. Auch wenn ich keine Sekunde ausblenden kann, dass ich hier mit einem Mann liege. Dazu fühlt er sich zu anders an. Sein schlanker Körper ist viel fester, auch wenn die Haut genauso weich ist. Ich kann die Muskeln darunter fühlen und an seinem Bein die feinen, blonden Härchen. Und er riecht völlig anders. Nicht nur sein Shampoo und die letzten wahrnehmbaren Spuren von Aftershave und Parfüm - sein ureigenster Körpergeruch ist eindeutig maskulin.

„Du gibst mir bereits mehr, als du dir je wirst vorstellen können, Reno." Wie um seine Worte zu bekräftigen, rückt er ein kleines Stück mit seinem Becken von mir ab. Ob bewusst oder unbewusst, lässt sich nicht sagen. Und bislang hat er tatsächlich keine Anstalten gemacht, sich mehr zu nehmen, als ich ihm von allein anbiete.

„Ich hab nur Angst... Naja, du hast mir heute Morgen so ein tolles Geschenk gemacht zum Beispiel; ich hab Angst, dass du davon ausgehst, weil ich's angenommen habe...", ich verstumme und suche nach besseren Worten. „Dass du jetzt irgendwas von mir erwartest."

Und mit ‚irgendwas' meine ich das genaue Gegenteil von ‚irgendwas'. Ich meine sogar etwas sehr Spezielles.

„Dass ich dich kaufen will, meinst du." Er räkelt sich erneut und gibt mir einen kleinen Kuss oberhalb der ehemals gepiercten Brustwarze. „Warum sollte ich das tun wollen? Du bist bereits mein Eigentum. Mit deiner Unterschrift vor dreizehn Jahren hast du dem jeweils amtierenden Präsidenten jedes Bestimmungsrecht über dein Leben gewährt. Das macht dich faktisch zu meinem Besitz."

Niemand würde seinen Tonfall von dem normalen, geschäftlichen unterscheiden können. Niemand ausser mir. Und ich fühle nur zu deutlich sein Grinsen bei den Worten an meiner Haut.

Ich lache kurz auf. „Heh, ich hab vielleicht nen Arbeitsvertrag unterschrieben, aber ich kann mich trotzdem nicht erinnern, ein ShinRa Brandzeichen auf dem Arsch zu haben!"

„Hmmm... Du bringst mich gerade auf Ideen", murmelt er schwärmerisch. Seine Finger streichen meine Brust hinab und wieder herauf. Die Wärme in meinem Magen flammt erneut auf und fließt von dort direkt in meinen Schritt.

„Das würd dir gefallen, was?!" Ich drücke einen weiteren Kuss auf seine Haare. Er hebt den Kopf an, legt sein Kinn auf meine Brust und blickt in der Halbdunkelheit in mein Gesicht. Seine Züge im blassen, silbernen Licht des beinah vollen Mondes scheinen fremd. Intimer. Ich kenne den Effekt, aber hätte mir niemals träumen lassen, ihn an ihm zu erleben. Mein seltsames, goldenes Wesen. Dass ich ihn gedanklich so nenne, würde ihm bei seiner poetischen Ader sicher nicht weniger gefallen als der Vorschlag, mir sein Zeichen einzubrennen. Aber ich werd's ihm nie sagen. Es ist abartig kitschig und ich schäme mich dafür, dass ich die Worte immer wieder mit ihm verbinde. Eher lasse ich mir tatsächlich den Hintern brandmarken.

„Die Vorstellung hat tatsächlich etwas, aber ich würde eine Stelle bevorzugen, die jeder sieht." Er überlegt kurz. „Hm. Aber dazu müssten wir wohl in einer Welt leben, in der es jeder sehen dürfte. Du kannst jedenfalls beruhigt sein, ich erwarte rein gar nichts von dir und verfüge über keinerlei Intentionen, mir irgendwas gewaltsam zu nehmen."

‚Verfüge über keinerlei Intentionen'... Shiva, wie kann er im Bett noch immer so reden als wäre er auf einer politischen Debatte?!

„Bist doch nicht so skrupellos, eh?", necke ich.

„Das ist es nicht." Er schüttelt heftig den Kopf und sein Kinn streift dabei über meine Haut. Es kitzelt.

„Was dann?" Meine Hand fährt in Zeitlupe durch sein Haar. Ich beobachte die Strähnen, die langsam wieder in seine Stirn fallen, sobald sie frei sind. Sie faszinieren mich gerade wesentlich mehr als die Antwort auf meine eigene Frage.

„Das werde ich dir eventuell ein anderes Mal sagen." Er schließt für die Dauer meiner Berührung die Augen, aber öffnet sie abrupt, als ich plötzlich leise auflache.  

„Weisst du was, wir müssen dir mal echt beibringen, wie ein normaler Mensch zu reden! Zumindest in so Momenten wie jetzt. Das ist einfach nur... Das geht gar nicht!", kichere ich und fahre ein zweites Mal durch seine Haare.

„Was meinst du?" Seine Kulleraugen machen in diesem Augenblick Elena Konkurrenz.

Ich bin mir nicht sicher, ob er nur so tut oder wirklich keine Ahnung hat, aber im Zweifel gilt die Unschuldsvermutung, also erklär ich's ihm: „Naja... so Formulierungen wie ‚über keinerlei Intentionen verfügen'... Wir sind unter uns, Mann, du musst nicht mehr so hochgestochen reden! Das ist echt nicht... sexy."

„Sich präzise artikulieren zu können ist ein Zeichen von Intelligenz. Ich finde Intelligenz durchaus sexy,... Reno. Wie du bemerkt haben solltest." Seine Zunge fährt kurz über meinen Nippel und jagt mir heisskalte Schauer durch die Wirbelsäule. Er kann es nicht wissen, aber an diesem Punkt bin ich empfindlicher als jede Frau, mit der ich im Bett war.

Mir kommt plötzlich ein absurder Gedanke und ich lache erneut, etwas lauter als eben noch, aber in erster Linie hochgradig nervös. Er zieht fragend die Augenbrauen zusammen. „Was denn jetzt?"

„Heh, ich muss gerade daran denken, was Tseng sagen würd, wenn er uns so sehen könnte! Der würd nen verdammten Herzinfarkt kriegen, Mann!" Genau genommen würde jeder, der uns jetzt sehen könnte, einen Herzinfarkt kriegen! Ich selbst stehe kurz vor einem! Er erwidert mein breites Grinsen mit meinem schiefen Lächeln.

„Ich habe die Befürchtung gehegt, dass er dich zur Brust genommen hat meinetwegen. Gib nichts darauf. Was Tseng sagt ist irrelevant, sobald ich etwas anderes sage. Er ist nicht mein Kindermädchen", erklärt er bestimmt, während ich immer wieder Strähnen seines Haares spielerisch durch meine Finger gleiten lasse. Meine Hände zittern.

„Ja, aber er hält sich anscheinend dafür und er ist mein direkter Boss, das macht das Ganze nicht leichter, weisst du?" Meine andere Hand wandert wieder und wieder seinen Schenkel entlang, von der Kniekehle bis zum Stoff seiner Shorts und zurück. Aber an die Narbe denke ich dabei längst nicht mehr.

„Vergiss Tseng. Das einzige was zählt ist, was du und ich wollen, egal wie sehr ihn das auch aufregen mag. Er kann dir nichts."

Was ich will...?

Offenbar kann er die Antwort auf meine eigene Frage in meinen Augen ablesen, genau wie ich in seinen lesen kann, dass er das gleiche will.

Er rutscht vorsichtig etwas höher und schaut direkt auf mich hinab. Seine Finger streicheln mein Gesicht wie sein verklärter Blick, der unruhig über meine Haut wandert. Ich kann sein Herz an meiner eigenen Brust zügig schlagen fühlen.

„Reno, ich möchte dich küssen." Er versucht es nicht einfach. Er fragt nicht einmal. Eine bloße Feststellung, kein Versuch, etwas von mir zu stehlen und sei es für den Bruchteil einer Sekunde. Er gibt mir die Chance, ihn zurückzuweisen. Zu protestieren. Ihm wehzutun.

„Hast du schonmal jemanden geküsst?" Von allen berechtigten Fragen, die ich in diesem Moment stellen könnte, entscheide ich mich ausgerechnet für diese, deren Antwort ich ohnehin längst kenne.

Er schüttelt langsam den Kopf. Die Spitzen der blonden, herabhängenden Strähnen kitzeln mein Gesicht. Ich streiche sie nach hinten und selbstverständlich fallen sie sofort wieder herunter. Deja vu. Am frühen Montag Morgen noch hab ich ihn im Fahrstuhl betrunken an mich gepresst und mir seine Strähnen aus dem Gesicht gepustet. Und wie ironisch ich es in dem Moment fand...

„Okay", flüstere ich zu ihm hinauf. Ich nehme damit nicht nur sein stummes Geständnis zur Kenntnis, ich gebe ihm meine Erlaubnis. Meinem Gefühl folgen, nicht? Mein Gefühl will es mehr als alles andere gerade. Das Tempo meines Herzschlags sagt die Wahrheit, die pulsierende Wärme in meinem Bauch unter seinem Gewicht sagt die Wahrheit, mein Schwanz sagt die Wahrheit auf seine plumpe Weise.

Aber er zögert.

Hat er nicht mit meiner Antwort gerechnet und ist sich plötzlich nicht mehr sicher? Gestern hätte ich noch gedacht, er wollte bloß spielen und macht jetzt einen Rückzieher - aber inzwischen weiss ich es besser. Nicht alles an ihm ist Berechnung und Manipulation.

„Ich weiss nicht wie...", gesteht er leise und dreht den Kopf etwas zur Seite. Ich hab ihn noch nie so verwundbar erlebt wie in dieser Sekunde. Seine aufrichtige Verlegenheit würde die letzten Zweifel beiseite räumen, ob er ehrlich ist, wenn ich überhaupt noch welche hegen würde. Wenn ich wollte, könnte ich ihm jetzt einen verbalen Stoß verpassen, von dem er sich emotional vielleicht niemals wieder erholen könnte. Aber das habe ich nicht vor. Ich will ihn beschützen. Nicht nur noch immer, sondern mehr als je zuvor.

„Versuch's einfach." Ich grinse zu ihm hinauf und stupse ihn mit meinem Knie an. „Ist schon okay. Ist auch nicht schwerer, als die Welt zu regieren!" Ich könnte es ihm abnehmen. Könnte mit meiner Erfahrung das Ruder übernehmen und ihn führen. Aber irgendwas sagt mir, dass es wichtig ist, dass er den ersten Schritt macht.

Einen winzigen Moment verharrt er noch. Dann neigt er sich in Zeitlupe zu mir herab und schließt die Augen.

Sein Atem streift die Haut unter meiner Nase, bevor er meine Unterlippe küsst und kurz innehält. Seine Lippen berühren meine sanft und gehen in einen zaghaften, fast ängstlichen Kuss über. Kaum mehr als nur gehaucht spielt er mit meinem noch reglosen, völlig entspannten Mund, während die Wärme in mir zu einer angenehmen Hitze wird und sich ein süßes Kitzeln in meinem Unterleib breit macht, wie kleine Stromstöße, mit denen ich nicht vertraut bin.

Oh Gaia...

Verwirrt, ungläubig wandert meine rechte Hand seinen Hals entlang hinauf zu seinem erhitzten Gesicht, einem unsichtbaren Magneten folgend, bis sie an seiner Wange zum Ruhen kommt. Ein Automatismus wie das Schließen der Augen. Die schüchternen Küsse auf meine Lippen werden etwas mutiger und dann fühle ich die warme, feuchte Spitze seiner Zunge, als er sie langsam über mich gleiten lässt und schließlich in mich hineintaucht. Ein tiefes Seufzen erklingt als sie meine findet und auffordernd, etwas unbeholfen umkreist und ich realisiere hilflos, machtlos, dass der verräterische Laut mir selbst entsprungen ist. Seine Schneidezähne klicken kurz gegen meine, als er sich in seiner steigenden Erregung ein wenig verschätzt, aber es ist egal, es ist alles egal, seine Unerfahrenheit, sein Geschlecht, sein Name.

Meine Hände fahren wieder und wieder über seinen Rücken, die Schultern, seinen Nacken, mit jedem Moment etwas fester, mich enger nach oben an ihn pressend. Ich schiebe ein Bein an seinem entlang, die Narbe streifend, um es aufzustellen und lasse nur von ihm ab, um mich schließlich nach einer viel zu kurzen Ewigkeit mit ihm herumzudrehen und ihn auf den Rücken zu dirigieren. Er lässt sich willig von mir führen, mich einmal mehr erinnernd, dass er Wachs in meinen Händen ist in seinem Hunger nach meiner Nähe.

Mein Kuss ist gekonnt, aber alles andere als Routine. Schräg über ihn gestemmt, rutscht mein offenes, langes Haar nach vorn und fällt auf seine nackte Schulter. Er vergräbt die Hand in den kürzeren Strähnen an meinem Hinterkopf, während ich mit meiner Zunge seinen Mund tief erforsche. Er schmeckt nicht nach Lippenstift, Nikotin oder Alkohol wie ich es gewohnt bin; er schmeckt sauberer und einfach nur unbeschreiblich nach ihm, ein Geschmack für den ich keinen Vergleich finde.

Wahrscheinlich ist das nicht gut, ist das alles nicht gut...

... Aber Gaia, es fühlt sich gut an!!!

Ich ziehe die Zunge wieder etwas zurück, um mit ihrer Spitze seine umflackern zu können und er beweist, dass er schnell lernt, indem er das Spiel geschickt erwidert. Ich merke, dass ich leise stöhne und weiss nicht, wann ich damit angefangen habe. Meine Hand streicht langsam aber fest seine Brust hinab, über den Nabel und die Haare darunter entlang, die mit jedem Zentimeter etwas länger und drahtiger werden.

Und dann fühle ich seine Finger um mein Handgelenk, die mich stoppen. Er zieht seinen Mund von meinem zurück.

„Ich will dich anfassen! Es ist okay, ich will dich berühren, lass mich -", flüstere ich atemlos.

„Es ist gut. Für jetzt." Die andere Hand an meiner Wange, streicht sein Daumen über meine feuchten Lippen. Meine Zungenspitze beginnt sofort, seinen Finger zu umspielen. Ich glaube ihm nicht, dass er nicht mehr will - er ist immerhin kein kleines Mädchen. Ich glaube, er will mich nur davor bewahren, in der Hitze des Gefechts etwas zu tun, was ich morgen bereuen könnte. Tu' mir das nicht an, jetzt wo das Chaos in mir verschwunden ist und ich mir endlich sicher bin! Er nimmt die Hand weg, als ich gerade seinen Daumen in meinen Mund schiebe und an ihm zu saugen beginne. Ein todsicheres Mittel, mich zumindest umgekehrt rumzukriegen. „Nein - . Nicht heute, Reno. Bitte."

Schluss mit den Spielereien, mein Lieber.

„Oh doch, heute! Das kannst du nicht mit mir machen, mich tagelang aufheizen und jetzt verdammt nochmal fallen lassen," keuche ich und presse meinen Mund wieder gierig auf seinen. Er stemmt mich mühelos an meinen Schultern in die Höhe und hält mich auf Distanz.

„Ich habe das nicht getan, um mit dir zu spielen und dich jetzt fallen zu lassen!", zischt er hinauf in mein Gesicht. Das Mondlicht reicht, um den funkelnden Zorn in seinen Augen zu sehen. Die blauen, jetzt silbernen Flammen, die ich schon auf dem Friedhof flüchtig erkennen konnte. „Gaia, wenn ich so eine ausnahmslos furchtbare, berechnende Kreatur in deinen Augen bin, frage ich mich, was du hier machst!"

Seine Wut hat den gleichen Effekt wie ein kalter Eimer Wasser. Ich starre perplex auf ihn herab.

„Ich... Ich halt dich nicht für... Ich dachte nur, du willst es", stammel ich und jedes Wort spricht von meiner erneuten Verwirrung, die ich gerade für besiegt erklärt hatte.

Er schließt die Augen und atmet in Zeitlupe so tief er kann durch, bevor er sie wieder öffnet. Als er mir antwortet, wirkt er gefasster.

„Ich will es! Mehr als du dir vorstellen kannst. Wenn du -" Er dreht den Kopf zur Seite und atmet erneut tief durch, als müsse er mit sich ringen. „Wenn du aber nur endlich begreifen würdest, dass ich nicht... wie du bin."

„Aber... Das weiss ich doch...?" Und jetzt bin ich es, der durchatmet.

Der Nebel der Geilheit lichtet sich endlich genug, dass ich wieder halbwegs mein Hirn einschalten kann. Und ich glaube, zu begreifen.

„Es wäre dir alles zu viel, oder?" Ich streiche ihm die Haare aus der Stirn und drücke sachte mit meinen Fingerspitzen gegen die Seite seines Kinns, damit er wieder zu mir aufschaut. „Weil du's nicht kennst. Die ganze... Nähe."

Die ganze, damit verbundene Verwundbarkeit vor allem - aber den Teil äußere ich nicht laut.

Und genauso wenig kennt er es, seine Gefühle direkt und ohne Umweg auszudrücken. Darum erwarte ich keine Antwort und bekomme sie doch in seinem Blick.

„Du hast Angst, oder?", wage ich mich weiter vor.

Und wieder geben mir seine Augen die Antwort.

„Scheisse, ich bin so blöd. Ich hätt's wissen müssen", flüstere ich und könnte mir tatsächlich in den Arsch treten für meine Blindheit. Ob ich je kapieren werde, dass ich in ihm nur einen Menschen vor mir habe? Wann immer ich denke, ich hab's begriffen, beweise ich mir einen Moment später das Gegenteil. „Tut mir leid..."

Er lässt mich wieder auf sich herabsinken. Ich stemme meine Ellenbogen neben seinem Kopf ab und fange an, sein Gesicht mit kleinen Küssen zu bedecken. Nicht fordernd, einfach nur... Ich weiss es selbst nicht.

Ich drücke meine Lippen auf seine Brauen, seine Wangenknochen, die Wangen selbst, die Stirn, den Nasenrücken, die Nasenspitze und am Ende auf seine beiden Mundwinkel, zuerst den rechten, dann den linken. Und ein allerletzter, längerer Kuss auf die Mitte.

„Wieder gut?", frage ich mit meinem treuesten Hundeblick und einem Lächeln, als ich ihm anschließend wieder in die Augen schaue. Shiva, er ist so... schön.

Und da ist es, das kleine Schmunzeln. Kann mich wohl ab heute zu denen zählen, die es zum Schmelzen bringt.

Ab heute...? Also gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben von einem ‚morgen' aus. Und einem ‚übermorgen' wohl auch. Und das seltsamste dabei ist, dass es mir keine Angst einjagt. Ganz im Gegenteil.

Er ist es, der mich jetzt an sich zieht.

Ich lege meinen Kopf an seine Schulter und die Hand auf seine flache Brust. Statt weicher Polster fühle ich unter meinen Fingern einen schmächtigen Rippenkäfig. Seine Arme umschließen mich und hüllen mich mit seiner Wärme ein. Die Fingerspitzen spielen mit meinem Haar. Verdammte, verkehrte Welt.

Aber eigentlich eine ganz gute Welt. Ich schließe die Augen und lächel in der Dunkelheit weiter wie der letzte Idiot und kann einfach nicht aufhören, auch wenn mir wie schon am Morgen die Wangen so langsam wieder wehtun.

Der erste Kuss. Er wird sich ewig daran erinnern. Der Abdruck, den ich auf seiner Seele für immer hinterlassen habe, stellt die Narbe an seinem Bein weit in den Schatten. Und auf eine Art und Weise, war es auch für mich der erste.

Er liebt mich.

Ich liege in seinen Armen und weiss nicht mehr, wer ich bin und wer er ist. Und es ist genauso egal wie alles andere. Einem Teil von mir, von dem ich bisher nicht einmal gewusst habe, dass er existiert, geht es genau wie er es vorhin beschrieben hat: Er ist nach Hause gekommen. Ins unbekannte Land der Drachen. Heh.


 

- Ende Teil I -

Teil II

6. Weissgold


Montag, 15. Mai 2011
Der Tag vor Rays Beerdigung


Ich mag Weiss.

Ich assoziiere es mit der umhüllenden Sicherheit des Mutterleibes, der mich vor der Welt beschützt hat. Man sagt, es sei nicht möglich, sich zuverlässig an Erlebnisse zu erinnern, die vor dem vierten Lebensjahr stattfanden.

Nun, ich kann es.

Ich erinnere mich lebhaft, aus dem schützenden Weiss herausgerissen worden zu sein, hinein in eine Welt, die mich mit ihren Farben und Eindrücken vergewaltigt und erschlagen hat.

Die meisten Leute fühlen sich im Schwarz sicherer. Narren. Es gibt genug Jäger, die sich im Gegensatz zum Menschen in der Dunkelheit hervorragend orientieren können. Aber niemand sieht im gleißenden Licht, so es denn hell genug, die Augen zu blenden. Niemand ausser den blind Geborenen vermag sich in purem, weissem Licht zurechtzufinden. Selbst ich nicht.

Ich mag es einfach nur.
 

~


Die Zahnseide an den Beckenrand legend, betrachte ich mein Spiegelbild und frage mich, ob ich schön bin.

Man attestiert mir eine gute Beobachtungsgabe und ein exzellentes Urteilsvermögen, doch die Beantwortung dieser Frage gestaltet sich dennoch als äußerst schwierig. Sicherlich bin ich in der Lage, einzelne Komponenten meiner Erscheinung mit den geltenden Idealen diesbezüglich zu vergleichen, doch bin ich mir genauso bewusst, dass nicht die Fragmente des Puzzles, sondern das Gesamtbild die Antwort in sich birgt. Und was jenes anbelangt, bin ich, nennen wir es gewissermaßen betriebsblind. Unglücklicherweise fällt mir eine entscheidende Hilfe zur Orientierung weg: Ich kann mich nicht auf die Resonanz anderer verlassen, denn gemeinhin schmeicheln sie mir lediglich, vorrangig aus Angst oder um sich einen Vorteil zu verschaffen.  

Was ich sagen kann, ist: Ich bin attraktiver geworden in den letzten Jahren, insbesondere während der späten Pubertät und nochmal ganz erheblich seit dem Tod von Thaddeus Shinra. Das ist nicht verwunderlich. Stress mattiert das Erscheinungsbild. Stumpfes Haar, glanzlose Augen, trockene Haut. Der Mann war ein maßgeblicher Stressfaktor in meinem Leben - um nicht zu sagen, der größte.

Also, bin ich schön?

Ich neige den Kopf zur Seite und mustere mich ein weiteres Mal eingehend. Ich sehe mitgenommen aus in letzter Zeit. Das ist mir bewusst. Meine Haut ist extrem blass und verzeiht weder Alkoholkonsum noch Schlafmangel und beides durchlebe ich momentan. Dennoch ward mir nicht das Glück zuteil, gleich als voller Albino zur Welt zu kommen - etwas, das mir durchaus passend erscheinen würde. Der orange Rotstich meines Haares hat sich im Laufe der Jahre zur Gänze verloren, bis hin zu dem jetzigen hellen Goldblond. Die Farbe des Sonnenlichtes. Was niemand weiss, und niemand wissen muss, ist, dass es kein natürlicher Prozess war. Ich habe nachgeholfen.

Das benutzte Stück Zahnseide verschwindet in dem kleinen, verchromten Mülleimer für Toilettenartikel und ich verlasse das Bad, ohne eine Antwort auf meine Frage gefunden zu haben. Auf dem Weg aus meinem Apartment halte ich in Höhe der Bar inne. Ich bin erschöpft, müde. Es mutiert allmählich zu einem Dauerzustand. Ein Kaffee würde dem wohl eher Abhilfe schaffen als ein kräftiger Schluck. Doch paradoxerweise sehne ich mich nach beidem. Der einschläfernden Betäubung des Alkohols gleichermaßen wie dem Energieschub einer gehörigen Dosis Koffein. So widersprüchlich es ist, so nachvollziehbar, bei dem ewigen Viertelschlaf, in dem ich die letzten Wochen konstant verbringe. Ein Zustand, der weder Fisch noch Fleisch ist. Ich wünschte, ich könnte schlafen oder mich zumindest wirklich wach fühlen.

Ich entscheide mich für einen Cosmo Coffee, im völligen Wissen, durch den Alkohol in Kombination mit dem Koffein eine Plus-Minus-Null - Rechnung zu erstellen und nichts zu gewinnen. Eine geplant dumme Aktion, aber ich habe infantile Freude daran vor dem Hintergrund, wie sehr es mir in allen anderen Lebensbereichen untersagt ist, dumme Entscheidungen zu fällen, geschweige denn bewusst.

Wie sehr beneide ich ihn.
 

~


Mitsamt meinem Drink kehre ich zurück. Ich bin nachlässig geworden. Weniger, weil ich auf der kurzen Strecke extrem theoretisch Angestellten begegnen könnte, was auch immer jene ohne ausdrückliche Einladung in meinen Etagen zu suchen hätten, vielmehr weil dutzende Kameras auf mich gerichtet sind, sobald ich meine privaten Zimmer verlasse. Solange, bis ich wieder in den Schutz meines weissen Büros hinter den schweren Türen verschwunden bin.

In strikter Ablehnung jeglicher psychiatrischer oder psychologischer Hilfe, habe ich bereits vor geraumer Zeit begonnen, mir mein eigener Analytiker zu sein. Wohlgemerkt, Analytiker, nicht Therapeut. Ich kann die Werkzeuge dieser Wissenschaft präzise benutzen, mich zu reflektieren, doch mir fehlen die Instrumente, konstruktiv an meinen Problemen etwas zu ändern. Nicht, weil sie mir den Blick trüben würden, wie es bei jedem anderen Laien der Fall wäre. Lösungen existieren schlicht nicht. Die wenigen, die hypothetisch in Frage kämen, sind in der Praxis indiskutabel.

Nun, mein mittlerweile geschultes Auge erkennt in meiner Nachlässigkeit durchaus den immer weniger subtil bleibenden Drang, einfach ertappt zu werden, ähnelnd einem Serientäter, der selbst nicht mehr in der Lage ist, aus seinen Mustern auszubrechen und einfach nur endlich persönliche statt medialer Aufmerksamkeit will. Doch scheint es fast, als würde hier ebenso die Angst über die Courage siegen, denn auch Mel kommentiert mein Mitbringsel nicht.

„Sir", nickt sie freundlich und öffnet mir die Türen zu meinem weissen Reich.

Ich gebe mich desinteressiert und arrogant, genau wie sie sich desinteressiert und blind gibt. Weder Gruß noch Lächeln erwidernd, gebe ich ihr knapp die Anweisung, ihn unverzüglich zu mir hochzubestellen.

„Selbstverständlich, Sir."
 

~


Wann immer ich Renato begegne, ist etwas anders.

Nicht mit mir, nicht an ihm - ich spreche von der gesamten Welt in meiner Wahrnehmung. Sie wird augenblicklich zu einem interessanteren Ort, wenn er mich teilhaben lässt an seiner unkonventionellen Sicht der Dinge. Diese unfreiwillige Wirkung, die seine Präsenz auf mich hat, ist kein neues Phänomen, keines, das an die offen gelegten Gefühle, die seine Anwesenheit in mir weckt, gekoppelt wäre. Es war schon so zu der Zeit, als ich ihn nicht um mich haben wollte, weil ich glaubte, dass der Neid mich schier zerfressen würde. Der rasende Neid auf diesen Taugenichts aus der Gosse, der es ohne jedes Zutun geschafft hat, eine hohe berufliche Position einzunehmen, ohne auch nur ein persönliches Opfer zu bringen. Dem die Frauen zu Füßen liegen auf eine Weise, die klar macht, dass sie es auch würden, wäre sein Einkommen geringer. Der immer tut, wonach ihm ist und trotz Erledigung seiner Arbeit dabei frei wie ein Vogel scheint. Der in der Lage war, sich selbst einen Namen zu geben und auf Akzeptanz damit stieß. Sinnbild all dessen, was ich nie sein werde. Eine Feststellung ohne jede Wertung.

Ob Renato Deschayne schön ist, ist eine Frage, die ich damals wie heute prompt beantworten kann. Mit dem Unterschied, dass der bohrende, nagende, neidende Hass von einst verschwunden ist.

Und doch.

Trotz aller damaliger Antipathie, die ihre tiefsten, wahren Wurzeln doch nur in unbefriedigter Begierde und Angst fand und keinesfalls simplem Neid wie ich heute weiss, war allein seine reine Anwesenheit immer eine, wenn auch aufwühlende, Bereicherung. Seine laszive, verruchte Ausstrahlung und der intensive, permanente Geruch von Sex - ein Duft, den ich rein aus meinen primitivsten Instinkten heraus erkenne, nicht persönlichen Erfahrungen -, der ihn umgibt, sein impulsives, leidenschaftliches Wesen und die lässige, rebellische Nachlässigkeit, die nicht aufgesetzt wirkt, sondern ihm in die schmutzige Wiege gelegt wurde.

Selbst ohne einen Abstecher in die große Stricherszene von Midgar laut seiner Biographie, war er für mich immer der Inbegriff einer Hure, einer männlichen Schlampe. Einzig geboren, um Lust jeglicher Art zu wecken und zu stillen.

Er tritt zögerlich in mein Büro und seine Schritte werden kontinuierlich langsamer, bis er ohne ersichtlichen Grund in der Mitte des Raumes einfach stehenbleibt. Die Augen, die sich nie entscheiden können, ob sie blau oder grün sein wollen und die meiste Zeit in einem unentschlossenen, wässrigen Aquamarin gefärbt sind, haften entrückt an meinen eigenen wie sie es so oft tun.

Was ist es, Reno, wie du dich beharrlich nennst?

„Habe ich wieder eine Wimper irgendwo?"

„Nein, Sir...", sein dreistes Mundwerk beginnt wie stets in meiner Nähe das kindische Stammeln. Unter meinem Blick färben seine Wangen sich flammend rot. Das allerdings ist neu.

„Tausend Gil für deine Gedanken, Reno", äußere ich, doch ernte lediglich ein nervöses, hektisches Lachen.

Wie ein Trottel stolpert er die Stufen zu meinem Platz hinauf und seine schäfische Dümmlichkeit, auf die sich alle grazile Lässigkeit reduziert hat, provoziert mich einmal mehr bis aufs Blut. Das dämliche Grinsen, das devote ‚Ja, Sir, nein, Sir' - Getue, so durchschaubar schlecht und beleidigend gespielt, so meilenweit entfernt von wahrem Respekt - ein unerträgliches Gehabe, das ich von jedem ausser ihm erwarte und doch gerade er mir ausnahmslos präsentiert.

„Setz dich!", fordere ich ihn auf und verberge meine Gereiztheit nicht.

Er nimmt Platz wie ihm geheißen und lässt seinen unruhigen, wässrigen Blick in Vermeidung jeglichen Augenkontaktes über meinen Schreibtisch gleiten. Ich sehe, wie er schier körperlich mit sich ringen muss, einen Kommentar zu unterdrücken, als er meinen Drink entdeckt.

Ah, der Cosmo Coffee. Ich sollte ihn trinken, bevor das Eis geschmolzen ist.

Mein Zeigefinger fährt spielerisch den Rand des Glases entlang, während ich ihn aus dem Augenwinkel heraus beobachte. Die gleichmäßige Röte in seinem Gesicht ist hektischen, beinah fiebrigen Flecken gewichen. Die freigelegte Haut unter seinem viel zu weit geöffneten Hemd pulsiert unmerklich, zügig, im Takt seines Herzschlags. Ich bilde mir ein, eine dichte Aura der Hitze zu spüren, die seinen Körper wie ein Magnetfeld umschließt.

Wann immer ich Renato in letzter Zeit begegne, stelle ich mir vor, ihn gegen seinen Willen zu nehmen, zu brechen.

In meiner Vorstellung sind es seine Lippen, deren Züge ich mit den Fingerkuppen nachfahre. Wie die Schlampe, wie die er sich die meiste Zeit gibt, würde er die Augen schließen, den Mund leicht geöffnet und mich schließlich mit seiner gierigen Zunge in sich hineinsaugen. Er könnte nicht anders, selbst wenn er wollte. Doch er will nicht. Es ist seine Natur.

Wenn du dich nur sehen könntest. Nur ein einziges Mal mit meinen Augen.

Du würdest verstehen, warum du leben darfst.
 

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10.07.2009, Healin Lodge

Er liegt im wilden Gras, den rechten Arm schützend über die Augen gelegt. Seine Lippen sind zu einem breiten Grinsen verzogen, zwischen den Zähnen ein langer Halm, der in einer kleinen, rosa Blüte endet. Das rote Haar glüht förmlich in der Hitze. Die Mittagssonne ist stark.

„Ist das genial oder ist das genial, eh?", stößt er Rude, der neben ihm auf einem Stuhl im Schatten des Sonnenschirmes sitzt, mit dem Knie kurz an. Seine Beine sind weit geöffnet, wie das Hemd. Ein dünner Schweissfilm hat sich bereits auf seiner Brust gebildet.

„Es ist in erster Linie heiss", antwortet sein Partner auf die ihm eigene, knappe Weise, ohne von seinem Buch aufzublicken. Rude trägt sein Hemd zugeknöpft, lediglich die Ärmel hat er sich gestattet hochzukrempeln.

„Ja Mann, eben!" Er kratzt sich ausgiebig oberhalb des Bauchnabels. „Du hast zu lang den Scheissdreck in Midgar eingeatmet, wenn du das hier nicht genießen kannst!" Seine nackten Zehen beginnen, mit den trockenen Grasspitzen herumzuspielen. „Hast du dich überhaupt mal hier umgeguckt?!" Er zieht den Arm von den Augen und blinzelt zu Rude hinüber.

„Hm." Ein desinteressiertes, zustimmendes Raunen.

