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Hosanna in excelsis

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19.3.2020 12:45
16 Ab 16 Jahren
Fertiggestellt

3 Charaktere

Vergil

Halb Mensch, halb Teufel. Orientierte sich eher an der dunklen Seite der Macht, bis ihn sein letzter fehlgeschlagener Versuch, die Menschheit zu unterjochen, Dante und Nero wieder nähergebracht hat. Bemüht sich seitdem nicht mehr ganz so vehement, dem Bruder den Schädel einzuschlagen.

Hosanna

Eine Messdienerin vom Orden des Schwertes. Sie ist von ihrem Leben angewidert und nutzt jede Gelegenheit, daraus auszubrechen.

Nero

Ein impulsiver, gerechtigkeitsliebender, aber auch vorschneller Teufelsjäger, der die mobile Zweigstelle des Devil May Cry leitet. Außerdem Vergils Sohn, aber wer will schon an einem Vater gemessen werden, der mehrmals versucht hat, die Welt zu zerstören?

Zum ersten Mal erblickte Hosanna Vergil auf dem Weg zum Krankendienst.

 

Allein seine Existenz in der Stadt beeindruckte sie, mieden Reisende das eher fremdenfeindliche Fortuna doch, solange es irgend möglich war, und stellten im Fall, dass es nicht umgangen werden konnte, einen Führer ein, der ihnen die größten Unannehmlichkeiten vom Halse halten konnte. Er jedoch schritt allein durch die Straßen, die Hauptstraße gar, mit erhobenem Haupte und nicht nur in einen in seiner schäbigen, braunen Dezenz verdächtig auffälligen Umhang, sondern vor allem in eine Aura der Verachtung gehüllt. Dass er auf jeglichen Schutz verzichtete, bewies ein Selbstvertrauen, das ihr mehr nicht imponieren konnte. Und es musste Selbstvertrauen sein, denn aus irgendeinem Grund fiel es ihr nicht ein, von Naivität oder gar Dummheit auszugehen.

 

Niemand wagte es, an ihn heranzutreten, schon gar nicht in seinen Weg, um ihm mit scharfen Worten zu verstehen zu geben, unerwünscht zu sein. Nicht einmal die Wachen, die sich vielmehr scheu in die Schatten der Seitengassen zurückzogen.

 

Eine Gruppe Messdienerinnen holte zu ihr auf. Es waren ihre Kameradinnen und sie ging, wie es ihr üblicherweise gefiel, in der Menge unter. Vergil schenkte den Frauen keinerlei Aufmerksamkeit, ebenso wenig wie allen anderen Lebewesen.

 

Seine kühle, abweisende Ausstrahlung hielt Hosanna gefangen, bis eine ungeduldige Gefährtin sie bei der Hand griff und mit sich zog.

 

Vergil befand sich nicht auf reiner Durchreise. Fürwahr, er musste im unglücksseligen Fortuna ein Schiff auftreiben, welches ihn an sein nächstes Ziel befördern würde, doch hatte er herausgefunden, dass die hiesige Kirche eine Blaue Kugel hütete, die er durchaus besser gebrauchen konnte als eine Horde weltfremder Heilsprediger. Keine Quelle der Macht ließ er unberührt und der Zufall wollte es wohl, dass sich auf dem Weg eine so günstige Gelegenheit auftat.

 

Gedankenverloren blickte er durch die tiefe Häuserschlucht geradeaus auf ein weit entferntes Prunkgebäude. Wenn diese Inselmolche so einfältig waren, wie er vermutete, befand sich der Schatz wohl genau im Herzen der Stadt.

 

---

 

Das zweite Mal trafen sie in der Bibliothek der Kathedrale aufeinander.

 

Es war schon spät. Hosanna hatte sich vor dem letzten Priester versteckt, wie sie es oft tat, wenn sie der Wissensdurst plagte. Waren die Türen erstmal von außen abgeschlossen, kam die Nacht über niemand mehr herein und sie konnte sich die Bücher zu Gemüte führen, ohne Unterbrechung zu fürchten.

 

Keine Stunde lang hatte sie sich in einen der dickeren Bände vertieft, als plötzlich lautstark eines der Buntglasfenster zerbarst und Vergil im nächsten Moment inmitten des Raums in einer eleganten Hocke landete. Ihre Blicke trafen sich fast umgehend.

 

Instinktiv wusste Hosanna, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte und sie war nahe daran, den Gott, dem sie diente, mit dem gerechten Zorn der Unschuldigen zu verfluchen. Doch dann zog Vergil sein Schwert, das Schwert, und der Anblick verschlug ihr die Sprache.

