Fanfictions > Games > Final Fantasy VII > Check Mate

Check Mate

5
17.7.2017 8:51
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

2 Charaktere

Rufus Shinra

Präsident des Energieversorgers Shinra Inc. Nach Meteorfall führten einschneidende Erlebnisse dazu, dass sich sein kaltes, erbarmungsloses Wesen ein wenig für Planet und Menschheit erwärmten, sodass er seine Firmenpolitik in eine etwas humanere Richtung lenkte. Trotzdem bleibt Rufus zwielichtig und undurchschaubar – eine Gefahr für alle, die sich ihm in den Weg stellen.

Sephiroth

Nemesis ganz Gaias. Dieser wohl weltbeste Soldat hatte nach Aufdeckung seiner überirdischen Abstammung den Verstand verloren und war zu dem Schluss gekommen, der Planet sei ohne die Menschheit besser dran. Der Versuch, die Welt zu zerstören, wurde mit seinem Tod vereitelt, doch sein Geist durchstreift weiterhin den Lebensstrom auf der Suche nach der nächsten Gelegenheit ...

Rufus fühlte sich wie in Watte gepackt. Alle seine Sinne schienen davon gedämpft zu werden. Wenn er die Augen öffnete, sah er nur verschwommene, verblasste Farben, vorbeihuschende Schatten und zunehmende Schwärze.

 

Weiße Zimmerdecke.

 

Weiß- und schwarzgekleidete Leute.

 

Grelles Licht direkt ins Auge.

 

Wenn er sich bewegte, was ihm nur zentimeterweise in schleichender Langsamkeit gelang, konnte er seine Umgebung nur wie durch dicken Stoff spüren, obwohl er sich sicher war, dass seine Handschuhe fingerlos gewesen waren, als er sie das letzte Mal überprüft hatte.

 

Weiches Laken.

 

Das Leder seiner Weste.

 

Ein Knopf.

 

Eine Hand?

 

Ihm gefiel der Geruch nicht, der ihm in die Nase stieg, den er sofort einordnen konnte und von dem er doch keine Erinnerung hatte, wann er ihn das letzte Mal hatte ertragen müssen.

 

Antiseptikum.

 

Desinfektionsmittel.

 

Gaze.

 

Blut.

 

Seine Zunge fühlte sich klebrig an und gleichzeitig staubtrocken und wenn er schluckte, wanderte ein widerlicher, abgestandener Geschmack, der ihm den Magen umzudrehen drohte, seinen Rachen hinunter.

 

Nicht schlucken dann.

 

Aber so durstig.

 

Er hörte Stimmen. Weit entfernt und doch erschien es ihm, als stände jemand direkt neben ihm. Es musste so sein, denn wie sonst hätte jemand seine Hand halten können? Er versuchte, die Bedeutung der Worte zu erfassen, doch das fiel schwer, wenn man nur einzelne, unzusammenhängende Bruchstücke der Konversation mitbekam.

 

„Scheiße ... gedacht, es wäre vorbei ... nicht wahr sei...“

 

„Herr Prä... hören?! Reden ... Präsident! ... RU...“

 

„... passiert?“

 

„Wir wis... nicht ... Besprechung ... zusammengebrochen ...“

 

„... schon vorher üb... geklag... irgendw... Vorerkran...“

 

„... wüsste. Er hatte Ge... Aber das ...“

 

„Mann, steht ... nicht ... Ölgöt... helft ... Teufelsnam...“

 

„... dabei, junge... Mach... und ... im Weg!“

 

„Oh Gott ... Tseng! Das ... nicht wahr ... kann nicht ...“

 

„... Scheiße.“

 

Rufus war zu müde, um seiner Umgebung weiterhin Beachtung zu schenken. Außerdem hatte ihn die Dunkelheit schon so stark eingekreist, dass er instinktiv wusste, ihr selbst unter größtem körperlichen Einsatz nicht mehr entkommen zu können. Also schloss er die Augen und tauchte ergeben in sie hinein.

 

---

 

Die Bahre rauschte durch die Gänge der Healing Lodge und erreichte schließlich ihr Ziel. Reno stürzte hinter den Pflegern und dem herbeigeeilten Arzt in den Untersuchungsraum: „Scheiße, und ich hab echt gedacht, es wäre vorbei mit seinen ständigen Schwächeanfällen! Das kann doch einfach nicht wahr sein! Er war so gut drauf in letzter Zeit!“ Elena drückte Rufus, der mit halb geöffneten Augen und bei Bewusstsein, aber unempfänglich für jegliches Bemühen, seine Aufmerksamkeit zu erringen, auf der Bahre lag, die Hand: „Herr Präsident! Können Sie mich hören?! Reden Sie mit mir ... mit uns, Präsident! Präsident! RUFUS!“

 

Der Arzt setzte sich eine Brille auf und erfühlte einen schwachen Puls: „Was ist mit ihm passiert?“ „Wir wissen es selbst nicht so genau, Doktor“, antwortete Tseng eloquent, während seine Kollegen der Frage keine Beachtung schenkten, „Wir hatten eine Besprechung geschäftlicher Natur. Ich war mitten in einem Bericht, als er mit Atemproblemen zu kämpfen begann und über dem Tisch zusammengebrochen ist. Mehr kann ich nicht sagen.“

 

„Hat er vielleicht schon vorher über Beschwerden geklagt? Oder hat er irgendwelche schwerwiegenden Vorerkrankungen?“

 

„Beschwerden? Nicht, dass ich wüsste. Er hatte Geostigma ... Aber dieses Thema ist ja nun seit fast zwei Monaten vom Tisch.“

 

Reno riss der Geduldsfaden und er stieß Rude ungeachtet zur Seite, packte den Arzt am Kragen und schüttelte ihn unsanft: „Mann, steht da nicht rum wie die Ölgötzen, sondern helft ihm, in Dreiteufelsnamen! Seht ihr nicht, dass er Schmerzen hat?!“ Tseng griff gefasst nach seinem Handgelenk und runzelte missbilligend die Stirn: „Lass ihn los, Reno. Das bringt doch nichts.“ Sein Untergebener knirschte mit den Zähnen, ließ seinen Gefangenen aber dennoch unwillig frei. Der Arzt hustete kurz und schob sich pikiert an ihm vorbei: „Meine Güte, wir sind doch dabei, junger Mann! Machen Sie sich lieber nützlich und stehen Sie nicht im Weg!“

 

Ein schockiertes Ächzen von Elena erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie sah leichenblass auf und Tseng direkt in die Augen, während sie entgeistert stammelte: „Oh Gott ... Sieh dir das an, Tseng! Das ... das ist nicht wahr ... Das kann nicht wahr sein!“ Er trat an ihre Seite und starrte auf das feine Rinnsal schwarzer Flüssigkeit hinab, das aus Rufusʼ Mundwinkel auf seinen weißen Kragen tropfte. Er atmete tief durch, um seine Beherrschung zu wahren, während alle anderen Anwesenden ebenfalls einen Blick riskierten. Es war der Arzt, der ihre Gedanken treffend zusammenfasste.

 

„... Scheiße.“

 

---

 

Er wachte auf in einem weiten Raum ohne Decke. Und ohne Boden. Um genau zu sein, gab es zu keiner Seite nennenswerte Begrenzungen, was er nicht ohne Bedauern feststellte. Die Vorteile eines festen Bodens unter den Füßen wurden einem erst dann bewusst, wenn er weggebrochen war. Und doch geriet er nicht augenblicklich in Panik, wohl hauptsächlich deswegen, weil er keine ihn niederzuschmettern drohende Schwerkraft spürte. Solange er nicht fiel, was kümmerte ihn das Unten?

 

Rufus richtete sich etwas benommen auf. Die Taubheit in seinen Gliedern, die ihn vor seiner Ohnmacht unbeweglich gemacht hatte, war verschwunden. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass er sich schon lange nicht mehr so leichtfüßig und schmerzfrei hatte bewegen können wie es nun der Fall war. Er nahm seine Umgebung auf. Nichts anderes als sanftes, hellgrünes, die Sinne betörendes Licht. Ein besorgniserregender Gedanke fuhr ihm durch den Kopf und er legte stirnrunzelnd eine Hand ans Kinn: „Bin ich ... tot?“

 

„Nein“, antwortete ihm eine dunkle, ruhige, unangenehm vertraute Stimme, „aber wie ich dich kenne, wäre dir der Tod wahrscheinlich lieber.“ Seine Augen weiteten sich. Er atmete tief durch, ehe er sich mit mühsam unterdrücktem Zorn umwandte: „Wenn er nicht einmal dich erfolgreich von der Welt der Lebenden fernhalten kann, kann mir der Tod gestohlen bleiben!“

 

Sephiroth kicherte leise und lehnte sich auf seinen hinter dem Kopf gefalteten Händen zurück. Er schwebte keine drei Meter entfernt von Rufus durch den Raum, waagerecht und mit überschlagenen Beinen, schien entspannt und ungefährlich genug, doch der Präsident spürte eine bedrückende Feindseligkeit von ihm ausgehen, die er nicht zu unterschätzen gedachte. „Also“, bemühte er sich, Konversation zu betreiben, obwohl ihm nicht klar war, zu welchem Zweck er Zeit zu schinden versuchte, „wenn ich nicht tot bin ... Heißt das, dass du es mal wieder auch nicht bist?“ Sephiroth zuckte nur mit den Schultern.

 

„Wo sind wir hier? Du kannst mir nicht erzählen, dass du das nicht weißt“, fuhr er etwas gereizt fort. Ein stiller Sephiroth war beinahe noch unheimlicher als ein egozentrische Machtreden schwingender und es beunruhigte ihn mehr, als er zugeben wollte. Und es bereitete ihm Gänsehaut, als der Ex-SOLDAT sich ihm grinsend zuwandte, sich zu seiner vollen Größe entfaltete und ihn mit durchdringendem Blick musterte. Dann tippte er sich an die Schläfe, als wollte er Rufusʼ Intelligenz auf die Probe stellen, indem er ihm so wenig Informationen wie möglich zukommen und sich dann davon überraschen ließ, was sein Gegenüber daraus machte. Die Augenbrauen des Präsidenten zogen sich noch etwas weiter zusammen: „... Mein ... Geist ...?“ „Bingo“, feixte Sephiroth scheel und machte einen Schritt auf ihn zu, vor dem er augenblicklich zurückwich, „Ich schätze, ich muss dir danken. Dein Stolz hat mir eine wunderbare Gelegenheit eröffnet, ohne große Umwege zurückzukehren.“ Rufus schluckte trocken, als es ihm kalt den Rücken herunterlief: „... In... inwiefern?“

 

Sephiroth schnaubte abfällig: „Als ob du dir das nicht denken könntest. Du bist der einzige Geostigma-Patient, der sich nie die Mühe gemacht hat, zu Aeriths Quelle zu pilgern.“ Wieder breitete sich dieses manische Lächeln auf seinem Gesicht aus und er trat ganz dicht an Rufus heran: „Hast du wirklich gedacht, dass der heilige Regen allein ausreichen würde, um Mutter aus dir zu vertreiben? Hast du wirklich gedacht, dass du dir die Erniedrigung, von einem einfachen Testsubjekt gerettet zu werden, sparen könntest?“ Seine Mundwinkel kräuselten sich noch weiter nach oben: „Nein. Die Quelle ist die einzige Heilung. Und weil dein Stolz dich davon abgehalten hat, sie in Anspruch zu nehmen, hast du die Hoffnungslosigkeit in deinem Herzen nie ganz kuriert. Wir dachten also, wo wir schon mal in der Nähe waren, warum nicht? Ein Körper ist so gut wie jeder andere. Und wo du uns schon so freundlich eingeladen hast ...“ Mit einer blitzschnellen Bewegung strich er Rufusʼ Hals entlang, eben dort, wo sich vor nicht allzu langer Zeit noch die Spuren der tödlichen Krankheit in seine Haut gegraben hatten: „Rate, wer hier ist!“

 

Ein nur allzu gut bekannter Schmerz fuhr Rufus durch den Leib und er schrie auf.

 

Um sie herum verdunkelte sich der lindgrüne Äther in bedrohliches Violett.

 

---

 

Durch das Fenster, das das Zimmer der Intensivstation vom Flur trennte, beobachtete Tseng scheinbar emotionslos, wie Rufus mehr und mehr von der schwarzen Flüssigkeit hustete, während er sich in einer Art Krampf gegen die Hände der Pfleger wehrte, die ihn gewaltsam auf den Untersuchungstisch gepresst hielten. Rude konnte man ebenso wenig ansehen wie ihm selbst, doch Elena neben ihm schniefte leise und Reno boxte mit einer Faust gegen die Scheibe: „Boss, das ist nicht witzig! Das Zeug sieht aus wie ... Aber das kann doch nicht sein! Er hat Aeriths Segen erhalten! Wir haben alle gesehen, wie die Narben verschwunden sind! Oder?!“ „Es ist noch nicht bestätigt, dass es ein Rückfall ist, Reno“, entgegnete Tseng gefasst, „es gibt keinerlei Anzeichen für-“

 

„Zur Hölle mit dieser Korinthenkackerei, Tseng! Wir wissen alle, dass es nichts anderes sein kann! Oder kennst du sonst noch ʼne Krankheit, bei der man nachtschwarze Grütze kotzt?!“

 

„Reno, reiß dich zusammen! Wir kennen vielleicht keine, aber die Ärzte werden sicher-“

 

„Che! Mach dir doch nichts vor. Der Doc hat ja wohl ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht, was er von der Sache hält ...“

 

Sein Kollege verstummte resigniert und Tseng seufzte leise. Innerlich war er ebenso aufgewühlt wie die anderen, doch er durfte sich nicht gehen lassen. Jemand musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren. Denn wenn Rufus tatsächlich noch immer lebensmüde war, musste ihm jemand zeigen, dass es immer irgendeinen Ausweg gab, wie hoffnungslos die Situation auch aussehen mochte.

 

Nur ... Wie sollten sie ihm das unter diesen Umständen verständlich machen?