Die Zehen rupfen geschickt eine kleine, weisse Blume aus der Erde. Er schafft es, das Bein so weit seitlich nach oben zu verdrehen, dass er ihm die Blüte gegen die Nase stoßen kann.

„Mööööp! Hier, riech doch mal die Natur!"

„Reno, nimm deinen Fuß aus meinem Gesicht!" Er stößt das entgegengereckte Bein am Knöchel genervt von sich. „Das ist ja ekelhaft."

„Nein, Mann, ich hab Klasse Füße! Weil ich bei dem Wetter barfuß rumlauf und die belüfte! Will nicht dabei sein, wenn du heute Abend deine Schuhe ausziehst! Mach das bloß nicht hier draussen, sonst geht die geniale Botanik ein!" Seine Bauchmuskeln zeichnen sich plötzlich scharf unter der Haut ab, als er sich in einer schwungvollen Bewegung aufsetzt, Rude das Buch aus den Händen reisst und es lachend in die hüfthohen Wildgräser hinter ihnen wirft.

„Reno!" Er erhebt sich verärgert, aber in erster Linie durch die Hitze träge. „Gaia, warum kannst mich nicht in Ruhe lassen und jemand anderem auf die Nerven gehen?!"

„Hey, ich hab das für dich getan, jetzt musst du dich umgucken! Irgendwann wenn du groß bist, wirst du mir dafür danken!", lacht er weiter und beobachtet über seine Schulter hinweg, wie sein Partner ungeschickt und besorgt um seine Kleidung, durch das Dickicht stakst. Dann zieht er die Brille von seiner Stirn herunter und trägt sie ausnahmsweise direkt über den Augen. Er tauscht den Halm zwischen seinen Zähnen gegen eine Zigarette, die er aus der Schachtel in seiner Hosentasche zieht.

„Ich hab mir nicht mal die Seitenzahl gemerkt!", bekommt er zurückgeflucht.

„Ich dachte, du bist ein Turk?!" Er rafft sich ebenfalls auf und verzichtet darauf, seine Hose abzuklopfen. „Sollte dir das nicht in Fleisch und Blut übergegangen sein, dir solche Details zu merken? Weiss der Big Boss, dass er so einen Dilettanten beschäftigt?"

Er weiss es. Ich beobachte sie vom Fenster aus.

Das Lächeln auf meinen Lippen bemerke ich erst jetzt, als es bei dem heiseren, bellenden Klang erstirbt, da er plötzlich einen Schwall Zigarettenrauch hoch hustet.  

„Warte, ich helf dir!" Seine Finger kratzen wieder ausgiebig die Haut über dem Nabel. „Ah, Scheisse. Ich glaub, mich hat irgendein verdammtes Vieh gestochen!"

Meine Augen bleiben an seinen nackten Füßen haften, als er sich den Weg durch das Gras bahnt.

Ich frage mich, wie es sich anfühlen muss.

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Die linke Hand in der Hosentasche, schwenke ich den ungenießbar gewordenen, geschmolzenen Rest aus Eis, Alkohol und Kaffee im Glas hin und her. Mir fehlt das zierende Klingeln dabei. Und das Eis würde sogar noch angenehmer klimpern, wenn es wieder schwimmen dürfte.

Die rostig-fahle Midgar Ruine, die sich unter mir erstreckt vor dem einheitlich grauen, bewölkten Himmel, ist ein friedliches, homogenes Bild heute, das die Augen mit monochromen Nuancen beruhigt und mir beim Nachdenken hilft.

„Sir?"

Solange man mich nicht unterbricht.

Ich ziehe die Hand hervor und strecke sie blind nach hinten gen Schreibtisch aus.

„Was ist, Mel?"

„Sir, Tseng ist hier. Er möchte Sie sprechen."

„Lass ihn rein."

Ich drehe mich nicht herum, als die Türen sich öffnen und ich hören kann, wie er hereintritt. Mir fällt einmal mehr auf, wie anders seine Schritte klingen als Renos. Tsengs Gang hat von Natur aus etwas Gleitendes, Tänzerisches. Wie einst die geschmeidigen, lautlosen Tritte Dark Nations. Einzig das Tempo variiert. Renos Repertoire hingegen reicht von plumpem Trampeln, wenn er zornig ist, über ein an den Nerven zerrendes Schlurfen, wenn die Erschöpfung am Ende eines langen Tages siegt, bis hin zu seinem markanten, leichtfüßigen Schreiten, bei dem er die Fersen kaum aufsetzt, wenn er guter Laune ist.

Mittlerweile kann ich seine Stimmung einschätzen, wenn er naht, noch bevor ich ihn erblicke. Ein willkommener Nebeneffekt der Tatsache, dass ich lernen musste, ihn aus dem Augenwinkel heraus zu beobachten.

Ich beachte Tseng noch immer nicht, als er um den Schreibtisch herum kommt. Er lehnt sich neben mich an die Tischplatte, schlägt die Knöchel überkreuz und mustert mich eine Weile von der Seite. Es wäre untertrieben, seinen Körpergeruch an diesem Tag als unangenehm zu bezeichnen. Er stinkt, Punkt. Ich bemerke durchaus, dass er sich seit unserer letzten Begegnung heute Vormittag gewaschen und die Uniform gewechselt haben muss, doch die letzten Tage haften hartnäckig an seiner Erscheinung und strömen stechend aus den Poren.

„Rude hat mir seinen Bericht vom Reyli-Auftrag geschickt", beginnt er. Unter anderen Umständen wäre ich verwundert bis verärgert, warum er mich mit den Büroarbeiten seiner Turks behelligt; doch weiss ich zu genau, welch heikle Verbindung Tseng zu dieser Mission hat und sehe es ihm nach. „Reno hat mir heute Morgen ein paar ziemlich direkte Fragen gestellt. Ich hab befürchtet, dass bei der Sache schiefgehen wird, was nur schiefgehen kann."

„Es war in jeder Hinsicht töricht von dir, die Teams zu tauschen", kommentiere ich knapp.

„Nein. Ich glaube fast, ich wäre enttäuscht, wenn meine Turks nicht bemerken würden, dass der Reyli Besuch Fragen aufwirft. Und dass er das tun würde, war abzusehen." Er seufzt kurz. „Die Alternative wäre, dass Elena jetzt statt Reno heimlich nachforschen würde."

„Sie würde dich niemals in Frage stellen, Tseng. Im Gegensatz zu Reno glaubt sie dir jedes Wort." Ich genieße es noch immer jedes einzelne Mal, mir seinen Namen auf der Zunge zergehen zu lassen wie das Eis, nach dem ich mich gerade so sehne. Eis und Einsamkeit, genug Zeit und Raum um mich herum, im Nachhall unserer letzten Begegnung geistig zu baden.

Erneut fährt mein Zeigefinger versunken wie verstohlen den Rand des leeren Glases entlang. Reno selbst hat eine seltsame Marotte, die mir bei meiner Geste einmal mehr in den Sinn kommt. Er neigt dazu, an Flächen und Kanten herumzunesteln, wenn er nervös ist. Ich glaube, ihm selbst entgeht dabei, wie suggestiv das Reiben und Herumfingern bisweilen ist.

„Das mag sein, aber ich kenne auch ihren Ehrgeiz. Eher lasse ich mir für den Rest meines Lebens von Reno hinterherschnüffeln, als zu riskieren, dass Elena die Hintergründe über diesen Fall rausfindet." Wenn er bemerkt hat, dass ich ihm nur den nötigsten Bruchteil meiner Aufmerksamkeit widme, so stellt er sich dumm.

„Wie reizend." Ich schüttel mir die herabgerutschte Strähne aus der Stirn und schenke ihm einen kurzen Seitenblick.

Er winkt müde im Angesicht meines Sarkasmus ab. „Ganz abgesehen davon, ich weiss, dass sie keine Killerin ist. Sie denkt immer noch in Gut und Böse und es wäre schwer geworden, ihr Reyli als böse zu verkaufen. Sie hätte es getan, aber sie hätte darunter gelitten."

Kaum mehr als jetzt, da sie ihre Partnerin auf dem Gewissen hat.

Doch mir liegt nicht daran, diese Provokation laut auszuformulieren. Zumal er in diesem Augenblick mit Sicherheit etwas Ähnliches denken wird.

„Ich beginne mich zu fragen, weswegen du Frauen rekrutierst, wenn du sie nur wie solche und keinesfalls als Turks behandelst", sage ich stattdessen. „Ich würde es vorziehen, du tätest ausschließlich Männer einstellen oder aber das rücksichtsvolle Diskriminieren unterlassen. Was es hervorbringt, hast du jetzt erlebt." Ich kann den Reflex, mein Glas anzusetzen, gerade unterdrücken. Der Inhalt ist nicht mehr genießbar und würde Tseng lediglich in seiner wachsenden Meinung bezüglich meines unterstellten Alkoholproblems bestärken. „Du weisst, dass ich es nicht mag, wenn private Ansichten und Gefühle die Arbeit meiner Angestellten beeinflussen. Sofern du also der Meinung bist, dass Elena ein fähiger Turk ist, behandel sie wie einen fähigen Turk." Ein Schmunzeln huscht über meine Lippen. „Obwohl es mich durchaus rein persönlich interessieren würde, ob sie sich geschmeichelt fühlen würde oder beleidigt, wenn sie von den wahren Hintergründen für den Tausch wüsste."

„Sie ist eine Frau. Wahrscheinlich nichts von beidem oder beides auf einmal", seufzt er. „Findest du es nicht eigentlich etwas ironisch, von Arbeit zu sprechen, die unter Privatem leidet?"

Da ist sie, die Spitze, auf die ich nur gewartet habe.

„Keineswegs. Meine Arbeit leidet nicht unter meinen... Interessen. Ich tue es", formuliere ich den signifikanten Unterschied, ohne dass ein Hauch von Leid in meinem Ton mitschwingen würde. „Und ich investiere ein zusätzliches Maß an persönlicher Kraft darin, dass meine Arbeit nicht in Mitleidenschaft gezogen wird."

„Ich kann dir inzwischen ansehen, wenn er gerade bei dir gewesen ist", stellt er knapp fest.

So nutzt eben jeder von uns seine Beobachtungsgabe, Tseng.

„Weisst du aber, was noch viel trauriger ist, Rufus? Dass ich es nicht nur sehen, sondern auch riechen kann! Und glaub nicht, dass ich der einzige in diesem Haus bin!"

Ich verzichte darauf, zu erwidern, dass sein intensiver Körpergeruch mich heute ebenfalls stört, denn ich wüsste, wie seine Antwort lauten würde: Er ist überarbeitet und trinkt nicht. Sein derzeitiges Erscheinungsbild ist Zeichen seiner privaten wie persönlichen Aufopferung für ShinRa. Auf den Punkt: Was er tut, ist legitim, während ich mich lediglich gehen lasse.

Dass ich das tue, bestreite ich nicht. Ich hege eine morbide Freude daran und verspüre einen äußerst erregenden Voyeurismus dabei, meinem eigenen Verfall zuzusehen. Doch es schickt sich gesellschaftlich nicht, zu solch einem destruktiven Vergnügen offen zu stehen.

„Deine Bedenken sind mir nicht neu und ich weiss deine Sorge zu schätzen, Tseng. Noch immer." Mein Blick wandert erneut hinab in das Glas. Ein weiteres Mal lasse ich den verwässerten Rest in meiner Hand kreisen. „Du siehst, es ist nicht nötig, mich wiederholt darauf hinzuweisen. Schon gar nicht unter Berücksichtigung der Tatsache, dass du nicht mein Va-,"

„Sei froh drum, Junge!" Er reisst mir das Glas aus der Hand und schleudert es ohne ihm nachzuschauen hinter sich ins Zimmer. Der Aufprall wird abgedämpft vom Teppich. Meine Augen verfolgen, wie es über den Boden rollt, die Restflüssigkeit verteilt und schließlich an der Wand zum Stillstand kommt.

Ohne die grobe Unhöflichkeit weiter zu kommentieren, betätige ich die Sprechanlage auf dem Schreibtisch.

„Mel, wärest du so freundlich, eine Reinigungskraft hochzuschicken, sobald Tseng mein Büro verlassen hat?"

„Selbstverständlich, Sir. Benötigen Sie ausserdem etwas?"

„Danke." Ich lasse den Knopf los und wende mich wieder meinem Gast zu. Eine Strähne fällt mir vor Augen, die ich erneut mit einem flüchtigen Nicken zurückwerfe.

Sein schwarzer, wütender Blick studiert hektisch mein Gesicht auf der Suche nach einer Reaktion unter meiner vermeintlichen Fassade. Er findet keine. Seine spontanen Ausbrüche sind mittlerweile berechenbar in ihrer Unberechenbarkeit. Der Überraschungsfaktor hat sich lange abgenutzt.

„Sei froh drum", wiederholt er leise und ich glaube, sowohl in seiner Stimme wie auch den Augen eine gewisse Bitterkeit wahrzunehmen, bei der in uns beiden aufkeimenden Erinnerung an den ehemaligen Präsidenten. Er schluckt trocken, bevor er fortfährt: „Oder soll ich dich daran erinnern, was Thaddeus Shinra mit seinem ‚mißratenen Taugenichts' von einem Sohn an meiner Stelle jetzt getan hätte?"

„Ich glaube nicht, dass das nötig ist", antworte ich mit der Ruhe, die ich tatsächlich empfinde, trotz der Tatsache, dass er einen für gewöhnlich empfindlichen Punkt gezielt getroffen hat.

„Das...", spricht er langsam, jedes Wort sorgfältig betonend, „...sehe ich auch so!"

Er holt tief Luft und atmet lang und müde durch, den Blick sinken lassend. „Und genau deswegen solltest du Gaia auf Knien danken, dass ich nicht dein Erzeuger bin, sondern nur ein Angestellter, der dir seit Monaten hinterherräumt und versucht, dein Gesicht zu wahren, wo du dir alle Mühe gibst, es demnächst auf einer öffentlichen Toilette zu verlieren!"

Ein Moment der Stille tritt ein, den ich dazu nutze, mich wieder der Aussicht zuzuwenden. Am Himmel sehe ich zwei Donnervögel kreisen, die zielsicher in spiralförmigem Flug den höchsten Punkt der Ruine des ehemaligen ShinRa Towers ansteuern. Die abgelegenen oberen Etagen des verlassenen Hochhauses mit seinen zerstörten Wänden und Schlupfwinkeln aus Metallpfeilern und Schutt, müssen in der Tat eine gute Brutstätte abgeben.

Er verschränkt die Arme und verlagert das Gewicht aufs andere Bein. „Ich habe die Überwachungsaufnahmen von letzter Nacht gelöscht und über alle Zeugen von Coles Männern einen Code 4 verhängt", fährt er schließlich fort.

„Ich glaube mich zu erinnern, dass du mich darüber bereits heute Vormittag unterrichtet hast", antworte ich teilnahmslos, die plötzlich einsetzenden, brennenden Stiche tief in mir ignorierend.

Er hatte mich zum ersten Mal Rufus genannt.

„Das ist auch nicht alles." Er tritt hervor und positioniert sich direkt vor mir, die Sicht auf das Panorama nehmend. „Als ich eingeloggt war, habe ich aus einer, nennen wir es mal plötzlichen Eingebung heraus, gleich auch alle anderen Zugriffe auf die Aufnahmen aus letzter Zeit kontrolliert. Es gab 17 Zugriffe in den letzten zwei Wochen von deinem Computer auf das Archiv. Du hast insgesamt 63 Stunden Überwachungsmaterial auf deine Festplatte kopiert!"

‚Du hast geweint, nicht?'

„62 Stunden und exakt 52 Minuten", korrigiere ich, ohne mir selbst zuzuhören. Eine Fähigkeit, die ich über Jahre hinweg sorgfältig schulen musste, um nicht vorzeitig den Verstand zu verlieren. Ich hasse es, permanent reden zu müssen. Im Angesicht der Tatsache, dass man mir in der Regel ohnehin keine Aufmerksamkeit schenkt und ich nichts als leere, schwammige Worthülsen verwenden darf, bin ich dazu übergegangen mit größter Wahrscheinlichkeit stets die Person im Raum zu sein, die meinen Worten die geringste Beachtung zukommen lässt.

Man erwartet von mir, dass ich spreche, also spreche ich. Niemand kann erwarten, dass ich mir zuhöre.

Oh, die Ironie.

„Rufus, dir ist klar, dass Reno die gleichen Zugriffsrechte wie ich hat und ebenfalls sehen kann, was du getan hast, sollte er sich je in das Archiv verirren? Er würde mit Sicherheit vor Begeisterung platzen, wenn er wüsste, wie besessen du von ihm bist!" Sein Körper neigt sich in meine Richtung vor und ich widersetze mich dem ohnehin vergeblichen Drang, zurückzuweichen. Stattdessen starre ich direkt durch ihn hindurch.

Er hat mich gesehen. Direkt in mich hineingesehen. Von allen Menschen, die mich umgeben, ausgerechnet er. Aber seine Worte haben mich nicht so tief berührt wie seine Geste, als er mir das Haar aus der Stirn gestrichen hat.

Und der einzige Beweis dafür, dass dies wirklich geschehen ist, liegt jetzt in einer trunkenen, entrückten Erinnerung.

Wenn du erahnen könntest, was du mir angetan hast, im Irrglauben mich zu beschützen, Tseng.

„Darf ich dir eine Frage als mein Vertrauter stellen?", frage ich plötzlich zu seinen Augen aufblickend, als wäre ich aus einem stundenlangen Schlaf erwacht.

Er zögert einen Moment, dann wird seinen Mimik weicher und trägt jenen seltsamen Zug, den ich allein als väterlich kategorisieren kann. „Was möchtest du wissen?"

„Warum hat er das getan? Mich berührt, meine ich."

Seine Züge verhärten augenblicklich wieder. „Gaia allein weiss, welcher Teufel ihn reitet! Er spielt sich selbst an den Nippeln herum, wenn er's gerade lustig findet und springt Rude ohne Vorwarnung in die Arme! Ich wette, die meiste Zeit weiss er selbst nicht, warum er macht, was er macht. Shiva, wir sprechen hier von Reno, hör endlich auf, aus lauter Verzweiflung irgendwelche Gefühle in seine Handlungen reinzudeuten! Wie bei dieser lächerlichen Kleinigkeit mit der Wimper! Was hat er noch gleich zu dir gesagt?"

Ich greife nach dem Schreibtisch hinter mir und lehne mich dagegen. Mir ist bewusst, worauf er hinaus will.

‚Es soll bloß Spaß machen und was kann's schaden'", antworte ich wahrheitsgemäß wie leise.

Er hebt die Hände in einer alles besagenden Geste. „Da hast du es! Besser hätte er sich selbst nicht in einem Satz charakterisieren können. Es soll bloß Spaß machen und was kann's schaden. Das ist Reno!"

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24.07.2009, Healin Lodge

Ihr Körper ist ästhetisch; vermutlich schön, sogar attraktiv.

Es ist eine rein analytische Folgerung als ich sie so in dem knappen, rosa Bikini betrachte und ihr Erscheinungsbild schlicht mit den geltenden Idealen vergleiche. Sie ist schlank, regelmäßiges Training hat ihren Körper straff und fest werden lassen ohne ihn der Femininität zu berauben. Ihr blondes, halblanges Haar ist glänzend, gepflegt und umrahmt ein symmetrisches Gesicht. Die inzwischen leicht gebräunte Haut schimmert makellos im Licht der Mittagssonne.

Ja, ohne jeden Zweifel ist Elena objektiv betrachtet eine attraktive Frau. Allein - ich fühle es nicht. Mathematisch korrekte Schlüsse, logische Vergleiche, Zeichen von Intelligenz und Allgemeinbildung, keine Hingezogenheit. Ihr Bild berührt mich nicht. Weckt weder Lust noch Interesse. Weiblich, weich, glatt. Mein Blick rutscht regelrecht von ihr ab, bevor er etwas von Interesse findet, an dem er hängenbleiben kann.

Dann betritt er die Bühne.

Und beweist einmal mehr: Das, was wir wahrhaftig begehren, liegt nicht in der sauberen Perfektion, in der sterilen Vollkommenheit. Es liegt im Dreck auf dem Boden unserer tiefsten Abgründe. Im Geruch seines Schweisses, der unter dem Deodorant hervorsticht, so man denn nah genug, ihn wahrzunehmen. Im primitiven Klang kollidierenden Fleisches, ein feuchtes Klatschen, bar jeder Ästhetik und trotzdem... oder gerade deswegen... so erregend.

Ein Widerspruch zu allen eben erdachten Reflexionen; eine Woge purer, körperlicher Hingezogenheit, so laut gen Gaia schreiend, dass es ihr Werk sein könnte, ihr Plan, nur um mir aufzuzeigen, wo ich hingehöre.

Aber ich rühre mich nicht. Auch wenn ich bloß wenige Meter entfernt sitze, könnte die Distanz zwischen uns kaum unüberwindbarer sein.

Debil grinsend wie ein Schuljunge stellt er das Plastikbehältnis, das ich als Salatschüssel aus der Küche identifiziere, auf den massiven, hölzernen Dielen der Terrasse ab, in der anderen Hand einen offensichtlich mit Wasser gefüllten Putzeimer.

Er deutet uns - nein ihnen, Tseng und Rude, - leise zu sein, indem er den Zeigefinger auf sein Grinsen legt und dann hastig auf Elena zeigt, die reglos auf dem Bauch in der Sonne döst, das aufgeschlagene Buch neben ihrem Kopf auf der karierten Decke.

Das tadelnde Zusammenziehen Tsengs dunkler Brauen verliert jede Glaubwürdigkeit durch das schlecht verkniffene Schmunzeln auf seinen Lippen.

Wenn sie frei haben und das Wetter sommerlich wie jetzt ist, mutieren sie zuverlässig wie ein Uhrwerk zurück zu kleinen Jungs. Auch wenn ich ohne jeden Zweifel der letzte bin, der in der Lage wäre, zu beurteilen, wie sich kleine Jungs benehmen. Sie rennen durch Straßen, lärmen, betteln und stehlen, soviel habe ich aus eigener Erfahrung gelernt. Aber es muss eine Zeit gegeben haben, und vielleicht gibt es sie noch immer ausserhalb Edges, in der sie harmlose Streiche gespielt haben anstatt dem unverhohlenen Vandalismus zu frönen. Sie haben Dämme an Bächen und Baumhäuser gebaut, Insekten gefangen und in der damals intakten Natur naive, unschuldige Abenteuer erlebt, deren größter Preis aufgeschlagene Knie waren.

Ich weiss das aus den Büchern, die ich als Kind immer wieder in der ShinRa eigenen Hausbibliothek entdeckt habe. Bücher mit erfundenen Geschichten, die so gar nicht in die Reihen historischer Wälzer, politischer Schriften und Biographien großer Menschen passen wollten. Und erst jetzt, da ich so viele Jahre später darüber nachdenke, kommt mir der Gedanke, dass Tseng sie bewusst dort, einzig für mich, platziert haben könnte. Befanden sie sich nicht auch immer auf meiner Augenhöhe? Er wusste, sie würden mir mit ihren herausstechenden, bunten, freundlichen Rücken auffallen. Genau wie er wusste, was mein Vater davon halten würde, mir diesen ‚Schund' direkt in die Hand zu drücken.

Ich beobachte Reno, der in völlig überzogener Manier auf blanken Zehenspitzen mit seinem Eimer durch das Gras zu Elenas reglosem Körper schleicht. Und ich verstehe es einmal mehr nicht. Wie kann seine ausgeprägte Verspieltheit gleichermaßen so kindliche wie beizeiten auch durch und durch grausame Auswüchse aufweisen? Ich kann es mir nur mit einer psychologischen Theorie erklären, deren geistiger Vater ich selbst bin, da die Fachliteratur mir keine Antwort geben konnte: Renato verfügt über die Gabe der selektiven Empathie - ich selbst verfüge über ein ähnliches Talent. Ob bewusst oder unbewusst, er ist schlicht in der Lage, sein Mitgefühl abzuschalten, wann immer es ihm im Weg steht. Und ich weiss nur zu genau, auf welcher Seite ich stehen würde an dem Tag, an dem er sich nicht mehr auf meiner Gehaltsliste befände.

Ich bewege den Rollstuhl ein kleines Stück nach links, um bessere Sicht auf sein Attentat zu haben. Das leise Surren dabei beschert mir tatsächlich einen mahnenden, kleinen Blick aus seinen aquamarinfarbenen Augen zurück über die schmale Schulter in seiner Sorge, ich könnte Elena wecken und somit warnen. Dann scheint er sich zu besinnen, wer ich bin und der Kopf dreht sich in offensichtlicher, kurzer Irritation wieder nach vorn.

Die letzten Meter überwindet er hastend, den Turk Instinkt in seinem Opfer durch das eilende Rascheln alarmierend. Sie kann gerade den Kopf heben und das herannahende Unglück erfassen, aber nicht mehr aufhalten: Der riesige Schwall ergießt sich gleichmäßig und in der Sonne glitzernd über ihre gebräunte Haut und das blonde, hübsche Haar.

„Renooooo!!!" Ihr spitzer, schriller Aufschrei, während sie fassungslos auf die Füße springt, klingelt regelrecht in meinen Ohren. So weiblich wie berechenbar, nicht niedlich und entzückend wie er, der kaum älter als acht Jahre in diesem Augenblick scheint als er auf der Stelle losprustet.

„Haaaaaaa-hahaha!" Sein Lachen, beinah absurd heftig gemessen an der Qualität seines kleinen Scherzes, färbt sein Gesicht glühend rot.

„Reno!!" Die Hände in die Hüfte gestemmt, gibt sie sich noch immer alle Mühe, durch und durch empört zu wirken. Auch wenn sie nicht ansatzweise so entrüstet ist, wie sie ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund glauben machen will, steht völlig ausser Frage, dass sie nicht sieht, was ich sehe in seinem Gesicht.

„Hab gedacht, du bist mittlerweile durch und reif fürs Abschrecken!", gackert er, als er wieder einen vollständigen Satz hervorpressen kann.

Elenas Empörung gibt sich offen als gespielt zu erkennen, jetzt, da sie mit einem Satz vorwärts auf ihn zuspringt. Doch er hat damit gerechnet und weicht geschickt wie schnell zurück, dreht sich herum und tritt die Flucht vorwärts zur Terrasse an. Die Salatschüssel kommt mir wieder in den Sinn und plötzlich weiss ich, was sich in ihr befindet, noch bevor er sich auf die Bretter fallen lässt und den Inhalt in einer schwungvollen Drehung hinauf gegen den nassen Körper seiner Verfolgerin schleudert.

Ihr entsetztes Kieksen, dieses Mal durch und durch echt, wird unterbrochen von einem noch authentischeren Husten, als sie den feinen, weissen Staub der Mehlwolke, in die sie gehüllt steht, inhaliert.

In Renos Gelächter fällt das der anderen Turks mit ein, während er vergnügt auf den Dielen herumrollt und mich flüchtig an Dark Nation als Welpen erinnert.

„Das... Du bist-" Sie hustet erneut und starrt fassungslos in ihre geöffneten Handflächen. Ihre Vorderseite klebt über und über voller feuchtem Mehl. „So ein verdammtes Arschloch!" Ihr Tritt gegen seinen herumkugelnden Körper ist fest, aber nicht zu fest.

„Ja!" Er grinst, sich den Bauch haltend, zu ihr hinauf. „Gib's mir, Baby!"

Sie stöhnt resignierend auf und wirft stattdessen einen lodernden, erzürnten Blick in unsere - ihre - Richtung.

„Sehr komisch! Habt ihr davon gewusst?"

Die Komik erreicht einen weiteren Höhepunkt dadurch, dass Tseng und Rude absolut synchron die Hände in einer beschwichtigenden, abwehrenden Geste heben.

„Nah! War ganz allein mein Plan!", kichert es wieder von unten. Ein weiterer Tritt, diesmal fest, erfolgt, der sich nicht als ihre beste Idee erweisen soll, denn schneller als sie reagieren kann, hat er sie beim Knöchel gepackt und mit einem Ruck auf ihr Hinterteil befördert.

„Verdammt, Reno!" Und jetzt ist sie wirklich wütend. „Gaia! Das tut doch weh!"

Das Lachen der beiden Turks an meinem Tisch verstummt diskret im Angesicht der umgeschlagenen Stimmung. Allein Reno übergeht es ungerührt und plump wie immer.

„Ja, Mann, deine Tritte auch!" Er richtet sich langsam auf und streckt die Hand in einer versöhnlichen Geste zu ihr herab.

„Vergiss es!" Sie springt aus eigener Kraft auf die Füße und hastet an ihm vorbei ins Haus, darauf bedacht, ihn auch ja währenddessen mit ihrer Schulter anzurempeln. Der Knall der zugeschlagenen Tür besiegelt ihren theatralischen Abgang.

„Hja..." Die Hand reibt den Nacken, die nackten Zehenspitzen fahren kurz über das Holz unter seinen Füßen. „Hat wohl ihre Tage..."

Die Antwort ist Stille. Der einzige, der noch immer lächelt, bin ich, doch ich verberge es hinter meinem Handrücken.

„Manchmal frage ich mich, warum ausgerechnet meine Abteilung als einzige regelmäßig zu einem Kindergarten mutiert." Tseng schlägt demonstrativ die Zeitung auf, die er vorhin weggelegt, da zu Ende gelesen, hat.

Aus dem geöffneten Fenster des ersten Stocks kann man hören, wie das Wasser aufgedreht wird.

Im gleichen Moment, in dem Reno aus seiner betretenen Starre plötzlich schlagartig erwacht, erfolgt auch schon der spitze Aufschrei.

Drei Augenpaare blicken in Erwartung der Erklärung zuerst gen Fenster, dann zum Schuldigen.

„Ich... ähm." Seine Hand deutet flüchtig nach oben. „Naja, das war eigentlich der dritte Teil. Hab das Warmwasser abgestellt..." Ein kurzes Räuspern. „Ja..."  

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16.05.2011, 2357 Uhr
Die Nacht nach Rays Beerdigung


Das Gespräch endlich beendet, lasse ich mich nach hinten gegen die kühlende Lehne fallen und starre hinauf an die Decke. Schwere Platten schwarzen Nachtholzes. Eine Verkleidung, die pro Quadratmeter genug kostet, eine vierköpfige Familie einen Monat lang zu ernähren. Ein schlechtes Gewissen plagt mich nicht deswegen. Solange ich denken kann, habe ich Geld. Gewohnheit, Normalität. Nichts, worüber ich ernsthaft nachdenke, auch wenn es ironisch anmuten mag in Anbetracht dessen, dass ich den Großteil meines Tages über Zahlen sitze. Zahlen, die letzten Endes für Geld stehen. Etwas, von dem ich ohnehin genug besitze, so dass es im Alltag zur Bedeutungslosigkeit verkommt.

Die Frustration, die ich verspüre, gilt nicht der Tatsache, dass mich das Ableben des ermordeten Turks 1,2 Millionen Gil an seinen Vater gekostet hat. Es ist eine Summe, deren Verlust ich nicht bemerke. Nein, mein Unmut gilt dem Fakt, dass ich über dreissig Minuten meiner Freizeit soeben für ein Telefonat opfern musste, nach dem mir der Sinn kaum weniger hätte stehen können.

Das von mir erwartete Bedauern über den tragischen Vorfall während der Beerdigung, die elenden Wiederholungen meines Beileids. Und selbstverständlich die Zusicherung, dass ShinRa sich im Klaren ist, dass die menschlichen Verluste niemals gutgemacht werden können, aber natürlich gern mit einem finanziellen Trostpflaster über die erste Zeit hinweg hilft.

Eine halbe Stunde meines Lebens, die mir abgerungen wurde.

Rays Vater mache ich keine Vorwürfe. Ich schätze, er handelt eben einfach, wie ein Vater nach einem solchen Verlust üblicherweise handelt - doch was weiss ich schon davon.

Die Schuld gebe ich einzig und allein Tseng. Ich stelle seine Arbeit und Führungsqualitäten im Allgemeinen nicht infrage, aber ich kann nicht leugnen, dass ich beim besten Willen nicht nachvollziehen kann, wie er einen weiteren Turk einstellen konnte, der Familie hat.

Ich hielt es bislang für ein ungeschriebenes Gesetz. Ein Tabu, aus offensichtlichen Gründen. Familie lenkt ab. Macht erpressbar. Weich. Wer den Turks beitritt, der findet unter ihnen dafür eine neue Familie. In der Abteilung 24. In ShinRa.

Daumen und Zeigefinger reiben meine gereizten Augen. Letzter Nachhall der Anstrengung während des Tunnellaufes.

Meine Gedanken kehren zurück in die Dunkelheit, die uns umhüllt hat. Dicht und perfekt in ihrer Schwärze wie das ach-so-teure Nachtholz über mir. Und stinkend wie der Mutterleib einer schwangeren Toten.

‚Hast dich in mich verknallt, was?'

Ja, das habe ich. Lass mich dir zeigen wie sehr, am besten gleich hier und jetzt! Allem ein Ende bereiten und dich und mich zerstören, uns beide, alles. Hier an diesem Ort bist du der Gossendreck mit dem ich meinen Ruf, meinen Namen, beflecken will, und ich werde Mittel und Wege finden, dir dein dreistes Maul zu stopfen.

Danke Gaia, Reno. Danke Gaia, dass ich mich ‚verknallt' habe und dich nicht bloß will. Es ist das einzige, was mich jetzt davon abhält, es endlich zu tun. Der einzige Grund, weswegen ich mich lieber selbst auf Raten vernichte anstatt dich auf einen Schlag.

Es war mehr als nur ein Spiel.

Ich schlucke trocken im Eingeständnis, dass ich schlicht die Beherrschung für einige Sekunden verloren habe.

Gaia, ich brauche einen Drink.
 