 

Yamato war so mächtig wie einzigartig und das Wissen, das sie sich heimlich und unerlaubterweise über die Jahre hinweg angeeignet hatte, rettete ihr das Leben.

 

Sie war so schnell auf den Beinen, dass selbst Vergil nicht rechtzeitig zuschlagen konnte, und die Schneide zerteilte die Bank, auf der sie gesessen und gelesen hatte. Eine Säule, hinter die sie sich stürzte, trennte die beiden nun, doch sie ahnte, dass das als Sicherheit nicht reichte.

 

„Ich verrate dich nicht, wenn du mich nicht verrätst!“

 

Der Ausruf kam gerade rechtzeitig, ehe eine Hand um die Barriere herumfuhr und sich so fest um ihren Hals schloss, dass es ihr die Luft abschnürte. Vergil zerrte sie hervor, warf sie zu Boden und holte wieder aus. In einem lächerlichen Versuch, die Klinge abzuwehren, reckte sie beide Arme empor, kniff die Augen zusammen und rief erneut.

 

„Ich kann dir Zugang zur Kathedrale verschaffen!“

 

Und der blitzende Stahl verharrte dicht vor ihren Handflächen.

 

Einige Sekunden war es still, dann schnaubte Vergil abfällig. „Du bist schnell bereit, dich zu versündigen, wenn es dir ans Leder geht, Priesterin. Warum, glaubst du, sollte mich die Kathedrale interessieren?“ Hosanna riskierte einen zurückhaltenden Blick, blinzelte, als sie feststellte, noch alle Gliedmaßen zu besitzen und ließ die Hände ein Stück sinken, wagte es jedoch nicht, sich weiter zu bewegen. „Weswegen sollte jemand wie du sonst hier eindringen? Diese Bücher sind wertvoll, aber es gibt wertvollere Beute ganz in Reichweite“, argumentierte sie heiser, „Ich habe Schlüssel, Herr, und ich kenne geheime Zugänge. Es werden sich dir keine Wachen entgegenstellen! Und“, fügte sie finster hinzu, „ich bin keine Priesterin. In unserem Glauben haben führende Frauen keinen Platz.“

 

Sein Kopf legte sich auf diese Information hin leicht schief, doch blieb er stumm. Sie war also so unerlaubt hier wie er selbst, wenn die Nutzung der Bibliothek nur Männern vorbehalten war. Es wunderte ihn nicht, rückständig wie die ganze Insel war, hielten die Bewohner zweifelsohne auch an der veralteten Tradition fest, Frauen schön, aber nicht zu klug heranzuziehen.

 

Vergil begann, sie wie ein Raubtier langsam zu umkreisen: „Ich fürchte eure lächerlichen Ritter nicht. Es sind keine Gegner für mich.“ „Das mag schon sein“, erwiderte sie mit einem raschen Blick auf sein Schwert und er staunte über ihre offensichtliche Auffassungsgabe, „aber in Massen können sie zu einer wahren Plage werden. Wozu kämpfen und die Haut riskieren, wenn dir das, nach dem es dir verlangt, widerstandslos in den Schoß fallen könnte?“

 

Vergil wollte entgegnen, dass er mitnichten seine Haut riskierte, doch er sparte sich den Hinweis. Viel hatte er erwartet, in erster Linie heftige Kämpfe – auf Seiten der Kirche heftige Kämpfe – oder zumindest nicht enden wollende Verwünschungen aus den Mündern sterbender Priester, nicht aber eine Messdienerin mit nichts zu verlieren. Sie interessierte ihn nicht, doch solange sie sich ihm nicht in den Weg stellte, gab es keinen Grund, ihr den Gefallen zu tun, sie von ihrem Leid zu erlösen. Vergil schnaubte noch einmal, hob die freie Hand und schob sich die Kapuze vom Kopf.

 

Hosanna stockte der Atem. Sie hatte mit einem Untier der Hölle gerechnet, abscheulich in Körper und Geist, nicht mit einem attraktiven jungen Mann, wenn auch mit ungewöhnlich schlohweißer Haarpracht.

 

Dieser Plan, so spontan und riskant er auch anmutete – er konnte gelingen.