 

---

 

Rufus entspannte sich ächzend, als das Pulsieren in seiner Halsschlagader endlich nachließ. Zornig starrte er den amüsierten General an, der ihn interessiert beobachtete: „Ich schätze, es hat keinen Sinn, danach zu fragen, wie zum Teufel du ausgerechnet zu mir gefunden hast. Du und deine Abnormität von einer Erzeugerin, ihr kennt sicher Mittel und Wege um-“ Ein Blitz durchfuhr ihn und er krümmte sich stöhnend zusammen. Sephiroth klang beinahe mitleidig: „Es gereicht dir nicht unbedingt zum Vorteil, Mutter zu beleidigen. Du siehst, sie ist anwesend und wird sich deine Unverschämtheiten nicht bieten lassen.“ Rufus atmete schwer und richtete sich mühsam auf: „Wie hoch stehen die Chancen, dass ihr das Interesse verliert und meinen Körper verlasst?“ Sephiroth legte den Kopf schief: „Wie hoch stehen die Chancen, dass du dich deinem Schicksal ergibst und friedlich stirbst?“

 

„Nicht sehr hoch.“

 

„Dito.“

 

Beide beäugten sich eine Weile stumm. Doch dann kicherte Sephiroth hinterhältig: „Weißt du, es ist wirklich gar nicht so schwer, deine Gedanken zu lesen. Du grübelst gerade verzweifelt darüber nach, wie du uns zum Rückzug bewegen kannst, aber gleichzeitig ist dir bewusst, dass wir niemals freiwillig aufgeben werden. Denn wir wissen alle, dass du zu schwach bist, um uns lange zurückdrängen zu können.“ Er überschlug einmal mehr die Beine, als hätte er alle Zeit der Welt: „Früher oder später werden deine Kräfte erschöpft sein, Präsident. Kadaj war nutzlos, aber vielleicht ist der Beschützerinstinkt gegenüber deinem Körper ja ein bisschen größer, hm? Ich bin gespannt, wie lange sich die Turks gegen Cloud und seine Freunde durchsetzen werden.“ Rufus schnaubte abfällig: „Das ist nicht sonderlich fair, oder?“ Sephiroth hob eine Augenbraue in spöttischer Verwirrung: „Wer hat behauptet, ich sei fair?“

 

„Fühlst du dich kein bisschen schlecht? Gelangweilt? Unterfordert?“

 

Wenn sich Rufus einer Fähigkeit rühmen konnte, war es die, bei seinen Gesprächspartnern Interesse zu wecken. Und auch diesmal verfehlten seine Worte nicht ihren Zweck, denn er sah ein erwartungsvolles Glitzern in stechend grünen Pupillen auflodern, was ihm ein kurzes siegreiches Gefühl gab, obwohl es sich dabei womöglich nur um morbides Amüsement handelte. Sephiroth rührte sich nicht, schien aber sehr aufmerksam zuzuhören: „Und du hast natürlich eine Lösung für dieses Problem parat.“ Rufus lächelte hinterhältig: „Nun, da du sowieso denkst, dass ich es nicht mehr lange machen werde, können wir uns das Warten auch mit ein wenig Aktivität versüßen, meinst du nicht?“

 

„Und was schlägst du vor?“

 

„Eine Herausforderung. Ein Kampf, Mann gegen Mann. Wenn ich verliere, mache ich dir freiwillig Platz. Gewinne ich, verschwinden du und deine Mutter aus meinem Körper.“

 

„... Du scherzest. Denkst du denn wirklich, dass du mir auch nur für eine Sekunde gewachsen wärst? Ich bin ein geborener Krieger, Präsident. Du hast nichts dagegenzusetzen.“

 

„Da hast du recht. Aber du strengst deine Fantasie auch nicht gerade sonderlich an. Ich habe mehr an einen ... geistigen Wettkampf gedacht. Eine Runde auf einem Gebiet, in dem wir gleichermaßen qualifiziert sind.“

 

Ein Emporzucken von Sephiroths Mundwinkel ließ ihn erkennen, dass er die Schlacht gewonnen hatte. Der General schmunzelte belustigt: „Und ich nehme an, du hast schon ein ganz bestimmtes Gebiet im Auge.“ Rufus lächelte nicht minder verschlagen zurück: „Selbstredend.“

 

---

 

‚Wird auch verdammt nochmal Zeit!‘

 

‚Wann ist die Trauerfeier? Ich bring einen Scheißberg an Dynamitstangen fürs Feuerwerk mit!‘

 

‚Das hat nichts mit mir zu tun.‘

 

‚... Hm.‘

 

‚Ich hab beileibe Wichtigeres zu tun, ‚yo‘!‘

 

‚Meldet euch, wenn es soweit ist. Wir werden einen Volksfeiertag einrichten.‘

 

‚Hm ... Okay ... ich werde es an Reeve weitergeben ... Äh ... Können wir uns diesmal auch wirklich drauf verlassen?‘

 

Reno ließ sein PHS mit einem leisen Klicken zuschnappen. Das lief anders, als er es sich gewünscht hatte. Er wusste zwar, dass der Name Shinra bei den meisten Leuten noch immer keinen großen Enthusiasmus auslöste, aber von den Mitgliedern von Avalanche hatte er sich auf die Nachricht „Rufus liegt im Sterben“ doch ein wenig mehr Mitgefühl erhofft. Eine Hand legte sich auf seine Schulter und er blickte Rude deprimiert an: „Sag nichts, Kumpel. Ich weiß schon. Gerade bei Avalanche hätte ich es erwarten müssen. Als ob die uns dabei helfen würden, den Präsi zu retten ...“

 

„...“

 

„Hast ja recht. Ist ja nicht so, dass ichʼs nicht verstehe. Rufus benutzt Menschen wie Schachfiguren. Aber ich hab echt gedacht, dass sie nach der Scheiße mit Kadaj und den anderen beiden Karikaturen gemerkt haben, dass es ihm nicht mehr nur um den eigenen Vorteil geht. Ich meine ... Verdammt, Shinra Inc. ist auf dem Weg, eine echt respektable Firma zu werden und das nur, weil er es so will! Er hätte noch immer mehr als genug Geld und Einfluss, um zu tun was ihm Spaß macht, aber er stellt seine eigenen Interessen hintan, um den Planeten zu unterstützen! Warum sieht das niemand?!“

 

„Sie könnten sowieso nichts tun.“

 

„... Ja. So wie wir. Und dabei sind wir seine Damen.“

 

---

 

Man konnte Sephiroth eine Mischung aus brüskierter Enttäuschung und immenser Vorfreude ansehen, als er sich einmal mehr entrollte und die Arme vor der Brust verschränkte: „Schach? Wie klischeehaft. Und du wirfst mir mangelnde Fantasie vor?“ Rufus hob mokierend eine Braue: „Was ist, General? Hast du Angst vor einer Niederlage?“

 

„Mitnichten. Ich bin sogar ziemlich zuversichtlich. Aber wie sollen wir spielen?“

 

„Nun, da dies mein Geist ist ...“

 

Rufus schloss die Augen und erinnerte sich an einen großen, elegant eingerichteten Raum in Junon. Eine Tür zum Bad, eine geradeaus zum Schlafzimmer. Fernseher, Minibar, Sofakombination, Bücherschrank und in der Ecke ...

 

Als er die Lider wieder hob, zeichnete sich ein Stück Boden in das violette Schwirren, in der Mitte standen zwei bequem gepolsterte Stühle, ein kleiner Tisch und darauf ein komplettes Schachspiel. Sephiroth pfiff durch die Zähne: „Weißt du, vielleicht habe ich dich unterschätzt. Es gibt nicht viele Menschen, die eine solche Situation so schnell begreifen und unter ihre Kontrolle bringen können.“ Der Präsident grinste: „Ich habe ebenso viel Vertrauen in meinen Verstand wie du in deinen. Ist es also abgemacht?“

 

„... In Ordnung. Der Verlierer zieht sich zurück.“

 

„Was für eine Sicherheit habe ich, dass du dich daran hältst?“

 

„Keine. Du wirst dich auf mein Ehrenwort verlassen müssen. Und mach dir keine Umstände, du musst mir deines nicht geben. Wenn du verlierst, sorge ich schon dafür, dass du gehst.“

 

„Charmant. Wollen wir?“

 

„Ich nehme Schwarz, wenn es genehm ist.“

 

„Habe nichts anderes erwartet.“

 

Als er sich setzte, spürte Rufus auf einmal, wie sich eine bedrohliche Präsenz an seinen Rücken schmiegte. Er warf seinem Gegner einen verärgerten Blick zu: „Du willst deinem Ruf als unfairer Mistkerl also wirklich alle Ehre machen, was? Kannst du nicht gegen mich gewinnen, ohne meine Konzentration zu brechen?“ Der General zuckte desinteressiert mit den Schultern: „Ich habe keinen Einfluss auf Mutters Anwandlungen. Es scheint sie zu stören, so sehr ignoriert zu werden. Macht es dich etwa nervös, beim Nachdenken von einer Dame beobachtet zu werden?“ „Oh, glaub mir“, zischte Rufus, „mit einer Dame hätte ich nicht die geringsten ProblemAAAAAH!“ Er warf den Kopf in den Nacken, als ein weiteres Mal Schmerz wie ein Blitz durch seine Glieder zuckte. Sephiroth rollte seufzend mit den Augen: „Und ich habe dich vorhin gewarnt.“ Ohne zu fragen eröffnete er die Partie mit einem Bauern auf E4 und sah Rufus dann erwartungsvoll an.

 

Dieser atmete noch einige Sekunden schwer ein und aus, bis er sich von dem jüngsten Angriff einigermaßen erholt hatte, hob zuversichtlich seinen Springer und legte die Figur ohne zu Zögern auf F6 ab. Der General wirkte zum ersten Mal ehrlich irritiert: „Bist du dir ganz sicher? Ich muss zugeben, du überraschst mich jetzt schon zum zweiten Mal, Präsident. Und ich frage mich ernsthaft, ob du außerordentlich mutig bist ... oder entsetzlich dumm.“ „Vielleicht habe ich auch nur ein überbordendes Selbstvertrauen“, zwinkerte Rufus und legte seine Hände in den Schoß, um den nächsten Zug abzuwarten.

 

Drei weitere später stützte Sephiroth das Kinn schmunzelnd auf einem Handballen ab und murmelte: „Weißt du, mir ist sehr bewusst, was für ein Spiel du mit mir treibst, aber ich tue einfach mal ahnungslos, denn ich würde dafür sterben, zu sehen, wie du diese Strategie auszuführen gedenkst.“ „Du bist sehr zuvorkommend“, erwiderte Rufus und ein feiner Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn.

 

Eine Weile ging es stumm hin und her, bis Sephiroth auf einmal sagte: „Es wundert mich eigentlich, dass du noch immer so sehr am Leben hängst. Sollte nicht langsam dein Gewissen in Konflikt mit deinen Methoden geraten und du dir reuevoll eine angemessene Strafe für deine Vergehen wünschen?“ „Das sagt der Richtige“, brummte Rufus gedankenverloren und stahl ihm einen Bauern, „Bist du wirklich schon so realitätsfern, dass du deine eigenen Missgriffe nicht mehr als solche erkennst?“ „Wenn ich dich daran erinnern darf“, erwiderte Sephiroth und heimste eben jenen Bauern ein, durch den er den eigenen verloren hatte, „ich war mal ein Held. Einer von den Guten. Du hingegen warst schon immer ein egoistisches, rücksichtsloses Balg.“

 

Rufus starrte aufs Brett. Er sah einige Möglichkeiten, anzugreifen, doch alle würden Sephiroth die Gelegenheit zum Konter oder ihm später im Spiel ein Schlupfloch für ein paar schmerzhafte Züge geben. Zudem schienen sich glühende Hände um seinen Hals zu schlingen, die ihm die Luft abschnürten. Er ließ sich jedoch nichts anmerken und kicherte leise: „Du redest von Rücksicht? Du hast damals ein ganzes Dorf Unschuldiger dem Erdboden gleichgemacht. Und du hast deine Freunde angegriffen mit der festen Absicht, sie zu töten. Ist das Rücksicht?“ Sephiroth lehnte sich überheblich lächelnd zurück: „Und du warst noch ein halbes Kind, als du zum ersten Mal deine einzigen echten Verbündeten ans Messer geliefert hast. Es war ausgesprochen unterhaltsam.“

 

Die Hände drückten fester zu.

 

---

 

Tseng sah von der Zeitung, die aufgeschlagen auf seinem Schoß lag, auf, als er ein leises Stöhnen vom Bett vernahm.

 

Rufus sah furchtbar aus. Sein Gesicht glühte und Schweiß lief ihm literweise von der Stirn. Zumindest schlug er nicht mehr panisch um sich. Dafür hatten die Beruhigungsmittel gesorgt, mit denen ihn die Ärzte vollgepumpt hatten. Der Turk stand seufzend auf und ging zu ihm hin, legte ihm besorgt die Hand auf die Wange und schüttelte resigniert den Kopf.

 

Das leichte Klappern der Zimmertür ließ ihn aufhorchen. Eine große, dunkle Gestalt war eingetreten und nickte ihm nach einem kurzen Blick auf den Patienten stumm zu. Wer Tseng genau kannte, konnte das feine Lächeln erkennen, welches seine Mundwinkel bei dem Anblick hob. Er wandte sich wieder ab und zog Rufusʼ Decke ein Stück höher, um ihn vor Zugluft zu schützen: „Noch ist es zu früh, alter Mann. Du kannst ihn noch nicht mitnehmen.“ Ein verblüfftes Prusten ertönte und die Gestalt setzte sich in Bewegung, um sich zu ihm zu gesellen: „Nun mal nicht so melodramatisch. Ich bin nicht der Sensenmann.“ Sie reichten sich die Hände.