~


C0344 14.05.2011

0322:34

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0321:14, 0318:44, 0313:02, 0304:15

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Ich weiss nicht, zum wievielten Mal ich mich selbst dabei beobachte, wie ich das Zimmer betrete, in dem sein fiebriger Körper liegt und schläft. Meine überreizten Augen kennen die Antwort, die mich nicht interessiert. Genauso wenig wie die auf die Frage, ob ich die Aufnahme schaue, weil ich nicht schlafen kann oder nicht schlafen kann, weil es mir unmöglich ist, mich loszureissen von dem Anblick.

In dieser Nacht ist er noch nicht aufgewacht.

Ich versuche mit aller Kraft, den Bildern die Macht zu entlocken, mich zurückzuversetzen in den viel zu kurzen Moment, den ich in seiner Nähe verbringen durfte. Aber so sehr ich mich anstrenge, sei es mit harter Konzentration oder einem inneren Fallenlassen in der Hoffnung, mit allen fünf Sinnen in der Erinnerung aufzuschlagen: Jeder Erfolg bleibt mir verwehrt. Das Video verströmt nicht den Geruch seines Körpers, nicht einmal eine Tonspur, die seine tiefen, süßen Atemzüge festgehalten hätte.

Der Frieden, den ich mich selbst empfangen sehe, lässt sich nicht von Kameras einfangen und konservieren.

Es ist eine Ungerechtigkeit die baren Zynismus in sich trägt, dass ich zu genau den inneren Kampf nachempfinden kann, den ich gefochten habe, ihn nicht zu berühren, aber nicht mehr sagen kann, wie es sich angefühlt hat, als ich den Kampf in der folgenden Nacht verloren habe. Als er mich berührt hat.

Die Aufnahmen, die Tseng gelöscht hat.

Der tiefe Schmerz, der für einen Sekundenbruchteil aufgeflammt ist, als er mich darüber unterrichtet hat, ist sofort in dem Vakuum der Gefühllosigkeit erstickt, das ich in mir abrufen kann. Eine Kunst, in der ich in letzter Zeit zunehmend versage.

Meine Fingerkuppe gleitet über das Abbild seiner Brust. Aber selbst unter Einberufung all meiner Phantasie fühle ich nichts anderes als den kühlen Monitor an meiner Haut. Purer Neid auf mich selbst steigt in mir hoch; Eifersucht auf mein vergangenes Ich, das ich bei ihm sehen und doch nicht mehr leben darf.
 

~


Beide Hände an das nachtkühle Fensterglas gelegt, hat er mir den Rücken zugewandt. Gedankenversunken lehnt er gegen die Scheibe. Er bemerkt nicht, dass die Türen sich geöffnet haben und ich langsam hereintrete. Das gesamte Gebäude ist leer ausser uns und die Stille so dicht, dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen höre.

Ich schalte das Licht nicht ein und schließe auch nicht die Türen hinter mir. Zu groß ist die Gefahr, dieses Mal seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich will noch ein klein wenig länger unentdeckt bleiben und ihn beobachten, da er sich allein glaubt.

Dicht hinter ihm bleibe ich stehen und lasse die Augen von meiner Reflexion an der Scheibe seinen Hinterkopf hinabwandern, entlang der jetzt blutrot leuchtenden Strähnen, die über seinen Rücken fließen. Schließlich hebe ich erneut den Blick und versuche zu erahnen, was dort draussen in der Dunkelheit seine Aufmerksamkeit so in den Bann ziehen könnte. Doch ich kann nichts Aussergewöhnliches entdecken und sein Gesicht nicht sehen.

Ich atme bewusst tief aus und lasse den Luftzug seinen Nacken streifen.

Er fährt herum und zuckt zusammen. Ich trete einen Schritt zur Seite.

„Sie... Sie sind noch hier, Sir?!", stammelt er verblüfft und macht keinen Hehl aus seiner Überraschung. Dann schlägt er sofort die Augen nieder, um meinem Blick auszuweichen.

„Wie du siehst. Was tust du hier, Reno?", frage ich und versuche, eine Ruhe in meine Stimme zu legen, die ihm die Angst nimmt. Doch ich bin auch ruhig, wenn ich töte und es hat keine Wirkung auf ihn. Nervös fängt er an, sich den Nacken zu reiben und an seinem Jackett rumzunesteln.

„Ich, äh..." Er grinst sein breites, dümmliches Grinsen, „Ich...", er deutet knapp mit dem Daumen nach draussen, „hab nur ne Weile hier gestanden und nachgedacht. Ist manchmal ganz nett, so allein und... und naja." Er räuspert sich.

„Und..?", hake ich sanft nach.

„... Ähm... Naja, die Sterne sind auch nett, wollte ich sagen."

Selbst in der Halbdunkelheit kann ich sehen, wie er rot wird vor Verlegenheit. Erneut schaue ich nach draussen und bemerke jetzt erst, was ihn so fasziniert haben muss: Der wolkenlose Nachthimmel, ungetrübt über der Leiche Midgars.

„Das sind sie", pflichte ich ohne jeden Spott in meiner Stimme bei und schenke ihm den Versuch eines Lächelns. Als seine Augen meine Bemühung erhaschen und keine Ironie finden, wird er etwas lockerer und dreht den Kopf wieder zur Seite.

„Ist immer noch was Besonderes für mich, wissen Sie?" Das Kindische an ihm wird zu reiner, unschuldiger Kindlichkeit, die mich ihrerseits so fasziniert, als sein Gesicht regelrecht strahlt vor Staunen. „Und das nach all den Jahren, heh. Hab früher ja nicht mal die Sonne zu sehen bekommen!"

Du bist die Sonne, antworte ich in Gedanken.

Aufs Neue abgelenkt von der Aussicht, bemerkt er zunächst nicht, wie ich wieder direkt hinter ihn trete, bis ich meine Hände an seine Hüfte lege und mich sachte an ihn drücke.

Er gefriert.

Ich schiebe vorsichtig mit meinem Nasenrücken ein paar Strähnen aus seinem Nacken und beginne, ihn mit kleinen Küssen zu bedecken, den ihm so eigenen, aufwühlenden Duft tief inhalierend.

„Was tust du?", flüstert er kaum hörbar, noch immer gelähmt und so unter Schock, dass er sich in der Anrede vergreift. Aber das gefällt mir. Es schafft Intimität.

„Schhhh... Lass los", hauche ich in sein Ohr, im Bewusstsein, dass meine Worte ihre Wirkung verfehlen werden. Ich löse die rechte Hand von seiner Hüfte und schiebe sie in sein einladend halb geöffnetes Hemd, bis sie genau über seinem Herzen ruht. Ich kann fühlen, wie es rast. Seine oder meine Haut ist feucht. Ich kann es nicht sagen. Ein weiterer Kuss direkt hinter seiner Ohrmuschel. „Du bist der letzte Mensch, der Angst vor mir haben muss. Lass los, Reno."

Ein Versprechen so aufrichtig wie meine Berührungen.

„Shiva!" Er stößt mich mit dem Ellenbogen zurück, was ihm nur gelingt, weil ich nachgebe, und fährt herum. Das Kind ist aus seinem Antlitz verschwunden und dem stolzen Rebellen gewichen, dessen Wut gleissender funkelt als die Sterne hinter ihm. Ich weiss, dass ich an ihm vorbei muss. Ich wünschte, es gäbe einen leichteren Weg. Für ihn.

„Was heisst hier, ICH soll loslassen?!...", platzt er heraus und verstummt, sich offensichtlich mit aller Kraft sammelnd und zurückerinnernd, wem er gegenübersteht. Ich weiss, wie schwer es ihm fallen muss. Dabei ist es so unnötig. Es spielt keine Rolle, wer ich für alle anderen bin. Den Menschen, als der ich jetzt zu ihm gekommen bin, kennt er nicht.

Genauso wenig wie ich.

„Tut... tut mir leid, Sir", flüstert er leise wie beschwichtigend, nervös gestikulierend, in einem letzten, kindischen Aufzucken. „Nur... Ich tick echt nicht so..." Ein flüchtiger, ängstlicher Blick in meine Augen. „Falls das irgendwie so rüber kam... Kein Problem, nur... Ähm, wir vergessen die Sache einfach, okay?" Er zwingt sich, mich anzuschauen, ein schiefes Lächeln, dünn und voller Panik darunter. „Ja..?"

Ich habe versucht, es zu vergessen, Reno. Du ahnst nicht, um welchen Preis.

In Zeitlupe schüttel ich verneinend den Kopf, im gleichen Tempo, in dem seine Augen sich weiten.

Erneut trete ich einen Schritt heran und bekomme ihn im selben Moment mit meinem Arm zu fassen, in dem er fliehen will. Ich drehe ihn wieder herum und umschließe seinen Oberkörper fixierend, so hart wie nötig, so vorsichtig wie möglich.

„Hör auf, Mann!" Seine Stimme ist dieses Mal sicher und laut. Er wird sich eher töten als gegen seinen Willen nehmen lassen. Aber letzteres habe ich auch nicht vor. Er kennt nur noch nicht den Unterschied.


Das Telefon reisst mich aus meiner armseligen Masturbationsphantasie.

Sein Name erscheint auf dem Display.

Ich widerstehe dem Impuls, sofort dranzugehen und verordne mir einige wenige tiefe Atemzüge, um die letzten Reste des erdachten Szenarios abzuschütteln. Die Erregung soll nicht meine Stimme färben. So sehr ich geneigt bin, einen Wink Gaias in seinem Anruf zu sehen, der Grund wird mit Sicherheit in einer Banalität liegen. Einer Banalität wie einem hochgradigen Notfall bei ShinRa.

„Reno?" Ich klinge belegt, aber es könnte auch Müdigkeit sein. Genau, die Müdigkeit. Mein Blick fällt auf das halb geleerte Glas auf meinem Nachttisch. Den eisgekühlten Schlummertrunk.

„Heh... Ja..."

Nervös wie eh und je. Sein Flüstern irritiert mich jedoch. Ist er in Gefahr? ...Nein, er ruft von zu Hause aus an. Er wird eine Frau bei sich haben.

„Ist etwas passiert?" Welcher Notfall ist so akut, dass er mich mitten in der Nacht anruft, aber dennoch vorher die Muße findet, eine Frau in den Schlaf zu befördern? Der Gedanke, dass er's kurz vorher getrieben hat, versetzt mir einen Stich, doch ich halte mich an dem Schmerz fest. Die Alternative wäre, der idiotischen Hoffnung zu erliegen, er würde um meiner Selbst Willen mit mir reden.

„Nein, ich..." Ein zittriges Durchatmen. „Das wollt ich eigentlich dich fragen. Hatte plötzlich son komisches Gefühl, weisst du?!"

Mach das nicht mit mir!

„Nein, Reno. Ich weiss nicht." Aber sag es mir. Sag mir, dass du mich plötzlich willst. Ich kann ein bitteres Lachen nicht unterdrücken. Entgegen meiner kläglichen Versuche, sie abzuwehren, ist die Hoffnung spätestens jetzt lichterloh aufgeflammt. „Aber lass mich dran teilhaben. An deinen Gefühlen."

Und verpass mir den Schlag, der mich auf den Boden der Tatsachen zurückschmettern wird. Ich habe ihn redlich verdient.

„Hast du getrunken?", fragt er stattdessen und lenkt vom Thema ab. Seine Sorge um meine Gesundheit kann ich selbst wenn ich wollte nicht als Nahrung meiner naiven Hoffnung missbrauchen. Bezüglich vermeintlicher Sorgen um meine Person hat die Vergangenheit mich bis zur völligen Taubheit abstumpfen lassen. Abgesehen von Tsengs vorwurfsvoll-väterlichen Anwandlungen liegt solch rücksichtsvollen Nachfragen niemals echtes Interesse an meiner Verfassung zugrunde.

„Hm. Ich schätze, das habe ich. Sei froh, dass ich getrunken habe und nicht geschlafen. Wenn du mich wegen nichts geweckt hättest, wäre ich jetzt äußerst ungemütlich."

„Wie lange willst du das noch durchziehen?"

Gaia, was interessiert es dich, Reno? Was interessiert dich, dass du der Grund dafür bist und ich keine Wahl habe?! Willst du es hören? Würde es dich anmachen, wenn du wüsstest, dass Shinra sich in dich verknallt hat?  Oder... Willst du mir damit sagen, dass du dich wirklich dafür interessierst, wie es mir geht? Dass du an mir und meinem Leben teilhaben willst? Willst du unterm Vollmond spazieren gehen und Händchen mit mir halten, Reno?

Mach das nicht... Mach das nicht mit mir!!!

„Von wollen kann keine Rede sein!" Ich kann den völligen Ausbruch gerade eben noch verhindern. Meine Hand fährt durch mein Haar und schiebt die Strähnen nach hinten zurück. Sie hat einen akuten Bewegungsdrang und will beschäftigt werden, um nicht zu dem Glas auf dem Nachttisch zu greifen. Nicht jetzt.

„Geh ins Bett, Rufus."

Wieder ein Ablenken, das ihn und seine wahre Absicht ungreifbar, undurchschaubar macht. Sei es drum. Ich bin müde. Das ist nichts Neues. Das ist alles nichts Neues. Die Müdigkeit und das Glas auf meinem Nachttisch. Allein sein Anruf ist es. Naheliegend, dass er mich aufwühlt und aus meiner Routine reisst für einen Augenblick. Genug davon. Zeit, wieder die Form zu wahren.

„Ja. Nachher." Ich atme tief durch. „Es ist alles in Ordnung, Reno. Ich habe nicht vor, mich nach allem ausgerechnet von Schlafstörungen kleinkriegen zu lassen."

Vielleicht von dir, aber selbst das nicht heute Nacht.

„Okay."

Ein kurzes Schweigen.

Leg auf. Bitte, leg auf.

Aber er legt nicht auf.

„Gute Nacht", verabschiede ich mich also und höre meine innere Stimme zu Gaia flehen, ihm möge noch etwas einfallen. Irgend etwas, egal was...

Leg nicht auf.

„Nacht."

...nur das nicht.

Ich lege auf und kann das Telefon in meiner Hand nicht mehr schnell genug gegen das Glas tauschen. Vielleicht hatte Tseng Recht mit seiner Prophezeiung, dass Renato Deschayne niemals etwas anderes als Schmerz für mich bereithalten wird. Ich hätte nur nicht erwartet, dass es umso schwerer werden würde, je näher ich ihm komme. Je mehr ich versuche, in ihn und seine Welt einzutauchen. Selbst er war es, der -

Nein, er war es nicht. Ich habe mich selbst entschieden. Reno weiss bis heute nicht, dass er mich auf die Idee gebracht hat, zu trinken und wenn es nach mir geht, wird er es auch niemals erfahren.

Bloß habe ich mittlerweile herausgefunden, dass alles, was in Renos Adern Medizin ist, in meinen zu purem Gift zu werden scheint. Das gilt für den Alkohol wie für die Liebe.

Ich lehne mich aufs Bett zurück und für einen Moment wünsche ich mir zum ersten Mal seit Jahren, es wäre wieder früher, als alles weiss war.

Bevor ich wusste, was Rot ist.

Danach ging alles bergab.

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02.08.2009, Healin Lodge

Am Kopf der robusten Holztafel sitzend, verstecke ich mich hinter meiner Zeitung. Über den oberen Rand hinweg kann ich die Umgebung perfekt im Auge behalten. Die starke Mittagssonne wärmt mir den Rücken. Es tut gut. Seit den Höllenwochen im Juni bin ich permanent verspannt und das Geostigma brennt in meinen Gelenken. Links neben mir an der Längsseite sitzt Tseng. Vor ihm steht ein Glas von der Fruchtlimonade, die Elena selbst gemacht hat. Sie ist wirklich gut, ich habe sie ebenfalls probiert. Jedes Mal wenn er zum Trinken ansetzt, kann ich die Eiswürfel klimpern hören. Ich hätte jetzt auch gern einen. Ich mag es, mit ihnen in meinem Mund herumzuspielen, bis es wehtut. Doch ich sage nichts. Seit ein paar Tagen vermag ich wieder ein paar Schritte zu laufen, aber sofort wäre Tseng an meiner Seite und die Hilflosigkeit im eigenen, geschwächten Körper gefangen zu sein, würde mir dadurch nur umso präsenter werden.

Es war Elenas Idee, die Sitzecke heute von der Terrasse mitten auf die Rasenfläche zwischen dem Haupthaus und den Hütten zu stellen und in der Sonne zu essen. ‚Zur Feier des Tages!' waren ihre exakten Worte. Eine Anspielung, so denke ich, auf die Tatsache, dass Rude für uns alle kocht. Er steht bereits seit anderthalb Stunden in der Küche. Es war Renos Wunsch, mit dem er ihm schon eine ganze Weile in den Ohren gelegen hat. Offenbar, wie ich mir aus Fragmenten diverser Gespräche zusammengereimt habe, hat er so etwas wie eine Leibspeise, die einzig Rude zu seiner vollen Zufriedenheit zubereiten kann. Zumindest scheint er es schon einmal bei ihm gegessen zu haben und will endlich noch einmal in den Genuss kommen. Selbstverständlich hat sein Partner irgendwann nachgegeben. Jeder würde, den Reno zum Ziel seines Gequengels erkoren hat. Seine Penetranz ist einzigartig wie so manches an ihm.

Er tritt in diesem Moment gefolgt von Elena auf die Terrasse heraus, in seiner Hand ein neues, gekühltes Bier, legt den Kopf weit in den Nacken und lässt ein Wolfsgeheul gen Himmel los, das sofort die Aufmerksamkeit aller in Hörweite auf sich zieht. Er ist angetrunken.

„Riecht ihr das?! Riecht ihr das?!? Das duftet wie Gaias verdammte Pussy!"  

Seine blonde Kollegin bahnt sich ihren Weg mit den Armen voller sauberem Geschirr und Besteck um ihn herum. „Du glaubst also, Gaias Intimbereich riecht nach Käse-Hackfleisch? Na, das wird sie gerne hören!"

„Elena, du hast keine Ahnung von Pussys, du bist kein Mann!" Er überspringt die drei Stufen in einem Satz.

Sie zieht ungläubig die Augenbrauen zusammen, schüttelt den Kopf und führt ihren Weg zu unserem Tisch fort. Er setzt sich gemächlich in Bewegung und trottet ebenfalls zu uns herüber. Sein Hemd ist offen, die Ärmel bis über die Ellenbogen hochgekrempelt. Ein dünner Schweissfilm glänzt auf seiner Stirn unter den wilden, roten Strähnen.

„Soll ich dir etwas abnehmen?" Tseng erhebt sich und nimmt einen Teil des Geschirrs entgegen.

„Danke!" Sie reicht ihm einen Teil der Teller und beginnt, den Tisch zu decken. „Wenigstens in Wutai lernt man noch, wie man sich in Gegenwart einer Dame benimmt!"

„Wieso, hast du für heute eine eingeladen?!" Er lehnt den Kopf zurück und nimmt ein paar großzügige Schlücke aus seiner Bierflasche. Ich beobachte über den Rand der Zeitung hinweg, wie sich jeder einzelne deutlich an seiner Kehle abzeichnet, begleitet von einem geräuschvollen Glucksen.

„Wenn ich weder ein Mann noch eine Dame bin, was bin ich denn dann?" Sie unterbricht ihre Arbeit nicht, als sie ihm einen flüchtigen Seitenblick zuwirft.

Unklug. Sehr unklug, ihm eine solche Vorlage zu liefern.

Er fängt einen aufkommenden Rülpser mit aufgeblähten Backen ab, bevor er antwortet: „Du bist'n Turk!" und sich mit dem Hintern neben ihr auf dem Tisch platziert.

„Bwah!" Sie wedelt mit der Hand vor ihrer gerümpften Nase. „Meine Güte!"

„Guck mal, Tseng, ich bin der Dame zu primitiv!" Er platziert einen nackten Fuß auf der Lehne des Stuhls vor seinem Platz, den zweiten auf der Sitzfläche und beginnt, ihn herumkippeln zu lassen.

„Du solltest ihr lieber zur Hand gehen, anstatt dich vor dem Essen noch weiter volllaufen zu lassen."

„Ah, Tsäääng! Ich hab meinen Teil getan!" Er lehnt seinen Oberkörper nach hinten zurück auf die hölzerne Tischplatte, so dass der Kopf neben Rudes Teller zur anderen Seite herüber hängt. Die freiliegende Brust hebt und senkt sich zügig. Der Hosenbund ist tief unter den Nabel gerutscht. Ich bemerke nicht zum ersten Mal das Fehlen jeglicher Härchen darunter. Entweder hat er dort keinen Haarwuchs oder aber er rasiert sich. Ich tippe auf letzteres. Er rasiert sich auch die Achseln.

„Ohne mich würde Rude jetzt gar nicht in der Küche stehen und ihr hättet nicht die Ehre, heute hier draussen in den Genuss von Gaias Käsehackfleischpussy zu kommen!" Ein breites Grinsen seiner feuchten Lippen. Die Fingernägel der Hand, die nicht die Flasche hält, knibbeln an der münzgroßen, verschorften Stelle auf seinem Bauch herum. Ein Insektenstich, der seit Wochen abgeheilt wäre, würde er ihn nicht permanent wieder aufkratzen. Inzwischen glaube ich, dass es ihm einfach zu großen Spaß macht, an irgendwas herumzunesteln und es ihm tatsächlich fehlen würde.

„Aber-! du hast Recht, ich werd mich sinnvoll betätigen." Mit einem noch immer eleganten Schwung richtet er sich wieder in Sitzposition auf, stößt sich vom Tisch ab und landet katzengleich neben dem Stuhl im Gras. „Soll ich euch nämlich mal was sagen?! Ich hab heute Morgen extra keinen Bissen gefrühstückt, damit ich Platz im Bauch hab und wisst ihr, was ich jetzt mach?! Ich geh kacken, nur damit ich sogar noch mehr Platz hab! Ich scheiss nen riesigen Haufen!"

Er schreitet auf die Terrasse zu und dreht den Kopf über seine Schulter zurück, überschwänglich die Arme ausbreitend. „Eine Wurst, so lang wie eine verdammte Zolom! Jawohl, das werd ich jetzt tun!"

Ich pruste leise los und kann den Laut in letzter Sekunde in ein kurzes, vorgetäuschtes Husten wandeln, das höchstens noch nach Entrüstung klingt.

„Und nichts wird mich aufhalten!" Er quetscht sich vorbei an einem irritierten Rude, der in der Türschwelle erschienen ist. „Auch du nicht!"

„Was war das?"

„Frag nicht." Sie legt das letzte Besteckset an ihren eigenen Platz, mir gegenüber am anderen Ende des Tisches und pflückt ein halblanges, rotes Haar von Rudes Teller. „Frag einfach nicht."

„Sein wievieltes Bier ist das?" Er schlendert die Treppen hinab, lehnt sich gegen den Holzpfeiler und richtet die Position seiner Sonnenbrille mit dem Mittelfinger der rechten Hand.

„Ich hab keine Ahnung. Aber wenn er wirklich schon die ganze Zeit auf nüchternen Magen trinkt, dürfte das einiges erklären." Tseng schlürft die letzten Reste der Limonade zwischen den Eiswürfeln heraus und wischt sich kurz mit dem Handrücken über den Mund. „Ich hoffe nur, er raucht nicht wieder dabei. Das Bad war noch eine Stunde danach nicht benutzbar."

„Yup." Dann wendet er sich an Elena: „Essen ist fertig."

„Ich komme." Ihre Hilfsbereitschaft, sei sie prinzipiell auch gaiagegebener Charakterzug, hat zumindest heute einen äußerst trivialen Grund: Sie hat Geschirrdienst. Ich schließe jeden Zufall aus, dass es Reno heute nicht getroffen hat.

Als ich wieder allein mit Tseng bin, nutze ich die Gelegenheit, mit zwei Fingern einen Eiswürfel aus seinem geleerten Glas zu stehlen.  

„Das muss ein langer Artikel sein. Du hast mindestens eine Dreiviertelstunde nicht mehr umgeblättert."

„Durchaus", ignoriere ich seine Anspielung und lasse das Eis in meinem Mund herumwandern. Im Kontrast zu der Wärme in meinem Rücken tut es gut. „Sagt dir der Name Flynch etwas?"

„Sollte er?"

„Ich bin mir nicht sicher. Er hat das Condor Hotel für einen Spottpreis gekauft."

„Der Kasten ist doch pleite gegangen, nachdem die neue Straße nicht mehr dort langführt. Ist der Vorbesitzer nicht sogar ziemlich deswegen auf die Barrikaden gegangen?"

„Mhm. Es hat ihm nur nichts genützt." Weil ShinRa Interesse daran hatte, die Route nach Süden künftig anders verlaufen zu lassen, doch das ist ein anderes Thema.

„Vielleicht will er das Haus privat nutzen." Er zuckt mit den Schultern. Ich glaube vielmehr, dass die Mittagssonne und der Hunger selbst ihn ein wenig bequem gemacht haben, als dass er seine eigene Theorie für wahrscheinlich hält. Das ehemalige Hotel liegt völlig abgelegen und bietet derzeit auch kaum geeignetes Umland für Aussteiger, geschweige denn Zivilisation und Möglichkeiten zum Einkauf oder medizinischer Versorgung. „Ich werde ihn heute Nachmittag mal überprüfen."

Er wendet seine Aufmerksamkeit wieder zur Tür, aus der Elena mit der schweren Auflaufform tritt, den kleinen Salz- und Pfefferspender unter ihr Kinn geklemmt in Ermangelung freier Hände.

„Soll ich dir helfen?"

„Geht schon, geht schon, geht schon." Sie trippelt eilig die Stufen herab und ist sichtlich erleichtert, als sie die schwere, glühend heisse Schale endlich in der Mitte des Tisches abstellen kann. „So. Wer mag die Käsekruste?"

„Reno. Und mich würde nicht wundern, wenn er sie vorher exakt abgemessen hat. Der wird dich töten, wenn auch nur ein Gramm fehlt."

„Tseng, glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass es mir derzeit kaum egaler sein könnte, was Reno mag und was nicht?" Sie ist noch immer beleidigt wegen der Mehlgeschichte. „Mir geht es ohnehin langsam gegen den Strich, dass er ständig das Lieblingskind ist und Sonderrechte hat." Schau an. Ganz offensichtlich brodelt es schon wesentlich länger und tiefer in ihr. Im scharfen Kontrast zu ihren Worten löst sie trotzdem vorsichtig die Kruste vom Auflauf und platziert sie vollständig auf Renos Portion. Exakt das ist der Grund, weswegen niemand ihre Beschwerden jemals ernstnehmen wird. „Sir?"

Ich lege endlich die Zeitung beiseite und reiche ihr meinen Teller. Allein bei dem Anblick des Essens vergeht mir der Appetit; es riecht ekelerregend und sieht aus wie Erbrochenes; doch nur um herauszufinden, was Reno daran findet, werde ich es zumindest probieren.

Als sie alle Teller gefüllt hat, betrachtet sie kurz ihr Werk mit in die Hüften gestemmten Händen. „Was fehlt noch? Getränke!" Sie macht sich daran, ein weiteres Mal ins Haus zu gehen und hält plötzlich inne. Ihr Blick fixiert den Salzstreuer. „Wer austeilen kann, muss auch einstecken können, oder?" Ein diabolisches Lächeln huscht über die Lippen in ihrem Versuch, bei Tseng Bestätigung zu finden.

„Tu' was du nicht lassen kannst, solange du die Konsequenzen trägst", seufzt er müde.

Ein letzter, prüfender Blick zur Tür, dann mischt sie hastig den halben Inhalt des Salz- und Pfefferstreuers unter ihre Portion, platziert die Käsekruste obendrüber und vertauscht ihren Teller mit Renos.

„Nur gerecht!" Zufrieden mit ihrem hinterhältigen Werk stolziert sie erhobenen Hauptes zurück zum Haus.

Meine Augen bleiben nachdenklich an dem vertauschten Teller haften.

„Ich weiss von nichts. Nur wenn, dann solltest du dich beeilen." Der Mund formt ein kleines Schmunzeln. Er hat meine Gedanken korrekt gelesen.

Ich ziehe mich an der Tischplatte auf die Beine und richte mich langsam auf. Die Schmerzen halten sich in Grenzen; vielmehr ist es die Schwäche durch den chronischen Bewegungsmangel, die mir dabei zusetzt.

„Das ist nicht witzig. Es ist gemein", erkläre ich, während ich mich von Stuhllehne zu Stuhllehne zum anderen Tischende hangel.

„Soso."

Ich ignoriere sein vergnügtes, diebisches Grinsen, das vor seltsamer Zweideutigkeit trieft und bringe Teller wie Käsekrusten wieder in ihre ursprüngliche Ordnung.

„Soll ich dir zurück helfen?" Er macht sich keine Mühe, den besorgten Unterton zu verbergen.

„Nein. Ich sollte mich wieder öfter bewegen, dann wird es besser funktionieren", beschwichtige ich, bevor ich erneut in dem Rollstuhl Platz nehme. Keine Sekunde zu früh, denn im gleichen Augenblick betritt Elena mit einem Tablett voller Gläsern mit ihrer Limonade wieder die Terrasse. Sie hat nicht an die Eiswürfel gedacht, aber ich verkneife mir den kleinen Spaß, sie darauf aufmerksam zu machen - zumal es nur halb so komisch wäre, wenn ich etwas sagen würde. Sie würde gehorchen und sich das Fluchen einfach verkneifen. Ihr Respekt vor mir ist selbst in dieser durch und durch privaten Situation zu groß.

„Gaia, ich hoffe, dass Reno endlich seinen Hintern herbewegt!" Sie lässt sich auf ihren Stuhl fallen und trippelt ungeduldig mit den Fingern auf dem Holz herum. „Wenn er jetzt die ganze Woche lang jeden verrückt gemacht hat, nur um's kalt werden zu -"

„Yiiiiiiiiiiiiiieeeeeharrrr!" In seiner Hand ein frisch geöffnetes Bier, hüpft er gefolgt von einem wesentlich beherrschteren Rude die Stufen hinunter und verliert keine Sekunde mehr, sich zu uns zu gesellen.

„Dann können wir ja endlich anfangen." Sie beobachtet Renos Hantieren mit dem Besteck nicht weniger gebannt als ich umgekehrt ihr eigenes.

„Meins! Oh Baby, alles meins!" Er beginnt, die Gabel vollzuschaufeln und für einen Moment befürchte ich, meine Tat würde aufliegen, bevor Elena ihr selbst zum Opfer gefallen ist. Nämlich dann, wenn sie bemerkt, dass er nicht reagiert. Doch um ihn nicht bloß wartend anzustarren und somit vorzuwarnen, nimmt sie einen großzügigen Bissen.

Kaut einmal, zweimal -

„Pffffffffpf!" Die gesamte Aufmerksamkeit gebührt ihr auf einen Schlag, in dem Moment, in dem sie sich ruckartig zur Seite beugt und den Inhalt ihres Mundes indiskret ins Gras katapultiert. Ein keuchender Husten folgt und ich komme nicht umher, zu lächeln, als Reno ihr besorgt auf den Rücken zu klopfen beginnt.

„Hast du dich verschluckt? Ist geile Scheisse, musst trotzdem langsam machen! Glaub das nem Veteranen!"

„Tsäh-ähä! -äh!–häng!" Ihr Gesicht ist hochrot angelaufen, dicke Tränen perlen über die Wangen. Sie wischt den Arm mit einer genervten Geste aus ihrem Rücken und die katzenhafte Wut in ihren nassen Augen, mit der sie Tseng durchbohrt, verrät, dass sie sofort begriffen hat, was geschehen ist. Zumindest fast.

„Was?" Er zieht unschuldig die Brauen hoch.

Renos Blick wandert plötzlich mit reptilienhaft glitzernder Neugier zwischen beiden hin und her. Rude indes tut das einzig Vernünftige: Er isst seelenruhig, bevor es kalt wird. Ich folge seinem Beispiel, bis zur Perfektion darin geschult, Szenarien aus dem Augenwinkel und scheinbar teilnahmslos zu beobachten.

„Nichts ‚was'!" Sie leert ihr Glas in einem einzigen Zug. „Du hast die Teller vertauscht!"

Wenn ich nicht hinschaue, schmeckt es annehmbar. Zu fettig für meinen Geschmack. Allgemein ziehe ich Fisch Fleisch auch vor.

Das Licht, was in Reno aufgeht, als er mit einem Schlag versteht und hochzuckt, leuchtet grell in seinem vom Alkohol gezeichneten, verschwitzten Gesicht auf.

Er stößt ein hartes, abgehacktes Lachen aus, legt seinen Arm um Tsengs Schultern und drückt einen langen Kuss auf dessen Wange. „Ich liebe dich, Mann! Ich liiiiiebe dich!"

„Ich war's wirklich nicht!" Sein Versuch, sich aus der angetrunkenen, innigen Umklammerung zu befreien, scheitert.

„Wer sonst, Mann?!" Ein zweites Mal presst er die Lippen zu einem lauten, feuchten Schmatzer auf Tsengs Haut. „Rude ist mit mir zusammen gekommen! Ausser dir war hier niemand!"

Ich erhebe mich abrupt und kämpfe taumelnd gegen die Schwärze, die mein Sichtfeld schlagartig verengt. Drei fragende Augenpaare ruhen auf mir. Eines versteht.

„Die Sonne scheint mir zu stark in den Rücken. Ich ziehe es vor, innen zu essen. Ihr entschuldigt mich. Tseng?"

~


Am späten Abend ist das Wetter gekippt. Die trockene, kräftige Wärme ist umgeschlagen in eine klamme, stickige Hitze. Die Schmerzen in meinen Gelenken verraten mir, dass es noch in dieser Nacht gewittern wird. Das pochende Stechen ist es auch, was mich geweckt hat. Schweissgebadet, in einer drückenden Schwüle, die das nasse Laken fest an meinem Körper haften ließ. Eine Dreiviertelstunde lang habe ich versucht, wieder in den unruhigen Schlaf zurückzufallen, vergeblich. Das nervenzehrende Surren eines Moskitos hat mich schließlich dazu gebracht, mich aus dem klebrigen Bettzeug zu schälen und aufzustehen.