 

Noch einmal studierte er sie eindringlich, ehe er eine spöttische, ausladende Geste machte: „Weise den Weg. Und denk nicht einmal daran, mich zu hintergehen. Es würde dir schlecht bekommen.“ Sie entließ den angehaltenen Atem in einem leisen Schluchzen und richtete sich zögerlich auf, um ihm keinen Grund zu geben, von einem Angriff auszugehen. Einen, zwei Schritte machte sie auf ihn zu, den dritten und vierten an ihm vorbei, ohne dass er hinterrücks zuschlug, und ihre Zuversicht wuchs. „Willst du gar nicht erfahren, was die Gegenleistung ist?“, fragte sie leise und er hob fasziniert eine Augenbraue.

 

„Dein Leben ist dir nicht Gegenleistung genug?“

 

Das entlockte ihr ein bitteres Lachen, welches er mit einem indignierten Blick ahndete.

 

„Mein Leben ist keinen Pfifferling wert.“

 

„... Was verlangst du also?“

 

Sie wollte ob dieses kleinen Sieges jubeln, beherrschte sich jedoch krampfhaft und wandte sich zu ihm um, um ihm fest und entschlossen in die Augen zu sehen. Ob er sie nun tötete, war gleichgültig – sie hatte sich zumindest die Chance erkämpft, den Wunsch zu äußern.

 

„Schenk mir ein Kind.“

 

Nun wäre beinahe er es gewesen, der lauthals auflachte. „Oh, natürlich“, schoss es ihm durch den Kopf, „Was soll es denn werden? Mädchen oder Junge? Oder darf es auch ein bisschen mehr sein? Dann könnte ich dir beides anbieten!“ Selbstverständlich sprach er es nicht aus, schluckte es vielmehr energisch herunter, erinnerte ihn die flapsige Reaktion doch zu sehr an Dante – und es war unverzeihlich, in Verhaltensmuster seines erbärmlichen Bruders zu verfallen.

 

Stattdessen ließ er sich keine Überraschung anmerken, fragte nur ausdruckslos: „Was genau versprichst du dir davon? Mit einer solchen Trivialität wirst du mich nicht binden können.“ „Du bist ein Abkömmling, nicht wahr?“, hielt Hosanna dagegen und mit dem minimalen Verlagern seines Kopfs bestätigte er Interesse, „Vielleicht ein Sohn? Ein Sohn unseres großen Sparda?“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie wies ihn an, ihr zu folgen, was er ohne zu zögern tat. „Was veranlasst dich zu dieser Annahme?“, fragte er neugierig weiter.

 

„Das Schwert. Es ist das Schwert der Schriften. Nun, zumindest eines davon.“

 

Eine niedere Dienerin kannte Teufelswaffen. Vergil empfand diese Offenbarung als amüsant und kam nicht umhin, es ihr zu sagen. „Mein Rang mag niedrig sein, mein Intellekt ist es nicht“, erwiderte sie kalt und er bezweifelte es nicht, „Es gibt Mittel und Wege, an Wissen zu gelangen, und ich kenne sie alle.“ Mit einer abweisenden Geste wirbelte sie zu ihm herum, jede Vorsicht in der aufwallenden Empörung vergessend: „Darum! Es geht nicht um dich, Apostel! Ein Abkömmling Spardas macht mich zur Heiligen! Sie werden ihn anbeten und mich dazu! Ich kann es endlich hinter mir lassen, dieses armselige Leben, und werde unendlichen Prunk und Einfluss genießen!“

 

„... Andere Frauen hätten mich gebeten, sie von hier wegzubringen, hinaus in eine liberalere Gesellschaft.“

 

Sie schnaubte verächtlich.

 

„Was erwartet mich draußen? Ebenfalls nur eine Welt voll Mühsal und Wettbewerb. Aber hier? Ein Kind von Sparda macht mich einzigartig. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es noch einmal eine Mutter Gottes nach Fortuna schafft? Das Kind wird es sein, das sie anbeten, aber ich werde meinen guten Teil davon abbekommen. Und in unserer Gesellschaft reicht das, um zu leben wie die Made im Speck.“

 

Ihre Augen musterten ihn wachsam, ohne auch nur einen Sekundenbruchteil von seinem stechenden Blick abzuweichen. Es tanzte so viel Irrsinn darin, dass selbst ihm ein Schauer über den Rücken lief. Doch in den Worten erkannte er etwas, was ihn beeindruckte, war es doch auch ein beachtlicher Teil all seines Denkens und Handelns.

 

Ehrgeiz.

 

Diese Frau war bereit, alles zu opfern für mehr Macht, eine Bereitschaft, die er nur zu gut nachvollziehen konnte.