 

„Wie geht es dir, Tseng? Hoffe, er bereitet dir nicht zu viele Probleme?“

 

„Mir geht es gut. Und was die Probleme betrifft ... Du siehst es ja.“

 

Der Neuankömmling nickte und sah hinab auf das mitgenommene, blasse Gesicht seines ehemaligen Arbeitgebers. Tseng trat zurück und ließ ihm mehr Raum: „Verdot ... Was machst du hier? Ich wusste zwar, dass Reno jedem, den es interessiert und eventuell auch jedem, den es nicht interessiert die Nachricht von Rufusʼ Leiden hat zukommen lassen, aber ich hätte nicht gedacht, dass es irgendjemanden zu einem Krankenbesuch veranlassen würde. Schon gar nicht einen der ehemaligen Turks. Und wenn es aus dem Grund geschieht, seine Schwäche auszunutzen, dann ...“ Er ließ den Rest des Satzes als Warnung in der Luft hängen. Doch Verdot lachte nur: „Nein, ich bin noch nicht so tief gesunken, einem bewusstlosen Mann ein Messer ins Herz zu rammen. Im Gegenteil. Ich bin hier, weil ich mir Sorgen mache. Oder besser ... wir.“

 

Tseng runzelte irritiert die Stirn und vernahm plötzlich ein leises Klopfen. Am Fenster standen nicht nur seine Turks, sondern auch noch einige andere nur zu gut bekannte Männer und Frauen, die ihm mit Gestik und Mimik ein großes Hallo bereiteten. Er stutzte und senkte dann amüsiert schnaufend den Blick: „Wenn er das sehen würde ...“

 

„Würde er uns beschimpfen, wie wir auch nur daran haben denken können, dass er es nicht alleine schafft.“

 

„... Äußerst präzise formuliert.“

 

Sie kicherten beide, ehe Verdot wieder auf Rufus hinabsah: „Was würdest du sagen, wenn ich gestehen würde, dass wir euretwegen gekommen sind? Dass wir uns nur um seinen Zustand sorgen, weil ihr ohne ihn eine lange, schmerzliche Eingewöhnungszeit in das Leben gewöhnlicher Leute durchmachen müsstet und wir euch das ersparen wollen?“ Tseng dachte keine Sekunde darüber nach, sondern antwortete emotionslos: „Dass ihr euch den Weg in diesem Fall hättet sparen können, weil ihr ihm damit kein Stück helfen würdet. Und, dass ihr dann besser verschwinden solltet, ehe Elena und Reno die Wahrheit erfahren. Die beiden haben nämlich seit seiner Einlieferung ausgesprochen kurze Zündschnüre.“ „Hm“, schmunzelte der Ex-Turk nur, „dann können wir ja von Glück sagen, dass es nicht die Wahrheit ist.“

 

Tseng öffnete den Mund, doch Verdot ließ ihn nicht zu Wort kommen: „Ich will ehrlich mit dir sein. Dieser gerissene Bastard hier ist einer der am schwersten zu liebenden Zeitgenossen, die ich jemals in meinem Leben getroffen habe. Er ist durchtrieben, er ist hinterhältig, er ist kaltblütig, nicht zu vergessen besitzt er eines der größten Egos dieses ganzen verdammten Planeten.“ Wieder wollte Tseng protestieren und wieder schnitt ihm Verdot das Wort ab: „Aber! Er ist der Sohn meines ältesten Freundes – wie unglücklich die Freundschaft auch verlaufen sein mag – und ich kenne dieses verwöhnte Balg, seit es aus dem Schoß seiner Mutter gekrabbelt kam. Es ist eine Sache, alte Bekanntschaften ruhen zu lassen, wenn man weiß, dass die Betroffenen ein zufriedenstellendes Leben führen. Aber es ist eine ganz andere, wenn man weiß, dass es ihnen schlecht geht. Deswegen bin ich hier. Außerdem ...“ Er griff nach Rufusʼ Handgelenk und drückte es sanft: „Die Tatsache, dass ihr ihn noch immer nicht aufgegeben habt, spricht Bände. Sag mir, Tseng, wie hat er sich entwickelt seit damals?“

 

Und Tseng berichtete seinem ehemaligen Vorgesetzten vertrauensvoll alles, was er mit seinen jungen Kollegen und ihrem nicht mehr ganz so selbstherrlichen Boss erlebt hatte. Während der ganzen Zeit hielt Verdot das Handgelenk des Präsidenten umfasst und strich manchmal, wenn die Erzählung an einem Punkt angelangt war, der auch nur das blasseste positive Licht auf ihn warf, unbewusst mit dem Daumen über die viel zu warme Haut.

 

---

 

Eine plötzliche Welle des Selbstvertrauens überkam Rufus und er schickte souverän seinen zweiten Springer in die Schlacht. Jenova ließ spürbar überrumpelt wieder ein wenig von ihm ab und er konnte etwas freier atmen. Obwohl ihm Sephiroths nächste Züge grob verrieten, was er in naher Zukunft von ihm zu erwarten hatte, verspürte er keine Sorgen und so erwähnte er arglos: „Du hast recht, ich habe diesen unzulänglich durchdachten Schritt wirklich lange bereut. Nicht nur, weil er mich eines guten Stücks meiner Freiheit beraubt, sondern auch, weil er mich einige wertvolle Beziehungen gekostet hat. Hätte ich gewusst, wie wichtig die Turks mal für mich werden würden, hätte ich ihre Gruppe mit Sicherheit nicht gesprengt. Sie haben sich als ausgesprochen ... nützlich erwiesen.“

 

Er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zuzugeben, dass sie ihm gute Freunde geworden waren.

 

Sephiroth nickte verstehend: „Oh ja. Sie hängen tatsächlich sehr an dir. Vor allem dein Lieblings-Turk.“ „Ich weiß nicht, was du meinst“, log Rufus lapidar und versetzte seinen Läufer auf C4. Sein Gegner folgte ohne Bedenkzeit mit der Dame auf D2 und sah ihn prüfend an: „Hm ... Seine unbedingte Treue zu dir verwundert mich eigentlich. Immerhin war es deine Sippe, der er den Untergang seines Heimatlandes zu verdanken hatte.“ „Oh bitte“, fuhr Rufus entrüstet auf, „da war ich ja noch jünger!“

 

„Alt genug.“

 

„Was hätte ich gegen den Lauf des Wutaikrieges ausrichten können, General? Mach dich nicht lächerlich!“

 

„Du hättest etwas ändern können“, beharrte Sephiroth, „Damals war es unter nur wenigen anderen deine Stimme, die der Präsident tatsächlich noch gehört hat. Du hattest einen großen Einfluss auf ihn, einen größeren, als du dir vielleicht vorstellen kannst. Aber du hast ihn nicht genutzt. Weder für Wutai, noch für irgendeinen Bewohner, so nahe er dir auch gestanden haben mochte.“

 

Rufus schnappte nach Luft, als sich stechender Druck in seinem Brustkorb ausbreitete.

 

---

 

Tseng packte Rufus bei der Schulter, als ihn ein heftiger Hustenanfall zu schütteln begann. Vorsichtig richtete er ihn auf und klopfte ihm auf den Rücken. Mehr und mehr schwarzer Schleim triefte in das Handtuch, welches er ihm vor den Mund hielt und er strich einige Haarsträhnen beiseite, um zu überprüfen, ob sich endlich die typischen Geostigma-Spuren auf der verschwitzten Stirn abzeichneten.

 

Er stutzte und schnaubte, zornig über sich selbst. War er tatsächlich schon so verzweifelt, dass er sich wünschte, Rufus erneut an dieser teuflischen Infektion zugrundegehen zu sehen, etwas – irgendwas – Sicheres zu haben, an dem er sich festhalten konnte? Woran auch immer Rufus gerade litt, es konnte nicht schlimmer sein als Geostigma.

 

... Richtig?

 

Eine schrille Stimme schreckte ihn aus den Gedanken auf und er sah automatisch zur Tür: „Hui, sieh an! Ich dachte, Tifa macht Witze, als sie sagte, dass es mit dem Präse bergab zu gehen scheint, aber es sieht wirklich nicht gut aus, was? ... Und, übrigens, ich bin hier drüben.“ Sein Kopf ruckte herum zum Fenster.

 

Yuffie stand, breitbeinig in den Rahmen geklemmt, vor der Scheibe und streckte ihm vergnügt die Zunge heraus. Seine Lider senkten sich misstrauisch: „Was willst du hier?“ Sie zuckte mit den Schultern, trat das Fenster, dass zum Glück nur angelehnt war, auf und hüpfte mit einem Salto ins Zimmer: „Dachte, ich seh ihn mir mal an! Wer weiß, wann ich seine in Agonie verzerrte Visage das nächste Mal bewundern kann? Uuuund außerdem ...“ Sie zog eine Kamera aus ihrer Gürteltasche hervor: „Bin ich zur Zeit freischaffende Journalistin für den ‚Edge Standard‘! Bitte recht freundlich!“ Ein Blitz traf Tseng mitten in die Augen, nachdem er gerade noch die Gelegenheit hatte, Rufusʼ Gesicht an seiner Brust zu verstecken.

 

Er funkelte sie drohend an und für jeden anderen Menschen, der an seinem Leben hing, wäre das ein Zeichen zum sofortigen Rückzug gewesen, doch die gutgelaunte Ninja dachte gar nicht ans Flüchten. Stattdessen schoss sie noch drei Fotos, ehe sie enttäuscht einen Rüffel zog: „Oh, komm schon, Tseng, die Bürger haben ein Recht darauf, zu erfahren, wie es um einen ihrer Anführer steht! Außerdem brauche ich das Geld! Ich hab seit gestern nichts mehr zu essen gehabt!“ Sie zückte ein Diktiergerät und schob es ihm lästig dicht vor die Nase: „Also, wie geht es ihm? Woran leidet er? Ist es langwierig und schmerzvoll? Wird er wieder aufwachen? Wer erbt seinen Nachlass, wenn er den Löffel abgibt? Wo lagert ihr eure Materia? Hat er Hinterbliebene, die um ihn trauern? Wo und wann wird das Begräbnis stattfinden? Kann er andere anstecken? Vielleicht sogar eine Epidemie auslösen? Was wird auf seinem Grabstein stehen? Wie geht ihr als seine engsten Berater damit-“

 

„Reno!“

 

„Ach, komm schon, Mann, ich versuch hier, einen respektablen Job zu machen! Immer noch besser, als sich als Diebin durchzuschlagen, sagt Vater! Also ... Wo, sagtest du nochmal, lagert ihr eure Materia?“

 

„RENO!!!“

 

Der donnernde Ruf lockte den anderen Turk innerhalb von Sekunden ins Krankenzimmer und er stutzte, als er das Mädchen sah: „Häh? Yuffie! Du bist ja doch in der Stadt! Wie bist du denn reingekommen, ich hab doch die ganze Zeit vor der Tür gehockt?! ... Moment, warum bist du überhaupt hier? Ich hab dich vorhin als Einzige nicht erreichen können!“ „Das ist unwichtig“, knurrte Tseng und erregte damit sofortige Aufmerksamkeit, „Schaff sie hier raus. Und sorg dafür, dass sie nicht wieder reinkommt.“ Yuffie protestierte: „Aber-“

 

„SOFORT!!!“

 

Reno zuckte entsetzt zurück. „Wütend wütend wütend-“, flüsterte er Yuffie wie ein Mantra zu, als wäre das genug als Warnung, Tseng nicht weiter zu provozieren, was immer sie auch angestellt hatte und packte sie am Arm, um sie hinter sich herzuziehen. „Was habt ihr denn alle?! Es ist Rufus, Herrgottnochmal“, beschwerte sie sich lautstark, „Der Typ teilt massenweise aus, aber einstecken kann er nichts?! Ich kapier echt nicht, warum du so für ihn einstehst, Tseng! Nach allem, was er dir angetan hat! Was er Wutai angetan hat! Hast du überhaupt keinen Stolz, weder als Individuum noch als Landsmann?! Antworte mir, verdammt nochmal!“

 

Er hob den Kopf, sah ihr aber nicht in die Augen, als er in einem anklagenden Tonfall murmelte: „Du hast dich verändert, Yuffie. Und ich bin sprachlos ob des neuen Rekordtiefs, welches du determinierst.“ Sie starrte ihn entgeistert an und kreischte dann gekränktes Zeter und Mordio, während Reno sie aus dem Zimmer zerrte.

 

Als endlich die Tür ins Schloss fiel und er die beiden draußen nur noch hitzig miteinander diskutieren hörte, legte er Rufusʼ Kopf in die Kissen zurück. Mit einem sauberen Teil des Handtuchs trocknete er die feuchte Stirn ab und ließ dann die Hand auf eine bebende Schulter sinken.

 

„Was immer sie auch sagt, ich bleibe an deiner Seite. Die Vergangenheit ist vergangen. Nichts, was wir daran ändern können. Aber die Zukunft ist noch offen. Du warst auf dem Wege der Besserung, Rufus, lass dich jetzt nicht von einer verdammten Krankheit aufhalten! Wir brauchen dich, hörst du?“

 

Vielleicht war es Einbildung, aber es erschien ihm, als würde seine Stimme die schauernden Atemzüge seines Vorgesetzten etwas mildern.

 

---

 

Rufus atmete tief durch und klopfte sich leicht auf die Brust, als die Anspannung darin verebbte. Mit einer scheuchenden Geste brachte er das Wesen hinter sich wieder auf Abstand und schüttelte den Kopf, um sich besser konzentrieren zu können. „Wenn Tseng eines nicht ist“, fauchte er pikiert, „dann ist das nachtragend. Er war schon damals viel zu gut für die Turks und ich bin froh, dass weder ich noch mein Vater oder unsere ganzen unfähigen Abteilungsleiter das jemals begriffen haben! Ansonsten wäre er jetzt tot und ich hätte einen Freund weniger.“

 

Da, er hatte es ausgesprochen.

 

Sephiroth brummte nur nachdenklich, machte einen hervorragenden Zug und fragte dann: „Du hast also nicht mehr das Bedürfnis, dich seiner zu entledigen? Obwohl er so weich ist wie ein abgelaufenes Kaugummi?“ Rufus lehnte sich vor und starrte verbittert auf das Spielbrett hinab: „Weich, General? Hattest du vorhin nicht erwähnt, dass du auch einst zu den Guten gehört hast? Auch, wenn es lediglich dazu diente, die Firma in ein positives Licht zu rücken, hast du dem Volk unzählige Male gedient. Wie du schon sagtest, du warst ein Held.“ Er sackte bösartig lächelnd einen Turm ein: „Und jetzt bist du ein Massenmörder.“

 

Auch Sephiroth beugte sich drohend vor und stahl ihm einen Läufer: „Wer hat mich dazu gemacht, Präsident Shinra?“ Rufus schlug den gierigen Springer mit seinem König: „Du, mein Freund. Die Wahl lag – und liegt – ganz bei dir. Es hätte andere, weniger blutige Lösungen gegeben, aber du bist den Weg des grausamen Rächers gegangen. Und alles zum Wohle des Planeten? Dass ich nicht lache. Wie wir gesehen haben, hat er sich ja höchst erfolgreich gegen seinen ‚Wohltäter‘ gewehrt, nicht wahr? Und du bist immer noch der Meinung, du hättest das Richtige getan?!“ „Hm“, machte Sephiroth und setzte seine Dame beim Zurücklehnen auf E5, „lustig, dass ausgerechnet du mir eine Standpauke hältst, Herr Ich-regiere-die-Welt-durch-Angst.“

 

„... Woher weißt du davon?“

 

„Mutter hatte damals ihre Ohren überall.“

 

„Buchstäblich.“

 

„... Du wirst die Nacht nicht überleben, wenn du sie weiterhin dermaßen reizt. Wenn ich dich nicht töte, wird sie es tun.“

 

„... Wie auch immer. Es war nur die anmaßende Bemerkung eines etwas zu gut behüteten Narren. Und glaub mir, dieser Narr hat sehr schnell gelernt.“

 

Sephiroth verschränkte lässig die Arme vor der Brust, während Rufus grübelte: „Aber war es schnell genug? Du hast nie so viel Bockmist verzapft wie in deiner kurzen Amtszeit als Präsident. So viel ist schiefgelaufen, so viele Fehler wurden gemacht ...“ Rufusʼ Hand zuckte gefährlich und er fuhr zufrieden fort: „Deine geliebten Turks mussten so viele Bluttaten verrichten. Tseng Aerith verhaften, Reno einen ganzen Sektor vernichten, um eine Handvoll Umweltterroristen zu töten, deren Ansichten sich später als korrekt herausgestellt hatten. Du hast sie Heidegger unterstellt. Heidegger!“ Er lachte lauthals und Rufus platzte der Kragen: „Du warst auch nicht gerade ein Vorbild an Geist und Esprit! Den Planeten zerstören, General? Alles Leben auslöschen? Wirklich? Du kannst von Glück sagen, dass dein Wahnsinn bereits alle natürlichen Grenzen gesprengt hat, sonst hättest du deinen Verstand nach langen, qualvollen Jahrtausenden der Einsamkeit verloren. Im Gegensatz zu dir ist mir wenigstens bewusst, dass der Mensch Menschen zum Überleben braucht!“

 

„Ja. Bestimmte Menschen, die die Elite als würdig anerkennt, richtig? Aber solche, die sich gegen deine erlesene Meinung zu wehren wagen, werden schonungslos niedergemetzelt. Stichwort Avalanche, mein Lieber. Ich mache wenigstens keine Unterschiede.“

 

Rufus biss mit einem erstickten Schrei die Zähne zusammen, als sich sein Kopf anfühlte, als würden ihn zwei Hände wie eine Zitrone auszupressen versuchen.