Der kurze, jedoch mühsame Weg, führt mich direkt zum Fenster, das ich mit aufgedunsenen Fingern entriegel und aufreisse. Statt kühlender Nachtluft um mich zu fühlen, stehe ich vor einer bleiernen, reglosen Wand aus tropischer Hitze, in der sich kein Wind regt. Das schrille Zirpen einer Heerschar liebestrunkener Grillen ist das einzige, was die Luft durchzieht.

Dann dringt das lästig-monotone Surren des Moskitos wieder dicht an mein Ohr. Meinen Augen gelingt es, ihn zu fixieren, und beobachten ihn dabei, wie er sich unterhalb meiner Brust auf mir niederlässt und verstummt.

Der Mond lässt die nackte Haut meines Oberkörpers seltsam fluoreszieren; die dunklen Flecken des Stigmas verleihen ihr das täuschend dreidimensionale Aussehen einer Kraterlandschaft, nicht unähnlich der des Himmelskörpers. Ich hasse den gezeichneten Anblick meines Fleisches. Nicht bloß, weil er mich entstellt, sondern weil er von Schwäche und Krankheit spricht. Von Sterblichkeit, der ich mir vor nicht allzu langer Zeit schmerzlich bewusst geworden bin, als es aussah, als würde ich diesen Sommer nicht mehr erleben.

Ich hebe die Hand, um das Insekt zu erschlagen. Doch dann halte ich inne und lasse es stattdessen gewähren.

Reno, der gebadet in Schweiss und Sonnenlicht über dem Tisch liegt. Das Hemd weit geöffnet, beide Hälften des Stoffes zu den Seiten gerutscht. Der flache Bauch bebt unter meinen Küssen. Zwischen seinen weit geöffneten Schenkeln sitzend, tauche ich die Zunge tief in seinen Nabel. Zusammen mit meinen Händen, die über die Brust streichen, rutscht mein Mund langsam tiefer, bis meine Finger ihn auf dem Weg nach unten überholen und vorsichtig den Knopf an seinem Hosenbund öffnen. Das Becken neigt sich mir einladend entgegen; sein zittriges Atmen geht in ein leises Stöhnen über.

Ich schrecke aus meiner Phantasie heraus und gefriere. Denn ich kann ihn, sein Wimmern, hören. Völlig real. Im gleichen Moment, in dem ich mich konzentriere, um mir wirklich sicher zu sein, dass ich nicht nur einer Einbildung erliege, verstummt es auch schon. Doch das kurze, akustische Fragment hat gereicht, es unter mir zu orten. Ich lehne mich aus dem Fenster und erstarre ein zweites Mal, als ich ihn tatsächlich erblicke.

Er liegt über dem Tisch, nicht anders als in meiner Vorstellung; einzig der Sonnenschein ist blasses Mondlicht. Selbst vom ersten Stock aus bin ich in der Lage, den feuchten Schimmer auf seiner freiliegenden Haut zu erkennen.

Kann es einen solchen Zufall geben? Oder habe ich unbewusst, in den Tiefen meiner Mako-erweiterten Sinne, ihn bereits zuvor gehört und nur aufgrund dessen meine kleine Phantasie ersponnen? Ich weiss es nicht. Was ich weiss, ist, dass es kein Geschenk Gaias ist. Er wird nicht auf mich warten.

Und trotzdem folge ich ihm, blind, fremgesteuert wie in Trance, durch die selbst die Schmerzen bei jedem Schritt kaum noch dringen und streife den weissen Morgenmantel über. Mit jeder Stufe hinab ins stille, dunkle Erdgeschoss, die ich nehme, pulsiert die Gewissheit in mir, dass ich mich auf eine Fata Morgana zubewege; eine Illusion. Sei Reno auch real wie ich, die Wahrheit wird mich in dem Moment einholen, in dem er mich erblickt und sich wie gewohnt vor mir verschließt.

Denn nicht nur, dass ich auf seiner falschen Seite stehe: In seiner Wahrnehmung bin ich Niemand. Gewiss, der ShinRa Präsident und Geldgeber, doch kein Jemand, bloß eine Variable X.

Er wird seine Seele genauso wenig vor mir öffnen wie seine Schenkel.

Letztere könnte ich gewaltsam spreizen, aber damit wäre jede Chance vertan, in erstere zu tauchen. Und sie ist es, in die ich so tief wie möglich eindringen will.

Ich trete durch die Tür hinaus in die schwüle Nacht und schließe sie nicht hinter mir. Ich will noch nicht bemerkt werden. Wie bei einem Forscher, der ein seltenes Tier beobachtet, würde meine Anwesenheit das Verhalten des Wesens gegenüber verfälschen und es im schlimmsten Fall in die Flucht schlagen.

Meine Hand gleitet lautlos über das rissige Holzgeländer, als ich die drei Stufen hinabgehe. Und dann bleibe ich stehen. Unter meinen bloßen Füßen spüre ich das lange Gras. Mit gespreizten Zehen lasse ich die Halme langsam zwischen ihnen hindurchgleiten. Weich, irgendwie sinnlich, fast schmerzhaft kitzelnd. Und ich beginne, zu laufen, fast vergessend, was mich nach draussen getrieben hat, konzentriert auf die Eindrücke; dieses seltsam-süße Gefühl. Kleine, stechende Steine und Stöckchen, pieksende, trockene Halme, dann wieder weiche Gräser, die die Haut streicheln.

Das bereits zuvor vernommene Stöhnen ertönt erneut.

Mich plötzlich in der Mitte des Platzes zwischen den Hütten wiederfindend, drehe ich mich nach links.

Ein weiteres Mal der Laut. Im Unterschied zu meinem Wachtraum jedoch klingt er nicht lustvoll, sondern gepresst und schmerzverzerrt. Die nassgeschwitzte, bleiche Haut glänzt ungesund wächsern. Er dreht sich schwerfällig auf die Seite, den Rücken mir zugewandt, und krümmt sich eng zusammen. Selbst diese kleine Bewegung, nur eine Verlagerung seines Gewichtes, wirkt unbeholfen und unkoordiniert. Gaia, er muss völlig betrunken sein.

„Hng..." Die Knie fest an die Brust gezogen, überkommt den Körper ein bebendes Krampfen, ein sekundenlanger, ewig scheinender Kampf, der mir beim Zuschauen wehtut, und sich mit einem Brodeln in seinen Eingeweiden löst, das selbst auf die Entfernung hin vernehmbar ist. Als er wieder auf den Rücken zurückrollt, wirkt er fast leblos.

Da ist sie also, die Ohrfeige, auf die ich nur gewartet habe. Die Wahrheit hinter meiner Illusion: Suff und Bauchschmerzen, so banal, dass mir der innewohnende Zynismus beinah auf masochistische Weise mundet. Wie passend, der kühle Wind, der in diesem Moment aufzieht. Noch angenehm, aber eine erste Warnung, dass das in meinen Gelenken klopfende Unwetter auch real naht.

Meine Gedanken folgen der Erkenntnis in die Wirklichkeit zurück und wenden sich praktischeren Aspekten zu. Er braucht Hilfe und ich bin körperlich nicht in der Lage, ihm diese zu geben - wen interessiert es, wie sehr ich es wollte.
 

~


„Ist etwas passiert?" Dem Schnarren seiner Stimme und der Zeit nach, die er gebraucht hat, an die Tür zu gehen, hat zumindest er bereits geschlafen. Sein langes Haar klebt wirr und feucht in seinem unrasierten Gesicht, fließt tief hinab über die trainierten, nackten Schultern. Noch während er spricht, schließt er die offensichtlich hastig angezogene Hose. Nur selten erlebt man Tseng so intim. Ich habe viel von ihm gelernt in Bezug auf Disziplin, die laut ihm bei den kleinen Ritualen beginnt, deren einziger Zeuge man selbst ist, denn Konsequenz, Höflichkeit, Würde, sind Züge, die man sich nicht zu eigen macht, um Dritten Stil vorzuspielen oder Eindruck zu schinden, sondern um das eigene Selbst wertzuschätzen. Er würde niemals direkt aus der Flasche trinken, solange ein Glas verfügbar wäre, selbst wenn es keiner mitbekäme ausser ihm. Genauso wenig würde ich.

Da ich ganz offensichtlich unverletzt bin und ruhig scheine, späht er, auf meine Antwort wartend, über meine Schultern hinweg in die silbern beleuchtete Halbdunkelheit.

Ich nicke in Richtung der dunklen Umrisse der Sitzecke, die noch auf der Wiese steht.

„Es ist Reno", flüstere ich, nicht um niemanden zu wecken. Der einzige ausser Tseng, der sich in Hörweite befindet, ist durchaus noch wach. Nach wie vor will ich nicht von ihm bemerkt werden, auch wenn die Gründe nun andere sind. Wollte ich eben das seltsame Schauspiel nicht manipulieren, so ist mir jetzt klar, dass mich nichts davon abhalten würde, mich selbst um ihn zu kümmern, sollte er...

...mich nur einmal beim Namen nennen.

Ich weiss nicht, wie weit diese Möglichkeit hergeholt ist. Doch da er betrunken ist, scheint sie gegeben.

„Gaia, nicht mal nachts hat man mehr seine Ruhe." Er atmet sichtlich entnervt durch, wischt sich kurz mit der Handfläche über das verschlafene Gesicht und eilt an mir vorbei. Seinen Bewegungen lässt sich nicht ansehen, dass er eben erst geweckt wurde. Ich folge langsam, darauf bedacht, eine ausreichende Distanz zu wahren.

„Reno, was tust du hier?" Er beugt sich über den liegenden Turk und stemmt die Hände in die Hüfte, eine Geste, die ich gut von Elena kenne, doch an ihm wirkt sie bedrohlich ernst.

„Sterne....... ku'ng... Ssäng!" Ein Lallen mit bleierner Zunge an der Grenze zur Unverständlichkeit.

„Du bist stockbesoffen!" Das gezischte Raunen zeugt von nur halbherziger Wut. Er weiss, dass es vergebene Liebesmüh wäre, ihn jetzt zu maßregeln. Morgen wäre alles mit höchster Wahrscheinlichkeit vergessen. Wenn ich nur die Sicherheit hätte...

„Kamann trossem.... Sch...Sterne... kuck...hng." Er deutet nach oben gen Himmel. Eine schwere, schwankende Bewegung des Armes. „Siehssu.... Scherne!"

Die ausgestreckte Hand fällt wie ein Stein zurück auf die Brust.

„Steh auf!" Die starken Finger umfassen die schmalen Schultern, in einem vergeblichen, ersten Versuch, den schlaffen Oberkörper aufzurichten.

Sei nicht so grob.

„Aber... a...ber... mirsschlecht... un..." Er krümmt sich, dem Griff entgleitend, wie schon zuvor zusammen und rollt auf die Seite. „Scheisses... aaaah!" Die Krämpfe ergreifen wieder Besitz von ihm.

„Komm, komm, hoch mit dir! Schnell!" Er legt den kraftlosen Arm um seine Schultern, um ihm vom Tisch zu helfen.

„Nein!!.... Lass mich... ster'm!" Der Kopf rollt nach hinten in den Nacken. „Unter... den Schern..."

Dem weinerlichen, verbalen Protest folgt kein körperlicher. Gleich einer Marionette mit durchtrennten Fäden hat er den Händen, die an ihm zerren, nichts mehr entgegenzusetzen.

„Du stirbst nicht, du hast dich bloß gnadenlos überfressen und zugesoffen bis unter die Hutschnur!" Den anderen Arm um die schlanke Taille geschlungen, schleift er den kraftlosen Turk mit sich in Richtung dessen Unterkunft.  

„Aber waso... wasoooo guuut!"

„Dann beschwer dich nicht!", ächzt es zurück.

Und dann dreht er plötzlich ohne Vorwarnung den Kopf zur Seite und erblickt mich, der noch immer reglos, wortlos in dem weissen Morgenmantel dasteht. Der ausgestreckte Zeigefinger gestikuliert wild in meine Richtung.

„Aahh! Ein Gespenss!" Er schafft es irgendwie, sich mit weit aufgerissenen Augen aus Tsengs Griff zu befreien und zwei Schritte auf mich zuzutorkeln, bevor er am Handgelenk gepackt und hastig Richtung Tür weitergezogen wird.

„Das ist morgen auch noch da."

Er lehnt sich mit vollem Gewicht gegen den Zug aus der anderen Richtung, was zur Folge hat, dass er einfach im nächsten Moment mit beiden Armen von hinten um die Brust gepackt und rückwärts mitgeschleift wird. Seine Gegenwehr erstirbt schlagartig.

„Lass dich nicht so hängen!"

Tsengs Worte, mehr an sich selbst gerichtet, werden übertönt von einem erneuten Rumoren der Eingeweide, das in einem langgezogenen Furz endet.

„Gaia, Reno!!!" Er verzieht angewidert das Gesicht und bemüht sich, schneller mit seiner menschlichen Last von der Stelle zu kommen.

„Ich wa's...nich...!! Das wa' dasss... Gespenss..."

„Ich warne dich, wenn du dir in die Hose machst, werden wir zwei nie wieder Freunde, also komm endlich!" Mit einem Ruck schiebt er ihn wieder etwas höher in seinem Griff, darauf bedacht, die Arme nicht unterhalb seiner Brust um ihn zu legen. Irgendwie schafft er es, die benötigte Hand, die die Tür öffnen muss, für eine Sekunde zu entbehren.

„Du... liebss... mich nich!! Dabei... dabei... hassu......" Er runzelt übertrieben angestrengt die Stirn im Versuch, das Ende des Satzes zu finden.

Der Angesprochene übergeht das vorwurfsdurchtränkte Krakelen von unten und konzentriert sich stattdessen darauf, sich in der Schwelle mit dem Turk herumzudrehen.

„Ein schauriges... Gespenss...", brabbelt es leise vor sich hin, bevor eine entschlossene, bloße Ferse die Tür hinter ihnen zutritt.

Allein.

Als würde er den gleichen Hang zum Dramatischen hegen wie Reno, flackert der kühle Wind genau in diesem stillen Moment erneut auf. Stärker als zuvor, zerrt er an meinem Haar und dem Morgenmantel. Ich streiche mir die Strähnen mechanisch aus der Stirn und ignoriere sie danach einfach, als sie augenblicklich wieder zurückgeweht werden.

Eine kleine, vertraute Bewegung, doch der Schmerz in meinem Ellenbogen- und Handgelenk ist lähmend in seiner plötzlichen Brutalität. Keine Frage, es war zu viel auf einmal und in Ermangelung einer Alternative, lasse ich mich vorsichtig ins Gras nieder. Es ist genauso abgekühlt wie der Wind und die verstummten Grillen haben den Platz geräumt für das wogende Rauschen der Halme. Ich lasse sie durch meine Finger gleiten wie zuvor durch meine Zehen, bevor ich zum ersten Mal auf die Idee komme, den Blick nach oben zu lenken.

„Gaia."

~


„Entschuldige, dass es so lang gedauert hat. Bei Ifrit, das kam keine Sekunde zu früh."

Er nimmt ungewohnt leger neben mir auf der Wiese Platz.

Die dichten Wolkenfetzen, die der Wind vor sich hertreibt, beginnen ein schwarzes Loch mit fransigen Rändern in den Sternenhimmel zu fressen.

Er verbirgt das Gesicht in den Händen und reibt sich die Augen. „Ich war mir nicht mal sicher, ob ich ihn mit dem Kopf oder dem Hinterteil zur Toilette hin platzieren soll!"

„Wofür hast du dich letztlich entschieden?", frage ich, ohne ihm das Gesicht zuzuwenden.

„Ich hab ihn aufs Klos gesetzt und einen Eimer zwischen seine Beine gestellt." Er lacht kurz auf und schüttelt langsam mit einem kleinen Lächeln den Kopf. Ich sehe es aus dem Augenwinkel heraus wie so vieles. „‚Buhuhuu! Ich tring nieeeee wieder Alhol Sssäng!!! Nieee wieder!!' Tss!"

Ich lache leise mit. „Ich gehe davon aus, dass er diesen Schwur spätestens übermorgen vergessen haben wird. Zusammen mit dem Rest seines Auftrittes." Und ich frage mich zunehmend, wie es sich anfühlen muss, sich so gehen zu lassen. Bewusst so tief zu sinken, dass man jeder Scham und Würde befreit ist und nichts dabei findet. Ein Stadium, das wir üblicherweise mit der frühen Kindheit für immer hinter uns lassen. Dabei müssten wir nur einmal nächtens gen Himmel schauen, um zu erkennen, dass wir uns niemals über die Bedeutungslosigkeit hinweg erheben werden, egal ob wir aus dem Glas oder der Flasche trinken. „Er hatte übrigens Recht. Die Sicht auf die Sterne ist exzellent heute Nacht."

Er stöhnt auf, hebt in gespielter Verzweiflung die Hände und lässt sie fest auf seine Schenkel zurückfallen.

„Er lebt wenigstens, Tseng. Mit allen Konsequenzen."

„Glaub mir, im Moment würde er sofort mit dir tauschen wollen." Grinsend versucht er, meinen Blick zu finden, doch ich kann mich noch nicht losreissen. Die Wolken werden mir ohnehin in wenigen Momenten die Sicht endgültig nehmen. „Du schauriges Gespenst."

Das ist besser als ein Niemand zu sein, Tseng. Sieh dir nur diese positive Entwicklung innerhalb eines Tages an und reite mit mir auf den Schwingen des Optimismus. Vielleicht schaffe ich es morgen bis zum menschlichen Abschaum.

„Und ich mit ihm." Ich beneide ihn nicht um seine Schmerzen; ich habe meine eigenen, die sich für den nächtlichen Ausflug schonungslos rächen. Worum ich ihn allerdings beneide, ist seine Trunkenheit, die völlige Befreiung aller Hemmungen. Ich selbst habe mir noch niemals gestattet, diesen Punkt zu erreichen. „Selbst wenn er es jetzt bereut, er schüttelt so etwas ab und steht wieder auf, um eine intensive Erfahrung reicher."

„Intensiv bedeutet nicht gleich gut."

„Alles ist besser als nichts."

Und Rot schlägt Weiss, füge ich in Gedanken hinzu.

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17.05.2011
Die Nacht nach Rays Beerdigung


Als Kleinkind habe ich exzessiv am Daumen gelutscht. Vielleicht, weil ich niemals gestillt wurde, vielleicht, weil es generell niemals eine richtige Mutterfigur in meinem Leben gab. Vielleicht aber auch, und das scheint mir am wahrscheinlichsten, weil es sonst nichts zu tun gab, das mir in irgendeiner Weise Spaß bereitet hätte; ebenso wenig wie Menschen, die mir Zuwendung geben konnten. Also musste ich sie mir selbst schenken und mein Körper wurde zu meinem liebsten - da einzigen - Spielzeug.

Dann irgendwann kam mein Erzeuger und wollte es mir austreiben. Seine Mittel und Wege waren äußerst kreativ. Ich habe nie verstanden, was schlimm daran sein soll, aber ich habe verstanden, dass ich es ab diesem Zeitpunkt heimlich tun musste. Letztendlich hätte ich es nicht einmal komplett unterlassen können, wenn ich gewollt hätte, denn es passiert von ganz allein, wenn ich schlafe.

Was niemand weiss, ist, dass ich es heute noch tue und immer getan habe. In allen Nächten; in den Momenten der Einsamkeit meines Büros, gedanklich weggeglitten über Zahlen und Statistiken; in den unzähligen Augenblicken als Jugendlicher, in denen ich mich selbst befriedigt habe. Sollte Tseng, der einzige, der mich einige Male als Erwachsener im Schlaf gesehen hat, es wissen, so hat er niemals etwas gesagt.

Trotz meiner bisweilen obsessiven Selbstanalysen habe ich niemals Gedanken daran verschwendet, warum ich es noch immer mache. Sollte es pathologisch sein, so interessiert es mich einfach nicht, denn ich hege keinerlei Absicht, es mir abzugewöhnen.

Vor mir, keine zweite Meter entfernt, liegt Reno.

In tiefem Seelenfrieden schlummernd. Warme, entspannte, süße Atemzüge, trotz dem er weiss, dass ich hier bin. Eine offene, direkte Einladung, ihm in seine Welt zu folgen.

Ich zögere nicht, sie anzunehmen.

Er ist das letzte, was ich sehe, bevor meine bleischweren Lider endgültig herabsinken und die Lippen die Spitze meines Daumens umschließen.

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07.08.2009, Healin Lodge

„Hier bist du."

Tseng schlendert zu mir ins Zimmer herein, ohne meine Erlaubnis abzuwarten. Er stellt sich neben den Rollstuhl vor dem Fenster und folgt dem Blick meines nach unten geneigten Kopfes hinab auf die Terrasse, auf der Reno seinen Partner zum zweiten Mal in Folge mal wieder beim Schach gewinnen lässt.

„Warum kommst du nicht runter und schaust ihnen von dort zu?" Sein Blick schweift hoch gen Himmel. „Die Wolken verziehen sich und laut dem Wetterbericht soll's heute auch nicht mehr regnen."

„Es lohnt sich nicht, den Rollstuhl herunterzuschaffen", antworte ich beiläufig, meine Aufmerksamkeit noch immer vorrangig dem Spiel widmend. Die Erklärung ist in erster Linie Unfug und er wird es nicht weniger wissen als ich, doch ich hoffe, er versteht den Wink und lässt es auf sich beruhen.

„Dann mach doch wenigstens das Fenster auf. So holst du dir einen steifen Nacken." Er greift zum Riegel, doch ich lege meine Hand abrupt an seinen Arm, um ihn davon abzuhalten.

„Tseng, ich würde es vorziehen, nicht von ihnen bemerkt zu werden." Ich zögere einen Moment, bevor ich hinzufüge: „Meine Anwesenheit... verfälscht die Dinge um mich herum bisweilen."

Er seufzt resigniert und könnte kaum mehr wie ein Vater klingen. Ein besorgter, der über seinen Sohn verzweifelt. Ich rechne mir zumindest aus, dass es so klingen würde. Eine Weile steht er bloß schweigend neben mir. Dann beginnt er, die Hände tief in die Taschen schiebend, langsam hinter mir auf und ab zu laufen.

„Hm! Weisst du noch, was das erste war, das du zu mir gesagt hast, als wir wieder allein waren nachdem ich ihn dir damals vorgestellt habe?"

‚Ich hasse ihn.'"

„Richtig. Du hast ihm hinterhergestarrt mit einem Blick, der selbst mir, einem erfahrenen Turk, Angst eingejagt hat und gesagt, dass du ihn hasst. Klar, er war jung, hübsch und arrogant bis zum Himmel, viele haben ihn auf Anhieb nicht leiden können. Aber deine Reaktion... Sie war so ernst, so unangemessen aufrichtig ernst. Du hast deine Worte nicht leichtfertig gewählt aus einer spontanen Abneigung heraus oder dem Affekt, du hast sie absolut so gemeint." Die Schritte verstummen. „Da habe ich begriffen, dass er dir gefällt."

„Ich liebe ihn."

„Ich weiss", antwortet er prompt.

„Du scheinst mehr zu wissen als ich."

„Ich weiss nicht mehr als du, ich weiss es bloß länger." Eine winzige Pause. „Ich erinnere mich, als du etwa 14 oder 15 warst und ich dich weinend in der Bibliothek gefunden habe. Du hast ganz allein dort gesessen und gezittert. Ich habe dich gefragt, warum du weinst und was passiert ist und deine Antwort lautete erst nur: ‚Reno.'" Die Schritte ertönen erneut. „Also bin ich davon ausgegangen, dass er dich provoziert hatte oder sonstwas zwischen euch vorgefallen wäre. Ich habe dich fragend angeschaut, in Erwartung, dass du mir also erzählst, was passiert ist. Und du hast gesagt: ‚Ich weine, weil ich ihn hasse, weil ich ihn so abgrundtief hasse, Tseng!'"

Er verstummt einen Augenblick, bevor er fortfährt: „Wie sich gezeigt hat, war überhaupt nichts vorgefallen zwischen euch. Natürlich nicht, denn das hätte dich sicher nicht zum Weinen gebracht, eigentlich hätte mir das früher klar sein müssen. Du hast ihn leidenschaftlich gehasst, weil du ihn nicht leidenschaftlich lieben durftest und vor allem nicht wolltest, nach dem, was beim letzten Mal geschehen war. Und es war so leicht, Gründe zu finden, ihn zu verachten."

Direkt hinter mir bleibt er stehen und kurz darauf fühle ich seine Hände auf meinen Schultern.

„Am Anfang habe ich noch gehofft, es würde sich geben mit der Zeit, zumal ich wusste, selbst wenn dein Vater nicht wäre, könnte Reno dir nichts als Liebeskummer und noch mehr Hass bieten, weil er damals schon der Macho und Herzensbrecher vor Gaia war. Und ich habe dir jemanden für deine ersten Erfahrungen gewünscht, der deine Gefühle erwidern und dir Sicherheit bieten würde." Ich kann den Luftzug in meinem Haar spüren, als er tief ausatmet. „Ob Frau oder Mann war für mich sogar zweitrangig, auch wenn ich immer gehofft habe, es wäre nur... eine Phase in der Pubertät. Mir persönlich ist es egal, aber dein Leben war auch so schon schwer genug ohne das Stigma, ...homosexuell... zu sein."

„Das trage ich ohnehin. Es bedarf nicht der Anwesenheit eines Mannes an meiner Seite dazu; offensichtlich reicht die alleinige Abwesenheit einer Frau", erkläre ich, den größten Teil meiner Aufmerksamkeit scheinbar noch immer der Partie widmend.

„Ich wünschte, du hättest mich gewarnt", flüstere ich in die erneut eingetretene Stille, ehe ich es verhindern kann, denn aus meiner Stimme spricht plötzlich alles Elend, das ich seit Wochen empfinde.

Selbstverständlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Tseng dieses Gespräch mit mir suchen würde. Doch bislang bin ich ihm immer ausgewichen, in dem Bewusstsein, dass es eine neue Phase einleiten würde, in dem, was in mir vorgeht. Und es geht jetzt schon über meinen analytisch geprägten, rational geschulten Kopf und lässt mich jeden Tag mit dem Gefühl abschließen, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Und der einzige, der mich auffangen und den Fall bremsen könnte, wird es nicht.

„Wovor?" Er stützt die Unterarme auf der Rückenlehne des Rollstuhls ab und sinkt ein Stück herunter, um mit mir gemeinsam nach unten schauen zu können. Vielleicht, so kommt mir der Gedanke, fällt ihm das Gespräch auf diese Weise ebenfalls leichter. Vielleicht hilft es ihm auch auf irgendeine Art, das zentrale Subjekt im Blick zu haben.

„Dass es so wehtun kann." Mein Mund ist auf einmal völlig ausgetrocknet.

Renos Lachen dringt durch die Fensterscheibe zu uns nach oben, als er Rudes zweiten Läufer vom Brett fegt.

„Was hätt's geändert? Ausser, dass ich deine Gefühle bloßgestellt hätte. Du hast es dir nicht ausgesucht."

„Also kann ich mir genauso wenig aussuchen, es zu beenden." Ich verrenke den Kopf zur Seite, um ihn anschauen zu können und er richtet sich wieder zu voller Größe auf. Der Blick, der meinen trifft, ist streng. Natürlich ist er das. Er ist hier, um meinen Fall zu beschleunigen und mich auf den Boden zu reissen, bevor es mir in den Sinn kommt, noch weiter abzuheben.

„Du kannst versuchen, etwas dagegen zu tun! Dir vor Augen führen, dass es zum Scheitern verurteilt ist und nichts als weitere Schmerzen für dich bereithält." Er beginnt wieder seine Wanderung durchs Zimmer und dieses Mal drehe ich den Stuhl herum, die verbale Herausforderung annehmend.

„Nun, dessen bin ich mir im Klaren." Mein Zischen ist undeutlich in Ermangelung jeglichen Speichels in meinem Mund. Als hätte ich Sand geschluckt, kleben meine Lippen nach jedem Wort zäh aneinander. Ekelhaft.

Er ignoriert die Bitterkeit, die sich wieder schattengleich über meine Worte gelegt hat. „Oder du sitzt es aus. Es gibt kein Patentrezept. Vielleicht kommst du schneller darüber hinweg, jetzt wo es dir endlich bewusst ist."

„Aussitzen. Das scheint mir angemessen in meiner Situation. Eine äußerst praktikable Lösung."

„Sei nicht so zynisch." Meinem eiskalten Blick setzt er ein mildes Lächeln entgegen. „Du wirst geheilt."

Er unterbricht sein planloses Auf und Ab und steuert den Nachttisch an, auf dem noch mein Wasserglas und die Flasche für die Nacht stehen. Ich spreche weiter, während er mir unaufgefordert einschenkt.

„Ich hege meine Zweifel daran, also lass mir den Zynismus! Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich kontinuierlich anhaltenden Schmerz diesen Ausmaßes ertragen kann, ohne den Verstand zu verlieren."

Im Dialog miteinander haben wir beide die Eigenart, umso stiller zu werden, je emotionaler der andere wird. So nimmt er sich auch jetzt alle Zeit der Welt, den Verschluss zuzudrehen, bevor er das Wasser wieder wegstellt und mir das Glas seelenruhig reicht.

„Bitte."

Ich danke ihm nicht, sondern leere es stattdessen zügig. Er nimmt Platz mir gegenüber auf dem Rand meines Bettes und faltet die Hände zwischen seinen Schenkeln.

„Du bist seit einigen Wochen stabil und dein Zustand hat sich nicht wieder weiter verschlechtert." Sein Blick wandert zur Seite. „...Aber du meinst nicht das Geostigma, oder?"

„Nein, das tue ich nicht." Das Glas kreist in meiner Hand hin und her. Ich bin kurz davor, es gegen die Wand zu schmettern und das einzige, was mich davon abhält, ist die Angst, den Ausbruch nicht mehr stoppen zu können. Die Angst vor dem freien Fall. Dem Aufschlag.

„Rufus... Ist dir schonmal der Gedanke gekommen, dass nicht er als Mensch es ist, den du liebst, sondern das, wofür er in deinen Augen steht? Ich meine, Reno ist in jeder Hinsicht das exakte Gegenteil von dir. Vielleicht kommt es dir so vor, als könnte er dich vervollständigen, obwohl es in Wahrheit nur die Dinge sind, die ihn ausmachen und dir in deinem Leben fehlen, die du willst. Du bist gerade eben dem Tod von der Schippe gesprungen, vielleicht war das der Auslöser für dich, dein Leben zu überdenken und dir darüber im Klaren zu werden, was du willst. Oder es lag an unserem Gespräch im Ju-..."

„Ich will ihn ficken, Tseng."

Die Wortwahl verfehlt ihre Wirkung nicht und ich habe eine schier perfide Freude daran, zwischen zwei hinabgerutschten, blonden Strähnen hindurch zu sehen, wie seine Contenance sich für die Sekunde verabschiedet, in der er nervös schluckt.

„Nun ja... Gibt es eine größere Form der Vervollständigung als Sex? Ich finde, das widerspricht meiner Theorie nicht einmal. Du hast Sehnsucht nach körperlicher Nähe, wer könnte dir das übelnehmen? Was stellst du dir abgesehen von..." Er räuspert sich verlegen. Ein Reflex, den er wohl trotz bester Absicht nicht unterdrücken kann, bei der ihm unbehaglichen Vorstellung, dass zwei Männer miteinander schlafen könnten. Insbesondere, wenn einer davon ausgerechnet Reno ist. „... von Sex mit ihm sonst noch vor?"

Der kleine Moment, in dem ich ihn aus der Fassung gebracht hat, ist vorüber. Als er weiterspricht, richtet sich sein Oberkörper gerade auf und die schwarzen Augen haben meine wieder fest im Griff. Die Lippen formen ein schiefes Lächeln, das mir so vertraut ist, dass ich ihn dafür schlagen will, es mir gerade jetzt vorzuführen.

„Dass er dich an die Hand nimmt und befreit? Dir die großen und kleinen Wunder des Lebens zeigt?" Er neigt den Kopf zur Seite, sich der Brutalität der Worte voll und ganz bewusst. Ich halte es für keinen Zufall, dass er in diesem Augenblick, in dem er mich zu treffen versucht, Renos Mimik imitiert.

„Hör auf, Tseng." Die Kälte in meinem Flüstern lodert. Ich weiss, dass gerade blaue Flammen in meinen Augen züngeln, subtil, doch real. Nebenprodukt des Makos in mir. Sie sollten ihn warnen, doch das Gegenteil ist der Fall und er nimmt sie als Ansporn, seinen Kurs zu halten.

„Dir beibringt, wie man sich besäuft, seine Sorgen und Pflichten vergisst, während man hemmungslos Liebe im feuchten Gras macht? Wilde Romantik? Abenteuer und Unberechenbarkeit? Ohne die ewige Last der Verantwortung, eh?"

„TSENG!" Das Geräusch einer gespannten Saite, die reisst. Der Klang eines Eisblocks, der auf Beton zerspringt. Ein Klirren, rechts von mir, das mich durch seine Wahrhaftigkeit nicht minder irritiert als das Stöhnen während meiner nächtlichen Phantasie.

Mein konfuser Blick entdeckt das Blut, das plötzlich über meine Hand rinnt und auf den Boden tröpfelt. In meiner Haut stecken Glasscherben. Ich bin zu überrascht, um sie zu fühlen.

Er steht auf, um direkt vor mir niederzuknien und meine offensichtlich verletzte Hand in seine zu nehmen. „Falls es so ist, lass mich dir sagen, Reno ist weit mehr als nur das. Er hat mehr Pflichtgefühl und Selbstdisziplin als du anerkennen willst und er..."