 

Er war dazu bereit, ihr den Gefallen zu tun, nur ein Problem tat sich mit diesem Entschluss auf.

 

„... Ich weiß nicht, was ich tun soll.“

 

Hosannas Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln, aber es war weniger Spott als Überraschung, weswegen er darauf verzichtete, ihr als Zeichen des Missfallens das immer noch gezogene Schwert in den Unterleib zu stoßen. Anstatt dessen schob er es zurück in die Scheide. Ihm drohte von dieser Verrückten keine Gefahr – aber beinahe empfand er Mitleid mit Fortunas Einwohnern. „Ein jungfräulicher Teufel“, kicherte sie, „Es geschehen sehr wohl Zeichen und Wunder.“ Gelungener Beischlaf gehörte nicht zu seinen selbsternannten Stationen zur Unbesiegbarkeit, und so verletzte ihn ihre Schadenfreude wenig.

 

„Wie du siehst, könnte es schwierig werden, meinen Teil der Bedingung einzuhalten.“

 

„Keine Sorge. Überlass alles mir. Ich habe Bücher gelesen – es ist mehr eine Folge gezielter Reibung als alles andere.“

 

„Tatsächlich.“

 

Er musterte sie wie ein faszinierendes exotisches Tier.

 

„... Eine Nacht ist alles, was du bekommst.“

 

„Eine Nacht ist alles, was ich benötige. Schließlich heißt es doch, Teufel seien sehr potent.“

 

Vergil sollte erkennen, dass ihre Entschlossenheit ihre sexuelle Erfahrung bei weitem überwog. Doch sie verhalf ihm zu der Kugel und das war alles, was zählte.

 

Als jeder hatte, was er wollte, gingen sie getrennter Wege und sahen nicht zurück.

 

---

 

Wie so viele andere war Hosannas Familie arm. Ihr Vater war ein kläglicher Duckmäuser, der die Befehle der Autorität über das Wohl seiner Liebsten stellte, ganz so wie ihre Mutter nicht bösartig, aber schwach in Gestalt und Verstand. Sie war die Einzige, die auch nur davon zu träumen wagte, jemals in der Hierarchie der Herrschaft aufzusteigen und sie war die Einzige, die jemals etwas für diesen Schritt getan hatte. Und etwas zu tun für jede mögliche Stufe war sie mehr als bereit, nicht zimperlich in der Wahl der Mittel. Die heimliche Nutzung der Bibliothek verhalf ihr zur Einsicht in Dinge, die normalerweise nur wesentlich höhergestellten Elementen zugänglich waren.

 

Sie wusste, dass Teufel existierten.

 

Sie wusste, dass Sparda einer war.

 

Oh, wie sehr es sie belustigte, dass alle ach so frommen Gläubigen einen Gott anbeteten, dessen Wurzeln dem Inferno entstammten.

 

Sie wusste auch, dass seine Nachkommen die Welt bewohnten, getarnt unter gewöhnlichen Menschen, und kannte sein Vermächtnis, die drei Teufelsschwerter Sparda, Rebellion und Yamato.

 

Sie war belesen und klug genug, um die Texte zu begreifen.

 

Was sie aber nicht wusste, war, was der Kirchenvorstand mit dem Kult um den menschenliebenden Dämon wirklich beabsichtigte. Und manchmal waren Halbwahrheiten gefährlicher als die schlimmste Lüge.

 

Zu ihrem Glück sollte Hosanna die Auswirkungen ihres Handelns nie erleben.

 

Es dauerte lange, bis sie die Ergebnisse ihrer Anstrengungen nicht mehr durch Fasten und Korsetts verheimlichen konnte und sie wollte es auch nicht mehr, war sie doch zu stolz darauf. Sie hatte nichts von Vergil verlangt, weil es gleichgültig war. Ein Junge war definitiv wünschenswert, doch auch ein Mädchen würde dem Zwecke dienlich sein – entscheidend war nur das Blut des „Erlösers“.

 

Ihr Vater war weniger begeistert.