 

---

 

Reno und Rude hielten mit sichtlicher Mühe seine Arme auf die Matratze gedrückt, während Elena all ihre Kraft benötigte, um seinen Kopf still zu halten, damit er sich beim wilden Hin- und Herschlagen nicht das eigene Genick ausrenkte. Tseng war auf der Suche nach einem Arzt.

 

In diese angespannte Situation platzte niemand Geringeres als Tifa Lockhart, komplett mit Blumenstrauß und sehr, sehr schuldbewusstem Gesichtsausdruck. Reno warf ihr einen kurzen Blick zu, als sie das Gerangel verschreckt betrachtete und stieß säuerlich hervor: „Was machst du denn hier? Hast du nicht beileibe Wichtigeres zu tun, ‚YO‘?!“ Rude nickte ihr zumindest höflich zu, doch Elena schien über ihre unterkühlte Reaktion auf Renos Anruf informiert worden zu sein und strafte sie nun mit ebenso unterkühlter Ignoranz. Sie wusste sich der distanzierten Atmosphäre nicht anders zu erwehren als mit einem unsicheren Kichern und stammelte leise: „Ähm ... Ja ... Nun ... Es ... es tut mir wirklich ausgesprochen lei-“ Renos Fluch unterbrach sie rüde, als er den Halt verlor und Rufusʼ Faust die Gelegenheit wahrnahm, ihm einen harten Kinnhaken zu verpassen.

 

„VERDAMMTES MISTSTÜCK ICH ZEIG DIR GLEICH MAL WAS ʼNE HARKE IST!!!“

 

„Reno“, fuhr Elena ihn wütend an, „er kann doch nichts dafür! Er steht völlig neben sich!“ Ihr Kollege antwortete nicht, sondern packte nur erneut nach der zuckenden Hand und hielt sie fest an sich gedrückt. „Tut mir echt leid, Mädel“, rief er Tifa entnervt zu, „aber jetzt ist nicht die beste Zeit für ʼne Aussprache! Wie du siehst, gehtʼs dem Boss gerade gar nicht gut! Und wo bleibt TSENG MIT DEM VERSCHISSENEN ARZT?!“

 

„Reno, deine Ausbrüche machen es nicht besser! Eher noch schlimmer, ich hab das Gefühl, als würde er jedes Mal zu atmen aufhören, wenn er dich schreien hört, also halt gefälligst deine vorlaute Fresse!“

 

„Hui, El, ich liebe es, wenn du ausfallend wirst!“

 

Tifa wollte etwas sagen, doch ihr entfuhr nur ein erschrockenes Ächzen, als sie im nächsten Moment unachtsam zur Seite gestoßen wurde. Tseng schob sich an Rude vorbei und löste Elena ab, um Rufus so ruhig wie möglich zu halten, während der mit ihm herbeigeeilte Arzt eine Spritze mit einer grün schimmernden Lösung bereithielt, die er dem tobenden Patienten bei nächstbester Gelegenheit in die Halsschlagader jagte.

 

Tifa ließ die Blumen fallen und hielt sich schockiert die Hände vor den Mund, als Rufus einen markerschütternden Schrei ausstieß und für kurze Zeit seine Anstrengungen verdoppelte, nur um nach einigen nervenaufreibenden Minuten endlich kraftlos aufs völlig verrutschte Laken zurückzufallen. Alle Beteiligten keuchten angestrengt.

 

Der Mediziner sorgte dafür, dass das Bettzeug gewechselt wurde und wenig später herrschte endlich wieder Ruhe im Zimmer, nur unterbrochen von Rufusʼ einem oder anderem kaum vernehmbaren Wimmern. Tifa stand noch immer reglos neben der Tür, bis Elena endlich Gnade zeigte, sie zu einem der Stühle führte und sie darauf niederdrückte. Dann ging sie und sammelte die Überreste des Straußes auf. Tifa schluckte in die Stille hinein: „Ist das ... ist er ... Ich meine, passiert das ... oft?“ „Ab und zu“, bestätigte Tseng und massierte sich den Nasenrücken, „und es wird zusehends heftiger.“ „Was ...“, sie stockte und versuchte es erneut, „Was hat ihm der Doktor eben gegeben?“ „Beruhigungsmittel“, seufzte Reno ermattet, „viel und konzentriert. Ist das Einzige, womit er dienen kann, behauptet er.“

 

„Behauptet er?“

 

„Traue diesen vermaledeiten Bastarden nicht über den Weg. Wer kann schon nachprüfen, ob es tatsächlich so schlimm um ihn steht oder ob sie ihn nur endlich über den Lebensstrom wandern sehen wollen?“

 

„Reno ...“

 

„Ist doch wahr! Scheiße, ich brauch ʼnen Schnaps.“

 

„Reno.“

 

„Aaaaaaaber da ich weiß, dass unser Boss das nicht gutheißen würde, begnüge ich mich mit ʼnem Kaffee. Soll ich jemandem was mitbringen?“

 

„Kaffee.“

 

„Kaffee.“

 

„Kaffee.“

 

„Schnaps.“

 

Alle starrten fassungslos auf Tseng, der mit geschlossenen Augen dasaß und sich mit festem Druck die Schläfen rieb. Dann stand er auf und brummte: „Schon gut, ich besorg ihn mir selbst. Bleib hier, Reno, ich bring den Kaffee mit.“ Reno hob einen Zeigefinger: „Also, Boss, wenn du schon ʼne Ausnahme machst, dann nehm ich auch einen-“ „Das war ein Scherz“, sagte Tseng ausdruckslos und ohne seinen Blick von ihm abzuwenden. Der Finger sackte traurig ab: „... Das wusste ich. Klar. Kein Schnaps. Kaffee bitte. Dunkel und stark.“

 

Als ihr Anführer die Tür hinter sich zugezogen hatte, seufzten sie simultan. Es war nicht Tsengs Art, unter solchen Umständen derartige Späße von sich zu geben und es verdeutlichte ihnen, wie ernst die Lage war. Tifa sah von einem hoffnungslosen Gesicht ins nächste und räusperte sich schließlich befangen: „Was ... was ich vorhin sagen wollte, ist ... Es tut mir entsetzlich leid, dass ich dir so vor den Kopf gestoßen habe, Reno, bitte verzeih. Ich ... ich habe es einfach nicht für möglich gehalten! Ich meine, wie viele Katastrophen hat Rufus jetzt schon überlebt?! Ich habe wirklich gedacht, du treibst wieder einen deiner geschmacklosen Streiche mit mir!“ Sie schlug sich die Hände vors Gesicht: „Aber das vorhin ... Mein Gott! Es tut mir so leid!“

 

Die Turks warfen sich verhaltene Blicke zu. Elena biss sich auf die Unterlippe: „Naja ... wir reden hier von Reno, stimmtʼs? Sie hat nicht unrecht, wenn ihr mich fragt.“ Rude stimmte ihr mit einem besonders vorwurfsvollen „...“ zu und verschränkte mit einem Blick auf Reno erwartungsvoll die Arme vor der Brust. Dieser begann zu schwitzen: „Hey, warum bin ich hier jetzt plötzlich der Buhmann?!“ Dann senkte er den Blick: „Aber ... ich schätze, es stimmt schon. Vielleicht sollte ich mich mit sarkastischem Humor ein wenig zurückhalten ... Okay, es war wohl teilweise meine Schuld. Gegessen.“

 

Tifa atmete erleichtert auf. Dann begann sie, nervös an einem Fingernagel zu kauen: „Hört mal, ich will ehrlich sein, ich bin nicht unbedingt sein größter Fan und ich bin eigentlich wegen euch hergekommen, weil ihr euch während des ganzen Kadaj-Debakels als echte Verbündete herausgestellt habt ... Aber das ... Das klang grauenhaft! Er schien furchtbare Angst zu haben! Ich denke ja durchaus, dass er für das eine oder andere Handeln teuer bezahlen sollte, aber ...“

 

Sie lächelten dankbar. Elena legte ihr eine Hand auf den Arm: „Du bist echt noch immer die Alte. Steinhart im Auftreten, aber butterweich auf der Innenseite!“ Rude nickte zustimmend. Reno grinste nur: „Wir sagen es besser nicht Rufus. Er könnte versuchen, einen Vorteil für sich rauszuschlagen, indem er auf die Tränendrüse drückt!“ Alle lachten befreit, glücklich, dass sich die nervöse Stimmung ein wenig entspannt hatte.

 

Tifa kratzte sich verlegen am Hinterkopf, als sie in eine ihrer Taschen griff und einen kleinen schwarzen Kasten hervorholte, welchen Reno augenblicklich als Yuffies Diktiergerät identifizierte. Sogleich verdunkelte sich seine Miene, als er an die unschöne Streitigkeit zurückdachte und knurrte: „Oh nein, nicht du auch noch! Seid ihr wirklich so scharf darauf, ihn leiden zu sehen?“ Sie hob abwehrend die Hände, sich sehr wohl bewusst, was er meinte, hatte sie die Geschichte doch von Yuffie selbst erfahren. „Nein, reg dich nicht auf! Sie hat uns alles erzählt und ihren Fehler eingesehen“, sie richtete stolz einen Daumen auf, „Dieses Mal sogar ohne jede Belehrung unsererseits!“ Sofort wrang sie jedoch wieder tief beschämt die Hände: „Es hat sich rausgestellt, dass auch die anderen die Nachricht nicht so richtig ernst genommen haben. Wir haben darüber geredet und unser Verhalten überdacht und ... Es tut uns leid. Glaubt mir, wirklich leid! Außer mir konnte niemand persönlich kommen, aber Yuffie ist umhergezogen und hat Genesungswünsche für ihn zusammengetragen!“ Sie wies schüchtern aufs Bett: „... Darf ich?“ Die Turks warfen sich verhaltene Blicke zu, doch schließlich nickte Reno großzügig.

 

Also ging Tifa zu Rufus hinüber, hockte sich auf die Bettkante, um sich mit einer Hand auf seiner Schulter abzustützen und hielt ihm das Gerät dicht ans Ohr.

 

„Hey, Rufus, hier ist Yuffie. Äh ... Hör mal, ich bin nicht so gut mit diesem sentimentalen Zeug, also ... Öhm ... Na schön, es tut mir leid, okay?! Ich bin wohl ein bisschen zu weit gegangen. Ich meine, es ist voll uncool, auf Schwächeren rumzuhacken, also ... Werd gesund und hack ordentlich zurück, ja?! Und die Fotos hab ich gelöscht, es wär also nett von dir, Tseng davon abzuhalten, mir beim nächsten Sichtkontakt an die Gurgel zu springen ... ... ... ... Oh Gott, ich kann nicht glauben, dass ich das wirklich gesagt hab ...“

 

„He, Junge, jetzt stell mal schön die Lauscherchen auf! Du kannst verdammt nochmal nicht einfach abkratzen, wennʼs dir am bequemsten erscheint, klar?! Wir fördern hier Öl satt, also wenn duʼs mit uns aufnehmen willst, schlage ich vor, dass du deinen müden Hintern aus dem Bett schwingst und dich auf die Suche nach alternativen Energien machst! Over und Aus! ... Name? Warum Name? Er kennt mich doch! ... Was soll das heißen, er hat mich womöglich schon längst verdrängt, du Scheißgör! Komm sofort wieder her, ich zieh dir deine verdammten Ohren lang, du klein-“

 

„Hallo, Rufus. Hier spricht Red XIII. Das mit dem Feiertag war nur ein Scherz. Aber es war zugegebenermaßen ein schlechter Zeitpunkt für einen Scherz ... Nun gut, es war schlechthin ein schlechter Scherz. Deshalb Entschuldigung deswegen. Ich wünsche dir baldige Besserung! ... War das gut so, Yuffie? ... ... Was soll das heißen, mit mehr Gefühl? Ich ... ich habe doch schon mein ganzes Gefüh-“

 

„Yo, Hohlkopf, ich binʼs, der Besitzer der fliegenden Klapperkisten, erinnerst du dich? Nun, ich wollte dir nur bestellen, dass ich derzeit an ʼner neuen Tiny-Bronco-Serie werkle, mit der ich dir beweisen werde, was für feine Maschinen das sind! Also lass dich ja nicht von so ʼnem komischen Virus dahinraffen, kapiert?! Oh, und wenn du dich an dem Projekt beteiligen möchtest, finanzielle Zuwendungen gehen an-“

 

„... ... ... ... ... ... ... ... ... Ich kann das nicht, Yuffie ... Nein, wirklich nicht! ... ... ... Kannst du ihm das nicht persönlich ausrichten? ... Dann gehe ich selbst. Ich habe sowieso was in der Stadt zu erledigen ... ... ... ... ... ... ... Bitte hör auf, mich zu verfolgen! ... ... Ich muss einfach nur ‚Gute Besserung‘ sagen? Hm ... ... Na schön. Gute ... Was, meinen Namen auch? Und Begrüßung?! ... ... ... ... ... ... ... ... ... ...“

 

„Guten Abend, Präsident Rufus! Wir werden morgen wunderschönes Wetter haben! Sie werden einen der schönsten Tage des Jahres verpassen, wenn Sie nicht bald aufwachen! Und außerdem stehen die Sterne exorbitant gut für ein Treffen mit der Frau Ihres Lebens! Behandeln Sie sie gut, kaufen Sie ihr ab und zu einen Sandsack und stocken Sie regelmäßig ihr Weindepot auf und Sie werden sich bis zum Rest Ihres Lebens wie im siebten Himmel fühlen! ... ... Wie kannst du das sagen, ich ‚höre mich an wie eine Wahrsagemaschine‘, Yuffie?! Ich bin eine Wahrsagemaschine! ... ... Es ist nicht kryptisch, ich kann auch nur sagen, was auf dem Zettel steht! ... Das ist kein Scharlatanismus! Ich treffe immer ins Schwarze! Oder ... zumindest meistens. Häufig. Manchmal ... Okay, es besteht eine Chance von Eins zu einer Million, aber wenn sich das Paar anstrengt, hat es sehr gute Voraussetzungen! Oh, warte, da kommt Reeve! Bleib dran, Yuffie!“

 

„Hallo, Rufus? Ich binʼs, Reeve. Verzeih Caits unverständliches Gebrabbel, er weiß oft nicht, wann es besser ist, zu schweigen. Ich habe von deiner Krankheit gehört, mein Beileid. Ich weiß, du lässt dich von winzigen einzelligen Parasiten nicht unterkriegen, aber du sollst zumindest wissen, dass du auf meine Hilfe zählen kannst, wenn du sie benötigst. Und das sage ich nicht nur, weil du mein bedeutendster Geschäftspartner bist. Wir wissen beide, dass die WRO auch ohne dich zurechtkommen wird, also mach dir keine Sorgen ... Hm? Ich weiß auch nicht, wann Schweigen angebracht ist? ... ... Vielleicht habt ihr recht. Rufus, ich mach jetzt besser Schluss. Werd schnell gesund, ich hab nämlich ein neues Projekt am Laufen, bei dem ich deine Unterstützu-“

 

Das Gerät schaltete sich mit einem Klicken ab und Tifa räusperte sich verlegen: „Ähm ... ja. Das ... ist das.“ „Das kam ... etwas unerwartet, wie ich zugeben muss“, schmunzelte Elena dankbar, „Es klang fast so, als würdet ihr ihn wirklich vermissen.“ Die Faustkämpferin räusperte sich: „Oh, soweit würde ich nicht gehen, aber ... Nun, ich muss zugeben, dass es ziemlich ruhig gewesen ist während der Zeit, in der wir ihn für tot gehalten haben und ... Es ist nicht so, dass wir nicht sehen würden, wie sehr ihr euch bemüht. Es ist nur schwer, es zuzugeben, so mit unserer Geschichte ... Ich meine, ihr wart unsere Todfeinde! Und er hat mich und Barret hinrichten lassen wollen! Ihn auf einmal wie einen Freund zu behandeln ...“ Sie versuchte, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, doch es kam ihr nichts Passendes in den Sinn und so seufzte sie nur resigniert.