Seine Finger öffnen die meinen und zupfen vorsichtig die erste Scherbe aus meiner Handfläche. „Du wirst lachen, aber ausgerechnet er ist ein ziemlicher Kontrollfreak. In Bezug auf sich selbst wie auf andere. Hast du das gewusst? Man übersieht es leicht, weil er die Schuhe auf den Tisch legt, aber während er das tut und sich vielleicht mit der anderen Hand im Schritt kratzt, gibt er Anweisungen, die nicht wie solche klingen, es aber sind. Schwer durchschaubar, aber genauso Reno wie der, der Elena Streiche spielt und nur zu tun scheint, wonach ihm gerade ist."

Die zweite Scherbe folgt. Er blickt nicht zu mir auf, als er fragt: „Was hältst du von diesem Reno? Und wie würdest du dir mit diesem Reno eine Beziehung vorstellen, wenn wir mal völlig ausser acht lassen, dass er heterosexuell ist? Was glaubst du, wie lange es dauern würde, bis es nicht mehr niedlich wäre, wenn er deine Wohnung bei jedem Besuch in einem Chaos hinterlassen würde? Am Anfang fändest du es entzückend und würdest ihm nicht mal hinterherräumen, weil sein Dreck dich an ihn und die tolle Nacht davor erinnert, aber irgendwann würdest du es als die Respektlosigkeit erkennen, die es ist!"

Eine dritte folgt, die spitzer zuläuft als die beiden ersten und sich tief in mein Fleisch gegraben hat. Dieses Mal schmerzt es. Ein stechendes Pochen, das in mir brennt und sich gleichermaßen auf seltsame Art und Weise herrlich lebendig anfühlt. „Glaubst du wirklich, der würde sich permanent mit einem ‚Heute nicht, ich muss arbeiten!' zufriedengeben? Wie würdest du damit umgehen, wenn du nach Wochen einen freien Abend hättest und er sich bereits mit Rude zum Saufen verabredet hätte, weil du ja ‚sowieso nie Zeit hast'? Du denkst nicht ernsthaft, dass er deinetwegen absagen und zuhause mit dir rumsitzen würde, oder? Und ihr würdet nur zuhause rumsitzen, weil ihr euch nirgendwo zusammen blicken lassen dürftet! Wie lange könnte er das ertragen und mitmachen, bis er permanent gereizt wäre? Wie lange würdest du das mitmachen, dass er permanent gereizt wäre, ohne selbst gereizt zu werden?"

Er steht auf. Für den Rest wird er eine Pinzette brauchen und ich gehe davon aus, dass er die Materia holen wird. Doch er zögert, bevor er das Zimmer verlässt.

„Ich weiss, dass du das nicht hören willst, Rufus", erklärt er schließlich weiter. „Als dein Freund muss ich es dir trotzdem sagen. Gerade als dein Freund. Ihr beide würdet euch nicht ergänzen, das sind Phantasien und Wunschträume! Ihr würdet euch früher oder später vergiften. Glaub mir, gegen die Schmerzen, die du dann erleiden würdest, sind die jetzigen ein Spaziergang." Er dreht sich um, nur um ein weiteres Mal in der Schwelle stehenzubleiben und mir abgewandt hinzuzufügen: „Das ist nicht deine Schuld. Renos auch nicht. Aber irgendwann würdet ihr das vergessen."

7. Cosmic Silence
 

Gleißendes Licht... blendet. Wie Supernova vor Augen... Raum weiss und beisst... in den Augen. Tut weh... Licht... Mach aus...

„Wach auf, Psycho." Dunkler Fleck vor weisser Sonne... Umrisse, verschwommen... Bewegen sich... Kalt, so kalt.

„Ah, so ist es gut!" Fleck beugt sich herab... Kenne Stimme... Kenne sie irgendwoher.

So hart und kalt... Nackt? Ich bin nackt... Will mich bewegen... kann nicht... Schmerzen. Gefesselt... Auf dem Tisch. Der Tisch... ich kenne ihn ebenfalls. Denk nach... Denk nach... und

„Komm schon, wach auf!" Eine Frau... Und ich kenne sie... kenne ihre Stimme... Ray? Nein...

„Ssu... hell..." Ich schließe die geblendeten Augen... Zu hell, zu müde, zu kalt.

„Oh, ich verstehe! Besser so?"

Blinzel ein weiteres Mal. Ihr Arm an der OP Lampe über mir... Genau, die Lampe... Der Tisch... Ich weiss, wo ich bin. Die Konturen ihres Gesichtes werden schärfer...

„...A..ron?" Mein Mund ist so trocken...

„Es ist jetzt mein Job, hier die Fragen zu stellen. Dir wurde das Kommando für diesen Fall entzogen, kranker Psycho." Ihre Gestalt beginnt, um den Tisch herumzukreisen... Verschwindet aus meinem Blickfeld... Gaia, ich friere so... „Und im Gegensatz zu dir werde ich keine Zeit verschwenden. Wie lautet dein Name?"

„Ähng... Re..na… Rena...to Des... Des...chayne", schlörre ich lallend. Zunge pelzig und seltsam taub...

Nah,... Reno!! Reno....! Ich wollte… Reno sagen… Wieso…?

„Renato, wie nennt man dich?"

Du bist tot… lass mich endlich in Ruhe und verrotte... Sie kommt wieder in mein Sichtfeld. Folge ihr mit den Augen... es ist so anstrengend.

„Re...no", antworte ich artig... wollte nicht antworten... hatte nicht vor... mein Kopf tut weh. Wahrheitsserum..? Sie ist tot... Sag ihr nichts!

„Gut. Reno, wo arbeitest du?"

Kontrollfragen... kenne das Spiel.

„Shin...Ra... vierun... vierundswan...te Abteiln, ...Turks." Kann nicht schweigen, will schlafen. Shiva,... es ist so kalt und mein Kopf tut so weh... Eine Bewegung im Augenwinkel. Drehe den Kopf zur Seite... Kopf, der wehtut... Umriss an der Wand... Wer ist das? Steht still... Kann nicht erkennen, wer. Rude..? Nein... Rude würde nie...

„Wie heisst der Präsident der Firma, für die du arbeitest, Reno?"

Lass mich bin müde ich bin müde...

„Tha..Thad-ddeus.. Shira... Shin…"

Naaah.... Rufus... Es ist doch... Es ist seit Jahren schon Rufus!!

„Siehst du, wie schnell es geht, wenn man einfach nur seine Arbeit macht, Psycho? Wir sind schon fast fertig mit dem ersten Teil!" Sie bleibt stehen... Neigt sich herab. „Nur etwas noch. Es ist eine sehr intime Frage, die ich dir jetzt stellen werde, aber die ganze Situation ist nunmal sehr intim, unter dem Gesichtspunkt..." Richtet sich wieder auf... läuft weiter... „...ist meine Frage eher harmlos."

Er lacht... Der Umriss an der Wand. Kenne seine Stimme... Woher? Nachdenken tut zu weh... Verdammtes, leises Lachen... Woher???

„Weeeer'sss as??"

„Die Fragen stelle ich!" Ihre Stimme schmerzt in meinen Ohren... „Stör dich nicht an ihm." Wieder leiser... Besser... Aber trotzdem... „Am besten wäre es sogar, wenn du seine Anwesenheit komplett vergessen würdest. Also, Reno, bist du derzeit in jemanden verliebt?"

„N-hn... Rufs... Hnra... Rufus Shi...Shinra..."

Was soll die Frage... Haben sie's rausgefunden..?

„Rufus Shinra? Du bist in Rufus Shinra verliebt?"

„Hja.... Shin...ra. Rufus…”

Mein Kopf!!

„Du bist also in Rufus verliebt, obwohl er ein Mann ist und du normalerweise nur Frauen vögelst?" Sie bleibt wieder stehen. Hör endlich auf... Ich friere. Fange an zu zittern... Ich hab verdammt nochmal... nichts getan! Immer meinen Job gemacht... immerimmerimmer.

„Ja..."

„Wir wissen jetzt alles, was wir wissen wollten." Zieht etwas heran... Oh, der Hocker, oh bitte -... Sie setzt sich. „Hat Tseng dir je gesagt, warum du mich töten solltest? Er hat dir nicht die Wahrheit gesagt, das hast du geahnt, nicht? In Wahrheit solltest du mich töten, weil ich herausgefunden habe, dass du diese Fehlfunktion hast!" Kalte Hand... Kalter Handschuh... Greift nach mir, umfasst meinen Schwanz. Reisse die Augen auf... „Du musst wissen, dein Schwanz ist kaputt. Er glaubt, er würde jetzt auf haarige Ärsche stehen. Du hast Kopfschmerzen, nicht wahr? Das kommt daher, weil du mit deinem Ding denkst und es denkt derzeit nicht klar. Aber keine Bange, das ist nichts, was man nicht reparieren könnte!"

Lachen aus der Ecke... Schon wieder... Wer verdammt nochmal? Hebe den Kopf an, den geschwollenen Kopf... Zu weit weg, zu verschwommen.

„Ich sagte doch, du sollst ihn vergessen!" Ihre Hand drückt zu, zu fest... Ich schreie auf.

„Ruf's... Ru..fus..." Irgendwo hier... Irgendwo hier sind Kameras... Hab... hab vergessen wo. Er wird mich sehen... er muss es sehen... Er wird -

„Er wird dir nicht helfen, Reno. Wie sollte er, er ist noch ein Kind?! Entspann dich jetzt lieber. Das hier wird wehtun, aber das ist gut so. Du weisst, manch einem fällt unter Schmerzen die Wahrheit wieder ein. Wie die, dass man Frauen liebt..."

Ich sehe... Gaia... Sehe den Kaktus in ihrer Hand und weiss... was sie vorhat... weiss, was sie tun wird... Sie kann nicht... Sie darf nicht... Er wird -

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Donnerstag, 18.05.2011 1130 Uhr

„Reno!" Sie tippt nickend gegen meinen Arm und deutet nach draussen. Ich folge ihrem Blick und entdecke Rufus, der hastig mit einem Klemmbrett in der Hand übers Dach in unsere Richtung schreitet und in einiger Entfernung stehen bleibt. Sein Zeigefinger deutet auf mich, bevor er heranwinkend gestikuliert.

„Warte kurz!" Ich nehme die Kopfhörer ab, schiebe die Tür auf und springe nach draussen.

Ich habe keinen Plan, was ihn hierher führt, aber dreissig Sekunden später und er hätte mich verpasst.

Der weisse Übermantel flattert wild umher und die blonden Strähnen kämpfen die epischste Schlacht um seinen Kopf, bei der ich sie bislang beobachten konnte. Ich trabe an seine Seite, mir selbst die Mähne aus der Sicht streichend und pustend.

„Was gibt's?", frage ich laut durch den Rotorenlärm hindurch, doch leise genug, dass niemand ausser ihm mich hören kann.

Ich habe nicht damit gerechnet, ihn heute noch einmal wiederzusehen und es fühlt sich seltsam an, uns jetzt auf diese Weise wieder zu begegnen. Angezogen, scheinbar distanziert, alles ignorierend, was geschehen und noch immer zwischen uns ist... nicht? Sein hungriger Seitenblick trifft schmachtend meinen für einen Sekundenbruchteil. Ja...

„Hier!" Er schlägt das leere Blatt an dem Klemmbrett nach oben und ich gucke flüchtig auf das Formular darunter. Was ich sehe, holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück.

„Ich soll dir sechs Paletten zweilagiges Klopapier aus Nibelheim mitbringen?!" Ich werfe ihm einen fassungslosen Blick zu, bevor ich ein weiteres Mal auf die Liste schaue. „Und vierzig Pfund Kaffee?! Ist das ein Witz, wie soll ich das bitte -"

„Reno!", unterbricht er mich lautstark, um dann leiser zu erklären: „Gaia, Reno, das ist die Monatsbestelliste für eure Etage! Mel hat Pause und ich habe das erstbeste Formular von ihrem Schreibtisch gegriffen, das offiziell und von weitem auch nur ansatzweise wichtig aussah." Er schaut mich kurz doch eindringlich an. „Ich brauche einen Grund, hier zu erscheinen, oder?!"

Ich verstehe und grinse um ein Haar los.

„Lach nicht", warnt er mich sofort. „Es ist besser, wenn du dich weiterhin aufregst, aber lach bloß nicht. Darunter ist noch etwas, das du unterschreiben musst." Er reicht mir einen Kugelschreiber, schlägt die Bestelliste nach hinten um und hält sie mit den Fingern der anderen Hand dort in Position, damit sie nicht wieder zurückflattert.

Fünf Worte in gestochen scharfer, verspielt geschwungener Schrift:

‚Pass auf Dich auf. Bitte.'

Zum ersten Mal beginne ich zu erahnen, was es bedeutet und noch bedeuten wird, mit Rufus Shinra.... Was auch immer. Ich weiss nicht, was es ist, aber ich begreife allmählich, was es immer sein wird: Die meiste Zeit genau das hier. Heimlichtuerei, Codeworte, Vorwände und permanente Vorsicht. Es ist nicht seine Schuld, aber... Es ist auch kein faires Spiel.

Mein Zögern scheint ihn zu verunsichern.

‚Du auch.'

Shiva, mehr kann ich nicht schreiben. Letztlich fasst es meine größten Sorgen zusammen und für alles andere... Fehlt der Ort und die Zeit. Das wird er auch wissen. Seine Finger streichen sanft wie flüchtig über meinen Handrücken, bevor sie den Stift umschließen und wieder entgegennehmen. Dann wendet er sich ab und ich laufe zurück zum Helicopter, ohne mich umzudrehen.

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Einige Stunden zuvor

„...........no."

Hm?

„......Reno."

„Mm? ...schlaf'n..."

„Reno."

„Huh...?"

„Bereust du es?"

„Nah... ..."

„Ich soll nicht gehen?"

„'diot..."

„Was bin ich für dich?"

„... Gol'nes... Wes'n."

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Es kickt mich heute nicht.

Obwohl ich ewig nicht mehr geflogen bin, kann ich's nicht genießen gerade. Man muss kein psychologisch geschultes Genie sein, um zu wissen, woran es liegt. Bislang ist es mir immer egal gewesen, wo ich bin, solange dort die Action abgeht. Aber jetzt, zum ersten Mal, entferne ich mich von etwas, das ich derzeit nicht verlassen will. Ich hoffe, das ist der einzige Grund, warum ich so ein ungutes Gefühl habe. Als ob irgendwas schiefgehen würde im Tower, während wir weg sind. Vielleicht sollte ich Elena fragen, was ihre weibliche Intuition dazu sagt. Der Grund, warum ich es dann aber lasse, ist, dass ihre Intuition ab Werk pessimistisch ist oder spätestens wird, wenn ich sie jetzt beunruhige. Dass sie heute nicht gut drauf ist, kommt noch dazu. Seit wir gestartet sind, hat sie keine drei Sätze mit mir gewechselt und anstatt die Aussicht zu bewundern, die sie eigentlich liebt, starrt sie Löcher in die Luft. Und Junon kann nicht der einzige Grund dafür sein.

Vor einigen Minuten haben wir auf südwestlichem Kurs die Küste erreicht und jetzt führt der Flug bis kurz vor unserem Ziel nur noch übers Meer. Ich mag's nicht, über Wasser zu fliegen. Nicht wegen mangelnder Möglichkeit zur Landung im Falle eines Falles, denn ich bin ein verflucht guter Pilot, sondern weil es einfach gähnend langweilig ist, sofern nicht zufällig gerade die Sonne auf- oder untergeht. Alles sieht gleich aus und man hat nicht wirklich das Gefühl, vorwärts zu kommen. Es scheint dem Flug die Geschwindigkeit zu nehmen und gerade die Geschwindigkeit liebe ich neben der Bewegungsfreiheit des Helicopters am meisten.

Die Eintönigkeit, die draussen jetzt genauso herrscht wie drinnen, gibt mir den Rest und lässt meine Gedanken endgültig abschweifen. Etwas, von dem ich gehofft habe, es vermeiden zu können. Aber was soll's? Es muss sein. Ob jetzt oder nachher, was macht es für einen Unterschied?

„Muss das sein?" Sie findet ihre verlorene Stimme wieder, als sie sieht, dass ich einhändig eine Zigarette aus der Innentasche meines Jacketts nestel.

„Nur die eine", antworte ich träge ohne sie anzuschauen. Die Spitze der Kippe findet die aufzüngelnde Flamme und ich nehme einen tiefen, ersten Zug.

„Du hast doch erst direkt vor dem Start geraucht, warum kannst du's dir nicht für die kurze Strecke verkneifen?! Wir haben die Hälfte doch fast schon geschafft!", keift sie regelrecht in meine Richtung.

„Ja, aber meine innere Suchtuhr sagt, jetzt ist Zigarettenzeit!", keife ich von ihrem Gekeife angefressen zurück und werfe ihr einen finsteren Seitenblick zu. Scheissdreck, ich bin gereizt. Und eigentlich habe ich keinen Grund dazu. Im Gegenteil. Sollte mir nicht nach der letzten Nacht die Sonne aus dem Arsch scheinen oder so etwas? Der Himmel voller Geigen hängen? Fuck, wenn's so wäre, hätte ich's bemerkt. Das einzige, was mich tröstet, ist die Tatsache, dass meine rasenden Kopfschmerzen verschwunden und bis jetzt nicht mehr aufgetaucht sind. Aber die Freude darüber, wenn ein Schmerz nachlässt, hält nie lang.

„Du nebelst mich hier völlig ein!"

Dann mach doch die Tür auf!

Ich beisse mir auf die Lippen und schlucke den Spruch hart hinunter. Ich hoffe, sie kann es sehen und weiss meine Anstrengung zu schätzen. Wir sind offensichtlich beide in Streitlaune und das wäre der denkbar fatalste Beginn für unsere Mission. Dazu kommt, dass Elena so ziemlich der letzte Mensch ist, der etwas für meine Stimmung kann. Aber dann wiederum hege ich den Verdacht, dass ihre Motzerei über mein Rauchen auch nur ein Ventil darstellt für irgendeinen Frust, der rein gar nichts mit mir zu tun hat.

Shiva, Zeit, sich wie Erwachsene zu benehmen. Zur Feier des Tages, weil ich nach fünfundzwanzig Jahren meinen inneren Homo umarmt habe oder wasweissich.

„Tut mir leid", lüge ich also, um des lieben Friedens Willen. Gaia weiss, dass ich diese Kippe jetzt brauche. Ich muss nachdenken. Es lässt sich nicht vermeiden. Worüber, hab ich noch nicht wirklich rausgefunden. Meine Gedanken helfen mir auf die Sprünge und kehren immer wieder zu Rufus zurück. Aber dort lassen sie mich dann stehen mit einem ‚Bitteschön!' und ich hab keine Ahnung, was ich damit anfangen soll.

Vielleicht ist genau das der Punkt, über den ich nachdenken sollte: Ich hab keine Ahnung, was ich mit all dem anfangen soll.

Es war leicht, mir selbst zu sagen, dass es richtig ist, wenn es sich gut anfühlt. Aber da war ich in erster Linie geil.

Und meine gestrigen Gedanken vor dem Einschlafen, dass es nicht bei einer Nacht bleiben soll... Auch das trifft immer noch zu, das hat der Morgen bewiesen. Aber,... es macht alles nur so viel komplizierter. Wenn es keine einmalige körperliche Sache ist und ich mich so sehr zu ihm hingezogen fühle, dass ich ihn jetzt bereits vermisse - Was heisst das? Wir sind kein Paar und die Vorstellung, dass wir eins werden, ist immer noch in erster Linie absurd. Und wie kann ich in all den Jahren nicht bemerkt haben, dass ich in beide Richtungen schwinge, wenn der Mensch, der das Gefühl an die Oberfläche geholt hat, die meiste Zeit präsent war? Seine Rechnung, dass wir wenig miteinander zu tun hatten, geht einfach nicht auf. Es reicht mir nicht als Erklärung. Es fühlt sich nicht komplett richtig an. Auch wenn ich so viel in den letzten Tagen an Erkenntnissen über mich dazugewonnen habe, kommt es mir eher vor, als hätte ich mich weiter von mir entfernt. Vielleicht, weil ich zum ersten Mal dem Teil in mir begegne, der... Was? Sich verlieben kann? Ist es so?

Nein, da fehlt ein Puzzlestück und es macht mich verrückt.

Scheiss drauf, ob er ein Mann ist, scheiss drauf, ob er ausgerechnet katastrophalerweise Shinra ist - Es stört mich aus einem ganz anderen Grund: Ich muss wissen, wer und wie ich bin. Wie kann ich sonst die Kontrolle behalten? Das ist das Stichwort. Das alles fühlt sich an, als würde ich fallen. Vielleicht muss es so.

Aber da ist nicht mal jemand, den ich um Rat fragen könnte...

„Pass doch auf!", flucht sie lautstark los, als der Heli von einer Windböe erfasst zur Seite taumelt, weil ich zu lang an meiner Kippe gezogen und nicht sofort mit dem Stick nachkorrigiert habe.

...beziehungsweise dürfte.

Fuck, ich will in die nächste Kneipe und mich besaufen. Nicht aus Kummer; ich bin nicht wirklich schlecht drauf. Nur gereizt und viel zu nachdenklich. Und das könnte man runterspülen und stattdessen etwas Spaß haben, aber Spaß und Kneipentouren sind nicht in Sicht. Von Junon aus setzen wir mit dem Schiff rüber nach Corel und wenn wir Glück haben, reicht die Zeit heute Abend gerade noch, ein halbwegs anständiges Zimmer zu suchen, bevor wir morgen früh dann weiter zu unserem endgültigen Ziel Nibelheim fliegen. Es erspart mir einen Nachtflug und die wenigen Stunden, die wir dadurch verlieren, sind nicht weiter wichtig. Wir stehen nicht direkt unter Zeitdruck.

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„Reno?" Seine Fingerrücken streicheln sanft über mein Gesicht. Ein Kuss auf meine Schläfe, der nach meinem Aftershave riecht... und meiner Zahnpasta. Bis auf die sachte, zärtliche Geste, spüre ich ihn nicht und schlage mit einer dunklen Ahnung die Augen verschlafen auf.

„Guten Morgen", flüstert er, auf der Bettkante sitzend über mich geneigt, mit einem breiten, bittersüßen Lächeln auf den Lippen - und leider auch genauso rasiert und angezogen. Verdammter Spielverderber. Ich räkel mich todmüde, murre und vergrabe den Kopf unter meinem Kissen.

„Mmmm... Morgen. Wie spät ist es?", murmel ich mehr schlafend als wach in meinem Versteck vor dem Licht und dem Wachsein und Aufstehen und der Welt und überhaupt.

„0635. Ich wollte dich so lange schlafen lassen, wie es ging, aber ich muss selbst in zwanzig Minuten drüben sein und dachte..." Er zögert. „Ich habe Kaffee aufgesetzt und wenn du jetzt aufstehst, können wir noch gemeinsam einen trinken und... uns verabschieden."

Ich hebe einen Kissenzipfel an und spähe hervor, um zu antworten, aber dann beschließe ich, zu müde zu sein und rolle mich enger zusammen, weiter vor mich hingrummelnd. „Hmmmm... Du redest so wach... und so viel und... so grammatisch! Ist noch mitten in der Nacht, Mann, komm wieder her!"

„Ich kann nicht, Reno, ich habe keine Zeit mehr." Ich kann den Schmerz in seiner Stimme durchaus hören und auch, wie sehr er versucht, ihn zu unterdrücken und seiner Vernunft zu folgen. „Soll ich aufstehen und uns schonmal eine Tasse einschenken? Du nimmst Milch, nicht?"

Ich weiss, wie sehr er mit sich ringt und sollte es ihm nicht schwerer machen, als es sowieso schon für uns beide ist. Aber ich kann nicht anders. Ich will das hier noch nicht enden lassen und mache keinen Hehl draus!

„Nein, Mann!", motze ich und mustere ihn genauer aus meinem Kissenversteck heraus. Offensichtlich hat er mittlerweile auch geduscht oder sich zumindest die Haare gewaschen. Die letzten sichtbaren Spuren unseres gestrigen Abends sind nur noch in dem eindeutigen Leuchten seiner Augen zu finden, unter denen sich allerdings rekordreife dunkle Ringe abzeichnen. „Wie kann man um die Zeit so wach und so geschniegelt sein?! Ist ja ätzend! Morgens muss man muffelig... und kuschelig und... warm und sowas sein..!", knatsche ich dumpf unter meinem äußerst warmen, kuscheligen, aber vor allem muffeligen Kissen.

„Aber es reicht doch, wenn du muffelig genug für uns beide bist, nicht wahr? Und das bist du ohne jede Frage", bemerkt er mit grausamer Sachlichkeit. „Das einzige, was dich rettet, ist die Tatsache, dass dein Körpergeruch mich anmacht." Ein kleiner Kuss auf meinen Oberarm.

„Ja", stöhn ich elendig, „ich weiss," in einem Ton, der preisgibt, dass ich so etwas nicht zum ersten Mal höre. „Weil ich keine apokrinen Schweissdrüsen unter den Armen hab."

„Ich habe es in deiner Akte gelesen. Was genau bedeutet das?" Er schiebt das Kissen sanft nach hinten und reibt seine Nasenspitze an meiner Wange, halb mit dem Oberkörper über mir liegend.

„Das sind die Stinkdrüsen die zusammen mit den Haaren in der Pubertät kommen. Achselhaare, Brusthaare, Schamhaare, das ganze unnötige Zeugs halt", erkläre ich mit geschlossenen Augen. „Unter den Armen hab ich diese Drüsen nicht, aber frag mich nicht warum, hatte Gaia nicht mehr auf Lager, was weiss ich. Also stink ich obenrum eben nicht so schnell."

„Aber du riechst nicht bloß weniger, du riechst anders. Anziehend." Seine Lippen fahren geöffnet über meine Wange zu meiner Ohrmuschel, um dann hineinzuhauchen: „Geil." Seine Zähne ziepen kurz an dem Ring, den ich links trage, bevor er mich hinter dem Ohrläppchen küsst.

Scheint, als würde ich ihn langsam erfolgreich von seinen vernünftigen Vorsätzen abbringen, aber mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen.

Ich drehe mich auf den Rücken und verschränke die Arme im Nacken, zu ihm hochblinzelnd. „Mmmm~mmm, okay, ich erklär's dir...", seufze ich, während er mir ein paar rote Strähnen aus der Stirn streicht, dann meine Tätowierungen langsam mit den Fingerkuppen nachzieht. „Stell dir vor, du hast'n Glas Wodka mit Cola", beginne ich und ziehe die Augenbrauen zusammen, in dem Versuch, mich für meinen wenig philosophischen Vergleich zu konzentrieren. Scheisse, ich bin wirklich todmüde. „Naja, und dann zaubert wer die Cola aus dem Glas raus..."

„Mhm." Er neigt sich herab und küsst mein Gesicht, wieder und wieder. „Sprich weiter."

„Also, jemand zaubert die Cola aus dem Glas und obwohl genauso viel Wodka drin ist wie vorher..." Seine Lippen streifen meine. Ich folge ihnen mit meinem hungrigen Mund, doch er entzieht sich mir spielerisch.

„Sprich weiter", fordert er noch einmal.

„Obwohl also genauso viel – hmmmm....." Seine Küsse gleiten meinen Hals hinab und ich strecke den Kopf weit nach hinten. „Obwohl also genauso viel Wodka wie vorher drin ist, schmeckt es ganz anders... intensiver... Nur noch nach..." Ich lege die Arme um seinen Nacken und ziehe sein Gesicht hoch zu meinem. „Nur noch nach Wodka pur..."

„Wodka pur...", wiederholt er und neigt sich herab, um mir endlich den Kuss nicht mehr länger vorzuenthalten, den er genauso will wie ich.

Er schmeckt süß und sauber und mehr nach Zuneigung als Lust. Bevor ich mich in ihm verlieren kann, beendet Rufus ihn auch schon mit einem letzten, besiegelnden Schmatzer auf meine feuchten Lippen.

Ein Moment beidseitigen Schweigens vergeht, bevor er zum Sprechen ansetzt, nur um dann innezuhalten. Ein paar Atemzüge lang, scheint er angestrengt nachzudenken, bevor er es ein zweites Mal versucht.

Sein Blick flüchtet vor meinem. „Reno..."

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„Was ist los mit dir?", frage ich schließlich nach einer wortlosen, gefühlten Ewigkeit, um mich von meiner Scheisse mit ihrer abzulenken.

„Was meinst du?"

„Du bist still heute."

„Es ist nichts."

Es gibt gerade kaum etwas, auf das ich weniger Lust habe, als ihr die Würmer aus der Nase zu ziehen, vor allem, weil ich weiss, wie lang die Dinger bei ihr sind, aber wenn ich jetzt nicht diesen Tanz mittanze, mache ich alles nur zehnmal schlimmer zwischen uns.

„Oh, komm!" Ich neige den Kopf in ihre Richtung und verdrehe die Augen zu einem Seitenblick.

„Ich habe letzte Nacht so gut wie gar nicht geschlafen, seit einer halben Stunde Rückenschmerzen und diese ganze Mission führt mir grandios vor Augen, dass ich derzeit ohne eigenen Partner bin, was nicht zuletzt daran liegt, dass der letzte Mensch an meiner Seite ermordet wurde! Reicht das?", sprüht sie giftig in meine Richtung und verschränkt die Arme, um angestrengt zur Seite weg aufs Meer zu starren.

Ich zähle innerlich bis zehn, um ihr ein paar Atemzüge zu lassen, in denen sie hoffentlich ein wenig runterkommt.

„Das erklärt, warum du so gereizt bist, aber nicht, warum du nichts sagst. Ich meine, wenn dich sonst etwas nervt, erzählst du's mir doch auch", fange ich wieder an, mich um einen aufmunternden, leichten Ton bemühend. „Also, was ist es?"

Wieder schweige ich, weil ich weiss, dass sie anfangen wird zu reden, wenn ich ihr nur genug Zeit gebe. Und Atemzüge. Als schließlich irgendwann ein Seufzen aus ihrer Richtung erfolgt und sie mir den Kopf kurz zuwendet, weiss ich, dass sie soweit ist.

„Was soll schon sein, ich mache mir Sorgen um Tseng!" Ihre Stimme klingt nicht mehr gereizt, sondern nur noch müde und kraftlos. „Ich würde lieber in seiner Nähe bleiben im Moment. So, jetzt sag schon, dass du das Thema nicht mehr hören kannst. Du hast gefragt."

Ich schweige noch immer. Und langsam scheint es ihre Neugier zu wecken, denn jetzt dreht sie sich mir komplett zu.

„Diesmal kein Spruch?!"

„Kein Spruch", antworte ich bloß. Moment - Was heisst diesmal? „Hey... Über deine Gefühle für Tseng hab ich mich noch nie lustig gemacht, oder?"

„Doch, aber ich hab mir schon gedacht, dass es dir selbst nicht auffällt." Ihr Ton wird sarkastisch und ich glaube sogar, eine gewisse Bitterkeit herauszuhören. „Wie sagt doch jeder so schön? ‚Das ist eben Reno.'" Sie lacht kurz ohne jeden Humor auf. „Tss! Ich sehe es kommen, irgendwann wird das auf deinem Grab stehen: ‚Das war eben Reno.'"

Ich wende mich kurz mit einem schiefen Grinsen in ihre Richtung.

„Weisst du was? Mir gefällt die Vorstellung!"

„Ich hab's befürchtet." Sie seufzt ein weiteres Mal.

„Heh, und davor ein paar schnieke Goldlippchen, das wär's doch!", versuche ich, ihr ebenfalls ein Lächeln zu entlocken. Leider erfolglos. „Baby, sieh's so... Tseng macht sich Sorgen um dich. Er will, dass du auf andere Gedanken kommst. Hat gesagt, ich soll dich ablenken."

„Genau wie er will, dass ich den magischen Knopf finde, der meine Gefühle abstellt. Als würde ich nicht seit Jahren suchen... oder mir das alles Spaß machen..." Sie lehnt den Kopf weit in den Nacken und streckt weitestmöglich ihren Rücken durch, bevor sie das Gewicht verlagert und wieder in den Sitz zurücksinkt. „Na komm schon, lenk mich ab. Vielleicht fällt dir ja ein platter Witz ein, den du mir noch nicht sechsmal erzählt hast."

Aber wieder kann ich nur schweigen. Ich weiss, dass ich sonst immer viel zu sagen hatte, aber alles, was mir jetzt in den Sinn kommt, scheint plötzlich unpassend und bedeutungslos.

„Und du nennst mich still?"

Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich die spöttisch wie fragend hochgezogene Augenbraue.

„Es gibt nichts, was ich dir noch raten kann." Das einzige, was mir fair und richtig vorkommt. „Ich kann ihn nicht in dich verliebt machen. Und ich kann auch nicht machen, dass du nicht mehr verliebt in ihn bist. Ich glaub, ich hab nichts zu sagen, ausser, dass es mir leid für dich tut."

„Ja. Mir auch." Zum dritten Mal seufzt sie und stimmt in mein Schweigen mit ein.

Bis... „Reno?"

„Hm?"

„...Danke."

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Entweder scheint er meine Angst zu wittern oder er hat's sich anders überlegt. Als er schließlich weiterspricht, scheint er einen kurzen Moment desorientiert wie aus einem tiefen Traum gerissen und fragt bloß: „Hast du gut geschlafen?"

„'s geht", steige ich erleichtert drauf ein, reibe mir ausgiebig die Augen und strecke mich. Shiva, es ist arschkalt im Zimmer. „Hab ziemliche Scheisse geträumt." Und ob. Ich erinnere mich nur noch vage, aber mir reicht es, zu wissen, dass mir irgendwer nen verdammten Kaktus in den Schwanz rammen wollte.

„Das tut mir leid." Mir entgeht nicht die leichte Enttäuschung in seiner Stimme.