 

„Mein Gott, Hosanna, was hast du getan?!“, rief er an dem Abend im Schutz ihrer kleinen Wohnung, an dem die Eltern sie zur Rede gestellt hatten und sie ihnen den nötigsten Umstand gestanden hatte – dass sie schwanger war und alles geben würde, das Kind zur Welt zu bringen. Ihre Mutter war hin und her gerissen zwischen Schock und froher Erwartung. Sie war leichter zu manipulieren, doch auch er war kein großes Hindernis. „Vertrau mir, Vater“, beschwichtigte Hosanna ihn mit ihrem typisch bestimmten Tonfall, dem er stets Folge leistete, um nicht selbst unliebsame Entscheidungen fällen zu müssen, „Ein absolut notwendiger Schritt.“

 

„Eine befleckte Messdienerin ist ein notwendiger Schritt?! Noch dazu unverheiratet, der Nötiger unbekannt! Hast du wirklich nichts gesehen? Wenn wir nur jemanden zur Rechenschaft ziehen könnten! So werden sie uns die Schuld geben, wir werden das letzte bisschen Einkommen einbüßen!“

 

„Ich sagte doch, vertrau mir. Schon bald wird es uns gut gehen, besser als du dir jemals vorstellen könntest.“

 

„Bist du sicher? Weißt du mehr, als du verraten willst? Kennst du den Vater?!“

 

Sie schwieg sich aus. Und er ließ sie. Sie hatte nichts anderes erwartet von diesem durchsetzungsmüden Menschen, ebenso wenig von der Mutter, liebevoll aber devot wie sie war. Und sie wollte und konnte die Eltern nicht in den Plan einweihen, das Risiko eines Ausplauderns war zu groß. Sie musste Vergil für sich behalten, bis das Kind in trockenen Tüchern lag. Denn Neider würden ihr auf den Leib rücken und sie aus dem Weg räumen wollen – sollte sie das Kind hingegen durch eine Laune der Natur verlieren, bestand die Gefahr, dass sie als Ketzerin hingerichtet würde.

 

Sie musste schweigen und durchhalten. Später würde ein Ritual beweisen, dass es sich bei dem Spross tatsächlich um Spardas Fleisch und Blut handelte, und genoss sie erst den Schutz der Obrigkeit, konnte ihr so gut wie niemand mehr etwas anhaben.

 

So besessen von dem Gedanken war Hosanna, dass sie kaum bemerkte, wie sich noch etwas anderes in ihr Bewusstsein schlich. Etwas, was sie weder vermutet noch erwartet hatte.

 

Immer öfter ertappte sie sich dabei, wie sie, ihrer Mutter gleich, manchmal sanft über den wachsenden Bauch streichelte und Freude verspürte. Nicht Vorfreude auf die lockende Leichtigkeit des Seins, sondern eine, die sie nicht genau festmachen konnte, weil sie ihre ganze Seele überflutete, jedoch so schnell sie gekommen war auch wieder verschwand. Es gehörte kein klarer Gedanke dazu, und so begriff sie lange nicht, worum es sich handelte.

 

Als sie verstand, lachte sie für Stunden.

 

Trotz Ungläubigkeit widersetzte sie sich den Gefühlen nicht. Wozu auch, es änderte nichts an ihren Zielen, sorgte vielmehr dafür, dass sie die Herrschaft ihres Kindes noch mehr genießen würde. Aus diesem Grund versagte sie es sich auch nicht, oft und gern mit dem Ungeborenen zu sprechen.

 

Eines Abends, es war schon weit in die Schwangerschaft hinein, saß sie allein am Ofen in einem Lehnstuhl und strich behäbige Kreise über den straffen Bauch. Schon eine ganze Weile musste sie sich auf den Ernstfall einstellen, nur noch wenige Wochen, wenn überhaupt, trennten sie nun vom frohen Ereignis. Wo sie zu Beginn keinen Gedanken an den Kindsvater verschwendet hatte, wanderten sie nun öfter zurück an das Aufeinandertreffen, so kurz und geschäftlich es auch gewesen sein mochte. Konnte man ihr einen Vorwurf machen? Er war ein sehr gutaussehender, unter den Umständen recht höflicher Mann gewesen, gefährlich, aber nicht uneinsichtig.

 

Illusionen machte sie sich nicht. Selbst unter anderen Umständen hätte sie niemals ein so großes Interesse geweckt, dass er bei ihr geblieben wäre. Außerdem brauchte sie ihn nicht. Doch eine solche Trophäe bedeutete einen großen Triumph. Frauen, die außer Schönheit nichts zu bieten hatten, brauchten schöne, starke Männer, um sich wichtig tun zu können. Vergil wäre ein erstklassiger Grund zum Prahlen gewesen.

 

Hosanna kicherte in sich hinein. Nur nicht gierig werden. Das Kind war genug, um bis zu ihrem Tod versorgt zu sein. Die Anerkennung ihrer absichtlich ignorant gehaltenen Mitbürgerinnen war ein Luxus, den sie nicht benötigte.