 

Zum Glück hob Rude beruhigend eine Hand: „... Schon gut.“ Sie sah ihn überrascht an und Reno übernahm das Sprechen für seinen wortkargen Partner: „Hey, wir verstehen euch! Sind ja schließlich nicht total ignorant. Wir haben einige verflixt dämliche Manöver durchgeführt damals. Ich an eurer Stelle würde mir nicht die Mühe machen, diverse gute Seiten zu diskutieren.“ Er legte grinsend den Kopf schief: „Aber ich schätze, deshalb seid ihr die Guten und wir die Bösen, richtig?“ Rude nickte zustimmend, doch dann rieb er sich nachdenklich das Kinn: „Aber ... wo ist Clouds Nachricht?“ „Hm, stimmt“, murmelte Elena verdutzt, „jetzt wo duʼs sagst. Alle haben einige nette Worte hinterlassen, aber er war nicht dabei. Er ... hat seine Meinung wohl nicht geändert?“

 

Die Turks seufzten deprimiert, sodass sich Tifa heftig zu dementieren verpflichtet fühlte: „Nein, so ist es nicht! Ihr habt schon recht, Cloud ist nicht sonderlich feinfühlig, aber ich bin mir sicher, dass ihn die Sache mehr beschäftigt als er zugibt! Er ist nur seit knapp einem Monat auf Kurierfahrt und es ist ein Heidenaufwand, ihn zu fassen zu bekommen, wenn er auf Tour ist. Yuffie jagt ihm nach noch während wir hier sprechen, aber ich weiß beim besten Willen nicht, wann sie seinen gleichgültigen Arsch endlich weit genug in die Enge gedrängt haben wird, um ihn zu einem Rückruf zu bewegen.“ Sie ließ betroffen die Schultern hängen: „... Es ist frustrierend, wirklich.“

 

Alle sahen sie verdattert an. Und dann platzte es aus Reno heraus: „Du hörst dich an, als sei er ein Schwerverbrecher auf der Flucht, der alles tut, um die geklaute Staatskasse nicht zurückgeben zu müssen, dabei hat der arme Kerl wahrscheinlich keinen blassen Schimmer, dass er verfolgt wird!“ Er lachte und lachte und es dauerte nicht lange, bis er alle damit angesteckt hatte. Tifa wischte sich nach einer Weile zittrig die Tränen aus den Augen: „Das ... das ist aber keine Entschuldigung! Er könnte nun wirklich mal ab und zu ans PHS gehen! Wenn er nicht andauernd mit dem Kopf in den Wolken hängen würde, müsste ich ihm keinen Wutai-Ninja auf den Hals hetzen!“ Alles, was ihr die Rechtfertigung einbrachte, war, Reno erneut prustend zu Boden zu schicken.

 

In diesem unbeobachteten Augenblick hoben sich Rufusʼ Mundwinkel kaum merklich empor.

 

---

 

Der weiße Springer schubste den schwarzen schonungslos vom Brett und Rufus grinste Sephiroth überheblich an, sagte aber nichts. Sein Schädel pochte noch unangenehm von Jenovas unbarmherzigen Zugriff und er wagte es nicht, schon jetzt einen Mucks zu machen, aus Angst, es könnte sich um ein schmerzerfülltes Stöhnen handeln. Der General dachte nicht lange nach und stahl denselben Springer mit seinem verbliebenen Läufer.

 

Aus irgendeinem Grund hätte Rufus trotz des Verlustes laut loslachen können. Das hätte ihn allerdings wie einen Idioten dastehen lassen und einen solchen Triumph gönnte er seinen beiden Todfeinden auf gar keinen Fall. Und so riss er sich zusammen und konzentrierte sich auf das Spiel.

 

Er rückte mit einem Bauern vor und seufzte erleichtert, als sich der Druck in seinem Kopf langsam verflüchtigte. Sephiroth dachte nicht daran, ihn zur Ruhe kommen zu lassen und bedrängte seine Figuren von allen Seiten, obwohl sie noch immer gleichauf waren und sich kein deutlicher Trend in der Partie abzeichnete. Weder noch schien er der Psyche seines Kontrahenten eine wohlverdiente Pause zu gönnen, denn er fragte scheinbar unschuldig: „Meteorfall mal hintangestellt, was hast du in der Zeit bis zu unserem Wiedersehen denn so getrieben? Es interessiert mich brennend, wie viele Leben du zerstört hast, während ich geschlafen habe.“

 

„Das kann ich mir denken. Aber ich muss dich enttäuschen. Ich hatte wie du nicht viel Gelegenheit, Unheil zu stiften.“

 

Es war eine Halbwahrheit. So geschunden sein Körper auch gewesen sein mochte, seine Zunge war scharf wie eh und je gewesen und sie hatte ihn aus so manch einer Bredouille gerettet. Nicht aus jeder, selbstverständlich. Doch hatte sie ihm geholfen, die zahlreichen Tiefen nach der Krise heil zu überstehen. Und es hatte noch nicht einmal viele Opfer gefordert. Zugegebenermaßen war Sephiroths Weste für diesen plötzlich zu kurz erscheinenden Intervall blütenrein. Ein toter Mann konnte für nicht besonders viele Unglücksfälle zur Verantwortung gezogen werden. Doch er selbst hatte sich ebenfalls nichts zuschulden kommen lassen und das beruhigte ihn.

 

Auf einmal kicherte der General bösartig. Auf seinen fragenden Blick hin winkte er hastig ab: „Schon gut! Ich habe mich nur an eine witzige kleine Anekdote erinnert, die mir mal ein ziemlich wütender Mitverstorbener erzählt hat.“

 

„... Die wäre?“

 

„Er berichtete mir voller Zorn, dass er sich den Arsch aufgerissen hätte für einen undankbaren Neureichen, der ihm hinterrücks einen Killer auf den Hals gehetzt hat. Der Typ hatte ein auffallend großes Loch in der Brust ... Schrotflinte, wenn du mich fragst.“

 

Rufusʼ Hand verharrte über seinem Turm, den er dann aber unter Mühsal noch einige Felder nach oben schob: „Schach. Wie, sagtest du, lautete sein Name?“ Sephiroth studierte seine Fingernägel, wenig beeindruckt von der lauernden Gefahr einer baldigen Niederlage: „Oh, ich weiß nicht mehr so genau. Mein Gehirn war nicht in Bestform und außerdem gab es jede Menge Ablenkungen im Jenseits. Kilmister.“ Rufus seufzte schwer und raunte: „Ich kann nicht glauben, dass du den Drecksack kennst. Wer hat dir von ihm erzählt?“ „Ach, das ist so während eines Aufenthalts im Lebensstrom“, wich ihm Sephiroth vergnügt aus, „man kommt viel rum, trifft Leute, unterhält sich ...“

 

„Lustig. Irgendwie habe ich mir das Leben nach dem Tod anders vorgestellt.“

 

„Ich bin sicher, dass es für die meisten anderen auch anders ist.“

 

Rufus fixierte ihn finster: „Natürlich. Du weißt von der Sache über Jenova.“ Er schüttelte geschlagen den Kopf und strich sich mit einer Hand über die Augen: „Dieses verfluchte Biest war hautnah dabei. Ich erinnere mich. Ihr Bewusstsein ist das Virus. Und natürlich hat sie alle Neuigkeiten der Stadt brühwarm an dich weitergegeben.“ Sephiroth nickte und setzte einen Bauern zwei Felder neben Rufusʼ Turm, um den Schach zu blockieren: „Und, oh, was hat sie mir faszinierende Geschichten erzählt. Aber eine der unterhaltsamsten war jene, in der sie dich in einer Höhle wiedergefunden hat, abgeschnitten von der Außenwelt und festgehalten von einem total verrückten Wissenschaftler! Wer hätte gedacht, dass dich ein Irrer so weit bringen könnte, nach über dreißig Jahren Mutters Kopf zu bergen! Es klang so lächerlich, dass ich es erst nicht fassen konnte!“

 

Er lachte und Rufus spürte, wie sich seine Zuversicht verflüchtigte. Ihm gefiel nicht, in welche Richtung das Gespräch ging. Es war ein Abschnitt seiner Vergangenheit, die ihm aus einem ganz bestimmten Grund Bauchschmerzen bereitete. Und eben diese fühlte er nun einmal mehr in seinem Körper aufwallen.

 

Kam es ihm nur so vor oder erfolgte diese eigenartige Phase der Demoralisierung bei jedem entscheidenden Zug, den er tat, ein bisschen schneller?

 

„Du warst so ehrenhaft“, lobte ihn der General in ehrlicher Begeisterung, legte sich aber im selben Atemzug überheblich grinsend eine Hand auf die Brust, „Oder zumindest hast du dich bemüht.“ Rufus sah ihm mit mühsam zusammengehaltener Contenance in die Augen: „Was meinst du damit?“ „Es waren sechs Überlebende, wenn ich mich recht erinnere“, murmelte Sephiroth und beobachtete ihn wie ein Habicht, wodurch ihm auch der Ruck, der durch seinen Körper fuhr, nicht entging, „Und wie viele haben die Höhle verlassen? Lediglich zwei. Das ist keine große Ausbeute, meinst du nicht? Was, oh was ist nur mit dem Rest geschehen? Ach ja, sie sind ertrunken. Erbärmlich abgesoffen, wie Ratten unter der Stadt! Und eine davon wurde einfach-“

 

„GENUG!“

 

Rufus war aufgesprungen und hatte seine bebenden Fäuste auf die Tischplatte sausen lassen, sodass die Figuren gefährlich wackelten. Im selben Moment umwickelte ein Schwall violetten Nebels seine Taille und zog ihn zurück in den Sitz. Er hielt sich mit einer Hand den Mund zu, als er bittere Galle aufsteigen spürte.

 

Der General legte in spöttischem Mitgefühl seine Hand auf Rufusʼ Unterarm und tröstete: „Armer Präsident. Da versuchst du einmal in deinem Leben jemanden zu retten und dann handelst du so grauenhaft inkonsequent. Ist dir klar, wie viele du hättest retten können, wenn du dir nicht selbst im Weg gestanden hättest?“ Er beugte sich ganz nah an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr.

 

„Alle Neune.“

 

---

 

Elena runzelte die Stirn, als sich Rufusʼ Finger über den ihren krampfhaft zusammenzogen. Zuerst befürchtete sie einen weiteren Anfall, doch diese Möglichkeit verwarf sie im nächsten Moment.

 

Tränen quollen aus seinen fest geschlossenen Augen, rannen über seine Wangenknochen und verschwanden in seinem Kragen.

 

Fassungslos starrte sie einige Zeit lang darauf hinab. Sie hatte ihren Boss noch niemals weinen gesehen, weder vor Trauer, noch vor Schmerz oder gar Glück. Und dass, obwohl sie schon viele schwierige Situationen gemeinsam durchgemacht hatten. Ihr war bis zu diesem Augenblick nicht einmal klar gewesen, dass er dazu in der Lage war!

 

Sie riss sich von dem Anblick los und lief schnell zum Waschbecken, befeuchtete einen sauberen Lappen und eilte zurück, um die salzigen Spuren von seinem Gesicht zu wischen. Es verstörte sie zutiefst, ihn in einem so intimen Moment gesehen, ja beinahe gestört zu haben und sie hoffte inständig, dass er niemals etwas davon erfahren würde. Sie traute ihm zu, sie in seinem verletzten Stolz exekutieren zu lassen und sie fühlte sich noch eindeutig zu jung zum Sterben. Warum mussten ausgerechnet jetzt alle ihre Kollegen ein Nickerchen halten?! Vor allem Tseng war doch sowieso schon seit über siebzig Stunden auf den Beinen gewesen, da hätte er jetzt auch noch an Rufusʼ Seite ausharren können!

 

Ihr nächster Gedanke war der, dass Rufus etwas Schreckliches träumen musste, wenn es selbst ihm die Tränen in die Augen trieb. Als sie an die Möglichkeiten dachte, fühlte sie sich selbst dem Heulen nah.

 

Zum Glück schob sich just in diesem Augenblick die Tür leise auf und legte die Sicht auf einen nächtlichen Besucher frei: „Herr Präsident? Herr Tseng? ... Oh, Sie sind es, Frau Elena! Schön, Sie wiederzusehen!“ Sie wischte sich schnell vorsorglich über die Augen und stemmte sich in die Höhe, als sie den Mann erkannte: „Herr Judd! Das ist ja wirklich eine Überraschung! Ich dachte, Sie wären nach Junon umgezogen?“ „Das werde ich noch“, lächelte er, während er ihr die Hand schüttelte, „es hat sich bis jetzt einfach noch nicht ergeben. Und jetzt bin ich heilfroh darüber, sonst hätte ich das hier überhaupt nicht mitbekommen! Wie geht es ihm?“ Sie seufzte und rieb sich nervös den Oberarm: „Sehr schlecht. Er liegt im Delirium, wird immer wieder von Krämpfen geschüttelt. Wir ... wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen.“ Er sah sie mitleidig an und ging leise zum Bett, um Rufusʼ angestrengtem Atem zu lauschen.