„Hey, ist nicht deine Schuld." Ich streiche eine Strähne aus seinen Augen und lege meine Hände auf seine Schultern, um sie durch den Stoff seines Jacketts hindurch sachte zu massieren. Er lehnt seine Stirn gegen meine, die kleine Berührung sichtlich genießend. „Hatte nichts mit dir zu tun. Und du? Du siehst aus, als hättest du kein Auge zugemacht", wechsel ich das Thema, bevor er sich weiter für meine Alpträume verantwortlich fühlen kann.

„Doch, das habe ich. Ich habe lediglich nicht geschlafen", entgegnet er zweideutig. „Es schien mir unter diesen Umständen als ziemliche Zeitvergeudung. Davon abgesehen wage ich zu bezweifeln, dass es mir gelungen wäre, einzuschlafen, selbst wenn mir der Sinn danach gestanden hätte." Er hebt den Kopf wieder an und ich sehe, wie seine Lippen ein schüchternes, verklärtes Lächeln formen.

„Oh... Ich hoffe, ich hab nicht geschnarcht oder so", sage ich, nur zu genau wissend, dass er etwas anderes gemeint hat.

„Ein bisschen. Leise." Ohne Vorwarnung richtet er sich plötzlich in Sitzposition auf und dreht mir den Rücken zu. „Ich muss in ein paar Minuten drüben sein." Trotzdem macht er keine Anstalten, sich von der Bettkante zu erheben. Sein Körper wirkt elendig zusammengesunken und ich habe noch immer nicht vor, ihn aufzubauen und es ihm leichter zu machen. Nicht, weil es mir Spaß machen würde, ihm zuzusetzen, sondern weil ich genauso wenig will, dass er geht, wie er gehen will.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich neben jemandem aufgewacht ohne das Bedürfnis, sofort wieder allein zu sein. Es gab Frauen, die zum Frühstück bleiben durften, sogar welche, mit denen ich ein Wochenende verbracht habe und bei denen ich am zweiten Abend wieder etwas in Fahrt kam. Aber die Zeit dazwischen war ständig durchzogen von dem Wunsch, sie einfach loszuwerden und am stärksten war dieses Bedürfnis, wieder meine Ruhe zu haben, immer morgens.

Und jetzt?

„Neineineinein!" Ich wickel mich mitsamt der Bettdecke um seinen sitzenden Körper herum und platziere meinen Kopf in seinem Schoß. „Wenn du gehst... dann bist du ja weg!"

„Ich nehme an, wegen exakt dieser Kombinationsgabe hast du das zweite Kommando", lächelt er auf mich herab, doch seine Augen lächeln nicht mit. Gut so, es war nämlich kein verdammter Witz, weil im Grunde ist genau das unser Problem gerade, oder etwa nicht?! „Du weisst, dass ich keine Wahl habe. Denkst du ernsthaft, wenn es so wäre, würde ich jetzt hier sitzen und nicht noch immer bei dir liegen? Ich muss."

„Nein, du musst dich wieder ausziehen und mich warm halten." Ich schubse ihn ein paar Mal auffordernd mit den Knien in seinem Rücken an. „Du hast einfach bei mir geduscht, Mann, ohne zu fragen oder mich mitzunehmen, obwohl ich mir den Arsch abfrier! Du musst jetzt nochmal mit mir mitkommen!"

„Ich wünschte, ich könnte."

„Dann bleib! Scheiss drauf, bleib hier! Du kannst alles, was du willst und du kriegst alles, was du willst." Ich verdrehe den Hals, so dass mein Gesicht komplett nach oben zeigt und ich mit einem schiefen Grinsen zu ihm aufschauen kann. „Oder nicht, Präsident Shinra, Sir?"

Sein Lächeln erstirbt schlagartig. „Bitte nenn mich nie wieder so, wenn wir allein sind."

Er schlägt die Lider herab und ein weiteres Mal bemerke ich die elend langen Wimpern, die mir schon auf dem Friedhof aufgefallen sind. Seltsam. Wimpern sind so ziemlich das letzte, worauf ich bei Frauen achte und wären sie nicht gerade giftgrün gefärbt, könnte ich im Nachhinein nie sagen, ob sie lang, kurz, geschweige denn getuscht waren.

„Okay, Baby." Meine Hand wandert hinauf, um mit den Fingerkuppen über die glatte Haut seiner Wange streichen zu können. Weich und makellos, als wäre er nie in die Pubertät gekommen. Ich selbst hatte so eine Haut zum letzten Mal mit etwa elf Jahren. Dann kamen unaufhaltsam im Laufe der Zeit die ersten Narben; Überbleibsel des Herumgequetsches an diversen Pickeln und versehentlicher Schnitte beim Rasieren. Das Rauchen hat mir immer wieder Mitesser beschert und meine Poren vergrößert. Alles in allem hab ich ganz gute Haut und kann mich nicht beschweren. Nur ist sie weit davon entfernt, perfekt zu sein, man sieht ihr an, dass ich lebe. Im Gegensatz zu seiner.

„Ich dachte, ich hätte klargestellt, dass ich keineswegs in der Position bin, jederzeit zu tun, wonach mir der Sinn steht!" Ich kann die schlecht unterdrückte Wut in seiner Stimme hören, aber ich weiss, dass sie nicht mir gilt, sondern seinen ewigen Verpflichtungen.

„Es war nur ein blöder Spruch. Tut mir leid", flüstere ich versöhnlich. Unter den sanften Berührungen meiner Finger schmilzt sein Zorn langsam.  

Er scheint ein letztes Mal abzuwägen, bevor er langsam, dann immer schneller und überzeugter den Kopf schüttelt. „Reno, selbst wenn ich bleiben würde, was absolut nicht möglich ist: Es ist ausgeschlossen, dass du heute nicht fährst."

Die Fahrt. Die verpisste, verdammte Fahrt. Ich habe sie zwar nicht vergessen, aber halbwegs erfolgreich verdrängt.

„Fuck! All die ganzen scheiss Monate häng ich im verfickten Edge rum und genau jetzt..." Ich rolle mich noch immer halb auf seinem Schoß liegend auf den Rücken und atme tief durch. Als ich weiterrede, bin ich nur noch resigniert: „Mann... Es ist einfach verdammter Scheissdreck. Ich will nochmal mit dir einschlafen und zusammen mit dir aufwachen und dann nen Kaffee trinken und frühstücken und dann ...so Sachen mit dir machen... und dann mit dir einschlafen und wieder aufwachen und noch mehr Sachen machen... und noch mehr Kaffee trinken." Mein gezwungenes, schwaches Lächeln spiegelt seine Geknicktheit wider. Ich kann's auf meinen Lippen fühlen, ohne mich sehen zu müssen.

„Das klingt wundervoll. Wir werden es uns vormerken für die erste Gelegenheit, wenn du wieder hier bist." Er beugt sich tief herab, um mir einen kleinen Kuss auf die Nasenspitze zu drücken. Eine Geste, die harmlos genug ist, um nicht zu mehr zu führen.

„Ach, Shiva", stöhne ich und gebe mich geschlagen. Ich setze mich auf, robbe über die Matratze zurück zum Kopfende des Bettes und klemme mir das Kissen in den Rücken, noch immer dick in die Decke gepackt. Scheisse, sollte es nicht theoretisch Frühling sein und warm draussen mit Bienen und Blumen und so weiter?

„Bist du wütend?", fragt er und sucht meinen Blick über den Umweg des Spiegels am Schlafzimmerschrank.

„Nein! Nicht auf dich. Nur auf... die Situation. Genau wie du." Meine Finger fischen nach den Zigaretten auf dem Nachttisch. Als ich mir den Filter zwischen die Lippen klemme und den ersten, tiefen Zug des Tages nehme, verblasst der Frust ein wenig und wird von friedlicher Gleichgültigkeit ersetzt. Zumindest für die Dauer dieser Kippe. Der süße Rausch der ersten Nikotindröhnung des Tages. Jeden einzelnen, verdammten Mitesser wert!

„Weisst du...", spricht er weiter zu meinem Spiegelbild, „ich denke, ich habe nicht ernsthaft damit gerechnet, dass du mich nicht als erstes heute Morgen rausschmeisst. Noch weniger, dass es zu... all dem..."

„Ich war mir vorher auch nicht sicher", antworte ich ehrlich, ihm halb ins Wort fallend, „hab den letzten Abend gebraucht, mir sicher zu sein, dass das Ganze... Naja, dass es mein Ding ist, verstehst du?! Weiss auch noch nicht, wie weit ich gehen kann... Ist Neuland für mich."

„Für mich ebenso."

„Ja, aber du..." Ich suche nach den richtigen Worten, während ich den Rauch rücksichtsvoll Richtung Zimmerdecke blase statt zu ihm. „Du hast vorher nicht dein Leben lang von Frauen geträumt... Schätze ich."

Er atmet tief durch, doch eine direkte, verbale Antwort bleibt aus. Stattdessen folgt eine Frage und sein innerer Kampf, den Mut zu finden, sie zu stellen, zeichnet sich nur zu deutlich in seiner spiegelverkehrten Mimik ab:

„Aber wir werden uns doch wiedersehen, nicht?"

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Wir haben es nicht eilig mit dem Aussteigen. Was sich hinter der Scheibe zeigt, reicht schon, jede Lust zu verlieren. Der feucht glänzende Landeplatz, der Wind in den Haaren der Soldaten und Angestellten, der Grauschleier über allem.

„Gaia. Ich hasse diesen Ort." Sie starrt geradeaus und macht genauso wenig Anstalten wie ich, den Helicopter zu verlassen. Würde man uns jetzt direkt durch die Frontscheibe fotografieren, könnte man dem Ergebnis einen hochtrabenden Namen wie ‚Monotonie der Depression zweier Frustrierter' geben und es an eine große, weisse Wand klatschen mit schickem, roten Abstandsseil davor und Metallschild inklusive Gravur.

„Ich weiss, Baby. Das tun wir alle."

„Ja, aber niemand so sehr wie ich!", murmelt sie und streift das Headset schließlich von ihrem Kopf.

„Ich weiss." Ich folge ihrem Beispiel und kratze mein Dank einer eingeklemmten Haarsträhne juckendes, rechtes Ohr ausgiebig. „Das Schiff legt in etwa 45 Minuten ab. Wir machen's einfach wie immer und werden's schon durchstehen."

Ihre Hände kramen eine Bürste aus ihrer riesigen Handtasche hervor, um die von den Kopfhörern zerzausten Haare in Ordnung zu bringen. „Können wir nicht einfach hier drin sitzen bleiben?"

„Nah-ah. Ich wünschte, wir könnten. Aber guck mal!", grinse ich gequält auflachend und nicke in Richtung Eingang zur Basis, wo Janar in der Tür aufgetaucht ist und sich mit einem der Marinesoldaten unterhält. Janar ist das direkte Bindeglied zwischen Soldier und ShinRa in Edge und verantwortlich für den Austausch von Informationen wie Lieferungen. Klingt spannender als es ist. Die meiste Zeit ein Bürohengst, der Bestellungen verwaltet.

„Hrrng!", raunt sie frustriert durch ihre gefletschten Zähne hindurch und seufzt schließlich. Dann dreht sie mir das Gesicht zu. „Sind meine Haare okay?"

„Perfekt." Ich zögere. „Meine?"

„Warte." Sie greift herüber und ordnet ein paar rote Strähnen über meiner Sonnenbrille. „So... Moment mal! Du hast deine Brille wieder?! Hast du den Typen gefunden, der's war?"

„Nah. Ist ne neue", lenke ich ab, aber weiche ihrem Blick aus. Warum eigentlich? Es ist ne neue!

„Aus dem gleichen Laden wie der ‚neue' Mag Rod?", neckt sie und meine Alarmglocken schrillen. Keine Ahnung, wieso. Selbst wenn sie skeptisch ist, weswegen auch immer, die Verbindung zu Rufus Shinra ist mehr als nur absurd. Muss mir vielleicht abgewöhnen, so verdammt paranoid zu reagieren, denn wenn irgendwas tatsächlich Verdacht erregt, ist es in erster Linie mein permanent ertapptes Verhalten.

„Das ist nicht meiner! Der hat dem Rattenmann gehört." Ich fische nach dem zusammengeschobenen EMR neben mir und fuchtel lustlos unter ihrer Nase herum. „Siehst du, ist ein Zweier!"

„Rattenmann?" Sie hebt neugierig eine Braue.

„Der mit dem Kaktus", antworte ich, damit beschäftigt, ihrem Blick erneut auszuweichen und den Mag Rod an meinem Handgelenk zu fixieren. Etwas, das besagter jener welcher mit dem Kaktus vielleicht besser auch getan hätte. Über den EMR zu reden sollte mir leichter fallen, denn da steckt kein Rufus hinter, trotzdem ist mir auch dieses Thema unangenehm. Was sich da abgespielt hat in dem Blumenlädchen hat echt nicht zu meinen Glanzstunden als Turk gehört.

...Verdammt, die Blumen!!!

„Oh! Er hat hausintern schon den Namen Kaktusmann bekommen! Warum Ratte?"

Ich schaue nach getanem Werk auf, sehe, dass Janar sein Gespräch beendet hat und beschließe, es deswegen bei der Kurzfassung zu lassen. Die ist auch weniger beschämend. „Er hatte was Rattenhaftes. Schwer zu erklären, wenn man nicht dabei war", murmel ich knapp, während ich die Tür aufschiebe, nach draussen auf den nassen Asphalt rutsche und zu ihrer Seite herumkomme.

„Danke, Schatz!" Sie ergreift meine Hand, die ich ihr, Gentleman der ich zwangsweise gerade bin, zur Hilfe angeboten habe und steigt ebenfalls aus. Sie schlingt ihren Arm fest um meine Taille und ich lege meinen um ihre Schultern, als Janar die Hand hebt und auf uns zukommt.

Sofort macht der ewige Wind unsere Frisuren wieder schlagartig zunichte und zerrt an unseren Jacketts wie unseren Nerven. Er ist nicht stark, aber er kommt vom Meer, ist kalt und bringt den Gestank der fischigen, öligen Hafenbrühe mit sich. Eine Suppe aus Wasser, Salz und Dreck, die in allen Regenbogenfarben schillert. An den wenigen Tagen, an denen es in dem überbauten, maroden Fischerdörfchen windstill und sonnig ist, nimmt das Stinken dafür sofort zu, wenn die Sonne die Fischwasserpfützen und den Schiffsschlick wärmt und trocknet.

Zum ersten Mal denke ich darüber nach, wie sehr es an Rufus genagt haben muss, von allen Orten ausgerechnet hierhin verbannt worden zu sein. Er passt hier genauso wenig hin wie Elena und es würde mich nicht wundern, würde er sie in ihrem leidenschaftlichen Hass übertreffen. Dann wiederum hat er seine idiotische Parade immerhin freiwillig hier abgehalten. Ich werde ihn fragen. Wie simpel das auf einmal ist, die großen Mysterien des noch größeren Shinras zu enthüllen: Einfach fragen. Nicht, dass er mir jetzt auf irgendwas plötzlich mehr Antworten schuldet als vorher, aber jetzt, wo wir zusammen im Bett waren - mehr oder weniger - sollte man davon ausgehen, dass er mir das Fragen an sich nicht mehr so übel nimmt.

Erinnerungsfetzen an kitzelndes, blondes Haar und die Wärme seines Körpers. Der Duft seiner Haut, der Geschmack seines Mundes. Kosmische Stille, die uns schützend umhüllt hat wie eine Vakuumblase. Aber allem voran das Gefühl, etwas gefunden zu haben, von dem ich nie gewusst habe, dass es mir fehlt.

Ich atme bewusst langsam einen tiefen, kalten Schwall der fischigen Luft ein. Wenn sie dem Kitsch kein Ende setzt, dann kann mir nichts mehr helfen. Hinter dem Versuch steckt keine Imagepflege, da niemand ausser mir diese Gedanken kennt. Es sind eher praktische Gründe. Auf einer Mission ist es nicht besonders klug, geistig abzudriften und ich sollte damit aufhören, bevor es zur Gewohnheit wird. Dass diese neuartigen Anwandlungen peinlich sind, kommt aber selbstverständlich trotzdem noch hinzu.

„Die Turtelturks!", begrüßt Janar uns freundlich und wir lächeln debil verliebt wie eh und je. Er ist ein kleiner, drahtiger, schwarzhaariger Kerl, der früher zu viele Stunden auf See verbracht hat. Seine Haut hat's ihm nie verziehen und lässt ihn Jahre älter wirken, auch wenn er nicht mehr so braungebrannt ist, wie er irgendwann ohne Zweifel gewesen sein muss. „Willkommen, lang nicht mehr gesehen!"

Nicht lang genug, denke ich, mein turteliges Grinsen grinsend. „Ja, Mann! Ist ne Weile her, was?"

Wir geben ihm artig nacheinander die Hand, die Dame zuerst, ohne dabei voneinander abzulassen.

„Kommt rein, es ist windig heute!" Er winkt uns, ihm zu folgen und wir trotten wie die Trottel Arm in Arm hinterher.

Heute. Entweder der Kerl hat Humor oder wenn man zu lang hier lebt, definiert man ‚windig' prinzipiell anders als normale Menschen. In dem Moment, in dem wir durch die Tür zur Basis schreiten, presst sich Elena an meiner Seite enger an mich. Sie macht es nicht bewusst und nachdem ich ein einziges Mal miterlebt habe, was passieren kann, wenn sie sich allein unter den Soldaten bewegt, ziehe ich sie deswegen nicht mehr auf. Damals ist Tseng rechtzeitig hinzugekommen und hat die Situation entschärft, bevor ich es auf meine Weise tun konnte. Ich schätze, das könnte man Glück nennen. Ich nenne es Pech und es treibt mich zur Weissglut, dass sich die Wichser noch immer irgendwo hier rumtreiben. Und bis heute weigert Elena sich standhaft, sie mir zu nennen. Das Pärchenspiel war deshalb ihre Idee und irgendwie ist es zum absoluten Selbstläufer mutiert. Solange es Elena etwas weniger Angriffsfläche bietet, stört es mich nicht weiter, denn...

„Nicht schlecht!", kommentieren auch schon zwei Rekrutenratten anzüglich aber harmlos im Vorbeigehen auf dem Flur. ShinRa-Ra-Ratten, denke ich. Es gibt sie wirklich. Geiferndes Rudel.

...zu tief hat sich der Anblick eingebrannt, sie auf dem Boden sitzen zu sehen, das Hemd und der BH darunter zerrissen, die Fetzen schützend mit den Händen vor ihrer Brust zusammenhaltend. Ich hab mich nicht rühren können, war versteinert wie der letzte dumme Rookie. Aber Tseng ist an sie herangetreten und als sie ihre Arme wie ein Kind zu ihm emporgestreckt hat, war die Demütigung, die sie empfunden haben muss, so beklemmend und drückend, dass sie mich regelrecht mit ihr angesteckt und es mir körperliche Schmerzen verursacht hat. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich unfreiwillig einen Blick auf einen Nippel und den großen, dunklen Vorhof, fast die Farbe ihrer Augen, erhaschen und noch viel unfreiwilliger habe ich mich flüchtig gefragt, wie er sich unter meinen Fingern anfühlen würde, wenn er hart wäre. Ich habe den Gedanken nicht verhindern können und ihn sofort beschämt verdrängt, aber das schlechte Gewissen war so groß, dass ich mich schuldig wie ein Mittäter gefühlt habe. Als Tseng seine Jacke um ihre Schultern gelegt hat und sie in seine Umarmung gesunken ist wie ein Häuflein Elend, habe ich begriffen, dass es vielleicht nicht nur wegen meiner unkontrollierbaren Wut das Beste war, dass er kurz vor mir eingetroffen ist. Er war derjenige, den sie gerade am meisten gebraucht hat und an der Art, wie er sie einfach nur gehalten hat, konnte ich erkennen, dass er sie durchaus liebt. Aber auch, dass es eine väterliche Weise ist, die nichts mit dem gemein hat, was sie sich bis heute erhofft.

Nein, sie ist nicht vergewaltigt worden. Sie haben sie beleidigt und herumgeschubst und irgendwann ist das Ganze eskaliert. Aber meinen Hass auf die Schweine, die sie so entwürdigt haben, kümmert das nicht. Er ist nie weniger geworden und wird auch niemals weniger werden, bis ich die Bastarde in die Finger bekomme und dreifach bezahlen lasse.

Scheisse, ich hasse Junon.

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Ich zucke unwillkürlich innerlich zusammen.

Die Hand, die den Filter in Richtung meiner Lippen bewegt, stoppt abrupt. Am Ende scheint es immer auf diese eine Frage hinauszulaufen. Und egal wie sehr sie mich bislang immer verfolgt und in die Ecke gedrängt hat, war es eigentlich niemals schwer, sie zu beantworten.

Auch jetzt nicht.

„Klar", höre ich mich selbst sagen und entdecke keine Lüge, weder in meinem Tonfall noch meinen Gedanken.

„Ich meine nicht während unserer Arbeit", erklärt er überflüssigerweise, denn ich habe durchaus verstanden und mich nicht dumm gestellt. Jemand sagte mal, es würde mir nicht stehen. Ich war anderer Meinung.

„Ich weiss schon, was du meinst. Nur... Gib mir Zeit, das alles erstmal... zu sortieren..." Der Filter findet endlich meine Lippen. Nach einem weiteren, tiefen Zug: „Kommst du damit klar? Dass ich die Zügel hab und das Tempo bestimm'? Ich meine... geht das okay für dich?"

In der Stille, die folgt, spitze ich die Glut meiner Kippe spielerisch am schmutzigen Innenrand des Aschenbechers an. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich sein Nicken, bevor er antwortet.

„Nimm dir alle Zeit, die du brauchst." Langsam wie schwerfällig steht er auf und läuft in Richtung der geöffneten Tür. Noch bevor ich protestieren kann, bleibt er in der Schwelle stehen und dreht sich zu mir herum. „Ich habe dir letzte Nacht gesagt, dass ich nicht die Inten-" Er unterbricht sich mit einem kleinen Lächeln. „Die Absicht habe, mir irgend etwas gewaltsam zu nehmen. Ich bin ein skrupelloser Mann, Reno, nicht weniger als du. Aber... das hier soll etwas anderes sein. Etwas Freiwilliges. Es soll aus Geschenken bestehen, nicht Raub. Und alles, was du mir jetzt schenkst ist mehr, als ich vorher hatte." Er zögert. „Damit will ich wohl sagen, es wäre vermessen, nach deiner Hand zu greifen, jetzt wo du mir endlich deinen kleinen Finger gereicht hast."

Kaum haben die letzten Worte seinen Mund verlassen, zieht sich eine verräterische Röte über seine Wangen. Der Blick streift hektisch durchs Zimmer.

Ich grinse breit und suhle mich offen in seiner wachsenden Verlegenheit. Seine Finger nesteln am Türrahmen umher, bevor seine Augen sich wieder trauen, flüchtig hinter dem Schutz der herabgerutschten, goldenen Strähnen meinen Blick zu suchen. „Reno..?"

„Ja~a?" Ich habe keine Ahnung, was ihm auf der Zunge liegt, doch der mittlerweile vertraute, nervös-heisere Klang verspricht nur Gutes.

„...Ich würde dich gern sehen." Er befeuchtet angespannt seine Lippen. „Bevor ich gehe..."

Ich grinse noch breiter und winke. „Bin genau hier." Egal ob es mir steht oder nicht, es macht viel zu viel Spaß, sich hin und wieder einfach nur dumm zu stellen.

„Reno..." Sein kurzes Tänzeln von einem Fuß auf den anderen bestärkt mich nur auf meinem schadenfrohen Kurs.

„Wenn du meinen Schwanz sehen willst, gerne! Musst es nur sagen..."

Er windet sich in schieren, körperlichen Qualen in einer epischen Schlacht zwischen seinen Hemmungen und seinem Verlangen und ich könnte den Anblick kaum mehr genießen.

Ich lache auf und stütze den Oberkörper hinter mir mit dem rechten Arm ab. „Okay, wie wär's damit", schlage ich vor, „Ich hab dich auch nicht gesehen. Du lässt die Hosen runter und ich zieh mich aus. Faires Spiel! Zeig mir deins, zeig ich dir meins! Wie damals in den Büschen!"

„Ich werde mir hier jetzt ganz bestimmt nicht die Hosen runterziehen! Du bist einmal halbnackt, das... ist ein Unterschied."

„Lahme Ausrede, Mann, aber du hast Glück, dass ich gern gebe, weisst du?"

Das stimmt zwar, ist in diesem Moment aber nicht weniger ne faule Ausrede als seine Erklärung. Ich würde ihn liebend gern betteln lassen, ihn dazu bringen, die Worte zu sagen, wieder und wieder. Ich würde dem großen Shinra das Flehen beibringen, und bis ich seinem Wunsch nachgeben täte, wäre er darin nicht weniger ein Meister wie im Regieren und Befehle erteilen. Und das Wichtigste: Er würde sich darin verlieren und aufgehen, ohne zu wissen, wie ihm geschieht.

Eines der Geschenke, die er ohne jede Frage noch von mir bekommen wird.

Nur heute ist nicht der Zeitpunkt, also schlüpfe ich unter der Decke aus meinen Moogle Shorts, lasse sie neckisch um meinen Zeigefinger kreisen und schleudere sie dann in seine Richtung. Er fängt sie im Reflex mit einer Hand.

„Fang jetzt nur nicht an, dran rumzuschnüffeln, egal wie sehr du auf Wodka pur stehst! Das käm irgendwie ...befremdlich... bei dem Teil..."

Ich schlage die Bettdecke mit einem Ruck zurück und werde augenblicklich von einem Wall eisiger Kälte erschlagen.

„Das hatte ich nicht vo-"

Sein Blick haftet an meinem Ding und ich kann zusehen, wie er mehr und mehr verschleiert, und das, obwohl ich gerade wahrlich keinen imposanten Anblick biete  Dazu ist es schlicht zu kalt. Seine Hand, die noch immer meine Hose hält, sinkt herab wie in Trance.

Ich winkel das aufgestellte Knie weit zur Seite ab und fange an, spielerisch mit den Fingern an meiner schlaffen Nudel herumzuzupfen, ohne meine Augen von seinen zu lösen. Ein Trostpflaster, ein wenig Inspiration für die Zeit ohne mich.

„Na, was ist?" Ich lasse die Kippe allein durch eine geschickte Bewegung meiner Zungenspitze in den anderen Mundwinkel wandern. „Du hast noch sechs Minuten bis du anfängst und mehr als zwei brauchst du nicht zum Büro! Das sind viermal sechzig Sekunden Reno pur, mein Lieber. Aber dann sollten wir keine davon mehr verschwenden!"

So schnell wie er abgetaucht ist, erwacht er plötzlich wieder aus der Hypnose. Seine Augen reissen sich abrupt von mir los und wandern flüchtig zum Wecker.

„Ich muss gehen. Heute Mittag sollte ich Zeit haben, dann werde ich dich anrufen." Und damit verschwindet er aus der Türschwelle, bevor ich ihn aufhalten kann.

Ich bin mir nicht völlig sicher, was ich dieses Mal falsch gemacht hab, aber wenn ich ihn noch erwischen will, sollte ich das Grübeln auch auf einen anderen Moment vertagen.

„Hey, warte!" Die Kippe in den Aschenbecher rammend, springe ich auf und haste ihm durchs Wohnzimmer hinterher. „Rufus!"

Er bleibt tatsächlich stehen.

„Ich wollte dich damit nicht,-... Ich wollt's dir nicht schwerer machen oder so", erkläre ich und reibe mir den Nacken unter meinen verklebten, zerzausten Strähnen. „Du wolltest mich sehen, also dachte ich mir, ich geb dir ne kleine Show für die Zeit, bis wir uns wiedersehen... War bloß nett gemeint..."

„Das weiss ich. Das ist es auch nicht." Die Hand am Türgriff, hält er inne und schaut über die Schulter zurück. Ein Lächeln, aufrichtig wie bittersüß. „Es ist nur so, dass ich die Befürchtung hege, dass ich nie wieder gehen kann, wenn ich es jetzt nicht tue."

Ich denke einen Augenblick nach, bevor ich einen Gedanken äußere, der selbst für meine Verhältnisse völlig absurd ist, aber in diesem einen Moment hier plötzlich weder abwegig noch angsteinflößend scheint: „Wäre das so schlimm?"

Entgegen meiner Erwartung erklärt er mich nicht auf der Stelle für völlig verrückt.

„Ich bin mir nicht sicher", räumt er ein, als hätte er die Option ebenfalls ernsthaft erwogen. „Ich habe zumindest gute Gründe anzunehmen, dass es das Ende der Welt wäre, wie wir sie kennen."

„Ist wohl ein Killerargument."

„Wir werden telefonieren." Eine Sekunde später fällt die Tür ins Schloss.

Die Stille ist plötzlich wahnsinnig laut und beklemmend, so laut wie die Kälte des Zimmers, und sie könnte sich kaum mehr von dem gemeinsamen Schweigen letzte Nacht unterscheiden. Gaia, es war warm.

Duschen. Heiss duschen wäre nicht schlecht, aber ich bin so unendlich müde. Irgendwo tief in meinen Schläfen spüre ich die Vorboten pulsierender Kopfschmerzen. Schlafen. Ich muss noch etwas schlafen. Nur ein bisschen.

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„Ich hab schon ein paar Jungs Bescheid gesagt, dass sie euer Gepäck aufs Schiff verladen", verkündet er über seine Schulter hinweg im Laufen freudig. Ich kann die Euphorie nicht teilen. Der Gedanke, dass irgendwelche ShinRa-Ra-Ratten - Verdammt, ich muss mir das abgewöhnen, bevor ich's mir angewöhnt hab - ‚Jungs' von Soldier also unser Turkgepäck anfassen, gefällt mir genauso sehr, wie er Elena gefallen muss. Aber die Beziehung zwischen unseren Abteilungen ist von Haus aus so dermaßen angespannt, dass wir uns gegenseitig mit Höflichkeiten überschütten und peinlichst jede Kritik vermeiden. Scheisse, im Grunde ist die Beziehung genauso im Arsch wie die zwischen Midgar und Wutai.

Einziger Trost sind die Pläne, die Junon Basis in naher Zukunft aufzuteilen, so dass nur noch die Marine an der Küste bleibt und der Rest in die Nähe von Edge verlagert wird, wo sich derzeit bloß ein provisorischer Stützpunkt mit dem Nötigsten befindet für den Fall etwaiger Attacken auf das ShinRa Hauptquartier. Wenn es erst soweit ist, wird es leichter für alle werden bei zukünftigen Begegnungen der Abteilungen: Es wird nicht mehr nach Fisch stinken.

„Das Schiff legt um 1315 ab. Ihr habt noch genug Zeit, etwas zu essen, wenn ihr möchtet." Er dreht den Kopf erneut über seine Schulter hinweg und zwinkert idiotisch. „Oder lebt ihr von Luft und Liebe?"

Elenas Kichern ist bühnenreif und mir fällt es nicht schwer, dümmlich zu lächeln. Ich tue es von Haus aus.

„Wann läuten denn bei euch die Hochzeitsglocken?", fragt er plötzlich, in einen der unzähligen Gänge schlafwandlerisch abbiegend.

„Oh!" Ihr Blick sucht meinen hilfesuchend hinter seinem Rücken. Ich schüttel vehement den Kopf. Das geht mir selbst für unser Spielchen zu weit. „Naja,... wir sind ja noch jung, damit wollen wir uns noch Zeit lassen", antwortet sie also brav. Sie muss sich an meine Regeln halten, denn ich könnte auf das ganze Theater jederzeit verzichten.

„Das ist klug! Mein Vater hat meine Mutter mit 18 geheiratet, kein Jahr später war ich da! War ihm alles zu viel, hat sie verlassen."

Man hat mich bereits überraschter erlebt.

„Sag mal", beginne ich, weil mich tatsächlich etwas brennend interessiert, wobei mich streng genommen alles mehr interessiert als Janars traurige, belanglose Kindheit, „wann hast du die letzte Lieferung für uns nach Edge rausgeschickt?"

„Du fragst wegen deinem EMR, nehme ich an?"

„Ja. Hätte heute kommen sollen!"

„Der war gestern mit dabei, bei den Sachen, die rausgegangen sind. Wenn er heute nicht angekommen ist, sollte er spätestens morgen in Edge sein."

Im Gegensatz zu mir. Ich seufze leise.

„Ich bringe euch zur Kantine. Ihr wollt bestimmt etwas Anständiges essen, bevor's aufs Schiff geht. Ach, aber wem mache ich etwas vor! Sagen wir, hier ist es anständiger als der Fraß auf dem Schiff." Er lacht über seine eigenen Worte, die nicht so recht die Bezeichnung Witz oder auch nur witzig verdienen und wir lachen hinter ihm mit, während wir wie der Beschilderung zu entnehmen ist, den Korridor betreten, vom dem aus sich die Trainingshallen und das Kantinenareal abzweigen. Dieser Tage sind hauptsächlich die jungen Rekruten und die Soldaten der Marine in Junon anwesend. Die meisten ausgebildeten Soldier sind auf harmlosen Missionen oder verteilt auf die diversen Stützpunkte in aller Welt. All die Jahre nach Meteor liegen ihre Hauptaufgaben noch immer darin, Aufbauarbeiten zu leisten und die Zivilisten zu unterstützen. Lager für noch immer Obdachlose, medizinische Einrichtungen und kostenlose Grundversorgung der Bedürftigen, Hilfe für ehemalige Landwirte, ihre Farmen wieder zur Selbstversorgung nutzen zu können. Alles finanziert von ShinRa, dem geläuterten Riesen, der so tapfer jetzt die alten Omis über die Straße trägt, ob sie nun rüber wollen oder nicht.