 

„In jener Nacht hat er hin und wieder versucht, mich zurückzuhalten“, erzählte sie stattdessen dem Wesen, das gerade unzufrieden gegen ihre Bauchdecke trat, „Sanft zu sein, verstehst du? ... Ich schätze, da war mehr an ihm als Gefühlskälte und Machthunger. Ein jungfräulicher Teufel“, sie lachte kurz ob der Erinnerung an seinen etwas säuerlichen Ausdruck, „Wo es doch heißt, Kreaturen der Hölle streben nur nach Lustbefriedigung und Gewalt.“ Sie stockte, als sich der Vergleich auf ihr eigenes Verhalten ausdehnte. „Und ich“, sie überlegte und schnaubte dann amüsiert, „Wer hätte das gedacht? Du bist ja nur mein Sprungbrett in ein besseres Leben. Du solltest mehr nicht sein und doch ... Da sind viele Farben an deinen Eltern, mein Kind, viele Farben, die niemand erkennt, nicht einmal sie selbst. Möglicherweise gar das ganze Spektrum, und sie alle fließen in dich hinein.“

 

Eine Weile schaute sie geistesabwesend in die Flammen, ließ sich von dem Lichtspiel ablenken von der noch tristen Realität, bis die eigenen Worte ins Unterbewusstsein vorgedrungen waren und die Bedeutung sich zu einem Entschluss verknüpften.

 

„Nero! Das soll dein Name werden! Denn alle Farben gemischt ergeben?“

 

Sie klopfte sich verspielt auf den Bauch, als erwartete sie eine Antwort.

 

„Schwarz! Goldrichtig, kleines Ding. Und vielleicht ...“

 

Mit einem schweren Seufzen ergab sie sich der Wärme und der Müdigkeit und sank in einen leichten Schlummer.

 

‚Vielleicht wirst du mehr davon verwenden als wir.‘

 

---

 

Schon bald nach der Entdeckung ihres unziemlichen „Fehltritts“ war Hosanna von jedweden Gottesdiensten ausgeschlossen worden. Und jetzt war sie froh darüber, setzten die Wehen doch genau zu jener Stunde ein, in der sie auf einer der engen Kirchenbänke gehockt und den ewig gleichen Beteuerungen Seiner Heiligkeit gelauscht hätte. Ein wenig war sie enttäuscht darüber, die Geburt nicht im Beisein der Stadtbevölkerung durchführen zu können, denn was für ein gebührender Moment wäre es gewesen, der Niederkunft eines Gottes in seiner eigenen Gebetsstätte beizuwohnen.

 

Sie verwarf den Gedanken, während sie so schwerfällig und hilflos im Bett lag, der Schmerz zunahm und es ihr zunehmend schwerfiel, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Je weniger Zeugen ihr Stöhnen hörten, desto mehr ihrer Würde blieb erhalten.

 

Zusammen mit dem Vater, der Hilfe holen sollte, hatte sie auch einen Boten zu Sanctus geschickt. Schon bald, ermunterte sie sich selbst die Unannehmlichkeiten hindurch, schon bald würden sie alle erkennen, was für einen Messias sie ihr verdankten.

 

Der Vater kehrte bald mit der Hebamme zurück, die umgehend alle Geschäfte in die Hand nahm und Eltern und Helfer mit verschiedenen Aufgaben durchs Haus jagte.

 

Irgendwann, sie hatte das Zeitgefühl verloren, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Die Umgebung nahm sie nur noch durch einen Schleier wahr, das hektische Gewirr und die Rufe der Hebamme erklang gedämpft, die Wehen, welche in unregelmäßigen Abständen ihren Körper verkrampften, waren selbst für sie kaum auszuhalten. Trotzdem erschien es ihr nicht, als ob es voranging. Es mochten Stunden sein, die sie nun schon lag und litt, sicherlich mussten diese Anstrengungen inzwischen zu etwas geführt haben? Doch ihre Mutter, die ihre Hand hielt und murmelnd an der Seite vor sich hin jammerte, ließ nichts dergleichen verlautbaren, keine Ermunterung, kein Trost kam über die bebenden Lippen, sie starrte nur auf den geschwollenen Unterleib und ruckte leicht vor und zurück. Die Hebamme redete nicht mit ihr, zumindest kam es ihr nicht so vor, die konzentrierte sich ganz auf das Geschehen zwischen den zuckenden Schenkeln. Die gerunzelte Stirn erfüllte Hosanna nicht mit Zuversicht, doch es würde ihr schon jemand sagen, wenn etwas nicht in Ordnung war.