 

Sie drehte sich mit ihm um und betrachtete ihn lange, ehe sie aufschreckte und sich ihm hastig näherte, um ihn vom Krankenlager wegzuziehen: „Judd, Sie sollten nicht so nah rangehen. Wir können noch nicht mal mit Gewissheit sagen, dass es nicht ansteckend-“ Er unterbrach sie ohne Nachdruck, eher so, als ob er ihr zu verstehen geben wollte, dass ihn die Gefahr nicht kümmerte: „Gibt es irgendetwas, was ich für ihn tun kann? Wenn er es ist, teile ich alles, was ich nur irgendwie verschmerzen kann.“ Sie sah ihn erst groß an, doch dann schmunzelte sie halb freudig, halb traurig: „Nein. Nichts. Keiner von uns kann was tun. Wenn es Geostigma ist, kann ihn nur sein eigener Überlebenswille retten. Und wir wissen noch nicht einmal, ob es das wirklich ist!“

 

Er schien entmutigt und schwieg ein Weile, ehe er sich an Rufusʼ Seite niederließ und eine Faust auf dessen Schulter presste. Leise murmelte er, ohne die Turk in seinem Rücken anzusehen: „Ich schulde ihm so viel. Mein Leben. Genugtuung. Freiheit. Ich habe es ihm zu verdanken, dass ich nach der Sache mit Kilmister so gut wie straffrei davongekommen bin. Wenn er, Sie und die anderen Turks nicht gewesen wären ... Manche behaupten, er hätte seine Macht missbraucht, um einen schuldigen Verbrecher rauszuhauen, aber wissen Sie, ich fühle mich kein bisschen schuldig. Kilmister war kein Mensch mehr, er war zweifellos ein Monster auf dem besten Wege, unzählige Leben zu zerstören. Unter normalen Umständen wäre ich ein Held.“

 

Sie schwieg nur und hoffte inständig, dass er ihr nicht mehr über die Umstände um den Tod des wahnsinnigen Wissenschaftlers anvertrauen würde. Sie wollte nicht wissen, wie weit die Unterstützung ihres Arbeitgebers bei dieser Hinrichtung gegangen war. Rufus durfte sich die Hände nicht schmutzig machen. Dafür waren seine Turks da.

 

Zu ihrer Erleichterung war Judd ein kluger Mann, der wusste, wann er seine Zunge im Zaum halten musste. „Aber es geht mir nicht um diese Hilfe“, brach er das Thema ab, „ich wäre auch ohne Vorbehalte ins Gefängnis gegangen. Aber ihm ist es zu verdanken, dass die Toten aus dieser gottverlassenen Höhle geborgen worden sind. Dass sie würdevoll bestattet wurden und nicht in irgendeiner feuchten Ecke vor sich hin modern! Dass Pamela ...“ Übermannt von den Erinnerungen senkte er mit einem Schluchzen das Haupt. Seine zitternden Finger krallten sich in Rufusʼ Hemd fest, während er hervor presste: „Elena, es ist mir völlig egal, was für ein Mensch er vor Meteorfall gewesen ist. Alles, was ich weiß, ist, dass ich ihn nicht sterben sehen will!“

 

Elena wusste nicht, wie sie den Mann trösten sollte. Doch sie konnte sich eines Funkens Stolz nicht erwehren, der sie ihren Boss bewundern ließ. Rufus hatte es wirklich in sich, wenn er völlig Fremde mit ein paar Worten und wenigen Taten so sehr für sich einnahm, dass sie sich völlig freiwillig und sogar mit Freude von ihm benutzen ließen. Und ein kleinerer Teil ihres Verstandes fügte hinzu, dass Judd in dieser Hinsicht einen hervorragenden Turk abgegeben hätte.

 

---

 

Rufus fuhr wütend auf und schlug Sephiroths tätschelnde Hand weg. Er wies mit einem felsenfesten Zeigefinger auf ihn und murrte: „Wenn du Zeit und Energie genug hast, dich über mich lustig zu machen, dann investier sie lieber in deinen nächsten Zug.“ Er schob einen seiner Bauern auf C4 und lehnte sich herausfordernd zurück. Sephiroth schien beeindruckt von seiner Hartnäckigkeit zu sein, denn er stützte sich ohne zu ziehen auf seine gefalteten Hände: „Du bist wirklich stärker, als ich dachte, Präsident. Ich war mir sicher, dass dich Mutter spätestens beim dritten Versuch in ein plärrendes Kleinkind verwandelt haben würde, dem ich dann nur noch den Gnadenstoß versetzen müsste, aber du hältst dich erstaunlich wacker!“ „Und ich habe nicht vor, frühzeitig abzudanken“, versicherte ihm Rufus hitzig, „Du wirst mich nicht mehr weiter mit Unsinn über Schuld und Sühne ablenken, General. Der Sieg ist mein.“

 

Sephiroth lächelte und schubste seinen Turm ohne hinzusehen in die oberste rechte Ecke.

 

Rufus starrte auf die beinahe ebenso spöttisch wirkende Figur hinab. Es fiel ihm schwer, sein Pokerface aufrechtzuerhalten.

 

Es gab andere Wege. Aber sein am besten durchdachter war soeben unwiederbringlich versperrt worden. Er musste seinen Gegner von der Spur der anderen weglocken, ansonsten konnte es gefährlich für ihn werden. Lebensgefährlich.

 

Er schnippte einen Bauern ein Feld nach vorn und imitierte Sephiroths Pose: „Im Gegensatz zu mir, der sich in dieser jüngsten Episode unseres kleinen Zwists nun wirklich nichts Weltveränderndes zuschulden hat kommen lassen, war eure kleine Familie ja ziemlich aktiv, findest du nicht? So mit all den Täuschungen, die deine Mutter dem armen Kadaj und seinen Brüdern vorgegaukelt hat. Sie hat drei womöglich grundlegend anständige Jungs in den Wahnsinn getrieben und schwachsinnige Killermaschinen aus ihnen gemacht. Das war mächtig gemein, wenn du mich fragst.“

 

„Oh nein“, Sephiroth schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen, „diese Freaks hatten schon vor Mutters Eingriff alle Schrauben locker. Uns trifft da keine Schuld. Vielmehr sollte man uns danken, immerhin haben wir ihren Wahn in geordnete Bahnen gelenkt und ihnen einen gemeinsamen Feind gegeben.“ „Als da wäre Cloud“, bemerkte Rufus spitz, „Sag mir, hat bei dieser Entscheidung etwa ein jahrelang gehegter Groll mitgespielt?“ Grüne Augen blitzten ihn an: „Nein, nur bodenständige Rationalität. Er ist ein unvollständiger Klon von mir und er hatte Beziehungen zur Shinra Inc. Noch dazu ist er der Held des Planeten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis du ihn um Hilfe bitten und ihn zu Mutters Kopf führen würdest.“

 

„Haltet ihr mich tatsächlich für so dumm?“

 

„Unvorsichtig eher, wenn es nach mir geht. Aber sie ... Ja, sie hält dich für dumm.“

 

„... Verstehe. Ihr habt also das Idiotentrio erschaffen, mit dem Lebensstrom gespielt, haufenweise Kinder entführt, eine Epidemie ausgelöst, unzählige Menschen dahingerafft, eine halbe, gerade erst neu errichtete Stadt zerstört und das Seelenleben unseres Helden in Aufruhr versetzt, nur um euren veralteten Traum von einer besseren – weil nicht existierenden – Welt zu erfüllen.“

 

„Ich sagʼs ja. Nicht dumm.“

 

„Ihr habt gewaltige psychische Probleme.“

 

„Möchte ich abstreiten, aber ich bin gegenwärtig genug, um deinen Standpunkt zu verstehen.“

 

„Dann sollte wohl klar sein, an wen der Hauptpreis für destruktive Entgleisung diesmal geht.“

 

„An dich natürlich.“

 

„Wa...? Warum um alles in der Welt-“

 

Sephiroth stützte sich selbstzufrieden auf einen Ellenbogen und beugte sich an Rufus heran: „Was bewertet der Planet wohl als unverzeihlicher: Das harmlose Spielen mit einigen lächerlichen Marionetten oder die offensichtliche Bereitschaft, einen seiner liebsten Bewohner für die eigenen belanglosen Zukunftspläne zu opfern?“ Rufus wurde leichenblass, während er sich fassungslos verteidigte: „Ich habe Cloud für rein gar nichts opfern wollen!“ Der General grinste abfällig: „Und doch weißt du genau, von wem ich rede.“ Er trommelte mit den Fingern auf das inzwischen fast leergeräumte Brett: „Er hasst dich. Und du weißt selbst am besten, dass er verdammt gute Gründe dafür hat.“

 

---

 

Reno lehnte sich mit am Hinterkopf gefalteten Händen in seinem Stuhl zurück und schaute aus dem Fenster. Draußen schien die Sonne und es zwitscherten Vögel, als ob gar nichts Schwerwiegendes geschehen würde. Und hier, direkt vor ihm, lag ein Mann im Bett, der um jeden Atemzug kämpfen und jeden Besucher zwangsweise an Schneewittchen erinnern musste: Haut weiß vor Erschöpfung, Wangen rot vom Fieber und Lippen pechschwarz vom ständigen Husten der unheimlichen Schmiere, die das Wasser auf dem Tisch neben seinem Kopf innerhalb von zwei Waschgängen in Teer verwandelte. Er fühlte sich verleitet, die verfluchte Trällerei mit einigen gut gezielten Schüssen abzustellen.

 

Rude beobachtete ihn schweigend und hielt ihn am Arm fest, als er aufstand und mit einem ärgerlichen Knurren das Fenster zu öffnen versuchte: „Lass es, Reno. Das Leben geht weiter. So ist das nun mal.“ Sein Freund riss sich unwillig los: „Himmelarschundzwirn, jetzt fang du nicht auch noch an zu reden, als sei er schon tot! Verdammt! Er kämpft und wir sitzen hier und tun einen Scheißdreck!“

 

„Was willst du denn tun?“

 

„Ich weiß nicht, Mann! Ihn zu Aeriths Quelle schleppen und wenn er uns danach zehnmal den Hals umdreht! Du hast doch Augen im Kopf! Sieh dir das Zeug an!“

 

Er stürmte zum Bett, riss Rufusʼ Kopf zur Seite und wies auf den schwarzen Schleim, der aus seinem Mund lief: „Scheiße, wenn das nicht Geostigma ist, was dann?! Es wäre zumindest eine Maßnahme! Besser, als die Hände in die Taschen zu stecken und rumzusitzen!“ „Du weißt, dass er eine Abneigung gegen den Ort hat“, erinnerte ihn Rude, doch Reno winkte ab. Er wischte Rufus den Mund ab, schmiss den Lappen in die Schüssel und trug sie zum Waschbecken, um sie zu entleeren: „Schuldgefühle sollten auch ihre Grenzen kennen. Bevor er stirbt ... elektrisiere ich lieber jeden verschissenen Bastard, der mir auf dem Weg zur Kirche in die Quere kommt. Und wenn Rufus was einzuwenden hat, Pech für ihn! Unser Job ist es, ihn am Leben zu halten, Rude! Hat das jeder außer mir vergessen?!“

 

„Wir versuchen nur, dieses Ziel zu erreichen, ohne seine Befehle zu missachten“, ertönte eine Stimme von der Tür und sie sahen auf, um Tseng eintreten zu sehen, „und er hat sich vehement gegen einen Besuch bei der Quelle ausgesprochen. Wir müssen so lange warten, bis uns keine Alternative bleibt. Ich vertraue so lange auf seine Kraft, bis er zu schwach zum Protestieren ist.“ „Aber dann kann es zu spät sein“, schrie Reno frustriert, „Er steht schon mit einem Bein im Lebensstrom, Boss, er würde überhaupt nicht merken, wenn wir ihn für ein Stündchen in eine ganz bestimmte Kirche befördern! Von mir erfährt erʼs auf jeden Fall nicht!“

 

Auf einmal klopfte es an der Tür und auf ihr kollektives „Herein“ öffnete sie sich und legte den Blick auf einen etwas verstaubten, müde wirkenden Cloud frei. Zu ihrer Verwunderung sah er aus, als wäre er eben erst von seiner langen Reise zurückgekehrt und ohne Umschweife herbeigeeilt, obwohl ihnen kein Grund einfiel, warum er sich für Rufus derart anstrengen wollte. „Morgen“, grüßte er nur einsilbig und sah in die Runde, bis sein Blick auf den Präsidenten fiel.

 

Er marschierte schnurstracks auf ihn zu und streckte wortlos die Hand aus.

 

Sofort war er umringt von den drei Leibwächtern, deren eigene Finger sehr nervös diverse Waffen umschlossen. „Hey“, sagte er nicht im Geringsten eingeschüchtert, „tut euch mal Ruhe an! Ich will ihn mir nur ansehen!“ „Ach ja?“, schnauzte Reno ihn gereizt an, „Ich dachte, dass hätte nichts mit dir zu tun?! Woher der plötzliche Sinneswandel?“ „Tifa“, erwiderte Cloud nur schlicht und es erklärte tatsächlich alles.

 

Die Turks traten zurück, doch Reno war nicht bereit, dem Ex-SOLDAT kompromisslos zu vertrauen: „Was erhofft sie sich von deinem Besuch? Bist du neuerdings unter die Mediziner gegangen?“ Cloud schüttelte den Kopf: „Natürlich nicht. Ich bin kein Arzt, aber ich habe lange genug mit Geostigma gekämpft, um alle Anzeichen zu erkennen.“

 

„Und du meinst, unsere Studie an Rufus hätte uns nicht mit den gleichen Fähigkeiten gesegnet?“

 

„Darum geht es nicht. Ihr könnt sie nicht hören.“

 

„Wen hören? Mann, Alter, mach mir keine Angst!“

 

Cloud seufzte schwer. Er stupste hier und knuffte da ein wenig herum, bis er schließlich zufriedengestellt schien. Er wandte sich an seine ehemaligen Feinde und schüttelte den Kopf: „Das ist nicht Geostigma. Keine einzige dunkle Narbe am ganzen Körper ... Ich kenne keinen Fall, der ohne dieses Markenzeichen auskam. Tifa hat mir von dem Auswurf erzählt, aber ich kann auch davon keine Spur entdecken.“ Reno runzelte die Stirn: „Wenn du mit Auswurf das Scheißzeug meinst, dass er bei jedem Husten ausspuckt – das habe ich eben weg gewisch... OH HERRGOTTNOCHMAL NICHT SCHON WIEDER!!!“

 

Cloud fuhr alarmiert herum, als das Bett begann, laut zu quietschen und zu knarren, aber die Turks waren bereits an ihm vorbeigestürmt und warfen sich geschlossen auf ihren Patienten, der urplötzlich anfing, wild um sich zu schlagen. Cloud zog scharf die Luft ein, als Rufusʼ Hinterkopf unsanft mit dem Bettgestell kollidierte.