Mit ein Grund unter tausend anderen, warum ich nicht viel für die Soldaten übrig habe, und der Hauptgrund, warum es Tseng genauso geht, ist, dass sie keinen Hehl draus machen, wie sehr diese Aufgaben sie langweilen. Und wenn man lange genug verdammt ist, ihren Gesprächsfetzen zuzuhören, stellt sich schnell heraus, dass der Großteil von ihnen den nächsten Krieg regelrecht herbeisehnt. Die guten, alten Zeiten unter General Sephiroth. Ja, der gute, alte Sephiroth...

Auch ich ziehe die Action vor, aber nicht unbedingt die, die Zivilisten involviert und Länderkriege sind einfach nur chaotisch. Zu politisch, zu verlogen. Ich kämpfe für ShinRa, nicht für das Land. Für Rufus und gegen seine direkten Feinde. Wie Flynch. So ist es intimer, fast kuschelig, und man kann vor Arbeitsbeginn noch einen Kaffee trinken, ohne dass einem Bomben dabei auf die Frisur fallen.

„Hast du Hunger, Liebling?" Ihre Augen suchen meine und ihr Blick fleht mich an, das Essen auszuschlagen.

„Werd' mir ein Sandwich holen oder so", enttäusche ich sie, denn ich habe tatsächlich Hunger.

„Kein Problem, um die Zeit solltet ihr genug Auswahl haben. In ein paar Minuten ist auch das Mittagessen fertig, wenn ihr so lang warten wollt", lässt Janar uns vor dem Eingang zum Speisesaal stehen bleibend wissen. „Fühlt euch ganz wie bei euch! Ihr werdet dann um 1310 am Schiff erwartet. Und keine Sorge wegen eurer Sachen, wir schaffen sie in eure Kabine! Bis dann, ihr zwei!" Eine Hand lässig zum Abschied hebend, ein letztes überfreundliches Lächeln auf den Lippen, lässt er uns endlich stehen.

„Vielen Dank!", floskel ich artig und verkneife mir einen Knicks.

„Ja, Danke für Ihre Mühen!", beendet Elena den Affentanz und lächelt synchron mit mir um die Wette. Als er um die nächste Ecke gebogen ist, fallen unsere Mundwinkel genauso synchron herab.

„Er hasst uns, oder?"

„Wie die Pest, Baby. Wie die Pest."

„Können wir nicht in der Stadt etwas essen?!"

„Welche Stadt?! Meinst du unten die Fischerbaracken? Mann, draussen stinkt's und da laufen auch nicht weniger Soldaten rum als hier." Auch wenn ich das nicht böse gemeint habe, lege ich noch ein versöhnlicheres „Na komm!" drauf und drücke sie kurz an mich. Bevor wir den Kantinenbereich betreten, lasse ich die Teleskopstange des Mag Rods in einem spielerischen, geübten Schwung in die Länge schnappen und einrasten. Sein Gewicht, als ich ihn auf meiner Schulter platziere, ist vertraut wie beruhigend.

~


„Und du willst echt nichts?", frage ich, mich brav mit meinem orangen, zerkratzten Plastiktablett in die Schlange einreihend und dabei das Getuschel vor und hinter uns ignorierend wie die in sich ruhende, harmoniesüchtige Person, die ich nun mal bin. Dass Elena noch immer an meinem anderen Arm hängt, trägt ungefähr so viel dazu bei, dass wir nicht auffallen, wie meine Haarfarbe und unsere Uniformen. Aber es hält sich in Grenzen. Ich kann das Wort ‚Turk', verächtlich ausgespuckt wie eine Beleidigung, immer wieder hören, doch nie direkt an uns adressiert, also ignoriere ich es.

„Nein, wirklich nicht." Sie spitzt die Lippen und drückt einen ekelhaft glaubwürdigen Schmatzer unter meine linke Tätowierung. Er fühlt sich verblüffend überzeugend nach zehn Jahren langweiliger Klammerbeziehung an. Die Art von gestelltem Kuss, die ich oft bei Paaren sehe, die den Rest der Welt und vielleicht auch sich selbst glauben machen wollen, dass alles okay ist, obwohl seit Ewigkeiten ausser diesen Zwangsbeteuerungen nichts mehr körperlich läuft. Nicht, dass ich das wirklich weiss, da ich mir nichts Nervigeres vorstellen kann, als mich mit Pärchen zu befreunden. Wenn's gut zwischen ihnen läuft, ist man abgeschrieben und wenn's schlecht läuft wird man beidseitig mit seelischem Abfall überschüttet und ist am Ende immer der Arsch. Es ist eher so, dass niemand mir erzählen kann, dass man nach zehn Jahren noch wirklich scharf aufeinander ist. Rude macht einen Auflauf, für den ich töten könnte, aber müsste ich das Zeug jeden Tag fressen oder auch nur zu viel davon auf einmal, würde ich irgendwann das Kotzen kriegen. Die Erfahrung musste ich bereits machen. Der Mensch ist einfach nicht geschaffen für die ganze Idee mit der Monogamie über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren. Heh, ja, früher sind die Menschen bis ins hohe Alter zusammengeblieben und waren glücklich bis zum Tode - nur dass früher das hohe Alter mit 25 anfing und die meisten mit 30 ins Gras gebissen haben, weil sie ne verdammte entzündete Zahnwurzel hatten oder sich an einem rostigen Nagel gepiekst haben oder so etwas Spektakuläres.

„Was darf's sein?"

Da offensichtlich ich gemeint bin, höre ich damit auf, mir meine Überlegenheit dem gemeinen, verheirateten Volke gegenüber vor Augen zu führen und führe mir stattdessen die Warze - Shiva, die Kantinenlady hier ist zwar nicht dick, aber sie hat ganz genau die gleiche, verfluchte, ekelhafte Warze wie die Kantinenlady bei uns im Tower! An der gleichen, verfluchten Stelle! Wie groß bei Ifrits schwarzem Arsch ist die Chance eines solchen Zufalls?!

Ihr Blick verfinstert sich, weil ich sie offen anstarre und keinen Hehl draus mache und um ein Haar öffne ich den Mund und erkläre ihr tatsächlich, dass es ja nicht die Warze an sich ist, sondern dieser schier phänomenale Zufall, doch dann trifft mich Elenas Ellenbogen diskret.

„Die werden schon ungeduldig!", zischt sie in mein Ohr und nickt zu den Rekruten hinter uns. Dann war es also nicht mein unverschämtes Gaffen, das sie auf den Plan gerufen hat, sondern bloß die ewige Sorge, sich hier Ärger einzuhandeln.

„Ja, Mann, bin schon dabei!", beschwichtige ich genervt, denn die Warzensache ist tatsächlich so sensationell, dass sie eigentlich mehr Verständnis zeigen müsste. In meinem Buch zumindest. „Einmal das Mittagssandwich!" Und ein letztes Mal an sie gerichtet: „Und für dich ehrlich nichts?!"

„Nein, ist schon gut. Ich hab noch was in der Tasche!" Sie hebt erklärend das Monstrum von einer Handtasche hoch und lächelt schwach.

„Also hast du doch Hunger?!"

„Nicht genug, dass es sich lohnt, hier extra etwas zu holen", versichert sie und verpasst den letzten Zug in Richtung voller Magen.

Frauen. Ich seufze und lasse ihre Erklärung kommentarlos so stehen. In ihrer Welt ergibt sie tatsächlich Sinn, soviel hab ich bereits gelernt.

Also lasse ich mir nur das durchaus fette wie fettige Teil lieblos auf einen Teller klatschen und rutsche damit weiter nach links zur Kasse. Ein paar Sekunden später drehen wir uns herum und ich zähle innerlich vier Schritte ab, bevor ich beschließe, ausser Hörweite zu sein.

„Hast du das gesehen?! Die hatte die gleiche verdammte Warze! Die absolut gleiche wie unsere Kantinenlady!"

„Reno, das ist absolut faszinierend." Der gelangweilte Sarkasmus in ihrer Antwort macht Rufus Konkurrenz.

„Ist es! An der gleichen Stelle! Das kann doch kein Zufall sein?! Kriegt man die Dinger erst durch die Kantinenarbeit?"

„Du solltest zurückgehen und sie fragen!" Sie tätschelt mir im Gehen unbeeindruckt den Arm und dirigiert mich zielsicher zu dem leeren Sechsertisch, der abseits liegt. Ihr gegenüber lasse ich mich auf den billigen Plastikstuhl fallen, der unbequem, aber dafür nass abwischbar ist.

Dafür, dass es Mittagszeit ist, ist es verhältnismäßig leer im Saal und ich erkläre es mir so, dass entweder der Sandwichtag nicht besonders beliebt ist oder die meisten ausserhalb in der Stadt essen. Mir soll's nur Recht sein und ich widme mich stattdessen dem Tablett vor mir und lege den Mag Rod in Griffweite aus Gewohnheit daneben. Es missfällt mir, ihn nur eine Sekunde nicht direkt an mir zu tragen, aber beim Essen stören die Dinger wirklich. Ich hab als Rookie etliche Gläser umgestoßen und Nudeln vom Teller gefegt, bevor ich es wahrhaben wollte.

„Willst du auch?" Sie hält mir ein undefinierbares Etwas entgegen, das sie aus den beeindruckenden Untiefen ihrer Handtasche ins unapettitliche, weissgrelle Licht der Deckenbeleuchtung befördert hat.

„Was ist das?! Hast du das unter meiner Couch gefunden?" Meine Hand, die gerade zum Sandwich greifen wollte, hält in einer Mischung aus Faszination und Ekel inne.

„Das ist eine getrocknete Mondpflaume!" Sie verdreht die Augen im Angesicht meiner kulinarischen Unkenntnis. „In Wutai ist das eine Delikatesse, also schau nicht, als hätte ich dich beleidigt!"

„Sieht aus wie -... Naja, du willst sie ja noch essen." Genau genommen sieht es haargenau so aus wie eine pervers gelungene Kreuzung aus einem verdammt großen, gerollten Popel und einem zusammengeschrumpeltem Hoden. Aber solange es teuer und importiert ist, muss es eine Delikatesse sein! Ich behaupte seit Jahren, dass kein Mensch so krank wäre, Fischeier zu fressen, wenn sie nicht arschteuer wären und den hochtrabenden Namen ‚Kaviar' hätten. Bei mir zieht nicht mal mehr das, seitdem ich unter dem Begriff über die Art von Pornos zum ersten Mal gestolpert bin, die einen die eigene Sicht auf die Welt und die Menschheit komplett neu überdenken lassen. Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass es tatsächlich ein Versehen war und immerhin noch weniger verwerflich als Lizzy und der Streichelzoo.

Gaia, wieso tue ich mir das selbst vor dem Essen an?!

„Gaia, wieso mache ich nicht einfach mal Urlaub im Süden... Mideel... Oder auch nur Costa del Sol oder - ... oder Wutai..." Sie seufzt tief und schwärmerisch, während ich meinen Blick durch den Saal wandern lasse, in dem verzweifelten Versuch, über den Kaviar hinwegzukommen, bevor ich das nächste Mal mein Mittagessen anschaue.

„Naja, theoretisch steht dir noch jede Menge Urlaub dieses Jahr zu", antworte ich auf Autopilot und beobachte fasziniert, wie hinter ihrem Rücken eine Szene abläuft, die ich in ähnlicher Form als Jugendlicher in unzähligen Seitengassen Midgars beobachtet habe.

„Ja, aber... Es hilft nicht gerade beim Entspannen, zu wissen, dass man trotzdem jederzeit auf Abruf sein muss."

Das Mädchen hat dadurch meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dass es mindestens einen ganzen Kopf kleiner als jeder andere hier ist, die Rekrutenuniform, die sie als Frischling ausweist, um den mageren Körper schlackert und der gesenkte Blick starr auf das Tablett auf den dünnen Ärmchen fixiert ist, in dem verzweifelten Bemühen, dadurch unsichtbar zu werden. Vergeblich. Auf dem Weg von der Theke durch die Tischreihen, kassiert sie diverse absichtliche Rempler gegen die schmächtigen Schultern - eine davon halbnackt Dank dem zu großen, verrutschten Shirt - und die flache Brust, die sie kaum älter als zwölf wirken lässt.

„Und was ist mit Healin? War doch wirklich lässig da und es gab genug Zeiten, in denen wir nichts zu tun hatten ausser Faulenzen. Und wenn ich mich nicht schwer irre, hast du das auch ziemlich ausgenutzt, um verdammt braun zu werden", erkläre ich teilnahmslos.

Ein paar Meter hinter Elenas Schulter macht die kleine Rekrutin in diesem Moment einen schlafwandlerischen Schritt über das auf den Gang gestreckte Bein, das sie zu Fall bringen sollte. Mit der gekrümmten Haltung und dem nach unten geneigten Gesicht, wirkt sie wie der Prototyp einer grauen Maus und Verliererin. Das einzige, was nicht ganz in dieses Bild passt, ist der schwarze, chaotisch hergerichtete Haarschopf. Gut, dann eben die alternative Sorte Verliererin, die auf selbstmitleidige Gitarrenmusik steht. Das Wort ‚Opfer' schwebt regelrecht in blinkenden Neonbuchstaben über ihrem Kopf.

Vor vielen Jahren habe ich davon gelebt, solche wie sie bei meinen nächtlichen Touren zuverlässig zu erkennen. Die, die sich nicht wehren und keinen Stress machen würden. Wenn man auf Überfälle zurückgreift, um den Hunger, Durst und die Sucht nach Nikotin zu stillen, lernt man ein Auge für die Kandidaten zu bekommen, die den bestmöglichen Kompromiss aus Wehrlosigkeit und der Menge an mitgeführtem Geld darstellen. Man hat im Grunde keine andere Wahl, wenn man nicht ständig auf Ladendiebstähle zurückgreifen oder am Ende sogar den eigenen Arsch verkaufen will. Aber bevor ich letzteres getan hätte, hätte ich mir eher das Licht ausgeblasen.

„Ja, es war nett... Nur... Fass das nicht falsch auf, aber irgendwie verstehe ich unter Urlaub, dass man sich aussucht, wo man ist. Aber vor allem, mit wem man dort ist..." Sie beisst herzhaft in ihre Pflaume und reisst mühsam mit den Zähnen ein zähes Stück heraus. Bei dem Anblick schmerzen meine Genitalien dumpf. „Daff lefte, waff iff mir unter Urlaub vorfelle iff jedenfaff, aff erftef am Morgen Shinra fu sehen", kaut sie angestrengt.

Es ist nicht so schlecht, wie du glaubst...

Aber bevor meine Gedanken wieder abdriften können, springe ich auf den rettenden Zug auf, den sie gerade unfreiwillig vorbeigeschickt hat.

„Apropos Shinra und Healin..." Ich will es noch immer hören, auch wenn mir inzwischen klar ist, was hinter dem vor kurzem noch so mysteriösen Rätsel gesteckt hat. Rufus hatte Liebeskummer und deswegen angefangen, zu saufen, Tseng als sein Vertrauter weiss Bescheid und schiebt nen Hals auf mich, weil sein Schützling meinetwegen leidet, Fall gelöst. So gesehen müsste ich mir eigentlich keine Sorgen um ihn machen, während ich weg bin, oder? Also, warum tu ich's trotzdem? Weil ich ahne, dass er erst wieder schlafen kann, wenn das zwischen uns nach seinem Geschmack geklärt ist?

So weit bin ich noch nicht. Und wenn ich mir meine eben erst abgelassene Anti-Monogamie Argumentation ins Gedächtnis rufe, werde ich auch nie so weit sein.

Ich widme mich endlich meinem Sandwich und klappe die geröstete Toastscheibe hoch, um den Belag genauer unter die Lupe zu nehmen. Kantinenfraß gehört zwar zu der Sorte Essen, die man in sich reinstopft, vielleicht sogar genießt, aber über dessen genaue Zusammensetzung und Zubereitung man so wenig wie möglich wissen will, nur in dem Fall muss ich unbedingt etwas überprüfen.

„Ja, ich weiss", greift sie meinen Faden auf. „Wir werden noch genug Zeit unter vier Augen haben die nächsten Tage." Sie ist wieder ganz in ihrem paranoiden Wahn, irgendwer könnte ein Wort zu viel aufschnappen. Dieses Mal muss ich ihr allerdings zugute halten, dass sich immerhin wenigstens ‚irgendwer' ausser uns in diesem Raum befindet. „Was tust du?", lenkt sie vom Thema ab und ich lasse sie wieder einmal davonkommen. Der Ort ist wirklich nicht der beste und mir gefällt der Gedanke, dass noch mehr Gerüchte über Rufus in Umlauf geraten könnten, nicht sonderlich. Es macht mir plötzlich etwas aus.

„Ich suche nach Fisch. Wenn die irgendwas von dem Abfall, der hier freiwillig ins Netz treibt, draufgeklatscht haben, nehm ich doch lieber einen von deinen Schrumpfhoden."

„Es sind Mondpflaumen! Mondpflaumen!"

„Ja und vielleicht ist das in Wutai so etwas wie die Umschreibung für Schrumpfhoden, um Touristen zu verarschen!" Ich ziehe unschuldig die Schultern hoch und nehme den ersten Bissen von meinem Sandwich. Spiegelei, Schinken, gebratene Pilze - nicht ohne, aber ich liebe die Gefahr und bin Automaten-Milch gestärkt -, Käse, Tomate und Zwiebel. Sie verschlingt es mit ihren Blicken, während sie selbst noch immer auf ihrer Delikatesse herumkaut wie auf einem Schuhleder.

„Wiffu foch einf?"

„Kann ich mal abbeissen? Das würde mir schon reichen..."

Ich halte ihr das Sandwich herüber mit beiden Händen und sie hapst herzhaft, aber vor allem hungrig hinein. Ich seufze kommentarlos, während plötzlich ein Schatten auf mich fällt.

„Das ist mein Platz." Die Stimme ist ruhig wie selbstsicher, doch selbstverständlich mache ich mir nicht die Mühe, mich in ihre Richtung zu drehen. Es ist's nicht wert. Dazu kommt, dass ich Elena versprochen habe, die Füße still zu halten. Genau genommen, ist das der hauptsächliche Grund, warum ich seelenruhig selbst einen Bissen nehme, drauf rumkaue und weiter nichts tue.

Doch der Schatten verschwindet nicht.

„Sagt wer?", frage ich also müde und gespielt gelangweilt.

„Sag ich, Turk."

Gut. Ich hab's wenigstens versucht.

Ich lasse mein Sandwich auf den Teller fallen und drehe betont langsam den Kopf hoch in Richtung der Stimme. Das ist nicht wahr. Neben uns steht die Verliererin und starrt zwischen dramatisch in die Stirn gezupften Strähnen direkt und herausfordernd in meine Augen. Nur dass ich jetzt aus nächster Nähe erkenne, dass es tatsächlich ein Verlierer ist. Androgyn, aber Hüfte und Adamsapfel sind eindeutig männlich, was nicht viel bei ihm heisst, aber doch den bedeutenden Unterschied macht.  

Was aber mit Abstand am Kuriosesten ist, ist, dass das Gesicht des Kerlchens mich durch und durch an eine Katze erinnert und ich kann nicht einmal sagen, weswegen.

Sieh an. Selbst der größte Loser und Schwächling unter den ShinRa-Ra-Ratten - verdammt! - glaubt also immer noch, etwas Besseres als ein Turk zu sein. Das wäre ebenfalls ziemlich kurios, wenn's nicht in erster Linie so bezeichnend für den Club wäre.

„Uh-huh." Ich esse ungerührt weiter, Elenas Blick zu genau auf mir spürend. Die Katze bleibt ebenso ungerührt neben mir stehen. Nach einigen Sekunden kann ich aus dem Augenwinkel heraus erkennen, dass sie... er... es die große Kantinenuhr an der Wand checkt.

„Hier sind noch genug Stühle frei. Steh von meinem Platz auf, Turk. Ich will essen", bittet er, noch immer ruhig und kein Stück aggressiv. Aber allein der Inhalt seiner Forderung ist so dermaßen dreist und idiotisch, dass ich mit Sicherheit nicht vorhabe, nachzugeben. Zumal mir nicht die erste Gruppe Zuschauer entgangen ist, die ein paar Meter weiter gegen eine Tischkante lehnt und angefangen hat, uns amüsiert zu beobachten. Aber ich will ihnen genauso wenig eine Show liefern und als ich in Elenas flehende Augen mir gegenüber schaue, finde ich in mir die Geduld, tief durchzuatmen und so etwas wie einen lockeren, netten Tonfall zustande zu bringen, als ich frage: „Du hast Recht, hier sind noch jede Menge Plätze frei, also warum setzt du dich dann nicht einfach woanders hin?", um daraufhin ein weiteres Mal in mein Sandwich zu beissen.

„Weil das mein Platz ist. Ich habe noch acht Minuten Pause. Das reicht gerade eben, wenn du dich endlich bewegst."

„Seht mal, die Katze legt sich mit den Turks an!", höre ich es aus dem Hintergrund und verschlucke mich fast an meinem Bissen. Und inzwischen reicht es mir. Gaia ist meine Zeugin, dass ich es wirklich versucht habe. Und nicht bloß Gaia, sondern auch der interessierte Kreis aus Gaffern, der sich endgültig um uns eingefunden hat.

Ich verdrehe die Augen zum zweiten Mal nach oben und greife den Mag Rod neben meinem Tablett.

„Ifrits Arsch, du nervst, also verpiss dich endlich!"

„Reno, lass es bleiben!" Ihr leises, eindringliches Zischen ist nicht halb so leise, wie sie gedacht hat und das hämische Gackern aus dem Hintergrund folgt prompt.

„Ja genau, Reno, lass es bleiben! Hör auf Mama!", tönt es von irgendwoher und mein harmoniesüchtiger, friedliebender Kern beschließt spontan, in den Urlaub zu fahren. Vielleicht nach Wutai, um Delikatessen zu essen.

Der Typ rührt sich noch immer nicht, also schlage ich beherzt in geschmeidiger Lichtgeschwindigkeit von unten mit meinem Mag Rod gegen das Tablett, das sich beinah elegant in Zeitlupe erhebt, zur Seite neigt und dann in einem weniger eleganten Scheppern auf dem Linoleum aufschlägt. Die Tasse kippt um und ergießt den Inhalt - Früchtetee, wie niedlich - über den Teller mit dem halb herunter gerutschten Mittagessen. Das Messer landet klirrend auf dem dreckigen Boden. Einzig der Nachtisch verbleibt heil in seinem Schälchen Dank dem Plastikdeckel.

Das höhnische Gelächter, das uns eben noch von allen Seiten umringt hat, ist plötzlich eingetretener Stille gewichen, als würde die Meute tatsächlich so etwas wie einen Kampf zwischen uns erwarten. Es sollte mein Ego kränken, dass sie anscheinend wirklich denken, er hätte nur die leiseste Chance gegen mich, aber das tut es nicht, denn wie's aussieht, teilt zumindest das Kätzchen die Einschätzung unserer Kräfteverhältnisse endlich.

Wortlos und offensichtlich geschlagen, sinkt der kleine Möchtegern-Soldat in die Hocke und beginnt, die Überreste seines vormaligen Essens hastig zusammenzuräumen und zurück auf sein Tablett zu packen. Die Gruppen um uns herum lösen sich auf, so schnell wie sie entstanden sind und von dort und da ist ein enttäuschtes Raunen zu hören, als auch der letzte begreift, dass die Show heute ausfällt.

Als ich Elena anschaue, um herauszufinden, ob sie mir den Vorfall übelnimmt, finde ich ihren Blick mitleidig auf dem Geschlagenen ruhend, doch bevor sie ihm zu Hilfe eilen kann, was ich halb erwarte, ist er auch schon mit erneut gesenktem Haupt und dem ruinierten Essen aufgestanden und verschwunden.

Sie seufzt schwer. „Du hast es immerhin versucht. ...Kann ich nochmal beissen?"

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„Was tust du hier?", frage ich und trete zwischen den Verkaufstischen voller blauem Wiesenkraut an sie heran. „Du solltest nicht auf dem Boden sitzen, du wirst dich erkälten!"

Und wie kalt es ist. Gaia, es ist so kalt. Mein Kopf schmerzt.

„Aber ich muss doch verkaufen!", erklärt sie kurz über ihre Schulter hinweg, während ich langsam um sie herumgehe. Vorsichtig, um nicht auf die Kakteen zu treten.

Vor ihr ausgebreitet liegen ihre Waren. Schleifen, Schlüssel, Plastikschmuck, ein Ring, ein Bein in einem Schuh.

„Warum verkaufst du das Bein?", erkundige ich mich und gehe vor ihr in die Hocke.

„Das gehört meinem Bruder. Er hat es verloren, darum braucht er es jetzt nicht mehr." Sie lächelt als wäre meine Frage sehr dumm gewesen.

Ich greife nach dem Ring, bedacht darauf, mich nicht an den Stacheln, die mich umgeben, zu verletzen.

„Das ist ein Ehering", klärt sie mich auf, „den brauchst du nicht."

„Was brauche ich dann?", frage ich und fühle mich plötzlich entsetzlich verloren.

„Na, deinen Kopf!", folgt die Antwort prompt. „Aber den hab ich nicht!"

„Ich habe keinen Kopf mehr? Aber wie kann er dann wehtun?"

„Er tut weh, weil er weg ist!"

„Wie kann ich dich sehen und mit dir reden, wenn ich keinen Kopf mehr habe?"

„Weil du träumst."

„Das ist kein Traum! Ich kenne dich, du bist Amily! Du bist echt!"

„Guck mal, wenn dein Kopf noch da wäre, dann würdest du auch noch deinen Namen kennen. Aber wenn dein Kopf weg ist, dann ist auch dein Name weg, weil dann ja keiner mehr weiss, wer du bist."

Mein Name... Ich kann mich nicht erinnern. Bei dem Versuch, darüber nachzudenken, pulsieren die Stiche in meinen Schläfen nur lauter. Es sind die verfluchten Kakteen.

„Amily, kannst du dich noch an meinen Namen erinnern? Du weisst doch noch, wer ich bin, oder? Sag es mir!"

„Wenn ich ihn dir sage, vergisst du ihn sofort wieder, weil du ja ohne Kopf gar kein Gedächtnis hast!"

„Das ist egal, sag ihn mir! Sag mir bitte meinen Namen, Amily. Ich glaube, dass ich deswegen hier bin, verstehst du?"

„Ich kann ihn dir verkaufen, aber der ist schon etwas teurer. Also da muss ich schon zehn Gil für haben!"

Ich strecke ihr den Hunderter entgegen, den ich in der Hand halte. „Ich nehme auch die Kakteen", erkläre ich. Damit das Stechen endlich aufhört. „Also, sag mir bitte, wie ich heisse."

Meine Augen bohren sich voller wachsender Verzweiflung in ihre. „Amiliy, bitte! Sag mir, wer ich bin!"

„Aber das hab ich eben! Ich hab doch gesagt, du vergisst es gleich wieder!"

Die Trauer über den Verlust schnürt mir die Kehle zu.

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Den Fuß gegen die Wand gestemmt, die Hände im angelehnten Rücken, warte ich in dem engen Gang hinter dem Speisesaal, der um diese Zeit stark frequentiert ist.

Frauen gehen zusammen aufs Klo, Männer allein, und weil ich als bester Freund ein asexuelles Mittelding bin, habe ich die ehrenvolle Aufgabe, die Tür zur Damentoilette zu bewachen, hinter der Elena vor etlichen Minuten verschwunden ist. Ein weiterer Grund dafür, dass sie niemals von Rufus und mir erfahren darf, gesellt sich zu den siebenhundertsechsundvierzig bereits vorhandenen: Ich bin jetzt schon viel zu sehr der gute, schwule Kumpel. Und wenn ich mir nur vorstelle, bei der Frage, ob ‚New Dawn' oder ‚Summer Blossom' die passendere Nuance für ihre Lippen ist, hinzugezogen zu werden, verspüre ich den Wunsch, meine eigenen Füße zu essen. Hm. Die Idee sollte ich mir merken für den nächsten Clide, der uns ins Netz geht.

Ich wechsel den Fuß, um mein Bein zu entlasten und ignoriere die zwei Rekruten, die in diesem Augenblick aus der Tür des Männerklos neben mir herauskommen. Jedes Mal wenn das verdammte Ding sich quietschend öffnet, dringt eine Wolke aus dem Gestank frischer Scheisse und alter Pissespritzer auf den Flur, garniert mit einem Hauch von Zitrone, der wohl aufs Konto der Reinigungsmittel geht.  

„Reno! Ich brauch deine Hilfe wie noch nie zuvor! Bittebittebittebitte!" Ich kann Elenas verzweifelte, sich überschlagende Stimme hören, noch bevor ich sie sehe. Die Tür vor mir fliegt schmetternd auf und keine Sekunde später werde ich mit beiden Händen am Kragen gepackt, um die nächste Ecke geschleift und gegen die Wand gedrückt.

„Ich weiss, das ist - aber bitte Reno, du bist der einzige -" In ihren Augen steht die nackte Panik geschrieben.

„Was ist los?!", frage ich konfus wie besorgt und blicke abwechselnd von ihrem Gesicht zu den Händen, die sich noch immer an mein Hemd klammern.

„Ich hab..." Sie blick wild umher, ob wir allein sind. „Ein Frauenproblem!", klärt sie mich schließlich verschwörerisch flüsternd auf.

Ein Frauenproblem. Das Frauenproblem, wie ich eine Sekunde später begreife. Das Thema, bei dem ich reflexartig meine Hände auf die Ohren pressen und ‚LALALA' schreien möchte.

„Äh..." Ich habe keine Ahnung, warum sie mich darin einweiht, aber ich weiss, dass es nichts Gutes bedeuten kann.

„Reno, bitte! Kannst du nur einmal für mich dein Image für zwei Minuten aufs Spiel setzen und etwas für deine beste Freundin tun? Du musst mir unbedingt helfen!"

„Elena, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dir dabei nicht helfen kann; versuch's mit ner Wärmflasche oder nem Tee oder -"

„Würdest du mir Tampons kaufen?", fleht sie mit einer Ernsthaftigkeit, als würde sie mich um Sterbehilfe bitten.

Ich erstarre in ihrem Griff und fühle, wie ihre Panik auf mich überspringt.

Es hat begonnen.

Sie weiss noch nicht einmal von meiner homoerotischen Eskapade und es hat trotzdem schon begonnen!!!

„Oh, vergiss es! Hör mal, wir sind nicht wirklich ein Paar, falls du's vergessen hast! Mit sowas kannst du mir kommen, wenn wir mal tatsächlich zehn Jahre verheiratet sind! ...Zwanzig Jahre!"

„Reno, bitte!!! Ich habe keine und die Stadt wimmelt voller Soldaten! Ich - Wenn die mich dabei sehen - Reno..." Ihre Hände schütteln mich unbewusst.

Ich ächze in purer geistiger und körperlicher Qual und lehne den Kopf nach hinten gegen die schmutzige Wand. „Ich dachte, sowas hat ne Frau immer bei sich?!"

„Ja, aber... Im Gepäck, nicht in meiner Handtasche!! Und ich brauche sie jetzt! Verstehst du, was ich meine? Jetzt!!"

LALALA!

„Ja, ich verstehe, was du meinst." Ich verziehe unbehaglich das Gesicht, denn ich begreife durchaus und es schaudert mich. Frauen im Blutsturz waren, sind und bleiben auf ewig ein absolutes No Go für mich. Die Spezies, die denkt, es wäre nicht nötig, vorher etwas zu sagen, nur um mich dann irgendwann mittendrin vor einem fröhlich baumelnden Bändchen stehen, liegen oder knien zu lassen, hat es immer bitter bereut. Ich könnte mir nichts Widerlicheres vorstellen, als erst einen blutigen, stinkenden Stöpsel herauszuziehen, bevor ich meinen eigenen in das Schlachtfeld stecke. Noch schlimmer sind aber die, die das heimlich vorher selbst auf der Toilette machen und ich die Katastrophe erst bemerke, wenn sie mir an den Fingern klebt. Seitdem herrscht bei mir immer Alarmstufe Rot, wenn plötzlich eine kurz bevor's interessant wird, nochmal aufs Klo will.

Allein dieser Aspekt wäre es wert, meine neu entdeckte Bisexualität in astreine Schwulität umzuwandeln, wenn ich's so überlege. Rufus mag viele Macken haben, aber sicher ist, dass er definitiv nicht menstruiert. Gut, da wäre sein Nasenbluten, aber solange er nicht gerne nachts liest und das Licht aus lässt, um Strom zu sparen...

„Elena, ich kann das nicht! Echt nicht, und ich verstehe auch nicht, warum ich das machen soll, genauso wenig wie du verstehst, dass ‚Summer Blossom' und ‚New Dawn' für mich beide einfach nur hellrot sind, verstehst du?" Ich gestikuliere wild wie hilflos, um ihr mein Problem begreiflich zu machen. Als sie nur verwirrt zurückschaut, versuche ich es mit einer anderen Taktik. „Du hast Angst vor Sprüchen, nicht? Du bist ein Turk, Baby, du stehst weit über der Meute und ihren großen Fressen. Gib denen nicht so viel Macht über dich!"

„Oh Reno, bitte! Bitte!" Ihre Augen weiten sich flehend auf Lemurenbabygröße. Spiegelnde, zuckersüße Teiche aus geschmolzener Schokolade. Fast die gleiche Farbe wie... Und beinah die gleiche, nackte Verwundbarkeit, die ihr ins Gesicht geschrieben steht. Vielleicht treffe ich die Entscheidung, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen. Vielleicht, weil sie eben doch nicht bloß ein Turk, sondern auch meine kleine Schwester ist, mitsamt dem albernern Nachthemd mit den kitschigen Schäfchen drauf.

„Wenn ich das für dich tue, hab ich so dermaßen was bei dir gut...", gebe ich nach und werde sofort mit einem erleichterten Leuchten ihrer Augen belohnt. Bevor ich weiss, wie mir geschieht, fällt sie mir vor Dankbarkeit um den Hals.

„Ja! Jajaja! Oh - Nimm entweder ‚normal' oder ‚super'... besser ‚super'... Ach und nicht die billigen, die fusseln!"