 

Im nächsten Moment fühlte sie sich entzwei gerissen.

 

Ihre Augen rollten unter ihre Oberlider, ihr gesamter Körper bog sich, sie drückte den Hinterkopf ins Kissen und schrie. Zumindest wollte sie das, doch es ertönte kein Laut. Nur ein langgezogenes Keuchen entsprang ihrer Kehle. Dafür kreischte die Mutter Zeter und Mordio, weil sie deren Finger so fest umklammert hatte, dass Knochen knackten.

 

Nein, etwas war ganz und gar nicht in Ordnung.

 

Immer und immer wieder zogen sich Klingen durch ihre Eingeweide, Hitzewellen und Schüttelfrost wechselten sich ab, sie hatte nicht mitbekommen, wann zwei Männer die Mutter ersetzt hatten und ihre Arme fest in die Laken drückten. Sie hörte kaum noch etwas über das Rauschen des Blutes in ihren Ohren hinweg, doch konnte sie schwören, dass die Hebamme wie im Mantra ihren Gott anrief und sich offenbar nicht entscheiden konnte, aschfahl oder grün im Gesicht zu werden.

 

Der Schmerz dauerte an, nur die Energie, mit der Hosanna ihm begegnete, nahm mehr und mehr ab, bis sie kaum noch die Kraft hatte, sich vor der nächsten Wehe zu fürchten.

 

Und dann war es vorbei. Mit einem letzten Ruck schwand der Druck von ihren Lenden. Sie verstand kaum, was vor sich ging, und doch hörte sie den spitzen Schrei, ein dumpfes Poltern und anschließend ...

 

Durchdringendes Weinen.

 

Es war da. Und es lebte. Die Erleichterung, die sie verspürte, verdrängte für einen kurzen, erbarmungswürdigen Moment die Leiden ihres malträtierten Körpers und sie schluchzte ebenfalls auf, was jedoch im allgemeinen Lärm unterging. Warum riefen alle so ärgerlich durcheinander?

 

Von Grauen erfüllt starrten alle Anwesenden auf das Wesen, das unter so großen Schwierigkeiten Hosannas Leib entkrochen war. Die Mutter brach gleich nochmal in hysterische Tränen aus, die gebrochene Hand vergessend angesichts des viel größeren Schreckens. Die Helfer türmten, laut ausrufend, dass das Haus verflucht sei. Der Vater wurde erst leichenblass, dann lief er vor Zorn hochrot an und stürzte sich auf die wehrlose Tochter, die nicht begriff, wie ihr geschah.

 

„Was hast du getan?! Mit welchen Dämonen hast du kopuliert, Hure?! Das ist es, was uns Glückseligkeit schenken soll?! Dieses Monster?!“

 

Er erhielt keine Antwort. Entgegen ihres Charakters rappelte sich seine Gattin auf, fiel ihm in den Arm und riss ihn unter Wehklagen vom Bett herunter, schimpfte und prügelte auf ihn ein, halb aus Sorge um die Tochter, halb aus Gram über seinen miserablen Charakter, dem sie in diesem Augenblick alle Schuld zuwies.

 

Hosanna kümmerte sich nicht um den Krawall. Sie blieb die Antworten schuldig – nicht dass sie noch viele kohärente Gedanken fassen konnte. Ihre fiebrige Aufmerksamkeit folgte nun einzig dem Geplärr des Kindes, ihres Kindes, und mühsam schob sie eine Hand, den Arm, den gesamten Oberkörper Richtung Bettkante, ohne einen Blick erhaschen, geschweige denn es berühren zu können. Nero, kam es ihr schwach über die Lippen, Nero. Ein verzweifeltes Flüstern, welcher im Lärm des Kindes- und Erwachsenengebrülls unterging. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als es betrachten zu können, es zu halten, zu trösten, zu-

 

Die Hebamme drückte sanft die weit aufgerissenen, starren Augen der Toten herunter.