 

Nun, dieses Symptom war ihm nur zu gut bekannt. Und doch hegte er berechtigten Zweifel. Immerhin war Geostigma ausgerottet. Darauf wollte er nichts kommen lassen. Aerith war stets liebevoll zu allen Lebewesen des Planeten gewesen, solange sie auf irgendeine Weise Bereitschaft zur Güte gezeigt hatten. Und Rufus hatte, wie er zugeben musste, bei dem Kampf gegen Kadaj auf seine ganz eigene Art zu helfen versucht. Ob nun mit eigennützigen Gedanken oder nicht, er hatte der Welt einen Dienst erwiesen und Aerith hätte ihn nicht derart leidend im Stich gelassen.

 

Das dachte er zumindest, bis er plötzlich und unerwartet die über den Lärm des Handgemenges kaum vernehmbare Stimme seiner verlorenen Liebe hörte.

 

‚Bringt ... zu mir! Bit... ihn zu mir, bevor ... zu spät ...!‘

 

Und im selben Moment bemerkte er den Schleim, der von Tsengs Händen tropfte, die Rufusʼ Kopf still hielten. Ein Schwindel überkam ihn, als hätte jemand einen hauchdünnen Umhang um ihn gelegt, der leicht im Wind flatterte, und ihre nächsten Worte erschütterten ihn bis ins Mark.

 

‚...roth ... Es ist ... Sephi... Cloud! Es ist Sephiroth!‘

 

Dieser Name reichte Cloud, um jede unwirsche Methode zu entschuldigen. Er stieß Reno zur Seite, schubste Tseng hinterher, holte mit der Faust aus und landete einen direkten Treffer in Rufusʼ Magengrube. Dem Präsidenten entfuhr ein langes, atemloses Ächzen, ehe er kraftlos zurücksank und still liegenblieb. „Das kann nicht sein“, murmelte Cloud vor sich hin, „Das kann einfach nicht sein!“ Rude ließ zögerlich Rufusʼ Arm los und beobachtete den Ex-SOLDAT scharf. Tseng spürte keine mörderische Absicht in Clouds Handlungen, der einzige Grund, der ihn davon abhielt, ihn anzugreifen. Reno hatte durch den kraftvollen Schwung das Gleichgewicht verloren und saß nun etwas verwirrt auf dem Boden: „Äh ... Kann mir mal einer erklären, was gerade gelaufen ist?“ „Es ist Sephiroth“, platzte es aus Cloud heraus, „Es ist Geostigma ... aber nicht gänzlich Jenova! Deshalb keine äußeren Anzeichen! Sephiroth steckt verdammt nochmal schon in Rufus drin!“

 

Alle schnappten nach Luft. Renos Gesicht nahm eine leicht grünliche Farbe an. Tseng hingegen reagierte überraschend abgeklärt, nur seine Miene verdunkelte sich schlagartig, während er fragte: „Was veranlasst dich zu dieser Behauptung? Woher willst du wissen, was der Grund für seine Schmerzen ist?“ Cloud warf genervt die Hände in die Luft: „Ist das wichtig?! Wenn ich euch sagen würde, dass Aerith es mir verraten hat, würdet ihr mir sowieso kein Wort glauben! Und eigentlich kann das unmöglich wahr sein! Geostigma ist seit dem heiligen Regen besiegt! Es ist nirgendwo auch nur der Funke eines Rückfalls gemeldet worden und außerdem würde Aerith niemanden, auch wenn sie ihn noch so sehr hasst, so dermaßen leiden lassen! Ich weigere mich, das zu glauben! Auch nur ein Bad in der Quelle hätte ihn restlos kurieren müssen! Ich kann nicht einmal damit anfangen, zu spekulieren, was da schiefgelaufen ist!“

 

Er walzte rastlos eine Weile hin und her, ehe er ihre untypische Sprachlosigkeit bemerkte und stirnrunzelnd aufsah: „Was ist los mit euch? Normalerweise hätte zumindest einer von euch einen Kommentar über Aeriths zweifelhafte Integrität abgelassen.“ Er sah pointiert auf Reno, der jedoch nur betreten zur Seite blickte.

 

Und plötzlich stieg ein unheimlicher Verdacht in ihm auf.

 

„... Rufus war doch bei der Quelle, oder?“

 

Er sah von einem zum anderen, zu aufgewühlt, um wütend zu sein. Er erhielt keine Antwort.

 

„... Hallo? Rufus ... war ... bei ... der ... Quelle. Richtig?“

 

Noch immer erntete er bedrücktes Schweigen. Er wandte sich letztendlich direkt an die Stimme der Vernunft: „... Tseng?“ Der oberste Turk schloss kurz die Augen, öffnete sie dann, als hätte er eine Entscheidung gefällt und sagte leise, aber bestimmt: „Das ist nicht der Fall.“

 

„... Was?“

 

„Er hat sich strikt geweigert-“

 

„Zum Teufel?!“

 

„- und wir dürfen Befehle eines Vorgesetzten nicht missachten-“

 

„ZUM TEUFEL, TSENG?!“

 

„- schon gar nicht, wenn es sich um ausdrückliche Befehle des Präsidenten persönlich handelt. Wir sind Turks, Cloud. Wenn sich der Präsident nicht darauf verlassen kann, dass wir seine Anweisungen befolgen, dann ist er von aller Welt verlassen. Du verstehst es vielleicht nicht, aber wir würden uns eher ins Grab bringen, als sein Vertrauen zu missbrauchen. Und er hat uns den ausdrücklichen Befehl erteilt, die Quelle zu vergessen.“

 

Cloud schüttelte bestürzt den Kopf: „Aber ... warum?!“ Er konnte tatsächlich nicht begreifen, wie jemand, der an einer derart schmerzhaften, tödlichen Krankheit litt, die Hilfe seiner so gutmeinenden Freundin ausschlagen konnte. Allein der Gedanke machte ihn rasend.

 

Was bildete sich Rufus ein, Aeriths Hilfe auszuschlagen?!

 

Als keiner der Männer ihm antwortete, fluchte er hingebungsvoll und trat mit einem entschlossenen Schritt zurück ans Bett. Bevor ihr Beschützerinstinkt einsetzen konnte, packte er den Präsidenten und warf ihn sich unsanft über die Schulter. Beim Umdrehen funkelte er die Turks bedrohlich an: „Ich will kein Wort hören! Ich bring ihn zur Quelle und wennʼs das Letzte ist, was ich tue! Wenn wir nicht handeln, wird Sephiroth ihn übernehmen und ich muss doch wohl gerade euch nicht erklären, was das heißt, oder?!“ Er stiefelte, heftig vor sich hin brütend, an ihnen vorbei zur Tür.

 

Bevor er aus dem Zimmer treten konnte, hörte er Tsengs absolut gefasste Stimme.

 

„Cloud. Es ist uns nicht erlaubt, ihn zur Quelle zu bringen. Allerdings haben wir nicht immer Einfluss darauf, was ein Dritter mit ihm anstellt. Sollte uns zum Beispiel die Verfolgung eines Entführers zufällig in der Kirche zusammenlaufen lassen, könnte es auch durchaus möglich sein, dass er im Laufe des Gefechts versehentlich ins Wasser gestoßen wird. Es passiert selten, aber eben doch manchmal, dass uns der Schuldige dabei entwischt und wir uns allein mit der Rettung zufriedengeben müssen. In einem solchen Fall kann uns der Präsident kaum einen Vorwurf machen.“

 

Der Ex-SOLDAT starrte fassungslos auf den Hinterkopf des Turks: „Das ist wohl das umständlichste ‚Rette ihn, in Dreiteufelsnamen‘ das ich je gehört habe, Tseng. Wir sehen uns an der Quelle.“

 

---

 

Zug um Zug wurde gemacht und obwohl er seine gleichwertige Position nennenswert verteidigte, fühlte sich Rufus so machtlos wie sein übriggebliebener Turm, der von Sephiroths Figuren erbarmungslos umzingelt worden war. Der General erschien vollkommen entspannt, obwohl sein Gegner mit sieben zu vier Figuren führte. Doch sie wussten beide, dass nicht Quantität das Spiel bestimmte. Rufus wusste auch, dass Sephiroth nicht bluffte. Diese Selbstsicherheit musste daher rühren, eine angemessene Strategie gegen alles zu haben, mit was er ihn zu konfrontieren gedachte. Und die Überlegenheit verfehlte ihr Ziel nicht.

 

Rufus war nervös. Und seine Nervosität wirkte sich auf seine Konzentration aus. Seine Augenbraue zuckte, als sein Gedankengang einmal mehr von Sephiroth unterbrochen wurde: „Eigentlich ist es beeindruckend. Ich hätte nicht gedacht, dass du den Schneid hast, deine persönliche Abneigung zu einer Feindin über deinen Selbsterhaltungstrieb zu stellen. Dir musste doch schon seit einer Weile bewusst sein, dass dich der Regen nicht vollständig geheilt hat, oder? Wie sehr musst du Aerith hassen, um einen langsamen, qualvollen Tod ihrer Berührung vorzuziehen?“ Rufus fühlte sich dazu verleitet, die Behauptung zu dementieren, doch er schluckte die Worte rechtzeitig herunter. Es würde ihm nichts außer weiteren Spott einbringen, wenn er seinen beiden Peinigern die Wahrheit sagte.

 

„Kein Wunder, dass Cloud nicht gut auf dich zu sprechen ist.“

 

Ein Stich fuhr durch Rufusʼ Herz. Es war lächerlich, wie ihm jeder Kommentar über Clouds Abneigung den Magen umdrehte. Schlimmer noch, es fühlte sich an, als würden sich Jenovas brennende Zellen in ihm ausbreiten und sich in jede mögliche Ritze drängen, wie ein in Flammen stehender Heißluftballon, der kurz vorm Bersten stand.

 

Irgendwo in seinem Unterbewusstsein entwickelte sich die beunruhigende Vorstellung, dass sie bereits seinen Körper anpasste.

 

„Eine solche Respektlosigkeit gegenüber seiner Liebsten muss ihn schwer mitnehmen. Ich neige beinahe dazu, mit ihm mitzufühlen“, seufzte Sephiroth überzogen. „So ist es nicht“, wollte Rufus sagen. Und so war es tatsächlich nicht. Der Grund für seine Zurückhaltung war weder Hass noch Wut noch Stolz.

 

Es war Respekt.

 

Er empfand mehr Respekt für die Mitglieder von Avalanche, als er jemals zugegeben hätte. Es war ein schleichender Prozess gewesen, sodass er es selbst nicht wahrgenommen hatte, bis er vor nicht langer Zeit eines Morgens mit schädelspaltenden Kopfschmerzen und einem Kissen voller schwarzer Flecken aufgewacht war und sich trotzdem nicht dazu hatte durchringen können, umgehend Aeriths Ruhestätte aufzusuchen. Nach allem, was die Firma – und er selbst – ihr, ihrer Familie und ihren Freunden angetan hatte, wie hätte er ihr ruhigen Gewissens entgegentreten und nach Absolution verlangen können?

 

Es war nicht so, dass er nie daran gedacht hatte, doch er hatte den schweren Gang immer wieder hinausgezögert, Zeit geschunden, gehofft, dass bald ein Punkt erreicht sein würde, an dem er sich ihr mit einem leichteren Gewissen gegenüberstellen konnte. Mit nicht so viel Schuld ... Doch dieser Punkt war nie gekommen und die Infektion hatte ihm nicht sonderlich viel Zeit gegeben, darauf hinzuarbeiten. Sein erster Gedanke beim Anblick der schwarzen Flüssigkeit, die ihm vom Kinn tropfte, war gewesen: „Oh, Scheiße.“ Einer seiner zweiten hatte gelautet: „Vielleicht verdiene ichʼs ja ...“ Und ab da hatte Jenova leichtes Spiel mit ihm gehabt.

 

Was ihn zu seiner derzeitigen Zwangslage zurückführte.

 

Plötzlich fragte er sich, warum er so vehement gegen den Tod ankämpfte. War es nicht das, was er verdiente? Stand es ihm überhaupt zu, sich der Strafe entziehen zu wollen? Auf einen Schlag veränderte sich die gesamte Umgebung. Das fliederfarbene Violett verdunkelte sich und verdickte Stränge wickelten sich um seine Glieder. Er schrie, als sich der typische Geostigma-Schmerz wie ein Lauffeuer in seinem ganzen Körper ausbreitete, inklusive aller Beschwerden, die er im Laufe des Spiels durch Jenovas temporäre Berührungen erlitten hatte. Er krümmte sich in seinem Sitz zusammen und keuchte krampfhaft.

 

Wie von weit entfernt hörte er Sephiroths Stimme: „Hast du es endlich begriffen? Du bist nichts mehr weiter als ein Störfaktor im Kreislauf des Lebens. Gib endlich auf und lass den Planeten deine erbärmliche Existenz bereinigen. Du wirst dich besser fühlen, wenn du das nächste Mal zur Welt kommst, vertrau mir.“ Rufus hustete angestrengt und zitterte wie Espenlaub. Hatte sein Kontrahent recht? War es besser für alle, wenn sich seine Seele in Luft auflöste? Wäre dann allen viel besser geholfen als wenn er weiterleben würde und ihnen persönlich unter die Arme griff?

 

Der Schmerz nahm zu und es kostete ihn seine ganze Willenskraft, um lediglich ein tonloses Schluchzen von sich zu geben. Er spürte, wie Jenovas Präsenz wie eine Schlange durch seine Venen kroch und es machte ihm Angst. Ein Jahrtausende alter Organismus würde die Macht über seinen Körper gewinnen. Es war kein sehr beruhigender Gedanke, aber wenn es denn der Wille des Planeten war ...

 

... Wille des Planeten?

 

Rufusʼ Lider schossen in die Höhe. Seit wann dachte er in solchen Bahnen? Hatte er schon jemals einen Satz mit den Worten „Es ist der Wille des Planeten“ eingeleitet? Woher kam dieses plötzliche selbstlose Verhalten?! Ja, er wollte nicht denselben Weg einschlagen, wie er es nach dem Tod seines Vaters getan hatte. Ja, er hatte Schuldgefühle, sogar nicht wenige, aber so starke, dass sich sein Ego darunter verlor?

 

Lächerlich.

 

Wenn er den Planeten zu unterstützen gedachte, dann war das ein netter Nebeneffekt, aber niemals erster und vorderster Grund!

 

Mit zusammengebissenen Zähnen legte er eine Hand auf die Tischplatte und stemmte sich mühevoll empor: „Du ... mieses Drecksstück ... Du manipulierst meinen ... Verstand!“

 

Als ob der Planet wirklich dieses zerstörerische Monster ihm vorziehen würde! Es war so offensichtlich eingegeben, dass er ein gequältes Lachen ausstieß. Nein. Wenn er diesen beiden seinen Körper überließ, würde er eine globale Katastrophe heraufbeschwören. Er musste gewinnen!