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„Gaia, Moment!", fluche ich leise, setze mich auf und reibe mit Daumen und Zeigefinger meine brennenden Augen. Scheissdreck, mein Kopf dröhnt als hätte ich letzte Nacht durchgesoffen. Ein Blick auf die Uhr. 1038. Fuck. Fuck fuck fuck!

Ich zwinge mich, die Beine aus dem Bett zu schieben und langsam aufzustehen, das hämmernde Stechen in meinen Schläfen dabei bestmöglich ignorierend. Für einen Moment legt sich ein schwarzer Schleier in dem bunte Punkte flirren über meine Sicht. Ich warte, bis er sich verzogen hat, bevor ich mich wieder bewege. Nicht schnell genug für das Arschloch, das mich aus irgendeinem weiteren, bescheuerten Kaktustraum gerissen und mich gleichzeitig wohl davor bewahrt hat, den kompletten Tag durchzupennen. Wenn ich so drüber nachdenke, ist es höchst wahrscheinlich, dass es sich bei dem Arschloch um Rude handelt, der hier ist, um mir meinen eigenen Arsch zu retten. Oder aufzureissen. Oder beides. Wahrscheinlich beides.

Jedenfalls hab ich nicht vor, nackt wie Gaia mich schuf die Tür zu öffnen, auch wenn ich mich sicher nicht verstecken muss. Ganz im Gegenteil, diese Ehre lasse ich nicht jedem zuteil werden. Ich habe keinen Schimmer, wo Rufus die verdammten Moogle Shorts geparkt hat, also scheisse ich komplett drauf, mich anzuziehen und wickel mich stattdessen einfach bis zu den Schultern in die Bettdecke.

„IFRITS ARSCH, MANN!" An der Tür schellt es zum was-weiss-ich wievielten Mal, mein Mobiltelefon klingelt genau in diesem Moment in irgendeiner Tasche und als ich durchs arschkalte Wohnzimmer stolpere, in dem's nach verbranntem Kaffee stinkt, sehe ich, dass mir der verfickte Anrufbeantworter drei neue Nachrichten entgegenblinkt. „ICH KOMM JA!", brüll ich die Tür an. „Verdammte Scheisse..."

„Was soll das Theater, Mann, ich -" Sieht aus, als wäre das die Woche der Überraschungsbesuche. Vor mir steht so ziemlich der letzte, mit dem ich gerechnet habe, und der allerletzte, den ich jetzt gerade sehen will.

„Strife?! Was willst du hier?!?" Ich mach kein Geheimnis draus, was ich von seinem Auftauchen hier halte und will gerade die Tür wieder vor seiner Nase mit einem „Ich hab keine Zeit, zieh Leine!" zuschlagen, als er sie auch schon mühelos mit seiner Schulter aufdrückt und ohne Einladung ins Zimmer hineinspaziert. An seinem Handgelenk baumelt eine weisse Plastiktüte mit der Werbung seines Lieferservices darauf. Starke Karriere einer gebeutelten Seele. Nein, eigentlich nur ein schizophrener Spinner, der mir die Zeit stiehlt.

„Hörst du nicht?! Ich bin spät dran, was auch immer du willst -" Ich verstumme im gleichen Moment, in dem er mir ins Wort fällt.

Die Narbe.

Er war es. Genau dieser verdammte Bastard, der hier und jetzt scheinheilig vor mir steht, anstatt die Welt zu retten oder sich Nagetiere in den Arsch zu schieben oder was auch immer er in seiner Freizeit so treibt. Den ganzen Scheissdreck mit seiner Lieferfirma kauf ich ihm jedenfalls genauso wenig ab wie Flynch den Affenzirkus mit seinem Logistikunternehmen.

„Wir waren verabredet", erinnert er mich unbeeindruckt an etwas, das mir gänzlich entfallen ist. Es stimmt, aber in dem Chaos der letzten Tage, habe ich es immer wieder völlig vergessen, nicht zuletzt vielleicht, weil es nicht besonders wichtig war. Nicht so wichtig wie die Narbe. „Ich war wie abgemacht im Tower, aber dort haben sie mir gesagt, dass du heute noch nicht da aufgetaucht bist. Rude lässt dich grüßen, ich soll dir in den Hintern treten, aber ich verzichte gern auf Körperkontakt, wenn du mir einfach nur meine Sachen gibst." Er schwenkt die Tüte, in der sich fraglos meine gewaschene Uniform befindet, erklärend hoch und schmeisst sie dann auf die Couch.

Seine Sachen. Das einzige, was ihn gerade interessiert. Seine verdammten, dämlichen Sachen. Ob er überhaupt von der Narbe weiss? Aber es spielt keine Rolle, denn selbst wenn: Es würde ihn nicht interessieren. Im Gegensatz zu diesem bescheuerten Pullover.

Ich mustere ihn stumm von der Seite. Körperlich habe ich nicht die leiseste Chance gegen Cloud; mir da etwas vorzumachen wäre unprofessionell und einfach nur dumm. Meine Reflexe und Schnelligkeit können ansatzweise mit ihm mithalten, obwohl ich keinen Makobehandlungen unterzogen wurde, aber auch darin liegt nicht mein Trumpf. Der Punkt, in dem ich mir ziemlich sicher bin, ihm überlegen zu sein, ist mein IQ. Und die Tatsache, dass er mich zwar wohl für gerissen hält, aber keine Ahnung hat, wie gerissen ich wirklich bin, spielt mir nur in die Hände.

Manchmal zahlt es sich tatsächlich aus, unterschätzt zu werden.

Einen weiteren Vorteil hab ich dadurch, dass ich im Gegensatz zu ihm keine Hemmungen habe, Unschuldigen zu schaden, um meine Ziele zu erreichen. Ich kämpfe lieber mit dem EMR und den Fäusten statt dem Kopf, aber vielleicht ist das hier die Ausnahme von der Regel und ich sollte mich mehr auf Strategie und Taktik verlassen, um ihm den Arsch so weit aufzureissen, dass all die toten Hamster von selbst rausfallen.

„Tifa hat dein Hemd weggeschmissen, weil die Knöpfe abgerissen waren. Sonst ist alles da." Erwartungsvoll fällt sein Blick von der Tüte endlich wieder auf meine Augen. Im letzten Bruchteil der Sekunde wandert mein eigener Blick ausweichend zur Seite.

Irgendwann, Bastard. Nicht heute und nicht morgen. Aber ich werd's nicht vergessen, auch wenn du es längst hast.

„Hat sie auch gesagt, dass sie es war, die meine Knöpfe abgerissen hat? Wäre das Mindeste gewesen, sie wieder dranzunähen!", motze ich auf Autopilot und zwinge mich, meine Wut herunterzuschlucken und nicht angefressener zu klingen, als ich es unter anderen Umständen in seiner Gegenwart auch wäre.

„Soll ich ihr das ausrichten?" Ein überlegenes Lächeln huscht über seine Lippen und mir entgeht das amüsierte Aufblitzen in den leuchtend blauen Augen nicht.

„Nein..." Ich reibe mir den Nacken, die Bettdecke mit der anderen Hand straff zusammenhaltend, und schlucke unwillkürlich bei dem Gedanken an die Konsequenzen. Tiff gehört zu den wenigen Menschen, die mir den Arsch mühelos aufreissen könnten. „Bloß nicht..."

Das Lächeln wird widerlich breit. „Das hab ich mir gedacht."

Ich lasse ihm den unwichtigen, kleinen Sieg und begnüge mich damit, dass er keinen Schimmer hat, was mich tatsächlich gerade beschäftigt. Ausser den rasenden Kopfschmerzen, die selbst den Klang seiner ewig ruhigen Stimme zu monströsem Lärm anschwellen lassen.

Er greift in seine Brusttasche und legt etwas Kleines, Silbernes auf meinen chaotischen Couchtisch. Erst als ich die metallene Kugel bemerke, die über die Kante rollt und hinab auf den Teppich fällt, erkenne ich, um was es sich handelt. Auch wenn ich meinem Piercing mehr als nur einmal nachgeweint hab, habe ich nie bemerkt, dass ich den eigentlichen Ring nach dem Duschen in seinem Zimmer vergessen habe. Auf dem Nachttisch, neben der Lampe, wie mir jetzt wieder einfällt.

„Was ist jetzt mit meinen Sachen?", reisst er mich aus einer Erinnerung, aus der ich mich nur zu gern reissen lasse.

„Ja, warte hier, Mann", murmel ich energielos, als ich in Richtung Schlafzimmer schlurfe, „ich hab die ganze Nacht durchgevögelt, also hetz mich nicht!"

„So? Hast du das?", höre ich's aus dem Wohnzimmer in einem desinteressierten Tonfall und wundere mich flüchtig, dass er überhaupt drauf einsteigt, anstatt meinen fraglos pubertären Kommentar einfach zu ignorieren. Wenn ihm heute ausnahmsweise mal der Sinn nach Small Talk steht, ist er bei mir jedenfalls an der verkehrten Adresse.

Das Pochen in meinem Schädel schwillt rapide an, als ich mich bücke, um hastig die auf meinem Schrankboden zusammengeknüllten Sachen zusammenzusuchen.

„Ja, hab ich!", rufe ich träge zurück und stecke den Zipfel der Bettdecke an meiner Brust fest, um beide Hände freizuhaben. „Mit ner ziemlich heissen Blondine, wenn du's genau wissen willst."

Bevor ich zurück ins Wohnzimmer gehe, nehme ich mir eine Zigarette vom Nachttisch und zünde sie an. Mein Kopf dankt es mir mit sofortiger Rebellion, doch darum kann ich mich gleich noch kümmern, Potions hab ich genug. Meine Nikotinsucht hingegen will jetzt erhört werden.

„Nein, so genau wollte ich es nicht wissen", kehrt er zu seinem üblichen, erhabenen Selbst zurück und steht dabei, wie ich dankbar zur Kenntnis nehme, bereits in der offenen Eingangstür.

„Dann frag nicht nach!" Ich drücke ihm den Pullover und die Hose in die Arme. Er rümpft die Nase - nen Dreck hab ich getan, sein Zeug auch noch zu waschen! -, doch spart sich jeden Kommentar. In stummer Aufforderung, endlich zu verschwinden, lehne ich mich erwartungsvoll an die Wand neben der Tür und taxiere ihn.

„Ist alles in Ordnung mit dir, Reno? Du wirkst etwas neben der Spur." Er zieht nachdenklich die Stirn in Furchen und scheint kurz etwas an meinem Hals zu betrachten. Der Rattenmann fällt mir wieder ein. Wahrscheinlich sieht man noch immer die Abdrücke seiner alten Klaue. Rufus hat keine Spuren hinterlassen, und selbst wenn, könnte man einem Knutschfleck kaum seinen Urheber ansehen.

„Ich habe Kopfschmerzen von deinem verdammten Haarspray, Strife", kontere ich lahm. „Und wenn ich's mir Recht überlege, auch von deinem Anblick."

Ein Moment angespannten Schweigens dehnt sich plötzlich zwischen uns ins Endlose, als er meinem Blick standhält.

„Cosmic Silence", sagt er plötzlich und macht sich daran, zu gehen.

„Huh?! Sprich nicht in verdammten Rätseln zu mir so früh am Morgen."

Er bleibt stehen und wendet sich mir noch einmal zu. „Es sagt dir nichts?" Die gespielt verblüfft hochgezogenen Brauen wecken in mir den Wunsch, ihm ohne weitere Ankündigung in die Fresse zu schlagen, doch ich blase ihm nur genervt und ohne mich auf seine Spielchen einzulassen, kommentarlos den Rauch meines letzten Zuges ins Gesicht. Er verzieht keine Miene.

„Es sollte dir etwas sagen." Das letzte, was ich von seiner Visage sehe, ist ein undurchsichtiges Lächeln, als er sich endlich wieder herumdreht.

__________________________________


So ähnlich wie man es von Nahtoderlebnissen hört, gleiten all meine bisherigen Missionen vor meinem inneren Auge an mir vorbei. Man hat mir befohlen zu töten, zu erpressen, zu stehlen. Ich habe Einbrüche begangen, zusammengeschlagen, geraubt, gefoltert, gelogen und spioniert. Dank Sektor 7 ist mein Todeszähler sozusagen uneinholbar unter den Turks. Auch wenn mich nie ein schlechtes Gewissen geplagt hat, waren so manche Aufträge zumindest währenddessen wirklich kein Spaziergang.

Aber nichts davon scheint mir im Nachhinein so hart, so schwer und demütigend wie das hier.

Ich stehe vor dem Regal mit den Tampons und kann nicht einmal so tun, als würde ich die Ware daneben begutachten, denn dabei handelt es sich um Kaltwachsstreifen für die Bikinizone und Einweg Lady Shaver. Der gesamte Laden ist bis obenhin gefüllt mit Zivilisten und Rekruten, die ihre Mittagspausen offensichtlich dazu nutzen, hier Alkohol, Chips und Zigaretten zu kaufen. Elena hat das zum Anlass genommen, freiwillig allein draussen zu warten.

Meine Augen wandern verstohlen durch die heruntergezogenen, dunklen Gläser meiner Brille über die Sorten und Marken an Wattestöpseln und meine akute Überforderung schlägt sogar noch meine tiefe Scham. Sie hat gesagt ‚Super', aber mir verschwiegen, dass es ‚Super' in sechs Billiarden Ausführungen gibt. Mit Längsrillen, mit diagonalen Rillen, mit komfortabler, seidenweicher Gleitwatteschicht und - Shiva, mit Flügeln?!

Die Bilder, die dazu in meinem Kopf aufsteigen, sind extrem verstörend.

„Kann ich Ihnen helfen?"

Ich zucke zusammen und fahre nervös zu der Verkäuferin herum, die durch mein Zögern wohl auf mich aufmerksam geworden ist oder mich für einen perversen Dieb halten muss. Oder, was naheliegender scheint, Männer, die zu lang mit Sonnenbrille vor Augen im Gang für Frauenhygieneartikel rumlungern, brauchen erfahrungsgemäß generell Hilfe.

„Ich, äh... Ich brauch...", ich deute flüchtig aufs Regal. „Natürlich nicht für mich..!"

Doch, natürlich für mich. Ich hab Durchfall. Idiot.

„Das dachte ich mir schon." Sie lächelt, eine Reihe fast leuchtend weisser Zähne dabei entblößend, was mein Unbehagen dramatisch steigert. Ich hatte gehofft, sie wäre wenigstens der asexuelle, mütterliche Typ, der mich mit therapeutischer Ruhe und einer starken, rauen Hand durch dieses Trauma begleiten würde. Weit gefehlt. Sie scheint Anfang zwanzig und ihre Haut ist so dunkel, dass sie durch meine getönten Gläser fast schwarz wirkt, ebenmäßig und straff. Das offenbar naturkrause Haar ist geglättet und fließt weich, das Deckenlicht spiegelnd, über ihren weissen Verkaufskittel. Zu dumm, dass ich zumindest jetzt gerade schwul und treu bin, ansonsten könnte ich wenigstens etwas baggern und den Sensiblen mimen, der die Tampons für seine Schwester kauft. Die im Rollstuhl sitzt. Und die Zwillinge ganz allein versorgen muss mit ihrem Bruder, nachdem ihr Mann den Unfall mit dem Schneemobil hatte, als er die Medizin holen wollte. Der arme kleine Timmy hat noch immer diesen schrecklichen Husten, aber wenigstens kommt Tommy inzwischen gut mit seiner Erblindung zurecht.

„Keine Bange, ich werde Sie bei dieser Mission unterstützen!", erklärt sie und nickt kurz in Richtung meines Jacketts, das mich als Turk ausweist. Ein paar Sekunden vergehen, bis ich begreife. Dann lache ich auf, zu heftig und zu spät.

„Hat Ihre Auftraggeberin Ihnen keine genaueren Informationen über das Zielobjekt gegeben?" Ihre Versuche, die Situation aufzulockern, machen alles nur schlimmer, und als ich mir an die Stirn greife, um nervös an meiner Sonnenbrille herumzufingern, fasse ich ins Leere.

„Sie hat gesagt, ‚Super'... Also nicht wie ‚Super, dass du das machst', sondern... eben..." Ich schließe meinen Mund zwecks Schadensbegrenzung und gehe kurz aufs Regal zeigend stattdessen zu Gesten über, bei denen ich mich nicht weniger blamieren kann, wie ich eben bewiesen habe, was genau genommen eine beachtliche Leistung ist.

„Ah, verstehe! Ich denke, die hier werden schon in Ordnung gehen, es sind auch die Preiswertesten." Sie greift zielsicher vor und drückt mir ein Päckchen in die Hand. „Unter uns, das mit den Flügeln und so weiter ist alles nur Marketing-Quatsch."

„Und die ...fusseln auch nicht?", frage ich leise.

„Nein, die fusseln nicht", lacht sie, halb belustigt, halb mitleidig. „Manche von den billigen tun das, aber die hier nicht, die benutze ich selbst."

LALALA!

„Oh, okay..." Mein Telefon klingelt. Da ich eine dunkle Ahnung habe, wer es sein könnte, fühle ich mich alles andere als erlöst. Ein Blick aufs Display bestätigt meinen Verdacht. „Hey, Baby!", beantworte ich hektisch das Ringen und sehe im nächsten Moment, wie die Verkäuferin bei meinen Worten grinsend ein ‘Aah!' mit ihren Lippen formt und dann kurz von meinem Telefon zu den Tampons in meiner Hand mit einem Nicken deutet, weil sie zu verstehen glaubt.

„Sie können ihr ausrichten, dass Sie Ihren Auftrag hervorragend erfüllt haben!", witzelt sie noch, bevor sie mich mit einem breiten Lächeln stehen lässt.

„Welcher Auftrag, Reno, und wer war das? Rufe ich gerade ungelegen an?", werde ich argwöhnisch begrüßt.

‚Und wer ist Evelyn?! Ist sie hübsch?'

„Nein... Ja..." Ich mache mich mit langen Schritten auf den Weg zur Kasse und greife im Vorbeilaufen das erstbeste Magazin vom Zeitungsständer, um meinen eigentlichen Einkauf etwas kaschieren zu können. „Ein wenig... Das war nur eine Zivilistin."

„Du klingst verstört. Von welchem Auftrag hat sie gesprochen? Ist alles bei dir in Ordnung?"

„Ah... Ja, schon. Das war nur ein Scherz von ihr... Hab gerade... gegen ein paar seltsame Kreaturen gekämpft. Hatten sich in die Stadt vorgewagt", improvisiere ich und frag mich selbst - nicht zum ersten Mal -, wie ich es als so sensationell schlechter Lügner überhaupt je zum Turk schaffen konnte.

Als ich mich in die Schlange einreihe und die Zeitschrift diskret um die Tamponschachtel klappe, sehe ich, dass ich von allen Möglichkeiten ausgerechnet eine Ausgabe von ‚Baby & Bauch - jetzt mit Sonderheft zum Frühling' erwischt habe, aber es ist zu spät, sie umzutauschen: Hinter mir stellt sich in diesem Augenblick eine Gruppe von vier Soldaten an und ausserdem will ich einfach nur noch so schnell wie möglich hier raus. Shiva, das ist alles zu viel. Selbst für Junon, und für mich sowieso.

„Besorgniserregend?"

„Nein, sie... waren ziemlich... klein. Kleine, blutsaugende Dinger, aber körperlich schwach. Sie hatten nur die Makokinese ganz gut drauf, Elena war gelähmt und ich bin noch immer etwas konfus, daher..." Sinnlos daherbrabbelnd rücke ich zwei Schritte vor und ignoriere das „Ey Turk, dein Kopf brennt!" von irgendwo hinter mir.

„Ich wüsste keine Kreatur in der Nähe Junons, auf die die Beschreibung zutrifft. Wie viele waren es in etwa?"

„Oh..." Ich schiele zwischen die zusammengeklappte Zeitschrift. „Etwa 24. Aber... Ich bin mir sicher, ich hab alle erwischt. Vielleicht sind sie als blinde Passagiere mit einem der Schiffe gekommen."

„Ey Turk, dein Kopf brennt! Soll ich ihn löschen?"

Ich bin an der Reihe und lege mein Bündel des Schams auf die Theke neben den kleinen Ständer mit den Schokoriegeln. Das Magazin rollt prompt auseinander und offenbart das Cover: Ein nackter Babybauch in Großaufnahme, den ich im Vorbeihasten vielleicht für eine riesige Titte gehalten habe, das würde meine unbewusste Wahl erklären. Umrahmt wird das Ganze von Werbung für den Inhalt. ‚Partnermassagen mit Aloe Vera', ‚Fußbäder mit Meersalz', ‚sanfte Atemübungen fürs dritte Trimenon', was auch immer das ist, und - Thema der Woche - ‚Sexualität in der Schwangerschaft'.

Ich bin mir nicht sicher, wie viele menstruierende Frauen ich lieber vögeln würde, bevor ich eine Schwangere anfasse, aber irgendwas zwischen 162 und 214 scheint mir realistisch. Die Vorstellung ist durch und durch pervers.

„Turk! Ey, Turk! Dein -"

„Ja, ich weiss, mein Kopf brennt!", fahre ich herum zu dem blonden Soldaten zweiter Klasse, wie seine Uniform verrät. Er hat kleine, böse Augen, die an ein Schwein erinnern und ein ziemliches Akneproblem. „Und ja, ich weiss, ich muss jetzt sagen, dass du ihn löschen sollst, damit du mich anspucken kannst und du und deine Kameraden was zum Lachen haben. Shiva, ich hab's begriffen, der Witz ist so dermaßen alt! Sind wir jetzt vielleicht damit fertig -", ich blicke kurz auf das Namensschild an seiner Brust, „- Ruff?!"

„Wie sahen diese Kreaturen aus?", werde ich an das Telefon in meiner Hand erinnert.

„Hey, Ruff, das sind die Hormone! Der ist schwanger!" Debiles Gegacker seiner Kumpel und allmählich beginne ich mich zu fragen, wie geeignet ein EMR für einen Amoklauf ist.

„Ismene??", brüllt die Kassiererin, die Tampons in der Hand, und ich sehe, wie meine dunkelhäutige Traumatherapeutin weiter hinten den Kopf über die Regale reckt. Sie wird jetzt durch den ganzen Laden rufen, um nach dem Preis zu fragen. Ich hab's geahnt. Genau das hat nämlich noch gefehlt. „Du kannst dann jetzt in die Pause gehen!"

... Oder auch nicht.  

„Reno?"

„Wenn man schwanger ist, braucht man keine Tampons mehr, Corey! Man merkt, dass du noch nie was mit ner echten Frau hattest!"

„Sei nicht so grob zu ihm, Ruff, unser kleiner Corey interessiert sich eben mehr für Schwänze..."

„Ach, halt's Maul, Wichser."

Ich atme tief durch und schließe die Augen, bis mein inneres, drittes Trimenon wieder entspannt und der imaginäre ‚Ra-Ra-Ra-Ratten' - Chor, der mir in den Ohren klingelt, verstummt ist.

„Sir? Das macht 5,90", werde ich in Kenntnis gesetzt, anscheinend nicht zum ersten Mal.

„Ähm...", antworte ich endlich, „sehr klein... Nur wenige Zentimeter. Schmaler Körperbau, weiss und irgendwie... flauschig. Und ziemlich lange, dünne Schwänze", erkläre ich, während ich das Telefon an meiner linken Schulter festklemme, um zu bezahlen.

„In etwa wie Laborratten?"

„Genau! Nur... irgendwie ganz anders." Ich nehme mein Zeug wieder zusammengerollt entgegen und stopfe das Wechselgeld in meine Hosentasche. Der Ausgang erscheint mir wie das direkte Tor zum Paradies, aber es wäre nicht klug, mit Rufus an meinem Ohr hinauszuspazieren, während Elena dort wartet.

„Reno, ich mache mir Sorgen. Du solltest noch etwas gegen deine Konfusion nehmen. Wenn ich nicht wüsste, dass es den Rahmen des Möglichen sprengen würde, würde ich nach deiner Beschreibung allmählich annehmen, du seiest von einer Horde Hygieneartikeln angegriffen worden. Im Übrigen, wenn ich korrekt gehört habe, ist Sira gerade an der Kasse. Zähl dein Wechselgeld nach, sie schlampt gern."

„Verflucht, du bist aber auch gut! Und, bin ich jetzt in deinem Ansehen gesunken?", frage ich und schlendere langsam das Regal gegenüber der Kasse in Richtung der automatischen Glastüren entlang. Dann bleibe ich stehen.

„Nur marginal. Aber das relativiert sich durch den Umstand, dass es mir schmeichelt, wie sehr du darauf bedacht bist, deinen Ruf vor mir zu wahren. Es ist ziemlich herzerwärmend."

„Du verfügst gerade wieder über die Intention sexy zu sein, nicht wahr?!", necke ich und kann das breite Grinsen nicht unterdrücken. Dazu erinnert mich unser kleiner Insiderwitz viel zu sehr an den Moment, in dem er entstanden ist.

„Funktioniert es?", fragt er und ich kann seiner Stimme das Lächeln anhören.

„Nur marginal, Baby, nur marginal!" Elena tritt hinter den Scheiben in mein Sichtfeld. Die Arme verschränkt, wandert sie auf und ab. Sie ist nervös. Über ihrem gesenkten Haupt mit den umherwirbelnden, blonden Strähnen, schwebt das große, blinkende ‚Opfer'-Schild. „Hör zu, lass uns später nochmal reden. Elena steht da draussen und wartet schon auf ihre 24 Monster. Wird auch langsam Zeit, aufs Schiff zu gehen."

„Ich wollte nur mein Versprechen einhalten. Ich hatte dir zugesichert, dich heute Mittag anzurufen."

„Ich weiss... Tut mir auch leid, dass es gerade schlecht ist." Und das könnte kaum wahrer sein. Shiva, das hier ist bis jetzt die pure Hölle. Nicht die Art von Action, die mich regelrecht high macht, sondern einfach nur durch und durch... Junon.

„Das muss es nicht. Ich werde mich am späten Abend nochmal melden, wenn es dir Recht ist."

„Geht klar, Baby. War trotzdem schön, deine Stimme zu hören", sage ich leise. Elena entdeckt mich und ich hebe kurz die Hand, um ihr zu signalisieren, dass ich gleich da bin.

„Ach, Reno?"

„Ja?" Meine Finger schieben die Sonnenbrille wieder hoch auf meine Stirn. Im Gegensatz zu Rude ziehe ich es vor, die Welt nicht permanent durch einen schwarzen Filter zu betrachten, solange es nicht nötig ist.

„Es gefällt mir, wenn du mich so nennst."

Das leise Klicken, bevor ich zum Antworten komme. Feigling, denke ich, aber kann mein eigenes Lächeln dabei auf meinen Lippen fühlen.

Ein wirklich seltsames, goldenes Wesen.

Und Gaia... Es fehlt mir so sehr.

~


„Warum hat das so lang gedauert?" Sie stupst mir gegen die Schulter und nimmt ihre Schachtel mit einem dankbaren Lächeln in Empfang. „Du bist mein Held!"

„Nach der Nummer bin ich auch mein Held! Frag nicht weiter, der Laden war brechend voll."

„Wer war das?" Sie nickt in Richtung meines Telefons, das ich gerade wieder verstaue.

„Bloß Rude. Wollte noch was fragen wegen Clide, falls er einknickt", erwidere ich so belanglos und beiläufig wie nur möglich.

„Ah, okay."

Und wie's aussieht, ist mir wenigstens diese eine Lüge zur Ausnahme mal geglückt.

Gemeinsam gehen wir los, um uns auf den Weg zum Hafen zu machen. Der Wind hat zugenommen, zerrt an meinem Jackett und Hemd, so dass ich zur Feier des Tages freiwillig die oberen zwei Knöpfe schließe. Es ist kälter geworden in der kurzen Zeit seit unserer Ankunft. Regen zieht auf.

„Was ist das?" Sie grabscht mir das Magazin aus der Hand, bevor ich protestieren kann. „Baby und Bauch?!?" Ihr ungläubiger Blick trifft mich von der Seite.

„Hey, da ist das Sonderheft zum Frühling bei!", erkläre ich, sie spielerisch im Gehen mit der Hüfte anrempelnd.

„Baby und Bauch???" Sie will zurückrempeln, aber im letzten Moment rette ich mich grinsend mit einem kleinen Sprung zur Seite und lasse sie ins Leere stolpern.

„Was?! Irgendwo muss meine breitgefächerte Allgemeinbildung schließlich herkommen! Und du unterschätzt mal wieder meine Reflexe!" Ich fange sie auf und lege stützend meinen Arm um ihre Schultern, bis sie das Gleichgewicht wiedererlangt hat. Lachend wie die letzten Idioten taumeln wir vorwärts, alle Blicke ignorierend. In dieser Stadt haben wir sowieso verschissen. Sollen ruhig noch ein paar mehr glauben, wir würden's miteinander treiben und wären mittags schon besoffen.

Meine Gedanken wandern plötzlich zu Rufus, der sich dieses Privileg niemals rausnehmen können wird. Fuck, was heisst überhaupt Privileg. Es ist ein verdammtes Grundrecht, rumspinnend als freier Mensch durch eine freie Stadt zu schlendern. Nicht, dass ich mir vorstellen könnte, dass er sowas überhaupt machen würde, aber er sollte es wie jeder andere dürfen.

Das Lachen in meiner Kehle erstirbt, während Elena sich noch immer kichernd aus meinem Arm löst. Sie hat nicht bemerkt, dass meine Stimmung von einer Sekunde auf die nächste umgeschlagen ist. Mittlerweile haben wir die Hafenpromenade erreicht und das Zerren des Windes, der ungebremst vom Meer kommt, ist zu einem Reissen angeschwollen.

Mein Blick wandert zur Seite, hinauf zu den Dächern, entlang der unzähligen Fenster darunter. Alles potenzielle Verstecke für Attentäter. Wäre er hier, wären wir nicht ausgelassen. Es wäre wie bei seiner verdammten Parade. Abgeriegelt, gesichert, bewacht. Die Augen unzähliger Menschen und Kameras auf ihn, nur ihn allein, gerichtet, jede kleinste Geste, jedes Wort, aufsaugend, konservierend und bewertend. Und ausgerechnet ich wäre der letzte, der ihm Aufmerksamkeit schenken dürfte, im ständigen Kampf, sein Leben in der Öffentlichkeit zu schützen.

Eigentlich ist er tatsächlich der unfreieste Mensch, den ich kenne. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir die Tragweite dessen bewusst.

„Hm!" Sie faltet die Hände im Rücken und schlendert betont beschwingt umher.

„Hm?", frage ich halb in Gedanken nach und kicke ein Steinchen im Gehen von einem Fuß zum anderen.

„Hm!!", wiederholt sie bloß, klaut sich geschickt den Stein von mir und beginnt, ihn selbst vor sich her zu treten.

„Was?", bohre ich also weiter nach, weil sie offensichtlich genau darauf wartet.

„Nichts." Sie beisst sich lächelnd auf die geschlossenen Lippen und schafft es dadurch, zusammen mit ihren großen Augen wie ein lebender Smilie auszusehen. So täuschend echt, dass es beinah mehr verstörend als niedlich wirkt.

Ein paar Meter laufen wir schweigend weiter, uns gegenseitig den Stein zukickend.

„Nur...", setzt sie schließlich wieder zum Reden an, „es ist interessant, dass du mit Rude gesprochen hast. Das hab ich nämlich auch, keine zehn Sekunden, bevor ich dich im Laden mit dem Telefon an der Backe gesehen hab. Er hat mich angerufen, weil bei dir besetzt war."

Oh Shiva, nein...

Warum kann ich nicht wie jeder andere Mensch erst im nächsten Leben für die Untaten bestraft werden, die ich in diesem begangen habe? Da wäre ich völlig im Frieden mit; es ginge absolut in Ordnung! Ich würde glücklich ein beschissenes Leben voller Armut und Krankheit durchleiden, um in viel zu jungen Jahren geächtet und in Einsamkeit langsam zu verrecken! Wenn man mich jetzt nur dafür in Ruhe lassen würde! Das wäre ein faires Spiel, verdammt nochmal! Das hier ist keines. Es ist Scheissdreck.

„Was wollte er?" Ein letztes, trauriges Ablenkungsmanöver, ein letztes Aufzucken meines Kampfgeistes. Von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Mein Tritt verfehlt den Stein und ich lasse ihn hinter mir zurück wie alle Hoffnung.

„Weisst du, was ich aber noch viel interessanter finde?", übergeht sie ungerührt meinen Versuch. „Er hat gesagt, ich soll ein Auge auf dich halten, weil du neuerdings öfter mal geistig abwesend wärst. Man munkelt, du hättest eine Freun-..." Plötzlich reisst sie schlagartig die Augen auf und starrt auf die Zeitschrift in ihrer Hand. „Oh große Gaia, du hast sie geschwängert?!? Reno!!!"

Und im nächsten Moment wird der Himmel von einem Schwarm hungriger Geier verdunkelt, bereit, gierig und geifernd auf mich herabzustürzen.

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Autor

Deschaynes Profilbild Deschayne

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Kapitel:7
Sätze:10.643
Wörter:137.812
Zeichen:806.023

Kurzbeschreibung

„Entflamme, Renato. Nutze deine Gabe. Leuchte mir den Weg. Ich werde dir barfuß durch verbranntes Gras folgen." ~ Renos und Rufus' Weg zueinander, miteinander und vielleicht auch voneinander. Vulgär. Fragil. Absurd. // POV: Ego (meist Reno) / Setting: Post ACC / Genres: Drama, Romanze, Humor, Schmerz-Trost, Käse-Hack, ...

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre), Darkfic, Humor, Schmerz und Trost, (romantische) Beziehungsentwicklung, Trauma, Emotionaler Missbrauch, Romanze, Longfiction und Liebesbeziehung (problematisch) getaggt.

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