 

Massiver Blutverlust. Eigentlich hätte es nicht zu schwerwiegenden Komplikationen kommen sollen, aber es war diese Abscheulichkeit, diese scharfkantige, monströse Extremität, die auf dem Weg nach draußen Gewebe zerstört und Elend hinterlassen hatte. In einer Mischung aus Furcht und Ekel hatte sie den Säugling fallengelassen, kaum dass sie ihn gänzlich ans Licht des Tages gezogen hatte. Doch nun überwog Mitleid den Schock und sie hob ihn vorsichtig vom Boden auf, säuberte ihn mit geübten Handgriffen, um ihn in das bereitgelegte Tuch zu wickeln. Zumindest schrie er laut genug, um die Atemwege freizubekommen. Ein Schaudern durchfuhr sie beim Anblick seines Arms.

 

Er würde leben. Was für ein Leben es werden mochte, wusste nur Sparda.

 

„Was erwartet mich in diesem Haus so Wundersames, dass man mich praktisch von der Kanzel entführt?“

 

Sanctus betrat das Zimmer, flankiert von zwei Rittern, und sah sich hoheitsvoll um. Um ihn herum verstummten die Stimmen und Eltern wie Hebamme gingen eilig in die Knie, um seine Anwesenheit zu würdigen. „Herr“, begann der Vater sofort panisch, „meine Tochter hat entbunden, aber wir konnten nicht ahnen ... Sie hat mir versichert, dass ... Oh Herr, vergib uns unsere Sünden! Wir wussten von nichts!“ Der Abt runzelte verständnislos die Stirn, sein Blick schweifte von dem lamentierenden Mann ab und suchte die Quelle dieses Frusts. Er fand sie in den Armen der Hebamme und beide Brauen hoben sich in morbidem Interesse. „Meine Güte“, entfuhr es ihm erstaunt, „was haben wir denn da?“ Mit einem Handzeichen gebot er ihr, ihm das nun stille Kind deutlicher zu zeigen. Fasziniert nahm er es ihr ab und betrachtete eingehend den Arm: „Ein Spross des Teufels, keine Frage.“ Immer noch ruhig in Wort und Tat wandte er sich an den zitternden Vater: „Wer und wo ist der Erzeuger? Gebt ihr ihm hier Obdach?“ „Nein“, ertönte es entsetzt, „Wir kennen ihn nicht, sie hat uns nie gesagt, wer es ist!“

 

„Hm.“

 

Sanctus überlegte und schaukelte das Kind ein wenig hin und her. Währenddessen erkannte die Mutter endlich, dass ihre Tochter über den Verlauf des Streits verstorben war, warf sich über den Leichnam und klagte bitterlich. Der Vater hingegen wagte es nicht, sich zu rühren.

 

Der Abt traf eine Entscheidung und gab das Kind weiter an einen der Ritter. Dieser fragte emotionslos: „Sollen wir es entsorgen?“ „Nein nein“, erwiderte Sanctus lächelnd, „vielleicht kann es uns bei unseren Studien nützlich sein.“ Er sah den Vater an: „Hat es bereits einen Namen?“

 

„Nein, Herr.“

 

„Sie hat bestimmt, es Nero zu nennen“, kam es schluchzend vom Bett. Sanctus legte eine Hand ans Kinn: „Nero. So schwarz wie der tiefste Abgrund, fatal für jeden, der ihm zu nahe kommt. Ja, ein geeigneter Name.“ Und an den Ritter gewandt raunte er: „Laudatio soll sich seiner annehmen.“ Der Mann zögerte: „Eure Heiligkeit, Laudatio hat zwei Kinder im Haus ...“

 

„Umso besser. Lasst uns beobachten, wie es sich im familiären Umfeld entwickelt.“

 

Als sie ohne weiteres Wort das Zimmer verließen und die Klagelaute mit dem Schließen der Tür gedämpft wurden, ordnete er noch an, die Tote zu verbrennen und die Asche im Meer auszustreuen. Einer Ketzerin durfte man nicht erlauben, auf dem Friedhof bestattet zu werden, sollten schlechte Beispiele vermieden werden.

 

Vielleicht waren es nur die Umstände der schweren Geburt, die verhinderten, dass Hosanna die Herkunft ihres Sprösslings nicht mehr verkünden konnte, vielleicht der letzte reine Beschützerinstinkt einer mütterlichen Seele, die ahnte, dass das Paradies, was sie sich davon versprach, nur ein Trugbild war. Was es auch gewesen sein mochte, es verwehrte dem wahnsinnigen Kirchenvorstand Fortunas, Spardas Blut früher mit dem Erlöser zu verbinden, und vergönnte einem wehrlosen Kind die Zeit, zu einem außerordentlich wehrhaften Mann heranzuwachsen.

 

So war eines nicht von der Hand zu weisen.

 

Nero besaß von Geburt an das Glück des Teufels.

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