 

Mit einer zitternden Hand, die ihm schwer wie Blei vorkam, verschob er einen seiner Bauern, der sich augenblicklich in eine Dame verwandelte. „Mal ehrlich“, murrte Sephiroth und stieß sie mit seinem Turm zu Boden, „willst du wirklich nicht endlich aufgeben? Diese Farce wird langweilig.“

 

Rufus war sich des steigenden Unmuts seines Gegenübers gewahr, aber mit diesem letzten Zug war er ihm zum ersten Mal unwissentlich in die Falle gegangen. Offenbar vernebelte die völlige Überlegenheit, vielleicht auch die erwähnte Langeweile dem gestandenen Soldaten die Sinne, ansonsten hätte er sich niemals so leicht von einem gefangenen König weglocken lassen. Er versetzte die bedrängte Figur mit einem schnellen Handgriff, um Sephiroth nicht auf die feinen Schweißbäche aufmerksam zu machen, die ihm von den Schläfen tropften. Andererseits hätten diese auch gut von der immensen Anstrengung rühren können, mit der er seine Gliedmaße bewegte.

 

Nach kurzem Hin und Her setzte Sephiroth seinen Turm auf eine Reihe mit Rufusʼ König: „Schach. Wie siehtʼs aus, Präsident? Hältst du sicher durch? Wir können die Partie auch vertagen, wenn du zu müde zum Nachdenken bist ...“ „Hah ... Netter ... Versuch“, presste Rufus hervor und ließ seine Figur flink ausweichen, „Mach einfach weiter. Du scheinst ... ja sehr optimistisch zu sein, dass es bald zu ... Ende sein wird ...“ Sephiroth runzelte die Stirn: „Und du denkst, du könntest es noch weiter hinausschieben? Denn gib es zu, mehr als Zeitschinderei war diese Scharade nicht.“ Er stützte sich grinsend auf eine Hand: „Wofür das Ganze allerdings, das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Du hast nur das Unvermeidliche hinausgezögert.“ „Wir werden sehen“, dachte Rufus.

 

Und nach einigen Handgriffen, als Sephiroth seinen letzten Bauern aufgab, um Rufusʼ unerwartet auflebendes Spiel noch einmal herumzureißen, wusste dieser, dass er ihn besiegen konnte. Alles, was er beachten musste, war, sich nicht von der plötzlichen Euphorie hinreißen zu lassen und dadurch sein Urteilsvermögen einzuschränken. Seine Zuversicht verdrängte Jenovas kreischenden Geist wieder etwas aus seinem Körper und er war in der Lage, sich geistig voll auf ein letztes großes Kräftemessen vorzubereiten.

 

Aber dann war auf einen Schlag alles vorbei.

 

„Ich kapituliere.“

 

Rufus blinzelte. Und blinzelte nochmal, als sich der General stöhnend streckte und sich mit im Nacken verschränkten Armen in seinem Sitz zurücklehnte. Nachdem er sich auch nach mehreren Minuten nicht geregt hatte, wollte Rufus eben unsicher fragen, warum er kampflos aufgab, als plötzlich ein schriller, ohrenbetäubender Schrei ertönte. Er sprang entsetzt auf und sah empor.

 

Das Violett, das die gesamte Umgebung in bedrohliche Dämmerung getaucht hatte, flackerte, der Nebel waberte, und dann verfärbte sich das Licht zu dem ursprünglichen, sanften, anmutigen Lindgrün. Rufus bestaunte das Phänomen kurz andächtig, ehe er sich Sephiroth zuwandte: „... Du hältst also tatsächlich Wort. Es scheint, dass noch nicht aller Hopfen und Malz verloren ist.“

 

Ein leises Gurgeln wanderte Sephiroths Kehle hinauf, wurde zu einem gedämpften Kichern und verwandelte sich dann in lautes Lachen. Rufus legte verwirrt den Kopf schief, unterbrach ihn aber nicht in seinem Amüsement. Schließlich verstummte der General, rieb sich lächelnd mit einer Hand über die Augen und sah ihn direkt an: „Oh bitte. Mach dir nichts vor. Ich hätte mit dir gespielt, mich mit deiner Naivität vergnügt und dich dann ohne Umschweife erschlagen. Rufus, hast du wirklich gedacht, dass ich diese unverhoffte Gelegenheit nur basierend auf einem Versprechen aufgeben würde?“

 

Abgrundtiefer Schrecken durchfuhr Rufus, doch er, voller Trotz, dem verhassten Feind keine Blöße zu geben, schnaubte abfällig und zuckte mit den Schultern: „Hm, warum bin ich nicht überrascht? Mit deiner Fairness ist es erwiesenermaßen nicht weit her. Deine Mutter war ein höchst effektiver Störfaktor, wenn ich dich dazu beglückwünschen darf.“ „Wo wir schon von mangelnder Fairness reden“, erwähnte Sephiroth – unbeeindruckt von der zur Schau gestellten Tapferkeit – und wies auf einen Punkt hinter Rufus, „dann bist du mir einmal mehr einen weiten Schritt voraus. Ich hatte schließlich nur einen Helfer.“

 

Ein Hand legte sich auf Rufusʼ Schulter und er drehte sich stirnrunzelnd um. Er blickte überrascht in Clouds ernstes Gesicht und als er perplex seinen Blick schweifen ließ, erkannte er, dass sich im Laufe der Partie eine beachtliche moralische Unterstützung in seinem Rücken angesammelt hatte.

 

Sie alle waren da. Es war selbstredend, dass es sich bei den Gestalten nicht um die echten Menschen aus Fleisch und Blut handelte. Er hatte, wenn er ehrlich sein sollte, keinen blassen Schimmer, was sie waren. Doch er spürte Emotionen von ihnen ausgehen. Starke Emotionen. Jene Emotionen, die ihn während des Spiels immer und immer wieder aufgerichtet hatten.

 

Sie hatten ihm geholfen. Und er konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, dass er ihre Beweggründe verstand. Nur so viel stand fest: Sie hatten Sephiroths Kampfgeist gebrochen und Jenova vertrieben.

 

Er lächelte – ein ehrliches, glückliches Lächeln, welches er nicht gewusst hatte, zu beherrschen – und wandte sich Sephiroth kämpferisch zu: „Wie du siehst, können wir jederzeit wieder gegen dich antreten.“ Sephiroth kicherte hinterhältig: „Nimm das lieber zurück, ich könnte es als Einladung missverstehen.“ Er stand auf und wandte sich von seinem Gegner ab: „Weißt du, es waren nicht unbedingt die Meisterzüge, die ich von dir erwartet hätte.“ Rufusʼ Augenbraue zuckte gefährlich und er verschränkte verärgert die Arme vor der Brust: „Nun, hättest du eine größere Herausforderung geboten, hätte ich mich natürlich mehr angestrengt.“ Schwarzbekleidete Schultern bebten verdächtig und dann drehte Sephiroth leicht den Kopf in seine Richtung, ohne ihn direkt anzusehen: „Vielleicht werde ich es bereuen, dich gehen gelassen zu haben. Und dann werde ich doppelt so zornig zurückkehren.“ Der Präsident dachte kurz nach und erwiderte dann fest: „Du kannst so oft wiederkommen, wie du willst. Wir werden auf dich vorbereitet sein.“ Sephiroths Mundwinkel kräuselten sich in einem unergründlichen Schmunzeln.

 

„Schönes Spiel.“

 

„... Gleichfalls.“

 

Und damit löste sich der General in Nichts auf.

 

Ein von Herzen kommendes erleichtertes Seufzen entglitt Rufusʼ Kehle, als nichts mehr von der silberweißen Gefahr zu sehen war.

 

Dicht gefolgt von einem ebenso tief entwurzelten lauten Schrei, als Boden, Stühle, Tisch und Schachbrett ebenfalls verschwanden und er fiel! Im nächsten Moment jedoch streckte sich ihm eine Hand entgegen und er griff instinktiv danach. Seine Augen wurden groß, als er eine altbekannte Silhouette in einem Rahmen aus strahlendem Licht vor sich erscheinen sah und er brachte nur noch „Ah ... du ...“ heraus, ehe ihm eine gewaltige Kaskade kalten Wassers entgegen rauschte.

 

---

 

Cloud horchte auf, als sich Rufusʼ Finger, die sich um seine eigenen verkrampft hatten, langsam lösten, er mit einem Mal an Gewicht zu gewinnen schien und ein Stück tiefer in die Fluten sank. Sofort packte er ihn am Kragen und zog ihn halb aus dem kühlen Nass. Als Rufusʼ Kopf die Wasseroberfläche durchstieß und er prustend und desorientiert nach Halt suchte, ließ Cloud einen unbewusst angehaltenen Atem entweichen.

 

Er drehte sich um und rief ans Ufer, wo die Turks, Tifa und einige ihrer anderen Freunde gespannt warteten: „Sieht aus, als sei er zurück! Aber feiert nicht zu früh!“ Entgegen dieser Anweisung fielen Reno und Elena Rude jubelnd um den Hals, Cait Sith hüpfte aufgeregt auf Reeves Schulter herum und Tifa nickte Tseng aufmunternd zu, der sich selbst noch aus der Entfernung sichtbar entspannte.

 

Cloud schüttelte seufzend den Kopf und packte Rufus am Kinn, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Hey, Rufus! Hey“, er tätschelte ihm die Wange, als die eisblauen Pupillen in Panik wild umher huschten, „Sieh mich an! Kannst du mich hören? Sag mir deinen Namen. Weißt du, wo du bist?“ Rufus starrte ihn kurz durchdringend an und stammelte dann mit einem Ausdruck der Erleichterung: „Ae... Aerith ...“

 

Cloud schnaubte: „... Nah dran. Waren wohl zu viele Fragen auf einmal.“ Rufus entspannte sich und er stützte ihn nun nur noch mit einem lockeren Griff um die Schultern. Wieder hustete der Präsident und Cloud stellte zufrieden fest, dass keine Spuren schwarzer Rinnsale mehr folgten. „Ich hatte einen verrückten Traum“, röchelte Rufus unerwartet. Ein gutes Zeichen. Er schien tatsächlich wieder bei Sinnen zu sein. Cloud entschied sich dafür, seinen Nichtganzfeindnichtganzfreund zu unterhalten: „So? Was für einen?“

 

„Ich hab Schach gespielt ... Mit Sephiroth ...“

 

Clouds Augenbrauen wanderten zum Haaransatz: „Das ist allerdings verrückt. Als ob der sich auf ʼne Partie einlassen würde.“ Dies entlockte Rufus ein Kichern: „Wa... warum hast duʼs nicht mal ... ausprobiert ...?“ Cloud schnaubte belustigt und schreckte im selben Moment auf, denn Rufus entglitt ihm und rutschte kraftlos ins Wasser zurück: „Woah, bleib hier, Mann! Das hier ist kein lauschiges Bett, in diesen Federn kannst du nicht einfach bedenkenlos versinken!“ Er hievte sich einen Arm über die Schultern und zog ihn energisch mit sich Richtung Ufer.

 

Unterwegs seufzte Rufus, als ihn ein wichtiger Umstand endgültig auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Etwas, was er mit allen Mitteln hatte vermeiden wollen, war eingekehrt und nun machte er sich echte Sorgen, dass es ihren zukünftigen Umgang miteinander negativ beeinflusste. Es war keinesfalls produktiv, wenn es ihren zukünftigen Umgang miteinander negativ beeinflusste ...

 

„Es tut mir leid, dass du das Memorandum deiner Freundin mit meiner Anwesenheit beschmutzen musstest“, flüsterte er deshalb mit einem abwesenden, leicht trotzigen Blick. Cloud sah verblüfft auf ihn hinab, erkannte aber keinen Funken Heimtücke in seiner Stimme, sondern zum ersten Mal nur ehrliche, abgrundtief erschöpfte Resignation. Wenn es wirklich das war, was den Präsidenten von dem Besuch der Quelle abgehalten hatte, hatten sie vielleicht doch keinen so langen Weg mehr vor sich, wie er befürchtet hatte. „Keine Sorge“, erwiderte er bestimmt, „Dafür ist es da.“

 

Er zog ihn dichter an sich heran und stemmte sie beide in die Höhe, als der Wasserspiegel niedrig genug war, um zum Ufer zu waten.

 

Dort angekommen hob er Rufus mit relativer Leichtigkeit hoch und platzierte ihn vorsichtig in den bereitgestellten Rollstuhl: „... Er ist immer noch krank. Besser, er ruht sich noch für eine Weile aus.“ Reno klopfte ihm mit Krokodilstränen der Dankbarkeit auf die Schulter: „Sie sind ein Engel in Wei...olett, Dr. Strife! Ich und meine Brüder – und Schwester – wissen nicht, was wir ohne Sie getan hätten! Sie haben uns das Dach über dem Kopf gerettet!“ Er fiel dem Ex-SOLDAT an die Brust und heulte hemmungslos. Cloud stieß einen tiefen, langen, leidenden Seufzer aus und wandte sich an Tifa: „Das ist alles, was man erwarten kann, wenn man ihnen eine helfende Hand reicht. Sarkasmus und ruinierte Klamotten. Und das nur im besten Fall.“

 

Tseng warf seinem Schützling unterdessen eine Decke über: „Ich danke dir für die Unterstützung, Cloud. Es war mehr, als wir von dir hätten erwarten dürfen.“ Er wandte sich auch an Tifa, Reeve, Cait Sith, Yuffie und Vincent, die Cloud gefolgt waren, nachdem ihn die Aussicht auf einen neuen Ausbruch von Geostigma so dermaßen aufgewühlt hatte, dass er nicht einmal eine Rast eingelegt hatte, bevor er sich auf den Weg zur Lodge gemacht hatte. Sie dementierten mehr oder weniger energisch jede Beteiligung an Rufusʼ Genesung, doch man konnte ihnen eine gewisse Genugtuung, dass einer der mächtigsten Männer der Welt nun in der Schuld eines ihrer besten Freunde stand, deutlich ansehen.

 

Von ihnen unbemerkt hoben sich Rufusʼ Augenlider ein kleines Stück. Trotz seiner Benommenheit erschien bereits wieder eines seiner Markenzeichen, sein berüchtigtes überhebliches Grinsen, auf seinem Gesicht.

 

‚Ich schätze, die nächste Krise kann kommen. Wir werden sie erwarten.‘

 

Wir, dachte er mit Behagen. Es fühlte sich gut an. Und damit sank er in einen erholsamen, traumlosen Schlaf.

Feedback

Logge dich ein oder registriere dich um Storys kommentieren zu können!

Autor

LockXOns Profilbild LockXOn

Bewertung

Noch keine Bewertungen

Statistik

Sätze:1.402
Wörter:16.222
Zeichen:96.800

Kurzbeschreibung

Rufus droht bei einem mentalen Angriff durch Sephiroth den eigenen Körper zu verlieren. Doch der listige Präsident stünde nicht an der Spitze der Nahrungskette, ließe er sich so etwas anstandslos gefallen. Er wehrt sich mit einer altbewährten und immer wieder wirkungsvollen Methode – einem Spiel auf Leben und Tod.

Kategorisierung

Diese Fanfiction wurde mit Drama (Genre), Schmerz und Trost und Freundschaft getaggt.

Ähnliche Fanfictions